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Full text of "Deutsches Biographisches Jahrbuch Bd02 1917-20"

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DEUTSCHES 

BIOGRAPHISCHES 

JAHRBUCH 

HERAUSGEGEBEN  VOM 
VERBANDE  DER  DEUTSCHEN  AKADEMIEN 

QBERLEITUNGSBANDII:  1917-1920 


1928 

DEUTSCHE  VERLAGS-ANSTALT  STUTTGART 

BERLIN  UND  LEIPZIG 


PJi*>t<>iir^phisclii.j  Originalaufnahme  NicttL.i  P^iiL-hcid.   Berlin 

Max  K  linger 


REDAKTIONSAUSSCHUSS: 

KARL  BR  AND  I  Gottinger  Gesellsdiaft  der  Wissensdiaften 

WALTHER  VON  DyCK,  MunAener  Akademie 

PAUL  ERNST,  Heidelberger  Akademic 

FRITZ  FOERSTER,  Leipziger  Akademic 

ERNST  HEyMANN,  Berliner  Akademie 

ERICH  MARCKS,  Mundiener  Historisrfie  Kommission 

JULIUS  PETERSEN,  Berliner  Akademie 
RICHARD  VON  WETTSTEIN,  Wiener  Akademie 

HERAUSGEBER: 
Dr.  phii.  HERMANN  CHRISTERN  in  Berlin 

BEARBEITER  DER  TOTENLISTE: 
Dr.  phil.  JOHANNES  HOHLFELD  in  Leipzig 

GESCHAFTSSTELLE: 

Berlin  N\V  7,  Unter  den  Linden  38 
<PreufiisAe  Akademie  der  Wissensdiaften) 

VORBEMERKUNG: 

Einige  in  Aussidit  genommene  Biographien  hat  der  Herausgeber 

fur  diesen  Band  nicfat  erhalten  konnen,  die  Lucken  solien  nadi 

Moglidikeit  spater  ausgefullt  werden,-  eine  Biographie  Friedridi 

Naumanns  wird  im  nadisten  Bande  (Jahrgang  1922)  folgen. 


Alle  Rcchte  vorbehalten 

Druck  der  Deutschen  VerlagS'Anstalt  in  Stuttgart 

Papier  von  d.cr  Papierfabrik  Salach  in  Salach,  Wurttemberg 


INHALT 

Biographien :  IQ17 3 

1918 207 

1919 350 

1920 490 

Totenlisten:  1917 645 

1918 679 

1919 711 

x920 739 

Namenverzeidinis 767 

Autorenverzeichnis 769 


BIOGRAPHIEN 

1917    /    1918    /    1919    /   1920 


1917 

Baare,  Fritz,  Geheimer  Kommerzienrat  und  Dr.-Ing.  e.  h.,  *  9.  Mai  1855  in 
Bochum,  1 10.  April  1917  in  Oeynhausen.  —  Fritz  B.  wurde  als  drittaltester  Sohn 
des  Geheimen  Kommerzienrats  Louis  B.  zu  Bochum  geboren.  Schon  in  f riiher 
Jugend  zeigte  er  eine  ausgesprochene  Neigung  zum  Ingenieurberuf .  Noch  heute 
wird  eine  von  ihm  in  seiner  Jugend  hergestellte  und  gut  arbeitende  Dampf- 
maschine  aufbewahrt ;  seiner  Mutter  hat  er  als  Gymnasiast  eine  Nahmaschine 
fur  mechanischen  Antrieb  eingerichtet.  Er  besuchte  zunachst  das  Gymnasium 
zu  Bochum  und  wahrend  der  letzten  Jahre  bis  zur  Erlangung  des  Reifezeug- 
nisses  das  Gymnasium  in  Arnsberg.  Schon  als  Schiiler  hielt  er  sich  in  der  GuB- 
stahlfabrik  auf  und  kannte  viele  altere  Arbeiter,  namentlich  Facharbeiter, 
personlich.  Er  studierte  dann  auf  dem  Polytechnikum  in  Berlin  und  Karlsruhe. 
In  Berlin  wohnte  er  bei  einem  Schuhmachermeister,  dem  er  manchen  Hand- 
griff  in  der  Werkstatt  absah.  Sehr  erstaunt  war  Geheimrat  Louis  B.,  als  er 
eines  Tages  in  Marienbad  ein  Paket  von  seinem  Sohn  Fritz  erhielt,  in  dem 
dieser  ihm  ein  Paar  selbstgefertigter  Schuhe  iibersandte.  Sie  waren  zwar  nicht 
von  hochster  Eleganz,  aber  doch  recht  bequem  und  veranlaBten  den  gleichf  alls 
in  Marienbad  anwesenden  Dichter  Emil  Rittershaus  zu  poetischer  Wurdigung 
der  schusterlichen  Tat.  Nach  Beendigung  des  Studiums  ging  B.  fur  zwei  Jahre 
nach  England  zur  Firma  Tannet  Walker  &  Co.  in  Leeds.  Seiner  Dienstpflicht 
geniigte  er  bei  den  1.  Gardedragonern  in  Berlin.  Gern  hatte  er  damals  den 
Beruf  des  aktiven  Offiziers  gewahlt,  verzichtete  aber,  dem  Wunsche  seines 
Vaters  folgend,  hierauf.  Seither  gruppierte  sich  die  Arbeit  und  die  Erholung 
seines  Lebens  um  zwei  Zentren :  um  den  Beruf  zum  Ingenieur  und  um  die  Liebe 
zum  reiterlichen  Soldatentum. 

Fritz  B.sLebensweg  erscheint  dem  ihn  nach  seiner  Vollendung  tfberschauen- 
den  als  ungewohnlich  glatt  verlaufend.  Gliicklich  verheiratet  seit  1882  mit 
Hedwig  Heintzmann,  der  Tochter  des  Bergrats  Heintzmann  in  Bochum,  tatig 
auf  einem  ihm  zusagenden  und  auch  dem  Umfange  nach  seiner  groBen  Be- 
gabung  entsprechenden  Arbeitsgebiet,  lebend  in  einer  Zeit,  in  welcher  die 
deutsche  Wirtschaft  nach  dem  tiefen  Niedergang  Ende  der  siebziger  Jahre 
allmahlich  wieder  zu  erstarken  begann,  unbeschwert  von  den  driickenden 
Sorgen,  die  sein  Vater  nach  der  Griindung  des  Werkes  und  spater  hatte  durch- 
kosten  miissen,  mit  seinem  Werk  getragen  und  gehoben  von  der  steigenden 
Bedeutung  der  deutschen  Industrie,  so  sieht  sich  sein  Leben  an  als  wahrhaft 
vom  Schicksal  begnadet. 

Naheres  Betrachten  zeigt  aber  auch  in  diesem  Leben  Schwierigkeiten,  an 
deren  Uberwindung  ein  weniger  starker  Charakter,  eine  minder  kraftvolle 

DBJ  1* 


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Natur  als  Fritz  B.  gescheitert  ware.  An  den  jungen  Generalsekretar —  dies  war 
er  seit  1880  —  wurden  von  seinem  Vater  die  allergroBten  Anforderungen  an 
Arbeitskraft  und  Zeit  gestellt.  15  Jahre  lang  muBte  er  jederzeit  des  Winkes  des 
alten  Herrn  gewartig  sein ;  er  war  in  seine  tagliche  Arbeit  eingespannt  wie  kein 
zweiter.  In  diesen  langen  Jahren  hat  Fritz  B.  einen  eisernen  FleiB  und  eine 
Hingabe  an  seine  Arbeit  bewiesen,  der  auch  die  mitunter  harte  Hand  des  alten, 
an  sich  selbst  sehr  hohe  Anforderungen  stellenden  Geheimrats  keinen  Abbruch 
getan  hat,  Urlaub  im  Sinne  von  Vergniigungsreisen  kannte  er  weder  damals 
noch  spater.  Seine  Erholung  war  der  Sport  nach  Vollendung  seiner  Tagesarbeit, 
dem  er  in  vielerlei  Form  zugetan  war.  So  hatte  er  bereits  als  Student  in  Berlin 
sein  Ruderboot  auf  der  Spree  und  war  stets  ein  ebenso  eifriger  Tennisspieler 
wie  Reiter.  Abgesehen  von  tageweisen  Abwesenheiten  zur  Jagd  verbrachte  er 
irn  iibrigen  seinen  Urlaub  bei  den  militarischen  tjbungen.  Nach  langjahrigem 
Offizierdienst  in  der  Reserve  des  Dragoner- Regiments  14  wurde  er  Rittmeister 
der  Landwehrkavallerie,  erwirkte  aber  seine  Zuriickversetzung  in  die  Reserve 
und  setzte  nunmehr  bei  den  11.  Husaren  in  Diisseldorf  bzw.  Krefeld  seine 
tJbungen  fort.  Bei  diesem  Regiment  wurde  er  anlaBlich  des  ioojahrigen  Re- 
giments] ubilaums  auch  Major  d.  R.,  ein  Vorgang,  der  in  der  deutschen  Frie- 
densarmee  selten  genug  war,  um  daraus  auf  die  ungewohnliche  Wertschatzung 
riickschlieBen  zu  konnen,  deren  er  sich  auch  in  diesem  seinem  »Nebenberuf « 
erfreute.  Der  Nachruf  seines  Regiments  nennt  ihn  denn  auch  einen  hervor- 
ragenden  Soldaten,  einen  treff lichen  Kameraden  und  Freund.  Auch  der  Kreis- 
kriegerverband  und  der  Kavallerieverein  hoben  bei  seinem  Ableben  seine  treue, 
soldatische  Gesinnung  und  seine  groBen  Verdienste  fur  ihre  Sache  in  zu  Herzen 
gehender  Weise  hervor. 

Fritz  B.  war  der  geborene  Ingenieur.  Mit  den  Erfahrungen  von  Leeds  aus- 
geriistet,  trat  er  im  Jahre  1880  als  Generalsekretar  und  Stellvertreter  seines 
Vaters  in  die  Dienste  des  Bochumer  Vereins.  Neben  der  hiermit  verbundenen 
kaufmannischen  und  Verwaltungsarbeit  widmete  er  hauptsachlich  der  Technik 
einen  groflen  Teil  seiner  Zeit  und  Kraft.  Kein  Tag  verging,  an  dem  er  nicht  in 
den  Konstruktionsbureaus  und  Betrieben  des  Werkes  tatig  gewesen  ware.  Von 
ihm  personlich  entworfen  und  in  alien  Teilen  der  Ausfiihrung  bestimmt  ist  die 
1890  fertigmontierte  hydraulische  4000-t-Schmiedepresse  im  Hammerwerk  II. 
Der  Bochumer  Verein  trug  sich  schon  seit  langerer  Zeit  mit  dem  Gedanken, 
die  Herstellung  groBerer  und  groBter  Schmiedestiicke  in  seinen  Erzeugungsplan 
aufzunehmen.  Die  Absicht,  zu  diesem  Zweck  einen  schweren  Hammer  aufzu- 
stellen,  scheiterte  am  Einspruch  des  Bergbaues,  der  den  Untertagebau  durch 
eine  solche  Anlage  an  jener  Stelle  gefahrdet  glaubte.  Dieser  Widerstand  wies 
den  Weg  zur  Errichtung  einer  Schmiedepresse.  Mit  Unermiidlichkeit  und  groBer 
Hingebung  hat  Fritz  B.  sich  diesem  Werk  gewidmet,  das  insofern  fiir  deutsche 
Verhaltnisse  eine  Neuerung  darstellte,  als  hier  zum  erstenmal  ein  Differenzial- 
kolben  zur  Anwendung  kam,  der  die  Einwirkung  des  vorhandenen  Druckes  von 
50  bzw.  500  Atmospharen  auf  zwei  verschieden  groBe  Flachen  und  damit  eine 
groBere  Feinheit  der  Schmiedearbeit  ermoglichte.  Diese  Presse  steht  noch 
heute  im  Betrieb,  allerdings  in  einzelnen  Teilen  erneuert  und  abgeandert.  Um 
die  Mitte  der  neunziger  Jahre,  als  die  vom  Bochumer  Verein  an  die  Waggon- 
f abriken  zu  liefernden  Waggonzubehorteile  im  Preise  standig  gedriickt  wurden, 
errichtete  Fritz  B.  mit  uberraschender  Schnelligkeit  und  Energie  eine  voll- 


Baare  5 

standige  Waggonfabrik  auf  dem  Hiittengelande  des  Bochumer  Vereins.  DaB 
er  hierbei  groBziigig  vorging,  beweist  die  Leistungsfahigkeit  der  neuen  Anlage, 
deren  Hauptmontagehalle  geniigenden  Raum  fur  den  gleichzeitigen  Bau  von 
iiber  100  Eisenbahnwagen  bot,  und  deren  Jahreserzeugung  bis  1500  Wagen 
aller  Art  betrug. 

Durch  das  langjahrige  Zusammenarbeiten  mit  seinem  Vater  wuchs  Fritz  B. 
auBerlich  wie  innerlich  vollstandig  in  das  patriarchalische  System  der  Werks- 
fuhrung  hinein.  Der  Bochumer  Verein  war  zwar  eine  Aktiengesellschaft,  den- 
noch  war  das  Verhaltnis  zwischen  Arbeiterschaft  und  Werksleitung  nicht  etwa 
ein  unpersonliches,  sondern  im  Gegenteil  ein  geradezu  inniges  zu  nennen.  Die 
B.s  waren  derart  mit  dem  Bochumer  Verein  verwachsen,  daB  sie  vielfach  als  die 
personlichen  Besitzer  betrachtet  wurden.  Sie  waren  Autoritaten  fiir  die  General- 
versammlung  und  den  Verwaltungsrat,  ebenso  wie  fiir  Beamte  und  Arbeiter. 
Auch  das  Verantwortungsgefuhl  gegeniiber  der  Arbeiterschaft  ubertrugsichvom 
Vater  auf  den  Sohn  und  schuf  zwischen  ihm  und  der  Belegschaf t  Beziehungen , 
wie  sie  zwischen  dem  personlichen  Besitzer  eines  Werkes  und  seiner  Arbeiter- 
schaft nicht  besser  sein  konnten.  Dieses  Gefiihl  fiir  die  Zusammengehorigkeit 
gait  allgemein  als  althergebracht  beim  Bochumer  Verein.  Die  alljahrlich  statt- 
findenden  Jubilarfeste  wurden  als  die  Familienfeste  des  Werkes  bezeichnet. 
Fritz  B.  verstand  es,  bei  diesen  Gelegenheiten  in  geradezu  meisterhafter  Weise, 
seine  Zuhorer  zu  packen  und  ihnen  klar  zu  machen,  daB  sie  wie  die  Mitglieder 
einer  groBen  Familie  zusammengehorten  und  Treue  um  Treue  zu  iiben  hatten. 
Charakteristisch  fiir  seine  Auffassung  war  es,  als  er  gelegentlich  einer  Verwal- 
tungsratssitzung  dem  Vorsitzenden  Hermann  Rosenberg  anlaBlich  seiner 
25jahrigen  Mitgliedschaft  zum  Verwaltungsrat  das  fiir  25jahrige  treue  Dienste 
der  Beamten  und  Arbeiter  iibliche  Geschenk,  eine  Uhr  mit  Widmung,  ebenfalls 
verlieh.  Er  sah  in  jedem,  ob  er  am  Tisch  des  Aufsichtsrats  saB  oder  an  der  Dreh- 
bank  stand,  in  erster  Linie  den  Mitarbeiter  am  gemeinsamen  Werk.  Den  hohen, 
moralischen  und  wirtschaftlichen  Wert  dieses  Gefiihls  der  Zusammengehorig- 
keit lernte  man  nach  dem  Tode  von  Fritz  B.  erst  recht  schatzen,  als  in  den 
Zeiten  der  Revolution  manche  ihrer  Arbeit  innerlich  entfremdeten  Beleg- 
schaf ten  ihren  Werken  dauernden  schweren  Schaden  zufiigten.  Der  Bochumer 
Verein  mit  seinen  mehr  als  2500  Jubilaren  und  meist  seBhaften  Arbeiter  11  in 
der  Belegschaft  ist  zwar  von  Erschutterungen  dieser  Art  nicht  ganz  verschont 
geblieben,  aber  der  Verlauf  dieser  Vorgange  war  vergleichsweise  giinstig  zu 
nennen. 

Als  Fritz  B.  1895  der  Nachfolger  seines  Vaters  in  der  Leitung  des  Bochumer 
Vereins  wurde,  standen  Wirtschaft  und  Werk  in  voller  Bliite.  1880  beschaftigte 
das  Werk  4000  Arbeiter,  im  Jahre  1895  waren  es  8000.  Unter  seiner  Fiihrung 
dehnte  es  sich  mehr  und  mehr  aus.  In  der  letzten  Zeit  seines  Generalsekretariats, 
als  er  bereits  maBgeblichen  EinfluB  hatte,  wurden  die  Aktien  der  Gesellschaft 
fiir  Stahlindustrie  in  Bochum  angekauft.  Mit  gutem  Blick  hatte  Fritz  B.  die 
Zukunftsmoglichkeiten  dieser  Erwerbung  fiir  den  Bochumer  Verein  erkannt. 
Sie  wurden  allerdings  erst  nach  seinem  Tode  mit  der  Verarbeitung  und  Ver- 
feinerung  des  im  Hauptwerk  erzeugten  Edelstahls  ausgebaut.  Heute  sind  diese 
vortrefflichen  Werkstatten  ein  Kernwerk  der  Deutschen  Edelstahl  A.G.  Das 
Hochofenwerk  wurde  um  einen  vierten  Ofen  vergroBert  und,  1893,  eine  Gas- 
kraftzentrale  nebst  einer  NaBreinigungsanlage  fiir  Hochofengas  gebaut,  um 


b  1917 

dieses  zur  Gewinnung  elektrischer  Kraft  nutzbar  zu  machen.  Nach  seiner  1895 
erfolgten  Emenniing  zum  Generaldirektor  wurde  auBer  der  bereits  erwahnten 
Waggonbauanstalt  eine  Brikettf abrik  bei  der  Zeche  Engelsburg  gebaut  und  die 
Hammerwerke,  die  mechanischen  Werkstatten  und  die  StahlguBformerei  wur- 
den  vergroBert.  Auch  die  Walzwerke  wurden  erneuert,  desgleichen  die  Weichen- 
bauanstalt  und  die  Herzstiickwerkstatt.  Die  Erzbasis,  die  Louis  B.  durch  den 
Ankauf  von  Eisensteingruben  im  Siegerland,  im  Nassauischen  und  bei  Bucke- 
burg  geschaffen  hatte,  wurde  durch  Neuerwerbungen  in  Lothringen  erweitert. 
191 1  wurden  die  Erzgruben  Nartorpsfeld  an  der  schwedischen  Ostkiiste  und 
Intrangetsfeld  in  der  Landschaft  Dalekarlien  hinzugekauft.  Die  Kohlenbasis, 
seit  1886  vornehmlich  bestehend  aus  der  Magerkohle  der  Zeche  Engelsburg, 
wurde  von  Fr.  B.  1900  durch  den  Erwerb  der  Fettkohlenzeche  Carolinengliick 
verstarkt  und  1907  durch  die  im  Horizont  der  Gas-  und  Gasflammkohlenpartie 
abbauende  Zeche  Teutoburgia  abermals  verbreitert.  Einige  weniger  gute 
Zechen  wurden  dagegen  1904  abgestoBen. 

Der  Bochumer  Verein  war  als  Qualitatsstahlwerk  bekannt  und  angesehen 
in  der  weiten  Welt.  Fur  Kundenwerbung  wurden  Ausgaben  kaum  gemacht. 
Mit  Stolz  pflegte  Fritz  B.  zu  sagen:  »Das  haben  wir  nicht  notig. «  Nur  bei  Ge- 
legenheit  der  Diisseldorfer  Ausstellung  1902  wurde  hiervon  abgewichen  und  von 
B.  eine  Ausstellungshalle  errichtet,  die  berechtigtes  Aufsehen  erregte.  An  der 
Vorbereitung  und  Durchfuhrung  dieser  Sonderausstellung  des  Werkes  hat 
Fritz  B.  mit  dem  groBten  Eifer  gearbeitet. 

Seiner  Beamtenschaft  gegeniiber  zeigte  B.  das  groBte  Wohlwollen.  Er  gab 
gern  und  groBziigig,  wo  es  verdient  oder  aus  besonderen  Griinden  erforderlich 
war.  Freilich  war  er  weniger  geneigt,  Anspriiche,  die  er  nicht  fiir  berechtigt 
hielt,  anzuerkennen.  Hierin,  sowie  in  der  Verteilung  seiner  Sympathie  oder 
Antipathie  gegen  Mitarbeiter  war  er  schwer  beweglich  und  unbeugsam,  wie  es 
seinem  Charakter  entsprach.  Sein  personlicher  Sinn  fiir  Uberlieferung  wirkte 
sich  in  einer  Hochachtung  vor  dem  Alten  und  Gewordenen  aus.  Als  die  tech- 
nische  Leitung  indessen  der  Abneigung  gegen  notwendige  Neuerungen  und  Ver- 
besserungen  weiten  Spielraum  lieB  und  die  Selbstkosten  des  Werkes  eine  be- 
drohliche  Entwicklung  nahmen,  berief  Fritz  B.,  der  gegen  die  hemmenden  Ein- 
fltisse  einer  zum  Teil  tiberalterten  Beamtenschaft  anzukampfen  hatte,  im  Jahre 
1906  einen  neuen  technischen  Direktor,  Felix  Scharf  vom  Stahlwerk  Osnabriick, 
an  den  Bochumer  Verein.  In  der  Zusammenarbeit  mit  Scharf,  der  ein  Stahl- 
mann  von  Ruf  war,  zeigte  sich  die  groBe  Personlichkeit  B.s  im  besten  Licht.  Er 
vertrat  die  ganz  ungewohnlich  hohen  Geldforderungen  im  Verwaltungsrat  in 
meisterhafter  Weise,  schnitt  dadurch  jeden  Widerspruch  ab  und  schuf  so  die 
Moglichkeit  zur  technischen  Erneuerung  des  Werkes,  die  Scharf  und  sein  Mit- 
arbeiter, der  jetzigeGeneraldir.  des  Boch.  Ver.  Dr.-Ing.  e.  h.  Walter  Borbet  unter 
Fritz  B.s  Fuhrung  beenden  konnten.  ImLaufe  der  folgenden  Jahre  wurde  das 
Hochof enwerk  vollstandig  modernisiert,  die  zweigeriistige  SchienenstraBe  durch 
eine  viergeriistige  TriostraBe  ersetzt,  ein  neues  Siemens-Martin-Stahlwerk  mit 
einer  Leistungsf ahigkeit  von  30  000  t  im  Monat  und  eine  Agglomerieranlage 
zur  Verhiittung  von  Feinerzen  nach  dem  Dwight-Lloyd-Verfahren  mit  einem 
Ausbringen  von  bis  zu  2000  t  taglich  errichtet  und  schlieBlich,  diese  zu 
Kriegszeiten,  sehr  groBe,  mechanische  Werkstatten  in  Angriff  genommen.  Ab- 
gesehen  von  den  letzteren  war  die  technische  Erneuerung  des  Werkes  mit 


Baare  j 

den  vorstehend  bezeichneten  gewaltigen  Neuanlagen  und  Umbauten  vor 
Beginn  des  Krieges  abgeschlossen.  Der  erwartete  giinstige  EinfluB  anf  die  Er- 
zeugungskosten  blieb  nicht  aus,  insbesondere  bei  der  neuen  Stahlschmelze ; 
das  Werk  vermochte  sich  ausschlieBlich  auf  das  selbst  erblasene  Roheisen 
und  den  im  eigenen  Betrieb  entfaUenden  einwandfreien  Schrott  zu  stutzen. 
Die  Zusammenarbeit  zwischen  B.  und  Scharf  ist  jederzeit  eine  auBerst  har- 
monische  gewesen. 

B.  muBte  bei  Kriegsbeginn  zu  seinem  groBen  Leidwesen  sowohl  wegen  Un- 
abkomrnlichkeit  vom  Werk  als  auch  mit  Riicksicht  auf  seine  Gesundheit  da  von 
Abstand  nehmen,  ins  Feld  zu  ziehen.  Sicherlich  hatte  es  sonst  keine  groBere 
Freude  fiir  ihn  geben  konnen,  als  mit  seinen  Husaren  an  den  Feind  zu  kommen. 
Mit  um  so  groBerem  Eif  er  widmete  er  sich  nunmehr  der  Umstellung  des  Werkes 
auf  Kriegsbedarf,  dessen  Erzeugung  alsbald  gewaltige  Zahlen  aufwies. 

Die  Kriegsjahre  wurden  zugleich  die  letzten  I,ebensjahre  Fritz  B.s.  Seine  ge- 
schwachte  Gesundheit  war  den  besonderen  Anforderungen,  die  auch  in  der 
Heimat  an  die  schaffenden  Manner  gestellt  wurden,  nicht  mehr  gewachsen,  und 
der  bis  zu  allerletzt  rastlos  Tatige  muBte  im  Marz  1917  nach  Oeynhausen  ge- 
bracht  werden,  von  wo  er  nicht  mehr  lebend  zuriickkehren  sollte. 

Sein  Charakterbild  stand  scharf  umrissen  vor  seinen  Mitarbeitern,  sein  Name 
war  ein  Programm  fiir  den  Bochumer  Verein.  Wenngleich  Mitglied  des  Provin- 
ziallandtages,  des  Bezirksausschusses  in  Arnsberg,  des  Bezirkseisenbahnrats 
in  Koln  und  der  Handelskammer,  so  wohnte  ihm  doch  eine  starke  Abneigung 
gegen  jedes  offentliche  Hervortreten  inne,  im  Gegensatz  zu  seinem  Vater,  der 
in  den  genannten  Kollegien  eine  ungleich  groBere  Rolle  gespielt  hat.  Jede 
Tatigkeit,  in  der  er  die  Moglichkeit  einer  Ablenkung  vom  Bochumer  Verein 
witterte,  war  ihm  bedeutungslos.  Kennzeichnend  hierfiir  ist  die  grundsatzliche 
Ablehnung  ihm  angetragener  Aufsichtsratsposten  in  anderen  Gesellschaften, 
zu  deren  Ubernahme  ihn  auch  die  Aussicht  auf  bedeutende  Tantiemen  nicht 
zu  bringen  vermochte.  Ebensowenig  war  er  aus  dem  gleichen  Grunde  fiir  den 
Ankauf  von  Industrieaktien  zu  haben.  Die  Vorliebe  fiir  den  bunten  Rock  war 
und  blieb  die  einzige  Ausnahme,  die  er  sich  in  dieser  Beziehung  gestatten  zu 
diirfen  glaubte,  und  zwar  um  so  mehr,  als  er  mit  diesem  Dienst  einer  anderen 
hohen  Pflicht  geniigen  konnte.  In  seinen  Entscheidungen  war  Fritz  B.  ruhig 
und  bestimmt.  Er  verlangte  von  denen,  die  Vortrag  bei  ihm  hatten,  peinlich 
sorgfaltigste  Vorbereitung,  damit  keine  Zwischen-  und  Nachf ragen  erforderlich 
wurden.  Seine  Entscheidungen  wurden  ohne  Ubereilung  getroffen,  waren  aber 
auch  im  allgemeinen  unabanderlich.  Es  gab  auf  dem  Bochumer  Verein  nichts, 
was  sich  nicht  seiner  lebendigen  Anteilnahme  erfreut  hatte.  In  der  ersten  Zeit 
war  ihm  jede  Neukonstruktion  vorzulegen,  in  jeder  technischen  Beratung  griff 
er,  so  lange  er  sich  daran  beteiligen  konnte,  handelnd  ein. 

Neben  dem  Techniker  darf  aber  auch  der  das  Ganze  iiberschauende  Leiter 
des  Gesamtunternehmens,  der  Kaufmann  und  Finanzmann  B.,  nicht  iibersehen 
werden.  Er  besaB  einen  vollkommenen  Uberblick  iiber  die  wirtschaftlichen  Be- 
dingungen,  unter  denen  die  westdeutsche  Montanindustrie  zu  arbeiten  hatte. 
Seine  Darlegungen  aus  AnlaB  der  Generalversammlungen  erfreuten  sich  des- 
halb  der  groBten  Beachtung  bei  seinen  Fachgenossen  und  bei  der  Borse.  Im 
personlichen  wie  im  schriftlichen  Verkehr  fiir  die  Interessen  des  Werkes  war  B. 
geradezu  groB.  Lange  Eingaben  an  hochste  Behorden  diktierte  er  ohneStocken 


8  1917 

mit  fabelhafter  Sicherheit  und  legte  dabei  den  Standpunkt  des  Bochumer 
Vereins  in  den  verwickeltsten  Fragen  klar.  Auch  als  Finanzmann  war  Fritz  B. 
bedeutend.  Jedem  Schwindel  abhold  richtete  er  sein  Bestreben  stets  darauf, 
das  Unternehmen  leistungsfahig  zu  erhalten  und  nicht  mehr  Dividende  aus- 
zuschiitten,  als  nach  sorgfaltiger  Erwagung  aller  Verhaltnisse  unter  gebiihren- 
der  Beriicksichtigung  veranderlicher  und  zweifelhafter  Werte  mit  gutem  Ge- 
wissen  verantwortet  werden  konnte. 

In  der  Erinnerung  der  jetzt  Lebenden  erscheint  Fritz  B.  als  ein  von  der  steten 
Sonne  eines  wahrhaft  heiteren  Gemtits  uberglanzter  Charakter,  als  einer  der 
besten  und  witzigsten  Gesellschafter,  die  innerhalb  des  ernsten  Arbeitskreises 
im  Ruhrbezirk  je  an  hervorragender  Stelle  gestanden  haben.  Stammt  doch  z.  B. 
von  ihm  die  zunachst  nur  scherzhaft  gemeinte  Bezeichnung  »Wumba«  fur  das 
Waffen-  und  Munitionsbeschaffungsamt.  Er  hatte,  als  er  diesen  Vorschlag  ge- 
legentlich  einer  Besprechung,  einer  momentanen  Eingebung  folgend,  machte, 
nicht  entfernt  daran  gedacht,  daB  dieser  Negername  wirklich  gewahlt  werden 
konnte.  Der  Bochumer  Verein,  heute  ein  Standardwerk  der  Vereinigten  Stahl- 
werke  A.G.  sieht  in  ihm  den  Mann,  der  das  Werk  seines  Vaters  zu  stolzer  Hohe 
fortfuhrte,  seine  besten  Uberlieferungen  befestigte,  der  es  schlieBlich  im  Kriege 
zu  gewaltiger  Leistungsfahigkeit  steigerte  und  dessen  Name  mit  dem  Werk 
fur  alle  Zeiten  eng  verbunden  bleiben  wird.  Unter  den  zahlreichen  Ehrungen, 
die  ihm  zuteil  geworden  sind,  ist  die  hochste  fur  den  Ingenieur  erreichbare,  die 
Verleihung  der  Wiirde  eines  Doktor-Ingenieur  ehrenhalber  an  der  Technischen 
Hochschule  in  Aachen  besonders  zu  erwahnen.  Aber  B.  war  ein  Mann,  der  durch 
AuBerlichkeiten  hindurch  den  Kern  der  Dinge  zu  schauen  vermochte.  Sein 
Leben  war  Erfiillung  des  Dichterwortes  seines  Freundes  Emil  Rittershaus, 
eines  Wortes,  mit  dem  er  so  manche  Werkstattfahne  geweiht  hat,  und  das  ihm 
auch  in  das  Grab  nachgerufen  wurde: 

Was  mit  Kranzen  kront  die  Erde, 
Was  mit  Ehren  lohnt  die  Welt, 
Ist  nur  eine  Stundenblume, 
Die  vor  einem  Hauch  zerfallt. 
Doch  die  Pflicht,  die  treuerfiillte, 
Die  die  Menge  nimmer  preist, 
Einst  an  deinem  Sterbebette 
Steht  sie  als  dein  guter  Geist. 

Bochum.  Erhard  v.  Mutius. 

Back,  Otto,  Burgermeister  von  StraBburg  i.  E.,  Dr.  med.  h.  c,  D.  theol.  h.  c.% 
*  30.  Okt.  1834  in  Kirchberg  i.  Hunsriick,  f  15.  Januar  1917  in  StraBburg  i.  E. — 
Otto  B.  wurde  geboren  als  Sohn  des  evangelischen  Pfarrers  in  Kirchberg, 
spateren  weithin  bekannten  Superintendenten  und  D.  theol.  in  Castellaun.  Er 
besuchte  zunachst  die  Volksschule  in  letzterem  Ort,  dann  die  Gymnasien  in 
Trarbach  und  Koblenz,  wo  er  im  Herbst  1854  das  Abiturientenexamen  bestand. 
Er  studierte  auf  den  UniversitatenErlangen,  wo  er  in  das  Korps  Onoldia  ein- 
trat,  Berlin  und  Bonn  zuerst  Theologie,  dann  Rechtswissenschaft,  wurde  1858 
Auskultator,  1859  Referendar.  Als  solcher  wurde  er  zum  besoldeten  Bei- 
geordneten  der  Stadt  Barmen  gewahlt,  in  welcher  Stellung  er  bis  1866  ver- 


Baare.  Back  g 

blieb.  1864  hatte  er  sich  mit  Auguste  Timme  aus  Koblenz  verheiratet,  welche 
Ehe  aber  1868  durch  deren  Tod  gelost  wurde.  1866  bestand  er  die  Priifung  als 
Regierungsassessor  und  wurde  1867,  zuerst  kommissarisch,  zum  Landrat  des 
Kreises  Simmern  im  Hunsriick,  seiner  alten  Heimat,  ernannt.  1870  heiratete 
er  in  zweiter  Ehe  Luise  Huesgen  aus  Traben,  die  ihm  zu  der  Tochter  aus 
erster  Ehe  drei  weitere  Tochter  und  drei  Sonne  schenkte.  Der  Krieg  1870/71 
fuhrte  den  Premierleutnant  der  Landwehr  in  das  Kriegsgebiet  nach  ElsaB- 
Lothringen.  In  dem  neugewonnenen  Reichslande  fand  er  seinen  weiteren 
Lebensberuf ,  der  ihn  zu  den  hochsten  Ehrenstellen  fuhren  sollte.  Zunachst  als 
Unterprafekt  in  Metz  und  Diedenhofen  tatig,  wurde  er  1872  Polizeidirektor  in 
StraBburg  und  1876,  als  sich  ein  Weiterarbeiten  der  Regierung  mit  dem  bis- 
herigen  Biirgermeister  und  Gemeinderat  dieser  Stadt  als  unmoglich  envies, 
mit  der  Verwaltung  der  Stelle  des  Biirgermeisters  der  Stadt  StraBburg  be- 
traut.  1880  wurde  er  Bezirksprasident  des  UnterelsaB,  1887  Unterstaatssekretar 
und  Leiter  der  Abteilung  fur  Finanzen  und  Domanen.  Schon  Ende  dieses 
Jahres  kehrte  er  aber,  in  den  Gemeinderat  der  Stadt  StraBburg  gewahlt,  unter 
Zurdispositionsstellung  in  seinem  Staatsamt  auf  das  Rathaus  zuriick.  Er  wurde 
als  erster  Altdeutscher  in  den  Bezirkstag  des  UnterelsaB  und  1888  in  den 
LandesausschuB  gewahlt,  nachdem  er  schon  vorher  zum  Mitglied  des  Staats- 
rates  ernannt  worden  war.  In  Verfolg  der  Uberlieferungen  des  Elternhauses 
lieB  er  sich  1892  in  das  Presbyterium  der  lutherischen  Gemeinde  Jung-St.-Peter 
und  einige  Mbnate  spater  in  das  Oberkonsistorium  der  Kirche  Augsburgischer 
Konfession  wahlen.  1905  erhielt  er  den  Charakter  als  Wirklicher  Geheimer  Rat 
mit  dem  Pradikate  Exzellenz,  eine  fiir  einen  Biirgermeister  seltene  Auszeich- 
nung.  Im  Herbst  1906  schied  er  aus  diesem  seinem  Amte  aus,  ubernahrn  aber 
trotz  des  hohen  Alters  von  76  Jahren  1910  noch  die  Stellung  als  Kurator  der 
Kaiser- Wilhelm-Universitat  in  StraBburg,  in  welcher  er  bis  zu  seinem  Tode 
blieb.  1911  wurde  er  vom  Kaiser  zum  Mitglied  der  I.  Kammer  des  auf  Grund 
der  neuen  Verfassung  ins  Leben  gerufenen  Landtages  ernannt,  welche  ihn  zu 
ihrem  ersten  Prasidenten  wahlte.  Am  15.  Januar  1917  starb  er  im  Alter  von 
82  Jahren. 

Von  mehr  wie  mittlerer  GroBe,  breit  gebaut  war  B.  auBerlich  eine  sehr  statt- 
liche,  mannliche  Erscheinung.  Bei  dem  geistigen  Menschen  trat  vor  allem  seine 
groBe,  mit  scharfem  Verstande,  schneller  Auffassungsgabe  und  unerschiitter- 
licher  Ruhe  gepaarte  Klugheit  hervor.  Sie  war  die  Grundlage  fiir  ein  seltenes 
MaB  von  Menschenkenntnis  und  Fahigkeit  der  Menschenbehandlung  und  einen 
unfehlbaren  Blick  fiir  die  Wirklichkeiten  des  Lebens.  Selbst  immer  klar  und 
griindlich,  verlangte  er  die  gleichen  Eigenschaften  von  seinen  Mitarbeitern. 
Weil  er  in  den  Kern  der  Dinge  eindrang,  war  es  ihm  leicht,  die  Hauptsache  von 
Nebendingen  zu  unterscheiden.  Was  er  auch  angriff,  immer  war  er  groBziigig. 
Seiner  Tatkraft  gleich  kam  seine  Geduld,  mit  der  er  die  Frucht  reifen  lieB. 
Jahrelang  konnte  er  einen  Plan,  und  wenn  es  sein  Lieblingsplan  war,  zuriick- 
stellen,  bis  er  ihn  plotzlich  wieder  hervorholte  und  zur  Wirklichkeit  werden 
lieB.  Monatelang  lieB  er  schweigend  die  scharfsten  An  griff  e  iiber  sich  ergehen, 
dann  donnerte  Jupiter  und  die  Gegner  waren  zerschmettert.  Fest  im  Blut  saBen 
ihm  die  Uberlieferungen  seiner  rheinischen  Heimat  von  Freiheit  und  Unab- 
hangigkeit.  Nur  vor  wirklichem  WTissen  und  Konnen  hatte  er  Achtung,  nicht 
vor  ScheingroBen.  Aber  auch  anderen  Menschen  erkannte  er  das  Recht  auf 


10  1917 

Freisein  von  innerem  und  auBerem  Zwange  zu.  Unermudlich  fleiBig  und 
pflichttreu  im  alten  preuBischen  Sinne,  kannte  er,  wenn  die  Arbeit  drangte, 
keine  Dienststunden,  ja,  wenn  es  nicht  anders  ging,  auch  einmal  keinen  Sonn- 
tag,  so  regelmaBig  er  sonst  den  Gottesdienst  besuchte.  Den  Mann  der  festen. 
entschlossenen  Tat,  der,  wo  die  Verhaltnisse  es  forderten,  sehr  riicksichtslos 
sein  konnte,  zierte  dabei  eine  aus  dem  Herzen  kommende  Milde  und  ein  warmes 
Wohlwollen  gegeniiber  alien  Menschen,  mit  denen  das  Leben  ihn  in  dienstliche 
oder  personliche  Beriihrung  brachte.  Wohl  niemand,  der  ihm  irgendeine  Not 
geklagt  hatte,  verlieB  ihn  ungetrostet.  Sein  Scherzname  »  Vater  der  Stadt*  war 
bei  ihm  ein  wirklicher  Ehrenname.  Wie  befreiend  wirkte  in  schwierigen  Lagen 
oft  sein  nie  versagender  rheinischer  Humor,  wie  erhebend  seine  f reudige  Lebens- 
bejahung!  Zur  Vervollstandigung  seines  Lebensbildes  gehort  noch  seine  ein- 
fache,  schlicht-burgerliche  Iyebenshaltung,  die  ihn  aber  nicht  hinderte,  der 
heiterste  Gesellschafter  zu  sein,  sein  musterhaftes  Familienleben  und  sein 
ernstes,  bewuJ3t  evangelisches  Christentum. 

Mit  so  hohen  Gaben  des  Geistes  und  des  Charakters  muBte  B.  in  alien  Stel- 
lungen,  zu  denen  er  berufen  war,  Hervorragendes  leisten.  Lange  hat  man  den 
I,andrat  von  Simmern  in  seinem  Kreise  in  gutem  Andenken  gehalten ;  wer  ihn 
in  seiner  Tatigkeit  als  Bezirksprasident  in  StraBburg  beobachten  oder  gar  unter 
seiner  Leitung  arbeiten  durfte,  bekam  schnell  den  Eindruck  ungewohnlicher 
Tuchtigkeit.  ElsaB-lothringischer  Finanzminister  war  er  zu  kurz,  um  seine  be- 
sondere  Begabung  fur  dieses  Amt  entf alten  zu  konnen.  Sein  Lebenswerk,  mit 
dem  sein  Name  unausloschlich  verbunden  ist,  war  die  Entwicklung  von  StraB- 
burg zu  dem  Muster  einer  modernen  deutschen  GroBstadt.  Sie  zerfallt  nicht  nur 
auBerlich  in  die  beiden  Perioden  1873 — 1880  und  1887 — 1906.  Wahrend  von 
1873 — 1880  die  Beseitigung  der  Mangel  der  franzosischen  Verwaltung,  die  Ein- 
deutschung  des  ganzen  Gemeinwesens  im  Vordergrund  stand  und  nur  die  ersten 
Grundlagen  fiir  die  kiinftige  Entwicklung  zur  modernen  GroBstadt  gelegt  wer- 
den  konnten,  geht  es  von  1887  ab  auf  alien  Gebieten  der  Verwaltung  mit 
schnellen  Schritten  vorwarts.  Hierbei  ist  es  von  groBer  Bedeutung,  daB  B.  in 
der  ersten  Periode  nur  von  der  Regierung  bestellter  Biirgermeisterei-Verwalter 
war,  wahrend  von  1887  an  ein  einsichtiger,  arbeitsfreudiger  Gemeinderat  dem 
ordnungsmaBig  gewahlten  Biirgermeister  einen  Teil  der  Verantwortung  ab- 
nahm.  Die  Zeit  1873 — 1880  hat  B.  selbst  in  einem  klar  und  eindringlich  ge- 
schriebenen  Buch  »Aus  StraBburgs  jiingster  Vergangenheit«  geschildert.  Er 
behandelt  zunachst  die  politische  Lage,  die  1873  zur  Amtsenthebung  des 
deutschfeindlichen  Maires  Lauth  fiihrte,  und  geht  dann  auf  die  Zustande  ein, 
die  er  in  StraBburg  als  einer  nickstandigen  franzosischen  Departementalhaupt- 
stadt  von  85000  Einwohnern  vorfand.  Die  erste  Arbeit  war  die  Klarung  der 
stadtischen  Finanzlage.  B.  bewaltigte  sie  meisterhaft.  Es  gait  die  altiiber- 
lieferten  Verhaltnisse  (eine  Haupteinnahmequelle  war  und  blieb  eine  Ver- 
brauchsabgabe  auf  eine  groBe  Zahl  unentbehrlicher  Lebensbediirfnisse,  das 
Oktroi)  mit  den  Anforderungen  der  Neuzeit  (darunter  Bewilligung  auskomm- 
licher  Gehalter  an  die  Beamten)  in  Einklang  zu  bringen.  Das  gelang  damals  und 
in  der  Folgezeit  trotz  ungewohnlicher  Schwierigkeiten  so  restlos,  daB  StraBburg 
von  jeder  Finanzkrise  verschont  blieb.  Einer  volligen  Umgestaltung,  vor  allem 
auch  in  bezug  auf  die  Raumlichkeiten  bedurfte  das  deutschen  Anforderungen 
nicht  geniigende  Unterrichtswesen  (kein  Schulzwang!)  von  den  Volksschulen 


Back  II 

bis  zum  Gymnasium  und  den  hoheren  Madchenschulen.  Viel  Miihe  und  Kopf- 
zerbrechen  verursachte  die  Gelandebeschaffung  fiir  die  Neubauten  der  1872  ge- 
griindeten  Kaiser- Wilhelm-Universitat.  Klug  und  zah  wuBte  B.  schlieBlich  alle 
Hindernisse,  die  sich  einer  die  Universitats-  und  stadtischen  Interessen  zugleich 
entsprechenden  Losung  entgegensetzten,  zu  iiberwinden.  Der  Verbesserung  der 
teilweise  iiblen  Gesundheitsverhaltnisse  diente  die  tatkraftige  Durchfiihrung 
der  langst  geplanten  mustergiiltigen  Wasserleitung,  die  riickstandigen  Ver- 
kehrsverhaltnisse  wurden  durch  die  Anlage  eines  weitverzweigten  StraBenbahn- 
netzes  gefordert.  Die  Grundlage  fiir  die  kiinftige  Entwicklung  zur  GroBstadt 
brachte  die  mit  einer  Vorschiebung  der  Festungswalle  verbundene  Stadt- 
erweiterung.  Ihr  als  der  wichtigsten  und  nicht  nur  von  der  altelsassischen  Be- 
volkerung  angefochtensten  Aufgabe  wandte  B.  das  Schwergewicht  seiner  un- 
erschopflichen  Arbeitskraft  zu.  Sein  genialer  Weitblick,  sein  Wagemut,  seine 
Fahigkeit,  auch  scheinbar  aussichtslose  Verhandlungen  zu  dem  gewollten  Ende 
zu  bringen,  bewahrten  sich  hier  glanzend.  Nicht  weniger  wie  17  Millionen  Mark 
muBte  die  Stadt  dem  Militarfiskus  fiir  das  iiberlassene  Gelande  in  GroBe  von 
384  ha  zahlen,  hierzu  kamen  viele  Millionen  fiir  dessen  AufschlieBung.  Da  war 
es  ein  groBer  Erfolg,  daB  1906,  als  B.  das  Rathaus  verlieB,  das  ganze  Unter- 
nehmen  mit  einem  Plus  von  iiber  1  Million  fiir  die  Stadt  abgeschlossen  werden 
konnte. 

Auch  in  der  zweiten  Amtsperiode  (1887 — 1906)  blieb  die  Durchfiihrung  des 
Stadterweiterungsunternehmens  eine  der  Hauptaufgaben  von  B.  StraBburg  mit 
seinem  herrlichen  Miinster  war  immer  eine  interessante,  altertumliche  Stadt 
gewesen,  jetzt  erst  wurde  es  wirklich  die  »wunderschone«,  von  der  das  Lied 
singt.  Die  Neustadt  durchzogen  groBe,  breite,  vielfach  mit  Baumanlagen  und 
Vorgarten  gezierte  und  in  Schmuckplatze  miindende  StraBen.  Von  Jahr  zu 
Jahr  wurden  zahlreicher  die  meist  prunkvollen  offentlichen  Gebaude,  wie  die 
Universitatsbauten,  der  Kaiserpalast,  die  Ministerien,  das  Landtagsgebaude, 
die  Landesbibliothek,  das  Landgerichtsgebaude,  die  kath.  Jung-St.-Peter- 
kirche,  die  Synagoge,  der  Bahnhof,  die  neuen  Kasernen.  Ein  ganz  besonders 
glucklicher  Wurf  von  B.  war  es,  daB  er  es  durchsetzte,  daB  das  an  den  alten 
wundervollen  stadtischen  Garten,  die  Orangerie,  angrenzende,  1895  fiir  eine 
Ausstellung  aufgeschlossene  Gelande  in  diese  einbezogen  wurde,  womit 
StraBburg  einen  der  schonsten  offentlichen  Parks  unter  den  deutschen  GroB- 
stadten  erhielt.  B.  war  es  auch  beschieden,  die  fiir  die  Zukunftsentwicklung 
StraBburgs  entscheidende  Frage :  die  Schaf fung  eines  alien  Anf orjierungen  ge- 
niigenden  Rheinhafens  im  letzten  Jahrzehnt  des  19.  Jahrhundert  zur  Losung 
zu  bringen.  Erst  legte  er  das  ganze  Gewicht  seines  Einflusses  in  die  Wagschale 
zugunsten  einer  Rheinregulierung  im  Gegensatz  zu  dem  von  vielen  Seiten  ge- 
forderten  Bau  eines  Kanals.  Dann  schuf  er  auf  der  Sporeninsel  eine  muster- 
gultige,  erweiterungsfahige  Anlage,  deren  Entwicklung  alien  Erwartungen  voll- 
auf  entsprach.  Als  ein  Seitenstiick  zu  der  in  die  erste  Verwaltungsperiode  fallen- 
den  Wasserleitung  erscheint  in  der  zweiten  die  erst  heiB  umstrittene,  dann  aber 
von  alien  Einsichtigen  gebilligte  Durchfiihrung  der  Schwemmkanalisation  fiir 
das  ganze  Stadtgebiet.  Aber  auch  in  die  unerfreulichen  baulichen  Verhaltnisse 
der  in  mittelalterlicher  Enge  gebauten  Altstadt  griff  B.  zunachst  durch  Ver- 
besserungsarbeit  an  Pflaster,  Rinnen,  Biirgersteigen,  dann  durch  Nieder- 
legung  besonders  ungesunder  Hauser  und  endlich  durch  einen  groBziigigen 


12  1917 

StraBendurchbruch  mitten  durch  die  iibelsten  Viertel  tatkraftig  ein.  Charakte- 
ristisch  fur  ihn  ist  sein  Verhalten  gegeniiber  der  immer  dringlicher  werdenden 
Entwicklung  StraBburgs  auf  dem  Gebiet  der  Sozialpolitik.  Hier  war  fast  alles 
riickstandig:  Armenwesen,  Krankenpflege,  Wohlfahrtspflege,  Versorgungs- 
kassen  usw.,  alles  war  im  wesentlichen  so  geblieben,  wie  es  auf  den  von  der 
f ranzosischen  Revolution  geschaffenen  Grundlagen  seinerzeit  eingerichtet  war. 
Nun  kam  die  deutsche  sozialpolitische  Gesetzgebung  der  achtziger  Jahre,  die 
eingewanderten  Altdeutschen  verglichen  die  StraBburger  Einrichtungen  mit 
denen  der  alten  Heimat  und  verlangten  Reformen.  Hier  nach  modernen  Grund- 
satzen  entschieden  selbst  durchzugreifen,  hinderte  B.  die  aus  der  rheinischen 
Heimat  mitgebrachten  Anschauungen  eines  Nationalliberalen  Bennigsenscher 
Farbung,  auch  wuBte  er  wie  zah  und  aus  innerstem  Herzen  kommend  gerade 
hier  der  Widerstand  der  AltstraBburger  sein  wiirde.  So  schuf  er  sich  jiingere 
Beruf sbeigeordnete  —  auch  eine  einschneidende  Neuerung  gegeniiber  den 
f ruheren  Ehrenbeigeordneten  —  und  iibertrug  ihnen  die  ihm  nicht  in  alien 
Stiicken  liegenden  Aufgaben,  ihnen  hierbei  in  solchem  Umfange  freie  Hand 
lassend,  daB  1906  bei  seinem  Abgang  die  Armen-,  Kranken-,  Wohlfahrts-  und 
Wohnungspflege  und  die  ganze  iibrige  Sozialpolitik  voll  auf  die  Hohe  der 
iibrigen  deutschen  Stadte  stand  und  unter  seinem  Nachfolger  zu  Muster- 
einrichtungen  ausgebaut  werden  konnte. 

Selbst  auf  dem  B.  urspriinglich  ferner  liegenden  Gebiete  der  Kunst  wurde  er 
ein  Bahnbrecher.  Seiner  Tatkraft  ist  die  Griindung  des  bald  eine  beachtenswerte 
Bedeutung  erlangenden  Kunstmuseums  zu  danken,  eine  bald  groBen  Ruf  er- 
langende  Kunstgewerbeschule  und  ein  Kunstgewerbemuseum  rief  er  ins  Leben, 
das  Stadtische  Theater  wurde  nach  tJberwindung  von  allerlei  Hemmungen  all- 
mahlich  zu  einer  der  ersten  Biihnen  Siiddeutschlands  entwickelt,  fur  das  schon 
zu  f  ranzosischer  Zeit  Erhebliches  leistende  Musikkonservatorium  wurde  schlieB- 
lich  eine  so  erstklassige  Kraft,  wie  es  Hans  Pfitzner  war,  gewonnen. 

Was  B.  angriff,  geriet  ihm  wohl.  StraBburg  erreichte  unter  seiner  Verwaltung 
nicht  nur  185000  Einwohner,  sondern  war  eine  in  jeder  Richtung  auf  der  Hohe 
stehende  moderne  GroBstadt  geworden. 

Ein  eigenartiges  Abklingen  eines  tatenfrohen  Lebens  war  es,  daB  der  76- 
jahrige  noch  die  Stellung  des  Kurators  der  Kaiser- Wilhelm-Universitat  iiber- 
nahm.  Die  Universitat  StraBburg  hatte  vorher  schon  seine  Wirksamkeit  als 
Biirgermeister  durch  den  Ehrendoktor  der  Medizin  anerkannt.  Nun  lernte  sie 
ihn  in  seinem  neuen  Amte  schnell  hochschatzen  und  verehren;  auch  den  Uni- 
versitatskreisen  wurde  er  bald  Vertrauensperson. 

Ein  Wort  muB  noch  dem  einfluBreichen  Politiker  gewidmet  werden.  Seine 
Klugheit,  seine  Besonnenheit,  seine  Milde  lieBen  ihn  auch  in  den  politischen 
Korperschaften  ein  ungewohnliches  Ansehen  gewinnen,  von  dem  er  aber  nur 
den  vorsichtigsten  Gebrauch  machte.  Er  war  einer  der  entschiedensten  Ver- 
fechter  der  Verdeutschungspolitik  auf  lange  Sicht,  wollte  die  elsassische  Eigen- 
art  geschont  wissen,  und  nicht  zum  Deutschtum  zwingen,  sondern  iiberzeugen 
und  gewinnen.  Daher  genoB  er  iiberall  Vertrauen  bis  in  die  Kreise  der  elsassi- 
schen  Bevolkerung  hinein,  die  sonst  allem  Deutschen  abhold  waren.  Dieses 
Vertrauen  fand  191 1  seinen  bezeichnenden  Ausdruck  in  der  schon  erwahnten 
Wahl  zum  Prasidenten  der  Ersten  Kammer  des  Landtages. 

Als  Kirchenpolitiker  ist  B.   wenig  hervorgetreten.   Im  Oberkonsistorium 


Back.  Bassermann  1 3 

schloB  er  sich  der  Gruppe  der  Rechten  an,  war  aber  auch  dort  der  Mann  der 
Versohnlichkeit  und  des  Ausgleiches.  Die  evangelisch-theologische  Fakultat 
der  Universitat  StraBburg  anerkannte  B.s  Tatigkeit  auf  kirchlichem  Gebiet 
durch  Verleihung  des  Ehrendoktors  der  Theologie. 

Ob  man  B.  in  StraBburg  je  das  verdiente  Standbild  errichten  oder  wenigstens 
einen  der  hervorragendsten  Platze  oder  StraBen  nach  ihm  benennen  wird !  Er 
konnte  jedenfalls  im  Riickblick  auf  das,  was  er  aus  StraBburg  gemacht  hatte, 
sagen:  »Exegi  monumentum  aere  perennius.« 

Koblenz.  Hans  Freiherr  v.  d.  Goltz. 


Bassermann,  Ernst,  Rechtsanwalt  und  Stadtrat  in  Mannheim,  Reichstags- 
abgeordneter  fiir  die  Wahlkreise:  1893/98  Mannheim,  1898/1903  Jena,  1904/06 
Frankfurt  a.  d.  O.,  1907/11  Rothenburg-Hoyerswerda,  1912/17  Saarbriicken, 
*  26.  Juli  1854  m  Wolfach  i.  B.,  |  24.  Juli  1917  in  Baden-Baden,  entstammte 
einer  alteingesessenen  badischen  Familie,  aus  der  sich  im  19.  Jahrhundert  eine 
ganze  Anzahl  ihrer  Mitglieder  als  Staatsbeamte,  Parlamentarier  und  Industrielle 
einen  Namen  machte.  Er  wurde  geboren  als  Sohn  des  Referendars  Anton 
Bassermann  (1821 — 1897)  und  seiner  Frau  Marie,  geb.  Eisenlohr,  die  ebenfalls 
einer  weitverbreiteten  badischen  Familie  angehorte.  Die  schnell  aufsteigende 
Laufbahn  des  Vaters  bis  zum  Landgerichtsprasidenten  in  Mannheim  brachte 
Ernst  B.  haufigen  Schul-  und  Wohnsitzwechsel.  Er  besuchte  die  Gymnasien 
in  Rastatt,  Offenburg  und  Mannheim.  Als  Student  der  Rechte  war  er  1872 
bis  1874  bei  den  Korps  der  Schwaben  in  Heidelberg  und  der  Lausitzer  in 
Leipzig  aktiv.  Im  Winter  1874/75  studierte  er  in  Berlin,  wo  er  im  Hause  Fried- 
rich  Hammachers  in  die  erste  personliche  Beruhrung  mit  nationalliberalen 
Parlamentariern  kam,  dann  ging  er  nach  StraBburg  und  Freiburg  und  bestand 
1876  das  erste  Staatsexamen,  1880  das  zweite,  nachdem  er  1879  in  Kolmar 
i.  E.  beim  14.  Dragoner regiment  gedient  hatte.  Er  lieB  sich  als  Anwalt  in 
Mannheim  nieder  und  heiratete  1881  Julia  Ladenburg,  die  Tochter  des  In- 
habers  des  angesehenen  Bankhauses  Ladenburg.  Fast  gleichzeitig  begann  er, 
sich  am  offentlichen  Leben  zu  beteiligen.  Etwa  seit  1884,  dem  Jahre  der  Ver- 
kiindung  des  Heidelberger  Programms,  war  er  lebhaft  agitatorisch  fiir  die 
nationalliberale  Partei  tatig  und  wurde  1887  in  den  Stadtrat  von  Mannheim 
gewahlt,  dem  er  bis  zu  seinem  Tode  angehorte.  1893  trat  er  in  den  Zentral- 
vorstand  der  Nationalliberalen  Partei  ein.  Nach  der  Reichstagsauflosung  im 
Mai  dieses  Jahres  wurde  er  als  Reichstagskandidat  fiir  den  Wahlkreis  seiner 
Heimatstadt  aufgestellt  und  gewann  Mannheim,  das  seit  1890  sozialdemokra- 
tisch  vertreten  war,  noch  einmal  fiir  die  Nationalliberale  Partei  zuriick. 

Vom  Zeitpunkt  seines  Eintritts  in  den  Reichstag  bis  in  die  letzten  Wochen 
seines  Lebens  gab  es  keine  groBere  politische  Aktion  im  Reichstag,  bei  deren 
Durchfiihrung  B.  nicht  im  Vordergrund  stand.  Schon  in  der  Legislaturperiode 
1893 — 1898  wurde  er  Vorsitzender  bzw.  Berichterstatter  wichtiger  Kom- 
missionen,  fiir  die  ihn  seine  Sachkenntnis  besonders  geeignet  erscheinen  lieB, 
wie  der  Schiffahrtskommission  und  der  Kom  mission  fiir  das  Handelsgesetz- 
buch.  1897  wurde  er  Schriftfuhrer  und,  als  Rudolf  v.  Bennigsen  1898  aus 
dem  Reichstag  ausschied,  Fraktionsvorsitzender.  Stellungnahme  gegen  Um- 
sturz-  und  Zuchthausvorlage,  d.  h.  Ablehnung  aller  Ausnahmegesetze  und 


14  l9*7 

Eintreten  fiir  das  Koalitionsrecht,  fuhrende  Mitarbeit  ani  KompromiB  des 
Zolltarifs  von  1902,  an  alien  Heeres-  und  Flottenvorlagen  von  1893  bis  1913, 
die  starkste  Stiitze  Bulowscher  Blockpolitik  wie  der  Bulowschen  Kanzlerschaft 
iiberhaupt  kennzeichnen  seine  Tatigkeit  bis  Kriegsausbruch. 

Sein  Anwaltbureau  bestand  mit  wechselnden  Partnern  bis  zu  seinem  Tode 
fort,  und  die  tJbernahme  der  juristischen  Beratung  des  Bankhauses  seines 
Schwiegervaters,  das  alsbald  als  »Siiddeutsche  Diskontogesellschaft«  im  Kon- 
zern  der  Diskontogesellschaft  aufging,  hielt  ihn  mit  dem  praktischen  Leben, 
insbesondere  mit  der  deutschen  Wirtschaft  in  Verbindimg.  Er  war  Aufsichtsrat 
in  fast  anderthalb  Dutzend  Aktiengesellschaften,  die  groBtenteils  dem  Bank- 
konzern  nahestanden. 

Sechzigjahrig  zog  er  am  12.  August  1914  als  Rittmeister  und  Kommandeur 
einer  Munitionskolonnenabteilung  ins  Feld.  Er  machte  den  Franktireurkrieg 
in  Belgien  und  den  schweren  Herbstfeldzug  in  Polen  mit,  oft  8  bis  12  Stunden 
im  Sattel  und  nachts  biwakierend.  Im  September  wurde  er  zum  Major  und 
Fiihrer  einer  Gefechtstaffel  befordert  und  Ende  Oktober  zum  Adjutanten  des 
Militargouverneurs  von  Antwerpen  ernannt.  Es  litt  ihn  nicht  lange  auf  diesem 
relativ  ruhigen  Posten.  Er  sah  mit  wachsender  Sorge,  daB  die  verhaltnismaBig 
giinstige  politische  Lage  nicht  ausgenutzt  wurde.  Gerade  in  Belgien  trat  ihm 
die  Unzulanglichkeit  der  deutschen  Diplomatic  krafl  vor  Augen.  Er  horte,  wie 
er  an  Stresemann  schrieb,  jeden  Belgier  Bethmanns  Worte  vom  Fetzen  Papier 
und  der  Anerkenntnis  des  Neutralitatsbruchs  im  Munde  fuhren  und  bezweifelte, 
daB  Bethmann  einen  festen  Zukunftsplan  habe.  Er  wiinschte,  dem  Zentrum 
naher  zu  sein,  um  sich  mehr  »um  die  Zukunft  kummern  zu  konnen«. 

Im  Februar  191 5  kehrte  er  nach  Deutschland  zuriick,  war  kurze  Zeit  fiir  die 
Einrichtung  einer  Zentralstelle  zur  Beschaffung  von  Metallen  in  Lodz  tatig 
und  wurde  am  18.  Juli  19 15  als  Richter  zum  Oberkriegsgericht  des  Gardekorps 
in  Berlin  kommandiert,  das  zweimal  wochentlich  tagte.  Er  konnte  nunmehr 
seinen  politischen  EinfluB  wieder  geltend  machen,  soweit  dies  fiir  einen  Partei- 
fuhrer  in  den  ersten  Jahren  des  Weltkriegs  in  Deutschland  moglich  war. 

Bald  zeigte  sich,  daB  Bassermanns  Gesundheit,  der  er  schon  durch  den  Feld- 
zug  das  AuBerste  zugemutet  hatte,  den  politischen  Aufregungen  dieser  Zeit 
nicht  mehr  gewachsen  war.  Sein  Herzleiden,  das  1905  zuerst  ernstlicher  auf  trat, 
machte  sich  in  zunehmendem  MaBe  bemerkbar.  Trotz  mehrfacher  schwerer  An- 
falle  hielt  er  in  Berlin  aus  und  nahm  auch  an  zwei  Reisen  von  Parlamentariern 
nach  der  Tiirkei  und  Bulgarien  teil.  Im  Februar  1917  nahmen  B.s  Herzbeschwer- 
den  so  zu,  daB  er  die  parlamentarische  Tatigkeit  aufgeben  muBte.  Vergeblich 
suchte  er  zunachst  in  Mannheim,  dann  in  Kissingen  und  Baden-Baden  Heilung. 
Am  24.  Juli  starb  er. 

B.  hat  einmal  1904,  als  Hammacher  starb,  von»dieser  verworrenen  Zeit  der 
Garung  «  gesprochen,  in  der  jeder  Verlust  politischer  Krafte  besonders  schwer 
wiege.  Im  Grunde  ist  das  Deutsche  Reich,  dessen  politische  Einheit  so  viel 
j  linger  ist  als  die  der  westeuropaischen  GroBmachte,  bis  heute  nicht  aus  der 
Garung  herausgekommen.  Und  so  war  auch  B.s  Leben,  in  dem  hinter  der  Politik 
alles  andere  zuriicktrat,  ein  solches  der  Garung  und  Unruhe.  Es  ist  bezeichnend, 
daB  er  in  seiner  ganzen  politischen  Laufbahn  nicht  zweimal  den  gleichen  Wahl- 
kreis  vertrat.  Im  Kampf  des  Liberalismus  mit  der  Sozialdemokratie  um  die 
Seele  des  Arbeiters  wurde  er  stets  in  den  gefahrdetsten  Wahlkreisen  aufgestellt, 


Bassennann  15 

weil  man  hoffte,  durch  seinen  Namen  und  seine  Personlichkeit  die  Massen  dem 
Liberalismus  zu  erhalten  bzw.  zu  gewinnen.  Er  selbst  hat  es  im  Gesprach  mit 
Stresemann  als  den  Hohepunkt  seines  politischen  Wirkens  bezeichnet,  als 
bei  seiner  letzten  Reichstagskandidatur  in  Saarbriicken  ein  Arbeitervertreter 
nach  dem  anderen  das  Vertrauen  der  Arbeiterschaft  zu  ihm  betont  habe.  Die 
unruhigepolitische  Fuhrung  Wilhelms  II.  brachte  wechselnd  innen-  und  auBen- 
politische  Krisen  und  damit  gleichzeitig  der  Volksvertretung  ein  ganz  anderes 
MaB  wenn  auch  noch  nicht  staatsrechtlicher,  so  doch  moralischer  Verantwor- 
tung  als  zu  Zeiten  Bismarcks.  Weit  mehr  als  friiher  muBten  ihre  Fuhrer  vor 
und  hinter  den  Kulissen  dafiir  sorgen  —  um  mit  dem  romischen  Senat  zu 
reden  — ,  ne  quid  detrimenti  res  publica  capiat.  Die  standige  Unruhe,  schon 
auBerlich  durch  das  Hin  und  Her  zwischen  Mannheim  und  Berlin  wahrend  der 
Reichstagssessionen  und  durch  die  vielen  Reisen  zu  Aufsichtsratssitzungen 
wie  politischen  Versammlungen  gekennzeichnet,  die  gleichzeitige  Beschaftigung 
mit  den  verschiedensten  Problemen  entsprach  aber  B.s  innerstem  Wesen.  Bei 
langerem  Aufenthalt  an  einem  Ort  fuhlte  er  sich  nicht  wohl. 

Seine  Stellung  als  Parteifuhrer  und  das  groBe  Vertrauen,  das  sich  in  ihrer 
tibertragung  kundgab,  verdankte  B.  in  erster  Linie  seinem  Geschick,  tief- 
gehende  Gegensatze  auszugleichen  und  gegeniiber  dem  Trennenden  das  Eini- 
gende  in  den  Vordergrund  zu  riicken.  Diese  Begabung  war  besonders  notig  fur 
den  Fuhrer  einer  Mittelpartei  wie  der  nationalliberalen,  deren  rechter  Fliigel 
sich  gern  konservative,  der  linke  demokratische  Forderungen  zu  eigen  machte. 
Eine  eigentlich  schopferische  Natur  war  B.  nicht.  Er  hatte  ein  gutes  Verstand- 
nis  fiir  die  auBenpolitischen  Machtbelange  der  damaligen  Zeit  und  erkannte 
die  Gefahren  einer  einseitig  eine  Klasse  oder  Konfession  bekampfenden  Innen- 
politik,  trotzdem  sich  ein  erheblicher  Teil  seiner  politischen  Arbeit  gegen 
Zentrum  und  Sozialdemokratie  richten  muBte.  Aber  seinen  Briefen  und  Reden 
ist  nicht  der  weite  Blick  des  Vorgangers  Bennigsen  und  des  Nachfolgers  Strese- 
mann in  der  Parteifuhrung  eigen.  Sie  spiegeln  die  Auffassungen  des  Tages 
wider,  und  er  suchte  der  Schwierigkeiten  mit  den  Mitteln  des  Tages  Herr  zu 
werden.  Von  politischen  Personlichkeiten  iibte  Fiirst  Biilow  erheblichen  Ein- 
fluB  auf  ihn  aus.  Aus  seiner  Korrespondenz  mit  diesem  ist  klar  ersichtlich, 
daB  Bulow  nach  seinem  Abgang  durch  B.  seine  Politik  im  Reichstag  zu 
verteidigen  suchte.  Auch  Tirpitz  zog  B.  in  den  Bann  seiner  starken  Per- 
sonlichkeit. 

B,s  Wirken  als  Parteifuhrer  laBt  sich  vielleicht  in  drei  Abschnitte  teilen: 
Herstellung  der  Einheit  in  der  Partei,  Unterstutzung  der  Kanzlerschaft  Biilow, 
Bekampfung  der  Kanzlerschaft  Bethmann.  Noch  bei  den  beiden  gegen  die 
Sozialdemokratie  gerichteten  Gesetzentwiirfen  (Umsturz-  und  Zuchthausvor- 
lage),  denen  die  Mehrheit  der  Partei  mit  B.  an  der  Spitze  ablehnend  gegeniiber- 
stand,  dissentierte  ein  erheblicher  Teil  der  Fraktion  und  unterstutzte  sogar  die 
Gegenpartei.  B.  selbst  wurde  als  siiddeutscher  Demokrat  verschrieen,  auch 
Bennigsen  tadelte  seine  Haltung.  Bei  den  Abstimmungen  iiber  den  Zolltarif, 
der  die  Grundlage  der  deutschen  Wirtschaftspolitik  bis  zum  Kriegsausbruch 
wurde,  stimmte  die  Fraktion  im  Jahre  1902  mit  Ausnahme  eines  Einzelgangers 
geschlossen  fiir  die  von  B.  propagierte  mittlere  Linie,  auf  der  der  KompromiB 
der  Reichstagsmehrheit  zustande  kam.  Zwei  Jahrzehnte  friiher  war  es  be- 
kanntlich  gerade  die  Meinungsverschiedenheit  in  den  wirtschaftspolitischen 


i6  1917 

Fragen  gewesen,  die  der  Partei  ihre  ausschlaggebende  Stellung  im  Reichstag 
gekostet  hatte.  Freilich  ist  zu  beachten,  dafi  die  Fiihrung  einer  Partei  nach 
1890  leichter  war  als  zu  den  Zeiten  Bismarcks,  der  durch  sein  riicksichtsloses 
Gegeneinanderausspielen  der  Parteien  gerade  die  ihm  am  nachsten  stehenden 
immer  wieder  vor  schwere  innere  Konflikte  stellte. 

Die  wichtigste  Epoche  fur  den  Iyiberalismus  zu  B.s  Zeiten  waren  wohl  die 
Jahre  der  Blockpolitik  1907  bis  1909.  Durch  die  Zuriickdrangung  der  sozial- 
demokratischen  Vertretung  im  Reichstag  war  die  Nationalliberale  Partei  noch 
einmal  in  die  Lage  ausschlaggebender  Mitwirkung  im  Reichstag  ohne  Zentrums- 
hilfe  gelangt.  Die  »konservativ-liberale  Paarung«,  die  den  linken  Freisinn  ein- 
schlieBen  muBte,  war  nur  moglich,  wenn  die  Nationalliberalen  das  Bindeglied 
bildeten.  Ob  B.  an  der  Vorbereitung  dieser  Wendung  Biilowscher  Politik  be- 
teiligt  war,  laBt  sich  nach  dem  mir  vorliegenden  Material  nicht  feststellen.  Der 
Erfolgsmoglichkeit  soil  er  zunachst  skeptisch  gegeniibergestanden  haben. 
Die  Nachfolge  des  Staatssekretars  des  Reichsjustizamts  Nieberding  lehnte  er 
1907  ab  als  seinem  Naturell  nicht  zusagend:  er  konne  keinen  Posten  iiber- 
nehmen,  bei  dem  er  um  Urlaub  einkommen  miisse,  wenn  er  langer  als  drei  Tage 
fortbliebe.  Das  Reichsvereinsgesetz,  fur  das  die  Nationalliberale  Partei  schon 
1 87 1  einen  Entwurf  eingebracht  hatte,  und  die  Novelle  zum  Borsensteuergesetz 
brachten  dann  aber  unter  intensiver  Mitarbeit  B.s  die  Verwirklichung  alter 
liberaler  Forderungen.  Die  von  Lasker  schon  bald  nach  Griindung  der  Partei 
erstrebte  Zusammenarbeit  mit  dem  Linksliberalismus  wurde  durch  die  poli- 
tische  Konstellation  ebenfalls  Tatsache.  Der  von  linker  Seite  angeregten  Ver- 
schmelzung  der  liberalen  Parteien  zu  einer  liberalen  Gruppe  scheint  B.  nicht 
nachgegangen  zu  sein. 

Auch  den  Stimmen,  die  aus  AnlaB  der  unvorsichtigen  Veroffentlichung  des 
kaiserlichen  Interviews  im  » Daily  Telegraph «  im  Herbst  1908  verantwortliche 
Reichsministerien  verlangten,  der  alte  Programmpunkt  der  Partei  seit  1867, 
gab  B.  keine  Folge.  Er  hat  in  dieser  Zeit  offenbar  gewiinscht,  die  erschutterte 
Stellung  des  Fiirsten  Biilow  nicht  noch  mehr  zu  erschweren,  und  in  diesem 
Sinn  ist  auch  die  Rede  zu  beurteilen,  die  B.  am  10.  November  1908  im  Reichs- 
tag gegen  das  personliche  Regiment  hielt  und  die  er  als  die  schwerste  seines 
I,ebens  bezeichnete.  Er  hatte  seine  Interpellation  dem  Reichskanzler  bereits 
am  3.  November  angekiindigt.  Die  Daily-Telegraph- Affare  ist  dann  doch  die 
Ursache  des  fruhen  Endes  der  Blockpolitik  geworden.  AuBerlich  war  es  aller- 
dings  die  Reichsfinanzreform,  das  Abschwenken  der  Konservativen,  die  dem 
Reich  keine  direkten  Steuern  lassen,  d.  h.  die  Reichsgewalt  nicht  starken  woll- 
ten  und  die  vom  Zentrum  gebotene,  ihnen  genehmere  Losung  fur  die  Auf- 
bringung  der  von  der  Regierung  geforderten  500  Millionen  Mark  annahmen. 
Auch  Heydeb rands  Wort,  »eine  liberale  Ara,  die  von  konservativen  Kraften 
gestutzt  war,  hat  die  Welt  noch  nicht  gesehen«,  gibt  sicher  einen  der  Griinde 
fiir  das  Auseinanderfallen  des  Blocks  an.  Entscheidend  war  aber  doch,  daB 
Biilow  infolge  der  Vorgange  vom  November  1908  der  Riickhalt  am  Kaiser 
fehlte  und  vom  Hof  kein  EinfluB  auf  die  gouvernementalen  Konservativen 
ausgeiibt  wurde,  um  Biilows  Politik  zu  stiitzen.  Die  nachste  Folges  eines  Sturzes 
war,  daB  Konservative  und  Zentrum  als  Mehrheit  die  Friichte  des  Wahlerfolges 
1907  ernteten.  19 12  trat  dann  die  Reaktion  auf  die  unpopularen  Steuern  ein : 
die  Sozialdernokraten  errangen  mit  112  Mandaten  einen  Wahlsieg  in  noch 


Bas9ermann  1 7 

nicht  dagewesenem  AusmaB,  der  die  alte  Moglichkeit  der  schwarzroten  Mehr- 
heit  wieder  herstellte. 

Auf  B.  hat  diese  Wendung  offenbar  auBerordentlich  verbitternd  eingewirkt. 
Seine  Briefe  lassen  von  jetzt  ab  einen  Pessimismus  erkennen,  der  bis  zu  seinem 
Tode  nicht  wieder  schwindet.  Er  vermiBt  die  energische  Fuhrung  der  Reichs- 
politik,  die  er  Biilow  zugetraut  hatte,  und  hatte  von  vornherein  kein  Vertrauen 
zu  dessen  Nachfolger  v.  Bethmann  Hollweg.  Schon  im  Januar  1910  schrieb  er, 
dieser  sei  kein  Mann,  der  iiber  der  Sache  stehe,  sondera  der  kleinmiitig  ohne 
Spur  von  Genialitat  von  den  Schwierigkeiten  bedroht  und  erdriickt  werde. 
Bethmann  versuchte  dann  immer  wieder,  sich  von  dem  Odium  der  Regierung 
mit  dem  schwarzblauen  Block  zu  befreien  und  die  Nationalliberalen  unter 
dem  Schlagwort  der  »Sammlungspolitik«  zu  der  alten  Mehrheit  Konservative, 
Nationalliberale,  Zentrum  zu  gewinnen.  Demgegeniiber  beharrte  B.  auf  der 
Forderung,  daB  der  gesamte  Liberalismus  mitwirken  und  die  Erbschaftsteuer 
und  die  preuBische  Wahlreform  seitens  der  Rechten  bewilligt  werden  muBten. 
Es  ist  zu  beachten,  daB  offenbar  die  giinstigen  Erfahrungen  der  Zusammen- 
arbeit  mit  dem  jetzt  in  der  »Freisinnigen  Volkspartei«  vereinigten  Links- 
liberalismus  B.  ermoglichten,  die  Solidaritat  des  Gesamtliberalismus  energischer 
zu  betonen  als  bisher. 

Die  Wahlen  von  19 12  brachten  B.  personlich  eine  besondere  Enttauschung. 
Der  Verlust  von  9  Mandaten  lieB  sich  verschmerzen,  die  Rechtsparteien  hatten 
weit  starkere  Verluste  zu  beklagen,  und  es  blieb  die  Tatsache  bestehen,  daB 
die  Anhangerzahl  der  Nationalliberalen  im  I^ande  in  standigem  Wachsen  war 
und  an  dritter  Stelle  hinter  Sozialdemokraten  und  Zentrum  stand.  Aber  es 
waren  gerade  die  B.  nahestehenden  Abgeordneten  wie  Stresemann,  Weber  und 
Wachhorst  de  Wente  nicht  wiedergewahlt  worden.  Die  Opposition  der  Alt- 
liberalen  (Fuhrmann,  Schiffer),  die  zum  AnschluB  an  die  Rechte  neigten,  auf 
der  einen,  der  Jungliberalen  auf  der  anderen  Seite  wuchs  in  der  Fraktion  gegen 
ihn.  Im  Februar  19 14  lehnte  er  noch  einmal  den  von  konservativer  Seite  ge- 
machten  und  von  einem  Teil  der  eigenen  Fraktion  unterstiitzten  Vorschlag  ab, 
die  alte  Zolltarifmehrheit  wiederherzustellen,  um  die  Interessen  der  produ- 
zierenden  Stande  bei  den  kiinftigen  Handelsvertragen  geschlossen  vertreten 
zu  konnen.  Dann  brach  der  Krieg  aus  und  lieB  alle  innerpolitischen  Fragen 
einstweilen  verschwinden. 

B.s  Stellungnahme  war  in  den  ersten  zwei  Jahren  des  Weltkrieges  nicht 
wesentlich  anders  als  die  der  iibrigen  Parteifuhrer  von  den  Konservativen  bis 
zu  den  Sozialdemokraten :  er  hoflte,  daB  die  Gegner  trotz  ihrer  zahlenmaBigen 
Uberlegenheit  durch  ihre  militarischen  MiBerfolge  des  Krieges  miide  wiirden 
und  daB  ein  Friede  zustande  kame,  der  Deutschland  fiir  die  Kriegsopfer  ent- 
schadige.  Er  war  dagegen,  daB  man  das  Minimum,  auf  welches  man  bei  den 
Friedensverhandlungen  zuriickgehen  wiirde,  vorher  erkennen  lasse.  In  dieser 
Richtung  suchte  er  personlich  bis  zum  Friihjahr  191 7  Bethmann  zu  beein- 
flussen,  nachdem  ihn  seine  militarische  Tatigkeit  nach  Berlin  zuriickgefuhrt 
hatte.  Sein  eigentliches  Ziel  war  aber,  Bethmann  zu  stiirzen  und  ihn  durch 
den  Fiirsten  Biilow  zu  ersetzen.  Als  dies  unerreichbar  schien,  sich  die  nach 
seiner  Ansicht  falschen  politischen  Handlungen,  wie  die  Erklarung  Polens  zum 
Konigreich  und  das  Friedensangebot  vom  Dezember  1916,  mehrten  und  die 
Zahl  der  militarischen  Gegner  damit  parallelgehend  wuchs,  wurde  er  iiber  den 

DBJ  2 


i8  1917 

Kriegsausgang  immer  skeptischer.  Er  warnte  auch  vor  weiterer  Verschleppung 
der  Reform  des  preui3ischen  Wahlrechts,  die,  je  spater  vollzogen,  desto  radi- 
kaler  ausf alien  miisse.  Als  Hindenburg  Generalstabschef  wurde,  schrieb  er: 
»H.  ist  eine  Hoflnung.  Es  ist  spat,  hoflentlich  nicht  zu  spat;  ein  Jahr  haben 
wir  verloren.« 

Er  erlebte  noch  Bethmanns  Sturz.  Beteiligt  war  er  an  der  Aktion,  die  gleich- 
zeitig  den  Eintritt  von  Parlamentariern  in  die  Reichsregierung  und  damit  eine 
von  B.  schon  1910  prophezeite  Entwicklung  bringen  sollte,  infolge  seines 
schlechten  Gesundheitszustandes  nicht  mehr.  Die  Riicksichtslosigkeit,  mit 
der  er  wahrend  des  Krieges  seine  Gesundheit  einsetzte,  um  den  freiwillig  iiber- 
nommenen  militarischen  wie  politisehen  Anforderungen  zu  genugen,  hat  zu 
seinem  verhaltnismafiig  fruhen  Tod  zweifellos  erheblich  beigetragen.  Wohl  hat 
er  schon  in  Friedenszeiten  in  Augenblicken  der  Enttauschung  verschiedentlich 
mit  dem  Gedanken  gespielt,  sich  von  der  Politik  zuriickzuziehen.  In  Wahrheit 
war  ihm  der  politische  Kampf  Lebensbediirfnis  und  tiefe  Leidenschaft,  der  er 
bedenkenlos  seine  Gesundheit  opferte. 

Literatur:  Ernst  B.,  Nationalliberale.  Handbuch  der  Politik.  i.Auti.  2.  Bd.  Berlin 
1912/13.  —  Karola  B.,  Ernst  B.  1854 — 1917.  Mannheim  [1919]. —  Richard  Eickhoff, 
Politische  Profile:  S.  121/28  Ernst  B.  Dresden  1927.  —  Fritz  Mittelmann,  Ernst  B.  Reden 
und  Aufsatze.  1.  Bd.  Berlin  1914.  —  Ernst  Muller-Meiningen,  Parlamentarismus.  S.  176/77. 
Berlin  1926.  —  Wilhelm  Spickernagel,  Fiirst  Bulow.  Hamburg  [192 1].  —  Stresemann, 
Reden  und  Schriften.  1.  Bd.  S.  140/163:  Ernst  B.  Dresden  1926. 

An  ungedrucktem  Material  konnte  ich  die  mir  freundlichst  vom  Em pf anger  iiberlassenen 
Brief e  B.s  an  Stresemann  und  einige  Aufzeichnungen  B.s  iiber  politische  Vorgange  be- 
nutzen.  Der  iibrige  umfangreiche  schriftliche  NachlaB  befindet  sich  im  Besitz  von  Frau 
Julia  B.,  Mannheim;  er  konnte  von  mir  leider  nicht  eingesehen  werden. 

Potsdam.  HansGoldschmidt. 

Beck,  Theodor,  Professor,  Dr.-Ing.  ehrenhalber,  *  am  3.  Juni  1839  in  Darm- 
stadt, t  am  3°-  Jul*  I9I7  daselbst.  —  Theodor  B.  war  ein  Sohn  des  Groflh.  Hes- 
sischen  Ministerialsekretars  Friedrich  B.  in  Darmstadt;  seine  Mutter  Auguste 
war  eine  Tochter  des  Geh.  Medizinalrats  Professor  Dr.  LudwigNebel  in  Giel3en. 
Er  besuchte  das  GroBh.  Gymnasium  in  Darmstadt  1851 — 1853,  dann  vom  An- 
fange  des  Wintersemesters  1854/55  bis  zum  Schlusse  des  Schuljahres  1855/56  die 
Grofih.  Hohere  Gewerbeschule,  an  der  er  im  September  1856  mit  sehr  guten 
Noten  die  Maturitatspriifung  bestand.  Bis  zum  September  1857  arbeitete  er 
dann  praktisch  bei  dem  Schlossermeister  Carl  Schnabel  in  Darmstadt ;  in  dem 
vortreff lichen  Zeugnis  nennt  ihn  sein  Lehrmeister  »einen  ausgezeichneten 
jungen  Mann,  von  dem  bei  fortdauerndem  Fleifle  dermaleinst  GroCes  zu  er- 
warten  ist«.  Gleichzeitig  besuchte  B.  auch  den  Unterricht  im  Konstruktions- 
zeichnen  bei  I.  Schroder,  dem  Griinder  der  spater  so  bekannt  gewordenen 
Schroderschen  Modellfabrik  in  Daimstadt. 

In  denStudienjahren  1857/58  und  1858/59  besuchte  Theodor  B.  diebeiden 
Kurse  der  mechanisch-technischen  Fachschule  der  GroCh.  Badischen  poly- 
technischen  Schule  in  Karlsruhe,  die  damals  die  einzige  wirkliche  technische 
Hochschule  in  Deutschland  war.  Seine  Lehrer  waren  Redtenbacher,  Riegler, 
Eisenlohr  und  Seubert;  den  groBten  EinfluB  auf  ihn  iibte  Jakob  Ferdinand 
Redtenbacher  aus,  dem  er  bis  an  seinen  Tod  ein  treues  und  dankbares  An- 
denken  bewahrte. 


Bassermann.  Beck 


*9 


Nun  arbeitete  B.  ein  Jahr  lang  in  der  Montierwerkstatte  der  Maschinenfabrik 
und  EisengieBerei  Darmstadt,  dann  —  1861  bis  1862  —  auf  dem  technischen 
Bureau  der  Main-Weser-Bahn  in  GieBen.  Dann  ging  er  nach  Schottland  und 
arbeitete  9  Monate  hindurch  als  Zeichner  in  den  Scotland  Steel  Iron  Works  der 
Firma  Mirrlees  &  Tait  in  Glasgow,  dann  bei  David  Napier  in  London,  endlich 
—  1865/66  —  bei  C.  Hoppe  in  Berlin.  Aus  alien  diesen  Stellungen  liegen  glan- 
zende  Zeugnisse  iiber  seinen  FleiJ3,  seine  Tiichtigkeit  und  seine  Kenntnisse  vor. 

Im  Jahre  1867  wurde  B.  Teilhaber  der  Maschinenfabrik  von  Kleyer  &  Beck, 
spater  Beck  und  Rosenbaum  in  Darmstadt,  die  noch  heute  besteht.  Im  Jahre 
1885  trat  er  aus,  um  sich  seinen  wissenschaftlichen  Arbeiten  zu  widmen.  Er 
habilitierte  sich  als  Privatdozent  an  der  Technischen  Hochschule  in  Darmstadt 
und  war  in  ausgedehntem  MaBe  schrif  tstellerisch  tatig.  An  der  Hochschule  hielt 
er  viele  Jahre  hindurch  Vorlesungen  iiber  Gewichts-  und  Kostenberechnung  im 
Maschinenbau  und  erhielt  den  Professortitel.  AuBerdem  war  er  1889 — 1903 
Sekretar  der  Handelskammer  Darmstadt,  deren  Mitglied  er  von  1875  an  ge- 
wesen  war.  Gelegentlich  der  Feier  seines  25Jahrigen  Bestehens  im  Jahre  1905 
verlieh  der  Niederosterreichische  Gewerbeverein  Theodor  B.  eine  von  Professor 
Stephan  Schwartz  ausgefuhrte  Plakette,  die  der  Verwaltungsrat  des  Vereins 
hatte  anfertigen  lassen,  »um  sie  den  bewahrten  Freunden  und  Forderern  des 
technologischen  Gewerbemuseums  zu  widmen «.  Eine  noch  hohere  Ehrung 
wurde  Theodor  B.  am  26,  Juni  1909  zuteil.  AndiesemTage  ernannte  ihn  die 
GroBh.  Badische  Technische  Hochschule  zum  Dr.-Ing.  ehrenhalber  »in  An- 
erkennung  der  Verdienste  um  die  technischen  Wissenschaften,  die  er  sich  durch 
seine  umf  assenden  Forschungsarbeiten  und  Mitteilungen  iiber  die  Geschichte 
der  Technik  erworben  hat«.  Diese  hohe  Auszeichnung  bereitete  dem  riihrend 
bescheidenen  Manne  eine  groBe  Freude. 

Im  Jahre  1869  verheiratete  sich  Theodor  B.  mit  Sophie,  Tochter  des  Hofrats 
Friedrich  Baer  in  Miinchen. 

Die  wissenschaftlichen  Arbeiten  Theodor  B.s  gehoren  fast  alle  einem  leider 
nur  wenig  beachteten  und  bearbeiteten,  aber  hochst  interessanten  und  wich- 
tigen  Gebiete  an  —  der  Geschichte  des  Maschinenbaues.  Gerade  fur  uns  heutige 
Menschen,  die  wir  taglich  die  fabelhaftesten  Fortschritte  der  Technik  erleben, 
ist  es  von  hochstem  Werte,  zu  erkennen,  auf  welch  muhseligem  Wege  die 
Menschheit  sich  zu  der  Hohe  technischen  Konnens,  die  sie  heute  erreicht  hat, 
hin  auf  arbeiten  muBte.  Der  Wunsch  diesen  Weg  kennenzulernen,  hat  auch 
Theodor  B.  zu  seinen  uberaus  griindlichen  und  miihevollen  geschichtlichen 
Forschungen  veranlaBt,  die  in  so  besonderer  Weise  seiner  stets  auf  das  Griind- 
liche  und  Grundlegende  gerichteten  Natur  entsprachen. 

Die  alteren  geschichtlichen  Abhandlungen  B.s  erschienen  in  den  Jahren  1886 
bis  1896  einzeln  in  der  Zeitschrift  »Der  Zivilingenieur«,  die  spateren —  nach- 
dem  diese  Zeitschrift  eingegangen  war —  in  der  » Zeitschrift  des  Vereins  deut- 
scher  Ingenieure«.  Professor  Riedler  war  es,  der  den  Vorstand  des  genannten 
Vereins  auf  die  hohe  Bedeutung  der  Arbeiten  B.s  aufmerksam  machte  und  ihre 
Herausgabe  in  einem  stattlichen  Bande  veranlaBte.  Der  Verein  deutscher 
Ingenieure  bewilligte  einen  namhaften  Beitrag  zu  den  Herstellungskosten.  Die 
erste  Auflage  erschien  1899  unter  dem  Titel  »Beitrage  zur  Geschichte  des 
Maschinenbaues «,  die  zweite,  vermehrte  Auflage  (582  S.)  schon  1900.  (Verlag 
von  Julius  Springer  in  Berlin.) 


20  1917 

Diese  zweite  Auflage  umf afit  folgende  Abhandlungen :  Heron  der  Altere  von 
Alexandria  (um  120  v.  Chr.)  und  seine  Vorganger;  Pappus  der  Alexandriner ; 
Marcus  Vitruvius  Pollio;  Sextus  Jul.  Frontinus;  Cato  der  Altere;  Leonardo  da 
Vinci  (3  Abhandlungen) ;  Vanuccio  Biringuccio ;  Georgius  Agricola ;  Hieronymus 
Gardanus;  Jacques  Besson ;  Agostino  Ramelli ;  Buonaiuto  Lorini;  Giambattista 
della  Porta;  Skizzen  aus  der  Zeit  der  Hussitenkriege ;  Vittoria  Zonka;  Juanelo 
Turriano;  Heinrich  Zeising;  Domenico  Fontana  und  der  Transport  der  Vati- 
kanischen  Obelisken;  Salomon  de  Caus;  Faustus  Verantius;  Jacob  de  Strada; 
Giovanni  Branca;  Marinus  Mersenne;  Georg  Philipp  Harstorffer;  James  Watt 
und  die  Erfindung  der  Dampfmaschine. 

AuBer  den  in  dem  genannten  Bande  vereinigten  Abhandlungen  sind  noch  die 
folgenden  besonders  zu  bemerken:  Kinematik,  5  Abhandlungen  im  »Zivil- 
ingenieur«  1876 — 1879,  Joann  Leucheron  (»  Zeitschrift  des  Vereins  deutscher 
Ingenieure«  1901.  Bd.  45),  Kaspar  Schott  (daselbst  1902,  Bd,  46),  Leonardo 
da  Vinci,  vierte  Abhandlung:  Codice  atlantico,  nach  der  von  der  »Accademia  dei 
Lincein  veranstalteten  Ausgabe  (Band  50  derselben  Zeitschrift,  1906),  Kosten- 
berechnung  in  der  Maschinen-Fabiikation  (daselbst,  Band  37),  Biographien 
englischer  Ingenieure  von  1750 — 1850  (dieselbe  Zeitschrift  1900 — 1903),  die 
Geometrie  krummliniger  Figuren  Leonardos  da  Vinci  (» Zeitschrift  fiir  gewerb- 
lichen  Unterricht,  Jahrgang  XVIII,  Nr.  12  u,  13),  endlich  Evangelista  Torricelli 
1608 — 1647,  » Zeitschrift  des  Vereins  deutscher  Ingenieure «  1908).  Die  Summe 
sorgfaltigster,  griindlichster  Quellenforschung,  die  in  diesen  Arbeiten  nieder- 
gelegt  ist,  fordert  Staunen  und  Bewunderung  heraus.  Ihren  reichen  Inhalt  auf 
dem  beschrankten,  hier  zur  Verfiigung  stehenden  Raume  auch  nur  andeutungs- 
weise  zu  besprechen,  ist  unmoglich.  Die  meisten  dieser  Abhandlungen  bestehen 
namlich  aus  einzelnen,  oft  nur  kurzen  Beschreibungen  der  verschiedensten 
Maschinen  und  Vorrichtungen.  Schon  die  einfache  Aufzahlung  der  behandelten 
Gegenstande  wiirde  Seiten  fiillen.  Daher  kann  auch  von  einer  kritischen  Be- 
wertung  der  Arbeiten  an  dieser  Stelle  keine  Rede  sein.  Bemerkt  sei  nur,  daB  B. 
stets  bis  zu  den  eigentlichen  Quellenschriften  hinabstieg  und  sich  niemals  auf 
Mitteilungen  aus  zweiter  Hand  verlieB.  Besonders  hingewiesen  sei  auch  auf  die 
liberaus  zahlreichen,  mit  unubertrefflicher  Klarheit,  Sorgfalt  und  Sauberkeit 
gezeichneten  Figuren. 

Theodor  B.  besaB  eine  ungewohnlich  umfassende  Bildung.  DaB  er  ein  iiber- 
aus  griindlicher  Kenner  des  Maschinenbaues  war,  versteht  sich  wohl  von  selbst ; 
aber  seine  ausgedehnten  Quellenstudien  erforderten  auch  ungewohnliche  Kennt- 
nisse  in  den  alten  und  neuen  Sprachen.  Er  liebte  die  Mathematik  und  besaB 
griindliche  Kenntnisse  in  dieser,  seinem  ganzen  Wesen  so  sehr  entsprechenden 
Wissenschaft  der  Klarheit.  Ganz  besonders  stark  war  er  in  der  Geometrie  und 
zog  stets  —  ihrer  Anschaulichkeit  und  Durchsichtigkeit  wegen  —  die  geo- 
metrische  Losung  einer  Aufgabe  der  analytischen  vor.  Dennoch  war  er  auch 
ein  vortrefflicher  Rechner. 

Theodor  B.  war  die  verkorperte  Anspruchslosigkeit  und  Bescheidenheit.  Still 
lebte  er  seiner  Familie  und  seiner  Forscherarbeit.  Er  sprach  wenig  und  liebte  es 
nicht,  von  sich  reden  zu  machen.  In  der  bescheidenen  Mittelstadt,  in  der  er  ge- 
borenward,  sein  Leben  mit  kurzen  Unterbrechungen  zubrachte  und  starb, 
kannten  ihn  nur  wenige  Menschen,  und  nur  einzelne  von  diesen  wenigen  mogen 
gewuBt  haben,  einen  wie  bedeutenden  Mitbiirger  sie  in  ihm  besaBen.  Sogenannte 


Beck.  Behring  21 

Vergniigungen  liebte  er  nicht;  seine  einzige  Erholung  waren  Spaziergange  in 
die  herrliche  Umgebung  seiner  Vaterstadt.  Er  war  ein  riistiger  und  ausdauern- 
der  FuBganger.  Er  war  bis  zu  seiner  letzten  Krankheit  —  dank  seinem 
kraftigen  Korper  und  seiner  auBerst  maBigen  und  regelmaBigen  Lebensweise — 
ein  kerngesunder  Mann.  —  GroBere  Reisen  machte  er  nur  sehr  selten;  erst 
nach  vollendetem  70.  Iyebensjahre  unternahm  er  mit  seiner  Frau  eine  Reise  in 
die  Alpen . 

B.s  Charakter  war  lauter,  rein  und  edel.  Er  war  giitig,  gerecht  und  teilnahms- 
voll,  mild  und  versohnlich  in  seinem  Urteil  iiber  andere.  Ruhig  und  ausge- 
glichen,  wie  er  war,  lag  ihm  alles  Leidenschaftliche  fern.  In  unserem  jahre- 
langen,  freundschaftlichen  Verkehr — von  1893  bis  an  sein  Ende — habe  ich 
ihn  niemals  zornig  oder  aufgebracht  gesehen. 

Ein  eigentlicher  Geschaftsmann  war  Theodor  B.  auch  als  Maschinenfabrikant 
—  die  Firma  Beck  &  Rosenbaum  beschaftigte  sich  vorwiegend  mit  der  Her- 
stellung  von  Brauerei-Einrichtungen  —  niemals.  Sein  holier  Sinn  war  nicht  auf 
Geldverdienen,  sondern  nur  auf  Erkenntnis  gerichtet.  Echter  Forscherdrang 
war  es,  der  ihn  zu  seiner  ergebnisreichen  I^ebensarbeit  begeisterte. 

Literatur:  Der  Nachlafi  Theodor  B.s  —  Schriftstiicke,  Zeugnisse,  Drucksachen,  Do- 
kumente  usw.  —  befindet  sich  im  Besitze  seiner  jiingeren  Tochter,  Fraulein  Emily  B., 
Darmstadt,  SandstraBe  32.  —  Vgl.  unten  S.  218  ff.  iiber  B.s  Bruder  Ludwig  B. 

Darmstadt.  Ferdinand  Meisel. 


Behring,  Emil  v.,  Prof.  Dr.  Wirkf.  Geh.-Rat,  Exzellenz,  o.  6.  Professor  der 
Hygiene  und  experimentellen  Therapie  an  der  Universitat  Marburg,  *  am 
15.  Marz  1854  m  Hansdorf  bei  Deutsch-Eylau  in  WestpreuBen,  f  am  31.  Marz 
1917  in  Marburg.  —  Bis  zum  13.  Lebensjahr  wurde  B.  im  elterlichen  Hause 
von  seinem  Vater  August  B.,  der  Lehrer  in  Hansdorf  bei  Deutsch-Eylau  war, 
unterrichtet.  Er  besuchte  sodann  das  Gymnasium  in  Hohenstein  i.  Ostpr. 
bis  zu  seinem  Eintritt  in  das  Kgl.  Friedrich-Wilhelm-Institut  in  Berlin  im 
Oktober  1874.  Am  24.  Februar  1877  bestand  er  das  Physikum,  am  15.  August 
1878  promo vierte  er  zum  Dr.  med.y  mit  der  Dissertation:  Neuere  Beob- 
achtungen  iiber  die  Neurotomia  opticociliaris,  und  bestand  im  Juni  1880  das 
medizinische  Staatsexamen. 

Nach  Beendigung  seiner  arztlichen  Studienzeit  wurde  er  zunachst  fiir  kurze 
Zeit  als  Unterarzt  an  die  Charite  nach  Berlin  kommandiert,  hierauf  nach 
Wehlau  in  das  Fusilierbataillon  des  59.  Regiments  und  von  dort  als  Assistenz- 
arzt  zum  2.  Leibhusarenregiment  nach  Posen  versetzt.  Dort  hatte  er  im 
Laboratorium  der  Versuchsstation  unter  Dr.  Wild  Gelegenheit  zu  chemischen 
Studien,  die  sich  vorwiegend  mit  der  Frage  der  Wirkungsweise  antiseptischer 
Mittel  befafiten  und  im  Jahre  1882  teils  in  der  »Deutschen  Medizinischen 
Wochenschrift*,  teils  in  der  »  Berliner  Klinischen  Wochenschrift«  veroffentlicht 
worden  sind.  Man  wird  kaum  fehlgehen,  wenn  man  annimmt,  daB  in  diesen 
Jahren  schon  der  Grund  gelegt  wurde  fiir  die  Gedankenrichtung,  die  B.s 
spatere  Lebensarbeit  beherrschten,  die  Idee  der  biologischen  Desinfektion 
bzw.  Desintoxikation.  Im  Juli  1883  wurde  B.  auf  eigenen  Wunsch  zur  4.  Schwa- 
dron  der  WestpreuBischen  Kiirassiere  nach  Winzig  versetzt,  wo  ihm  auch 
Gelegenheit  zur  Ausiibung  einer  privatarztlichen  Praxis  und  zur  Vorbereitung 


22  1917 

auf  das  Kreisarztexamen  geboten  war,  das  er  im  Marz  1885  ablegte.  Im  gleichen 
Jahre  nahm  er  in  Wiesbaden  im  Untersuchungsamt  des  Direktor  Dr.  Schmidt 
unter  Leitung  des  Dozenten  Dr.  August  Pfeiffer  einen  Kursus  in  Bakteriologie, 
jener  neuen  Spezialwissenschaft,  die  dank  der  wenige  Jahre  zuvor  von  Robert 
Koch  gemachten  Entdeckungen  in  raschem  Aufbluhen  begriffen  war. 

Nach  Beendigung  des  bakteriologischen  Kurses  in  Wiesbaden  wurde  B. 
zunachst  nach  Bojanowo  versetzt,  und  im  August  1885  zum  kommissarischen 
Kreis-  und  Wundarzt  in  Rawitsch  bestellt.  Aber  die  rein  arztliche  bzw.  kreis- 
arztliche  Tatigkeit  befriedigte  ihn  nicht  ganz.  Zwei  Jahre  spater  finden  wir 
B.  in  Bonn,  wo  er  hauptsachlich  bei  dem  bekannten  Pharmakologen  Binz 
arbeitete.  Aus  dieser  Zeit  stammen  die  Arbeiten  iiber  Jodoform  und  Azetylen 
(» Deutsche  Med.  Wochenschrift«,  1887,  Nr.  20)  und  »t)ber  die  physiologischen 
und  die  (choleraahnlich)  toxischen  Wirkungen  des  Pentamethylendiamins 
(Cadaverin  L.  Briegers)«  in  der  »  Deutschen  Medizinischen  Wochenschrift*,  1888, 
Nr.  24.  Im  Jahre  1889  ge^ang  es  B.,  Assistent  bei  dem  damals  schon  welt- 
beriihmten  und  gefeierten  Robert  Koch  im  Hygienischen  Institut  der  Univer- 
sitat  Berlin  zu  werden.  So  wurde  auch  B.  einer  der  Schuler  Kochs.  Aber  er 
war  von  Anfang  an  mehr  als  bloB  ein  Schuler  Kochs.  Er  brachte  seine  eigenen 
Ideen  mit.  Verfasser,  dem  es  leider  nicht  vergonnt  war,  B.  personlich  zu 
kennen,  erinnert  sich  einer  Unterhaltung,  die  er  fern  von  der  Heimat  in  Schang- 
hai  im  Sommer  1917  mit  dem  gerade  zu  Besuch  dort  weilenden  bekannten 
Pathologen  H.  Welch  von  der  John  Hopkins  University  in  Baltimore  iiber 
Emil  von  B.,  dessen  Tod  uns  eben  bekannt  geworden  war,  hatte.  Welch,  der  zu 
jener  Zeit  auch  in  Deutschland  studiert  hatte,  sprach  mit  grofler  Lebhaftigkeit 
davon,  wie  man  im  Kreise  der  Kochschen  Assistenten  und  Schuler  mit  einer 
seltsamen  Mischung  von  Spott  und  Bewunderung  auf  den  »verriickten«  Stabs- 
arzt  wies,  der  im  Korper  Gegengifte  erzeugen  wollte.  Und  Max  v.  Gruber  erzahlt, 
wie  ein  fruherer  Schuler  Kochs  bereits  1888  iiber  den  jungen  Stabsarzt  B. 
berichtet  hatte:  »Niemand  im  Institut  kann  sich  seinem  EinfluB  entziehen, 
und  alle  erwarten  AuBerordentliches  von  ihm.«  In  Wernicke  fand  B.  einen 
treuen  und  zuverlassigen  Mitarbeiter,  und  schon  bald  nach  seinem  Eintritt  in 
den  Kochschen  Kreis  konnte  B.  iiber  wissenschaftliche  Ergebnisse  von  groBter 
Tragweite  berichten.  In  der  » Deutschen  Medizinischen  Wochenschrift«  Nr.  49 
(1890)  veroffentlichte  B.  zunachst  eine  kurze,  aber  inhaltschwere  Arbeit: 
»t)ber  das  Zustandekommen  der  Diphtherie-Immunitat  und  der  Tetanus-Immu- 
nitat«,  zusammen  mit  Kitasato,  der  ihm  das  zur  Tetanus-Immunisierung  not- 
wendige  Tetanusgift  geliefert  hatte.  Die  fur  die  Diphtherie-Immunisierung 
und  die  Heilserumtherapie  grundlegende,  eingehende  Mitteilung  hat  B.  1892 
zusammen  mit  Wernicke  in  der  Zeitschrift  fur  Hygiene  und  Infektionskrank- 
heiten  Bd.  XII  (Uber  Immunisierung  und  Heilung  von  Versuchstieren  bei 
der  Diphtherie)  veroffentlkht.  Behring  und  Wernicke,  unlosbar  sind  diese  bei- 
den  Namen  verkniipft  mit  der  Entdeckung  des  Diphtherieheilserums :  B.,  der 
leidenschaftliche  Schopfer  und  Trager  des  Gedankens  der  Serumtherapie, 
Wernicke,  der  unermudliche,  sorgfaltige  Experimentator  und  treue  Bundes- 
genosse  B.s  in  dem  Auf  und  Nieder  der  wechselvollen  ersten  Jahre  ihres 
Schaffens.  Nach  dieser  wissenschaftlichen  GroBtat  war  es  selbstverstandlich, 
daB  der  damalige  Stabsarzt  B.  seine  militarische  Laufbahn  auf  gab,  um 
sich  ganz  seinen  Forschungen  und  der  Bearbeitung  des  von  ihm  eroffneten 


Behring  23 

vielversprechenden  Gebietes  widmen  zu  konnen.  Auch  auBere  Ehrungen 
stellten  sich  ein.  Nachdem  B.  1893  den  Titel  Professor  erhalten  hatte,  wurde 
ihm  1894  das  Ordinariat  fur  Hygiene  an  der  Universitat  Halle  und  bald  darauf 
das  in  Marburg  iibertragen.  Die  Jahre  1890  bis  1894  waren  fur  B.  und  seine 
neue  Heilserumlehre  besonders  kritisch  gewesen.  Er  hatte  in  dieser  Zeit  den 
groBen  Sturm  der  Kritiker,  Zweifler,  Spotter  und  Gegner  seiner  neuen 
Lehre  zu  bestehen.  Und  er  hat  ihn  siegreich  bestanden.  Die  praktische  Brauch- 
barkeit  seines  Heilverfahrens  war  nunmehr  allgemein  anerkannt.  Der  preu- 
Bische  Kultusminister  wollte,  in  voller  Wiirdigung  der  groBen  Bedeutung  des 
B.schen  Werkes,  mit  der  Berufung  nach  Marburg  B.  eine  moglichst  ruhige  und 
geeignete  Arbeitsstatte  verschaffen.  Das  kleine  Marburg  mit  seiner  verhaltnis- 
maBig  geringen  Studentenzahl  schien  hierzu  besonders  geeignet,  urn  so  mehr, 
als  hier  in  der  gerade  frei  gewordenen  alten  Roserschen  Klinik  groBe  Raume 
verfiigbar  waren,  die  fur  Laboratoriumszwecke  umgebaut  werden  konnten. 
Zu  B.s  Unterstiitzung  im  Unterricht  wurde  zuerst  der  Stabsarzt  Dr. Wernicke 
nach  Marburg  versetzt.  Spater  wurde  eine  Zweiteilung  des  Instituts  vorge- 
nommen:  es  wurde  eine  Abteilung  fur  Hygiene  und  eine  Abteilung  fur  ex- 
perimentelle  Therapie  geschaffen.  Die  Hygiene  vertrat  Bonhoff,  und  dadurch 
wurde  B.  die  Sorge  fur  den  Unterricht  fast  ganz  abgenommen.  B.  selbst  iiber- 
nahm  die  Abteilung  fiir  experimentelle  Therapie  und  behielt  die  Direktion  des 
ganzen  Institutes.  Vom  Jahre  1894  bis  zu  seinem  Tode  (1917)  wirkte  B.  in  der 
reizvollen  Universitat  des  Hessenlandes,  in  Marburg.  In  der  Universitat,  in 
der  Stadt  und  ringsherum  im  Gelande  trifft  man  noch  heute  iiberall  die 
Spuren  seiner  Tatigkeit. 

Zunachst  warf  sich  B.,  unterstiitzt  von  seinen  Schiilern  und  Mitarbeitern 
Wernicke,  Boer,  Kossel,  Kitashima,  Ransom,  Siebert,  Knorr,  v.  Lingels- 
heim,  Romer,  Much  u.  a.,  mit  der  leidenschaftlichen  Energie  seiner  Person- 
lichkeit  auf  den  weiteren  wissenschaftlichen  und  praktischen  Ausbau  seiner 
Entdeckungen.  Es  gait,  die  Methoden  der  Herstellung  des  Diphtherie-  und  des 
Tetanus- Heilserums  zu  verbessern  und  technisch  so  zu  gestalten,  daB  dem 
sich  bald  einstellenden  Massenbedarf  an  Heilserum  in  der  Praxis  entsprochen 
werden  konnte.  Zu  diesem  Zwecke  trat  B.  in  Verbindung  mit  den  Farbwerken 
Meister,  Lucius  &  Briining  in  Hochst  a.  M.  und  griindete  spater  ein  eigenes 
Unternehmen,  das  » Behring- Werk«,  Marburg,  das  sich  spater  zu  der  Aktien- 
gesellschaft  »Behringwerke«  entwickelte.  Von  den  Hochster  Farbwerken 
wurde  ihm  auf  der  Hone  des  SchloBberges  ein  besonderes  Forschungsinstitut 
errichtet,  das  spater  (1920)  den  Namen  »Institut  fiir  experimentelle  Therapie 
Emil  von  Behring*  erhielt  und  1920  bis  1923  von  Uhlenhuth,  1923  bis  1927 
von  Dold  geleitet  wurde. 

Es  gait  vor  allem,  MeB-  und  Prufungsmethoden  fiir  die  Toxine  und  die  Anti- 
toxine  zu  schaffen.  Diese  grundlegenden  und  noch  heute  giiltigen  Arbeit  en 
sind  zum  groBten  Teil  in  engster  Zusammenarbeit  mit  Paul  Ehrlich  (s.  DBJ. 
1914 — 16,  S.  126  ff.),  dem  damaligen  Direktor  des  Staatlichen  Instituts  fiir 
experimentelle  Therapie  in  Berlin-Steglitz,  spater  in  Frankfurt  a.  M.,  ent- 
standen.  Neben  diesen,  dem  weiteren  Ausbau  seiner  Heilserumbehandlung 
dienenden  Forschungen  nahm  B.  ein  neues  wichtiges  Gebiet,  die  Frage  der 
Heilung  und  Verhiitung  der  Tuberkulose  in  Angriff.  Die  materiellen  Vorteile, 
die  ihm  aus  seinen  praktisch  so  bedeutungsvollen  Entdeckungen  zuflossen, 


24  *9i7 

lieB  er  seinen  viel  Geld  verschlingenden  neuen  Arbeiten  namentlich  auf  dem 
Gebiet  der  Tuberkulose  zugute  kommen.  Zuerst  sahes  aus,  als  ob  es  auch  auf 
diesem  Gebiete  B.  gelingen  wiirde,  einen  groBen  Sieg  zu  erringen.  B.  hatte  die 
Hoffnung,  auch  bei  der  Tuberkulose  wie  bei  der  Diphtheric  und  beim  Tetanus 
eine  ubertragbare  Giftimmunitat  erreichen  zu  konnen.  Da  das  Tuberkulin 
sich  fur  diesen  Zweck  als  zu  wenig  wirksam  envies,  trachtete  B.  danach,  starker 
wirksame  Gifte  aus  den  Tuberkelbazillen  zu  gewinnen.  Und  in  der  Tat  konnte 
er  Stoffe  aus  den  Tuberkelbazillen  extrahieren,  die  um  ein  Vieltausend- 
faches  giftiger  waren  als  das  Alttuberkulin.  Leider  gelang  es  aber  auch  mit 
so  hochwirksamen  Giften  nicht,  kraftige  und  praktisch  brauchbare  Heilsera 
zu  erhalten.  Nach  diesem  Fehlschlag  wandte  sich  B.  dem  alten  Pasteurschen 
Immunisierungsprinzip,  Erzielung  einer  Immunitat  gegen  virulente  Bak- 
terien  durch  Einverleibung  der  geschwachten  Bakterien  der  gleichen  Art,  zu. 
Im  Gegensatz  zu  Robert  Koch,  der  die  Tuberkelbazillen  des  Menschen  als 
von  den  Perlsuchtbazillen  (Tuberkelbazillen  des  Rindes)  artverschieden  er- 
klart  hatte,  war  B.  zu  der  Auffassung  gekommen,  daB  es  sich  hier  nur  um 
Varietaten  derselben  Art  mit  verschiedener  Virulenz  handele,  und  daB  der 
sogenannte  Typus  humanus  ein  Tuberkelbazillus  von  geringerer  Virulenz  sei. 
Er  versuchte  darum,  das  Rind  mit  Tuberkelbazillen  vom  Typus  humanus 
gegen  die  Perlsucht  zu  immunisieren.  Im  Jahre  1901  trat  B.  mit  seinem  neuen 
Tuberkuloseschutzstoff  fiir  Rinder,  dem  »Bovovakzin«  hervor,  nachdem  er 
zunachst  im  Kleinen,  dann  im  GroBen  das  Verfahren  mit  sehr  gutem  Erfolge 
erprobt  hatte.  Wieder  horchte  die  Welt  auf,  und  ahnlich  wie  nach  der  Ent- 
deckung  des  Tuberkelbazillus  und  des  Tuberkulins  durch  Robert  Koch  ging 
eine  gewaltige  Woge  der  Hoffnung  durch  die  Menschheit.  Aber  wie  damals 
blieb  auch  diesmal  der  Riickschlag  nicht  aus.  Die  ubertriebenen  Hoffnungen 
konnten  sich  nicht  erfullen.  Teils  weil  bei  den  Nachpriifungen  die  Erfolge  nicht 
so  offenkundig  waren,  wie  man  erwartet  hatte,  teils  weil  in  den  maBgebenden 
Kreisen  der  Veterinarmedizin  die  Befreiung  unserer  Rinderbestande  auf  einem 
anderen,  veterinarpolizeilichem  Wege,  durch  das  sogenannte  Tuberkulose- 
tilgungsverfahren,  angestrebt  und  die  B.sche  Methode  der  Schutzimpfung 
stark  befehdet  wurde,  flaute  das  Interesse  fiir  das  neue  Verfahren  bald  wieder 
ab,  und  das  Gefiihl  der  Enttauschung  verdunkelte  die  groBe  Bedeutung  der 
auch  hier  wieder  von  B.  gemachten  wichtigen  Entdeckung:  daB  der  einmal 
tuberkulos  infizierte  Organismus  durch  diese  Infektion  eine  betrachtliche 
Immunitat  gegen  diese  Krankheit  erwerben  kann  und  daB  diese  sogenannte 
Infektionsimmunitat  fiir  den  Verlauf  der  einzelnen  Erkrankung  sowohl 
als  auch  fiir  die  Epidemiologic  der  Tuberkulose  von  der  groBten  Bedeu- 
tung ist. 

Die  Enttauschung  liber  die  Nichtanerkennung  seiner  Auffassungen  iiber 
Tuberkulose  mag  mit  dazu  beigetragen  haben,  daB  sein  Gesundheitszustand 
in  den  folgenden  Jahren  viel  zu  wiinschen  iibrig  lieB  und  ihn  ofters  zwang, 
die  Arbeit,  die  er  so  sehr  liebte,  zu  unterbrechen  und  Erholung  zu  suchen 
auf  Reisen  und  besonders  in  Italien,  wo  er  in  Capri  ein  Besitztum  hatte. 
Zuruckgekehrt  und  wieder  im  Besitz  seiner  Arbeitskraft  griff  er  ein  neues 
Problem  auf,  das  ankniipfte  an  seine  ersten  Entdeckungen.  Bei  dem  Diphtherie- 
heilserum  handelt  es  sich  um  Antitoxine,  die  im  Organismus  von  Tieren  (Pfer- 
den)  gebildet  und  im  Bedarfsfall  dann  dem  kranken  Menschen  einverleibt 


Behring  25 

werden.  Diese  an  artfremdes  EiweiB  gebundenen  passiv  ubertragenen  Anti- 
toxine  werden  aber  bald  wieder  ausgeschieden.  Um  einen  Schutz  von  langerer 
Dauer  zu  erzielen,  versuchte  B.  durch  Einverleibung  eines  feinabgestimmten 
Gemisches  von  Diphtherietoxin  und  -antitoxin  eine  aktive  Immunisierung 
des  Menschen  und  besonders  der  Kinder  zu  erreichen.  Das  Toxin,  das  in  dem 
Toxin-Antitoxin-Gemisch  zunachst  gebunden  ist,  wird  langsam  wieder  abge- 
spalten  und  ruft  eine  allmahliche  Antitoxinbildung  im  menschlichen  Korper 
hervor,  die  dem  betreffenden  Individuum  eine  praktisch  furs  Leben  aus- 
reichende  Immunitat  gegen  Diphtherie  verleiht. 

Dieses  sogenannte  T.-A.-Verfahxen  hat  wahrend  des  Weltkrieges  und  nach- 
her  im  Auslande,  besonders  in  Amerika  durch  die  verdienstvollen  Arbeiten 
von  Park  und  seiner  Schule,  und  in  den  letzten  Jahren  auch  in  Deutschland 
mehr  und  mehr  Eingang  gefunden  und  wird  allgemein  als  ein  groBer  Erfolg 
B.s  und  als  ein  wertvolles  Mittel  im  Kampfe  gegen  die  morderische  Volks- 
seuche  der  Diphtherie  anerkannt. 

Der  Weltkrieg,  dessen  ersten  Jahre  B.  noch  erlebte,  brachte  ihm  noch  die 
groBe  Genugtuung  und  Freude,  die  wunderbare  Wirkung  seines  Tetanus- 
serums  bei  prophylaktischer  Anwendung  erleben  zu  diirfen.  Das  Tetanus- 
serum  zeigt,  bei  der  einmal  ausgebrochenen  Krankheit  angewandt,  meist  eine 
nur  geringe  Heilwirkung,  weil  das  Tetanusgift  sich  zu  schnell  und  zu  fest  am 
Nervensystem  verankert.  Aber  als  Prophylaktikum  gegeben,  unterdriickt 
es  die  Tetanusinfektion  im  Keime.  GroB  war  die  Sterblichkeit  an  Tetanus  in 
den  ersten  Kriegswochen,  ehe  die  Erkenntnis  von  der  Notwendigkeit  einer 
systematischen  Schutzimpfung  gegen  den  Wundstarrkrampf  durchgedrungen 
und  dann  geniigend  Tetanusserum  beschafft  war.  Von  da  ab  verlor  der  Wund- 
starrkrampf fur  die  Verwundeten  seinen  Schrecken.  Vielen  Hunderttausenden 
von  Soldaten  aller  Nationen  hat  B.s  Entdeckung  das  Leben  gerettet. 

Aber  in  diesen  Jahren  des  Krieges,  dessen  Ausgang  B.  sorgenvoll  entgegen- 
sah,  verschlechterte  sich  sein  Gesundheitszustand  mehr  und  mehr,  und  am 
13.  Marz  1917  schloB  Emil  v.  B.  die  Augen  fur  immer.  An  seiner  Bahre  trauer- 
ten  die  Gattin  und  sechs  Sonne,  die  Universitat  und  die  Stadt  Marburg,  deren 
Ehrenbiirger  er  war,  die  deutsche  arztliche  Wissenschaft,  die  einen  ihrer 
GroBten  verloren  hatte. 

B.s  groBe  Bedeutung  fiir  die  Medizin  liegt  darin,  daB  er  zu  einer  Zeit,  da 
Virchows  Zellularpathologie  noch  das  ganze  Denken  der  arztlichen  Welt 
allmachtig  beherrschte,  die  Einseitigkeit  und  Unzulanglichkeit  dieser  Betrach- 
tungsweise  erkannte.  Mit  der  Entdeckung  der  vom  lebenden  Organismus 
erzeugten  spezifischen  Antitoxine  war  die  groBe  Bedeutung  humoralpatho- 
logischer  Vorgange  fiir  Krankheit,  Leben  und  Tod  unzweideutig  und  weithin 
sichtbar  demonstriert.  So  wurde  B.  der  Begriinder  der  Heilserumtherapie 
als  Heilmethode  und  der  Schopfer  der  praktisch  auBerordentlich  wertvollen 
Schutz-und  Heilverfahren  bei  der  Diphtherie  und  beim  Wundstarrkrampf. 
Und  auch  auf  dem  Gebiete  der  Tuberkulose  sind  seine  Arbeiten  nicht  umsonst 
gewesen:  Sein  auf  der  sogenannten  Infektionsimmunitat  sich  aufbauendes 
Schutzimpfungsverfahren  ist  eine  der  groBten  wissenschaftlichen  Leistungen 
auf  diesem  Gebiet,  und  wir  sind  trotz  intensivster  Forschungsarbeit  bei  der 
Tuberkulose  nicht  liber  dieses  B.sche  Immunisierungsprinzip :  Immunitat 
durch  Infektion,  hinausgekommen. 


26  19 17 

B.  war  eine  mit  seltener  Energie  geladene  Natur,  eine  eigensinnige,  eigen- 
willige,  ganz  auf  sich  selbst  stehende  Personlichkeit  voll  zaher  Kraft.  Kampf 
war  sein  Leben.  Und  sein  ward  der  Sieg.  Er  hat  den  Ruhm  seiner  Taten  er- 
leben  dtirfen.  Ehrungen  durch  in-  und  auslandische  Universitaten  und  gelehrte 
Gesellschaften,  durch  Fiirsten  und  Regierungen,  Titel,  Orden,  Ernennung 
zum  Ehrenbiirger  der  Stadt  Marburg,  Erhebung  in  den  erblichen  Adelstand 
wurden  ihm  zuteil.  Und  als  arn  4.  Dezember  19 15  sich  der  Tag,  an  dem  das 
Diphtherieserum  der  Offentlichkeit  bekanntgegeben  worden  war,  zum  funf- 
undzwanzigsten  Male  jahrte,  wurde  auf  Anordnung  des  preuBischen  Kultus- 
ministers  die  Biiste  Emil  v.  B.s  im  Treppenhause  des  Hygienischen  Institutes 
der  Universitat  Marburg  aufgestellt.  GroB  und  stark  war  der  Eindruck,  den 
B.  bei  alien  Marburgern  Fakultatsmitgliedern  seiner  Zeit  hinterlassen  hat. 
Gustav  v.  Bergmann  hat  es  in  der  Chronik  der  Universitat  Marburg  nieder- 
geschrieben : 

»Wir  sehen  in  B.  ein  Leben  als  Anspannung  aller  Krafte,  Kampf  bis  zuletzt; 
geworfen,  erhob  er  sich  noch  einmal,  urn  unter  Qualen  zu  sterben.  Das  Bild 
ist  zu  groB,  um  auf  kleine  Fragen  zu  antworten:  Was  sagen  die  Studenten, 
was  sagen  die  Kollegen?  Wer  ihm  wirklich  nahe  stand,  es  mogen  auBer  Frau 
und  Kindern  nicht  sehr  viele  gewesen  sein,  verehrte,  liebte  ihn  .  .  .  Mogen 
die  anderen,  die  drauBen  standen,  nur  eines  fiihlen:  er  war  auf  einem  groBen 
Gebiet  der  Wissenschaft,  das  geradezu  sein  Gebiet  genannt  werden  darf, 
gigantisch  wie  ein  Naturphanomen,  das  man  erleben  soil  jenseits  von  Liebe 
und  HaB.  Dimensionen  fiihlen,  auch  unter  Zeitgenossen,  das  geniigt.« 

Iviteratur:  Eine  vollstandige  Zusatnmenstellung  der  zahlreichen  Veroffentlichungen 
Emil  v.  Behrings  ist  vom  Verfasser  in  der  Gedenkschrif t :  In  memoriam  Paul  Ehrlich  und 
E.  v.  Behring  zur  70.  Wiederkehr  ihrer  Geburtstage  14./15.  Marz  1924,  Frankfurt  a.  M., 
geliefert  worden.  Es  diirfte  desvvegen  geniigen,  wenn  hier  nur  einige  der  wichtigsten  Arbei- 
ten  B.s  aufgefiihrt  werden,  im  iibrigen  aber  auf  diese  an  anderer  Stelle  erschienene  voll- 
standige Bibliographic  hingewiesen  wird.  —  B.und  Kitasato,  Uber  das  Zustandekommen 
der  Diphtherie-Immunitat  und  der  Tetanus-Immunitat,  Deutsche  Medizinische  Wochen- 
schrift  1890,  Nr.  49.  —  E.  B.,  Untersuchungen  iiber  das  Zustandekommen  der  Diphtherie- 
Immunitat  bei  Tieren,  ebenda  1890,  Nr.  50.  B.  und  Wernicke,  t)ber  Immunisierung  und 
Heilung  von  Versuchstieren  bei  der  Diphtheric  Zeitschrift  f .  Hygiene  und  Infektionskrank- 
heitenBd.  12,  1892.  —  E.  B.,  Zur  Diphtherieheilungsfrage,  Deutsche  Medizinische  Wochen- 
schrift  1894,  Nr.  15 — -17.  —  E.  B.  und  P.  Ehrlich,  Zur  Diphtherie-Immunisierungs-  und 
Heilungsfrage,  ebenda  1894,  Nr.  20.  —  E-  B.  und  Boer,  Oberdie  quantitative  Bestimmung 
von  Diphtherieantitoxinlosungen,  ebenda  1894,  Nr.  21.  —  E.  B.und  Ransom,  Uber  Te- 
tanusgift  und  Tetanusantitoxin,  ebenda  1898,  Nr.  12.  —  B.,  Ransom  und  Kitashima, 
ITber  Tetanusgiftmodifikationen,  Fortschritte  der  Medizin,  1899,  Bd.  17,  Nr.  21.  —  B., 
Ransom  und  Kitashima,  t)berdie  quantitativen  Bindungsverhaltnisse  zwischen  Tetanus- 
gift  und  Tetanusantitoxin  im  lebenden  Meerschweinchenkorper,  ebenda  1899,  Bd.  17, 
Nr.  22.  —  B.,  Ober  die  Artgleichheit  der  vom  Menschen  und  der  vom  Rinde  stammenden 
Tuberkelbazillen  und  die  Tuberkuloseimmunisierung  von  Rindern,  Wiener  Klinische 
Wochenschrift  1903,  Nr.  12.  —  E.  B.,  Uber  Lungenschwindsuchtentstehung  und  Tuber- 
kulosebekampfung,  Deutsche  Med.  Wochenschrift  1903,  Nr.  39.  —  E.  B.,  Die  Bekampfung 
der  Rindertuberkulose  mit  Bovovakzin  und  Tauruman,  Vortrag  14.  Marz  1907.  Arch,  des 
Deutschen  I,andwirtschaftsrates  1907,  Bd.  31.  —  E.  v.  B.  DbereinneuesDiphtherieschutz- 
mittel,  Deutsche  Med.  Wochenschrift,  191 3,  Nr.  19. 

Berlin-Dahlem. 

Hermann  Dold. 


Behring.  Bettinger  27 

Bettinger,  Franz  v.,  Kardinal  der  romischen  Kirche  und  Erzbischof  von 
Miinchen-Freising,  Doktor  der  Theologie,  *  am  17.  September  1850  in  Land- 
stuhl  (Rheinpfalz),  f  am  12.  April  1917  in  Munchen.  —  Kardinal  B.  entstammte 
einfachen  Biirgerverhaltnissen.  Sein  Vater  war  ein  ehrsamer  und  biederer 
Schmiedemeister  in  Landstuhl,  verheiratet  mit  einer  Tochter  des  ortsansassigen 
Mullers  der  Felsenmiihle.  Der  allzeit  gliicklichen  Ehe  entsprossen  neun  Kinder, 
von  denen  zwei  friih  starben.  Ihrem  zweiten  Kinde  und  ersten  Sohne  gaben 
die  Eltern  den  Vornamen  des  Vaters.  Uber  dem  kraftigen  SproBling  lachte  der 
helle  Sonnenschein  eines  vorbildlich  schonen  Ehe-  und  Familienlebens,  von 
dem  die  schwere  Handearbeit  des  Mannes,  das  hauswirtschaftliche  Verstandnis 
und  der  rastlose  FleiB  der  Frau,  die  Geniigsamkeit  und  Sparsamkeit  beider 
ernste  Not  fernzuhalten  wuBten.  Unter  den  warmen  Strahlen  gediehen  des 
Knaben  gesunder  Korper  und  klarer  Verstand,  sowie  die  pfalzischen  Natur- 
gaben  geistiger  Lebhaftigkeit  und  heiteren  Gemiites.  Was  die  Eltern  und  das 
Elternhaus,  in  dem  christliche  Sitte  und  lebenstatiger  Katholizismus  wohnten, 
dem  Sohne  in  der  Jugend  geboten  haben,  ward  von  diesem  nie  vergessen. 
Seiner  Dankbarkeit  durfte  er,  in  selbstandige  Berufsstellung  gelangt,  dadurch 
freudigen  Ausdruck  verleihen,  daB  er  den  Vater  und  die  Mutter  bis  zu  ihrem 
Tode  in  seinem  Hausstande  vor  den  Sorgen  des  Alters  schiitzte. 

Die  vorziiglichen  Geistesanlagen  Franz  B.s  wurden  in  der  Volksschule  seiner 
Heimat  sehr  bald  als  hervorstechend  erkannt.  I^ehrer  und  Erzieher  rieten  zum 
Studium.  Geistliche  Gonner,  die  Ortskaplane  Gumbinger  und  Stadtmiiller  er- 
teilten  nacheinander  den  Vorbereitungsunterricht  zum  Eintritt  in  das  acht- 
klassige  humanistische  Gymnasium  zu  Speyer.  Die  Aufnahme  in  dieses  erfolgte 
zugleich  mit  der  in  das  bischofliche  Konvikt  im  Herbste  1864.  Nach  glanzend 
bestandener  Reifepriifung  begann  der  Absolvent  im  Herbst  1869  das  Fach- 
studium  fiir  den  langst  nach  reiflicher  Uberlegung  frei  und  fest  erwahlten 
Priesterberuf  mit  der  Philosophic  an  dem  damals  noch  bestehenden,  um 
Ostern  1880  aufgehobenen  koniglichen  Lyzeum  zu  Speyer.  Die  nachsten  zwei 
Jahre  1870 — 1872  gehorten  dem  Studium  der  katholischen  Theologie  an  den 
Universitaten  Innsbruck  und  Wiirzburg.  In  jener  Zeit  konnten  die  Theologie- 
kandidaten  die  zwei  bis  drei  ersten  akademischen  Studienjahre  noch  auBerhalb 
eines  Konviktes  oder  Seminars  zubringen.  B.  beniitzte  die  gegebene  Freiheit 
einmal,  um  neben  den  Beruf sstudien  Einblick  in  andere  Wissenschaf ten  zu  ge- 
winnen,  das  geistige  Sehfeld  zu  erweitern  und  an  freien  Tagen  die  herrliche 
Natur  in  der  Umgebung  der  Musenstadte,  Land  und  Leute  auf  Wanderungen 
kennen  zu  lernen,  dann  zum  AnschluB  an  Studentenkorporationen  und  zu 
regster  Tatigkeit  in  denselben  wie  fiir  sie.  Es  war  mehr  denn  ein  gesellschaft- 
licher  Akt,  es  war  die  glaubensmutige  Ubernahme  eines  katholischen  und 
deutschen  Lebensprogrammes  der  Tat  als  der  j  unge  Akademiker  in  Tirols  Haupt- 
stadt  zu  Beginn  des  Winterhalbjahres  1870  in  die  unterm  9.  Juni  1864  ge- 
griindete  katholische  deutsche  Studentenverbindung  Austria  eintrat  und  ein 
Jahr  danach  in  der  Musenstadt  am  Main  sich  an  der  Stiftung  der  gleich- 
gearteten  Verbindung  Markomannia  maBgebend  beteiligte  und  deren  Grund- 
satzen  Religion,  Wissenschaft  und  Freundschaft  mit  dem  Wahlspruch  »Furcht- 
los  und  treu!«  fiir  das  Leben  sich  verpflichtete.  Den  beiden  Verbindungen  und 
dem  sich  stetig  weitenden  Verbande  des  »C.V.«  (Cartellverband  der  katho- 
lischen deutschen  Studentenverbindungen)  in  alien  Landern  deutscher  Zunge, 


28  1917 

die  Jahrzehnte  hindurch  einen  harten  Kampf  um  ihr  Dasein  gegen  nicht  wenige 
erbitterte  Gegner  zu  fiihren  hatten,  blieb  er  mit  tatigem  Interesse  treu  bis  zum 
Tode.  Franz  B.  machte  sich  den  Gedanken  der  katholischen  Universitats- 
studentenverbindung  schon  in  einer  Zeit  zu  eigen,  in  der  weite  katholische 
Laien-  und  Geistlichenkreise  noch  kein  Verstandnis  fiir  ihre  Bedeutung  ge- 
wonnen  hatten.  Sein  klares  Auge  sah  scharfer  in  die  Gegen  wart  und  Zukunft. 
Sein  starker  Wille  entschied  sich  fiir  die  Politik  der  Tat.  Die  Folgezeit  gab  ihm 
recht.  An  der  kirchlichen  und  offentlichen  katholischen  Erneuerung  in  den 
deutschsprachigen  Landern  haben  die  katholischen  Studentenverbande  einen 
nicht  geringen  Anteil.  Als  Priester,  Erzbischof  und  Kardinal  f reute  er  sich  dessen 
gehobenen  Herzens  und  hiefl  jede  neu  erstehende  Vereinigung  willkommen, 
die  sich  auf  die  sittlich-religiose  Grundlage  seiner  Verbindungen  stellte.  Ihn 
erfiillte  und  leitete  die  Idee  der  unerschrockenen  auBeren  Vertretung  des  inner- 
lich  gefestigten  iiberzeugungsvollen  katholischen  Glaubens-  und  Sittlichkeits- 
bewuBtseins. 

Die  theologische  Studienordnung   rief  den  lebensfrohen,  tiichtigen  Hoch- 

schiiler  im  Oktober  1872  zur  wissenschaftlich-praktischen  Berufsausbildung 

als  Alumnus  in  das  bischofliche  Klerikalseminar  nach  Speyer.  Daselbst  emp- 

fing  er  im  Laufe  von  zehn  Monaten  die  Tonsur,  die  niederen  Weihen  und  am 

17.  August  1873  im  Kaiserdom  die  Priesterweihe.  Oberhirtliche  Anweisung 

fiihrte  den  Neupriester,  voll  von  Seelsorgeridealen,  am  30.  Oktober  darauf  als 

Stadtkaplan  nach  Zweibriicken,  als  solchen  dann  am  12.  April  1877  nach 

Kaiserslautern,  als  Hilfspriester  am  16.  September  1878  nach  Reichenbach,  als 

Pfarrverweser  am  17.  April  1879  nach  Lambsheim.  Hier  wurde  er  am  19.  August 

1879  Pfarrer  und  wirkte  in  diesem  Amte  bis  ihm  am  26.  Juni  1888  die  Pfarrei 

Roxheim  ubertragen  wurde.  Konigliche  Ernennung  beforderte  ihn  am  21.  Mai 

1895  zum  Domkapitular  in  Speyer,  woselbst  ihm  auch  die  Verwaltung  der 

Dom-  und  Stadtpfarrei  anvertraut  wurde,  am  24.  Januar  1909  zum  Domdekan 

ebenda  und  auf  Grund  des  bayerischen  Konkordates  unterm  23.  Mai  1909  zum 

Erzbischof  von  Munchen  und  Freising.  Die  papstliche  Prakonisation  erfolgte 

am  26.  Juni  1909  durch  Konsistorialdekret,   die  Bischofskonsekration  und 

Inthronisation  in  der  Metropolitankirche  zu  Unserer  Iyieben  Frau  in  Munchen 

am  15.  August  1909,  kurz  danach  die  Bekleidung  mit  dem  Pallium.  EinigeZeit 

vorher  hatte  dem  ernannten  Erzbischofe  die  theologische  Fakultat  Munchen 

den  Doktortitel  verliehen.  Mit  der  Besitzergreifung  des  erzbischoflichen  Amtes 

war  nach  der  bayerischen  Verfassung  vom  26.  Mai  18 18  der  Eintritt  in  die 

Kammer  der  Reichsrate  und  das  Recht  auf  den  Anredetitel  Exzellenz  verbun- 

den.  Die  konigliche  Erteilung  des  Verdienstordens  der  bayerischen  Krone  gab 

nach  der  Verfassungsurkunde  den  personlichen  Adel  mit  dem  Pradikate  »von«. 

Papst  Pius  X.  kreierte  den  Erzbischof  Dr.  Franz  v.  B.  im  geheimen  Konsisto- 

rium  vom  25.  Mai  1914  zum  Kardinalpriester  der  heiligen  romischen  Kirche 

mit  dem  Titel  S.  Marcelli  von  Rom,  iiberreichte  ihm  am  28.  Mai  im  offentlichen 

Konsistorium  den  Kardinalshut  und  wies  ihn  den  Kongregationen  der  Sakra- 

mente  und  Riten  zu.  Nach  dem  Tode  des  Papstes  Pius  X.  zog  Kardinal  B.  am 

31.  August  1914  in  das  Konklave  im  Vatikan  ein  und  nahm  an  der  Papstwahl 

teil,  aus  der  am  3.  September  Kardinal  Jakobus  della  Chiesa  als  Benedikt  XV. 

hervorging.  Verschiedentlich  trat  in  der  Presse  des  In-  und  Auslandes  die  Be- 

hauptung  auf,  die  Wahl  dieses  vortrefflichen,  der  schweren  Kriegszeitlage  als 


Bettinger  29 

gewachsen  bewahrten  Tragers  der  Tiara  verdanke  die  katholische  Welt  dem 
Miinchener  Kardinal,  der  im  Konklave  zuerst  auf  ihn  hingewiesen  habe  und 
mit  Eifer  und  Geschick  fur  seine  Erhebung  eingetreten  sei.  B.  sprach  nie  ein 
Wort  hieriiber.  Das  Siegel  seines  Mundes  und  sein  Wahleid  blieben  stets  un- 
verletzt.  Einer  spateren  Geschichtschreibung  mag  es  vorbehalten  sein,  aus 
Geheimakten  die  Wahrheit  zu  offenbaren.  Etwas  ist  aber  an  der  Behauptung 
zutreffend  und  erklart  vielleicht  ihre  Entstehung,  das  namlich,  daB  der  diplo- 
matische  Akt  bei  der  nieht  unschwierigen  Papstwahl  dem  Wesen  Kardinal  B.s 
nicht  fremd  gewesen  ware.  Bewies  doch  der  Mann  von  Jugend  auf  einen  auBer- 
ordentlich  scharfen  Wirklichkeitssinn  und  piaktischen  Blick  fiir  alles,  was  die 
schwebende  Stunde  heischte.  Das  unverriickbare  EbenmaB  seines  rasch  auf- 
fassenden  und  tief  schurfenden  Verstandes,  wie  seines  zielbewuBten,  zah,  aber 
unauff allig  und  nie  verletzend  schaffenden  Willens  brachte  ihm  bis  zum  letzten 
Augenblicke  des  nahezu  67Jahrigen  Lebens  den  reichsten  Berufserfolg  ein,  er- 
wirkte  die  auf richtige  Hochachtung  aller  Stande  und  Gesellschaftsklassen  ohne 
Unterschied  der  Konfession  und  Weltauffassung  vor  seiner  Wiirde  und  Person, 
sicherte  ihm  die  vertrauensvolle  Hingebung  und  Verehrung  von  Klerus  und 
Volk  und   befestigte  die  treue  Freundschaft  von  Nahestehenden,  Studien- 
genossen  und  Amtsbriidern.  Der  Zauber  und  das  Geheimnis  der  Kraft  seiner 
Personlichkeit  hatten  ihren  psychologischen  Grund.  B.s  groBe  Seele  ankerte 
in  einem  unerschiitterlichen,  mannlich  starken,  jeder  Gefahr  und  Versuchung 
trotzenden  Glauben  an  Gott  und  Kirche,  in  einer  ererbten  bodenstandigen, 
echten,  kindlichen  Frommigkeit  und  einer  streng  gepflegten,  niemals  irgendwie 
getriibten  Sittlichkeit.  All  das  verlieh  seinem  Leben  und  Wirken  eine  anziehende 
und  eindrucksvolle  Ruhe  und  Sicherheit.  Unterstiitzt  wurde  die  Wirkung  seines 
festen  Charakters  durch  eine  hohe  und  breite  Korpergestalt,  deren  schones 
GleichmaB  und  elastischer  Schwung  die  Harmonie  der  inneren  Krafte  wider- 
spiegelte.  Die  hohe  Stirne,  vollen  Ziige  und  lebhaften  schwarzen  Augen  offen- 
barten  Milde  und  Wiirde,  urwiichsige  Geradheit  und  Ehrlichkeit,  Kraft  und 
Giite  und  lieBen  eine  naturliche,  hinter  vornehmer  Zuriickhaltung  und  Selbst- 
beherrschung  durchbrechende  Lebensheiterkeit  als  Grundstimmung  erkennen. 
Frohliche  sah  er  gern  und  liebte  freundliche  Erholungsplauderei  am  Abend 
nach  getaner  Arbeit.  Unmittelbarer,  ungezwungener  Verkehr  war  ihm  Bediirf- 
nis.  Aus  ihm  schopfte  er  tiefe  Menschenkenntnis  und  gewann  griindlichen  Ein- 
blick  in  die  jeweiligen  Verhaltnisse  und  verlassiges  Urteil  iiber  das  zu  tun  Not- 
wendige  oder  Vorteilhafte.  Die  Tiire  des  Dorf-  und  Dompfarrhauses  stand  jedem 
Rat-  und  Hilfsbediirftigen  offen  und  durch  das  Portal  des  erzbischoflichen 
Palastes  flutete  ein  groBer  Verkehr.  Als  Kirchenfiirst  freute  sich  B.  auf  die  all- 
jahrlichen  Firmungs-,  Visitations-  und  anderen  Dienstreisen  in  seinem  Sprengel, 
weil  er  Klerus,  Volk  und  Land  genauer  kennenlernen  und  mit  seinem  feinen 
Natursinn  die  landschaftlichen  Schonheiten  genieBen  wollte.  Im  Verkehr  mit 
dem  Volke  fuhlte  er  sich  gliicklich  und  den  Armen  spendete  er  materiell  fast 
iiber  seine  Mittel.  Er  war  ein  Volksbischof  im  besten  Sinne  des  Wortes.  Nur 
Boswillige  konnten  dem  Wahn  verf alien,  dieser  Eigenschaft  eine  politisch  an- 
nichige  Bedeutung  unterzuschieben.    Seinem  Konig  und  Land,   Kaiser  und 
Reich  wahrte  er  stets  unentwegte  ehrliche  Treue.  Im  Leben  und  nach  dem  Tode 
ward  ihm  hieriiber  das  beste  autoritative  und  authentische  Zeugnis  ausgestellt. 
Was  er  in  der  Zeit  des  Volkerkrieges  fiir  das  Vaterland  im  Felde  und  in  der 


30  1917 

Heimat  geleistet,  laBt  in  einem  kleinen  Ausschnitt  der  Lichtkegel  schauen,  den 
das  Biichlein  »Im  Purpur  bei  den  Feldgrauen«  von  M.  Buchberger  (5. — 7.  Aufl. 
Kosel,  Kempten-Miinchen  1917)  gibt. 

Man  nannte  B.  oft  ein  »Verwaltungsgenie«  und  » seine  Laufbahn  die  des 
reinen  Praktikers«.  Zweifellos  war  er  stark  auf  dem  gemeinten  Gebiete  und  hat 
Bedeutendes  geleistet.  Ein  Mann  der  Tat,  voll  Kraft  und  Leben,  nicht  trockener 
Btichergelehrsamkeit  bei  allem  Interesse  f iir  Iyiteratur,  Wissenschaft  und  Kunst 
—  wissenschaftlich-literarisch  trat  er  niemals  hervor  —  setzte  sich  sein  Talent 
in  der  Welt  von  selbst  durch,  anspruchslos  wirkend,  gewissenhaft  die  zuge- 
wiesene  Pflicht  erfiillend  und  zuf rieden  mit  dem  auferlegten  Amte,  ohne  eigene 
Bemiihung  und  Bewerbung  emporgetragen  aus  der  Handwerkerhiitte  in  den 
hochsten  Rat  der  Weltkirche.  In  den  von  ihm  geleiteten  Landpfarreien  be- 
standen  Ordnung  und  gute  Sitten,  herrschten  streng  katholischer  Geist  und 
friedliches  Zusammenleben  mit  Andersglaubigen.  Seine  Fachkenntnisse  und 
Erfahrungen  im  Volksschulwesen  veranlaBten  die  Staatsbehorden,  ihn  zum 
Distriktsschulinspektor  zu  ernennen,  als  welcher  er  sich  sehr  verdient  machte. 
In  Speyer  weckte  der  Dompfarrer  reges  Leben  in  der  Pfarrgemeinde,  gab  dem 
Vereinsleben  machtigen  Antrieb,  beforderte  den  inzwischen  verwirklichten  Ge- 
danken  einer  zweiten  Stadtpfarrei  und  den  Bau  der  St.  Josephskirche  und 
griindete  unter  geschickter  Uberwindung  mancher  Widerstande  das  Kranken- 
haus  St.  Vinzentiusstift.  Im  Domkapitel  war  er  gleichzeitig  als  Schulreferent 
und  Offizial  tatig.  Miinchen  verdankt  dem  Kardinal  und  Erzbischof  den  Aus- 
bau  der  Seelsorge  in  der  rasch  emporgewachsenen  Haupt-  und  Residenzstadt, 
mit  deren  Entwicklung  die  kirchlichen  Einrichtungen  nicht  Schritt  gehalten 
hatten,  die  Anregung  zur  Hebung  der  Not  an  Kirchen  in  der  Peripherie,  die  Er- 
richtung  neuer  Pf  arreien  und  Expositurbezirke  mit  entsprechenden  Seelsorger- 
stellen,  die  Schaffung  der  Gesamtkirchengemeinde,  die  Erweiterung  und  Be- 
seelung  des  katholischen  Vereinslebens,  die  Belebung  und  Bekraftigung  des 
nach  innen  und  aufien  tatigen  Katholizismus.  Nichts  weniger  als  eine  Kampf- 
natur,  vielmehr  friedlich  und  versohnlich  in  seinem  ganzen  Wesen  bevorzugte 
er  in  seinem  Wirken  das  freie  Wort  und  offene  Bekenntnis,  besafi  Mut  und 
Kraft,  mit  ritterlichen  Waffen  auf  den  Plan  zu  treten,  wenn  es  gait,  die  hei- 
ligsten  Giiter  gegen  frevle  Angriffe  zu  verteidigen.  Mit  apostolischer  Uner- 
schrockenheit  trat  er  in  seinem  ersten  Hirtenbrief  am  17.  August  1909  dem 
Unglauben  entgegen,  wandte  sich  im  Sendschreiben  vom  28.  Oktober  gleichen 
Jahres  gegen  die  Angriffe  auf  die  Religion,  die  Kirche  und  das  Papsttum,  nahm 
in  der  groCen  Protestversammlung  der  Munchener  Katholiken  das  Wort  gegen 
die  kirchenfeindliche  Presse  und  hielt  als  Reichsrat  eindrucksvolle  Reden  im 
bayerischen  Standehaus,  so  am  30.  Mai  19 12  zur  Frage  der  Aufhebung  des 
Jesuitengesetzes  vom  4.  Juli  1872. 

Kardinal  B.  war  ein  geborener  Fiihrer.  GroBe  Strategen  sind  Schweiger  und 
gute  Taktik  entquillt  ruhiger  Uberlegung.  Diese  Fiihrereigenschaften  waren 
ihm  eigen  und  trugen  manch  schonen  Erfolg  ein.  Er,  der  von  den  Jugend- 
studien  an  die  Rede  und  das  Wort  meisterte,  einen  gewandten  fesselnden  Stil 
schrieb,  frei  von  Phrasen  und  Wortgedrechsel  in  kernigen  Satzen  der  Wahrheit 
und  dem  Rechte  Ausdruck  verlieh,  konnte  schweigen  wie  das  Grab,  wenn  es 
sich  um  neue  Plane  handelte,  wuBte  zu  dirigieren,  ohne  von  anderen  am  Diri- 
gentenpult  gesehen  zu  werden,  verstand  ohne  Laut  und  Larm  zu  organisieren 


Bettinger.  Bezzel  3 1 

und  umzugruppieren,  die  richtigen  Unterfiihrer  auszusuchen  und  an  die  rechten 
Platze  zu  stellen.  Man  sah  ihn  nicht,  man  fiihlte  ihn  aber. 

Gro.Be  Menschen  sterben  in  den  Sielen.  Am  Donnerstag  nach  Ostern,  12.  April 
1917,  wurde  er  durch  einen  Schlaganfall  aus  seinem  segensreichen  Arbeitsfelde 
jah  herausgerissen  imd  von  der  Hohe  beruflicher  Leistungskraft  abgerufen. 

Zwei  Kunstschopfungen  des  Miinchener  akademischen  Bildhauers  August 
Weckbecker,  eine  plastische  Biiste,  aufgestellt  im  Historischen  Museum  der 
Stadt  Miinchen,  und  ein  Standbild,  aus  rotem  Untersberger  Marmor  gehauen, 
den  Kardinal  in  der  Amtsgewandung  mit  dem  roten  Hute  wiedergebend,  am 
Eckpfeiler  der  rechten  Chorseite  der  Frauenkirche  angebracht,  erhalten  die  Er- 
innerung  an  das  korperliche  Bild  und  den  groBen  Geist  des  Verewigten. 

Literatur:  Kardinal  Dr.  v.  B.s  jahrliche  Hirtenbriefe  (Amtsblatt  fur  die  Erzdiozese 
Miinchen  und  Freising  1909— 1917).  —  Lebensskizzen:  Trauerrede  von  Domdekan 
Sebastian  Huber  (Amtsblatt  Beilage  2  vom  25.  April  191 7).  —  August  Knecht,  Kardinal 
v.  B.  zum  verehrungsvoll  treuen  Gedachtnis  (Akademia,  Berlin,  Germania  191 7,  Nr.  59 
bis  64).  —  M.  Buchberger,  Im  Purpur  bei  den  Feldgrauen.  Kempten-Miinchen  191 7.  — 
Heimgang  Sr.  Em.  des  hochwiirdigen  Herrn  Kardinals  und  Erzbischofs  Franziskus  v.  B. 
(Schematismus  der  Geistlichkeit  des  Erzbistums  Miinchen  und  Freising  fiir  das  Jahr  1918, 
S.  279 — 286).  —  Konrad  Graf  von  Preysing,  Kardinal  Bettinger,  nach  personlichen 
Erinneningen.  Regensbuxg  1918. 

Miinchen.  August  Knecht. 

Bezzel,  Hermann,  Ritter  v.,  Prasident  des  kgl.  prot.  Oberkonsistoriums  in 
Miinchen,  *  am  18.  Mai  1861  in  Wald  bei  Gunzenhausen,  f  am  8.  Juni  1917  in 
Miinchen.  —  Einem  alten  Pfarrgeschlechte  entstammend,  in  dem  die  Reihe 
der  Trager  des  geistl.  Amtes  seit  dem  Jahr  1681  nie  unterbrochen  war,  erblickte 
Hermann  B.,  der  Erstgeborene  unter  12  Geschwistern,  das  Licht  der  Welt  zu 
Wald,  einem  Pfarrdorf  im  Altmuhltal  bei  Gunzenhausen  in  Bayern,  als  Sohn 
des  dortigen  Pfarrers  Georg  Ludwig  B.  und  seiner  Ehefrau  Emma,  geb.  Frauen- 
knecht,  Stadtschreiberstochter  von  Gunzenhausen.  Unter  der  eisernen  Zucht 
des  gestrengen  Vaters,  von  dem  er  nicht  bloB  die  hohe  Statur,  sondern  auch  den 
scharfen  Verstand  und  das  phanomenale  Gedachtnis  geerbt  hatte,  unter  der 
freundlichen  Obhut  der  frommen,  feingebildeten  Mutter,  der  er  sein  tiefes  Ge- 
miit  und  mitfiihlendes  Herz  zu  verdanken  hatte,  wuchs  er  heran.  Schon  in 
seiner  Kinderzeit  trat  an  ihm  ein  auflergewohnlicher  Ernst  zutage,  den  seine 
Geschwister  in  manchem  Wort  scharfer  Zurechtweisung  zu  fiihlen  bekamen. 
Im  Jahre  1872  bezog  er  das  humanistische  Gymnasium  zu  Ansbach,  wo  ihm 
besonders  die  ersten  Jahre  viel  Kummer  und  Herzeleid  brachten.  Das  Abso- 
lutorium  (1879)  aDer  bestand  er  als  einer  der  Besten,  in  manchen  Fachern  als 
der  Beste,  schwach  nur  in  der  Mathematik,  fiir  die  er  wenig  begabt  gewesen  zu 
sein  scheint.  In  seine  Gymnasialzeit  fiel  ein  bedeutungsvoller  Wendepunkt  fiir 
seine  innere  Entwicklung  infolge  des  friihen  Todes  der  geliebten  Mutter. 

Seine  Universitatsjahre  von  1879 — 1883  verbrachte  B.  nur  in  Erlangen,  wo 
er,  dem  Wunsche  des  Vaters  und  seiner  eigenen  Neigung  f  olgend,  Philologie  und 
Theologie  studierte.  Als  Mitglied  der  Burschenschaft  Bubenruthia,  der  er  sein 
ganzes  Leben  hindurch  die  Treue  hielt,  verstand  er  es,  die  pflichtmafiige  Teil- 
nahme  an  den  studentischen  Zusammenkiinften  und  Festlichkeiten  reibungslos 
zu  verbinden  mit  regelmaCigem  Kollegienbesuch.  Fiir  studentische  Ausge- 


32  1917 

lassenheit  hatte  er  keinen  Sinn,  wohl  aber  fur  Humor  und  Satire.  Bei  seinen 
Bundesbriidern  durfte  er  sich  wegen  seines  wiirdevollen  Auftretens,  seines  be- 
stimmten  oft  auch  scharfen  Urteils  und  seines  energischen,  zielbewuBten  Han- 
delns  allgemeiner  Hochachtung  erfreuen,  wenn  er  auch  nicht  von  alien  geliebt 
wurde.  Unter  seinen  akademischen  Lehrern  waren  es  vor  allem  die  Philologen 
Iwan  Muller  und  August  Luchs,  die  Theologen  Hof mann,  den  er  allerdings  nicht 
mehr  personlich  gehort,  sondern  nur  studiert  hat,  Frank,  Zezschwitz,  Zahn  und 
Hauck,  deren  er  Zeit  seines  Lebens  in  dankbarster  Verehrung  gedachte.  Schon 
nach  drei  Jahren  (1882)  unterzog  er  sich  mit  recht  gutem  Erfolg  dem  ersten 
philologischen  Examen,  wahrend  er  das  erste  theologische  Examen  erst  im 
Jahre  1884  ablegte.  Nach  seinem  Abgang  von  der  Universitat  Erlangen  folgten 
nun  die  Jahre  seiner  beruflichen  Wirksamkeit,  die  ihn  immer  mehr  in  die  breite 
Offentlichkeit  stellte  und  seinen  Namen  weithin  bekannt  machten. 

Drei  Lebensabschnitte  sind  es,  die  wir  hier  ins  Auge  zu  f assen  haben :  1 .  S  e  i  n  e 
Regensburger  Zeit  (1883 — 1891).  Herbst  1883  wurde  er  zum  Assistenten 
an  dem  alten  Gymnasium  in  Regensburg  ernannt,  wo  ihn  der  streng  katholische 
Rektor  Seitz,  der  bis  zu  seinem  Tode  mit  ihm  im  brieflichen  Verkehr  stand, 
hochschatzen  lernte,  seine  Schiiler  mit  ehrfurchtiger  Bewunderung  zu  dem 
kenntnisreichen  Lehrer  und  energischen  Erzieher,  der  nicht  nur  an  sie,  sondern 
auch  an  sich  selbst  hochste  Anforderungen  stellte,  emporblickten.  September 
1884  wurde  ihm  vom  VerwaltungsausschuB  des  protstantischen  Alumneums 
die  erledigte  Inspektorstelle  iibertragen,  die  ihm  Gelegenheit  bot,  diese  etwas 
heruntergekommene  und  in  Verruf  geratene  Anstalt  wieder  zu  heben  und  nach 
seinen  Erziehungsgrundsatzen  umzugestalten.  Strenge  Zucht  iibend,  die  aber 
keineswegs  in  engherzigen  Rigorismus  ausartete,  sondern  sich  auch  offen  hielt 
fiir  jugendliche  Frohlichkeit,  wuBte  er  seine  Zoglinge  anzuregen  fiir  die  pflicht- 
maBigen  Arbeiten  in  der  Schule  und  dariiber  hinaus  auch  noch  fiir  eigene 
Studien.  Ein  neues  Wirkungsfeld  fiir  religiose  Beeinflussung  tat  sich  ihm  auf , 
als  er  zur  Erteilung  des  protestantischen  Religionsunterrichts  am  neuen  Gym- 
nasium berufen  wurde.  Trotz  dieses  dreifachen  Amtes  brachte  er  in  Regensburg 
auch  noch  die  Zeit  und  Kraft  auf,  sich  den  phil.  Doktorgrad  zu  erwerben  mit 
einer  Dissertation  iiber  ?>Conjecturae  Diodoreaea,  mit  Predigten  auszuhelfen 
auch  in  der  Diaspora  und  im  Jahre  1890  seine  theologische  Anstellungspriifung 
zu  machen,  bei  der  er  durch  seine  in  der  St.  Johanniskirche  in  Ansbach  ge- 
haltene  Examenspredigt  auffiel. 

2.  Seine  Neuendettelsauer  Zeit  (1891 — 1909).  Schon  wahrend  seiner 
Regensburger  Zeit  war  Neuendettelsau,  die  Griindung  Lohes,  in  seinen  Ge- 
sichtskreis  getreten,  durch  den  Verkehr  mit  hier  stationierten  Diakonissen  und 
durch  etliche  Besuche,  die  er  den  dortigen  Anstalten  abstattete,  so  in  den 
Herbstferien  1888,  wo  Neuendettelsaus  Gottesdienste  mit  den  reichen  Schatzen 
altkirchlicher  und  altlutherischer  Tradition  einen  tiefen  Eindruck  auf  ihn 
machten.  Diese,  wenn  auch  noch  ganz  losen  Beziehungen  waren  der  AnlaB, 
dafl  er  am  18.  August  1891  nach  dem  Tode  Meyers,  Lohes  unmittelbaren  Nach- 
folgers,  zum  Rektor  der  dortigen  Diakonissenanstalt  gewahlt  wurde.  Erst  in 
dieser  Stellung  konnten  sich  nun  seine  reichen  Gaben  und  Fahigkeiten  in  vollem 
MaBe  entfalten  und  auswirken.  Achtzehn  Jahre  hindurch  hat  er,  ohne  auch  nur 
ein  einziges  Mai  Ferien  zu  machen  oder  sich  eine  Erholungsreise  zu  gestatten, 
nach  der  Versicherung  seines  Nachfolgers  D.  W.  Eichhorn,  die  Arbeit  von  zwei 


Bezzel 


33 


vollauf  beschaftigten  Mannern  geleistet,  und  das  nicht  in  auBerlicher  Viel- 
geschaftigkeit,  sondern  aus  innerster  religioser  Willenshingabe.  Neben  den 
eigentlichen  Verwaltungsgeschaften  erforderte  viel  Zeit  und  Kraft  auch  seine 
reichbemessene  Predigttatigkeit  und  der  wahrend  der  Vorbereitung  auf  die 
Konfirmation  in  weit  iiber  zwanzig  Wochenstunden  erteilte  Unterricht.  Dazu 
kamen  die  vielen  Besuche  von  seiten  der  das  Mutterhaus  aufsuchenden 
Schwestern,  die  seelsorgerlichen  Beratungen  in  gelegentlichen  Aussprachen,  fiir 
die  er  immer  Zeit  hatte  und  in  der  Einzelbeichte,  die  von  Lohes  Tagen  her  in 
Neuendettelsau  fleiBig  begehrt  wird.  Auch  die  Beitrage  in  dem  von  ihm  re- 
digierten,  alle  Monate  erscheinenden  Korrespondenzblatt  fiir  Diakonissen  ent- 
stammen  fast  alle  seiner  eigenen  Feder.  In  seinen,  theologischen  Vorlesungen 
gleichenden  Einsegnungsunterrichten  stellte  er  an  seine  Horerinnen  nicht  geringe 
Anforderungen,  wie  das  ganz  besonders  sein  im  Jahre  192 1  auch  ira  Druck  er- 
schienener  Einsegnungsunterricht,  »Der  Knecht  Gottes«  beweist,  dem  auch  fiir 
die  Geschichte  der  Theologie  eine  bleibende  Bedeutung  zukommen  wird,  da 
hier  B.s  theologischer  Lieblingsgedanke,  der  Gedanke  der  gottlichen  Kondeszen- 
denz,  besonders  deutlich  in  die  Augen  fallt.  Das  auBere  Wachstum  des  Neuen- 
dettelsauer  Werkes  forderte  er  durch  mancherlei  Erweiterungen  und  verschie- 
dene  Neugriindungen  (Bruckberg,  Himmelkron,  Obernzenn).  Besonders  am 
Herzen  lag  ihm  auch  die  Ausgestaltung  des  Schulwesens,  das  er  im  innern  Be- 
trieb  mit  den  staatlichen  Forderungen  in  Einklang  zu  bringen  suchte,  nach 
auBen  durch  die  Griindung  einer  hoheren  Madchenschule  in  Niirnberg  (1901), 
die  immer  mehr  vergroBert  werden  muBte,  des  Lehrerinnenseminars  und  der 
kleineren  Seminare  fiir  Handarbeit  in  Himmelkron  und  fiir  Kindergartnerinnen 
in  Neuendettelsau  ausbaute.  Daneben  diente  er  auch  schon  damals  in  der  Nahe 
und  Feme  auch  noch  mit  Predigten  und  Vortragen,  fiir  die  er  eine  sonderliche 
Begabung  hatte,  und  verfaBte  auch  noch  manche  Betrachtungen  und  manche 
Artikel  fiir  allerlei  Zeitschriften,  besonders  fiir  den  »AltenGlauben«,  aberauch 
fiir  die  »Allgemeine  evang.-luther.  Kirchenzeitung«.  Auch  das  Verdienst  darf 
ihm,  den  am  10.  November  1904  auch  die  Erlanger  theol.  Fakultat  durch  die 
Verleihung  des  Dr.  theol.  geehrt  hatte,  zugeschrieben  werden,  daB  unter  seiner 
Leitung  die  Spannungen  zwischen  Neuendettelsau  und  der  Landeskirche,  die 
da  und  dort  noch  hervortreten  mochten,  vollig  ausgeglichen  wurden. 

3.  Seine  Miinchener  Zeit  (1909 — 1917).  Nach  dem  Tode  Dr.  Alexander 
Schneiders  wurde  B.  durch  den  bayerischen  Kultusminister  v.  Wehner  als  der 
Mann,  der  in  den  verschiedensten  Teilen  der  bayerischen  Landeskirche  treff- 
lich  Bescheid  wuBte,  dem  man  weithin  auch  aus  den  Kreisen  der  Pf  arrer  groBes 
Vertrauen  entgegenbrachte,  am  6.  Juli  1909  zum  Prasidenten  des  kgl.  Ober- 
konsistoriums  ernannt  und  damit  vom  1.  August  an  an  die  Spitze  der  baye- 
rischen evangelisch-lutherischen  Landeskirche  gestellt;  er  wurde  schon  1910 
zum  Ritter  des  Verdienstordens  der  bayerischen  Krone  und  damit  in  den  per- 
sonlichen  Adelsstand  erhoben  und  erhielt  1912  den  Titel  Exzellenz.  Wohl  wurde 
ihm,  der  nicht  gewohnt  war,  Aktenstaub  zu  schlucken,  sondern  mit  lebendigen 
Menschen,  vor  allem  solchen  jugendlichen  Alters,  umzugehen,  das  Eingewohnen 
in  den  neuen  Verhaltnissen,  das  Zusammenarbeiten  mit  seinen  neuen  Amts- 
genossen  im  Rahmen  eines  Kollegiums,  »wo  seine  Stimme  nicht  mehr  wog  als 
die  eines  jeden  Kollegialmitglieds «,  nicht  leicht,  so  daB  sich  sogar  eine  schwere 
Gemutsdepression  einstellte;  bald  aber  wuBte  er  seine  Eigenart  und  die  ihm 

DBJ  3 


34  lw 

verliehene  Gabe  nicht  bureaukratisch,  sondern  personlich  zu  regieren,  auch  in 
der  neuen  Stellung  nach  Moglichkeit  durchzusetzen.  Von  der  Mehrzahl  der 
Kirchenglieder,  aber  auch  von  vielen  Geistlichen,  wenn  auch  nicht  von  alien, 
wurde  gerade  dieser  personliche  seelsorgerliche  bald  ernst  mahnende,  bald 
freundlich  aufmunternde  Ton  aufs  freudigste  begriiBt.  Auch  bei  den  beiden 
Generalsynoden,  denen  er  zu  prasidieren  hatte,  der  Synode  zu  Ansbach  1909 
gleich  nach  seinem  Amtsantritt  und  der  zu  Bayreuth  1913,  war  es  nicht  so  sehr 
die  kundige  und  gewandte  Geschaftsfuhrung,  durch  die  er  sich  auszeichnete, 
sondern  der  aus  der  Furcht  Gottes  geborene  Ernst,  mit  dem  er  die  Verhand- 
lungen  leitete.  Fast  noch  mehr  Anerkennung  aber  als  in  seiner  Heimatkirche 
wurde  ihm  zuteil  in  der  deutsch-evangelischen  Kirchenkonferenz,  wo  er  nach 
dem  tiefen  Eindruck  seiner  gewaltigen  Eroffnungspredigt  am  6.  Juni  1912  in 
der  Kapelle  der  Wartburg  zum  1.  Vorsitzenden  gewahlt  wurde,  und  im  Kirchen- 
ausschuB,  wo  ihm  die  Stelle  des  2.  Vorsitzenden  iibertragen  wurde.  Durch  seine 
SchluBpredigt  in  Upsala  aber  auf  der  XIII.  allgemeinen  evangelisch-luthe- 
rischen  Konferenz  (191 1)  durfte  er  auch  dazu  mithelfen,  das  Zusammenge- 
horigkeitsgefiihl  der  lutherischen  Kirche  der  ganzen  Welt  zu  starken.  Auch 
jetzt,  noch  mehr  als  in  Neuendettelsau,  ubernahm  er  zu  seiner  eigentlichen 
Amtstatigkeit,  die  auch  in  dieser  Stellung  niemals  unter  bloB  kirchenpolitischen, 
sondern  stets  unter  hochsten  letzten  Gesichtspunkten  ausgeiibt  wurde,  viel 
freiwillige  Arbeit.  Von  tiberallher  wurde  er  zu  Festpredigten  begehrt  und  zu 
Vortragen  aufgef ordert ;  noch  mehr :  er  erbot  sich  auch  selbst  etwa  einem  ihm 
bekannten  Pfarrer  in  einer  kleinen  Dorfgemeinde  zur  Aushilfe  mit  einer  Predigt. 
In  Miinchen  iibte  er  neben  seinen  beruflichen  Pflichten  eine  iiberreiche  seel- 
sorgerliche Tatigkeit  aus  und  pflegte  auch  sehr  oft  zu  predigen  besonders  in 
der  Kriegszeit.  Dazu  kam  noch  seine  schriftstellerische  Tatigkeit:  in  der 
»Neuen  kirchl.  Zeitschrift«  erschienen  Jahr  fiir  Jahr  seine  bedeutsamen 
Neujahrsartikel,  in  der  »Allgem.  ev.-luth.  Kirchenzeitung*  seine  tiefernsten 
Betrachtungen  zur  Einfuhrung  in  die  Passionszeit  und  noch  manche  andere 
Beitrage.  Im  Jahre  1916  beschenkte  er  seine  Pfarrer  mit  seinem  Vademecum 
pastorale  »Der  Dienst  des  Pfarrers«,  dem  er  als  Anhang  Betrachtungen  iiber 
das  Hohepriesterliche  Gebet  Johs.  17  beigegeben  hatte,  ein  Kapitel,  das  ihm 
besonders  teuer  war.  Kein  Wunder,  daB  unter  dieser  Arbeitslast  und  bei 
solchem  Arbeitstempo  seine  schon  in  Neuendettelsau  iiberanstrengten  Krafte 
vor  der  Zeit  verbraucht  wurden.  Schon  im  Jahre  1913  hatte  seine  Gesundheit 
einen  schweren  StoB  erlitten  durch  einen  Gelenkrheumatismus,  der  eine  Herz- 
schwache  zuriicklieB  und  ihn  gegen  seine  bisherige  Gewohnheit  notigte,  auch 
einen  zweimaligen  langeren  Urlaub  zu  nehmen.  Vollig  gebrochen  aber  wurden 
seine  Krafte  durch  seine  beiden  Berufsreisen  an  die  Front  Marz  und  August 
1 916,  wo  er  in  standigem  raschesten  Ortswechsel  mit  immer  neuen  Ansprachen 
und  Predigten  und  fortwahrenden  Besuchen  bei  den  verschiedensten  Truppen- 
teilen  und  in  alien  irgendwie  erreichbaren  Lazaretten  fast  ITbermenschliches 
leistete.  Mit  verfallener  Gestalt  kehrte  der  sonst  so  kraftige  Mann  zuriick,  sich 
noch  immer  mit  auBerster  Anstrengung  dazu  auf  raff  end,  die  gewohnte  Tatig- 
keit fortzusetzen.  Am  21.  Januar  191 7  leitete  er  nochmals  eine  Sitzung  seines 
Kollegiums.  Nun  aber  kamen  fiir  ihn  Monate  schwerer  Krankheit,  die  dem 
Manne  rastloser  Tatigkeit,  der  sich  nie  Ruhe  gegonnt  hatte,  dem  Christen  froher 
Ewigkeitshoffnung,  der  so  siegesgewiB  von  der  Welt  der  Vollendung  hatte 


Bezzel.  Bissing  35 

reden  konnen,  auch  noch  Stunden  hoher  geistlicher  Anfechtung  brachten,  wo 
das  eigene  Glaubenslicht  fast  verloschen  wollte.  Am  8.  Juni  1917  ging  er,  »tiber 
dessen  Wesen  schon  hienieden  eine  feierliche  Weltentnommenheit  lag«,  heim. 
Seine  letzte  Ruhestatte  aber  hatte  er  sich  selbst  ausersehen  in  dem  gleichen 
Dorfe,  in  welchem  er  geboren  war,  an  der  Seite  seines  Vaters.  Hier  wurde  er, 
der  immer  den  einzelnen  gesucht  hatte,  der  sich  so  gerne  gerade  zu  den  Niedrigen 
und  Geringen  herabgelassen  hatte  und  die  schlichten  einf  achen  Leute,  besonders 
auch  die  Bauern  viel  mehr  liebte  als  die  Hohen  und  Vomehmen,  betrauert  und 
geehrt  wie  ein  Ftirst,  mit  einer  Predigt  seines  Bruders  Ernst,  des  dortigen 
Pfarrers  iiber  Johs.  7,38  begraben. 

Literatur:  1.  »Gedenket  an  eure  Lehrer,  die  euch  das  Wort  Gottes  gesagt  haben*. 
Zur  Erinnerung  an  D.  Dr.  Hermann  v.  B.;  herausgegeben  von  Pfarrer  Dr.  Hilmar  Schau- 
dig,  191 7,  im  Verlage  des  Evangelischen  Gemeindeblattes  Miinchen,  in  dritter,  etwas 
erweiterter  Auflage  erschienen  1925  in  der  Verlagsbuchhandlung  Miiller  &  Frohlich, 
Miinchen  unter  dem  neuen  Titel  »Lebensbild  des  verstorbenen  Oberkonsistorialprasidenten 
D.  Dr.  Hermann  v.  B.«.  —  2.  »Zum  Gedachtnis  Hermann  v.  B.s.«  Gesammelte  Aufsatze, 
Leipzig  1917.  —  3.  ♦  Hermann  v.  B.s  religids-sittliches  Ideal. «  Von  Lie.  Johannes  Rupp- 
recht, Pfarrer  in  Wunsiedel,  Niirnberg  1920.  —  4.  ^Hermann  v.  B.,  ein  Seelsorger  von 
Gottes  Gnaden.«  Von  Studienrat  Lie.  J  oh.  Rupprecht,  Halle  1925.  —  5.  » Hermann  B.  als 
Theologe*  (436  S.).  Von  Lie.  Johannes  Rupprecht,  Miinchen  1925.  Dieses  Buch  enthalt 
im  Anhang  eine  Bibliographie  samtlicher  im  Druck  erschienenen  Schriften  B.s,  auch 
seiner  Artikel  in  Zeitschriften  und  seiner  nachgelassenen  Werke.  —  NachlaB:  B.s  schrift- 
licher  NachlaB  befindet  sich  in  den  Hand  en  seines  Bruders,  des  Oberst  Oskar  B.  in 
Miinchen,  Kurfurstenstrafie  18/IV,  und  seines  Neffen,  Studienrat  Otto  B.,  Augsburg, 
Eserwallstrafle  17/0. 

Augsburg.  Johannes  Rupprecht. 

Bissing,  MoritzFreiherrv.,  Generaloberst  und  Generalgouverneur  inBelgien, 
*  am  30.  Januar  1844  in  Bellmannsdorf  in  Schlesien,  Kreis  Lauban,  f  am 
18.  April  1917  in  Trois  Fontaines  (Gemeinde  Vilvoorde)  bei  Briissel.  —  In 
der  durch  Familienerinnerungen  vorgezeichneten  und  von  Kindheit  an  er- 
sehnten  Laufbahn  als  Soldat  bis  zu  den  hochsten  Stellen  emporgeschritten, 
dabei  lange  Jahre  in  nachster  Nahe  des  Herrscherhauses,  hat  B.  iiber  seine 
militarische  Wirkung  hinaus  seine  reichen  Gaben  auch  im  innerpolitischen 
Leben  als  Mitglied  des  Herrenhauses,  besonders  auf  dem  sozialen  Gebiete  der 
Jugend-  und  Wohlfahrtspflege,  entfalten  konnen,  bis  ihn  in  hohem  Alter  das 
Geschick  zu  einer  staatsmannischen  Aufgabe  berief  und  ihn  damit  weit  iiber 
die  Grenzen  seines  bisherigen  Berufs-  und  Wirkungskreises  und  zugleich  iiber 
die  seines  von  ihm  heiB  geliebten  Vaterlandes  hinaus  zu  weltgeschichtlicher 
Bedeutung  emporhob.  Sein  an  Ereignissen  und  Taten  reiches  Leben  zeigt 
eine  scharf  ausgepragte  Personlichkeit,  deren  hauptsachlichste  Wesensziige 
sich  bereits  in  fruher  Jugend  gebildet  haben. 

B.  entstammte  einem  Geschlecht  des  sachsischen  Uradels,  das  reich  an  mili- 
tarischen  Erinnerungen  war  und  seit  langem  verschiedentlich  in  preuBischen 
Diensten  gestanden  hatte.  Sein  UrgroCvater  Friedrich  Leopold  (1723 — 1790) 
war  Major  im  preuflischen  Leib-Kurassierregiment  gewesen,  und  sein  Groi3- 
vater  Hans  August  hatte  zur  Zeit  der  Befreiungskriege  das  Landwehr- 
Kavallerie-Ulanenregiment  v.  Bissing  gefuhrt  und  war  als  Oberst  verab- 
schiedet  worden.  Die  kavalleristische  Neigung  und  Begabung  hatte  der  Enkel 
von  seinen  Ahnen  geerbt.    Dazu   kamen  Beziehungen   der  Familie  zu  dem 


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Generalfeldmarschall  Graf  Neithardt  v.  Gneisenau,  der  der  Vonnund  seiner 
Mutter  Dorothea,  geb.  Freiin  v.  Gall  gewesen  war  und  auf  dessen  Besitzung 
Erdmannsdorf  in  Schlesien  sich  seine  Eltern  kennengelernt  hatten.  Ein  Lebens- 
bild  Gneisenaus  zu  verfassen,  war  lange  Zeit  Verlangen  und  Hoffnung  B.s, 
ist  jedoch  wegen  der  sich  immer  mehr  steigernden  dienstlichen  Aufgaben  nicht 
iiber  geringe  Anfange  hinausgekommen. 

Als  er  als  sechstes  Kind  seiner  Eltern  am  30.  Januar  1844  geboren  worden 
war,  begann  seine  Mutter  zu  krankeln  und  starb  wenige  jahre  spater,  am 
19.  Mai  1847,  so  daB  der  Knabe  keine  personlichen  Erinnerungen  an  sie  be- 
wahrte  und  sie  nur  durch  die  liebreichen  Erzahlungen  seines  Vaters  Moritz 
fortlebte,  der  preuflischer  Kammerherr  und  Rittergutsbesitzer  auf  Bellmanns- 
dorf  war.  Zwischen  Vater  und  Sohn  herrschte  ein  herzliches  Verhaltnis,  und 
mit  seiner  jiingsten  Schwester  Wally,  die  zugleich  seine  Spiel-  und  Schul- 
gefahrtin  wurde,  verband  den  Knaben  eine  innige  Liebe.  Dieses  Verhaltnis 
zu  seinem  Vater  und  zu  seiner  Schwester  wurde  noch  enger,  als  sein  Vater  im 
Jahre  1849  zum  zweiten  Male  heiratete.  Die  neue  Mutter,  eine  geborene  Freiin 
v.  Kloch  und  Kornitz,  die  von  ihrer  Jugendzeit  her  dem  Weimarer  Kreise 
nahestand,  kam  dem  leidenschaftlichen  und  lebendigen  Knaben  freundlich 
und  liebevoll  entgegen;  bald  jedoch  nahm  die  Sorge  um  ihre  eigenen  Kinder  sie 
mehr  in  Anspruch,  und  so  lief  die  wohl  zu  hoch  gespannte  Erwartung  des 
Knaben,  der  bisher  die  Mutterliebe  entbehrt  hatte,  nach  der  er  sich  so  sehnte, 
auf  eine  Enttauschung  hinaus.  Als  er  mit  neun  Jahren  in  die  Pension  desDirek- 
tors  des  Maria-Magdalenen-Gymnasiums  in  Breslau,  Prof.  Schonborn,  gebracht 
werden  sollte,  damit  der  schwer  zu  bandigende  Junge  der  strengen  und  ernsten 
Zucht  einer  f remden  Hand  anvertraut  wiirde,  rief  er,  obwohl  ihm  das  Scheiden 
von  seinem  Vater,  von  seiner  Schwester  und  von  seinem  geliebten  Heimatdorfe 
fast  unmoglich  schien,  trotzig  aus:  »Gott  sei  Dank,  daI3  ich  endhch  diese  Wei- 
berherrschaft  los  werdeU  So  war  der  Knabe  schon  fruhzeitig  dazu  gekommen, 
seine  Gefuhle  zu  beherrschen  und  hinter  einer  festen,  ja  trotzigen  Miene  zu 
verbergen.  Die  Leidenschaftlichkeit,  die  den  Knaben  beseelte,  hat  auch  noch 
den  Greis  durchlodert.  Wenn  der  spatere  Mann  oftmals  kantig  und  schartig 
erschien  und  mitunter  ein  barsches  Wesen  zur  Schau  trug,  so  mag  dies  oft  nur 
ein  Mittel  gewesen  sein,  um  die  innere  Running  und  Erregung  zu  verbergen. 

Noch  zwei  weitere  Charaktereigentiimlichkeiten  haben  ihre  Wurzeln  in  der 
Kindheit.  Den  ersten  Unterricht  erhielt  B.  von  dem  evangelischen  Pf  arrer  Gustav 
Hancke  in  Bellmannsdorf ,  der  ihn  spater  auch  fur  die  Ritterakademie  vorberei- 
tete.  Dieser  Ortsgeistliche  hat  auf  den  Knaben  einen  so  nachhaltigen  EinfluB 
ausgeiibt,  da£  die  tiefe  Frommigkeit,  die  B.  bis  zu  seinem  Tode  bewahrt  hat, 
auf  diesen  ersten  Seelsorger  zuriickgeht.  Es  war  eine  Frommigkeit,  die  nichtsmit 
Fanatismus  zu  tun  hatte,  die  vielmehr  tief  genug  war,  um  spater  auch  die  Be- 
durfnisse  des  katholischen  Glaubens  zu  verstehen.  In  dieser  Frommigkeit  fand 
B.  aber  auch  wahrend  seines  ganzen  Lebens  die  Kraft  fur  die  zahlreichen  Auf- 
gaben, die  das  Leben  ihm  stellte,  eine  Frommigkeit,  in  der  er  sich  auf  das 
innigste  mit  seiner  zweiten  Gemahlin  traf . 

Wie  einesteils  die  Frommigkeit  der  tiefe  Born  fur  seine  Kraftentfaltung  war, 
so  war  die  andere  Quelle  sein  hoher  Pflichtbegriff ,  der  sich  schliefllich  zu  einem 
eisenharten  Willen  verdichtete.  Mit  13  Jahren  kam  er  1857  auf  die  Ritter- 
akademie in   Liegnitz,    wo  er  neben  einer  vorzuglichen  wissenschaftlichen 


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Ausbildung  auch  in  alien  ritterlichen  Kiinsten,  wie  Reiten,  Fechten,  Turnen, 
unterwiesen  wurde.  Drei  Jahre  spater  wurde  er  an  das  Sterbebett  des  heiB- 
geliebten  Vaters  gerufen,  der  am  5.  Februar  i860  nach  einem  langen  Leiden 
verschied.  Die  Mutter  verkaufte  das  Gut  Bellmannsdorf.  So  war  der  i6jahrige 
vollstandig  verwaist  und  heimatlos  geworden.  Er  war  von  jetzt  ab  ganz  auf 
sich  selbst  gestellt,  und  der  Ernst  der  Pflichterfullung,  die  dann  zum  hervor- 
ragendsten  Zug  seines  Wesens  geworden  ist,  hat  sich  in  diesen  Jahren  aus- 
gebildet. 

Der  igjahrige  trat  als  irmerlich  gefestigter  Mensch  nach  gut  bestandenem 
Examen  am  1.  Oktober  1863  be*  der  *•  Eskadron  des  2.  Schlesischen  Dragoner- 
regiments  Nr.  8  als  Avantageur  ein.  Am  22.  Mai  1865  wurde  er  Portepeefahnrich 
und  bezog  im  Oktober  desselben  Jahres  die  Kriegsschule  in  NeiBe,  wo  er  nach 
9  Monaten  das  Offiziersexamen  bestand.  Am  1.  September  1865  zur  3-  Es- 
kadron in  Oels  versetzt,  wurde  er  am  11.  November  desselben  Jahres  Sekonde- 
leutnant  mit  einem  Patent  vom  11.  Oktober  1865.  ^n  dieser  Zeit  besuchte  er 
als  trefflicher  Reiter  von  Oels  aus  oft  die  Giiter  in  Schlesien  und  war  bei 
Jagden,  Ballen  und  Abendgesellschaften  gem  gesehen. 

Im  bald  darauf  folgenden  Kriege  gegen  Osterreich  lag  er  am  12.  Juni  1866 
zum  ersten  Male  auf  Vorposten  vor  dem  Feinde.  Am  27.  Juni  wurde  er  als 
Ordonnanzof f izier  zum  General  Steinmetz  kommandiert.  An  diesem  Tage  erlebte 
er  auf  der  Hohe  von  Wiskow  bei  Nachod  sein  erstes  Gefecht,  und  als  er  den 
Ton  der  Trompete  horte,  der  zur  Attacke  blies,  und  sein  Regiment,  das  er 
auf  Befehl  des  Generals  Steinmetz  herangeholt  hatte,  vorstiirmen  sah,  da  war 
er,  ohne  seine  Stellung  als  Ordonnanzoffizier  zu  beachten,  mitten  unter  den 
Kiirassieren  und  Dragonern  gegen  den  Feind.  Er  war  der  einzige  iiberlebende 
Off  izier  seiner  Eskadron,  die  nur  noch  75  Mann  zahlte,  und  mit  der  er  selb- 
standig  noch  einen  Erkundungsritt  nach  Skalitz  unternahm.  Als  er  sich  am 
nachsten  Tage  bei  dem  als  streng  und  unerbittlich  geltenden  General  Steinmetz 
meldete  und  auf  dessen  Frage,  ob  er  wisse,  dafi  er  durch  sein  Verhalten  am 
vergangenen  Tage  Arrest  verdient  hatte,  bejahend  antworten  wollte,  reichte 
dieser  ihm  die  Hand  mit  den  Worten:  »Zwei  gut  mitgerittene  Attacken  machen 
groBe  Vergehen  gut,  wieviel  mehr  das  seinige,  das  ihm  eigentlich  SpaB  gemacht 
hatte. «  Diese  GroBherzigkeit,  die  er  damals  selbst  erfuhr,  hat  er  spater  auch 
geubt  und  als  Vorgesetzter  EntschluBfreudigkeit  und  ein  richtiges  selbstan- 
diges  Handeln  stets  anerkannt. 

Im  weiteren  Verlaufe  des  Feldzuges  von  1866  machte  er  die  Gefechte  bei 
Schweinsschadel  und  Gradlitz  sowie  die  Schlacht  bei  Koniggratz  mit.  Bei 
Schweinsschadel  fuhr  ihm  ein  Granatstiick  in  den  Rockarmel  und  zum  EUbogen 
wieder  hinaus,  ohne  ihn  weiter  zu  verletzen.  An  dieser  Stelle  des  Unterarmes 
setzte  aber  im  Alter  die  Krankheit  ein,  die  zu  seinem  Tode  fuhrte. 

Die  nachsten  zwei  Jahre  verlebte  er  in  Oels,  wo  er  besonders  mit  dem  Fiihrer 
seiner  Schwadron,  Rittmeister  Otto  Kaehler,  befreundet  wurde,  der  dann  als 
Generalmajor  1882  nach  der  Tiirkei  ging  und  1885  als  kaiserlich  ottomanischer 
Generalleutnant  und  Generaladjutant  des  Sultans  in  Konstantinopel  im  Alter 
von  55  Jahren  starb.  Kaehler  hat  groBen  EinfluB  auf  B.  ausgeiibt.  Er  war 
neben  dem  Prinzen  Friedrich  Karl  von  PreuBen  und  dem  General  v.  Schmidt 
der  Hauptverfechter  der  Bestrebungen,  der  Reiterwaffe  trotz  der  durch  die 
gesteigerte  Feuerwirkung  der  Infanterie  und  Artillerie  veranderten  Gefechts- 


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verhaltnisse  den  friiher  von  ihr  eingenommenen  Rang  und  Platz  wieder  zu 
verschaffen.  Er  hat  B.  wertvolle  Manuskripte  iiber  Reiterausbildung  hinter- 
lassen,  die  jetzt  im  Reichsarchiv  lagern.  Kaehler  ist  es  vor  allem  auch  gewesen, 
der  B.  veranlaBte,  sich  zum  Examen  flir  die  Kriegsakademie  vorzubereiten. 
Da  diesem  die  Kriegswissenschaften  ziemlich  gelaufig  waren,  beschaftigte  er 
sich  mit  Mathematik  und  Geschichte,  die  er  schon  auf  der  Schule  gern  ge- 
trieben  hatte.  Das  Blut  seiner  aus  Westdeutschland  stammenden  Mutter  mag 
ihn  wohl  hierzu  besonders  angetrieben  haben.  Dabei  blieb  er  aber  der  flotte 
Offizier,  der  auf  den  Gutern  der  Nachbarschaft  stets  gern  gesehen  war. 
Durch  viele  und  lange  Ritte  erhielt  er  nicht  nur  seinen  Korper  kraftig,  son- 
dern  blieb  auch  stets  in  Verbindung  mit  den  besten  und  angesehensten  Fa- 
milien  Schlesiens.  Als  Priifungsaufgabe  fur  das  Aufnahmeexamen  der  Kriegs- 
akademie erhielt  er  das  Thema :  »Der  Eintritt  der  europaischen  Staaten  in  die 
Reihe  der  GroBmachte  und  das  Ausscheiden  derselben  mit  Angabe  der  Griinde 
fiir  beides.«  Im  April  1868  bestand  er  das  Examen  und  bezog,  nachdem  er 
vom  23.  Mai  bis  15.  September  noch  ein  selbstandiges  Remontekommando 
nach  OstpreuBen  erhalten  hatte,  am  1.  Oktober  1868  die  Kriegsakademie,  wo 
er  bis  zum  15.  Juli  1870  blieb.  Wahrend  der  Herbsttibungen  des  I.  und  II.  Ar- 
meekorps  1869  war  er  als  Ordonnanzoffizier  dem  Kronprinzen  zugeteilt  ge- 
wesen. 

Den  Krieg  von  1870/71  machte  er  als  Adjutant  beim  Oberkommando  der 
3.  Armee  mit  und  zeichnete  sich  als  besonders  guter  Meldeoffizier  aus;  er 
nahm  teil  an  den  Gefechten  und  Schlachten  von  WeiBenburg,  Worth,  Beau- 
mont, Sedan,  Orleans  sowie  an  der  Belagerung  von  Paris.  Am  27.  Juni  1871 
zum  Regiment  zuruckversetzt,  ging  er  am  1.  Oktober  desselben  Jahres  zum 
Besuche  des  dritten  Kursus  auf  die  Kriegsakademie,  wo  er  bis  zum  31.  Juli 
1872  blieb.  Inzwischen  war  er  am  14.  Dezember  1871  zum  Premierleutnant 
befordert  worden.  Am  22.  August  1872  verheiratete  er  sich  in  Dresden  mit 
Myrrha  Wesendonck,  der  am  7.  August  1852  in  Zurich  geborenen  Tochter 
des  Kaufmanns  Wesendonck  und  seiner  Gemahlin  Mathilde,  der  Verehrerin 
und  Freundin  Richard  Wagners.  Die  literarischen  und  kiinstlerischen  Inter - 
essen  des  jungen  Offiziers  erhielten  durch  diese  Verbindung  neue  Nahrung. 
Vom  1.  Februar  bis  zum  30.  September  1873  wurde  er  zur  Dienstleistung 
beim  1.  Garderegiment  zu  FuB  in  Potsdam  kommandiert,  wo  ihm  am  22.  April 
sein  Sohn  Friedrich  Wilhelm,  der  spatere  Professor  der  Agyptologie,  geboren 
wurde.  Am  15.  Januar  1874  wurde  er  mit  einem  Patent  vom  16.  November 
1871  in  das  3.  Badische  Dragonerregiment  Prinz  Karl  Nr.  22  nach  Karlsruhe 
versetzt  und  am  1.  Mai  desselben  Jahres  auf  ein  Jahr  zur  Dienstleistung 
beim  Groflen  Generalstabe  kommandiert.  Seine  Laufbahn  entwickelte  sich 
nun  schnell  als  die  eines  fiir  die  hochsten  Stellen  vorgesehenen  Militars.  Nach- 
dem er  einige  Zeit  wieder  im  Regiment  Dienst  getan  hat,  wird  er  am  1.  Juni 
1875  unter  Beforderung  zum  Hauptmann  und  Stellung  d  la  suite  des  General- 
stabs  der  Armee  in  den  GroBen  Generalstab  versetzt,  vorlaufig  im  Neben- 
etat  und  vom  23.  Januar  1876  ab  in  etatmaBiger  Stellung.  Am  27.  Juni  des- 
selben Jahres  kommt  er  zum  Generalstab  des  X.  Armeekorps,  wo  er  im 
Herbst  1879  an  der  Ubung  der  Kavalleriedivision  teilnimmt.  Nachdem  er  am 
18.  September  1880  als  Rittmeister  eine  Eskadron  des  Konigs-Husarenregi- 
ments  (1.  Rheinisches)  Nr.  7  erhalten  hatte,  wird  er  am  7.  April  1883  als  Haupt- 


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mann  in  den  GroBen  Generalstab  zuriickversetzt,  am  2.  Juni  desselben  Jahres 
zum  Major  befordert  und  am  22.  April  des  folgenden  Jahres  dem  Generalstabe 
des  III.  Armeekorps  zugeteilt,  wo  er  im  Juni  1885  die  Kavallerieiibungsreise 
leitet. 

Im  Jahre  1887  tritt  B.,  der  dem  Herrscherhause  schon  verschiedentlich 
naher  getreten  war,  in  engste  Verbindung  zu  dem  spateren  Kaiser  Wilhelm  II., 
indem  er  am  8.  Marz  unter  Stellung  a  la  suite  des  Generalstabs  der  Armee  zum 
personlichen  Adjutanten  des  Prinzen  Wilhelm  von  PreuBen  ernannt  wird. 
Am  19.  Juni  1888,  drei  Tage  nach  dem  Regierungsantritt  Wilhelms  II.,  wird 
er  unter  Befdrderung  zum  Oberstleutnant  diensttuender  Fliigeladjutant,  erhalt 
am  19.  November  desselben  Jahres  als  Kommandeur  die  Leibgendarmerie 
und  wird  am  18.  Februar  1889  unter  Belassung  in  dem  Verhaltnis  eines  Fliigel- 
adjutanten  Kommandeur  des  Regiments  der  Gardedukorps  und  am  23.  Mai 
des  folgenden  Jahres  zum  Oberst  befordert. 

Inzwischen  war  seine  Gemahlin  am  20.  Juli  1888  in  Munchen  verstorben. 
Zwei  Jahre  spater,  am  15.  Oktober  1890,  verheiratete  sich  B.  zum  zweiten 
Male  mit  Alice  Grafin  von  Konigsmarck,  die  am  24.  Oktober  1867  in  Kamnitz 
geboren  war  und  dem  altmarkischen  Uradel  entstammte.  Ihrer  Ehe  entspros- 
sen  drei  Kinder.  In  seiner  neuen  Gemahlin  f  and  B.  nicht  nur  die  liebende  Gattin 
und  sorgende  Mutter  der  Kinder,  sondern  seine  treueste  Mitarbeiterin,  welche 
nicht  nur  seine  zahlreichen  Briefe,  Reden,  Vortrage  und  Denkschriften  nach 
seinem  Diktat  mit  der  Schreibmaschine  niederschrieb,  sondern  auch  den  Inhalt 
mit  ihm  gemein3am  bearbeitete,  wie  zahlreiche  Verbesserungen  von  ihrer  Hand 
neben  der  ihres  Mannes  in  den  Konzepten  beweisen. 

Unter  weiterer  Belassung  als  Fliigeladjutant  erhielt  B.  am  20.  Mai  1893  die 

4.  Kavalleriebrigade  und  wurde  am  17.  Marz  des  folgenden  Jahres  zum  General- 
major  befordert.  Jetzt  konnte  er  seine  Auffassung  uber  die  Bedeutung  der 
Kavallerie  nachdrucklich  zur  Geltung  bringen  und  ihre  Weiterentwicklung  ent- 
scheidend  beeinflussen.  Im  Juni  1894  leitete  er  die  Kavallerieiibungsreise  des 
Gardekorps  und  nahm  im  Juni  1896  an  der  grofleren  Kavallerieiibungsreise 
unter  Leitung  des  Inspekteurs  der  2.  Kavalleriedivision  teil.  Im  Mai  1897 
leitete  er  personlich  die  erste  Ubungsreise  der  1.  Kavallerieinspektion  und  im 
darauffolgenden  Juni  die  zweite  Ubungsreise  der  1.  Kavalleriedivision.  Am 

5.  August  desselben  Jahres  wurde  er  zur  Fuhrung  der  Kavalleriedivision  B 
beim  XI.  Armeekorps  kommandiert  und  erhielt  am  1.  September  1897  die 
29.  Division.  Am  10.  desselben  Monats  wurde  er  zum  Generalleutnant  befordert. 
Nachdem  er  vom  12.  bis  25.  Oktober  1899  zum  ersten  Informationskursus 
bei  der  Feldartillerieschiefischule  in  Jiiterbog  kommandiert  worden  war,  wurde 
er  am  18.  Mai  1901  im  Alter  von  57  Jahren  zum  Kommandierenden  General 
des  VII.  Armeekorps  in  Minister  i.  W.  ernannt  und  am  27.  Januar  1902  zum 
General  der  Kavallerie  befordert.  Uber  sechs  Jahre  ist  er  Kommandierender 
General  des  westfalischen  Armeekorps  gewesen. 

B.s  Streben  ging  nach  selbstandiger  Verwendung  groBerer  Kavalleriemassen, 
wobei  er  besonderen  Wert  auf  die  Ausbildung  der  Kavallerie  im  Gefecht  zu 
Fufi  legte.  Er  verfocht  seine  Gedanken  auch  schriftstellerisch  und  nahm  ver- 
schiedentlich Stellung  zu  den  literarischen  AuBerungen  anderer,  wobei  er  vor 
allem  die  Arbeiten  des  Generalleutnants  v.  Pelet-Narbonne  hoch  einschatzte. 
Aufklarung  und  Sicherung  trennte  er  scharf  als  zwei  verschiedene  Aufgaben 


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der  Kavallerie,  dzu  deren  Losung  verschiedene,  wenn  auch  sich  erganzende 
MaBnahmen  erforderlich*  seien.  Besonders  auf  die  Sicherungsfrage  legte  er 
groBen  Wert.  »Die  oft  wiederkehrende  Sehnsucht  nach  der  schiitzenden  In- 
fanterie  muB  iiberwunden  werden.*  Wenn  die  Ansicht  vorherrsche,  »dieNahe 
des  Feindes  meiden  zu  miissen,  weil  man  sich  schutzlos  fuhlt«,  dann  wiirde 
»auch  im  zukunftigen  Kriege  die  Fuhlung  am  Feinde  wieder  verlorengehen, 
seine  Spuren  sich  verwischen,  die  Aufklarung  unterbrochen  werden*.  Um  eine 
solche  Lage  der  Kavallerie  zu  verhindern,  sah  B.  das  beste  Mittel  in  einer 
weittragenden,  sicher  treffenden  und  gerade  fur  den  Sicherungsdienst  wichtigen 
SchuBwaffe.  Es  sind  immer  wieder  die  Lehren  der  Geschichte,  die  B.  bei  der 
Beurteilung  militarischer  Handlungen  oder  Notwendigkeiten  heranzieht.  Da- 
bei  zeigt  er  oft  eine  iiber  das  rein  Militarische  hinausgehende  umfassende  histo- 
rische  Bildung.  In  den  eingehenden  Abhandlungen  iiber  die  verschiedenen 
Manover  seines  Armeekorps,  die  er  im  Druck  alien  seinen  Off izieren  zuganglich 
machte,  tritt  deutlich  sein  Streben  nach  Objektivitat  in  der  Kritik,  sein  Ringen 
um  Klarheit  und  Gerechtigkeit  des  Urteils  hervor.  Er  verlangte  von  seinen 
Offizieren,  daB  seine  Auseinandersetzungen  und  Schilderungen  micht  als 
eine  zeitvertreibende  Sofalektiire*  angesehen  werden  durften,  sondern  »zum 
eifrigen  Studium,  vornehmlich  denjenigen,  welche  bereit  seien,  auch  kritisch 
seine  Ansichten  zu  uberlegen*.  Denn  wenn  er  auch  stets  scharf  seine  wohl- 
erwogene  Ansicht  vertrat,  so  war  ihm  doch  jegliche  Uberheblichkeit  fremd, 
und  er  war  sich  des  Problematischen  alles  menschlichen  Handelns  wohl  bewuBt. 
»Nichts  kann  mir  ferner  liegen,«  schreibt  er  einmal,  »als  zu  wiinschen  und  zu 
erwarten,  daB  man  glaubt,  ich  hatte  fur  alle  Verhaltnisse  brauchbare  Rezepte 
geben  wollen.  Je  mehr  man  sich  in  die  Kunst  der  Truppenfuhrung  vertieft,  je 
mehr  man  iiber  die  besten  Mittel  nachdenkt,  die  zu  Erfolgen  fuhren  konnen, 
um  so  mehr  kommt  man  zu  der  Uberzeugung,  daB  selbst  allgemein  anerkannte 
Grundsatze  nfcht  ausreichen,  um  die  wechselnden  Lagen,  die  zahlreichen 
Zwischenfalle,  welche  im  Verlauf  der  Handlungen  eintreten  konnen,  stets 
fehlerfrei  zu  iiberwinden.  Wissen  und  Konnen  muB  sich  erganzen;  die  Eigen- 
schaften  des  Charakters  tragen  wesentlich  dazu  bei,  in  kritischen  Lagen  wenn 
auch  nicht  immer  das  Beste,  so  doch  Brauchbares  zu  leisten.«  In  seinen  Erlassen 
als  Kommandeur  und  kommandierender  General  hat  B.  immer  wieder  darauf 
hingewiesen,  den  einzelnen  Mann  bei  aller  Strenge  der  Disziplin  zur  Selb- 
standigkeit  zu  erziehen  und  in  ihm  den  Mut  zu  wecken,  im  gegebenen  Falle 
unter  eigener  Verantwortung  zu  handeln.  Wie  B.  fiir  jeden  seiner  Soldaten  wie 
fiir  jeden  ihm  Untergebenen  stets  ein  vaterliches  Herz  hatte,  so  verlangte  er  aber 
auch  vom  Ersten  bis  zum  Letzten  strengste  Pflichterfiillung  ohne  irgendwelche 
Rucksicht  auf  Rang  oder  Geburt.  Das  Verhaltnis  zu  seinem  Herrscher  f aBte  er 
als Mannentreue  auf,  von  der  er  in  edelster Weise  beseelt  war;  gerade  diese Auf- 
fassung  befahigte  inn,  auch  dort  seiner  Meinung  freimiitigen  Ausdruck  zu 
verleihen.  Es  war  nur  natiirlich,  daB  die  Scharfe  seiner  Kritik  und  die  Strenge 
seiner  Anforderungen,  wenn  er  sie  auch  zuerst  gegen  sich  selbst  iibte,  manchem 
unbequem  war.  So  sehr  auch  seine  ehrliche  Sachlichkeit  riickhaltlos  anerkannt 
wurde,  so  blieb  er  doch  nicht  ohne  personliche  Gegner.  Nachdem  er  am 
ii.  September  1907  noch  den  Schwarzen-Adler-Orden  erhalten  hatte,  wurde 
ihm  bald  darauf  die  Absicht  mitgeteilt,  einen  Wechsel  im  Kommando  des 
VII.  Armeekorps  eintreten  zu  lassen.  B.  erlieB  daraufhin  im  November  an 


Bissing  41 

die  ihm  unterstellten  Truppen  folgenden  Korpsbefehl :  »Nachdem  Seine  Maje- 
stat  der  Kaiser  und  Konig  mir  hat  mitteilen  lassen,  daB  Allerhochst  derselbe 
das  VII.  Armeekorps,  das  ich  fast  7  Jahre  mit  besonderer  Auszeichnung  und 
zu  seiner  dauerden  Zufriedenheit  gefiihrt  hatte,  deshalb  neu  besetzen  wolle, 
weil  jiingere  Krafte  zu  ihrer  Verwendung  im  Ernstfalle  sich  im  Frieden  darauf 
vorbereiten  miiBten,  habe  ich  Seiner  Majestat  gemeldet,  daB  ich  am  1.  Januar 
1908  mein  Abschiedsgesuch  einreichen  werde.  Ich  hoffe,  daB  ich  in  der  Zeit, 
in  welcher  es  mir  noch  vergonnt  ist,  mein  schones  Armeekorps  zu  fiihren, 
einzelne  Standorte  besuchen  kann,  urn  meinen  Untergebenen,  die  mir  so  sehr 
ans  Herz  gewachsen  sind,  Lebewohl  zu  sagen.«  Als  dieser  Korpsbefehl,  der 
fur  den  offenen  und  geraden  Charakter  B.s  spricht  und  der  in  der  Offent- 
lichkeit  groBes  Aufsehen  erregte,  dem  Kaiser  bekannt  wurde,  lieB  dieser  B. 
am  29.  November  seine  MiBbilligung  aussprechen,  worauf  B.  am  8.  Dezember 
sein  Abschiedsgesuch  vorlegte,  welches  am  12.  Dezember  1907  bewilligt  wurde. 
B.  wurde  mit  der  gesetzlichen  Pension  zur  Disposition  gestellt.  Erst  am 
24.  Januar  191 2  hat  ihn  dann  der  Kaiser  a  la  suite  des  Regiments  der  Garde- 
dukorps  gestellt.  So  schmerzlich  B.  auch  seine  Entlassung  und  vor  allem  die 
Auslegung  seines  letzten  Korpsbefehls  trafen,  so  war  er  doch  nicht  der  Mann, 
der  sich  dadurch  hatte  beugen  lassen  oder  der  in  wohlverdienter  Ruhe  den 
Rest  seiner  Lebenszeit  in  beschaulichem  Dasein  verbracht  hatte. 

Vom  Kaiser  nach  seiner  Verabschiedung  wegen  seiner  reichen  Erfahrung  in 
das  Herrenhaus  berufen,  widmete  er  sich  sofort  mit  seiner  ganzen  Tatkraft, 
unterstutzt  von  seiner  Gemahlin,  der  Wohlfahrts-  und  Jugendpflege.  Er 
nahm  seinen  Wohnsitz  in  Rettkau  bei  Gramschutz  im  Kreise  Glogau  und 
begann  planmaBig  die  Weiterbildung  und  Erziehung  der  schulentlassenen 
landlichen  Jugend  in  ganz  Schlesien  zu  fordern.  Er  griff  die  Gedanken  auf, 
die  von  dem  »Deutschen  Verein  fur  landliche  Wohlfahrts-  und  Heimat- 
pflege*  vertreten  wurden,  der  1903  als  Nachfolger  des  seit  1896  wirkenden 
» Ausschusses  fiir  Wohlfahrtspflege  auf  dem  Lande«  gegriindet  worden  war.  Es 
kam  B.  vor  allem  darauf  an,  die  schulentlassene  Jugend  in  der  Zeit  zwischen 
der  Schulzeit  und  dem  Militardienst  zu  erf assen  und  sie  in  diesem  fiir  die  weitere 
Entwicklung  so  gefahrlichen  und  so  einfluBreichen  Alter  in  vaterlandischem 
und  konigstreuem  Sinne  weiterzubilden,  wobei  er  immer  wieder  betonte,  daB 
jede  Einseitigkeit  in  der  Ausbildung  vermieden,  vielmehr  sowohl  die  korper- 
liche  wie  die  geistige  Weiterentwicklung  beriicksichtigt  werden  musse.  Ganz 
bewuBt  war  seine  Arbeit  dabei  als  eine  Abwehrhandlung  gegeniiber  den  immer 
weiter  um  sich  greifenden  sozialdemokratischen  Gedanken  gedacht.  Seiner  an- 
spornenden  Tatigkeit  war  es  zu  verdanken,  daB  der  erwahnte  Verein  eine  Pro- 
vinzialabteilung  Schlesien  griindete,  deren  Satzungen  am  12.  Januar  1910  ge- 
fai3t  wurden  und  deren  Vorsitzender  B.  wurde.  Das  praktische  Mittel  einer 
Weiterbildung  der  Jugend  sah  dieser  in  der  Fortbildungsschule  und  suchte  des- 
halb in  zahlreichen  Vortragen  in  verschiedenen  Orten,  in  Aufsatzen  sowie  in  Re- 
den  und  Antragen  im  Herrenhause  fiir  die  Ausbreitung  dieser  Schulgattung 
auch  auf  dem  Lande  zu  wirken.  Ohne  die  Beratungen  staatlicher  Organe  abzu- 
warten,  griff  er  zur  Selbsthilfe,  indem  er  zuerst  in  seiner  Gemeinde  Rettkau 
eine  Fortbildungsschule  einrichtete  und  dann  auch  andere,  gleichgesinnte  Per- 
sonen  veranlaBte,  seinem  Beispiele  in  den  anderen  landlichen  Gemeinden  seines 
Kreises  zu  folgen.  Von  Anfang  an  war  er  darauf  bedacht,  nicht  nur  einzelne 


42  1917 

Berufskreise  zu  gewinnen,  sondern  die  Masse  der  Jugendlichen  zu  erreichen, 
weshalb  er  zwar  bereit  war,  mit  den  bestehenden  Jugendvereinen  zusammen- 
zuarbeiten,  die  vorwiegend  konfessionellen  Charakter  hatten,  ihnen  aber  keines- 
wegs  das  ausschlieBliche  Vorrechtder  Jugenderziehung  einraumen  wollte;  denn 
fur  ion  gait  es,  auch  die  der  religiosen  Einwirkung  bereits  entf remdete  Jugend 
fur  eine  sittliche  und  vaterlandische  Erziehung  zuruckzugewinnen.  Als  er  im 
Jahre  1909  in  der  Gemeinde  Rettkau  mit  seinen  Gedanken  hervortrat,  berief 
er  eine  Versammlung  der  Gemeindemitglieder  und  befragte  diese,  ob  sie  ihm 
und  dem  Lehrer  Menzel  die  Einrichtung  einer  Fortbildungsschule  in  der  Ge- 
meinde anvertrauen  wollten.  Mit  ihrer  Unterstiitzung  und  mit  Hilfe  der  Re- 
gierungsvertreter  der  Provinz,  des  Bezirks  und  des  Kreises  konnte  er  am 
1.  Dezember  1909  seine  Schule  eroffnen.  In  der  ersten  Zeit  hat  B.  den  Unter- 
richt  groBtenteils  selbst  erteilt,  wobei  er  neben  geographischen  Verhaltnissen 
der  Heimat  vor  allem  geschichtliche  Stoffe  zugrunde  legte.  Am  9.  April  des 
folgenden  Jahres  hielt  er  in  Gramschiitz  vor  70  Lehrern  des  Kreises  Glogau, 
evangelischen  und  katholischen,  einen  Vortrag  iiber » die  landliche  Fortbildungs- 
schule*, der  ungeteilten  Beifall  fand.  In  der  » Katholischen  Schulzeitung  fiir 
Norddeutschland«  veroffentlichte  B.  am  13.  und  20.  Oktober  1910  einen  Aufsatz 
iiber  »Die  landliche  Fortbildungsschule  «.  Am  2.  Juli  1910  war  der  pflichtmaBige 
Besuch  von  landlichen  Fortbildungsschulen  in  der  Provinz  Schlesien  dort,  wo 
die  Gemeinden  bereit  waren,  solche  Schulen  einzurichten,  durch  Gesetz  be- 
schlossen  worden,  wie  es  bereits  vorher  1904  fiir  die  Provinz  Hessen-Nassau 
und  1909  fiir  die  Provinz  Hannover  geschehen  war.  Als  dieser  Unterricht  dann 
auch  in  den  iibrigen  preuBischen  Provinzen  eingefuhrt  werden  sollte,  hat  B. 
191 1,  1912  und  1913  in  den  Kommissionen  und  als  Berichterstatter  im  Plenum 
des  Herrenhauses  wiederholt  das  Wort  ergriffen.  Seine  Arbeit  ging  nicht  immer 
ohne  Widerstand  vonstatten.  In  der  umstrittenen  Frage,  ob  die  Volksschul- 
lehrer  oder  die  Geistlichen  berufen  seien,  als  Fortbildungsschullehrer  zu  wirken, 
vertrat  B.,  wie  aus  Aufsatzen  von  ihm  im  »Roten  Tag*  vom  30.  Juli  und 
1.  August  1911  hervorgeht,  den  Standpunkt,  »daB  die  Volksschullehrer,  wie 
die  Verhaltnisse  auf  dem  L,and  liegen,  in  der  Regel  allein  befahigt  und  allein 
verfiigbar  seien,  den  Unterricht  im  Nebenamt  zu  ubernehmenct,  und  dafl  »dies 
auch  fast  ausnahmslos  freudig  und  mit  treuester  Hingabe  dort  geschehen  sei, 
wo  Fortbildungsschulen  errichtet  wurden*.  Seiner  ganzen,  jeder  Einseitigkeit 
und  jedem  Doktrinarismus  abholden  Einstellung  gemaB  fiigte  er  aber  hinzu, 
daB  jene  Erfahrung  nicht  zu  der  SchluBfolgerung  fuhren  diirfe,  »daB  jeder 
Volksschullehrer  als  solcher  geistig  und  korperlkih,  und  zwar  allein,  zur  Er- 
teilung  des  Unterrichts  brauchbar  sei« ;  wenn  die  notwendigen  Vorbedingungen 
fiir  eine  fruchtbringende  Tatigkeit  nicht  ausreichten,  so  miisse  fiir  Ersatz  ge- 
sorgt  werden.  »Ob  durch  Geistliche  oder  durch  geeignete  Mitglieder  anderer 
Stande,  dariiber  entscheiden  die  besonderen  Umstande.«  In  der  Frage  des 
Religionsunterrichtes  an  Fortbildungsschulen  war  B.  gegen  eine  zwangsweise 
Einfiihrung,  da  gerade  derjenige,  der  »es  ernst  meint  mit  der  Religion,  die 
Heuchelei,  welche  bei  ausgeiibtem  Zwange  unvermeidbar  ist,  verurteilen 
muB«.  Die  Erhaltung  des  religiosen  Sinnes  in  der  Jugend  lag  ihm  nichts- 
destoweniger  sehr  am  Herzen,  und  er  hat  in  seiner  gesamten  Tatigkeit  auf 
dem  Gebiete  der  Jugendpflege  viel  und  eng  mit  Geistlichen  beider  Konfes- 
sionen   zusammengearbeitet.  Die  Fortbildungsschule  hatte  aber  nach  seiner 


Bissing  43 

Auffassung  andere  Aufgaben  zu  erfiillen  und  auf  die  Gesamtheit  der  Jugend- 
Hchen  zu  wirken. 

So  sehr  B.  die  landliche  Fortbildungsschule  als  das  beste  Mittel  der  weiteren 
Erziehung  der  landlichen  Jugend  ansah,  so  hat  er  doch  auch  den  zahlreichen 
anderen  Bestrebungen,  die  von  vielen  verschiedenartigen  Vereinen  in  der 
Jugenderziehung  verfolgt  wurden,  seine  Aufmerksamkeit  und  seine  Mitarbeit 
gewidmet.  Als  der  Kaiser  ihn  im  Jahre  19 10  aufforderte,  eine  Organisation  der 
schulentlassenen  Jugend  nach  dem  Vorbild  der  von  dem  englischen  General 
Baden- Powell  errichteten  *Boy-Scouts«  zu  entwerfen,  hat  B.  in  einer  Immediat- 
eingabe  im  Juli  1910  ausfuhrlich  dazu  Stellung  genommen  und  seine  Gedanken 
dem  Kaiser  in  Gegenwart  des  Kriegsministers  und  des  Kultusministers  auch 
personlich  erlautert.  Es  ist  der  erste  Vorschlag  einer  planmaBigen  Zusammen- 
fassung  der  Jugend  gewesen,  die  spater  unter  dem  Namen  »  Jungdeutschland« 
als  Griindung  des  Generalfeldmarschalls  v.  d.  Goltz  in  das  Leben  trat.  B.  nennt 
in  seiner  Denkschrift  die  Organisation  der  Jugend,  d.  h.  die  Zusammenfassung 
aller  Bestrebungen,  welche  zum  Nutzen  der  Jugend  und  im  Belang  des  Staates 
wirken  wollen,  eine  »nationale  und  sozialpolitisch  notwendige  Aufgabe*.  Nach- 
dem  er  die  ahnlichen  Bestrebungen  in  Italien,  in  Frankreich,  Amerika  und  in 
der  Schweiz  kurz  besprochen  hat,  geht  er  auf  die  englische  Organisation  ein 
und  kommt  dabei  zu  dem  SchluB,  daB  bei  aller  Anerkennung  der  Bedeutsam- 
keit  der  Einrichtung  des  Generals  Baden-Powell  doch  dessen  *Boy-ScotUs« 
nicht  in  ihrer  auBeren  Form  von  Deutschland  iibernommen  werden  konnten. 
Denn  in  Deutschland  gabe  es  bereits,  was  in  England  bisher  nicht  der  Fall 
gewesen  sei,  eine  staatliche  Fiirsorge  und  eine — fast  zu  groBe  Anzahl  von 
Vereinen,  die  die  Grundlage  fur  den  Auf-  und  Ausbau  einer  Zusammenfassung 
geben  wurden.  Eine  neue  Organisation  wiirde  die  Wirksamkeit  der  bestehenden 
nur  schmalern.  Auch  sei  die  Freiwilligkeit  des  Beitritts  nachteilig,  weil  dadurch 
gerade  diejenigen  Elemente,  die  am  notwendigsten  zu  erziehen  seien,  fortbleiben 
wurden.  Deshalb  set  es  besser,  die  Fortbildungsschulen  als  Trager  und  die  be- 
reits bestehenden  Vereine  als  Heifer  der  Organisation  der  preuBischen  Jugend 
zu  betrachten.  B.  kam  so  zu  dem  Vorschlage:  Einheitliche  Leitung  der  be- 
stehenden verschiedenartigen  Organisationen,  die  bisher  vorwiegend  in  den 
Stadten  wirkten,  mit  gemeinschaftlichem  Programm,  und  fur  das  Land,  wo 
durchweg  Neues  geschaffen  werden  musse,  Dezentralisation  mit  einheitlicher 
Richtung  der  Vertrauensmanner  in  Orts-,  Kreis-  und  Bezirksausschiissen  unter 
Beteiligung  der  Vertreter  der  Behorden.  B.  stellte  elf  Leitsatze  auf,  aus  denen 
hervorgeht,  daB  es  ihm  nicht  um  eine  militarische  Vorbildung  der  Jugend  zu 
tun  war,  weil  dies  nach  seiner  Auffassung  gar  nicht  moglich  sei,  sondern  um 
eine  allseitige  korperliche  und  geistige  Gesundhaltung  und  Tiichtigkeit,  die 
die  beste  Gewahr  fiir  eine  spatere  erfolgreiche  militarische  Ausbildung  abgabe. 
Deshalb  betonte  er  besonders  die  Leibesiibungen  und  verstand  darunter  »das 
volkstumliche  Turnen,  die  Turn-  und  Jugendsptele,  die  Wandermarsche,  die 
Gelandetibungen,  Eislauf,  Skilauf,  Rudern  und  Schwimmen«.  Diese  »sollen 
nicht  allein  die  korperliche  Tiichtigkeit,  sondern  die  Freude  an  der  Natur, 
die  Liebe  zur  Heimat,  die  sittliche  Entwicklung  nach  jeder  Richtung  hin  for- 
dern«.  Er  schlug  vor,  die  Vorsitzenden  einer  Reihe  von  Verbanden  zu  einer  ge- 
meinsamen  Besprechung  einzuladen,  und  wies  besonders  auf  den  1891  von 
dem  Abgeordneten  v.  Schenckendorff  (s.  DBJ.  1914 — 16,  S.  167 ff.)  gegriindeten 


44  lW 

»ZentralausschuB  zur  Forderung  der  Volks-  und  Jugendspiele*  hin,  auBerdem 
auf  die  Deutsche  Turnerschaft,  die  Ruder-  und  Schwimmverbande,  die  Zentral- 
stelle  fiir  Volks wohlfahrt,  die  Jugendwehr  usw.  Vor  allem  miisse  aber  der 
©bligatorische  Fortbildungsschulunterricht  eingefiihrt  werden.  Der  Kaiser  bil- 
ligte  im  groBen  und  ganzen  die  Vorschlage  B.s  und  beauftragte  den  Kultus- 
minister,  die  weiteren  Schritte  zur  Durchfuhrung  der  Organisation  zu  unter- 
nehmen.  Dieser  fiirchtete  jedoch  einen  zu  starken  Widerstand  der  einzelnen 
Verbande  gegen  eine  einheitliche  Leitung;  und  an  dieser  Forderung  scheiterte 
B.s  Organisationsplan.  Wohl  aber  wollte  der  Kultusminister  die  in  der  Jugend- 
pflege  tatigen  Vereine  mit  staatlichen  Mitteln  unterstiitzen.  So  war  eine  un- 
mittelbare  Folge  der  B.schen  Denkschrift  der  ErlaB  des  Kultusministeriuins 
vom  18.  Januar  191 1  iiber  die  freiwillige  Jugendpflege.  Mit  Hilfe  der  Regie- 
rungsstellen  sind  dann  eine  Menge  von  Jugendvereinen  in  den  einzelnen  Orten 
und  Kreisen  entstanden.  Im  Regierungsbezirk  Liegnitz  kam  am  27.  April  191 1 
unter  dem  Vorsitz  des  Regierungsprasidenten  ein  AusschuB  fiir  jugendpflege 
zustande,  dem  B.  als  Mitglied  angehorte.  In  einer  Denkschrift  vom  12.  Marz 
wendet  er  sich  dagegen,  daB  »die  militarische  Ausbildung  der  Jugend  als  Mittel 
zum  Zweck  oder  gar  als  das  hauptsachlich  zu  erstrebende  Ziel  anzusehen«  sei. 
Er  zeigt  die  recht  erheblichen  Nachteile,  die  aus  solcher  fruhzeitigen  mili- 
tarischen  Vorbildung  entstehen  konnen,  und  schreibt  unter  Hinweis  auf  AuBe- 
rungen  des  preuBischen  Kriegsministers :  » Die  Armee  wiinscht  keinen  solchen 
Ersatz;  sie  braucht  keinen  mangelhaft  gedrillten  Ersatz,  sondern  geistig  ge- 
weckte,  zur  Selbstzucht  und  zur  treuen  Pflichterftillung  erzogene  Manner, 
deren  Korperkrafte  gestarkt  und  fiir  die  Anforderungen  des  Heeresdienstes 
zum  Wohle  des  einzelnen  wie  zum  Nutzen  der  Volks-  und  der  Wehrkraft  vor- 
bereitet  werden. «  Am  1.  Juli  191 1  wurde  B.  einstimmig  in  den  »Zentralaus- 
schuB«  gewahlt  und  hatte  damit  ein  weites  Betatigungsfeld  in  ganz  Deutsch- 
land  fiir  seine  Gedanken  gewonnen. 

Inzwischen  hatte  der  Generalfeldmaschall  v.  d.  Goltz  den  Gedanken  von 
Baden-Powell  aufgegriffen  und  in  einer  Immediateingabe  an  den  Kaiser  vom 
6.  Juli  1911  den  Plan  des  Bundes  » Jungdeutschland«  entwickelt.  Dieser  ent- 
sprach  in  den  Grundziigen  den  B.schen  Gedankengangen.  Nur  lieB  er  einmal 
die  Betonung  der  Fortbildungsschulen  auBer  acht  und  ermoglichte  anderer- 
seits,  daB  neben  den  bestehenden  Organisationen,  die  ganz  wie  bei  B.  in  einer 
einheitlichen  Leitung  zusammengefaBt  werden  sollten,  auch  selbstandige  Grup- 
pen  des  neuen  Bundes  entstehen  konnten.  Dazu  kam,  daB  der  Goltzsche 
Plan  ganz  auf  die  militarischen  Kreise  eingestellt  war.  Soweit  dieser  Plan 
von  dem  B.s  abwich,  stand  er  auch  nicht  im  Einklang  mit  den  bisherigen 
MaBnahmen  des  Kultusministeriuins.  Der  Kaiser  war  auf  die  freiwilligen  Jugend- 
wehren  nach  Art  der  englischen  Boy-Scouts  zuriickgekommen  und  lieB  am 
25.  September  191 1  durch  den  Chef  des  Zivilkabinetts  v.  Valentini  bei  B.  an- 
fragen,  ob  er  sich  noch  mit  dieser  Frage  weiter  beschaftige  und  ob  etwa  schon 
Versuche  mit  der  Bildung  derartiger  Wehren  angestellt  worden  seien.  Es  ist 
bisher  nicht  deutlich  geworden,  wie  es  zu  dieser  mit  der  fruheren  Besprechung 
in  Gegensatz  stehenden  Anfrage  gekommen  ist.  B.  war  jedenfalls  stark  iiber- 
rascht,  als  er  erst  wenige  Wochen  vor  der  konstituierenden  Versammlung  von 
»Jungdeutschland«  von  den  Goltzschen  Planen  etwas  erfuhr.  Er  auBerte  sofort 
freimiitig  den  Regierungsstellen   seine  Bedenken   gegeniiber   einer  Neugriin- 


Biasing  45 

dung.   Als  er  aber  von  dem  Kommandierenden  General  des  V.  Armeekorps 
aufgefordert  wurde,  fur  den  Bereich  der  9.  Division    im  Regierungsbezirke 
Liegnitz  das  Amt  eines  Vertrauensmannes  zu  iibernehmen,   stellte  er  seine 
Erfahrung   und  seine  Kraft  ohne  jede  Verargerung  opferbereit  zur  Verfii- 
gung.   Die  Bundesleitung,  deren  Vorarbeiten  ohne  jede  Befragung  oder  Be- 
nachrichtigung  B.s  vor  sich  gegangen  waren,  konnte  jedoch  nicht  an  ihm  vor- 
beigehen  und  wahlte  ihn  in  der  konstituierenden  Versammlung  am  13.  No- 
vember 191 1  zu  ihrem  Mitglied.  B.  hat  dann  in  den  folgenden  Jahren  in  zahl- 
reichen  Vortragen  in  den  verschiedensten  Vereinen  in  Liegnitz,  Bunzlau,  Griin- 
berg,  Liiben,  im  Verein  Deutscher  Studenten  in  Breslau  und  in  Halle,  in  der 
Vereinigung  der  Steuer-  und  Wirtschaftsreformer  in  Berlin  usw.  fur  die  Ge- 
danken  von  »Jungdeutschland«  gewirkt.  Dabei  hat  er  immer  versucht,  die 
Masse  der  Jugend  zu  erreichen,  und  auch  angestrebt,  nach  Moglichkeit  iiber  die 
militarischen  Kreise  hinaus  auch  die  anderen  Stande  zur  Mitarbeit  heranzu- 
ziehen,  wobei  er  von  dem  Regierungsprasidenten  von  Liegnitz,  dem  Freiherrn 
v.  Seherr-ThoB,  unterstiitzt  wurde,  mit  dem  er  auch  seinen  ersten  Aufruf  vom 
21.  Juni  1912  eingehend  besprach.  »Jugenderziehung«  war  ihm,  wie  er  einmal 
gesagt  hat,  »in  besonderer  Weise  personliche  Arbeit.   Nicht   als   Aufsichts- 
beamter,  auch  nicht  als  Gonner  und  Wohltater  darf  der  Leiter  unter  die  Jugend 
treten,  sondern  als  ihr  An  wait,  nicht  nui  in  ihren  religiosen,  sondern  auch  in 
ihren  sozialen  und  wirtschaftlichen  N6ten.«  Es  kam  ihm  dabei  auf  die  Aus- 
bildung  der  ganzen  Personlichkeit  an.   Mit  Sport,  Spiel  und  Leibesiibungen 
allein  kame  man  nicht  aus;  die  korperliche  Trainierung  konne  nur  als  ele- 
mentare  Vorarbeit  fiir  die  sittHche  Erziehung  gelten,   da,   wie  er  in  einer 
Rede  im  Herrenhaus  am   18.  Marz  19 14   ausfiihrte,   »in  alien  Lebenslagen, 
auch  wenn  auf  dem  Schlachtfelde  die   Kugeln  pfeifen,   das  Entscheidende 
die  Seelenkrafte  des  Menschen  sind.«  DaB  B.  bei  einer  solchen  Auffassung 
berufen  war,  eine  vermittelnde  Rolle  sowohl  in  der  Bundesleitung  wie  auch 
zwischen  dieser  und  den  verschiedenen  kirchlichen  Verbanden  zu  spielen,  ist 
nur  naturlich.  Wahrend  es  ihm  dabei  oft  gelang,  Bedenken  katholischer  Kreise 
zu  zerstreuen,  vor  allem  durch  seine  Verhandlungen  mit  dem  Fiirstbischof 
Kopp  von  Breslau  (s.  DBJ.  1914 — 16,  S.  48  ff.),  ist  es  auffallig,  daB  ihm,  dem 
Evangelischen,  gerade  die  evangelische  Synode  und  die  Superintendenten  oft- 
mals  Schwierigkeiten  bereiteten,  wahrend  die  Geistlichen  in  seinem  Bezirke 
mit  ihm  zusammenarbeiteten.   Nach  dem  Tode  des  Generalfeldmarschalls 
v.  d.  Goltz  war  B.  die  angewiesene  Person,  um  dessen  Nachfolge  anzutreten. 
Eine  im  Jahre  1916  von  den  Mitgliedern  der  Bundesleitung  Dernburg,  Do- 
minicus  und  v.  Mendelssohn  ergehende  Bitte  lehnte  er  zunachst  wegen  starker 
Arbeitsiiberlastung — B.   war  damals  Generalgouverneur  in  Belgien — und 
auch  deshalb  ab,  weil  noch  ganz  ungeklart  sei,  wie  die  Verhaltnisse  sich  nach 
dem  Kriege  entwickeln  wiirden.  Als  er  dann  aber  einstimmig  zum  Vorsitzenden 
gewahlt  wurde,  bat  er  am  14.  Oktober  19 16  den  Kaiser  in  einem  Immediat- 
gesuche,  die  Annahme  der  Wahl  zu  genehmigen.  Dabei  machte  er  sofort  wieder 
Organisationsvorschlage,    um   den  Bund  den  durch   den  Krieg  veranderten 
Verhaltnissen  anzupassen.  Die  bald  einsetzende  Krankheit  und  der  darauf- 
folgende  Tod  verhinderten  eine  Ausfuhrung  dieser  Gedanken. 

Neben  der  Frage  der  Fortbildungsschule  und  der  allgemeinen  Jugendpflege 
beschaftigten  B.  auch  andere  Fragen,  wie  die  Fursorgeerziehung  Minder jahriger 


46  1917 

und  die  Errichtung  von  Horten  f  iir  Schulkinder,  welche  Fragen  er  im  Herrenhaus 
ofter  behandelte,  oder  die  Landarbeiterfrage,  die  er  19 14  kurz  vor  Aus- 
bruch  des  Weltkrieges  zusammen  mit  dem  Landesokonomiekollegium  und  nicht 
ohne  Gegenwirkung  der  Schlesischen  Landwirtschaftskammer  in  Angriff  nahm. 
Besonders  erfolgreich  war  seine  Mitarbeit  in  der  Forderung  der  landlichen 
Krankenpflege  durch  Helferinnen,  die  der  leitende  Arzt  der  Heilanstalten  von 
Gorbersdorf,  Dr.  Weicker,  betrieb.  Seitdem  von  191 1  ab  B.  in  Zusammenarbeit 
mit  Dr.  Weicker  und  unterstiitzt  von  dem  Geschaftsfiihrer  der  Provinzial- 
abteilung  Schlesien  des  Deutschen  Vereins  f iir  landliche  Wohlfahrts-  und  Hei- 
matpflege,  dem  Lehrer  Tiffert  in  Brieg,  dieser  Frage  seine  Tatkraft  widmete, 
ging  es  mit  dieser  sozialen  Arbeit  schneller  vorwarts.  B.  hielt  auch  iiber  diese 
Seite  der  Wohlf ahrtspflege  wiederholt  Vortrage,  nicht  nur  in  Schlesien,  sondern 
auch  in  Pommern. 

Auch  sonst  war  B.  unermiidlich  tatig.  Er  verteidigte  das  Offizierkorps  gegen 
die  Angriff e  desObersten  Gaedke,  der  im  »  Berliner  Tageblatt*  am  25.  Marz  19 11 
den  Offizieren,  besonders  in  den  sogenannten  adligen  Regimentern,  allgemein 
die  Sucht  des  Hazardspieles  vorgeworfen  hatte;  B.  antwortete  ihm  in  der 
»Kreuzzeitung«  vom  18.  April  mit  einem  Artikel:  »Kein  Spielteufel  im 
Heere.«  Verschiedentlich  hielt  er  auch  Ansprachen  an  historischen  Erinnerungs- 
tagen. 

Kurz  vor  Ausbruch  des  Weltkrieges  nahm  er  ein  neues  groBes  Arbeitsfeld 
in  Angriff,  indem  er  im  Mai  1914  im  Henenhause  einen  Antrag  auf  Einfuhrung 
der  Sexualpadagogik  einbrachte.  Diesen  Gedanken,  die  Gesunderhaltung  unseres 
Volkes  durch  sexuelle  Erziehung,  nicht  durch  sexuelle  Aufklarung,  zu  sichern, 
hat  er  dann  auch  als  Generalgouverneur  in  Belgien  weiter  verfochten.  Wenige 
Wochen  nach  seiner  Ernennung  besprach  er  in  den  letzten  Tagen  des  Dezember 

1914  mit  Vertretern  der  Landesversicherungsgesellschaften,  vvie  die  schwierige 
Frage  des  Kampfes  gegen  die  Geschlechtskrankheiten  in  Feindesland  zu  losen 
sei.  Ihn  leitete  dabei  in  erster  Linie  die  Sorge  um  die  Erhaltung  der  Tiichtigkeit 
und  Leistungsf ahigkeit  der  deutschen  Truppen ;  zugleich  aber  galten  seine  MaB- 
nahmen  auch  der  Gesundung  des  belgischen  Volkes.  Seinen  eingreifenden  MaB- 
nahmen  war  es  zu  verdanken,  daJ3  die  Zahl  der  Geschlechtskranken  vom  Januar 

1915  ab  sehr  schnell  abnahm.  Doch  B.  blieb  dabei  nicht  stehen.  In  der  Er- 
offnungsrede  einer  zur  Behandlung  dieser  Frage  nach  Bnissel  einberufenen 
Versammlung  fuhrte  er  am  8.  Dezember  1915  aus,  daB  in  der  Auffassung 
dieser  Dinge  ein  grundsatzlicher  Wandel  eintreten  miisse.  Madchen  undFrauen 
fielen  der  Verachtung  anheim,  obwohl  oft  der  Mann  die  Schuld  trage;  der 
geschlechtskranke  Mann  dagegen  werde  nur  »bedauert«;  neben  den  hygieni- 
schen,  sanitaren,  charitativen  und  sozialen  MaBnahmen  sei  vor  allem  eine 
sexuelle  Erziehung  des  Mannes  notwendig.  Wenn  in  dieser  fur  die  Volksge- 
sundheit  so  wichtigen  Frage  eine  Wandlung  eingetreten  ist,  so  hat  B.  das 
Verdienst,  in  einer  Zeit,  wo  man  diese  Dinge  nur  mit  Scheu  nannte,  offen 
die  Wunde  aufgedeckt  und  auch  riickhaltlos  Mittel  zu  ihrer  Heilung  ange- 
geben  zu  haben. 

Der  Ausbruch  des  Weltkrieges  berief  B.  als  stellvertretenden  Kommandie- 
renden  General  des  VII.  Armeekorps  nach  seiner  alten  soldatischen  Wirkungs- 
statte  in  Miinster  in  Westfalen,  wo  er  vom  2.  August  bis  zum  27.  November 
blieb.  An  diesem  Tage  wurde  er  als  Nachfolger  des  nach  der  Tiirkei  versetzten 


Bissing  47 

Generalfeldmarschalls  v.  d.  Goltz  zum  Generalgouverneur  in  Belgien  ernannt. 
Am  24.  Dezember  erfolgte  seine  Beforderung  zum  Generalobent.  Damit  trat 
der  Siebzigjahrige  auf  das  Forum  der  Weltgeschichte.  Die  nicht  ganz  zwei- 
undeinhalb  Jahre,  die  ihm  noch  zu  leben  vergonnt  waren,  stellten  ihn  vor  die 
Aufgaben  eines  Herrschers  iiber  ein  reich  bevolkertes  und  von  feindlichen 
Heeren  besetztes  Land,  die  nicht  nur  militarische,  sondern  vor  allem  staats- 
mannische  Leistungen  erforderten. 

Am  8.  Dezember  1914  traf  B.  in  Briissel  ein  und  ging  sofort  mit  der  ihm 

eigenen  Tatkraft  an  die  Verwaltung  des  L,andes,  fiir  die  er  sich  allein  dem 

Kaiser  verantwortlich  fuhlte.  Diese  Stellung  als  »selbstandiger  Verwalter  des 

ihm  vom  Kaiser  anvertrauten  Okkupationsgebietes*  hat  er  wiederholt  betont, 

vor  allem  gegentiber  der  Obersten  Heeresleitung,  wenn  diese  von  ihm  MaB- 

nahmen  verlangte,  die  er  mit  seinen  Verwaltungsgrundsatzen  schwer  in  Ein- 

klang  bringen  konnte.  Dabei  vertrat  er  mit  der  alten  Leidenschaftlichkeit,  die 

oft  nicht  ohne  Scharfe  war,  seinen  Standpunkt.  Da  die  beiden  Provinzen  Ost- 

und  Westflandern  nicht  zum  Generalgouvernement   gehorten,   sondern   zur 

Etappe  der  4.  Armee  und  zum  Marinekorps,  ergaben  sich  bei  der  Durch- 

fuhrung   seiner   politischen   und  wirtschaftlichen  MaBnahmen   nicht   selten 

Schwierigkeiten,  besonders  mit  dem  Armeeoberkommando  der  4.  Armee.  Bei 

aller  Scharfe  war  B.  aber  jederzeit  bereit,  in  offener  Aussprache  strittige  Fra- 

gen  zu  klaren,  und  hat  spater  auf  diese  Weise  mit  dem  Marinekorps  eng  zu- 

sammengearbeitet.  Gegeniiber  dem  Reichskanzler  und  den  Reichsbehorden, 

denen  er  personlich  nicht  unterstand,  von  denen  aber  wohl  die  Beamten  seines 

zivilen  Stabes  ernannt  wurden,  und  welche  die  Richtlinien  fiir  die  zu  befolgende 

Politik  angaben,  hat  er  in  offener  und  ruckhaltloser  Weise  seine  Meinung  ver- 

treten  und  sie  manchmal  vor  vollendete  Tatsachen  gestellt.  In  der  Flamen- 

politik  ist  er  mit  dem  Reichskanzler  v.  Bethmann  Hollweg  in  Ubereinstim- 

mung  vorgegangen  und  hat  sich  dessen  Ansichten  angeschlossen,  auch  wenn 

er  erst  anderer  Meinung  war.  Dabei  wurde  von  der  Reichsleitung  der  Grund- 

satz  B.s,  in  »wohluberlegter,  geduldiger,  zaher  und  ausdauernder,  vorsichtig 

abwagender  Kleinarbeit«  vorzugehen,  durchaus  gutgeheiBen.  B.  hat  die  Ziigel 

in  Belgien  fest  in  der  Hand  gehalten,  was  bei  den  vielen  militarischen  und 

zivilen  Behorden  in  Belgien  und  in  Deutschland,  die  alle  mehr  oder  weniger 

etwas  zu  sagen  hatten,  nicht  leicht  war.  Er  wollte  wirklich  selbst  verwalten 

und  nicht  nur  eine  dekorative  Spitze  sein.  Er  hielt  sich  deshalb  auch  nicht  an 

den  bureaukratischen  Instanzenzug  und  lieB  sich  oft  von  nachgeordneten 

Stellen  unmittelbar  Vortrag  halten  oder  Bericht  erstatten,  ohne  den  Zwischen- 

instanzen  vorher  da  von  Nachricht  zu  geben.  Dieses  selbstandige  Eingreifen 

ermoglichte  es  ihm,  sich  schnell  iiber  Einzelheiten  zu  unterrichten,  und  zwang 

seine  Untergebenen  zu  rastloser  Tatigkeit.  Gegen  den  Willen  seines  Verwal- 

tungschefs  und  ohne  die  Reichsregierung  zu  fragen,  die  sich  die  Organisation 

der  Verwaltung  in  Belgien  vorbehalten  hatte,  machte  er  die  Abteilung  I  des 

Verwaltungschefs  zur  selbstandigen,  ihm  unmittelbar  unterstellten  Politischen 

Abteilung  (13.  Februar  1915)  und  begriindete  dies  mit  »Abkurzung  des  In- 

stanzenzuges*.  Einen  Monat  spater,  am  6.  Marz,  loste  er,  diesmal  nach  vor- 

herigen  Verhandlungen  mit  dem  Reichsministerium  des  Innern,  die  Bank- 

abteilung  als  selbstandige  Behorde  vom  Verwaltungschef  los.  Der  Grundsatz 

seiner  Verwaltung  war,  wie  er  es  einmal  in  der  Eroffnungsrede  anlaBlich  der 


48  1917 

Tagung  richterlicher  Militarjustizbeamter  in  Briissel  am  29.  Juni  1916  aus- 
gesprochen  hat,  »daB  das  Volk,  welches  jetzt  unter  unserer  Macht  stent,  nicht 
mit  HaB  und  Vergeltungswut  behandelt  wird.  Denn  es  gehdren  tatsachlich 
ganz  andere  Faktoren  dazu,  ein  feindliches  Volk  zu  leiten,  in  Ordnung  zu 
halten;  schlieBlich  ist  auch  der  Verwalter  eines  solchen  Landes  verpflichtet, 
die  Wohlfahrt  wieder  zu  heben,  das  Land  trotz  der  Not  des  Krieges  zu  starken 
und,  trotz  der  vor  alien  Dingen  zu  beachtenden  militarischen  Riicksichten, 
wieder  lebensfahig  zu  machen.«  Er  betonte,  daB  die  volkerrechtlichen  Be- 
stimmungen  seine  »Handlungen  und  MaBnahmen  auch  in  richterlicher  Be- 
ziehung  als  Grundlage  voll  und  ganz  beherrschen*,  und  hoffte,  daB  die  wich- 
tigen  Fragen  des  Volkerrechts,  die  auf  der  Tagung  behandelt  werden  sollten, 
dazu  beitragen  mochten,  »wenn  auch  nicht  fiir  den  Augenblick,  so  doch  fiir 
die  Zukunft  wieder  ein  Volkerrecht  zu  schaffen  und  die  Moglichkeit  zu  geben, 
daB  die  jetzt  feindlichen  Lander,  die  sich  bis  zum  WeiBbluten  bekampfen,  in 
absehbarer  Zeit  wieder  zur  Einigkeit,  zu  gemeinsamen  Kulturaufgaben  ge- 
langen*.  Welcher  Staatsmann  oder  Militar  der  Entente  hat  im  Jahre  1916 
solche  volkerversohnenden  Wiinsche  ausgesprochen !  B.  war  sich  der  groBen 
Schwierigkeit,  ein  besetztes  Land  zu  verwalten,  wohl  bewuBt  und  immer  darauf 
bedacht,  den  richtigen  Mittelweg  zwischen  einer  zu  strengen  und  einer  zu 
milden  Behandlung  zu  finden.  »Ich  durfte,«  schreibt  er  am  25.  November  1916 
einmal  an  den  Chef  der  Obersten  Heeresleitung,  Generalfeldmarschall  von 
Hindenburg,  »weder  den  Gefiihlen  der  Vergeltung  nachgeben  noch  danach 
streben,  die  Liebe  des  Volkes  zu  gewinnen.  Mir  muB  es  genug  sein,  wenn  ich 
mir  die  Achtung  erworben  habe.«  So  kam  es,  daB  die  Belgier,  wenn  er  die 
durch  den  Krieg  notwendigerweise  gebotenen  MaBnahmen  durchfuhrte,  in 
ihm  ihren  Bedriicker  sahen,  und  daB  andererseits  manche  deutsche  Stellen 
ihm  zu  groBe  Nachsicht  vorwarfen,  wenn  sie  bemerkten,  daB  Belgien  wieder 
aufbluhte.  Die  belgischen  Darstellungen  aus  der  Kriegszeit  geben  das  Bild 
des  bedeutendsten  Generalgouverneurs  ihres  Landes  in  blindem  HaB  verzerrt 
wieder,  und  auch  nach  dem  Kriege  hat  sich  in  Belgien  noch  keine  Feder  ge- 
funden,  die  auch  nur  den  Versuch  gemacht  hatte,  die  Gestalt  B.s  vom  Stand - 
punkt  seiner  durch  den  Krieg  ihm  ubertragenen  Stellung  in  gerechter  Weise 
zu  beurteilen.  Die  Universitat  Minister  verlieh  ihm  am  1.  Dezember  1915  die 
Wiirde  eines  Dr.  rer.  pol.  h.  c,  weil  er  ».durch  weise,  gerechte  und  zweckent- 
sprechende  Verordnungen  und  VerwaltungsmaBnahmen  geradezu  Mustergul- 
tiges  geschaffen«  habe.  In  Deutschland  hat  man  zwar  erkannt,  daB  B.  zu  den 
bedeutendsten  Personlichkeiten  des  Weltkriegesgehort,  aber  das  Fiir  und  Wider 
um  seine  Taten  und  seine  Wirkung  hat  noch  keiner  einheitlichen  Auffassung 
Platz  gemacht.  Dies  wird  so  bleiben,  solange  die  »belgische  Frage*  noch 
im  Mittelpunkt  der  innen-  wie  auBenpolitischen  Leidenschaften  stent,  da  die 
fiir  ein  abschlieBendes  Urteil  notwendigen  Quellen  auch  so  lange  der  Offent- 
lichkeit  nicht  zuganglich  gemacht  werden  diirften.  Manches  laBt  sich  aber 
mit  Bestimmtheit  heute  schon  sagen.  B.  hat  sich  scharf  gegen  den  Vorwurf 
verwahrt,  als  ob  er  Belgien  auf  Kosten  Deutschlands  zu  Wohlstand  verhelfen 
wolle.  Das  deutsche  Interesse  hat  ihm  immer  an  erster  Stelle  gestanden,  und 
es  war  nur  natiirlich,  daB  ein  besetztes  feindliches  Land  auch  zu  den  Kosten 
der  Kriegfiihrung  beitrug.  Aber  B.  faBte  seine  Verwaltung  als  die  » eines  spar- 
samen  Haushalters«,  um  fiir  die  Zeit  der  Not  Hilfe  gewahren  zu  konnen.  Der 


Bissing  4g 

Kaiser  hatte  ilnn  nicht  nur  aufgegeben,  Belgien  entsprechend  den  volkerrecht- 
lichen  Vorschriften  fiir  die  okkupierende  Macht  nutzbar  zu  machen,  sondern 
ausdriicklich  aufgetragen,  »soziale  Politik  zu  treiben«.  Dies  hat  er  auch  mit 
alien  Mitteln  getan,  deutsche  soziale  Einrichtungen  eingefiihrt,  fiir  Kranke 
und  Arme  gesorgt,  vor  allem  aber  versucht,  die  Produktionsfahigkeit  des  L,an- 
des  zu  verstarken.  Bei  Handel  und  Industrie  war  dies  bald  erschopft,  da  die  Roh- 
stoffe  fehlten  und  die  uberseeische  Einfuhr  gesperrt  war.  Urn  so  mehr  war  er 
besorgt,  die  Landwirtschaft  zu  heben,  damit  sie  »auch  bei  Unterbrechung  der 
Zuf uhr  aus  tJbersee,  wenn  auch  mit  Not,  die  belgische  Bevolkerung  unter  An- 
wendung  der  weitestgehenden  Sparsamkeit  ernahren  konnte«.  Den  Kohlenberg- 
bau  hat  er  in  vollem  Gange  erhalten,  und  gegen  die  Abschiebung  der  Arbeits- 
losen  hat  er  sich  mit  seiner  ganzen  Zahigkeit  so  lange  gestemmt,  bis  ihm  die 
Notwendigkeit  der  Zufuhrung  belgischer  Arbeiter  fiir  die  deutsche  Industrie  als 
fiir  deren  Fortbestand  so  dringend  dargestellt  wurde,  da£  er  aus  deutschem 
Interesse  nachgab.  Es  zeigte  sich  bald,  daB  die  MaBnahme  verfehlt  und  auch 
nicht  notwendig  war  und  daB  seine  Bedenken  richtig  gewesen  waren. 

Bei  dieser  Behandlung  Belgiens  leitete  ihn  einmal  sein  Pflichtgefuhl  des 
Herrschers  iiber  das  ihm  anvertraute  Volk  —  ein  Umstand,  den  anzuerkennen 
bisher  noch  kein  Belgier  den  Mut  gefunden  hat  — ,  sodann  aber,  und  dies  in 
-erster  Linie,  das  deutsche  Interesse,  wie  es  auch  nur  natiirlich  war.  Die  Schwie- 
rigkeit  der  Verbindung  dieser  beiden  Gesichtspunkte  hat  B.  gelost;  denn  er  hat 
Belgien  vor  dem  groBten  Elend  des  Krieges  bewahrt  und  hat  andererseits  in 
Belgien  dem  Deutschen  Reiche  einen  nie  versiegenden  Brunnen  von  Hilfs- 
mitteln  erhalten.  Dabei  erhebt  sich  die  Frage,  wie  er  sich  das  kiinftige  Schicksal 
Belgiens  gedacht  hat,  eine  Frage,  mit  der  seine  Flamenpolitik  in  engstem  Zu- 
sammenhang  steht.  B.  kam  mit  den  alten  Gedankengangen  von  dem  Rechte 
des  Eroberers  nach  Belgien,  jedoch  nicht  in  der  Weise,  daB  das  eroberte  Land 
unter  alien  Umstanden  zu  annektieren  sei.  Wohl  aber  war  er  der  Meinung,  daB 
*  Belgien  in  irgendeiner  Form  zur  Machterweiterung  Deutschlands  benutzt« 
werden  miisse,  wie  er  sich  in  einer  Anweisung  an  die  Zivilverwaltung  vom 
20.  Februar  19 15  ausdriickte.  Es  sollten  aber  die  Vor-  und  Nachteile  sowie 
die  Moglichkeiten  und  Hemmnisse  in  eingehendem  Studium  genau  untersucht 
werden,  und  er  gab  deshalb  in  derselben  Verfugung  dem  Verwaltungschef  den 
Auftrag,  Erhebungen  iiber  den  Zustand  verschiedener  wirtschaftlicher  und 
sozialer  Einrichtungen  in  Belgien  anzustellen,  auf  Grund  welcher  Verfugung 
in  rascher  Folge  mehr  als  vierzig  Denkschriften  hergestellt  wurden.  Die  fla- 
mische  Bewegung  war  dem  Generalgouverneur  wie  den  meisten  deutschen 
Beamten  etwas  durchaus  Neues.  Die  erste  Anregung  zu  einer  Flamenpolitik 
kam  von  einigen  privaten  Personlichkeiten,  die  dann  zum  Teil  zur  Mitarbeit 
nach  Briissel  berufen  wurden.  Den  ersten  offiziellen  AnstoB  gab  der  Reichs- 
kanzler  v.  Bethmann  Hollweg.  Dieser  hatte  bereits  am  1.  September  19 14  an 
den  Verwaltungschef  geschrieben,  »die  kulturelle  flamische  Bewegung,  die  ja 
auch  eine  Bewegung  zugunsten  der  hollandischen  Sprache  ist,  nach  Moglich- 
keit  sichtbar  zu  unterstiitzen«  und  »einige  VerwaltungsmaBnahmen  auf  dem 
Gebiete  der  Schulen  in  dieser  Richtung  zu  treffen,  wenn  sie  auch  in  der  Kiirze 
der  Zeit  nicht  viel  andern  konnen«.  Damals  dachte  man  noch  an  eine  kurze 
Dauer  des  Krieges.  Die  Folge  dieses  Schreibens  waren  mehrere  Besprechungen 
und  Verhandlungen,  aber  keine  greifbaren  WillensauBerungen.  Deshalb  wandte 

DBJ  4 


50  1917 

sich  Bethmann  Hollweg  kurz  nach  dem  Eintreffen  B.s  in  Briissel  an  diesen  mit 
einem  ausfuhrlichen  ErlaB  vom  16.  Dezember  1914.  Dieser  lautete:  »Unab- 
hangig  von  der  Frage  des  spateren  territorialen  Schicksals  Belgiens  scheinen 
mir  unsere  Interessen  schon  jetzt  zu  erfordern,  daB  das  Deutsche  Reich  bei 
einem  starken  Teil  der  belgischen  Bevolkerung  sich  die  Stellung  eines  natiir- 
lichen  Beschtitzers  und  zuverlassigen  Freundes  erwirbt  und  sichert.  Nach  Lage 
der  Verhaltnisse  kann  sich  ein  Gefuhl  der  Zusammengehorigkeit  nur  in  den 
flamischen  Landesteilen  heranbilden,  deren  tiralte  Kultur  und  Sprache  der 
unserigen  venvandt  ist  und  deren  berechtigte  nationale  Bestrebungen  ixn 
Kampf  gegen  die  franzosierenden  Einfliisse  vor  dem  Kriege  nur  teilweise  und 
zogernd  Anerkennung  gefunden  haben.  Mit  Dank  wiirde  ich  es  daher  begruBen, 
wenn  Eure  Exzellenz  dem  flamischen  Problem  nachhaltig  und  eingehend  Ihr 
Interesse  zuwenden  und  daftir  Sorge  tragen  wollten,  daB  alle  damit  in  Ver- 
bindung  stehenden  Fragen  einheitlich,  vielleicht  von  einer  besonders  damit  zu 
betrauenden  Stelle,  behandelt  werden.  Besonders  wichtig  erscheint,  neben  all- 
mahlicher  Fuhlungnahme  mit  den  geistigen  und  wohl  auch  religiosen  Fuhrern 
der  Bewegung,  die  weitestgehende  Forderung  der  flamischen  Sprache  (unter 
Verzicht  darauf,  in  den  flamischen  Landesteilen  der  deutschen  Sprache  eine 
iibergeordnete  Rolle  zuzuteilen),  ferner  die  Ausgestaltung  der  Universitat  in 
Gent  zu  einer  rein  flamischen  Lehranstalt  und  die  Herstellung  einer  fiir  die 
militarischen  Interessen  annehmbaren  publizistischen  Verbindung  zwischen 
Holland  und  den  flamischen  Gebieten.  Die  Reichsbehorden,  insbesondere  das 
Auswartige  Amt,  werden  Anweisung  erhalten,  Euer  Exzellenz  Bestrebungen 
in  jeder  Weise  zu  fordern.  Um  den  in  Ost-  und  Westflandern  aus  der  Zuge- 
horigkeit  dieser  Provinzen  zum  Operationsgebiet  etwa  erwachsenden  Schwierig- 
keiten  zu  begegnen,  werde  ich  z weeks  Verstandigung  des  Armeeoberkomman- 
dos  mich  mit  der  Obersten  Heeresleitung  in  Verbindung  setzen.*  Als  der  Ver- 
waltungschef,  dem  B.  diesen  ErlaB  zum  Vortrag  zuschrieb,  zogerte,  Mafi- 
nahmen  zu  ergreifen,  nahm  B.  die  Behandlung  selbst  in  die  Hand,  lieB  sich  von 
sachverstandiger  Seite  auBerhalb  der  Verwaltung  unterrichten  und  erlieB  am 
10.  Januar  1915  seine  Richtlinien  zur  Flamenpolitik.  Er  errichtete  den  Flamischen 
AusschuB,  dessen  erste  Sitzung  am   16.  Januar  stattfand  und  dessen  Vor- 
sitzender  bald  der  Leiter  der  neu  errichteten  Politischen  Abteilung  wurde.  In 
diesen  Richtlinien  gab  er  verschiedene  Vorschriften  liber  Anwendung  der  fla- 
mischen Sprache.  Aber  die  »an  sich  hochbedeutenden  Fragen  des  Ausbaues 
des  flamischen  Schulwesens  und  einer  flamischen  Hochschule  in  Gent*  wollte 
er  vorerst  noch  zuriickgestellt  wissen.  Die  Verhaltnisse  erschienen  ihm  damals 
dazu  noch  nicht  reif  genug.  »Die  Masse  des  flamischen  Volkes*  sei  »zur  Zeit 
durch  die  Ereignisse  und  Note  des  Krieges  stark  verstort,  zum  Teil  noch  in 
MiBstimmung   und  Vorurteilen   gegen   uns  befangen«,   welche  Stimmungen 
» durch  eine  ausgezeichnet  arbeitende  geheime  Verhetzung  von  franzosischer 
Seite  noch  fortdauernd  geschiirtd  werde.  Hier  miisse  erst  durch  geduldige  und 
zahe  Kleinarbeit  eine  Anderung  platz  greifen.    Dabei  diirfe  man  aber  »den 
leitenden  Grundgedanken  der  flamischen  Bewegung  uns  Deutschen  gegeniiber 
nicht  antasten«.  Sehr  klar  formulierte  er  diesen  mit  den  Worten:  »Es  sind  nur 
einzelne  Flamen,  welche  direkt  das  Aufgehen  in  Deutschland  wollen.  Wir,  die 
groBe  Mehrzahl  der  flamischen  Volksgenossen,  wollen  Germanen  mit  flamisch- 
niederdeutscher  Kultur  sein,  aber  nicht  zu  Hochdeutschen  mit  hochdeutscher 


Bissing  gT 

Sprache  gemacht  werden.  Wir  wollen  die  volkische  Selbstandigkeit  der  Nieder- 
lande  gewahrt  wissen.  Unsere  flamische  Bewegung  hat  als  Ziel  die  geistige  und 
materielle  Hebung  unserer  Volksgenossen  durch  das  Mittel  der  heimischen 
Muttersprache.  Die  Reichsdeutschen  erkennen  wir  als  ein  uns  befreundetes 
Volk  an,  das  uns  stammverwandt  ist,  in  dem  wir  aber  keine  Landesgenossen 
erblicken.«  So  deutlich  B.  mit  diesen  Worten  das  Wesen  der  damaligen  flami- 
schen  Bewegung  umschrieb,  so  gab  er  doch  den  Gedanken  und  Wunsch  nicht 
preis,  daB  diese  Gebiete  fur  Deutschland  gewonnen  werden  konnten,  indem 
er  am  Schlusse  seiner  Richtlinien  vermerkte:  »Sollte  die  zur  Zeit  bestehende 
Okkupation  des  Landes  sich  zu  einer  dauernden  gestalten,  so  kann  es  meines 
Erachtens  keinem  Zweifel  unterliegen,  daB  durch  diese  Tatsache  allein  auf  die 
Dauer  die  im  Flamentum  bestehenden  bedingten  Sympathien  eine  nachhaltige 
und  schlieBlich  auch  sieghafte  Starkung  erfahren  wiirden.*  In  einer  Denkschrift 
an  den  Kaiser  aus  dem  April  1915  vertrat  er  noch  durchaus  Gedankengange, 
die  in  den  alten  Gleisen  verliefen,  und  sprach  sich  gegen  eine  Teilung  Belgiens 
nach  Sprachgrenzen  und  fiir  eine  voile  Einverleibung  mit  Militardiktatur  und 
nachfolgender  Selbstverwaltung  unter  einem  mit  Vetorecht  ausgestatteten 
Statthalter  aus.  Die  Politische  Abteilung  in  Briissel,  deren  Mitglieder  die 
Trager  der  Flamenpolitik  waren,  hatte  eine  andere  Auffassung  und  trat  fiir 
Zweiteilung  des  Landes  ein.  Obwohl  diese  Abteilung  wie  die  iibrigen  Zivil- 
behorden  dem  Reichsministerium  des  Innern  unterstellt  war,  brachte  doch 
die  Zugehorigkeit  ihres  loiters  zum  Auswartigen  Amt  und  ihr  Arbeitsgebiet 
es  mit  sich,  daB  sie  auch  in  unmittelbarem  Verkehr  mit  dem  Auswartigen  Amt 
und  damit  mit  dem  Reichskanzler  stand.  In  der  Flamenpolitik  verfolgten  diese 
drei  gemeinsame  Ziele,  die  von  dem  Gesichtspunkte  ausgingen,  daB  die  »Po- 
litik  in  Belgien  alle  Eventualitaten  im  Auge  behalten  mussed  und  daB  deshalb 
»gerade  die  flamische  Frage  von  dem  Gesichtspunkt  betrachtet  werden  miisse, 
da£  der  Ausgang  des  Krieges  uns  nicht  die  Moglichkeit  gewahrt,  nach  Gut- 
dunken  iiber  das  Schicksal  Belgiens  zu  entscheiden*.  Gerade  deshalb  forderte 
der  Reichskanzler  eine  Beschleunigung  der  Losung  der  flamischen  Fragen. 
Die  Politische  Abteilung  wurde  somit  der  stets  drangende  Teil  gegeniiber  der 
stets  zogernden  Zivilverwaltung.  Es  ist  das  hohe  Verdienst  B.s  und  ein  deutliches 
Zeichen  seiner  Fahigkeiten  als  Herrscher,  daB  er  zwischen  diesen  beiden  Fak- 
toren  stets  den  richtigen  Mittelweg  suchte  und  fand,  daB  er  keineswegs  starr 
auf  seiner  Ansicht  verharrte  und  daB  er,  sobald  er  sich  von  der  Richtigkeit 
einer  anderen  Auffassung  iiberzeugt  hatte,  diese  dann  auch  mit  seiner  ganzen 
Tatkraft  zur  Durchfuhrung  brachte.  So  hat  er,  wie  er  selbst  sagt,  »nur  zogernd* 
den  Schritt  zur  Bildung  einer  flamischen  Hochschule  in  Gent  unternommen. 
Aber  nachdem  er  einmal  in  tJbereinstimmung  und  auf  besonderes  Andringen 
des  Reichskanzlers  die  grundlegende  Verordnung  fiir  die  Umwandlung  der 
Genter  Universitat  in  eine  flamische  Hochschule  am  15.  Marz  1916  erlassen 
hatte,  sorgte  er  durch  Einsetzung  einer  besonderen  Kommission  dafiir,  daB 
in  genauester  Einzelvorbereitung  ein  Werk  aus  einem  GuB  entstiinde.  Und  mit 
voller  Uberzeugung  konnte  er  in  seiner  Ansprache  bei  Eroffnung  dieser  Uni- 
versitat am  21.  Oktober  1916  sagen:  »Die  traurigen  sozialen  Zustande  unter 
der  flamischen  Mehrheit  des  belgischen  Volkes  konnten  ohne  eine  zielbewuBte 
Forderung  der  lange  vernachlassigten  Rechte  der  Flamen  nicht  behoben  wer- 
den,* und  weiter:  » Keine  deutsche  Hochschule  soil  hier  entstehen,  aber  erst 


52  1917 

recht  keine  franzosische,  sondern  eine  im  flamischen  Volke  wurzelnde  nieder- 
landische.«  Schon  vorher  hatte  B.  auf  Grund  einer  langen  Denkschrift  der  Po- 
litischen  Abteilung  am  27.  Juni  19 16  neue  Richtlinien  fiir  seine  Flamenpolitik 
herausgegeben.  Eine  eingehende  Unterredung  mit  dem  Reichskanzler  v.  Beth- 
mann  Hollweg  in  Berlin  war  vorausgegangen.  Dabei  hatte  dieser  den  Zeitpunkt 
fiir  gekommen  erachtet,  »die  Flamenbewegung  auch  dadurch  zu  fordern, 
daB  man  eine  Verwaltungstrennung  vornehme  und  Flamen  zur  Mitarbeit  besser 
wie  bisher  heranzoge«.  Der  Reichskanzler  erorterte  gegeniiber  B.  seine  Kriegs- 
ziele,  und  diesem  wurde  » dadurch  eine  festere  Grundlage  fiir  eine  lebhaftere 
Flamenpolitik  gegeben«.  Er  sagte  dem  Reichskanzler  zu,  »auf  dem  bereits  be- 
schrittenen  Wege  vorwartszugehen  und  allmahlich  MaBnahmen  zu  treffen, 
welche  seine  belgische  Politik  fordern  und  der  Flamenbewegung  Nutzen 
bringen  sollen«.  In  den  neuen  Richtlinien  betonte  er,  »daJ3  wir  uns  in  dem 
Lande,  das  wir  angeblich  mit  roher  Gewalt  vernichten  wollten,  vor  die  Aufgabe 
gestellt  sehen,  einem  lange  unterdriickten  Volke  zur  Wiederaufrichtung  und 
zu  hoherem  Leben  zu  verhelfen  und  damit  Leistungen  zu  vollbringen  haben, 
welche  gerade  die  Entente  mit  England  an  der  Spitze  als  ihr  Kriegsziel  in  alle 
Welt  hinausschreit :  ,Schutz  der  kleinen  Nationen'.  «  Es  sei  jetzt  die  Zeit  ge- 
kommen, zu  einer  Verwaltungstrennung  iiberzugehen.  Damit  kamen  die  von 
den  Flamen  seit  langem  vorgebrachten  Wiinsche  der  Verwirklichung  nahe. 
B.  ging  allerdings  auch  jetzt  in  der  Weise  seiner  wohliiberlegten  Kleinarbeit 
vor,  indem  er  zunachst  das  Kultusministerium  durch  die  Verordnung  vom 
25.  Oktober  19 16  in  eine  flamische  und  in  eine  wallonische  Abteilung  trennte 
und  fiir  die  iibrigen  Ministerien  Vorarbeiten  machen  lieB.  Als  dann  zu  Anfang 
des  Jahres  1917  die  Neujahrsfriedensbotschaft  des  Kaisers  erschien,  furchteten 
die  Flamen,  daB  ihre  Rechte,  falls  es  tatsachlich  zu  Friedensverhandlungen 
komme,  weniger  sicher  durchgesetzt  werden  konnten,  wenn  sie  keine  eigene 
Vertretung  hatten.  Deshalb  stellten  46  Obmanner  aller  Gruppen  am  7.  Januar 
1917  in  Brussel  die  Forderung  auf:  »Die  Flamen  in  Belgien  fordern  fiir  Flandern 
vollstandige  und  allseitige  Selbstandigkeit  und  Selbstregierung  und  die  un- 
verziigliche  Verwirklichung  aller  MaBnahmen,  die  dazu  fiihren  konnen«,  und 
errichteten  am  4.  Februar  in  einer  Versammlung  von  200  beauftragten  Ver- 
trauensmannern  aus  dem  ganzen  Lande  den  aus  50  Mitgliedern  bestehenden 
Rat  von  Flandern.  Dadurch  erhielt  die  Flamenpolitik  einen  Ansporn  zu  wei- 
teren  MaBnahmen,  und  nachdem  die  Reichsregierung  durch  den  Staatssekretar 
des  Innern  Helfferich  in  einer  Besprechung  am  17.  Marz  in  Brussel  deutlich 
den  Willen  zu  erkennen  gegeben  hatte,  auf  dem  einmal  eingeschlagenen  Wege 
weiterzuschreiten,  setzte  B.  eine  Kommission  fiir  die  Verwaltungstrennung 
des  Landes  ein  und  erlieB  am  21.  Marz  19 17  die  grundlegende  Verfiigung  der 
Trennung  des  Landes  in  zwei  Verwaltungsgebiete.  So  sind  alle  groBen  Verord- 
nungen  zur  Neugestaltung  und  Neubelebung  Flanderns  unter  der  Regierung 
B.s  zustande  gekommen.  Die  spatere  Zeit  brachte  dann  nur  die  Ausfuhrung 
dieser  Grundsatze.  B.  hat  in  den  letzten  Monaten  seines  Lebens  mehrere  Denk- 
schriften  an  den  Kaiser  und  an  den  Reichskanzler  gerichtet.  Darin  gibt  er  klar 
seiner  Auffassung  Ausdruck,  daB  » jede  allzu  vordringliche  deutsche  Einwirkung, 
besonders  alle  Verdeutschungsversuche  bei  diesem  zah  an  seiner  Eigenart  fest- 
haltenden  Volke  das  Gegenteil  der  beabsichtigten  Annaherung  bewirken  wiir- 
den.  Dagegen  bedeutet  die  Starkung  des  flamisch-niederlandischen  Volkstums 


Bissing  co 

an  sich,  wegen  seiner  sprachlichen  und  kulturellen  Verwandtschaft  mit  deut- 
scher  Art  und  wegen  der  friiher  beiderseits  zu  wenig  erkannten  Interessen- 
gemeinschaft  zwischen  Deutschen  und  Flamen,  auch  einen  Gewinn  fur  Deutsch- 
land  und  eine  Schwachung  des  Franzosentums. «  Diese  Denkschriften  zeigen 
in  der  grundsatzlichen  Einstellung  in  bezug  auf  die  flamische  Sprache  keine 
Anderung  gegeniiber  der  ursprunglichen  Auffassung,  wohl  aber  in  der  Form 
der  Durchfuhrung  der  Flamenpolitik.  Von  einem  ungeteilten  Belgien  ist  keine 
Rede  mehr.  Die  Forderungen  der  Flamen,  die  von  der  Politischen  Abteilung 
friihzeitig  als  richtig  und  durchfuhrbar  erkannt  und  von  der  Reichsleitung 
anerkannt  worden  waren,  werden  jetzt  auch  von  dem  Generalgouverneur  ge- 
billigt.  Man  kann  deshalb  die  Denkschrift,  die  nach  dem  Tode  B.s  in  der  Zeit- 
schxift  »Das  groBere  Deutschland«  von  Bacmeister  am  19.  Mai  1917  veroffent- 
Licht  und  als  » Testament  B.s«  bezeichnet  worden  ist,  nicht  als  sein  Testament 
ansprechen.  Diese  Denkschrift  tragt  die  Ziige  der  Zeit  um  die  Jahreswende 
von  1915  zu  1916,  also  einer  sehr  friihen  Zeit,  wo  weder  die  Genter  Hochschule 
verflamscht  noch  der  Rat  von  Flandern  geboren  noch  die  Verwaltungstrennung 
ausgesprochen  war.  Nur  das  eine  ist  richtig,  daB  B.  bis  zum  SchluB  an  dem 
Gedanken  einer  Oberherrschaft  Deutschlands  festgehalten  hat.  Aber  die  Form 
dieser  Oberherrschaft  hat  sich  auch  bei  ihm  mit  dem  Fortschreiten  der  flami- 
schen  Bewegung  gewandelt,  und  je  starker  das  Flamentum  selbst  wurde,  um 
so  geringer  vvurden  die  Moglichkeiten  einer  glatten  Annexion.  Die  Mitarbeiter 
B.s,  vor  allem  die  in  der  Politischen  Abteilung,  haben  nicht  immer  den  gleichen 
Standpunkt  wie  der  Generalgouverneur  eingenommen.  Es  war  einer  seiner 
groBen  Vorziige,  daB  er  seine  Mitarbeiter  arbeiten  lieB,  ihren  Gedankengangen 
sich  nicht  verschloB  und  fur  die  Moglichkeiten  der  von  ihnen  vertretenen 
politischen  Losungen,  die  dem  veranderlichen  Ablauf  historischen  Geschehens 
unterworfen  sind,  einen  offenen  Blick  hatte.  Dabei  half  ihm  auch  sein  hoher 
Begriff  der  Pflichterfiillung,  der  ihn  veranlaBte,  seinen  verantwortlichen  Be- 
amten  auch  die  Freudigkeit  und  den  Mut  der  Verantwortung  zu  belassen. 
Dies  war  um  so  schwieriger,  als  sich  gerade  in  der  belgischen  Frage  aus  den 
verschiedensten  Kreisen  unverantwortliche  Ratgeber  an  ihn  herandrangten, 
deren  Stellung  und  Bedeutung  oftmals  den  Anspruch  begriindeten,  gehort 
und  beachtet  zu  werden.  Ein  letztes  Urteil  iiber  B.s  Verwaltung  und  iiber  seine 
Regierungspolitik  wird  erst  moglich  sein,  wenn  die  gesamte,  sehr  verwickelte 
belgische  Frage  einmal  eingehend  untersucht  und  dargestellt  werden  kann. 
Sein  Name  wird  aber  mit  dem  politischen  BewuBtwerden  des  Flamentums  fur 
alle  Zeiten  verbunden  sein. 

Nachdem  B.  am  8.  April  19 17  seine  letzte  Denkschrift  an  den  Kaiser  ab- 
gesandt  hatte,  nahm  seine  schon  lange  wahrende  Krankheit  so  rasch  zu,  daB 
er  am  14.  April  die  Regierungsgeschafte  niederlegen  muBte.  Mit  zahester 
Energie  hatte  er  fast  bis  zum  letzten  Atemzuge  trotz  groBter  korperlicher  Be- 
hinderung  sein  Amt  erfullt.  Sein  Stellvertreter  wurde  an  diesem  Tage  der 
General  der  Infanterie  v.  Zwehl,  Gouverneur  von  Antwerpen.  Am  18.  April, 
8  Uhr  40  Minuten  nachmittags,  verschied  B.  in  Trois  Fontaines.  Wie  B.  einmal 
in  einem  ErlaB  an  seine  Gouverneure  gesagt  hat,  »daB  jeder  einzelne  von  uns, 
vom  einfachsten  Landsturmmann  bis  zu  mir  herauf,  die  Verpflichtung  hat, 
die  Ehre  und  den  Ruf  der  deutschen  Armee,  des  deutschen  Namens  auch  den- 
jenigen  gegeniiber  zu  wahren,  die  unsere  Feinde  sind«,  so  hat  er  diesen  Ehr- 


54  w? 

begriff  bis  zuletzt  vor  allem  als  Pflichterfiillung  gefaBt.  Auf  dem  Totenbett 
hat  er  sich  noch  einmal  emporgerichtet  und  in  der  Annahme,  im  Kreise  seiner 
Mitarbeiter  zu  stehen,  seine  letzte  ergreifende  Rede  gehalten,  die  von  seiner 
Gemahlin  dann  aufgezeichnet  worden  ist;  darin  hat  er  in  einer  Art  Rechen- 
schaftsbericht  im  Angesicht  des  Todes  u.  a.  die  Worte  gesprochen:  »Ich  habe 
viel  und  lange  dariiber  nachgedacht,  wie  wir  unsere  Aufgabe  gestalten  miissen, 
in  welcher  Weise  sie  ergriffen,  durchdacht  und  angefaJ3t  werden  muB,  urn  etwas 
Brauchbares,  etwas  Bleibendes  zu  schaffen,  etwas  zu  gestalten,  was  nicht  ein 
Ideal  ist,  aber  doch  einen  idealen  Wert  behalt.  Ob  es  mir  gelungen  ist,  ich  weiB 
es  nicht,  und  erst  die  Zukunft  wird  es  lehren.  Aber  wir  haben  es  versucht,  und 
wir  haben  unsere  besten  Krafte  daran  verwendet.  Die  besten  Manner  des 
Vaterlandes  haben  von  Anf ang  an,  jeder  an  seiner  Stelle,  hier  gearbeitet .  .  . 
Es  ist  eine  gewaltige  Aufgabe  gewesen,  die  an  jeden  einzelnen  gestellt  worden 
ist,  denn  es  gait,  die  Verhaltnisse,  die  sich  langsam  uberhaupt  erst  gestalteten, 
erst  heranreiften  und  noch  nicht  ausgereift  sind,  nicht  allein  zu  beherrschen, 
sondern  vorauszusehen,  sich  tastend  Schritt  fiir  Schritt  weiter  zu  wagen  und 
doch  die  Gaben,  die  Erfahrungen  jedes  einzelnen  dem  Ganzen,  dem  gewaltigen 
Plane  so  dienstbar  zu  machen,  daB  es  fiir  die  Zukunft,  welche  wir  heute  noch 
nicht  iibersehen  konnen,  Fruchte  tragen  kann,  selbst  wenn  wir  nicht  erleben 
konnten,  daB  sie  reifen  .  .  .  Als  alter  Offizier  im  Dienste  seiner  Majestat  des 
Konigs  und  als  Mann,  der  sein  deutsches  Vaterland  liebt,  habe  ich  nur  den 
einen  Begriff  von  Ehre,  namlich  den,  meine  Pflicht  zu  tun  bis  zum  letzten  Atem- 
zuge.  Das  ist  die  einzige  Ehre,  die  einen  deutschen  Mann  erfullen  darf .  Ich  habe 
oft  daran  gedacht,  daB  ich  ein  alter,  kranker,  verbrauchter  Mann  bin,  und  ich 
ware  nicht  an  dieser  Stelle  geblieben,  wenn  ich  mir  nicht  gesagt  hatte,  daB  die 
Arbeit,  die  Erfahrung,  der  Gedankengang  dieses  alten  Mannes,  welcher  von 
Anfang  an  hier  gearbeitet  hat,  jetzt  noch  fiir  die  groBe  Sache  notwendig  ge- 
wesen ist;  darum  bin  ich  noch  hier  geblieben,  darum  gebe  ich  meine  letzten 
Krafte  hin.  Es  ist  nicht  Eitelkeit  oder  Diinkel  gewesen,  aber  der  Wunsch, 
meine  Pflicht  zu  tun  bis  zum  allerletzten,  solange  mir  noch  die  Kraft  blieb, 
das  Wort  , Pflicht'  zu  erkennen.* 

Iriteratur:  Schriften  B.s:  Ausbildung,  Fuhrung  und  Verwendung  der  Reiterei  (Bei- 
heft  zum  Militarwochenblatt  1895,  He^  2)-  —  Die  Ubungen  und  Tatigkeit  der  Kavallerie- 
Division  B  im  Herbst  1897  (ebda.  1898,  Heft  5).  —  Massen- oder  Teilfuhrung  der  Kaval- 
lerie,  Berlin  1900.  —  Das  Korpsmanover  des  VII.  Armeekorps  in  den  Tagen  vom  21.  bis 
23.  September  1903,  Miinster  i.  W.  1903.  —  Das  Korpsmanover  des  VII.  Armeekorps  in 
den  Tagen  vom  21.  bis  24.  September  1904,  Miinster  i.  W.  1905.  —  AUgemeine  Bemer- 
kungen  zu  den  Manovern  im  Jahre  1905,  Miinster  i.  W.  1906.  —  Bemerkungen  iiber  Aus- 
bildung und  Verwendung  aller  Waffen,  iiber  Leitung  und  Ausfuhrung  der  Manover,  Miin- 
ster i.  W.  1907.  —  Aufierdem  zahlreiche  Aufsatze  in  Zeitungen  und  Zeitschriften,  von 
denen  einige  im  Text  genannt  sind.  —  Der  NachlaB  B.s  befindet  sich  zum  Teil  im  Reichs- 
archiv,  zum  Teil  im  Besitz  seiner  Gemahlin. 

Potsdam.  Robert  Paul  Ofiwald. 

Brentano,  Franz,  Philosoph,  *  am  16.  Januar  1838  in  Marienberg  bei  Boppard 
a.  Rh.,  f  am  17.  Marz  1917  in  Zurich.  —  B.,  Sohn  des  katholischen  Schrift- 
stellers  Christian  B.,  Neffe  des  Dichters  Clemens  B.,  Bruder  des  National- 
okonomen  Lujo  B.,  besuchte  in  Aschaffenburg,  wo  die  Familie  bald  nach  seiner 
Geburt  ihren  dauernden  Wohnsitz  nahm,  das  Gymnasium,  studierte  dann  in 


Bissing.  Brentano  55 

Miinchen,  Wiirzburg,  Berlin  (wo  ihn  Trendelenburg  in  das  aristotelische  Stu- 
dium  einfuhrte)  und  Minister  Philosophic  Anf  Grund  seiner  Schrift:  »Von  der 
mannigfachen  Bedeutung  des  Seienden  bei  Aristoteles*  1862,  welche  namentlich 
-die  Bedeutung  und  Entstehung  der  aristotelischen  Kategorienlehre  in  neues 
Licht  setzte,  wurde  ihm  von  der  Tubinger  philosophischen  Fakultat  der  Doktor- 
titel  zuerkannt.  Seine  durch  den  Geist  des  Elternhauses  genahrte  religiose  Rich- 
tung  trieb  ihn  zum  Studiura  der  katholischen  Theologie.  Er  wurde  1864  Priester, 
setzte  aber  seine  aristotelischen  Forschungen  fort  und  habilitierte  sich  1866 
mit  der  Schrift :  »Die  Psychologie  des  Aristoteles,  insbesondere  seine  Lehre  vom 
vof)$  7toirjTiK6s«  (1867)  in  Wiirzburg  fur  Philosophic  Diese  durch  sorgfaltige 
Textanalyse  und  prazise  Darstellung  ausgezeichnete  Schrift  fiihrt  zuletzt  den 
seit  Averroes  oft  in  pantheistischenv  Sinn  als  ein  Denken  Gottes  im  Menschen 
gedeuteten  nntellectus  agensn  auf  eine  begriffsbildende  Kraft  der  menschlichen 
Seele  zurtick. 

B.s  Sinn  war  aber  langst  nicht  nur  auf  geschichtliche  Studien,  sondern  auch 
auf  eine  Erneuerung  der  nach  Hegels  Tode  zusammengebrochenen  Philosophic 
gerichtet.  Er  sah  in  der  Abkehr  von  der  Erf ahrung  die  Ursache  des  Zusammen- 
bruches,  in  den  spekulativen  Systemen  selbst  also  bereits  Irrwege,  und  setzte 
sich  das  Ziel,  die  Philosophic  durch  Wiedereinfiihrung  der  naturwissenschaft- 
lichen  (induktiven)  Methode,  die  eine  seiner  Habilitationsthesen  als  die  der 
Philosophic  einzig  angemessene  bezeichnete,  von  Grund  aus  zu  reformieren,  ohne 
dabei  die  Richtung  auf  die  hochsten  Fragen  preiszugeben.  Diese  Verbindung 
cines  hochgespannten  Idealismus  mit  der  Wertschatzung  der  Tatsachen,  mit 
auBerster  Scharfe  des  logischen  Denkens,  kristallklarem  Vortrag  und  einer 
ganz  der  Sache  hingegebenen,  durch  den  Charakter  wie  die  auBere  Erscheinung 
faszinierenden  Personlichkeit  fuhrten  ihm  nicht  nur  einen  weiten  Horerkreis, 
sondern  auch  begeisterte  nahere  Schiiler  zu.  So  von  Anfang  an  den  Unter- 
zeichneten,  bald  darauf  Anton  Marty  (1876  Professor  in  Czernowitz,  1882 — 1914 
in  Prag,  als  Forscher  besonders  durch  seine  Untersuchungen  zur  Sprach- 
philosophie  und  L,ogik  hervorragend).  Auch  Georg  v.  Hertling  (s.  unten, 
S.  416  if.),  der  sich  neben  der  philosophischen  bald  auch  der  politischen  Lauf- 
bahn  widmete,  Fuhrer  der  Zentrumspartei  und  zuletzt  Reichskanzler  wurde, 
und  Hermann  Schell,  der  spatere  Fuhrer  der  »Modernisten«  unter  den  katho- 
lischen Theologen,  waren  seine  Schiiler  in  dieser  Wiirzburger  Zeit. 

In  den  Vorlesungen  ging  B.  von  der  Geschichte  der  Philosophic  zum  Aufbau 
einer  groBangelegten  Metaphysik  iiber,  sodann  zu  einer  ebenso  kuhnen  wie 
folgerichtig  aus  bestimmten  Vordersatzen  abgeleiteten  Reform  und  Verein- 
fachung  der  iiberlieferten  Logik,  endlich  zu  einer  Psychologie  im  Sinne  genauer 
Beschreibung,  Analyse  und  Klassifikation  der  psychischen  Phanomenc  Stu- 
dien iiber  A.  Comte  (dem  auch  eine  offentliche  Vorlesung  gewidmet  war)  und 
iiber  J.  St.  Mill  und  den  englischen  Empirismus  trugen  zu  dieser  rein  empi- 
rischen  Aufgabestellung  bei.  Die  Vorlesungen  dieser  Wiirzburger  Jahre,  von 
denen  teilweise  genaue  Nachschriften  vorhanden  sind,  zeugen  von  einer 
cminenten  wissenschaftlichen  Produktionskraft. 

Allmahlich  geriet  aber  B.  in  wachsende,  zuletzt  unlosbare  Schwierigkeiten 
mit  den  Dogmen  der  Kirche.  Als  iiberdies  kirchengeschichtliche  Studien  ihm 
das  Unfehlbarkeitsdogma,  dessen  Verkundigung  unmittelbar  bevorstand,  als 
mit  den  Tatsachen  unvertraglich  zeigten,  trennte  er  sich  1870  innerlich  von  der 


56  1917 

Kirche.  Doch  legte  er,  hauptsachlich  aus  Riicksicht  auf  seine  Mutter,  erst  1873 
das  Priestergewand  ab  und  erklarte  dem  Bischof  seinen  Austritt  aus  dem  geist- 
lichen  Stande.  Kurz  zuvor  hatte  er  auch  das  ihm  1872  verliehene  Extraordina- 
riat  an  der  Universitat  niedergelegt. 

1874  erschien  der  1 .  Band  seiner  »  Psychologie  vom  empirischen  Standpunkte  «. 
In  demselben  Jahre  wurde  er  unter  dem  liberalen  Ministerium  Stremayr  als 
Ordinarius  der  Philosophic  nach  Wien  berufen  und  entfaltete  nun  dort  eine 
noch  ausgedehntere  Wirksamkeit.  Seine  Vorlesungen  erstreckten  sich  jetzt 
auch  auf  die  fur  Juristen  in  Osterreich  obligatorische  »praktische  Philosophies 
(Ethik  und  Rechtsphilosophie).  Er  zog  wieder  viele  jiingere  Krafte  zur  For- 
schung  heran,  so  A.  v.  Meinong,  der  dann  in  Graz  selbst  eine  einfluBreiche 
Schule  begriindete,  Franz  Hillebrand,  der  sich  besonders  als  Experimental- 
psychologe  im  Gebiete  der  Raumlehre  auszeichnete  (1896 — 1926  Ordinarius  in 
Innsbruck),  Twardowski  (spater  Professor  in  Lemberg),  Masaryk,  der  1882  an 
die  neubegriindete  tschechische  Universitat  in  Prag  kam  und  nach  dem  Welt- 
kriege  Prasident  der  tschechoslowakischen  Republik  wurde,  Husserl  (spater 
in  Halle,  Gottingen,  Freiburg  i.  B.),  den  bekannten  Fuhrer  der  »Phanomeno- 
logen«,  v.  Ehrenfels  (Prag),  der  den  Anstofl  zur  » Gestaltpsychologie «  gab, 
Hofler  (Prag,  Wien)  u.  a.  Er  war  aber  auch  in  der  Wiener  Gesellschaft  ein  gern 
gesehener  Gast.  Ein  Zeugnis  seiner  geistbelebten  Unterhaltung  ist  die  unter 
dem  Autornamen  »  Aenigmatias«erschienene  und  mehrfach  aufgelegteSammlung 
seiner  bei  solchen  Gelegenheiten  aufgegebenen,  ebenso  scharfsinnig  erdachten 
wie  kiinstlerisch  geformten  Ratsel.  Auch  im  Schachspiel,  das  gleichermaBen 
seiner  Neigung  zur  Stellung  und  Losung  von  Problemen  entsprach,  war  er 
Meister.  1880  verheiratete  er  sich  mit  Ida  I,ieben,  einer  anmutigen  und  kunst- 
sinnigen  Wienerin,  muBte  aber,  um  seine  Ehe  gegen  alle  Einwendungen  zu 
schiitzen,  aus  dem  osterreichischen  Untertanenverband  austreten  und  seine 
Stellung  als  Ordinarius  mit  der  eines  Privatdozenten  vertauschen.  Obgleich  die 
philosophische  Fakultat  mehrmals  seine  Wiederernennung  beantragte,  konnte 
sich  das  Ministerium  Gautsch  aus  Riicksicht  auf  die  Kirche  nicht  zur  Wieder- 
anstellung  entschlieBen.  Da  ihm  1894  auch  die  Gattin  durch  den  Tod  entrissen 
wurde,  entschlofi  er  sich  1895,  Wien  und  Osterreich  uberhaupt,  dem  er  sehr 
zugetan  war,  zu  verlassen. 

1896  erwarb  er  die  italienische  Staatsbiirgerschaft  (Norditalien  war  die  Ur- 
heimat  der  Brentanos)  und  liefi  sich  in  Florenz  nieder.  Die  Sommermonate 
pflegte  er  aber  in  seinem  1887  erworbenen  idyllischen  Anwesen  zu  Schonbuhl 
bei  Melk  an  der  Donau  zu  verbringen.  1897  schloB  er  einen  zweiten  Ehebund 
mit  Emilie  Rueprecht,  die  ihm  nicht  nur  eine  sorgliche  Gattin,  sondern  auch, 
seitdem  ein  Augenleiden  ihm  das  Lesen  und  Schreibenimmer  mehr  erschwerte, 
eine  Helferin  bei  seinen  wissenschaftlichen  Arbeiten  wurde.  In  Italien,  wo  er 
gelegentlich  auch  in  Rom  und  Palermo  langeren  Aufenthalt  nahm,  trat  er  in 
Verbindung  und  Korrespondenz  mit  vielen  dortigen  Gelehrten  (Puglisi,  Amato, 
Vailati,  Enriquez  u.  a.) ;  in  Schonbuhl  wurde  er  regelmafiig  von  Marty  und  viel- 
fach  von  anderen  Schiilern  und  Freunden  aufgesucht.  Philosophische  Diskus- 
sionen  blieben  ihm  I,ebensbedurfnis,  und  jedesmal  begegneten  den  Besuchern 
neue  Erweiterungen  oder  Umbildungen  seiner  Gedankenwelt.  Als  Italien  im 
Weltkriege  auf  die  Seite  unserer  Feinde  trat,  iibersiedelte  er  nach  Zurich,  wo  er 
im8o.  Iyebensjahre,  langst  erblindet,  aber  bis  zumEnde  in  voller  Geistesfrische, 


Brentano  ^y 

gestorben  ist.  Er  hinterlieB  einen  Sohn  aus  erster  Ehe,  der  sich  der  akademischen 
Iyaufbahn  als  Physiker  gewidmet  hat  (z.  Z.  Universitatsdozent  in  Manchester). 

B.  war  seit  1876  korr.  Mitglied  der  Wiener,  seit  1914  auch  der  Berliner  Aka- 
demie  der  Wissenschaften.  Seine  Veroffentlichungen  in  der  Wiener  Zeit  waren 
zumeist  Ausarbeitungen  von  Vortragen,  zu  denen  er  aber  immer  prinzipiell 
wichtige  Fragen  wahlte.  Besonders  gehort  dahin  die  Schrift :  »Vom  Ursprung 
sittlicher  Erkenntnis«  (1889).  Aber  auch  die  aristotelischen  Studien  setzte  er  in 
Abhandlungen  fur  die  Wiener  Akademie  fort  (Kontroverse  mit  E.  Zeller  iiber 
den  aristotelischen  Gottesbegriff).  Nach  der  Wiener  Zeit  erschienen  noch 
»Untersuchungen  zur  Sinnespsychologie«  (1907),  worin  fur  die  Klassif ikation 
und  Analyse  der  Empfindungen,  besonders  der  Farben-  und  Tonempfindungen, 
neue,  zum  Teil  allerdings  nur  hypothetische,  Gesichtspunkte  aufgestellt,  aber 
auch  Beobachtungstatsachen,  wie  die  Identitat  der  Oktaventone,  in  neuer 
Weise  gedeutet  wurden;  ferner  eine  Sonderausgabe  des  Kapitels  »Von  der 
Klassif  ikation  der  psychischen  Phanomene«  aus  der  »  Psychologie  «  mit  wesent- 
lichen  Erganzungen  (Lehre  von  den  Modi  des  Vorstellens,  zu  denen  auch  die 
Zeitvorstellung  gerechnet  wird);  endlich  zwei  zusammenfassende  Schriften 
iiber  Aristoteles*  Weltanschauung.  Aber  B.  hatte  trotz  und  teil  weise  wegen  der 
bestandigen  Durchpriifung  seiner  Anschauungen  wenig  Neigung  zu  Publika- 
tionen.  Die  Friichte  seines  Nachdenkens  wurden  in  zahlreichen  diktierten  Ab- 
handlungen niedergelegt. 

Nach  seinem  Tode  haben  zwei  Schuler  Martys,  Professor  O.  Kraus  (Prag) 
und  Professor  A.  Kastil  (Innsbruck),  die  auch  noch  in  personlichem  Umgange 
B.s  spatere  Anschauungen  kennenlernten,  in  sehr  dankenswerter  Weise  mit 
der  Herausgabe  des  Nachlasses  und  einer  neuen  Ausgabe  der  wichtigsten 
friiheren  Werke  (im  Verlage  Felix  Meiner,  Leipzig)  begonnen  und  sie  mit  Ein- 
leitungen  und  Anmerkungen  versehen.  Der  NachlaB  befindet  sich  zunachst  in 
ihren  Handen;  ebenso  B.s  umfangreiche  Korrespondenz  mit  Marty  und  Kraus 
und  andere  wichtige  Briefsammlungen. 

Durchdringender  Scharfsinn,  Erfassung  des  Prinzipiellen,  Kiihnheit  der 
Konzeptionen,  weitschauende  Vergegenwartigung  logischer  Zusammenhange 
waren  hervorstechende  Ziige  des  B.schen  Denkens.  Zuweilen,  wie  in  gewissen 
Punkten  der  sinnespsychologischen  Untersuchungen  und  in  den  letzten  Aristo- 
telesschriften,  mogen  diese  Vorziige  zu  allzu  groBem  Vertrauen  auf  deduktive 
Gedankengange  gefiihrt  haben.  Aber  mehr  oder  minder  diirfte  eine  solche 
Geisteshaltung  alien  imgroBen  Stile  Philosophierenden  eigen  sein.  Zu  diesen 
intellektuellen  Ziigen  gesellte  sich  eine  nicht  geringe  kiinstlerische  Begabung. 
unbeugsame  Willenskraft  im  Bunde  mit  ethischem  Idealismus,  der  auch  seine 
politische  Einstellung  beherrschte,  ein  starkes  Freundschaftsbedurfnis,  das  sein 
Verhaltnis  zu  den  Schiilern  ganz  im  Sinne  der  antiken  Philosophenschulen  ge- 
staltete,  endlich  eine  tiefreligiose  Grundstimmung,  der  es  nicht  an  gewissen 
mystischen  Elementen  fehlte,  aber  auch  sie  in  enger  Wechselwirkung  mit 
subtiler  Reflexion.  Wer  ihn  genauer  kannte  und  vor  allem  seine  Forschertatig- 
keit  miterlebte,  der  muBte  den  Eindruck  einer  durchaus  genialen,  schopferischen 
Natur  empfangen. 

Als  Hauptpunkte  seiner  Philosophic  waren  zu  nennen:  in  der  Erkenntnis- 
t  h  e  o  r  i  e  und  L  o  g  i  k  die  Herleitung  aller  Begrif fe  aus  den  Gegebenheiten  der 
auBeren  und  inneren  Wahrnehmung,  die  Begriindung  alles  Wissens  auf  un- 


58  1917 

mittelbar  einleuchtende  Urteile,  die  Reduktion  der  allzu  detaillierten  Schlufi- 
lehre  auf  wenige  Grundformen,  die  Rechtfertigung  der  Indnktion  durch  die 
apriorischen  Wahrscheinlichkeitsgesetze ;  in  der  Psychologiedie Charakteri- 
sierung  des  Bewufitseins  durch  die  Beziehung  auf  Gegenstande  (» Inten- 
tion«),  die  Klassifikation  der  Akte  durch  die  Verschiedenheiten  dieser  Be- 
ziehung, die  Unterscheidung  des  Urteilens  vom  blofien  Vorstellen,  die  Ko- 
ordination  von  Fiihlen  und  Wollen,  die  Betonung  der  einheitlichen  Bewufit- 
seinsstruktur  gegeniiber  der  Assoziationspsychologie ;  in  der  Ethik  dieGrund- 
legung  durch  als  richtig  charakterisierte  Wertungs-  und  Vorzugsakte  und  dar- 
auf  gegriindete  unmittelbar  einsichtige  Werturteile ;  in  der  Metaphysikdie 
Theorie  der  Kontinuen  und  der  Relationen,  die  Lehre  vom  Realen  als  dem 
einzig  moglichen  Gegenstand  unseres  Vorstellens  und  Urteilens  (eine  einschnei- 
dende  Neuerung  seiner  spatesten  Zeit,  worin  die  alteren  Schuler  ihm  nicht 
folgten),  die  Lehren  von  dem  endlichen,  aber  ins  Unendliche,  selbst  in  der  Zahl 
der  Dimensionen,  zu  immer  hoheren  Stufen  fortschreitenden  Universum  und 
von  der  Gottheit,  welche  theistisch,  aber  mit  starken  Abweichungen  von  dem 
liberlieferten  christlichen  Gottesbegriffe  gedacht  wird.  Gegen  die  Darwinsche 
Theorie  hat  B.  in  Vorlesungen  immer  scharfe  Einwande  erhoben,  aber  den  all- 
gemeinen  Entwicklungsgedanken  um  so  entschiedener  festgehalten.  Sowohl 
im  Habitus  seines  Denkens  als  auch  in  vielen  inhaltlichen  Ziigen  seiner  Lehre 
steht  er  Leibniz  besonders  nahe  (Theismus,  Optimismus,  Determinismus, 
Rationalismus,  Logikreform,  Theorie  der  unmerklichen Teilempfindungenu. a.). 
Dagegen  erachtete  er  Kants  Grundlegungen  als  verfehlt. 

Als  ein  besonders  wichtiger,  auch  geschichtlich  einfluBreicher  Teil  seines 
Systems  sei  hier  die  Urteilslehre  etwas  naher  charakterisiert.  Gegeniiber  der 
liberlieferten,  namentlich  von  der  englischen  Assoziationspsychologie  ver- 
tretenen  Auffassung  des  Urteils  als  einer  Verbindung  zweier  Vorstellungen 
erkennt  B.  darin  eine  vom  blofien  Vorstellen  wesensverscbiedene  Grund- 
funktion.  Eine  vorgestellte  Materie  wird  bejaht  oder  verneint,  anerkannt 
oder  verworfen.  Sie  kann  aus  Subjekt  und  Pradikat  oder  sonstwie  zusammen- 
gesetzt,  kann  aber  auch  eingliedrig  sein  (z.  B.  bei  Impersonalsatzen).  Die  sprach- 
liche  Formulierung  (Aussage)  mufi  sorgfaltig  vom  Urteil  selbst  unterschieden 
werden ;  viele  sogenannteUrteilsunterschiede  sind  nur  Unterschiede  der  Aussage- 
form.  Es  gibt  auch  ein  sprachloses  Urteilen,  sowohl  im  hoheren  (begrifflichen) 
als  im  elementaren  (anschaulichen)  Denken.  (Uber  B.s  Interpretation  der  Aus- 
sageformen,  die  Ubersetzung  in  Existentialsatze,  in  der  er  mit  einer  damals 
noch  unverof f entlichten  Auf stellung  Leibnizens  zusammentraf ,  und  ihre  Folgen 
fur  die  Syllogistik  s.  Fr.  Hillebrand,  Die  neuen  Theorien  der  kategorischen 
Schliisse  1891).  In  der  Wiener  Zeit  hat  allerdings  die  Urteils-  und  Schlufilehre 
infolge  der  Anerkennung  von  » Doppelurteilen «  (s.  das.)  und  weiterhin  durch 
die  Beziehung  aller  Urteile  auf  Reales  viel  von  ihrer  Einf  achheit  verloren ;  aber 
zu  diesen  Konzessionen  glaubte  sich  eben  B.  durch  die  Tatsachen  genotigt.  — 
Von  der  Urteilsmaterie,  den  zugrunde  liegenden  Vorstellungen,  unterschied  B. 
den  Urteilsinhalt,  der  sprachlich  durch  die  Infinitiv-  oder  »Dafi«-Form  ausge- 
driickt  werden  kann,  z.  B.  Sein  oder  Nichtsein  Gottes.  Dieser  Begriff  des  spe- 
zifischen  Urteilsinhaltes,  fiir  den  Stumpf  den  Terminus  »Sachverhalt«  ein- 
fiihrte,  hat  bei  Marty,  Meinong,  Husserl,  aber  auch  aufierhalb  der  Schule  bei 
Kiilpe  (Logik),    Selz,    Biihler  u.  a.  weitgehende  erkenntnistheoretische  Ver- 


Brentano 


59 


wendung  gefunden.  Gegen  die  Hypostasierung  solcher  Inhalte  aber,  zu  der 
manche  moderne  Richtungen  hinzuneigen  schienen,  hat  B.  spater  nachdriick- 
lich  Stellung  genommen,  auch  darin  nicht  ohne  Beriihning  mit  Leibniz.  — 
Das  Urteilen  erfolgt  entweder  mit  Einsicht  (Evidenz)  oder  ohne  solche,  wie  bei 
den  instinktiven  oder  durch  Gewohnheit  oder  blinde  Gefiihlsmotive  bedingten 
Urteilen.  Jede  Wahrnehmung  ist  schon  ein  Urteil,  die  sinnliche  Wahrnehmung 
ein  einsichtsloses,  die  der  eigenen  augenblicklichen  BewuBtseinsakte  aber 
(innere  Wahrnehmung)  ein  unmittelbar  einsichtiges  Urteil.  Dieses,  Descartes' 
*Cogito,  ergo  sum«,  bildet  die  Grundlage  aller  Erkenntnisse  von  Tatsachen, 
auch  beziiglich  der  AuBenwelt. 

B.  betont  als  eines  der  wichtigsten  Strukturgesetze  des  Psychischen,  dafi 
Vorstellungen  alien  iibrigen  Akten  zugrunde  liegen  und  in  ihnen  eingeschlossen 
sind.  Man  hat  dies  seitens  der  voluntaristischen  Psychologie  als  Intellektualis- 
mus  bezeichnet.  Es  besagt  aber  nicht  im  mindesten  die  Umdeutung  aller 
psychischen  Funktionen  in  bloBe  Vorstellungen  oder  Verstandestatigkeiten. 
B.  dachte  nicht  daran,  die  qualitative  Eigenart  des  Fuhlens  und  Wollens  zu 
bestreiten.  In  jenem  Strukturgesetz  hat  er  aber  zugleich  einen  fur  das  psy- 
chische  Leben  charakteristischen  Zug  hervorgehoben :  die  einseitige  Abtrenn- 
barkeit  der  Vorstellungen.  Man  kann  vorstellen,  ohne  zu  urteilen  oder  zu 
wollen,  aber  nicht  umgekehrt,  wahrend  materielle  Teile  gegenseitig  trennbar 
sind. 

Von  wesentlicher  Bedeutung  fiir  die  Gesamtauffassung  der  Philosophic  bei  B. 
und  den  meisten  seiner  Schuler  ist  f erner  seine  Lehre  von  dem  allgemeinen  Ent- 
wicklungsgange  der  Philosophic  seit  dem  griechischen  Altertum.  Dieser  er- 
scheint  ihm  als  eine  in  alien  drei  Perioden  analog  (wenn  auch  mit  begreiflichen 
Unterschieden  im  einzelnen)  wiederkehrende  Auf einanderf olge  einer  auf steigen- 
den  und  dreier  absteigenden  Phasen  (Verflachung,  Skeptizismus,  Mystizismus), 
die  sich  in  einer  psychologisch  verstandlichen  Folge  ablosen.  Auf  den  Hohe- 
punkt  der  alten  Philosophie,  Aristoteles,  folgen  die  popularen  Schulsysteme  der 
Stoiker  und  Epikureer,  die  skeptischen  Richtungen  der  neuen  Akademie  und 
des  Pyrrhonismus,  endlich  die  mystisch-spekulativen  der  Neupythagoreer  und 
Neuplatoniker ;  auf  die  Hochscholastik  in  Albertus  Magnus  und  Thoma^  von 
Aquino  die  Schulstreitigkeiten  der  beiden  groBen  Orden,  der  Kritizismus  Ock- 
hams,  die  Mystik  des  ausgehenden  Mittelalters  (Nikolaus  v.  Kues) ;  auf  die 
Epoche  von  Bacon  und  Descartes  bis  Locke  und  Leibniz  das  populare  Philo- 
sophieren  der  Aufklarungszeit,  der  Skeptizismus  Humes  und  der  Kritizismus 
Kants,  endlich  die  spekulativ-mystischen  Systeme  des  deutschen  Idealismus. 
Der  Aufstieg  hangt  immer  zusammen  mit  giinstigen  allgemeinen  Kultur- 
bedingungen  und  ist  seitens  der  Philosophierenden  selbst  bedingt  durch  eine 
Verbindung  hochgesteigerten  theoretischen  Interesses  mit  Nuchternheit, 
Griindlichkeit  und  Strenge  des  Denkens.  Auch  ist  charakteristisch  das  Zu- 
sammenwirken  mit  den  Einzelwissenschaften,  insbesondere  den  Naturwissen- 
schaften  als  Vorbildern  induktiver  Methodik  und  Schopfern  des  physischen 
Weltbildes.  DaB  im  Mittelalter,  abgesehen  von  den  Arabern  und  einzelnen 
Scholastikern  wie  Albertus,  die  Naturwissenschaften  darniederlagen,  war 
neben  dem  Drucke  der  kirchlichen  Autoritat  eine  Hauptursache  fiir  den 
Mangel  an  gleich  originellen  Leistungen,  wie  sie  die  beiden  anderen  Perioden 
aufweisen. 


6o  1917 

Diese  Auffassung  des  allgemeinen  Entwicklungsganges  der  Philosophic  bil- 
dete  schon  vor  der  Wurzburger  Zeit  den  Ausgangspunkt  fur  B.s  eigene  philo- 
sophische  Lebensarbeit.  Ob  man  ihm  in  der  Bewertung  der  einzelnen  Stadien 
zustimmt,  hangt  natiirlich  von  dem  eigenen  Standpunkt  ab;  auch  kann  man 
objektiv  das  geschichtliche  Material  nach  vielen  verschiedenenGesichtspunkten 
anordnen.  Aber  daB  hier  lehrreiche  und  fruchtbare  Analogien  vorliegen,  wird 
sich  nicht  leugnen  lassen. 

Nachdem  nun  iiber  60  Jahre  seit  dem  Beginne  von  B.s  Auftreten  ver- 
flossen  sind,  laBt  sich  wohl  auch  seine  eigene  Stellung  in  der  Philosophie- 
geschichte  einigermaBen  bestimmen.  Von  besonderem  Einflusse  war  er  auf  die 
Psychologic  Im  Gegensatze  zu  Wundts,  gleichzeitig  mit  der  »Psychologie  vom 
empirischen  Standpunkte«  erschienener,  » Physiologischen  Psychologie«  hielt 
er  vor  dem  Eintritt  in  die  physiologischen  Erklarungen,  die  zunachst  immer 
hypothetisch  sein  miissen,  eine  genaue  Zergliederung  des  psychischen  Tat- 
bestandes  auf  Grund  verscharfter  Selbstbeobachtung  (er  nannte  sie  deskriptive 
Psychologie  oder  Psychognosie)  fiir  notwendig ;  und  zu  dieser  lieferte  er  muster- 
gultige,  sei  es  auch  nicht  iiberall  endgiiltige,  Grundlegungen  durch  die  Unter- 
scheidung  zwischen  den  Akten  und  den  Gegenstanden  des  BewuBtseins  (Akt- 
oder  Funktionspsychologie),  durch  seine  klassifikatorischen  Untersuchungen 
und  durch  die  Aufzeigung  der  spezifischen  Strukturverhaltnisse  zwischen  und 
innerhalb  der  einzelnen  psychischen  Zustande  (Strukturpsychologie  nach 
Diltheys  Bezeichnung).  Nur  Lotze  war  ihm  unter  den  Neueren  hierin  voraus- 
gegangen.  Das  spater  von  der  Kiilpeschen  Schule  gegeniiber  dem  Sensualismus 
betonte  unanschauliche,  begriffliche  und  symbolische  Denken  (Denkpsycho- 
logie)  bildete  von  Anfang  an  einen  wesentlichen  Bestandteil  seiner  Lehren.  In 
seiner  Schule  haben  besonders  Marty,  Meinong  und  Husserl,  auch  Twardowski 
solche  Untersuchungen  weitergefuhrt.  Die  im  engeren  Sinn  experimentelle 
Methode,  wie  sie  durch  E.  H.  Weber,  Fechner,  Helmholtz  und  Hering  in  die 
Sinnespsychologie  eingefuhrt  worden  war,  wuBte  er  gleichfalls  vom  Beginne 
seiner  psychologischen  Forschungen  an  vollauf  zu  schatzen.  Die  Beweiskraft 
seiner  eigenen  ausgedehnten  Experimente  zur  Begriindung  einer  Farbentheorie 
ist  wohl  manchem  Zweifel  ausgesetzt.  Aber  seine  Kritik  der  dem  Fechnerschen 
Gesetze  zugrundeliegenden  Voraussetzungen,  sein  Nativismus  in  der  Raum- 
lehre  und  anderes  sind  durchgedrungen.  In  seiner  Schule  haben  Hillebrand  und 
der  Unterzeichnete  die  experimentelle  Methode  gepflegt. 

Aber  nicht  nur  der  Psychologie,  auch  alien  iibrigen  philosophischen  Diszi- 
plinen  hat  B.  kraftvolle  neue  Impulse  gegeben.  Es  ist  nicht  richtig,  daB  er  sie 
ausschlieBlich  auf  Psychologie  hatte  griinden  wollen  (Psychologismus) .  Viel- 
mehr  suchte  er  die  letzten  Kriterien  fiir  Wahrheit  und  Falschheit  in  einleuch- 
tenden  Urteilen,  die  keine  psychologische  Begriindung  zulassen,  die  fiir  das 
ethisch  Gute  in  » als  richtig  charakterisierten «  Gemiitstatigkeiten,  deren  Rich- 
tigkeit  gleichfalls  keine  psychologische  Erklarung  zulaBt.  In  der  Erkenntnis- 
theorie  hielt  er  gegeniiber  dem  extremen  Empirismus  daran  fest,  daB  neben 
den  unmittelbar  gewissen  Tatsachen  des  eigenen  BewuBtseins  apriorische 
Grundsatze  die  Voraussetzungen  aller  Erfahrung  bilden,  ohne  jedoch  deren 
synthetische  Natur  im  Sinne  Kants  gelten  zu  lassen.  In  diesem  Gebiete,  der 
Auseinandersetzung  zwischen  Empirismus  und  Rationalismus,  ist  zwar  noch 
lange  keine  definitive  Einigung  zu  erwarten  und  sind  auch  innerhalb  der 


Brentano.  Dyckerhoff  6 1 

B.schen  Schule  Abweichungen,  beispielsweise  beziiglich  der  mathematischen 
Axiome  und  der  obenerwahnten  elementarlogischen  Fragen,  hervorgetreten. 
Aber  die  intensive  Beschaftigung  mit  erkenntnistheoretischen  Problemen  ist 
alien  seinen  Schiilern  gemeinsam.  Dasselbe  gilt  von  der  Ethik,  in  deren  Auf- 
fassung  als  allgemeinster  Wertlehre  in  der  Schule  kaum  Unterschiede  bestehen, 
wahrend  im  einzelnen  Kraus  und  der  Unterzeichnete  sich  enger  als  Meinong 
und  Ehrenfels  an  B.  anschliefien.  Fur  die  Rechtsphilosophie  hat  besonders 
Kraus  B.s  psychologische  und  ethische  Grundlegungen  verwertet.  In  der 
Asthetik  steht  Utitz  (Theorie  der  Funktionslust)  unter  dem  Einflusse  B.scher 
Psychologic  Zur  Geschichte  der  Philosophic  haben  zahlreiche  Schiiler  und 
Enkelschiiler  B.s,  wie  Arleth,  A.  v.  Berger,  Hugo  Bergmann,  v.  Hertling, 
Kastil,  Kraus,  v.  Meinong,  Schell,  Stumpf  u.  a.  Beitrage  geleistet.  So  vielseitig 
aber  auch  die  von  B.  ausgegangenen  Anregungen  und  die  bevorzugten  Arbeits- 
felder  seiner  Schiiler  sind :  als  Zentrum  und  letztes  Ziel  des  Philosophierens  gilt 
sicher  alien  wie  B.  selbst  weder  Psychologie  noch  Erkenntnistheorie  noch 
Ethik,  sondern  eine  neue,  auf  die  Gesamtheit  dieser  Forschungen  zu  begriin- 
dende  Metaphysik.  Am  weitesten  hat  bisher  er  selbst  sich  in  dieses  zeitweilig 
verrufene,  heut  aber  wieder  vielfach  anerkannte  Gebiet  vorgewagt. 

Vielleicht  hat  niemals  auCer  im  16.  Jahrhundert  eine  solche  Menge  wider- 
streitender  philosophischer  Richtungen  gleichzeitig  bestanden  wie  heute. 
Inner halb  dieses  gahrenden  Chaos  hat  B.  als  Denker  strengster  Observanz 
bahnbrechend  gewirkt,  als  Lehrer  das  Streben  nach  scharfer  Begriffsbildung 
und  methodischem  Aufbau  der  Untersuchungen  den  Schiilern  zur  obersten 
Regel  gemacht.  DaB  die  Philosophic  den  AnschluB  an  die  Naturwissenschaften 
und  konkreten  Geisteswissenschaften  wiedergewonnen  hat,  ist  nicht  zum 
wenigsten  seinem  Einflusse  zu  danken.  Sehr  zu  wiinschen  ware  aber  eine  Ge- 
samtdarstellung  seines  Gedankensys terns  einschlieBlich  der  Umwandlungen,  in 
der  alles  Wesentliche,  unbeschadet  der  Genauigkeit,  in  einer  leichter  zu  gang- 
lichen  Form  wiedergegeben  ware. 

Literatu r:  Naheres  zur  Biographie  und  Charakteristik  B.s  findet  man  in  folgenden 
Darstellungen :  »  Franz  B.«  von  O.  Kraus,  mit  Beitragen  von  C.  Stumpf  und  E.  Husserl; 
Miinchen  bei  O.  Beck,  1919  (mit  zwei  Bildnissen) ;  Lebenslaufe  aus  Franken,  Bd.  II,  1922, 
Art.  »  Franz  B.«  von  C.  Stumpf,  Neue  osterreichische  Biographic,  Bd.  Ill,  Art.  »Franz  B.« 
von  O.  Kraus,  1926.  In  diesem  Artikel  zugleich  ein  vollstandiges  Verzciclmis  der  zu  B.s  Leb- 
zeiten  erschienenen  Schriften  und  Hinweise  auf  weitere  biographische  Darstellungen  und 
Quellen.  Verzeichnisse  der  Schriften  auch  in  dem  vorher  erwahnten  Krausschen  Buche 
und  in  der  Neuausgabe  der  » Psychologies,  S.  XCIV. 

Berlin-Lichterfelde.  Carl  Stumpf. 

Dyckerhoff,  Rudolf,  Professor,  Dr.-Ing.  e.h.,  Portlandzementfabrikant,  *  am 
25.  Marz  1842  in  Mannheim,  f  am  23.  Februar  19 17  in  Amoneburg  bei  Biebrich 
am  Rhein.  —  Nach  dem  Besuch  der  Realschule  seiner  Vaterstadt  bezog  er  die 
Technische  Hochschule  in  Karlsruhe  und  die  Universitat  Heidelberg,  um 
Chemie  und  Physik  zu  studieren.  Im  Jahre  1864  trat  er  in  die  von  seinem  Vater 
gegriindete  Portlandzementfabrik  in  Amoneburg  bei  Biebrich  ein,  um  die 
Leitung  des  Betriebes  zu  iibernehmen.  Es  darf  nicht  iiberraschen,  da(3  der 
junge  Chemiker  gleich  den  Betrieb  ubernahm.  War  es  doch  zu  einer  Zeit,  als 
die  ersten  Portlandzementfabriken  in  Deutschland  eingerichtet  wurden,  und 
Erfahrungen,  die  noch  nicht  vorhanden  waren,  gesammelt  werden  muBten. 


62  1917 

Fur  diese  Aufgabe  war  der  junge,  aufstrebende,  wissenschaftlich  geschulte 
Rudolf  D.  sehr  geeignet.  Seine  Entwicklung  geht  parallel  mit  der  Entwicklung 
der  deutschen  Portlandzementindustrie,  die  seit  der  Begriindung  der  ersten 
groBeren  Zementfabrik  in  Ziillichow  bei  Stettin  im  Jahre  1850  nur  langsam 
voranschritt.  Der  englische  Zement  beherrschte  damals  den  deutschen  Markt, 
und  es  gait,  das  deutsche  Fabrikat  in  einer  ganz  besonderen  Gute  herzustellen, 
wenn  es  das  beliebte  auslandische  Erzeugnis  ersetzen  sollte. 

Rudolf  D.  fiihrte  dank  umfassender  wissenschaftlicher  Kleinarbeit  Ver- 
besserungen  in  der  Zementherstellung  ein,  und  es  gelang  ihm  bald,  das  Vor- 
urteil  der  Uberlegenheit  des  auslandischen  Zementes  zu  zerstreuen.  Er  war 
von  der  Notwendigkeit  einer  wissenschaftlichen  Durchdringung  der  Zement- 
fabrikation  erfiillt,  und  in  diesem  Sinne  arbeitete  er  ein  Leben  lang  mit  groBem 
Erfolge.  Uberzeugt,  da6  die  Gute  des  in  der  eigenen  Fabrik  hergestellten  Port- 
landzementes  nur  verbessert  werden  konnte  durch  einwandfreie  Nachweise 
seiner  Eigenschaften,  arbeitete  D.  an  der  Verbesserung  der  Priifungsmethoden 
des  Portlandzementes  und  wirkte  so  zugleich  im  allgemeinen  Interesse.  Im 
Jahre  1876  erschien  seine  erste  grundlegende  Arbeit  iiber  die  Priifung  des  Port- 
landzementes in  der  Zeitschrift  der  »Ton-,  Zement-  und  Kalk-Industrie«.  Im 
Jahre  1877  folgte  die  Veroffentlichung  iiber  Priifungsmethoden  von  Portland- 
zement  (» Deutsche  Bauzeitung«  Nr.  38).  Diese  Arbeiten  bildeten  die  Grund- 
lage  fiir  die  Beratungen  der  Kommission,  die  zu  der  Einfuhrung  der  einheit- 
lichen  Priifung  von  Portlandzement  in  der  Mitte  der  siebziger  Jahre  aus  Fach- 
leuten  der  Zement-  und  Bauindustrie  und  der  Behorden  eingesetzt  wurde.  Die 
Ergebnisse  der  Kommissionsarbeit  waren  in  den  ersten  Normen  fiir  die  ein- 
heitliche  Lieferung  und  Priifung  von  Portlandzement  niedergelegt,  die  inner- 
halb  und  auBerhalb  des  Deutschen  Reiches  bei  der  Priifung  der  Eigenschaften 
von  Portlandzement  allgemeine  Anerkennung  gefunden  haben.  Eine  wert voile 
Arbeit  ist  die  Abhandlung  Rudolf  D.s  fiir  das  Deutsche  Museum  fiir  Meister- 
werke  der  Naturwissenschaft  und  Technik  in  Miinchen  iiber  die  Entwicklung 
des  Priifungsverfahrens  fiir  Portlandzement  insbesonders  in  Deutschland,  die 
in  der  » Deutschen  Bauzeitung*  1906  Nr.  9  veroffentlicht  wurde. 

Im  Jahre  1865  entstanden  die  ersten  Zusammenschliisse  in  der  Kalk-  und 
Zementindustrie,  und  im  Jahre  1877  wurde  der  Verein  deutscher  Portland- 
zementfabrikanten  unter  Mitwirkung  von  Rudolf  D.  gegriindet,  der  wie  kein 
anderer  von  der  Notwendigkeit  der  Zusammenarbeit  von  Wissenschaft  und 
Praxis  durchdrungen  war.  In  diesem  Sinne  wirkte  der  Verein  vorbildlich  dank 
dem  Einflusse  Rudolf  D.s  und  der  Gleichgesinnten.  Nach  der  Griindung  des 
Vereins  Deutscher  Portlandzementfabrikanten,  der  in  diesem  Jahre  (1927)  sein 
50jahriges  Bestehen  feierte,  trat  Rudolf  D.  sehr  bald  durch  Verof  fen  tlichungen 
und  Vortrage  auf  Grund  seiner  Arbeiten  im  Laboratorium  hervor,  die  zum 
groBen  Teil  in  den  Protokollen  des  Vereins  niedergelegt  sind.  Unter  den  Ar- 
beiten sind  f olgende  besonders  zu  nennen :  »  Der  EinfluB  einer  Kalkbeimengung 
zu  Zement«,  1879;  »Herstellung  von  Beton  aus  Portlandzement «,  1880;  »t)ber 
die  Beimengung  von  Hochofenschlacke  zu  Portlandzement «,  1883 — 1885 ;  »t)ber 
die  Wirkung  der  Magnesia  im  gebrannten  Zement «,  1888.  Im  Jahre  1893  ff. 
wurden  die  Arbeiten  » Uber  die  Einwirkung  von  Meerwasser  auf  Zement  und 
auf  hydraulische  Bindemittel«  veroffentlicht. 

Rudolf  D.  hat  sich  rasch  Anerkennung  und  einen  guten  Namen  in  der  Fach- 


Dyckerhoff.  Flex  63 

welt  des  In-  und  Auslandes  erworben.  Neben  Delbriick  gehorte  er  seit  der 
Griindung  des  Vereins  Deutscher  Portlandzementfabrikanten  als  2.  Vorsitzen- 
der  durch  mehr  als  zwei  Jahrzehnte  dem  Vorstand  an.  Die  meisten  Kom- 
missionen  des  Vereins  zahlten  ihn  zu  ihrem  Mitglied.  Im  internationalen  Ver- 
band  fiir  Materialpriifung  der  Technik  war  er  Mitglied  der  Meerwasserkommis- 
sion. 

Im  Jahre  1905  wurde  Rudolf  D.  auf  Grund  seiner  hervorragenden  und  grund- 
legenden  Verdienste  um  die  Entwicklung  des  Portlandzementes  von  der  Tech- 
nischen  Hochschule  Dresden  zum  Dr.-Ing.  e.  h.  ernannt,  und  im  Jahre  1912 
erhielt  er  von  der  hessischen  Regierung  den  Titel  »  Professor «.  Rudolf  D.  genoB 
groBes  Ansehen  in  wissenschaftlichen  Kreisen  und  innerhalb  der  Zement- 
industrie.  Er  besaB  ernstes  Streben,  hohes  Verantwortungsgefiihl  und  ist  in 
hervorragender  Weise  an  der  machtvollen  Entwicklung  der  deutschen  Port- 
landzement-Industrie  beteiligt.  Er  war  ein  Forscher,  der  bei  seinen  Arbeiten  im 
Laboratorium  die  Zusammenhange  mit  der  Praxis  stets  beachtete,  und  es  ist 
ihm  zu  danken,  wenn  sich  der  »Dyckerhoff-Zement«  bis  zum  heutigen  Tage  das 
Vertrauen  der  Ingenieure  und  der  Zement  verarbeitenden  Industrien  erworben 
hat.  Als  Mensch  war  er  einfach,  von  lauterem  Charakter,  liebenswiirdig  und 
bescheiden. 

Karlsruhe  i.  B.  Emil  Probst. 


Flex,  Walter,  Dr.  phil.,  Dichter,  *  am  6.  Juni  1887  in  Eisenach,  gef alien  am 
16.  Oktober  1917  in  den  Kampfen  auf  der  Insel  Oesel.  —  Walter  F.  gilt  vielen 
als  der  Dichter  des  Weltkrieges  —  und  sicherlich  hat  er  am  reinsten  und 
packendsten  dem  Geiste  der  Kriegsfreiwilligen,  dem  bejahenden  Opfergeist  der 
deutschen  Jugend  Ausdruck  gegeben.  Wer  sich  den  Menschen  F.  nach  Bildern, 
mehr  nach  seinen  Werken  und  den  biographischen  Nachrichten,  die  iiber  ihn 
verbreitet  sind,  vorstellen  will,  hat  wohl  unwillkurlich  das  Bild  kraftvoller 
Frische,  tiefer  Innerlichkeit,  besonderer  Reinheit.  Aus  seinem  »Wanderer 
zwischen  beiden  Welten«,  seinem  verbreitetsten  Werk,  erwachst  dieses  Bild, 
und  es  steigt  auch  aus  seinen  Kriegsgedichten  auf,  die  den  so  gliicklich  ge- 
wahlten  Titel  » Sonne  und  Schild«  tragen.  Ist's  nicht,  als  ob  der  junge  Dichter 
damit  selbst  die  Sinnbilder  seines  Schaffens  bezeichnete?  Zur  Sonne,  zum 
Lichte  strebte  er  in  all  seinen  Gedanken  und  Taten ;  und  dabei  war  er  doch  ganz 
erdnahe,  war  Schild  des  Vaterlandes,  war  innerlich  ganz  bereit,  sich  zu  opfern. 

Sein  Wesen  erklart  sich  klarer  als  das  vieler  anderer  Dichter  aus  Herkunft 
und  Umgebung.  Walter  F.  war  der  zweite  von  den  vier  Sohnen  des  Gymnasial- 
oberlehrers  Dr.  Rudolf  F.  (f  1918)  und  seiner  Ehefrau  Margarete,  geb.  Pollack. 
Sein  Geburts-  und  Heimatsort  war  Eisenach.  Seiner  Stammesart  nach  war  er 
aber  Schlesier,  denn  die  Vorfahren  des  Vaters  waren  Bauern  und  Handwerker 
in  Konigshain  bei  Gorlitz,  die  Mutter  stammte  aus  Rawitsch.  Eine  reiche 
Jugend  hatte  der  Dichter.  Vielgestaltig  waren  die  Bildungsmachte,  die  auf  ihn 
einwirkten.  Ihn  umfing  die  liebliche  Thiiringer  Landschaft,  und  in  frohem 
Wanderleben  wurde  die  Freude  an  der  Schonheit  des  Waldes,  der  Wiesen,  der 
einfachen  und  ewigen  Pracht  deutschen  L,andes  in  ihm  wach.  Taglich  griiBte 
ihn  die  Wartburg,  und  die  Kulturepochen  der  deutschen  Geistesgeschichte  ge- 
wannen  I^eben  fiir  ihn  auf  historischem  Boden. 


64  J9i7 

Der  stete  und  unmerklich  wirkende  EinfluB  der  Umwelt  wurde  durch  die 
Eltern  geklart  und  gestarkt.  Der  Vater  war  im  besten  Sinne  der  Typ  des  geistig 
regen  Vorkriegsdeutschen,  des  Akademikers,  der  in  dem  erstarkenden,  reichen 
Deutschland  mit  Stolz  und  Begeisterung  an  alien  of fentlichen  Fragen  teilnahm : 
er  war  Bismarckverehrer,  sprachlich  und  historisch  interessiert,  warb  durch 
Gelegenheitsgedichte  und  Festspiele  fur  seine  Gedanken.  Idealismus  und  Sich- 
einsetzen  fiir  seine  Uberzeugung  —  das  war  selbstverstandlich  im  F.schen 
Hause.  Der  Oberlehrer  Dr.  F.  war  noch  einer  von  denen,  die  es  fiir  nationale 
Pflicht  hielten,  in  Vereinen  und  Ausschiissen  mitzuarbeiten.  Bald  gait  es  ein 
Denkmal  zustande  zu  bringen,  bald  in  den  Wahlkampfen  fiir  die  national- 
liberale  Partei  zu  werben.  Staat  und  Geschichte  wurden  durch  das  unermiid- 
liche  Wirken  des  Vaters  sehr  lebendige  Machte  fiir  den  Knaben.  Der  Wille  zu 
dichterischem  Schaffen  und  zur  Beherrschung  der  Sprache  wurde  in  nicht  ge- 
wohnlichem  MaBe  in  ihm  geweckt. 

Doch  mehr  bedeutete  ihm  die  Mutter.  So  selten  bei  F.  Liebesszenen,  Liebes- 
gedichte  im  iiblichen  Sinne  sind,  so  haufig  sind  innige,  tief  empfundene  Worte 
des  Dankes  und  der  Verehrung  fiir  seine  Mutter.  »Wenn  er  von  der  Mutter 
erzahlte,  lag  es  wie  Weihestimmung  iiber  ihm;  ich  habe  niemals  eine  so  reine, 
zarte  Ehrfurcht  vor  dem  Miitterlichen  erlebt  wie  bei  Walter  F.«,  so  wird  noch 
der  DreiBigjahrige  geschildert.  —  Eine  tief  innerliche,  phantasiebegabte  Frau 
war  sie,  von  echtem  religiosen  Empfinden  —  eine  Frau,  die  Wahrtraume  hatte, 
die  soziale  und  weltanschauliche  Fragen  durchdachte,  die  vor  allem  durch  ein 
natiirliches  Erzahltalent  ihre  Kinder  anregte.  Die  Mutter  und  deren  unver- 
heiratete  Schwester  hiiteten  und  pflegten  auch  die  fruherwachten  dichterischen 
Neigungen  des  Knaben  und  Junglings. 

Der  begabte,  allgemein  beliebte  Junge  verlebte  eine  gliickliche  Schulzeit  auf 
dem  Karl-Friedrich-Gymnasium  zu  Eisenach,  an  dem  er  Ostern  1906  das 
Abiturientenexamen  bestand.  Hatte  er  weniger  Selbstkritik  gehabt,  so  hatte 
es  ihm  gefahrlich  werden  konnen,  daB  er  schon  als  Gymnasiast  mit  lyrischen 
Gedichten  und  dramatischen  Versuchen  reiche  Anerkennung  fand.  L,auten  Er- 
folg  brachte  ihm  eine  dramatische  Skizze:  »Die  Bauernfiihrer«,  die  1905  von 
einem  Gymnasiastenverein  unter  Mitwirkung  des  jungen  Dichters  aufgefiihrt 
wurde.  Andere  Dramenentwiirfe  entstanden  in  der  Primanerzeit.  Der  Acht- 
zehnjahrige  wurde  bereits  »literarisch«  bekannt.  Schon  als  Student  konnte  er 
in  der  »DeutschenRomanzeitung«  zahlreiche  Gedichte  und  Novellen  verof fent- 
lichen. 

Eine  reiche  Jugend  war  es,  durch  die  Walter  F.  heranreifte.  Er  nahm  das 
Beste  aus  ihr  ins  Leben  mit :  nicht  Verwohnung  und  Eitelkeit,  sondern  Lebens- 
freude  und  Natursinn,  tatigen  Idealismus  und  den  Willen  zu  dichterischem 
Schaffen. 

Die  gliickliche  Jugend  fand  ihre  Fortsetzung  in  einer  noch  gliicklicheren 
Studentenzeit.  Ostern  1906  ging  er  als  Student  der  deutschen  Literatur  und 
Geschichte  nach  Erlangen,  zwei  Jahre  spater  nach  StraBburg.  Zunachst  schob 
er  alle  Studiensorgen  beiseite  und  genoB  die  unvergangliche  Poesie  deutschen 
Studentenlebens,  erfuhr  an  sich  die  frohliche  und  doch  strenge  Schulung  des 
Waffenstudenten turns.  F.  besaB  eine  iiberschaumende  Jugendkraft,  eine  fast 
leidenschaftliche  Liebe  zur  Frohlichkeit.  Und  diese  Anlagen  tobte  er  in  diesen 
vier  Erlanger  Semestern  in  vollem  MaBe  aus.  Die  sittliche  Starke  seiner  Person- 


Flex 


65 


lichkeit  blieb  unangetastet.  Nie  vernahm  einer  aus  seinem  Munde  ein  zwei- 
<ieutiges  Wort.  So  bedeuteten  die  vier  Semester,  die  er  bei  der  Burschenschaft 
Bubenruthia-Erlangen  zubrachte,  fur  seinen  Werdegang  unendlich  viel.  Es  ist 
bezeichnend  fiir  F.,  daB  er,  der  mit  Schmissen  bedeckte  Couleurstudent,  spater 
der  Verkunder  des  Wandervogelideals  wurde.  Ihm  blieb  das  geniiBliche,  ge- 
dankenlos  hintorkelnde  Sauf-  und  Raufstudententum  fern.  Und  weil  er  in  der 
Burschenschaft  die  doppelte  Entwicklungsmoglichkeit  zu  reinem  Idealismus 
und  zu  couleurstudentischer  Straff heit  fand,  darum  fiihlte  er  sich  jenem  Kreis 
stets  innig  verbunden. 

In  StraBburg  wandte  er  sich  mit  frischem  Eifer  geistigem  Schaffen  zu.  Das 
Studium  wurde  gefordert,  im  philosophischen  Seminar  war  F.  bald  ein  ge- 
schatztes  Mitglied.  Er  bewies  in  diesen  Jahren  die  groBe  Schwungkraft  des 
geistigen  Schaffens,  die  er  bis  zuletzt  an  sich  hatte,  derart,  daB  er  auch  im  Felde 
unter  den  widrigsten  auBeren  Verhaltnissen  oft  wie  unter  hoherer  Eingebung 
seine  Dichtwerke  niederschrieb.  Bei  aller  notwendigen  Examenarbeit  verfaBte 
er  in  der  StraBburger  Zeit  eine  groBe  Zahl  von  Novellen,  die  er  in  der  » Roman- 
zeitung«  veroffentlichte.  Er  liebte  die  historische  Novelle  und  miihte  sich  um 
die  Gestaltung  vor  allem  » religios-psychologischer  Probleme,  in  eine  starke, 
reiche  Handlung  inkarniert,  in  einem  dieser  Handlung  adaquaten  sinnlich  wir- 
kenden  Sprachstil,  der  .  .  .  jeden  Satz  mit  dem  eigentiimlichen  Zeitgeist  durch- 
trankt«.  Conrad  Ferdinand  Meyer  war  ihm  Vorbild.  —  GewiB,  diese  literarische 
Arbeit  war  Gelegenheitsproduktion,  war  oft  leicht  hingeworfen.  Aber  er  kam 
vorwarts,  erkannte  immer  klarer  Weg  und  Ziel  seines  Schaffens. 

Er  straubte  sich  entschieden  gegen  den  vom  Vater  gewiinschten  »gesicherten 
Lebensberuf «  als  Lehrer.  Ihm  geniigte  es,  daB  er  1910  in  Erlangen  mit  einer 
Arbeit  »t)ber  die  Entwicklung  des  tragischen  Problems  in  den  deutschen 
Demetriusdramen  von  Schiller  bis  auf  die  Gegenwart«  den  Doktortitel  erwarb. 
—  Andererseits  hatte  er  ernste  Bedenken,  ob  er  sich  wohl  als  Schriftsteller 
werde  durchsetzen  konnen.  Ein  Drama  » Demetrius «  war  in  der  StraBburger 
Zeit  vollendet  worden  und  wurde  1909  im  Eisenacher  Stadttheater  aufgefiihrt. 
Die  Novelle  »Der  Schwarmgeistd,  —  ein  Gedichtband  »Im  Wechsel«  erschienen 
im  Buchhandel  und  fanden  auch  Anerkennung,  aber  doch  nicht  derart,  daB  er 
•darauf  sein  auBeres  Leben  griinden  konnte. 

So  suchte  er  Zeit  zur  Entwicklung  und  zum  Schaffen,  ohne  dem  Vater  weiter 
auf  der  Tasche  zu  liegen.  Er  wurde  Hauslehrer  in  adligen  Hausern:  zunachst 
Erzieher  des  jungen  Graf  en  v.  Bismarck  in  Varzin,  mit  dem  er  auch  spater 
freundschaftlich  verbunden  blieb.  Dann  berief  ihn  die  Fiirstin  Bismarck  nach 
Friedrichsruh.  Dort  unterrichtete  er  Gottfried  und  Wilhelm  v.  Bismarck  und 
half  bei  der  Ordnung  des  Familienarchivs.  —  Von  dort  ging  er  als  Hauslehrer 
zu  dem  Freiherrn  v.  Leesen  nach  Retschke  in  der  Provinz  Posen,  wo  ihm  warme, 
herzliche  Teilnahme  fiir  sein  dichterisches  Schaffen  entgegengebracht  wurde. 
Von  1910  bis  1914  wahrte  diese  Tatigkeit,  und  er  fand  dadurch  die  ersehnte 
MuBe  und  reiche  stoffliche  Anregung  fiir  manches  Werk.  Erzahlende  und  dra- 
matische  Dichtungen  entstanden  in  rascher  Folge.  Die  Beschaftigung  mit  der 
Geschichte  des  Hauses  Bismarck  regte  ihn  zu  dem  Novellenband  »Zwolf  Bis- 
marcks«  und  zu  der  Tragodie  »  Klaus  v.  Bismarck «  (Erstauffiihrung  1913  in 
Koburg)  an.  Er  griff  auch  auf  Stoffe  der  friihen  deutschen  Geschichte  zuriick 
wie  in  seinem  » deutschen  Konigsdrama  IyOthar«. 
dbj  5 


66  *  1917 

Es  lohnt,  dieses  Vorkriegswerk  des  Dichters  naher  zu  betrachten.  Alle  diese 
Dichtungen  bekunden  es,  daB  F.  nicht  erst  durch  den  Krieg  die  bestimmende 
Richtung  seines  Wesens  erhielt.  —  Seine  Dichtung  stand  im  Gegensatz  zu  alien 
asthetisierenden,  experimentierenden,  oft  international  gerichteten  Kunst- 
richtungen  der  Vorkriegszeit.  Dem  Begriff  »Vaterland«  suchte  er  neuen  Inhalt 
zu  geben,  die  Zerrissenheit  und  soziale  Not  der  Zeit  beschaftigte  ihn  immer  ein- 
dringlicher.  Die  Iyiebe  fur  groBe  Personlichkeiten,  fiir  Manner,  die  sich  selbst 
treu  bleiben  wie  die  Bismarcks,  deren  trotzige  Fiihrerkraft  ihn  begeisterte,. 
klingt  aus  den  Werken  jener  Jahre  heraus.  So  wird  der  verschiedenartige  Stoff^ 
dessen  Gestaltung  der  junge  Dichter  von  allem  Rohen  und  HaBlichen  fernhalt, 
zum  Trager  eines  menschlich  und  kunstlerisch  hohen  Willens.  Immer  bewuBter, 
immer  klarer  findet  er  schon  in  diesen  Jaliren  die  Formulierung  seiner  kiinst- 
lerischen  Absichten.  Im  Begleitwort  zu  »Lothar«  legt  er  seine  tragische  Theorie 
dar,  indem  er  die  Gedanken  seiner  Dissertation  ausfiihrt.  Seine  Theorie  hat 
deutliche  Beziehungen  zu  Hebbel.  Bezeichnend  fiir  F.  ist  aber,  daJ3  ihm  das 
Wesen  des  Tragischen  vor  allem  darin  zu  liegen  scheint,  daB  ein  GroBer  den 
Zusammenhang  mit  seinem  Volk  verliert.  Das  kann  geschehen,  indem  er  durch 
eigene  Schuld  sich  dieser  Verbindung  beraubt,  oder  indem  sie  ihm  zerschnitten 
wird.  Der  Dichter  sagt  selbst:  »tragisch  endet,  wer  sich  selbst  entwurzelt,  vom 
Du  gelost  wird  oder  sich  von  ihm  lost,  wer  das  Ziel  auch  des  Einzelnen  ver- 
kennt,  die  Gesellschaft. «  Das  Bezeichnende  an  dieser  Theorie  ist  die  Selbst- 
verstandlichkeit,  mit  der  F.  voraussetzt,  daB  der  einzelne  seine  hochsten  Auf- 
gaben,  den  eigentlichen  Sinn  seines  Lebens,  nur  erfiillen  kann  in  der  tiefsten 
Verbundenheit  mit  seinem  Volk.  —  Das  Vaterland  war  ihm,  wie  er  ebenso  klar 
ausfiihrt,  nie  etwas  anderes  als  die  Gesamtheit  aller  Volksgenossen.  So  wurde 
ihm  der  Gedanke  der  sozialen  Versohnung,  mit  dem  er  sich  immer  wieder  be- 
schaftigte, zum  Problem,  um  dessen  Losung  er  rang.  Kurz  vor  dem  Kriege 
plante  er  einen  Roman,  der  die  Welt  des  deutschen  Arbeiters  darstellen  sollte. 

Walter  F.  war  wahrlich  auf  den  Krieg  vorbereitet.  Ihm  war  es  langst  be- 
wuBte  Erkenntnis,  daB  der  einzelne  nichts,  daB  das  Volk  alles  bedeutete.  In 
einer  Zeit  satter  Zufriedenheit  sah  er  die  Not  der  Armen,  Bedriickten —  be- 
geisterte sich  in  seinen  Werken  fiir  das  Beispiel  des  Fiihrers,  der  Personlichkeit. 
Und  bei  all  dieser  freien,  stolzen  Entwicklung  hatte  er  sich  ein  kindliches,  reines 
Herz  bewahrt,  das  empfanglich  blieb  fiir  die  Schonheit  der  Natur,  fiir  echtes 
Menschentum,  wo  immer  es  ihm  entgegentrat. 

Da  kam  der  Krieg!  —  Fiir  F.  bedeutete  der  Ruf  zur  Verteidigung  des  Vater- 
landes  den  ersehnten  Zwang,  das  zu  verwirklichen  und  vorzuleben,  was  er  ge- 
lehrt  hatte:  den  unbeugsamen  Idealismus.  Allzusehr  wirkt  heute  die  nieder- 
ziehende,  triibe  Erinnerung  an  die  letzten  Kriegsjahre  in  uns  nach.  Da  sollten 
wir  uns  recht  oft  an  den  August  1914  erinnern,  den  F.  »eine  Flutmarke  Gottes* 
nannte,  »die  die  Nachgeborenen  des  eigenen  und  der  fremden  Volker  iiber  sich 
sehen  werden  an  den  Ufern,  an  denen  sie  vorwartsschreiten«.  F.  blieb  dem 
August  1914  treu  bis  zuletzt.  Im  Oktober  1917,  in  einem  seiner  letzten  Briefe, 
schrieb  er:  »Ich  bin  heute  innerUch  so  kriegsfreiwillig  wie  am  ersten  Tag.  Ich 
bin's  und  war  es  nicht,  wie  viele  meinen,  aus  nationalem,  sondern  aus  sittlichem 
Fanatismus.  Was  ich  von  der  Ewigkeit  des  deutschen  Volkes  und  von  der  welt- 
erlosenden  Sendung  des  Deutschtums  geschrieben  habe,  hat  nichts  mit  natio- 
nalem Egoismus  zu  tun,  sondern  ist  ein  sittlicher  Glaube,  der  sich  selbst  in  der 


Flex  67 

Niederlage  oder  .  .  .  im  Heldentode  eines  Volkes  verwirklichen  kann.«  So  ging 
Walter  F.  in  unerschuttertem  Idealismus,  in  festem  Glauben  an  sein  Volk  seinen 
Weg  bis  zuletzt. 

Der  Siebenundzwanzigjahrige,  der  bisher  wegen  einer  Sehnenschwache  der 
rechten  Hand  nicht  gedient  hatte,  trat  als  Kriegsfreiwilliger  bei  dem  Inf  .-Reg.50 
in  Rawitsch  ein.  Bald  kam  er  ins  Feld  und  nahm  am  Stellungskrieg  in  den  Ar- 
gonnen  teil.  Von  den  Strapazen  des  Winterfeldzuges,  den  er  als  Musketier  mit- 
machte,  blieb  ihm  nichts  erspart.  Mit  Eifer  nahm  er  an  alien,  auch  an  den 
niedrigsten  Arbeiten  teil.  Kriegsgedichte  und  das  Buchlein  »  Vom  groBen  Abend- 
mahl«  machten  seinen  Namen  bekannt.  Im  Vorfriihling  des  Jahres  1915  wurde 
er  mit  mehreren  Kameraden  nach  dem  Warthelager  bei  Posen  kommandiert, 
wo  er  zum  Offizier  ausgebildet  wurde.  Er  trat  als  Leutnant  in  das  Inf  .-Reg.  138 
ein,  nahm  an  der  Eroberung  Wilnas  teil  und  machte  die  Kampfe  bei  Postawy 
und  am  Narotschsee  mit. 

Hart  packte  ihn  der  Ernst  des  Krieges.  Sein  geliebter  j lingerer  Bruder  war 
gleich  zu  Beginn  des  Krieges  gefallen.  Im  August  1915  verlor  er  den  Freund, 
den  Wandervogel  Ernst  Wurche,  den  er  aus  dem  Kreise  der  Kameraden  zu 
reinster  geistiger  Gemeinschaft  gewann.  1916  erschien  das  Buch,  das  vor  alien 
anderen  seinen  Namen  weitertragen  und  verklaren  wird:  »Der  Wanderer 
zwischen  beiden  Welten«,  das  Buch,  das  nichts  ist  als  ein  wirkliches  Kriegs- 
erlebnis,  das  schlicht  und  innig  von  seiner  Freundschaft  mit  Ernst  Wurche  er- 
zahlt.  Aber  was  F.  da  erstehen  lieB,  war  das  Bild  der  neuen  Jugend,  das  Wider- 
hall  findet  iiberall  da,  wo  die  Sehnsucht  lebt  nach  Erlosung  aus  dem  Schmutz 
der  Zeit,  aus  Geld-  und  Sinnengier.  Der  singende  Wandervogel  —  der  Theologe, 
der  das  Neue  Testament,  Nietzsches  Zarathustra  und  Goethe  mit  gleichef  Liebe 
bei  sich  fiihrt,  der  deutsche  Jiingling,  der  im  Geistigen  sich  ebenso  rein  badet 
wie  in  Strom,  Sonne  und  Wolke,  wurde  das  Ideal  einer  neuen  Jugend.  »Rein 
bleiben  und  reif  werden  «,  das  ist  die  Forderung,  die  aus  diesem  Buchlein  in  viele, 
viele  Herzen  dringt. 

Zuletzt  war  Walter  F.  von  dem  Plane  erfiillt,  die  Geschichte  eines  Kriegs- 
freiwilligen  zu  schaffen,  das  Buch  seines  eigenen  Ich  zu  schreiben.  Nur  zwei 
Kapitel  sind  von  diesem  Werk  »Wolf  Eschenlohr«  vollendet.  Auf  hoherer  Stufe 
sollte  diese  Dichtung  darstellen,  was  F.  von  der  Menschheit  forderte:  ein  neues 
Verhaltnis  der  deutschenMenschen  zueinander  durch  Versohnung  der  Schichten, 
ein  neues  Verhaltnis  aber  auch  zum  t)berirdischen.  Die  harte  Wirklichkeit  mit 
ihren  unerbittlichen  Pflichten  lieB  nicht  zu,  daJ3  dieses  Werk  ausreifte.  F.  war 
Feldsoldat  und  wollte  nichts  anderes  sein.  Aber  er  empfand  mehr  als  ein  an- 
derer  die  Qual,  nicht  gestalten  zu  konnen,  was  in  ihm  zur  Niederschrift  drangte. 
»Ich  beklage  mich  gewiB  nicht, «  schreibt  er  einmal  im  Marz  1917  aus  dem 
Felde,  »und  eine  Anfrage,  ob  ich  ins  Presseamt  eintreten  wolle,  habe  ich  kiirz- 
lich  abgelehnt,  weil  ich  fiihlte,  daB  ich  in  die  Front  gehore. «  Aber  er  fahrt  auch 
traurig  fort:  »Ein  paar  ruhige  Wochen,  und  der  Wolf  Eschenlohr  ware  ge- 
schrieben.  a 

Sein  Wunsch,  an  den  Kampfen  im  Westen  teilzunehmen,  blieb  unerfullt. 
Statt  dessen  wurde  er  Anfang  Juli  1917  nach  Berlin  berufen,  um  in  einer  volks- 
tumlichen  Abhandlung  (Der  GroBe  Krieg  in  Einzeldarstellungen)  im  Auftrage 
des  GroBen  Generalstabes  die  russische  Fruhjahrsoffensive  1916  darzustellen. 
Die  wenigen  Wochen  scharfster  Arbeit  gaben  ihm  dennoch  MuBe,  ein  Kapitel 


68  1917 

des  »Eschenlohr«  niederzuschreiben.  Anfang  August  war  er  wieder  bei  seinem 
Regiment.  Er  machte  den  Ubergang  iiber  die  Diina  und  die  Eroberung  von 
Riga  mit.  Wie  froh  war  er,  wieder  dabei  sein  zu  diirfen!  Voller  Kampffreude 
nahm  er  an  dem  Unternehmen  gegen  Oesel  teil.  Als  er  beim  Vormarsch  zu 
Pferde  gegen  die  Russen  anstiirmte,  traf  ihn  am  15.  Oktober  die  todliche  Kugel 
aus  einer  Russenschar,  die  gleich  darauf  sich  gefangen  geben  muBte.  Innere 
Organe  im  Unterleib  waren  zerrissen,  und  eine  Operation  war  aussichtslos.  Der 
todlich  Verwundete  f ragte  vor  allem  nach  dem  Stand  des  Gefechts,  diktierte  eine 
beruhigende  Karte  an  die  Eltern  und  sandte  seinem  Regiment  GriiBe.  Am 
Nachmittag  des  16.  Oktober  1917  starb  Walter  F.  Auf  dem  Dorffriedhof  von 
Peude  auf  Oesel  liegt  er  bestattet. 

In  seiner  Kartentasche  fanden  sich,  von  dem  GeschoB  durchldchert,  die 
Blatter  des  zweiten  Kapitels  des  »Eschenlohr«.  Aus  den  Entwtirfen,  die  mit 
dieser  Niederschrift  zusammen  gefunden  wurden,  geht  hervor,  wie  sieghaft  und 
kraftvoll  der  Dichter  in  diesem  seinem  letzten  Werk  um  die  ewigen  Fragen  der 
Menschheit  rang.  Der  Tod  traf  ihn  als  einen  Geweihten.  Er  hatte  uberwunden 
und  iiber  Verzagtheit  gesiegt.  Hoch  iiber  irdische  Schwachheit  erhebt  er  sich, 
wenn  er  die  Uberzeugung  ausspricht,  daB  wir  von  Gott  keine  Durchbrechung 
der  Kausalitatsgesetze  erwarten  und  erbitten  diirfen.  »Nicht  um  die  Pfennige 
in  Gottes  Hand  sollen  wir  beten,  sondern  um  die  Hand  selbst,  und  die  gottliche 
Giite  auch  da  noch  verehren,  wo  das  zerstorende  Schicksal  unser  irdisches 
Dasein  zermalmt.« 

So  wurde  Walter  F.  das  hohe  Gliick  zuteil,  mit  seinem  Tode  seine  Worte  zu 
besiegeln,  so  wurde  dem  deutschen  Volke  ein  Fiihrer  entrissen,  den  es  heute 
mehr  als  je  brauchte. 

Es  ist  miiBig,  kritisch  festzustellen,  daB  manches  in  den  Werken  des  Dich- 
ters,  der  als  DreiBigjahriger  aufhoren  muBte  zu  schaffen,  noch  gedanklich  kon- 
struiert,  zu  grell,  zu  wenig  abgerundet  ist.  Die  deutsche  Jugend  hat  seine  Dich- 
tung  angenommen  als  ein  heiliges  Vermachtnis.  Der  Mensch  Walter  F.  und  sein 
Werk  sind  eins.  Durch  seine  Lieder  und  durch  sein  Leben  wird  er  weiterwirken 
als  der  deutsche  Kriegsfreiwillige,  der  die  heilige  Flamme  der  Augusttage  des 
Jahres  1914  als  unantastbares  Heiligtum  rein  durch  die  Bluttage  getragen  hat, 
der  sittliche  Forderungen  nicht  nur  aufstellte,  sondern  sie  auch  erfiillte. 

In  den  Notizen  zu  »Wolf  Eschenlohr«  findet  sich  das  Wort:  »Die  Sieger 
werden  unter  den  Toten  sein!«  Ein  solcher  Sieger  war  Walter  Flex! 

Iviteratur:  Gesammelte  Werke  von  Walter  F.,  2  Bande,  Miinchen  (1926).  Nicht  in 
dieser  Ausgabe  enthalten:  »Der  Schwarcngeist«,  Erzahlung;  oZwolf  Bismarcks«,-Novellen, 
beide  Berlin;  »Sonne  und  Schild«,  Gedichte,  Braunschweig;  » Klaus  von  Bismarck*,  Er- 
zahlung, Stuttgart;  »Die  Bauernfiihrer«,  drainatische  Skizze,  Berlin;  »Die  evangelische 
P^rauenre  volte  in  L,6wenberg«,  ein  lustiges  Spiel,  Eisenach.  —  Brief e  von  Walter  Flex, 
herausgegeben  von  Eggers-Windegg,  Miinchen  1927.  —  Fur  biographische  Angaben  und 
Grundsatzliches  zur  Dichtung  und  Weltanschauung:  Einleitung  von  Dr.  Konrad  Flex. 
Gesammelte  Werke  Bd.  1.  —  Personlichkeit  und  Werk  wurden  in  mehreren  Aufsatzen 
in  den  » Burschenschaf tlichen  Blattern«,  Heft  7,  S.  H.  1926,  40.  Jahrg.  dargestellt,  und 
zwar  von:  Hans  Herding,  Frau  Fine  Hiils,  Dr.  Schunk,  Dr.  Menn.  —  Der  gesamte  Nach- 
laB  befindet  sich  in  den  Handen  des  Bruders  Dr.  Konrad  Flex  (Anschrift  durch  Becksche 
Verlagsbuchhandlung  Miinchen) . 

Danzig-Langfuhr,  Walter  Millack. 


Flex.  Freeh  69 

Freeh,  Fritz,  Geh.  Bergrat,  ord.  Professor  der  Geologie  und  Palaontologie  an 
der  Friedrich-Wilhelms-Universitat  und  Technischen  Hochschule  Breslau,  *  am 
16.  Marz  1861  in  Berlin,  f  am  28.  November  1917  in  Aleppo.  —  Das  Werk: 
Das  Kennen  der  Dinge  und  das  Wissen  um  die  Dinge  sind  zwei  Ziele  der  Natur- 
forschung.  Fur  das  erste  sind  die  Dinge  nur  ein  Objekt  der  Beschreibung,  fur 
das  zweite  sind  sie  mehr  —  ein  Symbol,  ein  Ausdruck  der  iiberpersonlichen 
Wirklichkeit.  Das  Kennen  der  Dinge  ist  zwar  die  erste  unbedingte  Voraus- 
setzung  der  Forschung,  aber,  letzten  Endes,  nur  ein  Ergebnis  von  FleiB  und 
Gedachtnis,  nur  das  handwerksmaBige  Material,  aus  dem  der  Meister  seinen 
Dom  errichtet.  Das  Wissen  um  die  Dinge  aber  ist  eine  Gottesgabe  und  ein  Aus- 
druck der  Naturverbundenheit ;  es  ist  eine  hohere  Stufe,  auf  der  die  Natur- 
wissenschaft  zur  Weltanschauung  wird.  Wer  den  Seherblick  hat,  zu  erkennen 
*wie  alles  sich  zum  Ganzen  webt«,  der  wird  den  Meistern  zugerechnet. 

Freilich,  wie  jedes  Bauwerk  vom  anderen  verschieden  ist,  so  wird  auch  jedes 
Weltbild  seine  individuellen  Ziige  tragen.  Diese  mogen  uns  zum  Teil  fremd,  ja 
sogar  falsch  erscheinen,  da  ja  kein  irdischer  Blick  die  ganze  Wirklichkeit  um- 
fassen  kann;  aber  dankbar  nennen  wir  die  Namen  derer,  die  uns  wenigstens 
einen  Teil  der  verborgenen  GesetzmaBigkeit  offenbaren  durften. 

Fritz  F.  gehorte  zweifellos  zu  diesen  Naturen  grofien  Formats,  welche  durch 
amfassende  Kenntnis  zu  einem  Wissen  vorgedrungen  waren,  welches  die  Dinge 
nicht  nur  klassifiziert,  sondern  in  ihrer  gegenseitigen  Bezogenheit  erkennt  und 
zum  Baue  eines  Weltbildes  verwendet.  Bedeutsam  ist  in  dieser  Hinsicht  sein 
Werdegang:  er  wurzelte  in  der  exakten  palaontologisch-stratigraphischen 
Schule  Beyrichs  und  wuchs  in  einer  Zeit  auf,  die  —  damals  mit  vollem  Recht  — 
in  der  Vermehrung  der  empirischen  Kenntnisse  das  Hauptziel  der  Wissenschaft 
sah.  Aber  schon  an  seinen  ersten  Arbeiten  merkt  man,  daB  er  in  dem  von  ihm 
beschriebenen  Fossilien  mehr  sieht,  als  bloBe  Objekte  der  Rubrizierung,  daB 
sie  ihm  Probleme  bedeuten,  die  iiber  eine  bloBe  Photographie  der  Wirklichkeit 
hinausgehen.  Zwei  Problemgruppen  birgt  das  Steingeriist  der  Fossilien:  die 
biologischen  Fragen,  d.  h.  die  Zoologie  der  Vorzeit  und  der  entwicklungs- 
geschichtliche  Zusammenhang  von  einst  und  jetzt,  und  die  geologischen  Fragen 
—  die  Geschichte  der  Erde  und  die  GesetzmaBigkeit  ihres  Werdens,  aus  dem 
L,eben  der  Vergangenheit  rekonstruiert.  Beide  Wege  hat  F.  beschritten,  viel- 
f  ach  als  Neuerer  und  Bahnbrecher  und  die  palaontologische  Basis  seines  Lebens- 
werkes  leuchtet  wie  ein  roter  Faden  durch  alle  seine,  spater  so  mannigfaltigen, 
Arbeiten  hindurch. 

Auffallend  klar  ist  die  Entwicklung  und  Erweiterung  seines  Arbeitsgebietes. 
Von  den  palaonzoischen  (devonischen)  Korallen  Deutschlands  ging  er  aus  und 
ist  dann  zu  der  Untersuchung  anderer  Korallenfaunen  geschritten.  (*)  Diese 
Arbeiten  bestimmten  schon  die  beiden  wichtigsten  Problemstellungen  seines 
Wirkens :  Biologie  und  Entwicklungsgeschichte  fossil  wichtiger  Tierstamme  an 
entscheidenden  Stellen  ihres  Werdens,  insbesondere  an  der  Grenze  der  Alt- 
und  Neuzeit  der  Erde,  und  die  Geschichte  der  Erde  selbst  in  diesen  Zeiten.  Das 
Palaozoikum,  seine  Tiergemeinschaften,  seine  Geographie,  sind  die  Fragen, 
denen  nun  viele  Jahre  seine  bedeutsamsten  Arbeiten  gelten.  Fast  stets  geht 
dabei  die  Untersuchung  von  gewissen,  sorgfaltig  aufgesammelten  Tiergruppen 
aus,  und  die  Kenntnis  des  Lebens  wird  zur  Kenntnis  der  Umwelt  erweitert.  (a) 
Dabei  zieht  die  Untersuchung  immer  weitere  Kreise.  Vom  Devon  Deutschlands 


70  1917 

geht  er  zum  Palaozoikum  Siidfrankreichs  iiber,  dann  zu  den  Karnischen  Alpen, 
die  fiir  lange  sein  Arbeitsgebiet  bleiben,  schliefilich  zu  den  eigenartigen  permo- 
karbonischen  Faunen  Armeniens.  (3) 

Eine  glanzende  Zusammenfassung  fand  diese  Arbeitsperiode  in  der  Lethaea 
geognostica  (1897 — 1902),  einem  von  Roemer  begonnenen  (1880),  von  F.  fiir  das 
Palaozoikum  abgeschlossenem  Werke,  an  dessen  anderen  Teilen  (Trias,  Quar- 
ter) er  auch  mitgearbeitet  hat.  Das  Buch  war  wohl  zuerst  als  Handbuch  der 
Stratigraphie  gedacht,  aber  F.  hat  ihm  erst  den  Odem  eingeblasen,  indem  er  es 
zu  einer  einzig  dastehenden  Synthese  unserer  Kenntnisse  von  der  Lebewelt  und 
Geographie  der  Altzeit  der  Erde  erweiterte.  Fiir  die  biologischen  Resultate 
seiner  Arbeiten  fehlt  eine  ahnliche  Zusammenfassung;  aber  solche  sind  fast  in 
alien  seinen  Spezialarbeiten  enthalten,  und  daneben  veroffentlichte  er  kleinere 
Aufsatze,  welche  einzelne  palaobiologische  Probleme  in  oft  iiberraschender 
Weise  klaren.  (4)  Diese  Klarung,  stets  origineller  Art,  ergibt  sich  meist  von  selbst 
aus  der  Betrachtungsmethode,  den  Stempel  des  »gesunden  Menschenverstandesd 
tragend  —  ein  Lob,  welches  man  durchaus  nicht  alien  wissenschaftlichen 
Spekulationen  zollen  kann! 

Wenn  auch  die  Methode  der  F.schen  Arbeit  eigentlich  bis  zuletzt  die  gleiche 
blieb —  sein  191 1  erschienenes  Werk  iiber  China  in  Richthofens  fiinfbandiger 
Monographic  mit  wertvollen  Beitragen  zur  alten  Lebewelt  Ostasiens  ist  ein 
Beweis  dafiir  — ,  so  lafit  sich  doch  allmahlich  eine  Verschiebung  des  Schwer- 
punktes  der  Forschung  erkennen.  Diese  kann  man  indessen  leicht  logisch  be- 
gninden.  Das  Studium  der  Faunen  mufite  zu  der  Frage  nach  den  Ursachen  ihrer 
Wandlung  f iihren ;  von  hier  richtet  sich  der  Blick  auf  die  Zeiten  dieser  Wand- 
lung  —  die  Revolutionen  der  Erde  oder  die  Perioden  der  Gebirgsbildung. 
Schon  die  erwahnte  Lethaea  bringt  wertvolle  Beitrage  dazu.  Mehr  auBerlich 
wurde  diese  Umstellung  durch  die  Arbeit  in  den  Ostalpen  unterstiitzt,  denen 
F.  auch  als  begeisterter  Alpinist  ein  besonderes  Interesse  entgegenbrachte.  Da- 
mit  wurde  seine  Tatigkeit  durch  einen  ganz  neuen  Gedankenkomplex  be- 
reichert.  Neben  den  Karnischen  Alpen,  deren  alte  Gebirgsbildung  zu  einem 
Vergleich  mit  Mitteleuropa  herausforderte,  muBte  ihn  hier  die  junge  Gebirgs- 
bildung des  alpinen  Hauptzuges  fesseln.  (5)  Als  Basis  diente  ihm  auch  hier  wieder 
das  palaontologische  Studium  der  in  den  Ostalpen  so  eindrucksvoll  entwickelten 
Triasformation,  zu  der  ihn  ja  schon  seine  Korallenstudien  gefuhrt  hatten.  Auch 
eine  synthetische  Zusammenfassung  iiber  den  Bau  der  Alpen  hat  er  gegeben, 
und  ich  mochte  betonen,  daB  diese,  trotz  unserer  heute  ungeheuer  vermehrten 
Kenntnisse,  sich  durch  ihre  ruhig  abwagende  Kritik  vorteilhaft  von  einigen 
Auswiichsen  moderner  Phantasie  unterscheidet.  F.  war  eben,  schon  dank  seiner 
exakten  palaontologischen  Schulung,  niemals  »reiner  Tektoniker«,  sondern 
suchte  stets  in  der  historischen  Rekonstruktion  einen  Anker,  den  eine  rein 
mechanische  Betrachtung  nie  geben  kann. 

Vom  palaontologisch-stratigraphischen  Fragenkomplex  ausgehend,  gelangte 
F.  zu  den  Alpen ;  von  hier  fuhrte  ihn  die  junge  Tektonik  und  das  Studium  der 
Trias  weiter  nach  Stidosten  —  nach  dem  Balkan,  nach  Griechenland  und  Klein  - 
asien.  Auch  hier  blieb  seine  Basis  faunistisch-stratigraphisch,  wenn  er  auch 
sein  Hauptaugenmerk  auf  die  Klarung  des  Gebirgsbaus,  insbesondere  der  euro- 
paisch-asiatischen  Beziehungen  richtete.  (6)  Diesen  weitausgreifenden  Arbeiten 
seiner  letzten  Lebensjahre  war  ein  AbschluB  nicht  mehr  beschieden! 


Freeh  7 1 

Wenn  die  allgemeine  Linie:  von  der  Fauna  zur  Schichtenfolge,  von  dieser 
zum  Gebirgsbau  —  eigentlich  in  alien  Arbeiten  F.s  klar  hervortritt,  so  darf  doch 
nicht  iibersehen  werden,  daB  ein  anderes  »historisches«  Problem  ihm  minde- 
stens  ebenso  nahe  am  Herzen  lag  —  die  Palaogeographie  und  insbesondere  das 
Klima  der  Vorzeit.  Auch  hier,  wo  er  zum  Teil  bahnbrechend  wirkte,  schafften 
Spezialstudien  im  jiingeren  Palaozoikum  (Karbon,  Perm)  die  Basis.  Charakte- 
ristisch  fiir  seinen  weitblickenden  Geist  ist  der  groBziigige  Versuch,  zwischen 
Stratigraphie,  Gebirgsbau  und  Klima  eine  Briicke  zu  schlagen,  und  zwar  auf 
der  Grundlage  der  von  ihm  geologisch  ausgebauten  Kohlensauretheorie  von 
Svante  Arrhenius.  Vermehrte  Vulkanausbriiche  steigern  den  Kohlensaure- 
gehalt  der  Luft;  die  Kohlensaure  absorbiert  die  Sonnenstrahlen ;  dadurch 
wachst  die  mittlere  Temperatur  und  wird  ein  iippiger  Pflanzenwuchs  be- 
giinstigt.  Dieser  wieder  bindet,  neben  einigen  Gesteinen  des  Meeres,  den  Uber- 
schuB  an  Kohlensaure  und  die  Temperaturen  sinken  wieder,  letzten  Endes  bis 
zu  einer  Eiszeit,  wenn  nicht  neue  vulkanische  Tatigkeit  den  ProzeB  neu  ent- 
facht.  So  baut  F.  einen  groBziigigen  Rhythmus  des  Erdgeschehens  auf,  der  in 
dem  inneren  Kraftehaushalt  der  Erde  wurzelt,  und  alles  —  Klima,  Leben, 
geographische  Gestaltung — reguliert. 

Diese  geniale  Theorie  ist,  trotz  manchen  Widerspruches,  kaum  restlos  zu 
widerlegen  und  hat  jedenfalls  ungemein  befruchtend  auf  die  Forschung  ge- 
wirkt,  wenn  man  auch  in  bezug  auf  einige  Einzelheiten  Vorbehalte  machen 
muB.  (7) 

Mit  den  aufgezeichneten  Arbeiten  hangt  auch  eine  andere  Forschungsrich- 
tung  eng  zusammen,  die  er  besonders  in  den  letzten  Jahren  seines  Lebens  ein- 
geschlagen  hat —  die  Wirtschaftsgeologie.  Auch  hier  wurde  der  AnstoB  durch 
das  Studium  des  Jungpalaozoikums  gegeben,  welches  ihn  auf  den  wichtigsten 
Bodenschatz  dieser  Zeit  —  die  Kohle  —  hinwies.  Auch  die  Heimatkunde 
Schlesiens  fuhrte  ihn  zu  dem  gleichen  Problem,  dessen  Studium  in  einer  In- 
ventarisierung  der  deutschen  Steinkohlenfelder  einen  Niederschlag  fand ;  aber 
schon  in  dem  erwahnten  Chinawerk  wird  das  wirtschaftsgeologische  Motiv 
kraftig  angeschlagen.(8)  Nach  Ausbruch  des  Krieges  war  auch  der  auBere  AnstoB 
gegeben,  um  diese  Arbeitsrichtung  weiter  auszubauen,  und  es  entstanden  eine 
Fiille  von  Arbeiten,  welche  teils  allgemein  die  wirtschaftliche  Bedeutung  der 
wichtigsten  Bodenschatze  erlautern,  teils  die  einzelnen  Kriegsschauplatze,  be- 
sonders den  F.  so  vertrauten  Siidosten,  vom  Standpunkt  ihrer  Bedeutung  fiir 
die  deutsche  Rohstoffversorgung  behandeln.  Im  Dienste  seines  heiBgeliebten 
Vaterlandes  geschaffen,  von  reifem  Wissen  und  klarem  Allgemeinblick  ge- 
tragen,  bergen  diese  Arbeiten  manchen  wertvollen  Gedanken;  es  ist  eine  iiber- 
personliche  Tragik,  daB  sie  durch  den  ungliicklichen  Ausgang  des  Krieges  nicht 
die  Auswirkung  erhalten  durften,  die  ihnen  zugedacht  war! 

Ich  habe  im  Vorhergehenden  versucht,  die  Leitlinien  aufzuzeigen,  welche  F.s 
Lebenswerk  bestimmen.  DaB  durch  diese  Hauptarbeiten  auch  zahlreiche  Er- 
kenntnisse  gewonnen  wurden,  die  auf  andere  Gebiete  der  Geologie  ubergreifen, 
sei  nur  kurz  erwahnt.  Die  Heimatkunde  Schlesiens,  schlesische  Bodenschatze 
und  Mineralquellen,  die  Gestaltung  der  Alpen,  Erdbebenkunde  und  Geologie 
der  Eiszeit  sind  einige  der  Gebiete,  auf  denen  F.  auch  Wertvolles  geleistet  hat. 
Auch  hier  zeigte  sich  seine  Fahigkeit,  hinter  dem  auBeren  Erscheinungsbilde 
die  Grundprobleme  und  tieferen  Zusammenhange  zu  sehen.  (9) 


72  1917 

AuBerordentlich  verdienstvoll  ist  ferner  F.s  organisatorische  Tatigkeit  ge- 
wesen,  als  deren  Frucht  vor  allem  der  von  ihm  ins  Leben  gerufene  Fossilium 
Catalogus  zu  nennen  ist,  ein  Verzeichnis  aller  bekannten  Fossilien ;  die  Arbeit 
wurde  natiirlich  unter  viele  internationale  Mitarbeiter  verteilt ;  F.  hat  indessen 
neben  der  ungeheuren  Organisationsarbeit  auch  eigene  Beitrage  dazu  geliefert. 
Hier  sei  auch  seiner  Tatigkeit  als  Herausgeber  des  Neuen  Jahrbuchs  fur 
Mineralogie,  Geologic  und  Palaontologie  gedacht  (1912 — 1917),  an  dessen  Ent- 
wicklung  er  auch  durch  zahlreiche  Referate  auf  den  verschiedensten  Gebieten 
tatig  mitwirkte. 

Nicht  unerwahnt  soil  schlieBlich  bleiben,  daJ3  F.  die  Fahigkeit  hatte,  die  Er- 
gebnisse  seiner  und  fremder  Arbeit  in  gemeinverstandlichen  Schriften  auch 
einem  groBeren  Laienpublikum  zu  erlautern.  Fur  die  Verbreitung  des  allge- 
meinen  Interesses  an  unserer  Wissenschaft  hat  er  viel  gewirkt.  Zeugnis  davon 
geben  sechs  Bandchen  » Aus  der  Vorzeit  der  Erde«  (191 1 — 1917),  welche  durch 
ihre  klare  und  originelle  Fassung  einen  weiten  Leserkreis  gefunden  haben,  da- 
neben  zahlreiche  Aufsatze  iiber  allgemeinere  Fragen  der  Geologie  in  den  Natur- 
wissenschaften,  der  Umschau,  der  Zeitschrift  des  Deutsch-osterreichischen 
Alpenvereins  und  anderen  Zeitschriften. 

Das  Iyeben  :  Ich  habe  absichtlich  die  Schilderung  von  F.s  Lebenswerk 
an  den  Anfang  gestellt,  weil  hier,  wie  selten  sonst,  Werk  und  Mensch  or- 
ganisch  verbunden  sind,  und  dieser  zum  Teil  nur  aus  dem  Werk  verstandlich 
wird. 

Schon  in  fruher  Jugend  zeigte  F.,  der  Sohn  eines  hohen  preuBischen  Justiz- 
beamten,  eine  ausgesprochene  Liebe  zu  den  beschreibenden  Naturwissenschaften 
und  sammelte  schon  als  Gymnasiast  zoologische  und  palaontologische  Objekte. 
Nach  Beendigung  des  Berliner  Wilhelms-Gymnasiums  (1880)  studierte  er  in 
Berlin,  wo  Beyrich  und  Dames  seine  Lehrer  waren  und  auf  die  Entwicklung 
seiner  spezifisch  palaontologisch-stratigraphischen  Einstellung  entscheidend 
eingewirkt  haben.  Neben  diesen  beiden  hat  dann  vor  allem  Ferdinand  v.  Richt- 
hofen,  der  ihm  auBerlich  und  innerlich  ahnlich  war,  einen  groBen  EinfluB  auf 
ihn  ausgeiibt.  Richthofen  verdankt  er  wohl,  in  einem  gewissen  Gegensatz  zu  der 
Berliner  Geologenschule,  die  Scharfung  des  Blickes  fur  groBe  Zusammenhange 
und  allgemeine  Problemstellungen.  1885  promovierte  F.  mit  der  genannten 
Arbeit  iiber  oberdevonische  Korallen;  1886  unternahm  er  seine  erste  groBere 
Reise  nach  Siidfrankreich  zur  Erweiterung  seiner  palaozoischen  Basis;  1887 
habilitierteersich  in  Halle  mit  einer  Arbeit  iiber  das  Devon  vonHaiger  (Nassau). 
1891  erfolgte  seine  erste  Reise  nach  Nordamerika,  die  fiir  seine  innere  Ent- 
wicklung sehr  wdchtig  war.  1893  erhielt  er  den  Ruf  als  auBerordentlicher  Pro- 
fessor nach  Breslau.  Der  Lehrstuhl  des  1891  verstorbenen  F.  Romer  wurde  da- 
mals  geteilt,  aber  F.  iibernahm  das  eigentliche  Erbe  des  um  das  Palaozoikum 
Deutschlands  hochverdienten  Forschers,  dessen  berufenster  Nachf olger  er  schon 
durch  die  Fortsetzung  seines  Lebenswerkes —  der  Lethaea  paldozoica,  war.  In 
diese  Zeit  fallen  vor  allem  seine  Studien  in  den  Karnischen  Alpen. 

1894  vermahlte  er  sich  mit  Vera  Klopsch,  der  Tochter  eines  bekannten  Bres- 
lauer  Chirurgen ;  es  muB  an  dieser  Stelle  der  verstandnisvollen,  zum  Teil  aktiven 
Mitarbeit  gedacht  werden,  mit  der  seine  Gattin  23  Jahre  sein  Iyebenswerk  be- 
gleitete,  insbesondere  auch  als  treue  und  aufopfernde  Weggenossin  auf  seinen 
Reisen. 


Freeh  73 

1897  wurde  F.  zum  ordentlichen  Professor  in  Breslau  ernannt  und  iibernahm 
dann  auch  die  Professur  fur  Geologie  an  der  neugegriindeten  Technischen 
Hochschule  daselbst.  In  demselben  Jahre  erfolgte  die  fur  seine  spatere  Tatigkeit 
so  bestimmende  Reise  nach  Hocharmenien,  welche  an  den  internationalen 
KongreB  in  RuBland  anschloB. 

Seine  alpine  Tatigkeit  hat  alle  diese  Jahre  angedauert.  1906  besuchte  er  den 
internationalen  GeologenkongreB  in  Mexiko.  1907  erfolgte  die  erste  Reise  nach 
dem  Balkan  (Bosnien  und  Dalmatien),  die  fur  die  Arbeiten  seiner  letzten 
Lebensperiode  bestimmend  war.  Es  folgte  dann  1908  eine  Reise  nach  Nord- 
albanien,  Montenegro,  den  Ionischen  Inseln  und  Kykladen,  1909  eine  Reise 
nach  Anatolien,  1911  Forschungen  in  Attika  und  langs  der  Trace  der  Bagdad- 
bahn  von  Konstantinopel  zum  Euphrat.  1913  besuchte  er  den  Geologenkon- 
greB in  Kanada. 

Seine  groBen  Verdienste  um  die  Palaontologie  wurden  durch  Ernennung  zum 
Prasidenten  der  internationalen  Kommission  fiir  die  »  Paldontologia  universalis  «. 
und  durch  die  Wahl  zum  Vizeprasidenten  der  Palaontologischen  Gesellschaft 
gewiirdigt  (1912).  1913  wurden  ihm  derTitel  Geheimer  Bergrat  und  der  Rote- 
Adler-Orden  verliehen. 

Nach  Ausbruch  des  Krieges  war  es  sein  heiBester  Wunsch,  Gaben  und  Er- 
fahrung  in  den  ausschlieBlichen  Dienst  des  Vaterlandes  zu  stellen;  auf  seine 
Tatigkeit  in  dieser  Richtung  wurde  ja  schon  oben  hinge wiesen.  Im  August  1917 
folgte  er  dann  freudig  der  Ernennung  zum  leitenden  Geologen  beim  Armee- 
kommando  der  syrischen  Front.  Hier  entriB  ihn  schon  nach  zwei  Monaten  ein 
todlicher  Malariaanfall  der  ihn  so  besonders  begluckenden  vereinten  Tatigkeit 
fiir  Vaterland  und  Wissenschaft. 

Die  unbedingte  GroBziigigkeit,  welche  alle  seine  wissenschaftlichen  Arbeiten 
auszeichnet,  war  ihm  auch  als  Mensch  eigen.  Die  gerade  in  Angrifl  genommenen 
Probleme  erfiillten  ihn  vollkommen,  und  da  der  Glaube  an  die  tJberzeugungs- 
kraft  seiner  Ideen  und  das  Temperament  nicht  fehlten,  so  hatte  er  sich  auch 
manchen  Feind  gemacht  und  manche  Polemik  auszufechten.  Die  innere  Treue 
gegen  seine  Wissenschaft  und  seine  Freunde  hat  er  dabei  nie  verleugnet,  und 
eine  groBe  Herzensgiite  leuchtet  vor  allem  aus  dem  Verhaltnis  zu  seinen  Schu- 
lern,  fiir  die  er  sich  wissenschaftlich  und  menschlich  voll  einsetzte. 

So  erkennen  wir  noch  heute,  nach  10  Jahren,  den  Menschen  und  das  Werk 
als  Einheit,  —  auBerlich  mannigfaltig  und  auf  die  verschiedensten  Gebiete 
iibergreifend,  innerlich  logisch  aufgebaut  und  in  sich  so  geschlossen,  wie  das 
in  dem  zersplitterten  Wollen  und  Schaffen  unserer  Zeit  kaum  mehr  erreichbar 
ist.  Die  letzte  Synthese,  zu  der  er  wohl  befahigt  war,  hat  sein  friiher  Tod  ihm 
und  uns  versagt ;  der  ausgestreute  Samen  wird  aber  noch  lange  weiter  keimen ! 

I/iteratur:  (l)  Die  Korallenfauna  des  Oberdevon  in  Deutschland.  Zeitschr.  d.  Deutschen 
Geol.  Ges.  1885;  Die  Cyathophylliden  und  Zaphrentiden  des  deutschen  Mitteldevons, 
eingeleitet  durch  einen  Versuch  der  Gliederung  derselben,  Palaont.  Abhandl.  3,  1886; 
ttber  unterdevonische  Korallen  der  Karnischen  Alpen,  Zeitschr.  d.  Deutschen  Geol. 
Ges.  1895;  Die  Korallenfauna  der  Trias,  Palaontographica  1890,  37,  und  1896,  43; 
Palaozoische  Korallen  aus  China,  wissenschaftliche  Ergebnisse  der  Reise  des  Grafen 
Szecheny  in  Ostasien  1899.  —  (2)  Die  devonischen  Aviculiden  Deutschlands,  Abh.  PreuC. 
Geol.  Landesanstalt  1891 ;  t)ber  devonische  Ammoneen,  Beitr.  z.  Geol.  u.  Pal.  Osterreich- 
Ungarns  und  des  Orients,  1902,  14;  Neue  Cephalopoden  aus  den  Buchensteiner,  Wengener 
und  Raibler  Schichten  des  siidlichen  Bakony,  Result,  d.  wiss.  Erforschung  d.  Balaton- 


74  l^l7 

sees,  i,  1903 — 1904  usw.  Hier  ist  auch  die  w.ertvolle  Studie  iiber  Graptolithen  in  der 
Lethaea  pal&ozoica  zu  nennen.  —  (*)  Die  palaozoischen  Bildungen  von  Cabrieres,  Zeitschr. 
d.  Deutschen  Geol.  Ges.  1887,  89;  ttber  das  Devon  der  Ostalpen  I — III,  daselbst  1888, 
1 891,  1894;  Devon  und  Carbonfaunen  aus  Zentralasien,  Abh.  d.  Wiener  Akad.  1899; 
t)ber  das  Palaozoikum  in  Hocharmenien  und  Persien,  Beitr.  z.  Geol.  u.  Pal.  Osterreich- 
Ungarns  und  des  Orients,  1900,  12.  —  (4)  t)ber  das  Kalkgeriist  der  Tetrakorallen. 
Zeitschr.  d.  Deutschen  Geol.  Ges.  1885;  Explosive  Entwicklung  der  oberdevonischen 
Ammoneen,  daselbst,  1904;  t)ber  die  Griinde  des  Aussterbens  der  vorzeitlichen  Tierwelt, 
Arch,  f .  Rassen-  und  Ges.-Biologie,  1906;  Loses  und  geschlossenes  Gehause  der  tetra- 
branchiaten  Cephalopoden,  Centr.  f.  Miner.,  Geol.  u.  Palaont.  191 5.  —  (5)  Die  Tribulaun- 
gruppe  am  Brenner,  Richthofen-Festschrift,  1893  '>  Die  Karnischen  Alpen,  Abh.  d.  Naturf  .- 
Ges.  Halle,  18,  1894;  Geologie  der  Radstatter  Tauern,  geol.  u.  pal.  Abhandl.  1901;  Ge- 
birgsbau  der  Tiroler  Zentralalpen,  Wiss.  Erg.-Hefte  d.  D.  u.  Osterr.  Alpenvereins,  1905; 
t)ber  den  Gebirgsbau  der  Alpen,  Peterm.  Mitt.  1908.  —  (6)  Die  Hallstatter  Kalke  bei  Epi- 
dauros  und  ihre  Cephalopoden,  Neues  Jahrbuch  f.  Min.  usw.  1907;  Neue  Triasfunde  auf 
Hydra  und  in  der  Argolis,  daselbst,  Beil.-Bd.  XXV,  1908;  Sur  la  repartition  du  Trias 
&  faci&s  ocianique  en  Grice,  Compte  rendus  ac.  d.  Sciences,  Paris,  1906;  letztere  beiden  mit 
Renz;  Geol.  Forschungsreisen  in  Nordalbanien,  nebst  vergleichenden  Studien  iiber  den 
Gebirgsbau  Griechenlands,  Mitt.  d.  k.  k.  Geogr.  Ges.  Wien  1909;  t)ber  den  Gebirgsbau  des 
Tauros  in  seiner  Bedeutung  fur  die  Beziehungen  der  europaischen  und  asiatischen  Gebirge, 
Sitz.-Ber.  d.  Berliner  Akad.  1912;  Geologie  Kleinasiens  im  Bereiche  der  Bagdadbahn, 
Zeitschr.  d.  Deutschen  Geol.  Ges.  19 16.  —  (7)  Studien  iiber  das  Klima  der  geol.  Vergangen- 
heit,  Zeitschr.  d.  Berliner  Ges.  f.  Erdkunde,  1902,  1906;  t)ber  Klimaanderungen  in  der 
geolog.  Vergangenheit.Congr.  internat.  geol.  Mexiko,  1909.  —  (8)  In  welcher  Teufe  liegen  die 
Floze  der  inneren  niederschlesisch-bohmischen  Steinkohlenmulde  ?  Zeitschr.  f .  Berg-, 
Hiitten-  und  Salinenwesen  1909;  Deutschlands  Steinkohlenf elder  und  Steinkohlenvorrate, 
Stuttgart  1 91 2;  Die  Kohlenvorrate  der  Welt,  Finanz-  und  volkswirtschaftliche  Zeitfragen, 
H.  43,  191 7;  daneben  zahlreiche  kleinere  Aufsatze.  —  Uber  den  Bau  der  schlesischen  Ge- 
birge, Geogr.  Zeitschrift,  1902;  Schlesiens  Heilquellen  in  ihrer  Beziehung  zum  Bau  der 
Gebirge,  Berlin  1 9 1 2 ;  Schlesiens  Landeskunde  Bd.  I,  191 3 ;  L,awinen  und  Gletscher  in  ihren 
gegenseitigen  Beziehungen,  Zeitschr.  d.  Deutsch-Osterr.  Alpenvereins  1908;  Erdbeben  und 
Gebirgsbau,  Peterm.  Mitt.  1907;  t)ber  die  Machtigkeit  des  europaischen  Inlandeises  und 
das  Klima  der  Interglazialzeiten.  Congr.  intern,  geol.  Stockholm  1912;  t)ber  die  geolog.- 
technische  Beschaffenheit  und  die  Erdbebengefahr  des  Bagdadbahngebietes  bis  zum 
Euphrat,  Neues  Jahrb.  f.  Min.  usw.  I,  191 3.  Diese  kleine  Auswahl  soil  nur  die  Grund- 
richtung  der  iibrigen  Arbeitsgebiete  aufzeigen. 

Quellen:  Zu  der  vorhergehenden  Schilderung  habe  ich  vor  allem  zwei  Nachrufe  be- 
nutzt:  J.  Pompeckj,  Fritz  F.,  Neues  Jahrbuch  f.  Mineral.,  Geol.  und  Palaont.,  1919, 
S.  I — XXXVIII,  mit  Bildnis  und  Schriftenverzeichnis,  und  W.  Volz,  Fritz  F.,  Jahres- 
bericht  der  Schles.  Gesellsch.  f.  vaterland.  Kultur,  1918,  S.  1 — 10.  Besonders  die  erste 
dieser  gedankenreichen  Arbeiten  bildet  eine  fast  erschopfende  Darstellung,  wie  sie  hier 
auf  beschranktem  Raum  nicht  gegeben  werden  konnte.  Ich  mochte  indessen  hervorheben, 
daC  diese  formvollendete  Schilderung  mir  oft  als  Anregung  gedient  hat,  wenn  auch 
natiirlich  durch  das  Studium  von  F.s  Schriften  dieser  mir  seit  Jahren  ein  vertrautes  und 
verehrtes  Vorbild  war.  Fur  manche  personliche  Angaben  bin  ich  schliefilich  Frau  Vera 
v.  Miaskowski,  verwitwete  Frau  Geheimrat  Freeh,  zu  grofiem  Danke  verpflichtet.  Ein 
ausf iihrliches  Schriftenverzeichnis  konnte  ich  hier  nicht  aufnehmen  und  habe  nur  das  mir 
besonders  wesentlich  Erscheinende  genannt;  ich  verweise  fur  das  "Obrige  auf  die  erwahnte 
Arbeit   von  Pompeckj. 

Breslau.  Serge  v.  Bubnoff. 

Friedrich,  Johann,  Kirchenhistoriker,  Geschichtschreiber  des  vatikanischen 
Konzils,  *  5.  Mai  1836  zu  Poxdorf  bei  Forchheim  in  Oberfranken,  f  19-  August 
1917  zu  Munchen.  —  Als  Sohn  eines  I,ehrers  in  bescheidenen  Verhaltnissen 
aufgewachsen,  legte  er  seine  humanistischen  Studien  als  Zogling  des  Auf- 
sessianischen  Seminars  zu  Bamberg  zuriick,  worauf  er  am  dortigen,  mit  tiich- 
tigen  Lehrkraften  besetzten  Lyzeum  den  philosophisch-theologischen  Fachern 


Freeh.  Friedrich  75 

oblag  (1854 — 1858).  Mit  gediegenen  Kenntnissen  ausgeriistet,  verlieB  er,  von 
Erzbischof  Deinlein  1859  zum  Priester  geweiht,  das  Klerikalseminar  und  fand 
seine  erste  Anstellung  als  Kaplan  in  Markt  Scheinfeld  in  Mittelfranken,  wo 
$j  Jahre  zuvor  auch  Dollinger  kurze  Zeit  in  der  Seelsorge  tatig  gewesen  war. 
Friedrich  fuhlte  sich  durch  die  praktische  Wirksamkeit  nicht  befriedigt.  Er 
sehnte  sich  nach  seinen  geliebten  Biichern  und  Studien  zuriick  und  richtete 
daher  an  seinen  Erzbischof  das  Gesuch,  behufs  weiterer  Ausbildung  die  Uni- 
versitat  Miinchen  beziehen  zu  diirfen.  Es  sah  wie  ein  Zufall  aus  und  war  doch 
sichtlich  hohere  Fiigung,  dai3  eben  damals  auch  Dollinger  den  Oberhirten, 
seinen  ehemaligen  Studiengenossen,  um  einen  jungen  Geistlichen  bat,  welcher 
ihm  bei  seinen  wissenschaftlichen  Arbeiten  an  die  Hand  gehen  konnte.  So  kam 
F.  nach  Miinchen  und  in  den  Bannkreis  des  Mannes,  der  das  Schicksal  seines 
Lebens  ward.  Selten  ging  ein  Schiller  so  ganz  und  mit  solcher  Hingebung  in 
seinem  Lehrer  auf ,  wie  F.  in  Dollinger.  Er  wohnte  nicht  nur  seinen  Vorlesungen 
an,  sondern  genoB  auch,  von  ihm  in  seine  Hausgemeinschaft  aufgenommen, 
das  seltene  Gliick,  in  stetem  Verkehr  und  Gedankenaustausch  mit  dem  groBen 
Gelehrten,  von  ihm  mannigfach  angeregt  und  geistig  befruchtet,  sein  Gesichts- 
feld  standig  erweitern,  sein  Wissen  ausbreiten  und  vertiefen  zu  diirfen. 

Dollinger  hatte,  als  F.  Ende  1859  zu  ihm  zog,  den  Zenit  seines  Ruhmes  in 
.streng  kirchlichen  Augen  bereits  uberschritten.  Diistere  Wolken  am  Gelehrten- 
himmel  verkiindeten  ein  nahes  schweres  Gewitter.  Zwei  theologische  Rich- 
tungen  gab  es  im  katholischen  Lager,  welche  die  Geister  schieden :  die  deutsche 
historische  und  die  romisch-jesuitische,  neuscholastische.  Noch  in  der  ersten 
Halfte  des  18.  Jahrhunderts  beherrschte  die  scholastische  Wissenschaft  auch 
in  Deutschland  alle  geistlichen  Schulen,  siechte  aber  bereits  unaufhaltsamem 
Zerfalle  entgegen.  Da  wirkte  das  lebendige  Beispiel  emsiger  kirchengeschicht- 
licher  und  patristischer  Studien,  wie  sie  von  den  franzosischen  Benediktinern 
^o  erfolgreich  betrieben  wurden,  erfrischend  und  neubelebend  auf  ihre  Ordens- 
genossen  in  Deutschland  und  besonders  in  Osterreich.  Ein  osterreichischer 
Benediktiner,  Stephan  Rautenstrauch,  Abt  von  Braunau  (|  1785),  war  es,  der 
das  theologische  Studien wesen,  das  noch  immer  schwer  unter  den  Nachwehen 
des  DreiBigjahrigen  Krieges  litt,  neu  organisierte,  indem  er  ohne  Beeintrachti- 
gung  der  kirchlichen  Dogmatik  an  Stelle  der  abgelebten  Scholastik  nach  prote- 
stantischem  Vorbilde  die  kirchengeschichtlichen,  bibelwissenschaftlichen  und 
patristischen  Studien  in  den  Vordergrund  des  theologischen  Unterrichts  riickte 
und  den  Lehrplan  entwarf,  welcher  fortan  nicht  bloB  in  den  osterreichischen, 
sondern  auch  in  den  deutschen  katholisch-theologischen  Schulen  die  Herrschaft 
behauptete.  Die  gewaltige  Reaktion,  welche  nach  dem  Zusammenbruche  der 
Franzosischen  Revolution  iiberall  einsetzte,  und  der  blendende  Zauber,  mit 
welchem  die  Romantik  die  seligen  Zeiten  des  mittelalterlichen  Papsttums  ver- 
klarte,  brachte  es  nun  aber  mit  sich,  daB  sich  im  SchoBe  des  Katholizismus  eine 
Stromung  breit  machte,  welche  in  der  entschlossenen  Riickkehr  zur  Papst- 
herrschaft  und  zur  Scholastik  das  Heil  der  Kirche  und  der  burgerlichen  Gesell- 
schaft  erblickte.  Die  Sonne  des  hi.  Ignatius  von  Loyola,  von  Clemens  XIV. 
aufgehoben,  von  Pius  VII.  zu  neuem  Leben  erweckt,  waren  die  Bannertrager 
der  neuen  Richtung,  und  ihre  Schiiler,  welche  sie  im  sogenannten  Collegium 
Germanicum  zu  Rom  mit  ihrem  Geiste  erfiillten,  wirkten,  unter  dem  Einflusse 
des  immer  mehr  erstarkenden  Ultramontanismus  auf  bischofliche  Stiihle  und 


76  19*7 

theologische  Katheder  erhoben,  mit  Feuereifer  in  ihrem  Sinne.  Des  festen  Ruck- 
haltes  in  Rom  versichert  und  gleich  ihren  Meistern  gewohnt,  kirchliche  Recht- 
glaubigkeit  mit  der  von  ihnen  vertretenen  Scholastik  in  eins  zu  setzen,  iiber- 
trugen  sie  ihren  ungeziigelten  HaB  gegen  Protestantismus  nnd  Auf klarung  auf 
die  nach  ihrer  Anschauung  aus  demselben  Geiste  geborene  und  daher  im 
hochsten  Grade  anriichige  deutsche  Schule.  Angriffslustig  und  siegesgewiB  er- 
offneten  sie  den  Sturm  zunachst  auf  philosophischem  Boden  und  ruhten  nicht, 
bis  die  Fiihrer  der  aufbluhenden  deutschen  Philosophic,  Manner  wie  Hermes, 
Giinther,  Frohschammer,  Oischinger,  dem  romischen  Index  verfallen  waren. 
Und  schon  griff  der  Kampf  auch  ins  theologische  Bereich  iiber.  Schon  war  der 
edle  Hirscher,  seit  1857  in  Freiburg,  von  Rom  verurteilt,  schon  sah  sich  der 
Tubinger  Dogmatiker  Kuhn  vom  selben  Lose  bedroht.  Der  Bamberger  Dom- 
dekan  Gengler,  F.s  Lehrer,  von  Konig  Max  II.  zum  Erzbischof  von  Bamberg 
erkoren  (1858),  wagte  die  Ernennung  nicht  anzunehmen,  aus  Furcht,  daJ3  er, 
in  Rom  langst  verdachtigt,  die  papstliche  Bestatigung  doch  nicht  erhalten 
wtirde.  Schon  wurden  die  katholischen  Fakultaten  und  die  Universitatsbildung 
der  Geistlichen  fiir  bedenklich  erklart  und  die  Griindung  einer  »freien«  katho- 
lischen Universitat  gefordert.  Schon  verkiindeten  der  Mainzer  »Katholik«,  die 
Zeitschrift  der  Neuscholastiker,  die  Theologie  der  Orden  (Jesuiten)  und  der 
Germaniker  sei  auch  die  Theologie  Roms  und  der  ganzen  katholischen  Welt. 
Schon  erklarte  er  of  fen,  es  gebe  im  Katholizismus  zwei  Richtungen,  welche 
nicht  friedlich  nebeneinander  bestehen  konnen,  sondern  sich  gegenseitig  auf- 
heben.  Schon  war  also  der  deutschen  Schule  der  Vernichtungskrieg  unverblumt 
angekiindigt.  Nur  einer  stand  in  Deutschland  noch  unbesiegt  —  Dollinger,  das 
gefeierte  Haupt  der  Miinchener  historischen  Schule.  Aber  es  ging  das  gefltigelte 
Wort,  das  Dogma  musse  die  Geschichte  besiegen,  und  so  muBte  friiher  oder 
spater  auch  er  fallen.  Einen  Sturm  der  Entriistung  erregten  im  ultramontanen 
Lager  schon  die  Odeonsvortrage  (1861)  iiber  den  nahen  Sturz  des  Kirchen- 
staates,  zumal  da  deutsche,  belgische,  englische  und  hollandische  Bischofe  den 
Kirchenstaat  soeben  noch  als  einen  wesentlichen  Bestandteil  der  Kirche  be- 
zeichnet  hatten.  Aufs  heftigste  prallten  die  Gegensatze  anlaBlich  der  Miinchener 
Gelehrtenversammlung  (September  1863)  zusammen,  auf  welcher  Dollinger 
einen  nach  Form  wie  Inhalt  ausgezeichneten  Vortrag  iiber  » Vergangenheit  und 
Gegen  wart  der  katholischen  Theologie «  hielt. 

F.  hatte  wie  an  den  Odeonsvortragen,  so  an  der  Gelehrtenversammlung  und 
den  damit  zusammenhangenden  Beratungen  lebhaften  Anteil  genommen,  und 
so  war  es  unausbleiblich,  daJ3  er,  als  getreuer  Schiiler  seines  Meisters  bekannt, 
die  unversohnliche  Gegnerschaft,  welche  sich  dieser  seitens  der  Neuschola- 
stiker zugezogen  hatte,  auch  am  eigenen  Leibe  zu  spuren  bekam.  Schon  als  er 
seine  erste  Schrift,  mit  welcher  er  sich  den  theologischen  Doktorgrad  erwarb, 
iiber  »Joh.  Wessel.  Ein  Bild  aus  der  Kirchengeschichte  des  15.  Jahrhunderts« 
(Regensburg  1862)  herausgab,  sah  er  sich  gezwungen,  geharnischte  Verwahrung 
gegen  einen  neuscholastischen  Kritiker  einzulegen,  welcher  die  Arbeit,  noch 
ehe  sie  gedruckt  war,  aus  dem  Pulte  des  Verlegers  an  sich  zu  bringen  gewuBt 
hatte  und  sich  nun  voller  Entriistung  iiber  das  vom  Verf  asser  entworf  ene  diistere 
Bild  kirchhchen  Verderbens  der  Vorreformationszeit  aussprach.  Als  nun  F. 
nach  seiner,  auf  Grand  einer  neuen  Schrift  iiber  »Die  Lehre  des  Joh.  HuB  und 
ihre  Bedeutung  fiir  die  neuere  Zeit«  (Regensburg  1862)  erfolgten  Habilitation 


Friedrich 


77 


(1862)  zum  auBerordentlichen  Professor  der  Kirchengeschichte  ernannt  werden 
sollte,  trug  der  Erzbischof  von  Miinchen  Bedenken,  seine  Zustimmung  zu  geben, 
da  sein  »  Wessel«  AnstoB  bei  ihm  erregt  habe,  und  erst  als  sich  der  junge  Gelehrte 
auf  das  giinstige  Urteil  des  Erzbischofs  Deinlein  von  Bamberg  und  des  Bischofs 
Dinkel  von  Augsburg  berufen  konnte,  erlitt  seine  Anstellung  (1865)  keinen  Auf- 
schub  mehr.  In  der  Tat  war  sie  vollauf  verdient.  F.  entfaltete  eine  ungemein 
riihrige  literarische  Tatigkeit.  Er  hatte  den  groBen  Plan  einer  » Kirchen- 
geschichte Deutschlands«  gefaBt,  von  welcher  jedoch  nur  der  erste  Band  und 
die  erste  Halfte  des  zweiten  erscheinen  konnte  (1867 — 1869),  worauf  das  Werk 
wegen  aUgemeiner  Teilnahmslosigkeit  eingestellt  werden  muBte.  Von  ganz  an- 
deren  Fragen  waren  damals  die  Gemiiter  bewegt.  Pius  IX.  hatte  1864  den 
Syllabus  verkiindet  und  darin  die  Kulturideale  der  modernen  Gesellschaft  ver- 
dammt  —  ein  Vorgehen,  welches  der  Mainzer  Neuscholastiker  Heinrich  als 
»die  groBte  Tat  des  Jahrhunderts  und  vielleicht  vieler  Jahrhunderte«  pries. 
Im  Jahre  1867  aber  hatte  der  Papst  ein  allgemeines  Konzil  angesagt,  und  es 
hieB,  es  solle  bei  dieser  Gelegenheit  die  papstliche  Unfehlbarkeit,  vielleicht  sogar 
per  acclamalionem,  zum  Dogma  erhoben  werden.  Unter  solchen  Umstanden 
war  eine  griindliche  Beschaftigung  mit  der  Geschichte  der  friiheren  Konzilien, 
besonders  des  letzten,  des  tridentinischen,  aufs  dringlichste  geboten.  F.  widmete 
sich  ihr  sofort  mit  Feuereifer  und  begab  sich  auf  Doilingers  Rat  nach  Trient, 
um  hier  an  Ort  und  Stelle  auch  Quellenstudien  zu  obliegen.  Es  war  die  Stunde, 
die  iiber  sein  ferneres  Leben  entschied,  als  er  einen  Brief  Doilingers  vom 
25.  September  1869  mit  der  iiberraschenden  Mitteilung  erhielt,  KardinalHohen- 
lohe  habe  um  einen  deutschen  Theologen  geschrieben,  der  wahrend  des  Konzils 
bei  ihm  in  Rom  wohnen  und  ihm  mit  Ratschlagen  beistehen  konne.  Er,  Dol- 
linger, habe  ihn  als  den  rechten  Mann  vorgeschlagen,  F.  moge  sich  die  prachtige 
Gelegenheit  nicht  entgehen  lassen,  »hinter  den  Kulissen  stehend  ein  groBes, 
weltgeschichtliches  Drama  (hoffentlich  weder  Komodie  noch  Trauerspiel)  auf- 
gefiihrt  zu  sehen«. 

Im  November  1869  reiste  er  nach  Rom  ab.  Dollinger  hatte  sich  in  ihm  nicht 
getauscht  —  er  war  der  rechte  Mann,  der  es  mit  seiner  Aufgabe  ernst  nahm 
und  fur  ihre  Lbsung  durch  seine  Studien  iiber  das  Trienter  Konzil  wohl  aus- 
geriistet  war.  Mit  klarem  Blicke  betrachtete  er  Personen  und  Verhaltnisse,  mit 
sicherem,  unbeirrbarem  Urteile  durchschaute  er  die  voile  Tragweite  der  den 
Bischofen  von  der  Kurie  vorgelegten  Entwiirfe  und  Formeln.  Von  Anfang  an 
erkannte  er,  wie  ihm  der  preuBische  Gesandte  v.  Arnim  spater  ausdriicklich 
bezeugte,  daB  angesichts  der  geschlossenen,  von  ein  em  Willen  zielbewuBt  ge- 
leiteten,  zahlenmaBig  weit  uberlegenen  Mehrheit,  und  der  unsicher  hin  und 
her  schwankenden,  in  sich  vielfach  gespaltenen  und  uneinigen  Minderheit  der 
Sieg  des  Papalsystems  unabwendbar  sein  werde.  Angelegentlich  bemuhte  er 
sich,  den  meist  nur  mangelhaft  vorbereiteten,  erst  durch  ihre  nunmehrigen  Er- 
fahrungen  und  Wahrnehmungen  aus  ihrer  friiheren  Vertrauensseligkeit  auf- 
geriittelten  Bischofen  der  Minoritat  mit  Gutachten  und  Aufschliissen  beizu- 
springen.  Unablassig  stand  er  auf  seinem  Posten,  mahnend,  warnend,  studie- 
rend,  priifend,  beobachtend.  In  den  Aufzeichnungen  seines  nachher  durch  den 
Druck  veroffentlichten  Tagebuches  sowie  in  den  ausfiihrlichen  Briefen  an 
Dollinger,  die  er  noch  kurz  vor  seinem  Tode  ebenfalls  im  Wortlaute  mitteilte, 
schilderte  er  die  verschiedenartigen  Gestalten,  welche  auf  der  buntbewegten 


78  1917 

Schaubuhne  des  Konzils  auftraten,  die  mannigfachen  Vorgange  und  Ereignisse, 
die  sich  vor  seinen  Augen  abspielten.  Damals  erreichte  in  ihm  ein  geistiger 
Kampf  sein  Ende,  der  sein  ganzes  Wesen  erschiitterte.  Er  erkannte  die  unsicht- 
bare  Hand,  welche  ihn  nach  Rom  gefuhrt  hatte,  und  je  tiefer  die  Einblicke 
waren,  welche  er  Tag  fur  Tag  aus  nachster  Nahe  in  das  Konzilsgetriebe  tun 
durfte,  desto  mehr  fuhlte  er  sich  von  ihm  abgestoBen.  »Was  war  Rom,«  rief  er 
in  seinem  Tagebuch  (2.  Aufl.,  S.  196)  aus,  »einst  fiir  mich!  Wie  betete  ich  ge- 
wissermaBen  alles  an,  was  von  da  kam!  Jetzt  sehe  ich,  daB  nicht  bloB  die 
grauenhaf teste  Ignoranz,  sondern  noch  weit  mehr  Hochmut,  Luge  und  Siinde 
hier  herrschen.  Nach  zwei  Hinsichten  hat  mein  Leben  seine  Aufgabe  jetzt  be- 
zeichnet  erhalten:  es  ist  von  jetzt  an  dem  Kampf e  gegen  die  Kurie,  nicht  aber 
(gegen  den)  Primat,  sowie  gegen  die  Jesuiten  gerichtet.  Gehe  ich  dabei  zugrunde, 
so  glaube  ich,  daB  es  der  Herr  so  gewollt  hat. «  Er  rechnete  seinen  romischen 
Aufenthalt  zu  den  triibsten  Tagen  seines  L,ebens  und  war  entschlossen,  dieses 
Konzil  niemals  als  okumenisches  anzuerkennen. 

Mitte  Mai  1870  in  die  Heimat  zuriickgekehrt,  hatte  er  nur  zu  bald  Gelegen- 
heit,  seinen  EntschluB  in  die  Tat  umzusetzen.  Am  18.  Juli  erfolgte  die  Dogma- 
tisierung  des  Universalprimats  und  der  personlichen  Unfehlbarkeit  des  Papstes, 
welcher  sich  die  Konzilsminderheit  nachtraglich  ausnahmslos  unterwarf .  Da 
wie  Dollinger  auch  F.  die  Annahme  dieser  ihrer  Uberzeugung  gemaB  neuen,  in 
Schrift  und  apostolischer  Uberlieferung  nicht  begriindeten,  von  einer  moralisch 
unfreien,  dem  starksten  Drucke  durch  die  Kurie  unterworfenen  Versammlung 
beschlossenen,  fiir  Kirche  wie  Staat  gleich  verhangnisvollen  Glaubenssatze  ver- 
weigerten,  so  wurde  Dollinger  am  17.,  F.  am  18.  April  1871  vom  Erzbischofe 
Gregor  v.  Scherr  von  Miinchen  exkommuniziert.  Die  groBe  Frage  war  nun: 
was  sollte  weiter  geschehen?  Dollinger  und  F.  waren  anfangs  gesonnen,  den 
Kirchenbann  iiber  sich  ergehen  zu  lassen,  ohne  an  eine  kirchliche  Organisation 
ihrer  Gesinnungsgenossen  zu  denken.  Bald  aber  drangte  die  Macht  der  Verhalt- 
nisse  in  andere  Bahnen.  Da  die  »Altkatholiken« —  die  Bezeichnung  geht  allem 
Anscheine  nach  auf  den  Abt  Haneberg  von  S.  Bonifaz  in  Miinchen,  spateren 
Bischof  von  Speier,  zuriick  —  durch  die  romischen  Kirchenbehorden  von  den 
Sakramenten,  namentlich  von  der  damals  auch  zur  staatlichen  Giiltigkeit  einer 
EheschlieBung  erforderlichen  pfarrlichen  Assistenz,  sowie  vom  kirchlichen  Be- 
grabnisse  ausgeschlossen  waren,  so  sahen  sie  sich  in  die  Zwangslage  versetzt, 
eine  regelmaBige  altkatholische  Seelsorge  in  die  Wege  zu  leiten.  Dollinger  wollte 
davon  anfangs  nichts  wissen;  eindringlich  widerriet  er,  » Altar  gegen  Altar  zu 
stellen.«  F.,  der  in  manchen  Dingen  scharfer  sah,  vertrat  in  dieser  praktisch  so 
wichtigen  Angelegenheit  den  entgegengesetzten  Standpunkt,  welchem  sich  auf 
die  Dauer  auch  Dollinger  nicht  zu  verschlieBen  vermochte.  Mit  vorbildlicher 
Hilfsbereitschaft  und  Opferwilligkeit  leistete  F.,  solange  die  Gemeindebildung 
mit  eigenen  Geistlichen  noch  nicht  durchgefiihrt  war,  in  Miinchen  selbst  wie 
auswarts,  wo  ein  Kranker  nach  geistlichem  Troste,  ein  Sterbender  nach  den 
Sakramenten  verlangte,  den  ersehnten  Beistand.  Als  es  gait,  an  der  Universitat 
Bern  eine  altkatholische  Fakultat  einzurichten,  entsprach  er  auf  Dollingers 
Wunsch  der  an  ihn  ergangenen  Einladung  und  hielt  wahrend  der  beiden  ersten 
Semester  (1874/75)  kirchengeschichtliche  Vorlesungen,  welche  er  mit  einer  be- 
deutsamen  Rede  iiber  den  » Kampf  gegen  die  deutschen  Theologen  und  theo- 
logischen  Fakultaten  in  den  letzten  zwanzig  Jahren«  eroffnete.  Auf  verschie- 


Friedrich 


79 


denen  Kongressen,  wie  in  zahlreichen  Versaminlungen  trat  er  als  Redner  auf . 
Mit  unerschrockenem  Bekennermute  und  riicksichtsloser  Entschiedenheit  ver- 
teidigte  er  die  altkatholische  Sache  auch  in  wuchtigen  Broschiiren,  und  hielt 
mit  nnbeugsamer  Festigkeit  den  leidenschaftlichen  Angriffen  der  Gegner  stand, 
welche  ihn,  der  freilich  auch  selbst  eine  schneidige  Klinge  schlug,  mit  einer  Flut 
gehassiger  Schmahungen  und  Beschimpfungen  iiberhauften,  gegen  welche  er 
gelegentlich  auch  gerichtliche  Hilfe  in  Anspruch  nehmen  muBte. 

Und  doch  hinderte  ihn  alles  dies  nicht,  das  groBe  Werk  seines  Lebens  zu  voll- 
enden,  zu  dem  er  wie  sonst  niemand  berufen  war,  die  »Geschichte  des  vatika- 
nischen  Konzils «  in  3  bzw.  4  Banden,  von  welchen  der  erste  (1877)  die  Vor- 
geschichte  bis  zur  Eroffnung  des  Konzils,  der  zweite  (1883)  die  unmittelbaren 
Vorbereitungen,  der  dritte,  um  seines  groBen  Umfanges  willen  in  zwei  Halften 
geteilt,  den  Verlauf  des  Konzils  bis  zum  entscheidenden  18.  Juli  behandelte 
(1887).  Das  Werk  wird  nie  veralten  und  fur  alle  Zeiten  ebenso  wie  das  Tagebuch 
und  die  Berichte,  welche  der  Verfasser  wahrend  seines  romischen  Aufenthaltes 
an  Dollinger  gelangen  lieB,  eine  Hauptquelle  der  Geschichte  des  vatikanischen 
Konzils  bilden.  Seine  Glaubwiirdigkeit  und  Zuverlassigkeit  besteht,  bei 
manchen  Irrtumern  und  Fehlern  in  Einzelheiten  und  Kleinigkeiten,  die 
strengste  kritische  Prufung.  Selbst  ein  bald  darauf  von  jesuitischer  Seite  auf 
Grund  der  samtlichen  vatikanischen  Aktenstiicke  verfaBtes  Gegenwerk  ver- 
mochte  es  nicht  zu  iiberholen  oder  auch  nur  in  seinen  Hauptergebnissen  zu  er- 
schuttern.  Die  Palme  gebuhrt  unter  den  drei  Banden  unstreitig  dem  ersten. 
Mit  musterhafter  Griindlichkeit  legt  er  die  Machte  und  Triebkrafte  bloB,  welche 
zur  Verkiindigung  der  Unfehlbarkeit  fiihrten,  und  bietet  eine  unerschopfliche 
Fundgrube  kostbarsten,  zum  Teile  sehr  entlegenen  Stoffes  zur  Geschichte  des 
Ultramontanismus  im  19.  Jahrhunderte.  Die  gebiihrende  Anerkennung  blieb 
denn  nicht  aus.  W.  v.  Giesebrecht  befurwortete  1880  F.s  Wahl  zum  ordent- 
lichen  Mitgliede  der  Miinchener  Akademie,  und  wenn  dieser  auch  1882  auf 
Drangen  der  ultramontanen  Kammermehrheit  gegen  seinen  Willen  aus  der 
theologischen  Fakultat  ausgeschieden  und  in  die  philosophische  versetzt  wurde, 
so  konnte  er  doch  seine  Vorlesungen  ungestort  wieder  aufnehmen  und  seine 
wirtschaftliche  Zukunft  fur  gesichert  halten.  Der  schwerste  Schlag  traf  ihn, 
als  am  10.  Januar  1890  Meister  Dollinger  aus  dem  Leben  schied.  Am  13.  Januar 
segnete  er  ihn,  der  Gebannte  den  Gebannten,  zur  ewigen  Ruhe  ein  und  widmete 
ihm  am  offenen  Grabe,  aufs  tiefste  ergriffen,  tief  ergreifende  Abschiedsworte. 
Dem  Wunsche  des  Entschlafenen  gemaB  besorgte  er  1892  die  neue  Auflage  der 
1869  in  der  ganzen  gebildeten  Welt  als  formliches  kirchenpolitisches  Ereignis 
gewiirdigten  Schrift  »Der  Papst  und  das  Konzil  von  Janus «,  deren  machtiger 
Eindruck  durch  den  ihr  vom  Wtirzburger  Professor  und  spateren  Kardinal 
Hergenrother  entgegengesetzten  »Antijanus«  nicht  mehr  hatte  verwischt  wer- 
den  konnen.  Die  Schrift,  von  F.  mit  sorgfaltigen  Quellenbelegen  versehen  und 
dadurch  in  ihrem  wissenschaftlichen  Werte  noch  gehoben,  erschien  nunmehr 
unter  dem  Titel  »Das  Papsttum  von  J.  v.  Dollinger*,  wodurch  zugleich  die 
bisher  noch  immer  ungeklarte  Frage  der  Urheberschaft  des  Janus  aufgehellt 
wurde.  F.  war  es  auch,  der  zuverlassigen  AufschluB  uber  den  wahren  Verfasser 
der  wahrend  des  Konzils  in  der  Augsburger  »Allgemeinen  Zeitung«  veroffent- 
lichten  und  ob  der  Verlassigkeit  ihrer  Mitteilungen,  ihrer  ungewohnlichen  Ge- 
lehrsamkeit  und  geistvollen  Sprache  iiberall,  besonders  auch  in  Rom  selbst  von 


8o  1917 

den  Konzilsvatern  gierig  verschlungenen  »R6mischen  Briefe«  erteilen  konnte, 
die  Ende  1870  in  Buchfonn  unter  dem  Namen  »Quirinus«  erschienen  waren. 
Ihr  Verfasser  war  wiederum  Dollinger,  der  sich  hierbei  nicht  nur  der  schon  er- 
wahnten  Briefe  F.s,  sondern  auch  der  ihm  zur  Verfugung  gestellten  amtlichen 
Berichte  des  bayerischen  Gesandten  Tauffkirchen  und  seines  Attaches,  Grafen 
Arco,  ganz  besonders  aber  der  aufierst  aufschluflreichen  Zuschriften  seines 
Freundes  und  Schulers,  des  I/>rds  Acton,  bedienen  konnte,  der  die  engsten  Be- 
ziehungen  zu  den  fuhrenden  Bischofen  der  Minderheit  unterhielt,  zu  Darboy 
von  Paris,  Dupanloup  von  Orleans  und  Strofimayer  von  Diakovar.  Mit  ihren 
lebendigen  Stimmungsbildern  und  ihren  aus  genauester  Kenntnis  der  Personen 
und  Verhaltnisse  geschopften  Angaben  zahlen  die  »R6mischen  Briefe «  zu  den 
zuverlassigsten  und  wichtigsten  Quellen  der  Konzilsgeschichte,  die  von  keinem 
Forscher  ungestraft  beiseite  geschoben  werden  konnen  und  auch  von  F.  fleiBig 
zu  Rate  gezogen  wurden,  als  er  seine  Konzilsgeschichte  verfaBte.  Das  monu- 
mentum  aere  perennius  setzte  F.  seinem  Lehrer  in  der  dreibandigen  Biographie 
»Ignaz  von  Dollinger «.  Sein  Leben  auf  Grund  seines  schriftlichen  Nachlasses 
(Miinchen  1899 — 1901),  in  der  er  mit  pietatvollem  Griffel  ein  lebenswarmes 
Bild  des  grofien  Theologen  zeichnete  und  dabei  ein  Jahrhundert  katholischer 
Gelehrtengeschichte  an  unseren  Augen  voriiberziehen  laBt.  Waren  damit  nun 
auch  seine  groBeren  Werke  geschlossen,  so  legte  er  die  unermiidliche  Feder  doch 
noch  lange  nicht  aus  der  Hand.  Zahlreiche  wissenschaftliche  Arbeiten,  teils  in 
den  Abhandlungen  der  Munchener  Akademie,  teils  als  selbstandige  Schriften 
erschienen,  legten  von  der  ungeschmalerten  Geistesfrische  des  nun  auch  selbst 
schon  ins  Greisenalter  getretenen  Gelehrten  riihmliches  Zeugnis  ab.  Und  frisch 
und  riistig  blieb  auch  der  Korper.  Ungebeugt  und  ungebrochen  durch  die  Last 
der  Jahre  oder  die  rauhen  Sturme,  die  iiber  ihn  hinweg  gebraust  waren  und  so 
manchen  anderen  entwurzelt  hatten,  stand  er  trotzig  und  zah,  wie  die  knorrigen 
Eichen  seiner  frankischen  Heimat,  das  ausdrucksvolle  Haupt,  aus  dem  die 
blauen  giitigen  Augen  so  schalkhaft  leuchteten,  aber  zuweilen  auch  zornige 
Blitze  spriihten,  von  ehrwtirdigen  weiBen  Locken  umwallt.  Der  altkathohschen 
Sache  blieb  er  bis  zum  Tode  unerschutterlich  treu.  RegelmaBig  nahm  er  an  den 
Veranstaltungen  und  gottesdienstlichen  Feiern  der  Gemeinde  seines  Munchener 
Wohnsitzes  teil,  wenn  er  auch  in  den  letzten  Jahren  keine  kirchlichen  Ver- 
richtungen  mehr  vornahm.  Unstreitig  war  er  ein  groBer  Gelehrter.  Aber  er  war 
viel  mehr.  Er  war,  was  so  selten  ist,  von  der  FuBsohle  bis  zum  Scheitel  jeder 
Zoll  ein  ganzer  Mann.  Was  er  am  Grabe  Dollingers  diesem  nachruhmte,  das 
gait  ebenso  von  ihm  selbst:  »Sein  ganzes  Leben  war  ein  ununterbrochener, 
seinem  Herrn  gewidmeter  Dienst.« 

Literatur:  H.  Prutz,  Jahrbuch  der  Bayerischen  Akademie  der  Wissenschaften  1918, 
S.  69  ff.  —  O.  K.,  Beilage  zur  Allgemeinen  Zeitung  1906,  Nr.  104.  —  F.  Hacker,  J.  F.  als 
Fiihrer  der  altkatholischen  Bewegung,  Internationale  Kirchliche  Zeitschrift  1918,  S.252ff. 

—  Friedr.  Nippold,  Ein  Jahr  aus  dem  Leben  von  Prof.  F.,  Der  romfreie  Katholik,  191 3, 
Nr.  32,  S.  250  f.  —  J.  F.,  Rdmische  Briefe  iiber  das  Konzil  (1869/70),  Revue  Internationale 
de  Thiologie  XI  (1903),  621  ff.  —  Derselbe,  Meine  Briefe  an  Dollinger  aus  dem  Konzils- 
jahre  1869/70,  Internationale  Kirchliche  Zeitschrift  VI  (1916),  27  ff.,  174  ff.,  300  ff.,  401  ff. 

—  Th.  Granderath,  S.  J.,  Geschichte  des  Vatikanischen  Konzils,  herausgegeben  von 
K.  Kirch,  S.  J.,  3  Bande  1903 — 1906.  —  K.  Mirbt,  Die  Geschichtschreibung  des  Vatika- 
nischen Konzils,  Hist.  Zeitschr.  CI  (1908),  529  ff. — .Derselbe,  Vatikanisches  Konzil,  Real- 
Enzyklop.  f.  protest.  Theologie  XX  3,  445.  —  E.  A.  Roloff,  Die  »R6mischen  Briefe  vom 


Friedrich.  Fxoriep  8l 

KonziU,  Zeitschr.  f .  Kirchengeschichte  XXXV  (1914),  204  ff.  —  Jahrbiich  der  Ludwig- 
Maximilians-Universitat  Miinchen  fur  die  Jahre  1914 — 1919(1927)  S.  46 — 52  (Hermann 
Grauert  [f]:  J.  F.). 

Miinchen.  Joseph  Schnitzer. 

Froriep,  August,  Professor  der  Anatomie  zu  Tiibingen,  *  am  10.  September 
1849  in  Weimar,  f  am  11.  Oktober  1917  zu  Tubingen.  —  F.  entstammte  einer 
alten  Weimarer  Familie,  war  Sohn  und  Enkel  eines  Arztes  und  wandte  sich,  der 
Familientradition  folgend,  dem  Studium  der  Medizin  zu,  zunachst  in  Gottingen 
(1868 — 1870),  spater  in  Tubingen  (von  1870  an),  wo  sein  Groflvater  Ludwig 
Friedrich  F.  ehemals  Professor  der  Anatomie  gewesen  war.  Sein  erster  Aufent- 
halt  in  Tubingen  war  jedoch  nur  von  kurzer  Dauer,  da  der  Krieg  ausbrach,  den 
F.  als  Freiwilliger  mitmachte.  Erst  im  Herbst  1871  kam  F.  nach  Tubingen 
zuriick,  betrieb  hier  klinische  Studien  und  arbeitete  bei  Hoppe-Seyler,  ging 
spater  nach  Leipzig  und  beendete  dort  seine  Studien.  Ostern  1875  trat  der 
junge  F.  an  der  anatomischen  Anstalt  zu  Leipzig  bei  Braune  als  Assistent  ein 
und  kam  dadurch  auch  in  nahere  Beriihrung  mit  His,  dem  damaligen  Leiter 
der  Anstalt.  Im  gleichen  Jahre  verheiratete  er  sich  zum  ersten  Male  mit  Elise 
Lenoir,  einer  Genferin,  die  ihm  jedoch  schon  1887  durch  den  Tod  entrissen 
wurde. 

Es  ist  ganz  zweifellos,  dafl  die  Arbeitszeit  an  der  anatomischen  Anstalt  zu 
Leipzig  in  gewissem  Sinne  fur  F.  entscheidend  war,  denn  seine  embryologischen 
Neigungen,  denen  er  sein  ganzes  Leben  iiber  treu  blieb,  leiten  sich  jedenfalls 
auf  die  von  His  empfangenen  Anregungen  zuriick,  wahrend  seine  topogra- 
phischen  Studien  in  Braune  ihre  letzte  Wurzel  haben.  In  Leipzig  kam  er  auch 
in  Beriihrung  mit  der  dortigen  Kunstschule,  an  welcher  er  mehrere  Monate 
lang  den  Lehrer  der  Anatomie  zu  vertreten  hatte,  und  von  diesem  Ursprunge 
her  entwickelte  sich  seine  Vorliebe  f iir  plastische  Anatomie  und  seine  »  Anatomie 
fur  Kiinstler<(,  die  im  Jahre  1880  zum  ersten  Male  erschien. 

Als  1878  Dursy,  der  erste  Prosektor  und  a.o.  Professor  der  Anatomie  zu 
Tubingen,  starb,  bewarb  sich  F.  bei  Henke,  dem  Vorstande  der  Anstalt,  um 
dessen  Nachfolge  und  erhielt  die  Stelle  freundlichst  zugesichert.  So  las  er  also 
im  Wintersemester  1878/79  sein  erstes  Kolleg  an  der  Universitat  und  hatte  vor 
alien  Dingen  auch  viel  mit  den  Praparieriibungen  zu  tun.  Da  er  jedoch  auch  den 
Unterricht  in  der  mikroskopischen  Anatomie  hatte  iibernehmen  miissen,  so 
ging  er  im  Friihjahre  1879  auf  drei  Monate  nach  Paris  zu  Ranvier,  welcher  da- 
mals  einen  wohlbegriindeten  Ruf  in  der  Histologic,  besonders  als  Techniker, 
besaB,  um  sich  dort  in  diesem  Fache  nach  den  Regeln  der  Kunst  ausbilden  zu 
lassen.  Dieser  EntschluB  ist  darum  bemerkenswert,  weil  damals  eigentlich 
Kolliker  in  Wiirzburg  im  Bereiche  der  Histologic  der  anerkannte  Herrscher  war, 
wenigstens  was  Deutschland  anlangt.  F.  ist  die  Liicken  seiner  franzosischen 
Ausbildung  in  diesem  Fache  Zeit  seines  Lebens  nicht  los  geworden.  So  kam  es, 
dafl  die  mikroskopische  Anatomie  f iir  ihn  immer  ein  Nebenfach  blieb ;  er  hatte 
zwar  auch  fur  dieses  Gebiet  ein  erhebliches  Interesse,  fand  aber  keine  Gelegen- 
heit  mehr,  sich  nach  dieser  Richtung  hin  fortzubilden.  Was  die  weiteren  Lebens- 
daten  anlangt,  so  wurde  F.  1884  a.o.  Professor  und  ubernahm  1895  an  Stelle 
Henkes  das  Ordinariat  fur  Anatomie.  Im  Jahre  1890  ging  er  mit  Marie  Freiin 
v.  Hermann  eine  zweite  Ehe  ein,  die  erst  durch  den  Tod  F.s  geldst  wurde. 
dbj  « 


82  1917 

Die  Beschaftigung  mit  der  schon  erwahnten  Kunstleranatomie  fallt  in  die 
Jahre  1878 — 1880;  sie  erschien  im  Todesjahre  F.s  zum  5.  Male,  ein  schlichtes 
Werk  mit  klaren,  kraftigen  Abbildungen,  welches  dem  Kiinstler  das  brauchbare 
Handwerkszeug  tibermittelt.  Hierzu  ist  zu  erwahnen,  daB  F.  zweifellos  der 
Anlage  nach  kiinstlerische  Interessen  besaB,  auch  im  Unterrichte  die  plastischen 
Werke  der  Antike  gerne  projizierte,  urn  an  diesen  die  wesentlichen  Tatsachen 
der  plastischen  Anatomie  zu  erlautern. 

F.s  Hauptgebiet  jedoch  war  die  Embryologie  und  dies  entsprach  dem  Zuge 
der  Zeit.  Seitdem  im  Jahre  1859  die  »Entstehung  der  Arten«  von  Darwin  er- 
schienen  war,  waren  zahlreiche  Forscher  bemiiht  gewesen,  die  Grundbegriffe 
der  Deszendenzlehre  auf  die  Morphologie  anzuwenden  und  die  Lehre  Darwins 
auf  ihren  Nutzungswert  zu  priifen.  Die  einschlagigen  Arbeiten  bewegen  sich 
naturgemaB  auf  den  Gebieten  der  vergleichenden  Anatomie  und  Embryologie 
und  eben  hieran  wollte  der  junge  F.  teilnehmen.  Er  wandte  sich  der  Wirbel- 
theorie  des  Kopfes  zu,  welche  seinerzeit  von  Goethe  und  Oken  begriindet  wor- 
den  war  und  die  nunmehr  in  abgeanderter  Form  wieder  auftauchte.  An  die 
Stelle  der  Wirbel  traten  die  Metameren  oder  Folgestiicke,  welche  entwicke- 
lungsgeschichtlich  durch  die  Erscheinung  der  Ursegmente  oder  Urwirbel  cha- 
rakterisiert  sind.  F.  wies  nach,  daB  nur  in  dem  hinter  der  Ohrgegend  gelegenen 
Abschnitte  des  Kopfes  Urwirbel  nachweisbar  sind  und  daB  somit  nur  dieser  Teil 
als  ein  modifizierter  Teil  des  Rumpfes  angesehen  werden  kann.  Diese  Arbeiten 
zur  Morphologie  des  Kopfes  ziehen  sich  durch  das  ganze  Leben  F.s  hindurch ; 
die  letzte  Veroffentlichung  erschien  in  seinem  Todesjahr  (1917). 

F.  hat,  von  den  genannten  Arbeiten  ausgehend,  auch  andere  Gebiete  der 
Anatomie  des  Kopfes  eingehend  bearbeitet.  Vor  alien  Dingen  war  er  ein  vor- 
trefflicher  Kraniologe  und  hat  zu  Tubingen  eine  reiche  anthropologische 
Schadelsammlung  angelegt.  Hierher  gehoren  auch  seine  Veroffentlichungen 
iiber  die  Schadel  verschiedener  historischer  Personlichkeiten  (Hugo  v.  Mohl, 
Schiller,  Fraulein  v.  Gochhausen).  In  den  beiden  letztgenannten  Fallen  handelt 
es  sich  um  die  Identifizierung  des  Schadels  nach  dem  vorhandenen  Bildnis- 
material,  Untersuchungen,  die  jedesmal  auBerst  schwierig  sind,  aber  gelegent- 
lich  auch  durch  die  Umstande  erforderlich  werden.  So  hatte  schon  His  seinerzeit 
den  Schadel  Joh.  Seb.  Bachs  auf  Ansuchen  des  Rates  der  Stadt  Leipzig  iden- 
tifiziert.  Nachdem  nun  Welcker  die  Echtheit  des  in  der  Weimarer  Fiirstengruft 
aufbewahrten  Schiller-Schadels  angezweifelt  hatte,  suchte  F.  an  der  Hand  des 
Bildnismaterials  den  Schadel  unter  vielen  neu  zu  bestimmen.  Es  ist  bekannt, 
daB  er  in  der  Tat  einen  anderen  Schadel  als  den  echten  bezeichnete;  da  diese 
Untersuchung  mit  dem  Aufgebote  aller  technischen  Hilfsmittel  durchgefuhrt 
worden  war,  muB  man  sich  mit  dem  Resultate  geniigen  lassen ;  es  ist  kaum  an- 
zunehmen,  daB  das  gesamte  Material  noch  einmal  durchgearbeitet  werden  wird. 

Weiterhin  hat  F.  seine  Untersuchungen  am  Kopfe  auch  auf  die  Lage  des 
Gehirns  zum  Schadel  ausgedehnt.  Es  gelang  ihm,  ein  topographisches  Werk 
ersten  Ranges  zustande  zu  bringen,  welches  auf  diesem  Gebiete  als  klassisch 
bezeichnet  werden  muB,  und  die  solide  Grundlage  fur  die  operativen  MaBnahmen 
am  GroBhirn  geworden  ist. 

Im  ganzen  gewinnt  man  von  den  Arbeiten  F.s  (umfassend  52  Nummern)  den 
Eindruck,  daB  er  ein  auBerordentlich  peinlicher  und  gewissenhafter  Forscher 
gewesen  ist,  der  sich  nirgend  genug  tun  konnte.  Jederzeit  wurden  alle  nur  er- 


Froriep.  Gillhausen  83 

denklichen  Hilfsmittel  ausgenutzt,  urn  das  Resultat  sicherzustellen.  Auch  als 
Chef  des  Institutes  hat  er  sich  sehr  erhebliche  Verdienste  erworben,  denn  die 
anatomische  Anstalt  zu  Tubingen  in  ihrer  jetzigen  verbesserten  Gestalt  ist  sein 
Werk.  Auch  hat  er  die  Sammlungen  reichlich  vermehrt  und  den  Unterricht  in 
vorbildlicher  Weise  gepflegt. 

Literatur:  M.  Heidenhain,  August  v.  F.  Anatom.  Anzeiger,  Bd.  50,  191 7,  mit  Bildnis. 

Tubingen.  Martin  Heidenhain. 

Gillhausen,  Gisbert,  Geh.  Baurat  und  Dr.-Ing.  e.  h.,  *  am  28.  Juli  1856  zu 
Sterkrade  bei  Oberhausen,  |  am  16.  Marz  1917  in  Essen.  —  Gisbert  G.  war 
der  Sohn  eines  Hiittenbeamten  der  Gutehoffnungshiitte,  die  damals  noch 
unter  der  Firma  Gewerkschaft  Jacobi,  Haniel  &  Huyssen  bekannt  war,  und 
so  wurde  er  schon  durch  Geburt  und  Umgebung  in  die  technische  Laufbahn 
gewiesen,  fiir  die  er  eine  fruhe  und  entschiedene  Begabung  mitbrachte.  Unter 
acht  Geschwistern  in  engen  Verhaltnissen  aufwachsend  und  durch  den  friihen 
Tod  des  Vaters  vor  die  Notwendigkeit  raschen  Vorwartskommens  gestellt, 
vertauschte  der  Knabe  schon  mit  16  Jahren  das  Gymnasium  zu  Wesel  mit 
dem  Polytechnikum  zu  Aachen,  wo  ihn  sein  Fleifl  und  seine  friih  hervor- 
tretende  mathematische  Begabung  in  dem  gewahlten  Fache  des  Maschinen- 
baus  rasch  forderten. —  Schon  nach  vierjahrigem  Studium,  noch  nicht  ganz 
zwanzigjahrig,  trat  G.  als  Ingenieur  in  die  Gutehoffnungshiitte  ein,  wo  er 
an  groBeren  Eisenbauten,  u.  a.  an  den  Briicken  fiir  die  Gotthardbahn  und 
an  der  Koblenzer  Rheinbrticke,  sein  konstruktives  Talent  weiter  ausbildete. 
Einige  Jahre  spater  finden  wir  ihn  schon  in  selbstandig  verantwortlicher 
Stellung  als  Oberingenieur  bei  den  Rheinischen  Stahlwerken,  und  hier,  wo 
er  nach  seinen  eigenen  Worten  die  schonsten  Jahre  seines  Lebens  verlebte 
und  zur  Familiengriindung  schritt,  eroffnete  sich  auch  seiner  seltenen  Arbeits- 
kraft  und  Energie  ein  breites  dankbares  Feld.  Die  deutsche  Industrie  trat 
damals,  am  Beginn  der  achtziger  Jahre,  mit  dem  nach  schweren  Kampfen 
errungenen  Zolltarif  nach  langem  Darniederliegen  wieder  in  eine  hoffnungs- 
vollere  Tatigkeitsperiode  ein.  Gleichzeitig  eroffnete  sich  durch  den  vor  kurzem 
erschlossenen  ThomasprozeC  gerade  fiir  die  deutschen  Hiitten  eine  Moglichkeit 
kraftigen  Auf schwunges :  die  gewaltigen  Eisensteinschatze  des  jiingst  er- 
worbenen  Lothringens  konnten  durch  das  neue  Verfahren  erschlossen  und  ein 
wertvolles  Erzeugnis  billig  dem  Weltmarkte  zugefiihrt  werden.  An  diesem 
grofien  Umschwunge  als  einer  der  ersten  mitgearbeitet  zu  haben,  hat  G.  immer 
als  eins  der  gliicklichsten  Ereignisse  seiner  technischen  I,aufbahn  bezeichnet. 
Die  Rheinischen  Stahlwerke  begannen  mit  der  Einfuhrung  des  Thomasver- 
fahrens  unmittelbar  nach  G.s  Eintritt,  er  nahm  an  alien  einschlagigen  Arbeiten 
starksten  Anteil,  entwarf  einen  groBen  Teil  der  erforderlichen  Hiittenanlagen, 
Walzwerke  und  bereicherte  zugleich  seine  eigenen  Erfahrungen,  die  er  dann  im 
Dienste  der  Firma  Krupp  auf  der  breitesten  Grundlage  verwerten  konnte. 

Im  JahreiSgo,  zehn  Jahre  nach  G.s  Eintritt  bei  den  Rheinischen  Stahlwerken, 
erfolgte  sein  Ubertritt  zu  Krupp.  Man  berief  ihn  als  Loiter  des  Technischen 
Bureaus,  in  welchem  samtliche,  den  weiten  Umkreis  der  Kruppschen  Werke 
betreffenden  Neuanlagen  entworfen  und  ausgefiihrt  werden,  und  an  welcher 
Stelle  nach  einer  natiirlichen  Pause  des  Stillstandes  in  den  letzten  L,ebensjahren 


84  lw 

und  nach  dem  Abscheiden  des  groBen  Alfred  Krupp  ein  neuer,  wissenschaftlich 
durchgebildeter  Betrieb  wiinschenswert  erschien.  G.  brachte  fur  eine  Erneue- 
rungsarbeit  dieser  Art  alle  Eigenschaften  in  reichem  MaBe  mit,  ein  griindliches 
akademisches  Wissen,  reiche  Erfahrung  trotz  seiner  Jugend  und  eine  unver- 
siegbare,  vor  keiner  Schwierigkeit  zuriickschreckende  Energie  des  Wollens  und 
der  Tat.  Sein  Tatendrang,  mit  einer  klaren  Erkenntnis  des  Notwendigen  und 
einem  eisernen  FleiB  vereinigt,  war  nach  dem  Zeugnis  seiner  damaligen  Mit- 
arbeiter  und  spateren  Nachfolger  derart  ungestiim  und  unaufhaltsam,  daB  der 
Fernerstehende  ihm  schwer  zu  folgen  vennochte.  Sein  gliickliches  Geschick 
wollte  es,  daB  er  in  dem  Sonne  und  Nachfolger  Alfred  Krupps  einen  Chef  und 
Auftraggeber  fand,  der,  bei  bemerkenswerter  eigener  Einsicht  in  die  technischen 
Zusammenhange,  frei  von  Kleinlichkeit  und  Eifersucht  war  und  groBe  Talente 
hochherzig  zu  unterstiitzen  verstand.  Friedrich  Alfred  Krupp  brachte  den  weit 
ausgreifenden  Planen  G.s  voiles  Vertrauen  entgegen,  und  aus  diesem  Zusam- 
menwirken  entstand  zunachst  jenes  groBdurchdachte  Werk  neuzeitlicher  In- 
genieurkunst,  die  Friedrich- Alfred-Hiitte  am  Niederrhein,  das  zur  Zeit  seiner 
Entstehung  bis  weit  tiber  die  Grenzen  Deutschlands  als  eins  der  leistungs- 
fahigsten  und  besteingerichteten  Hiittenwerke  Europas  anerkannt  wurde.  Die 
groBen  Fragen  des  Transportes,  der  Warmeausnutzung,  des  Ineinandergreifens 
aller  Arbeiten  vom  Schmelzen  der  Erze  bis  zum  Fertigwalzen  der  Schiene  sind 
in  Rheinhausen  fruhzeitig  mit  einer  amerikanischen  Verhaltnissen  zu  ver- 
gleichenden  GroBziigigkeit  gelost  worden.  Nach  dem  Zusammenbruche  der 
alten  Grundlagen  der  Kruppschen  GuBstahlfabrik  infolge  des  verlorenen 
Krieges  und  des  Machtf riedens  der  Feinde  ist  dieses  groBe  Hiittenwerk  der  feste 
Grundpfeiler  bei  der  Wiedererneuerung  des  Gesamtunternehmens  ge worden. 
Mit  der  Kiihnheit,  die  ihn  bei  dem  Entwurf  groBer  Plane  auszeichnete,  hat  G. 
in  Rheinhausen  auch  die  damals  neue  Frage  der  Gasverwertung  in  GroB- 
maschinen,  die  zu  den  Grundztigen  der  modernen  Hiittentechnik  gehort,  mit 
einem  Schlage  gelost  zu  einer  Zeit,  als  die  GroBgasmaschine  noch  eine  viel- 
umstrittene,  keineswegs  geloste  Aufgabe  war.  Er  besaB  das  groBe  MaB  von 
Verantwortungsgefiihl,  das  die  Folgen  eines  neuen,  ktihnen  Schrittes  wohl  zu 
berechnen,  aber  auch  auf  sich  zu  nehmen  versteht. 

G.s  ganze  Vielseitigkeit  zeigte  sich  in  den  nachsten  Jahren  beim  Neubau  der 
Germaniawerft  in  Kiel,  die  Krupp  um  die  Jahrhundertwende  seinen  alteren 
Betrieben  angliederte.  Die  Germaniawerft  ist  ja,  abgesehen  von  ihren  sonstigen 
Kriegsschiffbauten,  die  Wiege  des  deutschen  Unterseebootes  geworden,  und 
auch  auf  diesem  Felde  war  es  G.  beschieden,  tatkraftig  einzugreifen,  indem  er 
fruhzeitig  die  Bedeutung  des  Dieselmotors  erkannte  und  die  Unterstiitzung 
dieser  groBen  Erfindung  durch  die  Firma  Krupp  nachdrucklich  beeinfluBte. 
Was  in  der  Maschinenfabrik  Augsburg  -  Niirnberg  Buz  (s.  unten  S.  225  ff.) 
leistete,  das  war  in  Essen  G.,  und  die  U-Boots-Dieselmaschine,  die  das  deutsche 
Unterseeboot  in  erster  Linie  zu  glanzenden  Leistungen  wahrend  des  Krieges 
befahigt  hat,  hatte  ohne  die  Tatkraft  dieser  beiden  Manner  schwerlich  ihre 
Tasche  Vollendung  erfahren.  Es  ist  wenig  bekannt,  daB  die  erste  Anregung  zur 
Verwendung  des  Dieselmotors  als  Schiffsmaschine  schon  im  Jahre  1897  von  G. 
ausging. 

Nach  dem  beendigten  Ausbau  der  Germaniawerft  kehrte  G.,  seit  1899  ins 
Direktorium  der  Firma  Krupp  berufen,  etwa  mit  dem  Jahre  1900  mitdoppeltem 


Gillhausen  85 

Eifer  zu  der  Vollendung  seiner  liebsten  Schopfung,  des  Hiittenwerks  in  Rhein- 
hausen,  zuriick.  Aber  auch  als  diese  Aufgabe  voll  gelost  war  und  Krupp  damit 
zeitweilig  iiber  das  groBte  und  modernste  Stahlwerk  Europas  gebot,  kannte  G. 
kein  Ausruhen.  Schon  seit  Jahren  drangte  die  Modernisierung  und  Zusammen- 
fassung  der  in  50  Jahren  langsam  entwickelten  Kruppschen  Kanonenwerk- 
statten  als  wichtigste,  aber  auch  schwerste  Aufgabe  der  Essener  Betriebe.  Auch 
diese  Arbeit,  die  sich  im  wesentlichen  als  die  Uberfuhrung  der  Kruppschen 
Werke  in  den  neuzeitlichen  GroBbetrieb  bezeichnen  laBt,  fiel  schlieBlich  G.  zu. 
Sie  nahm  eine  Reihe  von  Jahren  in  Anspruch  und  bezeichnet  im  groBen  und 
ganzen  den  AbschluB  seiner  umfassenden  Tatigkeit  fiir  Krupp,  ein  Jahr  vor 
dem  Ausbruche  des  Weltkrieges  schied  er  aus  der  Firma  aus.  Er  stellte  sein 
Wissen  und  seine  Erfahrungen  fortan  durch  gelegentliche  Arbeiten  fiir  eine 
Reihe  der  groBten  Werke  nicht  nur  in  den  Dienst  der  gesamten  deutschen 
Industrie,  sondern  ubte  auch  tiefgehenden  EinfluB  aus  in  den  groBen  wirtschaft- 
lichen  Verbanden  des  Rheinlandes  und  in  der  Verwaltung  der  machtig  auf- 
strebenden  GroBstadt  Essen.  Hier  behielt  er  auch  nach  dem  Ausscheiden  aus 
der  Firma  Krupp  seinen  Wohnsitz  und  brachte  damit  seine  Zugehorigkeit  zum 
Mittelpunkte  der  technisch  gesteigerten  deutschen  Wirtschaft  bewuBt  zum 
Ausdruck. 

Zu  Beginn  des  Jahres  1917  wurde  G.  von  dem  Leiter,  Generalleutnant 
Groener,  zur  Mitarbeit  im  deutschen  Kriegsamt  berufen,  aber  ein  tragisches 
Geschick  riB  ihm  diese  ersehnte  Gelegenheit,  dem  Vaterlande  mit  seinen  reichen 
Gaben  dienen  zu  konnen,  aus  der  Hand.  Eine  kurze  tiickische  Krankheit,  die 
er  sich  auf  einer  mit  seiner  neuen  Berufung  im  Zusammenhang  stehenden 
Reise  zuzog,  raffte  den  anscheinend  kraftigen  Mann  in  wenigen  Tagen  hin.  Er 
starb  am  16.  Marz  1917  im  Alter  von  noch  nicht  61  Jahren.  An  seiner  Bahre 
wurde  das  nachfolgende,  seine  Bedeutung  kennzeichnende  Wort  gesprochen: 
»Jedes  U-Boot,  das  die  Germaniawerft  verlaBt,  jedes  Geschiitz,  das  von  den 
Essener  Werken  zur  Front  rollt,  geben  Zeugnis  von  seinem  Wirken.  a  Die  Firma 
Krupp  ehrte  das  Andenken  eines  ihrer  groBten  Ingenieure  durch  den  im  Jahre 
192 1  vollendeten  groBen  Erzdampfer  , Gillhausen*. 

Die  besten  Eigenschaften  Gisbert  G.s  hat  einer  seiner  Freunde,  der  ver- 
storbene  Dr.-Ing.  Hartwig,  der  seinerzeit  Assistent  G.s  gewesen  war,  mit  kurzen 
Worten  zusammengef aBt :  »Er  besaB  in  seltenem  MaBe  jene  Gaben,  die  den 
rechten  Ingenieur  ausmachen :  technisches  Wissen  in  engster  Fuhlung  mit  den 
Forderungen  der  Praxis,  eisernen  Willen,  der  sich  riicksichtlsos  durchzusetzen 
wuBte,  wenn  es  Wichtiges  zu  er  reichen  gait,  zahe  Ausdauer,  unermiidlichen 
FleiB,  gewissenhafte  Pflichttreue,  treffsicheres  Urteil,  stark  entwickelten  Ord- 
nungssinn,  kaufmannisches  Empfinden  und  rasches  Erfassen  des  springenden 
Punktes;  in  alien  Fragen  das  Herz  auf  dem  rechten  Fleck,  war  er  zuverlassig 
in  Gesinnung  und  gerecht  im  Tun,  streng  gegen  sich  selbst  und  gegen  seine 
Untergebenen,  aber  zugleich  ein  wohlwollender  Berater  und  ein  gerechter  Vor- 
gesetzter.  Den  Ingenieurstand  suchte  G.  mit  alien  ihm  zur  Verfiigung  stehenden 
Mitteln  hochzuhalten ;  jungeren  strebsamen  Ingenieuren  half  er  nicht  nur  gern 
vorwarts,  sondern  hatte  auch,  wo  es  notig  war,  eine  mildtatige  Hand  fiir  sie, 
wie  er  iiberhaupt  seinen  Opfersinn  in  zahlreichen  Fallen,  insbesondere  wahrend 
des  Krieges,  gern  bekundete.« 

Kosel  (Kreis  Eckernforde).  Wilhelm  Berdrow. 


86  19*7 

Hocheder,  Karl,  Architekt  und  o.  Professor  der  Baukunst,  *  7.  Marz  1854  zu 
Weiherhammer  (Oberpfalz),  f  21.  Januar  1917  in  Miinchen. —  H.  entstammt 
einer  bayerischen  Beamtenf amilie ;  der  Vater,  Adolf  H. ,  war  zur  Zeit  der  Geburt 
seines  Sohnes  Karl  Bergmeister  in  Weiherhammer,  spater  Generaldirektor  der 
bayerischen  Verkehrsanstalten.  H.  selbst  war  sich  des  ganz  innigen  Verwachsen- 
seins  mit  dem  altbayerischen  Boden  immer  bewuflt ;  nicht  ohne  Stolz  erzahlte 
er,  daB  »die  Wiege  seiner  Ahnen  kaum  vier  Stunden  weit  von  Salzburg  weg  in 
jenem  bekannten  Pfarrdorf  Anger  stand,  das  Kdnig  Ludwig  I.  als  das  schonste 
Dorf  seines  Landes  gepriesen  hat«.  Das  ist  in  der  Tat  eine  gesegnete  Gegend, 
aus  der  ein  rechtes  Geschlecht  heranwachsen  konnte,  nahe  der  klassischen 
Landschaft  Salzburgs  und  gegenuber  dem  romantischen  Untersberg. 

Die  Schulen  wurden  in  Miinchen  besucht;  erst  das  humanistische  Gymna- 
sium, dann  das  Realgymnasium.  Auf  der  Technischen  Hochschule  traf  H.  zu- 
nachst  als  Lehrer  Gottgetreu  und  Geul,  zu  denen  er  kein  naheres  Verhaltnis 
f inden  konnte ;  einfluBreicher  war  der  Unterricht  Neureuthers  gegen  Ende  des 
vierjahrigen  Studiums,  das  1878  durch  die  Prufung  abgeschlossen  worden  ist. 
Nachdem  die  praktische  Ausbildung  bei  der  Eisenbahnsektion  L,andshut,  bei 
der  Generaldirektion  der  Verkehrsanstalten  in  Miinchen  und  beim  Landbau- 
amt  daselbst  erledigt  war,  unterzog  sich  H.  der  praktischen  Staatspriifung  im 
Jahr  1881,  fand  darauf  Verwendung,  aber  kein  Geniigen  beim  Iyandbauamt  in 
Amberg  und  stellte  sich  dem  nur  wenige  Jahre  alteren,  als  Nachfolger  Neu- 
reuthers berufenen  neuen  Professor  der  Baukunst  Friedrich  Thiersch  (s.  DBJ. 
1921,  S.  252 — 257)  als  Assistent  zur  Verfugung.  Das  war  nun  allerdings  ein 
frohliches  Schaffen,  anders  als  in  den  verstaubten  Stuben  der  Bauamter.  Neben, 
nicht  unter  der  glanzenden  Person  Fr.  Thierschs  zu  arbeiten,  war  fur  den 
auflerlich  weit  weniger  glanzenden  H.  sicher  eine  Freude,  vielleicht  auch  manch- 
mal  ein  Anlafi  zur  Ubung  des  ihm  durchaus  gelauf igen  Ein-  und  Unterordnens ; 
kunstlerisch  genommen  konnte  es  aber  kaum  groBere  Gegensatze  geben: 
Thierschs  Klassizitat  und  H.s  warmbliitige,  suchende  Romantik.  Ich  erinnere 
mich  heute  noch  mit  Vergniigen,  welches  kopfschiittelnde  Staunen  bei  uns 
Studierenden  und  beim  Chef  ein  unter  H.s  besonderer  Aufsicht  entstehender, 
ganz  und  gar  verschnorkelter  Deutsch-Renaissance-Entwurf  hervorgerufen  hat. 
So  blieb  H.  auf  seiner  Bahn,  trotzdem  er  vier  Jahre  bei  Thiersch  assistierte; 
menschlich  aber  traten  sich  die  beiden  nahe  und  wurden  spater  als  Kollegen 
gute  Freunde. 

Sollte  der  AnschluB  im  Staatsdienst  nicht  verpaBt  werden,  so  muBte  H. 
dahin  zuriickkehren.  Als  Bauamtassessor  zog  er  1885  noch  einmal  nach  dem 
schonen  Stadtchen  Amberg,  ein  Jahr  spater  wurde  er  an  das  Landbauamt 
Miinchen  versetzt.  Allein  die  Aufgaben,  die  H.  fur  sich  wiinschte,  waren  hier 
kaum  zu  f inden ;  viel  eher  mochte  dies  bei  der  Stadt  sein ;  er  siedelte  als  Bau- 
amtmann  an  das  Stadtbauamt  Miinchen  iiber.  Und  nun  begann  eine  Tatigkeit, 
die  ebenso  fruchtbar  wie  segensreich  fur  Miinchen  geworden  ist,  eine  Tatigkeit, 
die  eine  Zeitlang  das  Munchener  Stadtbauamt  zum  Gegenstand  der  Bewunde- 
rung  und  Nachahmung  f iir  ganz  Deutschland  machte  —  dies  letzte  sehr  zum 
MiBbehagen  H.s.  Denn  seine  Arbeit  ruhte  breit  und  fest  im  heimatlichen  Boden ; 
ihm  muBte  der  nachgemachte  »Miinchner  Barock«  in  Mittel-  oder  Norddeutsch- 
land  ein  Greuel  sein. 

Die  Zustande  am  Stadtbauamt  waren  nach  einer  langen  Epoche  stark  per- 


ttocheder  87 

sonlicher  Leitung  unter  Zenetti  reif  zur  Erneuerung.  Zenettis  Nachfolger, 
W.  Rettig,  bedeutete  eine  kometenhaft  schnell  voriiberziehende  Epoche ;  erst 
die  tJbernahme  der  Oberleitung  durch  Adolf  Schwiening  brachte  Ruhe  und 
GleichmaB  in  das  Amt.  Es  ist  Schwienings  groBes  Verdienst,  daB  er,  eigener 
Bautatigkeit  ganz  entsagend,  H.  voile  freie  Bahn  gewahrte,  ihm  und  seinem 
ebenbiirtigen,  bald  nachher  eintretenden  Kollegen  Hans  Grassel. 

Die  Bauaufgaben,  die  nun  in  rascher  Folge  von  H.  zu  bewaltigen  waren, 
betrafen  zunachst  Schulen,  von  denen  die  ersten  noch  gebunden  und  unfrei 
Zeugnis  davon  ablegten,  daB  Uberkommenes  zu  verarbeiten  war.  Bald  aber 
brach  die  frohliche  bayerische  Art  durch;  heller  Putz,  rote  schone  silhouet- 
tierende  Dacher,  freie  schwingende  Ornamentik  und  lichte  Raume  zeichnen 
u.  a.  die  Schulen  an  der  ColumbusstraBe  und  die  an  der  StielerstraBe  aus.  189 1 
ubernahm  H.  auBerdienstlich  den  Neubau  der  Kranken-  und  Pflegeanstalt  des 
bayerischen  Frauenvereins  vom  Roten  Kreuz  in  der  Vorstadt  Neuhausen.  Das 
war  wieder  gluckliche  Uberwindung  der  Schwere  und  Tnibseligkeit — fast 
heiter,  soweit  ein  Krankenhaus  heiter  sein  darf .  Ahnlicher  Aufgabe  gait  drei 
Jahre  spater  H.s  Arbeit  an  dem  stadt.  Armenversorgungsheim  an  der  Martin- 
straBe.  Auch  da  kein  finsterer  Versorgungsbau,  sondern  ein  biirgerlich  statt- 
liches,  breit  und  behaglich  daliegendes  Haus.  Industriebauten  faBte  nun  aller- 
dings  H.  nicht  in  moderner  »Neuer  Sachlichkeit«  auf,  sondern  er  suchte  iiber 
das  Harte,  damals  wenigstens  als  hart  Empfundene  mit  einer  Anleihe  bei  der 
burgerlich-klosterlichen  Architektur  hinwegzukommen ;  sogar  der  hohe  Kamin 
des  Elektrizitatswerkes  an  der  StaubstraBe  muBte  eine  dekorative  Verkleidung 
erfahren.  Aber  wer  wiinschte  statt  des  kostlichen  kleinen  Turbinenhauses  in 
den  Maximiliansanlagen,  das  mit  seiner  griinen  Haube  an  einen  SchloBpavillon 
recht  lebhaft  erinnert,  ein  Bauwerk  in  neuer  Sachlichkeit  zu  sehen  ?  Diese  Art 
hat  dann  H.  zu  einer  Hochstleistung  gesteigert  in  seinem  Volksbad,  das  nach 
dem  Stifter  das  Mullersche  heiBt.  Dieser  verlangte  um  jeden  Preis  italienische 
Renaissance;  H.  aber  wollte  nicht  und  setzte  sich  mit  manchen  Unan- 
nehmlichkeiten  durch.  Er  wollte  auch  nicht  an  eine  akademisch  zusamraen- 
fassende  Kastenarchitektur ;  er  verlangte  die  Vielheit  der  Bauteile,  die  zwei 
Schwimmhallen,  die  Wannenbader  und  alles  andere  klar  und  deutlich  auszu- 
driicken,  und  das  Hochreservoir  war  ihm  gerade  recht,  einen  Turm  daraus  zu 
machen.  Durch  dieses  Volksbad  ist  H.  volkstumlich  geworden,  fast  so  sehr  wie 
Gabriel  Seidl,  dem  er  freundschaftlich  bewundernd  zugetan  war. 

Neben  diesen  groBen  Arbeiten  lief  en,  wie  das  in  einem  viel  beschaftigten 
Bauamt  zu  erwarten  ist,  eine  Reihe  minder  wichtiger  her:  der  Pfarrhof  der 
Giesinger  Kirche — fast  iibermaBig  bewegt,  das  Feuerhaus  an  der  Kirchen- 
straBe  u.  a.  m.  Die  Bauausfiihrung  des  Volksbades  iiberdauerte  die  amtliche 
Tatigkeit  bei  der  Stadt ;  einige  wichtige  Entwiirfe  muBte  er  seinem  Nachf olger 
Rehlen  iibergeben. 

Denn  nun  trat  eine  neue  entscheidende  Wendung  im  Leben  H.s  ein,  er  wurde 
1898  auf  den  Lehrstuhl  Professor  Geuls  gerufen  mit  dem  L,ehrauf trag :  Ge- 
baudekunde.  Zunachst  war  das  nach  den  fruchtbaren  9  Jahren  des  stadtischen 
Dienstes  ein  Entsagen,  denn  die  Aufgaben  pflegen  den  Hochschulprofessoren 
nicht  in  Menge  in  den  SchoB  zu  fallen ;  aber  H.  f and  viel  Gentigen  in  der  Lehr- 
tatigkeit,  da  ihm  neben  dem  unermiidlichen  kunstlerischen  Tatendrang  eine 
starke  Neigung  zur  Theorie  innewohnte.  Er  war  nun  aufgenommen  in  einen 


88  1917 

Kreis  von  Mannern,  mit  denen  ihn  bald  gleiches  Streben  nnd  Freundschaft 
verband.  Die  Beziehungen  zu  Friedrich  Thiersch  sind  schon  erwahnt.  Dessen 
Bruder  August,  Jakob  Biihlmann  und  Heinrich  v.  Schmidt,  bald  darauf  auch 
Paul  Pfann  waren  die  bedeutenden  Glieder  dieses  harmonischen  Kreises.  Die 
Vorlesungen  iiber  Gebaudekunde,  ein  schwieriges  und  recht  undankbares 
Thema,  arbeitete  H.  mit  der  groBten  Gewissenhaftigkeit  fast  wortlich  aus,  in 
jedem  Jahr  abandernd,  Veraltetes  streichend  und  Neues hinzuf ugend.  Aber  die 
»t)bungen«  waren  ihm  weitaus  wichtiger.  Er  verlegte  sich  mit  Feuereifer  auf 
die  Korrektur,  so  griindlich,  daB  bald  lauter  Hocheder  auf  den  ReiBbrettern 
zu  finden  waren.  Diese  stark  subjektive  Art  seiner  Lehre  hatte  naturlich  ihre 
Vorteile  und  ihre  Nachteile.  Die  Vorteile  waren  sehr  augenfallig  und  nach- 
haltig,  denn  neben  dem  vorbildlichen  EinfluB  seiner  Bauten  war  es  dieser  kon- 
sequent  gleichgerichtete  Unterricht,  dessen  Wirkung  auf  die  jiingere  Genera- 
tion, und  nicht  nur  die  geringer  begabte,  die  Architektur  in  Bayern  fiir  zwei 
Jahrzehnte  und  mehr  festlegte.  Mehr  noch  fast  als  die  Kunst  Seidls  hat  H.s  Art 
auf  die  allgemeine  Bautatigkeit  Miinchens  und  von  hier  aus  weithinaus  einge- 
wirkt,  bis  sie  das  Schicksal  traf,  das  die  Nachahmung  notwendig  macht:  diese 
wurde  leer  und  verwassert  und  hat  als  solche  der  Meinung  uber  die  eigene  Ar- 
beit H.s  selbst  fiir  einige  Zeit  geschadet. 

1900  war  das  Miillersche  Volksbad  fertig  geworden.  Nach  der  durch  den 
Ubertritt  in  das  akademische  Leben  veranlaBten  Pause  entstand  1904  die  schone 
kleine  Kirche  der  Protestanten  in  Pasing,  dann  kamen  Wohnhauser  fiir  Kol- 
legen  und  fiir  sich  selbst,  das  SchloB  Hirschberg  am  Haarsee,  eine  Villa  in 
Levico,  das  Rathaus  in  Bozen,  das  eine  eigenartige  Mischung  aus  siidtiroler 
Stimmung  und  der  reichstromenden  Phantasie  H.s  zeigt.  Beziehungen,  die  H. 
als  der  erfahrene  Baderbaumeister  zunachst  als  Gutachter  angekniipft  hatte, 
brachten  ihm  einige  Auftrage  in  der  Feme:  1904 — 1906  baute  er  eine  Bad-  und 
Kuranstalt  in  Hermannstadt  in  Siebenbiirgen ;  spater  hat  er  ein  Thermalbad 
fiir  Banki  bei  Sofia  entworfen.  Dazwischen,  im  Jahr  1903,  war  eine  starke  Ver- 
suchung,  von  Miinchen  fortzugehen,  an  ihn  herangetreten.  Die  reiche  Stadt 
Frankfurt  a.  Main  bot  ihm  die  Stelle  des  Stadtbaurates  an.  Eine  ungleich  be- 
deutendere  Tatigkeit  hatte  ihn  verlocken  konnen,  aber  die  Heimat  hielt  ihn 
fest,  und  nun  besann  sich  der  Staat  darauf,  daB  der  Hochschullehrer  H.  ein 
um  so  besserer  Lehrer  sein  konnte,  wenn  der  Architekt  H.  eine  groBe  Aufgabe 
zu  bewaltigen  hatte.  Nach  einer  nicht  ganz  ernst  zu  nehmenden  Konkurrenz 
erhielt  H.  den  Auftrag,  ein  Geschaftshaus  fiir  das  bayerische  Verkehrsministe- 
rium  zu  bauen.  Das  Geschaftshaus  sollte  aber,  so  war  es  die  Absicht  der  gesetz- 
gebenden  Korperschaften,  »einen  iiber  die  Befriedigung  des  nackten  Raum- 
bediirfnisses  hinausgehenden  reprasentativen  Ausdruck  haben,  als  Sitz  der 
obersten  Verwaltungsstelle  des  gesamten  bayerischen  Verkehrswesens«.  Dies 
war  nun  freilich  nach  dem  Herzen  H.s,  anders  hatte  es  den  Mann  mit  der  un- 
erschopflichen  Phantasie,  den  Vorkampfer  groBer  stadtebaulicher  Auffassungen 
kaum  gereizt.  Der  Platz  liegt  nordlich  an  den  Hauptbahnhof  angelehnt  nicht 
weit  vom  Empfangsgebaude.  Der  groBere  Teil  wird  durch  die  ArnulfstraBe 
abgetrennt,  nur  ein  schmaler  Streifen  bleibt  langs  des  Bahnhofes  liegen.  Diese 
ArnulfstraBe  einfach  an  einem  Baukorper  voriiberzufuhren,  lag  nicht  im  Sinn 
Hs. ;  er  hatte  zu  viel  iiber  Platzwirkungen,  iiber  dasWesen  des  architektonischen 
Raumes  nachgedacht;  er  brauchte  einen  umschlossenen  Raum,  und  die  Arnulf- 


Hocheder  89 

straBe  wurde  gleichsam  angehalten  in  ihrem  Lauf,  sie  wird  uberbaut  mit  aus- 
reichend  groBen  Torbogen  und  so  das  » Forum «  des  Verkehrspalastes  gebildet, 
das  erst  im  Jahr  1926  durch  H.s  Sohn,  den  Regierungsbaurat  Karl  H.  gegen 
die  Bahnhofseite  nach  dem  Plan  des  Vaters  geschlossen  worden  ist.  Sieben 
Jahre  hat  H.  dieser  gewaltigen  Arbeit  gewidmet.  Die  stadtebauliche  Seite  der 
Aufgabe  beschaftigte  ihn  wohl  am  meisten ;  aber  die  Sorge  um  das  Innere  war 
nicht  gering.  Die  vielen,  teils  in  gleichmaBigen  GroBen  wiederkehrenden,  teils 
sich  schwer  verbindenden  ungleichen  Raumerfordernisse  mit  der  gewiinschten 
Monumentalitat  zu  umkleiden,  war  eine  harte  Aufgabe  fur  den  GrundriB- 
entwerfer.  Nicht  iiberall  ist  die  Verarbeitung  bis  zur  vollen  Klarheit  und  t)ber- 
sichtlichkeit  gelungen.  Der  Bauteil,  der  der  reinen  Reprasentation  dient,  der 
Kuppelraum,  ist  nicht  mit  der  iiberzeugenden  Sicherheit  eingefugt,  daB  man 
die  Notwendigkeit  ohne  weiteres  anerkennen  miiBte.  Das  sind  aber  Bedenken, 
die  im  Vergleich  zum  Ganzen  nicht  stark  in  die  Wagschale  fallen.  Niemand,  der 
im  Munchener  Bahnhof  einfahrt,  wird  sich  dem  zwingenden  Eindruck  dieser 
phantastischen  Baugruppe  entziehen  konnen,  und  niemand,  der  den  jetzt  gliick- 
lich  geschlossenen  Platz  betritt,  wird  sich  durch  Einzelbedenken  von  der  Freude 
liber  diese  groBe  in  ihrer  Zeit  einzig  dastehende  Raumgestaltung  ablenken 
lassen. 

Die  Schilderung  der  Werke  H.s  sei  mit  diesem,  seinem  groflten  und  wich- 
tigsten  abgeschlossen.  Aber  eben  dieses  Verkehrsministerium  bietet  die  er- 
wiinschte  Gelegenheit,  H.s  Art  noch  klarer  zu  stellen.  Vielfach  wurde  diese 
Arbeit  angegriffen;  die  Verteidigung  hat  H.  selbst  zum  Teil  ubernommen,  und 
seinen  Gedanken  zu  folgen,  ist  wohl  das  beste  Mittel,  ihm  als  Kiinstler  naher 
zu  kommen.  Unfreundliche  Beurteiler  fanden  die  Anwendung  des  Barocks  an 
einem  modernen  Bau  falsch  und  tadelten  den  Mangel  an  Charakteristik. 
Freundliche  Beurteiler  priesen  H.  als  den  »letzten  Barockmeister«.  Er  selbst 
war  mit  beidem  nicht  einverstanden ;  er  f uhlte  sich  als  ein  Moderner ;  er  nahm 
fiir  sich  in  Anspruch,  daB  diese  Form  eine  ihm  iiberlieferte  Sprache  sei,  in  der 
er  doch  ziemlich  viel  auszudriicken  habe.  Die  Gleichsetzung  der  Stilform  mit 
der  Sprache  hatte  er,  wie  viele  anderen  Gedankenwege,  von  Adolf  Hildebrand 
(s.  DBJ.  1921,  S.  I42ff.)  ubernommen.  Weit  von  sich  weist  er  eine  Gleich- 
stellung  mit  den  Stilarchitekten  der  letztvergangenen  Epoche,  denen  die  Stil- 
form nicht  Mittel  des  Ausdrucks,  sondern  Endziel  iiberhaupt  war.  Der  Aner- 
kennung,  die  im  »letzten  Barockmeister«  liegen  sollte,  miBtraute  er  mit  Recht, 
denn  sie  schmeckte  stark  nach  einer  Entschuldigung.  Entschuldigung  aber 
konnte  er  gut  entbehren,  ein  Mann,  der  so  sehr  im  Zug  seiner  Zeit  schritt,  selbst 
die  Entwicklung  vorwarts  trieb  und  auf  solche  Erfolge  weisen  konnte. 

Wie  klar  er  seine  Stellung  zur  Zeit  und  zu  seiner  Umgebung  sah,  sollen  einige 
Satze  aus  einer  Rede  bezeugen,  die  er  191 1  hielt:  »Ich  habe  das  Gliick,  oder 
wenn  Sie  wollen,  das  Ungliick,  daB  man  von  meinen  Bauten  aussagt,  sie  hatten 
alle  etwas  Katholisches  an  sich.  Ich  weiB  nicht,  was  daran  schuld  ist,  etwa  daB 
uns  Bayern  katholisches  Wesen  und  Barock  unzertrennlich  verbundene  Be- 
griffe  sind.  Unsere  Kloster  und  Fiirstensitze  gehoren  fast  ausschlieBlich  dem 
Barockstil  an.  Oder  sind  Eindriicke  meiner  fnihesten  Jugend,  die  ich  in  dem 
schonen  Salzburg  zu  verbringen  das  Gliick  hatte,  so  machtig  gewesen,  daB  sie 
fiir  das  spatere  Berufsleben  noch  nachhielten  ?  Oder  liegt  mir  das  katholische 
Barock  im  Blute  ?  Kurz  so  manchen  projektierten  und  verwirklichten  Bauten 


go  1917 

meiner  Hand  hangt  der  Titel  eines  Klosters  an.  Wenn  ich  dem  auch  nicht  eine 
l^esondere  Bedeutung  beimesse,  so  habe  ich  dabei  doch  wenigstens  die  Beruhi- 
gung,  daB  ich  in  meiner  gewohnten  Ausdrucksweise  durch  all  die  Jahre  hin- 
durch  recht  konsequent  geblieben  bin.* 

Derart  betrachtete  er  mit  kritischem  Blick  sich,  seine  Kunst  und  die  Kunst 
tiberhaupt.  Von  Zeit  zu  Zeit  fielen  Friichte  ab  vom  Baume  seiner  Erkenntnis. 
Vortrage  oder  Schrif ten  etwa  mit  dem  Titel :  »  Konvexe  und  konkave  Formen 
in  der  Baukunst«;  »Baukunst  und  Bildwirkung*;  der  Vortrag  iiber  das  Ver- 
kehrsministerium,  dem  die  obigen  Satze  entnommen  sind  (191 1);  »Die  Fort- 
schritte  der  Technik«  (1916).  Stark  beeinfluBt  von  dem  Hildebrandschen 
♦  Problem  der  Form*  behandelt  H.  mit  Vorliebe  das  Raumliche  im  Gegensatz 
zum  Korperlichen.  Wie  Hildebrand  geht  er  von  physiologischen  Dingen  aus, 
um  seine  Vorliebe  fur  das  Konkave  zu  begriinden.  Unter  »amphitheatralischem 
Aufbau«  versteht  er  die  der  Hohlkugelform  sich  annaherade  Anordnung  der 
Baumassen,  von  der  er  im  Gegensatz  zu  der  harten  Wirkung  des  Konvexen  die 
besten  Wirkungen  erwartet.  Seine  Theorie  ist  der  Praxis  entwachsen  und  hat 
als  solche  zum  mindesten  den  Wert  der  begriindeten  Empiric  Freilich  sind 
diese  Dinge  auch  nicht  befreit  vom  Wechsel,  zum  mindesten  nicht  vom  Wechsel 
der  ihnen  zufallenden  Aufmerksamkeit. 

Mitten  aus  einer  noch  regen  praktischen  und  geistigen  Tatigkeit,  umdiistert 
allerdings  von  Sorgen  um  das  Schicksal  der  Sonne  im  Krieg,  starb  H.  am  21.  Ja- 
nuar  1917  plotzlich  am  Herzschlag.  Er  hinterlieB  seine  Freunde  in  tiefer  Trauer. 
Sie  schatzten  nicht  nur  den  ausgezeichneten  Kunstler  in  ihm,  ebensosehr  den 
vortrefflichen  Menschen.  Bescheiden  und  fast  angstlich  sich  zuriickhaltend, 
lebte  er  in  erster  Linie  seiner  Kunst  in  nie  ermudender  Arbeit.  Fast  weichen 
Gemtits  und  doch  hartnackig,  wenn  es  gait,  wie  etwa  bei  der  Stilf rage  des  Volks- 
bades,  seiner  Uberzeugung  zum  Recht  zu  helfen,  war  H.  kein  Mann  der  per- 
sonlichen  Wirkung  im  offentlichen  Leben.  Die  Wirkung,  die  er  ausiibte,  ge- 
schah  durch  seine  Stetigkeit  und  durch  seine  Kunst. 

Miinchen.  Theodor  Fischer. 


Jacob!,  Hugo,  Kommerzienrat,  Dr.-Ing.,  e.  h.,  *  am  28.  Oktober  1834  auf 
St.  Antonyhiitte  bei  Sterkrade,  f  am  17.  Oktober  1917  in  Diisseldorf.  —  In 
Hugo  J.  finden  wir  die  Anlagen  und  Gaben  einer  Reihe  von  Ahnen  wieder, 
sein  geistiges  und  moralisches  Gut,  seine  ganze  Wesensart  darf  man  wohl 
als  eine  Mitgift  seiner  Vorfahren  ansehen.  Er  war  der  Sprofi  einer  Familie, 
die  seit  Generationen  im  Hiittenfach  gearbeitet  und  darin  AuBergewohnliches 
geleistet  hatte  und  die  auch  ethisch  hochstehend  war.  Hugos  UrgroCvater 
Johann  Heinrich  J.,  aus  Eisleben  stammend,  der  Erbauer  der  Sayner  Hiitte 
bei  Koblenz,  der  auch  die  Saarbriicker  Steinkohlenbergwerke  einrichtete  bzw. 
»sie  in  bessere  Verfassung  brachte«,  genoB  als  Hiittenmann  und  Bergwerks- 
sachverstandiger  einen  groBen,  weit  iiber  seinen  eigentlichen  Wirkungskreis 
hinausgehendes  Ansehen  und  wurde  vielerorts  als  Gutachter  herangezogen. 
So  auch  Ende  des  18.  Jahrhunderts  von  der  furstlichen  Hofkammer  des  Hoch- 
stiftes  Essen  fur  den  im  dortigen  Gebiet  vorkommenden  Eisenstein.  Man 
plante  fur  seine  Verarbeitung  die  Errichtung  einer  Hiitte.  J.s  giinstig  lautendes 
Gutachten  lieB  den  Plan  zur  Ausfiihrung  kommen  und  fuhrte  zur  Griindung 


Hocheder.  Jacobi  01 

der  Eisenhiitte  Neuessen,  eines  Werkes,  das  einen  Teil  der  heutigen  Gute- 
hoffnungshiitte  bildet  und  in  dem  seine  Kinder  und  Kindeskinder  ihre  Lebens- 
arbeit  finden  sollten.  Sein  Sohn,  Gottlob  Julius  J.  wurde  der  Erbauer  und  Leiter 
dieser  Hiitte ;  er  kann  als  der  Mitbegriinder  und  Durchkampfer  unserer  Eisen- 
industrie  betrachtet  werden  (W.  Grevel,  Die  Anfange  der  GuBstahlfabrikation 
im  Stifte  Essen).  Wahrscheinlich  hat  er  auch  mit  Friedrich  Krupp,  der  einige 
Zeit  auf  der  Sterkrader  Hiitte  tatig  war,  an  der  Losung  des  GuBstahlproblems 
gearbeitet. 

Die  heutige  Gutehoffnungshutte  ist  aus  der  Vereinigung  dreier  Werke  ent- 
standen,  die  gegen  Ende  des  18.  Jahrhunderts  gegriindet  wurden:  1753  die 
St.  Antony  hiitte  bei  Recklinghausen,  im  kurkolnischen  Gebiet,  1781  die  Gute- 
hoffnungshutte bei  Sterkrade,  die  spater  den  vereinigten  Werken  den  Namen 
gab,  im  clevisch-preuBischen  Gebiet,  und  1791  die  Eisenhiitte  Neuessen  (Ober- 
hausen) ,  der  Fiirstabtissin  des  Stif tes  Essen  gehorig.  Bald  nach  der  Griindung 
Neuessen  hielt  man  die  Verschmelzung  aller  Hiitten  fur  notig,  denn  das  Vor- 
handensein  dreier  Hiitten  auf  so  engem  Raum  war  unwirtschaftlich,  weil  die 
dort  vorhandenen  Rohstoffe,  Eisenerz  und  Holzkohle,  nur  fiir  eine  Hiitte 
geniigten.  Aber  die  Vereinigung  kam  nicht  zustande,  nur  die  der  Hiitten 
Neuessen  und  Antony  gelang;  erstere  wurde  kurz  darauf  stillgelegt,  weil  die 
Antonyhiitte  vorteilhafter  betrieben  werden  konnte.  Weltgeschichtliche  Er- 
eignisse  waren  es,  die  aber  doch  endlich  zur  Verschmelzung  der  drei  Hiitten 
fuhrten.  Durch  den  Frieden  zu  LuneVille  1801  gelangte  das  Fiirstentum  Essen 
in  PreuBens  Besitz.  Die  Fiirstabtissin  wunschte  den  eigenen  Weiterbetrieb 
aufzugeben  und  bot  die  beiden  Hiitten  der  preuBischen  Regierung  zum  Kauf 
an,  hatte  damit  aber  keinen  Erfolg.  Die  Begriindung  fiir  die  Ablehnung  ist 
eine  Anerkennung  der  Geschaftstiichtigkeit  G.  J.  J.s,  des  GroBvaters  von 
Hugo  J.  Es  heiBt  darin,  »der  groBe  Absatz  der  Antonyhiitte  riihre  daher,  daB 
der  beteiligte  J.  sehr  erfinderisch  sei,  modische  Formen  zu  Of  en  und  anderen 
GuBwaren  sich  zu  verschaffen  und  zu  verkaufen.  Der  Absatz  wiirde  aufhoren, 
wenn  andere  benachbarte  Hiitten  einen  ebenso  gewandten  und  geistreichen 
Herren  an  ihrer  Spitze  hatten  oder  die  Antonyhiitte  den  J.  verlore.*  Im 
Jahre  1805  fanden  sich  Kaufer  fiir  die  beiden  Hiitten  in  den  Briidern  Franz 
und  Gerhard  Haniel,  mit  denen  sich  J.,  ihr  Schwager,  verband.  Durch  Ver- 
mittlung  Heinrich  Huyssens,  des  Schwagers  der  Haniels,  gelang  es  1808,  die 
im  Besitz  der  Witwe  Krupp  befindliche  Gutehoffnungshutte  anzukaufen  und 
Heinrich  Huyssen  als  Gesellschafter  zu  gewinnen.  Seitdem  wurden  die  drei 
Hiitten  auf  gemeinsame  Rechnung  betrieben,  und  nachdem  der  Gesellschafts- 
vertrag  1810  schriftlich  und  notariell  beurkundet  war,  erhielt  die  Firma  den 
Namen  »Hiittengewerkschaft  &  Handlung  Jacobi,  Haniel  &  Huyssen «.  J.  hatte 
die  alleinige  Direktion,  weil  er  allein  die  zum  Betriebe  notigen  Kenntnisse 
besaB.  Nach  dem  Vertrage  durfte  er  unter  keinen  Umstanden  austreten,  muBte 
sonst  auf  seinen  Anteil  verzichten.  Unter  seiner  Leitung  nahmen  die  vereinigten 
Werke  einen  ungeheuren  Aufschwung.  Er  starb  1823,  an  seine  Stelle  trat  bis 
1864  Wilhelm  Lueg,  der  ehemalige  Erzieher  und  Hauslehrer  in  der  Familie  J., 
der  das  Werk  J.s  mit  Geschick  und  Energie  weiter  ausbaute.  Gottlob  J.s 
Sohn  August  war  Hiitteninspektor  in  St.  Antony,  er  starb  als  sein  Sohn 
Hugo  erst  acht  Jahre  zahlte. 

Die  im  Jahre  1808  vereinigten  drei  Werke  wiesen  grundsatzlich  gleiche  oder 


92  1917 

doch  ahnliche  Verhaltnisse  auf,  man  legte  den  Hauptwert  weniger  auf  die 
Roheisenerzeugung  als  auf  die  Weiterverarbeitung.  So  blieb  es  bis  Mitte  des 
Jahrhunderts,  dann  wurde  die  Herstellung  des  Roheisens  in  den  Vordergrund 
geschoben,  um  sie  in  Einklang  mit  der  Weiterverarbeitung  zu  bringen.  Dies 
bedeutete  einen  entscheidenden  Wendepunkt,  weil  sich  daran  eine  entspre- 
chende  VergroBerung  des  Erzfelderbesitzes,  unter  anderem  auch  in  Lothringen, 
und  der  t)bergang  zum  Kohlenbergbau  schloB.  Die  Entwicklung  der  Gute- 
hoffnungshiitte  spiegelt  den  wirtschaftlichen  und  kulturellen  Werdegang 
Deutschlands  im  19.  Jahrhundert  zum  Teil  wider.  Diesem  folgend  schritt 
das  Werk  zur  Einrichtung  neuer  Betriebe  und  Aufnahme  neuer  Produktions- 
zweige.  Vor  und  in  den  zwanziger  Jahren  wurde  der  Grund  zur  Maschinenbau- 
anstalt  gelegt,  in  der  Hugo  J.  spater  einer  der  Leiter  war.  Durch  Franz  Dinnen- 
dahl,  den  Vater  der  Dampfmaschine  fur  den  Ruhrkohlenbergbau,  wurde  die 
Gutehoffnungshiitte  mit  den  Anfangen  des  Maschinenbaus  in  Rheinland  und 
Westfalen  verkniipft.  Zunachst  stellte  man  nur  Maschinenteile  her,  bis  man 
im  Jahre  181 9  zum  Bau  der  ersten  Dampfmaschine  iiberging.  Mit  Griindung 
der  Rheindampfschiffahrtsgesellschaften  und  der  Rheinschleppdampfer  hangt 
die  Errichtung  der  Schiffsbauwerft  in  Ruhrort  (stillgelegt  1899)  in  den  zwan- 
ziger und  dreiBiger  Jahren  zusammen.  Die  Anfange  des  Eisenbahnbaus  in  den 
dreiBiger  und  vierziger  Jahren  lieBen  fiir  dessen  Belieferung  Puddel,  SchweiB- 
und  Walzwerke  erstehen.  Es  folgte  die  Briickenbauanstalt,  die  Herstellung 
von  Siemens-Martin-Stahl  und  die  Einfuhrung  des  Thomasverfahrens  in  den 
siebziger  bis  neunziger  Jahren.  1905  legte  das  Werk  einen  eigenen  Hafen  am 
Rhein  oberhalb  des  Dorfes  Walsum  an  als  Umschlagshafen  fur  Kohle,  Erz- 
und  Huttenerzeugnisse,  der  mit  samtlichen  Betriebsabteilungen  in  Verbindung 
steht. 

Inmitten  dieses  komplizierten  Riesengebildes  flieBt  das  auBerlich  so  ein- 
fache  Leben  Hugo  J.s  dahin.  Die  St.  Antonyhiitte,  die  Statte,  wo  die  Werke 
der  Gutehoffnungshiitte  ihren  Anfang  nahmen,  war  seine  Geburtsstatte.  »Vor 
seinem  Geburtshause  stand  noch  der  Holzkohlenofen,  unter  dem  Fenster  seines 
Geburtszimmers  ging  noch  das  Hiittenrad  und  hinter  seinem  elterlichen  Hause 
lag  der  Huttenteich. «  (Stahl  und  Eisen  1918  Nr.  11.)  Er  bewahrte  dieser  Statte 
wahrend  seines  ganzen  Lebens  seine  Liebe  und  Treue  und  kam  mit  seiner 
Familie  von  Sterkrade  allsonntaglich  hierher,  um  Erholung  zu  suchen.  Als 
sein  Vater  starb,  waren  er  und  seine  sechs  Geschwister  noch  unmiindig.  Hugo 
besuchte  zuerst  die  Schule  in  Sterkrade  und  darauf  die  in  Schermbeck  an  der 
Lippe.  An  den  Schulbesuch  schloB  sich  praktische  Arbeit  in  der  Sterkrader 
Hutte.  Von  1850  bis  1852  besuchte  er  die  Provinzialgewerbeschule  in  Hagen 
unter  Zehme.  Nachdem  er  dann  zwei  Jahre  als  Zeichner  auf  der  Gutehoffnungs- 
hiitte tatig  gewesen  war,  ging  er  zum  Studium  des  Maschinenbauf aches  nach 
Karlsruhe  1854  bis  1856,  wo  Redtenbacher  sein  I^ehrer  war.  Nach  Beendigung 
seines  Studiums  begann  er  seine  Laufbahn  in  der  Sterkrader  Hutte  als  Inge- 
nieur  und  wurde  spater  Oberingenieur.  1872/73  fand  die  Umwandlung  der 
Firma  Jacobi,  Haniel  &  Huyssen  in  den  Aktienverein  fiir  Bergbau  und  Hiitten- 
betrieb  statt,  dessen  Vorstandsmitglied  Hugo  J.  wurde  und  gleichzeitig  Leiter 
der  Sterkrader  und  Ruhrorter  Betriebe.  Nach  48jahriger  Tatigkeit  in  der 
Gutehoffnungshiitte  setzte  er  sich  1905  zur  Ruhe  und  zog  sich  nach  Diissel- 
dorf  zuriick,  blieb  aber  Aufsichtsratmitglied  und  stand  bis  zu  seinem  Tode 


J  acobi  03 

dem  Werke  mit  seinem  Rate  zur  Verfugung.  Im  Jahre  1912  tat  er  den  ersten 
f  eierlichen  Spatenstich  zu  einer  neuen  Doppelschachtanlage  der  Gutehof  fnungs- 
hiitte  in  Osterfeld,  die  in  Erinnerung  an  seinen  GroBvater  » Jacobi-Schachte* 
genannt  wurde.  Bei  seinem  letzten  Besuche  auf  der  Gutehof fnungshutte  sah 
er  noch  die  Umstellung  des  Werkes  auf  die  Kriegswirtschaft.  An  seinem 
80.  Geburtstag  verlieh  ihm  die  Technische  Hochschule  Aachen  die  Wurde 
eines  Doktoringenieurs  ehrenhalber. 

Hugo  J.s  Haupttatigkeitsfeld  und  eigenstes  Gebiet  war  die  Sterkrader 
Briickenbauanstalt  und  die  Sterkrader  Maschinenbauanstalt,  in  der  er  schon 
als  junger  Ingenieur  gearbeitet  hatte  und  die  unter  ihm  neu  eingerichtet  wurde, 
ebenso  das  Hammer-  und  PreBwerk ;  er  paBte  diese  Werke  immer  wieder  den 
Anforderungen  der  Neuzeit  an  und  sie  verdanken  ihm  ihre  iiberaus  giinstige 
Entwicklung.  Die  von  ihm  Anfang  der  achtziger  Jahre  eingefuhrte  Ketten- 
fabrikation  war  von  besonderer  Bedeutung  fur  die  deutsche  Volkswirtschaft, 
weil  bis  dahin  die  Ketten  ausschlieBlich  aus  England  bezogen  wurden. 

Der  Gedanke  des  Industriezusammenschlusses  fand  in  Hugo  J.  einen  eifrigen 
Forderer ;  er  war  f uhrend  in  der  Wahrung  der  wirtschaf tlichen  Interessen  des 
Maschinenbaues  und  griindete  im  Jahre  1890  mit  Majert  und  Sehmer  den 
Westdeutschen  Maschinenbau-Verband,  den  Vorlaufer  des  Vereins  deutscher 
Maschinenbau-Anstalten  mit  Sitz  in  Diisseldorf .  Er  fuhrte  den  Vorsitz  in  dem 
ersteren  Verband  und  war  stellvertretender  Vorsitzender  in  dem  letzteren 
Verein  im  Jahre  1892.  Von  diesem  Posten  trat  er  1907  aus  Altersriicksichten 
zuriick.  Er  war  aucn  der  Griinder  des  Ruhrorter  Dampfkessel-tlberwachungs- 
vereins  und  dessen  Vorsitzender  von  1898  bis  1900.  Bei  der  Griindung  des 
Vereins  deutscher  Briicken-  und  Eisenbaufabrikanten,  ebenso  im  Verein  deut- 
scher Eisenhiittenleute  war  er  tatig. 

Hugo  J.s  rastlosem  Tatigkeitsdrang  geniigte  nicht  die  Arbeit  auf  seinem 
eigentlichen  Arbeitsfelde  und  der  damit  zusammenhangenden  Verbandstatig- 
keit,  er  widmete  weit  dariiber  hinaus  seine  Arbeitskraft  der  Allgemeinheit. 
Lange  Zeit  war  er  Gemeindevorsteher  der  Gemeinde  Sterkrade,  spater  Bei- 
geordneter,  und  zeichnete  sich  auch  hier  durch  seine  Tatkraft  und  seinen  Weit- 
bHck  aus.  In  der  evangelischen  Kirchengemeinde  erfreute  sich  seine  Mitarbeit 
der  groBten  Wertschatzung. 

Allen  ihm  Unterstellten  bewies  er  groBes  Wohlwollen  und  wirkte  durch  seine 
Punktlichkeit,  Bescheidenheit  und  sein  einf aches,  anspruchsloses  Wesen  er- 
ziehlich  auf  die  mit  und  unter  ihm  Arbeitenden.  Sowohl  bei  den  Arbeitern  wie 
bei  den  Bewohnem  von  Sterkrade  genoB  er  Liebe  und  Verehrung. 

Hugo  J.  war  ein  Mann  von  strenger  Lebensauffassung,  wahrer  Herzensgiite, 
vornehmer  Gesinnung  und  von  nie  versiegender  Schaffensfreudigkeit.  Sein 
groBes  Verdienst  um  die  deutsche  Industrie  und  Volkswirtschaft  besteht  darin, 
daB  er  durch  Hingabe  seiner  ganzen  Kraft,  seines  reichen  Wissens  und  Konnens 
geholfen  hat,  einem  der  groBten  und  glanzendsten  Werke  Deutschlands  seinen 
Weltruf  zu  erhalten  und  zu  mehren.  Er  gehorte  den  Wirtschaf tsfuhrern  an, 
welche  der  deutschen  Industrie  aus  den  verhaltnismaBig  engen  Verhaltnissen 
der  fiinfziger  Jahre  in  den  darauffolgenden  Jahrzehnten  zur  Weltgeltung 
verhalfen. 

Literatur:  »Die  Gutehoffnungshiitte  Oberhausen,  Rheinland.«  Zur  Erinnerung  an  das 
loojahrige  Bestehen  1810 — 1910.  —  Zeitschrift  »Stahlund  Eisen«,  Nr.  1 1,  1918.  —  Grevel, 


94  W7 

Wilhelm,  Die  Gutehoffnungshiitte  A.  V.  fiir  Bergbau  und  Huttenwesen  zu  Oberhausen 
an  der  Ruhr,  Geschichte  der  Griindung  und  ersten  Entwicklung,  Essen  1 88 1 .  —  »Sterkrader 
Volkszeitung*.  1900,  191 7.  —  Historischer  Riickblick  iiber  die  Gutehoffnungshiitte  von 
Gillhausen. 

Hagen  i.  W.  Auguste  Elbers. 

Lange,  Friedrich,  Dr.  phil.,  Tagesschriftsteller  und  Politiker,  *  am  10.  Ja- 
nuar  1852  in  Goslar,  f  am  26.  Dezember  191 7  bei  Detmold,  bestattet  auf  dem 
alten  Friedhof  zu  Berlin-Lichterfelde.  —  L-,  der  Sohn  eines  Topfermeisters, 
wuchs  auf  unter  den  Eindrlicken  der  alten  Kaiserstadt  und  des  Harzes.  Sein 
Leben  lang  hat  er  sich  freudig  als  Niedersachse  gefiihlt.  1870  verlieB  er  das 
Gymnasium  und  erlebte  durch  den  Krieg  eine  gliickhafte  Erweckung  seines 
deutschnationalen  politischen  Bewufitseins,  wenn  auch  sein  gliihender  Wunsch, 
am  Kampfe  teilzunehmen,  unerfullt  blieb.  Als  Gottinger  Student  dann  schloB 
er  sich  der  Burschenschaft  an,  und  nach  langen  Jahren  hat  er  ihr  wesentlichen 
Anteil  am  Werden  seiner  volkischen  Uberzeugungen  zugesprochen.  Das  philo- 
logische  Studienwesen  erschien  ihm  lebensfern  und  schal,  auch  vermochte  ihn 
selbst  des  verehrten  Lotze  freies  und  tiefes  Denken  nicht  an  die  Philosophie 
zu  binden.  Erst  nachdem  er  1873  bis  1876  Gymnasiallehrer  in  Wolfenbiittel 
und  am  Johanneum  in  Hamburg  gewesen  war,  unzufrieden  mit  seinem  Amte 
und  zugleich  doch  angeregt  zu  Erwagungen  iiber  allgemeine  Schulreform, 
fand  er,  entschlossen  sich  vom  Lehrbeamtentum  abwendend,  seinen  selbst- 
gewiesenen  Beruf.  Er  trat  beim  » Braunschweiger  Tageblatt«  ein  und  blieb 
dort  fiinf  Jahre,  in  denen  er  auch  Wilhelm  Raabe  nahestand.  Dann  eroffnete 
sich  ihm  ein  grofier  Wirkungsbereich  mit  seinem  Eintritt  in  die  »Tagliche 
Rundschau «  1882.  Von  nun  an  fuhrte  er  in  der  Reichshauptstadt,  in  enger 
personlicher  Fiihlung  mit  den  Menschen  und  Kraften  des  politischen  und 
geistigen  Geschehens,  seinen  Kampf  um  eine  nationale  Presse  als  wirkliche 
Fuhrerschaft  der  deutschen  offentlichen  Meinung.  So  gelang  es  ihm  zunachst, 
die  »Tagliche  Rundschau*,  die  als  »Zeitung  fiir  Nichtpolitiker«  sich  dem 
Parteigetriebe,  damit  zugleich  aber  auch  dem  wirklichen  geschichtlichen 
Werden  des  Reiches  ferngehalten  hatte,  zu  einer  »Unabhangigen  Zeitung  fiir 
nationale  Politik«  umzugestalten.  Er  machte  sich  zum  Vorkampfer  der  Ko- 
lonialpolitik  und  der  Schulreform.  Aber  die  journalistische  Wirksamkeit  ge- 
niigte  seinen  Zielen  nicht,  die  mehr  und  mehr  auf  eine  Belebung,  ja  Erneue- 
rung  des  gesamten  nationalen  Lebens  in  Deutschland  gingen.  So  griindete  er 
1895  den  Deutschbund,  der  als  eine  enge  personliche  Gemeinschaft  durch  Bei- 
spiel  und  personlichen  Einsatz  eine  Fuhrerschaft  zum  »Reinen  Deutschtum« 
erringen  sollte.  Denn  »Reines  Deutschtum«  blieb  die  Iyosungsformel  von  L.s 
Wirken,  seit  er  1893  (und  in  vermehrter  Auflage  1904)  seine  grundsatzlichen 
Aufsatze  unter  diesem  Titel  zusammengefafit  hatte.  Indessen  muBte  er  noch 
im  Jahre  1895,  nach  einem  nicht  zum  Erfolge  gefiihrten  Versuche,  in  der 
»Volksrundschau«  ein  nationales  Blatt  fiir  die  breiten  Schichten  zu  schaffen, 
von  der  »Taglichen  Rundschau «,  die  den  Verleger  gewechselt  hatte,  sich 
trennen.  Da  gelang  es  ihm,  mit  unerwarteter  Unterstiitzung  von  Gleichgesinn- 
ten,  ein  eigenes  Tageblatt,  die  » Deutsche  Zeitung «,  ins  Leben  zu  rufen.  Sie 
warb,  unabhangig  von  den  Parteien,  fiir  eine  volkische  Politik  nach  auCen 
wie  innen,  fiir  machtvolle  Weltpolitik  und  innere  Uberwindung  der  Sozial- 


Jacobi.  Lange  95 

demokratie  mit  einem  nationalen  Wirtschaftsprogramm.  Wieder  schloB  sich 
daran  der  Versuch  politischen  Handelns,  zuerst  1902  mit  dem  Reichswahl- 
verband,  der  unabhangig  von  der  Regierung  die  nationalen  Parteien  fur  den 
Wahlkampf  einigen  sollte,  dann  mit  mancherlei  Bestrebungen  zur  Forderung 
einer  wirtschaftsfriedlichen  volkischen  Arbeiterbewegung.  Im  Jahre  191 2  zog 
sich  L.  auch  von  der  Leitung  der  »Deutschen  Zeitung«  zuriick,  wahrend  er 
noch  an  der  Beilage  »  Deutsche  Welt«,  die  er  zu  einem  Sprechsaal  der  volkischen 
geistigen  Bestrebungen  ausgestaltet  hatte,  bis  in  den  Krieg  hinein  mitgearbeitet 
hat.  Er  lebte  nun,  zuletzt  verdiistert  durch  ein  nervoses  Leiden,  in  Detmold, 
unter  dem  Hennannsdenkmal,  das  friih  zum  Sinnbilde  seiner  Arbeit  geworden 
war,  bis  zu  seinem  Ende  ziemlich  zuriickgezogen  mit  seiner  Familie. 

Er  hatte  den  deutschen  Sinn  fur  reines  und  inniges  hausliches  Leben,  den 
er  immer  pries.  (Zweimal  war  er  vermahlt,  1876  mit  Elise,  geborene  Kohler, 
sie  starb  1895;  dann,  1897,  mit  Elli,  geborene  Rettig.)  Doch  es  drangte  ihn 
stets  zu  offentlicher  Tatigkeit.  Die  nationalpolitische  Leidenschaft  erfullte  ihn 
ganz ;  und  er  war  riicksichtslos  gegen  Menschen  und  Verhaltnisse  in  der  Ver- 
tretung  seiner  Ziele,  ohne  Scheu  vor  Einseitigkeit,  ohne  problematische 
Schwere.  Dabei  stellte  er  an  Freunde  und  Mitarbeiter  scharfste  Forderungen, 
schroff  bis  zur  Scheidung.  Wie  denn  iiberhaupt  Weichheit  und  Liebenswiirdig- 
keit,  Gedanklichkeit  und  zeitfremde  Phantasie  hinter  dem  durchstoBenden 
Stolz  und  schnellen,  sich  auf  Instinkt  und  Praxis  berufenden  Urteil  zuriick- 
traten.  In  jiingeren  Jahren  hat  er  sich  dichterisch  versucht;  Bleibendes  ist 
ihm  dabei  nicht  gelungen.  Aber  er  behielt  eine  Offenheit  fur  die  Entwicklung 
des  geistigen  und  ktinstlerischen  Lebens,  die  ihn  Mannern  wie  Richard  Dehmel 
(s.  unten,  S.  513  ff.)  und  den  Briidern  Hart  nahebrachte.  —  Sein  Streben 
nach  entscheidender  einheitlicher  Fuhrerschaft  der  volkischen  Bewegung  ist 
nicht  zum  Ziele  gekommen,  er  blieb  ein  Anreger  und  Beginner,  seine  Ab- 
sichten  sind  von  den  Erben  seiner  Werke  nicht  rein  bewahrt  worden,  waren 
in  sich  auch  nicht  endgultig  reif  geworden.  Doch  ist  er  in  den  wesentlichen 
Aufgaben  seines  offentlichen  Lebens  von  dauernder  Wirkung  fiir  die  volkische 
Bewegung  gewesen.  Wenn  auch  der  Wahlverband  schon  1905  durch  ihn  in 
den  groBen  Reichsverband  gegen  die  Sozialdemokratie  aufgelost  wurde,  wenn 
auch  die  nationale  Arbeiterbewegung  erst  nach  seinem  Ende  und  auf  anderen 
Wegen  sich  zusammenschloB :  in  Kolonialpolitik  und  Schulreform  hat  er  all- 
gemeinen  Bestrebungen  zur  Durchsetzung  geholfen,  die  ^Deutsche  Zeitung<t 
und  der  Deutschbund  aber  iiberleben  ihn  und  stehen  noch  heute  unter  dem 
Anspruch  seiner  Ziele. 

In  der  Kolonialpolitik  ist  L.s  Name  verbunden  mit  dem  von  Carl  Peters 
(s.  unten,  S.  285  ff.)  und  Ostafrika.  Fiir  das  zunachst  unbestimmt  auf  Afrika 
geplante  Unternehmen  hatten  sie  sich  mit  mehreren  zusammengef  linden, 
hatten  gemeinsam  die  Hemmungen  durch  die  Regierungen,  Hohn  und  Vor- 
wurf  der  Offentlichkeit  ausgestanden ;  L.  hatte  dabei  vor  allem  fiir  die  publi- 
zistische  Werbung  gewirkt,  auch  viel  zur  finanziellen  Sicherung  des  Werkes 
getan.  Er  hat  schlieBlich  die  »Tagliche  Rundschau*  gerade  hier  fiir  eine 
deutschnationale  Aufgabe  eingesetzt.  Aber  an  der  Ausfahrt  konnte  er  selber 
nicht  teilnehmen,  mit  seiner  Unterstiitzung  erlangte  Peters  die  unbedingte 
Vollmacht.  Als  dieser  heimkam  und  seinen  Herrschaftsanspruch  fernerhin 
geltend  machte,  als  L.  in  den  organisatorischen  und  finanziellen  Anordnungen 


g6  1917 

und  Planen  des  Griinders  eine  gesunde  sachlich-unselbstische  Begriindung 
nicht  mehr  zu  sehen  vermochte,  als  endlich  auch  die  selbstwilligen  Tempera- 
men  te  aufeinanderstieBen,  hat  sich  L,.  von  der  Ostafrikanischen  Gesellschaft 
gelost.  Der  Gegensatz  zu  Peters  blieb  freilich  bestehen  und  sollte  sich  noch 
einmal  leidenschaftlich  auBern,  als  I,,  auf  das  begriindete  Geriicht,  jener 
wolle,  nachdem  er  so  schmahlich  im  Vaterlande  behandelt  worden,  in  eng- 
lische  Dienste  iibertreten,  ihn  (1896)  in  einem  Aufsatze  »Reislaufer«  angriff, 
was  zu  gerichtlichem  Austrag  und  Vergleich  fiihrte.  Im  Grunde  wiederum  er- 
hielt  sich  unter  dem  alten  Kampfgenossen  eine  schlieBliche  t)bereinstimmung, 
die  auch  in  L.s  spaterer  Betrachtung  der  deutschen  Kolonialtatigkeit  sich 
aussprach :  aus  dem  machtpolitischen  und  siedlungspolitischen  Denken  heraus 
findet  er  eine  herbe  Verurteilung  des  Sansibar-Vertrags  und  vor  allem  der 
preuBischen  Beamtenpolitik,  die  alles  urspriingliche  und  fahige  Streben  ge- 
hemmt  und  verdorben  habe,  sowie  der  Einsichtslosigkeit  der  groBen  Wirtschaft. 

L.  glaubte  nun  in  diesem  Erobererpatriotismus  der  ersten  Kolonialzeit  ein 
inneres  Gebrechen  zu  finden,  ihm  schien  da  nur  Nachahmung  der  englischen 
und  franzosischen  Art  zu  entstehen.  Er  meinte  die  innere  Notwendigkeit  der 
deutschen  Reform  zu  fassen,  wo  der  Ursprung  der  Weltfremdheit,  des  For- 
malismus  und  des  Kastengeistes  allein  zu  liegen  schien,  in  der  Schule.  So  warf 
er  sich  in  den  Streit  gegen  das  humanistische  Gymnasium.  1889  begriindete 
er  mit  anderen  den  Verein  fur  Schulreform.  Der  Kampf  schien  zunachst  am 
Widerstande  des  Ministeriums  in  PreuBen  scheitern  zu  sollen ;  aber  nicht  zum 
mindesten  durch  das  personliche  Eingreifen  des  Kaisers,  in  dem  L.  damals 
dankbar  wie  auch  oft  spater  den  Vorfechter  neuen,  frischen  nationalen  Geistes 
erblickte,  drang  das  Verlangen  durch,  und  die  Begriindung  der  Realanstalten 
hatte  mit  maBiger  amtlicher  Forderung  einen  glanzenden  Erfolg.  L.s  Absicht 
dabei  erschopfte  sich  nun  nicht  in  der  Ablehnung  des  klassischen  Humanis- 
mus,  im  heftigen  Widerspruch  gegen  die  Bildungsziele  Goethes  und  Hum- 
boldts,  gegen  die  abstrakte  Philosophic  auch  nicht  im  Willen  zur  Naturwissen- 
schaft.  Am  wenigsten  wollte  er  bei  allem  Realismus  einer  bloBen  Niitzlich- 
keitsgesinnung  in  der  Erziehung  dienen.  Ihm  lag  vielmehr  der  »Idealismus« 
einer  bei  politischer  Reife  innerlich  rein  deutschen,  bewuBt  echten  Bildung 
am  Herzen,  die  er  mit  dem  allerdings  »gereinigten«  Inhalt  der  ganzen  deut- 
schen Geschichte  nahren  wollte.  Der  beste  Sinn  der  lateinlosen  Mittelschule 
war  auch  ihm  die  demokratische  Einheit,  die  Zerstorung  geldlich  begriindeter 
Bildungsklassen,  die  Adelung  alien  Strebens.  So  erschien  ihm  die  Schulreform 
durchaus  als  »Kulturreform«.  In  solchen  Gedanken  wurde  er  zum  Vorlaufer 
von  Versuchen,  die  heute  bei  ganz  anderen  Uberzeugungen  geschehen  und 
fruchtbar  werden.  Die  Bewegung  indessen,  der  er  zum  Siege  half,  blieb  im 
Niitzlichkeitsrealismus  stecken.  Nicht  einmal  der  staatsbiirgerliche  Unterricht, 
fur  den  er  sich  spater  so  einsetzte,  wurde  verwirklicht.  Nun  der  Idealismus 
des  Gymnasiums  zuriickgedrangt  war,  so  war  doch  das  Bildungsideal,  das  L. 
wollte,  zu  wenig  tief  in  der  deutschen  Geschichte,  im  deutschen  Beruf  und  im 
menschlichen  Geiste  gegriindet,  um  schopferisch  zu  sein. 

Ein  inneres  Ungeniigen  blieb  auch  fur  L,.  in  alien  diesen  Bestrebungen  und 
ihren  Erfolgen.  Noch  mehr  aus  dem  Kerne  wollte  er  die  Erneuerung  des 
Volkstums  zu  befordern  suchen.  Aus  dem  Wunsche,  »den  Gemeinschaftswert 
xeinen  Deutschtums  sozusagen  in  einem  Ausschnitt  des  Volkes  zu  erleben«, 


Lange  gy 

kam  er  zur  Griindung  des  Deutschbundes.  Wenn  der  Alldeutsche  Verband, 
den  einst  Peters  ins  Leben  rief,  vornehmlich  um  die  Weltgeltung  des  Deutsch- 
tums  kampfte,  so  sollte  der  Deutschbund  als  eine  briiderliche  Gemeinde  mit 
der  Kraft  »  einer  gleichen  Weltanschauung,  eines  in  alien  gleich  starken  und 
zu  religioser  Glut  verklarten  Deutschideals*  das  Volk  durchdringen.  Etwas 
wie  eine  » Burschenschaf t  der  Erwachsenen«  sollte  da  entstehen,  gegriindet 
auf  den  Glauben  an  Blutserbschaft  auch  im  Geistigen,  erfiillt  von  den  rein 
volkstumlichen  Uberlieferungen  der  Geschichte,  streitbar  gegen  alles  bloBe 
Weltbiirgertum  und  gegen  die  volksfremden  Einfliisse,  besonders  des  Juden- 
tums,  ohne  Beachtung  der  religiosen  Bekenntnisgegensatze.  L.  wollte  indessen 
nicht,  daB  sein  Bund  sich  auf  Theorie  irgendwelcher  Art,  der  Rasse,  der 
Politik  oder  der  Kultur  festlege.  Strebend  aus  vorurteilsloser  Liebe  sollte  er, 
gegriindet  auf  das  »deutsche  Gewissen,  in  unserer  Brust,  das  innere  Gesetz, 
an  dem  sich  Gott  fur  jeden  einzelnen  von  uns  in  der  Geschichte  unseres  ganzen 
Volkes  offenbarte«,  als  » Pflanzschule  und  Versuchsfeld  fur  alle  natiirlichen 
Triebe  unseres  deutschen  Wesens,  die  auf  dem  freien  Felde  unseres  offent- 
lichen  I^ebens  noch  nicht  oder  nicht  mehr  gedeihen  wollen«,  wirken.  Dabei 
hat  L.  jede  Romantik,  alle  nur  auf  Vergangenes  gewendete  Schwarmerei  immer 
mit  Spott  abgewiesen.  Der  Gegenwart  dienen  sollte  sein  Bund  vor  allera  in 
der  Vertretung  eines  nationalen  Wirtschaftsprogramms,  mit  dem  die  Sozial- 
demokratie,  unter  Erfullung  der  berechtigten  Forderungen  der  unteren 
Schichten,  besonders  aber  durch  Starkung  des  Mittelstandes,  zu  iiberwinden 
ware.  L,.  sah  wohl  eine  innere  Notwendigkeit  im  Entstehen  der  sozialistischen 
Bewegung,  auch  er  war  geneigt,  bei  aller  Ablehnung  proletarischer  Klassen- 
politik,  sich  gegen  den  Kapitalismus  zu  wenden.  Er  suchte  das  Heil  in  einer 
nationalen  berufsstandischen  Organisation  durch  Zwangsgenossenschaften  in 
niodernem  Sinne,  zu  denen  er  die  Ansatze  uberall  zu  sehen  meinte.  Hier  zeigt 
sich,  wie  L.  dem  Deutschbunde  bei  aller  Betonung  seines  innerlichen  Ge- 
meinschaftscharakters  doch  groBere  politische  Wirkung  in  der  Allgemeinheit 
vorgesetzt  hatte,  als  er  mit  ihm  erreichen  konnte. 

So  sah  sich  L,.  am  Ende  doch  auf  die  Tatigkeit  verwiesen,  zu  der  ihn  seine 
Natur  am  meisten  forderte,  das  Wirken  fur  eine  nationale  Presse.  Zwei 
Richtungen  nahm  da  sein  Streben.  Einmal  gait  es  iiberhaupt  eine  unabhangige, 
rein  national  bestimmte  Tagespresse  erst  ins  L,eben  zu  rufen,  gegentiber  all 
dem  Unwesen  der  Parteien  und  Interessen,  dann  aber  diese  Blatter  auch  mit 
neuem  Geist  und  BewuBtsein,  mit  dem  Gehalt  einer  wirklichen  volkischen 
Erneuerungsgesinnung  zu  erfiillen.  Nun  hat  gleich  die  »Tagliche  Rundschau*, 
wie  L.  sie  gestalten  konnte,  eine  schone  und  bedeutende  Wirkung  gehabt, 
mehr  noch  ist  die  »  Deutsche  Zeitung«,  in  dem  engeren  Iyebens-  und  Gedanken- 
bereich,  der  ihr  gegeben,  eine  personliche  Schopfung  ihres  Griinders  und  das 
bahnbrechende  Beispiel  einer  Gesinnungszeitung  geworden.  Aber  es  liegt  doch 
ein  tragischer  Schimmer  iiber  diesem  Schaffen.  L.  ist  endlich  doch  der  Ge- 
walten  seines  Berufes  nicht  Herr  geworden.  Er  konnte  auch  seine  Blatter 
nicht  auf  die  Dauer  dem  EinfluB  der  wirtschaftlichen  Krafte  und  der  Massen- 
interessen  entziehen ;  so  daB  weder  in  der  iiberlegehen  politischen  Zielsetzung 
noch  in  der  Reinheit  wesentlicher  Gesinnungen  seiner  Forderung  genuggetah 
ward.  Die  hinreiBende  Macht,  die  er  seiner  Botschaft  uberall  verleihen  wollte, 
hat  sich  ihm  immer  wieder  versagt ;  und  das  hat  doch  auch  den  innereh  Grund , 

BBJ7 


<)8  1917 

daB  diese  Lehre  selber  mit  publizistischem  Streben  und  tagespolitischer  Ar- 
beit verwachsen,  zu  wenig  aus  tieferen  Griinden  gesattigt,  nicht  zu  den  hoch- 
sten  Lebenszielen  gesteigert  war. 

Mag  man  indessen  auch  das  Unzulangliche  von  L.s  Wirksamkeit  heraus- 
finden,  so  gilt  es  doch  noch  einmal  den  eigentlichen  Gehalt  und  die  wesent- 
liche  Leistung  seines  Strebens  ins  Licht  zu  setzen.  Als  er  begann  war  nach 
dem  siegreichen  Kriege  jener  Zustand  der  Sattigung  und  Tragheit  im  deut- 
schen  Burgertum  eingetreten,  die  MiBgestaltung  des  Lebens  durch  den  Kapi- 
talismus  und  die  Zersetzung  durch  die  Parteigegensatze  und  den  Klassen- 
kampf.  Neben  der  Verstandnislosigkeit  fur  die  wirklichen  Aufgaben  eines 
Weltvolkes  machte  sich  ein  lauter  inhaltloser  Patriotismus  breit;  gegen  die 
offenbare  Wucherung  wesensfremder  Krafte  in  der  deutschen  Gesellschaft, 
vor  allem  des  Judentums,  wandte  sich  nur  ein  agitatorischer,  im  Grunde 
dummer  und  barbarischer,  noch  keines  allgemeinen  Zieles  fahiger  Anti- 
semitismus.  Diesem  gerade  muBte  L.  entgegentreten,  wollte  er  zu  fruchtbarer 
Politik  eine  noch  unreife  Nation  erziehen  und  fuhren.  Er  sah  sich  dabei  nicht 
unterstutzt  von  den  Gebildeten  und  ihrem  Geltungswillen,  die  im  Epigonen- 
tum  beharrten.  Anlage  und  Beruf  veranlafiten  ihn  auch,  stets  von  praktischen 
Fragestellungen  auszugehen  und  auf  Dogma,  System,  ja  auch  geschlossene 
Begriindung  in  der  Idee  Verzicht  zu  tun.  So  ward  er  der  erste  bedeutende 
volkische  Journalist. 

L.s  erstes  Ziel  war  nun  die  Politisierung  des  deutschen  Volkes.  Ahnlich  wie 
Peters,  aus  einem  naturlichen  Bedurfnis  der  Zeit,  nahm  auch  er  den  welt- 
politischen  Geist  der  Englander  zum  Vorbilde.  Das  riicksichtslose  Selbst- 
bewuBtsein,  die  unbedingte  Voransetzung  aller  Wiinsche  des  Vaterlandes,  den 
niichternen  Blick  fiir  die  baren  Interessen  hinter  alien  internationalen  Pro- 
grammen  sollte  nach  Bismarck  ins  Denken  aller  ubergehen;  noch  iiber  Bis- 
marck hinaus  mit  der  riicksichtslosen  inneren  Kampfstellung  gegen  das  Juden- 
tum  und  der  Forderung  nach  wirtschaftlicher  und  sozialer  Neugestaltung  des 
nationalen  Lebens.  Wenn  die  weltburgerliche  Bildungsidee  Goethes  abgelehnt 
wurde,  so  sollte  doch  der  Deutsche  aus  dem  BewuBtsein  seiner  angeborenen, 
treu  gepflegten  Werte  sich  als  Vorkampfer  der  besten  Menschheit  fuhlen 
lernen.  Diese  inneren  Werte  allerdings  schienen  zweifelhaft  geworden. 

Hier  nun  trifft  L.s  Nachdenken  zu  dem,  was  seit  Lagarde  Gehalt  volkischei 
Erneuerungsbestrebungen  war.  Auch  er  geht  aus  von  dem  Verhaltnis  dei 
echten  Personlichkeit  zur  Nation  und  fordert  Erlosung  unseres  offentlichen 
Lebens  von  alien  starren  Schranken,  von  alien  formalistischen  Hemmungen, 
die  der  preuBische  Beamtenstaat  erzeugte,  verjiingte  Volkstiimlichkeit,  in 
bestimmtem  Sinne  Demokratie,  zugleich  aber  Herrschaft  einer  aristokratischer 
Lebensgesinnung,  die  sich  auf  Blut  und  Leistung  beruf t.  Seine  Hoffnung  ist 
daB  aus  dem  Geiste  und  den  Daseinsformen  des  Volksheeres  ein  neuer  An- 
trieb  fiir  die  Allgemeinheit  kommen  werde,  sei  es  auch  im  Gefolge  eines  groBec 
Machtkampfes,  den  er  schon  als  Lauterung  und  Wesensprobe  wiinscher 
mochte.  Denn  im  Grunde  sind  dem  deutschen  Volke  alle  notwendigen  und 
heiligen  Gehalte  schon  eingeboren,  die  rechte  Aufgabe  des  Erziehers  und 
Politikers  scheint  Wiederfindung  und  Reinigung  des  verschiitteten  Wesens 
nicht  so  sehr  schopferisch  neues  Wollen.  Darin  ist  L.  bestarkt  von  den  Ge- 
danken   Gobineaus,   den   er   als  Verkunder  j>arischer«   Blutaristokratie   mil 


Lange.  Matthias  qq 

Nietzsche  vergleicht  und  hoherstellt.  Das  »Reine  Deutschtum «,  das  ist  ihm 
der  »eingeborene  Idealismus  «  unseres  Volkes,  der  zu  sich  selber  finden  wird, 
wenn  erst  die  humanistische  Traumseligkeit  und  Entfremdung  verschwindet, 
der  Idealismus  des  Tapferen,  als  solcher  wesentlich  dem  weichen  Christentum 
iiberlegen.  Das  Christentum  namlich  kann  weder  als  Weltansicht  noch  als 
Sittlichkeit  dem  heutigen  bewuBten  Deutschen,  wie  L,.  ihn  will,  geniigen,  nur 
der  » Idealismus*  daran,  dem  der  ererbte  arische  Sinn  schon  entgegenkommt, 
soil  uns  erhalten  bleiben.  Ubrigens  ist  ihm  Religion,  als  Gottverbundenheit, 
wesenhaft  dogmenlos  und  so  verstanden  im  »Reinen  Deutschtum  «  unmittel- 
bar  gegeben. 

Erstrebt  L.  also  eine  Bestimmung  des  deutschen  Wollens  aus  sittlichem 
Ziel  der  Menschheit,  die  sich  in  Volkern  verwirklicht,  so  ist  doch  aus  der  Fiille 
angeregter  Probleme  nicht  die  Idee  geklart.  Fiir  die  Wesenserkenntnis  des 
Deutschtums  und  seiner  Sendung  beruft  sich  I,,  grundsatzlich  nicht  auf  ein- 
dringend-umfassende  Gultigkeit  des  Denkens,  noch  auf  klare  GewiBheit  einer 
unmittelbaren  Anschauung,  sondern  nur  auf  den  instinkthaften  Willen.  Seine 
Auffassung  der  deutschen  Geschichte  geht  iiber  alles  hinweg,  was  nicht 
realistisch-volkstumlich  gemeint  war.  Und  so  muJ3  Weltgrund  und  Weltziel 
hinter  dem  nationalen  Begehr  nach  berechtigter  Macht  verschwimmen  im 
» Idealismus «  fiir  alles  edel  und  gut  Gefuhlte,  in  einem  letzten  bewahrten 
Glauben  an  den  Gott,  der  ein  Volk  nicht  ohne  Sinn  berufen  hat.  —  Damit 
bleibt  L.  seiner  Zeit  unterworfen,  der  die  Einheit  innerlichen  Lebens,  die 
wahre  iiberweltUche  Religion,  entgangen  war,  in  der  Geist  und  Sinn  von  Trieben 
und  Zwecken  uberwuchert  wurden.  Auch  er  hatte  zugleich  auf  die  Uber- 
lieferung  des  deutschen  Idealismus  verzichtet,  als  er  sich  von  Lotzes  religio- 
ser  Philosophic  unzuf rieden  trennte ;  die  tieferen  Forderungen  seines  Glaubens 
fanden  nicht  den  ersehnten  Widerhall. 

Im  Weltkriege  glaubte  If.  die  Erfullung  seines  Lebenszieles  nahe.  Die  f urcht- 
bare  Enttauschung  von  1918  ist  ihm  erspart  geblieben,  aber  er  durfte  nun 
auch  nicht  mehr  erfahren,  wie  die  besten  Inhalte  seines  Kampferdaseins  auch 
der  Verzweiflung  vexjiingt  und  gelautert  entstiegen  sind.  Im  Bemuhen  um 
Vereinigung  deutschen  nationalen  Machtwillens  und  deutscher  geistiger  Welt- 
bestimmung  und  Weltverantwortung  zu  volklicher  Selbstbesinnung  war  er 
Wegbereiter  einer  wartenden  Zukunft. 

Literatur:  ^Deutsche  Zeitung*  1.  April  1921  (Karl  Berger).  —  »Deutschbundb latter* 
1927  (Fuchs).  —  Adolf  Rapp:  Der  deutsche  Gedanke.  Bonn  1920.  —  Schriften: 
Reines  Deutschtum,  Grundziige  einer  nationalen  Weltanschauung  (Anhang:  Nationale 
Arbeit  und  Erlebnisse),  4.  Auflage,  Berlin  1904  (Neuherausgabe  durch  den  Deutschbund 
geplant);  Deutsche  Worte,  Deutschbundreden,  Berlin  1907;  Harte  Kopfe,  Roman,  Leipzig 
1885;  ijothar,  Epos,  Hamburg  1889;  Der  Nachste,  Drama,  Hamburg  1890;  Gedichte  und 
Erzahlungen  in  der  »Taglichen  Rundschau*  u.  a.;  Aufsatze  in  der  »Deutschen  Welt^.  — 
Nach  la  ft:  Liter  arische  Entwurfe,  Kindheitserinnerungen,  Reiseschilderungen ;  person - 
licher  und  politischer  Brief wechsel,  bei  Frau  Dr.  E.  Lange,  Berlin-Friedenau. 

Berlin-Steglitz.  Rudolf  Craemer. 

Matthias,  Adolf,  Dr.,  Wirklicher  Geheimer  Oberregierungsrat  und  Vortra- 
gender  Rat  im  preuBischen  Kultusministerium,  *  am  1.  Juni  1847  in  Hannover, 
t  am  8.  Juni  1917  in  Diisseldorf.  —  In  dem  demokratischen  Massengetriebe 


100  1917 

unseres  heutigen  Staatslebens  verblaBt  die  Erinnerung  an  fiihrende  Manner 
schneller  als  in  der  patriarchalischen  Einfachheit  vergangener  Zeiten.  Auch 
die  hervorstechendste  Personlichkeit  ordnet  sich  bescheiden  ein  in  das  schnell- 
abnutzende  Gefuge  der  Beamtenmaschinerie,  tritt  in  ihrer  Bedeutung  und 
in  der  nachwirkenden  Kraft  ihres  Schaffens  bald  zurtick  und  legt  ihr  ganzes, 
des  personlichen  Reizes  immer  mehr  entbehrendes  Werk  beim  Ausscheiden 
aus  dem  Amte  entsagungsvoll  in  andere  Hand. 

Wie  lebendig  und  scharf  umrissen  stehen  in  der  Geschichte  des  hoheren 
Bildungswesens  noch  Gestalten  wie  die  eines  Joh.  Wilh.  Siivern  (1775 — 1829), 
der  im  Verein  mit  Wilhelm  v.  Humboldt  das  gesamte  Unterrichtswesen 
PreuBens  auf  der  neuhumanistischen  Grundlage  einer  harmonischen  Allgemein- 
bildung  aufbaute  und  ihm  dabei  ein  universelles  Geprage  gab,  das  jahrzehnte- 
lang  bestimmend  blieb  —  oder  eines  Joh.  Schulze  (1786 — 1869),  der  40  Jahre 
lang  dem  preuBischen  Kultusministerium  angehorte  und  einen  groBen  Teil 
dieser  Zeit  hindurch  das  preuBische  Bildungswesen  leitete,  ihm  in  Lehr- 
verfassung,  Lehrzielen  und  Methoden  feste  Formen  vorzeichnend  —  eines 
Ludwig  Wiese  (1806 — 1900),  der  fast  ein  Vierteljahrhundert  hindurch  den 
hoheren  Schulen  seinen  Geist,  den  Geist  kirchlich  humanistischer  Strenge  auf- 
pragte  —  oder  auch  noch  eines  Hermann  Bonitz  (1814 — 1888),  dem  die  Auf- 
gabe  zufiel,  die  hoheren  Schulen  den  Anforderungen  der  durch  die  Reichs- 
griindung  bestimmten  neuen  Kultur  anzupassen. 

Diese  Reihe  glanzender  Namen  bricht  ab  mit  der  infolge  der  Industriali- 
sierung  einsetzenden  Verbreiterung  des  offentlichen  Bildungswesens  und 
seiner  Verwaltung.  Die  Namen  der  nunmehr  fiihrenden  Personlichkeiten  treten 
zuriick  hinter  der  Sache.  Aber  an  einem  Namen  wird  die  Geschichte  des  preu- 
Bischen Bildungswesens  bei  der  Darlegung  der  padagogischen  Bestrebungen 
um  die  Jahrhundertwende  nicht  voriibergehen  konnen:  Christian  Wilhelm 
Adolf  M.,  dem  Namen  eines  Mannes,  der  durch  seine  eigenartige  Personlich- 
keit in  seltenem  MaBe  EinfluB  auf  eine  neuzeitliche  Reform  des  hoheren 
Schulwesens  und  auf  seine  Trager  gewann. 

Adolf  M.  war  einer  althannoverschen  Familie  entsprossen.  Urspriinglich  fur 
den  Apothekerberuf  bestimmt,  studierte  er  spater  in  Marburg  und  Gottingen 
klassische  Philologie,  Deutsch  und  Geschichte.  Seine  Studien  erlitten  eine 
Unterbrechung  durch  den  Deutsch-Franzosischen  Krieg,  den  er  als  Freiwilliger 
im  8.  Westfalischen  Infanterieregiment  Nr.  57  mitmachte.  Fur  tapferes  Ver- 
halten  in  der  Schlacht  bei  Beaume  la  Rolande  und  in  den  Gefechten  von 
Villeporcher  und  Villethion  wurde  ihm  das  Eiserne  Kreuz  verliehen.  Nach 
Wiederaufnahme  seiner  Universitatsstudien  bestand  er  im  Juli  1873  die  Lehr- 
amtspriifung,(  und  noch  im  November  desselben  Jahres  wurde  ihm  von  der 
Gottinger  Philosophischen  Fakultat  die  Doktorwiirde  verliehen.  Das  Probe- 
jahr  leistete  er  am  Herzoglichen  Gymnasium  zu  Holzminden  und  am  Gym- 
nasium zu  Essen  ab.  Als  ordentlicher  Lehrer  wirkte  er  sodann  vom  1.  Oktober 
1874  bis  zum  1.  April  1880  an  dem  unter  Dr.  Edm.  Vogts  Leitung  stehenden 
Gymnasium  zu  Essen,  als  Oberlehrer  an  den  Gymnasien  zu  Bochum  (1.  April 
1880  bis  31.  Marz  1882)  und  Neuwied  (1.  April  1882  bis  1.  Oktober  1884). 
Von  hier  aus  erhielt  er  einen  Ruf  als  Direktor  an  das  Lippische  Gymnasium 
in  Lemgo,  der  Geburtsstadt  Siiverns,  die  er  aber  bald  wieder  verlieB,  um 
Ostern  1885  die  Leitung  des  Gymnasiums  und  Realgymnasiums  in  der  Kloster- 


Matthias  10 1 

strafie  zu  Diisseldorf  zu  ubernehmen.  Anfangs  1898  trat  er  als  schultechnischer 
Rat  in  das  Provinzialschulkollegium  in  Koblenz  ein,  von  wo  er  gleichzeitig 
das  wissenschaftliche  Priifungsamt  in  Bonn  leitete.  Zwei  Jahre  spater  erfolgte 
seine  Berufung  in  das  preui3ische  Kultusministeriura.  Hier  wurde  er  am 
2.  April  1900  zum  Geheimen  Regierungsrat,  am  14.  Dezember  1903  zum  Ge- 
heimen  Oberregierungsrat  ernannt.  Ein  Herzleiden  zwang  ihn  im  Sommer  19 10 
seine  Versetzung  in  den  Ruhestand  zu  erbitten,  die  ihm  unter  Verleihung  des 
Charakters  als  Wirklicher  Geheimer  Oberregierungsrat  bewilligt  wurde.  Er 
starb  zu  Diisseldorf,  der  Statte  seiner  friiheren  Wirksamkeit,  wo  er  bei  seinem 
Sohn  zur  Erholung  weilte,  kurz  nach  Vollendung  seines  70.  Lebensjahres. 

Die  Diisseldorf  er  Direktorzeit  ist,  wie  M.  in  seinen  »L,ebenserinnerungen« 
(Aus  Schule,  Unterricht  und  Erziehung)  selbst  erzahlt,  fiir  ihn  derjenige 
Lebensabschnitt  gewesen,  in  dem  er  die  meisten  wissenschaftlichen,  pad- 
agogischen  und  rein  menschlichen  Anregungen  empfangen  hat  und  aus  dem 
ihm  die  meisten  freundschaftlichen  Beziehungen,  die  schonsten  Erinnerungen 
erwachsen  sind.  Hier  konnte  sich  seine  sonnige,  herzenswarme  Personlichkeit, 
seine  Zuversicht  in  alles  Gute  im  Menschen  und  besonders  in  der  Jugend  frei 
entfalten  undweiter  entwickeln.  Hier  konnte  im  Verkehr  mit  seinen  Schiilern, 
denen  er  niemals  als  »Gendarm  des  Zwanges«,  sondern  immer  als  treuer, 
wohlmeinender,  auch  die  kleinen  Schwachen  der  jugendlichen  Unreife  ver- 
stehender  Freund  gegeniibertrat,  sein  reiches  Wissen,  sein  kraftiges  Empfinden 
und  Wollen,  sein  gesunder  Humor  reiche  Anregungen  geben  und  auf  weite 
Kreise,  bei  Eltern,  Lehrern  und  Behorden,  aufmunternd  und  erfrischend 
wirken.  Ein  Zeichen  dessen  sind  die  beiden  Werkchen  » Wie  erziehen  wir  unseren 
Sohn  Benjamin  ?«  und  »Wie  werden  wir  Kinder  des  Glucks?«,  die  beide  aus 
seinen  Vortragen  vor  Lehramtskandidaten  erwachsen  sind. 

Von  Diisseldorf  aus  nahm  er  als  Realgymnasialdirektor  auch  an  der  groBen 
Schulkonferenz  in  Berlin  im  Dezember  1890  teil,  wo  er  bereits  fiir  eine  Rein- 
erhaltung  und  gleiche  Einschatzung  der  drei  Schultypen  Gymnasium,  Real- 
gymnasium,  lateinlose  Schule  eintrat,  eine  Verminderung  der  Gesamtstunden- 
zahl,  eine  Konzentration  auf  wenige,  aber  kraftig  bildende  Unterrichtsgegen- 
stande,  insbesondere  Deutsch,  Geschichte,  Religion  forderte  und  so  die  An- 
erkennung  der  Gleichberechtigung  der  drei  hoheren  Schularten  vertrat,  der 
er  dann  auf  der  Junikonferenz  vom  Jahre  1900  zum  Siege  verhelfen  konnte. 

Der  Weiterfuhrung  der  auf  dieser  Konferenz  beschlossenen  und  in  dem 
kaiserlichen  Erlasse  vom  26.  November  1900  angeordneten  Schulreform  gait 
sein  ganzes  ferneres  Wirken.  In  ihren  Dienst  stellte  er  die  von  ihm  in  Ver- 
bindung  mit  R.  Kopke  begriindete,  aber  von  ihm  allein  geleitete  »Monats- 
schrift  fiir  hohere  Schulen«,  ihr  widmete  er  seine  hervorragende  schriftstelle- 
rische  Begabung  und  seine  iiberzeugende  Beredsamkeit.  Immer  war  er  bestrebt, 
frei  von  engherzigen  und  kleinlichen  Vorurteilen,  neben  dem  guten  Alten  auch 
dem  werdenden  Neuen  freie  Bahn  zu  schaffen,  und  unbekummert  urn  alle 
Angriffe,  die  auch  ihm  nicht  erspart  blieben,  iiberall  da,  wo  er  dem  hoheren 
Schulwesen  noch  anhaftende  Mangel  sah,  scharfe  Kritik  zu  iiben.  Gerade 
dieser  Freimut  des  Urteils,  der  ein  kraftiges  Wort  nicht  verschmahte,  ver- 
bunden  mit  dem  frohlichen  Humor  seiner  leichtflieBenden  Darstellungsweise, 
haben  seinen  zahlreichen  Schriften,  besonders  seiner  Praktischen  Padagogik, 
einen  zahlreichen  und  dankbaren,  iiber  die  engeren  Fachkreise  weit  hinaus- 


102  19*7 

gehenden  Leserkreis  erworben.  Versenkt  man  sich  heute,  nachdem  ein  voiles 
Jahrzehnt  iiberschaumender  Reformfreude  aus  selbstgeschaffenen  Triimmeni 
heraus  eine  neue  Padagogik  aufbauen  zu  konnen  wahnte,  in  die  M.schen 
Schriften,  so  ist  man  geradezu  erstaunt  uber  den  fortschrittlichen  Geist,  der 
uns  daraus  entgegenweht  und  der  an  Mut  und  Frische  hinter  den  mit  urn- 
stiirzlerischer  Geste  vorgetragenen  Forderungen  unserer  »entschiedenen  Schul- 
reformer*  keineswegs  zuriicksteht.  Das  lag  daran,  daB  M.,  nach  seinen  eigenen 
Worten,  sich  in  seiner  langen  Berufslaufbahn  bei  all  seinem  Tun  warnend  das 
Goethe- Wort  vorhielt:  »Der  Philister  negiert  nicht  nur  andere  Zustande,  als 
der  seine  ist ;  er  will  auch,  daB  alle  iibrigen  Menschen  auf  seine  Weise  existieren 
sollen.«  Und  alle  Philisterei,  alle  Pedanterie  war  ihm  in  der  Seele  zuwider. 
»Unter  Pedanterie, «  sagt  M.,  »verstehe  ich  Formalklauberei,  Methoden- 
karikatur,  Systemfuchserei,  Beschranktheit  bei  Verwirklichung  groBer  Ideen 
und  Abgeschmacktheit  in  ihrer  Formgebung,  vor  allem  aber  Angstlichkeit, 
wo  es  sich  urn  groBen  Gewinn  und  groBe  Ziele  handelt,  und  Sklaverei  kon- 
ventioneller  Lebensregeln,  die  sich  im  Entwicklungsgange  der  Kultur  als  un- 
brauchbar,  iiberlebt  oder  gar  als  schadlich  erwiesen  haben.  Pedanterie  aber 
ist  eine  Haupteigenschaft  aller  Schul-  und  Erziehungsphilister.  Unter  Eltern, 
Lehrern  und  besonders  in  der  Schulverwaltung  bis  in  die  hochsten  Spitzen 
hinein  habe  ich  so  viele  Philister  angetroffen,  daB  ich  fast  glaube,  sie  haben 
noch  immer  die  Majoritat  bei  uns«  (Deutsche  Revue,  Marz  191 1). 

Was  aber  M.  vor  den  heutigen  Reformern  auszeichnete,  das  war  seine  in 
langer,  freudig  geleisteter  Schularbeit  erworbene  tiefgehende  Sachkenntnis, 
seine  tiefe  Einsicht  in  die  Grenzen  padagogischer  Schulweisheit,  seine  Ab- 
neigung  gegen  alles  Reglementieren  und  gegen  ministerielle  Richtlinien.  Seine 
Achtung  vor  der  Menschenwiirde  im  Lehrer  und  Schiiler  war  zu  fest  begriindet, 
als  daB  er  es  jemals  gewagt  hatte,  das  Freiheits-  und  Selbstgefiihl  der  Schiiler 
oder  das  VerantwortungsbewuBtsein  der  Lehrer  durch  bureaukratisch-engher- 
zige  Bestimmungen  zu  schmalern.  »  Bewegungsf reiheit « fiir  Lehrer  und  Schiiler, 
das  war  das  Ziel  seines  Strebens,  das  auch  in  den  von  ihm  bearbeiteten  Lehr- 
planen  und  Prufungsordnungen  deutlich  erkennbar  ist. 

M.sche  Tradition  ist  leider  nach  mancher  Richtung  hin  von  der  offiziellen 
Padagogik  verlassen  worden,  die  mit  Herrschergewalt  das  Ganze  des  mensch- 
lichen  Daseins  nach  ihrem  Willen  formen  und  gestalten  will.  Um  Jahrzehnte 
ist  dadurch  die  deutsche  hohere  Knabenschule  mit  ihren  jetzt  vorhandenen 
37  verschiedenen  Formen  in  ihrer  fortschrittlichen  Entwicklung  zuriick- 
geworfen  worden.  Aber  jetzt  schon  ringt  sich  in  der  padagogischen  Literatur 
iiberall  die  Uberzeugung  durch,  daB  eine  Wiedergesundung  unseres  hoheren 
Bildungs-  und  Erziehungswesens  nur  durch  Ankniipfung  an  M.sche  Ideen  zu 
erhoffen  ist. 

Lange  Jahre,  von  1893  bis  1917,  hat  der  Unterzeichnete  mit  M.  in  enger 
Freundschaft  zusammengearbeitet,  dabei  bis  zum  Sommer  19 10,  als  ein  Herz- 
leiden  M.  zwang,  seine  Versetzung  in  den  Ruhestand  zu  erbitten,  mit  ihm 
und  Karl  Reinhardt  sich  in  die  Leitung  des  hoheren  Schulwesens  PreuBens 
geteilt:  kostliche  Jahre  eines  freundschaftlichen,  durch  keine  Dissonanzen  ge- 
triibten  Ineinanderwirkens  und  eines  freudigen  Schaffens,  das  nicht  in  iiber- 
stiirzten  Reformversuchen  sein  Ziel  sah,  sondern  in  einer  fortschrittlichen, 
von  freiheitlichem  Geiste  getragenen,  aber  auch  in  Achtung  vor  dem  geschicht- 


Matthias.  Mehrtens  10  3 

lich  Gewordenen,  sorgsam  erwogenen  Weiterentwicklung,  in  der  Verbreitung 
frohlicher  heller  Sonne  in  den  Schulraumen,  in  Unterricht  und  Erziehung,  im 
Bereiten  einer  freien  Bahn  fiir  ungezwungenes  »Werden«,  nicht  fur  gewalt- 
sames  »Gemachtwerden«. 

Und  so  konnten  seine  Freunde  in  der  ihm  zum  70.  Geburtstage  iiberreichten 
Adresse  ihn  mit  vollem  Rechte  feiern  als  den  Vertreter  einer  hoffnungsfreu- 
digen  Auffassung  von  der  deutschen  Jugend  und  der  Aufgabe  ihrer  Erzieher, 
als  den  Mitbegriinder  einer  freiheitlichen  und  weitschauenden  Richtung  in 
unserem  Schulwesen,  als  einen  wahren  Lehrer  der  Lehrer. 

Literatur:  J .  Norrenberg,  Nachruf  auf  Ad.  M.  im  Deutschen  Reichsanzeiger  vom 
12.  Juni  191 7,  Nr.  137.  Dieser  Aufsatz  hat  auch  den  vorstehenden  Ausfiihrungen  zugrunde 
gelegen.  —  Rud.  Lehmann,  Adolf  M.,  im  Deutschen  Philologenblatt,  1917,  S.  347. — 
Schmitz-Mancy,  Adolf  M.  zum  Gedachtnis.  Zeitschr.  f.  lateinl.  hoh.  Schulen,  191 7,  S.  145. 

Griechische  Wortkunde,  2.  Aufl.  1886;  Xenophons  Anabasis,  Kommentar  und  Text, 
1884,  3.  Aufl.  1 914;  Heilungdes  Orest  in  Goethes  Iphigenie,  1887;  Bedeutung  der  hoheren 
Biirgerschule,  1888;  Deutsches  Volkslied,  1889,  4.  Aufl.  191 3;  Goethes  Gedankenlyrik, 
1002,  2.  Aufl.  1914;  Schillers  Gedankenlyrik,  1902;  Grillparzers  Ahnfrau,  Leipzig,  Teub- 
ner  1904;  Grillparzers  Sappho,  1903;  Hilfsbuch  fiir  den  deutschen  Sprachunterricht,  1892, 
8.  Aufl.  1912;  Frau  Rat  Goethe,  1912;  Praktische  Padagogik  fiir  hohere  L,ehranstalten, 
1895,  4.  Aufl.  1912;  Die  patriotische  Lyrik  der  Befreiungskriege,  1897;  Wie  erziehen  wir 
unseren  Sohn  Benjamin  ?  Ein  Buch  fiir  deutsche  Vater  und  Mutter.  Beck,  Munchen  1897, 
10.  Aufl.  191 5;  Wie  werden  wir  Kinder  des  Gliicks?  Ebenda  1899,  4.  Aufl.  1916;  Die 
soziale  und  politische  Bedeutung  der  Schulreform  von  1 900.  1 905 ;  Geschichte  des  deutschen 
Unterrichts.  Ebenda  1907;  Aus  Schule,  Unterricht  und  Erziehung,  1901;  Meine  Kriegs- 
erinnerungen,  191 1,  3.  Aufl.  1912;  Bismarck,  sein  Leben  und  sein  Werk,  191 5;  Krieg  und 
Schule  191 5.  Kriegssaat  und  Friedensernte  191 5.  Deutsche  Wehrkraft  und  kommendes 
Geschlecht  191 5;  Erlebtes  und  Zukunftsfragen,  191 3;  Handbuch  des  deutschen  Unter- 
richts (Herausgeber) ;  Zahlreiche  Aufsatze  in  Zeitschriften  und  Zeitungen. 

Bonn.  Johann  Norrenberg. 

Mehrtens,  Georg  Chrlstoph,  Ingenieur,  Regierungs-  und  Baurat,  o.  Professor 
fiir  Statik  der  Baukonstruktionen,  Festigkeitslehre  und  eiserne  Briicken  an 
der  Technischen  Hochschule  Dresden,  *  am  31.  Mai  1843  in  Bremerhaven, 
f  am  9.  Januar  1917  in  Dresden.  —  Nach  AbschluB  der  Gymnasialbildung  in 
Bremerhaven  arbeitete  M.  zwei  Jahre  in  den  Werkstatten  der  Maschinenfabrik 
Balke  in  Altona  und  bezog  darauf,  18  Jahre  alt,  die  Technische  Hochschule 
Hannover,  an  der  er  bis  zum  Jahre  1866  Ingenieurwissenschaften  studierte. 
Im  Jahre  darauf  bestand  er  die  Regierungsbaufuhrerpriifung  und  trat  als 
solcher  bei  der  Kgl.  Eisenbahndirektion  Hannover  in  den  preuBischen  Staats- 
dienst.  Im  Jahre  1869  wurde  M.,  nachdem  er  die  zweite  Staatshauptpriifung 
bestanden  hatte,  bei  derselben  Verwaltung  Regierungsbaumeister  und  blieb 
in  deren  Diensten  bis  zum  Jahre  1872.  Die  auBergewohnliche  Belebung  des 
Eisenbahnbaus  nach  dem  AbschluB  des  Deutsch-Franzosischen  Krieges  ver- 
anlaBte  ihn  zum  Ubertritt  zu  Privatbahngesellschaften,  deren  Aufgaben  seine n 
Schaffensdrang  und  seine  ingenieurtechnische  Begabung  besser  befriedigten. 
Er  war  zunachst  als  Sektionsbaumeister  beim  Bau  der  Luneburg — Witten- 
berger  Bahn,  spater  als  Abteilungsbaumeister  beim  Bau  der  Berlin — Dresdener 
Bahn  tatig.  Hierauf  wurde  ihm  der  Bau  der  Eisenbahnstrecke  Frankfurt  a.d.O. — 
Kottbus  als  Oberingenieur  iibertragen. 

In  diesen  Jahren  hatte  M.  Gelegenheit,  reiche  Erfahrungen  auf  dem  Gebiete 
des  Bauwesens  zu  sammeln,  die  die  groBen  Erfolge  begriindeten,  die  ihm  in 


104  igi? 

der  zweiten  Periode  seines  I^ebens  beschieden  waren.  Er  trat  im  Jahre  1878 
in  den  preuBischen  Staatsdienst  zuriick  und  wurde  im  Ministerium  der  offent- 
lichen  Arbeiten  in  Berlin  mit  Vorarbeiten  fur  den  Bau  der  Bahnlinie  Erfurt — 
Ritschenhausen  betraut.  Gleichzeitig  ubernahm  er  an  der  Technischen  Hoch- 
schule  Charlottenburg  die  Stellung  eines  Assistenten  bei  Professor  Winkler, 
einem  der  bedeutendsten  Vertreter  der  Baustatik  und  des  Briickenbaus.  Die 
hiermit  verbundene  wissenschaftliche  Tatigkeit  fiihrte  nach  kurzer  Zeit  zu 
seiner  Habilitation  an  derselben  Hochschule.  Er  las  zunachst  iiber  die  Gebiete, 
denen  er  bisher  nahegestanden  hatte,  iiber  die  Ausfiihrung  von  Briicken,  auBer- 
dem  iiber  den  Entwurf  beweglicher  Briicken.  Diese  Tatigkeit  ist  fur  seine  kiinf- 
tige  Entwicklung  entscheidend  geworden.  Wenn  sie  auch  durch  seine  Ver- 
setzung  nach  Frankfurt  a.  d.  O.  im  Jahre  1883  unterbrochen  wurde,  so  konnte 
doch  O.  Schwedler,  der  damalige  Dezernent  fiir  die  Briickenbauten  der  preuBi- 
schen  Staatsbahn  im  Ministerium  der  offentlichen  Arbeiten  im  Jahre  1888 
keinen  geeigneteren  Mann  zum  Bau  der  neuen  Weichselbriicken  bei  Dirschau, 
Marienburg  und  Fordon  finden,  als  M.  Er  wurde  der  Leiter  des  hierfiir  ein- 
gerichteten  Bureaus  der  Eisenbahndirektion  Bromberg. 

Diese  Berufung  war  vor  allem  durch  eine  Reihe  wissenschaftlicher  Arbeiten 
begriindet,  deren  Anregung  in  seiner  Tatigkeit  an  der  Technischen  Hochschule 
zu  suchen  sein  wird  und  die  in  diesen  Jahren  veroffentlicht  wurden.  Eine 
Studienreise  im  Auftrage  des  preuBischen  Ministeriums  der  offentlichen  Ar- 
beiten fiihrte  zu  einer  Arbeit  »Notizen  iiber  die  Fabrikation  des  Eisens  und 
der  eisernen  Briicken«.  Darauf  folgte  ein  Aufsatz  iiber  »Das  Eisen  im  Altertum«. 
Ein  groBeres  Werk  erschien  im  Jahre  1885  und  behandelte  »Die  Mechanik  fester 
K6rper«.  Eine  weitere  Arbeit  wurde  im  Jahre  1887  der  Offentlichkeit  iiber- 
geben;  sie  betraf  » Eisen  und  Eisenkonstruktion  in  geschichtlicher  und  techno- 
logischer  Beziehung«.  In  alien  diesen  Schriften  kam  schon  das  groBe  Interesse 
zum  Ausdruck,  das  M.  der  geschichtlichen  Entwicklung  von  Briickenbau 
und  Baustatik  entgegenbrachte  und  das  auch  seine  spateren  Werke  kenn- 
zeichnet. 

Die  Arbeiten,  die  M.  mit  dem  Jahre  1888  an  der  Weichsel  ubernahm,  haben 
seine  Bedeutung  fiir  die  Entwicklung  des  Eisenbriickenbaus  begriindet. 
Wenn  der  Bau  dreier  groBer  Strombriicken  in  diesen  Jahren  an  und  fiir  sich 
fiir  die  Entwicklung  des  Eisenbriickenbaus  eine  bedeutsame  Aufgabe  war,  so 
ist  ihre  Losung  durch  seine  Initiative  deshalb  zu  einer  geschichtlich  denkwiirdi- 
gen  Leistung  geworden,  weil  hierbei  alte  Wege  in  der  Herstellung  des  Baustoffes 
aufgegeben  und  auch  in  Deutschland  das  SchweiBeisen  auf  Grund  jahrelanger 
Versuche  der  Bauverwaltung  in  Bromberg  durch  ThomasfluBstahl  ersetzt 
wurde.  Die  Nogatbriicke  in  Marienburg  und  die  Weichselbriicke  in  Dirschau 
sind  noch  mit  SchweiBstahl  gebaut  worden.  Dagegen  wurde  fiir  die  fiinf  Strom- 
offnungen  der  Weichselbriicke  in  Fordon  basischer  Siemens-Martin-Stahl  der 
Gute-Hoffnungshutte  venvendet.  Die  dreizehn  Flutoffnungen  wurden  aus 
basischem  Thomasstahl  der  Aachener  Hiitte  »Rote  Erde«  errichtet.  Die  Be- 
denken,  die  das  In-  und  Ausland  der  Anwendung  des  basischen  FluBstahls  im 
Briickenbau  entgegenbrachten,  sind  bald  geschwunden.  Damit  verfiigte 
Deutschland  iiber  einen  dem  englischen  sauren  Martinstahl  gleichwertigen 
Briickenbaustoff,  der  schon  bei  der  Briicke  iiber  den  Firth  of  Forth  An- 
wendung gefunden  hatte. 


Mehrtens  105 

Der  basische  FluBstahl  hat  sich  in  kurzer  Zeit  die  Welt  erobert,  so  daB  die 
weitsichtigen  Entscheidungen  M.s  nicht  zum  wenigsten  die  fuhrende  Stellung 
der  deutschen  Eisenindnstrie  begriinden  halfen  und  der  Entwicklung  des 
deutschen  Eisenbaus  den  Weg  zu  der  beherrschenden  Hohe  gewiesen  haben, 
die  dieser  in  der  Gegenwart  einnimmt.  Diese  Verdienste  M.s  sind  schon  zu 
seinen  Lebzeiten  gewiirdigt  worden.  R.  Krohn  tat  dies  gelegentlich  der  Ver- 
sammlung  der  deutschen  Naturforscher  und  Arzte  mit  den  Worten,  »daB  die 
deutschen  Eisenhiittenleute  alle  Ursache  hatten,  Georg  M.  fur  die  Einf tin- 
ning des  FluBeisens  im  Eisenbruckenbau  ein  Denkmal  zu  setzen«. 

Die  Arbeiten  M.s,  die  diesen  bedeutungsvollen  Abschnitt  technischer  Ent- 
wicklung in  Deutschland  begleitet  haben,  behandeln  im  wesentlichen  die  Ver- 
suche,  die  die  Anwendung  des  ThomasfluBstahls  im  Briickenbau  rechtfertigen. 
Sie  sind  in  den  Jahrgangen  1891 — 1893  der  Zeitschrift  »Stahl  und  Eisen«  ver- 
offentlicht.  Die  Erfahrungen,  die  hierin  niedergelegt  sind,  wurden  gelegentlich 
der  Weltausstellung  in  Chicago  im  Jahre  1893  von  ihm  auch  vor  der  inter- 
national Offentlichkeit  vertreten.  Mit  seinem  Vortrage  »The  use  of  mild 
steel  for  engineering  structures «  hatte  M.  Gelegenheit,  sein  Wissen  und  seine 
ganze  Uberzeugungskraft  fiir  seine  Ideen  einzusetzen  und  der  Einfuhrung  des 
basischen  FluBstahls  im  Briickenbau  auch  auBerhalb  seiner  Heimat  den  Weg 
zu  ebnen. 

Um  die  Moglichkeit  zu  besitzen,  das  ihm  liebgewordene  Fachgebiet  weiter 
wissenschaftlich  zu  durchdringen,  gab  M.  im  Jahre  1894  seine  Tatigkeit  im 
praktischen  Baudienst  auf  und  folgte  einem  Ruf  der  Technischen  Hochschule 
Aachen  als  Professor  der  Ingenieurwissenschaften.  Ein  Jahr  spater  ubernahm 
er  nach  dem  Tode  W.  Frankels  dessen  Lehrstuhl  fiir  Baustatik  und  Eisen- 
bruckenbau an  der  Technischen  Hochschule  Dresden  und  gliederte  diesem 
nach  dem  Rucktritt  O.  Mohrs  (s.  unten  S.  282  fT.)  auch  die  Festigkeitslehre 
fiir  Bauingenieure  an. 

Dieser  akademischen  Tatigkeit  gait  der  Rest  seines  Lebens.  Sein  formvoll- 
endeter  Vortrag,  die  reichen  Erfahrungen,  die  sich  aus  seiner  groBen  Bautatig- 
keit  ergaben,  fesselten  den  Studenten  in  hohem  MaBe.  War  er,  der  einen  groBen 
Teil  der  Entwicklung  des  Eisenbaus  selbst  erlebt  und  beeinfluBt  hatte,  doch 
wie  kein  anderer  berufen,  die  geschichtliche  Entwicklung  kritisch  zu  behan- 
deln und  daraus  die  Voraussetzungen  fiir  neuzeitliche  Durchbildung  abzu- 
leiten.  Das  erste  Ergebnis  dieser  Arbeiten  war  das  Werk,  das  im  Auftrage 
einiger  deutscher  Briickenbauanstalten  fiir  die  Pariser  Weltausstellung  in  drei 
Sprachen  gedruckt  wurde:  »Der  deutsche  Briickenbau  im  19.  Jahrhundert«. 
Auch  seine  Arbeiten  auf  dem  Gebiete  der  Baustatik  haben  einen  gewissen 
historischen  Einschlag.  Sie  sind  in  den  ersten  drei  Banden  seiner  »Vorlesungen 
iiber  Ingenieurwissenschaften «  zusammengefaBt  und  bilden  im  wesentlichen 
den  Inhalt  der  Vorlesungen,  die  er  iiber  dieses  Gebiet  an  der  Technischen 
Hochschule  Dresden  gehalten  hat.  M.  ist  auf  diesem  Gebiet  nicht  schopferisch 
tatig  geweseu.  Er  war  kein  Theoretiker,  der  der  Berechnung  des  Tragwerkes 
neue  Wege  gewiesen  hat.  Daher  erscheint  auch  sein  Werk  iiber  Eisenbrucken- 
bau, dessen  erster  Band  im  Jahre  1908  veroffentlicht  wurde,  von  groBerer 
Bedeutung.  Neben  den  allgemeinen  Grundlagen  wird  hier  die  einzige  zu- 
sammenfassende  geschichtliche  Darstellung  des  Briickenbaus  gegeben,  die 
bei  den  zahlreichen  personlichen  Beziehungen,  die  M.  im  L,aufe  seines  I,ebens 


io6  1917 

mit  den  fiihrenden  Mannern  verkniipft  haben,  dauernden  Wert  behalten  durfte. 
Zahlreiche  Aufsatze,  die  sich  mit  der  jiingsten  Entwicklung  des  Eisenbaus 
befassen,  sind  von  ihm  in  der  Zeitschrift  »Der  Eisenbau«  veroffentlicht  worden, 
deren  Schriftleitungsansschni3  er  vom  Jahre  ihres  Erscheinens  angehorte. 

M.  hat  es  an  auBeren  Ehxen  nicht  gefehlt.  Das  Vertrauen  seiner  Kollegen 
belief  ihn  in  den  Jahren  1901/02  zum  Rektor  der  Technischen  Hochschule. 
Im  Jahre  1903  wurde  er  zum  Geheimen  Hofrat  ernannt.  Sein  klares,  sicheres 
Urteil  war  in  der  Praxis  sehr  geschatzt,  so  daB  er  bei  zahlreichen  bedeutenden 
Wettbewerben  als  Preisrichter  berufen  wurde.  Von  diesen  sind  besonders  die 
mittlere  Rheinbnicke  in  Basel,  die  im  Jahre  1914  fertiggestellte  Hangebriicke 
iiber  den  Rhein  in  Koln  imd  die  FesthaUe  in  Frankfurt  zu  erwahnen. 

M.  war  mit  Eva  Barbara,  geb.  Wittig,  verheiratet  und  ist  mit  dieser  bis  zu 
deren  Tode  im  Jahre  1904  in  einem  iiberaus  gliicklichen  Familienleben  ver- 
bunden  gewesen.  Er  selbst  starb  nach  kurzem  Krankenlager  an  den  Folgen 
einer  Lungenentziindung,  nahezu  bis  zuletzt  wissenschaftlich  tatig.  Seine  Ar- 
beiten  sind  nicht  durch  theoretische  Tiefe  ausgezeichnet ;  er  gehorte  vielmehr 
zu  den  Ingenieuren,  die  die  Bewaltigung  der  Aufgaben  in  deren  baulicher 
Durchbildung  und  schoner  Form  erblickte.  Er  war  eine  feine,  durchgeistigte 
Personlichkeit,  ein  Mann  von  groBer  Liebenswurdigkeit,  der  seine  Horer  durch 
einen  lebendigen  Vortrag  zu  fesseln  verstand,  in  den  er  die  vielen  eigenen  Er- 
innerungen  an  Manner  verflocht,  die  in  der  Entwicklung  des  Briickenbaus 
eine  Rolle  gespielt  haben.  Er  war  ein  geistreicher  Gesellschafter  und  ein  in 
der  Verfolgung  seines  Ziels  unbekummerter  Kampfer,  dessen  geistige  Waffen 
nicht  zum  wenigsten  die  Stellung  des  deutschen  Briickenbaus  in  der  Welt  er- 
fochten  haben. 

L,iteratur:  F.  Bleich,  G.  Chr.  M.  Zum  70.  Geburtstage.  —  Der  Eisenbau,  1913,  S.  155. 
Dresden.  Kurt  Beyer. 


Meyer  (aus  Speyer),  Wilhelm,  Philologe,  *  am  1.  April  1845  in  Speyer, 
t  am  9.  Marz  1917  in  Gottingen.  —  Wilhelm  M.  ist  als  der  Sohn  kleiner  Hand- 
werksleute  geboren,  die  spat  geheiratet  hatten  und  deren  einziges  Kind  er  blieb. 
Er  vergaB  nie,  was  er  seinen  Eltern  zu  danken  hatte,  und  wollte  auch  auf  der 
Hohe  des  Lebens  die  schlichte  Herkunft  nicht  verleugnen,  wie  er  denn  auf  Titel 
jeder  Art  wenig  Wert  legte:  die  Doktorwiirde  hat  dem  vierzigjahrigen  Biblio- 
thekssekretar  die  philosophische  Fakultat  der  Universitat  Erlangen  honoris 
causa  verliehen —  den  » Geheimen  Regierungsrat*  schiittelte  er  mit  grimmiger 
Energie  ab. 

Schon  auf  dem  Gymnasium  seiner  Vaterstadt  Speyer  trat  M.s  Neigung  fur 
die  klassischen  Sprachen  stark  hervor.  Eine  Empfehlung  an  L.  Urlichs  fiihrte 
den  Abiturienten  zu  Ostern  1863  zunachst  auf  die  Universitat  Wiirzburg,  wo 
er  aber  weder  die  erhoffte  auBere  noch  starkere  wissenschaftliche  Forderung 
fand.  Von  Ostern  1864  ab  hat  er  in  Munchen  studiert  und  hier  1867  mrt  dem 
Staatsexamen  abgeschlossen.  Seine  Lehrer  waren  in  erster  Li  nie  Spengel  und 
Halm,  von  denen  er  aber  weder  in  der  Methode  noch  in  der  Stoff wahl  seiner 
Arbeiten  anders  als  vonibergehend  beeinfluBt  wurde,  so  wenig  wie  spater  im 
personlichen  Verkehr  von  Christ  oder  Wolfflin.  Dagegen  verdankte  er  vielseitige 


Mehrtens.  Meyer  IO7 

Anregungen  und  zugleich  die  ersten  Stunden  heiteren  Lebensgenusses  einem 
Kreise  gleichaltriger  Freunde,  an  den  er  sich  stets  gern  zuriickerinnerte. 

Die  Studienjahre  und  die  Zeit,  die  ihnen  folgte,  waren  fur  den  Mittellosen,  der 
bald  auch  die  greisen  Eltern  unterstutzen  muBte,  hart  und  entbehrungsreich. 
Durch  viele  Jahre  hat  er,  in  Miinchen  und  auch  in  Rom,  Privatstunden  ge- 
geben,  da  sein  karges  Gehalt  nicht  ausreichte.  Anfangs  Hilfslehrer  am  Maxi- 
milians-Gymnasium und  vorubergehend  in  Bayreuth,  wurde  er  im  Herbst  1872 
aus  dem  Schuldienst  beurlaubt,  um  Halm  bei  der  Katalogisierung  der  latei- 
nischen  Handschriften  der  Staatsbibliothek  dauernd  zu  helfen.  Nachdem  dann 
seine  ersten  Arbeitenzur  mittellateinischen  Philologie  (»Waltharius«und  »Rade- 
win«)  erschienen  waren  und  er  die  Ausgabe  der  Horazscholien  der  Porphyrio  im 
Manuskript  abgeschlossen  hatte  (sie  kam  1874  heraus),  ging  er  im  Herbst  1873 
mit  einem  Staatsstipendium  nach  Rom  und  verblieb  im  Siiden  anderthalb 
Jahr,  eine  gewaltige  Arbeit  von  Abschriften  und  Kollationen  bewaltigend. 
Dann  erreichte  er  im  Friihjahr  1875  sein  Ziel,  eine  feste  Anstellung  an  der 
Miinchener  Bibliothek ;  und  er  ist  der  Anstalt,  die  er  seit  langem  liebte,  treu 
geblieben  bei  nur  bescheidenen  Fortschritten  und  Aufbesserungen,  auch  als  inn 
PreuBen  1876  fur  die  Greifswalder  Bibliothek,  1885  fiir  die  philosophische 
Fakultat  von  Kiel  zu  gewinnen  suchte.  Ein  Jahr  spater  folgte  er  dann  doch 
einem  Rufe  an  die  Universitat  Gottingen,  der  in  ehrenvollster  Form  an  ihn 
erging,  nachdem  Ulrich  v.  Wilamowitz  die  Zuweisung  eines  philologischen  Lehr- 
stuhles  an  einen  Mann  von  der  Bedeutung  Wilhelm  M.s  als  eine  Ehrensache 
erklart  hatte.  —  Seit  1877  war  er  Mitglied  der  Kgl.  Bayerischen  Akademie, 
1892  wurde  er  auch  in  die  Gesellschaft  der  Wissenschaften  zu  Gottingen 
gewahlt. 

Nicht  alle  Hoffnungen  hat  der  Lehrer  erfullt,  die  der  Gelehrte  geweckt  hatte. 
Wilhelm  M.  sehnte  sich  vom  Katheder  und  aus  dem  philologischen  Seminar,  die 
ihm  fremd  gebliebene  und  lastig  bleibende  Pflichten  aufburdeten,  hinweg  zu 
seinen  geliebten  Manuskripten.  Er  war  sich  mit  Stolz  bewuBt,  fiir  die  Ordnung 
der  Handschriftenbestande  der  Miinchener  Bibliothek  das  Beste  geleistet  und 
dabei  der  Wissenschaft  eine  Fiille  wertvollen  Materials  erschlossen  zu  haben ; 
und  so  unterbreitete  er  dem  Kultusministerium  auf  Althoffs  Aufforderung  einen 
umf  assenden  Plan  zur  Bearbeitung  der  Handschriften  im  preuBischen  Staate  und 
wurde  1889  daftir  beurlaubt.  Bis  zum  Jahre  1894  hat  M.  den  dreibandigen 
Katalog  der  Gottinger  Handschriften  fertig  gestellt:  ein  Muster  von  Sorgfalt 
und  gleichmaBiger  Ftirsorge  fiir  die  verschiedenartigsten  Bestande.  Aber  das 
Unternehmen  erschien  Althof f  in  dieser  Form  zu  umstandlich  und  kostspielig ; 
so  trat  M.  im  Jahre  1895  zuriick  und  nahm  seine  Lehrtatigkeit  an  der  Univer- 
sitat wieder  auf :  mit  der  Erweiterung  seines  Lehrauf trages  auf  die  lateinische 
Sprache  und  Literatur  des  Mittelalters.  Wie  es  M.  selbst  auffaBte,  war  es  viel 
mehr  eine  Einschrankung :  denn  in  den  ihm  noch  beschiedenen  20  Jahren  hat 
er  sich  fast  ganz  auf  diese  Seite  seiner  Lehrtatigkeit  beschrankt  und  daneben 
nur  mit  Eifer  und  Erfolg  die  Palaographie  gepflegt,  fiir  die  er  auch  durch  selbst- 
losen  Ausbau  des  diplomatischen  Apparats  der  Universitat  sorgte. 

Innerhalb  des  Mittellateins  beschrankte  er  sich  in  der  Hauptsache  auf  die 
Dichter:  von  Venantius  Fortunatus  bis  auf  die  Sanger  und  Dramatiker  des 
12.  und  13.  Jahrhunderts.  Er  war  durchdrungen  vom  Wert  und  der  Wichtigkeit 
dieser  Literatur  und  suchte  die  stets  nur  kleine  Schar  seiner  Schiiler,  die  er  wie 


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ein  Vater  liebte,  mit  warmem  Eifer  von  dem  Reiz  ihres  Studiums  zu  iiberzeugen. 
Aber  er  konnte  das  nicht  anders  als  indem  er  sie  in  seine  eigene  Arbeit  ein- 
fiihrte,  er  stellte  ihnen  keine  Probleme,  die  er  nicht  selbst  loste,  iiberlieB  ihnen 
keine  Aufgaben,  die  er  nicht  zuvor  zu  den  seinen  gemacht  hatte.  Dieser  herzens- 
giitige  und  stets  hilfsbereite  Mensch  hat  doch  kaum  je  einen  Fund  aus  der  Hand 
gegeben,  der  seinera  Gliick  und  Geschick  zugef alien  war.  Und  so  hinterlaBt  er 
auf  einem  Felde,  wo  es  noch  so  unendlich  viel  zu  tun  gibt,  keine  Schule,  wie  sie 
sein  weitblickender  Freund  Ludwig  Traube  sichtbar  geschaffen  hat.  M.  fuhrte 
die  Studenten  auf  den  Bahnen,  die  er  selbst  beschritten  hatte,  aber  er  erzog  sie 
nicht  zu  seinen  Mitarbeitern  und  Nachfolgern. 

M.s  literarische  Produktion  ist  ebenso  vielseitig  wie  umf angreich :  sie  um- 
faflt  annahernd  hundert  selbstandige  Publikationen  und  groBere  Aufsatze. 
Schnitzel  hat  er  nicht  publiziert,  Rezensionen  grundsatzlich  niemals  geschrie- 
ben:  nur  zweimal  hat  er  in  eigener  Sache  (gegen  Havet  und  Milchsack)  die 
Schranken  der  Gott.  Gel.  Anzeigen  betreten.  Immer  deutlicher  tritt  dabei 
zweierlei  zutage :  die  durch  die  Munchener  Bibliotheksschatze  geweckte  Freude 
am  Ungedruckten  (die  ihn  aber  niemals  Wertloses  uberschatzen  lieB!)  und  das 
fruh  lebendige  und  bis  ans  Lebensende  festgehaltene  Interesse  an  Fragen  der 
Metrik  und  Rythmik.  Die  Prosa  sowohl  des  Altertums  wie  des  Mittelalters 
interessiert  ihn  nur  von  seiten  des  Rythmus,  insbesondere  des  rythmischen 
Satzschlusses,  und  hierf iir  freilich  verdankt  man  ihm  die  wertvollsten  Beobach- 
tungen,  die  er  vollig  unabhangig  von  dem  Franzosen  Havet  gefunden  hat. 

M.  war  unendlich  fleiBig,  aber  er  hat  sich  friihzeitig  gegen  aufgetragene 
Arbeit  gewehrt  und  die  von  ihm  allzufriih  ubernommenen  Verpflichtungen 
hinausgeschoben  oder  abgeschiittelt,  wie  die  Ausgaben  des  Prokop,  des  Cas- 
siodor  oder  des  Placidus.  Aber  leider  lieB  er  sich  auch  von  eigenen  groBeren 
Editionen,  die  er  bestimmt  in  Aussicht  gestellt  hatte,  immer  wieder  durch  neue 
Funde  und  Interessen  abdrangen:  so  ist  er  zu  der  kritischen  Ausgabe  der 
Carmina  Burana,  die  wir  seit  den  ebenso  durch  neue  Funde  wie  durch  ein- 
dringende  Kritik  bedeutungsvollen  »Fragmenta  Burana «  M.s  in  der  Festschrift 
der  Gottinger  Gesellschaft  der  Wissenschaften  (1901)  erhofften,  nicht  mehr 
gelangt. 

Den  Ausgangspunkt  fur  M.s  metrische  Arbeiten  haben  unzweifelhaft  die 
mittellateinischen  Studien  (seit  1872)  gebildet,  aber  ihre  Hohenleistungen 
kamen  ein  Jahrzehnt  spate  r  auch  der  klassischen  Philologie  zugute,  die  Schriften 
»Uber  die  Beobachtung  des  Wortakzents  in  der  altlateinischen  Poesie«  (1884) 
und  »Zur  Geschichte  des  griechischen  und  lateinischen  Hexameters  «  (1884). 
Gerade  der  groBe  Zusammenhang  seiner  metrischen  Untersuchungen  war  es, 
der  M.  zur  Erkenntnis  der  Grundgesetze  fur  die  Bildung  der  jambischen  und 
trochaischen  Metra  fuhrte  und  ihn  vor  allem  eine  wesentlich  neue  Anschauung 
von  der  Natur  des  romischen  Dialogverses  begriinden  lieB.  Und  ebenso  hat  er 
fur  den  Hexameter  der  alexandrinischen  Griechen  wie  der  Romer  die  wich- 
tigsten  Feststellungen  getroffen:  die  drei  Hauptgesetze  fur  den  SchluB  des 
Hexameters  tragen  jetzt  Wilhelms  M.s  Namen. 

Er  selbst  legte  den  groBten  Wert  auf  diejenigen  Arbeiten,  welche  er  im  Jahre 
1905  in  den  » Gesammelten  Abhandlungen  zur  mittellateinischen  Rythmik « 
(2Bde.)  vereinigte.  An  die  Spitze  hat  er  hier  die  Arbeit  »t)ber  Ursprung  und 
Bliite  der  mittellateinischen  Dichtungsf ormen  «  (aus  den  »Fragmenta  Burana  <c 


Meyer  IO9 

1901)  gestellt,  weil  er  selbst  die  Empfindung  haben  mochte,  daB  sie  mit  ihrer 
inneren  Warme  am  besten  geeignet  sei,  fur  die  junge  Wissenschaft  zu  werben, 
der  er  selbst  mit  stets  noch  wachsender  Liebe  diente.  Mit  den  Ausgaben  von 
Radewins  »Theophilus«  (1873),  dem  »Ludus  de  Antichristo*  (1882)  und  den 
*Planctus«  des  Abaelard  (1885.  1890)  verbindet  sich  ein  an  neuen  Erkenntnissen 
reicher  Uberblick  iiber  die  verschiedensten  Formen  der  Metrik  und  Rythmik 
des  11.  und  12.  Jahrhunderts.  Weiter  zuriick  greift  der  zweite  Band:  »Anfang 
und  Ursprung  der  lateinischen  und  griechischen  rythmischen  Dichtung«  (1885) ; 
»Der  akzentuierte  SatzschluB  in  der  griechischen  Prosa  vom  4.  bis  16.  Jahr- 
hunderU  (1891);  »Die  rythmische  lateinische  Prosa«  (1893);  woran  sich  dann 
die  Abhandlungen  iiber  byzantinische  Strophik  (1896),  den  Ursprung  der  Mo- 
tetten  (1898);  »Ein  Kapitel  spatester  Metrik  «  (trochaische  Septenare,  metrisch- 
rhythmische  Senare  1903) ;  ein  wenig  gliicklicher  Versuch,  die  Alliteration 
den  Germanen  abzustreiten  (1909)  und  schlieBlich  ein  knapper,  meisterhafter 
Uberblick  iiber  »Liturgie,  Kunst  und  Dichtung  im  Mittelalter  «  (1903)  reihen.  — 
Daran  haben  sich  in  M.s  letztem  Jahrzehnt  noch  weitere  Arbeiten  ange- 
schlossen,  die  (hoffentlich  bald)  einen  dritten  Band  fiillen  werden;  als  die 
wichtigsten  seien  genannt:  » Lateinische  Rythmik  und  byzantinische  Strophik  « 
(1908),  »Die  mozarabische  Liturgie«  (1914) ;  » Die  Verskunst  der  Iren  in  ryth- 
mischen lateinischen  Gedichten«  (1916).  Danebenher  geht  eine  Fiille  von 
groBeren  und  kleineren  Textpublikationen,  aus  denen  nur  berausgehoben 
seien:  »Der  Gelegenheitsdichter  Venantius  Fortunatus«  (1901),  »Die  Oxforder 
Gedichte  des  Primas«  (1907);  »Die  Arundel  -  Sammlung  mittellateinischer 
Lieder«  (1908);  »Die  Preces  der  mozarabischen  Liturgies  (1914). 

Aus  M.s  palaographischer  Unterrichtstatigkeit  erwuchs  die  umfangreiche 
Arbeit  iiber  »Die  Buchstabenverbindungen  der  sog.  gotischen  Schrift«  (1897) 
und  aus  weiterem  Interesse  ahnlicher  Art  »Henricus  Stephanus  iiber  die  Regii 
Typi  Graeci«  (1902). 

Was  M.  dariiber  hinaus  veroffentlicht  hat,  ist  hochst  mannigfaltiger  Natur 
und  schwer  unter  eine  andere  Einheit  als  die  des  Bibliothekars  und  gliicklichen 
Finders  zu  bringen :  M.  laBt  sich  in  dieser  Beziehung  nur  mit  seinem  Miinchener 
Vorganger  Johann  Andreas  Schmeller  oder  mit  seinem  groBen  Wolfenbiitteler 
Kollegen  Lessing  vergleichen.  Seit  er  nach  seinem  friihen  Eintritt  in  die  Baye- 
rische  Akademie  die  Festrede  iiber  Calderons  Sibylle  des  Orients  gehalten  (1879) 
und  gleich  darauf  die  Gratulationsschrift  zum  Jubilaum  des  deutschen  Archa- 
ologischen  Instituts  (»Zwei  antike  Elfenbeintafeln  der  K.  Staatsbibliothek «) 
verfaBt  hat,  hat  er  nicht  aufgehort,  die  gelehrte  Welt  mit  mehr  oder  weniger 
wertvollen  Funden  zu  iiberraschen,  die  er  stets  trefflich  auszuwerten  und 
lehrreich  zu  erlautern  verstand:  Rohmaterial  hat  er  nie  herausgegeben,  aber 
auch  nur  zogernd  denen  ausgeliefert,  in  deren  Hand  er  es  am  besten  auf- 
gehoben  wuBte.  Solche  Funde  bringen  die  »Vita  Adae  et  Evae«  (1879),  »Nurn- 
berger  Faustgeschichten«  (1895),  »t)ber  Lauterbachs  und  Aurifabers  Samm- 
lungen  der  Tischreden  Luthers «  (1896),  »Die  Spaltung  des  Patriarchats  Aqui- 
leja«  (1898),  »Die  Legende  des  hi.  Albanus«  (1904)  und  viele  kleinere  Arbeiten. 

Uberall  zeigt  er  sichere  Orientierung,  obwohl  er  keineswegs  immer  aus  dem 
paraten  Wissen  eines  Polyhistors  schopft,  aber  kaum  je  hat  er  sich  ad  hoc  die 
eigene  Belehrung  verschafft,  ohne  zugleich  andere  belehren  zu  konnen.  Alle 
Dokumente  der  Literatur  und  Kunst,  der  Buch-,  Musik-  und  Kirchengeschichte, 


no  1917 

die  ihm  Findergliick  und  Findergabe  zufiihren,  versteht  er  nicht  nur  histo- 
risch  einzuordnen,  sondern  auch  in  ihrem  Eigenwert  zu  erfassen  und  zu  charak- 
terisieren,  und  iiberall  wo  es  sich  um  literarische  Individualitaten  und  kunst- 
lerische  Werte  handelt,  bekundet  er  ein  feines,  einfiihlendes  Verstandnis.  Vor 
Paul  v.  Winterfeld,  der  selbst  ein  Dichter,  noch  iiber  ihn  hinauswuchs,  hat  uns 
kein  Gelehrter  die  lateinischen  Dichter  des  Mittelalters  so  als  Personlichkeiten 
und  schaffende  Kiinstler  verstehen  gelehrt  wie  Wilhelm  M.f  dessen  Erfassung 
des  Waltharius-Dichters  Ekkhard  I  (Ztsch.  f.  d.  Alt.  43,  1899)  ein  Meisterstiick 
der  Liter aturwissenschaft  bleiben  wird. 

Literatur:  Nachr.  d.  Kgl.  Ges.  d.  Wiss.  zu  Gottingen  1917,  Geschaftl.  Mitteilungen, 
S.  76  ff.  (E.  Schroder).  —  Neue  Jahrb.  f.  d.  klass.  Altertum  etc.  39,  269  ff.  (K.  Plenio)  — 
Jahrb.  d.  Kgl.  Bayr.  Ak.  d.  Wiss.  1917,  20  ff.  (F.  Vollmer).  —  ZentralbL  f.  Bibliothek- 
wesen  34,  209 — 221  (O.  Glauning:  Wilhelm  M.  und  die  Staatsbibliothek  in  Miinchen). — 
Den  Nachlafl  Wilhelm  M.s,  wertvoll  besonders  durch  die  zahlreichen  Mss.-Photographien, 
verwahrt  als  Geschenk  seines  Sohnes  (erster  Ehe)  Dr.  Rudolf  Meyer  die  Universitats- 
bibliothek  in  Gottingen  (vgl.  ZentralbL  f.  Bibliothekwesen  41,  266  f.)f  deren  alphabetischer 
Katalog  auch  das  vollstandigste  Verzeichnis  der  Druckschriften  bietet.  Soweit  diese  nicht 
selbstandig  erschienen  sind,  finden  sie  sich  fast  samtlich  in  den  Sitzungsberichten  und  Ab- 
handlungen  der  Bayerischen  Akademie  (seit  1873)  un^  m  den  Abhandlungen,  Nachrichten 
und  Anzeigen  der  Gottinger  Gesellschaft  der  Wissenschaften  (bis  1893);  dariiber  hinaus 
kommen  nur  noch  die  Zeitschrift  f.  deutsches  Altertum  (Bd.  43  und  50)  und  die  Fest- 
schriften  fiir  K.'Hofmann  (1890)  und  P.  Rajna  (191 1)  in  Betracht. 

Gottingen.  Edward  Schroder. 

Neumann,  Karl  Johannes,  o.  Professor  der  alten  Geschichte  an  der  Universitat 
StraBburg  i.  E.,^*  am  9.  September  1857!  in  Glogowo  bei  Krotoschin,  f  am 
12.  Oktober  191 7  in  Miinchen.  —  Da  in  Glogowo,  wo  N.s  Vater  ein  Landgut 
bewirtschaftete,  keine  hohere  Schule  vorhanden  war,  wurde  Karl  N.  mitfg  Jahren 
auf  das  Gymnasium  in  Krotoschin  gebracht.  Er  lebte  dort  im  Hause  seiner 
GroBmutter,  einer  hervorragend  begabten  Frau,  die  die  griechische  Sprache  be- 
herrschte  und  mit  ihrem  Enkel  die  Klassiker  in  der  Ursprache  las.  Unzweif el- 
haft  hat  sie  auf  N.s  Jugend  und  seine  Bildung  einen  groflen  EinfluB  ausgeiibt, 
Nachdem  dieser  am  8.  Februar  1875  das  Reifezeugnis  in  Krotoschin  erworben 
hatte,  bezog  er  zunachst  die  Universitat  Leipzig,  wo  wir  ihn  vom  Sommer- 
semester  1875  bis  zum  Wintersemester  1877/78  als  Studierenden  der  Philologie 
inskribiert  finden.  Bereits  in  dieser  Zeit  hat  er  Anregungen  erfahren,  die  in  der 
Folge  die  wichtigsten  seines  Lebens  werden  sollten.  Zwar  lag  es  in  dem  nor- 
malen  Gang  seines  Studiums  begriindet,  daB  er  bei  den  Philologen  Ludwig 
Lange  und  Friedrich  Ritschl  horte.  Aber  von  diesen  beiden  hatte  Lange,  dem 
N.   in   Bursians  biographischem   Jahrbuch   1886,   S.  31 — 61   einen  Nekrolog 
widmete,  in  immer  starkerem  Mai3e  die  sogenannten  Realien  zu  behandeln  be- 
gonnen,  und  es  ist  bezeichnend,  daB  sich  N.,  in  welchem  ein  starkes  historisches 
Interesse  vorhanden  war,  von  ihm  mehr  angezogen  f unite,  als  von  dem  reinen 
Philologen  Ritschl.  Noch  wichtiger  aber  sollte  seine  Verbindung  mit  dem 
jugendlichen  a.  o.  Professor  der  Kirchengeschichte  an  der  Universitat  Leipzig, 
Adolf  Harnack,  werden;  denn  auf  seinen  EinfluB  wird  man  es  zuriickfuhren 
durfen,  wenn  im  wissenschaftlichen  Denken  N.s  kein  Problem  eine  solche  Be- 
deutung  gewinnen  sollte,  wie  die  Frage  nach  dem  Verhaltnis  des  romischen 
Kaisertums  zur  christlichen  Kirche.  Bereits  im  Jahre  1877  bemiiht  sich  der  im 


Meyer.  Neumann  III 

5.  Semester  stehende  Student  um  Kyrillhandschriften  fur  die  von  ihm  geplante 
Ausgabe  der  Schrift  Kaiser  Julians  gegen  die  Christen.  Im  AnschluB  an  die 
Leipziger  Studentenzeit  ist  er  Ostern  1878  zum  Studium  einer  weiteren  Kyrill- 
handschrift  nach  Venedig  gereist.  Von  dort  aber  wandte  er  sich  zur  Fort- 
setzung  seines  Studiums  nach  Tubingen,  wo  er  vom  Sommersemester  1878  bis 
zum  Wintersemester  1879/80  verblieb  und  in  Alfred  v.  Gutschmid  denjenigen  Ge- 
lehrten  fand,  der  neben  Ludwig  Lange  und  Adolf  Harnack  den  nachhaltigsten 
EinfluB  auf  ihn  ausiibte  und  ihn  wohl  bestimmte,  das  Studium  der  alten  Ge- 
schichte  als  Lebensberuf  zu  wahlen.  Vor  allem  hat  Gutschmid  den  Horizont  des 
jungen  Studenten  geweitet  und  ihn  iiber  das  griechisch-romische  Gebiet  hinaus 
in  den  spatantiken  Orient  eingef  iihrt ;  um  mit  Erf  olg  diese  Studien  durchf  iihren 
zu  konnen,  studierte  er  bei  dem  Theologen  Franz  v.  Himpel  die  armenische 
Sprache  und  Literatur.  Auch  dem  feinsinnigen  Erwin  Rohde  hat  N.  von  seiner 
Tubinger  Zeit  ein  dankbares  Andenken  gewahrt  und  dessen  Arbeiten  zur  grie- 
chischen  Chronographie  als  Muster  methodischer  Forschung  hingestellt. 

Nach  Beendigung  der  Tubinger  Studienzeit  wurde  N.  am  14.  Marz  1880  in 
Leipzig  zum  Dr.  phil.  auf  Grund  seiner  Dissertation :  Prolegomena  in  Juliani 
imperatoris  libros  quibus  impugnavit  Christianos  promoviert  und  trat  in  den 
Dienst  der  Universitatsbibliothek  Halle  ein,  wo  er  im  Sommersemester  1881 
zum  1.  Amanuensis  aufstieg.  Nur  wenig  spater  erfolgte  seine  Zulassung  als 
Privatdozent  in  der  philosophischen  Fakultat  Halle,  vor  der  er  am  24.  Oktober 
1 88 1  die  offentliche  Antrittsvorlesung  iiber  das  Thema  hielt  »Der  literarische 
Kampf  des  Heidentums  gegen  das  Christentum*.  Die  Aufmerksamkeit  der  ge- 
lehxten  Welt  wurde  sehr  bald  auf  den  jugendlichen  Forscher  gelenkt ;  bereits 
im  Jahre  1884  erfolgte  seine  Berufung  nach  StraBburg,  wo  er  zunachst  als 
a.  o.  Professor,  sodann  vom  9.  April  1890  als  ordentlicher  Professor  und  Direk- 
tor  des  Instituts  fur  Altertumswissenschaft  wirkte.  Am  19.  November  1909 
wurde  er  zur  Zeit  seines  Rektorats  Ehrendoktor  von  Briissel. 

Nicht  die  auBeren  Daten  sind  es,  welche  bei  der  Betrachtung  eines  Gelehrten- 
lebens  in  den  Mittelpunkt  geriickt  werden  miissen ;  den  Vorrang  hat  die  geistige 
Arbeit  zu  beanspruchen,  wie  sie  sich  in  Schrift  und  Lehre  dokumentiert.  Dabei 
durfen  wir  eine  systematische  Gruppierung  des  Stoffes  vornehmen,  da  N.  im 
wesentlichen  in  den  Bahnen,  die  er  anfanglich  eingeschlagen  hatte,  verblieb. 
Als  dasjenige  Gebiet,  auf  welchem  seine  groBten  Leistungen  liegen,  muB  un- 
zweifelhaft  die  Frage  des  Verhaltnisses  von  Staat  und  Kirche  wahrend  der 
romischen  Kaiserzeit  bezeichnet  werden.  Ihm  gilt  bereits  das  Thema  der  Disser- 
tation, welche  in  erweiterter  Form  unter  dem  Titel  Juliani  imperatoris  librorum 
contra  Christianos  quae  super  sunt  collegit  recensuit  prolegomenis  instruxit  C.J. 
Neumann  Lipsiae  1880  erschien  und  mit  Recht  des  Verfassers  Namen  zu  Ehren 
brachte.  Kaiser  Julians  Schrift  gegen  die  Christen  oder,  wie  sie  wohl  richtiger 
heiBt,  gegen  die  Galilaer,  ist  zuerst  literarisch  bekampft,  spater  der  Vernichtung 
anheimgegeben  worden.  Wer  sie  wieder  erstehen  lassen  will,  hat  daher  die 
schwierige  Aufgabe  zu  erfiillen,  aus  der  Argumentation  der  Gegner,  d.  h.  vor 
allem  des  Kyrill  von  Alexandrien,  den  Gedankengang  der  Schrift  wiederzu- 
gewinnen.  N.  hat  diese  Aufgabe  in  geradezu  vorbildlicher  Weise  gelost,  aber 
seinen  Blick  zugleich  auf  weitere  Zusammenhange  gelenkt.  Es  versteht  sich, 
daB  die  Argumentation  der  Christenbekampfer  vielfach  ubereinstimmte,  und 
so  war  es  ein  richtiger  Gedanke,  samtliche  Christenbekampfer  in  einer  Samm- 


112  1917 

lung  zu  vereinigen.  N.  hat  diesem  Gedanken  dadurch  einen  auBeren  Rahmenge- 
geben,  daB  er  seine  Julian-Ausgabe  als  3.  Band  einer  Schriftenfolge  aufgefaBt 
wissen  wollte,  welche  als  Ganzes  den  Titel  trug:  Scriptorum  Graecorum  qui 
Christianam  impugnaverunt  religionem  quae  super  sunt,  und  auBer  Julian  vor 
allem  den  Celsus,  Porphyrius  und  Hierokles  enthalten  sollte.  Zur  Ausgestaltung 
dieses  Werkes  sollte  es  allerdings  nicht  kommen,  wie  iiberhaupt  N.s  weitaus- 
schauenden  Planen  vielfach  die  Verwirklichung  versagt  blieb.  Dies  gilt  auch 
von  dem  Werke,  dem  er  den  Titel  gab  »Der  romische  Staat  und  die  allgemeine 
Kirche  bis  auf  Diocletian  «,  und  dessen  erster  Band  im  Jahre  1890  erschien,  bis 
Philippus  Arabs  reichend.  Dieses  Werk  zeigt  N.  auf  der  vollen  Hohe  seiner 
wissenschaftlichen  und  schriftstellerischen  Leistungsf  ahigkeit ;  durch  die  Jahr- 
hunderte  hindurch  begleitet  er  die  Fiille  der  Probleme,  welche  zu  einer  Kolli- 
sion  zwischen  der  sich  bildenden  Kirche  und  dem  festgefugten  Reiche  fiihren 
muBten.  GewiB  ist  dies  auch  von  anderer  Seite  geschehen,  aber  was  N.s  Werk 
gegeniiber  anderen  Darstellungen  charakterisiert,  ist  die  Tatsache,  daB  es  den 
Staat  und  die  Kirche  auf  Grund  eigener  Forschung  in  gleicher  Weise  beriick- 
sichtigt.  Jede  Einseitigkeit  ist  dadurch  vermieden,  und  die  Darstellung  auch 
stilistisch  auf  eine  Hohe  gebracht,  aus  der  man  die  Sorgfalt  erschlieBen  kann, 
mit  der  der  Verfasser  an  seinem  Texte  feilte,  der  gewiB  nicht  leicht  zu  lesen  ist, 
aber  dem  aufmerksamen  Leser  einen  tiefen  GenuB  bereitet.  Bereits  in  dieser 
Schrift  hat  N.  eine  langere  Betrachtung  dem  Bischof  Hippolytos  von  Rom  ge- 
widmet;  als  sodann  die  Hippolytos- Ausgabe  der  Berliner  Akademie  im  Jahre 
1897  erschien,  verwertete  er  dieses  Material  zu  einer  Monographic  »Hippo- 
lytus  von  Rom  in  seiner  Stellung  zu  Staat  und  Welt «,  deren  erste  Abteilung, 
9  Bogen  umfassend,  im  Jahre  1902  erschien.  Auch  hier  blieb  die  Fortsetzung 
aus.  Was  aber  N.  gab,  war  ein  wiederum  auf  voller  Beherrschung  der  christ- 
lichen  Literatur  und  der  Kaisergeschichte  gestiitzter,  historisch  orientierter 
Kommentar  zu  Hippolytus'  Schrift  iiber  Christus  und  den  Antichristen ;  eben 
hier  griff  er  an  einem  Brennpunkt  den  Gegensatz  von  Staat  und  Kirche.  Immer- 
hin  brachte  der  »  Hyppolytus  «  mehr  eine  Erganzung  und  nahere  Ausf iihrung  zu 
dem  ersten  Band  von  »  Staat  und  Kirche  «,  als  die  so  dringend  gewiinschte  Fort- 
f iihrung  dieses  wichtigen  Werkes.  Es  versteht  sich,  daB  der  durch  die  Schriften- 
folge Julian,  Staat  und  Kirche,  Hippolytos  bezeichnete  Problemkreis  auch  im 
akademischen  Unterricht  N.s  stark  hervortrat.  Vor  groBerem  Publikum  pflegte 
er  mit  starkem  Erfolge  iiber  » Staat  und  Kirche  in  der  romischen  Kaiserzeit«  zu 
lesen;  auch  darf  in  diesem  Zusammenhang  auf  die  von  ihm  beeinfluBte,  aus- 
gezeichnete  Arbeit  seines  Schiilers  Georg  Mau,  die  Religionsphilosophie  Kaiser 
Julians  (1907)  hingewiesen  werden. 

Wenn  N.  auf  diesem  Gebiete  den  Anregungen  nachging,  die  Harnack  ihm 
gegeben  hatte,  so  war  es  Alfred  v.  Gutschmid,  welcher  ihn  auf  die  antike 
Lander-  und  Volkerkunde  hingewiesen  hatte.  N.s  eigene  literarische  Tatigkeit 
ist  hier  allerdings  weniger  reich,  aber  die  Arbeiten  seiner  Schiiler  zeugen  auch 
hier  fur  die  von  ihm  ausgehenden  Anregungen.  N.  selbst  hatte  sich  in  Halle  mit 
einer  Arbeit  habilitiert,  die  durch  einen  Nachtrag  bereichert  in  den  Jahrbiicheru 
fur  klassische  Philologie  Suppl.  XIII,  1884,  S.  322 — 354  unter  dem  Titel 
»Strabons  Landeskunde  von  Kaukasien,  eine  Quellenuntersuchung«  wiederholt 
wurde.  N.  sah  in  dieser  Schrift,  die  er  nicht  ohne  ein  inneres  Widerstreben  er- 
scheinen  lieB  (vgl.  S.  351),  nur  eine  Abschlagszahlung ;  denn  er  war  in  der 


Neumann 


113 


Priifung  des  wichtigsten  erhaltenen  Werkes  aus  dem  Gebiet  der  antiken  Geo- 
graphic bereits  weiter  vorgeschritten,  als  auBere  Griinde  ihn  zur  Publikation 
zwangen.  Und  doch  hat  er  personlich  —  von  einigen  kleineren  Beitragen  ab- 
gesehen  —  nur  noch  einmal  zu  den  Fragen  der  antiken  Lander-  und  Volker- 
kunde  Stellung  genommen,  als  er  in  dem  Gottinger  gelehrten  Anzeiger  1887, 
S.  275 — 288,  Hugo  Bergers  Geschichte  der  wissenschaftlichen  Erdkunde  der 
Griechen  I  in  einer  durchaus  originalen  und  fordernden  Besprechung  der  ge- 
lehrten Welt  naher  brachte.  Dagegen  haben  mehrere  seiner  Schiller  die  von  ihm 
begonnenen  Untersuchungen  fortgesetzt  und  dabei  zum  guten  Teil  die  Ideen 
verbreitet,  die  ihnen  N.  iibermittelt  hatte.  Hervorgehoben  seien,  weil  zur  Ab- 
rundung  des  Lebenswerks  N.s  gehorig,  die  StraBburger  Dissertationen  von 
Wilhelm  Fabricius,  Theophanes  von  Mytilene  und  Quintus  Dellius  als  Quellen 
der  Geographie  des  Strabon  1888;  P.  Bolchert,  Aristoteles*  Erdkunde  von 
Asien  undLibyen  1908;  Ferd.  Strenger,  Strabons  Erdkunde  von  Libyen  1913. 
Ein  dritter  Fragenkomplex,  der  N.  von  seiner  Studentenzeit  her  beschaftigte, 
war  das  romische  Staatsrecht.  Sein  Lehrer  Ludwig  Lange  war  nicht  allein  Ver- 
fasser  der  mehifach  aufgelegten  romischen  Staatsaltertiimer,  sondern  hatte 
auch  als  Dozent  gerade  auf  diesem  Gebiete  die  groBten  Erfolge  aufzuweisen. 
Freilich  war  sich  N.  auch  der  Schwachen  von  Ranges  wissenschaftlicher  Tatig- 
keit  wohl  bewuBt;  sie  lagen  einmal  auf  dem  kritischen  Gebiet,  insofern  Lange 
die  tlberlieferung  der  innerpolitischen  Geschichte  Roms  in  den  ersten  Jahr- 
hunderten  der  Republik  fur  zuverlassiger  hielt,  als  N.  anerkennen  wollte  (vgl. 
K.  J.  Neumann,  StraBburger  Festschrift  zur  46.  Philol.  Vers.  1901,  S.  309ff.), 
zum  andern  aber  hat  sich  N.  dem  iiberragenden  EinfluB  von  Mommsens  ro- 
mischem  Staatsrecht  nicht  entzogen  und  den  ungeheuren  Fortschritt  erkannt, 
der  an  die  Stelle  der  in  den  Altertumern  behandelten  Einzelerscheinungen  das 
logische  System  des  juristischen  Aufbaus  setzte.  Wohl  hat  er  in  seinem  Beitrag 
zu  der  von  Gercke  und  Norden  herausgegebenen  Einleitung  in  die  Altertums- 
wissenschaft  III2  1914,  S.  435 — 481  denTitel » Staatsaltertiimer «  beibehalten, 
in  Wahrheit  war  es  jedoch  ein  AbriB  des  Staatsrechts,  und  unter  dieser  Be- 
zeichnung  pflegte  er  seine  einschlagigen  Vorlesungen  zu  halten,  die  zu  seinen 
FiiBen  eine  groBe  Schar  von  Juristen  und  Historiker  vereinigten.  N.  blieb  aber 
bei  dieser  Verbindung  von  Recht  und  Geschichte  nicht  stehen,  vielmehr  be- 
trachtete  er  wohl  selbst  als  das  Chrakteristische  seiner  Leistung  die  Hinzu- 
fiigung  der  Wirtschaft.  Das  Studium  von  G.  F.  Knapps  Werk  iiber  die  Bauern- 
befreiung  und  den  Ursprung  der  Landarbeiter  in  den  alteren  Teilen  PreuBens 
(1887)  sowie  die  Teilnahme  an  Vorlesungen  dieses  seines  StraBburger  Kollegen 
gewahrte  ihm,  wie  er  selbst  auBerte,  einen  iiberraschenden  Einblick  in  den 
Zusammenhang  von  Wirtschaftsordnung  und  Verfassung;  mit  Hilfe  des  Ge- 
dankens  der  Bauernbefreiung  glaubte  er  die  groBen  Krisen  der  altromischen 
Geschichte  in  seiner  Rede  »Die  Grundherrschaft  der  romischen  Republik,  die 
Bauernbefreiung  und  die  Entstehung  des  Servianischen  Verfassung «  (1900)  und 
das  Problem  der  altspartanischen  Geschichte  in  der  Abhandlung  »Die  Ent- 
stehung des  spartanischen  Staates  in  der  Lykurgischen  Verfassung «  (»Hist. 
Zeitschr.«  Bd.  96, 1905)  erklaren  zu  konnen;  von  gleichen  Gedanken  ausgehend 
hat  er  in  Ullsteins  Welt  geschichte  (1909)  bei  Behandlung  der  hellenistischen 
Staaten  und  der  romischen  Republik  den  Versuch  eines  Neuaufbaus  der  alt- 
romischen Geschichte  gemacht. 

DBJ  8 


ii4  lgl7 

N.  war  nicht  allein  Historiker  der  alten  Geschichte,  sondern  er  kannte,  wie 
wohl  nur  wenige,  die  Geschichte  seiner  Wissenschaft,  wobei  er  es  verstand,  sie 
in  die  allgemeine  Geistesgeschichte  einzufiigen.  Bereits  der  Nachruf  auf  seinen 
I*ehrer  Ludwig  Lange  laBt  neben  den  biographischen  Elementen  diese  weite 
Orientierung  erkennen ;  als  Theodor  Mommsen  gestorben  war,  verof fentlicht  er 
in  der  »Histor.  Zeitschrift*  Bd.  92,  1904,  S.  193 — 238  unter  fast  vdlligem  Ver- 
zicht  auf  biographische  Stiicke  eine  Umschau  iiber  die  Lage  der  Wissenschaft, 
wie  sie  vor  Mommsens  Auftreten  war  und  wie  sie  sich  durch  Mommsens  Werk 
gestaltet  hatte.  SchlieBlich  gab  ihm  seine  Rektoratsrede  vom  1.  Mai  1909, 
welche  den  Titel  »Entwicklung  und  Aufgaben  der  alten  Geschichte  trug«,  die 
Gelegenheit,  in  den  dem  Drucke  angefiigten  Anmerkungen  seine  weite  Belesen- 
heit  in  den  Dienst  der  Aufhellung  der  > Geschichte  der  alten  Geschichte*  zu 
stellen.  Daran  aber  war  N.  gelegen.  Sein  eigenes  Iyebenswerk  sollte  sich  in  den 
Rahmen  der  geistigen  Entwicklung  einftigen,  und  so  suchte  und  fand  er  immer 
wieder  Ankniipfungen  an  die  Gedanken  der  GroBen  im  deutschen  Geistesleben. 
Gerade  hierauf  beruhte  ein  guter  Teil  der  Anregungen,  die  von  ihm  im  person- 
lichen  Verkehr  ausgingen.  Seine  Vorlesungen  pflegte  er  in  freiem  Vortrag  zu 
halten;  ohne  jede  Schwierigkeit  floB  ihm  die  miindliche  Rede.  Wohl  fehlte  dem 
Vortrag  nicht  eine  gewisse  Einseitigkeit ;  die  Probleme,  die  N.  beschaftigten 
und  deren  Skizzierung  oben  versucht  wurde,  nahmen  ofters  einen  breiteren 
Raum  ein,  als  die  Gesamtdisposition  der  Vorlesungen  gestattete,  und  so  kam 
es,  daB  er  andererseits  iiber  wichtige  Perioden  hinwegeilen  muBte.  Aber  gerade 
dadurch  pragte  er  seinen  Schulern  eine  Vorstellung  von  seiner  Forschungsarbeit 
ein  und  lieB  sie  an  ihr  teilnehmen ;  denn  das  was  er  sich  in  hartem  Kampfe  er- 
arbeitet  hatte,  hatte  schlieBlich  auch  auBerlich  eine  feste  Form  gewonnen,  in 
der  er  seine  Gedanken  mundlich  vortrug  und  schriftlich  festhielt.  Dem  engeren 
Schulerkreis  der  Doktoranden  war  er  ein  hingebender  Berater.  Das  Vertrauen 
seiner  Kollegen  berief  ihn  1909/10  auf  das  Rektorat  der  Universitat  StraBburg; 
deren  Zusammenbruch  im  Jahre  1918  zu  erleben,  ist  ihm  erspart  geblieben.  Im 
Juni  1916  ist  N.  schwer  erkrankt,  am  12.  Oktober  1917  befreite  ihn  der  Tod 
von  langem  Siechtum.  Die  Beisetzung  erfolgte  auf  dem  Friedhof  in  Baden- 
Baden,  wo  er  neben  einer  groBeren  Zahl  seiner  StraBburger  Kollegen  ruht.  N. 
war  seit  1885  mit  der  Tochter  des  Apothekers  Dr.  Ernst  Biltz  in  Erfurt  ver- 
heiratet.  Seine  Schrift  iiber  Hippolytus  hat  er  ihm  gewidmet. 

L,iteratur:  Die  im  Obigen  zitierten  Schriften  K.  J.N.s.  —  Das  in  den  Akten  der 
philosophischen  Fakultat  zu  Halle  befindliche  curriculum  vitae  von  1881.  —  Briefliche 
Mitteilungen  der  Witwe  N.s.  —  Personliche  Krinnerungen  des  Verfassers  aus  der  Stu- 
dentenzeit  (1898 — 1903)  und  der  Tatigkeit  an  der  Seite  N.s  (1909 — 1912). — Werner  Schur, 
K.  J.  N.  in  Bursians  Jahresbericht  f.  Altertumswissenschaft  Bd.  214,  1927. 

GieBen.  Richard  Laqueur. 

Niemann,  Albert,  Heldentenor,  *  am  15.  Januar  1831  in  Erxleben  bei  Magde- 
burg, |  am  I3-  Januar  1917  in  Berlin.  —  Als  Sohn  eines  wohlhabenden 
Anwesenbesitzers,  erhielt  er  in  Magdeburg  und  Aschersleben  Schulunterricht 
bis  zum  Einjahrig-Freiwilligen-Zeugnis,  um  zum  technischen  Beruf  in  eine 
Maschinenfabrik  einzutreten.  Wie  von  ungefahr  kam  er  im  Alter  von  18  Jahren 
zum  Theater:  Direktor  Martini,  der  in  Dessau  und  Helmstedt  spielte,  warb 
ihn  fur  stumme  und  kleine  Rollen,  zunachst  ohne  I/)hn.  In  Halberstadt  be- 


Neumann.  Niemann  n  «c 

trat  er  zuerst  die  Biihne.  In  Dessau  entdeckte  der  Komponist  Friedrich 
Schneider  N.s  stimmliche  Begabung;  seitdem  wurde  er  fur  die  Oper  im  Chor 
verwendet.  An  den  verschiedensten  Theatern  in  Stettin,  Worms,  Halle,  Darm- 
stadt, Berlin,  Konigsberg  usw.  bekam  er  kleine  Rollen.  Der  Berliner  Intendant 
Botho  v.  Hulsen  lieB  ihn  durch  Mantius  unterrichten.  Bei  seinem  ersten  Auf- 
treten  als  Sever  in  Bellinis  Norma  im  August  1853  wurde  er  von  der  Berliner 
Kritik  abgelehnt.  Am  25.  Juli  1854  sang  ¥•  *n  Insterburg  unter  dtirftigsten 
auBeren  Umstanden  den  Tannhauser  mit  der  Erkenntnis:  »Wird  eine  sehr 
gute  Rolle  von  mir  werden.*  Am  31.  August  1854  ftihrte  er  sich  als  Max  im 
Freischiitz  in  Hannover  ein,  wo  er  seine  Lehr-  und  Meisterjahre  bis  Mai  1866 
erlebte.  In  klassischen  und  italienischen  Opern  ernster  und  heiterer  Art  iibte 
er  seine  Stimme,  fur  deren  Ausbildung  er  im  Juni  1855  die  Unterweisung  des 
Sangers  Duprez  und  das  anfeuernde  Beispiel  des  Heldentenors  Roger  in  Paris 
genoB.  Vor  allem  aber  vertiefte  er  seine  dramatischen  Helden:  Rienzi,  Tann- 
hauser, Lohengrin,  die  er  bei  Gastspielen  auf  den  groBen  deutschen  Theatern 
so  vorziiglich  darstellte,  daB  er  bald  als  der  groBte  und  unvergleichliche 
Wagner-Sanger  gait.  Nach  dem  Kriege  von  1866  kam  er  ans  Berliner  Hof- 
theater,  wo  er  nach  LiUi  Lehmanns  Worten  »der  fiihrende  Geist,  nach  dem 
sich  alles  richtete«,  wurde.  In  der  Meistersinger-Auffuhrung  vom  April  1870 
stand  er  als  Walter  Stolzing  im  Vordergrund.  Im  Marz  1876  sang  er  Tristan, 
nach  Wagners  eigenem  Ausspruch  »eine  fabelhafte  Tat«,  trotz  erheblicher 
Striche  und  Zugestandnisse  aller  Art,  die  in  der  Berliner  Hofoper  unvermeid- 
lich  waren.  Am  8.  September  1888  stand  er  zum  letzten  Male  als  Tristan  am 
Steuer,  urn  bald  darauf  klanglos  von  der  Biihne  zurtickzutreten.  Vierzig  Jahre 
seines  Lebens  hatte  er  der  Kunst  geweiht,  einmal  war  er  zu  einem  Gastspiel 
nach  Amerika  gereist;  still  und  vornehm  zog  er  sich,  ohne  eine  Abschieds- 
vorstellung  anzukiindigen,  ins  hausliche  Leben  zuriick.  In  seinem  schonen 
Heim  in  der  AhornstraBe  verbrachte  er  seine  letzten  Lebensjahre.  N.  war 
zweimal  verheiratet:  zuerst  mit  der  gefeierten  Schauspielerin  Marie  Seebach 
(1859)  *n  Hannover,  von  der  er  sich  1867  trennte,  in  zweiter  Ehe  mit  Hedwig 
Raabe  (1870). 

Albert  N.  besafi  die  Macht  bezwingender  Personlichkeit.  Seine  Gestalt  hatte 
»etwas  Altgermanisches:  als  wenn  sich  aus  grauer  Vorzeit  durch  Geheimnis 
des  Blutes  ein  SproB  in  eine  kleine  Gegenwart  verirrt  hatte,  die  ihn  furchtsam 
bewundert,  so  steht  er  da  mit  dieser  unverwustlichen  Korperkraft,  diesem 
unbezahmbaren  Hang  zur  Jagd  und  Fischerei,  zum  Spielen  und  Zechen,  zum 
Durchsetzen  seines  Willens  und,  wenn  notig,  zum  Dreinschlagen  «.  Den  Mittel- 
punkt  seines  Lebens  und  Schaffens  bilden  die  Beziehungen  zu  Richard  Wagner, 
der  ihm  1857  schrieb:  » Alles,  was  ich  von  Ihnen  hore,  bringt  mir  den  Glauben 
bei,  daB  ich  in  Ihnen  den  mit  Bangen  gesuchten  Sanger  meines  Siegfried  ge- 
funden  habe.«  Im  Juli  1858  erfolgte  die  personliche  Bekanntschaft,  ein  Be- 
such  N.s  in  Zurich,  beim  Tannhauser  in  Paris  1860/61  das  erste  Zusammen- 
wirken  Wagners  und  N.s,  iiber  den  der  Meister  noch  am  12.  Februar  1861 
nach  Zurich  berichtete:  »Er  ist  durch weg  erhaben,  ein  groBer  Kiinstler  der 
allerseltensten  Art.«  I^eider  aber  erlag  N.  den  feindseligen  Einfliissen  und 
verlor  das  Vertrauen  auf  den  Sieg  des  Werkes;  er  schrieb  am  Tage  nach  der 
Pariser  Auffuhrung,  am  14.  Marz  1861 :  »Der  Tannhauser  ist  buchstablich  aus- 
gezischt,  ausgepfiffen  und  schliefilich  ausgelacht  worden;  Gott  sei  Dank  hat 


n6  1917 

der  Darsteller  des  Tannhauser  seine  kiinstlerische  Ehre  gerettet. «  Die  Pariser 
Presse  erwahnte  mit  vielsagender  Wendung,  Meyerbeer  habe  N.  die  Tenor- 
rolle  im  Propheten  zugedacht!  So  war  das  Einvernehmen  zwischen  Wagner 
und  N.  auf  Jahre  hinaus  zerstort.  In  Ludwig  Schnorr  von  Carolsfeld  fand 
Wagner  vollen  Ersatz,  aber  nur  fur  kurze  Zeit,  da  der  Sanger  bald  nach  den 
Miinchener  Tristan- Auf fuhrungen  im  Juli  1865  starb.  Als  die  Zeit  der  Bay- 
reuther  Festspiele  herannahte,  bezwang  Wagner  seinen  Groll  und  schrieb  an 
N.,  der  1872  bei  der  Grundsteinlegung  das  Tenorsolo  in  Beethovens  9.  Sinfonie 
sang.  Auf  die  Aufforderung  zur  Teilnahme  an  den  Spielen  schrieb  N.  im 
Marz  1874:  »Hoher  Meister!  Fur  Ihre  groBe  Sache  stehe  ich  stets  und  stiind- 
lich  mit  Leib  und  Seele  zur  Verf  tigung.  Ich  werde  mit  voller  Selbstverleugnung 
nur  der  Sache  zu  dienen  suchen.«  Freilich  war  er  dem  jungen  Siegfried,  fur 
den  er  einst  ausersehen  wurde,  entwachsen.  Wagner  erkor  ihn  zum  Darsteller 
des  Siegmund,  fiir  den  er  wie  geschaffen  erschien.  Im  Riickblick  auf  die  Fest- 
spiele 1876  nennt  Wagner  N.  »das  eigentliche,  Enthusiasmus  treibende  Element 
unseres  Vereins«,  das  » Genie  der  Darstellung,  wogegen  alles  iibrige  nur  durch 
FleiJ3  und  edlen  Willen  sich  beteiligen  konnte«.  Auch  nach  seinem  Riicktritt 
von  der  Biihne  und  nach  des  Meisters  Tode  hielt  N.  getreu  zu  Bayreuth  und 
setzte  sich  mit  dem  Ansehen  seines  Namens  fiir  den  Parsifal-Schutz  ein.  Zu 
den  Festspielen  kam  er  wiederholt  als  freudig  begriiBter  Ehrengast. 

N.  gehort  zu  den  seltenen,  wahrhaft  mitschopferischen  Kunstgenossen  Wag- 
ners, die  nicht  nur  Anregungen  empfingen,  sondern  auch  gaben.  Die  Harten 
und  Schwachen  verschwinden  vor  der  groBen  Personlichkeit,  die  nicht  nach 
DurchschnittsmaB  bemessen  werden  darf.  Seine  kiinstlerische  Entwicklung 
fallt  in  eine  Zeit,  wo  der  Vortragsstil  fiir  das  Drama  Wagners  erst  gesucht 
wurde.  Aus  eigener  Erfindung  und  Gestaltungskraft  gab  er  ein  Beispiel,  das 
auBerlicher  Nachahmung  entriickt  ist.  Er  nahm  in  seine  Darstellung  auf,  was 
seiner  Art  verwandt  war.  Er  hatte  keine  Vorbilder,  denen  er  folgen  konnte, 
er  trug  die  AusmaBe  und  Gesetze  des  kiinstlerischen  Schaffens,  das  er  gefuhls- 
maBig  austibte,  in  sich.  DaB  er  sich  den  heute  fiir  den  Wagner-Stil  giiltigen 
Anforderungen  hatte  unterwerfen  konnen,  ist  zweifelhaft.  Auch  war  seine  ge- 
sangliche  Leistungsfahigkeit  beschrankt:  auBer  Siegmund  sang  er  keine  Rolle 
strichlos.  In  den  Jahren  seines  Aufstiegs  (1861 — 1872)  muBte  er  der  unmittel- 
baren  personlichen  Anleitung  Wagners  entbehren,  weil  er  sein  Vertrauen  ver- 
loren  hatte:  das  war  die  schlimmste  Folge  des  Pariser  Zerwtirfnisses.  Auch 
Schnorr  traute  sich  anf  angs  die  L,6sung  der  von  Wagner  gestellten  Forderungen 
nicht  zu,  bis  er  im  personlichen  Verkehr  eines  Besseren  belehrt  wurde.  Frau 
Wagner  schrieb  im  Januar  1905:  »Sie  sind  der  eigentliche  Recke  unserer  Fest- 
spiele 1876  gewesen ;  niemals  kommt  Siegmund  auf  die  Biihne,  ohne  daB  Ihrer 
mit  Bewunderung  fiir  Ihre  Leistung  wie  fiir  Ihre  begeisternde  Haltung  ge- 
dacht  wird. «  N.  bleibt  auch  im  Schicksal  seiner  Kiinstlerlaufbahn  Siegmund : 
»in  wildem  Leiden  erwuchs  er  sich  selbst,  mein  Schutz  schirmte  ihn  nie«.  So 
steht  er  als  der  groBte  deutsche  Heldensanger  des  19.  Jahrhunderts  neben 
Schnorr  v.  Carolsfeld :  Tannhauser,  Tristan,  Siegmund ! 

Literatur:  Richard  Sternfeld,  Albert  N.,  Berlin  1904  (Das  Theater,  Band  4).  — 
R.  Wagner  und  A.  N.,  ein  Gedenkbuch  von  W.  Altmann,  nebst  einer  Charakteristik  N.s  von 
Dr.  Gottfried  Niemann  (seinem  Sohn),  Berlin  1924;  darin  auch  N.sTagebuch  1849 — 1855 

Rostock.  Wolfgang  Golther. 


Niemann.  Olde  jj  7 

Olde,  Hans  (Johann  Wilhelm),  Maler  und  Graphiker,  *  am  27.  April  1855 
in  Suderau  (Holstein),  f  am  25.  Oktober  1917  in  Kassel.  —  O.  entstammte 
einem  alten  Marschenbauerageschlecht  und  war  bestimmt,  den  vaterlichen 
Stammsitz  spater  zu  ubernehmen.  Obgleich  sich  in  dem  Knaben  fruhzeitig 
der  kiinstlerische  Sinn  regte,  wurde  O.  nach  dem  Besuch  der  Schulen  zu  Horn, 
Altona  und  Kiel  —  der  Tradition  seiner  Familie  gemafi  —  zunachst  Landwirt 
und  iiberaahm  als  Verwalter  ein  Gut.  Erst  mit  24  Jahren  entschloB  er  sich 
fur  die  Laufbahn  des  Malers,  studierte  1879  bis  x^^4  bei  Ludwig  v.  Loefftz 
an  der  Miinchener  Akademie  und  bildete  sich  1886/87  in  Paris  an  der  Acad^mie 
Julian  weiter.  Nach  Deutschland  zuriickgekehrt,  lebte  er  zunachst  bis  1892 
in  Miinchen,  dann  meist  auf  seinem  Gute  Seekamp  bei  Friedrichsort  in  Hoi- 
stein.  1902  wurde  er  als  Leiter  der  Kunstschule  nach  Weimar  berufen,  an 
der  er  bis  1911  wirkte.  Im  November  dieses  Jahres  erfolgte  seine  Berufung 
zum  Direktor  der  Kunstakademie  in  Kassel,  wo  O.  bis  zu  seinem  Tode  an- 
sassig  blieb.  —  Hinsichtlich  des  Stoffgebietes  sehr  vielseitig,  hat  O.  das  Por- 
trat,  das  Tierfach,  die  Landschaft,  das  Genre  und  das  Interieurbild  gepflegt. 
Seine  Hauptbedeutung  hat  er  als  Bildnismaler.  Er  ist  einer  der  geschmack- 
vollsten  Vertreter  des  gemaBigten  Impressionismus,  fiir  den  ihm  der  Pariser 
Aufenthalt  die  entscheidenden  Anregungen  gegeben  hat.  Die  innige  Ver- 
trautheit  des  auf  eigener  Scholle  Aufgewachsenen  und  leidenschaftlichen 
Jagers  mit  der  Natur  kommt  schon  in  den  ersten  Arbeiten  O.s  zum  Ausdruck; 
aus  seinem  von  Jugend  auf  gepflegten  engen  Verhaltnis  mit  der  Natur  er- 
wuchs  ihm  geradezu  das  Wesen  seiner  Kunst,  die  kerndeutsch  blieb,  obgleich 
Paris  die  technische  Grundlage  vermittelte  und  namentlich  Claude  Monet, 
bei  dem  er  alles  das  realisiert  fand,  was  er  selbst  erstrebte,  zweifellos  einen  be- 
deutenden  EinfluB  auf  ihn  ausgeiibt  hat.  Da  er  bis  zuletzt  jedes  Jahr  wahrend 
der  Sommermonate  den  Landwirt  auf  Seekamp  machte,  so  erhielt  sein  Natur- 
gefuhl  in  regelmaBigen  Zeitabstanden  eine  Fulle  immer  wieder  neuer  An- 
regungen, die  die  Gefahr  einer  mahlichen  Verblassung  seiner  Naturempfindung 
ausschlossen.  Wie  sehr  er  die  freie  Natur  als  den  gegebenen  Rahmen,  die 
selbstverstandliche  Folie  fiir  alles  Figurliche  empfand,  ersieht  man  nicht  nur 
aus  seinen  Genrebildern,  wie  dem  liebenswiirdigen,  ganz  auf  Goldblond  gestimm- 
ten  Bildchen  des  Lubecker  Museums,  sondern  vor  allem  auch  daraus,  daJ3  er 
seine  Portratf iguren  mit  Vorliebe  ins  Freie  gegen  einen  landschaftlichen  Hinter- 
grund  stellt ;  so  hebt  sich  die  charakteristische  Gestalt  Klaus  Groths  von  dem 
kraftigen  Griin  eines  Laubenganges  ab ;  seinen  Liliencron  hat  er  auf  eine  weiBe 
Bank  vor  dichtem  Wald  placiert ;  ahnlich  ist  das  Arrangement  auf  dem  Bildnis 
der  Frau  Forster-Nietzsche ;  die  pompose  Gestalt  der  Schriftstellerin  Adelheid 
v.  Schorn  laBt  er  im  griinen  Seidenkleide  die  StraBe  iiberschreiten.  Diese 
genremaBige  Einkleidung  empfindet  man  nicht  etwa  als  zufalliges  Akzesso- 
rium,  sondern  im  Sinne  einer  Steigerung  der  dekorativen  Bildwirkung  und 
zugleich  eines  Mittels  zur  geistigen  Charakterisierung  der  Dargestellten  vom 
Kiinstler  verwendet.  Viel  weniger  gliicklich  ist  O.,  wenn  er  wie  in  seinen 
offiziellen  Staatsportraten  auf  diese  liebenswiirdige  genremaBige  Note  zu  ver- 
zichten  genotigt  wird;  hier  wirkt  er  dann  leicht  kalt  und  gelegentlich  selbst 
akademisch.  Wie  O.s  Bildnisse  alle  auf  eine  diskrete,  aber  nichtsdestoweniger 
sehr  deutlich  sprechende  Hervorhebung  der  individuellen  Eigenschaften  des 
Modells  ausgehen,  so  auch  seine  von  Licht  und  Luft  erfiillten  Landschaften, 


n8  1917 

deren  Motive  er  anfanglich  dem  Holsteiner-  und  Thuringerlande,  spater 
vornehmlich  dem  Hessenlande  entlehnte.  —  Ohne  daB  O.s  Stil  eine  besonders 
markante  Entwicklungslinie  aufwiese,  ist  doch  der  Ubergang  von  den  Prin- 
zipien  des  Impressionismus  zu  denen  des  Neuimpressionismus  mit  seiner 
intensiven  Farbigkeit  deutlich  in  seinem  Werk  zu  erkennen,  ja  in  seinen  letzten 
Lebens  jahren  hat  er  sich  sogar  mit  den  expressionistischen  Problemen  aus- 
einanderznsetzen  versucht,  wie  einige  hessische  Stadtebilder  aus  den  Jahren 
1915  und  1916  zeigen.  Die  Hauptleistungen  O.s  fallen  in  die  Zeit  seines  Weima- 
rer  Direktorats.  Aus  den  neunziger  Jahren  stammen  einige  bereits  ganz  plei- 
nairistisch  aufgefaBte  Tierstiicke  (holsteinische  Weiden),  Landschaften  und 
Interieurs,  in  denen  der  Beobachtung  der  Licht-  und  L,uftstimmungen  ein 
besonderes  Augenmerk  geschenkt  ist.  In  diese  vorweimarische  Zeit  gehoreu 
Bilder  wie:  »Die  Schnitter«,  von  1893;  »Die  Diele  des  Herrenhauses  in  Wal- 
tershof«,  von  1894  (Hamburg,  Kunsthalle);  » Holsteinischer  Stier«,  von  1896 
(Dresden,  Gemaldegalerie) ;  »Wintersonne«,  von  1892  (Berlin,  Nationalgalerie). 
Auch  als  Bildnismaler  hat  sich  O.  in  dieser  Friihzeit  schon  ausgezeichnet, 
wie  namentlich  die  Bildnisse  der  Hamburger  Schriftstellerin  und  Philanthropin 
Elise  Averdieck,  von  1894,  und  des  Dichters  Klaus  Groth  (in  ganzer  Figur 
im  Freien  dargestellt),  von  1899,  beide  im  Besitz  der  Hamburger  Kunsthalle, 
beweisen.  Aus  der  Weimarer  Zeit  stammen  dann  u.  a.  das  Bildnis  der  Schwester 
Friedrich  Nietzsches,  der  Frau  Elisabeth  Forster-Nietzsche,  das  auf  der  Kiinst- 
lerbund-Ausstellung  in  Weimar  1906  groBes  Aufsehen  erregte,  das  auf  grau 
und  rot  gestimmte,  sehr  feine  Bildnis  seines  eigenen  Tochterchens  im  Winter- 
mantel  und  mit  Pelzbarett,  vor  einer  Gardine  stehend,  das  hochst  vornehme 
Bildnis  seiner  Schwiegermutter,  die  Bildnisse  der  Dichter  Theodor  Storm, 
Detlev  v.  L,iliencron  und  Gustav  Falke,  ein  lebensgroBes  Bildnis  der  jugend- 
lichen  Groflherzogin  von  Sachsen- Weimar,  Studien  fur  ein  Bildnis  Nietzsches 
und  die  beiden  Kniebildnisse  der  Herzoge  von  Sachsen- Altenburg  und  von 
Sachsen-Meiningen  fur  die  Universitat  Jena.  AuBer  den  schon  erwahnten 
besitzen  folgende  offentlichen  Sammlungen  Bilder  O.s:  Kaiser-Friedrich- 
Museum  in  Magdeburg  (Bildnis  des  Magdeburger  Oberburgermeisters  Schnei- 
der), die  Kunsthalle  in  Kiel  (Kuhe  auf  der  Weide),  das  Behnsche  Haus  in 
Lubeck  (Am  Gartentor),  die  Kunsthalle  in  Bremen  (Bildnis  Klaus  Groths; 
ein  drittes  Bildnis  des  Dichters  im  Museum  zu  Oldenburg)  und  das  Museum 
in  Weimar  (Ernte).  O.s  bekannteste  Radierungen  sind  das  ergreifende  Bildnis 
des  kranken  Friedrich  Nietzsche  und  der  markante  Profilkopf  Klaus  Groths, 
die  beide  zuerst  in  der  Kunstzeitschrift  »Pan«  erschienen.  Hervorgehoben 
seien  ferner  die  radierten  Bildnisse  des  Admirals  von  Hollmann,  des  Dichters 
Casar  Flaischlen,  das  geschabte  Huftbild  des  Philosophen  Eucken  im  Armstuhl, 
das  geschabte  Halbfigurbildnis  des  Anatomen  His  und  das  in  Schabkunst 
und  kalter  Nadel  ausgefuhrte  Bildnis  der  Frau  Geheimrat  Luise  Delbriick. 
Auch  auf  lithographischem  Gebiet  hat  sich  O.  wiederholt  versucht ;  so  schuf 
er  in  dieser  Technik  ein  groBes  Bildnis  Elise  Averdiecks,  das  die  verehrte 
Greisin  in  ihrem  Arbeitszimmer  darstellt,  und  das  auf  Anregung  der  Ham- 
burger Kunsthalle  zum  Jubilaum  der  Lithographie  1897  entstanden  ist.  Eine 
im  Kasseler  Kunstverein  am  1.  Mai  1918  eroffnete  Gedachtnisausstellung,  in 
der  O.s  umfangreicher  klinstlerischer  NachlaB  gezeigt  wurde  (ca.  65  Bilder 
und   Studien,   dazu   viele   Bildnisradierungen),   lieB   die   Entwicklung  dieses 


Olde.  Philippovich  von  Philippsberg  no 

feinen,  liebenswurdigen  Kiinstlers  gut  iibersehen.  Die  Stadt  Kassel  erwarb 
auf  dieser  Ausstellung  ein  sonniges  Interieur  »Diele  in  BorgfekU  (1899)  und 
eine  Stimmungslandschaft  »Reinhardswald«  (1914).  O.s  sympathische  auflere 
Erscheinung  ist  uns  in  einem  friihen  Selbstbildnis  aus  der  Miinchener  Zeit 
und  in  einer  Marmorbuste  seines  Freundes  und  Landsmannes  Adolf  Briitt 
erhalten.  Die  Erfullung  eines  alten  Lieblingswunsches,  seinen  Lebensabend 
auf  seinem  holsteinischen  Giitchen  zu  verleben,  sollte  ihra  nicht  zuteil  werden; 
unerwartet  schnell  wurde  er  wenige  Tage,  nachdem  ihn  die  Nachricht  getroffen 
hatte,  daB  sein  altester  Sohn  den  Seemannstod  fur  das  Vaterland  erlitten  hatte, 
aus  einem  arbeitsreichen  Leben  durch  den  Tod  gerissen.  Von  den  zahlreichen 
Ehrungen,  die  ihm  seine  Kunst  gebracht  hat,  seien  genannt:  Silberne  Medaille 
in  Paris,  Goldene  Medaille  in  Diisseldorf  und  Ernennung  zum  Ehrenmitglied 
der  Weimarer  Hochschule  fur  bildende  Kunst. 

Literatur:  Fr.  Jansa,  Deutsche  bild.  Kiinstler  in  Wort  und  Bild,  Leipzig*Ji9i2. — 
W.  Schafer,  H.  O.  (Deutsche  Monatshefte  1910  [=  Jahrg.  10  der  »  Rheinlande  «] ,  S.  213 
bis  216  (mit  4  Textabbildungen,  1  Rad.  und  4  Tondrucktafeln).  —  G.  Gronau,  H.  O.  (Vel- 
hagen  &  Klasings  Monatshefte,  Jahrg.  34,  Bd.  I,  Januar  1920,  S.  514/28.  —  Kunst  und 
Kiinstler,  XVI  (1918)  1 56  (Nekrolog  von  J.  Elias).  —  Kunstchronik,  N.  F.  XXIX  (1917/18) 
Sp.  81/84  (G.  Gronau).  —  Nucleus,  Neues  aus  dem  alten  Weimar  (Zeitschrift  fur  bild. 
Kunst.  N.  F.  XIX  [1908]  in  ff.,  mit  4  Abbildungen). 

Leipzig.  Hans   Vollmer. 

Philippovich  von  Philippsberg,  Eugen,  o.  Professor  der  Nationalokonomie  in 
Wien,  *  am  15.  Marz  1858  in  Wien,  |  am  4.  Juni  1917  in  Wien,  —  Sohn  des 
osterreichisch-ungarischen  Obersten  Nikolaus  v.  P.,  entstammt  einer  stidoster- 
reichischen  Offiziersfamilie,  der  auch  der  Eroberer  Bosniens  angehorte.  E.  P. 
studierte  in  Graz,  Wien  und  Berlin,  habilitierte  sich  1884  in  Wien,  wurde 
1885  nach  Freiburg  i.  B.  als  aufierordentlicher  Professor  berufen,  wurde  dort 
1888  ordentlicher  Professor,  ging  1893  in  gleicher  Eigenschaft  nach  Wien,  wo 
er  bis  zu  seinem  Tode  lehrte. 

Man  hat  P.s  Hauptbedeutung  vielfach  in  dem  Versuch  erblicken  wollen, 
zwischen  der  Grenznutzen-  und  der  historischen  Schule  zu  vermitteln.  Ein 
genauer  Blick  iiber  seine  Arbeiten,  in  denen  auch  die  Einzelheiten  in  iiber- 
raschend  tiefer  Weise  ausgearbeitet  sind,  zeigt  jedoch,  daB  diese  Ansicht 
seinem  Wirken  unrecht  tate.  Er  kam  von  der  Grenznutzschule  her  als  Lieb- 
lingsschuler  KarlMengers  (s.  DBJ.  1921,  S.  192  ff.),  der  ihn  hoch  iiber  Bohm- 
Bawerk  (s.  DBJ.  1914 — 16,  S.  3  ff.)  und  Wieser  stellte,  und  er  stand  mit 
Schmoller  (s.  unten  S.  124  ff.)  als  zweiter  Fiihrer  des  Vereins  fur  Sozialpolitik 
in  guter  Fuhlung.  Aber  er  erkannte  deutlich  den  Epigonencharakter  beider 
Richtungen.  Sein  innerster  Ehrgeiz  war,  eine  Synthese  zwischen  Adam  Smith 
und  Karl  Marx  zu  versuchen.  Viele  Ansatze  dazu  sind  in  seinem  Lehrbuch  ent- 
halten.  Die  enzyklopadische  Beherrschung  des  ganzen  Materials  der  national- 
okonomischen  Wissenschaft  gab  dem  Lehrbuch  Bedeutung,  erschwerte  aber 
seine  Fortfuhrung.  Das  Buch  iiber  die  »Bank  von  England*  gilt  in  England 
als  die  klassische  Darstellung  des  wichtigsten  Teils  der  Geschichte  der  Noten- 
bank.  Dem  scharfen  Angriff ,  der  gegen  Grundanschauungen  von  P.  in  der  be- 
riihmten  Produktivitatsdebatte  des  Vereins  fiir  Sozialpolitik  in  Wien  von  Max 
Weber  (s.  unten  S.  593  ff.)  und  Werner  Sombart  gerichtet  wurde,  ist  nach 


120  1917 

scheinbarem  Erfolge  wahrend  eines  Jahrzehntes  die  Dauerwirkung  versagt 
geblieben.  Die  neueste  Entwicklung  der  Wissenschaft,  namentlich  auch  in 
den  Vereinigten  Staaten,  bewegt  sich  zweifellos  in  der  Richtung,  die  P.  ge- 
gangen  war. 

L»iteratur:  Seine  Werke  sind:  Die  Bank  von  England  im  Dienste  der  Finanzverwal- 
tung  des  Staates  (1885),  2.  Aufl.  (1914),  auch  in  englischer  Sprache. —  t)ber  Aufgabe 
und  Methode  der  politischen  Okonomie  (1886).  —  Die  direkten  Steuern  des  GroBherzog- 
tums  Baden  (1888).  — Der  badische  Staatshaushalt  1868— 1889  (1889).  —  Wirtschaft- 
licher  Fortschritt  und  Kulturentwicklung  (1892).  —  Grundrifl  der  politischen  Okonomie. 
1.  Band :  Allgemeine  Volkswirtschaftslehre  (1893),  zuletzt  von  P.  bearbeitet  19 14  (7.  Aufl.), 
derzeit  18.,  unveranderte  Aufl.;  2.  Band:  Volkswirtschaftspolitik,  1.  Teil  (1899),  seit  1918 
bearbeitet  von  Somary,  derzeit  18.  Aufl.,  2.  Teil  (1907),  seit  der  10.  Aufl.  bearbeitet  von 
Somary.  —  Wiener  Wohnungsverhaltnisse  (1894).  —  Die  Entwicklung  der  wirtschafts- 
politischen  Ideen  im  19.  Jahrhundert  (19 10).  —  Zahlreiche  Aufsatze  in  Fachzeit- 
schriften,  Schriften  des  Vereins  fiir  Sozialpolitik,  Archiv,  Conrads  Jahrbuch,  Finanzarchiv, 
Jb.  f .  G.  V.,  Zeitschrift  fiir  Volkswirtschaft,  Revue  d'Economie  politique,  Quarterly  Journal, 
Mitarbeit  am  Handworterbuch  der  Staatswissenschaften  und  Stengels  Worterbuch,  Her- 
ausgeber  der  Wiener  Staatswissenschaftlichen  Studien  (mit  Bernatzik)  und  der  Zeitschrift 
fiir  Volkswirtschaft  (zusammen  mit  Bohm-Bawerk  und  Inama).  —  P.s  Bibliothek  wurde 
von  der  Universitat  Utrecht  angekauft. 

Zurich.  Felix  Somary. 

Puttkamer,  Jesko  Albert  Eugen  v.,  Gouverneur  a.  D.,  *  am  2.  Juli  1855  in 
Berlin,  f  am  23.  Januar  1917  in  Berlin.  —  Sein  Vater  war  der  langjahrige 
konservative  preuBische  Minister  des  Innern  v.  P.  Jesko  v.  P.  besuchte  das 
Wilhelms-Gymnasium  zu  Berlin  und  das  Gymnasium  zu  Gumbinnen,  wo  er 
im  Jahre  1873  das  Abiturientenexamen  machte.  Seiner  Militarpflicht  geniigte 
er  als  Einjahrig-Freiwilliger  beim  Schleswig-Holsteinschen  Ulanenregiment 
Nr.  15  in  StraBburg.  Er  studierte  in  StraBburg,  Leipzig,  Freiburg,  Breslau 
und  Konigsberg  Jurisprudenz  und  trat  nach  abgelegtem  1.  Staatsexamen  am 
1.  Mai  1881  als  Referendar  beim  Oberlandesgericht  in  Konigsberg  ein.  Vom 
1.  April  1882  bis  Marz  1883  war  er  beim  Kammergericht  in  Berlin  beschaftigt. 
Damals  entschloB  sich  v.  P.,  in  den  Konsulatsdienst  einzutreten,  und  er 
wurde  zunachst  dem  Kaiserlichen  Konsulat  in  Chikago  zur  Beschaftigung 
iiberwiesen. 

Im  April  1884  wurde  er  zu  seiner  weiteren  Ausbildung  im  Konsulatsfach 
in  das  Auswartige  Amt  eingezogen.  Wahrend  seiner  Tatigkeit  im  Auswartigen 
Amt  wurden  die  Schutzgebiete  von  Togo,  Kamerun,  Siidwestafrika  und  Ost- 
afrika  durch  das  Reich  erworben,  und  nun  meldete  sich  P.  zum  Kolonial- 
dienst.  Im  Mai  1885  wurde  er  dem  ersten  deutschen  Gouverneur  von  Kamerun, 
dem  Freiherrn  v.  Soden,  als  Kanzler  beigegeben.  Er  war  nun  in  den  folgenden 
Jahren  abwechselnd  als  Kanzler  von  Kamerun,  stellvertretender  Gouverneur 
von  Kamerun  und  stellvertretender  Kommissar  von  Togo  tatig. 

Eine  fiir  seine  ganze  koloniale  Tatigkeit  besonders  wichtige  Episode  war 
seine  Entsendung  nach  Lagos.  Am  6.  August  1888  wurde  er  mit  der  interi- 
mistischen  Leitung  des  deutschen  Konsulats  in  Lagos  betraut.  Er  hatte  hier 
nicht  nur  Gelegenheit,  die  Methoden  der  damaligen  englischen  Kolonial- 
verwaltung  kennenzulernen,  sondern  er  erhielt  auch  den  Auftrag,  sich  durch 
eine  Reise  den  Niger  aufwarts  uber  die  politischen  Verhaltnisse  im  Innern 
Nigeriens  zu  unterrichten.  Diese  Reise,  die  er  zum  groBen  Teil  unter  den  da- 


Philippovich  von  Philippsberg.  Puttkamer  121 

maligen  primitiven  Verhaltnissen  im  Kanu  machen  mufite,  brachte  ihn  auch 
mit  der  englischen  Nigerkompagnie  in  Verbindung,  die  damals  auf  Grund 
einer  Royal  Charter  den  groflten  Teil  des  ostlichen  Nigeriens  verwaltete  und 
durch  ihr  Monopol  wirtschaftlich  beherrschte. 

Nachdem  P.  im  Oktober  1889  wieder  mit  der  Vertretung  des  Kaiserlichen 
Kommissars  von  Togo  betraut  worden  war,  wurde  er  im  Dezember  1891  end- 
gultig  zum  Kommissar,  spater  zum  Landeshauptmann  von  Togo  ernannt. 
Als  nach  dem  Dahomey- A uf stand,  Ende  1894,  Herr  v.  Zimmerer  aus  dem 
Amte  des  Gouverneurs  von  Kamerun  ausschied,  wurde  P.  nach  Kamerun  als 
Vertreter  des  Gouverneurs  gesandt.  Im  August  1895  wurde  er  endgiiltig  zum 
Gouverneur  von  Kamerun  ernannt,  welches  Amt  er  bis  zum  Jahre  1907  ver- 
waltete, worauf  er  in  den  einstweiligen  Ruhestand  versetzt  wurde.  1908  wurde 
er  pensioniert  und  war  dann  nur  noch  privatim  fur  die  koloniale  Sache  tatig 
als  deutscher  Vertreter  bei  einigen  franzosischen  Kolonialgesellschaften,  deren 
Gebiet  durch  das  deutsch-franzosische  Abkommen  vom  4.  November  191 1 
zum  Teil  an  das  Schutzgebiet  Kamerun  gef alien  war. 

Als  P.  im  Januar  1895  von  dem  bisherigen  Gouverneur  v.  Zimmerer  die 
Verwaltung  des  Schutzgebietes  von  Kamerun  ubernahm,  stand  er  vor  einer 
ungewohnlich  schwierigen  Aufgabe.  Das  Schutzgebiet  war  im  Anfang  der  Ent- 
wicklung  steckengeblieben.  Die  Ergebnisse  der  Expeditionen  von  Zintgraff, 
Morgen,  Stetten,  Ramsay,  die  bis  nach  Adamaua  vorgedrungen  waren,  hatten 
aus  Mangel  an  Mitteln  nicht  ausgenutzt  werden  konnen.  Durch  den  Dahomey- 
Aufstand  war  am  Sitz  des  Gouvernements  ein  groBer  Teil  der  Gebaude  schwer 
beschadigt  worden.  In  die  Verwaltung  war  Verwirrung  gekommen,  die  Polizei- 
truppe  war  aufgelost  und  in  eine  Schutztruppe  umgewandelt  worden.  Die 
Beziehungen  der  Schutztruppe  zum  Gouverneur  waren  unklar.  Der  Komman- 
deur  der  Schutztruppe,  Rittmeister  v.  Stetten,  glaubte  von  dem  Gouverneur 
vollstandig  unabhangig  zu  sein  und  weigerte  sich,  seine  Unterstellung  anzu- 
erkennen..  Dazu  kam  ein  personliches  Moment.  Der  Kommandeur  der  Schutz- 
truppe, Rittmeister  v.  Stetten,  war  der  Ansicht,  dafi  ihm  die  Nachfolge  des 
Gouverneurs  v.  Zimmerer  im  Auswartigen  Amt  zugesichert  worden  sei  und 
glaubte,  dafi  P.  ihm  diese  Stellung  weggenommen  habe.  So  begann  die  Tatig- 
keit  des  neuen  Gouverneurs  mit  einem  Konflikt  mit  dem  Kommandeur  der 
Schutztruppe.  Trotzdem  ist  es  der  Tatkraft  und  der  Geschicklichkeit  P.s  in 
kurzer  Zeit  gelungen,  die  Entwicklung  des  Schutzgebietes  in  geordnete 
Bahnen  zu  bringen  und  auch  ein  ertragliches  Verhaltnis  zur  Schutztruppe 
herzustellen. 

Seine  nachste  Aufgabe  war,  die  Verwaltung  an  der  Kiiste  neu  zu  organisieren. 
Zu  den  beiden  vorhandenen  Bezirksamtern  Victoria  und  Kribi  bildete  er  ein 
drittes  Bezirksamt,  das  Bezirksamt  der  Mitte,  damals  als  Bezirksamt  Kamerun, 
spater  als  Bezirksamt  Duala  bezeichnet. 

Um  wenigstens  den  Rest  der  Ergebnisse  der  Zintgraffschen  Expedition  zu 
retten,  wurde  am  Barombisee  bei  Kumba  eine  neue  Station  eingerichtet,  die 
der  Gouverneur  nach  dem  hochverdienten  Prasidenten  der  Deutschen  Kolonial- 
gesellschaft,  Herzog  Johann  Aibrecht  zu  Mecklenburg  (s.  unten  S.  547  ff.), 
Johann-Albrechts-Hohe  nannte.  Diese  Station,  die  Zivilstation  war  und  in 
erster  Linie  wirtschaftliche  Aufgaben  hatte,  sollte  den  Einflufi  des  Gouver- 
nements am  oberen  Mungo  sichern  und  ausdehnen.  Dieselbe  Aufgabe  hatte 


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am  Sanaga  die  Zivilstation  Edea  bei  den  Sanagaf alien.  Die  beiden  Stationen 
im  Siiden  Lolodorf  und  Jaunde  wurden  zu  reinen  Militarstationen  gemacht 
mit  der  Aufgabe,  den  Siiden  gegen  die  rauberischen  Ngumbas  bei  Lolodorf 
und  die  kriegerischen  Wutes  hinter  Jaunde  zu  sichern. 

Zu  gleicher  Zeit  wurden  die  Besitzverhaltnisse  an  der  Kiiste  einer  eingehen- 
den  Priif  ung  unterzogen.  Mit  den  an  der  Kiiste  ansassigen  deutschen  und  schwe- 
dischen  Firmen,  die  auf  Grund  von  Vertragen  mit  den  Eingeborenen  beinahe 
das  ganze  Kiistenland  als  Privateigentum  beanspruchten,  wurde  im  Vergleichs- 
wege  ein  Abkommen  getroffen,  das  die  Anspniche  der  Firmen  auf  einzelne, 
bereits  in  Betrieb  genommene  Plantagen  beschrankte.  Da  der  Gouverneur 
durch  seine  Reisen  nach  St.  Thome'  die  dortigen  ertragreichen  Kakaokulturen 
kennengelernt  hatte,  beschloB  er  zur  wirtschaftlichen  Entwicklung  des  Ge- 
bietes  an  den  Abhangen  des  Kamerunberges  eine  groBe  Kakaokultur  ins  Leben 
zu  rufen.  DaB  er  dabei  nicht  den  Weg  der  Eingeborenenkulturen  wahlte,  son- 
dern  den  europaischer  Plantagenunternehmungen,  lag  in  der  Natur  der  Sache. 
Die  Eingeborenen  am  Kamerunberg  waren  mit  Ausnahme  der  wenigen  Victo- 
rianer,  die  nicht  aus  dem  Lande  selbst  stammten,  kulturell  noch  so  weit 
zuriick,  daB  an  eine  Forderung  der  Kakaokultur  durch  Eingeborene  nicht  zu 
denken  war.  War  doch  erst  um  Weihnachten  1894  Buea,  der  Sitz  des  trotzigen 
Bakwirihauptlings  Kuba,  eingenommen  worden  und  damit  einigermaBen 
Ruhe  und  Sicherheit  im  Gebirge  eingekehrt. 

Auch  den  Handel  mit  denjenigen  Produkten,  die  die  Eingeborenen  selbst 
gewannen,  besonders  Palmkerne,  Palmol  und  Kautschuk,  suchte  der  Gouver- 
neur in  jeder  Weise  zu  fordern,  indem  er  durch  Verhandlungen  mit  den  ein- 
zelnen  Stammen  oder  durch  militarische  Expeditionen  das  Monopol  der 
Kustenstamme  zu  brechen  suchte.  Das  gelang  am  Wuri  und  Mungo  auf 
friedlicbem  Wege,  im  Siiden  durch  die  Militarstationen  Lolodorf  und  Jaunde. 
Schwieriger  lagen  die  Verhaltnisse  in  der  Gegend  zwischen  Sanaga  und  Njong, 
weil  es  der  Expedition  von  Stetten  im  Jahre  1895  nicht  gelang,  die  kriege- 
rischen Bakokos  zwischen  Edea  und  Jaunde  zur  Freigabe  des  Handels  zu 
zwingen. 

Die  Bestrebungen  des  Gouverneurs  auf  Ausdehnung  und  Befestigung  der 
deutschen  Herrschaf t  und  wirtschaf tliche  ErschlieBung  des  Landes  beschrankte 
sich  aber  nicht  auf  die  Kiiste.  Er  suchte  vielmehr  moglichst  bald  das  ganze 
durch  die  Vertrage  mit  Englandern  und  Franzosen  gesicherte  Gebiet  bis  zum 
Tschadsee  im  Norden  und  Sanga-Ngoko  im  Siiden  der  deutschen  Verwaltung 
zu  unterstellen  und  dem  deutschen  Handel  zu  offnen.  Diesem  Zwecke  diente 
die  groBe  Expedition  unter  Hauptmann  v.  Kamptz  nach  Adamaua  1888/89 
und  die  Errichtung  einer  Station  in  Molundu  in  der  Siidostecke  des  Schutz- 
gebietes. 

Zur  wirtschaftlichen  ErschlieBung  des  Landes  aber  fehlten  vor  alien  Dingen 
die  erforderlichen  finanziellen  Mittel.  Der  Gouverneur  glaubte  in  Uberein- 
stimmung  mit  der  damaligen  Abteilung  des  Auswartigen  Amtes  die  Entwick- 
lung des  Schutzgebietes  rasch  fordern  zu  konnen  durch  Hereinziehung  deut- 
schen Kapitals  im  Wege  der  Verleihung  groBer  Landkonzessionen.  Es  kamen 
die  Konzessionen  vpn  Siidkamerun  und  Nordwestkamerun  zustande,  die  spater 
zu  auBerordentlich  starken  Angriffen  nicht  nur  gegen  diese  Landgesellschaften, 
sondern  auch  gegen  den  Gouverneur  fiihrten. 


Puttkamer  1 23 

Zu  gleicher  Zeit  war  durch  die  Einrichtung  einer  Reihe  von  Plantagen  am 
Kameninberg  die  Arbeiterfrage  kritisch  geworden.  Die  Ktistengebiete  waren 
zu  schwach  bevolkert,  um  die  notigen  Arbeiter  stellen  zu  konnen.  Auch  waren 
die  Bewohner  dieser  Urwaldzone  aui3erordentlich  schwer  zu  regelrechter  Ar- 
beit zu  bewegen.  Es  blieb  also  nur  iibrig,  entweder  die  Arbeiter  in  fremden 
Kolonien  anzuwerben,  was  auf  der  einen  Seite  zu  teuer  geworden  ware,  auf 
der  anderen  Seite  von  Tag  zu  Tag  schwieriger  wurde,  weil  die  fremden  Kolo- 
nien ihre  Arbeitskrafte  selbst  brauchten,  oder  aber  die  kraftigen  und  kulturell 
hoher  stehenden  Stamme  des  Binnenlandes  als  Arbeiter  an  die  Kiiste  zu  ziehen. 
Zu  gleicher  Zeit  ergaben  sich  bei  Abgrenzung  der  Plantagen  fortdauernde 
Streitigkeiten  zwischen  den  Eingeborenendorfern  und  den  I^eitungen  der  Plan- 
tagen. Gegen  die  monopolartigen  Handelsrechte  der  groBen  Landgesellschaften 
wandten  sich  nun  aber  auch  die  Ktistenfirmen,  so  da  13  der  Gouverneur  vor 
einer  Reihe  schwerwiegender  Fragen  stand,  die  um  so  schwerer  zu  losen  waren, 
als  an  der  Frage  der  geordneten  Abgrenzung  der  Eingeborenendorfer  auch  die 
Missionen  interessiert  waren  und  die  Landkonzessionen  die  offentliche  Mei- 
nung  Deutschlands  stark  erregten. 

Es  kam  noch  dazu,  daB  durch  die  rasche  Ausdehnung  der  Verwaltung  auf 
Gebiete,  die  beinahe  so  groB  waren,  wie  das  Deutsche  Reich,  eine  fortdauernde 
Personalvermehrung  notwendig  wurde,  die  im  Reichstag  auf  Widerstand 
stiefi,  weil  ganz  natiirlicherweise  die  Einnahmen  aus  den  neubesetzten  Ge- 
bieten  nicht  von  vornherein  die  Verwaltungskosten  decken  konnten.  Auch 
die  Frage  der  wirtschaftlichen  ErschlieBung  des  Schutzgebietes  durch  Bau 
von  StraBen,  Reinigung  der  schiffbaren  Teile  der  Fliisse  und  Bau  von  Eisen- 
bahnen  vermehrte  die  Arbeit  des  Gouvernements.  Das  Reich  war  nicht  dazu 
zu  bringen,  Mittel  zum  Bau  von  Eisenbahnen  zur  Verfiigung  zu  stellen.  Es 
muBte  auch  hier  der  Weg  der  Erteilung  von  Konzessionen  beschritten  werden, 
und  das  fuhrte  zu  neuen  Kampfen.  SchlieBlich  erhielt  die  Kameruner  Eisen- 
bahngesellschaft  die  Konzession  zum  Bau  einer  Eisenbahn  von  Duala  mungo. 
aufwarts  nach  den  Hochlandern  des  Innern. 

Trotz  aller  dieser  Kampfe  ging  die  wirtschaftliche  Entwicklung  des  L,andes 
in  raschem  Tempo  vorwarts.  Nachdem  die  Plantagen  an  der  Kiiste  ihre 
Kinderkrankheiten  iiberwunden  hatten  und  ein  regelmaBiger  Arbeiterzuzug 
gesichert  war,  entwickelten  sie  sich  in  gesunder  Weise.  Im  Siiden  drang  der 
deutsche  Handel  sehr  rasch  nicht  nur  iiber  den  Sanga,  sondern  auch  auf  der 
StraBe  Kribi,  Lolodorf,  Jaunde  ins  Innere  weit  vor,  und  als  im  siidlichen 
Hinterland  groBe  Bestande  eines  Gummibaumes,  der  Kickxia  elastica,  ge- 
funden  wurden,  nahm  die  Kautschukgewinnung  einen  ungeahnten  Aufschwung. 

Mitten  aus  dieser  Entwicklung  wurde  der  Gouverneur  v.  P.  herausgerissen. 
Es  waren  infolge  der  allgemeinen  Krisis,  in  die  die  deutsche  Kolonialverwal- 
tung  durch  den  groBen  Eingeborenenaufstand  in  Siidwestafrika  hineingerissen 
wurde,  in  Deutschland  eine  Reihe  Angriffe  nicht  nur  gegen  seine  Verwaltung, 
sondern  auch  gegen  ihn  personlich  gerichtet  worden.  Im  Januar  1906  wurde 
Gouverneur  v.  P.  abberufen. 

Die  Tatigkeit  des  Gouverneurs  v.  P.  hat  in  der  Zeit,  in  der  er  als  Gouverneur 
in  Kamerun  wirkte,  die  verschiedenste  Beurteilung  gefunden,  je  nach  dem 
Standpunkt,  den  der  Beurteiler  zu  kolonialen  Fragen  iiberhaupt  einnahm. 
Heute,  nachdem  zwei  Jahrzehnte  seit  seinem  Ausscheiden  aus  Kamerun  hin- 


124  lgl? 

gegangen  sind,  laBt  sich  diese  Tatigkeit  ruhiger  beurteilen,  und  da  ist  es  kein 
Zweifel,  daB  P.  seine  ganze  Kraft  an  die  kolonialen  Aufgaben  gewandt  hat. 
Er  war  ein  Mann  von  Geist  und  Energie  und  hatte  dabei  groBe  kunstlerische 
Interessen.  Besonders  nachdem  er  Gouverneur  von  Kamerun  war,  setzte  er 
seine  ganze  Kraft  daran,  das  Land  wirtschaftlich  vorwarts  zu  bringen.  Er  hat, 
nie  rastend  beinahe  das  ganze  Schutzgebiet  bereist ;  war  nicht  nur  im  ganzen 
Kustengebiet,  sondern  auch  in  Adamaua  und  am  Sanga-Ngoko.  Durch  seine 
vielen  Reisen  nach  englischen  Kolonien,  nach  dem  Kongo,  nach  spanischen 
und  portugiesischen  Kolonien  hatte  er  einen  Einblick  gewonnen  in  die  ganze 
Entwicklung  Westafrikas.  Im  allgemeinen  richtete  er  seine  Kolonialpolitik 
nach  englischem  Muster  ein.  Besonders  auch  auf  dem  Gebiete  der  Eingeborenen- 
politik.  Er  war  nicht,  wie  vielfach  behauptet  worden  ist,  ein  Vertreter  der 
Unterdriickung  der  Eingeborenen ;  im  Gegenteil,  er  suchte  die  Eingeborenen 
nicht  nur  zur  wirtschaftlichen,  sondern  auch  zur  politischen  Entwicklung  des 
Landes  heranzuziehen.  Unter  seiner  Regierung  wurde  von  der  Kiiste  aus  bis 
nach  Jaunde  ein  Netz  von  Eingeborenenschiedsgerichten  gebildet,  die  wohl 
als  Grundlage  dienen  konnten  fur  eine  selbstandige  politische  Entwicklung 
der  Eingeborenen.  Dem  heute  in  der  Offentlichkeit  iiberall  vertretenen  Satz, 
daB  der  Eingeborene  nicht  zu  einem  Zerrbild  des  Europaers  heranzubilden 
sei,  sondern  sich  seiner  Fahigkeit  entsprechend  eine  eigene  Kultur  schaffen 
soil,  stand  P.  durchaus  nicht  ablehnend  gegenuber.  Wenn  er  mit  seinen  MaB- 
nahmen  haufig  auf  den  Widerstand  einzelner  Kreise  stieB,  so  lag  das  eben 
daran,  daB  die  verschiedenen  Interessen  der  groBen  Pflanzer,  der  Kaufleute 
und  der  Missionen  haufig  schwer  zu  vereinen  waren.  Auch  die  Eingeborenen- 
kulturen  hat  P.  nicht  grundsatzlich  abgelehnt.  Wenn  er  sie  nicht  in  dem 
MaBe  forderte,  wie  das  durch  die  Basler  Mission  an  der  englischen  Goldkiiste 
geschehen  ist,  so  lag  das  zum  groBen  Teil  daran,  daB  es  viel  schwerer  war, 
die  Eingeborenen  in  Kamerun  zur  selbstandigen  wirtschaftlichen  Tatigkeit 
zu  bringen,  als  an  der  weiter  fortgeschrittenen  englischen  Goldkiiste. 

Das  Verdienst  aber  wird  man  ihm  nicht  abstreiten  konnen,  daB  er  unter 
den  schwierigsten  Verhaltnissen  und  fortdauernden  Angriffen  von  alien  Seiten 
das  Schutzgebiet  erheblich  vorwarts  gebracht  hat.  Der  beste  Beweis  ist  das 
Anwachsen  der  Ein-  und  Ausfuhr  von  1895  bis  1905.  Wahrend  im  Jahre  1895 
der  Gesamtwert  der  Ein-  und  Ausfuhr  des  Schutzgebietes  rund  10400000  Mark 
betrug,  war  er  im  Jahre  1905  auf  das  Doppelte,  rund  20300000  Mark,  gestiegen. 

Das  Ende  des  Weltkrieges  hat  Gouverneur  v.  P.  nicht  mehr  erlebt,  er  starb 
am  23.  Januar  1917. 

I/iteratur:  v.  P.,  Gouvemeurs jahre  in  Kamerun,  Berlin  1912. 

Berlin-Charlottenburg.  Theodor  v.  Seitz. 

Schmoller,  Gustav  v.,  Professor  der  Staatswissenschaften  an  der  Universitat 
Berlin,  Wirklicher  Geheimer  Rat,  *  am  24.  Juni  1838  in  Heilbronn,  f  am 
27.  Juni  1917  (auf  einer  Reise  in  Harzburg.  —  Sch.  war  der  Sohn  eines  wiirttem- 
bergischen  Kameralverwalters,  dessen  Urahn  als  Kriegskommissarius  Bern- 
hards  von  Weimar  im  DreiBigjahrigen  Kriege  nach  Schwaben  gekommen 
und  dort  ansassig  geworden  war;  miitterlicherseits  stammte  er  aus  dem 
kaufmannischen  Patriziat  des  bedeutendsten  altwurttembergischen  Industri  e- 


Puttkamer.  Schmoller 


125 


zentrums  Calw,  wo  sein  GroB  vater  und  sein  UrgroB  vater  Gartner  als  nam- 
hafte  Privatgelehrte,  Naturforscher  und  Botaniker,  ein  vornehm  zuriick- 
gezogenes  Leben  fuhrten,  der  UrgroBvater  Mitglied  der  Petersburger  Aka- 
demie  unter  der  Kaiserin  Katharina  II.,  der  GroBvater  im  Verkehr  mit  Goethe 
und  in  wissenschaftlichem  Brief wechsel  mit  Darwin.  Die  Mutter  hat  er  fruh 
verloren;  der  Vater,  ein  giitiger  Mann  von  ernster  Gesinnung,  aber  heiterem 
Temperament,  hat  seine  wie  seiner  Geschwister  Erziehung  hauptsachlich 
selbst  geleitet  und  ihm  den  Trieb,  nach  etwas  Ordentlichem  und  Tuchtigem 
in  stetiger  Arbeit  zu  streben,  von  Jugend  auf  durch  Mahnung  und  Beispiel 
eingefloBt.  Er  gait  in  der  Jugend  als  Schwindsuchtskandidat  und  ist  dadurch 
zu  hygienischer  Lebensfuhrung  und  planvoller  Arbeitsokonomie  erzogen 
worden.  Der  Gymnasialunterricht  in  seiner  Vaterstadt  hat  ihn  nicht  besonders 
angesprochen ;  philologische  Studien  und  Methoden  haben  auch  in  seinem 
spateren  Leben  keine  besondere  Rolle  gespielt.  Ihn  interessierten  mehr  die 
Dinge  des  praktischen  Lebens,  Menschen  und  Zustande  der  heimischen  Um- 
gebung  und  allgemeinere  wissenschaftliche  Betrachtungsweisen.  Der  Vater 
hatte  ihn  zum  Beamten  bestimmt,  wie  es  in  der  Familientradition  lag,  und 
beschaftigte  ihn,  nachdem  er  das  Gymnasium  absolviert  hatte,  zugleich  mit 
Rucksicht  auf  seine  schwachliche  Gesundheit,  vor  dem  Universitatsstudium 
noch  ein  Jahr  lang  in  seiner  Amtskanzlei,  wo  er  nicht  nur  die  Elemente  des 
Finanz-  und  Verwaltungsrechts  kennenlernte,  sondern  auch  eine  lebendige 
Anschauung  von  Land  und  Leuten,  von  Sozial-  und  Wirtschaftsverhaltnissen 
gewann.  Seine  Universitatsbildung  hat  er  ausschlieBlich  auf  der  heimischen 
Hochschule  Tubingen  in  den  vier  Jahren  von  1857  D^s  I^01  genossen.  Die 
nationalokonomischen  Professoren  Schiiz  und  Helferich  haben  keinen  bedeu- 
tenden  EinfluB  auf  ihn  geiibt,  ebensowenig  die  Juristen.  Starkere  Eindriicke 
empf  ing  er  von  den  historischen  Vorlesungen  Max  Dunckers.  AuBer  Geschichte 
und  Philosophie  trieb  er  mit  Vorliebe  auch  Physik,  Chemie,  Maschinenlehre. 
Am  SchluB  seiner  Studienzeit  machte  er  sich  an  die  Bearbeitung  einer  von 
Schiiz  gestellten  Preisaufgabe  iiber  die  volkswirtschaftlichen  Anschauungen 
der  Reform  ationszeit.  Er  gewann  den  Preis  und  wurde  auf  diese  Arbeit  hin, 
die  in  der  »Tiibinger  Zeitschrift«  erschien,  zum  Doktor  der  Staatswissenschaften 
promoviert.  Zugleich  bestand  er  damals,  186 1,  das  erste  kameralistische  Exa- 
men  und  durfte  das  erste  Studium  der  Vorbereitungszeit  als  Finanzreferendar 
bei  seinem  Vater  in  Heilbronn  absolvieren,  wo  er  MuBe  zu  wissenschaftlicher 
Lektiire  fand.  Er  begann  ein  griindliches  Studium  der  philosophischen  Systeme, 
die  von  1750  bis  1850  von  EinfluB  auf  die  Ausbildung  der  nationalokono- 
mischen Theorien  gewesen  waren.  Er  war  schon  damals  von  der  historischen 
Richtung  ergriffen,  die  Hildebrand  und  Roscher  eingeschlagen  hatten  und  die 
auch  Knies  verfolgte.  DaB  das  sogenannte  klassische  System  der  englischen 
Nation alokonomie  auf  ganz  anderen  tatsachlichen  Voraussetzungen  beruhte, 
als  sie  die  Wirklichkeit  des  Lebens  in  Deutschland  darbot,  war  schon  seit  List 
ein  Hauptargument  gegen  die  Allgemeingiiltigkeit  dieser  Lehre;  Sch.  ge- 
dachte  nun  auch  ihre  Abhangigkeit  von  philosophischen  Anschauungen  nach- 
zuweisen,  die  in  Deutschland  damals  als  iiberwundener  Standpunkt  erschienen. 
Das  Buch,  in  dem  er  diesen  Nachweis  fiihren  wollte,  ist  nicht  zustande  ge- 
kommen,  aber  die  Vorarbeiten  dazu  haben  in  Sch.s  spateren  Produktionen 
nachgewirkt. 


126  1917 

Besonders  wichtig  wurde  es  fur  Sch.s  weitere  Ausbildung,  dafi  er  das  zweite 
Stadium  seiner  Vorbereitungszeit  bei  dem  Statistischen  Amt  verbringen  durf  te, 
dessen  Leitung  sein  Schwager  Gustav  Riimelin  nach  dem  Riicktritt  vom 
Kultusdepartement  tibernommen  hatte.  Dieser  bedeutende  Mann,  der  auch 
aus  Heilbronn  stammte  und  1847,  damals  Rektor  einer  Lateinschule,  eine 
Scliwester  Sch.s  geheiratet  hatte,  1848  im  Frankfurter  Parlament  Mitglied 
der  erbkaiserlichen  Partei  und  1849  Mitglied  der  Deputation  gewesen  war, 
die  Friedrich  Wilhelm  IV.  die  Kaiserkrone  anbot,  hat  einen  sehr  starken  Ein- 
fluB  auf  den  jungen  Sch.  geiibt,  einmal  durch  das  Vorbild  eines  Gelehrten 
von  weiter,  allgemeiner  Bildung,  das  er  ihm  gab,  dann  aber  auch  durch  die 
in  Wurttemberg  damals  seltene  Schatzung  des  preufiischen  Staatswesens, 
die  er  ihm  einfloBte.  Er  iibertrug  ihm  jetzt  die  Bearbeitung  der  eben  damals 
vorgenommenen  wiirttembergischen  Gewerbezahlung ;  und  diese  statistische 
Arbeit,  die  1862  in  dem  Wiirttembergischen  Jahrbuch  erschien,  hat  spater  den 
Kurator  der  Universitat  Halle,  den  fruheren  Posener  Oberprasidenten  v.  Beuer- 
mann,  veranlafit,  die  Berufung  des  Verfassers  als  Extraordinarius  an  die  Uni- 
versitat Halle  in  Vorschlag  zu  bringen.  Eben  damals  hatte  sich  der  junge 
Sch.  die  wiirttembergische  Beamtenlaufbahn  verschlossen  durch  eine  Broschure, 
welche  in  der  durch  den  preuBisch-franzosischen  Handelsvertrag  von  1861 
herbeigefuhrten  Krisis  des  Zollvereins  fiir  die  preuBische  Sache  und  gegen  die 
im  Lager  Osterreichs  stehende  wiirttembergische  Regierung  eintrat.  Im  Friih- 
jahr  1864  nahm  er  daher  ohne  Zogern  den  Ruf  nach  Halle  an.  Vor  dem  Antritt 
der  Professur  schrieb  er  noch  einen  bedeutenden  Artikel  iiber  die  Arbeiter- 
frage  fiir  die  »PreuBischen  Jahrbucher«,  den  man  wohl  als  das  erste  Programm 
einer  neuen  sozialpolitischen  Richtung  in  der  deutschen  Nationalokonomie 
bezeichnen  kann. 

Die  Verpflanzung  nach  Halle,  zumal  die  Nachfolge  in  das  Ordinariat  von 
Eiselen  (1865),  der  eine  Art  von  preuBischer  Staatskunde  vorzutragen  pflegte, 
brachte  fiir  Sch.  die  Aufgabe  mit  sich,  auf  dem  Boden  des  preufiischen  Staates, 
seiner  Verfassung,  Verwaltung  und  Volkswirtschaft  sich  in  derselben  Weise 
zurechtzufinden  wie  einst  in  seinem  wiirttembergischen  Heimatlande.  Er  wurde 
Stadtverordneter  in  Halle,  urn  die  stadtische  Verwaltung  aus  eigener  An- 
schauung  kennenzulernen,  und  arbeitete  in  den  Ferien  in  dem  Berliner  Archiv, 
wobei  er  mit  richtigem  Blick  die  Verwaltungsgeschichte  der  Epoche  Friedrich 
Wilhelms  I.  zum  Hauptgegenstand  seiner  Studien  machte.  Preufien  wurde 
ihm  mehr  und  mehr  das  Paradigma,  an  dem  er  die  Verknupfung  von  Staats- 
und  Wirtschaftsleben,  namentlich  im  Finanzwesen,  in  konkreter  Anschau- 
lichkeit  studierte. 

In  Halle  hat  sich  der  junge  Professor  auch  seinen  Hausstand  gegriindet 
durch  die  Verheiratung  mit  Lucie  Rathgen,  der  Tochter  eines  weimarischen 
Geheimen  Rates  und  Enkelin  des  von  ihm  hochverehrten  Niebuhr.  Aus 
dieser  sehr  gliicklichen  und  harmonischen  Ehe  sind  zwei  Kinder,  ein  Sohn  und 
eine  Tochter  entsprossen.  Das  literarische  Hauptwerk  der  Hallischen  Jahre 
war  die  »Geschichte  des  deutschen  Kleingewerbes  im  19.  Jahrhundert*  (1870), 
das  angesichts  des  soeben  zum  Durchbruch  gekommenen  Prinzips  der  Ge- 
werbefreiheit  auf  die  Notwendigkeit  hinwies,  nicht  alles  dem  freien  Spiel 
der  Konkurrenz  zu  iiberlassen,  sondern  hie  und  da  im  Interesse  des  Gemein- 
wohls  doch  auch  wieder  hemmend,  fordernd,  regulierend  einzugreifen.  Das 


Schmoller 


127 


war  ein  neuer  Ton,  der  in  dem  Imager  des  damals  maBgebenden  liberalmanche- 
sterlichen  Kongresses  der  Volkswirte  Aufsehen  und  MiBfallen  erregte.  Gegen 
dies  Buch  von  Sen.  und  zugleich  auch  gegen  das  von  Brentano  liber  die  eng- 
lischen  Gewerkvereine  schrieb  einer  der  einfluBreichsten  Publizisten  jener 
Richtung,  Heinrich  Bernhard  Oppenheim,  einen  beruhmt  gewordenen  Artikel 
in  der  »Nationalzeitung«,  in  dem  die  neue  Schule  von  Sozialpolitikern  als  »Kathe- 
dersozialisten«  vor  der  Offentlichkeit  angeklagt  wurde.  Brentano,  damals 
Privatdozent  in  Berlin,  nahm  den  Fehdehandschuh  auf;  durch  ihn  angeregt, 
setzte  sich  Adolf  Wagner  (s.  unten  S.  1735.),  der  Ordinarius  in  Berlin,  der 
bis  dahin  sozialpolitisch  noch  nicht  hervorgetreten  war,  mit  Sch.  in  Verbindung; 
und  in  dessen  Hause  zu  Halle  wurde  von  einer  kleinen  Gruppe,  zu  der  auch 
Hildebrand  und  sein  Schuler  Conrad  gehorten,  jene  Zusammenkunft  in  Eise- 
nach verabredet,  auf  der  am  5.  und  6.  Oktober  1872  der  Verein  fiir  Sozial- 
politik  gegriindet  worden  ist.  Sch.  hielt  dabei  die  einleitende  Ansprache;  der 
Vorsitz  wurde  zunachst  an  den  Bonner  Professor  Erwin  Nasse  iibertragen ;  als 
dieser  gestorben  war  (1890),  wurde  Sch.  sein  Nachfolger. 

Die  Berufung  an  die  neu  begriindete  Universitat  StraBburg  (1872)  fuhrte 
Sch.  zu  eingehenden  wirtschafts-  und  sozialgeschichtlichen  Untersuchungen, 
die  der  Vergangenheit  StraBburgs,  namentlich  der  Zeit  vom  13.  bis  15.  Jahr- 
hundert  gewidmet  waren  und  aus  denen  schlieBlich  das  Buch  iiber  die  Tucher- 
tmd  Weberzunft  hervorgegangen  ist,  das  1879  erschien.  In  diesem  Werke, 
das  ganz  auf  urkundlichem  Material  aufgebaut  war,  bei  dessen  Bearbeitung 
ein  talentvoller  Schuler,  Wilhelm  Stieda,  geholfen  hatte,  gait  es,  das  Wesen 
der  mittelalterlichen  Stadtwirtschafts-  und  Gewerbepolitik  an  einem  ty- 
pischen  Beispiel  darzustellen  und  wissenschaftlich  zu  erlautern.  Der  Lehrbetrieb 
in  dem  mit  Knapp  und  I^exis  zusammen  geleiteten  staatswissenschaftlichen 
Seminar  gab  Sch.  Veranlassung  zur  Begriindung  der  groBen  Reihe  »staats- 
und  sozialwissenschaftlicher  Forschungen«,  die  seit  1878  im  Verlage  von 
Duncker  &  Humblot  (Carl  Geibel)  erschien,  eine  Sammelstelle  fiir  die  konkret- 
realistische  Tatsachenforschung,  mit  der  er  die  Theorie  des  Wirtschaftslebens 
zu  fundamentieren  bestrebt  war.  Die  Verbindung  mit  Berlin  und  den  preuBi- 
schen  Studien  wurde  nicht  abgebrochen.  Ein  Vortrag  iiber  die  soziale  Frage 
und  den  preuBischen  Staat,  den  Sch.  in  den  Osterferien  1874  in  Berlin  ge- 
halten  hatte  und  der  in  den  » PreuBischen  Jahrbiichern*  gedruckt  wurde,  gab 
dem  Herausgeber,  H.  v.  Treitschke,  AnlaB  dazu,  in  einigen  gleich  darauf 
folgenden  Artikeln  iiber  den  Sozialismus  und  seine  Gonner,  gegeniiber  dem 
von  Sch.  aufgestellten  sozialpolitischen  Reformprogramm  seinen  eigenen, 
auf  die  Notwendigkeiten  einer  hoheren  Kultur  sich  berufenden  sozialaristo- 
kratischen  Standpunkt  zur  Geltung  zu  bringen,  worauf  Sch.  in  einem  langeren 
offenen  Sendschreiben  » iiber  einige  Grundfragen  des  Rechts  und  der  Volks- 
wirtschaft*  antwortete,  das  die  ethischen  und  rechtsphilosophischen  Ideen 
seines  Programms  mit  siegreicher  Warme  verfocht.  Bald  darauf,  1875,  als 
Sch.  Rektor  in  StraBburg  war,  sagte  ihm  Bismarck  einmal,  er  sei  eigentlich 
auch  »Kathedersozialist«,  er  habe  nur  noch  nicht  recht  Zeit  dazu.  Einige 
Jahre  darauf  vollzog  sich  der  groBe  Umschwung,  der  mit  der  Steuer-  und 
Wirtschaftsreform  auch  die  Ara  der  neuen  sozialpolitischen  Gesetzgebung 
eroffnete.  Die  Ideen  Sch.s  und  seiner  Gesinnungsgenossen,  die  bisher  nur  als 
eine  Unterstromung  sich  bemerkbar  gemacht  hatten,  erhielten  jetzt  Ober- 


128  1917 

wasser  und  sollten  bald  die  Muhlen  der  Gesetzgebung  treiben.  Mit  dieser  Wen 
dung  stand  es  auch  in  Zusammenhang,  daB  Sch.  d1'e  Leitung  des  seit  einigen 
Jahren  im  Verlage  von  Duncker  &  Humblot  erscheinenden  Jahrbuchs  fiir 
Gesetzgebung,  Verwaltung  und  Volkswirtschaft  iibernahm,  das  erst  der  Staats- 
rechtslehrer  Franz  v.  Holtzendorff  und  dann  Lujo  Brentano  herausgegeben 
hatten.  Es  war  das  zweite  groBe  literarische  Instrument,  dessen  er  zur  Ver- 
wirklichung  seiner  Ideen  und  Plane  bedurfte,  neben  den  staats-  und  sozial- 
wissenschaftlichen  Forschungen, 

So  war  Sch.  eine  fertige  Gelehrtenpersonlichkeit  mit  stark  und  deutlich 
ausgepragter  Eigenart  und  festbegriindetem  Ansehen,  als  er  im  Jahre  1882 
nach  Berlin  iibersiedelte,  wo  er  schon  zweimal  (1870  und  1879)  vergeblich 
zum  Ordinarius  vorgeschlagen  worden  war,  wo  aber  jetzt  erst  die  Bedenken 
des  Ministeriums  gegen  seine  sozialpolitische  Richtung  hinwegfielen.  Diese 
war  es,  die  ihn  mit  seinem  Fachkollegen  Adolf  Wagner  dauernd  verband, 
wahrend  dessen  theoretische  Einstellung  im  offenen  Gegensatz  zu  Sch.s 
historisch-realistischer  Betrachtungsweise  stand.  Aber  nicht  mit  diesem  her- 
vorragenden  Vertreter  der  theoretischen  Richtung,  sondern  mit  dem  Wiener 
Volkswirtschaftslehrer  Karl  Menger  (s.  DBJ.  1921,  S.  192  ff.,  bes.  S.  196  f.) 
ist  Sch.  in  den  ersten  Jahren  seiner  Berliner  Wirksamkeit  in  einen  Aufsehen 
erregenden  Methodenstreit  geraten.  Menger  hatte  in  seinen  »Untersuchungen 
liber  dieMethode  der  Sozialwissenschaften  usw.«  1883  einen  scharfen  Angriff 
gegen  die  historisch-psychologische  Behandlungsweise  der  Nationalokonomie, 
wie  sie  Sch.  iibte,  gerichtet.  Sch.  besprach  diese  Schrift  mit  sehr  abfalliger 
und  temperamentvoller  Kritik  und  behauptete  seinen  Standpunkt  mit  aller 
Entschiedenheit.  Menger  antwortete  durch  eine  neue,  noch  scharfere  Schrift 
tiber  die  Irrtumer  des  Historismus  in  der  deutschen  Nationalokonomie  1884; 
aber  Sch.  schickte  das  ihm  zugesandte  Buch  unter  Protest  zuriick  und  lehnte 
es  ab,  sich  auf  eine  weitere  Diskussion  einzulassen,  die  bei  der  Verschieden- 
artigkeit  der  personlichen  Einstellung  zu  den  methodischen  Problemen  zu 
keinem  ersprieBlichen  Ergebnis  fuhren  konnte.  Es  war  ein  Akt  der  Selbst- 
behauptung  seines  innersten  wissenschaftlichen  Wesens;  aber  er  hatte  zu- 
gleich  die  verhangnisvolle  Wirkung,  daB  zwischen  der  nun  bald  herrschend 
werdenden  historischen  Richtung  der  Nationalokonomie  in  Deutschland 
und  der  zukunftreichen  osterreichischen  Schule,  die  eine  neue  auf  die  soge- 
nannte  Grenznutzentheorie  begriindete  Wertlehre  ausbildete,  ein  jaher  Bruch 
eintrat,  der  erst  nach  Jahrzehnten,  wo  auch  Sch.  jene  Bestrebungen  gerecht 
und  vorurteilsfrei  wiirdigte,  wieder  einer  gegenseitigen  Annaherung  Platz 
gemacht  hat. 

Sch.  kam  es  jetzt  vor  allem  darauf  an,  ohne  Kraft-  und  Zeitverlust  durch 
methodische  Kontroversen,  seinen  groBen  Lebensplan,  die  historisch-rea- 
listische  Grundlegung  zu  einem  neuen  System  der  Staats-  und  Sozialwissen- 
schaften, zu  fordern  und  womoglich  selbst  noch  zur  Ausfuhrung  zu  bringen. 
Mit  neuer  Energie  wandte  er  sich  den  Studien  iiber  die  preuBische  Verwal- 
tungs-  und  Wirtschaftsgeschichte  zu.  Er  faBte  seine  langjahrigen  archivalischen 
Forschungen  zu  einer  Reihe  von  groBen  Aufsatzen  iiber  die  brandenburgisch- 
preuBische  Wirtschaftspolitik  im  16.,  17.  und  18.  Jahrhundert  zusammen, 
aus  denen  nicht  nur  ein  lebendiges  Bild  von  der  Geschichte  des  Elb-  und  Oder- 
handels,  der  Verwaltung  der  neuen  magdeburgischen  Provinz  und  des  Halli- 


Schmoller 


129 


schen  Salzwesens,  der  Handelsstreitigkeiten  zwischen  Brandenburg,  Sachsen 
und  Hamburg  sich  ergab,  sondern  vor  allem  eine  ganz  neue  Beleuchtung  und 
Wiirdigung  des  Merkantilsystems,  das  erst  jetzt  in  seiner  relativen  Berechti- 
gung  als  ein  niitzliches  und  notwendiges  Durchgangsstadium  in  der  Geschichte 
der  wirtschaftychen  Politik  der  neueren  Staaten,  als  die  natiirliche  wirtschaft- 
liche  Begleiterscheinung  des  groBen  Prozesses  der  modernen  Staatenbildung 
sich  darstellte.  Dazu  kamen  tiefschiirfende  Aufsatzreihen  iiber  die  Reform 
der  stadtischen  Verfassung  und  Verwaltung  durch  Friedrich  Wilhelm  I., 
iiber  die  neue  Regelung  des  Innimgswesens  tmd  der  Gewerksprivilegien  imter 
seiner  Regierung,  iiber  die  Entstehung  des  preuBischen  Heeres  im  17.  und 
18.  Jahrhundert,  sein  Verhaltnis  zur  Verwaltung  und  zum  Wirtschaftsleben, 
seine  Einfiigung  in  die  Staats-  und  Gesellschaftsordnung.  Das  alles  waren 
Bruchstiicke  und  Anfange,  zu  der  geplanten  Verwaltungsgeschichte  unter 
Friedrich  Wilhelm  I.;  aber  im  iibrigen  miindete  dieser  Plan  in  eine  groB- 
angelegte  Quellenpublikation  der  Akademie  der  Wissenschaften,  die  bald 
nach  Sch.s  Eintritt  in  diese  Korperschaft  (1887)  unter  dem  verstandnisvollen 
Entgegenkommen  des  Generaldirektors  der  preuBischen  Staatsarchive,  Hein- 
richs  v.  Sybel,  seit  dem  Jahre  1888  unter  dem  Namen  »Acta  Borussica: 
Denkmaler  der  preuBischen  Staatsverwaltung  im  18.  Jahrhundert«  in  die 
Wege  geleitet  wurde  und  bis  zum  Anfang  des  groBen  Krieges,  wo  eine  lang- 
andauernde  Stockung  eintrat,  auf  22  Bande  anwuchs.  Sch.  selbst,  dessen 
Vorarbeiten  dabei  iiberall  zugrunde  lagen,  eroffnete  die  Reihe  iiber  »  Behorden- 
organisation  und  allgemeine  Verwaltung «  mit  einer  stoff-  und  gedankenreichen 
Studie  iiber  die  Entstehung  imd  das  Wesen  des  Beamtentums  in  den  neueren 
Staaten,  insonderheit  Deutschlands :  Mit  der  Leitung  dieser  groBen  Akten- 
publikation  kam  Sch.  in  einen  engeren  und  festeren  Zusammenhang  mit  den 
historischen  Studien  uberhaupt,  die  der  Geschichte  des  preuBischen  Staates 
gewidmet  waren ;  er  nahm  auch  teil  an  der  Leitung  der  Urkunden  und  Akten- 
stiicke  zur  Geschichte  des  GroBen  Kurfiirsten;  er  hat  fiir  diese  Publikation 
eine  Erweiterung  iiber  den  urspriinglichen  Rahmen  hinaus  auf  das  Gebiet 
der  inneren  Politik,  namentlich  der  Domanen-  und  Kommissariatsverwaltung 
durchgesetzt  und  in  die  Wege  geleitet.  Er  iibernahm  den  Vorsitz  des  Vereins 
fiir  die  Geschichte  der  Mark  Brandenburg,  der  unter  seinem  EinfluB  zu  einer 
landesgeschichtlichen  Publikationsanstalt  ausgebildet  wurde,  —  imd  dessen 
Organ,  die  »Forschungen  zur  brandenburgischen  und  preuBischen  Geschichte«, 
in  einen  engen  Zusammenhang  mit  den  »Acta  Borussica «  trat. 

Zugleich  mit  diesen  historischen  Quellenpublikationen  behielt  Sch.  die 
Zusammenfassung  seiner  sozialwissenschaftlichen  Forschungen  im  Auge.  Er 
stellte  tiefgriindige  Untersuchungen  an  iiber  Arbeitsteilung,  iiber  soziale 
Klassenbildung,  iiber  die  Formen  der  Unternehmung.  Er  hat  den  okonomischen 
Stufengang  Hildebrands:  Naturalwirtschaft  —  Geldwirtschaft —  Kreditwirt- 
schaft —  erganzt  durch  die  aus  dem  konkreten  Beispiel  der  deut  schen  Wirt- 
schaftsgeschichte  abgeleiteteEpochenfolge  der  Stadtwirtschaft,  Territorialwirt- 
schaft,  Volkswirtschaft,  und  er  hat  alle  diese  drei  Epochen  in  aufschluBreichen 
Untersuchungen  beleuchtet,  in  denen  die  Verbindung  des  Wirtschaftslebens 
mit  der  Staatenbildung  zu  eindringlicher  Anschauung  gebracht  wurde. 

Auf  eine  Anregung  seines  Verlegers  Carl  Geibel  unternahm  Sch.  schlieBlich 
auch  den  Versuch  einer  zusammenfassenden  historisch-systematischen  Dar- 
dbj  0 


130  1917 

stellung  seiner  Forschungsergebnisse  in  einem  »GrundriB  der  Volkswirtschafts- 
lehre*.  Es  war  ein  KompromiB  zwischen  der  Forderung  des  Tages  und  dem 
Plan,  der  ihm  urspriinglich  vorschwebte.  Seine  Meinung  war  immer  gewesen, 
daB  erst  in  einigen  Jahrzehnten  monographischer,  wirtschaftsgeschichtlicher 
und  statistisch-deskriptiver  Einzelforschung  eine  feste  Grundlage  geschaffen 
werden  miisse,  auf  der  dann  ein  neues  Lehrgebaude  errichtet  werden  konne. 
Er  glaubte  aber,  jetzt  nicht  langer  damit  saumen  zu  durfen,  wenn  er  nicht 
alles  der  kommenden  Generation  iiberlassen  wollte.  Seine  akademische  Lehr- 
tatigkeit  hatte  ihn  ja  immer  wieder  veranlaBt,  eine  theoretische  Zusammen- 
fassung  und  Verarbeitung  des  allmahlich  anwachsenden  Stoffes  vorzunehmen. 
So  entstand  der  »GrundriB  der  Volkswirtschaftslehre«,  trotz  der  gedrangten 
Kiirze  ein  monumentales  Werk ;  ein  groBartiges  Mosaikgemalde,  in  dem  jedes 
Steinchen  das  Resultat  einer  Spezialforschung  war;  es  enthielt  den  Stoff  zu 
einer  sozialen  Universalgeschichte  oder  universalgeschichtlichen  Soziologie, 
aber  noch  in  den  Rahmen  und  das  Fachwerk  einer  freilich  soziologisch  unter- 
bauten  Volkswirtschaftslehre  hineingepreBt.  Man  kann  es  hier  mit  Handen 
greifen,  wie  aus  der  Volkswirtschaftslehre  die  neue  Disziplin  der  Soziologie 
herauswachst,  wie  sie  die  alten  Formen  vielfach  sprengt  ohne  doch  schon 
ihre  eigene,  selbstandige  Form  zu  finden. 

Wie  in  seinen  Vorlesungen,  so  war  Sch.  auch  in  diesem  ^GrundriB*  vor 
allem  bestrebt,  anschauliche  Vorstellungen  zu  geben,  die  der  weiteren  Ver- 
standesarbeit  als  Stoff  und  Unterlage  dienen  konnten.  Aber  andererseits 
htitete  er  sich,  die  Dinge  als  einfacher  und  klarer  darzustellen,  als  sie  in  der 
Wirklichkeit  sind.  Er  betonte  das  Hypothetische  in  den  theoretischen  Grund- 
anschauungen,  das  Problematische  in  den  praktischen  Aufgaben  der  Wirt- 
schaftspolitik,  die  relative  Berechtigung  der  entgegengesetzten  Standpunkte, 
die  ortliche  und  zeitliche  Bedingtheit  aller  wirtschaftspolitischen  MaBregeln. 
Allen  radikalen  Losungen  und  schematischen  Vereinfachungen  war  er  ab- 
hold;  es  war  nicht  Schul-  sondern  Lebensweisheit,  was  er  lehren  wollte.  Es 
war  der  Niederschlag  einer  mehr  als  35jahrigen  Forschungs-  und  Lehrtatig- 
keit;  aber  doch  eben  nur  ein  »GrundriB«:  gedrangt,  kompendios,  gedampft 
im  Ton.  Wenn  man  die  Kraft  und  den  Schwung  des  Stils,  den  kuhnen  Gedanken- 
flug  der  besten  Jahre  Sch.s  kennenlernen  will,  so  muB  man  auch  seine  fruheren 
Werke,  namentlich  seine  Reden  und  Aufsatze,  zur  Hand  nehmen. 

Wer  Sch.  lediglich  nach  seinen  Leistungen  fiir  die  Fortbildung  der  theore- 
tischen Nationalokonomie  beurteilt,  wird  zu  einem  schiefen  Ergebnis  ge- 
langen.  Er  ist  aber  wohl  als  der  Wegbereiter  der  neuen  » verstehenden  Sozio- 
logie* anzusehen,  wie  sie  namentlich  Max  Weber  (s.  unten  S.  593  ff.)  und 
Sombart,  beide  seine  Schuler,  aller  dings  sehr  selbstandige,  ausgebildet  haben. 
Dem  Kern  seines  wissenschaftlichen  Wesens  kommt  man  am  nachsten,  wenn 
man  von  seiner  Neigung  zu  »anschaulichem  Denken«  ausgeht,  wie  er  es  nannte. 
Der  Kern  des  Methodenstreits,  in  den  er  verwickelt  war,  liegt  nicht  in  dem 
Gegensatz  von  deduktivem  und  induktivem  Verfahren  —  Schlagworte,  die 
damals  im  AnschluB  an  die  Millsche  Logik  vielfach  gebraucht  wurden.  Er 
liegt  vielmehr  in  dem  Gegensatz  von  Begriff  und  Anschauung.  Die  Gegner 
hatten  ein  System  von  Begriffen  im  Auge,  wie  sie  die  Naturwissenschaft 
braucht  oder  auch  die  Jurisprudenz ;  Sch.  schwebte  eine  Typenlehre  vor, 
die  nicht  Begriff e  definieren,  sondern  anschauliche  Abstraktionen,  und  zwar 


Schmoller 


131 


nicht  eigentlich  von  substantiellen  Dingen,  sondern  mehr  von  sozialen  Hand- 
lungen,  Verhaltungsweisen  und  Ordnungen  beschreiben  wollte.  Daher  die 
Fordening  historisch-realistischer  Einzelforschnng,  die  er  erhob:  sie  sollte 
das  Material  zu  solchen  Typenbildungen  liefern  und  muBte  daher  so  an- 
schaulich  und  detailliert  wie  moglich  sein.  Er  wollte  solch  typisches  soziales 
Handeln  nicht  bloJ3  von  auBen  »begreifen«,  wie  es  die  Naturwissenschaft 
mit  ihren  Objekten  tut,  sondern  er  wollte  es  von  innen  heraus  »verstehen«, 
d.  h.  auf  menschliche  Motive  zuriickfiihren,  die  uns  bekannt  sind.  »Forschend 
zu  verstehen*  war  ja  auch  die  Aufgabe,  die  der  von  ihm  verehrte  J.  G.  Droysen 
dem  Historiker  gestellt  hatte.  Er  traf  auch  mit  dem  Philosophen  Dilthey,  dem 
er  besonders  nahe  stand,  in  dieser  Auffassungsweise  zusammen.  Daher  seine 
Betonung  der  Psychologic  tJber  die  bisherigen  Vertreter  der  historischen 
Richtung  in  der  Nationalokonomie  ging  er  insofern  hinaus,  als  er  bereit  war, 
das  iiberlieferte  theoretische  System  ganz  oder  doch  groBenteils  preiszugeben, 
urn  auf  Grund  historisch-realistischer  Forschung  ein  ganz  neues  System  auf- 
zubauen.  Dabei  kam  es  ihm  im  Grunde  gar  nicht  allein  auf  die  eigentliche 
Volkswirtschaftslehre  an,  sondern  auf  die  Gesamtheit  der  Staats-  und  Sozial- 
wissenschaften  —  ein  Programm,  das  der  GrundriB  der  Volkswirtschaftslehre 
allerdings  nur  unvollkommen  realisiert  hat,  das  erst  die  neuere  Soziologie  im 
vollen  Umfange  auszufuhren  versuchte.  Jedenfalls  aber  stand  die  Verbindung 
der  Volkswirtschaft  mit  dem  Staat  und  seiner  Geschichte  fiir  Sch.  im  Mittel- 
punkt  seiner  wissenschaftlichen  und  praktischen  Interessen.  Ebenso  fest  hielt 
er  an  dem  Zusammenhang  des  Wirtschaftslebens  mit  Sitte,  Moral  und  Recht, 
mit  dem  Ganzen  der  ethischen  Kultur  und  Zivilisation.  In  seinen  letzten 
methodologischen  Auseinandersetzungen  mit  Max  Weber  und  dessen  Ge- 
sinnungsgenossen  (Handworterbuch  der  Staatswissenschaften  1911,  3.  Aufl., 
Bd.  VIII)  hielt  er  an  seinem  Standpunkt  mit  Entschiedenheit  fest.  Sein  prak- 
tischer  Verstand  straubte  sich  gegen  die  Fordening,  daB  die  Sozialwissenschaft 
auf  Werturteile  prinzipiell  verzichten  sollte;  er  verlangte  nur  Takt  und  maB- 
volle  Beschrankung  im  Urteil.  Wie  hatte  auch  der  Mann,  der  im  Namen  der 
sozialen  Gerechtigkeit  gegen  die  Manchesterlehre  in  der  Nationalokonomie 
zu  Felde  gezogen  war,  diese  Idee  als  Leitstern  seines  wissenschaftlichen  Denkens 
verleugnen  sollen!  Die  Wissenschaft  erschien  ihm  iiberhaupt  nur  als  ein 
integrierender  Bestandteil  der  allgemeinen  geistigen  Kultur;  wie  diese  schien 
auch  sie  ihm  untrennbar  verbunden  zu  sein  mit  ethischen  Anschauungen  und 
Werturteilen.  Seine  philosophischen  Ansichten  wurzelten  zwar  im  deutschen 
Idealismus,  aber  sie  hatten  einen  stark  realistischen  Zug  angenommen  unter 
dem  EinfluB  des  franzosischen  und  englischen  Positivismus,  von  dem  er  ebenso 
wirksam  beruhrt  worden  war  wie  etwa  Scherer  und  Dilthey.  Er  hat  von 
Comte  und  Spencer,  zuletzt  auch  noch  von  Wundt  gelernt.  Mit  Comte  stimmte 
er  (wie  auch  Dilthey)  uberein  in  der  Meinung,  daB  die  gegenwartige  Epoche 
des  Denkens  dem  Zeitalter  der  Metaphysik  entwachsen  sei.  Aber  die  Illusion 
des  Positivismus,  als  ob  eine  vollige  Ersetzung  der  metaphysisch-teleologischen 
Anschauungen  durch  exakte  wissenschaftliche  Forschung  erreichbar  sei, 
teilte  er  nicht.  Er  erkannte  an,  daB  doch  immer  nur  ein  verhaltnismaBig 
kleiner  Teil  der  uns  gegebenen  Wirklichkeit  durch  exakte  wissenschaftliche 
Forschung  kausal  erklart  werden  konne,  daB  im  iibrigen  die  teleologischen 
Vorstellungen,   wie  sie  namentlich  aus  den   Religions-   und  Moralsystemen 


132  1917 

stammen,  ihren  Platz  weitgehend  behaupten  werden.  Nur  wollte  er,  dafl  das 
Gebiet  der  exakten  Erkenntnis  fortschreitend  ausgedehnt  werden  sollte,  und 
daB  die  metaphysischen  Vorstellungen  zu  einem  entspreclienden  Zurtick- 
weichen  oder  zur  Anpassung  an  die  wissenschaftlichen  Ergebnisse  sich  genotigt 
sehen  sollten.  In  diesem  Sinne  sah  er  mit  Dilthey  das  Wesen  der  Geistes- 
wissenschaften  und  so  auch  der  Staats-  und  Sozialwissenschaften  in  der  fort- 
schreitenden  Analyse  eines  im  unmittelbaren  anschaulichen  Wissen  und  im 
Verstandnis  von  vornherein  besessenen  Ganzen. 

Die  exakte  Wissenschaft  sollte  also  seiner  Meinung  nach  durch  die  Welt- 
anschauung mit  ihren  sittlichen  Idealen  erganzt  werden.  Die  sittlichen  Ideen 
aber,  die  unser  Handeln  regulieren,  erschienen  ihm  nicht  als  transzendente 
Machte,  sondern  als  Erzeugnisse  eines  Gemeingeistes  und  Gemeinwillens, 
der  zuletzt  auf  dem  Zusammenwirken  individual-psychologischer  Prozesse 
mit  den  uberlieferten  Kulturordnungen  beruht.  Anthropologic  und  Psycho- 
logic erschienen  ihm  —  auch  darin  stimmte  er  mit  Dilthey  uberein  —  als  die 
Grundlagen  aller  Geisteswissenschaften. 

Dabei  hatte  er  freilich  eine  praktische  Psychologie  im  Auge,  wie  sie  mehr 
aus  der  Beobachtung  des  Lebens  und  aus  dem  Studium  von  Geschichte  und 
Literatur  stammte,  als  aus  psychophysischen  Experimenten.  Er  war  ein  aus- 
gezeichneter  Menschenkenner  und  besaB  eine  natiirliche  Gabe  der  Beob- 
achtung von  Lebensverhaltnissen,  die  fruhzeitig  geschult  und  fortgebildet 
worden  war.  Die  leichte  und  geschickte  Behandlung  schwieriger  Geschafte 
des  praktischen  Lebens,  die  Fahigkeit  zu  organisieren  und  zu  leiten  beruhte 
ebenso  darauf  wie  die  glanzende  Gabe,  Charakterbilder  zu  entwerfen,  die  ihn 
als  Schriftsteller  auszeichnete.  Er  hatte  das  Bediirfnis,  sich  die  Menschen 
nach  ihren  verschiedenen  Lebenskreisen  und  Berufen,  nach  Herkunft  und 
Bildung,  nach  Rasse  und  Nationalitat  in  bestimmten  Charaktertypen  vorzu- 
stellen,  wie  er  sie  zum  Teil  auch  in  seinem  GrundriB  mit  wenigen  Strichen 
meisterhaft  gezeichnet  hat.  Aus  solchem  Vorstellungsmaterial  belebte  und  er- 
ganzte  er  die  historische  Uberlieferung  naher  und  ferner  Vergangenheit ; 
es  war  ihm  zugleich  aber  auch  ein  Mittel,  die  Gegenwart,  Menschen  und  Ver- 
haltnisse,  zu  durchschauen  und  zu  meistern.  Seine  fuhrende  Stellung  im  Verein 
fiir  Sozialpolitik  beruhte  nicht  etwa  darauf,  daB  er  der  scharfste  und  ent- 
schiedenste  Vertreter  der  Reformideen  ge wesen  ware,  sondern  darauf,  daB  er 
unter  den  entschiedenen  Anhangern  der  Reform  der  maBvollste  war,  der  es 
am  besten  verstand,  die  auseinandergehenden  Meinungen  und  Wiinsche  durch 
den  Hinweis  auf  das  Gemeinwohl  immer  wieder  zusammenzuhalten,  daB  er 
die  relative  Berechtigung  der  einander  entgegenstehenden  Interessen  am  klar- 
sten  zu  erkennen  und  am  feinsten  abzuwagen  wuBte,  daB  er  iiberhaupt  ein  so 
hohes  MaB  von  personlichem  Takt  und  politischem  Verstand  besaB.  Das 
war  es  auch,  was  ihm  und  seiner  Richtung  auf  Jahrzehnte  eine  fuhrende  Stel- 
lung im  Kreise  der  staatswissenschaftlichen  Fachgenossen  verschafft  hat, 
daneben  freilich  auch  noch  der  Umstand,  daB  er  von  jeher  von  einem  so  groB- 
artigen  Vertrauen  zur  Leistungsfahigkeit  der  Staatsgewalt  und  des  Beamten- 
tums  erfiillt  war.  Mit  Staatsmannern  wie  dem  Fiirsten  v.  Biilow,  dem  Finanz- 
minister  Miquel,  dem  Handelsminister  v.  Berlepsch,  mit  hohen  Verwaltungs- 
beamten  vom  ersten  Range,  wie  den  Ministerialdirektoren  Lohmann,  Thiel, 
Althoff,  stand  er  in  vertrauensvollem  und  einfluBreichem  Verkehr.    Er  war 


Schmoller  1 33 

seit  1884  Mitglied  des  preuBischen  Staatsrats  und  vertrat  seit  1899  die  Berliner 
Universitat,  deren  Rektor  er  kurz  vorher  (1897/98)  gewesen  war,  im  Herren- 
hause.  Er  hatte  selbst  etwas  von  einem  Staatsmann,  wenn  er  auch  immer  ein 
Gelehrter  blieb  und  nichts  anderes  sein  wollte.  Die  Nobilitierung  und  der 
Exzellenzentitel,  die  ihm  in  seinen  alten  Tagen  zuteil  wurden,  waren  ge- 
wissermaBen  das  Siegel  auf  diese  hervorragende  personliche  Stellung,  die  er 
sich  errungen  hatte.  Aber  auch  eine  groBe  Anzahl  von  auswartigen  Akademien 
und  gelehrten  Gesellschaften  erwahlte  ihn  zum  Mitglied;  seit  1899  war  er  Mit- 
glied der  Friedensklasse  des  Ordens  »Pour  le  m£rite«. 

Es  gehorte  zu  seinen  festesten  Uberzeugungen,  daB  der  Staat  die  groB- 
artigste  sittliche  Institution  der  Geschichte  sei,  daB  er  namentlich  in  den  neue- 
ren  Jahrhunderten  die  eigentliche  Erziehungsschule  der  Volker  darstelle. 
Insonderheit  dem  Konigtum  der  Hohenzollern  schrieb  er  den  historischen 
Beruf  zur  sozialen  Reform  zu.  Seine  preuBischen  Geschichtsstudien  sind  durch 
diese  Idee  wenn  nicht  geradezu  beherrscht,  so  doch  belebt  und  angeregt  wor- 
den,  ahnlich  wie  einst  die  Droysens  durch  die  Idee  des  Beruf  es  PreuBens 
zur  nationalen  Einigung  Deutschlands.  Eingehendere  Forschung  hat  dann 
wohl  eine  ubertriebene  Auffassung  von  der  sozialpolitischen  Bedeutung  der 
friderizianischen  wie  der  Stein-Hardenbergschen  Epoche  auf  das  richtige 
MaB  zuriickgef uhrt ;  aber  die  Idee  vom  sozialen  Konigtum,  die  schon  Lorenz 
v.  Stein  vertreten  hatte,  saB  fest  im  Geiste  Sch.s  und  bildete  das  Zentrum 
seiner  politischen  Uberzeugungen.  Eben  darum  war  er  ein  so  iiberzeugter 
.Monarchist,  weil  er  eine  starke  Monarchic  und  ein  von  ihr  erzogenes  und  ge- 
leitetes  Beamtentum  fur  das  unentbehrliche  Mittel  hielt,  urn  die  Klassen- 
gegensatze  von  einem  neutralen  Standpunkt  aus  zu  maBigen  und  den  bru- 
talen  Klassenkampf,  der  alle  Kultur  vernichtet,  durch  rechtzeitige  Reformen 
zu  verhiiten.  Er  sah  iiberhaupt  den  Staat  mehr  unter  dem  Gesichtspunkt 
der  sozialen  Wohlfahrt  und  Gerechtigkeit,  als  unter  dem  der  Macht.  Darum 
hielt  er  sich  mehr  an  Friedrich  Wilhelm  I.,  den  eigentlichen  Begriinder  der 
preuBischen  Zucht  und  Ordnung,  als  an  Friedrich  den  GroBen;  und  der  Bis- 
marck von  1878  bis  1888  war  ihm  noch  inter essanter,  als  der  von  1864  bis 
1870.  Die  Monarchic  erschien  ihm  mehr  noch  als  eine  sozialpolitische,  wie 
als  eine  machtpolitische  Notwendigkeit.  Darum  war  er  auch  nicht  fiir  parla- 
mentarische  Regierungsweise,  weil  sie  im  Grunde  immer  ein  Partei-  und  Klassen- 
regiment  bedeute.  Eine  fortschreitende  Demokratisierung  des  Staates  aber, 
die  auch  er  als  eine  Notwendigkeit  empfand,  hielt  er  fiir  wohl  vereinbar  mit 
einer  starken  monarchischen  Regierung. 

Der  iiberragende  EinfluB  Sch.s  als  Haupt  der  historischen  Schule  der 
Nationalokonomie  schuf  ihm  manche  Gegner  in  den  Kreisen  derer,  die  sich 
durch  ihn  in  ihrer  eigenen  Geltung  beeintrachtigt  glaubten.  Im  Jahre  1904 
unternahm  der  damals  in  Tubingen  lehrende  Verfassungs-  und  Wirtschafts- 
historiker  Georg  v.  Below  einen  umfassend  angelegten  Angriff,  der  darauf  be- 
rechnet  war,  Sch.  aus  seiner  dominierenden  Stellung  in  der  gelehrten  Welt 
zu  verdrangen.  Er  beleuchtete  umstandlich  alle  Schwachen  der  Arbeiten 
Sch.s,  die  darauf  zuruckzufuhren  waren,  daB  dieses  beruhmte  Schulhaupt 
selbst  niemals  eine  methodische  historisch-kritische  Schule  durchgemacht 
hatte  und  eigentlich  iiberhaupt  kein  zunftgerechter  Historiker  war.  Der  von 
personlicher  Gehassigkeit  getragene  Angriff,  der  freilich  auch  manches  Tref- 


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fende  enthielt,  blieb  unerwidert ;  aber  bei  der  schulmaBig-beschrankten  und 
unfruchtbaren  Art  der  hier  geiibten  Kritik  vermochte  er  das  wissenschaf tliche 
Ansehen  Sch.s,  das  doch  im  Grunde  auf  dem  lebendigen  Eindruck  einer  auBer- 
ordentlichen  Personlichkeit  beruhte,  nicht  ernstlich  zu  erschiittern,  was  sich 
vier  Jahre  spater  an  den  zahlreichen  spontanen  Kundgebungen  zu  Sch.s 
70.  Geburtstag  zeigte. 

FunfunddreiBig  Jahre  umfaBt  die  Berliner  Wirksamkeit  Sch.s.  In  stetiger, 
unermudlicher  Arbeit  ist  er  frisch  geblieben  bis  in  das  hochste  Greisenalter. 
Ein  Aneurisma  war  die  Ursache  des  Todes,  der  ihn  anf  einer  Erholungsreise 
in  Harzburg,  kurz  nach  dem  Eintritt  in  das  achte  Jahrzehnt  seines  I^bens, 
iiberraschte.  Ein  gnadiges  Schicksal  hat  es  ihm  erspart,  den  Zusammenbruch 
der  Ideale  und  Ordnungen,  an  die  er  geglaubt  und  fur  die  er  gearbeitet  hatte, 
zu  erleben.  Sein  Lebenswerk  gehort  einer  vergangenen  Epoche  an.  Wissenschaft 
und  Politik  gehen  heut  andere  Wege  als  die,  welche  er  beschritten  hat.  An 
kleinlicher  und  gehassiger  Kritik  seines  Wirkens  und  Wesens  fehlt  es  auch 
heute  nicht.  Aber  die  Spur  seiner  fortwirkenden  Gedanken  und  Leistungen 
ist  fiir  den  tieferen,  vorurteilsfreien  Blick  auch  heute  noch  wohl  erkennbar. 

Literatur:  Ein  Verzeichnis  der  Schriften  Sch.s  bis  191 1  findet  sich  in  dem  Artikel 
iiber  ihn  im  Handworterbuch  der  Staatswissenschaften,  3.  Aufl.  (191 1),  VII,  S.  31  iff. 
Hinzuzufiigen  sind  noch  die  aus  seinem  Nachlafl  herausgegebenen  Werke:  Die  soziale 
Frage  (Klassenbildung,  Arbeiterfrage,  Klassenkampf),  Miinchen  und  Leipzig,  Duncker 
&  Humblot,  19 1 8  (673  Seiten),  und :  Deutsches  Stadtewesen  in  alterer  Zeit.  [Bonner  Staats- 
wissenschaftliche  Untersuchungen,  Heft  5],  B6nn  und  Leipzig,  Kurt  Schroeder,  1922 
(428  Seiten). 

Der  handschriftliche  NachlaC  wird  bei  der  Preuflischen  Staatsbibliothek  aufbewahrt.  — 
Biographische  Daten  in  dem  angefiihrten  Artikel  des  Handworterbuchs  der  Staatswissen- 
schaften. —  Autobiographisches  Fragment  von  G.  Sch. :  »Meine  Heilbronner  Jugendjahre* 
in  dem  Kalender:  »Von  schwabischer  Scholle«,  1918  (Verlag  Eugen  Salzer,  Heilbronn), 
mit  genealogischen  Angaben  iiber  die  Familie  Sch.,  die  der  Sohn  des  Verf.,  Major  a.  D. 
Ludwig  v.  Sch.,  Dufilingen  bei  Tubingen,  aus  dem  NachlaC  hinzugefiigt  hat.  —  Viel  bio- 
graphische Aufschliisse  in  »Reden  und  Ansprachen,  gehalten  bei  G.  Sch.s  70.  Geburtstag*. 
Als  Handschrift  gedruckt  1908.  —  Biographische  Wiirdigungen  von  O.  Hintze  in  For- 
schungen  zur  brandenburgischen  und  preuCischen  Geschichte  XXXI,  2,  in  den  Abhand- 
lungen  der  Preufl.  Akademie  der  Wissenschaf  ten ,  Jahrg.  191 8,  Philosophisch-historische 
Klasse,  in  der  Historischen  Zeitschrift  n 8,  3.  —  Abfallige  Kritik  des  Sch.schen  Lebens- 
werkes  von  G.  v.  Below  in  Zs.  f.  Sozialwiss.  (herg.  v.  Jul.  Wolf)  Bd.  VII  (1904)  und  von 
Edgar  Salin  in  einer  Geschichte  der  Volkswirtschaftslehre  [Enzyklopadie  der  Rechts- 
und  Staatswissenschaft,  Abteilung  Staatsvvissenschaft,  hrsg.  von  Arthur  Spiethoff, 
XXXIV,  Berlin,  Julius  Springer,  1923].  Dazu  H.  Herkner  im  Jahrbuch  fiir  Gesetzgebung 
usw.,  Jahrg.  47  (1923) :  Zur  Stellung  G.  Sch.s  in  der  Geschichte  der  Nationalokonomie.  — 
Joseph  Schumpeter:  Gustav  Sch.  und  die  Probleme  von  heute  (Jahrbuch  f.  Gesetzgebung) 
usw.,  50.  Jahrgang,  3.  Heft  (1926). 

Berlin.  Otto    Hintze. 


Schonleber,  Gustav,  Maler,  *  am  3.  Dezember  1851  zu  Bietigheim  a.  d.  E. 
(Wurttemberg) ,  f  am  1.  Februar  19 17  zu  Karlsruhe  i.  B.  —  Seine  Jugendzeit, 
die  1870  abschlieBt,  verlauft  im  Wechsel  von  Schulen,  Aufenthaltsort  und 
Tatigkeit.  Das  ist  gewissermaBen  symptomatisch  fiir  sein  spateres  kiinst- 
lerisches  Schaffen,  mit  dem  fast  von  Jahr  zu  Jahr  wechselnden  Schauplatz 
seiner  Studien  fiir  das  Lebenswerk,  das  sich  auf  die  suddeutsche  Heimat,  die 
Nord-  und  Ostseekiiste,  Italien  und  ganz  Westeuropa  erstreckt. 


Schmoller.  Schonleber  Ijc 

Die  Unterklassen  der  Lateinschule  wurden  in  Bietigheim  besucht  (1861  bis 
1863),  dann  das  Gymnasium  in  Stuttgart  (1864 — 1866).  Hierauf  trat  Sch. 
in  die  Maschinenbaulehre  (1866 — 1868)  zu  Hemmingen,  danach  kam  er  in 
die  Oberrealschulen  zu  Ludwigsburg  und  EBlingen  (1868 — 1869)  und  1869  an 
das  Polytechnikum  zu  Stuttgart,  wo  die  Professoren  Kurtz  und  Conz  sein 
zeichnerisches  Talent  erkannten  und  seine  Begabung  fur  die  Kiinstlerschaft 
hervorhoben.  In  den  Ferienzeiten  waren  gelegentlich  Studienreisen  ins  Zaber- 
gau,  ins  Hohenlohesche,  nach  Bebenhausen  und  anderen  Orten  gemacht 
worden,  deren  zeichnerische  Ergebnisse  in  den  friihen  Skizzenbiichern  auf- 
bewahrt  werden. 

1870  wurde  der  EntschluB  gefaBt,  sich  ganz  der  Kunst  zu  widmen.  Sch. 
kam  in  der  Lier-Schule  zum  rechten  Lehrer  und  zu  den  rechten  Studien- 
genossen  (Baisch  und  Wenglein).  Lier  hatte  bei  Dupre*  die  Leistungen  der 
Barbizon-Schule  kennengelernt  und  nach  Deutschland  gebracht.  Trotz  seiner 
Verehrung  fiir  den  Lehrer  und  der  Achtung  vor  den  Strebensgenossen  ge- 
wann  Sch.  zunachst  nicht  allzuviel  in  der  Lier-Schule.  187 1  brachte  er  aus 
StraBburg  ein  Bild  der  zerschossenen  Stadt,  mit  dem  er  gleich  Erfolg  hatte. 
Im  Sommer  desselben  Jahres  ging  er  mit  seinem  Vetter  Conz  durch  Tirol  iiber 
den  Gardasee  nach  Verona  und  Venedig  und  zeichnete  und  malte  allerhand. 
Heimgekehrt,  arbeitete  er  diese  Studien  zu  Bildern  aus,  mit  denen  er  seine 
groBen  ersten  Erfolge  erzielte.  Die  dekorativen  Mannen  mit  Segelschiffen  und 
Staff  age  nebst  bedeutendem  Hintergrund,  in  Farbe  und  Aufbau  etwas  ganz 
anderes  als  »Heimatkunst«,  lenkten  die  Aufmerksamkeit  der  Kunstkreise  auf 
den  jungen  Maler.  Seine  Bilder  gingen  rasch  in  offentlichen  und  privaten  Besitz 
iiber.  Das  nachste  Jahr  (1872)  brachte  Sch.  von  Genua  aus  an  der  Riviera  zu 
und  erwarb  sich  mit  einer  »Gasse  in  Genua  «  die  Medaille  auf  der  Wiener  Welt- 
ausstellung.  Die  atmospharischen  Verhaltnisse  an  der  Riviera  sagten  aber 
Sch.  nur  »bei  schlechtem  Wetter «  zu,  das  ihm  die  silbrigen  Tone,  Wolken  und 
dunkelfarbiges  Wasser  gab.  Deshalb  suchte  er  1873  die  hollandische  Kiiste 
auf  und  fand  auch  bei  van  der  Meer  und  Mesdag  Anregungen  fiir  seine  Kunst, 
die  sich  in  Bildern  und  Zeichnungen  von  Rotterdam,  Dordrecht  und  Sche- 
veningen  aussprachen. 

In  diesem  Jahr  erhielt  er  auch  den  Auftrag  der  Verlagsbuchhandlung 
Ad.  Kroner  (Stuttgart)  fiir  Illustrationen  zu  einem  Werk  iiber  die  Nord-  und 
Ostseekiiste;  diese  Arbeit  beschaftigte  ihn,  mit  Reiseunterbrechungen  nach 
Italien,  zwei  Jahre  (1875  und  1876).  1877  arbeitete  Sch.  in  Chioggia  und  1878 
in  Nordwestfrankreich  und  England,  wo  ihn  Werke  von  Constable  und  Turner 
fesselten.  Zuriickgekehrt,  studierte  er  die  heimatliche  Natur  in  EBlingen  und 
erwarb  mit  dem  »Stadtgraben«  1879  in  Miinchen  die  kleine  goldene  Medaille. 

Die  rasch  sich  folgenden  offentlichen  Erfolge  lenkten  die  Aufmerksamkeit 
weiter  Kunstkreise  auf  den  jungen,  eigenartigen,  tiichtigen  Maler.  Sch.  wurde 
1880  als  Professor  fiir  Landschaftsmalerei  an  die  Kunstakademie  nach  Karls- 
ruhe berufen.  Hier  erwarb  er  durch  seine  Kunst  und  seine  hervorragende  Lehr- 
gabe  sich  den  hochsten  Ruhm  und  die  treue  Anhanglichkeit  einer  groBen 
Schiilerschaft,  unter  der  Namen  von  hohem  Klang  zu  finden  sind.  Von  nun 
an  wechseln  Sch.s  Studienplatze  regelmaBig  zwischen  Holland  und  Heimat 
und  auch  Italien  und  Heimat.  Den  Charakter  dieser  drei  Hauptgebiete  hat 
Sch.  mit  zunehmender  Klarheit  und  Wahrheit  in  den  folgenden  Jahren  immer 


136  1917 

starker  herausgearbeitet.  1880  malte  er  in  Antwerpen  und  Vlissingen,  1881 
in  Amsterdam  und  EBlingen,  1882  in  Delft,  Overschie  und  Dordrecht,  sowie 
in  Schwaben,  wo  er  sich  1882  zu  EBlingen  auch  verheiratete. 

Nun  war  der  Boden  fur  die  groBen  Arbeiten  in  der  Heimat,  im  Siiden  und 
im  Nordwesten  geschaffen.  Die  achtziger  und  neunziger  Jahre  brachten  die 
groBen,  in  Raum,  Farbe  und  Stimmung  dekorativen  Werke,  die  Sch.s  Namen 
ilber  Deutschlands  Grenzen  hinaustrugen,  aber  zugleich  auch  sein  Schaffen 
und  Leben  in  Karlsruhe  verwurzelten  und  die  eigentliche  Heimatkunst  vor- 
bereiteten.  So  entstanden  Overschie  (1882),  die  Mondnacht  am  Neckar  (1883), 
Rom  (1884)  und  Heiligenberg  fur  den  Fiirsten  von  Fiirstenberg.  Dann  trat 
Italien  wieder  in  den  Vordergrund  mit  Venedig  und  der  Riviera,  mit  der  er 
sich  mit  »  Quinto  at  maren  (1886)  die  groBe  goldene  Medaille  holte.  Hierauf 
entstanden  neben  bedeutsamen  Kiistenbildern  von  der  Riviera  hollandische 
Strandbilder  aus  Vlissingen,  Ostende  und  Amsterdam,  deren  bewegte  Ge- 
staltungen  das  sonst  ruhige  Schauen  und  Schaffen  Sch.s  ins  Dramatische  um- 
bildeten.  In  die  Jahre  1888/89  ^llt  der  Hausbau  Sch.s  in  Karlsruhe,  der  nach 
eigenen  Planen  durchgefiihrt  und  schlieBlich  von  der  Hand  des  Freundes 
W.  Volz  d.  A.  an  der  AuBenf ront  mit  phantastischen  Fresken  geschmiickt  wurde. 

Die  tonigen,  dramatisch  belebten  Bilder  von  der  Kiiste  der  Nordsee,  der 
Riviera  und  des  Kanals  schienen  noch  einer  Steigerung  fahig  zu  sein.  Sch. 
glaubte  diese  an  Englands  Kiistengebieten  zu  finden  und  bereiste  1890  die 
Siidkiiste,  fand  aber  in  dem  regnerischen  Sommer  nur  wenige  ihm  zusagende 
Motive.  Von  Ventnor  und  Clovelly  und  Isle  Fracombe  brachte  er  Stoff  zu 
einigen  Bildern  mit.  Die  folgenden  drei  Jahre  galten  der  venezianischen 
Lagune  (1891)  und  der  Riviera  (1892  und  1893).  Namentlich  der  Aufenthalt 
auf  Castello  di  Paraggi  bei  Montefino  war  ertragreich.  Sch.  erreichte  in  diesem 
Winteraufenthalt  die  hochste  Steigerung  im  Farbigen  und  Dekorativen 
(Meeresufer,  Castello  di  Paraggi,  Punta  di  Madonetta,  S.  Fruttuoso,  Bei 
Montefino  usw.).  Aber  die  nachstfolgenden  Jahre  boten  im  Studium  der  nahen 
Heimat  ein  Gegengewicht  gegen  diese  starkfarbige,  oft  an  Bocklins  Farben- 
freudigkeit  und  Stimmungsfulle  gemahnende  Malerei.  Sch.  schlagt  in  den 
Jahren  1894  und  1895  erstraals  die  Tone  einer  groBziigigen  und  intimen 
Malerei  an:  die  Studien  zum  Bild  »StraBburg  i.  E. «  und  »Rothenburg«  fur 
den  Reichstagssaal  und  zu  »Besigheim«  entstehen  und  werden  zum  Teil  aus- 
gearbeitet,  so  daB  1897  »StraBburg«  in  seiner  monument alen  und  zugleich 
mythisch-topographischen  Fassung  abgeliefert  werden  konnte.  Dasselbe  Jahr 
lieB  auch,  nachdem  Studien  in  Neapel,  Capri,  Sorrent,  Amalfi,  Rom  und 
Genua  eindringlich  intime  Werke  dieser  siidlichen  Welt  hatten  entstehen 
lassen,  das  in  Sch.s  Heimatkunst  entscheidende  Werk  heranreifen,  das  1899  als 
»  Heimat «  den  vollen  Zauber  seiner  intimen  Landschaftsauf fassung  entfaltet. 

Die  nachfolgenden  Jahre  sind  dem  eindringlichen  Studium  der  siiddeutschen 
Heimat  (Kocher-,  Jagst-,  Neckar-  und  Donautal),  sowie  der  flamischen  Kiiste 
bei  La  Panne  und  Sluis  gewidmet.  Hier  vollendet  Sch.  die  wundervoll  spre- 
chende  Darstellung  einzelner  Schiffskorper,  die  wie  lebende  Wesen  im  Wasser 
und  im  Schlick  stehen.  Dort  werden  jene  ganz  einfachen,  naturgegebenen 
Motive  in  die  Bildform  gebracht,  die  nur  durch  die  technische  Sprache  der 
bald  zeichnerischen,  bald  malerischen  Behandlung  in  die  Poesie  des  Aus- 
drucks  gehoben  werden.  Sch.  faBt  mit  diesen  Werken  die  dichterische  Art  der 


Schonleber  13  7 

Uhland,  Kerner  und  Morike  in  seiner  Kunst  zusammen;  »Zwischen  Himmel 
und  Erde«  (1903),  Dinkelsbuhl  (1903),  Sersheim  (1904),  Friihling  in  Sersheim 
(1906).  Wahrend  der  Studien  in  der  Heimat  und  in  Italien  kam  der  Auftrag 
an  ihn,  die  den  stromtechnischen  Unternehmungen  am  Oberrhein  zum  Opfer 
fallenden  Laufenburger  Schnellen  noch  ins  Bild  zu  retten.  Sch.  entsprach  dem 
seitens  der  badischen  Regierung  geauBerten  Wunsche  und  gewann  nunmehr 
dem  Oberrhein,  den  er  zu  Anfang  seiner  Kunstlerlaufbahn  und  auch  spater 
ohne  nennenswerte  Bilderfolge  besucht  hatte,  eine  Reihe  machtvoller  Werke 
aus  der  I^aufenburger  Gegend  ab.  Zugleich  entstand  das  im  Reichstagsgebaude 
aufbewahrte  groBe  »Rothenburg  o.  d.  T. «  (1907).  Damit  war  in  gewissem  Sinn 
ein  AbschluB  erreicht.  Ein  beginnendes  Herzleiden  lieB  groBe  Reisen  nicht 
mehr  ratsam  erscheinen.  Nur  noch  zweimal  ging  er  auf  weite  Studienf ahrt : 
1909  nach  Italien  (Florenz,  Rom,  Porto  d'Anzio)  und  1912  nach  Nieuport, 
Ostende  und  Brugge.  Sonsthin  blieb  er  in  der  Nahe,  zur  Erholung  und  zum 
Studium :  Ebersteinburg  (1910  und  1911),  Baden-Baden  (1913)  und  ins  Kocher- 
und  Jagsttal  (1914).  Von  1910 — 1914  waren  auch  eine  Reihe  groBer  Aus- 
stellungen  zu  veranstalten  und  zu  besichtigen  (Rom,  Stuttgart,  Berlin,  Weimar, 
Jena,  Miinchen  usw.).  Erholungsaufenthalte  in  Baden-Baden,  im  Hohenlohe- 
schen,  in  Lichtental  und  Heidelberg  (1913,  1914,  1915  und  1916)  fielen  da- 
zwischen.  Aber  die  Beunruhigungen  wahrend  des  Weltkrieges,  der  den  Sohn  als 
Arzt  in  den  Lazaretten,  den  Schwiegersohn  an  der  Front  forderte,  und  die 
iiber  Karlsruhe  haufigen  Fliegeriiberfalle  lieBen  eine  dauernde  Genesung  nicht 
mehr  zu.  Am  1.  Februar  1917  erlag  Sch.  seinem  Herzleiden.  Gedachtnis- 
ausstellungen  in  Karlsruhe  1917,  Stuttgart  1918  usw.  offenbarten  noch  ein- 
mal  den  Reichtum  und  die  Vielseitigkeit  des  Sch.schen  Konnens. 

Sch.s  Kunst  ist  eine  vollig  selbstwtichsige  und  eigenartige  Sache.  Man  kann 
seine  Werke  weder  der  Heimatkunst,  noch  der  dekorativen  Landschaft,  noch 
der  historischen,  stilistischen  oder  der  naturalistischen  oder  poetischen  Land- 
schaftskunst  zuschreiben,  obgleich  sie  Elemente  aus  jeder  dieser  kiinstlerischen 
Gestaltungsweisen  hat.  Es  sind,  kurz  gesagt,  durch  Form,  Farbe  und  Raum 
verklarte  Naturbetrachtungen,  die  ganz  aus  dem  Erleben  und  aus  der  Ge- 
staltungsweise  des  Meisters  herausgewachsen  sind  und  sich  von  den  zeitlichen 
Richtungen  und  Malweisen  fernhalten. 

Im  Technischen  des  Bildaufbaues  und  des  Farbenauftrags  hat  Sch.  groBe 
Wandlungen  durchgemacht,  ohne  je  sein  Personliches  aufzugeben.  Von  einem 
anfanglich  fast  breiten  und  pastosen  Farbenauftrag  ging  er  nach  und  nach 
zur  sparsamen,  hauchartigen  und  oft  zeichnerisch  wirkenden,  verschmolzenen 
Malweise  iiber.  Aus  dem  Wechsel  und  Gegensatz  von  kalten  und  warmen 
Farben  stellte  er  in  jedem  Bildzustand  eine  Harmonie  her,  die  durch  die 
Ausgewichtung  der  Massen  und  Farbflecken  wohllautend  zum  Beschauer 
spricht.  Beschaulichkeit  und  Harmonie  der  Farben  sind  die  Grundsteine  der 
Sch.schen  Kunst. 

Sch.  war  Mitglied  der  Berliner,  Miinchener  und  Dresdener  Akademien.  Aus- 
stellungsmedaillen  erster  Klasse  hatte  er  in  Berlin,  Miinchen  und  Wien  und 
auf  allerhand  kleineren  Ausstellungen  erhalten. 

Von  seinen  Werken  sind  in  offentlichem  Besitz  in  Berlin  (Nationalgalerie,  Reichstag), 
Breslau  (Schles.  Museum),  Krefeld  (Kaiser-Wilhelm-Museum),  Darmstadt  (L,andes- 
museum),  Dresden(  Galerie),  DiisseJdorf  (Stadt.  Kunsthalle),  Frankfurt  (Stadelsches 


138  1917 

Institut),  Freiburg  i.  B.  (Stadt.  Samnilungen),  Hamburg  (Kunsthalle) ,  Hannover 
(Provinzialmuseum),  Karlsruhe  (Landeskunsthalle),  Mannheim  (St.  Kunsthalle), 
Miinchen  (Neue  Pinakothek),  (Miinster  (Westf.  Museum),  Stuttgart  (Galerie),  Wien 
(Mod.  Galerie).  Das  meiste  ist  in  Privatbesitz  in  Deutschland,  Osterreich,  Italien  und 
Amerika. 

Der  kiinstlerische  NachlaC  befindet  sich  bei  Frau  Professor  Dr.  Sch.  in  Stuttgart. 

Literatur:  Beringer,  J.  A.,  Bad.  Malerei,  Karlsruhe  1922.  —  Monographic:  Jos.  A. 
Beringer,  G.  Sch.,  Karlsruhe  1924.  —  Fr.  Pecht,  Kunst  f.  Alle,  is.Februar  1891.  — 
A.  Rosenhagen,  Velhagen  &  Klasings  Monatshefte  1901.  —  O.  Reutter,  Die  weite  Welt 
1901.  — W.  Schafer,  Rheinlande  1906.  —  A.  Spier,  Die  Kunst  unserer  Zeit  1909.  — 
A.  Dobsky,  Reclams  Universum  191 1.  —  C.  Storck,  Tiirmer  1912.  —  A.  Dobsky,  Leipz. 
111.  Zeitung  191 3.  —  A.  Spier,  Kunst  fur  Alle  191 5.  —  J.  A.  Beringer,  Deutsche  Kunst 
und  Dekoration  1917.  —  H.  O.  Schonleber,  Wiirttemb.  Nekrolog,  Archiv.  —  J.  A.  Be- 
ringer, Skizzenbuch  II,  1925,  Stuttgarter  Kunstverlag,  sowie  die  Ausstellungskataloge 
191 1   (Karlsruhe),   191 2  (Stuttgart),   191 7  (Karlsruhe)  und   19 18  (Stuttgart). 

Mannheim.  Jos.  Aug.  Beringer. 

Schroder,  Richard  Karl  Heinrich,  o.  Professor  der  deutschen  Rechtsgeschichte 
in  Heidelberg,  *  am  19.  Juni  1838  zu  Treptow  in  Pommern,  f  am  3.  Januar  1917 
in  Heidelberg.  —  Richard  Sch.  war  neben  vier  Schwestern  der  einzige  Sohn 
des  leitenden  Richters  am  Land-  und  Stadtgericht  seiner  Heimat,  Kreisjustiz- 
rat  Sch.,  und  dessen  Ehefrau  Ida,  geborene  Kolling.  Das  schwachliche  Kind 
durchlebte  eine  gliickliche  erste  Jugend  im  sonnigen  Elternhause.  Der  Knabe 
besuchte  die  Stadtschule  in  Treptow,  wo  er  ein  Liebling  von  Fritz  Reuter  ward, 
der  seinem  Vater  nach  Art  und  Gesinnung  verwandt  war ;  zeitlebens  gedachte 
Sch.  dankbar  Fritz  Reuters,  von  dem  er  die  Liebe  zur  Volkssprache  empfing, 
die  dann  in  Sch.s  Hingabe  an  die  deutschen  Quellen  des  Mittelalters  wieder- 
klingt.  Die  Schulzeugnisse  ruhmen  den  FleiB  und  das  musterhafte  Betragen 
des  Schulers.  Von  1851  bis  1857  besuchte  Sch.  das  Gymnasium  Anklam.  Sein 
Knabenwunsch  war,  Naturforscher  zu  werden.  Doch  sammelte  er  schon  als 
Gymnasiast  Miinzen  und  begeisterte  sich  fiir  die  deutsche  Vergangenheit  am 
Nibelungenlied.  Abiturient  geworden,  wollte  Sch.  anfanglich  in  Bonn  Jura 
und  daneben  bei  Simrock  deutsche  Philologie  studieren,  wandte  sich  dann 
aber  doch  ausschlieBlich  der  Rechtswissenschaft  zu.  Seine  juristischen  Stu- 
diensemester  verbrachte  er  1857  bis  J868  in  Berlin,  einzig  unterbrochen  im 
Sommer  i860  durch  ein  Semester  in  Gottingen,  wohin  ihn  das  Seminar  von 
Georg  Waitz  lockte.  Schon  in  Berlin  hatte  Sch.  neben  den  juristischen  Vor- 
lesungen  philologische  und  historische  Kollegien  besucht,  Gotisch  bei  H.  F. 
MaBmann,  mittelhochdeutsche  Dichtung  bei  Moritz  Haupt  gehort.  Von  des 
letzteren  Vorlesung  iiber  die  Germania  des  Tacitus  fuhlte  er  sich  besonders 
angezogen;  noch  in  spaten  Jahren  in  Heidelberg  hat  er  dieselbe,  zusammen 
mit  dem  Philologen  Zangemeister,  in  einem  reizvollen  Doppelkolleg  zu  neuem 
Leben  erweckt.  Die  wissenschaftliche  Grundrichtung  nach  dem  deutschen 
Recht  hin  gewann  Sch.  bei  v.  Richthofen,  Homeyer  und  Beseler;  Beseler,  den 
Systematiker  des  deutschen  Privatrechts  und  warmherzigen  Patrioten,  be- 
trachtete  er  spater  als  seinen  eigentlichen  Lehrer,  zu  dessen  FuBen  gleichzeitig 
mit  Sch.  auch  Otto  v.  Gierke  (s.  DBJ.  1921,  S.  in)  saB.  Vor  allem  aber  durfte 
Sch.  in  Berlin  Jakob  Grimm  nahertreten ;  von  diesem  fiel,  um  mit  K.  v.  Amiras 
Worten  zu  reden,  »aus  der  Abendrote  der  germanistischen  Heroenzeit  ein 
letzter  Strahl  auf  seine  wissenschaftliche  Entwicklung«. 


Schonleber.  Schroder  130, 

In  Berlin  wurde  Sch.  unter  Beselers  Dekanat  1861  zum  Dr.  jut.  promo viert. 
Es  folgte  eine  zweijahrige  praktisch-juristische  Lehrzeit  in  Berlin  und  Stettin, 
das  erste  Jahr  war  auBerdem  durch  den  Militardienst  als  Einjahrig-Freiwilliger 
ausgefullt.  Schon  in  diese  praktischen  Vorbereitungsjahre  reichen  aber  die 
rechtsgeschichtlichen  Erstlingsarbeiten  herein;  damals  wurde  Sch.  der  Ge- 
hilfe  von  J.  Grimm  bei  der  Sammlung  der  Weistumer.  Die  akademische  Lauf- 
bahn  erschloB  sich  dem  Funfundzwanzigjahrigen  1863  zu  Bonn  durch  seine 
Habitation  fur  deutsches  Recht,  in  dessen  geschichtlichen  und  praktischen 
Fachern.  Sie  brachte  Sch.  in  raschem  Zuge  voran.  Er  wurde  1866  Titular- 
extraordinarius  und  stieg  bereits  1870  an  der  rheinischen  Hochschule  zum 
o.  Professor  auf .  1872  wurde  er  als  Nachfolger  Dahns  nach  Wiirzburg  be- 
rufen ;  er  blieb  seiner,  der  bayerischen  Regierung  gegebenen  Zusage,  dorthin  zu 
gehen,  treu,  trotzdem  ihn  unmittelbar  darauf  Angebote  von  StraBburg  und 
selbst  von  Berlin  trafen.  Ulrich  Stutz  berichtet  als  Zeugnis  fiir  Sch.s  Be- 
scheidenheit,  er  habe  im  Alter  geauBert,  »die  Rollen  seien  damals  wohl  richtig 
verteilt  worden«.  Gluckliche  Jahre  am  frankischen  Main  waren  jedenfalls  sein 
nachster  Lohn.  Noch  dreimal  hat  dann  Sch.  seine  Wirkungsstatte  gewechselt. 
Er  zog  1882  doch  an  die  junge  Reichsuniversitat  StraBburg  und  folgte  1885 
einem  Ruf  nach  Gottingen.  Nach  der  »wunderschonen  Stadt«  hatte  ihn  sein 
vaterlandisches  Herz  gelockt,  nach  Gottingen  das  Ansehen  der  Hochschule 
und  die  Erinnerung  an  die  eigene  Studentenzeit.  In  StraBburg  war  er  Heinrich 
Brunners  mittelbarer  Nachfolger  und  R.  Sohms  (s.  unten  S.  150  ff.),  seines 
naheren  Landsmannes,  Kollege;  in  Gottingen  ersetzte  er  H.  Tohl,  den  Be- 
griinder  des  Handelsrechts.  Als  O.  Gierke  1888  von  Heidelberg  nach  Berlin 
ging,  riickte  Sch.  an  seine  Stelle.  t)ber  50  Lehrsemester  waren  ihm  hier  noch 
beschieden.  Als  »der  Heidelberger  Schroder «  zumal  hat  er  seinen  Ruhm  be- 
grundet,  mit  Heidelberg  und  dem  geistig  regsamen  badischen  Staatswesen 
und  Volkstum  ist  er  eng  verwachsen.  Hier  wurde  der  Vielgewanderte  seBhaft. 
Tausende  junger  Juristen  horten  ihn  hier  und  verehrten  ihn.  Mitten  heraus 
aus  seinem  akademischen  Wirken  und  Schaffen  ist  Sch.  nach  kurzem  Kranken- 
lager  zu  Beginn  1917  von  uns  gegangen. 

Die  Bedeutung  Sch.s  griindet  sich  auf  den  Reiz  seiner  Personlichkeit,  auf 
seine  Qualitaten  als  akademischer  Lehrer,  auf  seine  rastlose  Forschertatigkeit. 

Dem  Reiz  der  Personlichkeit  erschlieBt  sich  zuerst  der  junge  Musensohn. 
Von  Sch.  ging  dieser  Reiz  in  hohem  Grade  aus,  das  ist  das  ubereinstimmende 
Urteil  aller.  In  ihm  paarte  sich  der  Ernst  des  Gelehrten  mit  der  Giite  des 
Lehrers  und  der  schlichten  Art  eines  frohgemuten  Menschen.  Mit  Gliicks- 
giitern  zeitlebens  nicht  gesegnet,  muBte  Sch.  sich  seine  Stellung  im  Iveben 
durch  unausgesetzte  Arbeit  erringen.  Von  Anbeginn  darum  seine  ausgedehnte 
Lehrtatigkeit.  Schon  in  Bonn  wurde  sein  urspriinglicher  Lehrauftrag  auf 
preuBisches  Landrecht  erweitert,  auBerdem  vertrat  er  mehrere  Jahre  an  der 
Akademie  Poppelsdorf  das  Iyandwirtschaftsrecht  fiir  die  angehenden  rhei- 
nischen Landwirte.  In  Wiirzburg  las  er  mehrere  Jahre  auch  Kirchenrecht. 
Erst  das  Aufsteigen  in  bessere  Gehaltsstufen  machte  seine  Hande  freier  fiir 
die  Forschertatigkeit.  Manchmal  hat  er  sich  zuviel  zugemutet  und  muBte  noch 
am  Ende  seiner  Gottinger  Zeit  infolge  Uberanstrengung  ein  Jahr  aussetzen. 

Die  Freude  an  arbeitsreicher  Pflichterfiillung  iibertrug  Sch.  auf  seine  Horer. 
Dazu  kam  anderes.  Ein  warmfiihlendes  deutsches  Herz  in  des  Germanisten 


140  1917 

Bnist  ist  vielleicht  eine  Selbstverstandlichkeit.  Der  religiose  Grundton  seines 
Wesens  paarte  sich  in  dem  iiberzeugten  Protestanten,  der  noch  in  Heidelberg 
Mitglied  der  badischen  Kirchensynode  wurde,  mit  Toleranz  gegen  Anders- 
glaubige;  aller  Kulturkampferei  war  er  abhold.  Seiner  politischen  Gesinnung 
nach  war  Sen.  ein  rechtsgerichteter  Liberaler  burschenschaftlicher  Pragung 
mit  einem  SchuB  Demokratie,  den  ihm  Fritz  Reuter  vererbt  hatte.  Er  hielt 
schon  1873  in  Wiirzburg  im  Verein  fur  Volksbildung  Vortrage.  In  Heidelberg 
stand  er  jahrelang  an  der  Spitze  der  Organisation  des  Roten  Kreuzes  zur  Heran- 
bildung  freiwilliger  Krankenpfleger. 

Sein  bescheidenes  Wesen  wurde  durch  auBere  Ehrungen  nicht  uberheblich. 
PreuBische,  badische  und  bayerische  Orden  zierten  seine  Brust.  Hoher  standen 
ihm  wissenschaftliche  Anerkennungen.  Er  wurde  1892  korrespondierendes 
Mitglied  der  bayerischen,  1895  auswartiges  Mitglied  der  hollandischen,  1900 
korrespondierendes  Mitglied  der  Berliner  Akademie,  1909  bei  Begriindung  der 
Heidelberger  Akademie,  wie  sich  von  selbst  verstand,  auch  deren  ordentliches 
Mitglied.  1893  verlieh  ihm  seine  alte  Gottinger  Universitat  die  Wiirde  eines 
Dr.  phil.  h.  c,  1908  die  Universitat  Miinster  den  Dr.  rer.  pol.  h.  c.  Daneben 
zollten  ihm  historische  und  andere  Vereine  ihren  Dank  durch  Cbertragung  der 
Ehrenmitgliedschaft. 

Niemals  Einganger,  war  Sch.  von  Jugend  auf  Optimist  in  der  Beurteilung 
seiner  Mitmenschen,  gern  schloB  er  Iyebensfreundschaften.  DaB  ihn  solche  mit 
den  fuhrenden  Mannern  seines  eigenen  Fachs  verbanden,  war  sein  besonderes 
Gliick.  Kein  schonerer  Beweis  fiir  seine  groBe  Auffassung  der  Freundschaft 
als  die  Tatsache,  daB  Sch.,  als  er  mit  H.  Brunner  (s.  DBJ.  1914 — 1916,  S.  119  ff.) 
im  Wettlauf  an  einer  Gesamtdarstellung  der  deutschen  Rechtsgeschichte  ar- 
beitete,  dem  Freunde  die  eigenen  Druckbogen  zur  Verwertung  fiir  die  Zwecke 
des  Konkurrenzwerkes  zugesandt  hat. 

Aus  der  religios-sittlichen  Grundlage  von  Sch.s  Lebensfiihrung  entsprang 
jener  heitere  Frohmut,  der  Sch.  zeitlebens  auszeichnete ;  darin  ganz  besonders 
fiihlte  er  sich  als  Schiiler  Reuters.  Schon  als  krankelnder  Knabe  hatte  er  die 
Schlagfertigkeit  des  Witzes  gelernt,  mit  dem  er  das  Hanseln  seiner  Kameraden 
quittierte.  Zu  Heidelberg  hob  sich  in  den  letzten  Jahrzehnten  seines  Lebens 
gegenuber  der  uberschaumenden  Lebenslust  der  Pfalzer  sein  niederdeutscher 
Humor  oft  prachtig  ab.  Im  Kolleg  und  in  geselliger  Unterhaltung  brach  er 
iiberall  durch  und  erfreute  die  anderen.  Viele  Scherzgeschichten  von  ihm  und 
iiber  ihn  machten  die  Runde  und  leben  heute  noch ;  selbst  wenn  sie  ans  Derbe 
und  Burleske  grenzten,  konnte  sie  ihm  niemand  veriibeln. 

Allem  Luxus  abhold,  liebte  der  bei  einfacher  Lebensfiihrung  doch  so  gebe- 
freudige  Mann  zeitlebens  die  Formen  gemiitlicher  Geselligkeit.  Er  war  im 
iibrigen  zufrieden,  wenn  ihm  das  Leben  fiir  des  Lebens  Notdurft  reichte. 
Ein  riihrender  Zug  seines  treuen  Familiensinns  spiegelt  sich  in  der  Tatsache, 
daB  er,  als  sein  Vater  1869  infolge  einer  Biirgschaft  wider  Erwarten  iiber- 
schuldet  verstarb,  jahrelang  die  nicht  groBen  Einkiinfte  seiner  Professur  mit 
dazu  verwandte,  diese  Schulden  des  Vaters  zu  tilgen.  Eine  seltene  Eignung 
fiir  Hauslichkeit  zeichnete  Sch.  aus.  Nachdem  ihm  seine  erste  Gattin,  eine 
Offizierstochter,  die  er  als  junger  Berliner  Student  kennengelernt  und  nach 
Jahren  brautlichen  Wartens  1866  heimgefiihrt  hatte,  friih  gestorben  war, 
trauerte  er  der  Toten  elf  Jahre  nach  und  war  indessen  seinen  Kindern  ein 


Schroder  141 

treusorgender  Vater.  Erst  1895  fand  Sch.  in  der  Witwe  seines  Verlegers  Saunier 
von  Stettin  ein  zweites  Lebensgliick  an  der  Seite  einer  alten  Jugendliebe. 
Wiederum  war  es  eine  ideale  Heirat,  die  die  vaterliche  Fiirsorge  fur  die  Stief- 
kinder  seinem  schon  vorher  nicht  leichten  hauslichen  Pflichtenkreis  hinzu- 
fiigte. 

Fiir  jeden  Studenten  hatte  Sch.  ein  offenes  Herz.  Er  schuf  seine  Werke 
nicht  in  weltentriickter  Einsamkeit  eines  genialen  Geistes;  lebensnah  blieb 
er  stets  ein  Lernender  nnd  darum  ein  Freund  der  Jungen.  Darum  war  er 
auch  kein  Diktierprofessor,  sondern  schopfte  in  der  Vorlesung  mit  Vorliebe 
frei  aus  dem  Erlebten  und  in  sich  Aufgebauten.  Dabei  konnte  es  seinem 
Temperament  passieren,  dafl  er  sich  vertat;  das  genierte  ihn  nicht,  sich  vor 
seinen  Studenten  selbst  zu  verbessern.  Da  er  alien  etwas  bieten  wollte,  hielt 
er  seine  Vorlesungen  so,  dafi  sie  der  Durchschnittsstudent  mit  Gewinn  auf- 
nahm.  Nur  die  Unfertigkeit  der  Verhaltnisse  in  StraBburg  und  die  Sprodig- 
keit  der  Niedersachsen  in  Gottingen  schien  ihm  voriibergehend  den  vollen 
Lehrerfolg  zu  versagen.  Ganz  als  freundlicher  Lehrer  gab  er  sich  in  seinen 
Ubungsvorlesungen.  Aus  ihnen  erwuchs  eine  seiner  wertvollsten  Veroffent- 
lichungen,  die  »Urkunden  zur  Geschichte  des  Deutschen  Privatrechts«,  die 
er  in  Bonn  zusammen  mit  dem  Freunde  H.  Loersch  angelegt  hatte  und  die 
1874  als  Festgabe  fiir  Waitz  erschien.  So  besafl  Sch.  alle  Eigenschaften  eines 
akademischen  Lehrers. 

Sch.s  Forschung  baute  sich  in  klarer  Gliederung  auf.  In  ihrem  AusmaB  ist 
sie  ein  Denkmal  des  Selbstvertrauens,  der  Beharrlichkeit  und  nie  versagenden 
GelehrtenfleiBes.  Von  einem  wichtigen  Einzelgebiet  der  Rechtsgeschichte  ging 
Sch.  aus,  als  Synthetiker  des  Fachs  beschloB  er,  vielfach  bewahrt,  sein  reiches 
Leben.  Obwohl  nicht  ohne  philologische  Bildung,  beschrankte  sich  Sch.  im 
wesentlichen  auf  die  Rechtsgeschichte  der  deutschen  Stamme.  Er  zog  zwar 
das  angelsachsische  Recht  in  seinem  Erstlingswerk  mit  heran,  iiberlieB  aber 
die  Pflege  des  nordgermanischen  Rechts  anderen.  Seit  den  Bonner  Jahren 
zeigte  Sch.  lebhaftes  Interesse  auch  fiir  die  westlichen  Grenzgebiete,  schon 
seit  seiner  Studentenzeit  hatte  er  auf  seiner  akademischen  Wanderung  iiberall 
Beziehungen  zur  landesgeschichtlichen  Forschung  gefunden.  Er  gehorte  von 
Anfang  an  der  Gesellschaft  fiir  rheinische  Geschichtskunde  an.  Er  war  Mit- 
begriinder  der  Badischen  Historischen  Kommission,  bei  der  er  die  Heraus- 
gabe  der  Oberrheinischen  Stadtrechte  anregte  und  dabei  selbst  mitarbeitete. 
Seine  rechtsdogmatischen  Interessen  galten  vor  allem  dem  deutschen  Privat- 
recht,  nachstdem  dem  Handelsrecht  und  Seerecht.  Je  tiefer  er  aber  ins  Leben 
hereinkam,  um  so  ausschlieBlicher  wurde  er  ein  fiihrender  Forscher  auf  dem 
Gebiet  der  deutschen  Rechtsgeschichte. 

Eine  Preisaufgabe  der  Berliner  Juristenfakultat,  von  Beseler  gestellt,  hatte 
dem  jungen  Sch.  den  Weg  zu  seiner  Forschung  liber  die  Entwicklung  des 
ehelichen  Guterrechts  gewiesen.  Die  Preisaufgabe  handelte  von  der  Bedeu- 
tung  der  Dos  in  den  Volksrechten.  Unter  dem  bescheidenen  Kennwort 
•  Lehrstiick  ist  kein  Meisterstiick«  hatte  sie  Sch.  der  Fakultat  eingereicht  und 
damit  den  Preis  errungen.  Die  bei  seiner  Promotion  gelieferte  Interpretation 
vom  Sachsenspiegel-Landrecht  III,  73,  §  1,  die  dann  1863  in  Bonn  zur 
Probevorlesung  erweitert  wurde  und  1864  unter  dem  Titel  »Zur  Lehre  von 
der  Ebenburtigkeit  nach  dem  Sachsenspiegel«  erschienen  ist,  fuhrte  Sch.  zu 


142  1917 

den  Standefragen  und  zum  beriihmten  Rechtsbuch  des  Mittelalters.  Dieser 
doppelte  Vorgang  beleuchtet,  wie  sehr  schon  dem  jungen  Sch.  die  Fahigkeit 
eignete,  auf  fremde  Anregungen  einzugehen  und  darauf  weiterzubauen ;  es 
war  jene  geistige  Beweglichkeit,  die  Sch.  spater  zum  gewissenhaften  Mentor 
der  Entwicklung  einer  ganzen  Wissenschaft  gemacht  hat. 

Allezeit  stand  fur  Sch.  die  Herausarbeitung  der  Forschungsergebnisse  un- 
mittelbar  aus  den  Quellen  im  Vordergrund,  in  zweiter  Linie  zog  er  darum 
nicht  weniger  gewissenhaft  die  Literatur  heran.  So  hatte  er  es  bei  Waitz 
gelernt.  Aber  wie  niemand  Rechtshistoriker  sein  kann,  ohne  die  Quellen  zu 
kennen  und  immer  wieder  vorzunehmen,  so  kann  sich  auch  kein  Rechts- 
historiker der  Bereitstellung  der  Quellen  aus  dem  gedruckten,  mehr  noch 
aus  dem  ungedruckten  Material  ganz  entziehen,  zumal  in  Sch.s  Lebenszeit, 
die  gerade  damit  beschaftigt  war,  eine  Fulle  unbekannter  Quellen  aus  den 
Archiven  zu  heben.  Auch  Sch.  nahm  an  dieser  Herausgebertatigkeit  Anteil, 
ja  er  begann  damit  sehr  friih.  Wir  vernahmen,  wie  der  junge  Doktor  den 
greisen  J.  Grimm  bei  der  Herausgabe  der  Weistiimer,  jenen  vielgestaltigen 
Denkmalern  des  Rechts  von  Dorfern  und  Grundherrschaften,  unterstiitzt  hat. 
Kurz  vor  seinem  Tod  handigte  Grimm  1863  dem  eben  nach  Bonn  ziehenden 
Privatdozenten  das  Material  fur  Band  V  der  Weistiimer  aus.  Die  damals  be- 
griindete  bayerische  Historische  Kommission  betraute  dann  Sch.  damit,  unter 
G.  L.  v.  Maurers  Leitung  das  Weistiimerwerk  zu  Ende  zu  fuhren.  In  sechzehn- 
jahriger  Arbeit  hat  Sch.  das  Vermachtnis  des  groBen  Meisters  erfullt,  zwei 
Bande  Text  und  in  Band  VII  die  umfassenden  Namen-  und  Sachregister  her- 
gestellt,  die  letzteren  in  ihrer  Kleinarbeit  der  unentbehrliche  Schliissel  zu  dem 
reich  aufgestapelten  Material  des  Gesamtwerkes.  Wiederholt  hat  Sch.  diese 
» iiber  jede  Beschreibung  muhseligen  Register  «,  ein  Sisyphuswerk  von  418  Seiten, 
als  die  starkste  Arbeitsleistung  seines  Lebens  bezeichnet.  Die  Weistiimerarbeit 
wirkte  in  Bonn  auch  noch  nach  anderer  Richtung;  hier  gab  Sch.  Clevesche 
und  andere  niederrheinische  Rechtsquellen  heraus  und  kam  damit  dem  hoi- 
landischen  Quellenkreis  und  den  dortigen  Rechtshistorikern  nahe.  Sch.s  Mit- 
arbeit  an  den  oberrheinischen  Stadtrechten  wurde  schon  gedacht;  seit  die 
badische  Historische  Kommission  19*10  auch  den  Plan  der  Herausgabe  badi- 
scher  Weistiimer  faBte,  bildete  dessen  Forderung  Sch.s  besondere  Hoffnung 
und  Freude ;  auf  die  Arbeit  am  Rechtsworterbuch,  das  gleichf  alls  eine  Quellen- 
erschlieBung  groBten  Stiles  werden  sollte,  ist  noch  zuriickzukommen. 

Seinen  Namen  als  Rechtshistoriker  von  Rang  hat  Sch.  durch  zwei  Haupt- 
werke,  die  in  vier  Teilen  herausgebrachte  »Geschichte  des  ehelichen  Giiter- 
rechts  in  Deutschland«  und  sein  »Lehrbuch  der  deutschen  Rechtsgeschichte*, 
begriindet.  Das  erstere  Werk  ist  im  ganzen  heute  noch  nicht  libertroffen,  es 
hielt  Sch.  in  Bonn  und  Wiirzburg  neben  der  Weistiimerarbeit  in  Atem.  Aus- 
gebreitete  Quellenkenntnis  befahigte  ihn  zu  dem  Wagnis,  von  Beseler  und 
Waitz  hatte  Sch.  den  Hinweis  auf  die  hohe  Bedeutung  der  Urkunden,  als 
Niederschlag  der  Praxis,  gerade  fiir  die  Bearbeitung  eines  derartigen  Gebietes 
empfangen.  Um  Sch.s  Rechtsgeschichte  des  Ehegiiterrechts  gerecht  zu  be- 
urteilen,  mufl  man,  worauf  Stutz  aufmerksam  macht,  beachten,  daft  die  An- 
lage  des  Werkes  zeitlich  vor  den  entscheidenden  Forschungen  iiber  die  Ehe- 
schlieBung  liegt,  die  durch  Friedberg  und  Sohm  veranlaBt  wurden.  Man  muB 
auch  bedenken,  wie  ungeklart  damals  noch  die  Grundlagen  des  alteren  deut- 


Schroder  1 43 

schen  Schuld-  und  Haftungsrechts  waren,  die  in  EheschluB  und  Ehevertrag 
doch  iiberall  hineinragen. 

Aus  der  Berliner  Preisarbeit  war  Band  I  des  Werkes,  die  Zeit  der  Volks- 
rechte  umfassend,  geworden,  1864  als  Habilitationsschrift  erschienen.  Unter 
Verzicht  auf  die  Heransarbeitung  eines  einheitlichen  Urgiiterrechts,  stellte 
hier  Sch.  das  Gebiet,  wie  es  in  der  Verschiedenheit  der  Stammesrechte  im 
frankischen  Zeitalter  in  die  historische  Erkenntnis  eintritt,  dar.  Das  Mundial- 
guterrecht,  ein  AusfluB  der  vormundschaftlichen  Stellung  des  Mannes  iiber 
die  Frau,  von  Sch.  nicht  ganz  glucklich  mit  dem  seitdem  herrschend  gewor- 
denen  Ausdruck  »Verwaltungsgemeinschaft<<  bezeichnet,  hatte  Sch.  in  seiner 
iiberragenden  entwicklungsgeschichtlichen  Bedeutung  wohl  erkannt.  Den 
zweiten  Teil  des  Werkes,  das  deutsche  Mittelalter  umfassend,  gliederte  Sch. 
bei  der  Fulle  des  Stoffes  nach  Landschaften  in  drei  Unterteile.  Davon  war 
Teil  I  1868  erschienen,  eine  fast  vollige  Neuschopfung,  die  das  mittelalterliche 
Ehegiiterrecht  Siiddeutschlands  einschlieBlich  von  Osterreich  und  der  Schweiz 
darstellte.  In  Teil  III,  2  (erschienen  1871)  behandelte  Sch.  die  frankischen 
Rechte  mit  ihren  oberrheinischen  Auslaufern;  Teil  II,  3  beschloB  1873  das 
Werk  mit  der  Darstellung  der  norddeutschen  Giiterrechte  des  Mittelalters 
von  den  Niederlanden  bis  zum  Baltikum.  Der  ausbleibende  buchhandlerische 
Erfolg  verleidete  dem  Verleger  und  Sch.  selbst  die  Ausfuhrung  eines  urspriing- 
lich  geplanten  III.  Teiles,  der  die  Entwicklung  des  ehelichen  Giiterrechts  von 
der  Rezeption  des  romischen  Rechts  bis  zur  Neuzeit  behandeln  sollte.  Sch. 
trostete  sich  mit  der  relativen  Diirre  dieser  Rechtsperiode  der  Romanisierung 
und  der  Erstarrung.  GewissermaBen  als  Ausklang  bot  Sch.  ein  Gesamtbild  in 
einer  Abhandlung  der  Historischen  Zeitschrift:  »Das  eheliche  Giiterrecht  und 
die  Wanderungen  der  deutschen  Stamme  im  Mittelalter*  (1874).  Dagegen 
plante  Sch.  noch  1874  ein  dogmatisches  Werk  iiber  das  geltende  eheliche 
Giiterrecht  und  machte  sich  begriindete  Hoffnung,  fur  diesen  Abschnitt  des 
Familienrechts  in  die  Kommission  zur  Ausarbeitung  des  Biirgerlichen  Gesetz- 
buchs  berufen  zu  werden.  Sch.  legte  1874  und  1875  dem  deutschen  Juristen- 
tag  Gutachten  iiber  die  zweckmaBigste  Ausgestaltung  des  ehelichen  Giiter- 
rechts im  neuen  Reichszivilgesetzbuch  vor,  erlebte  aber  dabei  eine  doppelte  Ent- 
tauschung:  weder  fand  das  von  ihm  zunachst  vorgeschlagene  Regionalsystem, 
das  den  einzelnen  Landschaften  ihr  traditionelles  Giiterrecht  belassen  sehen 
wollte,  allgemeine  Billigung;  noch  auch,  als  Sch.  dem  auf  nationale  und  prak- 
tische  Griinde  gestiitzten  Drangen  nach  groBerer  Vereinheitlichung  des  Giiter 
rechts  nachgab,  sein  Vorschlag,  eine  erweiterte  Errungenschaftsgemeinschaft 
als  normalen  gesetzlichen  Giiterstand  in  den  Mittelpunkt  des  neuen  Rechts 
zu  stellen.  So  kam  Sch.  weder  in  die  Kommission,  noch  gewann  seine  sachliche 
Auffassung  die  Oberhand,  die  »Verwaltungsgemeinschaft«  hatte  gesiegt.  Doch 
geht  es  auf  einen  Antrag,  den  Sch.  1876  auf  dem  Juristentag  zu  Salzburg  ver- 
trat,  zuriick,  wenn  das  Biirgerliche  Gesetzbuch  neben  dem  gesetzlichen  Giiter- 
stand die  anderen  Hauptsysteme  des  deutschen  ehelichen  Giiterrechts  als 
sogenanntes  dispositives  Giiterrecht  zur  Erleichterung  der  Ehegatten  beim 
AbschluB  von  Ehevertragen  gleichfalls  normierte.  Getreu  seiner  vornehmen 
Gesinnung  hat  iibrigens  Sch.  auch  weiterhin  die  Arbeiten  am  Entwurf  zum 
Biirgerlichen  Gesetzbuch  durch  Einzelaufsatze  befruchtet  und  es  189 1  auf 
dem  Juristentag  durchgesetzt,  daB  die  Verwaltungsgemeinschaft,  statt  in  der 


144  I9I7 

romanistischen  Gestaltung  des  sachsischen  Biirgerlichen  Gesetzbuchs  in  einer 
mehr  deutschrechtlichen  Formulierung  ausgestaltet  wurde.  Auch  der  Ein- 
biirgerung  des  neuen  Rechts  leistete  der  Meister  des  ehelichen  Giiterrechts 
durch  eine  gemeinverstandliche,  wiederholt  aufgelegte  Darstellung  des  letz- 
teren,  wie  es  Gesetz  geworden  war,  gute  Dienste.  Aber  der  Plan  einer  dog- 
matischen  Darstellung  des  geltenden  Ehegiiterrechts  war  von  Sch.  iiber  den 
gemachten  Erfahrungen  endgiiltig  begraben  worden. 

An  Fragen  des  geltenden  Rechts  interessierte  Sch.,  wie  schon  angedeutet, 
auBer  dem  ehelichen  Guterrecht  hauptsachlich  das  Handels-  und  Seerecht. 
Seine  Textausgabe  des  Handelsgesetzbuches,  eine  Frucht  der  Bonner  Jahre, 
erlebte  zahlreiche  Auflagen;  in  zwei  derselben  lieB  er  das  Buch  als  ^Corpus 
juris  civilis  fur  das  Deutsche  Reich  und  Osterreich,  erster  Teil«  hinausgehen 
und  lieB  diesem  ersten  Teil  1877  in  einem  Teil  2  die  privatrechtlichen  Neben- 
gesetze  beider  Reiche  folgen.  Dem  Verfechter  des  deutschen  Privatrechts 
schwebte  damit  der  in  unseren  Tagen  wieder  aufgenommene  Plan  vor,  durch 
solche  Zusammenfassung  die  innere  Zusammengehorigkeit  des  deutschen  und 
des  osterreichischen  Rechts  zu  pflegen.  Mit  besonderer  Liebe,  die  sich  auch 
im  Handelsrechtskolleg  auBerte,  gab  sich  Sch.  als  Mann  von  der  Waterkant 
den  seerechtlichen  Fragen  hin,  in  deren  Nonnenwelt  so  viel  altdeutsches  Recht 
enthalten  ist ;  fur  W.  Endemanns  Handbuch  des  Handelsrechts  bearbeitete 
er  1882  bis  1884  eine  groBere  Anzahl  seerechtlicher  Kapitel  in  mustergultiger 
Darstellung. 

Von  der  Geschichte  des  ehelichen  Giiterrechts  aus  aber  reifte  in  Sch.  das 
zweite  Hauptwerk,  das  seinen  Namen  in  den  weitesten  Kreisen  bekannt  machte, 
das  »L,ehrbuch  der  deutschen  Rechtsgeschichte«.  Wohl  hat  Sch.  vor  und  nach 
seinem  Erscheinen  noch  wiederholt  rechtsgeschichtliche  Einzelfragen  behan- 
delt,  die  ihm  teils,  wie  die  Abhandlung  iiber  die  Erbsalzer  zu  Werl  (1872), 
aus  Rechtsgutachten  auf  landesrechtsgeschichtlichem  Gebiet  erwuchsen,  teils 
aber  auch  wissenschaftlicher  Neigung  entsprangen:  so  die  Arbeiten  (1867  bis 
1870),  in  denen  er  als  Freund  der  Literaturdenkmaler,  einer  Anregung 
Simrocks  folgend,  die  deutsche  Dichtung  des  Mittelalters  in  den  Dienst  der 
Rechtsgeschichte  zog,  oder  seine  Heidelberger  Rektoratsrede  iiber  die  deutsche 
Kaisersage  (1891);  so  seine  verschiedenen  Beitrage  zu  den  Rechtsbiichern 
(1869 — ^92)»  von  denen  ihn  besonders  der  Sachsenspiegel  und  die  im  Halb- 
dunkel  der  Vergangenheit  verschwimmende  Gestalt  Eikes  v.  Repkow  anzogen. 
Zu  den  komplizierten  Fragen  der  sachsischen  Gerichtsverfassung  und  des 
Standewesens  nahm  Sch.  (1884)  in  einem  seiner  reifsten  Aufsatze  Stellung, 
der  als  StraBburger  Festgabe  fur  G.  Beseler  erschien.  Als  Otto  v.  Zallinger  die 
Standegliederung  Eikes  in  ihrer  Realitat  in  Zweifel  zog  und  darin  eine  sub- 
jektive  standerechtlich  interessierte  Spekulation  des  Verfassers  des  Rechts- 
buchs  vermutete,  fand  er  bei  Sch.  wohl  iiber  Gebiihr  Zustimmung.  Noch  in 
den  letzten  Zeiten  seines  Lebens  hat  Sch.  bei  der  Neubearbeitung  seines  Lehr- 
buchs  fur  die  6.  Auflage  kaum  einem  anderen  Gebiet  ein  so  lebhaftes  Interesse 
zugewandt,  wie  den  Fragen  der  sachsischen  Standegeschichte  und  Gerichts- 
verfassung. Sch.s  lebhaftem  Sinn  fur  Symbol  und  Wort  im  Recht  entsprangen 
seine  Arbeiten  zur  Roland-Forschung  (1890 — 1906),  in  denen  es  freilich  frag- 
lich  erscheint,  ob  er  der  sogenannten  Spieltheorie  von  Heldmann  und  Jostes 
gerecht  wurde,  sowie  seine  Aufsatze  zur  Bedeutung  der  Marktkreuze,  die  ihn 


Schroder  145 

im  Streit  der  Stadtrechtstheorien  an  die  Seite  der  Marktrechtstheorie  und 
damit  an  die  Seite  seines  Freundes  Sohm  drangten.  Zu  der  Ausgabe  von 
K.  Zeumers  frankischen  Urkundenformeln  steuerte  Sch.  wertvolle  Beitrage 
bei  (1883 — 1892),  die  vor  allem  dem  Wirken  des  Erzbischofs  Arno  von  Salz- 
burg galten. 

Doch  waren  alle  diese  und  andere  Arbeiten,  von  denen  noch  Sch.s  Unter- 
suchungen  zum  frankischen  Recht,  Vorstudien  zu  einem  geplanten  Werk 
iiber  die  Franken,  genannt  seien,  die  in  der  Abhandlung  »Die  Franken  und  ihr 
Recht*  (1881)  ihre  Bekronung  fanden,  Parerga  zu  Sch.s  Deutscher  Rechts- 
geschichte.  Die  Anregung  zur  letzteren  kam  ihm  schon  in  den  Bonner  I^ehr- 
jahren  von  keinem  Geringeren  als  von  Friedrich  Althoff ;  begonnen  hat  Sch. 
mit  der  Ausarbeitung  in  StraBburg,  in  der  auptsache  fertiggestellt  wurde 
das  Werk  in  Gottingen,  vollendet  in  Heidelberg. 

Es  war  ein  einzigartiges  Zusammentreffen,  daB,  wie  schon  bemerkt,  zwei 

so  angesehene  Forscher, '   .  Brunner  und  Sch.,  zu  gleicher  Zeit  demselben  Ziele 

zusteuerten.  Sicherlich  war  von  beiden  Brunner  der  groBere  und  scharfsinnigere. 

Aber  wahrend  dieser  von  Anfang  an  auf  ein  universales  Handbuch  abzielte, 

fur  das  er  dann  nur  die  der  germanischen  und  frankischen  Zeit  —  auch  letztere 

mit  AusschluB  des  Privatrechts  des  Zeitalters  —  gewidmeten  Bande  vollenden 

durfte  (s.  a.  a.  O.,  S.  123),  gelang  Sch.  der  Wurf,  das  Ganze  der  deutschen 

Rechtsgeschichte  bis  herab  zur  Schwelle  der  Gegenwart  zu  meistern.  Wohl 

lag  auch  bei  ihm  von  vornherein  das  Schwergewicht  der  Darstellung  in  den 

mittelalterlichen  Perioden  der  nationalen  Rechtsentwicklung.  In  den  folgen- 

den  Auflagen  aber  beseitigte  er  immer  mehr  das  Skizzenhafte,  das  zunachst 

seiner  Darstellung  der  Rechtsgeschichte  der  Neuzeit  anhaftete. 

Durch  sein  I^ehrbuch  war  der  Jurist  Sch.  mit  einem  Schlag  auch  in  den 
Kreisen  der  Historiker  beruhmt,  war  sein  Buch  ein  unentbehrliches  Hand- 
werkszeug  aller  rechts-  und  verfassungsgeschichtlichen  Forschung  geworden 
und  hat  diese  Geltung  dank  der  nie  rastenden  Verbesserungsarbeit  seines  Ver- 
fassers  bis  iiber  dessen  Tod  hinaus  behalten.  Dieses  Buch  ersetzt  »zugleich 
die  fehlende  Bibliographic  der  deutschen  Rechtsgeschichte «  bis  heute.  Wohl 
hat  Sch.s  Schmiegsamkeit  gegenliber  neuen  Forschungsergebnissen,  die  doch 
das  schonste  Zeugnis  seiner  wissenschaftlichen  Aufgeschlossenheit  und  Ehr- 
lichkeit  ist,  die  Einheitlichkeit  der  Darstellung  allmahlich  beeintrachtigt  — 
Wichtiges  steht  heute  im  Anmerkungsapparat,  was  bei  urspriinglicher  Beriick- 
sichtigung  sicherlich  im  Text  Platz  gefunden  hatte  — ,  als  Lebenswerk  Sch.s, 
und  als  getreuer  Spiegel  der  reichen  Entwicklung  des  Fachs  wird  sein  Lehr- 
buch  stets  fortleben,  mag  auch  allmahlich  die  Zeit  eine  von  Grund  aus  neue 
Schopfung  ahnlicher  Art  gebieterisch  verlangen.  Und  noch  eines,  worauf  Ulrich 
Stutz  mit  Recht  abhebt:  die  Neigung  mancher  Modernen,  alles  bisher  Erarbei- 
tete  in  Zweifel  zu  ziehen,  hat  Sch.  manchmal  verbittert  und  ihn  zum  Mahner 
und  Warner  gemacht.  Gleichwohl  hat  er  die  Grenzen  maBvoller  Auseinander- 
setzung,  er,  der  personlich  niemandem  bose  sein  konnte,  kaum  je  iiberschritten. 
AuBerungen  des  Zornes  und  der  Entriistung  lieB  er  miindlich  in  seinen  vier 
Wanden  verrauchen,  stets  zur  Versohnung  bereit  und  als  Vermittler  gern 
gesehen.  v.  KiinBberg  berichtet,  daB  er  »eine  sarkastische  Vorrede  mit  Hor- 
nern  und  Zahnen«  noch  kurz  vor  dem  Druck  abgemildert  habe. 

Als  eine  groBe  Geldstiftung  die  Berliner  Akademie  instand  setzte,   auf 
dbj  10 


I46  1917 

Heinrich  Brunners  und  K.  v.  Amiras  Vorschlag  der  Herausgabe  eines  Worter 
buchs  der  deutschen  Rechtssprache  naherzutreten,  und  dam  it  einem  Bediirf- 
nis  der  rechtsgeschichtlichen  Forschung  abzuhelfen,  erschien  keiner  besser 
geeignet,  das  neue  Unternehmen  zu  leiten,  als  Sch.,  der  Mann  des  Lehrbuchs 
und  der  feinsinnigen  Forschung,  der  zugleich  durch  seine  Registerarbeit  an 
Grimms  Weistumern  den  Befahigungsnachweis  zur  Bearbeitung  eines  Rechts- 
worterbuchs erbracht  hatte.  In  der  Sitzung  der  Berliner  Akademie  vom 
3./4.  Januar  1897  ubernahm  Sch.  die  wissenschaftliche  Leitung.  »Mit  Feuer- 
eifer  ging  der  beinahe  Sechzigjahrige  an  die  Arbeit «,  so  berichtet  v.  KiinBberg, 
der  ihm  bei  derselben  bald  am  nachsten  stehen  durfte.  t)ber  den  Fortgang 
der  Vorarbeiten,  die  in  rasch  anschwellendem  Tempo  die  Schatze  der  deut- 
schen Rechtssprache  in  die  Heidelberger  Werkstatt  sammelten,  erstattete  Sch. 
seitdem  alljahrlich  Bericht.  Aus  der  Exzerptorentatigkeit,  an  der  Sch.  selbst 
ruhrigen  Anteil  nahm,  entstand  allmahlich  in  Heidelberg  das  Archiv  des 
Rechtsworterbuchs  mit  mehr  als  einer  Million  Zetteln.  Die  Vollendung  zogerte 
sich  hin.  »Hatten  die  Freunde  urspriinglich  gedacht,  in  zwolf  Jahren  das 
Werk  vor  sich  zu  sehen,  so  auBerten  sie  nach  zehn  Jahren  nur  mehr  bescheiden 
die  Hoffnung,  vielleicht  den  Anf ang  noch  zu  erleben. «  Freilich  war  die  Kraft 
Sch.s  bei  herannahendem  Alter  nicht  mehr  voll  ausreichend,  um  der  Arbeit 
am  Rechtsworterbuch  die  fur  seinen  friiheren  AbschluB  erforderlichen  Im- 
pulse zu  geben.  Sch.  selbst  lieB  wohl  den  Artikel  Weichbild  in  wiederholter 
Bearbeitung  als  Probeartikel  erscheinen.  1912  gab  er  ein  Quellenheft  und  1914 
sogar  ein  erstes  Heft  von  Band  I  des  Werkes  selbst  heraus,  starb  aber  liber 
dem  durch  den  Kriegsausbruch  verlangsamten  Druck  des  zweiten  Heftes. 
Die  Arbeitsgenossen  am  Rechtsworterbuch  hatten  Sch.  noch  zum  70.  Geburts- 
tag  (1908)  mit  einer  Sammlung  »Beitrage  zum  Worterbuch  der  deutschen 
Rechtssprache «  iiberrascht;  es  war  seine  groBte  Geburtstagsfreude,  lieB  doch 
dieses  Heft  den  Jubilar  und  die  wissenschaftliche  Welt  »die  Fiille  und  Tiefe 
der  noch  zu  hebenden  Schatze  ahnen«.  Aber  bei  seinem  Tod  hinterlieB  Sch. 
in  der  Hauptsache  nur  den  Torso  des  gewaltigen  Zettelarchivs,  dessen  Be- 
meisterung  im  engeren  Rahmen  jetzt  geplant  ist.  Gleichwohl  behalt  G.  Roethe 
recht,  wenn  er  dem  verstorbenen  Freund  in  den  Berliner  Sitzungsberichten 
nachrief :  »Wie  er  mit  ungetriibter  SiegesgewiBheit  den  Gefahren  und  Schwan- 
kungen  des  Krieges  sicheren  Herzens  zuschaute,  so  leitete  ihn  auch  bei  seiner 
Arbeit  am  Deutschen  Rechtsworterbuch  ein  frohgemutes  Zutrauen  zum  guten 
Erfolg,  das  er  auf  alle  seine  Freunde  und  Mitarbeiter  ausstrahlte.  Brunner 
und  er  haben  als  die  eigentlichen  Vater  des  Deutschen  Rechtsworterbuchs  zu 
gelten :  ihr  Name  ist  mit  seiner  Geschichte  wurzelhaft  verwachsen. «  Und  doch 
werden  wir  schlieBlich  Ulrich  Stutz  darin  recht  geben,  daB  Sch.  mehr  zum 
Eigenforscher  als  zum  Organisator  geschaffen  war,  eine  Tatsache,  die  Ulrich 
Stutz  auch  an  Hand  der  Schicksale  der  Zeitschrift  der  Savigny-Stiftung  illu- 
striert,  deren  deutschrechtliche  Abteilung  Sch.  von  1886  bis  1897  geleitet  hat, 
ohne  daB  es  ihm  gelungen  ware,  namentlich  den  Literaturteil  zu  einer  voll- 
standigen  und  hochwertigen  Uberschau  der  Neuerscheinungen  zu  gestalten. 
So  wird  Sch.  in  der  Gelehrtengeschichte  der  deutschen  Rechtsgeschichte 
als  Lehrer  und  als  Forscher  von  Format  fortleben.  Wohl  iiberstrahlt  ihn  der 
Ruhm  anderer,  die  zu  seinen  Zeiten  Bahnbrechenderes  auf  dem  Gebiet  der 
Deutschen  und  der  Germanischen  Rechtsgeschichte  geleistet  haben.  Was  ihm 


Schroder.  Simson  147 

aber  keiner  streitig  macht,  ist  die  Schopfung  des  Gesamtbildes  seiner  Wissen- 
schaft  und  ihres  jeweiligen  Forschungsstandes  in  den  sechs  Auflagen  seines 
Lehrbuches,  und  ist  der  Reiz  einer  bedeutenden  menschlichen  Personlichkeit, 
deren  Kardinaltugenden  Gute,  ein  mit  Frohsinn  selten  gepaarter  Lebensernst 
und  beharrlicher  FleiB  gewesen  sind. 

Literatur:  Biographisches  iiber  Sch.:  Karl  v.  Amira  (Jahrb.d.bayer.  Akad.d.Wissen- 
schaften  1917,  S.  80 — 87) ;  Ernst  Heymann  (Deutsche  Juristenztg.  1917,  Spalte  206 — 208) ; 
Eberhard  Frhr.  v.  Kiinflberg  (Ztschr.f.d.  Gesch.  d.  Oberrheins,  Neue  Folge,  Bd.  32,  1917, 
S.  330 — 334);  Ernst  Landsberg  (Gesch.  d.  dtsch.  Rechtswiss.  Ill  2,  1910,  S.  898!.); 
K.  Lehmann  (Ztschr.  f.  d.  ges.  Handelsrecht,  Bd.  80,  1917.  S.  439  f.) ;  Gustav  Roethe 
(Sitzungsber.  d.  Berliner  Akad.d.Wiss.  191 7,  S.  97);  Ulrich  Stutz  (Ztschr.  d.  Savigny- 
Stiftung  f.  Rechtsgesch.,  Germ anist.  Ab tig.,  Bd.  38,  191 7,  S.  1 — 45;  auch  separat  er- 
schienen  Weimar  191 7  mit  Bild). 

Munchen.  Konrad  Beyerle. 

Simson,  Paul,  Professor,  *  am  5.  Februar  1869  in  Elbing,  f  am  6.  Januar  1917 
in  Danzig.  —  Als  Sohn  wohlhabender  Eltern  geboren,  verlebte  S.  seine  erste 
Jugend  in  dem  schonen,  freilich  gegen  Danzig  nicht  aufkommenden  Elbing, 
bis  Ende  der  siebziger  Jahre  seine  Eltern  nach  Danzig  iibersiedelten.  Die 
Sommeraufenthalte  in  dem  reizenden  See-  und  Haffbadeorte  Kahlberg  gaben 
seiner  groBen  und  ihn  fur  das  ganze  Leben  begleitenden  Freude  an  der  Natur 
die  erste  Nahrung.  In  Danzig,  das  damals  noch  von  dem  jahrhundertealten 
Festungsgurtel  eingeengt  war,  erschlossen  sich  den  Augen  des  Jungen  staunen- 
erregende  Bilder.  Die  engen  malerischen  Gassen,  die  hochgiebeligen  Hauser, 
die  stattlichen  offentlichen  Gebaude  und  Kirchen,  vor  allem  die  Marienkirche, 
alle  diese  Zeugen  einer  groBen  geschichtlichen  Vergangenheit  muBten  in  der 
Seele  des  aufgeweckten  Knaben  tiefe  Eindriicke  hervorrufen,  die  den  Sinn 
fur  die  geschichtliche  GroBe  seiner  neuen  Heimat  wecken  und  dauernd  an- 
regen  konnten.  Es  blieb  denn  auch  nicht  aus,  daB  er  sich  bald  mit  Gleich- 
gesinnten  in  immer  fester  sich  gestaltender  Gemeinschaft  im  Elternhause  zu- 
sammenfand,  wo  man  durch  schriftliche  Arbeiten,  Vortrage  mit  oft  recht 
stiirmischer  Aussprache  dem,  was  die  Eindriicke  der  alten  StraBen  und  ihrer 
Vergangenheit  in  den  jungen  Seelen  angeregt  hatten,  Ausdruck  gab.  Diese 
geistige  Vereinigung  iiberdauerte  die  Schule,  ja  sie  iibte  noch  in  der  Studenten- 
zeit  ihre  einigende  Kraft  auf  die  zu  den  Ferien  heimkehrenden  Musen- 
sohne  aus. 

Seine  wissenschaftliche  Ausbildung  begann  im  Jahre  1876  im  Koniglichen 
Gymnasium  in  Elbing,  wurde  in  Danzig  im  Koniglichen  Gymnasium  fort- 
gesetzt  und  fand  ihren  ersten  AbschluB  im  Jahre  1887,  wo  er  mit  dem  Reife- 
zeugnis  die  Schule  verlieB,  um  sich  dem  Universitatsstudium  zu  widmen. 
Welchem  Zweige  der  Wissenschaft,  war  ihm  selber  noch  nicht  recht  klar.  Es 
drangte  ihn  nur  mit  elementarer  Gewalt  hinaus,  und  der  Vater,  obgleich 
Kaufmann,  legte  dem  mehr  zum  Gelehrten  als  zum  Handelsleben  veranlagten 
Sohne  keinerlei  Schwierigkeiten  in  den  Weg,  stellte  nur  die  einzige  Bedingung, 
daB  er  sich  dem  Lehrberufe  widmen  solle.  So  entschloB  sich  S.  zum  Studium 
der  Philologie,  wobei  aber  die  Geschichte  von  Anfang  an  im  Vordergrunde 
stand.  Sein  erstes  Ziel  war  Heidelberg,  wo  er,  wie  er  oft  freudig  erzahlte,  die 
schonsten  Monate  seines  Lebens  verbrachte,  und  seine  Zeit  zwischen  fleiBigem 


I48  1917 

Studium  und  froher  studentischer  Ungebundenheit,  zwischen  Kolleghoren  und 
Ausfliigen  in  lustiger  Gesellschaft  in  das  bliihende  Neckartal  oder  in  den 
Odenwald  teilte.  Die  zwei  folgenden  Semester  verbrachte  S.  in  Konigsberg 
und  folgte  auch  hier  seinem  ihn  im  ganzen  Leben  treu  begleitenden  Drange, 
fleiBiges  Studium,  namentlich  der  Geschichte,  mit  Wanderungen  in  der  Natur 
zu  verbinden. 

Von  Konigsberg  aus  besuchte  er  die  Universitat  Leipzig.  Den  AbschluB 
seiner  Studien  bildete  ein  Aufenthalt  in  Berlin  im  Jahre  1891.  Hier  promo- 
vierte  er  mit  einer  Arbeit  aus  der  Danziger  Geschichte,  und  zwar  aus  einem 
Gebiete,  das  ihn  gleich  mitten  in  das  groBe  Ringen  der  Stadt  im  sogenannten 
dreizehnjahrigen  Kriege  (1454 — 1466)  fiihrte. 

Nach  Beendigung  der  Studien  und  Ablegung  des  philologischen  Staats- 
examens  fiir  Geschichte,  Geographie  und  Deutsch,  zu  denen  durch  eine  Er- 
ganzungspriifung  im  Jahre  1894  auch  Lateinisch  kam,  sowie  nach  Ableistung 
seiner  militarischen  Dienstpflicht  (1892/93)  trat  er  in  Danzig  am  1.  April  1894 
als  junger  L,ehrer  beim  Stadtischen  Gymnasium  ein,  ging  aber  schon  1895 
zu  dem  damaligen  Realgymnasium  St.  Petri  iiber.  Ihm  gehorte  er  dann  bis 
zu  seinem  Tode  an  und  unterrichtete  da  in  Geschichte,  Geographie  und  Deutsch 
und,  soweit  sie  in  Betracht  kamen,  in  den  humanistischen  Fachern.  In  beson- 
derer  Anerkennung  seiner  wissenschaftlichen  Leistungen  wurde  ihm  schon  im 
Jahre  1906  der  Titel  Professor  verliehen,  obgleich  er  seinem  Alter  nach  noch 
lange  nicht  an  der  Reihe  gewesen  ware. 

Alljahrlich  schiittelte  er,  sobald  die  Schulpforten  sich  geschlossen  hatten, 
den  Staub  der  Stadt  ab  und  eilte  in  die  Ferae  hinaus,  viele  Jahre  hindurch 
wie  ein  Zugvogel  nach  den  Tiroler  und  Schweizer  Alpen,  von  denen  er  nament- 
lich die  ersteren  nach  alien  Seiten  durchstreifte.  Andere  Reisen  fuhrten  ihn 
durch  die  freundlichen  Stadte  Siiddeutschlands,  oder  die  Versammlungen  des 
Hansischen  Geschichtsvereins  in  den  Pfingsttagen  nach  den  Stadten  Nieder- 
sachsens.  Im  Friihling  1914  erfullte  sich  ihm  ein  langjahriger  Sehnsuchts- 
wunsch  durch  eine  Reise  nach  Italien,  auf  die  er  sich  griindlich  vorbereitete, 
und  die  fiir  ihn  eine  Quelle  hochsten  Genusses  wurde,  obwohl  er  durch  einen 
ungliicklichen  Zufall  in  der  Villa  Adriana  bei  Tivoli  sich  eine  Knieverletzung 
zuzog,  die  ihn  wochenlang  an  das  Deutsche  Krankenhaus  in  Rom  fesselte. 
Sein  Weg  fiihrte  ihn  bis  Neapel,  und  von  der  unverganglichen  Schonheit  der 
naheren  und  weiteren  Umgebung  dieser  Stadt  der  Freude,  von  Sorrent,  Capri, 
Amalfi  und  den  Herrlichkeiten  Pompejis  konnte  er,  genuBfahig  wie  er  war, 
sich  in  Erzahlungen  nicht  genug  tun. 

Und  doch  nagte  auch  an  diesem  starken  Baume  ein  Wurm,  der  ihn  eher 
fallen  sollte,  als  irgend  jemand  geahnt  hatte.  Eine  schwere  Blinddarmerkran- 
kung  im  Jahre  1901,  die  mehrere  Operationen  ndtig  gemacht  hatte,  und  dauernd 
ihre  Spuren  hinterlieB,  scheint  auch  unter  Hinzutritt  einer  Phlegmone  der 
Ausgangspunkt  seiner  todlichen  Erkrankung  geworden  zu  sein. 

S.s  Bedeutung  fiir  die  Danziger  Geschichtschreibung  ist  auch  heute  noch, 
obgleich  manche  seiner  Forschungsergebnisse  im  einzelnen  vielleicht  iiberholt 
sind,  auBerordentlich  groB,  ja  man  kann  wohl  sagen,  er  ist  der  erste  groBe 
Danziger  Historiker  nach  einem  Jahrhunderte  des  Stillstandes  geworden.  Alle 
seine  Arbeiten  sind  der  AusfluB  zweier  grundlegenden  Eigenschaften  seines 
Charakters.   Neben  durchdringendem  Verstande,   staunenswertem  Gedacht- 


Simson  I4Q 

nisse  selbst  fiir  die  kleinste  Einzelheit  und  feinem  Gefiihle  ftir  die  inneren 
Zusammenhange  des  geschichtlichen  Werdens,  eiserner  unbeugsamer  FleiB, 
der  vor  keiner  noch  so  groBen  Arbeit  zuriickschreckte,  und  eine  Griindlichkeit 
und  Gewissenhaftigkeit,  die  sich  nie  genug  tun,  keiner,  auch  der  schlimmsten 
Schwierigkeit  nicht,  ausweichen  konnte,  sondern  jede  Frage  griindlich  priifte, 
und  darum  auch  nie  vor  Bergen  von  Arbeit  zuriickschreckte,  die  einen  anderen 
hatten  verzagen  lassen. 

Sein  Lebenswerk,  die  Geschichte  Danzigs  zu  vollenden,  ist  ihm  leider  nicht 
vergonnt  gewesen.  Mitten  aus  der  Arbeit  heraus  hat  ihn  der  Tod  abgerufen, 
und  so  ist  das  groBangelegte  Werk  ein  Bruchstuck  geblieben,  von  dem  nur 
die  beiden  ersten  Bande  (bis  zum  Jahre  1626)  nebst  einem  Urkundenbande 
fertig  wurden.  Und  selbst  von  diesen  ist  nur  der  erste  Band  und  ein  Heft  des 
zweiten  bei  seinen  Iyebzeiten  erschienen,  der  Rest  erst  nach  seinem  Tode  von 
dem  Direktor  der  Stadtbibliothek,  Professor  Dr.  Gunther,  und  mir  nach  seinem 
Manuskripte  herausgegeben  worden.  Erstaunlich  ist  die  Fiille  von  Aufsatzen 
in  den  verschiedensten  wissenschaftlichen  Zeitschriften,  die  alle  die  Vorziige 
der  S.schen  Griindlichkeit  zeigen.  Manche  von  ihnen  konnten  getrost  als 
selbstandige  Werke  gelten.  So  der  Aufsatz:  WestpreuBens  und  Danzigs  Kampf 
gegen  die  polnischen  Unionsbestrebungen  in  den  letzten  Jahren  des  Konigs 
Sigismund  August  (1568 — 1872),  oder  seine  Geschichte  der  Schule  zu  St.  Petri 
und  Pauli  in  Danzig.  Grundlegend  ist  noch  heute  seine  Geschichte  der  Danziger 
Willkur,  der  Artushof  in  Danzig  und  seine  Briiderschaften,  die  Banken,  sowie 
sein  grofles  Danziger  Inventar  (als  dritter  Band  hansischer  Archive  des 
16.  Jahrhunderts  vom  Vereine  fiir  hansische  Geschichte  herausgegeben).  Alles 
Werke,  von  denen  jedes  allein  einem  Manne  Ehre  machen  konnte. 

Dabei  war  S.  alles  eher  als  ein  weltfremder,  trockener  Stubengelehrter.  Im 
Gegenteile,  sein  aufs  Praktische  gerichteter  Sinn  lieB  ihn  auch  mit  den  Lebenden 
leben,  in  den  Fragen  des  Tages  seinen  Mann  stehen,  ob  er  als  Stadtverordneter 
oder  als  Mitglied  eines  politischen  Vereins,  von  dem  Vertrauen  seiner  Mit- 
biirger  getragen,  oder  in  einem  neben  rein  asthetischen  auch  sehr  praktischen 
Fragen  dienenden  Vereine,  wie  dem  zur  Erhaltung  der  Bau-  und  Kunstdenk- 
maler  der  Stadt  Danzig,  als  langjahriger  Vorsitzender  tatig  war. 

Und  wie  er  als  Gelehrter  von  Einseitigkeit  frei,  menschlich  verstandnisvoll, 
eine  harmonische  Personlichkeit  war,  so  besaB  er  auch  nicht  zum  wenigsten 
als  Lehrer  der  Jugend  die  Gabe  liebevollen  Begreifens  und  Eingehens  auf  die 
Regungen  der  jugendlichen  Seele,  verstand  er  es  mit  der  Jugend  jung  zu  bleiben 
und  auch  ihren  Torheiten,  wenn  sie  nur  nicht  Roheiten  waren,  freundliche 
Seiten  abzugewinnen.  Dabei  war  er  als  Lehrer  streng  und  stellte  groBe  An- 
spriiche  an  seine  Schiiler.  Aber  wie  er  ihnen  den  Stoff  interessant  zu  gestalten 
wuBte,  so  war  er  auch  in  seinem  Urteile  gerecht  und  unabhangig  von  person- 
licher  Ab-  und  Zuneigung.  Darum  liebten  ihn  seine  Schiiler  auch,  wie  das 
zahlreiche  Briefe  ehemaliger  Schiiler  aus  dem  Felde  im  groBen  Weltkriege 
deutlich  zeigen. 

So  lebt  S.  im  Gedenken  aller  derer,  die  ihn  liebten  und  verehrten,  nicht  nur 
als  hervorragender  Gelehrter,  sondern  auch  als  Mensch,  der,  mit  reichen  Gaben 
des  Herzens  und  Geistes  ausgestattet,  in  straffer  Selbstzucht  sich  zur  Hohe 
wahrer  Humanitat  emporgearbeitet  hatte,  fiir  alle,  die  seine  Hilfe  brauchten, 
als  stets  gewissenhafter  Berater  und  treuer  Heifer,   der   aus   dem  reichen 


150  1917 

Schatze  seines  Wissens  selbstlos  und  verschwenderisch  seine  Gaben  austeilte. 

Sein  Tod  ist  auch  heute  noch  ein  nicht  ausgeglichener  Verlust  fur  die  ganze 

wissenschaftliche  Erforschung  der  groBen  Vergangenheit  Danzigs. 

Literatur:  Kaufmann,  Paul  S.,  in  den  Mitteilungen  des  WestpreuCischen  Geschichts- 
vereins,  Jahrgang  16,  Nr.  2,  wo  auch  eine  genaue  Bibliographic  seines  gesamten  Schaffens 
zusammengestellt  ist. 

Danzig.  Karl  Josef  Kaufmann. 

Sohm,  Gotthard  Julius  Rudolf,  Professor  der  Rechte  in  Leipzig,  German  ist, 
Kirchenrechtshistoriker,  Rechtsphilosoph,  *  am  29.  Oktober  1841  in  Rostock, 
f  am  16.  Mai  1917  in  Leipzig.  —  Rudolf  S.  war  im  tiefsten  Grunde  seines  Wesens 
eine  religiose  Natur.  Religios  im  zwief achen  Sinne :  erf ullt  von  der  Liebe  und 
Hoheit  des  lebendigen  Gottes  (Gotteskindschaft,  nicht  Gottesfurcht!)  und  be- 
seelt  vom  Glauben,  da£  hochste  Erkenntnis  und  reinste  Wahrheit  aus  der 
Intuition  stammen.  Das  sind  die  Grundpfeiler,  auf  denen  S.s  Arbeit  und  Leben 
ruhte.  Von  ihnen  ist  er  niemals  abgewichen.  Ihnen  verdankt  er  das  GroBartige, 
wie  auch  das  Einseitige  seiner  Schopfungen.  Alles,  was  zu  diesen  Grund- 
pfeilern  hinzutritt,  ist  Mauerwerk.  Es  fullt  und  macht  reicher  und  vielgestal- 
tiger.  Aber  es  andert  das  Wesen  des  gesamten  Aufbaues  nicht. 

S.s  Vater  war  Advokat,  spater  Landesarchivar  in  Rostock ;  dessen  Ehef rau, 
Auguste  Sofie  Friederike  war  eine  geborene  Walter.  Der  Spruch,  den  der  junge 
Konfirmand  bei  seiner  Einsegnung  in  der  Kirche  zu  Rostock  erhielt,  kann  als 
Leitmotiv  fiir  sein  ganzes  Leben  angesehen  werden :  » Verteidige  die  Wahrheit 
und  das  Recht  bis  an  den  Tod,  so  wird  Gott  der  Herr  fiir  dich  streiten«  (Sirach 
4»  33)-  So  war  es:  S.  fuhlte  sich  als  GefaB  des  Herrn,  als  ein  Kampfer,  dessen 
Waff  en  Gott  fuhrte.  Wer  seine  kirchenrechtlichen  Schriften  aufmerksam  liest, 
wird  an  dieser  Einstellung  nicht  zweifeln.  An  Ostern  im  Jahre  i860  machte 
er  an  der  »Gro£en  Stadtschule«  sein  Gymnasialexamen,  das  er  mit  der  Note  I 
bestand.  Bald  darauf  erkrankte  er  an  einem  schweren  Typhus,  erholte  sich 
jedoch  relativ  rasch  und  konnte  im  Oktober  i860  als  Student  der  Rechte  an  der 
heimatlichen  Universitat  immatrikuliert  werden.  Den  groBten  Eindruck  machte 
dem  Akademiker  mit  den  f rischen  klaren  Augen  der  Jurist  Wetzell.  Im  Winter- 
semester  1861/62  begab  er  sich  nach  Berlin  (dort  starker  EinfluB  Bruns),  im 
Sommersemester  1862  nach  Heidelberg  (nachhaltiger  EinfluB  Vangerows), 
dann  bis  1864  wieder  nach  Rostock,  wo  nun  Bohlau  wesentlich  auf  ihn  wirkte. 
In  dieser  Zeit  verfaBte  er  die  von  der  Juristenfakultat  Rostock  preisgekronte 
Schrift  uber  »Die  Lehre  vom  Subpignus*  (erschienen  Rostock  1864).  Das  ist 
kennzeichnend  fiir  den  Gelehrten :  das  romische  Recht  zog  ihn  mit  unwider- 
stehlicher  Gewalt  an,  sein  ganzes  Leben  lang.  Weshalb?  Weil  S.  ein  typischer 
Vertreter  der  Begriffsjurisprudenz  war.  Im  Begriff  sah  er  das  erlosende  Zauber- 
wort.  »Die  Begriffsjurisprudenz  allein  setzt  uns  in  den  Stand,  uns  des  ge- 
gebenen  Rechts  zu  bemachtigen,  seinen  gesamten  Inhalt  mit  einem  Blick  zu 
iibersehen.  J  a,  sie  allein  setzt  uns  in  den  Stand,  die  Welt  der  Rechtssatze  zu 
bewegen:  auf  den  Inhalt  zu,  den  die  Gerechtigkeit  der  Gegenwart  verlangt,« 
schreibt  er  einmal  spater  (t)ber  Begriffsjurisprudenz,  Deutsche  Juristenzei- 
tung,  Festnummer  fiir  Leipzig,  1909).  Und  welches  Rechtssystem  bietet  den 
geeigneteren  Tummelplatz  fiir  die  Begriffe  als  das  romische  Recht?  Kein 
anderes.  — 


Simsdn.  Sohm 


151 


Am  13.  Juni  1864  bestand  S.  sein  juristisches  Doktorexamen  in  Rostock 
mit  der  Auszeichnung  magna  cum  laude.  Schon  war  der  wissenschaftlicheTrieb, 
schon  war  die  Gelehrtenlust  in  ihm  erwacht.  Aber  nicht  mehr  das  romische 
Recht,  sondern  die  Entwicklung  des  deutschen  Rechts  begann  ihn  zu  fesseln, 
und  so  wandte  er  sich  nach  Miinchen,  wo  damals  Paul  Roth  deutsche  Rechts- 
geschichte  und  deutsches  Privatrecht  las.  Er  setzte  sich  wieder  auf  die  Schul- 
bank  und  horte  den  hervorragenden  Germanisten.  Seit  Waitz  und  Roth  war 
das  Auge  besonders  stark  auf  die  frankischen  Rechtsquellen  gelenkt  worden 
(f riiher  mehr  auf  die  sachsischen) .  Roth  hatte  seine  Geschichte  des  Benef  izial- 
wesens  (1863)  bereits  geschrieben,  ein  Werk,  das  auf  unseren  jungen  Gelehrten 
»einen  unausloschlichen  Eindruck<(  machte.  Trotzdem  habilitierte  S.  sich  nicht 
bei  Roth,  sondern  bei  der  damals  noch  hannoverschen  Juristenfakultat  Got- 
tingen  mit  der  Arbeit:  t)ber  die  Entstehung  der  Lex  Ribuaria  (1866).  (S.  gab 
spater  die  Lex  Ribuaria  et  Lex  Francorum  Chamavorum  fur  die  Mon.  Germ, 
hist.  Leges  vol.  V  und  fur  die  Schulausgabe  der  Leges  heraus;  Hannover  1883.) 
Er  schreibt:  »Unter  den  Donnern  des  Krieges  habilitierte  ich  mich  1866  in 
Gottingen  f ur  deutsches  Recht.  Bei  den  Gottinger  Professoren  f and  ich  wah- 
rend  meiner  Privatdozentenzeit  das  freundlichste  Entgegenkommen  und  ge- 
noB  angeregtesten  Verkehr  in  einem  Kreise  von  gleichstrebenden  jungen 
Leuten.«  Rasch  ging's  vorwarts.  Schon  1870  wurde  er  auBerordentlicher  Pro- 
fessor und  noch  im  gleichen  Jahre  rief  ihn  die  Freiburger  Fakultat,  nament- 
lich  auf  Betreiben  Bindings  (s.  unten  S.  495  ff.)  und  Degenkolbs,  in  ihre  Mitte. 
Unterdessen  war  sein  groBes,  von  den  Ideen  Roths  stark  beeinfluBtes  Werk 
herangereif t :  Die  Frankische  Reichs-  und  Gerichtsverfassung,  gedacht  als 
erster  Band  der  »altdeutschen  Reichs-  und  Gerichtsverfassung «  (Weimar  1871). 
Nun  gait  es,  im  neuen  Reichsland  die  besten  Krafte  zu  sammeln.  Zu  diesen 
gehorte  bereits  Rudolph  S.  1872  kam  er  nach  StraBburg,  wo  er  als  Fachge- 
nossen  den  bedeutenden,  freilich  ganz  anders  gerichteten  Heinrich  Brunner 
(s.  DBJ.  1914 — 16,  S.  119  ff.)  fand.  Auch  trat  er  in  nahe  Beziehungen  zu 
dem  Theologen  Holtzmann,  der  auf  seine  religiosen  Anschauungen  starken 
EinfluB  ausiibte.  Dort  erlebte  er,  trotz  seiner  zunehmenden  Schwerhorigkeit, 
die  Freude,  beim  zehnjahrigen  Jubilaum  der  Universitat  zum  Rektor  gewahlt 
zu  werden.  Hier  spielte  sich  auch  der  wissenschaftlich  erbitterte  Kampf  mit 
dem  evangelischen  Oberkirchenrat  und  mit  dem  Kirchenrechtslehrer  Emil 
Friedberg  ab.  Mit  aller  Energie  griff  S.  die  Behauptung  an,  die  obligatorische 
Zivilehe  fordere  notwendig  die  Beseitigung  der  kirchlichen  Trauung  und  die 
Verwandlung  in  eine  bloBe  kirchliche  Segnung.  Mit  schwerem  historischem 
fanzer  gewappnet  und  unter  der  Deckung  einer  kuhnen  juristischen  Kon- 
struktion  (die  Wirkung  der  Ehe  zerfalle  in  zwei  Teile,  in  eine  negative  und  in 
^ine  positive)  stellte  er  fest,  die  kirchliche  Trauung  des  spateren  Mittelalters 
sei  keine  EheschlieBung,  sondern  nur  der  kirchliche  Vollzug  der  bereits  ge- 
schlossenen  Ehe  gewesen.  Und  so  stehe  es  noch  heute.  (Das  Recht  der  Ehe- 
schlieBung aus  dem  deutschen  und  kanonischen  Rechte  geschichtlich  ent- 
wickelt,  Weimar  1875.)  Friedberg  antwortete  und  ging  in  seinem  Zorne  iiber 
S.s  These  so  weit,  ihm  »Fabrikation  von  Stellen,  zum  mindesten  Falschung« 
vorzuwerfen,  ein  Vorwurf ,  der  gehassig  und  unwahr  ist.  Denn  gefalscht  hat 
S.  niemals.  Noch  einmal  griff  S.  ein  und  schrieb  ein  Buch  iiber  »Trauung  und 
Verlobung.  Eine  Entgegnung  auf  Friedberg «  (Weimar   1876).   Es  war  eine 


152  1917 

heiJ3e  Fehde,  welche  die  beiden  Gelehrten  ausfochten  und  aus  welcher  weder 
S.  noch  Friedberg  als  volliger  Sieger  hervorging. 

Schweres  Leid  traf  ihn  im  Jahre  1879.  Nach  einer  kurzen  Ehe  von  sechs 
Jahren  wurde  ihm  seine  Frau,  Clara,  die  Schwester  des  Dichters  Heinricli 
Seidel,  durch  den  Tod  entrissen.  Ein  langes  Krankenlager  brachte  Leid  und 
Entsagung  in  die  Familie.  Drei  Jahre  spater  schritt  S.  zu  einer  zweiten  Ehe 
mit  Charlotte  Kehrhahn,  einer  sorgenden,  treu  ergebenen  Gefahrtin,  die  kurz 
vor  Ausbruch  des  Weltkrieges  im  Juni  1914  von  ihm  schied. 

Unterdessen  war  S.  an  die  Universitat  Leipzig  berufen  worden  (1887),  und 
es  begann  fiir  ihn  eine  Zeit  groBter,  einflui3reichster  Wirksamkeit,  zugleich 
aber  auch  eine  Epoche  stiller  Resignation.  In  Leipzig  entfaltete  er  vor  einem 
gewaltigen  Horerkreis  seine  hohe  Rednergabe.  Die  Plastik  der  Rede,  die  Kunst 
der  Formgebung  bestrickte  alle.  Jeder  wurde  fortgerissen,  ob  er  wollte  oder 
nicht.  Ich  hatte  selbst  noch  das  Gliick,  diesen  wissenschaftlichen  Kunstler  zu 
horen  und  dabei  wahrzunehmen,  wie  er  jedes  Kolleg  neu  schuf  und  dadurch 
unendlich  lebendig  wirkte.  Und  doch  war  es  nicht  dieses  dialektische  Konnen, 
das  so  sehr  fesselte.  »Das  war  nicht  nur  ein  GenuB  fiir  die  Sinne.  Das  ging 
zu  Herzen.  Das  richtete  auf.  Das  drang  ins  innerste  Gewissen.  Da  stand  nicht 
der  Redner,  nicht  der  Gelehrte  vor  einem.  Der  ganze,  groBe,  reine,  fiir  Staat 
und  Recht  und  Kirche  begeisterte  Mensch  tat  sich  auf  und  zog  einen  in  seinen 
unwiderstehlichen  Bannkreis  hinein.  Nicht  die  Formgabe,  die  tJberzeugung 
war  das  starkste  an  S.  Nicht  der  geniale  Mensch,  sondern  die  ethische,  eisen- 
hart  geschlossene  und  doch  so  giitige  Personlichkeit  strahlte  ihren  Zauber  auf 
die  Studenten  aus  und  stiftete  unendlich  reichen  Gewinn,«  so  schrieb  ich  im 
Nachruf  von  1917. 

Aber  auBerhalb  des  Kollegs  wurde  es  immer  stiller  urn  den  groBen  Mann. 
Sein  Gehorleiden  steigerte  sich  von  Jahr  zu  Jahr.  Der  Verkehr  mit  ihm  wurde 
fast  unmoglich.  Nur  mit  seiner  Familie  und  mit  einem  kleinen  Kreis  ver- 
trautester  Freunde  pflegte  er  innigere  menschliche  Beziehungen.  Er  mied  alle 
Zerstreuungen  und  Gesellschaften  und  wurde  immer  einsamer.  Als  seine  Gattin 
von  ihm  genommen  war  und  zwei  seiner  Sohne  auf  dem  Felde  der  Ehre  ihr 
Leben  gelassen  hatten,  war  er  ein  gebrochener  Mann,  fast  allein  noch  getragen 
von  seinem  tiefen,  unerschiitterlichen  Glauben  an  Gott  und  die  Richtigkeit 
seiner  Wege.  Es  war  fiir  ihn  Erlosung,  als  er  am  16.  Mai  1917  sein  Leben  be- 
schlieBen  durfte. 

Bei  dieser  seelischen  Einstellung  und  den  herben  Grenzen,  die  ihm  seine 
Gesundheit  und  das  auBere  Leben  setzten,  ist  es  leicht  verstandlich,  daB  sich 
der  Gelehrte  immer  mehr  seinem  ureigensten  Gebiete,  seinem  lebhaftesten 
Begehren  zuwandte,  der  Kirche,  ihrem  ganzen  Wesen  und  ihrem  Rechte.  Er 
veroffentlichte  eine  Kirchengeschichte  im  GrundriB  (1887;  19.  Aufl.  1917), 
einen  wundervollen  kleinen  AbriB.  1892  erschien  sein  Kirchenrecht,  1.  Band: 
Die  geschichtlichen  Grundlagen,  in  Bindings  Handbuch,  ein  Werk,  von  welchem 
Kahl  damalssagte,  es  sei  die  hervorragendste  kirchenrechtlicheErscheinung  der 
Neuzeit.  1909  schrieb  er  iiber  » Wesen  und  Ursprung  des  Katholizismus«  (2.  Ab- 
druck  1912)  und  19 14  gab  er  Freund  und  Feind  kund,  wie  er  sich  grundsatzlich 
zum  Wesen  des  Rechts  stelle  und  was  ihm  die  Unterscheidung  von  weltlichem 
Recht  und  geistlichem  Recht  ganz  allgemein  bedeute  (Weltliches  und  geist- 
liches  Recht,  Festgabe  der  Leipziger  Juristen  fiir  Binding,  Miinchen  1914).  Im 


Sohm  153 

Jahre  1915  trat  er  mit  seinem  Riesenwerke  hervor :  Das  altkatholische  Kirchen- 
recht  und  das  Dekret  Gratians  (in  der  Festschrift  der  Leipziger  Juristen  f  iir  Wach, 
Munchen  1918),  das  er  seinem  altgetreuen  Freunde  Adolf  Wach  widmete.  Im 
Vorwort  findet  sich  das  bemerkenswerte  Gestandnis:  »Als  ich  (seit  dem  Jahre 
1 881)  am  Kirchenrecht  in  der  Arbeit  war  und  im  AnschluB  insbesondere  an 
den  ersten  Korintherbrief  eine  Ausfuhrung  iiber  das  religiose  Wesen  der  ur- 
christlichen  Ekklesia  und  iiber  die  daraus  folgende  leitende  Stellung  der 
Propheten  bereits  niedergeschrieben  hatte,  erschien  die  Didache,  und  siehe  da : 
gerade  dieses  (und  natiirlich  noch  anderes  Wichtiges)  stand  darin.  So  auch 
jetzt.  Schon  hatte  ich  iiber  die  religiose  Art  auch  des  altkatholischen  Kirchen- 
begriffs  und  die  daraus  folgende  Bedeutung  des  altkatholischen  Sakraments 
eine  langere  Abhandlung  ausgearbeitet,  als  ich  noch  einmal  griindlich  in 
Gratian  und  die  altesten  Summen  zum  Dekret  mich  vertiefte,  und  siehe  da: 
gerade  dieses  stand  darin.  Was  sich  als  der  Sinn  des  altkatholischen  Kirchen- 
rechts  ergab,  der  ,Meister  Gratian'  hatte  es  schon  damals  bewuJ3t  erkannt  und 
ausgesprochen. «  S.  eilte  also  gleichsam  der  eigenen  Forschung  voraus.  Seine 
starke  Intuition  wies  ihm  den  richtigen,  durch  die  Quellen  nachher  bestatigten 
Weg. 

Und  dies  war  noch  nicht  alles.  S.  war  gestorben  unter  Hinterlassung  eines 
reichen  kirchengeschichtlichen  Materials.  Dies  erschien  so  wertvoll,  daB  sich 
zwei  seiner  Kollegen,  Erwin  Jacobi  und  Otto  Mayer,  entschlossen,  es  in  Buch- 
form  zu  publizieren,  namlich  des  Kirchenrechts  2.  Band  in  Binding-Oetkers 
Handbuch  (1923).  Es  ist  ein  Torso  geblieben.  Es  verarbeitet  im  wesentlichen 
den  Stoff  des  friiher  herausgegebenen  Dekrets  Gratians. 

Das,  was  S.  ebenfalls  bis  zu  seinem  Lebensende  beschaftigte,  freilich  nicht 
mit  der  gleichen  inneren  Anteilnahme,  das  waren  seine  Institutionen  des  romi- 
schen  Rechts.  (Mit  dem  Untertitel:  Ein  Lehrbuch  der  Geschichte  und  des 
Systems  des  romischen  Privat rechts,  1887.)  Einem  Zufall  verdankte  das  Buch 
seine  Entstehung.  S.  hatte  einst  fiir  seinen  erkrankten  Kollegen  die  Vorlesung 
iiber  romisches  Recht  in  StraBburg  iibernehmen  miissen  und  schrieb  damals 
seine  Institutionen  jeweils  in  der  freien  Zeit  »zwischen  zwei  Kollegien«  nieder. 
Darf  man  dies  wirklich  einen  Zufall  nennen  ?  Ich  mochte  umgekehrt  sagen : 
Nur  ein  Zufall  hatte  S.  abhalten  konnen,  sich  literarisch  mit  dem  romischen 
Rechte  zu  beschaf tigen.  Denn  wie  ich  schon  sagte,  die  gesamte  logisch-begrif flich 
zugespitzte  Denkweise  des  Mannes  drangte  mit  Notwendigkeit  dem  romischen 
Rechte  entgegen.  So  war  es  denn  mit  die  letzte  Arbeit,  die  S.  vollfuhrte:  die 
Fertigstellung  der  16.  Auflage  seines  Lehrbuches.  Ein  beispielloser  Erfolg 
war  diesem  padagogisch  so  ausgezeichneten,  so  anschaulich  geschriebenen 
Werke  beschieden  (17.  Auflage,  bearbeitet  von  Ludwig  Mitteis,  herausgegeben 
von  Leopold  Wenger,  1924). 

Auch  die  Kodifikation  und  der  Ausbau  des  biirgerlichen  Rechts  lag  ihm  am 
Herzen.  Seines  Leidens  wegen  wurde  er  nur  zum  nichtstandigen  Mitglied  der 
zweiten  Kommission  fiir  das  Burgerliche  Gesetzbuch  ernannt.  Am  13.  November 
1895  hielt  er  in  einer  Sitzung  dem  Kaiser  Vortrag  iiber  die  Regelung  der 
bauerlichen  Grundbesitzverhaltnisse.  Und  spater,  1906,  hat  er  in  Hinnebergs 
Kultur  der  Gegenwart  eine  groBziigige,  sehr  lebendige  Darstellung  des  ge- 
samten  neuen  Zivilrechts  »Das  burgerliche  Recht «  gegeben.  Mit  Feuereifer 
drang  er  in  den  Geist  der  neuen  Gesetzgebung  ein  und  seine  beruhmte  Abhand- 


154  igi? 

lung  iiber  den  »Gegenstand,  ein  Grundbegriff  des  BiirgerlichenGesetzbuches* 
(Festgabe  fur  Degenkolb,  Leipzig  1905)  beweist,  wie  stark  dieser  forschende 
Verstand  nach  den  letzten  Grundbegriffen  innerhalb  einer  geltenden  Rechts- 
ordnung  suchte.  Es  war  eine  Stoffbehandlung  von  hdchster  Warte  aus  gesehen, 
vielleicht  das  begrifflich  Konstruktivste,  was  S.  jemals  geschrieben  hat. 

Einen  politischen  Kopf  kann  man  ihn  nicht  nennen.  Aber  er  ging  von  der  An- 
schauung  aus,  da£  das  schwere  Geschiitz,  welches  die  Welt  beherrsche,  bei 
den  Gebildeten  zu  suchen  sei,  dafi  daher  die  Universitaten  und  ihre  Lehrer  die 
Pflicht  hatten,  ihr  Wissen  und  ihre  Uberzeugung  fruchtbar  zu  machen  fur  den 
Staat,  das  hiefl  bei  S.  fur  das  Volk.  Immer  ist  sein  Herz  warm  und  empfanglich 
gewesen  fur  alle  Bewegungen  im  Volke.  Ihm  erschien  es  als  Pflicht,  die  roman- 
tische  Idee  vom  christlichen  Staat  zu  stiirzen.  Daher  forderte  er  auf  dem  Kon- 
greB  fiir  Innere  Mission  in  Posen  (1895)  und  ein  Jahr  spater  bei  der  Griindung 
des  nationalsozialen  Vereins  in  Erfurt  die  Trennung  der  beiden,  innerlich  ge- 
schiedenen  Lebenskreise,  des  geistlichen  und  des  weltlichen.  Die  Gegenwart 
hat  ihm  recht  gegeben.  Als  Freund  und  Berater  Pfarrer  Friedrich  Naumanns 
(f  1919)  half  er  kraftig  am  Aufbau  des  nationalsozialen  Vereins  mit.  Als 
sich  dieser  aufloste,  warf  er  sich  auf  die  Seite  der  Linksliberalen  und  begleitete 
mit  grdfltem  Interesse  alle  Fortschritte  der  Sozialdemokratie.  Das  sachsische 
Klassenwahlrecht  empfand  er  als  schlechtes,  langst  veraltetes  Wahlsystem 
und  bekampfte  es  mit  offenem  Visier.  Wo  er  auftrat,  setzte  er  sich  ganz  ein. 
Wo  er  eingriff,  da  fielen  scharfe  Hiebe,  aber  immer  in  vornehmster  Art  und 
mit  der  Sachlichkeit  des  edeln  Streiters. 

In  dieser  Biographie  konnen  S.s  Werke  nicht  im  einzelnen  aufgezahlt  und 
besprochen  werden.  Hier  seien  nur  einige  der  bedeutsamen  Grundgedanken, 
die  S.  in  seinen  umfassenden  und  zahlreichen  Veroffentlichungen  niedergelegt 
hat,  entwickelt. 

S.s  erstes  literarisches  Auftreten  fiel  in  eine  Zeit,  in  welcher  folgende  Gegen- 
satze  aufeinanderprallten.  Die  eine  Meinung,  vor  allem  vertreten  durch  Otto 
Gierke  (s.  DBJ.  1921,  S.  noff.),  der  1868  den  ersten  Band  seines  »Genossen- 
schaftsrechts«  herausgab,  ging  von  der  Vorstellung  aus:  es  gibt  keinen  alt- 
deutschen  Staat.  Das  frankische  Konigtum  gleicht  einer  obersten  Grundherr- 
schaft  des  Reiches.  Alles  ist  beherrscht  von  der  Idee  der  Genossenschaft.  Auch 
der  Staat  ist  eine  solche  Genossenschaft.  Die  Staatsgewalt  ist  keine  besonders 
geartete,  keine  hochste  Gewalt,  sondern  nebengeordnet  den  anderen  genossen- 
schaftlichen  Gewalten.  Die  im  Staate  wohnenden  Menschen  stehen  nicht  in 
einem  personlichen  Untertanenverhaltnis.  Sie  sind  nur  mittelbar  durch  das 
Medium  von  Grund  und  Boden  miteinander  verbunden. 

Dieser  genossenschaftlichen  Theorie  trat  S.  mit  der  ganzen  Bestimmtheit 
seiner  Dialektik  entgegen  und  stellte  das  Vorhandensein  echter  staatlicher 
Einrichtungen  und  damit  eines  echten  Staates  in  germanischer  und  frankischer 
Zeit  fest.  Vor  allem  wies  er  die  Dingpflicht  aller  freien  Leute  nach,  eine  Pflicht, 
die  man  unmoglich  als  eine  auf  Grund  und  Boden  beruhende,  rein  genossen- 
schaftliche  Pflicht  bewerten  konnte.  S.  arbeitete  jene  benihmten  Gegensatze 
heraus,  die  spater  so  viele  nachgeschrieben  und  nachgesprochen  haben: 
Staat  im  Gegensatz  zur  Genossenschaft,  Konigsgewalt  zur  Beamtengewalt, 
Amtsrecht  zum  Volksrecht,  Hundertschaftsgemeinde  zur  Wirtschaftsge- 
meinde  usw.  Die  Arbeit  wirkte  auBerordentlich  klarend  und  mancher  Grund- 


Sohm  155 

gedanke  S.s  steht  heute  unerschiittert  vor  uns.  Aber  schon  in  dieser  Studie 
zeigt  sich  eine  methodische  Schwache,  die  ihn  durch  sein  ganzes  Leben  be- 
gleitete:  iibertriebene  begriffliche  Konstruktion  des  geschichtlichen  Stoffes, 
ein  dialektisches  Spiel  mit  These  und  Antithese.  Auch  war  der  Forscher  bereits 
stark  romisch-rechtlich  befangen.  Er  glaubte  den  romischen  Gegensatz  von 
jus  civile  und  jus  honorarium  im  frankisch-deutschen  Recht  wiederzufinden 
und  baute  darauf  sein  stolzes  Gebaude  anf . 

Getreu  dem  Glauben,  die  historische  Welt  durch  die  Aufstellung  scharf  zu- 
gespitzter  Gegensatze  meistern  zu  konnen,  untersuchte  S.  den  Geist  der  mittel- 
alterlichen  Rechtswelt.  Nach  ihm  gibt  es  auf  der  Welt  nur  zwei  Rechte,  fran- 
kisches  Recht  und  romisches  Recht.  Das  salfrankische  Recht  siegt  iiber  alle 
anderen  Stammesrechte,  schlieBlich  auch  iiber  das  sachsische  Recht.  »Die 
mittelalterliche  Rechtsgeschichte  ist  die  Geschichte  des  westfrankischen,  also 
nach  moderner  Vorstellung  ausgedruckt,  des  franzosischen  Rechts.  Das  Recht 
des  deutschen  Hochmittelalters  ist  das  Recht  des  franzosisch-gotischen  Stils. « 
Nur  ein  Recht  ist  ihm  ebenburtig:  das  romische.  Der  Langobardenstaat  hat 
zah  an  romischen  Einrichtungen  festgehalten  und  von  Italien  aus  stromen 
dann  die  romischen  Rechtsideen  auch  nach  Deutschland  hinuber.  Das 
frankische  Recht  des  Mittelalters  erhalt  sich  nur  in  Partikularrechten.  »Ein 
Jahrtausend  frankischer  Rechtsgeschichte  geht  mit  der  vollendeten  Rezep- 
tiondes  romischen  Rechts  zu  Ende.«  Wir  glauben  heute  nicht  mehr  daran, 
daB  das  Problem  des  Rechts  im  mittelalterlichen  und  neuzeitlichen  Europa 
mit  der  Gegensatzlichkeit  von  zwei  Rechtssystemen  gelost  werden  konne.  Aber 
auch  hier  darf  man  sagen :  Abgesehen  von  der  GroBe  der  Konzeption  wirkte 
die  These  in  hohem  Grade  schopferisch. 

Am  bekanntesten  ist  S.  geworden  durch  den  dritten  groBen  Grundgedanken, 
den  er  zwischen  Juristen  und  Theologen,  zwischen  Protestanten  und  Katho- 
liken,  ja  in  die  Mitte  aller  Gebildeten  hineinwarf :  »Die  Kirche  ist  rechtlicher 
Verfassung  unfahig,  ja,  sie  verwirft  dieselbe.  Das  Kirchenrecht  steht  mit  dem 
Wesen  der  Kirche  im  Widerspruch. «  Er  glaubte  den  Kern  der  protestantischen, 
namentlich  der  lutherischen  Kirche  in  der  urchristlichen  Gemeinde  zu  finden. 
Wie  spater  bei  Luther,  ist  in  der  Urgemeinde  das  »Volk  Gottes«  keine  auBer- 
lich  geformte,  sondern  nur  eine  geistliche,  charismatische  Organisation,  eine 
lose  Vereinigung  zum  Sakrament  des  Abendmahls  und  zu  den  ubrigen  Heils- 
handlungen.  Alles  gipfelt  in  einem  rein  geistlichen  Verbande.  Die  Umbildung 
der  urchristlichen  Kirche  in  die  katholische  Kirche  zieht  die  Umbildung  eines 
geistlichen  Verbandes  in  einen  Herrschaftsverband  nach  sich.  Jetzt  stromen 
Recht  und  Zwang  ein.  Aber:  »Was  an  rechtlicher  Zwangsgewalt  in  der  Kirche 
wirksam  ist,  ist  durchweg  nicht  der  Kirche  zustandig,  sondern  weltliche  Ge- 
walt.  Das  Wesen  der  Kirche  ist  geistlich,  das  Wesen  des  Rechts  ist  weltlich. 
Die  Kirche  des  Urchristentums  (Ekklesia)  ist  eine  rein  geistliche,  die  katho- 
lische Kirche  eine  geistlich-weltliche,  die  evangelische  Kirche  im  Rechtssinn, 
wie  sie  heute  (1892)  vor  uns  steht,  eine  rein  weltliche  Organisation. «  In  seiner 
groBen  Untersuchung  iiber  das  Dekret  stellt  er  —  entgegen  aller  bisherigen 
Forschung  —  den  Satz  auf,  daB  dessen  Verf asser  Gratian  nicht  ein  Urheber 
der  neukatholischen  Richtung,  sondern  ein  Vollender  des  altkatholischen 
Kirchenrechts  war.  Alles,  was  Juristen  und  Theologen,  Katholiken  und  Pro- 
testanten bis  dahin  verfochten  hatten,  ist  verkehrt.  Gratian,  als  Theologe, 


156  1917 

bringt  das  alte  Sakramentsrecht  zu  hochster  Entfaltung.  Jetzt  setzt  die  Be- 
arbeitung  des  Kirchenrechts  durch  Juristen  ein.  Der  Neukatholizismus  wirft 
seit  etwa  1170  seine  Strahlen  aus  und  bringt  sie  um  1200  zu  voller  Entfaltung. 
Erst  um  1200  wird  nach  S.  die  Kirchenverfassung  auf  die  Jurisdiktionsgewalt 
aufgebaut.  Erst  um  1200  lafit  sich  deutlich  die  hierarchia  jurisdictionis  wahr- 
nehmen.  In  seinem  nachgelassenen  Werke  finden  sich  alle  diese  groBen  Grund- 
ideen  wieder,  und  die  Kampfansage  der  Kirche  gegen  das  weltliche  Recht 
wird  mit  jugendlicher  Frische  fortgesponnen.  Alle  Herrschaft  miisse  dem 
inneren  Wesen  nach  der  Kirche  fremd  bleiben.  Seit  dem  16.  Jahrhundert  gebe 
es  nur  noch  eine  einzige  offentliche  Gewalt,  den  Staat.  »Nur  noch  in  der  Form 
des  Staates  ist  das  Volk  obrigkeitlich  verfaBt,  nur  noch  in  der  Form  des  Staates 
ist  das  Volk  eine  selbstherrliche  Gemeinschaft,  nur  noch  in  der  Form  des 
Staates  ist  das  Volk  Rechtsquelle, «  lautet  eine  der  wichtigsten  Thesen,  die 
uns  so  deutlich  in  die  ganze  Denkweise  des  groBen  Dogmatikers  hineinschauen 
laBt.  Das  Wort  Dogmatiker  sei  bewuBt  hierhergesetzt :  S.  war  eben  im  Grunde 
eine  dogmatische,  keine  historische  Natur.  Immer  und  immer  wieder  unterlag 
er  der  Versuchung,  das  geschichtliche  Werden  in  scharfe  begriffliche  Kon- 
struktionen  zu  fassen.  Und  diese  Begriffe  gewann  er  weit  mehr  im  Wege  der 
Deduktion  als  im  Wege  der  Induktion.  Eine  deduktive,  dogmatisch  geartete 
Kiinstlernatur  ist  Rudolph  S.  gewesen.  Und  zu  diesem  Denken  und  zu  dieser 
Arbeitsweise  trat  auf  alien  Gebieten,  welche  kirchlichen  und  kirchenrecht- 
lichen  Boden  beruhrten,  der  Glaubenseifer  einer  tief  religiosen,  enthusiast i- 
chen  Personlichkeit.  Er  war  ein  eminent  schopferischer  Geist.  Am  Reichtum 
seiner  Gedanken  werden  noch  Generationen  zehren,  noch  Generationen  weiter- 
bauen. 

Literatur:  AuBer  den  im  Text  genannten  Schriften  S.  s.  werden  noch  die  folgenden  auf- 
gefiihrt:  Der  ProzeC  der  Lex  Salica,  Weimar  1867.  —  Das  Verhaltnis  von  Staat  und  Kirche 
an  dem  Begriff  von  Staat  und  Kirche  entwickelt,  Tubingen  1873.  —  Zur  Geschichte  der 
Auflassung.  Festgabe  fur  Thol,  Straflburg  1879.  —  Zur  Trauungsfrage,  Zeitfragen  des 
christlichen  Volkslebens,  Heilbronn  1879.  —  Die  obligatorische  Zivilehe  und  ihre  Auf- 
hebung,  Ein  Gutachten,  Weimar  1880.  —  Friinkisches  Recht  und  Romisches  Recht,  Pro- 
legomena zur  deutschen  Rechtsgeschichte,  Weimar  1880.  —  Die  deutsche  Genossenschaft, 
Festgabe  fur  Windscheid,  Leipzig  1888.  —  Die  Entstehung  des  deutschen  Stadtewesens, 
Festschrift  fur  Wetzell,  Leipzig  1890.  —  Die  sozialen  Aufgaben  des  modernen  Staates, 
Leipzig  1898.  —  Neue  Pflichten  der  Kirche,  Dresden  1906.  —  Wesen  und  Voraussetzungen 
der  Widerspruchsklage,  Leipzig  1908.  — 

Richard  Schmidt,  Worte  zum  Gedachtnis  an  Rudolf  S.  (Berichte  der  phil.-hist.  Kl.  der 
Kgl.  Sachs.  Gesellschaft  der  Wissenschaften  zu  Leipzig,  Bd.  LXIX,  S.  1 5  f f .) ;  Hans  Fehr, 
Rud.  S.,  ein  Nachruf  (Zeitschr.  der  Savigny-Stiftung  fur  Rechtsgesch.,  germ.  Abt. 
Bd.  XXXVIII,  S.  1  ff.) ;  Karl  v.  Amira  im  Jahrbuch  der  bayer.  Akademie  d.  Wiss,  Munchen 
1918,  S.  8iff. 

Bern.  Hans  Fehr. 

Stadler,  Toni  (Anton)  v.,  Maler,  *  9.  Juli  1850  in  Gollersdorf  (Niederoster- 
reich),  f  18.  September  1917  in  Munchen.  —  Sohn  eines  Wirtschaftsrates  im 
alten  Osterreich,  Stiefbruder  von  Wilhelm  Scherer,  bestand  St.  1868  in  Wien 
sein  Abiturium  und  studierte  zunachst  in  Wien  und  Wiirzburg  Medizin.  Da 
er  aber  von  Kindheit  an  gezeichnet  hatte  und  einen  unwiderstehlichen  Drang 
zur  Kunst  verspiirte,  entschloB  er  sich  1873,  trotz  seiner  Mittellosigkeit  Maler 
zu  werden  und  ging  nach  Berlin  zu  Paul  Meyerheim  (s.  DBJ.  1914 — 16,  S.  151  ff.) 


Sohm.  Stadler  1 57 

und  1878  nach  Miinchen,  wo  er  seitdem  bis  zu  seinem  Tode  geblieben  ist.  Im 
ganzen  kann  er  als  Autodidakt  angesprochen  werden.  Von  seinen  Lehrern 
und  den  Malern,  mit  denen  ihn  in  der  Jugend  Freundschaft  verband,  wirkten 
nur  Schonleber  (s.  oben  S.  134  if.)  und  in  Miinchen  Frolicher  und  Stabli 
auf  ihn  ein;  doch  kamen  seiner  angeborenen  Art,  die  Landschaft  anzusehen, 
alle  diese  weniger  entgegen  als  einige  alte  Hollander  wie  Ruisdael  und  der 
Haarlemer  Vermeer,  vor  allem  aber  Hans  Thoma.  Auch  mit  Spitzweg  ver- 
bindet  ihn  Einiges. 

In  Miinchen,  wo  er  lange  Zeit  in  dem  westlichen  Vorort  Laim  (und  zwar 
in  einem  angeblich  einst  von  Agnes  Bernauer  bewohnten  Hause)  lebte,  ging 
es  ihm  anfanglich  nicht  gut,  und  allgemein  durchgesetzt  hat  sich  St.  erst  nach 
1900.  Sein  Leben  floB  still  und  ruhig  in  stetiger  Arbeit  hin.  Studienreisen 
fuhrten  ihn  nach  Holland  und  Rom,  von  wo  eine  Anzahl  seiner  Motive  stam- 
men;  die  meisten  Bilder  aber  sind  von  der  oberbayerischen  Hochebene,  dem 
Mangfalltal,  den  ausgedehnten  Moosen  der  Munchener  Umgebung  eingegeben, 
so  daB  er  auch  schon  um  der  Gegenstande  willen  durchaus  der  Munchener 
Landschaftsschule  angehort,  deren  starken  Ausklang  er  mit  dem  ihm  ver- 
wandten  Karl  Haider  bildet.  Seit  1900  lebte  er  in  seinem  schonen,  von  Gabriel 
Seidl  erbauten  Hause.  Eine  Reise  nach  Agypten,  die  er  in  seinen  letzten 
Lebensjahren  aus  Gesundheitsriicksichten  unternahm,  ist  fur  seine  Kunst 
ohne  Belang  geblieben. 

St.  nahm  aber  nicht  nur  als  Maler  eine  bedeutende  Stellung  im  Munchener 
Kunstleben  ein,  sondern  auch  als  Mensch  und  Kunstfreund.  Seine  im  edelsten 
Sinne  urbane  und  vornehme  Personlichkeit,  sein  selbstloses  Eintreten  fiir 
andere,  vor  allem  auch  fiir  die  jungen  Kunstler,  seine  freie  und  groBziigige 
Weltanschauung,  die  fiir  das  Echte  in  jeder  Gestalt  empfanglich  war,  seine 
uneigenniitzige  Giite  und  Freundschaft  machten  ihn  von  selbst  zum  ausglei- 
chenden  Mittelpunkt  der  vielfaltig  widerstreitenden  Interessen  und  Richtungen 
in  Miinchen.  Ohne  alien  Ehrgeiz  und  ohne  sich  im  geringsten  voranzustellen, 
kam  er  zu  einer  Art  Vermittlerstellung,  wurde  zum  Fiirsprecher  und  Ver- 
teidiger  der  neuen  revolutionaren  Stromungen  (die  niemals  auf  seine  eigene 
Malweise  abfarbten)  und  zum  Vertrauten  sowohl  der  Kunstlerschaft  wie  des 
Staates  und  der  Sammler.  Als  Kunstkenner  hatte  er  den  unfehlbaren  Blick 
fiir  Qualitat.  Seine  eigenen  Sammlungen  dehnten  sich  auf  antike  Bronzen, 
Miinzen  und  Terrakotten,  japanische  Stichblatter  und  Holzschnitte,  agyptische 
Statuetten,  altpersische  Teppiche  aus.  Nach  auBen  hin  wirkte  er  als  Berater 
von  Sammlern  und  als  langjahriges  Mitglied  mehrerer  staatlicher  Kunst- 
kommissionen,  wo  er  Schlechtes  vermeiden  half,  auf  viel  Gutes  aufmerksam 
machte.  Als  Tschudi  1908  als  Generaldirektor  der  bayerischen  Museen  nach 
Miinchen  kam,  wurde  er  ihm  Freund  und  Ratgeber  und  starkste  Stiitze  gegen- 
iiber  mannigfachen  Anf eindungen ;  er  iibernahm  nach  Tschudis  Tode  von  1911 
bis  1914  selber  als  Dkiinstlerischer  Beirat  im  Kultusministerium «  seine  Nach- 
folge  im  Ehrenamt,  bis  man  in  Dornhoffer  den  leitenden  Fachmann  gefunden 
hatte.  In  dieser  Stellung  hat  St.,  ein  ganz  ungewohnlicher  Fall  in  der  Ge- 
schichte  der  Museen,  in  Gemeinschaft  mit  Heinz  Braune  das  Werk  v.  Tschudis 
in  selbstloser  Weise  fortgefiihrt,  die  von  ihm  begonnenen  Ankaufe,  vor  allem 
franzosischer  Impressionisten,  gesichert  und  weitere  Erwerbungen  in  seinem 
.Sinne  gemacht,  so  vor  allem  von  Arbeiten  Hodlers,  Liebermanns,  Triibners, 


158  1917 

Leibls,  Thomas,  Schuchs  und  Uhdes.  Ebenso  ist  seiner  einsichtigen  und  liebens- 
wiirdigen  Energie  die  Umwandlung  des  Ausstellungsbaus  am  Konigsplatz  — 
der  bis  dahin  der  Sezession  vom  Staate  tiberlassen  worden  war  —  in  ein  Mu- 
seum der  neueren  Kunst  zu  verdanken:  ein  wichtiges  Unternehmen,  das 
freilich  nur  seiner  Besonnenheit  und  Stellung  iiber  den  Parteien  moglich 
werden  konnte,  da  gar  zu  viele  Gegenwirkungen  in  der  Kiinstlerschaft  zu 
iiberwinden  waren. 

St.s  Malerei  ist  von  Anfang  an  ausschlieBlich  der  reinen  Landschaft  ge- 
widmet,  menschliche  Staffage  und  selbst  Tiere  haben  darin  keine  Stelle,  es 
sei  denn  in  winzig  kleinem  Format  der  Feme.  Er  schlieBt  den  groBen  Kreis, 
den  die  Miinchener  Landschaftskunst  beschrieben  hat,  auf  einer  hoheren  Stufe 
da  ab,  wo  sie  begann,  so  daB  hier  gewissermaBen  eine  Spirallinie  beschrieben 
worden  ist.  Immer  wurde  schon  das  Uberzeitliche  bei  ihm  betont  und  seine 
eigentumliche  Mischung  von  Realismus  und  Romantik.  In  allem  gehorte  er 
nicht  der  impressionistischen  Epoche  an,  in  die  er  doch  hineingeboren  war, 
sondern  erinnerte  an  die  Anfange  der  siiddeutschen  Landschaft  unter  Dillis 
und  Wilhelm  v.  Kobell.  Ja,  wenn  man  seine  Herkunft  von  Schleich  datiert 
und  an  dessen  klaren  Aufbau,  dramatische  Steigerung  und  Trennung  der 
Griinde,  sowie  auch  an  Spitzwegs  weite  Ausblicke  in  den  grenzenlosen  Raum 
und  stoffliche  Pointen  erinnert  (was  namentlich  R.  Oldenbourg  in  geistreicher 
Weise  getan  hat),  so  ist  doch  an  den  fundamentalen  Unterschied  des  Male- 
rischen  zu  denken,  der  ihre  Kunst  von  der  plastischen  Art  Toni  St.s 
trennt,  und  seine  Herkunft  noch  weiter  riickwarts  zu  verlegen,  in  die  An- 
fange der  Miinchener  Kunst  und  deren  Vorbilder,  die  groBen  Hollander.  Dies 
eint  ihn  durchaus  mit  Thoma  und  Haider;  alle  drei  sind  lange  Zeit  verkannt 
und  miBachtet  worden,  und  schlieBlich  hat  eine  Zeit,  die  den  Impressionismus 
iiberlebte,  ihren  wahren  und  iiberzeitlichen  Wert  erkannt  und  ihnen  den  ge- 
buhrenden  Platz  als  ganz  deutsch  empfindende  Kunstler  gegeben.  Die  Treue 
zur  Sache  und  die  Klarheit  im  plastischen  Raumaufbau  bei  ihnen  sind  uralte 
deutsche  Eigenschaften,  die  sie  Konrad  Witz  und  Altdorfer  naherstellen  als 
selbst  Schleich,  Stabli  und  Spitzweg.  Solch  ein  Gefuhl  fiir  die  tastbaren  Werte 
der  Raumbildung,  wie  sie  vor  allem  St.  besaB,  ist  angeborene  Gabe  und 
kann  durch  keine  Einfliisse  abgelenkt  werden ;  weshalb  denn  auch  Schonleber 
und  Neubert,  seine  eigentlichen  Lehrer,  wie  seine  Freunde  Stabli  und  Frolicher, 
im  Grunde  keinen  EinfluB  auf  St.  ausiiben  konnten,  und  er  seine  vorgeschaute 
Form  sich  autodidaktisch  bilden  muBte. 

Diese  Form  ist  durchaus  raumanschaulicher  Natur,  ihre  Mittel  sind  plastisch, 
Farbe  erscheint  als  sekundares  Hilfsmittel,  Stimmung  und  Romantik  als  nach- 
geordnete  Folge.  Darum  gibt  es  auch  keine  eigentliche  Entwicklung  in  seiner 
Kunst.  Am  Anfang  kann  man  noch  koloristische  Niiancen  feststellen  (wie  in 
einem  kleinen  Bilde  des  Stadelschen  Instituts),  bald  wird  das  Kolorit  neben- 
sachlich,  und  die  Reproduktion  gibt  das  Wesentliche  des  Originals  wieder.  In 
seiner  vollen  Reifezeit  um  1900  erscheint  die  Landschaft  St.s  als  einheitliche 
Darstellung  des  Raumes  mit  zeichnerischen  Mittel n.  Seine  Lithographien,  die 
mit  Einstimmigkeit  als  Hohepunkt  und  Quintessenz  seiner  Kunst  betrachtet 
werden,  fallen  in  diese  Epoche;  die  friihesten  sind  1893,  wohl  die  spatesten 
1913  datiert.  Aber  die  Kausalitat  ist  sicher  umgekehrt  zu  deuten,  als  es  ge- 
schieht :  nicht,  weil  er  sich  graphisch  betatigte,  sind  seine  Spatwerke  so  zeich- 


Stadler  159 

nerisch  geraten,  sondern  er  schuf  Lithographien  als  deutlichste  und  eindrucks- 
vollste  Bekenntnisse  seiner  immer  bewuBter  werdenden  plastischen  Gesinnung. 
Weil  ihm  die  Farbe  als  storendes  Moment  von  momentaner  Stimmung,  als 
Luftton,  immer  weniger  bequem  wurde,  konnte  er  sein  Bestes  ohne  jene 
Hemmung  in  der  einfarbigen  Zeichnung,  der  Lithographie,  am  sichersten 
geben.  Es  ist  ein  Irrtum,  die  Harte  seiner  Spatbilder  als  ein  Abgleiten  dar- 
zustellen;  just  in  der  plastischen  Klarheit  dieser  Arbeiten  gab  St.  Endgiiltiges, 
in  vollem  Gegensatz  zur  Entwicklung  rings  um  ihn,  wo  einerseits  der  form- 
auflosende  Impressionismus,  andererseits  die  reine  Farbigkeit  des  »Blauen 
Reiters*  den  denkbar  scharfsten  Kontrast  zu  seinem  Wollen  darstellten.  Das 
hat  ihn  nicht  gehindert,  den  Kiinstlern  beider  Richtungen  sein  Verstandnis, 
ja  seine  Liebe  entgegenzubringen  und  sie  mit  hochster  Tatkraft  zu  f order n. 
J  a,  es  macht  die  Besonderheit  seiner  Grofle  aus,  daJ3  er  die  Entwicklung  an- 
erkannte  und  ihre  Notwendigkeit  mit  untriiglichem  Scharfblick  einsah,  fur 
seine  Arbeit  aber  mit  derselben  Intensitat  ablehnte.  DaB  Erkenntnis  und  In- 
stinkt  in  demselben  Manne  mit  gleicher  schopferischer  Inbrunst  lebten,  ohne 
einander  zu  widersprechen,  ja,  mit  hoher  Spannkraft  sich  gegenseitig  in  ihren 
entgegenstrebenden  Tendenzen  bestarkten :  dies  erscheint  wie  ein  Wunder  von 
Selbstiiberwindung  und  flofit  das  hochste  Vertrauen  zu  den  menschlichen 
Qualitaten  St.s  ein. 

Von  dieser  Seite  erscheint  die  Wahl  seiner  Arbeitsheimat  nicht  gleichgiiltig . 
Miinchen  ist  der  Mittelpunkt  einer  Landschaft,  die  mehr  plastischen  als 
malerischen  Charakter  besitzt,  deren  Atmosphare  und  geologische  Gestaltung 
dem  raumlich  bildenden  Sinn  starke  Anziehungspunkte  bietet.  Etwas  Ahnliches 
ist  es  mit  der  romischen  Campagna,  aus  der  manche  St.sche  Bilder  stammen. 
AUes,  was  dazwischen  liegt,  vor  allem  die  hollandischen  Diinen,  hat  er  in 
seinem  Sinne  erfafit:  das  Wesentliche  sind  und  bleiben  in  seiner  Kunst  die 
riesigen  Flachen,  von  fernen  Bergen  abgefangen,  von  einem  unbegrenzten 
Himmel  mit  Schrittmacherwolken  iiberwolbt,  wie  er  sie  in  der  oberbayerischen 
Hochebene  vorfand;  oder  Bodenwellen,  die  sich  im  Vordergrunde  greifbar 
emporwolben  und  Sehnsucht  wecken,  ihre  Hohe  zu  tiberwinden,  um  ins 
Grenzenlose  zu  schauen.  Dies  ist  seine  dramatische  oder  romantische  Span- 
nung:  die  Befriedigung  im  Endlosen  oder  die  Sehnsucht  aus  dem  Beschrankten 
hinaus  ins  Unendliche,  das  immer  und  iiberall  als  wolkeniiberspannter  Himmel 
schlieflt.  Ob  er  das  plastisch  Geformte  als  Hiigel  an  die  Erde,  oder  an  den 
Himmel  als  wunderbar  geballten  Wasserdampf  versetzt,  gilt  ihm  gleich: 
wichtig  ist  nur  ihre  Funktion,  dem  Raumgefuhl  der  Unendlichkeit  als  Sprung- 
brett  zu  dienen ;  tastbare  Meilensteine  und  Merkmale  der  Tiefendimension  zu 
sein.  Erst  aus  dieser  Spannung  heraus  entsteht  im  Betrachter  das  roman- 
tische Gefuhl  der  Sehnsucht,  die  sich  iiber  die  Erde  hinausschwingen  mochte. 
Vielleieht  war  sie  das  primare  Motiv  in  der  Seele  des  Kiinstlers;  bestimmt 
erreicht  sein  Bild  diese  Wirkung,  aber  nicht  mit  sentimentalen  Mitteln,  son- 
dern sehr  sachdienlich,  sehr  herbe  mit  rationellen  Formen  aus  dem  Arsenal 
der  Raumdarstellung ;  ein  Arsenal  urdeutscher  Geisteshaltung. 

Auch  seine  Arbeitsart  weist  eindeutig  auf  diese  Bestimmung.  Vor  der  Natur 
wurde  lediglich  gezeichnet,  Einzelheiten  mit  sorgfaltiger  Exaktheit  notiert. 
Seine  Bilder  entstanden  im  Atelier;  ein  wunderbar  geschultes  Gedachtnis  er- 
machtigte  ihn  dazu.  Die  Geschlossenheit  und  GleichmaBigkeit  seiner  Raum- 


i6o  1917 

form  und  die  lyrische  Kraft  im  Ausdruck  der  Landschaft  sind  darauf  zuriick- 
zufuhren,  und  hier  beriihrt  er  sigh  mit  alien  wahrhaft  gestaltenden  Deutschen, 
nicht  blofl  Landschaftern,  sondern  vor  allem  auch  mit  Marees  und  Bocklin; 
denn  nur  aus  der  Vorstellung  wird  die  leidenschaftliche  Selbstherrlichkeit 
einer  so  ganz  personlichen  Form  geboren. 

St.s  Lithographien  entstanden  in  den  neunziger  Jahren  und  nach  1910. 
Seine  Liebe  zur  Einsamkeit  und  GroBe  der  menschenfernen  Natur  konnte  sich 
in  der  graphischen  Form  am  unmittelbarsten  aussprechen ;  selbst  die  Vor- 
zeichnungen  kommen  nicht  an  die  Kraft  der  Steindrucke  selber  heran.  Er 
arbeitete  sie  nur  fur  seine  Freunde,  ohne  alien  Ehrgeiz  des  Graphikers;  sie 
wurden  in  kleiner  Auflage  sorgfaltig  gedruckt  und  sind  von  Anfang  an  Selten- 
heiten  gewesen,  die  dem  Sammlerpublikum  unbekannt  blieben.  Die  einzige 
vollstandige  Sammlung,  32  Blatter  einschliefilich  aller  Versuche,  nebst  der 
einzigen  Radierung,  besitzt  das  Dresdener  Kupferstichkabinett.  Hier  bevor- 
zugte  St.  die  hollandische  Diinenlandschaft  und  die  Verlassenheit  der  wetter- 
gepeitschten  Ebene,  und  er  steigerte  das  Gefiihl  der  Weite  oft  bis  zum  Hero- 
ischen.  Die  Lebendigkeit  der  bewegten  Atmosphare  ist  ohnegleichen.  Wenn 
auch  von  irgendeiner  Nachahmung  nicht  die  Rede  sein  kann,  so  erinnern  diese 
Blatter  wohl  am  starksten  an  die  groBen  Hollander  des  17.  Jahrhunderts:  das 
gleiche  allumfassende  Gefiihl  fiir  kosmische  Verbundenheit  von  Erde  und 
Himmel,  das  iiber  beide  in  die  Unendlichkeit  Hinausweisende,  lebt  in  ihnen. 

Die  Einfachheit  der  Mittel,  die  im  Fortlassen  und  Andeuten  bestehen,  wird 
nur  durch  die  Technik  des  Herausschabens  von  Lichtern  mit  Messer  oder 
Nadel  unterbrochen,  wodurch  plastische  Unmittelbarkeit  gewahrt  wird. 

Ein  sorgfaltiges  Verzeichnis  der  Graphik  stellte  F.  W.  Bredt  in  den  Mit- 
teilungen  zu  den  Graphischen  Kiinsten,  Bd.  38,  S.  34  ff .  auf . 

Gem  aide  von  St.  finden  sich  in  den  Museen  von  Bremen,  Elberfeld,  Frank- 
furt a.  M.  (Stadel),  Graz  (Joanneum),  Leipzig,  Miinchen  (Neue  Pinakothek), 
Prag  (Rudolphinum),  Wien  (Staatsgalerie) . 

I,iteratiir:  Eine  zusammenfassende  Darstellung  iiber  St.  fehlt,  und  auch  er  selbst. 
der  als  Erzahler  in  Freundeskreisen  beliebt  war,  hat  sich  leider  nie  dazu  bewegen  lassen, 
seine  Memoiren  zu  schreiben.  Wichtigere  Aufsatze  und  Abschnitte  iiber  ihn  finden  sich  in  : 
Dresdener  Jahrbiicher  I,  1905,  S.  191  ff.  (Lehrs),  Kunst  fiir  Alle  21,  1905/06,  S.  73  ff. 
(F.  v.  Ostini) ;  Zils,  Geistiges  und  kiinstlerisches  Miinchen,  191 3;  Die  Graphischen  Kiinste, 
Bd.  38,  191 5,  S.  58  ff.  (F.  W.  Bredt);  Die  Kunst,  Bd.  33,  1917/18,8.  225  ff.  (A.L.Mayer); 
Kunstchronik  N.  F.  28,  1917,  S.  525  f.  (A.  L.  Mayer);  Uhde-Bernays,  Munchener  Land- 
schaftsmalerei,  1921,  S.  113  ff.;  Kunst  und  Kiinstler,  Bd.  16,  1917/18,  S.  74  f .  (A.  L. 
Mayer);  Kunstchronik,  Bd.  29,  1917/18,  S.  364  (H.Heyne);  Die  bildenden  Kiinste  II, 
1919,  S.  15  ff.  (R.  Oldenbourg). 

Berlin.  Paul  F.Schmidt. 


Steinhausen,  Heinrich,  Dichter  und  ev.  Theolog,  *  am  27.  Juli  1836  zu  Sorau, 
f  am  26.  Mai  1917  zu  Schoneiche  (Mark).  —  St.  war  der  Sohn  eines  Bataillons- 
arztes  des  12.  Infanterieregiments,  seine  Mutter  eine  geborene  Naphtali.  Er 
genoB  eine  ausgesprochen  evangelische,  heiter-harmonische  Erziehung,  deren 
Wirkung  bei  ihm  wie  bei  seinem  um  zehn  Jahre  jiingeren  Bruder,  dem  Maler 
Wilhelm  St.,  lebendig  spiirbar  blieb.  Nach  der  i6jahrig  bestandenen  Reife- 
priifung  studierte  St.  in  Berlin,  dem  neuen  Standorte  des  Vaters,  Theologie 


Stadler.  Steinkausen  x6l 

und  Philologie.  Unter  seinen  akademischen  Lehrern  iibte  der  Asthetiker  und 
Dichter  Carl  Werder  den  groBten  EinfluB  auf  inn,  Lehrer  und  Schuler  blieben 
in  Lebensfreundschaft  verbunden.  Theologisch  hat  spater  das  Werk  und  Wesen 
Soren  Kierkegaards  St.  stark  und  nachhaltig  beeindruckt.  Von  i860  bis  1868 
war  St.  Erzieher  im  Kadettenkorps  in  Potsdam  und  Berlin,  dann  wurde  er 
Pfarrer  in  Bliithen  bei  Perleberg,  in  Lindow,  in  Beetz  bei  Kremmen,  schlieB- 
lich  in  Podelzig  bei  Frankfurt  a.  Oder.  1906  trat  er  in  den  Ruhestand  und  lebte 
seitdem  in  Schoneiche  bei  Friedrichshagen.  Er  war  mit  Helene  Juliane  Thieme 
verheiratet  und  besaB  aus  dieser  Ehe  neun  Sonne,  von  denen  sich  einer  im 
Reichskolonialdienst,  einer  als  Komponist  ausgezeichnet  hat. 

Sein  erstes  dichterisches  Werk  war  die  mittelalterliche  Klostergeschichte 
» Irmela  «,  einer  der  wenigen  Romane,  die  auf  der  Bahn  von  Scheffels  »Ekkehard  « 
liegen,  ohne  in  Nachahmung  zu  verf alien  oder  nach  dem  Muster  des  archao- 
logischen  Bildungsromans  den  dichterischen  Stoff  durch  undichterische  Zutat 
zu  strecken.  Die  Erzahlung  war  gewissermaBen  der  eigene  Beleg  zu  St.s  ein 
Jahr  vordem  erschienener,  humor  istisch  iiberglanzter  Polemik  gegen  eben  jenen, 
damals  modischen,   archaologischen   Roman,   dessen  Hauptvertreter  Georg 
Ebers  St.  in  der  Schrift  » Memphis  in  Leipzig*  (1880)  bekampfte,  die  Verklei- 
dung  von  Menschen  mit  gegen wartigem  Lebensgefiihl  in  agyptisches  Gewand 
tiberlegen  nachweisend.  Die  von  keinem  Zeiterfolg  geblendete  Selbstandigkeit 
dieser  Satire  bewies  St.  auch  in  seinen  spateren  Dichtungen,  mit  denen  er  die 
rasch  beriihmt  gewordene  » Irmela  «  mannigfach  iibertraf.  Tont  in  der  wie  die 
Szenen  eines  Lustspiels  voriiberziehenden,  von  Ferdinand  Avenarius  besonders 
warm  geruhmten  Geschichte  »Herr  Moffs  kauft  sein  Buch«  (1885)  die  Polemik 
noch  mit  leisem  Begleitakkord  mit,  so  kommt  in  der  »Neuen  Bizarde«  (1890), 
insbesondere  aber  in  der  schalkhaften,  mit  sehr  feinem  Ohr  allmahlich  ge- 
steigerten  Kleinstadterzahlung  »Markus  Zeisleins  groBer  Tag«  (1883)  St.s  aus 
still  beobachtender  Menschenliebe  quellender  Humor  zu  einer,  bei  aller  Ver- 
haltenheit  befreienden  kiinstlerischen  Aussprache.  Wo  er  nicht  mitspielt,  wie 
im  »Korrektor«  (1885),  fehlt  St.  die  sonst  immer  wieder  erreichte  letzte  Lebens- 
nahe.  Aber  iiberall  meidet  er,  auch  im  Idyll,  ein  schonfarberisches  Idyllisieren 
und  enthiillt,  etwa  in  »Gevatter  Tod«  (1882),  zumal  im  Kinde  und  in  denen, 
die  gleich  dem  Kinde  einfaltigen  Herzens  geblieben  sind,  die  sozusagen  unter- 
irdische  Wirkung  der  feinen  und  zarten  Gegenkrafte  gegen  die  herabziehenden 
Machte  einer  sich  mechanisierenden  Welt.  Er  gehort  gerade  in  diesem  Betracht 
zu  Wilhelm  Raabe,  ohne  dessen  aus  scharferem  Temperament  und  groBerer 
Tiefe  stammenden  lodernden  HaB  gegen  die  »Canaille«,  aber  mit  derselben 
Nahe  zu  den  Grundkraften  deutschen  Wesens.  Stilistisch  steht  St.  den  nord- 
deutschen  Kleinrealisten  vom  Schlage  Heinrich  Seidels  oder  den  Berliner 
Alterswerken  Julius  Rodenbergs  (s.  DBJ  1914 — 16,  S.  84)  naher.  Die  bewuBte 
Bergung  in  der  GewiBheit  christlichen  Glaubens  gibt  ihm  neben  dem  Braun- 
schweiger  Meister  wie  neben  den  Berlinern  das  eigene  Gesicht,  sie  spricht  sich 
freier  in   den   aus  seinem   NachlaB  veroffentlichten   Gedichten  »Ausklang« 
(1917)  aus. 

Theologischem  Richtungshader  hielt  St.  sich  fern,  griff  aber  auch  in  kirch- 
liche  Angelegenheiten  freimiitig  ein,  wie  er  denn  im  Jahre  1881  die  Zeit- 
schrift  »Das  Pfarrhaus«  begriindete.  Mit  Rudolf  Kogel,  Ernst  Dryander 
(s.  1922),  dem  Pfarrer  und  Poeten  Emil  Frommel  war  er  befreundet  und 
DBJ  11 


162  1917 

hielt  mit  ihnen  geistigen  Austausch.  Moltke  zahlte  zu  seinen  warmsten  Ver- 
ehrern.  Mannhaft  bekampfte  St.  von  der  Griinderzeit  an,  damals  einer  der 
Rufer  in  derWiiste,  Scheinkultur,  zivilisatorisclies  Gehaben,  Bildungshochmut, 
Refonnwut,  so  in  der  unter  dem  Decknamen  Veracus  Rusticus  erschienenen 
Flugschrift  »Meletemata  ecclesiastical.  Veroffentlichungen  uber  das  Bauern- 
haus  brachten  ihn  in  die  Arbeitsgemeinschaft  mit  Avenarius  (f  1923),  dessen 
Kampf  fur  eine  neue,  gewachsene  Ausdruckskultur  im  Diirerbunde  St.  fuhrend 
mitmachte.  Seine  publizistische  Tatigkeit  nach  dieser  Richtung  war  ebenso 
weit,  wie  das  immer  aus  der  christlichen  Mitte  gespeiste  Kraftfeld  der  geistigen 
Interessen  des  charaktervollen,  unabhangigen  Mannes,  Dichters  und  Seel- 
sorgers. 

Literatur:  H.St.,  Wie  »Irmela«,  entstand.Eckart  VI.  —  M.Necker.H.  St.,  Grenzboten 
1886.  —  R.  Weitbrecht,  H.  St.,  Lit.  Echo  IV.  —  F.  Avenarius,  Vorrede  zur  St.-Schrift  des 
Diirerbundes,  Miinchen  1906.  —  H.  Spiero,  Einl.  zu  H.  St.s  Erzahlungen,  Stuttgart  1926. 

Berlin.  Heinrich  Spiero. 

Trubner,  Wilhelm,  Maler,  *  am  3.  Februar  1851  in  Heidelberg,  fam2i.  De- 
zember  1917  in  Karlsruhe.  —  Zwischen  dem  nationalen  und  dem  kunst- 
lerischen  Aufschwung  der  einzelnen  Volker  bestehen  unverkennbar  Zusammen- 
hange.  Welt-  und  Kunstgeschichte  liefern  sichere .  Beweise  dafiir.  Einen  der 
kraftigsten  bietet  das  Aufbliihen  der  deutschen  Kunst  nach  der  Wieder- 
aufrichtung  des  deutschen  Kaiserreiches.  Genau  wie  das  politische  Ereignis 
bereitete  sich  auch  der  Aufstieg  der  Kunst  jahrzehntelang  vor.  Niemals  hat 
es  in  Deutschland  eine  so  stattliche  Reihe  grofler  Maler  gegeben  wie  in  der 
Zeit  zwischen  i860  und  1890,  und  ebenso wenig  fehlte  es  an  hervorragenden 
Bildhauern  und  Architekten.  Von  bemerkenswerter  Wichtigkeit  war  der 
Wiedergewinn  aller  zur  Austibung  dieser  Kiinste  erforderlichen  technischen 
Fahigkeiten  und  Praktiken.  Die  Begriffe  Malerei  und  Plastik  erfuhren  eine 
neue  Formulierung,  und  daraus  ergab  sich  eine  Umwertung  aller  kunstlerischen 
Werte,  in  die  die  Allgemeinheit  nur  mit  groBem  Widerstreben  und  nach 
heftigem  Kampfe  sich  fand,  weil  zahllose  Publikumslieblinge  dabei  gestiirzt 
wurden.  Man  hatte  in  einer  Gefiihlswelt  gelebt  und  fand  sich  nun  von  der 
Kunst  einer  Wirklichkeit  gegenubergestellt,  die  man  der  kunstlerischen  Wie- 
dergabe  nicht  fur  wurdig  hielt,  weil  sie  zu  alltaglich  schien.  Bei  dieser  gegen- 
satzlichen  Einstellung  zog  die  Kunst  zunachst  den  kiirzeren.  Maler  wie  Leibl, 
Thoma,  Klinger,  Liebermann  wurden  mit  ihren  ersten  Werken  geradezu  ver- 
hohnt,  und  der  deutscheste  von  ihnen,  Wilhelm  T.,  mit  seinen  vorziiglichsten 
Bildern  einfach  iiberhaupt  nicht  beachtet.  Es  hat  Jahrzehnte  gewahrt,  bis 
das  Publikum  anderen  Sinnes  wurde  und  Verstandnis  dafiir  gewann,  dafl  es 
in  diesen  Kiinstlern  groBe  Meister  zu  verehren  habe,  Maler,  die  ihre  Kunst 
als  solche  machtig  vorangebracht  und  mit  ihren  Schopfungen  jetzt  Zeugnis 
ablegen  fiir  die  einstige  Machtstellung  des  deutschen  Kaiserreiches.  Auch  mit 
Wilhelm  T.s  Art  hat  die  offentliche  Meinung  sich  allmahlich  abgefunden, 
recht  begriffen  aber  eigentlich  niemals,  dafi  er  der  weitaus  selbstandigste  und 
originellste  Kiinstler  jener  groBen  Periode  gewesen  ist.  Von  Rechts  wegen 
hatte  man  ihn  ebenso  hochstellen  miissen  wie  den  Franzosen  Cezanne,  dem 
er  an  urtumlicher  Kraft  weit  iiberlegen  ist,  woraus  der  SchluB  gezogen  werden 


Steinhausen.  Triibner  1 63 

darf,  daB  bei  der  Begeisterung  fiir  diesen  ein  gutes  Stiick  Heuchelei  und 
torichte  Fremdenanbeterei  mitwirkt.  Erst  spatere  Geschlechter  werden  zu  der 
Tjberzeugung  gelangen,  daB  dem  problematischen  Franzosen  in  T.  ein  voll- 
kommener  Meister  gegenubersteht,  eine  »Natur«  im  Goetheschen  Sinne. 

Wie  die  Kunst  aller  groBen  Maler,  laBt  auch  die  T.s  sich  nicht  aus  den 
Anregungen  erklaren,  die  er  in  seinem  Leben  von  anderen  erhalten.  Sind  seine 
Friihwerke  in  Verbindung  zu  bringen  mit  den  Schopfungen  seines  ersten 
Lehrers  Canon?  Kaum!  Spurt  man  Leibl,  dessen  Kreis  er  zugezahlt  wird,  in 
den  Arbeiten  des  Einundzwanzigjahrigen?  Auch  nicht  oder  doch  hochstens 
in  der  Sorgfalt,  mit  der  er  Hande  gemalt  hat.  Von  Beginn  seiner  Kiinstler- 
tatigkeit  an  ist  der  junge  Heidelberger  ein  Original,  dessen  Bildvorwiirfe, 
dessen  Art  zu  malen  mit  denen  keines  anderen  Kiinstlers  innerliche  oder  auBer- 
liche  Ahnlichkeit  haben.  Einzig,  daB  er  wie  fast  alle  Maler  damals  seinen  Bil- 
dern die  Atelieratmosphare  gibt,  und  als  er  zwanzig  Jahre  spater,  dem  Zuge 
der  Zeit  folgend,  Freilichtbilder  malt,  haben  diese  auch  nicht  das  geringste 
gemein  mit  dem,  was  die  Pleinairisten  von  damals  schufen.  Kaum  ein  zweiter 
Maler  hat  eine  so  hohe  Vorstellung  von  der  gottlichen  Kraft  der  Kunst  be- 
sessen  wie  T.  Er  glaubte  fest  daran,  daB  die  Kunst  imstande  ware,  alles  das 
schon,  vornehm  und  kostbar  zu  machen,  was  in  der  Wirklichkeit  haBlich, 
gemein  und  verachtlich  ist,  und  hat  sich  von  Anfang  an  bemuht,  mit  seinen 
Schopfungen  Beweise  dafur  zu  lief  era.  Sehr  zu  seinem  Schaden;  denn  seine 
Bilder  wurden  hauptsachlich  darum  von  dem  Publikum  und  der  Kritik  ab- 
gelehnt,  weil  er  mit  Vorliebe  ungewohnlich  haBliche  Menschen  malte.  DaB  er 
dabei  wahre  Wunder  von  schoner  Farbe  und  herrlicher  Malerei  schuf,  wurden 
nur  wenige  gewahr,  weil  die  meisten  keinen  Unterschied  zu  machen  wuBten 
zwischen  dem  Naturschonen  und  dem  Kunstschonen  und  sich  nicht  ent- 
schlieBen  konnten,  Bilder  eingehend  zu  betrachten,  die  sie  rein  gegenstandlich 
schon  abschreckten.  Es  darf   nicht  vergessen  werden,    daB  T.  mit   Bildern 
dieser  Art  gerade  in  einer  Zeit  hervortrat,  die  in  den  Idealen  der  Renaissance 
schwelgte  und  von  jedem  Kiinstler  verlangte,  daB  er  ihre  asthetischen  Emp- 
findungen  respektierte.  Und  dann  das  Erdenfeste,  Handlungslose,  Stilleben- 
artige  von  T.s  Bildern.  Man  wollte  Bilder  haben,  bei  denen  man  sich  etwas 
denken  konnte,  die  einen  unterhaltsamen  Inhalt  hatten,  iiber  die  sich  sprechen 
lieB;  ein  bloBes  Augenerlebnis  hatte  fiir  die  Menschen  von  damals  nicht  den 
geringsten   Reiz,   und  vom  Handwerklichen  der  Malerei  hatte  man  keine 
Ahnung.  T.   aber  war  in  alledem  der  Zeit  weit  voran.  Sein  hochster  Ehrgeiz 
war,  schone  Malerei  zu  machen,  wie  sie  die  GroBen  der  Kunst,  die  Rubens, 
Frans  Hals  oder  Velazquez  hervorgebracht,  und  Farben  sollten  auf  seinen 
Bildern  leuchten,  wie  von  den  Altartafeln  der  alten  deutschen  Maler  und  von 
gotischen  Glasfenstern.  In  gewissem  Sinne  war  er  das  deutsche  Gegenstiick 
zu  Manet.  Er  wollte  auch  nicht  malen,  wie  andere  beliebten,  zu  sehen,  son- 
dern  wie  es  ihm  richtig  erschien.  Aber  wahrend  Manet  die  Fahigkeit  besaB, 
auch  als  Maler  sich  zu  objektivieren,  suchte  T.  die  individuelle  Malerei.  Das 
heiBt,  er  brauchte  sie  gar  nicht  zu  suchen,  sie  war  ihm  angeboren;  er  sah 
schon  individuell.  Es  existiert  von  ihm  eine  Kopie  nach  Rubens,  die  er  in 
Briissel  gemalt,  und  sie  beweist,  daB  er  nicht  nur  die  Wirklichkeit  auf  seine 
besondere  Weise  sah,  sondern  auch  Kunstwerke ;  denn  diese  Rubens-Kopie  ist 
in  Auffassung,  Malerei  und  Farbe  ein  echter  T.  geworden.  Obwohl  der  Maler 


164  l9l7 

bereits  in  seiner  Jugend  nach  Anerkennung  hungerte  und  viele,  ja  endlose 
Jahre  hindurch  keine  andere  fand  als  die  von  Kollegen,  wie  Leibl,  Schuch, 
Hans  Thoma,  und  die  einiger  Freunde,  wie  des  Dichters  Martin  Greif,  des 
Philosophen  Du  Prel  und  der  Kunsthistoriker  Bayersdorfer  und  Eisenmann, 
hat  er  doch  an  dem  Grundsatze  festgehalten,  Kunst  um  der  Kunst  willen  zu 
machen  und  sich  nicht  den  Anspriichen  des  Publikums  zu  beugen.  Er  konnte 
einfach  gar  nicht  anders;  denn  auch  als  er  den  Versuch  unternahm,  genre- 
hafte,  mythologische  und  phantastische  Bilder  zu  malen,  stellte  er  das  rein- 
kiinstlerische  Moment  so  stark  in  den  Vordergrund,  daB  das  Publikum  tiber- 
zeugt  war,  der  Maler  wolle  mit  diesen  Bildern  iiber  den  allgemeinen  Geschmack 
sich  lustig  machen.  Die  Unerschiitterlichkeit  seiner  Art  und  seiner  Uber- 
zeugungen  aber  macht  T.s  GroBe  aus  und  laBt  ihn  als  einen  wiirdigen  Nach- 
kommen  der  alten  deutschen  Meister  erscheinen,  deren  handwerkliche  Tiichtig- 
keit,  deren  Treue  gegen  sich  selbst  heute  so  lebhaft  bewundert  werden. 

Wilhelm  T.  kam  am  3.  Februar  185 1  als  Sohn  des  Juweliers  und  spateren 
Stadtrats  Georg  T.  in  Heidelberg  zur  Welt.  Ohne  Frage  war  die  Umgebung, 
in  der  er  aufwuchs,  bestimmend  fur  seine  Entwicklung.  Die  alte,  an  Erinne- 
rungen  reiche  Stadt,  ihre  herrliche  Lage,  die  Wohlhabenheit  im  elterlichen 
Hause,  die  Tatigkeit  des  Vaters,  die  so  eng  verbunden  war  mit  schonem 
Material  und  sorgfaltiger  und  solider  Arbeit,  haben  offenbar  den  Sinn  des 
jungen  Menschen  schon  fruhzeitig  beeinfluBt.  Kiinstlerische  Neigungen,  die 
vom  Vater  aber  aufs  entschiedenste  abgelehnt  wurden,  zeigte  bereits  der 
Knabe.  In  seinem  dritten  Sohne  wollte  der  alte  T.  namlich  sich  einen  Nach- 
folger  fiir  sein  Geschaft  erziehen.  Deshalb  wurde  der  junge  Mensch  nach  Ab- 
solvierung  der  Schulzeit  ohne  weiteres  nach  Hanau  geschickt,  um  dort  die 
notige  kunstgewerbliche  Ausbildung  zu  erhalten.  Immer  wieder  besturmte  der 
Sohn  den  Vater  vergeblich,  ihn  doch  Maler  werden  zu  lassen.  Erst  als  die 
Mutter,  die  immer  auf  der  Seite  ihres  Kindes  gestanden,  darauf  bestand,  daB 
man  doch  wenigstens  einmal  einen  Maler  fragen  mochte,  ob  Wilhelm  wirklich 
Talent  genug  besaBe,  um  den  Beruf  des  Malers  zu  ergreifen,  entschloB  sich 
der  Vater,  die  Arbeiten  des  Sohnes  dem  beruhmten  Anselm  Feuerbach  vorzu- 
legen,  der  damals  gerade  zum  Besuch  bei  seiner  Mutter  in  Heidelberg  weilte. 
T.  hat  dem  Meister  niemals  vergessen,  daB  sein  warmes  Eintreten  dem  Gold- 
schmiedssohn  den  Weg  zur  Kunst  freigemacht  und  nunmehr  dessen  heiBer 
Wunsch,  die  Kunstschule  in  Karlsruhe  besuchen  zu  diirfen,  erfullt  wurde. 
Ein  Jahr,  vom  Fruhling  1868  bis  1869,  blieb  er  dort,  um  dann  auf  den  Rat 
seines  Lehrers,  des  Schlachtenmalers  Feodor  Dietz,  nach  Miinchen  sich  zu 
begeben,  wo  er  zunachst  in  das  Atelier  des  Piloty-Schulers  Alexander  Wagner 
eintrat.  Die  bald  darauf  stattfindende  Eroffnung  der  internationalen  Aus- 
stellung  im  Miinchener  Glaspalast  aber,  in  der  so  bedeutende  Erscheinungen 
des  Auslandes,  wie  Courbet,  Millet  und  Manet  zum  ersten  Male  vor  die  deutsche 
Offentlichkeit  traten,  die  ferner  die  teilweise  besten  Werke  von  Feuerbach, 
Victor  Miiller,  Leibl,  Makart,  Griitzner,  Bocklin,  Iyindenschmit,  Piloty,  Canon, 
Franz  Adam  und  anderen  Malern  enthielt,  brachte  ihm  zum  BewuBtsein, 
daB  man  das  Beste  doch  nur  von  den  besten  Kiinstlern,  niemals  in  einer 
Massenerziehungsanstalt  erlernen  konne,  er  also  falsch  am  Orte  sei.  Der  Aka- 
demiebesuch  wurde  also  aufgegeben,  und,  da  T.  den  Maler  Hans  Canon 
bereits  in  Karlsruhe  kennengelernt  hatte,  dessen  Bilder  gut  gefunden  und  ihn. 


Triibner  1 65 

als  Lehrer  hatte  riihmen  horen,  entschloB  er  sich  kurzerhand,  diesem,  der 
damals  von  Karlsruhe  nach  Stuttgart  iibersiedelte,  dorthin  als  Schuler  zu 
folgen.  T.  hatte  nicht  besser  wahlen  konnen;  denn  obwohl  Canon  nicht  be- 
sonders  originell  war,  beherrschte  er  doch  das  Handwerk  und  dessen  Aus- 
drucksmoglichkeiten  in  ganz  iiberragender  Weise.  Er  lenkte  des  jungen  Kiinst- 
lers  Aufmerksamkeit  auf  die  besten  Vorbilder  und  lehrte  ihn,  die  Malerei  als 
hohe  Kunst  treiben.  Die  leuchtende  Farbe  T.s,  die  representative  Haltung 
seiner  Bildnisse,  seine  groBe  Auffassung  gehen  unzweifelhaft  auf  Canon  zuriick, 
ebenso  auch  seine  Vorliebe  fiir  Rubens.  Canon  muB  ein  sehr  schnell  fordernder 
Lehrer  gewesen  sein;  denn  in  seinem  Atelier  malte  T.  im  Winter  1869/70 
das  jetzt  in  der  Karlsruher  Galerie  hangende  Bild  der  beiden  Alten  »in  der 
Kirche«.  Fiir  einen  Neunzehnjahrigen  eine  iiberraschend  gute  Leistung.  Im 
Sommer  1870  schickte  der  Meister  den  Schuler  auf  Galeriestudien  nach  Frank- 
furt, Kassel,  Weimar,  Gotha,  Braunschweig,  Dresden  und  Berlin,  und  im 
Herbst  des  Jahres  zog  der  junge  Maler  wieder  nach  Munchen,  wo  er  auf  Rat 
Karl  Pilotys  in  das  eben  eingerichtete  Atelier  von  Wilhelm  Diez  als  Schuler 
eintrat.  Das  Vorbild  von  Wilhelm  Diez  bestarkte  ihn  in  seiner  von  Canon 
schon  erweckten  Vorliebe  fiir  die  Kunst  der  alten  Hollander  und  Flamen. 
Eine  starke  Anregung  gab  ihm  auBerdem  der  Verkehr  mit  dem  Wiener  Maler 
Charles  Schuch,  dessen  Beispiel  ihn  verlockte,  Landschaften  zu  malen.  Durch 
ihn  machte  er  auch  die  Bekanntschaft  Wilhelm  Leibls,  der,  nachdem  er  T.s 
Arbeiten  gesehen,  dem  jungen  Kiinstler  riet,  die  Schule  zu  verlassen  und  auf 
eigene  Hand  weiterzuschaffen.  Hatte  T.  Leibl  schon  langst  bewundert,  so 
entschied  er  sich  jetzt,  ihn  zu  seinem  Fiihrer  in  der  Malerei  zu  erwahlen.  Am 
liebsten  ware  er  dessen  Schuler  geworden;  aber  darauf  liefl  Leibl  sich  nicht 
ein,  und  so  beschrankte  das  Verhaltnis  der  beiden  sich  darauf,  dafi  T.  ein 
Bild  Leibls —  den  » Jungen  mit  der  Halskrause* —  erwarb,  um  die  Malweise 
Leibls  recht  genau  studieren  zu  konnen.  Mit  seiner  Begeisterung  fiir  den  groBen 
Kiinstler  steckte  er  eine  ganze  Reihe  von  anderen  jungen  Malern  an,  aus 
denen  der  sogenannte  »  Leibl- Kreis«  —  es  gehorten  auBer  T.,  Schuch  und 
Lang,  die  Maler  Hirth,  Alt,  Sped,  Schider,  Sattler,  Wopfner  und  Hans  Thoma 
dazu  —  sich  zusammensetzte.  Man  traf  sich  im  Cafe  Probst,  beim  Letten- 
bauer  oder  im  Orlando  di  Lasso,  wo  auch  Leibl  einzukehren  pflegte  und  den 
Mittelpunkt  der  Gesellschaft  und  der  Gesprache  bildete. 

T.  war  eine  zu  starke  Individuality,  als  daB  es  ihm  moglich  gewesen  ware, 
ganz  auf  Leibls  Art  sich  einzustellen.  Er  sah  ihm  in  der  Tat  nicht  viel  mehr 
als  gewisse  handwerkliche  Gewohnheiten,  wie  das  alia  prima-Malen,  die  ge- 
wissenhafte  Wiedergabe  von  Handen  und  den  Aufbau  des  Bildes  aus  farbigen 
Flachen  ab,  eine  Malweise,  die  er  selbst  im  Laufe  der  Zeit  immer  weiter  aus- 
bildete  und  die  fiir  ihn  iiberaus  charakteristisch  geworden  ist.  Wie  wenig  er 
an  Selbstandigkeit  durch  die  Bewunderung  fiir  Leibl  eingebiiBt,  bezeugen 
die  Bilder  » Junge  am  Schrank«,  das  »Madchen  auf  dem  Kanapee«  und  »Im 
Atelier «,  die  mit  den  in  Konkurrenz  mit  Hans  Thoma  gemalten  »Raufenden 
Buben«  samtlich  im  Jahre  1872  entstanden  sind.  Auch  das  Bildnis  seines 
Tauf paten,  des  »  Burgermeister  Hof  meister  «  in  Heidelberg,  entstammt  diesem 
Jahre.  Im  Herbst  1872  traf  er  in  Venedig  mit  Schuch  zusammen,  um  mit 
diesem  Italien  zu  bereisen.  Nachdem  sie  die  wichtigsten  Galerien  des  Landes 
gesehen,  lieBen  die  Freunde  sich  in  Rom  nieder,  um  die  gewonnenen  Erf  ah- 


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rungen  —  fiir  T.  die  reichere  Farbe  aus  dem  Studium  der  italienischen  Ko- 
loristen  und  der  handfeste  Luminarismus  der  Spanier  —  in  eigenen  Bildern 
zu  verwerten.  Aus  dieser  Zeit  stammen  die  drei  Bilder  eines  Mohren,  ein  paar 
Aktstudien,  das  Bild  »Beim  romischen  Wein«  und  der  kniend  »Singende 
Monch*.  Im  Herbst  1873  kehrte  T.  nach  Heidelberg  zuriick,  malte  in  Er- 
innerung  an  Velazquez  die  Bildnisse  der  Eltern,  das  einer  Cousine  mit  Facher, 
mehrere  Selbstbildnisse,  das  Interieur  »Im  Heidelberger  Schlofl«  und  vier 
Wildstilleben,  die  Schuch  erwarb,  um  sie  als  Vorbilder  fiir  seine  eigene  Stilleben- 
malerei  zu  benutzen. 

Der  Fruhling  1874  findet  die  beiden  Freunde  in  Briissel,  von  wo  aus  sie 
Belgien  und  Holland  bereisen,  Galeriestudien  machen  und  wo  sie  schlieBlich 
ein  Atelier  mieten,  um  festzustellen,  was  sie  bei  ihrem  Studium  profitiert 
haben.  T.  malt  in  drei  Abwandlungen  einen  »Christus  im  Grabe«  in  kuhner 
Verkiirzung  von  den  Fiifien  her  gesehen,  eine  Mischung  aus  Erinnerungen  an 
Mantegna,  Rubens,  Ribera  und  Rembrandt  und  ein  genrehaft  gehaltenes 
Bildnis  des  mit  ihnen  reisenden  Malers  Hagemeister,  dem  eine  junge  Dame 
eine  Schale  mit  Friichten  anbietet.  Fiir  den  Sommer  setzen  sich  die  Freunde 
am  Chiemsee  fest,  wo  die  ersten,  bereits  vollig  meisterhaften  Landschaften 
T.s,  zwei  auf  Grau  und  ein  dunkles  Griin  gestimmten  Bilder  des  Schlosses 
auf  der  Herreninsel,  der  »Dampfersteg«  und  ein  Bild  des  Sees  entstehen.  Vom 
Herbst  1874  bis  ebendahin  1875  absolviert  T.  seine  einjahrige  Dienstpflicht 
beim  3.  Badischen  Dragonerregiment  in  Karlsruhe,  malt  in  dieser  Zeit  nur 
einige  Selbstbildnisse  und  vereinigt  sich  danach  wieder  mit  Schueh  zu  gemein- 
samer  Arbeit  in  Miinchen.  Es  kommt  nun  zu  wahrhaften  Meisterleistungen 
auf  dem  Gebiete  der  Bildnismalerei,  als  deren  hauptsachlichste  die  »Dame 
in  Grau«,  »Maler  Schuch «,  »Dame  in  Braun«,  »Dichter  Martin  Greif «,  » Blonde 
Dame  mit  Hut  und  Pelz«,  »  Brunette  Dame  mit  Pelz«  und  »Mann  mit  rotem 
Bart«  genannt  seien.  Diese  Iyeistungen  stehen  als  Malerei  weit  iiber  allem,  was 
sonst  in  dieser  Zeit  an  Bildnissen  hervorgebracht  worden  ist,  und  zeigen,  was 
ein  begabter  Mensch  von  Rubens,  Velazquez  und  Hals  lernen  kann,  ohne  sie 
nachzuahmen.  Und  doch  hatte  T.  mit  solchen  Prachtstiicken  in  dieser  Periode 
der  falsch  verstandenen  Renaissance  nicht  den  geringsten  Erfolg,  was  ihn  sehr 
niederdriickte.  Ein  Vierteljahrhundert  spater  rissen  sich  indessen  die  deutschen 
Galerien  um  die  verkannten  Meisterwerke,  und  heute  weiJ3  man,  daB  sie  zum 
Besten  gehoren,  was  die  deutsche  Kunst  des  19.  Jahrhunderts  hervorgebracht 
hat.  T.  trostete  sich  nun  wieder  mit  Landschaftsmalen  am  Wefilinger  See, 
wo  einige  seiner  am  meisten  geschatzten  Bilder,  der  »Badeplatz«,  der  »Zimmer- 
mannsplatz«  entstanden,  denen  dann  in  Bernried  noch  ein  paar  Waldbilder 
und  der  »Kartoffelacker«  folgten.  Nachdem  im  Herbst  1876  Schuch  von  ihm 
sich  getrennt  und  in  Miinchen  der  sogenannte  Leibl-Kreis  sich  aufgelost 
hatte,  packte  T.  die  L,ust,  seinen  Munchener  Widersachern  nun  einmal  auf 
ihren  eigenen  Gebieten  Konkurrenz  zu  machen.  Er  malte  eine  Anzahl  heute 
zum  Teil  verschollener  Genrebilder,  wie  die  »Kunstpause«  in  einer  Tischler- 
werkstatt,  »Leichte  Kavallerie«,  »Modellpause«,  » Munchener  Wachtparade«, 
ferner  Phantasiebilder,  wie  die  drei  Bilder  mit  Zentaurenpaaren,  »Mars  und 
Venus  <(,  Giganten-  und  Lapithenkampfe,  die  I^iebessunderinnen  aus  i>Dantes 
H611e«,  eine  » Amazonenschlacht «,  eine  »Kreuzigung«  und  eine  » Wilde  Jagd«, 
sodann  Historien,  wie  »Gefangennahme  Friedrich  des  Schonen«,  »Tilly  reitet 


Triibner  167 

in  einen  Dom«,  und  endlich  gar  Theaterszenen  wie  »Adelheid  und  Franz*, 
♦Lady  Macbeth*;  aber  auch  mit  diesen  Schopfungen  hatte  er  keine  Erfolge, 
teils  weil  das  Gegenstandliche  auBerhalb  seiner  Begabung  lag,  teils  weil  er 
das  Reinmalerische  zu  stark  in  den  Vordergrund  gestellt  hatte  oder  zu  viel 
Wirklichkeitsgefuhl  gezeigt,  wodurch  er  den  Anschein  erweckte,  er  verspotte 
auf  seine  Weise  das,  was  andere  Kiinstler  gemacht.  Ganz  verzagt,  begab  er 
sich  1884  zum  Besuche  von  Verwandten  nach  London,  wo  er  einige  Bildnisse 
malte  und  »Ludgate  Hill«,  die  Strafle,  in  der  das  Geschaftshaus  seines  Onkels 
lag,  dessen  beruhmte  Biichersammlung  er  1885  als  Vermachtnis  des  Verstor- 
benen  der  Heidelberger  Universitatsbibliothek  iiberbrachte.  Durch  das  Erbe 
seiner  inzwischen  ebenfalls  verstorbenen  Eltern  in  eine  vollig  unabhangige 
Lage  versetzt,  war  er  jetzt  nahe  daran,  die  Malerei  einfach  aufzugeben  und 
ganz  seiner  Sammlerneigung  zu  leben ;  doch  da  er  die  Sommer  auf  dem  Lande 
zu  verbringen  pflegte,  erwachte  nach  kurzer  Pause  wieder  seine  Lust  an  der 
Natur  und  am  Landschaftern.  In  Paris,  das  er  1889  besucht,  hatte  er  die 
Bemiihungen  der  Maler  gesehen,  die  Natur  hell,  in  naturlichen  Farben  und  im 
Lichte  der  Sonne  wieder zugeben,  und  er  versuchte  nun,  am  Chiemsee  es  ihnen 
nachzutun.  Sehr  bezeichnend  fiir  diese  Bemiihungen  ist  die  »Landschaft  mit 
der  Fahnenstange«  von  1891.  Ein  Jahr  spater  lafit  er  sich  in  Seeon  nieder, 
wo  er  eine  Reihe  ausgezeichneter  Bilder  des  Klostergebietes  und  des  Sees 
malt.  Dann  folgen  Landschaften  vom  Bodensee  und  aus  dem  Schwarzwald, 
und  da  er  sich  jetzt  wieder  ganz  in  Form  fuhlt,  betatigt  er  sich  auch  wieder 
als  Bildnismaler,  portratiert  eine  Anzahl  mehr  oder  minder  schoner  bekannter 
Damen  und  Modelle,  und  zweimal  den  »Schottenjungen«.  Auch  schriftstelle- 
risch  tritt  er  hervor,  indem  er  in  einer  zunachst  anonym  erschienenen  Bro- 
schiire  »Das  Kunstverstandnis  von  heute«  dem  schlechten  Geschmack  des 
Publikums  und  den  ihm  immer  trostloser  erscheinenden  Kunstzustanden  in 
Deutschland  zu  Leibe  geht.  Um  seine  Ansichten  iiber  das,  was  er  in  der  Kunst 
fiir  gut  hielt,  in  die  Praxis  zu  ubertragen,  richtete  er  in  der  GroBen  Berliner 
Kunstausstellung  von  1895  Kollektiworfuhrungen  von  Werken  Leibls,  Hans 
Thomas,  Victor  Mullers  und  eigener  Arbeiten  ein,  die  starke  Beachtung  fanden 
und  den  Ausstellenden  mit  einem  Schlage  zur  Beriihmtheit  verhalfen.  Die 
wichtigen  deutschen  Galerien  begannen  nun,  sich  allmahlich  mit  Werken  T.s 
zu  versehen.  Nur  in  Miinchen  lieB  man  ihn  immer  noch  nicht  gelten.  Aus 
diesem  Grunde  verlieB  er  die  ihm  so  wenig  wohlwollende  Kunststadt  1896 
und  begab  sich  nach  Frankfurt  a.  M.,  wo  sein  alter  Freund  Hans  Thoma 
wirkte.  Er  wurde  nach  einiger  Zeit  Lehrer  an  dem  Stadelschen  Kunstinstitut 
und  entwickelte  als  solcher  eine  ungewohnlich  fruchtbare  Tatigkeit.  In  aller 
Stille  vollzog  sich  hier  die  Wandlung  zum  Freilichtmaler,  und  nachdem  es 
ihm  gelungen  war,  seine  Landschaften  auf  helle  Farben  und  Harmonien  zu 
stimmen,  versuchte  er,  die  neue  Anschauungsweise  auch  auf  das  Figurenbild 
und  das  Portrat  zu  ubertragen.  Zunachst  malte  er  einige  Akte  im  Griinen, 
wobei  er  die  warme,  durch  Rot  bestimmte  Farbe  des  Fleisches  durch  den 
Gegensatz  kuhler  griiner  Reflexe  sehr  wirkungsvoll  zu  heben  wuBte.  Diese 
Aktstudien  gehen  unter  den  Titeln:  »Adam  und  Eva«,  »Urteil  des  Paris «, 
♦Susanna  im  Bade«,  » Salome «  u.  a.,  fanden  jedoch  wenig  Beifall  beim  Publi- 
kum,  weil  den  malerischen  Vorziigen  durchaus  keine  geistigen  zur  Seite 
standen.  Um  so  mehr  Erfolg  hatten  die  bald  darauf  entstandenen  Reiter- 


i68  1917 

bildnisse,  weil  fiir  den  Reiter  das  Freilicht  das  Natiirliche  ist,  weil  T.s  breite 
Malerei  dem  Gegenstande  angemessen  erschien  und  sein  Gefuhl  fiir  das  Re- 
presentative hierbei  zur  schonsten  Geltung  kam.  Diese  Reiterbildnisse  ge- 
horen  nicht  nur  zu  des  Kunstlers  originellsten  Schopfungen,  sondern  auch 
zu  den  eigenartigsten  in  der  Malerei  des  19.  Jahrhunderts.  Sie  stellen  mit  ihrem 
leuchtenden  Rotbraun,  smaragdenen  Griin  und  den  bunten  Uniformen  das 
auBerste  an  Farbe  dar,  was  seit  den  Tagen  der  alten  deutschen  Meister  in 
Bildern  gezeigt  wurde,  und  sind  als  prachtvolle  Malerei  nicht  genug  zu  be- 
wundern. 

Im  Jahre  1900  vermahlte  T.  sich  mit  seiner  begabten  Schulerin  Alice 
Auerbach,  deren  reifes  und  sicheres  Kunsturteil  er  schatzen  gelernt  hatte. 

Drei  Jahre  spater  folgte  er  dem  Rufe  seines  Landesherrn,  des  GroBherzogs 
Friedrich  I.  von  Baden  zur  Ubernahme  eines  Lehramtes  an  der  Karlsruher 
Akademie.  Er  wirkte  dort  sehr  anregend  als  Lehrer  sowohl  wie  auch  als  Maler. 
Er,  den  man  in  Munchen  so  griindlich  miBachtet  hatte,  portratierte  nun,  wie 
Lenbach,  Fiirsten  und  groBe  Herren.  Seine  Bildnisse  des  GroBherzogs  von 
Baden,  des  GroBherzogs  von  Hessen,  des  Hamburger  Burgermeisters  Moncke- 
berg  stehen  turmhoch  iiber  dem  Ublichen  und  Gewohnten.  Auch  Wand- 
gemalde  wurden  ihm  in  Karlsruhe  iibertragen.  MiBgliickt  sind  ihm  im  allge- 
meinen  allerdings  die  vielen  Freilichtbildnisse,  die  er  in  dieser  Zeit  malte.  Im 
Portrat  will  man  vor  allem  den  darzustellenden  Menschen,  das  Positive  der 
Erscheinung,  nicht  zufallige  Zustande,  wie  sie  das  Spiel,  das  Sonnenstrahlen 
auf  dem  Gesicht  erzeugt.  Den  Irrtum,  dem  T.  in  dieser  Beziehung  sich  hin- 
gab,  hat  er  allerdings  reichlich  ausgeglichen  durch  die  wundervollen,  von 
starker  Empfindung  fiir  die  Natur  und  die  Herrlichkeit  ihres  Farbenkleides 
zeugenden  Landschaften,  die  er  in  Amorbach,  Hemsbach,  am  Starnberger  See 
und  im  Stift  Neuburg  malte.  Sie  stehen  in  ihrer  festen  Form,  die  nicht  ver- 
hindert,  daB  Licht  und  I^uft  voller  Leben  erscheinen,  in  ihrer  reichen  Farbig- 
keit  und  Leuchtkraft  in  der  deutschen  Kunst  unerreicht  da.  Sie  sichern  dem 
Namen  Wilhelm  Triibner  Unsterblichkeit,  soweit  diese  nicht  schon  durch  die 
meisterhaften  Schopfungen  der  Fruhzeit  begriindet  wird. 

T.s  Schriften  »Das  Kunstverstandnis  von  heute«,  »Die  Verwirrung  der 
Kunstbegrif f e «  und  »Personalien  und  Prinzipienc  sind  mehr  oder  minder  ge- 
lungene  Versuche,  der  Allgemeinheit  klarzumachen,  was  er  in  seiner  Kunst 
erstrebt  hat  und  erreicht  zu  haben  glaubt,  versehen  mit  Seitenhieben  auf 
die  akademischen  Richtungen,  denen  das  Publikum  allezeit  eine  ungleich 
groBere  Beachtung  geschenkt  hat  als  den  wirklichen  Meistern,  den  individuell 
Schaffenden.  Fiir  einen  solchen  sich  zu  halten,  hatte  T.  vollkommen  recht, 
und  daB  er  der  Kunst  selbstlos  gedient,  ist  kein  Zweifel;  aber  eine  gewisse 
Starrheit  der  Empfindungsweise  und  geistige  Unbeweglichkeit  verhinderten 
ihn,  zu  so  tieferregenden  Wirkungen  zu  kommen,  wie  sie  von  den  Schopfungen 
Diirers,  Holbeins,  Frans  Hals',  Rembrandts  oder  Velazquez*  ausgehen.  Als 
Maler  schlechtweg  indessen  steht  er  als  ein  Ebenburtiger  neben  den  Aller- 
groBten,  und  was  in  ihm  als  Anlage  steckte,  hat  er  zur  hochsten  Vollendung 
gebracht.  Von  wie  wenigen  Kiinstlern  laBt  das  sich  behaupten!  Und  noch 
eines  darf  von  ihm  gesagt  werden :  Seine  gerade  und  einf ache  Natur,  die  durch 
nichts  zu  erschiitternde  Hingabe  an  seine  Ideale,  die  Ehrlichkeit  und  Sauber- 
keit  im  Handwerklichen  seiner  Kunst  kennzeichnen  ihn  als  den  deutschesten 


Triibner.  Veith  l6o 

aller  Maler,  die  das  19.  Jahrhundert  hervorgebracht.  Sein  Schaffen  bildet 
den  einstweiligen  AbschluB  der  nihmreichen  Periode  jener  deutschen  Kunst, 
deren  grofiartige  Leistungen  aus  dem  16.  Jahrhundert  in  die  Gegenwart 
heriiberleuchten. 

L,iteratur:  Eigene  Schriften:  Das  Kunstverstandnis  von  heute,  Miinchen  1892,  Casar 
Fritsch;  Die  Verwirrung  der  Kunstbegriffe,  Frankfurt  a.  M.  1898,  Riitten  &  Iyoening; 
Personalien  und  Prinzipien,  Berlin  1907,  Bruno  Cassirer;  Van  Gogh  und  die  neuen  Rich- 
tungen  der  Malerei.  Kunst  f.  Alle,  Januar  191 5;  Der  Krieg  und  die  Kunst,  Frankfurter 
Zeitung,  21.  Januar  1916;  Der  Wert  deutscher  und  franzosischer  Kunst,  Woehenschrift 
der  Berliner  Neuesten  Nachrichten,  8.  April  191 7.  —  Monographien :  Hans  Rosenhagen, 
Nr.  98  von  Velhagen  &  Klasings  Kiinstlermonographien,  1908,  Bielefeld  und  Leipzig; 
Georg  Fuchs,  W.  T.  und  sein  Werk,  1908,  Georg  Miiller,  Miinchen;  Jos.  Aug.  Beringer, 
Klassiker  der  Kunst  XXVI,  1917,  Stuttgart.  —  Schriften:  Karl  Voll,  Zeitschrift  fur  Bil- 
dende  Kunst,  1901,  Leipzig;  Georg  Hermann,  Siidwestdeutsche  Rundschau,  1902,  Frank- 
furt a.  M. ;  Hans  Rosenhagen,  Kunst  fur  Alle,  1902,  Miinchen;  L,.  Brieger-Wasservogel, 
Kunst  der  Neuzeit  Nr.  10,  1903,  Strafiburg;  Hans  Rosenhagen,  t)ber  Land  und  Meer,  1907, 
Stuttgart;  Benno  Ruttenauer,  Propylaen,  1908,  Miinchen;  ders.,  Westermanns  Monats- 
hefte,  1909,  Braunschweig;  Hans  Rosenhagen,  DaheimNr.  14,  1909,  Bielefeld  und  Leipzig; 
Wilhelm  Michel,  Ausstellung  in  Brackls  Kunsthandlung,  19 10,  Miinchen;  J.  A.  Beringer, 
Triibner- Ausstellung  in  Karlsruhe  191 1,  Leipzig,  Kunstchronik ;  Karl  Scheffler,  Kunst  und 
Kiinstler,  191 1,  Berlin;  Robert  Breuer,  Reclams  Universum  XXVII,  191 1,  Leipzig; 
Georg  Jak.  Wolf,  Jugend  Nr.  4,  191 1,  Miinchen;  J.  A.  Beringer,  Kunst  fur  Alle,  191 1, 
Miinchen;  E.  Bender,  Kunst  und  Jugend,  191 1,  Stuttgart;  Albert  Geiger,  Der  Turmer, 
191 2,  Stuttgart;  Hans  Rosenhagen,  Kunst  unserer  Zeit,  1909,  Miinchen;  Wilhelm  Schafer, 
Deutsche  Maler,  1910,  Diisseldorf ;  J.  A.  Beringer,  Deutsche  Kunst  und  Dekoration,  1916, 
Darmstadt;  Paul  Kiihn,  Ulustrierte  Zeitung,  1909,  Leipzig;  Emil  Waldmann,  Vorwort 
zur  II.  Auflage  von  Personalien  und  Prinzipien,  Berlin;  Willy  F.  Storck,  Katalog  zur 
Triibner- Ausstellung  Basel  1927;  Wilhelm  Gobel,  ebendort,  1927.  —  Kunst geschichten : 
Richard  Muther,  Springer-Osborn,  Lubke-Semrau-Haack,  Alfred  Koppen,  Meier-Graefe, 
Rosenberg-Rosenhagen,  Richard  Hamann,  Wilhelm  Hausenstein. 

Berlin.  Hans  Rosenhagen. 


Veith,  Rudolph  Hugo,  *  am  1.  Juni  1846  in  Bobischau,  Kreis  Habelschwerdt, 
t  am  13.  Marz  1917  in  Berlin.  —  Nachdem  Rudolph  V.  die  ersten  Kind- 
heitsjahre  in  Bobischau  verlebt  hatte,  wurde  sein  Vater,  von  Beruf  Steuer- 
beamter,  nach  Breslau  versetzt.  Der  kleine  Rudolph  besuchte  dort  zuerst  die 
Elementarschule,  spater  —  von  1856  ab  —  das  katholische  Gymnasium  zu 
St.  Matthias,  das  er  1865  verlieB,  um  ein  Jahr  lang  als  Maschinenbau-  und 
Hutteneleve  in  Malapane  die  praktischen  Grundlagen  fiir  den  von  ihm  er- 
wahlten  Beruf  des  Maschineningenieurs  zu  erwerben.  Auf  der  Provinzial- 
Gewerbeschule  in  Schweidnitz  legte  er  1867  die  Reifepriifung  ab,  arbeitete  so- 
dann  in  der  Maschinenbauanstalt  des  »Fabrikenkonimissarius«  F.  G.  Hofmann 
(Maschinen-  und  Olfabrik  Koinonia)  sowie  in  den  Werkstatten  der  Oberschle- 
sischen  Eisenbahn  bis  zum  1.  Februar  1869  praktisch  und  trat  hierauf  zur  Ab- 
leistung  seiner  Dienstpflicht  als  Maschinistenapplikant  bei  der  Maschinen- 
kompagnie  der  Kaiserl.  Werftdivision  ein.  Sein  Dienstjahr  verlangerte  sich  un- 
erwartet  durch  den  Ausbruch  des  Deutsch-Franzosischen  Krieges,  wahrend- 
dessen  er  anfangs  auf  der  Panzerfregatte  »Friedrich  Karl«,  spater —  als  dienst- 
tuender  Maschinist —  auf  dem  Aviso  »Adler«  kommandiert  war. 

Nach  Kriegsende  bezog  V.  im  Oktober  187 1  die  Konigl.  Gewerbeakademie 
in  Berlin,  wo  er  sich  dem  Studium  des  Schiffsmaschinenbaufachs  widmete.  In 


170  1917 

der  Studienzeit  lieBen  ihn  sein  reger  FleiB,  sein  Streben  nach  Vervollkommnung 
seines  Wissens  und  Konnens  selbst  in  den  Akademief erien  nicht  f eiern ;  er  nutzte 
sie,  um  in  verschiedenen  Berliner  Konstruktionsbureaus  sich  zeichnerisch  und 
konstruktiv  zu  betatigen.  Aber  auch  sonst  fiillte  ihn  das  Studium  allein  nicht 
aus.  Im  akademischen  Verein  »Hutte«,  dem  er  allezeit  ein  treues  und  eifriges 
Mitglied  gewesen  ist,  beteiligte  er  sich  an  alien  wissenschaftlichen  Unterneh- 
mungen,  und  sein  den  Lernstoff  tief  durchdringender,  das  Wesentliche  stets 
scharf  erfassender  Verstand  trieb  ihn  schon  damals  dazu,  im  Verein  mit  geistig 
hochstehenden  Freunden  die  Bearbeitung  eines  fiir  Studienzwecke  bestimmten 
Lehrbuchs  der  technischen  Mechanik  zu  ubernehmen  und  damit  auch  weniger 
begabten  Kommilitonen  die  Erreichung  ihres  Ausbildungszieles  zu  erleichtern. 
Nach  Ablegung  der  Diplomprufung  am  27.  Juli  1874  tat  er  zunachst  bei  der 
Stettiner  Maschinenbau-A.-G.  Vulcan  in  Stettin-Bredow  als  Maschinenbau- 
ingenieur  Dienst,  um  jedoch  bald  in  gleicher  Eigenschaft  in  das  Konstruktions- 
bureau  der  Markisch-Schlesischen  Maschinenbau-A.-G.  vorm.  F.  A.  Egells, 
Berlin,  iiberzusiedeln,  wo  er  unter  der  trefflichen  Anleitung  des  damaligen 
Direktors  dieser  Firma,  Jungermann,  wertvolle  Anregungen  erhielt. 

Am  15.  April  1875  trat  Rudolph  V.  in  den  Dienst  der  damals  noch  kleinen, 
aber  in  langsamem  Aufbluhen  begriffenen  deutschen  Kriegsmarine  ein.  Er 
wurde  zunachst  zur  » probe weisen  Beschaftigung«  als  Marine-Maschinenbau- 
Ingenieuraspirant  der  Kaiserl.  Werft  in  Wilhelmshaven  iiberwiesen,  wo  er  sich 
schnell  die  Zuneigung  und  das  Vertrauen  seiner  Vorgesetzten  erwarb.  Schon  die 
ersten  Qualifikationsberichte  heben  seine  hervorragende  Befahigung,  seine  um- 
fassenden  Kenntnisse  und  seinen  regen  Diensteifer  hervor,  und  der  Vorschlag, 
ihn  zum  Marine-Maschinenbau-Unteringenieurzu  befordern,  brachte  zugleich — 
ein  gewiB  seltener  Fall  —  den  Antrag  an  die  Berliner  Zentralbehorde  heran, 
ihm  »in  Anerkennung  seines  FleiBes«  eine  besondere  Belobigung  zu  erteilen. 
So  arbeitsreich  diese  Zeit  war,  so  engte  sie  doch  seinen  angeborenen,  ihm  bis  ins 
hohe  Alter  treu  gebliebenen  Frohsinn  nicht  sonderlich  ein.  In  jugendlicher  Un- 
bekummertheit  durchstreifte  er  damals  im  Kreise  gleichgesinnter  Kollegen  die 
Stadtchen  und  Dorfer  der  Umgegend,  und  so  manche  Geschichte  aus  dieser 
Zeit,  so  mancher  Jugendstreich  lebte  spater  in  seinen  Erzahlungen  wieder  auf 
zur  Freude  aller,  die  das  Gluck  hatten,  ihm  in  solchen  Stunden  geruhsamer  Er- 
holung  zuhoren  zu  diirfen. 

Am  19.  Juli  1878  verheiratete  er  sich  mit  Fraulein  Katharina  Asmus;  mit 
innigem  Verstandnis  fiir  die  Eigenart  des  mit  Arbeit  und  Verantwortung  tiber- 
lasteten,  dabei  zu  immer  hoheren  Wiirden  aufsteigenden  Gatten  hat  diese  Frau 
ihm  allezeit  treu  zur  Seite  gestanden  und  Freud'  und  Leid  mit  ihm  geteilt. 

Nachdem  V.  1883  zum  Maschinenbau-Ingenieur  befordert  worden  war,  wurde 
er  1885  als  Baubeaufsichtigender  fiir  Torpedoboote  zur  Firma  F.  Schichau  nach 
Elbing  kommandiert.  Mit  diesem  Kommando  erhielt  sein  Leben  eine  entschei- 
dende  Wendung.  Schon  damals  genofl  Schichau  im  Torpedobootsbau  Weltruf, 
und  an  dieser  Statte  eines  grofiziigigen,  alle  Moglichkeiten  bis  zur  auBersten 
Grenze  erschopfenden  konstruktiven  Wirkens  konnte  V.  am  besten  den  Grund 
zu  der  Fiille  von  Sonderkenntnissen  und  -erfahrungen  legen,  die  ihn  spater  zu 
hohen  Leistungen  auf  dem  Gebiete  des  Torpedobootsbaues  befahigten.  Fiinf 
Jahre  lang  hat  er  in  dieser  Stellung  gearbeitet  und —  gelernt.  Eine  Reihe  lite- 
rarischer  Arbeiten,  die  in  der  Marine- Rundschau  abgedruckt  wurden,  legt 


Veith  I  yx 

Zeugnis  ab  von  dem  Geiste,  mit  dem  er  die  damals  gewonnenen  Eindriicke  fur 
die  weitere  Entwicklung  im  Interesse  der  Marine  nutzbar  zu  machen  be- 
strebt  war. 

1890  wurde  V.  als  Marine-Maschinenbaumeister  der  Kaiserl.  Werft  in  Kiel 
zugeteilt.  Nach  voriibergehender  Beschaftigung  im  Maschinenbauressort  er- 
nannte  man  ihn  nebenamtlich  zum  technischen  Beirat  des  Torpedoressorts  und 
iiberwies  ihn  nach  der  1891  erfolgten  Beforderung  zum  Marine-Maschinenbau- 
Inspektor  dem  letztgenannten  Ressort  zu  hauptamtlicher  Beschaftigung.  Von 
hier  aus  wurde  er  1893  »zum  Studium  des  Baues  und  Betriebes  der  Thornycroft- 
Wasserrohrkessel  fiir  Torpedoboote  bzw.  auf  Torpedobooten «  nach  England 
geschickt,  wo  er  Gelegenheit  erhielt,  aus  eigener  Anschauung  die  Arbeitsstatten 
kennenzulernen,  die  zu  jener  Zeit  im  Kriegsschiffbau  fiihrend  waren.  Wenn 
sich  die  deutsche  Marine-Maschinenbautechnik  in  der  Folgezeit  sehr  bald  auf 
eigene  FiiBe  gestellt  und  den  englischen  Lehrmeister  zum  mindesten  erreicht, 
wenn  nicht  iiberflugelt  hat,  so  durfte  —  neben  den  Maschinenbaubetrieben  der 
groBen  deutschen  Werften  und  ihren  Iyeitern  —  V.  einen  erheblichen  Anteil  an 
dieser  Entwicklung  fiir  sich  in  Anspruch  nehmen. 

An  ein  mehrjahriges  Kommando  zur  Dienstleistung  in  der  Konstruktions- 
abteilung  des  Reichsmarineamts  zu  Berlin,  wahrenddessen  er  unter  der  Ober- 
leitung  des  durch  seine  Verdienste  um  die  wirtschaftliche  Weiterentwicklung 
der  Schiffs-Dampfkolbenmaschinen  und  die  Einfiihrung  der  Wasserrohrkessel 
in  die  Marine  bekannten  Geh.  Admiralitatsrats  Langner  eine  verantwortliche 
Stellung  innehatte  und  daneben  auch  noch  die  Baubeaufsichtigung  fiir  die 
Maschinenanlagen  der  damals  beim  Stettiner  Vulcan  in  Bau  befindlichen 
Kriegsschif  f  e  ausiibte,  wurde  dem  inzwischen  zum  Marinebaurat  und  Maschinen- 
baubetriebsdirektor  Beforderten  die  technische  I,eitung  bei  der  Kaiserl.  In- 
spektion  des  Torpedo wesens  in  Kiel  iibertragen.  Hier  riickte  er  1898  zum 
Marine-Oberbaurat,  1899  zum  Geheimen  Marinebaurat  und  Maschinenbau- 
direktor  auf. 

In  dieser  Stellung,  die  ihm  zum  ersten  Male  eine  selbstandige  schopferische 

Tatigkeit  ermoglichte,  hat  V.  Leistungen  vollbracht,  die  seinen  Ruf  auch  nach 

auBen  hin  fest  begnindeten.  Die  Weiterentwicklung  der  groBen  Torpedoboote, 

die  mit  erheblichen  konstruktiven  Schwierigkeiten  verbundene  Anlage  ge- 

"trennter  Maschinenraume,  die  Beseitigung  der  anfangs  sehr  unangenehm  in 

Urscheinung  getretenen  Vibrationen  dieser  Boote  waren  neben  vielem  anderen 

sein  Verdienst.  Mit  weitem  Blick  alle  Zukunftsmoglichkeiten  erfassend,  rasch 

aus  der  Fiille  des  Angebotenen  das  Aussichtsreiche  herausschalend,  bei  allem 

Wagen  doch  nie  das  Wagen  auBer  acht  lassend,  fand  er  zur  rechten  Zeit  mit 

genialer  Sicherheit  den  Ubergang  zur  Dampf turbine,  deren  Einfiihrung  einen 

neuen  Abschnitt  in  der  Geschichte  des  Schiffsmaschinenbaus  einleitete.  Auch 

die  Bedeutung  des  Olmotors  als  Schiffsantriebsmaschine  hat  er  schon  damals 

erkannt.  In  jahrelanger,  an  Fehlschlagen  nicht  armer,  aber  trotzdem  von  un- 

beugsamer  Zuversicht  erfiillter  Arbeit,  stets  in  engster  Fiihlung  mit  der  ein- 

schlagigen  Industrie,  hat  er  die  ersten  brauchbaren  Unterseebootsmotoren 

Dieselscher  Bauart  mit  entwickeln  helfen,  wie  ja  auch  die  Entwiirfe  zu  den 

ersten  deutschen  Unterseebooten  damals  unter  seiner  I^eitung  entstanden. 

Es  konnte  nicht  ausbleiben,  daB  die  groBen  Fahigkeiten,  die  V.  als  technischer 
Leiter  des  Torpedo-  und  Unterseebootsbaus  bewiesen  hatte,  die  Aufmerksam- 


172  1917 

keit  der  ihm  vorgesetzten  Dienststellen  auf  ihn  lenkten,  als  es  sich  danim 
handelte,  die  Stelle  des  Chefs  der  Maschinenbauabteilung  im  Konstruktions- 
departement  des  Reichsmarineamts  neu  zu  besetzen.  1906  in  dieses  Amt  be- 
rufen  und  damit  an  die  Spitze  des  gesamten  Marine-  Maschinenbaus  gestellt, 
trat  V.  nunmehr  seine  hochste  und  erfolgreichste  Dienststellung  an,  in  der  er 
zunachst  zum  Geh.  Oberbaurat,  bereits  1909  zum  Wirklichen  Geheimen  Ober- 
baurat  mit  dem  Range  der  Rate  I.  Klasse  aufstieg. 

In  die  zehn  Jahre,  wahrend  deren  es  Rudolph  V.  vergonnt  war,  in  dieser 
Stellung  tatig  zu  sein,  drangte  sich  eine  gewaltige  Ftille  von  Entwicklungsarbeit 
groBen  Stils  zusammen.  Die  schon  in  ziemlich  vorgeschrittenem  Bauzustande 
befindlichen  Dampfzylinder  der  GroBen  Kreuzer  »Scharnhorst«  und  »Gnei- 
senau«  wurden  ausgebohrt  und  damit  zu  hoherer  Leistung  befahigt,  eine  Kiihn- 
heit,  die  nur  durch  die  auf  den  Torpedobooten  gewonnenen  Erfahrungen  er- 
klarlich  war.  Schnell  kam  dann  der  Ubergang  zur  Dampfturbine,  zuerst  bei  den 
Kreuzern,  dann  auch  bei  den  Linienschiffen.  GroBter  Wert  wurde  von  V.  auf 
wissenschaftliche  Griindlichkeit  bei  der  Weiterentwicklung  dieses  Maschinen- 
typs  gelegt,  und  er  scheute  sich  gar  nicht,  Wissenschaftler  der  Technischen 
Hochschulen  zur  Mitarbeit  heranzuziehen,  wo  er  sich  davon  eine  sachliche 
Forderung  seiner  Ziele  versprach.  Damit  baute  er  auch  die  gewaltigen  Lei- 
stungen  von  mehr  als  100  000  PS,  die  in  den  Maschinenanlagen  unserer  Schlacht- 
kreuzer  kurz  vor  dem  Kriege  untergebracht  waren,  auf  fester  Grundlage  auf  und 
konnte  die  Verantwortung  fiir  Schiffsturbinenanlagen  selbst  von  300  000  PS, 
wie  sie  wahrend  des  Kriegs,  unter  Einschaltung  von  Zahnradgetrieben  hohen 
Wirkungsgrades,  entworfen  wurden,  aber  des  unglucklichen  Kriegsendes  wegen 
leider  nicht  mehr  zur  Ausfuhrung  kamen,  getrost  iibernehmen.  Selbstverstand- 
lich  hat  es  dabei  an  Schwierigkeiten  nicht  gefehlt.  Aber  seine  zahe  Beharrlich- 
keit,  die  ein  als  richtig  und  erstrebenswert  erkanntes  Ziel  nie  mehr  aus  den 
Augen  lieB,  uberwand  alle  Hindernisse,  die  sich  seinem  technischen  Wollen  in 
den  Weg  stellten.  Die  Schiffsolmaschine  hat  ebenfalls  in  ihm  einen  energischen 
Forderer  gefunden.  Beweis  dafiir  sind  die  beiden  je  zwolftausendpferdigen 
Dieselmotoren,  die  auf  seinen  Antrag  schon  1909  bzw.  1910  bei  der  Maschinen- 
fabrik  Augsburg-Niirnberg  bzw.  bei  der  Fried.  Krupp  A.-G.  Germaniawerft 
bestellt  wurden  und  die  als  Mittelmaschinen  fiir  die  L,inienschiffe  » Prinzregent 
Luitpold«  bzw.  »Sachsen«  bestimmt  waren.  Diese  Groflolmotoren,  die  ersten, 
die  je  gebaut  worden  sind,  haben  nach  Beseitigung  groBer  Schwierigkeiten  1917 
ihre  Abnahmeerprobungen  erfolgreich  beendet,  und  wenn  sie  ihrem  Bestim- 
mungszweck  nicht  mehr  zugefuhrt  werden  konnten,  so  lag  das  lediglich  an  den 
Kriegs-  und  Nachkriegsverhaltnissen  in  Deutschland.  Aber  es  unterliegt  keinem 
Zweifel,  daB  Bau  und  Erprobung  dieser  Motoren  eine  Ingenieurleistung  ersten 
Ranges  waren  und  bahnbrechend  sowie  vorbildlich  fiir  den  gesamten  Schiffs- 
olmaschinenbau  gewirkt  haben.  Handelte  es  sich  hierbei  um  groBe,  langsam- 
laufende  Dieselaggregate,  so  wurde  andererseits  unter  V.s  I^eitung  auch  der 
Grund  zur  Entwicklung  kleinerer  und  leichter,  bordbrauchbarer  Schnellaufer- 
Dieselmotoren  gelegt,  wie  sie  wahrend  des  Krieges  in  den  deutschen  Untersee- 
bootsmaschinen  das  Staunen  und  den  Neid  aller  Volker  erweckt  haben.  Und 
schlieBlich  hat  er  durch  sein  Wirken  als  Prasident  des  Preisgerichts  in  den 
beiden  Kaiserpreiswettbewerben  um  den  besten  deutschen  Flugzeugmotor  auch 
der  Flugmotorenindustrie  die  Wege  zu  einer  zielbewuBten  Entwicklung  ebnen 


Veith.  Wagner  1 73 

helfen.  Nach  der  Schlacht  vor  dem  Skagerrak,  in  der  sich  die  deutschen  Kriegs- 
schiffbauten  vorziiglich  bewahrt  haben,  wurde  ihm  das  Eiserne  Kreuz  I.  Klasse 
als  Anerkennung  seiner  Iyeistungen  zuteil.  Zahlreiche  Ehrenamter  hat  er  be- 
kleidet,  stets  mit  gleichem  Erfolge,  wie  ihn  iiberragende  Klugheit  und  wohl- 
begriindete  Autoritat  zu  verbiirgen  pflegen.  Der  Verein  Deutscher  Ingenieure, 
der  ihn  zu  seinen  Ehrenmitgliedern  zahlte,  hat  ihm  die  Grashof-Denkmunze, 
die  Schiffbautechnische  Gesellschaft  ihre  goldene  Medaille  verliehen.  Die 
Technische  Hochschule  zu  Darmstadt  verlieh  ihm  die  Wiirde  eines  Doktor- 
Ingenieurs  ehrenhalber. 

Sein  ganzes  dienstHches  Leben  hindurch  war  V.  ein  trefflicher  Vorgesetzter. 
Pflichttreu  bis  zum  Letzten,  stellte  er  zwar  an  seine  Mitarbeiter  hohe  Anforde- 
rungen,  lieB  ihnen  aber,  sobald  er  Vertrauen  zu  ihnen  gewonnen  hatte,  in  ihrem 
Arbeitsbereich  groBe  Selbstandigkeit  und  erhohte  gerade  dadurch  ihre  Arbeits- 
freudigkeit  in  hohem  MaBe.  Zu  den  fuhrenden  Mannern  der  Industrie  hielt  er 
stets  enge  Beziehungen  aufrecht.  Mogen  auch  sein  gesellschaftliches  Talent, 
seine  stets  humorvolle  Erzahlungskunst  zu  dieser  Beliebtheit  ein  gutes  Teil 
beigetragen  haben,  die  Hauptursache  lag  doch  in  seinem  immer  von  sachlichen 
Gesichtspunkten  getragenen  dienstlichen  Verhalten.  Einen  schonen  Beweis 
ihrer  Zuneigung  hat  ihm  die  Industrie  anlaBlich  der  Feier  seines  70.  Geburts- 
tages  gegeben,  indem  sie  ihm  einen  groBeren  Geldbetrag  zu  beliebiger  Ver- 
wendung  zur  Verfiigung  stellte.  Er  bestimmte  dieses  Geld  zu  einer  Stiftung, 
deren  Verwaltung  er  der  Schiffbautechnischen  Gesellschaft  iibertrug  und  aus 
der  unbemittelten  Studierenden  des  Schiffbau-  und  Schiffsmaschinenbaufachs 
nicht  nur  das  Studium,  sondern  auch  nach  dessen  AbschluB  der  Ubertritt  ins 
berufliche  Leben  erleichtert  werden  sollte.  Leider  ist  diese  »Veith-Stiftung« 
durch  die  Inflation  zum  groBten  Teil  vernichtet  worden. 

Literatur:  Die  aratlichen  Akten  des  Reichsmarineamts.  —  Ein  vom  gleichen  Verfasser 
geschriebener  Nachruf  in  der  Zeitschrif t :  Der  Olmotor,  Heft  12,  vom  Marz  19 17. 

Berlin-Iyankwitz.  Wilhelm  L,audahn. 

Wagner,  Adolf,  Dr.  phil.,  o.  Professor  der  Nationalokonomie  und  Statistik 
^n  der  Universitat  Berlin,  Wirkl.  Geh.  Rat,  Exzellenz,  *  25.  Marz  1835  in 
Brlangen,  f  8.  November  19 17  in  Berlin.  —  Adolf  W.s  Leben  und  Wirken  hat  sich 
ganz  im  Rahmen  der  Universitat  abgespielt.  Ein  Jahr  nach  seiner  Promotion 
wurde  er  Professor  und  59  Jahre  ist  er  als  solcher  tatig  gewesen.  Es  wird  nicht 
viele  Professoren  gegeben  haben,  die  diese  Ziffer  erreichten. 

Adolf  W.s  Professorenzeit  zerfallt  in  zwei  ungleiche  Teile:  eine  Zeit   der 
akademischen  Wanderschaft  von  12  Jahren  und  eine  Zeit  von  47  Jahren  in 
Berlin.  In  der  kurzen  ersten  Periode  lernte  W.  das  Ausland,  allerdings  iiber- 
"wiegend  das  benachbarte  und  stammverwandte  Ausland,  in  Wien  und  Dorpat 
mit  einer  Griindlichkeit  kennen,  wie  es  bis  dahin  einem  deutschen  Professor 
der  Nationalokonomie  noch  nicht  vergonnt  gewesen  war.  Bedeutsame  Inter- 
nationale Vergleiche  drangten  sich  ihm  von  selbst  auf  und  machten  ihn  zum 
ersten  grundsatzlichen  Vertreter  der  vergleichenden  Methode.  Die  lange  Periode 
in  der  Reichshauptstadt  umfaBt  die  Jahre  von  1870  bis  1917,  also  fast  die 
ganze  Zeit  des  neuen  deutschen  Kaisertums,  fast  ein  halbes  Jahrhundert.  Auch 
das  diirfte  seinesgleichen  kaum  finden. 


174  lw 

Wie  das  auBere  Leben,  zeichnete  sich  auch  sein  innerer  Verlauf ,  trotz  leiden- 
schaftlicher  Kampfe,  durch  grofie  Stetigkeit  aus.  Es  steht  ganz  unter  dem 
Zwang  einer  inneren  Logik.  Adolf  W.  ist  als  Spezialist  in  die  Wissenschaft 
eingetreten;  man  konnte  ihn  in  der  ersten  Zeit  seiner  Laufbahn  geradezu 
den  ersten  ausgesprochenen  Spezialisten  unter  den  deutschen  Nationaloko- 
nomen  nennen.  Dann  aber  erwuchs  aus  dem  Spezialistentum  ein  immer  starke- 
rer  innerer  Erweiterungstrieb,  so  daJ3  man  am  Ende  seiner  Laufbahn  fast 
sagen  konnte,  es  habe  unter  den  Zeitgenossen  von  Adolf  W.  keinen  deutschen 
Professor  gegeben,  der  die  eigentliche  Nationalokonomie  in  solcher  Voll- 
standigkeit  erfaBte.  Nur  Alfred  Marshall  ist  ihm  vergleichbar. 

Unter  den  deutschen  Nationalokonomen,  die  in  voller  Manneskraft  die 
Griindung  und  den  Ausbau  des  Deutschen  Reiches  erlebt  haben,  nimmt 
Adolf  W.  auch  ins6fern  eine  besondere  Stellung  ein,  als  sich  die  deutsche  Ge- 
samtentwicklung  kaum  in  dem  Wirken  eines  anderen  Gelehrten  so  bedeut- 
sam  spiegelt.  Das  erklart  sich  auBerlich  aus  der  schon  erwahnten  Tatsache, 
daB  W.  die  Entwicklung  des  neuen  Deutschen  Reiches  von  Anfang  an  bis 
tief  in  den  Weltkrieg  hinein  in  einer  fur  die  Beobachtung  und  Anteilnahme 
bevorzugten  Stellung  erlebt  hat;  und  es  erklart  sich  sachlich  daraus,  daB  W. 
als  Vertreter  eines  Faches,  das  mit  den  Wandlungen  der  letzten  Jahrzehnte 
vielleicht  starker  als  ein  anderes  verkniipft  war,  seine  Gelehrtenarbeit  stets 
als  einen  Doppeldienst  fur  Wahrheit  und  Vaterland  auffaBte  und  niemals 
zauderte,  mit  seiner  ganzen  Personlichkeit  fur  das  einzutreten,  was  er  fiir 
richtig  hielt.  Weil  er  ein  Professor  im  urspninglichen  und  hochsten  Sinn  dieses 
Wortes  war,  treten  in  seiner  Personlichkeit  die  groBen  Probleme,  die  die  Zeit 
bewegten,  besonders  eindrucksvoll  in  die  Erscheinung. 

Adolf  W.  entstammt  einer  ausgesprochenen  Professorenfamilie.  Schon  sein 
Vater  (Rudolf)  und  sein  Onkel  (Moritz)  waren  bekannte  Professoren  gewesen, 
und  auch  sein  B ruder  (Hermann)  und  sein  Schwager  (Benndorf)  sind  es  ge- 
worden.  Auch  fiir  ihn  selbst  diirfte  die  akademische  Laufbahn  fruh  festge- 
standen  haben.  Anfangs  widmete  er  sich  der  Rechtswissenschaft ;  wahrend 
aber  in  der  spateren  Generation  viele  erst  im  reifen  Lebensalter  den  Ubergang 
zur  Volkswirtschaftslehre  vornahmen,  wandte  er  sich  ihr  schon  auf  der  Uni- 
versitat  ganz  zu.  Mit  dieser  Umsattlung  hangt  es  wohl  zusammen,  daB  W. 
nicht  nur  sein  Studium  lange  ausdehnte,  sondern  auch  wahrend  seiner  Studien- 
zeit  noch  nicht  zu  einer  rechten  Selbstandigkeit  in  seinen  wissenschaftlichen 
Anschauungen  gelangte.  Karl  Heinrich  Rau  hat  ihn  vielmehr  in  Heidelberg 
in  die  Lehre  der  englischen  Schule  von  der  freien  Konkurrenz  eingefuhrt,  die 
sich  damals  in  Deutschland,  trotz  Friedrich  List,  einer  fast  unbestrittenen 
Herrschaft  erf  reute.  Er  war  nicht  der  Mann  tiefer  Problemerorterung.  W.  scheint 
daher  die  ihm  iibermittelte  Lehre  zuerst  einfach  iibernommen  zu  haben  und 
erst  spater,  als  er  dem  personlichen  EinfluB  seines  Lehrers  entriickt  war,  haben 
sich  starkere  Zweifel  bei  ihm  herausgebildet. 

Auch  bei  seinem  Gottinger  Lehrer,  Georg  Hanssen,  liegt  es  ahnlich.  Zwar 
hat  W.  immer  mit  groBer  Hochachtung  von  ihm  gesprochen ;  aber  man  kann 
heute  nickblickend  Hanssen  geradezu  als  einen  Gegensatz  zu  W.  bezeichnen. 
Er  war  kein  Theoretiker,  kein  Politiker,  kein  Kampfer;  er  war  eine  stille,  in 
erster  Linie  der  Vergangenheit  zugewandte  Gelehrtennatur,  die  ganz  in  ihren 
feinsinnigen  Forschungen  aufging.  Hanssen  wTie  Rau  sind  daher  ohne  dauern- 


Wagner  I  nc 

den  EinfluB  auf  W.s  wissenschaftliche  Personlichkeit  geblieben ;  aber  auBerlich 
sollten  beide  sein  Leben  entscheidend  beeinflussen. 

Was  Hanssen  zunachst  anlangt,  so  ist  er  es  allem  Anschein  nach  gewesen, 
der  W.  bei  der  Wahl  des  Themas  zu  seiner  Gottinger  Dissertation  behilflich 
war.  Diese  Wahl  ist  fur  W.  zum  groBen  Gliick  geworden.  Er  wurde  durch  sie, 
als  erster  in  Deutschland,  mit  dem  praktisch  und  theoretisch  bedeutsamen 
Material  bekannt,  das  aus  AnlaB  der  Reform  des  englischen  Banknotenwesens 
zusammengebracht  worden  war  und  sich  nicht  nur  aus  Berichten  und  Verneh- 
mungen,  sondern  auch  aus  einer  hochstehenden  Streitschriftenliteratur  zu- 
sammensetzte.  Die  theoretischen  Auseinandersetzungen  zwischen  der  Banking- 
School  und  der  Currency-School  standen  im  Vordergrund,  Auseinander- 
setzungen, wie  sie  so  tiefgriindig  ein  Gesetzgebungswerk  noch  nicht  begleitet 
hatten. 

W.  schloB  sich  in  seiner  Erstlingsschrift  der  Banking-School,  die  in  Fullarton 
ihren  hervorragendsten  Vertreter  hatte,  an.  Er  bekannte  sich  also  als  Gegner 
der  Grundprinzipien,  auf  denen  die  Peelsche  Bankakte  aufgebaut  worden  war, 
und  iibte  insbesondere  an  den  Ausfuhrungen  des  Hauptes  der  Currency-School, 
Lord  Overstone,  eine  scharfe,  teilweise  noch  doktrinare  Kritik.  Er  oflenbarte 
sich  noch  ganz  als  Anhanger  des  Laissez-faire.  Er  glaubte  ein  »stetiges  Fort- 
schreiten  zu  freierer  Gestaltung  feststellen  zu  konnen«  und  sprach  sich  fur 
Bankenfreiheit  aus.  Charakteristisch  ist  das  Motto,  das  er  seiner  Arbeit  vor- 
ansetzt:  Free  trade  in  banking  is  not  synonymous  with  free  trade  in  swindling. 

Der  Verfasser  ist  in  dieser  Erstlingsarbeit  unzweifelhaft  mit  den  schwierigen 
Problemen  und  dem  iiberreichen  Tatsachenmaterial  innerlich  und  auBerlich 
noch  nicht  fertig  geworden.  Und  doch  lenkte  sie,  als  er  sie  1857  stark  erweitert 
unter  dem  Titel:  »Beitrage  zur  Lehre  von  den  Banken«  herausgab,  die  Auf- 
merksamkeit  in  ungewohnlichem  MaBe  auf  den  jugendlichen  Verfasser.  Denn 
sie  zeigte  ihn  vertraut  mit  einer  auslandischen  Literatur,  deren  groBe  allge- 
meine  Bedeutung  jedem  damals  einleuchtete,  und  oflenbarte  sich  auBerdem 
deutlich  als  ein  erster  Schritt  auf  einem  weiten  Wege.  Der  Eindruck,  daB  die 
angeschnittenen  Probleme  den  Verfasser  so  bald  nicht  wieder  loslassen  wiirden, 
wurde  entscheidend.  Denn  die  Entwicklung,  die  das  Wahrungswesen,  zum  Teil 
infolge  des  Krimkrieges,  in  mehreren  Festlandsstaaten  Europas  genommen 
hatte,  hatte  einen  gewissen  Haussebedarf  fiir  gut  geschulte  Geld-  und  Bank- 
theoretiker  entstehen  lassen.  Voran  stand  zunachst  Osterreich.  Es  war  mitten 
in  erregten  Erorterungen  tiber  die  Wiederherstellung  seines  zusammengebroche- 
nen  Geldwesens.  Als  gerade  damals  die  Handelsakademie  in  Wien  ins  Leben  ge- 
rufen  wurde,  lag  es  deshalb  nahe,  den  jungen  Gottinger  Gelehrten  fiir  sie  zu 
gewinnen.  W.  wurde  mit  23  Jahren  an  der  neuen  Anstalt  Professor  der  Natio- 
nalokonomie  und  Finanzwissenschaft.  Das  war  der  zweite  groBe  Glucksfall  in 
seinem  Leben.  Denn  in  Wien  boten  sich  die  Probleme,  die  er  bisher  nur  aus 
Buchern  kannte,  dem  geschulten  Blick  in  der  wirtschaftlichen  Praxis  dar,  und 
der  ubergliickliche  junge  Professor  zogerte  nicht,  sich  auf  sie  alsbald  mit  aller 
Wucht  zu  sturzen.  Erst  dadurch  wurden  seine  ubernommenen  Lehrmeinungen 
zu  lebendigen  Anschauungen.  Erst  in  Wien  rang  er  sich  zu  wissenschaftlicher 
Selbstandigkeit  durch. 

Dazu  hat  unzweifelhaft  auch  die  groBe  Wirtschaftskrise  von  1857,  ^^e  m 
England  zum  zweitenmal  zu  einer  Suspension  der  Peelschen  Akte  notigte,  viel 


176  1917 

beigetragen.  Sie  machte  W.  an  der  bisher  vertretenen  Lehre  von  der  Banken- 
freiheit  irre.  Er  sab  ein,  daB  das  Vielbankensystem  in  Krisenzeiten  eine  wirk- 
same  Kredithilfe  schwer  leisten  kann.  Er  blieb  zwar  Gegner  der  Currency- 
School  und  der  Peelschen  Bankakte,  wurde  zugleich  aber  zum  iiberzeugten 
Freund  der  Zentralisierung  der  Notenbanken.  Das  war  die  erste  scharfe  Ab- 
wendung  von  der  individualistischen  Freiheitslehre,  die  er  bei  Rau  gelernt  hatte. 
Von  gereifteren  Gesichtspunkten  aus  trat  er  so  noch  einmal  an  dasThema  seiner 
Dissertation  heran.  In  einem  neuen  Buch  liber  die  Geld-  und  Kredittheorie  der 
Peelschen  Bankakte  legte  er  1862  in  ausfuhrlicher  theoretischer  Begriindung 
den  Problemkomplex  der  englischen  Notenbankgesetzgebung  dar;  noch  ein- 
dringlicher  als  bisher  verfocht  er  das  System  der  bankmaBigen  Deckung  der 
Noten  gegeniiber  den  Grundsatzen  der  Peelschen  Bankakte  und  erweiterte 
seine  Darlegungen  zu  einer  »Schrift  liber  Geld-  und  Kreditwesen  im  allge- 
meinen«.  Dabei  vermied  er  es  streng,  zu  den  brennenden  Wahrungsproblemen 
Osterreichs  ausdriicklich  Stellung  zu  nehmen ;  er  iiberlieB  es  dem  Leser,  selbst 
die  notigen  praktischen  Folgerungen  zu  ziehen.  In  groBeren  und  kleineren 
Artikeln,  unter  denen  der  in  der  Tubinger  Zeitschrift  erschienene  »Zur  Ge- 
schichte  und  Kritik  der  osterreichischen  Bankozettelperiode«  besonders  her- 
vorgehoben  zu  werden  verdient,  befaBte  er  sich  mit  den  einschlagigen  oster- 
reichischen Fragen  ausdriicklich.  Mit  diesen  Studien  erweiterte  er  sein  Ge- 
sichts-  und  Arbeitsfeld.  Hatte  sein  Bemuhen  bisher  der  Frage  gegolten,  wie 
man  das  Banknotenwesen  am  gesundesten  aufbauen  konne,  so  befaBte  er  sich 
jetzt  auch  mit  den  Krankheitsproblemen  des  Wahrungswesens.  Aufs  sorgsamste 
arbeitete  er  die  wesentlichen  Sonderheiten  der  Papiergeldwahrung  aus.  AUer- 
dings  sollten  diese  Arbeiten  erst  auf  russischem  Boden  zu  vollem  AbschluB  ge- 
langen. 

1864  vertauschte  W.  Wien  mit  Dorpat.  So  gern  er  nach  Wien  gezogen  war, 
Dorpat  empfand  er  etwas  als  Verbannung.  Trotzdem  wandte  er  sich  auch  hier 
sogleich  den  Studien  der  russischen  Geldverhaltnisse  zu.  Die  besonderen  russi- 
schen  Probleme  scheinen  ihn  sogar,  trotz  der  Sprachschwierigkeiten,  noch 
starker  als  die  osterreichischen  gepackt  zu  haben.  Die  Hauptfrucht  seiner 
wissenschaftlichen  Arbeit  war  hier  das  Buch  »Die  russische  Papierwahrung«, 
das  1868  erschien  und  von  dem  spateren  russischen  Finanzminister  Bunge 
in  das  Russische  iibersetzt  wurde.  Damit  war  W.s  Lehre  vom  Papiergeld,  die 
als  Agiotheorie  bekannt  geworden  und  von  ihm  selbst  auch  »Kaufkraft- 
Bewegungs-Theorie«  genannt  worden  ist,  ausgereift.  Sie  ist  mit  Recht  als  ein 
»Musterbeispiel  der  Verbindung  der  Induktion  und  Deduktion«  (Altmann) 
bezeichnet  worden  und  ist  alsbald  in  der  deutschen  und  russischen  Literatur, 
vor  allem  von  A.  SchafHe  und  von  Robert  v.  Mohl  angenommen  worden.  Erst 
damit  war  W.  der  deutsche  Sachverstandige  fur  die  Fragen  des  Geld-  und 
Bankwesens  geworden ;  es  war  daher  auch  natiirlich,  daB  ihm  die  einschlagi- 
gen Artikel  im  Handworterbuch  der  Staatswissenschaften  von  Rentzsch  an- 
vertraut  wurden,  wie  er  auch  schon  vorher  mehrere  im  Staatsworterbuch 
von  Bluntschli  und  B rater  abgefaBt  hatte. 

Da  brachte  das  Jahr  1868  eine  unerwartete  Wendung.  Der  ordentliche  Pro- 
fessor der  Nationalokonomie  v.  Mangoldt,  der  in  Gottingen,  als  W.  dort 
studierte,  Privatdozent  war  und  mit  dem  W.  1862  eine  kleine  Studienreise  nach 
England  unternommen  hatte,  starb  plotzlich  am  Herzschlag.  Sein  j lingerer 


Wagner  I  yj 

Freund,  der  sich  in  diesen  Jahren  nationalen  Aufschwungs  immer  mehr  in  die 

deutsche  Heimat  zunickgesehnt  hatte,  wurde  sein  Nachfolger.  Auch  auf  dem 

deutschen  Boden  standen  zunachst  die  Probleme  des  Geld-  und  Bankwesens 

fur  ihn  im  Vordergnind.  Er  hatte  alsbald  ein  Gutachten  iiber  die  Banknoten- 

frage  in  Baden  zu  erstatten,  nnd  zwar  von  dem  Standpunkt  aus,  wie  sich  der 

Staat  zum  Banknotenwesen  zu  verhalten  habe.  Aus  diesem  Gutachten  ist  ein 

neues  Werk,  das  vielleicht  bedeutendste  von  Adolf  W.,  hervorgewachsen.  Es 

ist  das  allerdings  erst  1873,  schon  in  W.s  Berliner  Zeit,  erschienene  umfang- 

reiche  » System  der  Zettelbankpolitik«.  Es  erganzt  die  friiheren  theoretischen 

Erorterungen  aus  dem  Jahre  1862  durch  eine  wirtschaftspolitische  Monographic, 

wie  sie  so  geschlossen  und  vollstandig  auch  die  englische  Literatur  noch  nicht 

aufzuweisen  hatte.  In  ihr  wendet  W.  zuerst  ganz  umfassend  die  vergleichende 

Methode  an.  Er  behandelt  neben  Deutschland,  das  er  jetzt  auch  griindlich 

studiert  hat,  England  und  Schottland,  die  Vereinigten  Staaten,  Frankreich, 

Osterreich  und  RuBland  und  verwendet  zum  erstenmal  eingehend  die  kurz  vor 

dem  Deutsch-Franzosischen  Kriege  veranstaltete  franzosische  Bankenquete 

und  insbesondere  den  bemerkenswerten  SchluBbericht  ihres  Generalbericht- 

erstatters  de  Lavenay.  Zum  Teil  gestiitzt  auf  die  hier  gemachten  Ermittlungen, 

bietet  W.  im  Rahmen  dieses  groBen  »Handbuchs«  die  erste  zusammenfassende 

wissenschaftliche  Bearbeitung  der  Diskontpolitik.  Auch  alle  anderen  Fragen 

des  Notenbankwesens,  die  fur  den  Staat  Bedeutung  haben,  erfahren  eine  zum 

Teil  sehr  eingehende  Behandlung.  Das  Werk  sollte  zugleich  ein  »Nachschlage- 

buch«  fiir  Manner  der  Wissenschaft  und  der  Praxis  des  Geschaftslebens  und 

des  Staatsdienstes  sein.  Es  zeigt,  wie  die  eingehenden  Vergleiche  W.s  praktischen 

Blick  geschult  haben  und  ihn  zu  reifen  Anschauungen  iiber  das  Verhaltnis  von 

Theorie  und  Praxis  gelangen  lieBen.  Es  hat  fiir  die  Regelung  des  Banknoten- 

wesens  im  Deutschen  Reich  eine  grundlegende  Bedeutung  gewonnen. 

Stellt  dieses  Buch  den  auBeren  AbschluB  der  Studien  aus  der  Jugendzeit 
dar,  so  haben  doch  die  Fragen  des  Geld-  und  Bankwesens  nie  aufgehort,  W. 
zu  beschaftigen ;  erst  spat  sind  sie  jedoch  zu  einer  groBen  Gesamtdarstellung 
zusammengefaBt  worden.  Diese  Verspatung  hangt  u.  a.  mit  einem  wissen- 
schaftlich-politischen  Streit  zusammen,  den  W.  in  Berlin  mit  groBer  Leiden- 
schaftlichkeit  viele  Jahre  lang  gefuhrt  hat.  1877  hatte  namlich  der  beriihmte 
Wiener  Geologe  Ed.  SueB  (s.  D.  B.  J.  1914 — 16,  S.  93)  eine  aufsehenerregende 
Schrift  »Die  Zukunft  des  Goldes«  erscheinen  lassen.  In  ihr  gelangte  er  zu  sehr 
pessimistischen  Ergebnissen  iiber  die  Goldversorgung  der  WTelt,  und  den  Aus- 
fuhrungen  des  Geologen  schloB  sich  W.  als  Volkswirt  an.  Er  zeigte,  wie  man 
die  Schwierigkeiten  des  Ubergangs  zur  reinen  Goldwahrung  in  Deutschland 
unterschatzt  habe,  und  zogerte  nicht,  aus  der  neuen  Erkenntnis  auch  alsbald 
die  praktische  Konsequenz  zu  ziehen,  indem  er  in  den  achtziger  und  neunziger 
Jahren  sich,  gegeniiber  dem  Doktrinarismus  einzelner  Goldwahrungspolitiker, 
zu  einem  zu  weitgehenden  AnschluB  an  die  bimetallistische  Stromung  hinreiBen 
lieB.  Wenn  W.  spater  diesen  Standpunkt  wieder  aufgegeben  und  sich  ausdriick- 
lich  von  der  Doppelwahrung  abgewendet  hat,  so  bedeutet  das  aber  keineswegs 
einen  Widerruf  fruher  von  ihm  vertretener  theoretischer  tJberzeugungen.  Die 
Erklarung  dieser  Meinungsanderung  liegt  vielmehr  im  Bereiche  der  Tatsachen. 
Die  bergbauliche  Praxis  widerlegte  die  geologische  These  von  der  zu  kurzen 
Golddecke.  Sobald  das  feststand,  zog  W.  daraus  mit  derselben  Unerbittlichkeit 
dbj  12 


178  1917 

seine  Folgerungen,  wie  seinerzeit  aus  dem  Warnnife  von  Suefl  im  Vertrauen 
auf  die  Autoritat  desselben. 

Sogleich  zu  erwahnende  andere  Aufgaben  sind  es  dann  in  erster  Linie  ge- 
wesen,  welche  die  angekiindigte  lehrbuchartige  Darstellung  des  gesamten  Geld- 
wesens  lange  nicht  zustande  kommen  lieBen.  In  einer  anderen  als  der  ursprting- 
lich  geplanten  Form  ist  sie  erst  1909  als  letzte  groBe  Veroffentlichung  von  Adolf 
W.  erschienen.  Es  ist  das  die  nahezu  700  Seiten  umfassende  »Sozialokonomische 
Theorie  des  Geldes  und  des  Geldwesens«.  Aui3erlich  ist  sie  ein  Teil  der  zweiten 
Abteilung  von  W.s  theoretischer  Sozialokonomik ;  in  Wahrheit  stellt  sie  eine 
groBe  Monographic  des  Geldwesens  dar,  die  nur  mit  dem  1873  erschienenen 
Hauptwerk  von  Knies  und  dem  1903  veroffentlichten  Buch  von  Karl  Helfferich 
iiber  das  Geld  verglichen  werden  kann.  Hat  W.  es  auch  etwas  gewaltsam  in 
seinen  urspriinglich  ganz  anders  angelegten  »GrundriB«  hineingezwangt,  so 
sucht  er  doch  eine  Eigengesetzlichkeit  im  Bereich  des  Geld-  und  Kreditwesens 
darzustellen  und  geht  auf  die  Verkniipf ung  mit  dem  gesamten  Wirtschaftsleben 
nur  so  weit  ein,  als  es  die  Geldlehre  erfordert.  Damit  sind  die  Gesichtspunkte, 
welche  in  der  Inflationszeit  in  den  Vordergrund  traten,  nicht,  wie  man  wohl 
gemeint  hat,  in  unzulanglicher  Weise  beriihrt  worden.  Sie  finden  vielmehr  in 
der  isolierenden  Betrachtung  Beachtung,  und  daB  diese  Betrachtungsweise, 
wie  anderswo,  auch  hier  den  Vorzug  der  Fruchtbarkeit  hat,  kann  wohl  nur  in 
Zeiten  der  Wirrnis  iibersehen  werden.  Allerdings  findet  die  Quantitatstheorie 
unter  ihrem  Namen  keine  eingehende  Behandlung.  Unter  dem  EinfluB  von 
Tooke  war  W.  anfangs  ihr  Gegner.  Im  Grunde  aber  hat  er  sich  immer  nur  gegen 
ihre  Ubertreibungen  und  Unvollstandigkeiten  gerichtet.  Sein  Eintreten  fur 
bankmaBige  Notendeckung  beruht  auf  quantitatstheoretischen  Erwagungen, 
und  er  zuerst  hat  in  der  deutschen  Literatur  Entwertung  gegeniiber  dem 
Metallgeld  und  Wertverminderung  gegeniiber  alien  anderen  Waren  scharf  von- 
einander  gesondert.  Fiir  W.  war  es  selbstverstandlich,  daB  er  in  seinem  SchluB- 
werk  das  Wertproblem  als  »das  wichtigste  okonomische  Problem «  des  Geld- 
wesens bezeichnete  und,  wie  schon  in  seinen  ersten  Schriften,  auch  hier  wieder 
betonte :  nicht  Stoff  und  nicht  Bezeichnung  bestimmen  den  Geldwert,  sondern 
die  Funktion  des  Geldes.  Das  hat  er  mit  besonderem  Nachdruck  gegeniiber 
Knapp  hervorgehoben,  dessen  1905  erschienene  »Staatliche  Theorie  des  Geldes« 
er  als  »miBlungenen  Versuch,  in  iiberkiinstelter  Terminologie,  unter  zu  weiter 
Zuriickdrangung  der  wirtschaftlichen  Ausgangspunkte  jedes  Gelds,  mit  t)ber- 
spannung  des  staatlichen  Einflusses  auf  Geld  und  mit  falschen  Deduktionen 
aus  im  iibrigen  langst  bekannten  Vorgangen  in  reiner  Papierwirtschaft«  be- 
zeichnet.  Leider  sind  W.s  Darlegungen  nicht  zu  der  ihnen  gebiihrenden  Wirkung 
gekommen.  Daran  ist  zum  Teil  unzweifelhaft  die  besonders  schwerfallige  Dar- 
stellung dieses  Alterswerkes  schuld,  zum  Teil  aber  auch  die  Tatsache,  daB 
Knapp  die  Erorterung  allzusehr  in  theoretisch  nicht  uninteressante,  aber  im 
Grunde  doch  unfruchtbare  Nebenbahnen  hineingedrangt  hatte. 

ZWISCHEN  dem  Geldwesen,  zumal  dem  kranken,  und  dem  staatlichen  Finanz- 
wesen  bestehen  mannigfache  Beziehungen,  die  sich  im  staatlichen  Anleihe- 
wesen  zu  konzentrieren  pflegen.  Es  lag  daher  in  der  Logik  der  Dinge,  daB  W. 
in  Wien  von  der  Geld-  und  Wahrungspolitik  zum  Staatsschuldenwesen  gelangte, 
und  von  ihm  aus  fiihrte  der  Weg  von  selbst  weiter  zu  den  staatlichen  Finanzen 
im  allgemeinen.  Denn  die  groBe  Hauptfrage  ist  stets,  wann  sind  Anleihen  ge- 


Wagner  1 79 

rechtfertigt  und  wann  miissen  Steuern  erhoben  werden.  Schon  Karl  Dietzel 
hatte  diese  Frage  1855  in  seinem  »System  der  Staatsanleihen «  nach  der  Dauer 
der  Wirkung  der  Ausgaben  beantwortet/  Im  AnschluB  daran  griff  1863  der 
28jahrige  W.,  nachdem  er  drei  Jahre  vorher  schon  iiber  »das  neue  Lotterie- 
anlehen  und  die  Nationalbank«  in  Osterreich  eine  Druckschrift  herausgegeben 
hatte,  mit  einer  Arbeit  iiber  »die  Ordnung  des  osterreichischen  Staatshaushalts 
mit  besonderer  Riicksicht  auf  den  Ausgabe-Etat  und  die  Staatsschuld «  in  die 
Erorterung  ein  und  machte,  im  AnschluB  an  eine  klarende  theoretische  Dar- 
legung,  viel  beachtete  praktische  Reformvorschlage.  Auf  dem  Gebiete  der  Fi- 
nanzwissenschaft  ging  W.  also,  im  Gegensatz  zu  seinen  Geld-  und  Bank- 
studien,  von  brennenden  Problemen  der  finanziellen  Praxis  aus  und  gelangte 
erst  von  ihnen  zur  Theorie.  Von  vornherein  stellte  er  hier  eine  enge  Verbindung 
zwischen  Theorie  und  Praxis  dar,  wie  er  sie  im  Geld-  und  Bankwesen  erst  spat 
und  nie  so  vollig  erreicht  hat.  Das  hat  viel  dazu  beigetragen,  daJ3  W.  hier  noch 
schneller  als  im  Bankwesen  zum  anerkannten  Sachverstandigen  wurde.  Es 
war  daher  auch  nicht  auffallig,  daB  W.  1870  an  die  Berliner  Universitat  berufen 
wurde,  als  man  Roscher  nicht  fur  sie  zu  gewinnen  vermochte,  und  daB  der  alte 
Rau  noch  vorher  die  Fertigstellung  der  neuen  Auflage  seines  Lehrbuches  der 
Finanzwissenschaft  W.  iibertrug.  Das  war  der  Punkt,  wo  dieser  Lehrer  be- 
deutsam  in  W.s  Leben  eingriff.  Die  neue  Aufgabe,  die  er  ihm  anvertraute, 
wurde  fur  W.  zur  eigentlichen  Hauptaufgabe  seines  Lebens. 

Die  Finanzwissenschaft  war  bekanntlich  im  Ausland  ein  Teil  der  gesamten 
Volkswirtschaftslehre  geblieben,  in  Deutschland  dagegen  —  dank  den  Kame- 
ralisten  —  zu  weitgehender  Selbstandigkeit  losgelost  worden.  Diese  Isolierung 
war  ihrem  wissenschaftlichen  Charakter  zunachst  nicht  forderlich  gewesen.  Rau 
hatte  es  sich  zur  Aufgabe  gestellt,  das  dadurch  zu  iiberwinden,  daB  er  die  L,ehren 
der  Finanzwissenschaft,  nach  einer  griindlichen  Sichtung,  mit  der  englischen 
Wirtschaftslehre  von  der  freien  Konkurrenz  in  Verbindung  zu  bringen  suchte. 
Ihm  war  unzweifelhaft  ein  Fortschritt  zu  danken.  Denn  die  Finanzwissenschaft 
wurde  damit  aus  den  engen  Banden  bloBer  Routine  herausgelost ;  grundsatz- 
liche  Erorterungen  konnten  jetzt  an  die  Stelle  einseitiger  Erfahrungsregeln 
treten;  eine  Finanztheorie,  insbesondere  Steuertheorie  wurde  moglich.  Rau 
nutzte  aber  diese  Moglichkeiten  nicht  aus.  Er  beschrankte  sich  auf  eine  ziem- 
lich  auBerliche  Verbindung  der  beiden  verschiedenen  Bestandteile,  von  denen 
die  kameralistischen  nach  wie  vor  das  Ubergewicht  behielten ;  die  theoretische 
Herausbildung  der  Probleme  gelangte  bei  ihm  nicht  zu  ihrem  Recht. 

Zum  Teil  wegen  dieses  unproblematischen  Grundcharakters,  zum  Teil  aber 
auch  trotz  der  wissenschaftlichen  Schwache  hatte  sich  das  Rausche  finanz- 
wissenschaftliche  Lehrbuch  seit  dem  Beginn  seines  Erscheinens  im  Jahre  1832 
in  immer  neuen  Auflagen  auf  dem  wissenschaftlichen  Markte  erhalten.  Es  hatte 
anfangs  eine  Konkurrenz  nur  im  Roscherschen  Lehrbuch,  das  von  ahnlichem 
Vermittlungsstreben  beherrscht  war  und  seine  wissenschaftlichen  Vorziige  in 
zahllosen  Anmerkungen  versteckte.  Das  hatte  sich  jedoch  neuerdings  geandert. 
i860  hatte  Lorenz  v.  Stein  sein  Lehrbuch  der  Finanzwissenschaft  herausge- 
geben, das,  in  denkbar  scharfstem  Gegensatz  zu  Raus  Darstellung,  alles  mit 
ziigelloser  Dialektik  zum  Problem  machte  und  von  Auflage  zu  Auflage  die  er- 
staunlichsten  Veranderungen  aufwies. 

Angesichts  dieser  Lage  war  die  von  W.  ubernommene  Aufgabe  sehr  schwierig. 


i8o  1917 

Die  Neuherausgabe  muBte  eine  griindliche  Umarbeitung  werden,  und  zwar 
gait  es,  besonnen  eine  Mittellinie  zwischen  Rau  und  v.  Stein  zu  verfolgen.  Wie 
sonst  in  der  Wirtschaftswissenschaft,  muBten  auch  hier  die  Probleme  heraus- 
gearbeitet  und  durch  sorgsam  gesichtete  und  verglichene  Tatsachen,  moglichst 
von  internationalem  Umfang,  untermauert  werden  und  verlangte  auch  die 
internationale  wissenschaftliche  Literatur  griindliche  Beriicksichtigung.  Das 
alles  ist  W.  alsbald  bei  seinen  ersten  Arbeiten  klar  geworden.  Die  Veranderung, 
die  notig  wurde,  war  so  groB,  daB  er  sich  1879  mit  Recht  entschloB,  den  Namen 
des  Lehrers  aus  dem  Titel  fortzulassen.  Aber  so  klar  er  auch  das  zu  verfolgende 
Ziel  erkannte,  iiber  die  Schwierigkeiten  seiner  Erreichung  hat  er  sich  griindlich 
getauscht.  Sein  ganzes  langes  I^eben  hat  nicht  ausgereicht,  sie  zu  iiberwinden. 

Zwar  ist  W.s  Finanzwissenschaft,  die  in  vier  starken  Banden  von  rund 
3300  Seiten  vorliegt,  von  v.  Heckel  mit  Recht  »ein  Monumentalbau,  wie  die 
finanzwissenschaftliche  Weltliteratur  keinen  zweiten  aufzuweisen  hat«,  genannt 
worden,  aber  dieser  Bau  ist  unfertig  geblieben.  Auch  konnen  die  vorliegenden 
Bande  im  ganzen  nicht  als  eine  reife  Frucht  bezeichnet  werden.  Sie  fallen  in 
zwei  so  verschiedene  Bestandteile  auseinander,  daB  sie  eigentlich  nur  durch 
den  Titel  zusammengehalten  werden. 

Die  ersten  beiden  Bande  sind  der  wesentliche  Kern  des  Werkes.  Sie  sind  der 
Theorie  des  Finanzwesens  gewidmet  und  stellen  W.s  bleibende  groBe  Leistung 
auf  dem  Gebiet  der  Finanzwissenschaft  dar.  Ihre  Grundgedanken  sind  in  drei 
Auflagen  mit  emsigstem  FleiB  und  sorgsamster  Selbstkritik  immer  starker 
herausgearbeitet  worden.  Nur  ein  Vergleich  mit  dem  Voraufgegangenen  gibt 
fur  diesen  Bestandteil  den  gerechten  MaBstab. 

W.  hat  in  diesen  beiden  ersten  Banden  den  Bereich  der  Finanzwissenschaft 
erweitert.  Er  hat  insbesondere  zuerst  die  privatwirtschaftlichen  Einnahmen 
des  Staats  in  sie  umfassend  hineingezogen  und  vor  allem  die  Verstaatlichung 
der  Eisenbahn  griindlichster  Erorterung  gewiirdigt.  Er  hat  weiter  die  Finanz- 
verwaltungslehre  zu  einem  wissenschaftlichen  Bestandteil  der  gesamten  Fi- 
nanzwissenschaft zu  erheben  gesucht. 

Wichtiger  sind  die  Anderungen  grundsatzlichen  Charakters.  W.  ist  es,  nach 
Lorenz  v.  Stein,  in  erster  Linie  gewesen,  der  die  Finanzwissenschaft  an  die 
vornehtnlich  in  Deutschland  entwickelte  organische  Auffassung  vom  Staat 
angepaBt  hat,  und  er  hat  wirksamer  als  ein  anderer  die  Volkswirtschaftslehre 
und  Finanzwissenschaft,  unter  Beibehaltung  ihrer  auBeren  Trennung,  zu  einer 
groBen  geistigen  Einheit  zusammengefiigt.  Davon  ist  sogleich  noch  zu  handeln. 
Hier  muB  nur  hervorgehoben  werden,  daB  W.  aus  der  speziellen  Steuerlehre 
die  allgemeine  Steuerlehre,  die  bei  Rau  sich  kaum  in  Ansatzen  und  bei  v.  Stein 
in  vagen  Allgemeinheiten  vorfindet,  zu  einem  der  wichtigsten  Teile  der  ge- 
samten Finanzwissenschaft  entwickelt  hat. 

Dieser  erste  Hauptteil  des  groBen  finanzwissenschaftlichen  Werks  wird 
weiter  dadurch  gekennzeichnet,  daB  W.  zuerst  in  die  Finanzwissenschaft  und 
Finanzpolitik  den  sozialen  Gedanken  hineinzubringen  gesucht  hat.  Hatte  man 
bisher  fur  die  Finanzgebarung  nur  das  Ziel  der  zweckmaBigsten  Deckung  der 
offentlichen  Ausgaben  ins  Auge  gefaBt,  so  stellt  W.  jetzt  daneben  das  neue  Ziel 
der  Minderung  steigender  Ungleichheiten  in  den  Einkommen;  der  Staat  soil 
nach  ihm  befugt  sein,  mit  Steuern  »regulierend  und  veranderad«  in  die  Ein- 
kommens-  und  Vermogensverhaltnisse  der  einzelnen  einzugreifen.  Hier  ist  der 


Wagner  l8l 

Punkt,  wo  W.  die  scharfsten  Angriffe  erfahren  hat,  und  sie  gehen  zum  groBen 
Teil  iiber  einseitige  Interessenpolitik  weit  hinaus.  Heute  wird  man  einerseits 
anerkennen  miissen,  daB  der  mutig  verfochtene  soziale  Grundgedanke  W.s 
richtig  war.  W.  vor  allem  ist  es  zu  danken,  daB  heute  bei  der  Verteilung  einer 
gegebenen  Steuerlast  die  Beriicksichtigung  der  Leistungsfahigkeit  der  ein- 
zelnen  Steuerzahler  als  selbstverstandlich  erscheint,  obwohl  auch  mit  diesem 
Grundsatz  der  Steuerprogression  Gefahren  des  MiBbrauchs  verbunden  sind. 
Mit  dem  Vorschlag,  dariiber  hinaus  die  Steuer  als  Mittel  der  Sozialpolitik  zu 
verwenden,  ist  W.  aber  andererseits  auf  iiberwiegende  Ablehnung  gestoBen. 
Denn  in  der  »sozialen  Auffassung«  liegt  ein  Moment  der  Willkiir,  das  lahmend 
auf  Unteraehmungslust  und  Kapitalbildung  wirken  kann;  und  mit  Steuern 
kann  weder  die  Verteilung  der  Einkommen  noch  ihre  Verwendung  direkt  be- 
einfluBt,  sondern  nur  nachtraglich  eingegriffen  werden.  Demgegeniiber  ist 
eine  Politik  der  Prevention  vorzuziehen. 

Der  zweite  Teil,  der  aus  dem  3.  und  4.  Bande  besteht,  bietet  Finanzgeschichte. 
Einer  einheitlichen  Skizze  iiber  die  Steuergeschichte  von  den  fruhesten  Zeiten 
bis  1800  (200  S.)  folgen  fur  das  19.  Jahrhundert  Sonderdarstellungen :  zunachst 
auf  kurzem  Raum  (140  S.)  fur  England,  dann  ganz  ausfuhrlich  (549  S.)  fur 
Frankreich,  dessen  Steuerwesen  W.  das  gewaltigste  nennt,  das  die  Welt  bis- 
her  gesehen  hat,  und  in  dem  er  auch  fiir  die  Gegenwart  ein  »Lehrexempel 
groBten  Stils «  sieht,  endlich  nicht  minder  ausfuhrlich  (850  S.)  fiir  Deutschland. 
Es  soil  ten  noch  andere  Lander  folgen,  insbesondere  die  Vereinigten  Staaten. 
Dazu  ist  es  nicht  mehr  gekommen. 

Auch  dieser  geschichtliche  Teil  ist  eine  erstaunliche  Leistung.  Aus  der  ganzen 
deutschen  Literatur  kann  ihm  kein  zusammenfassendes  Werk  der  Finanz- 
geschichte zur  Seite  gestellt  werden.  Und  doch  iiberwiegt  der  unbefriedigende 
Eindruck.  Diese  umfangreichen  geschichtlichen  Darstellungen  sind,  wie  W. 
mit  starkem  Nachdruck  betont,  » nicht  aus  dem  Gesichtspunkt  des  Historikers* 
geschrieben  worden ;  sie  sollten  —  um  den  schweren  Mangeln  des  Lehrbuchs 
von  Lorenz  v.  Stein  zu  entgehen  —  die  notige  feste  Tatsachengrundlage  fiir 
die  spezielle  Steuerlehre  liefern  und  nur  »Vorbereitungen  fiir  die  Losung  der 
eigentlichen  finanzwissenschaftlichen  Aufgabe«  darstellen.  Diese  groBe  Auf- 
gabe  einer  vergleichenden  »Steuerwissenschaft«  ist  aber  nicht  mehr  zur  Losung 
gebracht  worden  und  konnte  auch  von  einem  einzelnen  —  miissen  wir  heute 
sagen — nicht  zur  Losung  gebracht  werden.  Es  lag  in  der  selbst  gestellten 
Aufgabe,  daB  nicht  mehr  als  ein  eindrucksvoller  Torso  gewonnen  werden 
konnte.  Wohl  ist  in  den  beiden  starken  Banden  manche  wertvolle  Frucht  miih- 
seliger  Sammelarbeit  enthalten ;  im  ganzen  ist  aber  nicht  zu  leugnen,  daB  auch 
W.s  Kraft  und  FleiB  an  der  Aufgabe  gescheitert  sind.  Sie  hat  auch  heute  noch 
keine  Losung  gefunden  und  wird  sie  auch  kaum  bald  finden. 

Da  W.  in  den  geschichtlichen  Vorarbeiten  seine  Kraft  verzehrt  hat,  ist  sein 
finanzwissenschaftliches  Hauptwerk  auch  auBerlich  unvollendet  geblieben. 
Die  beiden  SchluBbande,  welche  die  spezielle  Steuerlehre  und  die  Staatsschul- 
denlehre  behandeln  sollten,  sind  nicht  mehr  geschrieben  worden.  Aber  fiir 
diese  fehlenden  Bande  ist  teilweise  ein  gewisser  Ersatz  vorhanden.  W.  hat 
namlich  in  dem  der  Finanzwissenschaft  gewidmeten  Teil  des  von  Schonberg 
herausgegebenen  Handbuchs  der  politischen  Okonomie  die  spezielle  Steuer- 
lehre, soweit  sie  die  sogenannten  direkten  Steuern,  insbesondere  die  Ertrags-, 


182  1917 

Personal-,  Einkomraen-  und  Vermogenssteuer  betrifft  (215  S.),  und  ferner  die 
Ordnung  der  Finanzwissenschaft  und  den  offentlichen  Kredit  (116  S.)  behan- 
delt.  Natiirlich  war  das  Geplante  etwas  von  Grund  aus  anderes. 

AM  Schicksal  der  Finanzwissenschaft  von  Adolf  W.  war  noch  etwas  Weiteres 
beteiligt.  Die  Losung  der  Hauptaufgabe,  Finanzwissenschaft  und  Volkswirt- 
schaftslehre  in  Einklang  miteinander  zu  setzen,  war  verhaltnismaBig  leicht, 
wenn  die  Volkswirtschaftslehre  etwas  Feststehendes  war,  wie  Rau  es  noch 
glaubte.  Im  selben  MaBe,  wie  man  von  der  individualistischen  Lehre  der 
englischen  Klassiker  abwich,  wuchsen  die  Schwierigkeiten.  Dann  war  die  Auf- 
gabe  nur  losbar,  wenn  man  vorher  darlegte,  was  man  im  einzelnen  unter  Volks- 
wirtschaftslehre verstehe.  Dann  muBte  also  der  Darstellung  der  Finanzwissen- 
schaft eine  zusammenfassende  Darstellung  der  theoretischen  Volkswirtschafts- 
lehre vorausgehen.  So  gelangte  W.  mit  logischem  Zwang  zur  Abfassung  einer 
allgemeinen  theoretischen  »Grundlegung«.  Er  dehnte  dementsprechend  die 
Ubernahme  des  Rauschen  Lehrbuchs  1872  auf  die  ganze  »politische  Okono- 
mie«  aus.  Natiirlich  dachte  er  nicht  daran,  das  Ganze  allein  zu  bearbeiten. 
Ihm  lag  zunachst  nur  an  der  »Grundlegung«  fiir  das  groBe,  die  Finanzwissen- 
schaft mit  einschlieBende  Werk.  Fiir  die  iibrigen  Teile  hatte  er  urspriinglich 
Erwin  Nasse  und  nach  dessen  Tode  Heinrich  Dietzel,  A.  Buchenberger  und 
Karl  Biicher  gewonnen.  Wahrend  bezeichnenderweise  nur  Buchenberger  mit 
der  iibernommenen  Bearbeitung  des  Agrarwesens  und  der  Agrarpolitik  fertig 
wurde,  Dietzel  nach  einer  Teilveroffentlichung  die  Bearbeitung  der  theoreti- 
schen Volkswirtschaftslehre  auf  gab,  um  Pohle,  der  auch  in  den  Vorarbeiten 
stecken  blieb,  Platz  zu  machen,  und  Biicher  nicht  einmal  bis  zu  den  Anfangen 
des  von  ihm  iibernommenen  Gewerbe-  und  Handelswesens  gelangte,  stiirzte 
sich  W.  selbst  sogleich  mit  aller  Kraft  auf  die  »Grundlegung«,  so  dafl  diese 
Unteraufgabe  bald  zur  Hauptaufgabe  fiir  ihn  wurde.  So  entstand  dasjenige 
Werk,  das  man  als  das  wissenschaftliche  Hauptwerk  W.s  zu  betrachten 
pflegt  und  das  am  meisten  dazu  beigetragen  hat,  seine  finanzwissenschaftlichen 
Studien  zu  verzogern. 

W.  war  schon  in  Wien  bei  seinen  Studien  iiber  die  Peelsche  Bankakte  in 
einzelnen  Punkten  an  der  iiberkommenen  Lehre  der  Klassiker  irre  geworden. 
Er  hatte  dann  in  Dorpat  im  AnschluB  an  die  186 1  erfolgte  Aufhebung  der  russi- 
schen  Leibeigenschaft  seine  Aufmerksamkeit  auf  den  Agrarkommunismus 
in  RuBland  gerichtet,  und  damit  war  er  zuerst  auf  das  Grundproblem  des 
Eigentums  gestoBen,  das  ihn  dann  sein  Leben  lang  beschaftigt  hat.  So  war 
im  kleinen  der  Boden  vorbereitet  fiir  die  Lehren  dreier  Manner,  von  denen 
er  immer  wieder  dankbar  hervorgehoben  hat,  daB  er  von  ihnen  »mehr  und 
tiefere  und  forderlichere  Anregungen  erhalten  habe  als  von  irgendeiner  an- 
deren  Seite«.  Alle  drei  waren  zugleich  Manner,  fiir  die  W.  unzweifelhaft  auch 
darum  immer  wieder  so  warm  eingetreten  ist,  weil  ihre  Bedeutung  in  der 
zeitgenossischen  Wissenschaft  seiner  Meinung  nach  nicht  richtig  gewiirdigt 
wurde. 

Zeitlich  voran  stand  Robert  v.  Mohl.  Er  war  unzweifelhaft  unter  den  Uni- 
versitatslehrern  W.s  die  Personlichkeit,  die  ihm  am  meisten  ahnlich  war. 
Schon  die  Unermudlichkeit,  mit  der  er,  55  Jahre  lang,  mutig  zu  den  Fragen 
seiner  Zeit  Stellung  nahm,  fast  alles,  das  er  las  und  dachte,  literarisch  ver- 
wertete  und  ruhelos  immer  an  sich  selbst  besserte,  hatte  etwas  mit  W.  Ver- 


Wagner  1 83 

wandtes.  Trotzdem  hat  er  erst  nach  seiner  Studienzeit  v.  Mohls  Bedeutung 
richtig  erfaBt.  Er  wurde  aufmerksam  auf  seinen  1835  in  Raus  Archiv  er- 
schienenen  Aufsatz,  der  den  bezeichnenden  Titel  tragt:  »Uber  die  Nachteile, 
welche  sowohl  den  Arbeitern  selbst  als  dem  Wohlstand  und  der  Sicherheit  der 
gesamten  biirgerlichen  Gesellschaft  von  den  fabrikmaBigen  Betrieben  zugehen, 
und  iiber  die  Notwendigkeit  griindlicher  Vorbeugungsmittel«.  Hier  war  von 
einem  deutschen  Professor  zum  erstenmal  auf  die  schadlichen  Wirkungen 
der  neuen  Produktionsmethoden  fiir  die  gewohnlichen  Fabrikarbeiter  und 
auf  die  »drohenden  Folgen«  hingewiesen  und  dem  iiblichen  Optimismus  die 
Ansicht  gegeniibergestellt  worden,  es  sei  »fiir  den  Wohlstand  und  fiir  die  Ruhe 
von  Europa  eine  Gefahr  zu  besorgen,  wie  sie  das  rdmische  Reich  durch  den 
Sklavenkrieg,  Deutschland  durch  die  emporten  Bauern  zu  Anfang  des 
16.  Jahrhunderts  kennenlernte«.  Mohl  zog  aus  dieser  Auffassung  auch  weit- 
gehende  Folgerungen.  Was  die  Wissenschaft  anlangt,  so  rief  er  aus:  »Jede 
Stimme,  welche  sich  erhebt  zur  Bekampfung  dieser  tief  unsittlichen  und  mate- 
riell  hochst  gefahrlichen  Folge  unserer  Konkurrenz-Nationalokonomie,  ist  als 
eine  Wohltat  anzusehen«;  und  was  die  Politik  anlangt,  so  hielt  er  »eine  wesent- 
liche  Anderung  in  dem  ganzen  sozialen  Gebaude«  fiir  notig;  Selbsthilfe  geniige 
nicht;  »hier  ist  eine  Hilfe  von  seiten  der  Staatsgewalt  so  unerlaBlich  als  ir- 
gendwo«;  Fabrikgesetzgebung,  Gewinnbeteiligung,  Arbeiterfortbildung  seien 
die  wichtigsten  Aufgaben  des  Tages.  Diese  schrillen  Warnrufe,  die  v.  Mohl  — 
gleichsam  als  erster  Kathedersozialist  —  noch  vor  Rudolf  Hildebrand  er- 
schallen  lieB,  haben  auf  W.  urn  so  tiefer  eingewirkt,  als  sie  sonst  merkwiirdig 
unbeachtet  geblieben  waren;  selbst  Roscher  hat  in  seiner  Geschichte  der 
Nationalokonomik  in  Deutschland  1874  von  ihnen  keine  Notiz  genommen. 
Um  so  dankbarer  hat  W.  in  v.  Mohl  den  ersten  gesehen,  der  ihn  in  seinen  ur- 
spriinglichen  individualistischen  Anschauungen  von  Grund  aus  erschiitterte. 
Starker  noch  hat  Karl  Rodbertus  auf  ihn  gewirkt.  W.  wurde  in  Freiburg 
auf  seine  Arbeit  iiber  die  Kreditnot  des  Grundbesitzes,  deren  erster  Teil  1868 
erschien,  aufmerksam.  »Erst  jene  Schrift — so  sagt  er  selbst — hat  mir  wie 
seiten  eine  wissenschaftliche  Arbeit  imponiert  und  mein  ,Damaskus'  gegeniiber 
der  herrschenden  Smithschen  Wirtschaftslehre  mit  zum  Durchbruch  gebracht. « 
Mit  einem  Schlage  wurde  W.  jetzt  klar  »die  Einseitigkeit  der  bisherigen  Natio- 
nalokonomie  mit  ihrer  Annahme  des  bestehenden  Rechts  als  etwas  Selbstver- 
standlichem  und  im  wesentlichen  Unveranderlichem«.  Er  ging  den  fruheren 
Schriften  von  Rodbertus  nach  und  fand,  daB  er  schon  1837  vorgeschlagen 
hatte,  die  natiirliche  Freiheit  durch  ein  » System  staatlicher  Leitung«  zu  er- 
setzen;  nur  dadurch,  daB  der  Staat  sich  zum  »leitenden  Organ «  im  Wirt- 
schaftsleben  aufschwinge  und  die  Volkswirtschaft  mehr  als  bisher  zur  Staats- 
wirtschaft  mache,  konne  das  dringend  notige  »KompromiB«  zwischen  der  be- 
stehenden Gesellschaftsordnung  und  den  herandrangenden  sozialistischen  Be- 
strebungen  erreicht  werden.  Dieser  nationale  und  monarchistische  Sozialist, 
der  wie  kein  anderer  die  Staatsidee  gegeniiber  dem  Individualismus  betonte 
und  zum  Schutze  des  Staats  und  der  Monarchic  seine  sozialistischen  Lehren 
ersann,  machte  auf  W.  einen  so  starken  Eindruck,  daB  er  ihn  als  den  »Ricardo 
des  okonomischen  Sozialismus«  neben  v.  Thiinen  und  Hermann  stellt.  Er  ist 
mit  ihm  in  Briefwechsel  getreten  und  hat  dann  die  Herausgabe  seines  literari- 
schen  Nachlasses  zeitweise  geleitet.  Soweit  W.  »Staatssozialist«  ist,  ist  er  es 


184  x9i7 

durch  Rodbertus  geworden,  und  in  mehreren  Einzellehren,  wie  insbesondere 
in  seiner  Kapitallehre,  steht  er  deutlich  unter  seinem  starken  EinfluB. 

In  mancher  Hinsicht  ein  Gegengewicht  gegen  Rodbertus  war  der  dritte  Ge- 
lehrte,  dem  sich  W.  besonders  verpflichtet  gefuhlt  hat:  Albert  Schaffle.  Ihm 
hat  er  1901  zum  70.  Geburtstag  den  4.  Band  seiner  Finanzwissenschaft  »in 
dankbarer  Verehrung  des  Schulers«  gewidmet,  und  er  hat  hinzugefugt,  daB 
er  sich  bewuBt  sei,  »vielfach  in  seinen  Spuren  gewandelt  zu  haben«.  Das  bezieht 
sich,  wie  er  selbst  angibt,  in  erster  Iyinie  auf  die  »Grundlegung«,  und  zwar 
diirfte  das  in  doppelter  Weise  der  Fall  sein.  Erstens  nimmt  Schaffle  als  Kritiker 
des  Sozialismus  eine  besondere  Stellung  ein ;  kein  anderer  Deutscher  hatte  bis- 
her  einen  so  besonnenen  wissenschaftlichen  Versuch  gemacht,  in  den  Ideen 
des  Sozialismus  Wahres  und  Irriges  voneinander  zu  scheiden,  wie  er  in  seinen 
1870  veroffentlichten  Vortragen  iiber  Kapitalismus  und  Sozialismus.  Diese 
Vortrage  sollten  zugleich  »zur  Versohnung  der  Gegensatze  von  Lohnarbeit 
und  Kapital«  dienen.  Der  Kritik  entsprach  eine  positive  Darlegung,  die  sich 
zu  einer  allgemeinen  Theorie  der  Gemeinwirtschaft  ausreifte.  In  diesem  Doppel- 
streben  begegneten  sich  W.  und  Schaffle  starker  als  irgendwelche  zeitgenossi- 
schen  Nationalokonomen,  so  sehr  sie  auch  in  der  Technik  des  wissenschaftlichen 
Arbeitens  voneinander  abwichen.  Zeitweise  sind  sie  auch  auBerlich  in  der 
Schriftleitung  der  Tiibinger  Zeitschrift  fiir  die  gesamten  Staatswissenschaften 
miteinander  verbunden  gewesen. 

Unter  diesen  vielfaltigen  Einfliissen  hat  sich  W.  —  zuerst  in  einer  1870  er- 
schienenen  Schrift:  »Die  Abschaffung  des  privaten  Grundeigentums«  —  von 
der  »bequemen  StrauBenpolitik  des  optimistischen  Manchestertums«  abge- 
wendet  und  die  neueren  theoretischen  Anschauungen  herausgebildet.  Er  hat 
sie  zuerst  in  seiner  »Grundlegung  der  politischen  Okonomie«,  die  1876  zum 
erstenmal  erschien  und  in  dritter  und  letzter  Fassung  1893  und  1894  in  zwei 
starken  Banden  herausgegeben  wurde,  zu  einem  System  zusammengefaBt. 
Spater  ist  noch  aus  einem  1900  zuerst  angefertigten  VorlesungsgrundriB  die 
»Theoretische  Sozialokonomik  oder  Allgemeine  und  theoretische  Volkswirt- 
schaftslehre«  hervorgegangen,  welche  die  Grundlegung  durch  die  »Aus- 
fuhrung«,  die  urspriinglich  von  Dietzel  und  dann  von  Pohle  geliefert  werden 
sollte,  in  kurzerem  Umfang  erganzen  sollte  und  von  der  1907  ihr  erster,  hier 
in  Betracht  kommender  Band  erschien  und  1909  ihr  zweiter  iiber  das  Ver- 
kehrswesen,  der  vor  allem  von  der  bereits  besprochenen  groBen  Monographic 
iiber  das  Geldwesen  gebildet  wird,  wahrend  der  vorgesehene  dritte  Band  iiber 
»Kredit  und  Kredit-  (Bank-)  Wesen,  Versicherung  und  Versicherungswesen, 
Konsumtion  usw. «  nicht  mehr  fertig  geworden  ist. 

Die  starke  Wandlung  W.s  in  seinen  grundlegenden  Anschauungen  war  an 
sich  nichts  Besonderes.  Sie  kann  geradezu  als  eine  Erscheinung  der  Zeit  be- 
zeichnet  werden.  Ahnlich  war  z.  B.  Schmoller  (s.  oben  S.  124  ff.),  wie  er  1870 
in  seinem  Buch  »Zur  Geschichte  der  deutschen  Kleingewerbe  im  19.  Jahr- 
hundert«  bekannt  hat,  »fruher  zu  optimistisch  nach  der  hergebrachten  Ansicht 
der  liberalen  Nationalokonomie«  gewesen.  Auch  im  letzten  Ergebnis  waren 
beide  nicht  sehr  verschieden.  Beide  waren  gegen  den  »Absolutismus  der 
Losungen«,  wie  ihn  die  extremen  Befiirworter  des  » Laissez-faire «  vertraten, 
und  hielten  eine  Erganzung  der  Theorie  durch  Tatsachenermittlung  fiir  ge- 
boten;  beide  verurteilten  den  »schonfarbenden  Optimismus«  der  bisher  herr- 


Wagner  185 

schenden  Lehre,  konnten  sich  den  »mancherlei  nachteiligen  Folgen  fur  die 
Verteilung  des  gesamten  Giiterertrages  unter  die  bei  der  Produktion  betei- 
ligten  Personen«  nicht  verschlieBen  und  traten  dafiir  ein,  dafl  neben  wirt- 
schaftlichen  Gesichtspunkten  auch  ethische  Beriicksichtigung  fanden;  beide 
haben  daher  auch  bei  der  Begriindung  des  Vereins  fiir  Sozialpolitik  wichtige 
Rollen  gespielt.  W.  hat  sogar  durch  einen  kraftvollen  Vortrag  iiber  die  soziale 
Frage,  den  er  kurz  nach  seiner  Ubersiedlung  nach  Berlin  1871  hielt,  die  An- 
grifle  der  Gegner  der  Sozialpolitik,  deren  Wortfuhrer  H.  B.  Oppenheim  war, 
auf  sich  konzentriert  und  so,  als  »das  lohnendste  und  mustergultigste  Exemplar 
der  ganzen  Gattung«  des  Professorentums,  den  unmittelbaren  AnstoB  zur 
Pragung  des  neuen  Ausdrucks  »Kathedersozialismus«  gegeben.  Spater  ist  er 
allerdings  aus  dem  Verein  fur  Sozialpolitik  zeitweise  wieder  ausgeschieden, 
und  zwar  teils  urn  voile  Freiheit  im  Verfolgen  seiner  Ziele  zu  haben,  teils  aber 
auch,  weil  er,  im  Gegensatz  zu  den  Fuhrern  des  Vereins,  der  Ansicht  war,  daft 
die  wiinschenswerte  Vereinigung    wirtschaftlicher    und  ethischer    Gesichts- 
punkte  nicht  bereits  in  der  Wirtschaftslehre,  sondern  erst  in  der  Praxis  des 
Wirtschaftslebens  zu  erfolgen  habe.   Darum  wollte  er  das  protestantische 
Christentum  fiir  den  sozialen  Gedanken  zu  gewinnen  und  eine  evangelisch- 
soziale  Arbeiterbewegung,  als  Gegenstiick  zu  der  groBen  katholischen,  ins 
Leben  zu  rufen  helfen.  Aufs  lebhaf teste  nahm  er  an  dem  Evangelisch-sozialen 
KongreB  und  seinen  Arbeiten  teil  und  schloB  sich  sogar,  obwohl  er  anfangs  dem 
rechten  Fltigel  der  Nationalliberalen  oder  dem  linken  der  Freikonservativen 
angehorte,  Adolf  Stocker  an,  um  mit  seiner  Hilfe  die  konservative  Partei,  die 
dem  Christentum  am  nachsten  stand,  mit  sozialpolitischem  Geist  zu  erfullen. 
Er  hat  kurze  Zeit  auch  (1882 — 1884)  als  ihr  Mitglied  dem  Reichstag  angehort. 
Die  Gegensatze  zwischen  W.  und  der  Historischen  Schule,  deren  Fuhrung 
sich  immer  mehr  in  Schmollers  Hand  vereinigte,  gingen  aber  noch  tiefer.  Wah- 
rend  die  neue  historische  Schule  sich  von  der  klassischen  nicht  nur  in  einzelnen 
Lehren,  sondern  im  ganzen  abwandte  und  in  der  abstrahierenden  und  deduk- 
tiven  Methode  den  Hauptmangel  der  bisherigen  Lehre  erblickte,  verbrannte 
W.  nicht,  was  er  bisher  angebetet  hatte.  Er  wollte  die  Lehre  der  englischen 
Klassiker  nicht  preisgeben,  sondern  weiter  entwickeln  und  bekampfte  nicht 
die  Abstraktion  und  die  Deduktion  an  sich,  sondern  ihre  falsche  Verwendung. 
Nach  ihm  handelt  es  sich  nicht  um  die  Alternative  Theorie  oder  Tatsachen- 
kunde,  sondern  ist  beides  aufs  engste  zu  verbinden.  Noch  ehe  von  einer  neuen 
historischen  Schule  die  Rede  war,  ist  W.  in  dieser  Frage   zu  bemerkens- 
werter  Klarheit  gekommen.  Er  fuhrte  schon  1868  in  seinem  Buch  iiber  die 
russische  Papierwahrung  das  Folgende,  das  50  Jahre  spater  auch  ein  Max 
Weber  hatte  sagen  konnen,  aus:  »Die  sozialen  und  wirtschaftlichen  Organismen 
unterstehen,  wie  alles  Menschliche,  zwei  Gesetzen,  dem  Gesetz  der  gleich- 
artigen  Gestaltungstendenz  der  Erscheinungen  im  ganzen  und  dem  Gesetz 
der  individuellen  Verschiedenheiten   der  zu  einer  Erscheinungsgruppe  ge- 
horigen  Vorgange  im  einzelnen.  Die  Vereinigung  beider  Momente,  nicht  die 
ausschlieBliche  Beriicksichtigung  bloB  des  einen  oder  des  anderen  ist  das 
Richtige  und  damit  auch  die  wahre  Aufgabe  der  gelauterten  Theorie.  Aber 
begreiflich  ist  es,  daB  die  Theorie  zu  leicht  geneigt  ist,  nur  das  Gleichartige, 
die  Praxis  nur  das  Verschiedene  der  Erscheinungen  zu  beachten.«  Der  Theo- 
retiker  muB,  »um  eben  auf  das  schlieBlich  doch  die  Entwicklung  der  Erschei- 


i86  1917 

nung  nachhaltig  beherrschende  Gesetz  zu  kommen,  von  den  modifizierenden 
Umstanden  abstrahieren.  Aber  er  darf  hinterher  bei  der  Wiederanwendung 
der  Theorie  fiir  die  Praxis,  d.  h.  eben  fur  die  jeweilige  Wirklichkeit  oder  die 
Welt  des  Individuellen  nicht  vergessen,  daB  er  abstrahiert  hat  .  .  .  Der  Prak- 
tiker  aber  miifite  bedenken,  daB  seine  Routine  im  Grunde  stets  ebenfalls  auf 
einer  Theorie  .  .  .  beruht«,  die  aber  »in  der  Regel  eine  falsche  Abstraktion 
des  Gleichartigen  in  den  Erscheinungen  ist  .  .  .  Der  rat  ion  e  lie  Praktiker, 
welcher  nicht  Routinier  sein  will,  muB  sich  dieser  theoretischen  Einsicht  fiigen, 
sonst  baut  er  fiir  den  Moment,  wo  zufallig  die  Bedingungen  wirksam  sind, 
welche  er  fiir  bleibend  wirksam  halt,  nicht  fiir  die  dauernde  Zukunft.« 

Auf  Grund  dieser  Erwagungen  betrachtete  es  W.  als  seine  Aufgabe,  »zwar 
das  Gleichartige  in  den  Erscheinungen  nicht  zu  tiberschatzen  und  das  Ver- 
schiedene  nicht  zu  verkennen,  aber  dennoch  von  diesem  Gleichartigen  aus- 
zugehen  und  die  gewonnenen  allgemeinen  Grundsatze  zur  Richtschnur  auch 
bei  der  konkreten  Frage  zu  nehmen«.  Danach  hat  er  auch  stets  gehandelt. 
Von  diesem  Stand punkt  aus  ist  er  zugleich  zu  einem  Verteidiger  der  Klassiker 
geworden.  Gegeniiber  den  Vorwiirfen  eines  kalten  Utilitarismus  und  oden 
Schematism  us  betonte  er  den  hypothetischen  Charakter  jeder  Abstraktion 
und  Deduktion.  So  fuhrte  er  aus,  daB  es,  »rein  okonomische  Beweggriinde  nur 
in  der  Hypothese  gibt«,  im  Leben  haben  ihnen  sittliche  Pflichten,  wie  sie  aus 
Vermogen,  Bildung  und  gesellschaftlicher  Stellung  erwachsen,  zur  Seite  zu 
treten.  Aber  er  halt  es,  wie  schon  angedeutet  wurde,  fiir  falsch,  daraus  die 
Folgerung  zu  ziehen,  daB  die  Theorie  sich  nicht  wie  bisher  der  isolierenden 
Methode  bedienen  diirfe.  Ohne  Isolierung  sei  sie  nicht  moglich;  sie  schaffe  des- 
halb  immer  nur  »Annaherungswerte«,  »Gestaltungstendenzen«  und  bedurfe 
immer  im  konkreten  Einzelfall  der  Erganzung  durch  Tatsachenermittlung. 
Die  Forderung  miisse  also  heiBen :  den  hypothetischen  Charakter  der  Theorie 
nicht  vergessen!  Nicht  in  der  Theorie  selbst,  in  ihrer  Anwendung  liegt  der 
Mangel ! 

Es  war  nur  eine  natiirliche  Konsequenz  dieses  Standpunktes,  daB  W.  sich 
auch  der  osterreichischen  Schule  der  Volkswirtschaftslehre  nicht  so  ablehnend 
gegeniiberstellte  wie  fast  alle  Anhanger  der  historischen  Schule.  Er  bekannte 
ausdriicklich,  ihr  viel  zu  verdanken,  ohne  sich  freilich  »durchaus  auf  ihre  Seite 
zu  stellen«.  Vor  allem  Bohm-Bawerks  groBes  Werk  (s.  DBJ.  1914 — 16,  S.  3  ff.) 
riihmt  er  als  »ausgezeichnete«  Leistung.  In  dem  heftigen  Streit  zwischen 
Schmoller  und  Menger  (s.  DBJ.  1921,  S.  196  ff.  und  oben  S.  128)  steht  er  sach- 
lich  Menger  naher,  aber  innerlich  hat  er  trotzdem  Schmoller  gegen  die  »pam- 
phletistische  Polemik«  des  Wiener  Kollegen  in  Schutz  genommen.  Im  ganzen 
hat  jedoch  auch  W.  mit  der  osterreichischen  Schule  nahere  Fuhlung  nicht 
gehabt.  Wahrend  er  sich  sonst  stets  mit  Andersdenkenden  ausfuhrlich  aus- 
einandersetzte,  versagte  er  hier  zum  groBen  Teil.  Er  hat  auch  nie  eine  richtige 
Vorstellung  von  der  auBerordentlichen  Verbreitung  der  Grenznutzenlehre 
auBerhalb  Deutschlands  gewonnen. 

Auch  in  bezug  auf  die  Untermauerung  der  Theorie  mit  Tatsachenmaterial 
war  urspriinglich  ein  Unterschied  vorhanden,  der  freilich  im  Laufe  der  Zeit 
etwas  verblaBte.  Die  historische  Schule  stellte  die  Vergleiche  verschiedener 
Zeiten  und  Entwicklungsphasen  eines  Volkes  in  den  Vordergrund.  W\  dagegen 
erstrebte  »ahnliche  Vergleichungen  im  Raume,  bei  gleichzeitig  lebenden  ver- 


Wagner  1 87 

schiedenen  V61kern«.  Es  ist  klar,  daJ3  diese  international  vergleichende  Me- 
thode und  die  geschichtliche  Methode  sich  nicht  ausschlieBen.  W.  meinte  aller- 
dings,  Vergleichungen  der  zweiten  Art  hatten,  insbesondere  fur  praktische 
Zwecke,  »mehr  Wert,  weil  die  einwirkenden  Faktoren  sicherer  zu  iibersehen 
und  die  Starke  ihres  Einflusses  eher  zu  ermessen  sei«.  Er  betrachtete  insbeson- 
dere das  statistische  Verfahren  als  »das  relativ  vollkommenere  Induktions- 
verfahren«.  Aber  wenn  auch,  wie  er  meinte,  beim  historischen  Verfahren  die 
Isolierung  der  Ursache  schwieriger  ist,  so  war  er  keineswegs  gegen  wirtschafts- 
geschichtliche  Untersuchungen.  Er  hat  ja  selbst  sehr  dicke  Bande  mit  ihnen 
gefullt.  Nur  die  Identifizierung  der  Wirtschaftsgeschichte  mit  der  Wirtschafts- 
theorie  lehnte  er  scharf  ab ;  in  ihr  sah  er  einen  »  VerstoB  gegen  die  Forderungen 
der  Logik  in  der  Methodologie,  Systematologie  und  Aufgabebestimmung  der 
Wissenschaft«.  »Nicht  das  eine  oder  das  andere,  sondern  das  eine  und  das 
andere!«  Nur  keine  AnmaBung  einer  »Alleinherrschaft«! 

Trotz  der  umfangreichen  wirtschaftsgeschichtlichen  Arbeiten  W.s  bleibt  es 
Tatsache,  daB  er  sich  mit  der  Statistik  sehr  viel  lieber  befaBt  hat.  Es  ging  das 
zum  Teil  auf  Wappaus  zuriick,  der  Professor  in  Gottingen  war  und  in  dem  er 
den  »hervorragendsten  Vertreter  des  Lehramts  der  Statistik  deutscher  Zunge« 
erblickte.  Aber  auch  Qu£telet  hatte  auf  W.  groBen  Eindruck  gemacht.  Theo- 
retisch  und  praktisch  interessierten  ihn  die  statistischen  Probleme.  Er  hat 
daher  schon  1863  ein  Buch  iiber  die  »GesetzmaBigkeit  der  scheinbar  willkiir- 
lichen  Handlungen«  herausgegeben  und  ist  dabei  in  dem  Engel  und  Wappaus 
gewidmeten  zweiten  Teil  auf  die  Statistik  der  Selbstmorde  aufs  griindlichste 
eingegangen.  Wie  diese  stoffreiche  Arbeit  unter  den  statistischen  Privatarbeiten 
jener  Zeit  eine  ruhmliche  Stellung  einnimmt,  so  war  auch  W.s  Artikel  »Sta- 
tistik«  in  Bluntschlis  und  Braters  Staatsworterbuch  lange  die  umfassendste 
Bearbeitung  dieses  Themas.  W.  ist  dann  auch  in  Dorpat  Professor  nicht  nur 
der  Nationalokonomie,  sondern  ausdriicklich  auch  der  Statistik  gewesen,  und 
er  wurde,  als  er  nach  Berlin  berufen  wurde,  Mitglied  des  PreuBischen  Statisti- 
schen Bureaus.  Er  ist  als  Gutachter  in  statistischen  Fragen  verschiedentlich 
tatig  gewesen  und  hat  auch  in  seinen  iiberwiegend  theoretischen  Arbeiten 
mehrfach  eingehende  statistische  Ausfuhrungen  eingefugt,  so  in  seine  Sozial- 
okonomische  Theorie  des  Geldes  die  auBerordentlich  ausfuhrliche  »historische 
Statistik  der  Edelmetalle  «. 

Nicht  minder  wichtig  als  die  Unterschiede  in  der  Methode  sind  die  in  den 
behandelten  Objekten.  Insbesondere  einer  ist  von  groBter  Bedeutung.  Wahrend 
namlich  Schmoller  in  seinem  1900 — 1904  erschienenen  »GrundriB  der  allge- 
meinen  Volkswirtschaftslehre «  dem  Sozialismus  keinen  groBeren  Abschnitt 
gewidmet  hat  und  demgemafi  auch  in  der  Schmoller  als  Festschrift  zum  70.  Ge- 
burtstag  iiberreichten  »Entwicklung  der  deutschen  Volkswirtschaftslehre  im 
19.  Jahrhundert«  keine  der  40  Arbeiten  den  Sozialismus  besonders  behandelt, 
wahrend  auch  der  Verein  fiir  Sozialpolitik  sich  bis  zum  Kriege  mehr  um  die 
einzelnen  praktischen  Forderungen  der  Sozialdemokratie  als  um  die  Grund- 
ideen  des  Sozialismus  bekummert  hat,  ist  fiir  W.  seine  griindliche  Auseinander- 
setzung  mit  dem  Sozialismus  besonders  charakteristisch.  Er  sah  in  ihm,  mit 
einem  Gemisch  von  Bestiirzung  und  Bewunderung,  die  vielleicht  groBte  geistige 
Bewegung  der  Zeit.  Soweit  sie  sich  kritisch  gegen  den  Optimismus  der  Kon- 
kurrenztheorie  wandte,  war  nach  seiner  Ansicht,  trotz  vieler  Ubertreibungen, 


i88  1917 

»im  groBen  und  ganzen  das  Bild  nicht  unrichtig,  die  Malerei  nicht  tendenzios, 
die  Diagnose  des  Ubels  nicht  falsch«.  So  kam  er  zum  ersten  viel  umstrittenen 
SchluB :  man  muB  von  der  Kritik  des  Sozialismus  lernen  und  sich  hiiten,  die 
kritische  Betrachtung  der  Wirtschaft  zu  einem  Monopol  der  unteren  Schichten 
der  Bevolkerung  werden  zu  lassen.  Er  selbst  hat  immer  wieder  mutig  bekannt, 
viel  vom  Sozialismus  gelernt  zu  haben. 

Neben  der  Kritik  steht  das  Dogma  des  Sozialismus.  Auch  dieses  muB  mit 
groBter  Sorgfalt  zum  Gegenstand  einer  unbefangenen  Kritik  gemacht  werden. 
Die  Axiome  miissen  in  Probleme  verwandelt  werden.  Denn  »was  in  den  kriti- 
schen  Gedanken  und  positiven  Ideen  des  Sozialismus  richtig  ist,  wird  sich 
siegreich  erweisen«,  und  je  mehr  von  den  Wunschen  der  unteren  Schichten 
unerfullt  ist,  um  so  eifriger  muB  verlangt  werden,  »daB  das  Erreichbare  ge- 
schehe  und  daB  auf  das  sorgfaltigste  gepriift  werde,  was  eben  erreichbar  sei«. 

W.  hat  diese  Priifung  des  Sozialismus  mit  nie  erlahmendem  Mut  zur  Durch- 
fuhrung  gebracht  und  damit  die  theoretische  Volkswirtschaftslehre  in  bedeut- 
samster  Weise  bereichert.  Einige  seiner  Lehren  miissen  als  Hauptbeispiele  da- 
fur  kurz  hervorgehoben  werden. 

Erstens  hat  W.  eine  nationalokonomische  Rechtslehre  unter  dem  Schlag- 
wort  »Freiheit  und  Eigentum«  entwickelt.  In  ihr  wendet  er  sich  einerseits 
gegen  das,  was  Jhering  das  »Blendwerk  der  juristischen  Dialektik,  welche  dem 
Positiven  den  Nimbus  des  l,ogischen  zu  geben  versteht«,  genannt  hat,  und 
andererseits  gegen  die  Forderungen,  die  sozialistische  Demagogen  mit  »bod en- 
loser  I,eichtfertigkeit«  in  das  Publikum  tragen.  Wissenschaftlich  kann  es  sich 
weder  um  einfache  Aufrechterhaltung  noch  um  einfache  Beseitigung  des  Pri- 
vateigentums  handeln.  Die  Wissenschaft  hat  vielmehr  die  Aufgabe,  unab- 
hangig  vom  positiven  Recht,  breit  und  ausfuhrlich  zu  erortern,  wo  ist  Privat- 
eigentum  und  wo  Gemeineigentum  am  Platz,  und  W.  kam  bei  dieser  Erorte- 
rung  zum  Ergebnis,  daB  viele  Unterscheidungen  gemacht  werden  miissen.  Er 
ging  den  verschiedenen  Verwendungsarten  des  Bodens  nach  und  unterschied 
Wohnboden,  landwirtschaftlichen  Boden,  Waldboden,  Bergwerksboden,  Wege- 
boden  und  Gewasser.  Dieser  Mannigfaltigkeit  der  Bodenarten  muBte  auch  eine 
Mannigfaltigkeit  in  den  Rechtsformen  des  Bodenbesitzes  entsprechen.  Wie 
zur  Erhaltung  eines  gesunden  Bauernstandes,  des  Haupttragers  individueller 
Volkskraft,  das  Privateigentum  an  landwirtschaftlichem  Boden  unentbehrlich 
ist,  so  erschienen  ihm  staatliche  Beschrankungen,  die  bis  zur  Beseitigung  des 
Privateigen turns  gehen  konnen,  iiberall  dort  geboten,  wo  der  Boden  einen 
Monopolcharakter  tragt,  wie  bei  den  Eisenbahnen  infolge  der  Kostspieligkeit 
ihrer  Anlage,  wie  der  Bergwerksboden  infolge  der  Erschopflichkeit  der  Boden- 
schatze,  wie  auch  der  stadtische  Bauboden  infolge  seiner  Lage.  Diesen  tief- 
greifenden  Verschiedenheiten  muB  die  Rechtsordnung  sich  anpassen.  Sie  ist 
nichts  Unabanderliches,  muB  vielmehr  im  selben  MaBe,  wie  die  fortschreitende 
Entwicklung  neue  Unterschiede  hervortreten  oder  Bedeutung  gewinnen  laBt, 
gewandelt  werden.  Die  Grenzen  des  Staatsbesitzes  konnen  nicht  grundsatz- 
Hch  ein  fiir  allemal  festgelegt  werden.  Sie  nach  den  sich  andernden  Verhalt- 
nissen  im  Wirtschaftssystem  neu  zu  ziehen,  ist  fiir  jede  Zeit  eine  der  schwierig- 
sten  und  wichtigsten  Aufgaben.  Diese  hiermit  nur  angedeutete  Theorie  des 
Grundbesitzes  und  der  Grundrente  stellt  unzweifelhaft  eine  sehr  wertvolle 
Bereicherung  der  theoretischen  Erkenntnis  durch  W.  dar. 


Wagner  189 

Auch  bei  der  Kapitallehre,  die  mit  seinem  Namen  verbunden  ist,  im  wesent- 
lichen  aber  schon  anf  Rodbertus  zuriickgeht,  handelt  es  sich  darum,  zwischen 
dem  Wirtschaftlichen  und  Rechtlichen  klar  zu  scheiden.  Immer  ist  Kapital, 
ganz  unabhangig  von  der  Rechtsordnung,  zur  Gutererzeugung  notig.  Dieses 
Kapital  im  reinwirtschaftlichen  Sinn,  das  sich  vorfindet,  mag  das  Wirtschafts- 
leben  organisiert  sein  wie  es  wolle,  hat  W.  Volks-  oder  Produktionskapital  ge- 
nannt.  Es  kann  auch  in  einer  sozialistischen  Gemeinschaft  nicht  entbehrt 
werden.  Es  ist  eine  »wirtschaftliche  Kategorie«.  Das  Recht  dagegen  ist  wan- 
delbar,  und  darum  ist  jede  positive  Rechtsform  des  Kapitals  nur  eine  »ge- 
schichtlich-rechtliche<(  Kategorie.  Das  ist  der  Fall  mit  dem  auf  dem  Privat- 
eigentum  beruhenden  und  Einkommen  schaffenden  Kapital,  das  W.  als  das 
Privat-  oder  Erwerbskapital  bezeichnet.  Dieses  ist  das  Kapital,  das  der  Sozia- 
lismus  beseitigen  will;  nur  dieses  kann  beseitigt  werden.  Die  wichtige  Folge- 
rung  ist,  daB  man  bei  den  »kapitalistischen«  Folgen  auch  diese  Unterscheidung 
scharf  beriicksichtigen  muB.  Ein  groBer  Teil  der  Folgen  beruht  auf  dem  Kapital 
als  wirtschaftlicher  Kategorie,  auf  dem  Volks-  oder  Produktionskapital.  Eine 
Aufhebung  des  Privatkapitals  beseitigt  sie  nicht;  sie  bezieht  sich  vielmehr 
nur  auf  diejenigen  »kapitalistischen«  Folgen,  die  aus  der  privaten  Rechtsform 
des  Kapitals  hervorwachsen,  und  man  kann  sehr  zweifelhaft  sein,  ob  sie  die 
wichtigeren  sind.  Jedenfalls  hat  der  Mangel  einer  solchen  klaren  Unterschei- 
dung beim  Sozialismus  eine  Fulle  von  Verwirrung  hervorgerufen. 

Nicht  minder  wichtig  ist  W.s  wirtschaftliche  Motivenlehre,  die  er  selbst  den 
»Ausgangspunkt  fur  alle  weiteren  Erorterungen  in  der  Wirtschaftslehre«  ge- 
nannt  hat.  Auch  in  ihr  richtet  er  sich  gegen  zwei  Fronten :  gegen  die  Sozialisten, 
die  den  Erwerbstrieb  aus  dem  Wirtschaftsleben  ausschalten  wollen,  und  gegen 
die  Anh anger  der  historischen  Schule,  welche  in  der  Lehre  von  Adam  Smith 
liber  das  »Selbstinteresse«  eine  »bodenlose  Oberflachlichkeit<<  erblicken.  W. 
sucht  als  erster  in  sorgfaltiger  Untersuchung  festzustellen,  welche  Motive  im 
Wirtschaftsleben  uberhaupt  eine  Rolle  spielen  und  wie  sie  sich  im  einzelnen 
zueinander  verhalten,  insbesondere,  wieweit  sie  sich  ersetzen  konnen.  Er  ge- 
langt  zunachst  gegeniiber  der  historischen  Schule  zu  dem  Ergebnis,  daB  die 
Lehre  der  Klassiker  hier  zwar  erganzungsbedurftig,  aber  nicht  falsch  und  ober- 
flachlich  ist,  wenn  sie  richtig  verstanden  wird.  Er  sagt  nachdriicklich,  mit  Recht 
habe  »die  Methode  der  Deduktion  der  politischen  Okonomie  gerade  dieses 
Motiv — den  , self  interest' — als  Ausgangspunkt  genommen«.  Diese  ideal- 
typische  Abstraktion  halt  er  fiir  ein  wirksames  Hilfsmittel,  in  die  Kausal- 
zusammenhange  einzutreten.  Nur  muB  man  natiirlich  auch  hier  das  »Verifizie- 
rungsverf ahren «  nicht  vernachlassigen,  wie  es  vor  allem  die  Nachfolger  der 
klassischen  Schule  get  an  haben ;  auch  iiber  die  durch  das  Gesamtwohl  gebotenen 
Grenzen  des  Erwerbstriebes  und  die  Moglichkeiten  seiner  Kontrolle  ist  Klar- 
heit  notig.  Wichtiger  noch  ist  das  Ergebnis  gegeniiber  dem  Sozialismus:  die 
von  diesem  so  leichthin  angenommene  Ersetzbarkeit  des  Erwerbstriebes  durch 
andere  Motive  ist  ein  durch  nichts  gerechtfertigter  Optimismus.  Die  psycho- 
logischen  Griinde  sind  es  in  erster  Linie,  an  denen  die  sozialistischen  Plane 
scheitern;  sie  bauen  sich  auf  der  Annahme  »wesensanderer  Menschen«  auf. 
Was  Schaffle  zuerst  dargelegt  hat,  hat  W.  zu  einer  system atischen  Lehre  ausge- 
staltet.  GewiB  ist  sie  nichts  Fertiges  fiir  alle  Zeiten.  Insbesondere  in  der  Zu- 
ruckfuhrung  der  Motive  auf  die  Bediirfnisse  und  in  der  Differenzierung  der 


igo  1917 

Analyse  konnte  man  noch  weiter  gehen.  Aber  W.s  Motivenlehre  bleibt  eine 
theoretisch  und  praktisch  auBerordentlich  wertvolle  Leistung. 

Neben  der  Motivenlehre  hat  W.  stets  in  der  Bevolkerungslehre  den  durch- 
schlagendsten  Grund  gegen  den  Sozialismus  gesehen.  Er  hat  immer  wieder 
Malthus  gegen  MiBverstandnisse  in  Schutz  genommen,  die  Ansicht  von  Karl 
Marx,  daB  das  Ubervolkerungselend  nur  eine  Frage  der  »kapitalistischen«  Pro- 
duktionsweise  sei,  bekampft  und  auf  die  aus  der  gleichbleibenden  Natur  des 
Menschen  hervorwachsenden  grundlegenden  Bevolkerungsprobleme  hinge- 
wiesen.  Mit  Riicksicht  auf  sie  hat  er  alles  befurwortet,  was  einer  Entvolkerung 
des  platten  Landes  entgegenwirken  konnte,  inid  den  Kampf  gegen  den  »In- 
dustriestaat«  auf  genommen.  Mit  Riicksicht  auf  sie  war  er  der  Ansicht,  daB  die 
Ausfuhrung  der  sozialistischen  Plane  so  harte  Beschrankungen  der  individuellen 
Freiheit  erfordere,  daB  sie  als  untragbar  empfunden  werden  miiBten. 

Wahrend  W.  in  der  Verstandnislosigkeit  des  Sozialismus  fur  die  Bevolke- 
rungsfrage  einen  seiner  Hauptmangel  sah,  erkannte  er  immer  wieder  an,  daB 
»eine  vollstandige  prinzipielle  Behandlung  der  Einfliisse  der  Konjunktur  vor- 
nehmlich  doch  erst  den  sozialistischen  Theorien  zu  verdanken«  sei.  Schon  1879 
befiirwortete  er,  auch  hier  vom  Sozialismus  zu  lernen;  denn  »die  Signatur  der 
modernen  Volkswirtschaft«  liege  darin,  daB  die  Konjunktur  »vielfach  als 
dritter  Hauptfaktor,  von  welchem  die  Tauschwertsumme  des  Giiterbestandes 
in  der  Wirtschaft  und  des  Vermogensbestandes  einer  Person  abhangt,  neben 
die  beiden  anderen  hierfiir  maBgebenden  Faktoren,  die  Produktion  und  die 
Konsumtion,  tritt«.  Daher  hielt  er  es  auch  fiir  eine  berechtigte  Aufgabe,  den 
miBlichen  Folgen  der  Konjunktur  entgegenzuarbeiten ;  aber  das  sei  naturlich 
nur  eine  »Bekampfung  der  Symptome,  der  Folgen  des  t)bels«.  Wichtiger  sei, 
»zu  fordern,  ob  und  wieweit  das  Ubel  selbst,  der  maBgebende  EinfluB  der 
Konjunktur,  beseitigt  oder  vermindert  werden  kann«.  Das  bezeichnet  W.  als 
»die  prinzipielle  Frage  der  heutigen  Nationalokonomie<(.  Diese  klare  Erkennt- 
nis,  die  seinerzeit  nur  wenig  Beachtung  fand,  muB  sich,  fast  ein  halbes  Jahr- 
hundert  spater,  durch  eine  Wirrnis  unklarer  Plane  erst  muhsam  wieder  durch- 
ringen. 

Endlich  steht  mit  der  Motivenlehre  noch  eine  Lehre  im  Zusammenhang :  die 
Organisationslehre.  Auch  hier  hat  W.,  gestiitzt  auf  Schaffle,  in  der  wissen- 
schaftlichen  Analyse  einen  wichtigen  Schritt  voran  getan.  Er  unterscheidet 
drei  Systeme :  das  privatwirtschaftliche,  gemeinwirtschaftliche  und  karitative 
System.  Stets  sind  in  der  Praxis  des  Wirtschaftslebens  alle  drei  Systeme  mit- 
einander  vermischt.  Diese  Mischung  ist  immer  verschieden  und  gibt  der  ein- 
zelnen  Volkswirtschaft  ihr  besonderes  Geprage.  Den  wechselnden  Erforder- 
nissen  der  Zeit  diese  Mischung  anzupassen,  ist  eine  Hauptaufgabe  aller  Wirt- 
schaftspolitik.  Sie  lost  sich  in  zahlreiche  Einzelprobleme,  insbesondere  schwie- 
rige  Verstaatlichungsfragen  auf,  die  nur  in  ernster  Einzelpriifung,  nicht  durch 
Schlagworte,  gelost  werden  konnen. 

An  diese  Organisationslehre  knupfen  die  positiven  Reform vorschlage  W.s 
an.  Sie  laufen  in  der  Hauptsache  darauf  hinaus,  das  gemeinwirtschaftliche 
System  in  der  Volkswirtschaft  zu  verstarken.  Einmal  sollen  durch  eine  Reihe 
von  Verstaatlichungen  —  die  Eisenbahnen,  WasserstraBen,  Notenbanken  so- 
wie  Walder  spielen  dabei  eine  besondere  Rolle  —  besonders  schadliche  und 
verbitternde  Ausbeutungsmoglichkeiten  ausgeschaltet  und  damit  eine  hohere 


Wagner  igi 

Gerechtigkeit  in  der  Verteilung  der  Giiter  erzielt  werden.  Im  Interesse  der 
Gesamtheit  darf  der  Staat  iiberhaupt  Monopole  privater  Art  nicht  aufkommen 
lassen.  Zweitens  musse  ein  hoherer  Wohlstand  der  Arbeiterklassen  erstrebt 
werden.  »Proletarier«  wie  »Millionare«  sind  »ein  Auswuchs,  eine  soziale  Krank- 
heit«.  Die  Gegensatze  von  Arm  und  Reich  diirfen  nicht  immer  groBer  werden; 
sie  mussen  im  Gegenteil  verringert  werden,  da  die  zunehmende  Bildung  der 
Arbeiter  sie  immer  fuhlbarer  werden  laBt.  Das  ist  der  Gesichtspunkt,  von  dem 
aus  W.  auch  die  schon  besprochene  » soziale  Steuerpolitik«  befurwortet. 

W.  glaubt  im  AnschluB  an  Rodbertus  in  der  Entwicklung  des  Wirtschafts- 
lebens  ein  »historisches  Gesetz«  der  zunehmenden  Ausdehnung  der  Staats- 
tatigkeit erkennen  zu  konnen  und  meint,  wer  dieses  Gesetz  erfafit  habe,  habe 
auch  »die  Berechtigung,  zu  sagen,  was  geschehen  soll«.  Fiir  dieses  Gesetz 
ist  aber  ein  zwingender  Beweis  nicht  zu  erbringen.  Es  ist  unzweifelhaft  in 
einem  gewissen  Gegensatz  zum  systematischen  MiBtrauen,  mit  dem  der  Libe- 
ralismus  der  Staatstatigkeit  gegeniiberstand,  aufgestellt  worden;  und  mit 
Recht  ist  auch  gefragt  worden,  ob  der  Nachweis  einer  historischen  Entwicklung 
geniigen  konne,  eine  tief  eingreifende  Wirtschaftspolitik  zu  rechtfertigen. 
Solche  Zweifel  sind  urn  so  mehr  am  Platze,  als  eine  scharfe  Grenze  zwischen 
Individuum  und  Staat  nicht  zu  ziehen  ist.  W.  begniigte  sich  daher  auch  mit 
der  ganz  allgemeinen  Formel,  die  Tatigkeit  des  Staates  sei  moglichst  auszu- 
dehnen,  ohne  die  Entwicklung  des  Individuums  zu  gefahrden.  Er  verkannte 
nicht,  daB  darin  ein  gewisses  MaB  von  »Willkur«  liege.  Darum  faBte  er  auch 
selbst  »Kautelen«  ins  Auge,  und  zwar  erstens  eine  international  einigermaBen 
gleiche  Arbeitergesetzgebung,  zweitens  eine  Regelung  der  internationalen  Kon- 
kurrenz  durch  »soziale  Schutzzolle«  und  drittens  die  gesetzliche  Beseitigung  be- 
sonderer  MiBstande  der  freien  Konkurrenz  im  Borsen-,  Bank-,  Aktien-  und 
Versicherungswesen.  Auch  dann  bleibt  besonnenes  MaBhalten  oder — wie 
W.  sagt  —  eine  Beschrankung  auf  die  Falle  notig,  »wo  es  okonomisch  und  tech- 
nisch  passend  ist«.  Dtese  vorsichtige  Formulierung  kann  dariiber  nicht  tau- 
schen,  daB  W.  bei  seinen  Forderungen  einseitig  die  staatlichen  Verhaltnisse 
ins  Auge  gefaBt  hat,  die  ihm  damals  im  Deutschen  Reich  gegeben  zu  sein 
schienen.  Er  hat  es  nicht  beachtet,  daB  das  MaB  der  Staatstatigkeit  in  erster 
Linie  von  der  Art  des  Staates  selbst  abhangt:  von  dem  Grade  seiner  Stetigkeit 
und  Uberparteilichkeit,  der  Gesundheit  seiner  Traditionen,  der  Bildung  seiner 
Leiter.  Die  Gefahren  treten  urn  so  ernster  in  den  Vordergrund,  je  mehr  Garan- 
tien  besonnenen  MaBes  im  Staate  fehlen.  Seinerzeit  hat  jedoch  diese  unermiid- 
lich  verfochtene  Politik,  die  mit  dem  irrefuhrenden,  nur  fiir  Rodbertus  passen- 
den  Ausdruck  »Staatssozialismus«  bezeichnet  zu  werden  pflegt,  groBte  Be- 
achtung  gef unden ;  sie  ist  auch  von  starkem  praktischen  EinfluB  gewesen  und 
hat  einen  Sturm  von  Angriffen  gegen  W.  entfesselt.  Mit  Bezug  auf  sie  hat 
Toennies  gesagt:  » Kathedersozialismus  ist  eine  Merkwiirdigkeit,  eine  Gelehr- 
samkeit,  eine  Vermittlung.  Staatssozialismus  ist  ein  Programm.  Und  das  war 
es,  was  der  Natur  W.s  gemaB  war :  in  ihm  loderte  die  Flamme  reformatorischen 
Geistes. « 

DAS  wissenschaftliche  Lebenswerk  von  Adolf  W.  stellt  eine  gewaltige,  frei- 
lich  vielfach  unvollstandige  Einheit  dar.  Unter  dem  Zwang  der  Logik  und  dem 
Druck  eines  starken  wissenschaftlichen  Verantwortungsgefuhls  hat  sich  die 
Arbeit  eines  Spezialgelehrten,  der  fiir  monographische  Studien  ungewohnlich 


192  1917 

befahigt  war,  zu  immer  umfassenderen  Aufgaben  systematischer  Art  geweitet, 
obwohl  die  Zeit,  infolge  des  stiirmischen  Gangs  der  Entwicklung,  ihnen  abhold 
war  und  wirtschaftswissenschaftliche  Spezialstudien  einseitig  begiinstigte. 
Schmoller  hat  sich  diesem  Zuge  der  Zeit  gefiigt.  Seit  seiner  Jugendschrift 
»Zur  Geschichte  der  deutschen  Kleingewerbe  im  19.  Jahrhundert«  aus  dem 
Jahre  1870  hat  er  drei  Jahrzehnte  lang  kein  ejgentliches  Buchmehr  geschrieben 
und  erst  am  Ende  seines  Lebens  seine  Aufsatze  und  Vorlesungen  zu  einem 
Werk  zusammengefaBt,  das  mehr  das  erstaunliche  Ergebnis  einer  langen,  rast- 
losen  Lesearbeit  darstellt  als  das  geschlossene  System  einer  Wissenschaft. 

W.  dagegen  hat  sich  bereits  zu  Beginn  seiner  Laufbahn  mit  den  groBten 
Aufgaben  der  Zusammenfassung  belastet,  von  denen  er  sein  Leben  lang  nicht 
wieder  frei  wurde.  Spurt  man  in  Schmollers  »Grundrii3«  einen  Hauch  der  freu- 
digen  Stimmung  eines  Erntefestes,  so  empfindet  man  bei  den  umfangreichen 
Werken  W.s  von  Jahrzehnt  zu  Jahrzehnt  mehr,  wie  er  von  einer  Riesenlast 
bedriickt  wurde,  die  nicht  abzuwalzen  war.  W.  fuhlte  sich  gleichsam  in  geistigen 
Fesseln,  und  wenn  er  sie  auch  immer  wieder  fur  kurze  Zeit  abstreifte,  so  geschah 
es  doch  meist  mit  einem  Gefuhl  des  schlechten  Gewissens.  Die  voile  Freude 
des  Freischaffenden  hat  er  nur  selten  genossen.  In  diesem  Widerspruch  der 
logisch  erwachsenen  Aufgabe  zum  Grundcharakter  der  Zeit  und  zu  der  Lei- 
stungsfahigkeit  eines  einzelnen  liegt  in  erster  Linie  die  Tragik  dieses  Gelehrten- 
lebens. 

Erst  an  zweiter  Stelle  liegt  sie  in  der  Sonderstellung,  die  W.  lange  Zeit  in  der 
deutschen  Wirtschaftswissenschaft  angenommen  hat.  Er  schwamm  bewuBt 
gegen  den  Strom.  Darin  war  seine  wissenschaftliche  und  menschliche  GroBe 
begriindet;  daraus  erwuchs  ihm  aber  auch  immer  wieder  ein  Gefuhl  nutzlos 
vertaner  Arbeit  und  hilfloser  Isolierung.  Doch  immer  wieder  triumphierte  auch 
die  Uberzeugung  von  der  Berechtigung  und  Zukunftskraft  seiner  Methoden 
und  Lehren,  und  zum  SchluB  seines  Lebens  hat  er  die  groBe  Befriedigung  ge- 
habt,  daB  die  Gesamtentwicklung  mehr  und  mehr  in  Bahnen  einlenkte,  die  er 
selbst  zu  wandeln  und  zu  lehren  nicht  miide  geworden  war. 

Trotzdem  haben  auch  jetzt  W.s  Hauptwerke  nicht  den  EinfluB  gewonnen, 
auf  den  sie  sachlich  einen  Anspruch  hatten.  Das  hangt  mit  dem  Gewand  zu- 
sammen,  in  dem  sie  auftreten.  Schon  auBerlich  ist  es  ungewohnlich.  Wahrend 
Anmerkungen  namlich  sonst  am  FuBe  des  Textes  oder  am  SchluB  des  Para- 
graphen  untergebracht  zu  werden  pflegen,  hat  W.  sie  in  den  Text  einbezogen. 
Seine  Gedankenfuhrung  erleidet  daher  immer  wieder  Unterbrechungen  und 
Verlangsamungen.  Auch  wo  eine  groBe  L,inie  in  der  Darstellung  vorhanden  ist, 
vermag  sie  nicht  wirksam  in  die  Erscheinung  zu  treten.  Das  ist  um  so  storen- 
der,  als  W.  es  als  Pflicht  wissenschaftlicher  Griindlichkeit  und  literarischen 
Anstandes  empfand,  bei  jedem  Schritt  festzustellen,  mit  wem  er  sich  ganz 
oder  teilweise  in  tTbereinstimmung  befinde,  und  sich  mit  alien  umstandlich 
auseinanderzusetzen,  welche  irgendwie  eine  andere  Ansicht  vertraten.  Immer 
wieder  muB  der  L,eser  auf  Seitenwegen  an  kleineren  NebenstrauBen  teilneh- 
men,  die  ihn  wcnig  oder  gar  nicht  interessieren. 

Das  fiel  fort,  sobald  W.  die  schwerfallige  Riistung  des  wissenschaftlichen 
Systematikers  auszog.  Dann  konnte  seine  Personlichkeit,  die  mit  der  umstand- 
lichen  und  pedantischen  Methode  seiner  Lehrbiicher  in  scharfem  Widerspruch 
stand,  sich  frei  entfalten.  In  ihr  lebte  bis  an  die  Schwelle  des  Todes  eine  jugend- 


Wagner.  Zeppelin  103 

liche  Feuerseele.  Nicht  Gelehrter  und  Lehrer  standen  bei  ihm  im  Vordergrund, 
sondern  der  furchtlose  Kampfer,  der  gerade  aufs  Ziel  losgeht,  sich  opfert  fur 
seine  Uberzeugung,  auch  mit  Freunden  bricht,  wenn  die  Sache  es  erfordert. 
Diese  freie,  offene,  feurige  Personlichkeit  enthullt  sich  in  den  zahlreichen 
Streitschriften,  die  so  eindrucksvoll  die  miihsame  Gelehrtenarbeit  begleiten. 
Erst  Widerspruch  brachte  sie  zu  voller  Entfaltung. 

Ganz  ahnlich  auch  in  der  Lehrtatigkeit.  Die  groBen  systematischen  Vor- 
lesungen  unterdriickten  seine  Personlichkeit.  In  ihnen  trat  die  Muhseligkeit 
der  Arbeit  und  die  Unterwerfung  unter  selbst  erwahlte  Grundsatze  zu  sehr  in 
den  Vordergrund.  Fur  sie  lieB  ihm  auch  seine  wissenschaftliche  Tatigkeit 
meist  nicht  viel  Zeit  zur  Vorbereitung.  Fiir  W.  war  die  kurze  offentliche  Vor- 
lesung  der  Hohepunkt  seiner  Lehrtatigkeit.  Da  entfaltete  sich  seine  groBe 
natiirliche  Beredsamkeit,  steigerte  sich  sein  Wahrheitsdrang  zum  Bekenner- 
mut,  teilte  er  nach  links  und  rechts,  oft  herausfordernd,  lustige  Schlage  aus. 
Wenige  konnten  eine  groBe  Zuhorerschaft,  zumal  eine  studentische,  so  packen 
und  begeistern.  Und  wenn  W.  auch  wohl  kaum  ein  groBer  Lehrer  genannt 
werden  kann,  seine  tapfere,  treue  Mannesart,  seine  ganze  vorbildliche  Person- 
lichkeit machte  ihn  zum  groBen  Erzieher.  Er  hat  keine  Schule  hinterlassen,  und 
doch  war  sein  EinfluB  weitreichend  wie  selten  der  eines  Professors.  Der  auf- 
rechte,  ritterhche  Kampfer  fiir  das  Vaterland,  fiir  die  Gerechtigkeit  und  fiir 
die  Wahrheit  hat  sich,  weit  iiber  den  Tod  hinaus,  eine  Statte  in  vielen  dank- 
baren  Herzen  geschaffen. 

Literatur:  Zunachst  iiber  Wagners  Personlichkeit  im  ganzen:  Schmoller  und  Sering, 
Reden  zu  W.s  70.  Geburtstag.  Schrnollers  Jahrbuch  1905.  —  Einleitung  zur  Festgabe 
zum  70.  Geburtstag  von  Adolf  W.,  Berlin  1905.  —  Artikel  W.  im  Handworterbuch  der 
Staatswissenschaften. —  Reinhold  Seeberg,  Trauerrede  fiir  Adolf  W.,  Berlin  1918.  — 
Hermann  Schumacher,  Adolf  W.,  eine  Gedachtnisrede,  Schrnollers  Jahrbuch  19 18;  auch 
Hermann  Schumacher,  Gustav  Schmoller.  Technik  und  Wirtschaft  191 7,  Heft  8. — 
Toennies,  Adolf  W.Deutsche  Rundschau,  Band  174.  — Westphal,  Adolf  W.  Deutsche 
Akademische  Rundschau  vom  i.Mai  1927. 

Sodann  iiber  W.s  Schriften :  v.  Heckel,  Die  finanzwissenschaftlichen  Schriften  Adolf  W.s. 
Jahrbiicher  fiir  Nationalokonomie  und  Statistik  1900.  —  Entwicklung  der  deutschen 
Volkswirtschaftslehre  im  19.  Jahrhundert  (Schmoller-Festschrift),  und  zwar  insbesondere 
Hermann  Schumacher,  Geschichte  der  deutschen  Bankliteratur  im  19.  Jahrhundert;  Ger- 
lach,  Geschichte  der  Finanzwissenschaft;  v.  Heckel,  Die  Steuern.  Leipzig  1908.  —  Vogel, 
Die  finanzpolitischen  Steuerprinzipien  in  Literatur  und  Theorie.  Zeitschrift  fiir  die  ge- 
samten  Staatswissenschaften  1 9 10.  —  Schneider,  Adolf  W.s  Beziehungen  zum  Sozialis- 
mus.  Neubrandenburg  192 1.  —  Kirchner,  Adolf  W.s  Nachlafl  in  der  PreuBischen  Staats- 
bibliothek.  Schrnollers  Jahrbuch  1927. 

Berlin-Steglitz.  Hermann  Schumacher. 

Zeppelin,  Ferdinand  Graf  v.,  *  am  8.  Juli  1838  auf  dem  Landgut  Girsberg  bei 
Konstanz,  f  am  8.  Marz  1917  in  Berlin.  —  Die  Ahnen  des  Grafen  Z.  waren 
urspriinglich  in  Mecklenburg  ansassig.  Bereits  im  13.  Jahrhundert  gab  es  hier 
ein  Gut  Zepplin.  Im  18.  Jahrhundert  trat  der  Groflvater,  Ferdinand  Ludwig, 
in  wurttembergische  Dienste  und  wurde  in  den  Grafenstand  erhoben.  Graf 
Friedrich,  sein  Sohn,  war  Hofmarschall  des  Fiirsten  von  Hohenzollern.  Auf 
seinem  Gute  wurde  ihm  am  8.  Juli  1838  Graf  Ferdinand  v.  Z.  geboren.  Hier 
verbrachte  er  seine  ersten  Jugendjahre  und  wurde  von  seiner  Mutter  und  spater 
von  mehreren  Hauslehrern  unterrichtet.  Im  Alter  von  14  Jahren  kam  er  in  die 

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Realschule  nach  Stuttgart,  spater  in  die  Kadettenanstalt  Ludwigsburg  und 
wurde  1857  Leutnant.  Bereits  im  nachsten  Jahre  wurde  er  beurlaubt  und  stu- 
dierte  in  der  Hauptsache  staatswissenschaftliche  Facher  auf  der  Universitat 
Tubingen.  1859  versetzte  man  inn  in  das  Ingenieurkorps  nach  Ulm,  im  Herbst 
desselben  Jahres  kam  er  in  den  Generalquartierstab.  Im  Frontdienst  war  er 
jedoch  nicht  lange  tatig. 

Zahlreiche  Reisen,  deren  Hauptzweck  stets  militarische  Studien  waren, 
fuhrten  ihn  1861  nach  Osterreich,  Italien  und  Frankreich,  1862  nach  Belgien 
und  England.  Im  Jahre  1863  erhielt  er  Urlaub,  um  an  dem  amerikanischen 
Sezessionskrieg  als  Zuschauer  teilnehmen  zu  konnen.  Dort  machte  er  bei 
St.  Paul  seinen  ersten  Aufstieg  in  einem  Militarballon.  Seine  Studien  in  Amerika 
beschrankten  sich  jedoch  nicht  auf  das  rein  militarische  Gebiet.  Er  lernte  Land 
und  Leute  eingehend  kennen  und  unternahm  eine  Forschungsexpedition  zur 
Erkundung  der  Mississippiquellen.  1864  nach  Deutschland  zuriickgekehrt, 
zeichnete  er  sich  im  Feldzug  1866  aus. 

Als  Generalstabsoffizier  der  wurttembergischen  Reiterbrigade  nahm  Z.  an 
dem  Feldzug  1870  teil.  Zu  Beginn  dieses  Krieges  fiihrte  er  erfolgreich  eine 
wichtige  Erkundungspatrouille  durch,  durch  die  er  in  weiteren  Kreisen  iiber 
die  deutsche  Armee  hinaus  bekannt  wurde.  Es  handelte  sich  darum,  festzu- 
stellen,  ob  Mac  Mahon  in  die  Pfalz  aufmarschiere,  ob  eine  dritte  Division  bei 
seinem  Korps  sei ;  bisher  hatte  man  nur  Truppen  der  ersten  und  zweiten  Divi- 
sion festgestellt.  Spater  nahm  dann  Z.  an  dem  Kampf  bei  Worth  und  vor  Paris 
teil.  1874  wurde  er  Major,  1882  Regimentskommandeur.  In  den  diplomatischen 
Dienst  iibertretend,  war  er  1885 — 1887  Militarbevollmachtigter  bei  der  wurt- 
tembergischen Gesandtschaft  in  Berlin  und  bis  1889  Gesandter  und  Bevoll- 
machtigter  beim  Bundesrat.  1888  wurde  er  zum  General  d  la  suite  des  Konigs  von 
Wurttemberg  befordert.  In  den  Militardienst  zuriickgekehrt,  erhielt  er  1890 
eine  Kavalleriebrigade  in  Saarburg.  Jedoch  in  den  Manovern  des  nachsten 
Jahres  wurde  er  zur  Disposition  gestellt.  Dies  kam  fur  alle,  die  seine  aoBer- 
ordentlichen  militarischen  Fahigkeiten  kannten,  iiberraschend.  Seine  mili- 
tarische Laufbahn  war  abgeschlossen.  Er  hielt  dies  fur  ein  Ungliick,  jedoch 
sollte  es  sich  in  ein  Gliick  fur  die  Luftschiffahrt  verwandeln. 

Bereits  im  Jahre  1873  hat  Z.  ein  groBes,  starres,  in  Zellen  eingeteiltes  Luft- 
schiff  entworfen,  ohne  sich  jedoch  klar  zu  sein,  mit  welchen  Maschinen  es  an- 
getrieben  werden  sollte  und  welches  fur  die  Versteifung  notwendige  Metall 
verwendet  werden  miiBte.  Im  gleichen  Jahre  hielt  Dr.  Stephan  (der  spatere 
General-Postmeister)  einen  Vortrag  iiber  Weltpost  und  Luftschiffahrt,  der  ein 
Jahr  spater  veroffentlicht  wurde.  Hieraus  seien  folgende  Satze  mitgeteilt: 

»Seit  den  altesten  Zeiten  finden  sich  Spuren  davon,  dai3  der  menschliche 
Geist  sich  mit  der  Fortbewegung  des  Korpers  in  der  Luft  beschaftigt.  Die 
Gesamtsumme  der  in  Europa  und  Amerika  bis  jetzt  (1874)  ausgefiihrten  Luft- 
fahrten  belauft  sich  auf  3700.  Auf  diese  Zahl  kommen  16  Tote,  gewifi  kein  un- 
gunstiges  Resultat.  Im  ganzen  liefern  diese  Tatsachen  den  Beweis,  daB  man 
imstande  ist,  mit  dem  Ballon  langere  Reisen  zu  unternehmen.  Die  Schnellig- 
keit  und  Richtung  hangen  zurzeit  noch  freilich  ganz  vom  Winde  ab,  und  hier 
tritt  der  Kern  der  Frage  hervor.«  Ferner:  »Seit  den  Zeiten  Elisabeths  von  Eng- 
land (1558 — 1603)  beschaftigt  das  Problem  der  Nordpolexpedition  den  mensch- 
lichen  Geist;  mit  den  bisherigen  Mitteln  und  Anstalten  der  Ausfuhrung  hat 


Zeppelin  195 

es  schon  viele  Menschenleben  gekostet  und  scheint  auf  den  gewohnlichen  Wegen 
dennoch  unlosbar  zu  sein.  Wie  leicht  wiirde  das  Luftschiff  iiber  die  undurch- 
dringlichen  Eisf elder  hinwegfliegen ! «  Und  gegen^den  SchluB  des  Vortrages 
heiBtes:  »Soviel  durfte  feststehen,  daB  wenigstens  von  den  bisher  bekannten 
neueren  Erf indungen  keine  so  sehr  wie  die  Luftschif f ahrt  zu  einer  Vervollkomm- 
nnng  der  Kommunikation  der  Erdbewohner  sich  als  geeignet  erweisen  wird.« 
Aus  den  Besprechungen  iiber  seinen  Plan,  die  durch  den  Vortrag  Stephans 
angeregt  wurden,  erkannte  man,  welche  Bedeutung  Z.  der  Verwirklichung 
seines  Gedankens  beimaB.  Er  betonte  wiederholt  die  kulturelle  Aufgabe  eines 
solchen  Fahrzeuges  fur  grofle  Forschungsreisen.  Jedoch  erst  viel  spater  ver- 
lieh  Z.  seinen  Anschauungen  iiber  Lenkluftschiffe  dadurch  festere  Gestalt,  daB 
er  im  Jahre  1887  dem  Konig  von  Wiirttemberg  in  einer  Denkschrift  seine 
Gedanken  darlegte. 

»Die  Unvollkommenheit  der  Fesselballone  hatten  die  Kriegsministerien  der 
GroBstaaten  zu  der  Erkenntnis  gebracht,  daB  eine  bedeutende  Einwirkung  auf 
die  Kriegfuhrung  nur  durch  Lenkballone  zu  erreichen  sei,  und  es  seien  auch 
Aufwendungen  fur  diesen  Zweck  gemacht  worden,  wobei  Deutschland  zuriick- 
geblieben  sei,  wahrend  Frankreich,  das  nicht  mit  Mitteln  karge,  wo  es  sich  um 
militarische  Vorteile  iiber  die  Nachbarn  handle,  schon  Erfolge  auf  diesem  Gebiet 
aufzuweisen  habe,  indem  durch  das  Luftschif f  »La  France  a  der  Hauptleute 
Rinard  und  Krebs,  das  allerdings  nur  eine  Eigengeschwindigkeit  von  5  Meter- 
sekunden  habe,  die  Moglichkeit  der  Lenkung  unwiderleglich  erwiesen  sei. 

Zur  wirtschaftlichen  Nutzbarmachung  der  freien  Luftschiffahrt  fur  mili- 
tarische Zwecke  sei  daher  nur  noch  erforderlich,  daB  die  Schiffe  auch  gegen 
starkere  Luftstromungen  vorwarts  kamen,  daB  sie  erst  nach  langerer  Zeit 
(mindestens  24  Stunden)  zu  landen  genotigt  seien,  um  weite  Rekognoszierungen 
ausfuhren  zu  konnen,  daB  sie  bedeutende  Tragkraft  besaBen,  um  eine  grofiere 
Zahl  von  Menschen,  Vorraten  oder  Sprengstoffen  mitfuhren  zu  konnen.  Alle 
drei  Anforderungen  bedingten  ausgedehnte  Gasraume,  also  groBe  Luftschiffe. 
Wesentliche  Fortschritte  in  der  Vervollkommnung  der  lenkaren  Schiffe 
blieben  nur  noch  zu  machen  in  der  Findung  einer  zum  Durchschneiden  der  Luft 
geeigneten  Form  und  der  Moglichkeit  ohne  Ballastverminderung  zu  steigen  und 
ohne  Gasverlust  zu  sinken.  Gelange  es,  dieses  Problem  zu  losen,  so  sei  der 
Luftschiffahrt  eine  noch  ganz  unschatzbare  Bedeutung  nicht  allein  fur  die 
Kriegfuhrung,  sondern  auch  fur  den  allgemeinen  Verkehr  (kiirzeste  Verbin- 
dung  durch  Gebirge  oder  Meere  getrennter  Orte)  fur  die  Erforschung  der  Erde 
(Nordpol,  Innerafrika)  in  der  Zukunft  gewiB. « 

Aus  seinen  heute  noch  gultigen  und  kaum  erf ullten  Auf gaben  des  Ivuftschiff- 
baues  und  der  Luftschiffahrt  kennzeichnenden  Darlegungen  geht  klar  hervor, 
daB  Z.,  bevor  er  an  die  technische  Seite  der  Losung  des  Problems  heranging, 
die  Aufgaben  festlegte,  die  von  einem  Luftschiff  erfiillt  werden  muBten,  um 
Nutzen  zu  bringen,  und  denen  die  Einrichtungen  des  Luftschiffes  anzupassen 
waren,  f erner  daB  er  betonte,  daB  das  Luftschiff  groB  ausgef uhrt  werden  miisse. 
Verf olgt  man  die  Entwicklungsgeschichte  der  beiden  in  derLuftschiff ahrt  neben- 
einander  bestehenden  Systeme,  namlich  das  starre  Luftschiff  und  das  Prall- 
luftschiff,  so  erkennt  man  klar  den  Grund  fur  die  groBen  Erfolge  des  starren 
Systems.  Das  Pralluftschiff ,  entstanden  in  engster  Anlehnung  an  den  Frei- 
ballon,  besitzt  keine  feste  Form,  diese  mufi  vielmehr  auf  kunstlichem  Wege 


196  1917 

gegeben  und  erhalten  werden.  Beim  starren  Luftschiff  liegt  diese  im  Bau 
selbst. 

Nach  seinem  Ausscheiden  aus  dem  Militardienst  im  Jahre  1891  konnte  er 
mit  voller  Energie  und  groBer  Begeisterung  an  die  Verwirklichung  der  in  der 
Denkschrift  niedergelegten  Gedanken  herangehen.  Gemeinsam  mit  dem  In- 
genieur  Theodor  Kober  fuhrte  er  im  Jahre  1892  und  1893  die  Berechnung  und 
Zeichnung  seines  Luftschiffes  durch.  Anfang  1894  war  der  Entwurf  fertig- 
gestellt  und  wurde  im  Marz  in  einer  Denkschrift  mit  den  dazugehorigen  Zeich- 
nungen  einer  Kommission,  die  vom  Kriegsministerium  einberufen  war,  vor- 
gelegt. 

Die  Hauptkennzeichen,  die  dem  ersten  Projekt  zugrunde  lagen  und  die  be- 
zuglich  des  konstruktiven  Charakters  bis  zu  seiner  Vervollkommnung  unver- 
andert  beibehalten  wurden,  sind:  die  schlanke  Form,  das  Gerippe  aus  Alu- 
minium, die  Einteilung  des  Gasraumes  in  eine  groBe  Zahl  gleicher  zylindrischer 
Zellen,  die  Anordnung  von  zwei  getrennten  Gondeln,  eine  Kommandostelle, 
die  feste  Verbindung  der  Gondeln  mit  dem  Gerippe,  die  Anordnung  eines  Ver- 
bindungsganges  zwischen  den  Gondeln,  die  Anbringung  der  Luftschrauben  in 
Hohe  des  Luftwiderstandsmittelpunktes. 

Ausgehend  von  den  in  der  Denkschrift  niedergelegten  Gedanken,  daB  das 
starre  Luftschiff  groB  sein  miisse  und  im  Hinblick  darauf ,  daB  das  Luftschiff 
sein  Eigengewicht,  Betriebsmittel  fur  mehrere  Stunden,  Ballast,  Triebwerke 
zur  Erreichung  von  mindestens  9  m/s  Geschwindigkeit  und  die  notwendige 
Besatzung  heben  miisse,  sowie  unter  Beriicksichtigung  eines  Sicherheits- 
faktors,  betrug  die  erforderliche  Gasmenge  11 300  cbm.  AlsGas  wurde  Wasser- 
stoffgas  gewahlt. 

Die  langgestreckte  Form  des  Luftschiffes  ergab  sich  bei  dem  festgelegten 
Inhalt  aus  zweierlei  Grunden.  Entsprechend  den  Ansichten  iiber  den  Wider- 
stand  von  durch  die  Luft  bewegten  Korpern  muBte  der  Querschnitt  so  gering 
wie  moglich  gehalten  werden.  Die  andere  Forderung  bestand  darin,  daB,  urn 
ein  geringes  Gewicht  zuerzielen,  die  kleinste  Oberflache  zugrunde  zulegen  war. 
Mit  Rucksicht  auf  die  Handhabung  des  Luftschiffes  auf  der  Erde  sowie  die 
GroBe  der  Bauhalle  betrug  der  Durchmesser  11,6  m,  seine  Lange  128  m.  Die 
gewahlte  schlanke  zylindrische  Form  hatte  den  Vorteil,  eine  groBe  Zahl  gleich 
groBer  zylindrischer  Gaszellen  einbauen  zu  konnen  und  zwei  Gondeln  mit 
vollig  unabhangigen  Maschinenanlagen  anbringen  zu  konnen,  wodurch  auch 
die  Betriebssicherheit  erhoht  wurde.  Der  Bau  eines  zylindrischen  Korpers 
war  einfach.  Der  Querschnitt  durch  den  Ballonkorper  war  nicht  ein  Kreis, 
sondern  ein  24-Eck.  Die  beiden  Enden  des  Ballonkorpers  waren  eiformig 
ausgebildet.  Der  Ballonkorper  war  durch  16  Querwande  in  17  Abteilungen 
unterteilt. 

Als  Baustof f  fiir  das  Gerippe  wurde  nach  langen  Versuchen  in  der  Material- 
priifungsanstalt  der  Technischen  Hochschule  Stuttgart  unter  Leitung  von 
C.  v.  Bach  Aluminium  gewahlt.  Graf  Z.  hat  diese  Wahl  damit  begriindet,  daB 
natiirlich  unter  den  sonst  gleichen  Bedingungen  der  Zug-  und  Druckf estigkeit 
und  des  Gewichts  das  Aluminium  eine  groBere  Knickf estigkeit  aufweist  als 
Stahl.  Die  Wandstarken  der  in  Betracht  kommenden  Bauelemente  waren 
groBer  und  daher  auch  fiir  die  Bearbeitung  zweckmaBiger  als  bei  der  Ver- 
wendung  von  Stahl.  Hiermit  geht  Hand  in  Hand  eine  groBere  Widerstands- 


Zeppelin  197 

fahigkeit  gegen  rein  ortliche  Beanspruchung.  Obwohl  Holz  noch  giinstigere 
Ergebnisse  lieferte,  sah  man  von  dessen  Verwendung  aus  verschiedenen 
anderen  Griinden  ab. 

Wahrend  das  Projekt  als  Bauelemente  fur  die  Druckubertragung  Alu- 
miniumrohren,  fur  die  Zugiibertragung  Drahtseil  atis  Aluminiumbronze  vor- 
sah,  wahlte  Ingenieur  Kiibler  als  Hauptbauelement  bei  den  ersten  Zeppelin- 
luftschiffen  flache,  aus  Aluminium-T-Profilen  zusammengesetzte  Gitter- 
trager.  Beim  zweiten  Schiff  wurden  die  flachen  Gittertrager  nach  Angaben 
des  Grafen  Z.  dnrch  Dreiecktrager  ersetzt.  AuBerdem  wurde  als  Querschnitt 
nach  Angaben  Diirrs  das  16-Eck  zugrunde  gelegt. 

Der  Uberzug  des  Metallgeriistes,  die  AuBenhaut,  bestand  im  oberen  TeU 
aus  wasserdichtem  Baumwollstoff,  im  unteren,  der  groBeren  I^eichtigkeit 
wegen,  aus  diinner  Seide.  Die  Querwande  im  Schiff  bestanden  aus  den  so 
genannten  Hauptringen,  die  durch  ein  System  von  Verspannungsdrahten,  die 
quer  durch  das  Schiff  laufen  und  ein  ziemlich  enges  Netz  bilden,  versteift 
sind.  Die  Drahte  bilden  die  Wande,  die  die  Ballonzellen  voneinander  trennen. 
Die  Zellen  sind  aus  gasdichtem  Ballonstoff  hergestellt,  sie  fullen  den  Raum 
zwischen  zwei  Hauptringen,    wenn  sie  gefullt  sind,  ganz  aus. 

Die  Seitensteuer  waren  als  Schaukelsteuer  (stoffbespannte  Holzrahmen) 
ausgebildet,  die  an  beiden  Enden  angeordnet  waren.  Die  Hohensteuerung 
wurde  dadurch  ermoglicht,  daB  man  im  Laufgang  ein  Bleigewicht,  auf  einem 
Drahtseil  beweglich,  anordnete.  Nach  dem  dritten  Aufstieg  des  ersten  I,uft- 
schiffes  wurde  aber  ein  Hohenruder  angebracht.  In  den  beiden  Gondeln,  die 
erste  war  beim  Ubergang  vom  ersten  zum  zweiten,  die  zweite  vom  dritten 
zum  vierten  Viertel  der  Fahrzeuglange  starr  aufgehangt,  befand  sich  je  ein 
14,7  PS  starker  Daimler-Motor  im  Gewicht  von  385  kg  —  so  viel  wiegt  heute 
ein  Motor  von  300  PS  Leistung.  In  dem  Projekt  des  Jahres  1892  waren  zwei 
Motoren  von  je  11  PS  Leistung  und  im  Gewicht  von  je  500  kg  vorgesehen,  die 
von  der  Daimler-Motorengesellschaft  entworfen  waren.  Mittels  zweifacher 
Kegelradgetriebe  und  schragen  Wellen  trieben  die  beiden  Motoren  je  zwei 
rechts  und  links  im  Tragkdrpergerippe  in  Hohe  des  Iyuftwiderstandsmittel- 
punktes  angebrachte  Schrauben. 

Nach  wiederholtem  Zusammentreten  lehnte  die  vom  Kriegsministerium  ein- 
gesetzte  Kommission  im  Dezember  1894  das  Projekt  des  Grafen  Z.  ab.  Einer 
der  Griinde  war,  daB  die  Militarverwaltung  sie  nur  dann  als  Kriegsmittel  an- 
wenden  konne,  wenn  die  Fahrzeuge  ftir  Verkehrszwecke  bereits  vorhanden 
und  erprobt  waren.  Da  ihm  fiir  die  Durchf iihrung  seines  Planes  nicht  geniigende 
Mittel  zur  Verfiigung  standen,  wandte  sich  Graf  Z.  im  Dezember  1895  an  die 
Offentlichkeit,  um  zu  versuchen,  auf  diese  Weise  die  Mittel  aufzubringen.  Er 
veroffentlichte  eine  ausfuhrliche  Denkschrift,  in  der  er  die  bisherigen  Schick- 
sale  seiner  Erfindung  darlegte  und  die  Allgemeinheit  aufforderte,  sein  Unter- 
nehmen  zu  fordern.  Es  sollte  ein  Kapital  von  mindestens  800  000  Mark  aufge- 
bracht  werden.  Leider  fuhrte  die  auf  diese  Weise  eingeleitete  Sammlung  nicht 
zu  dem  gewiinschten  Ergebnis. 

Wahrend  der  Sammlung  der  Geldbetrage  nahmen  sich  die  deutschen  In- 
genieure  der  Sache  des  Grafen  Z.  an.  Der  Verein  Deutscher  Ingenieure  erlieB 
am  30.  Dezember  1896  einen  Aufruf ,  in  dem  zum  Ausdruck  gebracht  wurde, 
daB  nur  auf  die  gemeinniitzige  und  opferwillige  Geneigtheit  derjenigen  Kreise, 


198  1917 

die  dazu  imstande  sind,  insbesondere  also  anf  die  Geneigtheit  der  Vertreter 
der  deutschen  Industrie,  die  Hoffnung  gesetzt  werden  kann,  daB  sie  fur  die 
Forderung  einer  sehr  wichtigen  und  groBen  technischen  Aufgabe  unseres  Zeit- 
alters  zur  Aufbringung  der  bedeutenden  Mittel  sich  bereitf inden  lassen  mochte, 
ohne  welche  ein  entscheidender  Fortschritt  nicht  zu  erwarten  ist.  »Frankreich, 
Nordamerika  und  England  sind  uns  mit  bedeutenden  Aufwendungen  voraus- 
gegangen.  —  Sollte  die  deutsche  Technik  nicht  auch  ihren  Anteil  an  der  Losung 
dieser  Aufgabe  haben  und  nehmen?« 

Dieser  Aufruf  fiihrte  dann  auch  einige  Vertreter  der  deutschen  Industrie 
zur  Griindung  einer  Aktiengesellschaft,  fiir  die  auch  von  anderen  Kreisen 
Aktien  gezeichnet  wurden.  Graf  Z.  iiberaahm  die  Halfte  der  Aktien,  da  sich 
noch  nicht  geniigend  Personen  an  dem  Unternehmen  beteiligten.  Es  wurde 
eine  Aktiengesellschaft  unter  dem  Namen  »  Gesellschaft  zur  Forderung  der 
Luftschiff  ahrt«  mit  einem  Grundkapital  von  800000  Mark  im  Jahre  1899  ge- 
griindet. 

Aus  den  Mitteln  wurde  das  erste  Luftschiff  nach  dem  Entwurf  des  Grafen  Z. 
unter  der  Leitung  des  Oberingenieurs  Kiibler,  in  der  schwimmenden  Holzhalle, 
die  in  der  Bucht  von  Manzell  bei  Friedrichshafen  verankert  war,  gebaut.  Die 
weite  Flache  des  Sees,  die  keinerlei  Hindernis  bot,  erschien  das  geeignetste 
Ubungsfeld  fiir  das  Luftschiff ,  auBerdem  bot  die  nur  an  der  Spitze  verankerte 
Halle  den  groBen  Vorteil,  daB  sie  sich  immer  in  die  Windrichtimg  einstellte, 
wodurch  das  Aus-  imd  Einfahren  des  Luftschiffes  wesentlich  erleichtert 
wurde. 

Nach  vielen  Zwischenf alien  erfolgte  am  Abend  des  2.  Juli  1900  inn  8  Uhr 
unter  Fuhrung  des  Grafen  Z.  der  erste  Aufstieg.  Bei  dem  erfolgreich  durchge- 
fiihrten  kurzen  Fluge  hatten  sich  jedoch,  wie  zu  erwarten  war,  eine  groBe  Zahl 
von  Mangeln  herausgestellt,  an  deren  unverziiglicher  Abstellung  man  unmittel- 
bar  nach  der  Landung  schritt.  Besonders  betrafen  diese  das  Gerippe  imd  das 
Steuer.  Am  17.  Oktober  wurde  dann  der  zweite  Aufstieg  unternommen,  bei 
dem  sich  die  Neuerungen  gut  bewahrten.  Der  Flug  dauerte  1  Stunde  und 
20  Minuten.  Bei  dem  dritten  Aufstieg  am  24.  Oktober,  bei  dem  eine  Geschwin- 
digkeit  des  Luftschiffes  von  8  m/s  gemessen  wurde,  bewahrte  sich  die  Steue- 
rung  gut.  Nach  der  Landung  war  es  notwendig,  das  Luftschiff  neu  zu  fiillen. 
Die  Mittel  waren  jedoch  erschopft. 

Die  Gesellschaft  beschloB  im  November  1900,  sich  aufzulosen.  Graf  Z. 
erwarb  nun  von  der  Gesellschaft  das  Luftschiff  mit  allem  Zubehor.  Er  hoffte, 
die  notwendigen  Mittel  zu  erhalten,  inn  seine  Versuche  weiter  durchfiihren  zu 
konnen.  Er  wandte  sich  zu  diesem  Zweck  im  Marz  1901  an  den  Verein  Deutscher 
Ingenieure  mit  der  Bitte,  die  Kommission  des  Jahres  1896  erneut  zusammen- 
zuberufen,  um  die  auf  Grund  seiner  Versuche  gefundenen  Ergebnisse  zu  tiber- 
priifen  und  den  damaligen  BeschluB  zu  erganzen  oder  zu  berichtigen.  Der  Aus- 
schuB  trat  im  Juni  1901  in  Kiel  zusammen,  ohne  jedoch  zu  einem  bestimmten 
Ergebnis  zu  kommen.  Am  2.  Marz  1902  fand  eine  neue  Sitzung  der  Kommission 
in  Berlin  statt,  bei  der  die  verantwortlichen  Mitglieder  des  Ausschusses  —  es 
stimmten  nicht  alle  dem  Gutachten  zu — erklarten,  daB  die  friiheren  An- 
nahmen  und  Ermittlungen  durch  die  Aufstiege  zwar  bestatigt  seien,  daB  aber 
nicht  gentigende  und  gesicherte  Unterlagen  vorlagen,  um  sie  zu  erganzen  und 
zu  berichtigen. 


Zeppelin  199 

Um  seine  Versuche  fortsetzen  zu  konnen,  war  Z.  gezwungen,  zu  versuchen, 
Geldmittel  hierfiir  zusammenzubekommen.  Die  Firmen,  die  die  Rohstoffe, 
wie  Aluminium,  Ballonhiillenstoff  und  die  Motoren  liefern  sollten,  stellten  diese 
kostenlos  zur  Verfiigung.  Um  den  Zusammenbau  durchfuhren  zu  konnen, 
wurde  Z.  in  Wiirttemberg  eine  Lotterie  bewilligt.  Man  konnte  nunmehr  mit 
dem  Bau  beginnen.  Das  zweite  Luftschiff  hatte  man  in  seinen  Einzelheiten 
bedeutend  verbessert;  das  Aluminiumgerippe  bestand  aus  dreiseitigen  Langs- 
tragern,  die  auch  heute  noch  verwendet  werden.  Dagegen  fehlten  noch  aus- 
reichende  Steuer.  Die  Motorenindustrie,  die  sich  sprunghaft  inzwischen  ver- 
vollkommnet  hatte,  lieferte  Motoren  von  85  PS. 

Das  neue  Luftschiff  unternahm  im  November  1905  einen  Aufstiegsversuch, 
der  jedoch  miBgluckte.  Eines  der  Haltetaue  war  mit  einem  Knoten  in  einem 
Ring  hangen  geblieben,  wodurch  das  Luftschiff  auf  den  See  herabgedriickt 
und  infolge  des  starken  Windes  weit  in  den  See  auf  dem  Wasser  schwimmend 
hinausgetrieben  wurde.  Bei  dem  zweiten  Aufstieg  im  Jahre  1906  hatte  das 
nicht  prall  gef ullte  Luftschiff  starken  Auftrieb ;  in  500  m  Hohe  kam  es  in  eine 
starke  Windstromung  und  wurde  abgetrieben.  Es  landete  gliicklich  bei  KiBlegg 
im  Allgau,  wo  es  aber,  da  die  notwendigen  MaBnahmen  zur  sorgfaltigen  Ver- 
ankerung  fehlten,  in  der  Nacht  durch  einen  plotzlich  ausgebrochenen  starken 
Sturm  zerstort  wurde.  Es  muBte  auseinandergenom m en  werden. 

Z.  lieB  sich  durch  dieses  unvorhergesehene  Ungliick  nicht  entmutigen.  Er 
wrertete  die  auf  diesem  Flug  gewonnenen  Erfahrungen  aus  und  beschloB,  aus 
den  noch  brauchbaren  Resten  des  zweiten  Luftschiffes  ein  neues,  drittes  Luft- 
schiff zu  bauen.  Mit  diesem  Luftschiff,  bei  dem  zum  ersten  Male  genugende 
Dampfungsflachen  eingebaut  wurden,  unternahm  Z.  am  9.  und  10.  Oktober 
1906  zwei  Aufstiege,  die  glanzend  gelangen.  Die  viele  aufgewendete  Muhe  und 
die  groBen  Opfer  waren  nunmehr  von  Erfolg  gekront.  Das  Luftschiff  war  gut 
lenkbar  und  hielt  ordentlich  Kurs.  Hohen-  und  Seitensteuerung  sowie  Sta- 
bilitat  hatten  sich  bestens  bewahrt. 

Um  weitere  Versuche  durchzufuhren,  fehlten  jedoch  wieder  Geldmittel.  Nun- 
mehr griff  das  Reich  ein.  Es  wurden  die  geniigenden  Mittel  zur  Verfiigung  ge- 
stellt,  um  eine  neue  schwimmende  Halle  aufzubauen.  Wahrend  dieser  Zeit 
wurde  vom  Grafen  Z.  das  in  der  festen  Holzhalle  in  Manzell  liegende  Luftschiff 
teilweise  umgebaut  und  die  Steuervorrichtung  verbessert.  Die  Motoren  wurden 
sorgfaltig  uberpriift,  um  etwaige  Storungen  zu  verhindern. 

Ende  September  1907  war  die  neue  schwimmende  Luftschiffhalle  fertig- 
gestellt.  Es  wurden  mehrere  wohlgelungene  Fliige  durchgefuhrt,  darunter  eine 
achtstiindige  Fahrt.  Die  Geschwindigkeit  des  Luftschiffes  bet  rug  15  m/s.  Die 
Ergebnisse  des  Jahres  1907  waren  fur  den  Grafen  Z.  sehr  giinstige.  Mit  Hilfe 
des  Reiches  hatte  er  sein  Luftschiff  vervollkommnet,  wertvolle  neue  Erfah- 
rungen gesammelt,  auBerdem  eine  zuverlassige  Ballonmannschaft  ausgebildet. 
Nach  langen  Verhandlungen  entschloB  sich  der  Reichstag,  dem  Grafen  Z.  die 
Mittel  zu  bewilligen,  um  zwei  neue  Luftschiffe  bauen  zu  konnen. 

Am  Ende  des  Jahres  1907  sollte  jedoch  durch  ein  Naturereignis  wiederum 
das  Unternehmen  des  Grafen  Z.  schwer  in  Mitleidenschaft  gezogen  werden. 
Am  14.  Dezember  sank  infolge  eines  schweren  Sturmes  teilweise  die  schwim- 
mende Halle,  in  der  das  Luftschiff  untergebracht  war.  Da  die  Wiederherstel- 
lungsarbeiten  sehr  lange  Zeit  in  Anspruch  nahmen,  begann  Z.  inzwischen  in 


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seiner  auf  dem  Lande  befindlichen  Halle  mit  dem  Bau  des  vierten  Luftschiffes, 
das  am  20.  Juni  1908  zu  seiner  ersten  Fahrt  aufstieg.  Seine  Lange  betrug 
136  m,  sein  Durchmesser  13  m.  Die  Seitensteuerung  war  verstarkt  worden, 
im  Laufgang  hatte  man  eine  Kabine  eingebaut  und  die  Gondeln  ver- 
groBert.  Die  beiden  Motoren  leisteten  210  PS.  Das  Schiff  war  also  be- 
deutend  leistungsfahiger. 

Am  1.  Juli  wurde  eine  zwolfstiindige  Fahrt  iiber  der  Schweiz  erfolgreich 
durchgefuhrt,  so  daB  man  hoffte,  eine  vierundzwanzigstiindige  Fahrt  mit 
Leichtigkeit  ausfiihren  zu  konnen.  Dieser  Versuch  wurde  am  14.  Juli  gemacht. 
Jedoch  muBte  er  unterbrochen  werden,  da  ein  Motorschaden  auftrat.  Am 
4.  August  gelang  es  endlich,  den  groBen  Flug  anzutreten.  Um  6  Uhr  morgens 
stieg  das  Luftschiff  auf.  In  der  Nacht  setzte  dann  infolge  Ausschmelzen  eines 
Lagers  der  vordere  Motor  aus.  Kurz  vor  8  Uhr  morgens  am  folgenden  Tage 
muBte  das  Luftschiff,  da  es  gegen  den  stark  aufgekommenen  Wind  nicht  mehr 
vorwarts  kam,  bei  Echterdingen  notlanden. 

Das  Luftschiff  wurde  verankert.  Am  Nachmittag  dieses  Tages  um  3  Uhr 
setzte  plotzlich  eine  starke  Bo  ein.  Da  der  Wind  das  Schiff  breitseits  traf, 
rissen  die  Ankertaue.  Ebenso  konnten  die  Mannschaften  das  Luftschiff  nicht 
mehr  halten.  Das  Luftschiff  wurde  abgetrieben,  in  ungefahr  1  km  Entfernung 
vom  Ankerplatz  streifte  es  eine  Baumgruppe  und  geriet  dabei  in  Brand.  Es 
wurde  vollstandig  zerstort. 

In  alien  Kreisen  Deutschlands  war  man  nun  bereit,  dem  Graf  en  zu  helfen. 
Wenige  Tage  nach  dem  Ungliick  waren  schon  geniigende  Mittel  vorhanden, 
um  ein  neues  Zeppelin-Luftschiff  zu  bauen.  Die  Nationalspende  mit  einem  Er- 
gebnis  von  iiber  6  Millionen  Mark  fuhrte  dem  Grafen  Z.  die  Mittel  zu,  sein 
Lebenswerk  auf  finanziell  gesicherter  und  technisch  verbreiterter  Grundlage 
weiter  auszubauen.  Z.  verwandte  die  tiberwiesene  Summe  zur  Erbauung  einer 
Werft,  zur  Fortsetzung  seiner  Fahrversuche  und  fiir  wissenschaftliche  Unter- 
suchungen. 

Aus  den  Mitteln  der  Nationalspende  errichtete  Z.  die  Zeppelin-Stiftung  mit 
der  Bestimmung,  daB  alle  Einkiinfte  daraus  der  Entwicklung  der  Luftschiff ahrt 
und  deren  Verwendung  fiir  die  Wissenschaft  dienen  sollten.  Ferner  wurde  eine 
Gesellschaft  mit  beschrankter  Haftung  »Luftschiffbau  Zeppelin*  in  Friedrichs- 
hafen  gegriindet.  Die  erste  Aufgabe  dieser  Gesellschaft  war,  dem  Reich  die 
beiden  Luftschiffe  zu  liefern.  Das  beschadigte  Luftschiff  Z  3,  das  in  der  teilweise 
untergegangenen  schwimmenden  Halle  untergebracht  war,  wurde  ausgebessert 
und  iiberholt.  Dieses  Luftschiff  wurde  vom  Reich  angekauft.  Mit  einem  neuen 
Luftschiff  Z  5  unternahm  dann  Z.  Ende  August  1909  vom  Bodensee  aus  eine 
Fernfahrt,  deren  Ziel  Berlin  war.  Auf  dem  Rtickflug  muBte  man  bei  Goppingen 
eine  Zwischenlandung  vornehmen,  um  die  Betriebsstoffe  zu  erganzen.  Hierbei 
wurde  das  Luftschiff  an  der  Spitze  eingedriickt.  Man  beseitigte  die  beschadigten 
Teile,  baute  den  vorderen  Motor  aus  und  band  die  Hulle  iiber  dem  beschadigten 
Teil  zusammen.  Mit  eigener  Kraft  konnte  dann  das  Luftschiff  seinen  Hafen 
erreichen. 

Im  Jahre  1909  wurde  die  Deutsche  Luftschiffahrts-A.-G.  (Delag)  gegriindet. 
Die  Stadt  Dusseldorf  entschloB  sich,  auf  eigene  Kosten  eine  Luftschiffhalle  zu 
bauen.  Die  Delag  war  es,  die  dem  Luftschiffbau  Zeppelin  neue  Auftrage  gab 
und  somit  das  Unternehmen  lebensfahig  erhielt.  Die  Gesellschaft  fuhrte  Passa- 


Zeppelin  201 

gierfahrten   mit  Zeppelin-Luftschiffen   durch.    Ihr  gehorten  die  Luftschiffe 
*Deutschland«,  »Schwaben«,  »Viktoria  Luise«,  »Hansa«  und  »Sachsen«. 

Um  den  immer  wieder  auftretenden  Motorenschaden  abzuhelfen,  da  das 
Versagen  der  Motoren  f iir  die  Luftschif f ahrt  auBerst  verhangnisvoll  war,  wurde 
die  Motorenbau-G.  m.  b.  H.  gegnindet,  die  unter  der  Leitung  von  Maybach 
den  Bau  von  Flugzeugmotoren  aufnahm.  AuBerdem  wurde  in  Berlin  die 
Ballonhullen-G.  m.  b.  H.  gegriindet,  um  zweckmaBigen  Stoff  fiir  die  Zellen 
und  die  Hulle  zu  schaffen.  Neue  Luftschif  fhallen  wurden  in  den  verschieden- 
sten  Orten  des  Reichs,  auch  in  Berlin,  in  Potsdam,  Johannistal  und  Staken 
gebaut. 

Von  den  Mitarbeitern  des  Graf  en  Z.,  die  ihm  bei  der  erfolgreichen  Durch- 
f  iihrung  seiner  genialen  Idee  half  en,  sind  zu  nennen :  Dr.  Durr,  Chefkonstruk- 
teur  und  Direktor  der  Luftechiffbauwerft,  Kommerzienrat  Colsmann,  General- 
direktor  des  Zeppelinkonzerns,  und  Dr.  Hugo  Eckener,  der  in  aller  Welt  als 
Kommandant  des  Amerikaluftschiffes  bekannt  geworden  ist. 

Mit  dem  Passagierluftschiff » Viktoria  Luise«  wurden  1912 — 1914  489  Fahrten 
diirchgefuhrt.  In  981  Fahrtstunden  wurde  eine  Gesamtstrecke  von  54  000  km 
zunickgelegt  und  9758  Personen,  einschlieBlich  der  Besatzung,  befordert.  Das 
Passagierluftschiff  »Sachsen«  konnte  mit  einer  Geschwindigkeit  von  72  km 
pro  Stunde,  mit  1000  kg  Besatzung  und  3000  kg  Nutzlast  eine  Strecke  von 
2200  km  durchfliegen. 

Bis  zum  Kriege  waren  von  der  Heeresverwaltung  sechs  Luftschiffe  iiber- 
nommen  worden.  Bei  Beginn  des  Krieges  waren  in  Deutschland  zehn  Luftschiffe 
der  Bauart  Zeppelin  vorhanden.  Bis  zum  Kriegsende  wurden  66  Marineluft- 
schiffe  und  35  Heeresluftschiffe  fertiggestellt 

Die  Entwicklung  der  Zeppelin-Luftschiffe  mogen  folgende  Angaben  beleuch- 
ten:  Wahrend  das  erste  Luftschif  f  einen  Gasinhalt  von  11 300  cbm,  11,7  m 
Durchmesser,  128  m  Lange,  17  Zellen,  2  Motoren  von  einer  Gesamtleistung 
von  30  PS,  4  Propeller  und  eine  Geschwindigkeit  von71/2m/shatte,  hatten  die 
Luftschiffe  der  GroBkampfschiffbauart  55  200  cbm  Gasinhalt,  23,9  m  Durch- 
messer, 198  m  Lange,  19  Zellen,  6  Motoren  von  einer  Gesamtleistung  von 
1440  PS  mit  6  Propellern.  Das  Luftschiff  hatte  eine  Geschwindigkeit  von 
28,7  m/s,  die  Nutzlast  betrug  32  Tonnen,  es  konnte  ohne  Fahrtunterbrechung 
7400  km  bei  groBter  Geschwindigkeit  zuriicklegen. 

Trotz  vieler  Riickschlage  und  einer  groBen  Reihe  von  Unfallen,  von  denen 
die  Luftschiffahrt  betroffen  wurde,  hat  sich  das  geniale  Werk  des  Grafen  Z. 
sieghaft  durchgerungen.  Im  Jahre  1914  begann  Z.  auch  auf  der  Werft  in  See- 
moos,  die  der  Leitung  Dorniers  anvertraut  war,  mit  dem  Bau  von  GroBflug- 
zeugen,  ein  Gebiet,  dem  er  sich  mit  ganz  besonderem  Interesse  widmete. 

Von  den  Tagen  von  Echterdingen  bis  zu  seinem  plotzlichen  Tode  am  8.  Marz 
1917  in  Berlin  glich  sein  Leben  einem  Siegeszug.  Zahlreich  sind  daher  auch  die 
Ehrungen,  die  ihm  von  alien  Seiten  verliehen  worden  sind.  1906  wurde  er  zum 
Ehrendoktor  der  Technischen  Hochschule  Dresden  und  kurze  Zeit  danach  von 
der  Technischen  Hochschule  Stuttgart  ernannt.  Der  Verein  Deutscher  In- 
genieure  verlieh  ihm  1908  die  goldene  Grashof-Denkmiinze ;  zum  sojahrigen 
Militardienstjubilaum  verlieh  ihm  der  Konig  von  Wurttemberg  das  GroBkreuz 
des  Militarverdienstordens;  die  Universitat  Tubingen  ernannte  inn  zu  seinem 
70.  Geburtstag  zum  Doktor  der  Naturwissenschaften.  Im  Mai  1908  verlieh 


202  1917 

ihm  der  Kaiser  den  Schwarzen-Adler-Orden ;  an  seinem  75.  Geburtstag  ernannte 
ihn  eine  ganze  Reihe  von  Stadten  zu  ihrem  Ehrenbiirger,  kurz  vor  seinem  Tode 
ernannte  ihn  das  Deutsche  Museum  in  Munchen  zu  seinem  ersten  Ehren- 
mitglied. 

Graf  Z.  war  eine  iiberragende  Personlichkeit.  Dem  Ziel,  das  er  sich  auf  dem 
Gebiet  der  Luftschiffahrt  gesteckt  hatte,  hat  er  alles  andere  untergeordnet. 
Keine  Muhe,  keine  Arbeit  war  ihm  zu  schwer,  kein  Gang,  mochte  er  noch  so 
unangenehm  fur  ihn  sein  —  besonders  gilt  dies  fur  die  Zeit,  wo  er  unter  Geld- 
mangel  litt  — ,  wurde  nicht  versucht,  wenn  er  fiir  seine  Sache  eine  Fdrderung 
erhoffte.  Er  war  ein  unermudlich  Arbeitender,  oft  arbeitete  er  bis  spat  in  die 
Nacht  hinein,  urn  doch  am  Morgen  als  erster  wieder  im  Werk  tatig  zu  sein.  Ein 
eigener  Zauber  ging  von  seiner  Personlichkeit  aus.  Er  war  ein  Glucklicher, 
nicht  nur  durch  seine  Erfolge,  sondern  auch  durch  die  Eigenschaften  seines 
Gemiites.  Der  Glaube  an  sich  selbst,  tapfere  Entschlossenheit  und  Ausdauer 
hat  die  groBten,  scheinbar  uniiberwindlichen  Hindernisse  beseitigen  konnen. 
Das  deutsche  Volk  konnte  ihn  daher  nicht  hoher  ehren,  als  ihn  zu  seinem 
Nationalhelden  zu  erheben. 

Literatur:  Dr.  Stephan,  Weltpost  und  Luftschiffahrt.  J.  Springer,  Berlin  1874.  — 
Jahrbuch  der  Schiffbautechnischen  Gesellschaft  191 5,  S.  178.  J.  Springer  191 5.  —  Graf 
v.  Zeppelin,  Die  Eroberung  der  I,uft.  Vortrag,  gehalten  in  Berlin  am  28.  Januar  1908. 
Deutsche  Verlags-Anstalt,  Stuttgart  1908.  —  Luftschiffbau  Zeppelin,  Das  Werk  Zeppelins. 
Eine  Festgabe  zu  seinem  75.  Geburtstag  191 3.  J.Hoffmann,  Stuttgart.  —  L.  Durr, 
25  Jahre  Zeppelin -Luftschiffbau.  VDI-Verlag,  Berlin  1924.  —  Aug.  v.  Parseval,  Graf  Zep- 
pelin und  die  deutsche  Luftfahrt.  H.  Kleinm  A. -G.,  Berlin  1926.  —  Hans  Hildebrandt, 
Zeppelin-Denkmal  fiir  das  deutsche  Volk.  Germania-Verlag,  Stuttgart.  —  Joh.  Schwengler, 
Der  Bau  der  Starrluftschiffe.  J.  Springer,  Berlin  1925.  —  MatschoB,  Manner  der  Technik. 
VDI-Verlag,  Berlin  1925.  —  Engberding,  Luftschiff  und  Luftschiffahrt.  VDI-Verlag, 
Berlin.  —  Kollmann,  Das  Zeppelinschiff ,  seine  Entwicklung,  Tatigkeit  und  Leistung. 
M.  Krayn,  Berlin.  —  Feldhaus,  Buch  der  Erfindungen.  —  Feldhaus,  Bezwinger  der  Lufte. 
R.  Bardtenschlager,  Reutlingen  und  Stuttgart  1925.  —  Georg  Neumann,  Die  deutschen 
Luftstreitkrafte  im  Weltkriege.  Mittler  &  Sohn,  Berlin.  —  Johann  Schiitte,  Der  Luft- 
schiffbau Schutte-Lanz  1909/ 192 5.  R.  Oldenbourg,  Munchen  und  Berlin  1926.  —  Dr.  Carl 
Berg,  David  Schwarz — Carl  Berg — Graf  Zeppelin.  Ein  Beitrag  zur  Entstehung  der 
Zeppelin-Luftschiffahrt  in  Deutschland.  Selbstverlag.  —  Zeitschrift  des  Vereins  Deutscher 
Ingenieure.  —  Zeitschrift  fiir  Flugsport  und  Motorluftschiffahrt. 

Berlin.  Erich  Gossow. 

Ziese,  Carl  Heinrich,  Ingenieur  und  Inhaber  der  Schichau-Werke  Elbing 
und  Danzig,  Geh.  Kommerzienrat,  Dr.-Ing  e.  h.,  *  am  2.  Juli  1848  in  Moskau, 
f  am  15.  Dezember  1917  in  Elbing.  —  Carl  Z.  entstammte  einer  holsteinischen 
Familie,  UrgroBvater  und  GroBvater  waren  Hamburger  Burger,  letzterer 
GroBkaufmann,  der  durch  die  Kontinentalsperre  Napoleons  und  die  eng- 
lischen  Kaperschiffe  Vermogen  und  Schiffe  verlor.  Der  Vater,  Alexander 
Berthold  Z.,  geboren  1812,  ging  nach  vollendeter  Lehrzeit  nach  Kopenhagen, 
spater  nach  Paris,  wo  er  die  »Ecole  Polytechnique«  besuchte,  so  daB  er  mit 
etwa  30  Jahren  eine  russische  Staatsstellung  annehmen  konnte,  die  darin  be- 
stand,  die  zu  jener  Zeit  junge  russische  Industrie  und  die  dortigen  Bahnbauten 
zu  organisieren  und  zu  beaufsichtigen ;  daneben  baute  er  noch  eine  eigene 
Maschinenfabrik,  bis  er  durch  einen  Ungliicksfall  genotigt  wurde,  RuBland 
zu  verlassen  und  krank  nach  Deutschland  zuriickzukehren,  wo  er  1858  starb. 


Zeppelin.  Ziese  20 3 

Die  Mutter,  eine  geborene  Burchardi,  entstammte  einer  alten  Gelehrten- 
und  Predigerfamilie,  deren  Stammbaum  bis  ins  13.  Jahrhundert  zuriickreicht. 
Sie  blieb  nach  dem  Tode  des  Gatten  mit  fiinf  Kindern  zuriick,  die  zuerst  bei 
ihrem  Onkel,  Prediger  Burchardi  in  Hamburg,  dann  in  Kiel  ihre  Ausbildung 
erhielten.  Carl  Heinrich,  der  alteste  der  Sonne,  damals  10  Jahre  alt,  und  sein 
Bnider  Rudolf  kamen  in  die  ruhmlich  bekannte  Privatschule  von  Dr.  Meyer 
und  dann  aufs  Gymnasium.  Carl,  der  von  klein  auf  den  Wunsch  hatte,  In- 
genieur  zu  werden,  ging  nach  seiner  Konfirmation  als  Volontar  zur  Firma 
Schweffel  &  Howaldt,  der  Vorgangerin  der  spateren  Howaldt-Werke.  Kenn- 
zeichnend  f iir  seine  Veranlagung  und  seine  spatere  glanzende  Entwicklung  zu 
einem  der  hervorragendsten  deutschen  Ingenieure  ist  die  Bemerkung  in  dem 
Abgangszeugnis,  das  er  nach  Verlassen  der  Meyerschen  Schule  erhielt:  »Ein 
junger  Mann  von  eigentumlicher  Begabung.  Biicherweisheit  liegt  ihm  fern; 
dagegen  besitzt  er  eine  fabelhaft  leichte  Auffassung  alles  Sichtbaren,  Natiir- 
lichen  und  Zeichnerischen ;  nach  dieser  Richtung  ist  er  geradezu  genial  ver- 
anlagt. « 

Nach  Beendigung  seiner  dreijahrigen  praktischen  Lehrzeit  bei  Schweffel 
&  Howaldt  trat  er  als  Monteur  in  die  Werkstatten  von  John  Elder  &  Co. 
in  Glasgow  ein,  die  zu  jener  Zeit  die  ersten  Compoundmaschinen  (Ver- 
bimdmaschinen)  bauten,  bei  denen  wesentlich  hoher  gespannter  Dampf,  als 
bisher  ublich,  in  zwei  Zylindern  nacheinander  wirkte,  was  eine  erhohte  Wirt- 
schaftlichkeit  gegeniiber  den  alteren  Dampfmaschinen  ergab  und  fur  die  Ent- 
wicklung der  Schiffahrt  von  umwalzender  Bedeutung  wurde.  Sein  Bruder 
Rudolf  folgte  ihm  spater,  kehrte  auch  nach  dem  siebziger  Kriege  fiir  mehrere 
Jahre  nach  England  zuriick. 

Der  Ausbruch  des  Krieges  veranlaBte  beide  Bruder,  sich  zum  Militardienst 
zu  stellen.  Sie  kamen  zuerst  auf  das  Kanonenboot  »Chamaleon«,  dann  auf  das 
Zeichenbureau  der  Kieler  Werft,  und  bezogen  nach  Erledigung  ihres  Kriegs- 
dienstes  im  September  1871  die  Berliner  Gewerbeakademie  in  der  Kloster- 
straCe  (die  spatere  Technische  Hochschule),  um  Maschinenbau  und  Schiffbau 
zu  studieren.  Aus  jener  Zeit  stammen  die  Beziehungen,  die  Z.  mit  bedeutenden 
deutschen  Technikern,  damals  Studierende  der  Gewerbeakademie,  zeitlebens 
verbanden,  mit  Busley,  dessen  Name  mit  der  Entwicklung  von  Deutsch- 
lands  Schiffbau  und  Schiffahrt  verknupft  ist,  den  Werftbesitzern  Blohm  und 
Sachsenberg,  ferner  mit  Heckmann,  Oechelhauser,  Hoppe,  Max  Krause,  Pro- 
fessor Slaby,  dem  Heizungstechniker  Professor  Rietschel  (s.  DBJ.  1914 — 16 
S.  81)  und  manchen  anderen. 

Im  Herbst  1873  trat  die  entscheidende  Wendung  in  Z.s  Leben  ein :  er  erhielt 
eine  Stellung  als  Schiffsmaschinenbauer  bei  der  Firma  F.  Schichau  in  Elbing, 
die,  1837  gegriindet,  sich  allmahlich  zu  einer  bedeutenden  Maschinenfabrik  im 
ostlichen  PreuBen  entwickelt  hatte.  Ferdinand  Schichau  erkannte  sofort  die 
hohen  Ingenieurfahigkeiten,  die  in  dem  25jahrigen  Z.  steckten,  und  er  iiber- 
trug  ihm  bald  die  Leitung  des  gesamten  Schiffsmaschinenbaues.  Bis  zu  jenen 
Jahren  hatte  sich  Schichau  nur  mit  dem  Bau  von  kleineren  Handelsdampfern 
und  Baggern  beschaftigt.  Z.  steckte  seine  Ziele  weiter;  er  wandte  bald  seine 
Aufmerksamkeit  der  in  den  Anfangen  ihrer  Entwicklung  befindHchen  deut- 
schen Kriegsmarine  zu,  die  1878  die  beiden  Avisodampfer  »Habicht«  und 
*>M6wTe«  bei  Schichau  in  Bestellung  gab.  Fiir  diese  Schiffe  entwarf  Z.  Verbund- 


204  *9I7 

maschinen  von  je  600  PS  und  fuhrte  damit  als  erster  dieses  System  erfolgreich 
in  den  deutschen  Kriegsschiffbau  ein. 

Die  Torpedowaffe  hatte  Anfang  der  siebziger  Jahre  in  England  zum  Bau 
kleiner,  schneller  Schiffe,  der  Torpedoboote,  Veranlassung  gegeben;  klar  sah 
Z.  —  der  inzwischen  Schichaus  Schwiegersohn  geworden  —  die  Zukunft  dieses 
neuen  Schiffstyps  voraus  und  widmete  vom  Jahre  1877  ab  der  Entwicklung 
des  Torpedobootes  seine  voile  Arbeitskraft.  Gleich  das  erste  Boot,  fur  Rufi- 
lands  Marine  gebaut,  das  bei  18  m  Lange  16  Knoten  lief  und  unter  eigenem 
Dampf  von  Elbing  nach  Petersburg  fuhr,  war  ein  voller  Erfolg.  Rasch  folgten 
sich  die  Bestellungen  auf  solche  Boote :  nicht  nur  die  Kaiserliche  Admiralitat, 
auch  Rufiland,  Italien,  Osterreich,  China,  die  Tiirkei,  die  alle  bisher  nur  in 
England  bestellt  hatten,  wandten  sich  nach  Elbing,  und  in  den  folgenden 
Jahren  sah  das  bescheidene,  westpreufiische  Stadtchen  Schiffbau-Ingenieure 
aus  aller  Welt  in  seinen  Mauern.  Die  Anforderungen  an  die  Geschwindigkeit 
wuchsen,  und  damit  stiegen  Maschinenleistung  und  Bootsdimensionen :  1889 
war  das  russische  Torpedoboot  »Adler«  mit  27,5  kn  das  schnellste  Schiff  der 
Welt,  1898  liefen  die  chinesischen  Torpedojager  36,7  kn,  die  hochste  Geschwin- 
digkeit, die  mit  Kolbenmaschinen  je  erreicht  worden  ist.  Die  Kaiserlich  deutsche 
Marine  bestellte  vom  Jahre  1883  ab  alle  ihre  Torpedoboote  —  die  S-Boote  — 
bei  Schichau  und  gab  durch  ihre  mustergiiltige  Ausgestaltung  des  Torpedo- 
wesens  Z.  dauernd  neuen  Anreiz  zur  Weiterentwicklung  des  von  ihm  geschaffe- 
nen  Typs.  Auf  der  Pariser  Weltausstellung  des  Jahres  1900  konnte  Schichau 
250  von  ihm  gebaute  Torpedoboote  und  Torpedojager  in  Bild  und  Modell  vor- 
fuhren,  eine  Zahl,  die  bis  dahin  keine  andere  Werft  der  Welt  aufzuweisen  hatte. 

Die  Maschinenanlagen  dieser  Torpedoboote  waren  Z.s  ureigenste  Schopfung ; 
als  ein  Ingenieur  von  seltener  konstruktiver  Gewandtheit,  von  angeborenem 
sicheren  Gefuhl  fiir  die  Ausgestaltung  des  Details,  driickte  er  seinen  Schop- 
fungen  einen  Stempel  auf,  der  sie  in  auffalliger  Weise  von  alien  anderen  unter- 
schied.  Der  kiinstlerische  Sinn,  der  ihm  eigen  war,  kam  darin  zum  Ausdruck ; 
wahrend  die  meisten  Schiff smaschinen  bis  zur  Nuchternheit  »billige«  Zweck- 
formen  aufwiesen,  zeigten  Z.s  Entwiirfe  bis  hinab  zum  geringftigigsten  Detail 
eine  vollendete  Schonheit  der  Form,  die  sie  von  alien  anderen  charakteristisch 
aufs  vorteilhafteste  unterscheidet.  Die  Z.schen  Konstruktionen  wurden  vor- 
bildhch  fiir  den  Bau  leichtester  Kriegsschiff maschinen. 

Z.s  EinfluB  ging  jedoch,  was  vielleicht  zu  wenig  bekannt  ist,  iiber  die  eigent- 
liche  Maschinenkonstruktion  hinaus  und  erstreckte  sich  auch  auf  das  Schiff. 
Er  erkannte  bald,  dafi  die  aufierste  Sparsamkeit  an  Maschinengewicht,  wie 
sie  der  Torpedobootsbau  gebieterisch  fordert,  in  einem  Mifiverhaltnis  zu  der 
bislang  geubten  Praxis  der  meisten  Schiffbauer  stand,  deren  Detailkonstruk- 
tionen  nur  zu  haufig  zeigten,  daB  —  um  seine  Worte  zu  gebrauchen  —  »der 
Holzschiffbau  ihnen  noch  an  den  Fingern  klebte«.  So  wurden  denn  unter  seiner 
Leitung  all  die  tausend  Einzelheiten  des  Torpedobootes  bis  ins  kleinste  »durch- 
konstruiert«  und  in  jahrzehntelanger  Ubung  zu  mustergultigen  Typen  leichte- 
ster Schiffbaudetails  ausgestaltet.  Nur  so  erklart  es  sich,  daB  Schiff  und  Ma- 
schine  »wie  aus  einem  GuB«  erscheinen,  ein  harmonisches  Ganzes  bilden,  beide 
von  gleichem  Geiste  durchsetzt  sind.  Als  Kunstlernatur,  als  vorziiglicher 
Zeichner  von  hervorragend  malerischer  und  bildhauerischer  Begabung  reizte 
es  Z.  stets,  auch  auf  anderen  Gebieten,  die  der  Schiffbautechnik  ferner  liegen, 


Ziese  205 

sich  zu  betatigen;  mancher  dekorative  Entwurf,  manches  Mobelstiick  in 
Scbiffskajiiten  und  Salons  verdankt  seine  Entstehung  Z.s  formgewandter 
Hand. 

Die  gesteigerten  Anf orderungen  an  die  Wirtschaf tlichkeit  des  Schiffsantriebes 
bedingten  die  Weiterentwicklung  von  der  Verbund-  zur  Dreifacbexpansions- 
maschine.  Nach  Z.s  Entwurf  baute  Scbicbau  als  Versuchsmaschine  1881  die 
erste  dreikurbelige  Dreifacbexpansions-Scbiffsmascbine  anf  dem  Kontinent, 
deren  Original  als  ein  Meisterstiick  deutscher  Technik  vor  einigen  Jabren  dem 
Miincbener  »  Deutscben  Museum  «  iiberwiesen  wurde.  Der  Dampfer  »Nierstein« 
der  Dampfschiffahrtsgesellschaft  »Hansa«  wurde  1883  als  erstes  deutsches 
Schiff  mit  einer  solchen  Mascbine  ausgerustet. 

So  lange  sicb  Scbicbau  auf  den  Bau  von  Torpedobooten,  -jagern  und  Han- 
delsscbif fen  mittlerer  GroBe  bescbrankte,  reicbte  die  Elbinger  Werft  mit  ibren 
beengten  Wasserverhaltnissen  aus;  als  sicb  Scbicbau  aber  an  dem  Ausbau 
der  deutscben  Kriegs-  und  Handelsflotte,  der  Ende  der  acbtziger  Jabre  einen 
ersten  starken  AnstoB  erbielt,  beteibgen  wollte,  konnte  es  nur  durcb  Scbaffung 
einer  neuen  Werft  an  geeigneter  Stelle  gescbeben.  So  wurde  1890  an  der  Dan- 
ziger  Weichsel  ein  Gelande  von  50  ba  erworben  und  in  ktirzester  Zeit  eine  neue 
Werft  erricbtet,  die  Z.  fur  den  Bau  groBter  Kriegs-  mid  Handelsscbiffe  aus- 
riisten  UeB.  Fiir  das  erste  Kriegsscbiff,  die  Kreuzerkorvette  »Gefion«,  wurde 
dort  1891  der  Kiel  gestreckt;  1894  Hefen  die  beiden  Reicbspostdampfer  »Prinz- 
regent  Luitpold*  und  »Prinz  Heinricb«  vom  Stapel.  Bis  zu  Z.s  Tod  batte  die 
Danziger  Scbicbauwerft  der  deutschen  Flotte  iiber  20  Linienscbiffe  und  Kreuzer 
gebefert,  fiir  die  Handelsmarine  iiber  30  der  groBten  Passagier-  mid  Fracbt- 
dampfer,  darunter  aucb  das  damals  groBte  Scbiff  des  Norddeutscben  Lloyd 
»Columbus«  gebaut. 

Zu  einer  Zeit,  als  die  Anwendung  des  Stablgusses  im  Scbiff-  mid  Scbiffs- 
maschinenbau  nocb  wenig  Anklang  fand,  hatte  Z.  bereits  erkannt,  welcbe 
Bedeutung  diesem  Material  fiir  die  Zukunft  der  Scbiffbautecbnik  innewobnt; 
lange  bevor  andere  sicb  dazu  entscblossen,  verwandte  er  bei  seinen  Konstruk- 
tionen  StahlguB  und  gliederte,  um  sicb  von  den  weit  entfernten  StahlgieBereien 
unabhangig  zu  macben,  seiner  Elbinger  Werft  1898  ein  Stablwerk  an,  das  so- 
fort  fiir  die  Lieferung  groBter  GuBstiicke  eingericbtet  wurde  und  heute  bei 
einer  tagbcben  Lieferung  von  50  Tonnen  die  groBte  StablgieBerei  im  deutscben 
Osten  darstellt. 

So  entwickelte  Z.  die  Scbicbau- Werke  zu  einer  Weltfirma,  die  miter  seiner 
Leitung  tausend  Scbiff e  gebaut  und  mit  Mascbinen  von  rund  5  MilHonen  PS 
ausgerustet  batte.  Febl-  mid  Riickscblage  sind  ibm  dabei  erspart  geblieben; 
nacb  45jabriger  Tatigkeit  konnte  er  von  sicb  bebaupten,  stets  ins  Scbwarze 
getroffen  zu  baben;  sicbtbarer  Segen  rubte  auf  all  seiner  Arbeit.  Es  war  nur 
scbeinbar,  wenn  er  sicb  Neuerungen  langsamer  vielleicbt  als  andere  anschloB ; 
das  »Sensationelle«  reizte  ibn  nicbt;  batte  er  aber  einmal  das  Gute  im  Neuen 
erkannt,  dann  setzte  er  seine  ganze  groBe  Energie  und  die  groBen,  ibm  zur 
Verfiigung  stebenden  Mittel  an  die  Erreicbung  des  neuen  Zieles.  So  war  es, 
als  er  1907  den  Dampfturbinenbau  in  groBtem  Stile  aufnabm  und  den  Bau  von 
Unterseebooten  wabrend  des  Krieges  begann. 

Dem  bier  gezeicbneten  Bilde  Z.s  feblte  jedocb  ein  wichtiger  Zug,  wollte  man 
nicht  aucb  des  Reizes  seiner  Personlicbkeit  gedenken,  die  Liebenswiirdigkeit 


206  19 1 7 

erwahnen,  die  jeden  sofort  fur  sich  gewann,  der  in  die  Nahe  dieses  Mannes  kam. 
Wer  Gelegenheit  hatte,  mit  Z.  zu  verkehren,  ward  von  der  gewinnenden  Art 
bestrickt,  mit  der  er  —  gegen  Hoch  und  Niedrig  stets  gleich  —  jedem  ent- 
gegentrat,  von  jener  Form  des  Umgangs,  die  in  ihrer  Bescheidenheit  kaum  er- 
kennen  lieB,  mit  welcher  bedeutenden  Personlichkeit  man  es  zu  tun  hatte. 
Diese  Bescheidenheit  behielt  er  bis  an  sein  Lebensende,  trotz  der  hohen  Aus- 
zeichnungen,  die  ihm  von  vielen  Regierungen  zuteil  wurden,  trotz  der  Ehrungen 
seitens  der  Technischen  Hochschule  Berlin  und  des  Vereins  deutscher  Inge- 
nieure,  der  ihm  die  Grashof-Denkmunze  verlieh.  Er  stellte  den  Typus  des 
» gentleman «  in  des  Wortes  bester  Bedeutung  dar;  sein  AuBeres,  das  den  ge- 
sunden  Geist  im  gesunden  Korper  erraten  lieB,  sein  Auftreten  machten  ihn 
bei  Versammlungen  zu  einer  hervorstehenden  Erscheinung,  die  man  nicht 
iibersehen  konnte.  Er  selbst  fuhlte  sich,  ganz  im  Sinne  des  groBen  Konigs,  als 
ersten  Diener  seines  Reichs;  Glockenschlag  acht  bei  der  Arbeit,  nach  dem 
letzten  seiner  Beamten  von  der  Arbeit  gehend,  so  kannten  ihn  die  Seinen,  die 
zu  ihm  nicht  in  einem  bloBen  Verhaltnis  der  Untergebenen  zum  Herrn  standen, 
die  vielmehr  durch  sein  freundliches  Wesen,  durch  die  fast  kollegiale  Art  seines 
Umganges  an  ihn  gefesselt  wurden. 

Es  muB  aber  auch  noch  besonders  des  innigen  Verhaltnisses  gedacht  werden, 
das  ihn  bis  zum  Tode  mit  seinem  Bruder  Rudolf  (*  12.  Juni  1850)  verband, 
der,  selbst  ein  hervorragender  Ingenieur,  zuerst  lange  Jahre  in  England  als 
Schif  f  smaschinenbauer  gearbeitet  hatte  und  spater  die  Vertretung  der  Schichau- 
Werke  in  RuBland  iibernahm.  Aus  dem  jahrzehntelangen  Zusammenarbeiten 
der  Bruder  ist  die  Anregung  zu  mancher  Schichauschen  Neukonstruktion  ent- 
standen. 

Unerwartet,  mitten  in  der  Fulle  von  Arbeit,  die  der  Krieg  in  erhohtem  MaBe 
von  ihm  verlangte,  starb  Carl  Z.  nach  kurzer  Krankheit  am  15.  Dezember  191 7. 
Ihm  folgten  nacheinander  in  der  Leitung  des  Werkes  seine  Gattin  Elisabeth, 
geborene  Schichau  (f  2.  Juli  1919),  sein  Schwiegersohn,  Ingenieur  C.  Carlson 
(f  23.  Oktober  1924)  und  seine  Tochter  Frau  Carlson,  geborene  Z.  (f  4.  Marz, 
1927). 

Berlin-Charlottenburg.  Paul  Krainer. 


1918 

Bachem,  Julius,  Politiker  und  Publizist,  *  am  2.  JUH1845  inMulheim  a.  Rh., 
t  am  22.  Januar  1918  in  Koln.  —  B.  war  der  Sohn  eines  Farb-  und  Kolonial- 
warenhandlers  und  besuchte  zunachst  in  seiner  Vaterstadt  die  Realschule 
I.  Ordnung.  Unter  dem  Einflusse  seines  Vaters  entwickelte  sich  bei  ihm  ein 
starkes  Interesse  an  der  Natur,  besonders  der  Vogel-  und  Insektenwelt.  Noch 
in  spateren  Lebensjahren  betatigte  er  sich  auf  diesem  Gebiete  als  Sammler 
und  Forscher.  Nach  der  Absolvierung  der  Tertia  der  Realschule  kam  er  an 
die  Handelsschule  in  Rolduc  in  Hollandisch-Iyimburg,  wo  in  der  ehemaligen 
Augustinerabtei  mehrere  hohere  Unterrichtsanstalten  vereinigt  waren.  Da  B. 
Lust  zum  akademischen  Studium  bekam,  ging  er  zur  Lateinschule  iiber,  die 
er  mit  gutem  Erfolg  besuchte.  Dann  trat  er  in  die  Unterprima  des  Huma- 
nistischen  Gymnasiums  in  Kempen  ein,  das  er  Sommer  1864  mit  dem  Zeugnis 
der  Reife  zum  Universitatsstudium  verlieB.  In  Bonn  studierte  er  zuerst 
neuere  Sprachen  und  Naturwissenschaften,  ging  aber  nach  zwei  Semestern 
zur  Rechtswissenschaft  iiber,  der  er  sich  in  Berlin  und  Bonn  widmete.  Im 
Sommer  1868  wurde  er  nach  bestandenem  Examen  bei  dem  Kolner  I,and- 
gericht  als  Auskultator  angenommen.  Gleichzeitig  trat  er  in  die  Redaktion  der 
»K61nischen  Blatter «  ein,  die  seit  dem  1.  Januar  1869  den  Namen  »K61nische 
Volkszeitung*  fiihrten.  Bei  seiner  groflen  Willensstarke  gelang  es  B.,  seiner 
Dienstpflicht  am  Gericht  und  zugleich  seinen  ObHegenheiten  als  Redakteur 
zu  gentigen,  und  bestand  mit  gutem  Erfolge  das  Assessorexamen.  Danach 
entschied  er  sich  endgiiltig  fiir  die  Journalistik.  Seine  Tatigkeit  als  Redakteur 
f iel  zeitlich  zusammen  mit  dem  groBen  kirchenpohtischen  Konflikt  (Kultur- 
kampf),  der  1872  ausbrach.  B.  stand  an  der  Wiege  der  Zentrumsfraktionen 
des  Reichstags  und  des  PreuBischen  Landtags.  Er  erblickte  seine  Lebensauf- 
gabe  darin,  die  Grundideen  der  Zentrumspartei  und  die  praktische  Zentrums- 
politik  offentlich  zu  vertreten. 

Zu  Beginn  des  Jahres  1876  trat  der  Bonner  Privatdozent  fiir  Geschichte, 
Dr.  Hermann  Cardauns,  als  Hauptredakteur  in  die  Leitung  der  »K61nischen 
Volkszeitung«  ein.  Beide  Manner  haben  mehr  als  drei  Jahrzehnte  in  eintrach- 
tiger  Zusammenarbeit  die  Redaktion  des  sich  stetig  entwickelnden  Hauptorgans 
der  Rheinischen  Zentrumspartei  geleitet,  wobei  B.  vorwiegend  das  staatsrecht- 
Uche  und  das  sozialpolitische  Gebiet  behandelte.  Wiederholt  verdichtete  sich 
seine  publizistische  Tatigkeit  zu  konkreten  Gesetzesvorschlagen,  fiir  die  er  als 
Schriftsteller  und  Redner  unausgesetzt  bemiiht  war.  So  bei  der  zuerst  von  ihm 
planmaBig  betriebenen  gesetzhchen  Bekampfung  des  »unlauteren  Wett- 
bewerbs*,  dem  er  im  Sinne  der  franzosischen  Rechtsprechung  wider  die  Con- 


208  1918 

currence  deloyale  aus  Artikel  1382  des  Code  Civil  beizukommen  suchte.  Mehr 
und  mehr  setzte  sich  bei  den  Juristen  und  auch  in  Handelskreisen  dieser  Ge- 
danke  durch,  und  am  27.  Mai  1896  nahm  der  Reichstag  das  Gesetz  gegen  den 
unlauteren  Wettbewerb  an.  Mit  dem  Abgeordneten  Oberlandesgerichtsrat 
Roeren  gab  B.  einen  in  mehreren  Auflagen  erschienenen  Kommentar  zu  diesem 
Gesetze  heraus. 

In  ahnlicher  Weise  setzte  B.  sich  in  Zeitungsartikeln  und  inBroschiiren  fur  die 
Einfiihrung  der  sog.  bedingten  Verurteilung  ein,  durch  die  die  schwerwiegenden 
Nachteile  der  kurzfristigen  Freiheitsstrafen  abgeschwacht  werden  sollten.  Er 
hatte  die  Handhabung  des  einschlagigen  belgischen  Gesetzes  an  der  Zucht- 
polizeikammer  in  Luttich  studieren  konnen,  und  wenn  die  bedingte  Verurtei- 
lung damals  im  Deutschen  Reiche  auch  nicht  in  der  von  B.  beabsichtigten 
Weise  eingefuhrt  wurde,  so  kam  der  Grundgedanke  seit  1895  in  den  meisten 
deutschen  Bundesstaaten  doch  in  der  Weise  zur  Durchfuhrung,  dafl  die  Landes- 
justizverwaltungen  im  Verordnungswege  eine  bedingte  Strafaussetzung  mit 
Aussicht  auf  StraferlaB  im  Gnadenwege  gewahren  konnten. 

Auch  auf  dem  Gebiete  der  Kommunalpolitik  hat  B.  sich  eifrig  betatigt, 
Kaum  30  Jahre  alt  wurde  er  1875  in  der  dritten  Wahlerabteilung  in  das  Kolner 
Stadtverordnetenkollegium  gewahlt.  Der  Kampf  der  Parteien  wurde  damals 
vor  allem  in  der  dritten  Klasse  gefiihrt,  zumal  das  Wahlrecht  in  der  Rhein- 
provinz  fiir  die  stadtische  Vertretung  gesetzlich  an  einen  um  eine  Stufe  hoheren 
Zensus  gekniipft  war  als  in  den  alten  Provinzen  PreuBens,  und  da  es,  wie  auch 
in  Koln,  durch  Ortsstatut  noch  um  eine  weitere  Stufe  erhoht  worden  war.  Erst 
1892  gelang  es  bei  Gelegenheit  der  Miquelschen  Steuerreform  hauptsachlich 
durch  die  Bemuhungen  B.s  im  PreuBischen  Abgeordnetenhause,  daB  der  Wahl- 
zensus  um  eine  Stufe  herabgesetzt  wurde,  wodurch  allein  in  Koln  die  Zahl  der 
Wahler  in  der  dritten  Klasse  um  rund  8000  stieg. 

Im  Herbst  1876  wurde  B.  fiir  den  Wahlkreis  Sieg  -  Miilheim  a.  Rh.  -Wipper- 
fiirth  auch  in  das  PreuBische  Abgeordnetenhaus  gewahlt,  dem  er  bis  1890  an- 
gehorte.  Rasch  erlangte  er  in  der  Zentrumsfraktion,  aber  auch  bei  den  ubrigen 
Parteien  infolge  seiner  Rednergabe  und  seiner  Sachkenntnis  eine  angesehene 
Stellung.  Ihm  lag  neben  Windthorst,  den  beiden  Reichensperger  und  Lieber 
die  parlamentarische  Vertretung  der  politischen,  der  kirchenpolitischen  und 
der  Schulfragen  ob.  In  der  Schrift  »PreuBen  und  die  katholische  Kirche«  schil- 
derte  er  das  Verhaltnis  dieser  beiden  Gewalten  in  seiner  geschichtlichen  Ent- 
wicklung.  Als  Parlamentarier  wie  als  Journalist  hielt  B.  es  fiir  seine  vornehmste 
Pflicht,  fiir  die  Beseitigung  der  Kulturkampfgesetzgebung,  fiir  die  Freiheit  der 
Religionsubung  des  katholischen  Volksteils  und  fiir  die  verfassungsmaBige 
Gleichberechtigung  desselben  einzutreten.  Die  Erregung,  die  sich  in  katho- 
lischen Gegenden  der  Bevolkerung  damals  bemachtigt  hatte,  fiihrte  wiederholt 
zu  ZusammenstoBen  mit  den  Organen  der  Staatsregierung  und  zu  aufsehen- 
erregenden  Gerichtsverhandlungen.  Zweimal  hatte  dabei  B.  als  Rechtsbeistand 
einen  vielbesprochenen  Erfolg;  das  erstemal  1876  bei  dem  ProzeB  gegen 
21  Leute  aus  dem  Dorfe  Marpingen  (Bez.  Trier),  die  wegen  Aufruhrs  und  Land- 
friedensbruchs  angeklagt  waren,  aber  bei  der  Gerichtsverhandlung  in  Saar- 
briicken  auf  Antrag  B.s  freigesprochen  wurden.  Das  zweitemal  bei  dem  sog. 
Rheinbrohler  GlockenprozeB.  In  dem  Orte  Rheinbrohl  bei  Neuwied  hatte  der 
Biirgermeister  beim   Begrabnis  eines  zweijahrigen   Kindes  das  Lauten  der 


Bachem 


209 


Kirchenglocken  angeordnet,  und  als  die  Kirchengemeinde  dieser  Forderung 
passiven  Widerstand  entgegensetzte,  in  Koblenz  Landgendarmerie  und  Militar 
requiriert.  B.  vertrat  im  Landtage  mit  Erfolg  den  Satz,  daB  die  Glocken  in 
Rheinbrohl  der  Kirchengemeinde  gehorten  und  daB  die  Bevdlkerung  zu  der 
schroffen  MaBregel  der  Requirierung  von  Militar  keinerlei  AnlaJ3  gegeben  habe. 
Das  Oberlandesgericht  in  Frankfurt  erkannte  das  alleinige  Eigentum  der 
Kirchengemeinde  an  der  Kirche  und  dem  Kirchturm  an,  und  demgemaB  wur- 
den  der  Zivilgemeinde  die  erheblichen  Kosten  des  militarischen  Eingreifens 
wieder  erstattet. 

Als  1876  der  hundertjahrige  Geburtstag  Joseph  v.  Gorres'  gefeiert  wurde, 
war  B.  in  Koblenz  mit  fiinf  Gesinnungsgenossen,  darunter  die  Bonner  Privat- 
dozenten  Freiherr  v.  Hertling  (s.  unten  VS.  418)  und  Hermann  Cardauns, 
an  der  Griindung  der  »  Gorres-Gesellschaf  t  zur  Pflege  der  Wissenschaft  im  katho- 
lischen  Deutschland«  hervorragend  beteiligt.  Besonders  enge  verkniipfte  ihn 
mit  dieser  Organisation  die  Bearbeitung  und  Herausgabe  des  von  ihr  ver- 
offentlichten  »Staatslexikons«,  von  dem  unter  der  Redaktion  B.s  vier  Auflagen 
erschienen.  Nach  der  Fertigstellung  der  ersten  Auflage  ernannte  ihn  die  Uni- 
versitat  Lowen  zuin  Ehrendoktor  der  Staatswissenschaften.  In  ahnlicher  Weise 
war  B.  auch  fur  den  Ausbau  des  1878  gegrundeten  Augustinus-Vereins  zur  Pflege 
der  katholischen  Presse  bemiiht,  bei  dessen  Generalversammlungen  er  meist 
die  politischen  Refer  ate  erstattete. 

In  der  Mitte  der  neunziger  Jahre  des  vorigen  Jahrhunderts  verbreitete  sich 
von  Frankreich  und  Italien  her  auch  in  Deutschland  ein  von  den  sog.  franzo- 
sischen  »Fumisten«  ausgehender  Schwindel,  dessen  Urheber,  vor  allem  der 
franzosische  Schriftsteller  und  ehemalige  Freimaurer  Leo  Taxil,  auf  Grund 
willkurlicher  Erfindungen  und  Enthiillungen  in  Biichern  und  Zeitungen  die 
Freimaurerei  als  im  Bunde  mit  dem  Teufel  stehend  hinstellten.  Auf  dem  im 
September  1896  in  Trient  stattfindenden  Internationalen  Antifreimaurer- 
kongreB  sollten  diese  sensationellen  Enthiillungen  als  Beweismaterial  fiir  kirch- 
liche  MaBnahmen  gegen  die  Freimaurerei  verwertet  werden.  In  dieser  hoch- 
kritischen  Situation  gelang  es  B.  auf  Grund  seiner  personlichen  Beziehungen  zu 
einem  dieser  f ranzosischen  Schriftsteller  die  ganze  groBangelegte  Mystif ikation 
aufzudecken  und  ihre  Hintermanner  in  mehreren  Artikeln  der  Presse  zu  ent- 
larven.  Dadurch  hat  er  sich  urn  die  Bewahrung  des  deutschen  Katholizismus 
vor  der  ihm  zugedachten  Blamage  ein  groBes  Verdienst  erworben. 

B.  wollte  nach  seinen  offentlichen  Versicherungen  nichts  anderes  sein,  als 
Zentrumspublizist  und  Zentrumspolitiker  schlechthin,  so  wie  er  in  der  Schule 
Windthorsts  es  gelernt  hatte.  Trotzdem  konnte  er  nicht  verhindern,  daB  er  von 
sog.  integralen  Schwarmgeistern  als  Vertreter  einer  einseitigen  Richtung,  der 
Richtung  Bachem  oder  auch  der  Koln  -  M.  -  Gladbacher  Richtung  bezeichnet 
und  heftig  angefeindet  wurde.  Diese  kritische  Einstellung  gegenuber  der  von 
B.  vertretenen  Kulturpolitik  war  hervorgerufen  durch  einen  Artikel,  den  B. 
1906  unter  dem  Titel  »Wir  miissen  aus  dem  Turm  heraus! «  in  den  »Munchener 
Historisch-Politischen  Blattern«  (Bd.  137,  S.  376  ff.)  veroffentlicht  hatte,  und 
der  lange  Zeit  hindurch  in  der  Presse  aller  Parteien  ein  groBes  Aufsehen  erregte 
und  vielfach  angefochten  wurde.  Dadurch  wurde  der  jahrelang  wahrende  Streit 
um  den  Charakter  der  Zentrumspartei  bewirkt,  der  in  der  1910  erschienenen 
anonymen  Streitschrift  »K61n  —  eine  innere  Gefahr  fiir  den  Katholizismus « 

DBJ  14 


210  1918 

gipfelte.  Was  B.  mit  jenem  Artikel  beabsichtigte,  hat  er  in  seiner  Schrift  »Lose 
Blatter  aus  meinem  Leben«  erlautert.  Danach  wollte  er  die  starke  Verteidi- 
gungsstellung  des  Zentrums  nicht  preisgeben,  aber  anderseits  die  Zentrums- 
partei  auch  nicht  als  eine  ausschlieBlich  konfessionelle  Partei  kennzeichnen, 
sondern  er  betonte  ausdriicklich,  daB  das  Zentrum  nach  der  Absicht  seiner 
Griinder,  nach  seinem  Programm  und  nach  seiner  Geschichte  eine  politische 
nichtkonfessionelle  Partei  sei,  der  auch  jeder  Nichtkatholik,  der  dessen  Pro- 
gramm annehme,  beitreten  konne  und  dem  auch  bis  in  die  neueste  Zeit  hinein 
hervorragende  Mitglieder  des  protestantischen  Bekenntnisses  arigehort  hatten. 
Mit  dieser  Forderung  B.s  war  also  nicht  gemeint,  das  Zentrum  solle  sein  bisher 
vertretenes  Programm  aufgeben  und  sich  in  eine  rein  wirtschaftliche  Partei 
umwandeln,  wie  die  Richtungsgegner  B.s  dies  unterstellten.  Die  in  dem  Turm- 
artikel  erorterten  Gesichtspunkte  des  Verfassers  haben  sich,  nachdem  die  Mi£- 
verstandnisse  und  falschen  Auffassungen  beseitigt  waren,  allmahlich  auf  der 
ganzen  Linie  durchgesetzt. 

B.  besaB  einen  ungemein  klar  denkenden  Verstand,  eine  rasche  Auffassung 
und  eine  schier  unbeugsame  Willenskraft.  Seine  geistige  Starke  lag  auf  poli- 
tischem  Gebiete,  wo  ihn  auBer  einem  rastlosen  FleiB  ein  geradezu  divinato- 
rischer  Scharfblick  auszeichnete,  der  ihn  kommende  politische  Situationen 
sicher  vorhersehen  und  genau  berechnen  lieB.  Er  war  eine  ausgesprochene 
Kampfer-  und  Fiihrernatur  und  besafi  eine  hinreiBende  und  schlagfertige  Be- 
redsamkeit.  Er  war  eifrig  um  den  wirtschaftlichen,  sozialen  und  wissenschaft- 
lichen  Auf stieg  des  katholischen  Volksteiles  bemiiht  und  hat  diesen  durch  seine 
46jahrige  journalistische  Tatigkeit  aus  alien  Kraften  zu  befordern  gesucht,  aber 
er  hat  sich  doch  anderseits  auch  stets  fur  den  paritatischen  Rechtsstaat  und 
fiir  die  biirgerliche  Toleranz  in  Deutschland  eingesetzt  und  bewuBt  die  gemein- 
samen  Giiter  aller  Konfessionen  gepflegt. 

Literatur:  Bachem  (und  W  ein  and) :  Vor  den  Wahlen.  Mahnruf  an  das  christlich- 
konservative  Deutschland,  1871.  —  B.  (und  Semmerau) :  Lamy,  ein  Opfer  der  Geheim- 
biinde.  Auszug  aus  Brescimis  Jude  von  Verona,  1873.  —  Das  Zentrum  im  Landtag  und 
im  Reichstag,  1874.  —  Ein  Kapitel  uber  die  Polizei,  1876.  —  Strafrechtspflege  und 
Politik,  1876.  —  Gesetz  und  Recht,  1876,  2.  Auflage  1877.  —  Preuflen  und  die  katholische 
Kirche,  1884,  5.  Auflage  1887.  —  Der  unlautere  Wettbewerb,  1892.  —  Wie  ist  dem  un- 
lauteren  Wettbewerb  zu  begegnen  ?  1893.  —  Bedingte  Verurteilung,  1894.  —  Bedingte 
Verurteilung  oder  bedingte  Begnadigung,  1896.  —  B.  (und  Roeren) :  Das  Gesetz  zur  Be- 
kampfung  des  unlauteren  Wettbewerbs,  1896,  3.  Auflage  1900.  —  B.  (und  W.  Hankamer) : 
Die  Paritat  in  PreuBen,  1897,  2-  Auflage  1899.  —  Allerlei  Gedanken  iiber  Journalistik,  1905. 
—  Lose  Blatter  aus  meinem  Leben,  1910.  —  Erinnerungen  eines  Politikers,  191 2.  —  Das 
Zentrum,  191 3.  —  Der  Krieg  und  die  politischen  Parteien,  o.  J.  —  Der  Krieg  und  das 
Papsttum,  o.  J .  —  Der  Krieg  und  die  Polen,  o.  J .  —  Hsg.  J  ahrhundertf eier  zur  Vereinigung 
der  Rheinlande  mit  PreuBen,  1915.  —  Staatslexikon  der  Gorres-Gesellschaft,  1900  ff.  — 
Hermann  Cardauns,  Aus  dem  Leben  eines  Redakteurs,  191 2. 

Koln.  Karl  Hoeber. 

Ballin,  Albert,  Generaldirektor  der  Hamburg-Amerika-Linie,  *  15.  August 
1857  in  Hamburg,  f  9.  November  1918  in  Hamburg.  —  Albert  B.  wurde  in 
Hamburg  unten  im  Hafenviertel,  in  dem  heute  nicht  mehr  bestehenden  alt- 
hamburger  Hause  Stubbenhuk  17  als  dreizehntes  Kind  seines  Vaters  geboren. 
Der  Vater,  Samuel  Joel  B.,  aus  dem  kleinen  Hafenort  Horsens  an  der  Ostkiiste 
Siid-Jiitlands  stammend,  war  1832  als  Handwerker  in  Hamburg  eingewandert, 


Bachem.  Ballin  211 

hatte  es  rasch  mit  einer  Dekatier-  und  Farbereiwerkstatt,  die  schlieBlich  zur 
Fabrik  angewachsen  war,  zu  kleinem  Wohlstand  gebracht,  der  freilich  nach 
dem  groBen  Brand  von  Hamburg  1842  infolge  der  Insolvenz  groBer  Hamburger 
Firmen  wieder  zusammenbrach.  1852,  also  funf  Jahre  vor  Alberts  Geburt,  er- 
richtete  der  Vater  mit  einem  Sozius  eine  Auswandereragentur,.die  sich  bis  zu 
seinem  Tode  (1874)  miihselig  durchschlug  und  keine  besondere  Bedeutung  er- 
langen  konnte.  In  diesem  Milieu  wuchs  Albert  B.,  nahe  dem  Zentrum  des  Ham- 
burger Hafenverkehrs  und  tagtaglich  hingewiesen  auf  den  groBen,  namentlich 
nach  der  Revolution  von  1848  mehr  und  mehr  anschwellenden  Auswanderer- 
verkehr  iiber  Hamburg,  mit  hellsichtigen  Augen  auf.  Als  der  Vater,  siebzigjahrig, 
gestorben  war,  muBte  er,  noch  unmiindig,  sehr  bald  die  Fiihrung  der  Firma,  die 
nominell  der  Mutter  gehorte,  ubernehmen.  Seine  Schuljahre  hatten  ihm  auf 
verschiedenen  Lehranstalten  das  iibliche  Bildungsgut  vermittelt.  Ein  glanzen- 
der  Schuler  ist  er  niemals  gewesen.  Die  wertvollste  Ausbildung  brachte  ihm  in 
den  nachsten  Jahren  das  Leben  selbst,  zumal  er  nun  einen  eisernen  FleiB,  eine 
ungewdhnliche  Auffassungsgabe  und  einen  ganz  seltenen  Blick  fur  geschaft- 
liche  Moglichkeiten  entwickelte.  Die  kleine  Auswandereragentur  verstand  er 
als  » junger  Mann  «  sehr  bald  zu  groBerer  Bedeutung  zu  bringen,  so  daB  er  bereits 
1880  mit  seiner  Firma  einen  erheblichen  Teil  des  indirekten  Auswanderer- 
verkehrs  iiber  Hamburg,  d.  h.  den  Transport  von  Auswanderern  iiber  englische 
Hafen  beherrschte.  Reisen  nach  England  brachten  ihm  Beziehungen  aller  Art, 
verschafften  ihm  Einblick  in  die  treibenden  Krafte  des  Schiffahrtsgeschaftes 
und  in  die  damals  namentlich  in  England  aufstrebenden  GroBreedereien. 

Die  Entwicklung  der  deutschen  Reedereien  war  bis  dahin  keine  besonders 
gluckliche  gewesen.  Zwar  hatte  der  Norddeutsche  I,loyd  in  Bremen  (gegriindet 
1857)  einen  erheblichen  Teil  des  Auswandererverkehrs  iiber  deutsche  Hafen  an 
sich  ziehen  konnen,  ebenso  wie  die  Hamburg-Amerikanische  Paketfahrt  A.-G. 
(Hapag,  gegriindet  1847)  mit  wechselndem  Gliick  ihre  Beziehungen  im  Per- 
sonen-  und  Frachtverkehr  nach  Amerika  und  Westindien  ausgestaltet  hatte. 
Anfang  der  achtziger  Jahre  aber,  zu  einer  Zeit,  in  der  Bremen  in  seinen  Be- 
forderungszahlen  einen  starken  Vorsprung  vor  Hamburg  erzielt  hatte,  waren 
die  inneren  Verhaltnisse  der  Hapag  iiberaus  unsicher  und  schwankend.  Es  lag 
wie  eine  Lahmung  iiber  dem  Unternehmen.  Der  Reeder  Edward  Carr,  vorher 
Mitinhaber  der  bekannten  Firma  Rob.  M.  Sloman  jr.  stellte  der  wenig  unter- 
nehmungslustigen  Hapag  eine  Auswandererlinie  nach  Neuyork  entgegen  und 
sicherte  sich  die  Mitarbeit  der  B.schen  Agentur  mit  dem  Erfolg,  daB  die  Hapag 
trotz  ihrer  iiberragenden  GroBe  schlieBlich  dazu  iibergehen  muBte,  sich  mit 
dieser  tatkraftigen  jungen  Konkurrenz  zu  verstandigen.  Die  Carrschen  Inter- 
essen  wurden  mit  der  Hapag  vereint,  und  B.  trat,  20jahrig,  1886  als  Passage- 
leiter  in  den  Dienst  der  groBten  Hamburger  Reederei.  Zwei  Jahre  spater  wurde 
er  Mitglied  des  Direktoriums  und  abermals  einige  Jahre  spater  Vorsitzender 
des  Direktoriums  des  sich  nunmehr  » Hamburg- Amerika  -L,inie«  nennenden 
GroBbetriebes. 

War  schon  der  personliche  Aufstieg  dieses  Mannes,  den  weder  uberkommenes 
Vermogen  noch  glanzende  Verbindungen  oder  Familientradition  zur  Ver- 
fiigung  standen,  ein  namentlich  in  der  alten  patrizischen  Hansestadt  durchaus 
ungewohnlicher  Vorgang,  so  war  die  Iyeistung,  die  nun  folgte,  etwas  Erstaun- 
liches. 


212  1918 

Zunachst  organisierte  B.  den  Passagedienst  der  vergroBerten  Gesellschaft 
sowohl  in  Hamburg  als  auch  in  Neuyork  neu,  schuf  die  ersten  Grundlagen 
einer  reprasentativen  Propaganda,  die  bekanntlich  heute  ein  iiberaus  wichtiges 
Element  der  iiberseeischen  Personenschiffahrt  darstellt,  und  trieb  die  Gesell- 
schaft dazu  an,  den  Schnelldampfertyp,  mit  dem  der  Norddeutsche  Lloyd  in 
den  letzten  Jahren  vor  1886  grofle  Erfolge  erzielt  hatte,  aufzunehmen  und  fort- 
zubilden.  Der  erste  grofle  Schritt  der  Hapag  war  der  Bau  eines  Doppelschrauben- 
Schnelldampfers,  der  den  Einschrauben-Schnelldampfern  des  Norddeutschen 
Lloyd  die  Spitze  bieten  sollte.  Damit  gewann  die  Hamburg- Amerika-Linie  un- 
geahnte  Entwicklungsmoglichkeiten.  Sie  konnte  ihre  Schiffe  wesentlich  ver- 
groBern  und  wegen  der  beiden  nebeneinanderliegenden  Maschinen  verbreitern, 
ohne  daB  darunter  das  Ziel  groBerer  Schnelligkeit  litt.  Der  Norddeutsche  Lloyd, 
der  sich  zunachst  nicht  zum  Bau  von  Doppelschraubenschiffen  entschlieBen 
konnte,  muflte  bald  empfinden,  daB  ihm  ein  scharfer  Wettbewerber  in  Ham- 
burg entstanden  war.  In  den  ersten  zehn  Jahren  der  B.schen  Wirksamkeit  in 
der  Hamburg- Amerika-Linie  muBte  sich  der  Norddeutsche  Lloyd  trotz  eigener 
vortrefflicher  Entwicklung,  sowohl  was  Tonnage,  beforderte  Passagiere,  wie 
Auswandererzahl  angeht,  iiberfliigeln  lassen.  Das  Kennzeichen  der  B.schen 
Wirksamkeit  innerhalb  seiner  Reederei  war  die  f achliche  Universalitat.  Obwohl 
er  in  seinen  Lehr jahren  mit  dem  Frachtgeschaft  kaum  etwas  zu  tun  hatte, 
wirkte  er  bald  anfeuernd  auch  auf  die  Frachtlinien  der  Hamburg-Amerika- 
Linie  ein.  Die  Ausbildung  des  Borddienstes  stand  nicht  nur  unter  seiner  Auf- 
sicht,  sondern  blieb  bis  zuletzt  bis  ins  einzelne  seinem  EinfluB  unterworfen.  In 
technischer  Beziehung  stellte  er  seine  Mitarbeiter  immer  erneut  vor  neue  und 
groflere  Aufgaben.  Auf  finanziellem  Gebiet  verstand  er  es,  der  Gesellschaft, 
deren  Aktien  vorher  zeitweise  stark  angeboten  waren,  neues  Vertrauen  nicnt 
nur  in  den  hamburgischen  Wirtschaftskreisen,  sondern  im  ganzen  Reiche  zu 
verschaffen.  Die  in  finanzieller  Beziehung  durchaus  vorsichtige,  aber  auch 
wagemutige  Fiihrung  der  Gesamtentwicklung  ermoglichte  immer  neue  Kapital- 
erhohungen  und  schuf  damit  erst  die  Grundlage  zu  neuen  technischen  Fort- 
schritten.  Nicht  zuletzt  war  es  B.  zu  danken,  daB  der  Hamburger  Staat  in  weit 
groflerem  Umfange  als  f riiher  seine  Fiirsorge  der  Vertiefung  und  dem  Ausbau 
der  Unterelbe  zuwendete  (s.  Bubendey,  unten  S.  359),  so  daB  die  von  der  Ham- 
burg- Amerika-Linie  in  raschem  Tempo  geschaffenen,  immer  grofler  werden- 
den  Schiffsgefafle  fast  ausnahmslos  bis  in  den  Hamburger  Hafen  gelangen 
konnten.  Die  geniale  Beweglichkeit  seines  Geistes  und  die  vorausschauende 
Feinfuhligkeit,  mit  der  er  den  Wiinschen  des  zu  Seereisen  geneigten  Publikums 
zuvorkam,  fiihrten  in  der  Ausgestaltung  der  transatlantischen  nordamerika- 
nischen  Fahrten  zu  einer  iiberaus  sinnvollen  jeweiligen  Verlegung  des  Schwer- 
gewichts  im  Charakter  der  neu  geschaffenen  Schiffstypen,  indem  wechselweise 
im  Abstand  von  mehreren  Jahren  das  eine  Mai  mehr  der  gesteigerten  Schnellig- 
keit, das  andere  Mai  der  Bequemlichkeit  und  hervorragenden  Raumgestaltung 
an  Bord  die  groflere  Bedeutung  zugemessen  wurde.  Daneben  verstand  B.  fur 
die  europaische  Auswanderung  nach  Nordamerika  vorbildliche  neue  Grund- 
lagen zu  schaffen.  Die  Organisation  des  Auswandererdienstes  schon  an  der 
russisch-polnischen  Grenze,  die  Unterbringung  der  Auswanderer  bis  zur  Ab- 
fahrt  des  Schiffes  im  Hamburger  Hafen  in  einer  eigens  hierzu  geschaffenen 
Auswandererhallenanlage,  die  einer  ganzen  Stadt  gleicht,  und  die  gesundheit- 


Ballin  213 

liche  Sicherung  der  immer  mehr  wachsenden  Anzahl  von  Menschen  (letzteres 
namentlich  nach  dem  katastrophalen  Cholera jahr  von  1892)  wurde  so  geradezu 
zur  Voraussetzung  des  glatten  Ablaufs  jenes  Auswandererstromes,  dessen 
Hunderttausende  alljahrlich  iiber  europaische,  meist  deutsche  Hafen  eine  neue 
Lebensgrundlage  jenseits  des  Ozeans  such  ten.  —  Als  B.  in  die  Hapag  eintrat, 
lieB  diese  ihre  Schiffe  lediglich  nach  Nordamerika  und  Westindien  laufen.  In 
der  Folgezeit  steigerten  sich  die  Leistungen  der  Gesellschaft,  indem  immer 
neue  Gebiete  der  Welt  in  den  Verkehr  einbezogen  wurden.  Mit  Ausnahme  der 
australischen  Hafen  gab  es  vor  Ausbruch  des  Weltkrieges  kaum  irgendeinen 
groBeren  Hafen  an  den  Kiisten  dieser  Erde,  in  dem  nicht  die  Flagge  der  Hapag 
regelmaBig  gezeigt  worden  ware.  Die  geradezu  meisterhafte  Propaganda,  die 
unter  dem  EinfluB  B.s  sowohl  in  kunstlerischer  wie  in  literarischer  Beziehung 
ausgebaut  wurde,  fand  Unterstiitzung  in  der  Angliederung  kleinerer  Unter- 
nehmen,  die  fur  das  Urteil  des  Publikums  erhebliche  Bedeutung  hatten:  die 
Ausgestaltung  des  deutschen  Nordseebaderdienstes  und  der  Reisebureaus.  Es 
soil  nicht  behauptet  werden,  daB  alle  Einzelheiten  dieser  Entwicklung  das  per- 
sonliche  Verdienst  oder  die  ureigenste  Idee  Albert  B.s  gewesen  seien.  Er  war  viel 
zu  objektiv,  um  nicht  das  Gute  daher  zu  nehmen,  wo  er  es  fand.  Wohl  aber  war 
er  oft  derjenige,  der  den  ersten  AnstoB  gab,  und  der  nicht  ruhte,  bis  eine  Neue- 
rung  in  der  feinsten  Form  durchgefuhrt  wurde.  So  war  der  Gedanke  der  Nord- 
land-  und  Mittelmeerfahrten  mit  denjenigen  groBen  Passagierdampfern,  die  in 
der  stilleren  Zeit  im  transatlantischen  Verkehr  nicht  benotigt  wurden,  eine 
seiner  originellen,  fruchttragenden  Ideen. 

Wenn  der  alte  Satz,  daB  die  Flagge  dem  Handel  vorausgeht,  als  richtig  anzu- 
erkennen  ist,  dann  hat  Albert  B.  fur  die  Ausgestaltung  der  deutschen  Ubersee- 
wirtschaft,  fur  die  Entwicklung  des  AuBenhandels  und  gleichzeitig  auch  der 
deutschen  Industrie  eine  Riesenleistung  vollbracht.  Der  Auftrieb  seiner  Tatig- 
keit  und  seines  Unternehmens  riB  naturgemaB  andere  Unternehmungen  gleicher 
Art  zu  groBen  Leistungen  mit.  Er  hat  niemals  der  Meinung  gehuldigt,  daB, 
nachdem  die  Hamburg- Amerika-Linie  zur  groBten  deutschen  Reederei  ge- 
worden  war,  ihr  etwa  eine  Art  Monopol  oder  Vorzugsstellung  verschafft  werden 
konnte.  Trotz  seiner  guten  Beziehungen  zur  deutschen  Regierung  und  der 
Freundschaft,  die  ihn  etwa  von  der  Jahrhundertwende  ab  mit  dem  deutschen 
Kaiser  verband,  hat  er  niemals  versucht,  seiner  Reederei  Subventionen  der 
Regierung,  wie  sie  in  anderen  Landern  ublich  waren,  zuzufuhren ;  im  Gegen- 
teil,  er  war  ein  scharfer  Gegner  dieser  Art  von  Schiffahrtspolitik. 

Dem  schrankenlosen  Wettbewerb,  der  insbesondere  der  Schiffahrt  eigen  sein 
kann,  begegnete  er  mit  dem  Aufbau  einer  der  glanzendsten  internationalen 
Organisationen,  die  die  neuere  Wirtschaftsgeschichte  kennt.  Es  ist  bezeichnend, 
daB  er  bereits  als  2oJahriger  junger  Mann  beim  Eintritt  in  die  Hapag  den  Plan 
zu  einem  internationalen  Schiffahrtspool  mitbrachte.  Neben  der  iiberaus  viel- 
seitigen  Tatigkeit  des  ersten  Jahrzehnts  innerhalb  der  Hapag  war  die  Durch- 
arbeitung  dieser  Idee  und  der  allmahliche  unter  seinem  maBgeblichen  EinfluB 
zustande  kommende  Aufbau  des  transatlantischen  Passagepools,  dem  sehr  bald 
ahnliche  Organisationen  auf  alien  Schiffahrtsgebieten  folgten,  einer  der  wich- 
tigsten  Leistungen.  Die  Eigenart  dieser  groBen  Kartelle,  denen  sehr  bald  alle 
Schiffahrtsunternehmungen  angehorten,  lag  darin,  daB  zwar  die  Preise  und  die 
Linienorganisation  auf  einer  sinnreich  durchdachten  Vereinbarung  beruhten, 


214  1918 

daB  aber  gleichzeitig  den  einzelnen  Unternehmungen  hinsichtlich  der  quali- 
tativen  Ausgestaltung  ihres  Dienstes  und  der  technischen  Verbesserung  ihrer 
Schiffe  keinerlei  Schranken  gezogen  waren.  So  wurde  B.  selir  bald  als  aner- 
kannter  Fiihrer  dieser  Organisation  zu  einer  wirtschafts-politisch  bedeutenden 
Personlichkeit,  deren  EinfluB  auch  auBerhalb  der  Grenzen  groB  zu  nennen  war. 

Es  nimmt  daher  nicht  wunder,  daB  ihm  ganz  von  selbst  auch  ein  erheblicher 
politischer  EinfluB  zuwuchs,  der  keineswegs  nur  auf  seiner  Freundschaft  zum 
deutschen  Kaiser  beruhte.  Seine  Beziehungen  zu  den  Wirtschafts-  und  Finanz- 
fuhrern  der  groBen  Weltmachte,  denen  der  gewaltige  wirtschaftliche  Erfolg 
seiner  Reederei  hohe  Achtung  abgerungen  hatte,  fiihrten  ganz  von  selbst  dazu, 
auch  in  den  groBen  Fragen  der  AuBenpolitik  eine  nicht  unwesentliche  Stellung 
zu  finden.  Er  hat  freilich  niemals  eine  amtliche  Tatigkeit  auf  diesen  Gebieten 
erstrebt  oder  ubernommen.  AuBere  Ehrungen,  die  ihm  zahlreich  angeboten 
wurden,  hat  er  gering  geschatzt,  und  so  we  it  es  sich  um  Titel  handelte,  charakter- 
voll  abgelehnt.  Den  Gipfel  seiner  Laufbahn  erklomm  er  in  den  letzten  Jahren 
vor  dem  Weltkriege,  indem  er  unter  der  besonderen  Aufmerksamkeit  des 
Kaisers  den  groBen  Wurf  der  drei  Imperatorenschiff e  wagte :  Drei  Turbinen- 
schnelldampfer  von  ungeheuren  AusmaBen  mit  drei  Schrauben,  zwischen 
52  000  und  60000  Bruttoregistertonnen  mit  einer  bis  dahin  noch  nicht  gekannten 
Schnelligkeit  versehen,  mit  Bordraumen  von  bisher  ungekannter  Pracht:  ein 
dreifaches  Werk,  dessen  Vollendung  der  Weltkrieg  verhinderte.  Dampfer 
»Imperator<(  war  1913,  Dampfer  »Vaterland«  1914  in  Dienst  genommen,  wah- 
rend  Dampfer  » Bismarck «  erst  wahrend  des  Krieges  langsam  fertiggestellt 
werden  konnte. 

Damit  begann  der  tragische  Zusammenbruch  einer  seltenen  menschlichen 
Laufbahn  und  Leistung.  Der  Krieg  zerstorte  die  Organisation  der  deutschen 
Reedereien  mit  einem  Schlage.  Der  Frieden  von  Versailles  nahm  der  Hamburg- 
Amerika-Linie  den  verhaltnismaBig  groBen  Teil  der  Schiffe,  die  ihr  trotz  Ver- 
senkung  und  Wegnahme  verblieben  waren,  vollends  fort.  B.  hat  diesen  letzten 
und  schwersten  Schlag  nicht  mehr  erlebt.  Aber  sein  Geist  hatte  dieses  vor- 
laufige  Ende  seines  Lebenswerkes  vorausgefuhlt.  —  Wahrend  des  Krieges 
stellte  er  seine  Kraft  fur  die  Beratung  in  groBen  wirtschaftlichen  Fragen  und 
fur  politisch-diplomatische  Verhandlungen  soweit  moglich  zur  Verfugung.  Sein 
Urteil  iiber  die  politische  Fuhrung  des  deutschen  Volkes  wahrend  des  Krieges 
war  im  ganzen,  wenn  auch  unter  Schwankungen,  die  seinem  sanguinischen 
Charakter  entsprachen,  absprechend.  Er  begann  aus  seiner  Auslandskenntnis 
heraus  bereits  friih  daran  zu  zweifeln,  daB  es  Deutschland  moglich  sein  wiirde, 
einer  ganzen  Welt  zu  widerstehen.  Er  warnte  vor  der  Einleitung  des  unbe- 
schrankten  U-Bootkrieges  und  lieB  sich  schlieBlich  durch  die  Urteile  der  Marine- 
politiker  bestimmen,  seinen  Widerspruch  aufzugeben.  Der  Eintritt  Amerikas 
in  den  Krieg  nahm  ihm  aber  fast  alle  Hoffnungen  auf  einen  giinstigen  Ausgang, 
und  der  Gedanke,  daB  er  im  Schatten  der  durch  den  Krieg  hervorgerufenen 
Hetze  gegen  Deutschland  genotigt  sein  konnte,  eines  Tages  aus  den  Triimmern 
seines  Unternehmens  wieder  eine  neue  Reederei  aufzubauen,  hat  ihn  in  seinen 
Nerven  auf  das  schwerste  erschtittert.  Im  Herbst  19 18  wandten  sich  maB- 
gebende  Kreise,  unter  ihnen  Hugo  Stinnes,  an  Albert  B.,  seinen  EinfluB  bei 
Wilhelm  II.  im  Sinne  einer  Liquidierung  des  Krieges  einzusetzen.  Ende  Oktober 
legte  man  ihm  nahe,  die  Waffenstillstandsverhandlungen  zu  fiihren.  Er  war 


Ballin.  Baeyer  215 

bereit.  Als  der  Zusammenbruch  da  war  und  die  Erregung  der  Revolution  jede 
Arbeit  vollends  zum  Stillstand  brachte,  schlug  das  Schicksal  auch  iiber  dem 
Haupte  Albert  B.s  zusammen.  An  dem  schicksalsschweren  9.  November  1918 
schied  er  aus  dem  Leben. 

Literatur:   Huldermann,  Albert  Ballin,   1920,   2.  Auflage   1922;  P.  F.  Stubmann, 
Albert  Ballin,  1926. 
Hamburg.  Peter  Franz  Stubmann. 

Baeyer,  Johann  Friedrich  Wilhelm  Adolf  v.,  Dr.  phil.,  o.  Professor  der  Chemie 
an  der  Universitat  Miinchen,  Geh.  Rat;  *  am  31.  Oktober  1835  m  Berlin, 
•f  am  20.  August  1918  *)  in  Miinchen. — Adolf  B.  wurde  als  Sohn  des  Hauptmanns 
im  Generalstab  und  nachmaligen  Generalleutnants  Johann  Jakob  B.  und  dessen 
Frau  Eugenie,  geb.  Hitzig,  geboren.  Das  Milieu,  in  welchem  Adolf  B.  seine 
Jugend  verlebte,  ware  eigentlich  viel  mehr  dazu  geeignet  gewesen,  den  Knaben 
einem  schongeistigen  Beruf  zuzufiihren  als  der  Naturwissenschaft.  Denn  sein 
Geburtshaus  bewohnten  auBer  den  Eltern  auch  die  GroBeltern  Hitzig  und  sein 
Onkel  Franz  Kugler  (s.  DBJ.  1914 — 16,  S.  27),  ein  namhafter  Kulturhistoriker, 
und  in  deren  Kreise  hatten  einst  Chamisso  und  E.  Th.  A.  Hoffmann  verkehrt 
imd  verkehrten  in  Adolf  B.s  Jugendjahren  noch  Geibel,  Paul  Heyse  (s.  DBJ. 
1914 — 16,  S.  26ff.)(  Fontane  und  andere  Dichter  alsFreunde  und  haufigeGaste. 
Gleichwohl  wiesen  angeborene  Neigmig  und  Anregungen,  welche  der  Junge 
auf  Reisen  mit  seinem  Vater  empfing,  ihn  den  Weg  zur  Naturwissenschaft. 

Obwohl  die  von  ihm  besuchte  Schule,  das  Friedrich- Wilhelm-Gymnasium 
in  Berlin,  ihm  anfanglich  keinerlei  Anregung  in  naturwissenschaftlicher  oder 
mathematischer  Richtung  bot,  oblag  der  junge  B.,  geleitet  von  Stockhardts 
beriihmtem  Buch  »  Schule  der  Chemie «,  im  Elternhaus  mit  Eifer  chemischen 
Studien,  deren  Auswertimg  in  Experimenten  nicht  immer  den  Beifall  der 
Hausinsassen  fand.  Vom  13.  Lebensjahr  ab  gewannen  die  besonderen  Inter- 
essen  des  Jimgen  auch  durch  die  Schule  Forderung,  da  nunmehr  K.  Schellbach 
dort  ausgezeichneten  Unterricht  in  Mathematik  und  Physik  erteilte.  Die  Wir- 
kimg  von  Schellbachs  Unterricht  war  nachhaltig,  denn  als  B.  1853  das  Gym- 
nasium absolviert  hatte,  begann  er  an  der  Universitat  das  Studium  der  Mathe- 
matik und  Physik ;  der  Physiker  Magnus  und  der  Mathematiker  Dirichlet  waren 
ihm  dabei  ausgezeichnete  Lehrer.  Nach  dem  dritten  Studiensemester  wurden 
Adolf  B.s  Studien  durch  Abdienen  des  Militardienstjahres  unterbrochen.  In 
dieserZeit  vollzog  sich  in  dem  jimgen  Mann  ein  entscheidender  Wandel :  alle 
bisherigen  Neigtmgen  traten  von  nun  an  hinter  denen  zur  Chemie  zuriick.  In 
Berlin  war  damals  ein  fruchtbares  Chemiestudium  nicht  moglich,  weil  der 
Universitat  ein  chemisches  Laboratorium  fehlte.  Deshalb  trat  B.  in  das  be- 
riihmte  Laboratorium  Robert  Bunsens  in  Heidelberg  ein. 

Die  Kenntnisse  und  Fertigkeiten,  die  der  junge  Chemiebeflissene  einer 
friihen  hauslichen  Beschaftigung  mit  Chemie  zu  danken  hatte,  kamen  dem 
Studenten  B.  nun  vorziiglich  zustatten;  denn  schon  nach  Ablauf  eines  ein- 
zigen  Semesters  in  Heidelberg  wurden  seine  analytischen  Fahigkeiten  als  hin- 
reichend  anerkannt,  und  da  in  jener  Zeit  eine  anorganisch-  oder  organisch- 
praparative  Schulung  noch  nicht  tiblich  war,  durfte  B.  nun  sogleich  seine  erste 
wissenschaftliche  Arbeit  beginnen.  Das  Thema  dazu  stellte  Bunsen;  es  handelte 
sich  urn  Feststellung  des  Einflusses  von  L,icht  auf  die  Reaktionsgeschwindigkeit 

•)  1917  (nicht  19 18) :  durch  Versehen  des  Verfassers  irrtiimlich  an  dieserStelle  eingereiht. 


2l6  1918 

zwischen  Weinsaure  und  Brom.  »Mein  Anteil  an  der  Arbeit  war  naturlich  nur 
ein  rein  mechanischer,  und  die  veroffentlichte  Notiz  gab  nur  die  von  Bunsen 
mir  mitgeteilten  Gedanken  wieder«,  so  aufierte  sich  B.  selbst  iiber  seine  erste 
wissenschaftliche  Produktion. 

Vielleicht  noch  wertvoller  als  der  EinfluB  Bunsens  waren  die  Anregungen 
alterer  Praktikanten,  die  znsammen  mit  B.  den  Unterricht  des  Meisters  ge- 
nossen.  Roscoe,  Lothar  Meyer,  Pebal,  Schischkoff,  Lieben,  Beilstein,  Frapolli, 
Pavesi,  Filipuzzi  u.  a.  bildeten  fur  B.  den  anregendsten  Umgang.  Besonders 
wichtig  aber  wurde  fur  ihn  sein  Bekanntwerden  mit  August  Kekule,  der  sich 
gerade  in  Heidelberg  als  Privatdozent  habilitiert  hatte  und  ein  eigenes  Labo- 
ratorium  einrichtete.  B.  wurde  sein  erster  Praktikant  und  griff  nun  eine  schon 
im  Bunsenschen  Laboratorium,  allerdings  erfolglos,  von  ihm  begonnene  Arbeit 
iiber  Kakodylderivate  wieder  auf,  diesmal  mit  dem  Resultat,  daB  er  die 
Niederschrift  der  Ergebnisse  1858  in  Berlin  als  Dissertation  einreichen  und  die 
Doktorwiirde  erlangen  konnte. 

Wenn  auch  die  Neigungen  Kekules  zu  wissenschaftlichen  Spekulationen  von 
denen  auf  die  chemischen  Individuen  selbst  gerichteten  B.s  stark  differierten, 
so  war  Kekules  EinfluB  auf  den  jungen  Forscher  doch  zweifellos  groB.  Als 
Kekule*  kurz  nach  B.s  Promotion  seine  Arbeitsstatte  nach  Gent  verlegte,  folgte 
ihm  der  junge  Doktor  dorthin  nach.  Es  folgte  die  Zeit,  in  welcher  B.  seine 
klassischen  Arbeiten  iiber  Verbindungen  der  Harnsauregruppe  begann. 

Im  Fruhjahr  i860  kehrte  B.  nach  Berlin  zuriick  und  habilitierte  sich  hier  als 
Privatdozent.  Da  in  jener  Zeit  die  Universitat  einem  Chemiedozenten  nur  Ge- 
legenheit  zu  Vorlesungen,  nicht  aber  zu  Experimentalarbeiten  bot,  nahm  B. 
als  Hauptberuf  eine  Lehrstelle  am  »Gewerbeinstitut«  an,  wo  ihm  durch  das 
Wohlwollen  des  Direktors  Nottebohm  ein  geraumiges  Laboratorium  zur  Ver- 
fiigung  gestellt  wurde. 

Zwolf  sehr  fruchtbare  Jahre  verbrachte  B.  in  dieser  Stellung.  Es  war  die 
Zeit,  in  welcher  er  seinen  Untersuchungen  iiber  Harnsaure  feste  Basis  gab,  in 
welcher  ferner  die  bewundernswerten  Arbeiten  iiber  Indigo  begonnen  und 
(1870)  durch  eine  erste  Synthese  dieses  wichtigsten  aller  technischen  Farb- 
stoffe  gekront  wurden.  Arbeiten  iiber  die  Natur  des  Benzols,  die  Konden- 
sationen  von  Phthalsaure  mit  Phenolen  und  vieles  andere  Bedeutende  datiert 
aus  jener  Zeit. 

Eine  ganz  besondere  Fahigkeit  B.s,  wie  sie  im  gleichen  Grade  niemals  ein 
anderer  Chemiker  besaB,  tat  sich  bereits  in  jener  Entwicklungsperiode  kund: 
eine  unvergleichliche  Lehrbegabung,  das  Vermogen,  dem  Lernenden  in  gleichem 
MaBe  Begeisterung  zur  Forschung,  weiten  Blick  fiir  das  Bedeutungsvolle  und 
streng  kritischen  Sinn  einzupflanzen.  Wenn  aus  B.s  Schule  in  jenem  beschei- 
denen  Laboratorium  Manner  wie  Berend,  Grabe,  Liebermann  und  Viktor 
Meyer  hervorgegangen  sind,  so  war  dies  gewiB  kein  Zufall,  sondern  ein  hohes 
Verdienst  B.s,  das  der  Meister  auch  an  seinen  spateren  Wirkungsstatten  bis 
ins  hohe  Alter  immer  erneuerte. 

Wenn  die  Tatigkeit  am  Berliner  Gewerbeinstitut  somit  reich  an  Erfolgen 
war,  so  lieBen  ein  kargliches  Gehalt  und  die  Knappheit  der  Arbeitsmittel  B. 
doch  eine  Veranderung  seiner  Position  sehr  wiinschenswert  erscheinen,  um  so 
mehr,  als  er  nicht  mehr  fiir  sich  allein  zu  sorgen  hatte.  1868  hatte  er  namlich 
eine  Tochter  des  Geheimrats  Bendemann  als  Gattin  heimgefuhrt. 


Baeyer  217 

So  mag  B.  es  mit  Freuden  begriifit  haben,  als  1872  seine  erfolgreiche  Tatig- 
keit  in  einer  Berufung  auf  das  Ordinariat  fiir  Chemie  in  Strafiburg  Anerkennung 
fand.  Er  folgte  dem  Ruf,  wenn  die  damit  verbundenen  Veranderungen  auch 
ihre  starke  Schattenseite  hatten.  In  Strafiburg  bestand  namlich  kein  chernisches 
Universitatslaboratorium,  und  es  war  B.s  erste  Aufgabe  daselbst,  im  Garten 
des  pharmazeutischen  Instituts  ein  provisorisches  Laboratorium  zu  erbauen. 
Dazu  hemmte  Anfangerunterricht,  den  B.  in  ausgedehntem  Mafie  zu  erteilen 
hatte,  in  unerwiinschter  Weise  die  Forschungsarbeit.  Es  ist  einzigartig,  in 
welcher  glanzenden  Weise  trotzdem  B.  auch  in  Strafiburg  Schule  machte. 
In  der  Reihe  derer,  die  bei  dem  Lehrer  Anregung  und  Belehrung  suchten  und 
fanden,  finden  wir  Emil  Fischer,  Julius  Weiler,  Guido  Goldschmidt,  Julijan 
Grabowski,  E.  Hepp,  Hemilian,  Edmund  ter  Meer,  C.  Schraube,  F.  Fuchs, 
Ad.  Kopp,  N.  Gerber,  Zeidler,  R.  Schiff  u.  a.  m.,  eine  Reihe  glanzender  Namen  f 

Hatte  B.s  Wir  ken  bis  dahin  nicht  immer  den  Dank  der  Regierung  in  dem 
Mafie,  wie  B.  hatte  erwarten  konnen,  gefunden,  so  war  es  fiir  ihn  eine  urn  so 
bedeutungsvollere  Wendung,  als  nach  dem  Tode  Justus  Liebigs  (1875)  von 
Miinchen  aus  die  Einladung  an  ihn  erging,  Nachfolger  des  beruhmtesten  Che- 
mikers  jener  Epoche  zu  werden.  B.  nahm  diese  ehrenvolle  Berufung  urn  so  lieber 
an,  als  die  Regierung  in  Berlin  keinen  Versuch  machte,  ihn  in  seiner  Strafi- 
burger  Professur  zu  halten. 

Einst  hatte  Liebig  dadurch  umwalzend  auf  den  chemischen  Unterricht  ge- 
wirkt,  dafi  er  in  Giefien  das  erste  deutsche  Unterrichtslaboratorium  einrichtete. 
Spater  (1852),  als  er  nach  Miinchen  zog,  waren  seine  Neigungen  zum  praktischen 
Unterricht  aber  so  vollig  erschopft,  dafi  er  zur  Bedingung  stellte,  vom  Labora- 
toriumsunterricht  vollig  befreit  zu  sein.  So  kam  es,  dafi  B.  auch  in  Miinchen 
einen  Laboratoriumsneubau  zu  errichten  hatte.  Sein  praktischer  Sinn  bewahrte 
sich  dabei  aufs  allerbeste,  denn  wenn  seit  etwa  einem  Jahrzehnt  das  von  B. 
geschaffene  Miinchener  Institut  auch  wesentlich  erweitert  und  in  seinen  Ein- 
richtungen  verbessert  worden  ist,  so  hat  sich  B.s  Schopfung  doch  durch  f  iinf 
Jahrzehnte  aufs  beste  bewahrt. 

Die  40  Jahre,  wahrend  welcher  B.  in  Miinchen  seine  Forscher-  und  Lehr- 
tatigkeit  ausiibte,  waren  mit  einer  Fulle  von  wissenschaftlichen  Erfolgen  ge- 
segnet.  Die  Chemie  des  Indigo  fand  ihre  Vervollstandigung  in  der  Synthese 
des  Isatin  (1878)  und  zwei  neuen  Indigosynthesen  (aus  Nitrophenylpropiol- 
saure  [1880]  und  aus  O-Nitrobenzaldehyd  [1882]).  Zu  nennen  ist  weiter  die 
grofie  Reihe  von  grundlegenden  Arbeiten,  die  von  der  Chemie  der  Azetylene 
zur  sogenannten  »Spannungstheorie«,  von  hydrierten  aromatischen  Verbin- 
dungen  zu  B.s  Benzolformel  fiihrte.  Nennen  wir  noch  die  Arbeiten  iiber  Per- 
oxyde  und  Persauren,  iiber  die  Farbstoffe  der  Triphenylmethanreihe,  die 
Untersuchungen  iiber  die  basischen  Eigenschaften  des  Sauerstoffs,  so  ist  da- 
mit nur  das  Allerwichtigste  zitiert.  Ein  glanzender  Kreis  von  Schiilern  umgab  — 
wie  in  Berlin  und  Strafiburg  —  auch  in  Miinchen  den  Meister.  Unter  den 
vielen  aus  der  Miinchener  Schule,  die  in  der  akademischen  Laufbahn  sich  be- 
deutende  Namen  machten,  seien  nur  die  Namen  Otto  Fischer,  Volhard,  Claisen, 
Bamberger,  Kriifi,  Pechmann,  Curtius,  Thiele,  Konigs,  Muthmann,  Willstatter, 
K.  A.  Hofmann,  Wieland  und  Purnmerer  genannt. 

Eigenartig  war  B.s  Wirken  auf  die  chemische  Industrie.  Niemals  bestimmten 
B.s  Arbeitsplane  gewinnverheifiende  Ziele;  ihn  interessierte  das  Wissenschaft- 


2l8  1918 

liche  an  den  chemischen  Problemen  und  nicht  materieller  Erfolg.  Trotzdem 
oder  vielleicht  gerade  deshalb  hat  er  die  deutsche  chemische  Industrie  in  un- 
gewohnlicher  Weise  befruchtet.  Denn  viele  seiner  Ideen  lieBen  sich  von  der 
machtig  emporwachsenden  Farbstoffindustrie  nutzbringend  verwerten.  Und 
in  mindestens  gleichem  MaBe  erwarb  er  sich  urn  unsere  Industrie  hochstes  Ver- 
dienst  dadurch,  daB  er  ihr  vortreffliche  Chemiker  erzog. 

Am  AbschluB  seines  80.  Lebensjahres  noch  hielt  B.  seine  regelmaBigen  Vor- 
lesungen,  die  durch  den  meisterhaften  Vortrag,  den  klaren  Inhalt  und  treffliche 
Experimente  alljahrlich  ein  Anziehungspunkt  fiir  eine  groBe  Schar  Lernbegie- 
riger  waren.  Was  nicht  selten  bei  Gelehrten  ist,  die  bis  zum  hohen  Alter  ihrer 
Wissenschaft  gedient  haben,  daB  sie  namlich  sich  an  den  Ruhestand  nicht 
mehr  gewohnen  konnen,  traf  auch  bei  Adolf  B.  ein.  Am  20.  August  1918,  in 
seinem  83.  Lebensjahr,  verlosch  der  Geist,  der  durch  fast  sechs  Jahrzehnte 
seinen  Schulern  geleuchtet  hatte. 

Die  Kraft  zu  seinen  unvergleichlichen  L,eistungen  schopfte  B.  zeitlebens 
aus  einer  weisen  Lebensfuhrung,  die  zwischen  Arbeit  und  Erholung  stets  den 
richtigen  Wechsel  eintreten  lieB,  und  auBerdem  in  einem  Familienleben,  das 
ihm  seine  Gattin  und  die  Kinder,  spater  auch  eine  frohliche  Enkelschar,  sehr 
gliicklich  gestalteten. 

Berlin.  Wilhelm  Schlenk. 


Beck,  Ludwig,  Eisenhuttenmann,  *  10.  Juli  1841  zu  Darmstadt,  f  23.  Juli  1918 
zu  Biebrich/Rh.  —  B.  entstammt  einer  alten  hessischen  Beamtenfamilie.  Sein 
Vater  vererbte  den  Sinn  fiir  die  Vergangenheit  auf  seine  drei  Sonne,  von  denen 
der  spatere  General  Friedrich  B.  als  Verf asser  zahlreicher  Regimentsgeschichten, 
und  Professor  Theodor  B.  (s.  oben  S.  18  ff.)  durch  seine  Forschungen  zur  Ge- 
schichte  des  Maschinenbaues  bekannt  sind.  I^udwig  B.  besuchte  anfanglich 
das  Gymnasium  in  Darmstadt  und  dann  die  dortige  hohere  Gewerbeschule. 
Schon  mit  i63/4  Jahren  erwarb  er  sich  das  Reifezeugnis  und  bezog  die  Univer- 
sitat  Heidelberg.  Er  arbeitete  im  Bunsenschen  Laboratorium  und  wurde, 
20  Jahre  alt,  am  24.  Juli  1861  auf  Grund  einer  vor  Bunsen  (Chemie),  Kirchhoff 
(Physik)  und  Blum  (Mineralogie)  mit  Note  II  (insigni  cum  laude)  bestandenen 
Priifung  zum  Dr.  phil.  promoviert.  Nun  wandte  er  sich  dem  Studium  des 
Eisenhiittenwesens  zu  und  studierte  von  1861  bis  1863  m  Freiberg  und  dann  in 
Leoben,  wo  er  von  Peter  Tunner  angezogen  wurde.  Es  folgte  eine  praktische 
Ausbildung  in  den  Berg-  und  Hiittenwerken  zu  Ems  und  auf  der  Henrichs- 
hutte  bei  Hattingen.  Von  besonderer  Bedeutung  fiir  seinen  Entwicklungsgang 
war  ein  Aufenthalt  in  London,  der  Hauptstadt  des  damals  im  Eisenhutten- 
wesen  fiihrenden  Landes.  Er  war  dort  in  den  Jahren  1864/65  Assistent  an 
der  Royal  School  of  Mines  bei  Professor  John  Percy,  dem  ersten  I^ehrer  fiir 
Eisenhiittenkunde  seiner  Zeit.  Wie  B.  im  Vorwort  seiner  »Geschichte  des 
Eisens«  sagt,  hat  er  von  Percy  die  unmittelbare  Anregung  zur  Abfassung 
seines  Werkes  erhalten.  Percy,  der  damals  gerade  mit  seiner  » Sketch  of  the 
history  of  iron*  im  zweiten  Bande  seiner  »Metallurgie«  beschaftigt  war,  sprach 
gelegentlich  aus,  eine  ausfuhrliche  Geschichte  des  Eisens  zu  schreiben,  miisse 
einmal  eine  Aufgabe  fiir  B.  werden.  Diese  Anregung  ist  auf  einen  fruchtbaren 
Boden  gef alien. 


Baeyer.  Beck  210 

1865  bis  1867  war  B.  als  Hochofeningenieur  in  Altenhundem  im  Sauerland 
tatig.  Aber  die  iibliche  eisenhiittenmannische  L,aufbahn  sagte  ihm  nicht  zu. 
Nachdem  er  in  den  beiden  folgenden  Jahren  in  Darmstadt  und  Frankfurt  Vor- 
lesungen  iiber  Hiittenkunde  und  Geologie  gehalten  hatte,  machte  er  sich  1869 
durch  Ubernahme  der  Rheinhutte  bei  Biebrich  selbstandig.  Das  Werk  war  1857 
als  Hochofenwerk  gegriindet  worden,  konnte  sich  aber  als  solches  nicht  halten. 
B.  baute  es  zu  einer  bedeutenden  EisengieBerei  aus.  Leider  fiihrt  das  Werk 
heute  nicht  mehr  den  geachteten  Namen  L.  Beck  &  Co. 

In  Biebrich  griindete  B.  eine  Familie  und  fand  am  schonen  Rhein  eine  zweite 
Heimat. 

Es  ist  erstaunlich,  daB  B.  neben  seiner  Tatigkeit  im  eigenen  Werke  und  in 
Industrieverbanden  noch  Zeit  gefunden  hat,  sich  geschichtlicher  und  archaolo- 
gischer  Bestrebungen  anzunehmen.  Als  Forderer  und  Vorsitzender  des  Vor- 
stands  des  romisch-germanischen  Zentralmuseums,  innig  bef  reundet  mit  dessen 
Direktor  Ludwig  Lindenschmit,  hat  er  sich  verdient  gemacht.  Fast  unverstand- 
lich  aber  bleibt  es,  daB  B.  in  Biebrich  Zeit  fand,  die  geplante  »  Geschichte  des 
Eisens  «  fertig  zu  stellen.  Nachdem  sich  B.  durch  jahrelanges  Studium  vor- 
bereitet  hatte,  erschien  das  Werk  1884  bis  1903  in  fiinf  Banden  mit  iiber  6000 
Seiten  bei  Vieweg  in  Braunschweig. 

Das  Unternehmen  war  nicht  leicht  durchzufuhren.  Fur  die  altere  Geschichte 
des  Eisens  lagen  nur  Einzelstudien  vor.  Das  meiste  Material  muBte  aus  archaolo- 
gischen  Werken  und  Urkundensammlungen  zusammengesucht  werden.  Fiir  die 
neuere  Zeit  gait  es  eine  Unzahl  seltener  Werke  zu  beschaffen  und  durchzu- 
arbeiten.  Fiir  die  neueste  Zeit  erschwerte  dagegen  eine  erdriickende  Fiille  von 
Fachliteratur  den  Uberblick  und  drohte  die  Darstellung  zu  verwirren.  Eine 
weitere  Klippe  bildete  die  Begrenzung  des  Stoffes.  Eine  Geschichte  der  Eisen- 
hiittenkunde,  der  Gewinnung  und  Verarbeitung  des  Eisens  in  dem  Umfange, 
wie  sie  auf  den  Eisenhutten  betrieben  wird,  hatte  fiir  die  altere  Zeit  zu  wenig 
Stoff  geliefert  und  hatte  die  kulturgeschichtliche  Bedeutung  des  Eisens  nicht 
erkennen  lassen.  Erst  dadurch,  daB  B.  auf  kulturgeschichtlichem  Hintergrunde 
die  Geschichte  des  Eisens  aufbaute,  schuf  er  ein  Werk,  das  weit  iiber  den  Kreis 
der  Eisenhiittenleute  hinaus  Bedeutung  erlangte. 

Der  erste  Band  behandelt  das  Eisen  im  Altertum  und  im  Mittelalter.  Der 
Zusammenhang  ergab  sich  dadurch,  daB  das  Eisen  bis  ins  spate  Mittelalter 
nach  dem  »direkten«  Verfahren  gewonnen  wurde,  das  die  Naturvolker  noch 
heute  benutzen.  Eine  schwierige  Aufgabe  war  es,  die  Anfange  der  Eisentechnik 
aufzufinden.  Die  Gelehrten  hingen  mit  wenigen  Ausnahmen  der  Lehre  vom 
Bronzezeitalter  an,  d.  h.  sie  glaubten,  daB  iiberall  der  Eisenzeit  eine  eisenlose 
Bronzezeit  vorausgegangen  sei.  B.  wuBte  als  Hiittenmann,  wie  leicht  das  Eisen 
aus  seinen  Erzen  zu  gewinnen  ist,  und  griff  diese  Lehre  an.  Heute  steht  fest, 
daB  die  Reihenfolge,  in  der  die  Volker  mit  den  Metallen  bekannt  geworden  sind, 
wechselt,  und  daB  die  Eisentechnik  weit  alter  ist  als  der  BronzeguB.  Ebenso 
schwierig  war  es,  den  Anfangen  der  modernen  Eisengewinnung  im  Hochofen 
nachzugehen,  denn  fiir  das  Aufkommen  der  Hochofen  und  der  EisenguBtechnik 
lag  damals  nur  weniges  und  dabei  unzuverlassiges  Material  vor.  Trotzdem  er- 
kannte  B.  den  Zusammenhang  zwischen  dem  Aufkommen  der  Feuerwaffen  und 
der  Erfindung  des  Eisengusses,  den  er  und  jiingere  Forscher  spater  klar  be- 
wiesen  haben. 


220  1918 

Der  zweite  Band  schildert  die  Geschichte  des  Eisens  im  16.  und  17.  Jahr- 
hundert.  Die  Anfange  der  hiittentechnischen  Literatur,  die  Erzeugung  des 
Eisens  im  Hochofen  und  im  Frischfeuer,  die  hohen  Leistungen  der  GuB-  und 
Schmiedetechnik  im  16.  Jahrhundert  sowie  die  fesselnde  Geschichte  der  da- 
maligen  Eisenindustrie  in  den  einzelnen  Landern  werden  im  ersten  Abschnitt 
dieses  Bandes  behandelt.  Im  zweiten  hebt  B.  besonders  die  Anfange  der  mo- 
dernen  Technik  der  Dampfmaschine  und  der  Walzwerke  sowie  das  Aufbluhen 
der  Eisenindustrie  in  England,  Schweden  und  RuBland  hervor. 

Der  dritte  Band  umfaBt  die  Entwicklung  der  Eisenindustrie  im  18.  Jahr- 
hundert. Auf  dem  Festland  machte  die  Holzkohlentechnik,  angeregt  durch 
wissenschaftliche  Studien,  neue  Fortschritte,  wahrend  man  in  England  auf- 
bauend  auf  den  Erfindungen  von  James  Watt  und  Henry  Cort  neue  Bahnen 
einschlug. 

Der  vierte  Band  schildert  den  machtigen  Auf  schwung  der  Eisenindustrie  unter 
Englands  Ftihrungin  der  ersten  Halfte  des  19.  Jahrhunderts,  insbesondere  durch 
das  Aufkommen  der  Eisenbahnen.   Er  schlieBt  mit  Bessemers  Erfindung  ab. 

Der  fiinfte  Band  endlich  ist  dem  Zeitalter  des  FluBeisens  und  der  Riesen- 
erzeugungen  gewidmet.  Besonders  ist  dabei  die  wachsende  Bedeutung  der 
Eisenindustrie  Deutschlands  und  Amerikas  hervorgehoben. 

B.s  Schreibweise  ist  fesselnd  und  anregend.  Sein  Urteil,  dessen  Zielsicherheit 
oben  an  einigen  Beispielen  gezeigt  ist,  geht  selten  fehl.  Der  Verein  deutscher 
Eisenhiittenleute  hat  kiirzlich  eine  gedrangte  Darstellung  der  Geschichte  des 
Eisens  herausgegeben,  die  zeigt,  daB  B.s  Werk  auch  heute  nur  des  Ausbaues, 
aber  in  den  Grundziigen  nicht  der  Berichtigung  bedarf.  Auch  die  von  B.  vor- 
gezeichnete  Einteilung  des  Stoffes  konnte  beibehalten,  ja  noch  straff  er  durch- 
gefiihrt  werden.  (Geschichte  des  Eisens.  Im  Auftrage  des  Vereins  deutscher 
Eisenhiittenleute  gemeinverstandlich  dargestellt  von  Dr.  Otto  Johannsen; 
1.  Auflage  Diisseldorf  1924,  2.  Auflage  ebenda  1925.) 

Nach  Vollendung  seines  groBen  Werkes  ruhte  B.  nicht.  Er  war  der  berufene 
Berichterstatter  iiber  neue  Beitrage  zur  Geschichte  des  Eisens,  die  groBtenteils 
durch  sein  Werk  angeregt  waren.  Besonders  fesselte  ihn  dauernd  die  Geschichte 
des  Eisengusses,  fur  die  er  wert voile  Erganzungen  lieferte.  Ferner  beschaftigte 
er  sich  mit  der  Geschichte  des  Eisens  in  seiner  engeren  Heimat.  Zuletzt  befaBte 
er  sich  gemeinsam  mit  dem  Archivar  Dr.  Hans  Schubert  mit  urkundlichen 
Studien  zur  alteren  Geschichte  des  Eisens  in  Nassau,  doch  erlebte  er  die  Voll- 
endung der  Arbeit  nicht  mehr. 

Nachdem  anfanglich  B.s  » Geschichte  des  Eisens «  auf  manchen  Widerspruch 
gestoBen  war,  wurde  dem  Verfasser  spater  reiche  Anerkennung  zuteil.  1905 
erhielt  cr  den  Titel  Professor,  1909  verlieh  ihm  der  Verein  deutscher  Eisen- 
hiittenleute die  Carl  Lueg-Denkmiinze  und  1910  erfolgte  seine  Ernennung  zum 
Dr.-Ing.  E.  h.  durch  die  Technische  Hochschule  in  Aachen. 

Wie  er  sich  durch  seine  wissenschaftliche  Tatigkeit  die  Achtung  aller  er- 
worben  hatte,  so  gewann  er  sich  durch  seine  Tatigkeit  auf  sozialem  Gebiete  und 
durch  seinen  lauteren  Sinn  die  Liebe  der  Mitmenschen. 

Literatur:  Hans  Schubert,  Ludwig  B.  (Stahl  und  Eisen,  1918,  S.  789).  —  Briefliche 
Mitteilung  der  Phil.  Fakultat  der  Universitat  Heidelberg. 

Aufler  der  »(>eschichte  des  Eisens «  und  verse hiedenen  Besprechungen  und  kleineren 
Arbeiten  veroffentliehte  B.:   Beitrage  zur  Geschichte  der  Eisenindustrie  (Annalen  des 


Beck.  Below  221 

Vereins  fiir  nassauische  Altertumskunde  und  Geschichtsforschung,  Bd.  14,  1877;  ebenda 
Bd.  15,  1879,  S.  124) ;  Beitrage  zur  Geschichte  des  Eisens  in  Nassau  (ebenda  Bd.  32,  1903, 
S.  211);  Die  Familie  Remy  und  die  Industrie  am  Mittelrhein  (ebenda  Bd.  35,  1906,  S.  1) ; 
Die  alte  Bruderschaft  der  Stahlschmiede  in  Siegen  (ebenda  Bd.  37,  1908);  Zum  fiinfzig- 
jahrigen  Jubilaum  des  Regenerativofens  (Stahl  und  Eisen,  1906,  S.  1421);  Urkundliches 
zur  Geschichte  der  Eisengieflerei  (Beitrage  zur  Geschichte  der  Technik  und  Industrie. 
Jahrbuch  des  V.  d.  Ingenieure,  herausg.  von  C.  MatschoB,  Bd.  2,  Berlin  1910,  S.  83)  ;T>ie 
Einfiihrung  des  englischen  Flammofenfrischens  in  Deutschland  durch  Heinrich  Wilhelni 
Remy  &  Co.  auf  dem  Rasselstein  bei  Neuwied  (ebenda  Bd.  3,  Berlin  191 1,  S.  86);  Die  ge- 
schichtliche  Entwicklung  der  EisengieBerei  (C.  Geigers  Handbuch  der  Eisen-  und  Stahl- 
gieBerei,  Bd.  1,  Berlin  1911,  S.  1). 

Volklingen  (Saar).  Otto  Johannsen. 

Below,  Fritz  Theodor  Carl  v.,  General  der  Infanterie,  *  am  23.  September  1853 
in  Danzig,  f  am  23.  November  1918  in  Weimar.  —  Fritz  v.  B.  war  ein  Sohn 
des  preuBischen  Generalmajors  Ferdinand  v.  B.  und  seiner  Gemahlin  Therese, 
geb.  Mauve.  Er  entstammte  einer  alten  Soldatenfamilie,  die  der  Armee  viele 
hervorragende  Ftihrer  und  tapfere  Offiziere  geschenkt  hat.  Sein  Vater  erhielt 
den  Pour  le  merite  1866  als  Regimentskommandeur.  Sein  GroBvater  erwarb 
denselben  hohen  Orden  1807  als  Rittmeister  und  das  Eichenlaub  dazu  als 
Regimentskommandeur  in  den  Befreiungskriegen.  Fritz  v.  B.  erhielt  seine  Er- 
ziehung  zunachst  im  elterlichen  Hause,  dann  im  Gymnasium  zu  Gumbinnen, 
auf  der  Stadtschule  zu  Litzen  und  im  Gymnasium  zu  Ratzeburg,  schlieBlich  in 
den  Kadettenhausern  zu  Wahlstadt,  Culm  und  Berlin. 

Am  19.  April  1873  wurde  er  aus  dem  Kadettenkorps  als  Sekondeleutnant  dem 
1.  Garderegiment  zu  FuB  iiberwiesen  und  begann  damit  seine  ebenso  glanzvolle 
wie  arbeitsreiche  militarische  Laufbahn.  Abwechselnd  im  Truppendienst  und 
im  Generalstabe,  erstieg  er  rasch  eine  Stufe  nach  der  andern.  Er  hatte  reiche 
Gelegenheit,  seinen  Blick  zu  scharfen  und  seinen  Horizont  zu  erweitern.  Schon 
als  j unger  Offizier  wuBte  er  sich  ein  eigenes  Urteil  zu  bilden,  kraftvoll  trat  er 
stets  fiir  seine  Uberzeugung  ein.  Am  23.  Marz  1887  wurde  er  Hauptmann  und 
in  den  Generalstab  der  Armee  versetzt,  am  16.  Februar  1889  zur  Dienstleistung 
beim  Kriegsministerium  kommandiert,  am  22.  Marz  1891  Kompagniechef  im 
1.  Garderegiment  zu  FuB,  am  17.  Mai  1892  Generalstabsoffizier  bei  der  5.  Divi- 
sion. Am  31.  Mai  1892  zum  Major  befordert,  wurde  er  am  24.  Oktober  1893  zum 
Generalstabe  des  Gardekorps  versetzt.  Vom  20.  Mai  1896  bis  1.  April  1898 
fuhrte  er  ein  Bataillon  im  Gardegrenadierregiment  4.  Hierauf  wurde  er  mit 
Wahrnehmung  der  Geschafte  als  Chef  des  Generalstabes  III.  Armeekorps  be- 
auftragt,  am  27.  Januar  1899  zum  Oberstleutnant  befordert,  am  1.  Oktober  1899 
mit  Wahrnehmung  der  Geschafte  eines  Abteilungschefs  beim  Generalstab  der 
Armee  und  am  16.  November  1899  mit  Wahrnehmung  der  Geschafte  als  Chef 
des  Generalstabes  des  Gardekorps  beauftragt.  Der  22.  Mai  1900  brachte  seine 
Ernennung  zum  Chef  des  Generalstabes  des  Gardekorps,  der  18.  April  1901 
seine  Beforderung  zum  Oberst.  Am  14.  November  1901  sehen  wir  v.  B.  als 
Kommandeur  des  Gardegrenadierregiments  3.  Er  verstand  es  binnen  kurzem, 
die  ihm  anvertraute  Truppe  auf  eine  hohe  Stufe  der  Ausbildung  zu  bringen. 
Vor  allem  wirkte  er  auf  das  Offizierkorps  erzieherisch  ein  und  suchte  dessen 
Bildung  und  Konnen  zu  fordern.  Am  15.  September  1904  wurde  er  mit  der 
Fiihrung  der  4.  Gardeinfanteriebrigade  beauftragt  und  am  27.  Januar  1905 


222  I9i8 

unter  Beforderung  zum  Generalmajor  Kommandeur  dieser  Brigade.  Am  13.  Fe- 
bruar  1906  wurde  er  als  Oberquartiermeister  in  den  Generalstab  der  Armee  ver- 
setzt  und  gleichzeitig  mit  Wahrnehmung  der  Geschafte  des  Chefs  des  Stabes 
der  1.  Armeeinspektion  beauftragt.  In  diesen  Stellungen  war  er  einer  der 
nachsten  Mitarbeiter  und  Gehilfen  des  Chefs  des  Generalstabes  der  Armee.  Am 
18.'  Februar  1908  wurde  er  unter  Beforderung  zum  Generalleutnant  zum  Kom- 
mandeur der  1.  Gardedivision  ernannt,  am  13.  September  1912  zum  General 
der  Infanterie  befordert  und  am  1.  Oktober  1912  zum  Kommandierenden 
General  des  XXI.  Armeekorps  ernannt.  In  vorbildlicher  Weise  hat  er  sein 
Korps  fiir  den  Ernstfall  geschult,  so  daft  es  gut  ausgebildet  in  den  Weltkrieg 
ausriicken  konnte.  Bei  der  Anlage  der  Manover  setzte  er  sich  dafiir  ein,  dafl  die 
ihm  unterstellten  Truppen  in  Anlehnung  an  einen  groBeren  Truppenverband 
zu  fechten  lernten,  und  nicht  allein  als  Detachements  manovrierten.  Er  be- 
tonte  immer  wieder,  daB  im  Kriege  der  erste  Fall  fast  stets,  der  letztere  selten 
vorkommen  wiirde.  Wie  richtig  seine  Ansicht  war,  hat  der  Weltkrieg  gezeigt. 
v.  B.  hatte  ein  ungemein  klares  Urteil  iiber  Ausbildungs-  und  Fuhrerfragen. 
Seinen  Besprechungen  bei  Gefechtsaufgaben,  Besichtigungen  und  Manovern 
waren  ungekiinstelt  und  niichtern  und  doch  nie  ermiidend,  weil  sie  immer 
klarend  und  iiberzeugend  wirkten. 

v.  B.  fiihrte  sein  XXI.  Armeekorps  auch  ins  Feld.  Siegreich  kampfte  es  im 
August  1914  in  den  Gefechten  bei  Lagarde  und  Lauterfingen,  sowie  in  der 
groBen  Schlacht  in  Lothringen.  Schon  hier  zeigte  sich  v.  B.  als  ein  energischer, 
tatkraftiger  General,  der  auch  in  unklaren,  gefahrlichen  Lagen  die  Nerven  nicht 
verlor,  und  als  ein  Fuhrer,  der  sich  ein  klares  Bild  von  der  eigenen  und  der  Lage 
beim  Feinde  machen  konnte,  und  entsprechend  zu  handeln  wuBte.  Dem 
XXI.  Korps  war  ein  voller  Erfolg  beschieden.  Gelang  es  ihm  doch,  den  rechten 
feindlichen  Fliigel  einzudrucken.  Wiederholt  bot  ihm  der  Bewegungskrieg  im 
Anfang  des  Feldzuges  Gelegenheit,  Beweise  seiner  Kaltbliitigkeit  und  person- 
lichen  Unerschrockenheit  zu  geben.  Auch  in  der  mehrtagigen,  blutigen  Schlacht 
an  der  Somme  im  September  /Oktober  1914  rechtfertigte  er  das  in  ihn  gesetzte 
Vertrauen.  AnschlieBend  blieb  er  mit  seinem  Korps  im  Stellungskampf  an  der 
Somme. 

Dann  riefen  neue,  gewaltige  Aufgaben  nach  dem  Osten.  In  der  Winterschlacht 
in  Masuren  zeichnete  er  sich  erneut  aus.  War  es  doch  sein  Korps,  das  den  Ring 
auf  der  Ostseite  um  die  sich  verzweifelt  wehrenden  Russen  schloB.  Kuhn  war 
das  Wagnis,  da  die  Festung  Grodno  im  Riicken  lag,  um  so  groBer  war  der  Er- 
folg. Der  Kaiser  erkannte  seine  Leistungen  durch  Verleihung  des  Pour  le  tneritc 
an.  In  dem  vom  Armeeoberkommando  10  gemachten  Ordensvorschlage  heiBt 
es :  »  Dem  XXI.  Armeekorps  als  auBerem  schwenkenden  Fliigel  der  Armee  boten 
sich  ungewohnlich  hohe  Schwierigkeiten  durch  Wege-  und  Wetterverhaltnisse. 
Nur  der  eisernen  Energie  und  dem  rucksichtslosen  Drang  nach  vorwarts  des 
Kommandierenden  Generals  ist  es  zu  danken,  daB  die  Umklammerung  gelang. « 
Der  Marz  brachte  unter  schwierigen  Verhaltnissen  erneute,  ruhmvolle  Kampfe 
im  Osten. 

Am  4.  April  1915  wurde  v.  B.  an  Stelle  des  erkrankten  Generalfeldmarschalls 
v.  Bulow  (s.  DBJ.  1921,  S.  52 ff.)  zum  Oberbefehlshaber  der  2.  Armee  ernannt. 
t)ber  ein  Jahr  leitete  er  die  erfolgreichen  Stellungskampfe  westlich  von  St.  Quen- 
tin.  v.  B.  war  ein  Fuhrer,  den  es  aus  seinem  Hauptquartier  nach  vorn  drangte 


Below 


223 


in  die  vordersten  Schtitzengraben,  der  sich  nicht  auf  Meldungen  und  Berichte 
verlieB.  Er  wollte  selbst  wissen,  wie  es  vorn  aussah  und  in  Fiihlung  bleiben  mit 
den  braven  Feldgrauen. 

Im  Sommer  1916  hatte  v.  B.  rechtzeitig  erkannt,  daJ3  der  Feind  Angriffs- 
vorbereitungen  traf .  Er  sah  die  Gefahr,  die  seinem  rechten  Arraeefliigel  drohte 
und  meldete  an  die  Oberste  Heeresleitung.  Da  diese  aber  zur  Stiitzung  des 
osterreichisch-ungarischen  Bundesgenossen  zahlreiche  Divisionen  nach  Galizien 
und  Wolhynien  hatte  werfen  miissen  und  die  Kampfe  bei  Verdun  noch  nicht 
zum  AbschluB  gebracht  worden  waren,  konnten  wesentliche  Reserven  nicht 
zur  Verfugung  gestellt  werden.  So  muBte  die  2.  Armee  den  feindlichen  Ansturm 
zunachst  allein  aushalten.  Und  das  schier  Unmogliche  gelang.  Am  24.  Juni  1916 
eroffneten  die  Englander  und  Franzosen  ihre  seit  dem  Fruhjahr  groBzugig  vor- 
bereitete  Offensive  beiderseits   der  Somme  gegen  den  rechten  Fltigel  der 
2.  Armee.  An  diesen  Tagen  brauste  ein  Orkan  von  Eisen  und  Stahl  der  iiber- 
machtigen  feindlichen  Artillerie  und  Minenwerfer,  haufig  untermischt  mit  Gas- 
granaten  und  Gasminen,  auf  die  Infanterie-  und  Batteriestellungen.  Weit- 
tragende  Flachbahngeschutze  erreichten  tief  im  riickwartigen  Gebiet  StraBen, 
Bahnen  und  Truppenunterkunfte.  Eine  an  Fesselballons,  besonders  aber  an 
Fliegern  stark  iiberlegene,  vorzuglich  organisierte  Luftmacht  des  Feindes  be- 
herrschte  die  Luft.  Die  eigene  Artillerie  und  die  eigenen  Luftstreitkrafte 
konnten  trotz  besten  Willens  dagegen  nicht  aufkommen.  Die  Macht  des  Mate- 
rials zeigte  sich  in  ihrer  ganzen  Schwere.  Unsere  Feinde  hatten  ja  die  Hilfs- 
mittel  der  ganzen  Welt  zur  Verfugung.  Die  deutschen  Stellungen  waren  bald 
eingeebnet.  In  dem  Trichterfeld  hielten  aber  tapfere  Manner,  stiindlich  den  Tod 
vor  Augen,  trotz  namhafter  Verluste  aus.  Am  1.  Juli  brach  der  feindliche  Sturm 
los.  Der  Kampf  wogte  hin  und  her.  Immer  neue  Divisionen  warfen  die  Feinde 
in  die  Schlacht.  Die  sich  mehrere  Wochen  lang  hinziehenden  Kampfe  mit  ihrer 
groBen  raumlichen  Ausdehnung  machten  eine  Neuordnung  der  Befehlsverhalt- 
nisse  notig.  Es  war  auf  die  Dauer  unmoglich,  von  einem  Armeeoberkommando 
aus  die  gesamte  schwierige  Verteidigung  im  GroBkampf  zu  leiten.  So  wurde  am 
19.  Juli  1916  nordlich  der  Somme,  dem  Brennpunkt  der  Schlacht,  die  1.  Armee 
gebildet  und  zu  ihrem  Fiihrer  Fritz  v.  B.  bestimmt.  Ihm  unterstanden  die 
Gruppen  Stein,  Armin  und  GoBler.  Sommeschlacht :  aus  diesem  Wort  erklingt 
das  Hohelied  vom  Heldentum  des  deutschen  Frontkampfers.  Tausende  und 
Abertausende  wackerer  deutscher  Manner  kampften  und  starben  unter  unsag- 
baren  Leiden  im  Trichterfeld  des  Sommegebiets  fur  Deutschlands  Bestand. 
Tatkraftig  von  seinem  Chef,  Oberst  v.  LoBberg,  unterstiitzt,  hielt  v.  B.  die 
Ziigel  fest  in  der  Hand.  Mit  eiserner  Ruhe  traf  er  seine  Anordnungen.  So  oft  er 
konnte,  eilte  er  nach  vorn,  urn  seine  Truppen  anzufeuern.  RiesengroB  waren 
die  Anforderungen,  die  an  die  Fuhrung  gestellt  wurden.  Nur  tropfenweise 
traf  en  die  sehnsuchtig  erwarteten  Verstarkungen  ein,  die  sofort  in  den  Kampf 
geworfen  wurden,  wo  es  am  notigsten  war.  Neben  den  Heldentaten  der  tapferen 
Frontkampfer  waren  es  vor  allem  v.  B.s  iiberlegene  Fuhrung  und  seine  sach- 
gemaBen  Anordnungen,  welche  den  Erfolg  sicherten.  Der  erstrebte  Durchbruch 
des  Feindes  durch   die  deutschen  Stellungen  liber  Bapaume^ — P^ronne  auf 
Cambrai — Le  Cateau  miBlang.  Dankbar  erkannte  der  Kaiser  am  11.  August 
1916  die  Verdienste   B.s  durch  Verleihung   des  Eichenlaubs  zum  Pour  le 
merite  an. 


224  IQl8 

An  die  Sommeschlacht  schlossen  sich  die  Stellungskampfe  in  demselben 
Frontabschnitt  an  und  dann  im  Friihjahr  1917  die  Kampfe  vor  der  Siegfried- 
Stellung.  Geschickt  losten  sich  die  Truppen  v.  B.s  vom  Feinde  los  und  raumten 
auf  hoheren  Befehl  feindliches  Gebiet,  um  eine  wesentliche  Frontverkiirzung 
zu  erzielen. 

Das  Vertrauen  des  Kaisers  rief  v.  B.  im  Mai  1917  in  die  Gegend  ostlich  Reims, 
wo  die  Franzosen  zu  neuem  Schlage  ausgeholt  hat  ten.  Furchtbar  wogte  der 
Kampf  in  der  sogenannten  Doppelschlacht  an  der  Aisne  und  in  der  Champagne 
hin  und  her.  v.  B.  blieb  Sieger  und  wurde  am  20.  Mai  1917  durch  Verleihung 
von  Kreuz  und  Stern  der  Komture  des  Hausordens  von  Hohenzollern  ausge- 
zeichnet. 

Bis  Friihjahr  1918  wahrten  die  Stellungskampfe  vor  Reims.  In  dieser  Zeit 
^ntstand  unter  der  Leitung  v.  B.s  die  Neubearbeitung  der  in  weiten  Kreisen 
der  Armee  mit  groi3er  Genugtuung  begriiBten  Ausbildungsvorschrift  fiir  die 
FuBtruppen,  die  dem  Geist  der  neuen  Kampfverhaltnisse  in  hervorragender 
Weise  Rechnung  trug. 

Am  Ende  seiner  erfolgreichen  militarischen  Laufbahn  war  es  ihm,  der  sich 
in  vielen  heiBen  Abwehrschlachten  als  Armeefuhrer  bewahrt  hatte,  vergonnt, 
seine  Armee  noch  einmal  zum  Angriff  zu  fiihren.  Bei  der  groBen  Maioffensive 
vor  Reims  1918  erntete  auch  die  tapfere  1.  Armee  reichen  Lorbeer. 

Mitten  aus  siegreichen  Tagen  zwang  ihn  plotzlich  eine  Lungenentziindung 
aufs  Krankenlager.  Er  wurde  zur  Wiederherstellung  seiner  Gesundheit  nach 
Deutschland  beurlaubt  und  erlebte  dort  den  Zusammenbruch  von  Armee  und 
Vaterland.  Dies  fraB  an  seinem  deutschen  Herzen.  Er  sah  voraus,  welche 
Folgen  sich  einstellen  muBten,  und  konnte  nicht  verstehen,  daB  Deutschland 
die  Waffen  f reiwillig  aus  der  Hand  gelegt  hatte.  Als  er  Wiesbaden  infolge  feind- 
licher  Besetzung  verlassen  muBte,  zwang  ihn  sein  Kriegsleiden  in  Weimar  er- 
neut  aufs  Krankenbett.  Am  23.  November  1918  starb  er  an  Lungenentziindung. 
Beigesetzt  wurde  er  in  Berlin  auf  dem  Invalidenfriedhof. 

In  Kennzeichnung  der  Personlichkeit  lassen  dienstliche  Leistungen  wie 
private  Beurteilung  aller  derer,  die  mit  ihm  in  Beriihrung  kamen,  stets  die 
gleichen  Eigenschaften  an  ihm  erkennen.  Wie  alle  B.s,  so  war  auch  er  schlicht, 
bescheiden,  vornehm,  ritterlich  und  treu,  von  warmem,  giitigem,  frommem 
Herzen.  Er  trat  gern  in  den  Hintergrund,  wollte  stets  mehr  sein  als  scheinen. 
Die  Sache  gait  ihm  alles,  die  Person  nichts.  v.  B.  war  eine  wahrhaft  vornehme 
Personlichkeit,  der  alles  Kleinliche  fremd  blieb.  Er  war  das  Vorbild  eines  Edel- 
mannes  in  des  Wortes  schonster  Bedeutung.  Trat  er  oft  auch  zuriick,  die  ihn 
kannten,  wuBten  doch,  was  sie  an  ihm  hatten:  einen  Heerfiihrer,  der  mit 
s^trenger  niichterner  Sachlichkeit  und  scharfem  Verstande  erst  wagte,  bevor  er 
wagte,  aber  dann  auch  zu  wagen  verstand  mit  der  ganzen  Tatkraft  seines  klaren 
Willens.  Das  einmal  fiir  richtig  Erkannte  setzte  er  entschlossen  in  die  Tat  um. 
In  der  preuBischen  Garde  groB  geworden,  war  er  ein  Freund  altpreuBischer 
Disziplin,  aber  ein  Feind  jeder  unnotigen  Harte.  Warm,  voll  Fiirsorge  und 
Wohlwollen  schlug  sein  Herz  fiir  die  Truppe,  in  erster  Linie  fiir  die  Front- 
kampfer  und  besonders  fiir  die  brave  Infanterie.  Ihren  Leistungen  zollte  er 
uneingeschrankte  Anerkennung  und  aufrichtige  Bewunderung.  Das  Vertrauen 
und  die  Verehrung  fiir  Fritz  v.  B.  war  daher  groB.  Darum  standen  die  Offiziere 
unter  dem  Zauber  seiner  Personlichkeit  und  arbeiteten  gern  unter  ihm,  darum 


Below.  Buz  22S 

gingen  die  Mannschaften  fur  ihn  durchs  Feuer.  Fritz  v.  B.  ging  ganz  auf  in 
seinem  Benif,  er  war  Soldat,  nur  Soldat.  Er  kannte  nur  ein  Gliick:  restlose 
Pflichterfiillung  fiir  Konig  und  Vaterland.  Ihm  war  es  versagt,  zu  jenen  gltick- 
lichen  Feldherren  zu  gehdren,  deren  Namen  nach  glanzenden  Siegen  im  Volke 
von  Mund  zu  Mund  gehen.  Und  dennoch  zahlte  er  unzweifelhaft  mit  zu  den 
tiichtigsten  Heerfiihrern  der  deutschen  Armee  im  Weltkriege.  In  kritischen 
Lagen  traten  sein  groBes  Konnen  und  seine  hervorragenden  Ftihrereigen- 
schaften  deutlich  zutage.  Viel  hat  ihm  das  Vaterland  in  jenen  schicksals- 
schweren  Monaten  der  Sommeschlacht  des  Jahres  19 16  zu  danken,  er  war  es 
nut  vor  allem,  der  den  feindlichen  Durchbruch  mit  seinen  unabsehbaren  Folgen 
zu  verhindern  verstand.  Hat  ihn  auch  schwere  Krankheit  gezwungen,  den 
Kommandostab  aus  der  Hand  zu  legen,  das  Schicksal  hat  es  gut  gemeint.  So 
lange  er  das  Kommando  fuhrte,  wich  der  Sieg  nicht  von  den  Fahnen  seiner 
Armee.  Da  ging  es  vorwarts,  immer  vorwarts  zu  stolzen,  groflen  Erfolgen. 

Literatur:  Reichsarckiv,  Der  Weltkrieg  19 14/ 18,  Bd.  1 — 4.  —  Hermann  Stegemann, 
Geschichte  des  Weltkriegs,  Bd.  1 — 4.  —  Deutsches  Offizierblatt  1926,  Nr.  25/26.  —  Einige 
von  der  Familie  zur  Verfugung  gestellte  Brief e,  Nachrufe  und  Erinnerungen. 

Potsdam.  Ernst  Zipfel. 

Buz,  Heinrich  Hitter  v.,  Maschineningenieur,  Geheimer  Kommerzienrat, 
Generaldirektor  der  Maschinenfabrik  Augsburg-Nurnberg  A.-G.,  *  am  17.  Sep- 
tember 1833  in  Eichstatt,  f  am  8.  Januar  1918  in  Augsburg.  —  Seine  Eltern 
waren  der  koniglich  bayerische  Genieoberleutnant  Carl  Christoph  B.  und 
dessen  Ehefrau  Adolphine,  geborene  Sax.  Sein  Vater  nahm  1838  den  Ab- 
schied,  beteiligte  sich  zunachst  am  Bau  der  Eisenbahn  Miinchen — Augsburg 
und  erwarb  1841  die  Geigersche  Buchdruckerei  in  Augsburg.  Im  Jahre  1844 
ubernahm  er  pachtweise,  gemeinsam  mit  seinem  Schwager  Carl  August 
Reichenbach  die  von  Ludwig  Sander  in  Augsburg  1840  gegriindete  Ma- 
schinenfabrik, die  damals  44  Arbeiter  beschaftigte.  Bald  darauf  erwarben 
die  Pachter  das  Werk  kauflich  und  fuhrten  es  als  »C.  Reichenbachsche  Ma- 
schinenfabrik«  weiter.  Im  September  1857  trat  Heinrich  B.,  der  vorher  an 
der  Polytechnischen  Schule  in  Augsburg  und  dem  Polytechnikum  in  Karlsruhe 
studiert  hatte,  dann  im  Elsafi,  in  Paris  und  London  als  Ingenieur  tatig  ge- 
wesen  war,  als  Konstrukteur  und  technischer  Korrespondent  in  die  Fabrik 
ein,  die  damals  300  Arbeiter  beschaftigte  und  am  1.  Dezember  1857  in  die 
»Aktiengesellschaft  Maschinenfabrik  Augsburg«  umgewandelt  wurde.  Als 
am  1.  Juli  1864  der  Vater  Carl  B.  von  der  Direktion  zuriicktrat,  war  Heinrich 
B.  mit  den  Verhaltnissen  des  Unternehmens  so  wohl  vertraut,  daB  die  Direk- 
tion ihm  iibertragen  wurde.  Damit  trat  der  Mann  an  die  Spitze  des  Unter- 
nehmens, dem  es  beschieden  war,  die  Fabrik  in  wenigen  Jahrzehnten  durch 
seinen  genialen  Scharfblick  fiir  das  technisch  Brauchbare  und  wirtschaftlich 
Zweckmafiige,  durch  zahe  ausdauernde  Arbeit,  durch  treues  Festhalten  an 
den  altuberkommenen  bewahrten  Grundsatzen  auf  die  hochste  Stufe  der 
Entwicklung  zu  heben  und  ihr  einen  der  ersten  Platze  unter  alien  Maschinen- 
fabriken  des  europaischen  Festlandes  zu  sichern.  Die  Fabrik  baute  anfangs 
Wasserrader  und  Turbinen,  Transmissionen,  Dampfmaschinen  und  vor  allem 
Buchdruckschnellpressen,  war  doch  C.  A.  Reichenbach  ein  Neffe  von  Friedrich 

DBJ   15 


226  I9i8 

Konig,  der  1810  die  BuchdruckschneUpresse  erfunden  hat.  Neben  Neuerungen 
an  Wasserturbinen,  deren  rechnerische  Grundlagen  urspriinglich  von  B. 
stammten,  brachten  Verbesserungen  an  der  Reichenbachschen  SchneUpresse 
diesen  Fabrikationszweig  zu  rascher  Entfaltung.  In  inniger  Fiihlung  mit  dem 
graphischen  Gewerbe,  dessen  Bediirfnisse  nach  fortschrittlicher  Entwicklung 
rasch  von  B.  erfaBt  worden  waren,  vollzog  sich  der  Schritt  von  der  Flach- 
druckmaschine  zur  Rotationsmaschine  und  damit  zu  immer  groBeren  Lei- 
stungen.  Die  Rotationsmaschine  hat  ihren  Namen  daher,  daB  sich  ihre  Druck- 
zylinder  ununterbrochen  in  derselben  Richtung  drehen  (rotieren),  und  zwar 
die  die  Stereotypplatten  tragenden  in  der  einen,  und  die  den  Druck  aus- 
iibenden  in  der  entgegengesetzten  Richtung.  Voraussetzung  fur  ihre  An- 
wendung  war  die  Einfiihrung  des  sogenannten  endlosen  Papieres,  des  Rollen- 
papieres.  Die  erste  dieser  Rotationsmaschinen  war  auf  der  technisch  so  be- 
deutsamen  Wiener  Weltausstellung  1873  im  Betriebe  zu  sehen.  1882  wurde 
eine  solche  Maschine  bereits  alien  Anspriichen  fiir  Mehrfarbenillustration 
gerecht.  Mit  der  Zweirollenmaschine  wurde  1892  der  erste  Schritt  zur  Mehr- 
rollenmaschine  getan  und  damit  die  Leistung  sprunghaft  gesteigert.  Die  zur 
stiindlichen  Herstellung  von  200  000  Zeitungen  zu  6  Seiten  fiir  eine  groBe 
Pariser  Zeitung  gebaute  Sechsrollenmaschine  war  bei  Ausbruch  des  Welt- 
krieges  die  leistungsfahigste  des  Kontinents.  Unter  der  Direktion  B.s  verlieBen 
das  Werk  Augsburg  iiber  10  000  Buchdruckmaschinen,  die  sich  iiber  den 
ganzen   Erdkreis  verteilten. 

Als  Professor  Linde  1873  den  Entwurf  seiner  ersten  Kaltemaschine  fertig- 
gestellt  hatte,  war  der  Ruf  der  Maschinenfabrik  Augsburg  nach  der  konstruk- 
tiven  und  werkstattentechnischen  Seite  hin  bereits  so  ausgezeichnet,  daB  er 
sich  damit  keinem  Besseren  anzuvertrauen  wuBte  als  B.,  der  sofort  die  groBe 
Bedeutung  der  mechanischen  Kalteerzeugung  fiir  Industrie  und  Volkswirt- 
schaft  erkannte.  Diese  erste  Maschine  fand  in  Miinchen  bei  Gabriel  Sedlmayr 
(Spatenbrauerei)  Aufstellung.  1875  schloB  B.  im  Verein  mit  Georg  KrauB 
und  Gabriel  Sedlmayr  ein  Abkommen  mit  Linde  zur  Aufbringung  der  Mittel 
zur  weiteren  Entwicklung  und  Verwertung  der  Lindeschen  Patente.  1877 
verlieB  die  zweite  Lindesche  Kaltemaschine  die  Maschinenfabrik  Augsburg; 
diese  arbeitete  in  der  Dreherschen  Brauerei  in  Triest  bis  zum  Jahre  1908. 
1879  wurde  die  »Gesellschaft  fiir  Lindes  Eismaschinen*  gegriindet,  in  deren 
Auf  sich  tsrat  B.  eintrat,  der  damit  durch  langsichtige  Vertrage  seinem  Werk 
ein  umfangreiches  Arbeitsgebiet  fiir  Deutschland  und  fremde  Lander  sicherte. 
Die  ausgezeichneten  Erfolge  des  Linde-Unternehmens  sind  nicht  zuletzt 
dem  langjahrigen,  befruchtenden  Zusammenarbeiten  mit  der  Maschinen- 
fabrik Augsburg  und  deren  vorziigliche  Leistungen  in  Konstruktionsbureau 
und  Werkstatte  zuzuschreiben.  Tausende  von  Lindes  Kaltemaschinen  stammen 
aus  Augsburg.  Was  B.s  Verhaltnis  zur  Linde-Gesellschaft  besonders  aus- 
zeichnete,  war  sein  unermiidlicher  Eifer,  den  er  all  ihren  Unternehmungen 
entgegenbrachte.  Er  gait  auch  der  Frage  der  Gasverfliissigung,  die  im  Welt- 
krieg  fiir  Deutschlands  Riistung  von  so  schwerwiegender  Bedeutung  wurde. 
Linde  selbst  preist  in  seinem  Buch  »Aus  meinem  Leben«  die  hohe  und  gleich- 
maBige  Qualitat  der  Augsburger  Maschinen  als  ein  wesentliches  Moment 
fiir  den  Erfolg  seiner  Arbeit,  und  schreibt,  wie  sehr  B.  durch  seine  vornehme 
und  gerechte  Gesinnung  den  geschaftlichen  und  personlichen  Verkehr  durch 


Buz 


227 


Jahrzehnte  hindurch  zu  einein  ebenso  erfreulichen  als  fruchtbaren  gemacht 
hat.  Das  Zusammenarbeiten  mit  der  Iyinde-Gesellschaft  brachte  der  Ma- 
schinenfabrik  Augsburg  aber  noch  einen  sehr  groBen  indirekten  Nutzen, 
indem  sie  hierdurch  auf  warmetechnische  Fragen  gelenkt  wurde,  ihren 
Dampfmaschinenbau  auBerordentlich  forderte  und  auf  eine  sehr  hohe  Stufe 
der  Entwicklung  brachte.  Die  Fabrik  hatte  schon  von  1845  an  kleinere  Hoch- 
druckmaschinen  von  3 — 4  PS.  gebaut,  in  stehender  Anordnung  mit  obenliegen- 
der  Welle.  1856  wurde  eine  liegende  Zwillingsdampfmaschine  fur  die  Augs- 
burger  Baumwollfeinspinnerei,  1857  eme  ebensolche  fur  die  Kammgarn- 
spinnerei  Worms  gebaut.  Diese  Maschinen,  denen  bald  solche  bis  zu  300  und 
600  PS.  folgten,  hatten  Farcotsche  Expansionssteuerung  mit  unmittelbarem 
Regulatoreingriff,  Dampfmantel  und  Kondensation  unter  Flur.  Schon  friih- 
zeitig  wurden  die  Maschinen  genauen  Versuchen  auf  den  Dampfverbrauch 
unterworfen.  1871  nahm  die  Fabrik  den  Bau  von  Prazisions-Ventildampf- 
maschinen  auf  und  damit  begann  der  Siegeslauf  der  Augsburger  Dampf- 
maschinen,  die  neben  denen  von  Gebrtider  Sulzer  in  Winterthur  jahrzehnte- 
lang  die  besten  der  Welt  waren.,  1876  wurde  fiir  die  Neue  Baumwollspinnerei 
Hof  im  Gegensatz  zu  dem  bis  dahin  allgemein  ublichen  Stirnraderantrieb 
zum  erstenmal  die  Kraftiibertragung  durch  Hanfseile  bewerkstelligt.  1879 
ging  B.  an  die  Einfiihrung  der  liegenden  zweikurbeligen  Verbunddampf- 
maschine,  und  zwar  als  Erster  in  Deutschland  fiir  ortsfeste  Anlagen.  Diese 
150  PS.-Maschine  fiir  die  Augsburger  Kammgarnspinnerei  wurde  namentlich 
durch  die  daran  vorgenommenen  ausgedehnten  Versuche  epochemachend 
und  vorbildlich.  1888  lieferte  die  Firma  ihre  erste  Dreifach-Expansions- 
Dampfmaschine  von  700 — 900  PS.  an  die  Vogtlandische  Baumwollspinnerei 
in  Hof.  1894  wurde  die  erste  Dreifach-Expansionsmaschine  mit  geteiltem 
Niederdruckzylinder  und  1200  PS.  Leistung  fiir  die  Augsburger  Kammgarn- 
spinnerei gebaut,  welche  Bauart  bald  viel  Nachahmung  fand.  Im  Bau  der 
stehenden  Dampfmaschine  machte  das  Werk  urn  die  Jahrhundertwende  die 
Entwicklung  der  groBen  Elektrizitatswerke  mit.  Die  Zahl  der  unter  der  Direk- 
tion  von  B.  gebauten  Augsburger  Dampf maschinen  geht  in  viele  Tausende. 
Die  hervorragendste  und  bemerkenswerteste  Leistung  B.s,  die  in  ihren 
Folgen  auBerordentlich  weittragend  war,  und  durch  die  selbst  seine  starken 
Fahigkeiten  auf  eine  sehr  harte  Probe  gestellt  wurden,  kniipft  sich  an  das  Auf- 
treten  Rudolf  Diesels,  der  1893  in  seiner  kleinen  Schrift  »Theorie  und  Kon- 
struktion  eines  rationellen  Warmemotors«  auf  Grund  von  warmetheore- 
tischen  Betrachtungen  neue  Ideen  fiir  eine  bessere  Warmeausnutzung  vor- 
trug.  DaB  auf  Grund  dieser  Ideen  wirklich  ein  brauchbarer  Warmemotor  ent- 
stehen  konnte,  namlich  der  heute  so  auBerordentlich  wichtige,  allgemein 
als  »Dieselmotor«  bezeichnete  Olmotor,  ist  das  groBe  und  ausschlieBliche  Ver- 
dienst  von  B.  Mit  der  Geschichte  des  Dieselmotors  bleibt  daher  der  Name 
Heinrich  v.  Buz  untrennbar  verbunden.  Er  hatte  das  gute  in  den  Diesel- 
schen  Ideen  klar  erkannt  und  hielt  daran  auch  dann  noch  fest,  als  maB- 
gebende  Manner  in  Industrie  und  Wissenschaft  langst  davon  abrieten,  und 
andere  Firmen  von  ebenfalls  allererstem  Range  die  Dieselsache  nach  groBen 
Geldopfern  als  vollig  hoffnungslos  aufgegeben  hatten.  Hier  auBerte  sich  B.s 
unbeugsame  Willenskraft  von  dem  Augenblicke  an,  wo  er  eine  Sache  fiir 
gut  erkannt  hatte,  mochte  der  Weg  auch  noch  so  weit  und  noch  so  dornenvoll 


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sein.  Fast  vier  Jahre  lang  MiBerfolg  auf  MiBerfolg  mit  ungeheuren  Geld- 
opfern  (iiber  M.  400  000)  waren  vorerst  der  Lohn  fiir  sorgenvolle,  keine  Zeit 
und  Grenzen  kennende  Arbeit.  Diesel  selbst  hatte  an  der  Erreichung  eines 
marktfahigen  Motors  gezweifelt.  Die  Idee  war  geradezu  in  Verruf  gekommen. 
Unter  solchen  Umstanden  ging  B.  unter  Einsetzung  von  persdnlicher  und 
geschaftlicher  Ehre  im  Vertrauen  auf  seine  treuen  bewahrten  Mitarbeiter 
den   schier   uniiberwindlich   scheinenden   Schwierigkeiten   zu    Leibe.    Seine 
Hauptstiitzen  dabei  waren  der  damals  junge  Ingenieur  und  jetzige  Geheime 
Baurat  Dr.  ing.  Imanuel  Lauster  und  die  hochentwickelte  Werkstattentechnik 
der  Fabrik.  Die  Konstruktion  der  Dieselmaschine  muBte  von  Grund  auf 
neu  geschaffen  werden.  Und  es  gelang.  Der  ortsfeste  Olmotor  mit  der  von 
Diesel  ertraumten  Warmewirtschaftlichkeit  war  im  Februar  1897  erreicht. 
Es  folgte  dann  die  weitere  Entwicklung  zu  immer  groBeren  Leistungen, 
groBter  Betriebssicherheit  und  der  TJbergang  von  der  ortsfesten  zur  Schiffs- 
antriebmaschine,  welch  letztere  im  U-Bootkrieg  fiir  Deutschland  so  ungeheuer 
wichtig  und  wertvoll  gewesen  ist.   Sein  nie  versagender  Glaube  an  seine 
Arbeit,  seine  gesunde  Hartnackigkeit  im  Verein  mit  seinen  fiihrenden  Mit- 
arbeitern  vollbrachten  ein  Werk,  das  B.  seinen  Platz  unter  den  GroBen  der 
Technik  fiir  alle  Zeiten  sichert.  Auch  nach  Ablauf  der  Dieselschen  Patente, 
als  sich  viele   Fabriken  dem  Bau  der  Schwerolmaschine  zuwandten,  behielt 
die  Maschinenfabrik  Augsburg  ihre  fuhrende  Stellung  an  der  Spitze  aller 
Dieselmotoren  herstellenden  Werke.  Aus   ihren   Werkstatten  sind  bis  zum 
Jahre  1927  —  30  Jahre  nach  Fertigstellung  des  ersten  brauchbaren  Motors  — 
Dieselmotoren  mit  einer  Gesamtleistung  von  einundeinhalb  Millionen   PS. 
hervorgegangen ;  das  ist  schatzungsweise  der  vierte  Teil  der  auf  der  Welt 
vorhandenen  sechs  Millionen  Diesel-PS.  Baute  man  1903  noch  Maschinen 
mit  Zylinderleistungen  von  100  PS.,  so  waren  es  191 3  bereits  solche  mit 
1000  PS.  Im  Weltkrieg  nahm  der  Dieselbau  einen  auBerordentlichen  Auf- 
schwung  und  zwar  im  Bau  von  schnellaufenden  Motoren  bis  zu  3000  PS.  fiir 
Unterseeboote.  Der  groBte  Dieselmotor  der  Welt  wurde  1926  von  Blohm 
&  VoB,  Schiffswerft  und  Maschinenfabrik  in  Hamburg  —  einer  der  vielen 
Lizenznehmerinnen  der  Maschinenfabrik  Augsburg-Niirnberg  —  nach  den 
Patenten  und  Entwiirfen  von  Maschinenfabrik  Augsburg-Niirnberg  (M.A.N) 
gebaut.  Er  entwickelt  15  000  PS.  in  neun  Zylindern.  Zum  Betrieb  von  Fabriken, 
als  Antriebsmaschine  von  See-  und  FluBschiffen  und  Lokomotiven,  Kraft  - 
wagen,   sowie   als  Lokomobile  findet  der  Dieselmotor  heute   Anwendung; 
diejenige  fiir  Flugzeuge  und    Luftschiffe  steht    der  Verwirklichung    nahe. 
Fiir  GroBkraftwerke  ist  das  Vorhandensein  des  Dieselmotors  als  Momentan- 
und  Spitzenreserve  geradezu  eine  Lebensf  rage ;  verursacht  doch  die  Unter- 
dampfhaltung  von  Kesseln  und  die  Aufheizung  von  solchen  fiir  die  nur  wenige 
Stunden  dauernden  Lichtspitzen  enorme  Verluste.  Der  hohe  Stand  des  Diesel- 
motorenbaus  bei  der  Maschinenfabrik  Augsburg-Niirnberg  wird  dadurch  noch 
bestatigt,  daB  diese  Firma  mehr  als  20  Lizenzen  an  erstklassige  Firmen  des 
In-  und  Auslandes  vergeben  hat,  die  heute  alle  nach  den  Entwiirfen  und 
Planen  der  Maschinenfabrik  Augsburg-Niirnberg  arbeiten. 

Im  Jahre  1898  entschloB  sich  B.  in  richtiger  Erkenntnis  technischer  und 
wirtschaftlicher  Forderungen  der  Zeit  zur  Verschmelzung  der  Maschinen- 
fabrik Augsburg  mit  der  Maschinenbaugesellschaft  Niirnberg.   B.  war  von 


Buz  229 

1898  bis  1913  gemeinsam  mit  A.  v.  Rieppel,  Generaldirektor  der  Maschinen- 
fabrik  Augsburg-Niirnberg  A.-G.   (M.A.N.),  eines  Unteraehmens,  das  beim 
Tode  B.s  mit  rund  85  Millionen  Aktienkapital  und  Reserven  arbeitete  und  in 
seinen    Werken    Augsburg,    Nurnberg,    Gustavsburg    und    Duisburg    rund 
25  000  Arbeiter  und  Beamte  beschaftigte. 

Dem  Wohlergehen  und  den  Bediirfnissen  seiner  Beamten  und  seiner 
Arbeiterschaft  stand  B.  immer  mit  wahrhaft  sozialer  Gesinnung  gerecht 
gegeniiber.  Mannigfache  Wohlfahrtseinrichtungen  wurden  geschaffen,  deren 
Leistungen  er  durch  hohe  personliche  Zuwendungen  steigerte.  Dabei  lag  ihm 
besonders  die  Heranziehung  eines  tiichtigen  Nachwuchses  am  Herzen.  So 
kam  es,  daB  die  Arbeiterverhaltnisse  fast  patriarchalisch  blieben,  was  ein 
Blick  auf  den  alten  Arbeiterstamm,  der  noch  beim  Tode  B.s  im  Werk  Augs- 
burg tatig  war,  bestatigt.  Im  Verkehr  mit  seinen  Angestellten  war  er  jeder 
formellen  AuBerlichkeit  abhold :  Einf  achheit  und  Disziplin  waren  seine  Richt- 
punkte.  DaB  er,  der  fast  ein  halbes  Jahrhundert  lang  Tausenden  von  Arbeitern 
gut  bezahlte  Arbeit  verschafft  hat,  von  sozialdemokratischen  Fuhrern  miB- 
gunstig  beurteilt  wurde,  braucht  wohl  kaum  erwahnt  werden.  Wenn  B.  Auf- 
sichtsratstellen  annahm,  so  geschah  dies  nicht  in  seinem  personlichen,  als 
vielmehr  im  Interesse  seines  Werkes.  So  war  B.  in  den  Aufsichtsraten  folgender 
Gesellschaf ten :  Augsburger  Lokalbahn,  A.-G.  fiir  Bleicherei,  Farberei  und 
Appretur  in  Augsburg,  Gesellschaft  fiir  Markt-  und  Kiihlhallen  in  Hamburg, 
Maschinenfabrik  Augsburg-Niirnberg  A.-G.,  Gesellschaft  fiir  Lindes  Eis- 
maschinen  in  Wiesbaden,  Haunstetter  Spinnerei  und  Weberei  in  Augsburg, 
Mechanische  Seilerwarenfabrik  in  Bamberg,  Schantung-Eisenbahngesellschaft 
in  Berlin.  Als  B.  in  die  Fabrik,  das  heutige  Werk  Augsburg  der  Maschinenfabrik 
Augsburg-Niirnberg  eintrat,  hatte  diese  300  Arbeiter,  bei  seinem  Riicktritt 
als  Generaldirektor  am  1.  Juli  1913  dagegen  5500  Arbeiter  und  Beamte. 
B.  konnte  von  sich  sagen,  daB  er  der  erste  Arbeiter  in  seinem  eigenen  Werk 
war ;  er  war  in  seinen  gesunden  Jahren  der  Erste  und  der  Letzte  auf  seinem 
ebenso  verantwortungsvollen  wie  arbeitsreichen  Posten.  Ohne  zwingende 
Grande  verlieB  er  sein  Werk  nicht.  Eingedenk  des  guten  alten  deutschen 
Sprichwortes  »Fern  von  Haus  ist  nan'  bei  Schaden«  konnte  er  sich  nicht  ent- 
schlieBen,  alle  moglichen  Ehrenstellen  und  Ehrenamter  anzunehmen,  die 
einem  Manne  von  seiner  Bedeutung  und  seiner  Stellung  naturgemaB  reichlich 
angeboten  werden,  die  ihn  aber  von  seinen  Pflichten,  wie  er  sie  auffaBte,  ab- 
gelenkt  und  haufig  von  Augsburg  weggefuhrt  hatten.  Seine  Arbeit  und  Sorge 
gait  seinem  Werk,  das  er  zu  hochster  Bliite  brachte,  und  auBerdem  seiner 
Heimatstadt  Augsburg  und  deren  Industrie.  So  ist  es  seinem  Eintreten  zu- 
zuschreiben,  daB  1888  die  Augsburger  I^okalbahn  gegriindet  wurde,  deren 
Linien  alle  Augsburger  industriellen  Werke  unter  sich  und  mit  dem  Netz  der 
staatlichen  Bahnen  verbinden,  wodurch  eine  der  wesentlichsten  Bedingungen 
fiir  den  Aufschwung  der  Augsburger  Industrie  erfullt  wurde.  Der  1893  erfolgte 
ZusammenschluB  der  Augsburger  Unternehmungen  zum  Industrieverein  fand 
in  B.  eine  seiner  vornehmsten  Stiitzen.  Den  besonderen  Dank  der  Augsburger 
Bevolkerung  erwarb  sich  B.  durch  die  Griindung  des  Augsburger  Stadt- 
gartens  mit  seinen  prachtigen  Anlagen,  zu  der  er  1886  den  AnstoB  gegeben 
hat  und  dessen  Leitung,  Verschonerung  und  Bewahrung  vor  finanziellen 
Schwierigkeiten  ihm  bis  ins  hohe  Alter  eine  liebe  Aufgabe  war. 


230  19 1-8 

In  seiner  auBeren  Erscheinung  war  B.  stattlich,  hochgewachsen,  breit  und 
stark,  fast  derb  an  Gestalt  und  Gesichtsziigen,  die  kraftvoll  und  mannlich 
ebenso  unbeugsame  Willenskraft  wie  wohltuende  Herzensgtite  ausdriickten. 
B.  war  energisch  Und  zielbewuBt,  besaB  groBes  Wissen  und  starkes  Konnen, 
technischen  Scharfblick,  bedeutendes  Organisationstalent  und  eine  rastlose 
Arbeitsfreudigkeit.  Von  Hause  aus  Ingenieur,  besaB  er  gleichwohl  ein  aus- 
gezeichnetes  Verstandnis  fur  die  wirtschaftlichen  Verhaltnisse  und  besonders 
fur  die  kaufmannisch- wirtschaftlichen  Fragen  im  Betrieb  seiner  Fabrik. 
Seine  vorsichtige  Dividendenpolitik,  die  sorgfaltige  Beachtung,  die  er  den 
Amortisationskonten  und  Reserven  schenkte,  und  seine  groBziigige  Ver- 
kaufsorganisation  legen  davon  ein  beredtes  Zeugnis  ab.  Freilich,  jene  beweg- 
liche  Vielseitigkeit,  jenes  spekulative  GroBunternehmertum,  jenes  kritiklose 
Herumprobieren,  wie  man  es  anderwarts  so  haufig  sieht,  war  seinem  Wesen 
fremd.  Er  war  immer  davon  iiberzeugt,  daB  nur  bei  weisester  Selbstbeschran- 
kung  auf  wenige  Hauptgebiete  des  Maschinenbaues  eine  solche  Fabrik  hochste 
Qualitatsleistungen  hervorbringen  kann.  Diese  tlberzeugung  veranlaBte 
auch  B.,  den  Wasserturbinenbau,  in  dem  die  Maschinenfabrik  mehrere  Jahr- 
zehnte  lang  fiihrend  war,  ganz  aufzugeben,  als  am  Anfang  des  Jahrhunderts 
die  technisch-wissenschaftliche  Entwicklung  eine  derartige  geworden  war, 
daB  auf  diesem  Gebiet  nur  durch  Konzentration  und  Einrichtung  von  Ver- 
suchsanstalten  hochste  Leistungen  moglich  gewesen  waren.  AuBerordentlich 
klug,  von  ruhiger,  treffsicherer  Urteilskraft  pflegte  er  nur  auf  ganz  bestimmten, 
sicheren  Grundlagen  seine  Plane  aufzubauen  und  sie  dann,  unbekummert  um 
Hindernisse  und  die  Meinung  anderer,  unter  alien  Umstanden  zur  Durch- 
fuhrung  zu  bringen.  Die  Schopfung  des  Dieselmotors  in  der  Maschinenfabrik 
Augsburg  ist  dafiir  ein  in  der  Geschichte  des  Maschinenbaues  einzig  dastehen- 
des  Beispiel.  Er  entwickelte  dabei  eine  Ausdauer  und  Zahigkeit,  eine  Hart- 
nackigkeit  und  Unbeugsamkeit  des  Willens,  die  seinem  Wesen  fiir  die  AuBen- 
welt  und  auch  fiir  seine  Untergebenen  manchmal  einen  autokratischen  Zug 
verliehen.  Durch  den  standigen  Aufenthalt  im  Schwabenlande,  durch  seine 
enge  Zusammenarbeit  mit  Mannern  schwabischen  Stammes  mogen  diese 
im  schwabischen  Volkscharakter  so  stark  ausgepragten  Eigenschaften  auch 
bei  ihm  in  besonderem  MaBe  ausgebildet  worden  sein.  An  seiner  eisernen 
Konstitution  gingen  nahezu  sieben  Jahrzehnte  angestrengter  nimmermuder 
Arbeit  fast  spurlos  voriiber.  Im  Privatleben  war  er  ein  liebenswiirdiger,  lustiger 
Gesellschafter.  Neben  vielen  anderen  Orden  besaB  er  den  Verdienstorden 
der  Bayerischen  Krone,  mit  dem  der  personliche  Adel  mit  dem  Pradikate 
»Ritter  von«  verbunden  war.  Seinem  ganzen  Charakter  und  seiner  recken- 
haften  Gestalt  stand  die  Ritterschaft  so  gut  wie  selten  einem. 

Miinchen.  Paul  v.    Lossow. 

Cohen,  Hermann,  o.  Professor  der  Philosophic  in  Marburg  a.  d.  L.,  *  am  4.  Juli 
1842  in  Koswig  (Anlialt),  f  am  4.  April  1918  in  Berlin.  —  Seine  Eltern  waren 
Gerson  C,  Lehrer  an  der  jiidischen  Gemeindeschule  und  an  der  Stadtschule 
seiner  Heimat,  und  Friederike  C,  geb.  Salomon.  Die  fruheste  Ausbildung  des 
Kindes  lag  in  der  Hand  des  Vaters,  der  ihn  im  Deutschen,  Franzosischen  und 
Hebraischen  unterrichtete.  C.besuchte  dann  die  Stadtschule  seiner  Heimat  und 


Buz.  Cohen  231 

vom  elften  Jahr  an  das  Gymnasium  zu  Dessau,  urn  dann  von  der  Sekunda  aus 
auf  das  jiidisch-theologische  Seminar  zu  Breslau  iiberzutreten.  Von  den  zahl- 
reichen  bedeutenden  Lehrern,  die  dort  wirkten,  wollen  wir  als  die  bekanntesten 
hier  nur  Jakob  Bernays,  den  Philologen,  und  Hermann  Gratz,  den  Historiker 
des  Judentums,  nennen.  So  dankbar  C.  sein  Leben  lang  fiir  mancherlei  ge- 
diegene  und  griindliche  Kenntnisse,  die  ihm  in  dieser  Zeit  iibermittelt  wurden, 
war,  so  konnte  doch  sein  reicher  Geist  unmoglich  in  der  Vorbereitung  zum 
Rabbinat  das  letzte  Ziel  seines  wissenschaftlichen  Studiums  sehen.  Nachdem 
er  daher  als  Extraneos  sein  Abitur  am  Matthiasgymnasium  zu  Breslau  gemacht 
hatte,  bezog  er  1861  in  dieser  Stadt  die  Universitat.  Er  setzte  sein  Studium 
1864  in  Berlin  fort,  wo  er  in  den  Kreis  der  Studierenden  urn  Lazarus  und  Stein- 
thal  aufgenommen  wurde.  Unter  seinen  Lehrern  verdient  noch  der  Philologe 
Boeckh  Erwahnung.  Seine  philosophischen  Studien  umfaBten  in  dieser  Zeit 
fast  das  ganze  Gebiet  der  Geschichte  der  Philosophie,  besonders  aber  widmete 
er  sich  der  Lektiire  Kants  und  der  nachkantischen  Philosophen.  1865  promo- 
vierte  er  zu  Halle  mit  der  Schrift  »Philosophorum  de  antinomia  necessitatis 
et  contingentiae  doctrinae*.  Durch  Steinthal  war  C.  besonders  auf  Herbarts 
Lehre  aufmerksam  geworden,  und  ohne  daJ3  C.  jemals  wirklicher  Herbartianer 
gewesen  ware,  zeigen  doch  seine  Erstlingsschriften  einen  EinfluB  Herbarts  (auf 
dem  Umweg  iiber  Steinthal).  In  der  von  Steinthal  herausgegebenen  Zeitschrift 
fiir  Volkerpsychologie  erschienen  mehrere  kleinere  Abhandlungen  C.s,  von 
denen  wir  hier  nur  die  eine  erwahnen  wollen,  welche  den  Titel  tragt:  »Die 
dichterische  Phantasie  und  der  Mechanismus  des  BewuBtseins. «  Sie  ist  fiir  die 
Entwicklung  C.s  deswegen  von  Bedeutung,  weil  sich  in  ihr  bereits  Grund- 
begriffe  seiner  spateren  Asthetik  finden.  Er  leitet  in  genialer  Weise  die  Ent- 
stehung  der  Poesie  aus  dem  Mythos  ab,  erkennt  das  reine  Gefuhl  als  den 
Urgrund  kiinstlerischen  Schaffens  und  den  Vergleich  als  die  innere  Form  des 
Kunstwerks.  Erkenntnistheoretisch  ist  er  in  diesem  Werke  noch  nicht  zur 
Klarheit  vorgedrungen,  es  bedurfte  dazu  einer  intensiveren  und  liebevolleren 
Versenkung  in  Kant.  Sobald  ihm  das  Verstandnis  der  Kantschen  Philosophie 
aufgegangen  war,  machte  er  sich  an  die  Ausarbeitung  seines  ersten  groBeren 
Werkes,  das  den  Grundstein  zu  seinem  spateren  Weltruhm  legen  sollte.  1871 
erschien  »  Kants  Theorie  der  Erfahrung«.  Nur  bei  wenigen  auserlesenen  Geistern 
stieB  er  sogleich  auf  das  richtige  Verstandnis.  Die  Berliner  philosophische 
Fakultat  verhielt  sich  unter  der  Fuhrung  des  Philosophen  Trendelenburg,  den 
C.mehrfach  temperamentvoll  aber  objektiv  angegrif fen  hatte,  ablehnend  gegen 
C,  so  daB  dessen  Versuche,  sich  in  Berlin  zu  habilitieren,  fehlschlugen.  Er 
konnte  sich  damit  trosten,  daB  Friedrich  Albert  Lange,  der  giitige  und  gelehrte 
Verfasser  der  » Geschichte  des  Materialismus «  und  der  »Arbeiterfrage«  sofort 
den  Wert  seines  Buches  erkannte.  Lange,  der  damals  noch  in  Zurich  Professor 
war,  schickte  ihm  mit  einer  Empfehlung  den  jungen  August  Stadler  zu,  der 
zugleich  mit  anderen  gescheiten  jungen  Kopfen  von  dem  »Privatgelehrten«  C. 
in  das  Verstandnis  Kants  eingefuhrt  wurde.  Nachdem  inzwischen  Lange  nach 
Marburg  berufen  worden  war,  forderte  er  1873  C.  (eben  auf  Grund  seines  Kant- 
buches)  auf,  sich  in  Marburg  zu  habilitieren.  Auf  Langes  Betreiben  hin  wurde 
C.  1875  in  Marburg  Extraordinarius.  Nur  kurze  Zeit  leider  war  es  C.  vergonnt, 
mit  Lange  gemeinsam  in  Marburg  zu  wirken,  da  den  letzteren  schon  1876  der 
Tod  abrief.  Im  gleichen  Jahre  wurde  C.  sein  Nachfolger  auf  dem  philosophi- 


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schen  Lehrstuhle  an  der  Universitat.  Es  kam  nun  eine  schaffensreiche  Zeit 
fiir  C.  und  eine  groBe  Zeit  fiir  Marburg.  C.  wurde  zum  Begriinder  der  neukanti- 
schen  Marburger  Schule  und  fand  an  Paul  Natorp  (f  1924)  einen  verstandnis- 
vollen  und  gleichgesinnten  Mitarbeiter.  Eine  groBe  Anzahl  von  Schulern  lerate 
hier  die  Methode  des  Philosophierens,  denn  nur  auf  die  Methode,  nicht  auf  die 
Uberlief  erung  philosophischer  Dogmen  war  die  Einheit  der  Marburger  Schule  be- 
griindet.  Deren  Wirksamkeit  blieb  durchaus  nicht  auf  Deutschland  beschrankt, 
sondern  die  Schuler  kamen  aus  fast  aller  Herren  L,andern.  C.  hatte  sich  mittler- 
weile  mit  Martha,  geb.  Lewandowski,  verheiratet.  Das  C.sche  Haus  wurde  zum 
Mittelpunkt  reger  geistiger  Geselligkeit.  Es  verkehrten  in  ihrem  Hause  Na- 
torp, Rade,  Varrentrapp,  v.  Sybel  u.  a.  Aber  auch  Musiker  gingen  aus  und 
ein,  da  nicht  nur  C.  selbst  Verstandnis  und  Liebe  zur  Musik  hatte,  sondern 
auch  seine  Frau  als  Klavierspielerin  und  Sangerin  mehr  als  dilettantisches 
Konnen  besaB. 

Die  nachste  wissenschaftliche  Aufgabe,  die  sich  C.  stellte  und  loste,  war  die 
weitere  Durchforschung,  kritische  Darstellung  und  Fortbildung  des  Kantschen 
Systems.  So  erschienen  denn  in  kurzen  Zeitabschnitten  »Die  systematischen  Be- 
griffe  in  Kants  vorkritischen  Schriften,  nach  ihrem  Verhaltnis  zum  kritischen 
Idealismus«.  (Berlin  1873.)  »Kants  Begriindung  der  Ethik*  (Berlin  1877), 
»  Kants  Begriindung  der  Asthetik«  (1889).  Daneben  befaBte  sich  C.  in  mehreren 
bedeutenden  Universitatsreden  mit  Kant.  C.  war  keineswegs  der  erste,  der  in 
Zeiten  philosophischen  Tiefstandes  den  Geist  der  Kultur  wieder  an  Kant 
orientieren  wollte.  Schopenhauer  und  Fries  konnten  ja  neben  dem  romantischen 
Dreigestirn  Fichte,  Schelling,  Hegel  ohnehin  als  treuere  Kantianer  gelten ;  ob- 
gleich  Schopenhauer  nicht  nur  mit  seiner  Willensmetaphysik,  sondern  auch 
in  der  subjektivistischen  Auffassung  der  Kantschen  Erkenntnistheorie  und 
Fries  in  seinem  Vorurteil  gegen  das  Transzendentale  weit  von  der  rechten 
Bahn  abgewichen  waren.  Aus  den  Reihen  der  Hegelianer  selbst  hatte  Chr.  H. 
WeiBe  im  Jahre  1847,  bald  darauf  auch  Eduard  Zeller  wieder  auf  Kant  hin- 
gewiesen,  doch  waren  diese  noch  zu  sehr  in  der  Dogmatik  ihres  Meisters  Hegel 
befangen,  um  zu  einem  tieferen  Verstandnis  Kants  vorzudringen.  Dies  wurde 
zuerst  durch  Otto  L,iebmanns  Schrift  »Kant  und  die  Epigonen«  1865  ermoglicht. 
Es  muB  aber  gesagt  werden,  daB  auch  Liebmann  den  Geist  der  transzenden- 
talen  Methode  noch  nicht  rein  zu  erfassen  vermochte.  Friedrich  Albert  I*ange 
war  vor  allem  dem  ethischen  Teil  des  Kantschen  Systems  nicht  gerecht  ge- 
worden.  Erst  die  Schriften  C.s  waren  es,  welche  eine  objektive  ErschlieBung 
dieses  Systems  brachten,  und  indem  sie  auf  dem  von  Kant  vorgezeichneten 
Weg  liber  Kant  hinausgingen,  der  Philosophic  iiberhaupt  einen  machtigen 
Impuls  gaben. 

C.  faBte  das  Kantsche  System  als  Theorie  der  Erfahrung.  Wie  ist  Erfahrung 
moglich  ?  Das  ist  die  Kardinalf rage  der  kritischen  Philosophic  Erfahrung  be- 
deutet  hierbei  das  System  der  Wissenschaft,  nicht  aber  das  individuelle  Er- 
fahren  deseinzelnen.  Was  das  erkennendeSubjekt  und  das  erkannte  Objekt  sei, 
ist  selbst  eine  Frage  der  Philosophic,  die  nicht  das  eine  oder  andere  als  gegeben 
voraussetzen  darf.  Die  Kritik  der  reinen  Vernunft  richtet  die  transzendentale 
Frage  an  die  Mathematik  und  die  mathematische  Naturwissenschaft.  Welches 
sind  die  obersten  und  unerlaBlichen  Bedingungen  der  Erfahrung,  das  heiBt, 
von  welchen  »selbst  gedachten  Prinzipien«(Kategorien  und  reineAnschauungen) 


Cohen  233 

mufl  die  Wissenschaft  ausgehen,  damit  mathematische  Naturwissenschaft 
moglich  sein  soil.  In  ahnlicher  Weise  fragt  die  Ethik,  wie  sie  in  der  Kritik  der 
praktischen  Vernunft  enthalten  ist,  nach  den  obersten  Voraussetzungen  einer 
allgemeingultigen  Sittlichkeit.  Die  Kritik  der  Urteilskraft  richtet  in  ahnlicher 
Weise  die  transzendentale  Frage  auf  die  Reiche  der  Kunst  und  der  Organismen. 
Die  objektive  Richtung  der  kritischen  Philosophic  diirfte  hierdurch  vorlaufig 
zur  Geniige  gekennzeichnet  sein. 

In  der  Kritik  der  reinen  Vernunft  riickte  gemaB  der  v6n  C.  wiederentdeckten 
Unterscheidung  des  metaphysischen  und  transzendentalen  Apriori  der  Schwer- 
punkt  der  Betrachtung  ganz  und  gar  in  die  transzendentale  Deduktion  und 
das  System  der  Grundsatze.  Die  transzendentale  Apperzeption  wurde  als  ge- 
raeinsamer  Quell  der  reinen  Anschauungen  und  Kategorien  erkannt.  In  der 
dritten  Auflage  seines  kritischen  Grundwerkes  iiber  Kants  Theorie  der  Erfah- 
rung  wurde  der  Begriff  der  reinen  Anschauung  der  Kritik  unterworfen  und 
Raum  und  Zeit  als  Denkprinzipien  den  Kategorien  beigeordnet.  C.  war  es 
auch,  der  zuerst  die  Identitat  der  Begriffe  Ding  an  sich  und  Idee  nach- 
gewiesen  hat. 

In  der  Kritik  der  Kantschen  Moralphilosophie  hat  sich  C.  in  zwiefacher  Hin- 
sicht  ein  Verdienst  erworben,  indem  er  namlich  erstens  den  Zusammenhang 
zwischen  Recht  und  Sittlichkeit  wieder  offenkundig  machte  und  zweitens  die 
Kantsche  Postulatenlehre  mit  triftigen  Griinden  verwarf. 

Fur  die  Darstellung  der  Asthetik  war  vor  alien  Dingen  die  Korrektur  am 
Begriff  des  Erhabenen  von  Bedeutung,  welches  C.  schon  in  der  Schrift  » Kants 
Begriindung  der  Asthetik «  als  eine  Unterart  des  Schonen  nachwies. 

Bei  diesen  kurzen  Bemerkungen  in  bezug  auf  die  Stellung  C.s  zu  Kant  muft 
es  hier  sein  Bewenden  haben.  Wenden  wir  uns  nunmehr  wieder  seiner  Biographie 
zu.  Als  Dozent  hatte  C.  groBen  Erfolg.  Freilich  klagten  die  Studenten,  wenig- 
stens  diejenigen,  welche  den  Vorlesungen  nicht  regelmaBig  folgten,  ilber  die 
Schwierigkeit  seiner  Darstellung.  Wer  aber  den  philosophischen  Eros  in  sich 
trug,  der  muBte  von  der  Art  seines  Vortrags  machtig  angezogen  werden.  Je 
alter  C.  wurde,  desto  mehr  trat  das  religiose  Problem  ins  Zentrum  seines  Inter- 
esses.  Es  hat  ihn  zwar  von  jeher  beschaftigt,  denn  er  litt  personlich  stark  unter 
der  Inhumanitat  des  Antisemitismus.  Sein  Eintreten  fiir  die  Religion  des  ein- 
zigen  Gottes  war  vom  reinsten  sittlichen  Pathos  erfiillt.  Ubergehen  wollen  wir 
hier  seine  Auseinandersetzungen  mit  Martin  Buber  und  E.  Frankel  iiber  das 
Problem  des  Zionismus.  Im  freiesten  und  humansten  Geist  hat  er  sich  in  zahl- 
reichen  Vortragen  und  Abhandlungen  iiber  die  religiose  Frage  geaufiert.  Man 
kann  iibrigens  hier  eine  Entwicklung  seines  Denkens  verfolgen.  In  der  Schrift 
Religion  und  Sittlichkeit  (1907),  ebenso  aber  auch  im  zweiten  Teil  seines 
Systems  der  Philosophic  (Ethik  des  reinen  Willens,  2.  Aufl.,  1907)  steht  er 
noch  auf  dem  Standpunkt,  da£  im  Lauf  der  Zeit  alle  Religion  in  Sittlichkeit 
aufzuheben  sei.  Nach  und  nach  aber  gewinnt  die  Religion,  ohne  irgendwie  in 
Gegensatz  zur  Ethik  zu  kommen,  doch  eine  gewisse  Selbstandigkeit.  (Vgl. 
die  Schriften  »Der  Begriff  der  Religion  im  System  der  Philosophies,  1915,  und 
»Die  Religion  der  Vernunft  aus  den  Quellen  des  Judentums*,  posthum  er- 
schienen  1919.)  Wahrend  die  Ethik,  wie  wir  noch  horen  werden,  das  Individuum 
ganz  und  gar  auf  die  Allheit  der  Menschheit  hin  orientiert,  sollte  nunmehr  die 
Religion  fiir  das  Verhaltnis  des  einzelnen  zu  seinem  Gotte  einzutreten  haben. 


234  l(*lS 

In  stiller  Gedankenarbeit  hatte  C.  bis  zum  Jahre  1902  die  Grundlagen  des 
eigenen  Systems  der  Philosophic  gefunden.  Im  genannten  Jahr  erschien  der 
erste  Band,  die  »Logik  der  reinen  Erkenntnis«.  Obgleich  es  offensichtlich  ist, 
daB  Platon,  Leibniz  und  Kant  die  geistigen  Tauf  paten  dieses  Werkes  sind, 
so  haben  wir  es  darin  doch  mit  einem  Erzeugnis  von  hoher  Originalitat  zu 
tun.  Die  transzendentale  Fragestellung  Kants  ist  beibehalten,  aber  das  Problem 
ist  selbstandig  und  den  Fortschritten  der  Wissenschaft  entsprechend  bear- 
beitet.  C.  behandelt  die  Logik  in  erster  Linie  als  Logik  des  Ursprungs.  Der 
Ursprung  wehrt  zunachst  das  Gegebene  ab.  Das  reine  Denken  der  Wissenschaft 
muB  die  obersten  Prinzipien  und  Hypothesen,  auf  denen  das  System  der 
Wissenschaft  erbaut  werden  soil,  selbstandig  entwerfen  und  darf  sie  weder  von 
irgendwelchen  gegebenen  Dingen  noch  von  der  Empfindung  entlehnen.  Im 
wissenschaftlichen  Urteil  wird  der  allgemeine  Gegenstand  der  Natur  ent- 
worfen  und  erzeugt.  In  der  Ausfuhrung  schlieBt  sich  C.  an  die  historisch  be- 
dingte  Einteilung  der  Urteile  nach  den  Gesichtspunkten  der  Qualitat,  Quan- 
titat,  Relation  und  Modalitat  an.  Die  Urteile  der  Qualitat  entsprechen  dabei 
dem  Denken  der  formalen  Logik.  Formal  heiBt  die  Logik  hier  nicht  etwa  des- 
wegen,  weil  sie  mit  dem  Inhalte  der  Erkenntnis  nichts  zu  tun  hatte ;  denn  ein 
inhalts-  und  gegenstandsloses  Denken  kann  es  nicht  geben;  sondern  sie  heiBt 
formal,  weil  sie  die  allgemeinsten  Denkgesetze  angibt,  die  iiberall  bei  der  Ent- 
werfung  des  Gegenstandes  der  Erkenntnis  sich  fruchtbar  erweisen.  Hier  steht 
das  Urteil  oder  das  Denkgesetz  des  Ursprungs  an  der  Spitze.  Wahrend  wir  es 
uns  sonst  versagen  miissen,  die  Urteilsarten  alle  einzeln  zu  besprechen,  so 
mtissen  wir  auf  das  Urteil  des  Ursprungs  wegen  seiner  uberragenden  Bedeutung 
fiir  das  ganze  System  C.s  eingehen.  Das  Denkgesetz  des  Ursprungs  gibt  ganz 
allgemein  die  Methode  an,  wie  man  zu  einem  problematisch  entworfenen  Be- 
griff  den  erklarenden  oder  erzeugenden  Begriff,  der  die  Losung  des  vorlaufig 
gefaflten  Problems  bringt,  findet.  Es  entspricht  dem  in  der  alteren  Logik  als 
unendliches  Urteil  bezeichneten  Urteil.  GemaB  dieser  Methode  sucht  man  zu 
dem  problematisch  aufgestellten  Begriff  den  im  System  der  Begriffe  kon- 
tinuierlich  benachbarten  Begriff  als  Ursprungsbegriff.  So  wurde  der  Begriff 
des  Atoms  oder  des  Unteilbaren  erdacht,  um  das  Teilbare,  das  heiBt  die  Ma- 
terie  zu  begreifen;  ahnlich  etwa  auf  dem  Gebiete  der  Ethik  dient  der  Begriff 
der  Unsterblichkeit,  um  das  Wesen  der  sterblichen  Menschen  zu  ergriinden. 
Da  beim  Aufsuchen  des  Ursprungsbegriffs  ein  logischer  GrenzprozeB,  das  heiBt 
ein  Durchgang  durchs  Unendliche  erfolgt,  so  ist  die  Ubereinstimmung  mit 
dem  unendlichen  Urteil  offenkundig.  Der  Ursprung  nun  muB  in  alien  Kate- 
gorien  und  Urteilsarten  lebendig  bleiben :  sie  sind  gleichsam  nur  Abwandlungen 
dieses  einen  Prinzips.  Es  erstreckt  iibrigens  seine  Geltung  iiber  das  ganze  Ge- 
biet  der  Philosophic  Unter  den  Urteilen  der  formalen  Logik  oder  der  Qualitat 
finden  wir  dann  weiter  die  Urteile  der  Identitat  und  des  Widerspruchs. 

Der  nunmehr  erst  ganz  allgemein  angelegte  Gegenstand  der  Erkenntnis 
findet  seine  nahere  Bestimmung  durch  die  Urteile  der  Mathematik  oder 
Quantitat.  Die  drei  fundamentalen  Urteilsarten,  die  hier  auftreten,  sind  die 
Urteile  der  Realitat,  der  Mehrheit  und  der  Allheit.  Die  Realitat  des  Gegen- 
standes legt  die  Physik  im  Differential  oder  der  Infinitesimalzahl  fest.  Diesen 
Gedanken  hatte  C.  schon  fruher  in  einer  Schrift  iiber  das  Prinzip  der  Infinitesi- 
malrechnung  ausgesprochen.  Das  Differential  ist  gleichsam  nur  eine  Anwen- 


Cohen 


235 


dung  des  Prinzips  des  Ursprungs.  In  der  Optik,  Akustik  usw.  wird  das  sinnlich 
Gegebene  (die  Empfindung)  in  Differentialgleichungen  objektiviert.  So  ist  die 
Mathematik  fur  C.  nicht  etwa  nur  ein  auBerliches  Hilfsmittel  des  Physikers, 
sondern  ihr  kommt  konstituierende  Bedeutung  zu:  in  ihren  Begriffen  erfaBt 
der  Physiker  das  Sein.  —  Es  ist  wichtig,  zu  bemerken,  daB  C.  nicht,  wie  Kant, 
ein  besonderes  Urteil  der  Einzelheit  kennt,  denn  wie  C.  in  dem  nachsten  Urteil, 
dem  Urteil  der  Mehrheit,  zeigt,  ist  das  einzelne  iramer  Glied  einer  Mehrheit 
und  hat  nur  als  solches  Bedeutung.  In  dem  Urteil  der  Mehrheit  entwickelt  C. 
unter  anderem  den  Begriff  der  endlichen  Zahl  und  den  der  Zeit.  Da  die  Auf- 
fassung  des  Zeitbegriffs,  wie  sie  C.  zu  eigen  ist,  iiber  die  Logik  hinaus  fur  das 
System  von  Bedeutung  ist,  so  miissen  wir  ihr  wenigstens  einige  Worte  wid- 
men.  C.  geht  nicht  vom  Begriff  der  Folge  aus,  wie  es  der  Sensualismus  tut, 
dieser  halt  sich  an  die  gegebenen  Vorstellungen,  die  einander  im  Geiste 
folgen.  Aber  fur  C.  darf  kein  Gegebenes  die  Erkenntnis  bestimmen.  Es  ist 
daher  vollkommen  dem  Geist  seines  Systems  entsprechend,  wenn  er  die  Zeit 
vornehmlich  als  Antizipation,  als  Vorwegnahme  der  Zukunft  denkt.  Zuerst 
ist  die  Zukunft,  diese  verwandelt  sich  erst  in  die  Gegenwart  und  Vergangen- 
heit.  —  Das  dritte  Urteil  der  Mathematik  ist  das  der  AUheit.  Der  Sinn  der 
Mehrheit  und  demnach  auch  der  Einzelheit  wird  erst  durch  die  Allheit  ent- 
hullt.  Auch  dieses  Urteil  ist  fur  die  Ethik  von  groBter  Bedeutung.  Es  sei  im 
Vorbeigehen  angemerkt,  daB  im  Urteil  der  Allheit  auch  die  Kategorie  des 
Raumes  auftritt. 

Der  Gegenstand  der  Erkenntnis  wird  nun  immer  konkreter  bestimmt.  An  die 
Urteile  der  Mathematik  schlieBen  sich  die  der  mathematischen  Naturwissen- 
schaft  an.  Es  sind  die  Urteile  der  Substanz,  des  Gesetzes  und  des  Begriffs. 
Nachdem  mit  ihnen  der  Gegenstand  in  seinen  allgemeinen  Umrissen  ent- 
worfen  ist,  bleiben  noch  die  Urteile  der  Methodik  (Modalitat)  iiber.  Hier 
werden  die  Begriffe  der  Moglichkeit,  Wirklichkeit  und  Notwendigkeit  er- 
ortert.  Das  Urteil  der  Notwendigkeit  gibt  Gelegenheit,  die  Syllogistik  kritisch 
zu  beleuchten. 

Die  Ethik  C.s  sucht  die  Ethik  als  Logik  der  Geisteswissenschaften  und  ins- 
besondere  des  Rechts  aufzubauen.  Die  transzendentale  Frage  richtet  sich  hier 
also  auf  das  Recht  und  den  Staat  als  die  konkreten  Erscheinungsformen  der 
Sittlichkeit.  Die  Ethik  ist  die  Lehre  vom  Begriff,  besser  gesagt  von  der  Idee 
des  Menschen.  Sie  spricht  nicht  von  der  zufallig  wirklichen  Existenz  der  Indi- 
viduen,  sondern  vom  Seinsollenden,  das  heiBt  von  der  Aufgabe  einer  Willens- 
gemeinschaft  der  Menschheit.  Jeder  Begriff,  also  auch  der  des  Menschen,  ent- 
halt,  wie  die  Logik  gezeigt  hat,  die  drei  Stufen  der  Einzelheit,  Mehrheit  und 
Allheit  in  sich,  wobei  das  einzelne  gegeniiber  der  Mehrheit  und  Allheit  un- 
selbstandig  ist.  Das  bedeutet  fur  die  Ethik,  daB  der  einzelne  sein  sittliches 
Selbst  nur  in  der  Allheit  finden  kann.  Das  sittliche  Selbst  als  die  Aufgabe  der 
Willenshandlung  wird  gemaB  dem  Prinzip  des  Ursprungs  aus  dem  anderen 
geboren.  Die  Methode  aber,  die  Willensgemeinschaft  des  sittlichen  Selbstes 
zu  erzeugen,  liegt  in  der  Idee  des  Staates.  Wenn  man  vom  Staat  als  dem  Weg 
des  sittlichen  Selbst  spricht,  so  darf  man  nicht  vergessen,  daB  es  sich  urn  den 
seinsollenden  Staat,  das  heiBt  urn  die  Idee  des  Staates,  nicht  urn  den  zufallig 
wirklichen  Staat  handelt.  Diesen  letzteren  der  Idee  gemaB  zu  machen,  ist 
vielmehr  gerade  die  hochste  Aufgabe  des  Menschengeschlechts. 


236  I9i8 

Wenn  die  Ethik  das  Ideal  des  Sittlichen  entwirft,  so  entsteht  die  bange 
Frage,  ob  denn  dieses  Ideal  auch  zu  verwirklichen  sei?  Es  konnte  ja  sein,  daB 
die  Natur  des  Menschen  oder  der  Dinge  sich  den  Anforderungen  der  Sittlich- 
keit  dauernd  entzoge,  oder  daB  die  Sittenwesen  aussterben,  ehe  die  Sittlichkeit 
wirklich  wird ;  dem  widerspricht  das  Grundgesetz  der  Wahrheit.  Wahrheit  ist 
nicht  ein  bloB  logischer  Begriff,  sondern  er  greift  von  der  Logik  in  die  Ethik 
iiber.  Die  Logik  hat  es  nur  mit  der  Richtigkeit  der  Begriffe  zu  tun,  die  Wahr- 
heit aber  ist  zugleich  ein  sittlicher  Begriff.  Ira  Interesse  der  Sittlichkeit  fordert 
das  Grundgesetz  der  Wahrheit  die  Harmonie  von  Natur  und  Sittlichkeit,  das 
heiBt  die  Moglichkeit  einer  stets  fortschreitenden  Annaherung  an  das  Ideal. 
Das  Grundgesetz  der  Wahrheit  vertieft  sich  dann  in  C.s  Ethik  zur  Idee  Gottes, 
in  der  die  Sicherheit  des  sittlichen  Fortschrittes  beruht.  In  dieser  Lehre  ver- 
wertet  C.  aufs  fruchtbarste  seinen  Begriff  der  Antizipation. 

Der  Begriff  des  Willens  wird  von  C.  weder  rein  intellektualistisch  gemaB  der 
Gesinnungsethik  gedacht,  noch  auch,  wie  in  aller  utilitaristischen  Ethik,  in 
die  auBerliche  Tat  verfliichtigt.  Im  Willen  miissen  sich  Denken  und  Affekt 
vereinigen.  Das  Denken  entwirft  das  Ziel  der  Handlung,  aber  der  sittliche  Affekt 
setzt  die  Handlung  in  Bewegung.  Als  sittliche  Affekte  stellt  nun  C.  zwei  auf : 
erstens  den  Affekt  der  Achtung,  er  ist  der  treibende  Motor  aller  Handlungen, 
die  sich  auf  die  Allheit  beziehen ;  zweitens  der  Affekt  der  Liebe,  er  ist  die  Trieb- 
kraft,  die  die  Handlungen,  welche  sich  auf  die  Besonderheiten  der  Familie,  der 
Gesellschaft  usw.  beziehen,  beseelt.  Demnach  unterscheidet  C.  ein  System  von 
Tugenden  der  Achtung  und  der  Liebe,  das  seinen  Gipfel  im  Begriff  der  Humani- 
tat  findet.  In  der  Tugend  der  Humanitat  durchdringen  sich  alle  anderen  Tugen- 
den, verschmilzt  die  Achtung  und  die  Liebe.  Mit  ihr  aber  sind  wir  auch  an  der 
Grenze  der  Asthetik  angelangt. 

Die  Asthetik  weist  im  Gefuhl  der  Menschenliebe  den  Ursprung  der  Kunst 
auf.  Natur  und  Sittlichkeit  geben  den  Stoff  ab,  aus  dem  der  Kunstler  die  neue 
Wirklichkeit  des  Kunstwerks  fonnt,  die,  wie  sie  aus  dem  Eros  entsprungen  ist, 
Liebe  im  Beschauer  erweckt.  Der  Kunstler  hat  weder  Sittlichkeit  zu  lehren 
noch  die  Natur  nachzuahmen,  aber  er  muB  Herr  der  Natur  und  Sittlichkeit 
seiner  Zeit  sein,  um  beide  in  das  harmonische  Gefuhl  der  Menschenliebe  auf- 
zulosen.  Die  gefuhlsmaBige  Harmonie  von  Natur  und  Sittlichkeit  tritt  im 
Kunstwerk  als  Schonheit  in  Erscheinung;  Schonheit  ist  also  die  Grundkate- 
gorie  der  Asthetik.  Der  Kunstler  erzeugt  sein  asthetisches  Subjekt  in  und  an 
dem  asthetischen  Objekt,  das  heiBt,  dem  Kunstwerk.  Das  asthetische  Subjekt 
ist  nicht  ein  solches  des  Begriffes,  sondern  des  Gefuhls.  Das  Erhabene  und  das 
Humoristische  sind  Unterarten  des  Schonen,  die  dadurch  entstehen,  daB  ent- 
weder  die  Seite  der  Natur  oder  der  Sittlichkeit  fur  das  Gefuhl  voriibergehend 
pravaliert;  voriibergend,  denn  endlich  muB  die  Auflosung  in  die  Harmonie 
des  Gefuhls  doch  immer  erfolgen.  Von  diesen  sicheren  Voraussetzungen  aus 
entwirft  C.  das  Svstem  der  Kiinste,  das  hier  zu  reproduzieren  uns  der  Raum 
fehlt. 

Die  Marburger  Schule,  deren  anerkanntes  Haupt  C.  war,  hatte  mittlerweile 
zahlreiche  Anhanger  und  Freunde  gewonnen.  Dies  zeigte  sich  deutlich,  als  C. 
191 2  seinen  70.  Geburtstag  feierte.  Aus  aller  Herren  Landern  kamen  die  Gra- 
tulanten,  siebzig  Kollegen  und  Schuler  iiberreichten  eine  Festschrift,  auBer- 
dem  wurde  noch  eine  besondere  Festschrift  von  43  judischen  Gelehrten  ihm 


Cohen.  Crusius 


237 


dargebracht.  Nach  seinem  70.  Geburtstag  verlieB  C.  die  bisherige  Statte  seiner 
Wirksamkeit  und  siedelte  von  Marburg  nach  Berlin  iiber.  Hier  war  er  dann 
noch  eine  Reihe  von  Jahren  an  der  Akademie  des  Judentums  als  Lehrer  tatig. 
C.  war  nicht,  wie  ich  aus  einem  Mifiverstandnis  heraus  in  meinem  Cohen-Buch 
(S.  94)  angab,  Freimaurer,  dagegen  hat  er  immer  den  regsten  Anteil  am  reli- 
giosen  Leben  seiner  Glaubensgenossen  genommen. 

In  die  Zeit  seiner  Berliner  Wirksamkeit  fallen  noch  zwei  bedeutsame  Er- 
eignisse,  namlich  einmal  die  Reise  nach  RuBland  1914,  auf  der  er  von  der  ge- 
lehrten  Welt  Polens  und  RuBlands  seinem  Genie  und  seinen  Leistungen  ent- 
sprechend  geehrt  wurde;  und  die  Feier  seines  sojahrigen  Doktorjubilaums 
1915,  bei  welcher  Gelegenheit  ihm  wieder  zahlreiche  Beweise  der  Verehrung 
und  Liebe  zuteil  wurden. 

Literatur:  Eine ausfuhrlicheC. -Bibliographic  findet man  beiW.  Kinkel:  H.Cohen,  eine 
Einfuhrung  in  sein  Werk,  Stuttgart  1924,  S.  346  ff .  Wir  begniigen  uns  hier,  die  wichtigsten 
seiner  Werke  anzufuhren:  Kants  Theorieder  Erfahrung,  Berlin  1871,  2.  Aufl.  1885,  3.  Aufl. 
19 18.  —  Die  systematischen  Begriffe  in  Kants  vorkritischen  Schriften  nach  ihrem  Ver- 
haltnis  zuin  kritischen  Idealismus,  Berlin  1873.  —  Kants  Begriindung  der  Ethik,  Berlin 
1877,  2-  Aufl.  1910.  —  Das  Prinzip  der  Infinitesimalmethode  und  seine  Geschichte,  Berlin 
1883.  —  Kants  Begriindung  der  Asthetik,  Berlin  1889.  —  Logik  der  reinen  Erkenntnis, 
Berlin  1902,  2.  Aufl.  19 14.  —  Religion  und  Sittlichkeit,  Berlin  1907.  —  Ethik  des  reinen 
Willens,  Berlin  1907.  —  Asthetik  des  reinen  Gefuhls,  2  Bde.,  Berlin  191 2.  — Deutsch- 
tum  und  Judentum,  GieBen  191 5.  —  Der  Begriff  der  Religion  im  System  der  Philo- 
sophic GieCen  191 5.  —  Die  Religion  der  Vernunft  aus  den  Quellen  des  Judentums, 
Leipzig  19 19.  —  Jtidische  Schriften,  ed.  B.  Straufl,  3  Bde.,  Berlin  1924.  —  Kleine  philo- 
sophische  Schriften,  ed.  Cassirer  &  Gorland,  im  Erscheinen  begriff  en.  —  tfber  das  Leben 
Cohens  orientiert  aufler  meiner  oben  genannten  Schrift  R.  Fritzsche:  H.  Cohen  aus  per- 
sonlicher  Erinnerimg.  Berlin  1922.  —  Der  wissenschaftliche  NachlaC  findet  sich  in 
Handen  von  Frau  Martha  Cohen,  Berlin  W  10,  Dornbergstr.  6. 

Gieflen.  Walter  Kinkel. 

Crusius,  Otto,  klassischer  Philologe,  *  am  20.  Dezember  1857  m  Hannover, 
f  am  29.  Dezember  1918  in  Miinchen.  —  C.  entstammt  von  vaterlicher  Seite 
einer  meist  im  alten  Kurfurstentum  Sachsen  ansassigen  Gelehrtenfamilie,  aus 
der  sein  Oheim  Gottlob  Christian  C.  (1785 — 1848),  zuletzt  Kantor  und  philo- 
logischer  Lehrer  am  Lyzeum  in  Hannover,  als  Verfasser  eines  vielbenutzten 
Homer-Lexikons  und  kommentierter  Homer- Ausgaben  bekannt  ist ;  die  Mutter, 
eine  Niedersachsin  (geb.  Winckelmann) ,  war  mit  Heinrich  Hoffmann  von 
Fallersleben  befreundet,  der  dem  schon  seit  1861  vaterlosen  C.  ein  vaterlicher 
Freund  wurde.  Die  dem  Verfasser  des  Deutschlandliedes  eigentumliche  Mi- 
schung  naturwiichsiger  poetischer  Improvisationsgabe  und  biederer  Ge- 
lehrsamkeit  ist  nicht  ohne  Eindruck  und  Wirkung  auf  C.  geblieben.  Das 
Lyzeum  seiner  Geburtsstadt  Hannover,  eine  Gelehrtenschule  alten  und  besten 
Stils,  auf  der  er  in  politisch  bewegter  Zeit  heranwuchs,  gab  ihm  strenge  geistige 
Schulung:  es  war  Heinrich  Ludolf  Ahrens,  der  ihm  in  der  Prima  die  Augen 
fur  die  »lebendige«  antike  Welt  offnete  und  den  Ernst  sprachlichen  Studiums 
zum  vollen  BewuBtsein  brachte.  Ihm  fiihlte  er  sich  sein  ganzes  Leben  mehr 
als  irgendeinem  seiner  Universitatslehrer  zu  grenzenlosem  Dank  verpflichtet 
und  huldigte  ihm  schriftlich  und  miindlich,  so  oft  er  nur  konnte  (vgl.  auch 
das  Vorwort  zu  H.  L.  Ahrens,  Kleine  Schriften,  I,  1891).  Seinen  immer  regen 
Bildungshunger  suchte  er  durch  die  bunteste  Privatlektiire  zu  stillen;  schon 


238  I9i8 

als  Gymnasiast  hat  er  seine  besonderen  Lieblinge  Heinrich  v.  Kleist  und  Karl 
Immermann  entdeckt,  der  scheinbar  zufallige  Erwerb  der  kdstlichen  Basler 
Folio- Ausgabe  des  Petrarca  ist  gleichsam  das  Symbol  seiner  humanistischen 
Bestimmung. 

Als  C.  Ostern  1875  an  die  Universitat  Leipzig  kam,  um  klassische  Philo- 

logie  zu  studieren,  war  das  Gestirn  Friedrich  Ritschls  kurz  vor  dem  Erloschen 

(t  Nov.  1876);  es  ist  bezeichnend,  daB  ihm  bei  aller  Hochachtung  vor  der 

disciplina   Ritscheliana  seine  Schriftstellerinterpretation    »damals  meist    im 

Handwerklichen  steckenzubleiben  schien«.   Zunachst  zogen  ihn  tiberhaupt 

die   Germanisten   starker   an,   unter   ihnen   besonders    Rudolf   Hildebrands 

reicher  und  feiner  Geist;  ja  es  muB  damals  die  Gefahr  bestanden  haben,  daB 

ihn  der  von  kleinauf  leidenschaftliche  Hang  zur  Musik  ganz  der  Wissenschaft 

entfuhrte.  Klarend  und  befreiend  hat  die  groBe  Reise  gewirkt,  die  er  als 

Begleiter  einer   deutschamerikanischen    Familie    nach  seinem   5.    Semester 

im  Jahre  1877 — 1878  durch  Siiddeutschland,  Italien  und  Frankreich  machen 

konnte.  Jetzt  tritt  die  griechisch-romische  Antike  als  die  sein  Leben  bestim- 

mende  GroBe  in  den  Mittelpunkt  und  alle  anderen  Neigungen  ordnen  sich 

dem  einen  Ziele  unter.  Von  seiner  Riickkehr  nach  Leipzig  an  konzentriert 

er  sich  unter  Otto  Ribbecks  teilnahmsvoller  Leitung  ganz  auf  die  klassischen 

Studien,  als  deren  erstes  bedeutendes  Ergebnis  seine  Dissertation  de  Babrii 

aetate  1879  erschien.  Daran   schloB   sich   das  Staatsexamen  und  seine  An- 

stellung  als  Gymnasiallehrer  zuerst  am  Gymnasium  zu  Dresden-Neustadt, 

dann  nach  dem  Militarjahr  1881/82  in  Leipzig  an  der  Thomasschule  bis  1886: 

seiner  praktischen  Tatigkeit  im  Schuldienst  hat  er  immer  in  treuer  Dankbar- 

keit  gedacht.  Aber  schon  im  Mai  1883  habilitierte  er  sich  mit  einer  Arbeit 

iiber  die  antiken  Paromiographen,  die  ihn  sofort  in  die  vorderste  Linie  der 

jiingeren  Philologen  stellte.  Nachdem  er  sich  1885  mit  Franziska  v.  Bihl  ver- 

mahlt  hatte  (von   den  beiden  Sohnen  ist  der  altere,  Otto  C,  Musiker,  der 

jiingere,  Friedrich  C,  Philologe),  konnte  er  Ostern  1886  das  ihm  angebotene 

Jenaer  Extraordinariat  ausschlagen  und  dem  Rufe  an  Erwin  Rohdes  Stelle 

nach  Tubingen  folgen ;  nach  dessen  f riihem  Tode  folgte  er  ihm  auf  den  Heidel- 

berger  Lehrstuhl  1898  (nachdem  er  Halle  abgelehnt  hatte)  und  ging  schlieB- 

lich   (nach  Ablehnung  eines  Wiener  Rufes)   1903  als  Nachfolger  Wilhelm 

v.  Christs  nach  Miinchen,  wo  er  1915  zum  Prasidenten  der  bayerischen  Aka- 

demie  gewahlt  wurde.   Dieser  rasch  ansteigende  und   auBerlich  glanzende 

cutsus  honor  um  war  nur  die  gemaBe  Anerkennung  seiner  Fahigkeiten,  deren  er 

sich  selbst  stets  kraftvoll  bewuBt  war.  In  den  letzten  Tagen  des  schweren 

Jahres  1918  setzte  ein  Gehirnschlag  seinem  Leben  ein  jahes,  vollig  uner- 

wartetes  Ende. 

Die  Leistungen  des  Forschers  liegen  zunachst  auf  festumgrenzten,  der 
hohen  und  klassischen  Literatur  f ernen  Gebieten :  schon  bei  der  Dissertation 
iiber  die  Lebenszeit  des  Babrios  ist  das  Wesentliche  nicht  das  chronologische 
Ergebnis  (das  ja  auch  durch  die  Papyrusfunde  eine  Korrektur  erfahren 
muBte),  sondern  das  lebendige  Verstandnis  der  antiken  Fabel  als  einer  Aus- 
drucksform  griechischen  Volksgeistes  und  die  souverane  Beherrschung  der 
weit  iiber  die  Antike  hinaus  reichenden  Fabelliteratur.  Fiir  Babrios  hat  C. 
1897  die  maBgebende  Edition  besorgt;  die  weiter  greifenden  Plane  muBten 
unvollendet  bleiben :  sowohl  das  Corpus  fabidarum  Aesopicarum  (mit  Hausrath 


Crusius  23Q 

u.  a.),  wie  eine  Geschichte  der  antiken  Fabel  und  ihres  Nachlebens.  Was  C. 
19 13  »aus  der  Geschichte  der  Fabel «  als  Einleitung  zu  Kleukens  popularem 
Buch  der  Fabeln  veroffentlichte,  sind  kostliche  Proben  reifer  geschichtlicher 
Einsicht,  die  den  Verzicht  auf  das  Ganze  tun  so  bitterer  empfinden  lassen. 
Neben  der  Fabel  gait  seine  Arbeit  dem  Marchen,  den  Sprichwortern,  den 
religiosen  Brauchen  und  Vorstellungen  des  Volkes:  insbesondere  sollte  der 
reiche  Schatz  der  griechischen  Sprichworter,  den  er  kannte  und  liebte  wie 
keiner,  gehoben  werden.  Seine  Analecta  ad  paroemiographos  Graecos  1883 
legten  die  aufierordentlich  verwickelte  Uberlieferung  der  vorhandenen  Samm- 
lungen  klar  und  sind  noch  heute  das  einzige  Buch,  das  den  Zugang  zu  ihnen 
eroffnet;  denn  so  viel  er  (z.  T.  mit  Iy.  Cohn  zusammen)  spater  noch  zu  den 
Paromiographen  veroffentlicht  hat  (Plut.  de  proverb.  1887  u.  1895,  Ver- 
handlg.  d.  40.  Phil.-Vers.  Gorlitz  1890,  Philol.  Suppl.  1891,  Sitz.-Ber.  d. 
bayer.  Akad.  1910),  auch  hier  ist  das  am  Anfang  sicher  ins  Auge  gefafite  eigent- 
liche  Ziel,  ein  neues  Corpus  Paroemiographorum  Graecorum  (sehr  verschieden 
von  dem  alten  Gottinger)  zu  schaffen,  nicht  erreicht  worden.  Weit  zerstreut 
sind  seine  religionsgeschichtlichen  und  volkskundlichen  Aufsatze  von  der 
I^eipziger  Zeit  (Artikel  fur  Ersch  und  Gruber,  Roscher  u.  a.)  bis  zum  Beitrag 
in  der  Kuhn-Festschrift  (1916):  sie  sind  in  ihrer  Mehrzahl  Interpretations- 
versuche,  meist  von  Dichterstellen,  und  insofern  echte  Philologie.  Von  den 
dunkelsten  Regungen  der  Volksseele  und  ihren  primitiven  Ausdrucksformen 
wird  der  Weg  gesucht  zu  den  erhabensten  AuBerungen  griechischen  Geistes 
in  Lyrik  und  Drama.  Die  zeitliche  Bedingtheit  dieser  Arbeiten  offenbart  sich 
wohl  in  der  Herubernahme  mancher  »folkloristischen«  Hypothese:  aber  im 
letzten  Grunde  wurzeln  sie  doch  noch  in  den  Anschauungen  der  von  der 
romantischen  Geistesbewegung  mitbestimmten  »historischen  Schule«.  Jacob 
Grimm  hat  er  immer  mit  bewufitem  Nachdruck  »den  grofiten  Philologen* 
genannt,  und  unter  den  Altertumsforschern  verehrte  er  Otfried  Muller  als  den 
genialsten;  Wilh.  Mannhardt  aber  pries  er  unaufhorlich  als  den  Forscher, 
der  in  rastloser  Arbeit  das  Gemeinsame  in  antikem  und  nordischem  Volks- 
glauben  aufgedeckt  hatte.  Den  vom  Teubnerschen  Verlag  ausgehenden  Plan 
einer  Sammlung  seiner  Beitrage  zur  alten  Folklore  und  Dichtung  vereitelte 
der  Ausbruch  des  Krieges. 

Eine  seltsame  Gabe  der  tv%?]  war  fiir  ihn  der  1890  wiedergefundene  Heron- 
das:  der  »volksmaJ3ige«  Inhalt,  il  piccolo  mondo  antico,  vor  allem  zog  ihn  an 
und  lieB  ihn  fiir  Ausgabe  (1892,  5.  Aufl.  1914),  Untersuchungen  (1892),  Uber- 
setzung  (1893,  2.  Aufl.  von  Rudolf  Herzog  1927)  in  schneller  Folge  sorgen. 
(Viele  Einzelbeitrage  im  Philologus  bis  zu  dem  nachgelassenen  von  R.  Herzog 
veroffentlichten  Stiick  Philol.  79,  1924.)  GewiB  war  er  seinen  vorausliegenden 
Studien  nach  besonders  zum  Interpreten  dieses  Dichters  geriistet,  aber  die 
rasche  und  sichere  Art,  mit  der  er  in  wenigen  Monaten  den  schwierigen  Text 
alien  Fernerstehenden  zuganglich  machte,  ist  verbluffend.  Diese  Tatigkeit 
des  unmittelbaren  Eingehens  auf  das  Neue,  das  vor  allem  der  sich  gerade 
damals  offnende  Boden  Agyptens  brachte,  macht  viele  Jahrgange  des  seit 
1886  von  ihm  redigierten  Philologus  zu  einer  sehr  anregenden  Lektiire. 
Neue  Funde  gaben  ihm  auch  Gelegenheit,  seine  unter  Philologen  einzigartige 
Kenntnis  antiker  Musiktheorie,  die  er  sich  als  Musikf reund  und  Musiker  fruh 
erworben  hatte,  f ruchtbar  zu  machen :  er  hat  in  den  ratselhaften  Zeichen  auf 


24O  I9i3 

dem  Grabstein  des  Seikilos die Musiknoten  erkannt  (i  891,  ausgefuhrt  1893),  hat 
auf  dem  Orestes-Papyrus  die  Instrumental-  von  den  Vokalnoten  unterschieden 
(1893)  und  hat  die  delphischen  Hymnen  in  einem  Buche  (1894)  behandelt, 
in  dem  besonders   die   Ausfuhrungen   iiber   das  Verhaltnis  von  /u^Aog  und 
Sprachakzent  wichtig  und  unmittelbar  einleuchtend  sind.  Der  beste  Kenner 
griechischer  Musik,  Hermann  Abert   (t  am  13.  Aug.  1927)  hat  bei  seiner  An- 
trittsrede  in  der  Berliner  Akademie   (Sitz.-Ber.  1925,  XCVI)  fur  seinen  Tii- 
binger  Lehrer,  der  seiner  Laufbahn  die  entscheidende  Wendung  gegeben  hat, 
«in  begeistertes  Bekenntnis  abgelegt.  —  Im  Gegensatz  zu  alien  bisher  genannten 
Arbeiten  war  die  fliichtige  Revision  und  Erganzung  der  Bergk-Hillerschen 
Anthologia  lyrica  1897  (alle  spateren  Drucke  sind  nur  mechanische  Wieder- 
holungen)  eine  Not-  und  Pflichtarbeit.  Die  Notwendigkeit  einer  volligen  Neu- 
gestaltung  dieser  unentbehrlichen  handlichen  Textausgabe  der  griechischen 
Lyriker  hat  niemand  schmerzlicher  empfunden  als  C.  selbst,  der  ja  eine  Zeit- 
lang  auch  die  Erneuerung  des  groBen  Bergk  plante  und  in  den  Artikeln  der 
ersten  fiinf  Bande  der  Real-Enzyklopadie  (bis  1905)  skizzenhafte  Lyriker- 
Portrats  und  Entwicklungsgeschichten  lyrischer  Dichtformen  (Dithyrambus, 
Elegie)  entwarf :  aber  wie  andere  oben  schon  genannte  Teile  seines  Lebens- 
werkes  blieb  auch  die  Arbeit  an  den  griechischen  Lyrikern  fragmentarische 
Hindeutung  auf  ein  groBes  Ziel.  Hier,  bei  den  Lyrikern,  glaubte  er —  wahrend 
es  ihm  bei  der  Fabel,  beim  Sprichwort  u.  a.  um  allgemeine  Volkergedanken 
und  naives  Volkstum  zu  tun  war  —  die  Macht  der  »Personlichkeit«  in  ihrer 
eigentiimlich  griechischen  Pragung  am  unmittelbarsten  zu  fassen.  Doch  hat 
er  das  in  den  gedruckten  Arbeiten  kaum  angedeutet,  ausgefuhrt  hat  er  solche 
Gedanken  nur  in  den  Vorlesungen.  Es  vermogen  ja  uberhaupt  weder  die 
kleine  Zahl  der  vollendeten  Werke  noch  die  Unzahl  von  Werkstticken  in 
Einzeluntersuchungen  und  Aufsatzen  (ca.  150  ohne  die  80  Artikel  bei  Ersch 
und  Gruber,  Roscher  und  Pauly-Wissowa,  dazu  die  wirklich  zahllosen  Rezen- 
sionen  im  Literar.  Zentralbl.)  einen  Begriff  von  dem  zu  geben,  was  C.  liber 
die  Antike  sagen  wollte  und  konnte.  Das  haben  nur  seine  Horer  erfahren,  die, 
in  glucklichen  Stunden  das  lebendige  tonende  Wort,  sehr  abhangig  von  der 
Stimmung  und  Eingebung  des   Augenblicks,  vernahmen.  Vom  Anfang  der 
Tiibinger  Zeit  an  hat  er  groBe  darstellende  Hteraturgeschichtliche  Vorlesungen 
gehalten,  die  anfangs  beide  Literaturen  bis  in  die  Kaiserzeit  umfaBten,  sich 
aber  spater  auf  die  griechische  beschrankten  und  schlieBlich  immer  starker 
auf  die  klassische  Epoche  konzentrierten.   Als  wichtigstes  und  eindrucks- 
vollstes  in  30  Jahren  oft  wiederholtes  Hauptkolleg  steht  daneben  das  liber 
Metrik  und  Poetik  der  Griechen  und  Romer,  das  unter  dem  Titel  »Formen- 
lehre  der  antiken  Dichtung«  sein  letztes,  nicht  mehr  vollendetes  sein  sollte. 
Interpretiert  hat  er  in  den  Vorlesungen  vor  allem  Aristophanes,  Aeschylus, 
Theokrit,  dagegen  Homer  und  Sophokles  erst  in  Miinchen.  Und  diese  spatere 
Zeit,  in  der  er  die  in  Heidelberg  (1901)  aufgenommene  »Griech.  Volkskunde* 
nur  selten  wiederholte,  hat  neben  einer  umfassenden  Vorlesung  iiber  Ge- 
schichte  der  Philologie  (zuerst  1904/05)  eine  iiber  die  Antike  im  19.  Jahrhundert 
gezeitigt  (zuerst  1904);  im  Krieg  (1915/16)  hat  er  beide  vereinigt  unter  dem 
Titel  »Altertum  und  Deutschtum,  Einleitung  in  das  Studium  der  klassischen 
Philologie «  gehalten.  Off  en  spricht  hieraus,  was  doch  auch  die  Dominante 
aller  anderen  Vorlesungen  war,  das  Bekenntnis  zum  Griechentum. 


Crusius  241 

Damit  erst  erreichen  wir  —  nachdem  mit  Vorbedacht  zuerst  die  Leistungen 
des  Forschers  und  Dozenten  in  ihrer  konkreten  Fiille  und  Vielfaltigkeit  aus- 
gebreitet  wurden  —  den  Punkt,  in  dem  das  Personlichste  und  Allgemeinste 
zugleich  beschlossen  liegt.  Wir  miissen  erkennen,  daB  das  in  alien  Erinnerungs- 
bildern  und  Gedachtnisreden  laut  und  einstimmig  gepriesene  Menschen-  und 
Kunstlertum  in  C.  seine  seelenbezwingende  Macht  von  einer  hoheren  Idee 
her  erhalten  hat.  Er  besaB  das  Charisma  des  echten  Humanisten.  Erst  wenn 
es  gelingen  sollte,  diesen  » Humanismus «  in  seiner  Eigenart  zu  bestimmen 
und  inn  als  eine  Haupttriebkraft  seiner  Philologie  zu  fassen,  diirften  wir  hoffen, 
einer  so  komplizierten  geistigen  Erscheinung,  wie  C.  es  war,  einigermaBen 
gerecht  zu  werden :  vom  Stile  des  Epitaphs  wie  von  dem  der  kritischen  Aus- 
einandersetzung  gleich  weit  entfernt,  wollen  wir  hier  ja  nichts  anderes  als  ihn 
verstehen.  —  Zu  C.s  Lebenszeit  standen  nebeneinander  (um  es  grob  zu  sagen) 
ein  traditioneller  Schulhumanismus,  der  nach  der  Ansicht  der  Wissenschaft, 
so  weit  sie  ihn  iiberhaupt  beriicksichtigte,  nur  von  einem  Scheinbild,  von 
einer  »gedachten«  Antike  lebte,  und  die  reale  Altertumswissenschaft,  die  sich 
um  das  wirkliche  Altertum  bemuhte  und  fur  welche  die  Antike  als  Ideal 
dahin  war.  C.  aber  glaubte,  ohne  die  im  19.  Jahrhundert  vertiefte  und  er- 
weiterte  geschichtliche  Erkenntnis  der  alten  Welt  preiszugeben,  auf  die  Prin- 
zipien  Wilhelm  v.  Humboldts  zuriickgreifen  zu  konnen  und  zu  miissen.  »Das 
Ideal  des  Neuhumanismus  ist  durch  das  Lauterungsfeuer  der  Geschichts- 
wissenschaft  gegangen  und  hat  standgehalten «  (1910).  Fiir  den  Aufbau  der 
antiken  Kultur  selbst  schien  ihm  die  Idee  der  Personlichkeit  und  die  der 
inneren  Freiheit  grundlegend,  entwicklungsgeschichtlich  betrachtet,  stand 
ihm  ihre  Urspriinglichkeit  (im  Volklichen,  Staatlichen,  Individuellen)  und 
der  ewige  Symbolgehalt  fiir  die  europaische  Kulturgemeinschaft  fest.  Die 
Griechen  sind,  wie  er  in  immer  neuen  Variationen  ausgefiihrt  hat,  die  Schopfer 
und  Trager  der  Bildungsidee :  Humboldt  und  jeder,  der  an  geschichtlich 
Gegebenes  ankniipfen  will,  muB  sich  an  sie  als  die  Erzieher  wenden.  Die 
Romer  galten  ihm  —  so  sehr  er  ihrer  Eigenart  sonst  gerecht  zu  werden 
versuchte —  unter  diesem  Gesichtspunkt  nur  als  die  Vermittler,  dieBotschaft 
vom  griechischen  Kulturgedanken  zu  bringen  hatten.  Diese  Gesamtanschau- 
ung  vom  Wesen  der  Antike  steht  mehr  oder  minder  deutlich  ausgesprochen 
hinter  alien  seinen  AuBerungen ;  in  den  Publikationen  tritt  ein  (f  reilich  von  dem 
ersten  kaum  zu  trennender)  zweiter  Gesichtspunkt  beherrschend  in  den 
Vordergrund:  die  lebendige  Wirkung  der  Antike  auf  die  Folgezeit.  Zur  Er- 
forschung  des  geschichtlichen  Zusammenhangs  der  alten  Kultur  mit  alien 
spateren  europaischen  versuchte  er  anzuregen  (Das  Erbe  der  Alten,  mit  Zie- 
linski  und  Immisch  seit  1910;  zum  Untertitel  des  Philologus:  Zeitschr.  f.  d. 
klass.  Altertum  fiigte  er  »und  sein  Nachleben«  hinzu  seit  1912);  er  selbst 
ist  vor  allem  dem  Verhaltnis  von  Altertum  und  Deutschtum  nachgegangen. 
Hier  hinwiederum  hat  ihn  naturgemaB  die  Zeit  vor  100  Jahren  lebhaft  be- 
schaftigt,  aber  auch  das  folgende  19.  Jahrhundert,  insbesondere  Nietzsche 
und  die  unmittelbare  Gegenwart.  (Europa  und  der  griech.  Gedanke  in:  Mann- 
haftigkeit  und  Biirgersinn,  Tat-Biicher  10,  1915.  —  W.  v.  Humboldt  und  die 
Erneuerung  des  deutschen  Geistes  im  Zeitalter  der  Befreiungskriege,  Vortrag, 
Miinchen,  1.  2.  1916,  nicht  gedruckt,  mangelhafte  Nachschrift  im  NachlaB.  — 
Der  griechische  Gedanke  im  Zeitalter  der  Befreiungskriege  in:  Mitteilungen 

DBJ  16 


242  1918 

des  Wiener  Ver.  d.  Freunde  des  hum.  Gymn.  17,  1916.  —  Berliner  Vortrag, 
Anf.  Dez.  1917,  Manuskript  im  NachlaB  ohne  Titel,  wohl:  Deutschtum  und 
Altertum;  auch  fiir  Frontvortrage  verwertet.)  »Humboldts  Forderungen  sind 
keine  verganglichen  Theorien  und  Geschmacksurteile,  sie  sind  gewisser- 
maBen  die  Funktionsformeln  des  deutschen  Geisteslebens  und  sie  bezeichnen 
die  Integration  deutschen  Wesens  in  der  Richtung  zum  Europaischen  und 
Menschlichen.  Die  lebendigen  Machte  der  Personlichkeiten  und  Nationali- 
taten  (nicht  allgemeine  Lehrsatze  und  Anweisungen)  sind  das  wahrhaft  Bil- 
dende. «  Das  Wissen  um  die  Grundkrafte  hellenischen  Geistes  wirkt  unmittel- 
bar  ins  eigene  Leben,  und  aus  der  eigenen  Lebendigkeit  nur  laBt  sich  das  Grie- 
chentum  verstehen.  Die  Gestaltung  des  eigenen  Selbst  und  die  werthafte  Er- 
fassung  der  Antike  bedingen  sich  also  gegenseitig.  Der  »zwanglose«,  191 1 
gedruckte  Vortrag:  Wie  studiert  man  klassische  Philologie?  sollte  zu  einem 
Buche  in  humanistischem  Geist:  »Philologiestudium  und  die  Bedeutung  der 
Antike «  ausgearbeitet  werden.  Es  ist  im  Grunde  das  humanistische  Ethos, 
das  ihn  zu  dem  innerlich  sonst  so  ganz  anders  gearteten  Rohde  hinzog  und  in 
dessen  Preis  sein  »Biographischer  Versuch*  (1902)  ausklingt;  und  wie  stark 
ihn  die  Problematik  der  »klassischen«  Philologie  bewegt  hat,  zeigen  neben 
diesem  seinem  groBten  und  bedeutendsten  Werk  zu  ihrer  Geschichte  seine 
Aufsatze  iiber  Ribbeck  (Beilage  zur  Allg.  Zeitung  1899,  180,  213),  seine 
Einleitung  zum  II.  Bande  von  Nietzsches  Philologica  (1913),  ja  selbst 
seine  weit  iiber  ihren  unmittelbaren  Gegenstand  hinausgreifende  Rede  auf 
v.  Christ  (1907). 

Alle  Vorbedingungen  fiir  eine  gliickliche  Zusammenfassung  zu  einem  groB- 
angelegten  und  durchgeformten  Werk  schienen  gegeben  zu  sein ;  und  doch  ist 
schlieBlich  das  meiste  in  Ansatzen  haften  geblieben,  gegeniiber  dem  » wahrhaft 
monumentalen  Werk*  eines  Freundes  hat  er  (21.  11. 1909  an  Herm.  v.  Fischer, 
s.  u.  S.  522  ff.)  schaudernd  gesehen,  wie  seine  »Schreiberei  verzettelt  und  zer- 
flattert  ist«.  Er  selbst  wie  andere  haben  die  Last  der  Amter  (oberster  Schulrat 
in  Baden  und  in  Bayern,  Zensurbeirat)  und  Wiirden  (Prasidentschaft  der 
Akademie  und  Generalkonservatorium  der  Sammlungen  des  bayer.  Staates) 
beklagt  und  die  I^ockungen  des  kiinstlerisch-geselligen  I^ebens  in  dem  baye- 
rischen  Capua  (nahe  stand  er  z.  B.  Mich.  Gg.  Conrad,  Josef  Ruederer,  Isolde 
Kurz ;  Otto  Greiner,  Adolf  v.  Hildebrand ;  dem  ganzen  Kreis  der  Siiddeutschen 
Monatshefte).  Aber  die  letzte  Ursache  des  friihzeitigen  und  iiberraschenden 
Nachlassens  der  in  den  Leipziger  und  Tiibinger  Jahren  so  intensiven  Forscher- 
arbeit  liegt  tiefer ;  schon  aus  dem  oben  Ausgefuhrten  ergibt  sich,  daB  ihm  nicht 
wie  den  meisten  seiner  Zeitgenossen  der  hochste  Wert  fachwissenschaftlicher 
Arbeit  an  sich  bedingungslos  feststand,  er  suchte  nach  dem  Sinn  und  er 
suchte  nach  dem  unmittelbaren  tatigen  AnschluB  an  die  Zeit;  er  gehorte 
nicht  zu  den  reinen  Vertretern  des  filog  decogrjTiKOg.  Die  kurz  skizzierten 
Leitgedanken  seiner  humanistischen  Bestrebungen  —  eben  jenes  Suchen 
nach  dem  Sinn  —  ermangelten  schlieBlich  doch  einer  tieferen  Begriindung, 
einer  theoretischen  Verarbeitung ;  Humboldtsche  Ideen  kreuzten  sich  viel- 
fach  mit  ausgesprochen  »romantischen«,  und  die  Wendung  ins  Praktische, 
im  Krieg  dann  besonders  ins  Politische,  hatte  etwas  Plotzliches,  Unorgani- 
sches:  das  In-Beziehung-Setzen  mit  der  Formel  »auch  bei  uns«  und  das 
Jagen  nach  Analogien  war  mitunter  nicht  ohne  Gewaltsamkeit  und  Gefahr. 


Crusius 


243 


Die  standige  Fuhlung  mit  dem  zeitgenossischen  geistigen  Leben  konnte  er 
gar  nicht  entbehren:  »ich  fiihle  die  Verpflichtung  Zeitgenosse  zu  sein,  und  es 
ist  auch  gut,  wenn  man  sich  von  Zeit  zu  Zeit  von  den  literarischen  Nord- 
winden  anblasen  laBt .  .  . «  (an  H.  v.  Fischer,  12.  12. 1905).  So  schon  eine  solche 
Offenheit  fiir  alles  Lebendige  ist,  die  Winde  der  Zeit  bliesen  zu  heftig  und  nicht 
immer  giinstig.  Wenn  bei  ihm  statt  fester  Gedankengefuge  und  Gestaltungen 
eine  lose  Folge  von  » Impressionen «  entsteht,  so  ist  das  Zeitstil,  und  wenn 
»Leben«  »Lebendigkeit«  j»Erleben«  einen  breiten  Raum  in  seinem  Wortschatz 
beanspruchen,  so  erkennen  wir  auch  daran  den  Zeitgenossen  der  )>I^bens«- 
Philosophie,  ja  der  Biologie,  nicht  den  Erben  der  Grimm  und  O.  Muller. 
GewiB  war  auch  seine  Sprache  »lebendig«  und  kaum  war  einer,  selbst  in  der 
kleinsten  und  intimsten  philologischen  Untersuchung,  vom  Pedantismus 
deutschen  Gelehrtenstils  f reier  als  C. ;  angeborenes  kiinstlerisches  Empfinden 
und  ohne  Frage  auch  die  Lehre  des  groBen  Sprachmeisters  Rudolf  Hilde- 
brand  wirkten  gliicklich  zusammen,  aber  seine  Starke  lag  im  Aper9u,  im 
Aphorismus,  im  Impromptu,  nicht  in  einer  groBeren  und  geschlossenen  Form. 
Darum  hat  er,  wie  etwa  bei  der  Fabel,  immer  wieder  Fragmente  herausgegeben, 
weil  ihn  das  Ganze  in  der  Form  nie  befriedigte.  Es  war  die  innere  Erregung 
der  Kriegszeit  und  das  Drangen  des  Verlages,  was  ihn  zur  Sammlung  und 
Veroffentlichung  eigener  poetischer  Improvisationen  veranlaBte  (Heilige  Not 
1916):  den  Durchschnitt  von  Professorenpoesie  erheblich  iiberragend,  sind 
sie,  auch  wo  sie  sich  volkstumlich  geben,  geschmackvoll  und  sehr  gebildet. 
Immer  dringender  wurden  die  Forderungen  des  »Lebens«  von  alien  Seiten, 
gehetzt  und  atemlos  muBte  er  immer  ofter  von  dem  Wege  abschweifen,  auf 
dem  er  nach  dem  hohen  Sinn  fiir  seine  Wissenschaft  suchte ;  das  Ziel  f reilich 
»schwebte  ihm  (um  eine  seiner  charakteristischen  Iyieblingswendungen  zu 
gebrauchen)  vor  Augen«,  bis  den  Rast-  und  Ruhelosen  die  Gotter  vom  un- 
vollendeten  Lebenspfad  entrafften.  Aber  in  confinio  duorum  saeculorum 
seine  Stimme  weithin  pro  humanitate  erhoben  zu  haben,  ist  etwas  so  Beson- 
deres  und  GroBes  und  in  die  Zukunft  Weisendes,  daB  es  auch  ohne  die  Gnade 
der  endlichen  Erfullung  des  dauernden  Gedachtnisses  wiirdig  und  gewiB  ist. 

Literatur:  Von  seiner  Kindheit  und  Jugend  bis  zura  Abiturium  erzahlt  C.  selbst  bei 
A.  Graf,  Schiilerjahre,  191 2,  S.  65 — 84;  bei  W.  Zils,  Geistiges  und  kiinstlerisches  Miinchen 
in  Selbstbiographien,  19 13.  S.  50 — 56,  spricht  nicht  C.  selbst,  aber  er  hat  dem  Heraus- 
geber  sehr  ausfiihrliche  (schriftliche  und  miindliche  ?)  Unterlagen  geliefert.  —  Eine  voll- 
standige  Bibliographie  aller  Veroffentlichungen  (einschliefllich  der  Rezensionen)  bis  zum 
Jahre  1909  s.  im  Almanach  d.  bayer.  Akad.der  Wiss.zum  150.  Stiftungsfest  1909,  S.  205 
bis  216.  —  Der  ausfiihrliche  Nekrolog  von  K.  Preisendanz,  Bursians  Jahresbericht  f.  d. 
Altertumswissenschaft,  Bd.  185  B,  1920  (57  S.)  verwertet  menschlich  interessantes  Brief- 
material.  —  Kiirzere  Nachrufe:  W.  Schmid,  Wiirttemberg.  Korrespondenzblatt  25  (1918), 
S.  186  ff.;  A.  Rehm,  Jahrbuch  d.  bayer.  Akad.der  Wiss.  1919,  S.  8  ff.;  L.  Rademacher, 
Akad.  der  Wiss.  in  Wien,  Almanach  f.  1919,  S.  231  ff.;  R.  Pfeiffer,  Liter.  Beilage  z.  Augs- 
burger  Postzeitung  1919,  S.  1 ;  K.  Rupprecht,  Siiddeutsche  Monatshefte,  Mai  1919,  S.  142. 
—  Der  handschriftliche  NachlaC  ist  in  den  Hiinden  der  Familie  (Miinchen,  Isabella- 
strafle  26) ;  zwei  ungedruckte  Vortrage  aus  der  Kriegszeit  uber  humanistische  Probleme 
sind  oben  benutzt,  ebenso  der  (schon  von  Preisendanz  herangezogene)  Brief wechsel  mit 
H.  v.  Fischer.  Fiir  die  Uberlassung  der  Handschriften  sowie  fiir  andere  aufschluBreiche 
Mitteilungen  bin  ich  Dr.  Friedrich  Crusius  dankbar  verpflichtet. 

Freiburg  i.  Br.  Rudolf    Pfeiffer. 


244  I9lS 

Eichhorn,  Hermann  v.,  Koniglieh  preuBischer  Generalfeldmarschall,  *  am 
i3.Februar  1848  in  Breslau,  f  (durch  Bombenanschlag)  am  30.  Juli  1918  in 
Kiew.  —  Unter  den  Fiihrern  des  deutschen  Heeres  wahrend  des  Weltkrieges 
wird  man  v.  E.  stets  einen  der  hervorragendsten  Platze  zuweisen  miissen.  v.  E. 
war  aber  nicht  nur  der  bedeutende  Soldat,  dessen  Taten  im  Kampfe  gegen  die 
Russen  zu  den  groBen  Erfolgen  des  Krieges  zahlen,  seine  vielseitige,  tiefe  Bildung 
hat  ihm  den  Ruf  einer  tiberragenden  Personlichkeit  geschaffen.  »Er  gehorte  zu 
jenen  Menschen,  die  man  achtet  und  verehrt,  nicht  weil  die  Fiille  der  Ordens- 
sterne  blendet  oder  die  Wiirde  der  hohen  Stellung  Eindruck  macht,  sondern 
weil  man  die  Warme  ihres  Herzens  und  die  Uberlegenheit  ihres  Geistes  spiirt. « 
»Wer  mit  ihm  zusammen  dienen  durfte,  der  wird  sich  freudig  dieses  ganzen 
Mannes  erinnern.« 

Die  Familie  E.  stammt  aus  dem  Hohenlohischen.  Der  GroB  vater  v.  E.s  war 
der  preuBische  Staatsmann  J.  Friedrich  E.  Dieser  Mainfranke  war  bei  der 
Wiedererhebung  PreuBens  ein  Mitarbeiter  von  Gneisenau  und  Stein  gewesen, 
hatte  dann  hervorragenden  Anteil  an  der  Griindung  des  Zollvereins  gehabt  und 
wurde  schlieBlich  preuBischer  Minister  der  geistlichen  Angelegenheiten.  Aus 
der  Ehe  mit  Amalie  Sack,  der  Tochter  des  Berliner  Oberhofpredigers,  einer 
Frau  »von  hoher  Intelligenz  und  groBter  Zartheit  des  Gefuhls«,  entsproB  als 
Erstgeborener  der  Vater  des  Feldmarschalls,  der  spatere  Regierungsprasident, 
der  am  27.  Februar  1856  in  den  preuBischen  Adelsstand  erhoben  wurde.  Im 
Jahre  1843  fiihrte  dieser  die  Tochter  Julie  des  Philosophen  Friedrich  J.  Schel- 
ling  als  Gattin  heim.  Die  Mutter  v.  E.s  hatte  ein  gutes  Teil  von  ihrem  bedeu- 
tenden  Vater  mitbekommen;  »von  groBer  korperlicher  Schonheit  und  hoher 
Regsamkeit  des  Geistes  gewann  sie  tiefen  und  nachhaltigen  EinfluB  auf  die 
Entwicklung  ihrer  Kinder. « 

Wie  ererbte  Eigenschaften  seinen  Charakter  beeinfluBten  und  andere  ihn 
besonders  auszeichneten,  schildert  Sittmann:  »Die  nordische  Geistesartung 
kam  denn  auch  bei  dem  Feldmarschall  neben  der  siiddeutschen  zu  starkem 
Ausdruck ;  aus  einer  Mischung  beider  laBt  sich  das  Wesen  des  Mannes  gut  er- 
klaren.  Mit  einer  auBerordentlichen  L,ebhaftigkeit  und  Beweglichkeit,  mit  einer 
starken  Begeisterungsfahigkeit  fiir  ethische  und  asthetische  Werte,  mit  einer 
iiberraschenden  Vielseitigkeit  der  Interessen  vereinigte  der  Geist  des  Feld- 
marschalls eine  durchdringende  Scharfe  des  Blickes,  der  nie  an  der  Oberflache 
haften  blieb,  ein  scharfes  Herausarbeiten  der  Zusammenhange,  eine  Zahigkeit 
im  Erwarten,  eine  Kraft  im  Festhalten  und  eine  Sicherheit  im  Einordnen  des 
geistigen  Gewinnes. «  Bildung  und  Wissen  waren  bei  ihm  nicht  Selbstzweck. 
Wenn  er  sprach,  war  es  gehaltvoll  und  klar,  immer  den  Kern  der  Sache  er- 
fassend,  seine  Reden  und  Gedanken  getragen  von  tiefer,  gliihender  Vaterlands- 
liebe.  Von  seinen  Lippen  kamen  stets  nur  Worte  der  Gerechtigkeit.  Uber  seine 
ganze  Personlichkeit  schwebte  der  Zauber  gewinnender  Ritterlichkeit  und 
Herzensgiite.  In  alien  Stellungen  der  Friedens-  und  Kriegszeit  war  er  nicht  nur 
Soldat  und  Vorgesetzter,  sondern  auch  Kamerad  und  vaterlicher  Freund.  An 
sich  selbst  stellte  v.  E.  die  hochsten  Anforderungen ;  er  war  strengster,  vor- 
bildlicher  Pflichtbegriff,  eine  Verkorperung  der  Selbstzucht.  Der  echte  und 
frische  Soldatengeist  verlieh  ihm  noch  im  hohen  Alter  die  Spannkraft  eines 
Junglings. 

Als  zweiter  von  drei  Sohnen  geboren,  besuchte  v.  E.,  in  altpreuBischer  Ein- 


Eichhorn  245 

fachheit  und  Sparsamkeit  erzogen,  zunachst  das  Gymnasium  in  Breslau  und  be- 
stand  dann  in  Oppeln,  wohin  sein  Vater  versetzt  worden  war,  das  Abiturienten- 
examen.  Am  1.  April  1866  trat  er  als  Dreijahrig-Freiwilliger  mit  Aussicht  auf 
Beforderung  in  das  2.  Garderegiment  zu  FuB  ein.  Schon  als  Unteroffizier  nahm 
er  an  dem  Feldzuge  gegen  Osterreich  teil  und  kampfte  bei  Soor,  Koniginhof  und 
Koniggratz  in  den  Reihen  seines  Regiments.  Am  6.  August  wurde  v.  E.  Portepee- 
fahnrich,  genau  einen  Monat  spater  ebenfalls  ohne  Examen  Sekondeleutnant. 
Mit  dem  2.  Gardelandwehrregiment  zog  er  in  den  Krieg  gegen  Frankreich,  und 
wurde  dann  mit  diesem  bei  der  Belagerung  von  StraBburg  und  vor  Paris  ein- 
gesetzt.  Seit  dem  Marz  1872  schmuckte  ilin  das  Eiserne  Kreuz  II.  Klasse;  im 
Oktober  des  gleichen  Jahres  wurde  er  zur  Kriegsakademie  kommandiert.  Hier 
fand  er  in  dem  spateren  Generalfeldmarschall  v.  Hindenburg  und  dem  General 
der  Kavallerie  v.  Bernhardi  » Alters-,  Arbeits-  und  Gesinnungsgenossen«.  1873 
erhielt  er  seine  Beforderung  zum  Premierleutnant.  Nach  Beendigung  des  Kom- 
mandos  zur  Kriegsakademie  tat  v.  E.  in  seinem  alten  Regiment  Dienst,  war 
auch  wenige  Monate  Regimentsadjutant,  bis  er  am  18.  Mai  1876  auf  ein  Jahr  zur 
Dienstleistung  beim  GroBen  Generalstabe  kommandiert  wurde.  Von  1877  bis 
1879  war  v-  E.  dann  Adjutant  der  60.  Infanteriebrigade  in  Metz,  wurde  auch  hier 
am  8.  Juni  1878  iiberzahliger  Hauptmann.  Im  Dezember  1879  bekam  er  als 
Kompagniechef  die  12.  Kompagnie  im  2.  Garderegiment  zu  FuB. 

Am  2.  Marz  1880  verheiratete  sich  v.  E.  in  Berlin  mit  Jenny  Jordan  (f  22.  April 
1925),  der  zweiten  Tochter  des  Geh.  Legationsrates  im  Auswartigen  Amt,  Wil- 
helm  Jordan.  »  Jahre,  in  denen  manche  ernste  Sorge  an  sie  herantrat,  haben  das 
Paar  fester  aneinandergekettet,  als  UberfluB  und  GenuB  es  vermocht  haben. 
So  wurden  die  Eheleute  eine  Einheit,  in  der  man  sich  den  einen  Teil  ohne  den 
anderen  nicht  vorstellen  kann;  die  Arbeit,  die  Erfolge,  das  Wesen  des  Mannes 
nicht  ohne  die  umhegende,  ausgleichende,  liebreiche  Fiirsorge  der  Gattin,  die 
geistige  Hohe  und  die  Herzenstiefe  der  Frau  nicht  ohne  die  Leitung  und  Forde- 
rung  durch  den  Mann.  Als  starkstes  einigendes  Band,  starker  fast  noch  als  die 
Sorge  fur  die  Kinder,  umschlang  das  Paar,  wie  das  groBelterliche,  die  gluhende 
Vaterlandsliebe. «  Uberall  wurde  sein  Haus  die  Statte  hochstehenden  geistigen 
Verkehrs.  Aus  dem  Ehebunde  sind  in  den  Jahren  1880 — 1883  zwei  Sonne  und 
eine  Tochter  entsprossen. 

Im  Januar  1883  erneut  zum  GroBen  Generalstabe  kommandiert  wurde  v.  E. 
einen  Monat  spater  dem  Generalstabe  der  30.  Division  mit  dem  Standort  in  Metz 
zugewiesen.  Am  15.  Mai  erfolgte  dann  unter  Belassung  in  der  bisherigen  Dienst- 
stelle  seine  Versetzung  in  den  Generalstab  der  Armee.  Von  1884 — 1888  finden 
wir  v.  E.  als  Generalstabsoffizier  bei  der  5.  Armeeinspektion  in  Karlsruhe; 
Generalinspekteur  war  damals  General  der  Kavallerie  Friedrich,  GroBherzog 
von  Baden.  Am  20.  Februar  1886  zum  Major  befordert,  wurde  v.  E.  Weih- 
nachten  1888  in  den  Generalstab  der  2.  Division  versetzt.  Elf  Monate  spater 
wurde  er  zur  Dienstleistung  beim  Generalkommando  des  I.  Armeekorps  kom- 
mandiert, im  Marz  1890  in  den  Generalstab  des  soeben  gebildeten  XVII.  Armee- 
korps versetzt.  Nachdem  v.  E.  am  16.  Mai  1891  zum  Oberstleutnant  befordert 
war,  erhielt  er  am  19.  September  1891  seine  Versetzung  in  den  GroBen  General- 
stab, einen  Monat  spater  seine  Emennung  zum  Abteilungschef.  Im  gleichen 
Jahre  hatte  an  Stelle  des  Grafen  Waldersee  der  General  Graf  Schlieffen  das 
verantwortungsvolle  Amt  als  Chef  des  Generalstabes  ubernotnmen. 


246  I9i8 

Im  Mai  1892  muBte  v.  E.  seinen  Wohnort  Berlin  mit  Karlsruhe  vertauschen, 
wohin  er  als  Chef  des  Generalstabes  des  XIV.  Armeekorps  versetzt  wurde.  Sein 
Kommandierender  General  war  hier  der  General  der  Inf  anterie  v.  Schlichting. 
Mit  diesem  geistreichen  Manne  und  bekannten  Lehrmeister  blieb  v.  E.  auch 
spater  in  warmer  Freundschaft  verbunden.  Am  14.  Mai  1894  Oberst  geworden, 
wurde  v.  E.  nach  einer  ununterbrochenen,  iiber  zwolf  Jahre  sich  hinziehenden 
glanzenden,  aber  arbeitsreichen  Tatigkeit  im  Generalstabe  zum  Kommandeur 
des  Leibgrenadierregiments  Nr.  8  in  Frankfurt  a.  O.  ernannt.  Hier  »zeigte  er 
sich  vom  ersten  Tage  an  als  eine  allem  Kleinlichen  fernstehende,  vom  vater- 
lichen  Wohlwollen  namentlich  fur  die  jiingeren  Kameraden  erfullte  Personlich- 
keit,  der  man  das  Geniale  und  tJberragende  ihres  Wesens  von  vornherein 
instinktiv  anmerkte  «.  Im  besonderen  MaJ3e  pflegte  er  die  feldmaBige  Gefechts- 
ausbildung  seines  Regimentes.  Seine  Ernennung  am  16.  Februar  1897  zum  Chef 
des  Generalstabes  des  VI.  Armeekorps  loste  jedoch  nicht  auf  ewig  die  Bande, 
v.  E.  hat  stets  eine  grofle  Anhanglichkeit  an  das  Regiment  bewahrt.  Noch  in 
demselben  Jahre  zum  Generalmajor  befordert,  wurde  v.  E.  am  8.  Oktober  1898 
Kommandeur  der  18.  Infanteriebrigade  in  Liegnitz.  Nachdem  er  dann  zunachst 
als  Generalleutnant  die  9.  Division  in  Glogau  wenige  Wochen  vertretungsweise 
gefuhrt  hatte,  erfolgt  am  4.  Juni  1901  seine  Ernennung  zum  Divisionskomman- 
deur. 

Am  1.  Mai  1904  wurde  v.  E.  zum  Kommandierenden  General  des  XVIII. 
Armeekorps  in  Frankfurt  a.  M.  ernannt,  am  24.  Dezember  1905  zum  General 
der  Infanterie  befordert.  Am  6.  Juni  1908  wurde  v.  E.  d  la  suite  des  Leib- 
grenadierregiments  Nr.  8  gestellt,  am  1.  Januar  191 2  durch  die  Verleihung  des 
Schwarzen-Adler-Ordens  weiterhin  ausgezeichnet. 

Diese  Stellung  war  eine  nicht  ganz  einfache.  Mit  Vorsicht,  Klugheit  und  Takt 
muBten  Klippen  und  Schwierigkeiten  iiberwunden  werden,  welche  haufige 
Besuche  des  Kaisers  im  Taunus,  Anschauungen  der  Frankfurter  Gesellschaft 
und  der  Umstand  bedingten,  dafl  das  GroBherzogtum  Hessen  einen  Teil  des 
Korpsbezirkes  bildete.  v.  E.  zeigte  sich  aber  auch  diesen  Anforderungen  voll 
und  ganz  gewachsen.  Seine  langjahrige  Tatigkeit  als  Kommandierender  General 
ist  von  ausschlaggebender  Bedeutung  fur  die  Entwicklung  und  Ausbildung  der 
Armee  geworden.  Fast  an  jeder  der  neuen  Dienstvorschriften  hat  v.  E.  hervor- 
ragenden  Anteil  gehabt.  So  war  er  als  Kommissionsmitglied  bei  der  Umarbei- 
tung  des  Infanterie-Exerzierreglements  von  1906  bemuht,  seine  Gefechtsgrund- 
satze  durchzusetzen.  Seine  Auffassungen,  die  »mehr  Freiheit  in  der  Gefechts- 
fiihrung,  Durchbildung  der  Unterfuhrer«,  mehr  Personlichkeitsausbildung  ver- 
langten,  brachten  ihn  dabei  oft  in  Gegensatz  zu  seinem  alten  Regiments- 
kameraden  und  Freund,  dem  Kommandierenden  General  des  III.  Armeekorps, 
v.  Biilow  (s.  DBJ.  1921,  S.  52  ff.).  Als  Vorsitzender  der  1907  einberufenen 
Kommission  ftir  die  Ausarbeitung  einer  neuen  Felddienstordnung  ist  dann  v.  E. 
erneut  tatig  gewesen.  Diese  Felddienstordnung  von  1908  ist  »zum  Bestandteil 
der  deutschen  klassischen  Prosa  geworden  <(,  sie  zeigt  »in  Form  und  Inhalt,  im 
Aufbau  und  Gliederung  die  starken  Spuren  der  Personlichkeit  des  Vorsitzen- 
den  der  Kommission «.  Auch  praktisch  wuJ3te  v.  E.  der  Truppe  die  Neuerungen 
und  Erfahrungen  der  letzten  Kriege  zunutze  zu  machen  und  sein  Korps  tak- 
tisch  auf  eine  besonders  hohe  Ausbildungsstufe  zu  bringen.  Seine  Kritiken  und 
Manoverbesprechungen  bildeten  immer  eine  besondere  Anziehungskraft  und 


Eichhom 


247 


wirkten  befruchtend  auf  das  gesamte  Offizierkorps.  Viel  Interesse  zeigte  v.  E. 
fiir  die  Luftwaffe,  obgleich  man  damals  noch  nicht  voraussehen  konnte,  welche 
Bedeutung  sie  einst  haben  sollte,  sie  erhielt  durch  ihn  eine  weitgehende  Forde- 
rung,  er  selbst  nahm  sogar  schon  1909  an  einem  groBeren  Uberlandflug  eines 
Zeppelinluftschiffes  teil.  Neben  seiner  dienstlichen  starken  Inanspruchnahme 
blieb  jedoch  noch  Zeit  iibrig,  in  der  v.  E.  eifrig  Vorlesungen  besuchte,  in  der 
schonen  Umgebung  jagte  oder  mit  gebildeten  Off izieren  und  Vertretern  anderer 
Berufe  einen  ungezwungenen  Verkehr  pflegte.  An  der  Entwicklung  von  Frank- 
furt hat  er  in  diesen  Jahren  ebenfalls  Anteil  genommen,  er  fehlte  auch  bei 
keiner  off iziellen  Veranstaltung.  Sehr  ungern  sahen  ihn  daher  weite  Kreise  der 
Stadt  scheiden,  als  er  im  Herbst  1912  zum  Generalinspekteur  der  7.  Armee- 
inspektion  in  Saarbriicken  ernannt  wurde. 

Anf  Grund  einer  solch'  glanzenden  Friedenslaufbahn,  seines  in  so  vielen 
Stellungen  bewahrten  militarischen  Konnens,  seines  in  mehreren  groBen 
Manovern  bewiesenen  Fiihrertalents  war  Generaloberst  (1.  Januar  1913)  v.  E. 
fiir  den  Mobilmachungsfall  zum  Oberbefehlshaber  der  5.  Armee  in  Aussicht 
genommen.  Im  Mai  1914  hatte  aber  v.  E.,  der  trotz  seines  schweren  Gewichtes 
ein  guter  und  passionierter  Reiter  war,  in  Metz  bei  einer  Truppenbesichtigung 
einen  schweren  Unfall  mit  dem  Pferde,  dem  sich  eine  langwierige  Lungen- 
entziindung  anschloB.  Als  der  Krieg  ausbrach,  war  v.  E.  noch  nicht  wieder 
felddienstfahig.  Ein  fiirwahr  tragisches  Geschick  fiir  einen  alten  Soldaten  und 
so  hervorragenden  Offizier,  kein  Wunder,  daB  er  sich  in  jenen  Tagen  selbst  als 
»den  ungliicklichsten  Mann  der  ganzen  Armee «  bezeichnete.  Kaum  genesen, 
erbat  er  Ende  1914  von  seinem  Obersten  Kriegsherrn  die  Erlaubnis,  sich 
zum  Leibgrenadierregiment  8  begeben  zu  diirfen,  das  damals  vor  Soissons 
lag.  Hier  erlebte  v.  E.  die  erfolgreichen  Januar-Kampfe;  diese  ersten  Ein- 
driicke  im  Weltkriege,  schrieb  er  spater,  gehorten  »zu  seinen  schonsten 
Erinnerungen  «. 

Hindenburgs  Feldziige  in  Siid-  und  Nordpolen  endeten  im  Dezember  1914 
im  Stellungskriege  tief  im  polnischen  Gebiet.  Inzwischen  waren  die  Russen 
wieder  in  OstpreuBen  eingef alien.  Eine  neue  Operation  wurde  deshalb  gegen 
diesen  Feind  eingeleitet.  Jetzt  endlich  (26.  Januar  1915)  erhielt  v.  E.  den  lang- 
ersehnten  Befehl  iiber  eine  Armee.  Seiner,  der  neugebildeten  10.  Armee  fieldie 
Aufgabe  zu,  den  iiberlegenen  russischen  rechten  Fliigel  zu  umfassen.  Anfang 
Februar  begann  die  »Winterschlacht  in  Masuren«.  Im  Norden  bei  Insterburg, 
wahrend  vom  eisigen  Wind  aufgepeitschte  Schneemassen  Weg  und  Steg  ver- 
wehten,  fiihrte  v.  E.  seine  Truppen  zum  Angriff  vor.  Mit  wuchtigen  Schlagen 
zertrummerte  er  den  rechten  Fliigel  des  iiberraschten  Feindes  und  eilte  in 
machtiger  Umfassungsbewegung,  unbekiimmert  um  Flanke  und  Riicken,  iiber 
Marjampol  bis  vor  die  Tore  der  starken  Festung  Grodno.  Hier  traf  die  10.  Armee 
mit  dem  iiber  Augustow  kommenden  anderen  Teil  der  deutschen  Zange 
(8.  Armee)  zusammen,  wahrend  die  Masse  der  Russen  in  dem  verschneiten,  weit- 
gedehnten  Augustower  Wald  vergeblich  nach  einem  Ausweg  suchte.  Auch  Ent- 
lastungsvorstoBe  aus  Grodno  gegen  den  Riicken  der  Deutschen  scheiterten. 
Hunger  und  Verzweiflung  fuhrten  fast  die  ganze  eingeschlossene  russische 
Armee  in  Gefangenschaft.  OstpreuBen  war  jetzt  endgiiltig  befreit.  Fiir  diesen 
Sieg  wurde  v.  E.  mit  dem  Eisernen  Kreuz  I.  Klasse  und  durch  ein  ehrenvolles 
Telegramm  seines  Obersten  Kriegsherrn  ausgezeichnet. 


248  I9i8 

Bei  der  Fortsetzung  der  Operation  erwiesen  sich  die  Hindernisse  der  Natur 
starker  als  der  Wille  des  Fuhrers  und  die  Tapferkeit  der  Truppen.  Die  erreichte 
Linie  war  fur  die  10.  Armee  hochst  ungiinstig,  ein  Zuriickschwenken  in  die 
Front  Suwalki — Pilwischki  ergab  sich  mit  zwingender  Notwendigkeit,  zumal 
die  Armee  noch  Teile  zu  anderer  Verwendung  abgeben  muBte.  Bei  dieser  Be- 
wegung  kam  aber  die  EntschluBfreudigkeit  und  Tatkraft  des  Generalobersten 
von  neuem  zum  Ausdruck,  in  den  ersten  Marztagen  erzielte  er  weitere  Erfolge 
gegen  die  Russen,  um  dann  in  der  neuen  Stellung  alle  feindlichen  VorstoBe 
abzuwehren. 

Der  Sommerfeldzug  gegen  RuBland  191 5  ist  stark  beeinfluBt  durch  den 
Gegensatz  zwischen  Hindenburg-Ludendorff  und  dem  Chef  des  Generalstabes 
des  Feldheeres  v.  Falkenhayn.  Bald  nach  der  Erzwingung  der  Narew-Linie 
sollte  aber  auch  die  Armee  v.  E.  neue  Aufgaben  erhalten.  »Der  General  hatte 
sich  bei  mir  schon  dauernd  beklagt,  daB  die  10.  Armee  zu  lange  untatig  ware«, 
schreibt  Ludendorff.  v.  E.  wurde  jetzt  beauftragt,  die  Belagerung  von  Kowno, 
des  wichtigen  Eckpfeilers  der  nordrussischen  Festungsfront,  vorzubereiten.  Von 
Ende  Juli  ab  schob  v.  E.  seine  Truppen  von  Siidwesten  her  an  die  Werke  heran. 
Am  17.  und  18.  August  erstiirmte  seine  Armee  nach  kurzer  BeschieBung  aus 
schwerstem  Geschiitz  Kowno.  Seit  diesem  Tage  schmiickte  v.  E.  der  Orden 
Pour  le  merite;  die  Verleihung  des  Eichenlaubs  erfolgte  bald  darauf  nach  der 
Einnahme  von  Wilna. 

Die  Ersturmung  von  Grodno  bestarkte  den  Oberbefehlshaber  Ost  darin, 
die  Offensive  nunmehr  mit  den  eigenen  Mitteln  zu  wagen,  obgleich  er  sich 
dessen  bewuBt  war,  daB  der  gtinstigste  Zeitpunkt  fiir  den  StoB  Din  die  Herz- 
gegend  des  russischen  Heeres«  verpaBt  war.  Anfang  September  begann  der 
Vormarsch  der  Armee  Eichhorn.  Mit  Wucht  und  Leidenschaft  wurde  der 
AngrifT  gefuhrt.  Der  Russe  stemmte  sich  jedoch  bei  Wilna  der  deutschen 
Umfassung  entgegen,  wahrend  weiter  sudlich  seine  Korps  in  hartnackigen 
Ruckzugsgefechten  nach  Osten  entwichen.  Unaufhaltsam  drang  indessen  der 
linke  Fliigel  der  10.  Armee  vor,  Reitergeschwader  und  vorderste  Infanterie  ge- 
langten  bis  Wileika,  80  Kilometer  an  Minsk  heran.  Doch  der  Fliigel  erwies  sich 
als  zu  schwach  und  muBte  der  Ubermacht  weichen.  Wilna  fiel  nach  schweren 
Kampfen  in  die  Hand  der  Armee  Eichhorn.  Nach  weiterer,  aber  frontaler  Ver- 
folgung  bezog  die  10.  Armee  Stellungen  bei  Smorgon — Narotsch-See — west- 
lich  Postawy. 

Die  bedrangte  L,age  der  Franzosen  bei  Verdun  veranlaBte  die  Russen  zu  einer 
groBangelegten  Entlastungsoffensive,  sie  wollten  auf  Wilna  durchstoBen.  In 
gewaltiger  Ubermacht  griff  der  Feind  im  Marz  1916  an.  Wahrend  die  Fruhjahrs- 
schneeschmelze  die  deutschen  Graben  mit  eisigem  Wasser  fiillte,  tobte  der 
schwere  Abwehrkampf,  die  feindlichen  Stiirme  erstickten  »im  Blut  und  Sumpf  «. 
Mit  Recht  konnte  Feldmarschall  v.  Hindenburg  am  1.  April  bei  der  Feier  des 
goldenen  Militarjubilaums  v.  E.s  sagen,  »die  Armee  Eichhorn  war  der  ent- 
scheidende  Fliigel  in  der  Winterschlacht,  der  Sturmbock,  der  die  Russen  iiber 
den  Njemen  gejagt  hat,  und  ist  jetzt  der  Prellstein,  an  dem  der  russische  Angriff 
zerschellt  ist  und  zerschellen  wird.« 

Als  dann  Generalfeldmarschall  v.  Hindenburg  zum  Chef  des  Generalstabes 
des  Feldheeres  ernannt  wurde,  ubernahm  v.  E.  unter  Beibehaltung  seines  Ober- 
kommandos  iiber  die  10.  Armee  den  Heeresgruppenbefehl  iiber  die  Armee- 


Eichhorn  249 

gruppe  Scholtz  und  die  8.  Armee.  Den  Truppen  seiner  Heeresgruppe,  der 
nordlichsten  an  der  weitgedehnten  Ostfront,  war  es  vergonnt,  in  den  folgenden 
Jahren  weitere  Siege  zu  erringen,  unter  denen  die  Einnahme  von  Riga  der  be- 
deutendste  ist. 

Der  Aufgabenkreis  des  Oberbefehlshabers  in  Wilna  erweiterte  sich  mehr  und 
mehr.  v.  E.  konnte  neben  seiner  militarischen  Tatigkeit  seine  politische  Be- 
gabung  und  sein  wirtschaftliches  Organisationstalent  in  den  besetzten  Gebieten 
zur  Entfaltung  bringen. 

Die  Friedensverhandlungen  mit  den  Russen  begannen  im  Dezember  1917  und 
zogen  sich  ergebnislos  bis  zum  Februar  1918  hin.  Trotzki  erklarte  wohl  die  »Be- 
endigung  des  Kriegszustandes«,  lehnte  es  aber  ab,  einen  Friedensvertrag  zu 
unterschreiben.  Die  deutsche  Oberste  Heeresleitung  teilte  daraufhin  den  Russen 
die  Beendigung  des  Waffenstillstandes  mit.  —  Seit  Dezember  1917,  nach  Auf- 
losung  der  Heeresgruppe  Woyrsch,  war  ihr  nordlicher  Abschnitt  zur  Heeres- 
gruppe Eichhorn  gekommen.  —  Deutsche  Truppen  traten  am  18.  Februar  19 18 
den  Vormarsch  an.  Ungeheure  Raume  wurden  mit  schwachen  Kraften  durch- 
eilt.  Die  Heeresgruppe  Eichhorn  nahm  Borissow,  Pskow,  Dorpat  und  Reval. 
v.  E.  verlegte  sein  Hauptquartier  nach  Riga.  Der  Monat  Februar  brachte  v.  E., 
der  am  18.  Dezember  1917  zum  Generalfeldmarschall  befordert  war,  noch  eine 
besondere  Ehrung:  die  juristische  Fakultat  der  Universitat  Berlin  ernannte  den 
Enkel  des  Ministers  E.  zum  Ehrendoktor. 

Der  weitere  Vormarsch,  letzten  Endes  weder  aus  Eroberungsplanen  noch 
ideellen  Gninden  unternommen,  sondern  veranlaBt  aus  Sorge  um  das  unheim- 
liche  Gebilde  des  Sowjet-Staates,  mehr  noch  durch  die  bittere  Notwendigkeit, 
Getreide  aus  dem  russischen  Suden  zu  gewinnen,  machte  eine  Anderung  der 
Befehlsverhaltnisse  an  der  Ostfront  notwendig.  Schon  am  5.  Marz  19 18  war  die 
Trennung  des  Oberkommandos  der  Heeresgruppe  von  dem  der  10.  Armee  voll- 
zogen.  Jetzt  (31.  Marz)  ubernahm  v.  E.  die  bisherige  Heeresgruppe  Linsingen, 
sein  Hauptquartier  wurde  Kiew. 

Seiner  neuen  Heeresgruppe  fiel  nunmehr  die  militarische  Verwaltung  des 
groBen,  nordlichen  Teiles  der  Ukraine  und  der  Gouvernements  Taurien  und 
Krim  zu.  v.  E.  war  in  Kiew  der  rechte  Mann  an  der  rechten  Stelle ;  es  gait  auf- 
zubauen,  zu  ordnen,  zu  schlichten  und  zu  versohnen.  »Nicht  nur  der  Verstand, 
auch  das  Herz  hatte  mitzuwirken  bei  einer  Aufgabe,  die  weit  iiber  die  Fahig- 
keiten  auch  des  besten  Soldaten  hinausging  «.  Er  f and  ungeheuer  schwierige  und 
verworrene  Verhaltnisse  vor,  aber  allmahlich  gelang  es  ihm,  die  Stellung 
Deutschlands  in  der  Ukraine  zu  festigen.  v.  E.  war  »ein  aufrichtiger  und  iiber- 
zeugter  Anhanger  und  Freund  des  ukrainischen  Volkes«;  im  festen  Glauben 
an  die  Wiedergeburt  des  Landes  hat  er  mit  Klugheit  und  Verstandnis  an  seinem 
Wiederaufbau  gearbeitet. 

Fern  der  Heimat  fand  der  70jahrige  Feldmarschall  den  Heldentod  im  Dienste 
fur  sein  iiber  alles  geliebtes  Vaterland.  Am  30.  Juli  fiel  v.  E.  mit  seinem  ge- 
treuen  Adjutanten,  Hauptmann  v.  DreBler,  einem  Bombenanschlag  zum 
Opfer. 

Nicht  personliche  Rache  war  es,  die  den  nicht  ukrainischen,  aus  Moskau 
herbeigeeilten  Sozialrevolutionar  die  schmahliche  Tat  vollbringen  lieB,  sondern 
der  Kampf  gegen  die  Deutschen,  als  deren  Vertreter,  deren  Fiihrer  und  Symbol 
damals  fiir  groBe  Teile  RuBlands  v.  E.  erscheinen  muBte. 


250  I9i8 

Am  Abend  des  gleichen  Tages  erlag  v.  E.  den  erlittenen  Verletzungen.  Seine 
letzte  Ruhestatte  fand  v.  E.  in  Berlin  auf  dem  Invalidenfriedhofe,  anf  dem  so 
viele  groBe  Deutsche  den  letzten  Schlaf  tun. 

Literatur:  Gothaisches  Geneal.  Taschenbuch  der  adeligen  Hauser.  Alter  Adel  und 
Briefadel,  19.  Jg.,  Gotha  1927.  —  Bredow-Wedel,  Historische  Rang-  und  Stammliste  des 
deutschen  Heeres,  Berlin,  o.  J.  —  Die  Schlachten  und  Gefechte  des  GroBen  Krieges  19 14 
bis  1 918.  Zsgest.  v.  Gr.  Generalstab,  Berlin  191 9.  —  Der  Grofle  Krieg  1914 — 1918,  herausg. 
v.  M.  Schwarte  (Der  deutsche  Landkrieg,  Bd.  I — III),  Berlin  192 1  ff.  —  Volkmann,  E.  O., 
Der  Grofle  Krieg  1 9 1 4 —  1 9 1 8  auf  Grand  der  am tlichen  Quellen ,  Berlin  1922.  —  Foerster,  W . , 
Graf  Schlieffen  und  der  Weltkrieg,  2.  Aufl.,  Berlin  1925.  —  Ludendorff,  E.,  Meine  Kriegs- 
erinnerungen  1914 — 1918,  Berlin  1919.  —  Falkenhayn,  E-  v.,  Die  Oberste  Heeresleitung 
1914 — 1916,  Berlin  1920.  —  Redern,  v.,  Die  Winterschlacht  in  Masuren  (Der  groBe  Krieg 
in  Einzeldarstellungen,  H.  20),  Oldenburg  1918.  —  Flex,  W.,  Die  russische  Fruhjahrs- 
offensive  1916  (Der  grofle  Krieg  in  Einzeldarstellungen,  H.  31),  Oldenburg  19 19.  —  Leib- 
grenadierregiment  Konig  Friedrich  Wilhelm  III.  (1 .  Brandenb.)  Nr.  8  im  Weltkriege.  Zsgest. 
v.H.Schoning,  Oldenburg-Berlin  1924  (Erinnerungsblatter  deutscher  Regimen ter,  Bd.  128). 
—  Schulthefl'  Europaischer  Geschichtskalender  1918,  T.  II,  Miinchen  1922.  —  Siiddeutsche 
Monatshefte,  H.  5,  Jg.  192 1 :  Die  Ukraine  und  Deutschlands  Zukunft  (K.  Deuringer,  Der 
deutsche  Einmarsch  in  die  Ukraine  1918;  G.  Frantz,  Die  Ermordung  des  Generalfeld- 
marschalls  v.  E.  in  Kiew ;  M.  J .  Wolff,  Land  und  Leute) . — Moser,  0.  v.,  Kurzer  strategischer 
Oberblick  iiber  den  Weltkrieg  19 14 — 19 18,  Berlin  1921.  —  Weltgeschichte  der  neuesten 
Zeit  1890 — 1925  I.  II.  hrsg.  v.  P.  Herre,  Berlin  1925.  —  Kronprinz  Wilhelm,  Meine 
Erinnerungen  aus  Deutschlands  Heldenkampf,  Berlin  1923,  S.  4.  —  Generalfeldmarschall 
v.  Hindenburg,  Aus  meinem  Leben,  Leipzig  1920,  S.  49,  123.  —  Bernhardi,  F.  v.,  Denk- 
wiirdigkeiten  aus  meinem  Leben,  Berlin  1927.  —  Freytag-Loringhoven,  Frhr.  v.,  Menschen 
und  Dinge,  wie  ich  sie  in  meinem  Leben  sah.  Berlin  1923,  S.  33,  1 19,  123.  —  Allg.  Anz. 
zum  Militar-Wochenblatt  1918,  Nr.  15,  17,  20.  —  Koln.  Zeitung  1918,  Nr.  703,  705 — 710; 
711  (Dr.  E.  Herold).  —  Frankf.  Zeitg.  u.  Handelsblatt  1918,  Nr.  210,  211.  —  Illustr.  Zeitg. 
Nr.  3919  vom  8.  August  19 18  (Major  a.  D.  v.  Schreibershofen).  —  Sittmann,  G.,  Hermann 
v.  E.,  Dettelbach  a.  M.  (Sonderdr.  a.  d.  Jahrbuch  1918  des  Hist.  Vereins  Alt-Wertheim 
in  Wertheim).  —  Generalfeldmarschall  v.  E.  in  »Das  2.  Garderegiment  z.  F.«,  Jg.  25,  Nr.  2 
(Generalmajor  a.  D.  Hell).  —  Mitteilungen  des  Generallt.  a.  D.  v.  Hofacker,  General- 
major  a.  D.  v.  Hahnke,  Generalmajor  a.  D.  Graf  Finck  v.  Finckenstein,  Oberst  a.  D.  Ehr- 
hardt,  Major  a.  D.  Dr.  v.  Hake  an  den  Verfasser.  —  Mitteilungen  und  Auskiinfte  des 
altesten  Sohnes  des  Feldmarschalls,  Dr.  jur.  L.  v.  Eichhorn  in  Wien,  an  den  Verfasser. 

Potsdam.  Georg  Strutz. 

Hahn,  Diederich,  Dr.  phil.,  Direktor  des  Bundes  der  Landwirte,  *  am  12.  Ok- 
tober  1859  m  Ostedeich  (Kreis  Neuhaus  an  der  Oste  in  Hannover),  f  am  24.  Fe- 
bruar  191 8  in  Berlin.  —  Diederich  H.  stammt  aus  Ostedeich,  besuchte  die 
Volksschule  und  dann  das  Gymnasium  in  Stade,  wo  er  1878  das  Abiturienten- 
examen  bestand.  Darauf  studierte  er  Geschichte,  Geographie,  Geologie  und 
germanische  Philologie  in  Leipzig  und  Berlin  und  bestand  1884  das  Exameri 
pro  facilitate  docendi  in  Berlin.  Dann  wandte  er  sich  dem  Studium  der  National- 
okonomie  und  Jurisprudenz  zu  und  promovierte  1886  in  Berlin  zum  Dr.  phil. 
In  demselben  Jahre  wurde  er  Probekandidat  am  Kaiserin- Augusta-Gymnasium 
in  Charlottenburg.  Von  1886  bis  1893  war  H.  Archivar  der  Deutschen  Bank  in 
Berlin. 

Aus  dieser  Stellung  schied  H.,  als  ihn  die  Politik  in  den  Bann  zog.  Schon  am 
Griindungstage  des  Bundes  der  Landwirte  trat  er  in  der  Versammlung  auf  dem 
Tivoli  in  Berlin  am  18.  Februar  1893  fur  die  aufschaumende  Bauernbewegung 
ein.  In  demselben  Jahre  wurde  er  in  seinem  Heimatkreise  Neuhaus  -  Geeste- 
niiinde  in  den  Reichstag  gewahlt,  wo  er  zunachst  als  Hospitant  der  National- 


Eichhorn.  Hahn  25 1 

liberalen  Partei  angehdrte.  Als  er  am  10.  Marz  1894  im  Reichstage  gegen  den 
russischen  Handelsvertrag  stimmte,  wurde  ihm  vom  Vorstand  der  national- 
liberalen  Fraktion  des  Reichstages  in  einem  Schreiben  nahegelegt,  aus  der  Liste 
der  Hospitanten  der  Partei  auszuscheiden.  H.  entsprach  selbstverstandlich 
diesem  Wunsche  und  nahm  sofort  seinen  Platz  auf  der  Rechten  des  Hauses. 
Im  Jahre  1893  war  H.  auch  in  das  PreuBische  Abgeordnetenhaus  gewahlt 
worden.  Als  1897  der  Direktor  des  Bundes  der  Landwirte,  Dr.  Suchsland,  starb, 
iibernahm  H.,  der  seit  der  Griindung  des  Bundes  mit  ihm  in  engster  Fuhlung 
stand,  diese  Stelle  und  hat  sie  bis  zu  seinem  Tode  innegehabt. 

H.  war  ein  zaher  Niedersachse  und  hatte  in  seinem  Wesen  einen  starken  Teil 
von  der  beharrlichen  Bodenstandigkeit  dieses  deutschen  Volksstammes.  Er 
hing  mit  alien  Fasern  seines  Herzens  an  seiner  engeren  Heimat.  Die  Scholle  gait 
ihm  als  der  Nahrboden  seines  deutschen  Volkes.  Heimattreue  und  Schollentreue 
war  es,  die  ihn  zu  dem  Bund  der  Landwirte  gef uhrt  hat.  Durchdrungen  von  der 
Bedeutung  der  deutschen  Landwirtschaft,  in  voller  Kenntnis  ihrer  Lebens- 
notwendigkeiten,  in  dem  BewuBtsein,  daB  ihr  Gedeihen  die  unbedingte  Vor- 
aussetzung  fiir  das  Gedeihen  unseres  Vaterlandes  war,  setzte  er  seine  reichen 
Krafte  fiir  die  deutsche  I,andwirtschaft  ein.  Seine  auf  Uberzeugungstreue  be- 
ruhende  Unerschrockenheit  machte  ihn  zum  erfolgreichen  Kampen,  der  im 
politischen  Kampf  immer  dort  stand,  wo  es  am  heiBesten  zuging,  und  der  zur 
rechten  Zeit  als  ein  starker  Charakter  das  rechte  Wort  fand.  Schon  in  jungen 
Jahren  als  Griinder  und  Fiihrer  des  Vereins  deutscher  Studenten  hat  er  das 
Wort  gesprochen:  »Ohne  bliihende  Landwirtschaft  ist  nichts  zu  wollen.*  Auf 
dem  Grunde  dieser  sicheren  Uberzeugung  erwuchs  er  zum  begeisterten  Herold 
der  Bismarckschen  nationalen  Wirtschaf tspolitik ;  und  von  H.  stammt  das 
Wort,  das  spater  der  Reichskanzler  Furst  Biilow  sich  zu  eigen  machte:  »Ohne 
Heimatpolitik  keine  Weltpolitik. « 

Im  politischen  I^eben  spielte  Dfederich  H.  eine  erhebliche  Rolle.  Er  war  ein 
gewandter,  temperamentvoller  Redner  und  ein  geschickter,  schlagfertiger  De- 
batter,  der  stets  das  Interesse  der  Of fentlichkeit  fand.  Mit  der  Kampfnatur  ver- 
einte  sich  in  seiner  Person  der  Zauber  liebenswiirdiger  Wesensart,  die  auch  den 
Gegner  zu  entwaffnen  wuBte. 

Das  Arbeitsgebiet  des  Direktors  H.  in  der  Zentralverwaltung  des  Bundes  der 
Landwirte  umfafite  besonders  die  Abteilung  Presse,  die  Wahlabteilung  und  die 
Ausbildung  von  Wanderrednern.  Der  Bund  unterhielt  zur  Vertretung  seiner 
Anschauungen  die  » Korrespondenz  des  Bundes  der  I,andwirte«,  die  zugleich 
das  Sprachrohr  fiir  die  offiziellen  Kundgebungen  der  Bundesleitung  bildete, 
und  die  Wochenschrift  »Bund  der  I,andwirte«.  Die  Wahlabteilung,  die  vor- 
nehmlich  zum  Arbeitsgebiet  H.s  gehorte,  hielt  die  Verbindung  zwischen  der 
Bundesleitung  und  den  Bundesorganisationen  drauBen  im  Lande  behufs  ge- 
meinsamer  und  einheitlicher  Vorbereitungen  fiir  die  Parlamentswahlen.  Neben 
einer  groBeren  Zahl  von  Flugschriften  fiir  die  allgemeinen  Wahlen  und  von 
Flugblattern  fiir  die  einzelnen  Wahlkreise  wurde  fiir  die  Reichstagswahlen 
unter  Leitung  H.s  jeweilig  ein  sogenanntes  » Wahl-Abc  des  Bundes  der  Land- 
wirte  «  verf aBt,  das  in  alphabetischer  Reihenf olge  alle  in  Betracht  kommenden 
wirtschaftspolitischen  Fragen  behandelte.  Eine  eigenartige  Schopfung  H.s 
war  die  Einrichtung  und  Abhaltung  von  Rednerkursen  zur  Ausbildung  von 
Wanderrednern  des  Bundes  der  Landwirte.  Diese  wurden  in  einem  besonderen 


252  1918 

Lehrgang  auf  ihren  Aufklarungs-  und  Werbedienst  vorbereitet,  rednerisch  ge- 
schult  und  mit  den  wirtschaftspolitischen  Fragen  vertraut  gemachl;.  Alljahrlich 
fand  vor  Beginn  der  Winteragitation  ein  allgemeiner  Rednerlehrgang  in  der 
Bundeszentrale  in  Berlin  statt,  wobei  H.  seine  schopferische  Rednergabe  und 
seine  Kunst  der  Debatte  besonders  wirksam  entfalten  konnte. 

Im  Deutschen  Reichstag  betatigte  sich  H.  besonders  an  der  Borsengesetz- 
gebung  von  1896  und  1908,  wobei  er  sich  erfolgreich  fur  das  Verbot  der  spe- 
kulativen  Borsentermingeschafte  in  Getreide  und  Erzeugnissen  der  Getreide- 
muUerei  einsetzte. 

In  seiner  Heimatprovinz  Hannover  hatte  H.  die  Vorzuge  der  bauerlichen 
Anerbensitte  und  des  Anerbenrechts  kennengelernt  und  trat  im  PreuBischen 
Abgeordnetenhause  wiederholt  fiir  die  Erhaltung  eines  bodenstandigen  und 
leistungsfahigen  Bauernstandes  ein.  Das  Anerbenrecht  bildet  zugleich  einen 
wichtigen  Bestandteil  der  inneren  Kolonisation ;  es  dient  zur  Erhaltung  der 
Rentengiiter  in  wirtschaftskraf tiger  Hand.  Die  alte  friderizianische  Landpolitik 
des  » Bauernschutzes «,  d.  h.  der  Erhaltung  des  Bauernlandes  und  Bauern- 
standes, schwebte  dem  Direktor  des  Bundes  der  Landwirte  vor,  als  er  1907  im 
PreuBischen  Abgeordnetenhause  in  Gemeinschaft  mit  dem  freikonservativen 
Abgeordneten  Engelbrecht  einen  Antrag  einbrachte,  wonach  gesetzliche  Be- 
stimmungen  herbeigefiihrt  werden  sollten,  daB  in  solchen  Landesteilen,  die  der 
Gefahr  der  Aufsaugung  des  bauerlichen  Besitzes  durch  Groflkapital  (zwecks 
Schaffung  von  Luxus-  und  Jagdgiitern)  ausgesetzt  sind,  der  Erwerb  bauerlicher 
Besitzungen  unter  Aufsicht  zu  stellen  sei.  Die  Gesetzentwiirfe  iiber  die  »Guter- 
schlachterei «  kniipften  daran  an. 

Aus  seiner  hannoverschen  Heimat  brachte  H.  auch  seine  Bestrebungen  zur 
Forderung  der  Moorkultur  mit.  Er  hat  sich  selbst  sein  »Moorgut«  Hanefort  in 
seiner  engeren  Heimat  aufgebaut,  um  eine  eigene  Scholle  zu  haben. 

Zu  den  wesentlichen  Zugen  H.s  gehort  sein  Organisationstalent.  Das  hat  er 
auch  im  Weltkriege  bewiesen.  Als  der  Krieg  ausbrach,  meldete  sich  H.,  der  fast 
55  Jahre  alt  war,  als  Hauptmann  der  Reserve  sofort  zur  Fahne  und  marschierte 
mit  in  Belgien  ein.  Er  war  dann  als  Kommandant  einer  Etappe  im  Westen  mit 
groBem  Erfolge  tatig  und  erhielt  in  Anerkennung  seiner  Verdienste,  die  er  sich 
bei  der  Verpflegung  der  Truppen  erworben  hatte,  im  September  19 14  das 
Eiserne  Kreuz.  Ein  Mitarbeiter  der  Berliner  »Morgenpost«,  Sanitatsrat 
Dr.  Bernstein,  der  den  Direktor  des  Bundes  der  Landwirte  politisch  viele  Jahre 
bekampft  hatte  und  als  Arztim  Felde  stand,  schrieb  im  November  1914  in  der 
» Morgenpost « :  »Als  ein  Meister  in  der  Organisation  der  Kriegswirtschaft  zu- 
gunsten  der  Armeen  und  der  Landesbewohner  wurde  mir  bei  meiner  Ankunft 
auf  franzosischem  Boden  ein  Mann  erwahnt,  den  wir  auch  in  Deutschland,  frei- 
lich  nicht  zu  unserer  aller  Freude,  als  einen  Meister  der  Organisation  seit  Jahren 
kennen:  Dr.  Diederich  H.,  Direktor  des  Bundes  der  Landwirte,  zur  Zeit  wohl- 
bestallter  Hauptmann  und  Kommandant  an  der  Eingangspforte  des  gewaltigen 
Etappengebietes,  in  dem  ich  mich  befinde.  Just  Diederich  H.  ist  mein  erster 
Vorgesetzter  gewesen,  als  ich  franzosischen  Boden  betrat.  Der  Krieg  schafft 
wunderbare  Kumpaneien!  Zwanzig  Jahre  lang  habe  ich  ihn  bekampft,  aber 
jetzt  muB  ich  ihn  loben.  Seine  Brust  schmuckt  das  Eiserne  Kreuz,  und  das  mit 
Recht,  denn  die  Kriege  werden  nicht  sowohl  in  der  Front  wie  in  der  Etappe 
gewonnen.  Hohes,  gewaltiges  organisatorisches  Genie  ist  hier  am  rechten  Platze, 


Hahn.  Hauck  253 

wo  es  oft  darum  geht,  aus  dem  Nichts  etwas  zu  schaffen.  Seine  riihrige  Klugheit 
zwingt  die  Menschen  und  Dinge  in  die  Bahn  seines  Zieles. «  Dieses  Zeugnis  eines 
sicherlich  nicht  voreingenommenen  Mannes  charakterisiert  das  Schaffen  H.s. 
Die  Anstrengungen  der  langen  Kriegszeit  sind  auch  an  der  Elastizitat  und 
Gesundheit  des  schaffensfreudigen  und  nimmermiiden  Direktors  des  Bundes 
der  Landwirte  nicht  spurlos  voriibergegangen.  Es  lag  etwas  Herbes  nud  Tra- 
gisches  darin,  daB  H.  an  dem  25jahrigen  Jubilaum  des  Bundes,  zu  dessen  Auf- 
bliihen  und  Entwicklung  er  so  hervorragend  beigetragen  hatte,  am  18.  Fe- 
bruar  19 18  nicht  teilnehmen  konnte,  weil  er  von  schwerer  Krankheit  im 
Krankenhaus  zu  Hamburg  gefesselt  war,  der  er  dann  auch  am  24.  Februar  1918 
erlag. 

Berlin-Siidende.  Paul  Boetticher. 


Hauck,  Albert,  evangelischer  Kirchenhistoriker,  *  am  9.  Dezember  1845  zu 
Wassertriidingen  in  Franken,  f  am  7.  April  1918  in  Leipzig.  —  H.  entstammte 
der  Ehe  des  Advokaten  Albert  H.  zu  Wassertriidingen  mit  Sophie  Greiner  aus 
Ansbach.  Die  Vorfahren  des  Vaters  waren  schon  nach  dem  DreiBigjahrigen 
Kriege  in  dem  erstgenannten  Orte  ansassig,  wahrend  die  Familie  der  Mutter 
schwabischen  Ursprungs  war.  Als  seine  »Heimat«  hat  H.  aber  Ansbach  be- 
trachtet,  wohin  die  Mutter  nach  dem  friihen  Tod  ihres  Mannes  1854  iiber- 
siedelte.  Von  ihr  vortrefflich  erzogen,  empfing  er  auf  dem  Gymnasium  in  Ans- 
bach eine  umfassende  humanistische  Bildung  und  eine  gediegene  sprachliche 
Schulung,  die  ihm  in  dem  spateren  Leben  sehr  zustatten  gekommen  ist.  Dafi 
seine  stille  und  verschlossene  Art  einen  seiner  Lehrer  zu  dem  seltsamen  Irrtum 
verleiten  konnte,  ihn  fiir  unbegabt  zu  erklaren,  sei  bemerkt,  weil  sein  zuriick- 
haltendes  Wesen  fiir  ihn  charakteristisch  geblieben  ist.  Gliicklicherweise 
richtete  dieses  Fehlurteil  keinen  Schaden  an,  da  der  Rektor  der  Schule  wie  der 
Philologe  Iwan  Miiller,  damals  noch  Lehrer  in  Ansbach,  ihn  richtig  eingeschatzt 
haben.  Im  Alter  von  18  Jahren  bezog  H.  1864  d*e  Universitat  Erlangen,  um 
sich  dem  Studium  der  Theologie  zu  widmen.  Er  begann  es  hier  unter  giin- 
stigen  Verhaltnissen,  denn  die  Theologische  Fakultat  hatte  damals  ihre  groBe 
Zeit.  Am  starksten  haben  Hofmann  und  Thomasius  auf  H.  eingewirkt  und 
ihn  zu  dem  »Erlanger«  gemacht,  als  den  er  bis  an  sein  Lebensende  sich  gefiihlt 
hat.  In  den  beiden  von  Ostern  1866  bis  Ostern  1867  in  Berlin  zugebrachten 
Semestern  wurde  er  vornehmlich  von  dem  christlichen  Archaologen  Ferdinand 
Piper  und  von  dem  Philosophen  Trendelenburg  gefesselt,  am  starksten  und 
nachhaltigsten  jedoch  durch  Leopold  v.  Ranke  beeinfluBt,  dem  er  stets  eine 
groBe  Verehrung  bewahrt  hat.  Was  er  von  diesem  Meister  der  Geschicht- 
schreibung  an  Wegweisungen  empfing,  ist  allerdings  erst  dann  zur  vollen 
Entfaltung  und  Auswirkung  gekommen,  als  er  selbst  an  die  groBe  Aufgabe 
seines  Lebens  herantrat.  Fur  die  Gesamtanlage  seiner  Studien  ist  bezeichnend, 
daB  sie  auf  die  Gewinnung  einer  griindlichen  Durchbildung  in  alien  theolo- 
gischen  Disziplinen  und  deren  Grenzgebieten  abzielten.  Dadurch  wurde  H. 
befahigt,  spater  von  hoher  Warte  aus  sein  groBes  enzyklopadisches  Unter- 
nehmen  zu  organisieren.  Die  mit  sehr  gutem  Erfolg  1868  in  Ansbach  bestan- 
dene  » Theologische  Aufnahmepriifung«  eroffnete  ihm  den  Eintritt  in  den 
Dienst  der  evangelisch-lutherischen  Kirche  Bayerns.  Der  nun  folgende  mehr- 


254  x9l8 

jahrige  Aufenthalt  in  Miinchen  war  zwar  in  erster  Linie  seiner  praktisch- 
theologischen  Ausbildung  gewidmet,  die  ihm  in  dem  von  Burger  geleiteten 
Predigerseminar  zuteil  wurde,  aber  hat  ihm  zugleich  die  mit  groBem  Eifer 
ausgenutzte  Gelegenheit  zu  wissenschaftlicher  Vertiefung  geboten,  auch  in 
kiinstlerischer  Hinsicht  ihm  starke  Anregungen  zugefuhrt.  Der  Verwendung 
als  Stadtvikar  in  Miinchen  folgte  die  Ubertragung  eines  standigen  Vikariats 
in  Feldkirchen  bei  Miinchen  und  1874  die  Anstellung  als  Pfarrer  in  Franken- 
heim  bei  Schillingsfurst.  In  die  hier  verbrachten  vier  Jahre  fiel  seine  Verhei- 
ratung  mit  Amalie  Helferich,  durch  die  ihm  ein  groBes  Familiengliick  zuteil 
wurde,  das  ihn  durch  sein  ganzes  Leben  begleitet  hat.  Die  pfarramtliche 
Tatigkeit  in  dieser  kleinen  abgelegenen  Gemeinde  ist  fur  H.  von  bleibendem 
Wert  gewesen,  denn  sie  hat  ihm  das  kirchliche  Leben  beider  Konfessionen 
in  enger  Abgrenzung  nahegebracht  und  durch  das  dort  befindliche  Rettungs- 
haus  zugleich  ein  wichtiges  Stuck  sozialer  kirchlicher  Aufgaben  anschaulich 
vor  Augen  gestellt.  Diese  Jahre  stiller  Beobachtung  deutschen  Volkstums  sind 
fiir  seine  spatere  Darstellung  christlicher  Sitten  und  christlicher  Sittlichkeit 
ein  gewifl  nicht  unwichtiges  Vorstadium  gewesen.  Zugleich  reifte  in  dieser 
Abgeschiedenheit  die  erste  Frucht  seiner  standig  fortgesetzten  wissenschaft- 
lichen  Studien  heran :  im  Jahre  1877  erschien  sein  Buch  »Tertullians  Leben  und 
Schriften«.  Dieses  Werk  hat  ihm  die  akademische  Laufbahn  erschlossen,  in  der 
die  vielseitige  und  groBe  BegabungH.s  zur  vollen  Entwicklung  gelangen  sollte. 
1878  wurde  ihm  die  auBerordentliche  Professur  fiir  Kirchengeschichte  und 
christliche  Archaologie  in  Erlangen  iibertragen,  1882  erhielt  er  daselbst  eine 
ordentliche  Professur.  Nach  der  Veroffentlichung  des  ersten  Bandes  seiner 
Kirchengeschichte  Deutschlands  1887  wurde  er  als  Professor  der  Kirchen- 
geschichte 1889  nach  Leipzig  berufen,  um  an  dieser  Universitat  bis  an  sein 
Lebensende  zu  wirken.  Als  ihm  nach  dem  Tode  des  Historikers  Scheffer- 
Boichhorst  1902  der  Lehrstuhl  fiir  Geschichtswissenschaft  an  der  Berliner 
Philosophischen  Fakultat  angeboten  wurde,  entschied  er  sich  fiir  sein  Ver- 
bleiben  in  Leipzig. 

Wann  immer  der  Name  Albert  H.s  genannt  werden  wird,  wird  stets  die  Er- 
innerung  an  seine  Kirchengeschichte  Deutschlands  lebendig  werden.  Dieses 
Werk  ist  seine  groBte  wissenschaftliche  Leistung.  Der  1.  Band  wurde,  wie 
schon  bemerkt,  1887  veroffentlicht,  in  5.  Auflage  1920;  der  2.  Band  1890,  in 
4.  Auflage  1906;  der  3.  Band  1896,  in  4.  Auflage  1906;  der  4.  Band  1904,  in 
4.  Auflage  1913;  der  5.  Band,  und  zwar  die  erste  Halfte  1910,  die  zweite  Halfte 
1920.  Dieser  zweite  Teil  des  5.  Bandes  ist  von  Heinrich  Bohmer  (|  1927)  nach 
einem  »zum  guten  Teil  druckf  ertigen  «  Manuskript  herausgegeben  worden.  Der 
Plan  H.s,  die  Kirchengeschichte  Deutschlands  bis  zum  Augsburger  Religions- 
frieden  darzustellen,  ist  nicht  zur  Ausfiihrung  gelangt;  das  Werk  schlieBt  mit 
den  Verhandlungen  zwischen  den  Hussiten  und  dem  Basler  Konzil  1437. 
DaB  eine  hohere  Gewalt  dem  unermudlichen  FleiB  des  greisen  Gelehrten  ein 
Ziel  gesteckt  hat,  bevor  er  in  der  Schilderung  des  Zeitalters  der  Reformation 
seinem  Werk  die  erwartete  Kronung  geben  konnte,  ist  selbstverstandlich  eine 
schwer  empfundene  Enttauschung.  Aber  es  ware  verkehrt,  aus  dem  plotz- 
lichen  Abbruch  der  Darstellung  in  der  Mitte  des  15.  Jahrhunderts  den  SchluB 
zu  ziehen,  daB  H.s  Kirchengeschichte  der  langen  Reihe  von  Werken,  die  ein 
Torso  geblieben  sind,  eingefiigt  werden   miiBte.   Die  von    ihm  behandelte 


Hauck  255 

Kirchengeschichte  Deutschlands  von  ihren  Anfangen  an  bis  an  die  Pforte  der 
Neuzeit  stellt  vielmehr  ein  in  sich  geschlossenes  selbstandiges  Ganzes  dar. 
t)ber  seine  Auffassung  der  Reformation  hat  er  sich  in  den  sechs  Volkshoch- 
schulvortragen  »Die  Reformation  in  ihrer  Wirkung  auf  das  Leben«,  Leip- 
zig 1918,  ausgesprochen. 

Das  allgemeine  Urteil  iiber  H.s  Kirchengeschichte  ist  von  einer  Einmiitig- 
keit,  wie  sie  uns  vergleichsweise  nur  in  der  Schatzung  der  Werke  Rankes  be- 
gegnet  ist.  Als  Forscher  schlagt  H.  den  vorbildlichen  Weg  ein,  aus  den  Quellen 
zu  schopfen.  Das  bedeutete  fiir  ihn  eine  umfassende  Sammlung  und  kritische 
Sichtung  und  Abstufung  der  Nachrichten  des  betreffenden  Zeitalters.  Es  ver- 
schlagt  gar  nichts,  ob  H.  in  jedem  einzelnen  Fall  das  Richtige  getroffen  hat. 
Monographischen  Darstellungen  bleibt  selbstverstandlich  immer  eine  Nach- 
lese  und  eine  Weiterfuhrung  der  Spezialkenntnis  von  einzelnen  Ereignissen 
und  einzelnen  Personen.  Entscheidend  ist  vielmehr  die  zur  Anwendung  ge- 
langte  Methode,  die  dem  Leser  des  Buches  sehr  bald  den  beruhigenden  Ein- 
druck  iibermittelt,  einen  zuverlassigen,  umsichtigen  und  nur  der  Wahrheit 
dienenden  Fuhrer  vor  sich  zu  haben.  H.  war  der  souverane  Beherrscher  eines 
staunenerregenden  Einzelwissens,  das  er  in  den  zahlreichen  Anmerkungen 
niedergelegt  und  zur  Nachprufung  ausgebreitet  hat.  Aber  er  hat  sich  nicht 
darauf  beschrankt,  iiber  die  Resultate  seiner  sich  weitverzweigenden  Einzel- 
forschungen  streng  sachlich  zu  referieren,  sondern  er  war  zugleich  ein  Ge- 
schichtschreiber  groBen  Stils.  Es  ist  fiir  H.  selbstverstandlich  gewesen,  die 
Einzeltatsachen  in  groBe  Zusammenhange  einzureihen  und  damit  Welt- 
geschichte  zu  schreiben.  Voll  Verstandnis  fiir  die  Wichtigkeit  der  Institutionen 
und  festen  Ordnungen  des  Lebens  hat  er  zugleich  die  iiberaus  anziehende 
Gabe,  mit  wenigen  knapp  gehaltenen  Worten  Menschen  und  Verhaltnisse 
plastisch  zu  charakterisieren.  Mit  besonderem  Geschick  stellte  er  sich  die 
Auf  gabe,  die  geistigen  Stromungen  der  einzelnen  Perioden  und  die  in  ihnen 
waltenden  religiosen  und  sittlichen  Krafte  herauszuarbeiten.  Dadurch  ist  es 
ihm  gelungen,  jedes  Zeitalter  aus  dem  Neben-  und  Ineinander  der  es  bestim- 
menden  Faktoren,  also  aus  seinem  inneren  Wesen  heraus  zu  erschlieBen. 
Neben  der  Auf  zeigung  der  groBen  Entwicklungslinien  betatigt  er  zugleich  das 
groBe  Geschick,  fiir  die  Geschichte  einzelner  Fragen  das  einschlagige  Material 
so  sorgfaltig  zu  sammeln,  daB  in  nicht  wenigen  Fallen  die  Aneinanderfiigung 
der  betreffenden  Abschnitte  in  den  verschiedenen  Teilen  des  Werkes  einer 
monographischen  Darstellung  nahekommt.  Der  starke  Eindruck  und  der 
groBe  Erfolg  des  H.schen  Werkes  erklart  sich  endlich  nicht  zum  wenigsten 
daraus,  daB  dem  Verfasser  eine  Schreibweise  eigentiimlich  ist,  die  den  Vor- 
zug  groBer  Klarheit  mit  einer  eindrucksvollen  Durchsichtigkeit  der  Gedanken- 
fuhrung  verbindet.  Uber  den  Dingen  stehend  und  doch  in  ihnen  lebend,  ver- 
mag  er  es,  in  einfacher  und  dabei  stets  geistvoller  Darstellung  auch  verwickelte 
Materien  verstandlich  zu  machen.  So  steht  das  Werk  vor  uns  als  ein  Monu- 
ment deutschen  Geisteslebens  aus  der  groBen  Zeit  des  Deutschen  Reiches. 
Die  Kirchengeschichte  Deutschlands  von  A.  H.  ist  ein  glanzendes  Zeugnis  der 
geistigen  Hohe,  die  auch  in  dieser  letzten  Periode  der  deutschen  Geschichte 
durch  einen  Forscher  von  hohem  Rang  erreicht  werden  konnte. 

Die  zweite  groBe  wissenschaftliche  Leistung  H.s  ist  die  dritte  Auflage  der 
von  Joh.  Jakob  Herzog  begriindeten  » Realenzyklopadie  fiir  protestantische 


256  I9i8 

Theologie  und  Kirche«.  Bereits  an  der  Herausgabe  der  zweiten,  von  Herzog 
und  G.  Plitt  besorgten  Auflage  war  H.  beteiligt,  und  zwar  in  wachsendem 
MaBe.  Vom  8.  (1881)  bis  11.  Band  (1883)  wird  sein  Name  neben  denen  von 
Herzog  (f  1882)  und  Plitt  (f  1880)  als  Herausgeber  genannt.  Vom  12.  Band 
(1883)  bis  zum  18.  Band  (1888),  der  das  Werk  abschlieBt,  lag  die  Redaktion 
allein  in  seiner  Hand.  Es  liegt  in  der  Natur  der  Sache,  daB  die  Fortfuhrung 
eines  von  anderen  begonnenen  Unternehmens  gewisse  Bindungen  mit  sich  bringt . 
Die  Gelegenheit,  nach  seinen  Wiinschen  das  Werk  zu  gestalten,  bot  sich  ihm 
dagegen,  als  eine  dritte  Auflage  notig  wurde  und  deren  Leitung  ausschlieBlich 
in  seine  Hande  iiberging.  Seinem  grofien  redaktionellen  Geschick  war  es  zu 
verdanken,  daB  die  einzelnen  Bande  dieses  Riesenunternehmens  nach  dem 
vorgesehenen  Plan  punktlich  erschienen  sind:  Band  1 — 22  1896 — 1909,  die 
Erganzungsbande  23  und  24  im  Jahre  1913.  Diese  3.  Auflage  der  Realenzyklo- 
padie  genieBt  als  einzigartige  Zusammenstellung  des  theologischen  Wissens 
allgemein  ein  hohes  Ansehen,  das  dadurch  nicht  eingeschrankt  wird,  daB  sie 
manche  Sonderwiinsche  noch  unerfullt  gelassen  hat.  Der  Vergleich  dieser 
dritten  Auflage  mit  der  zweiten  Auflage  zeigt  nicht  nur  nach  seiten  der  Aus- 
dehnung  des  bearbeiteten  Materials  groBe  Fortschritte,  sondern  ist  vor  allem 
auch  durch  das  ersichtliche  Streben,  die  Forscher  aller  Richtungen  zur  Mit- 
arbeit  heranzuziehen,  ausgezeichnet.  Die  vertrauenswiirdige  Personlichkeit 
von  H.  und  seine  anerkannte  Objektivitat  war  die  Voraussetzung  fur  den 
Erfolg  seiner  ernsten  Bemuhungen,  ein  Spiegelbild  der  gesamten  theologischen 
Wissenschaft  zu  bieten.  Da  H.  der  alleinige  Herausgeber  seines  Werkes  war, 
ruhte  auf  ihm  ausschlieBlich  die  Auswahl  der  behandelten  Artikel,  die  ebenso- 
wohl  sein  enzyklopadisches  Wissen  bezeugt  wie  die  Fahigkeit,  groBe  Gebiete 
zu  iiberschauen.  Die  Erreichung  seiner  hochgesteckten  Ziele  ist  ihm  dadurch 
erleichtert  und  zum  Teil  erst  ermoglicht  worden,  daB  er  eine  groBe  Geschafts- 
gewandtheit  besaB,  die  ihm  auch  auf  anderen  Gebieten,  wie  z.  B.  der  Uni- 
versitatsverwaltung,  eigen  gewesen  ist.  Die  dritte  Auflage  der  Realenzyklo- 
padie,  das  groBte  Werk  der  protestantischen  Theologie  der  letzten  Gene- 
ration, ist  daher  unter  die  groBen  Leistungen  von  H.  zu  buchen.  DaB  er  der 
eifrigste  Mitarbeiter  an  seinem  eigenen  Werk  gewesen  ist,  darf  noch  hinzu- 
gefugt  werden. 

Die  iibrigen  Schriften  von  Albert  H.  tragen  einen  recht  verschiedenen 
Charakter.  Manche  waren  Vorarbeiten  fur  die  Kirchengeschichte  Deutsch- 
lands,  so :  Die  Bischofswahl  unter  den  Merowingern,  Erlangen  1883 ;  Die  Ent- 
stehung  der  bischoflichen  Furstenmacht,  Universitatsprogramm  Leipzig  1891 ; 
Friedrich  Barbarossa  als  Kirchenpolitiker,  Leipzig  1899;  Der  Gedanke  der 
papstlichen  Weltherrschaft  bis  auf  Bonifaz  VIII.,  Leipzig  1904;  Die  Ent- 
stehung  der  geistlichen  Territorien  (Abhandlungen  der  Sachsischen  Gesell- 
schaft  der  Wissenschaften) ,  Leipzig  1910;  Deutschland  und  die  papstliche 
Weltherrschaft,  Universitatsprogramm  Leipzig  1910;  Studien  zu  Johann  HuB, 
Universitatsprogramm  Leipzig  1916.  Auch  seinen  in  nicht  groBer  Zahl  vor- 
liegenden  Vortragen  blieb  die  ihnen  gebiihrende  Achtung  nicht  versagt.  Dazu 
gehoren:  Die  Entstehung  des  Christustypus  in  der  abendlandischen  Kunst, 
Heidelberg  1880;  Vittoria  Colonna,  ebenda  1882 ;  Der  Kommunismus  in  christ- 
lichem  Gewande,  Leipzig  1891;  Der  Kampf  um  die  Gewissensfreiheit,  Leip- 
zig 1898;  Hat  Jesus  gelebt?,  Leipzig  1910;  Die  Trennung  von  Staat  und 


Hauck 


257 


Kirche,  Leipzig  1912,  5.  Auflage  1919;  Evangelische  Mission  und  deutsches 
Christentum,  Giitersloh  1916;  Die  Apologetik  der  alten  Kirche,  Leipzig  1918. 
Von  besonderem  Interesse  sind  die  wahrend  des  Krieges  in  Upsala  gehaltenen 
acht  Vorlesungen  iiber  »Deutschland  und  England  in  ihren  kirchlichen  Be- 
ziehungen«,  Leipzig  1916.  Zur  Betatigung  seiner  Gabe  der  Charakteristik 
gaben  ihm  die  Nachrufe  auf  Oskar  v.  Gebhardt  (1906),  Brieger  (1915),  Lam- 
precht  (1915),  Heinrici  (1917),  Schnedermann  (1917)  Gelegenheit. 

Auch  in  seiner  akademischen  Tatigkeit  tritt  die  Vielseitigkeit  der  Interessen 
von  H.  hervor.  Denn  er  hat  neben  den  herkommlichen  kirchenhistorischen 
Vorlesungen  auch  christliche  Archaologie,  christliche  Kirchengeschichte  und 
die  Geschichte  des  Kirchenbaus  in  Vorlesungen  und  Ubungen,  und  zwar  mit 
besonderer  Vorliebe  behandelt.  Seine  Vortragsweise  iibte  zunachst  keine  An- 
ziehungskraft  aus.  Sie  war  ruhig  und  streng  sachlich.  Aber  schon  in  Erlangen 
erhielt  seine  Art  zu  reden  fur  den,  der  seiner  geistigen  Fuhrung  folgte,  einen 
eigenen  Reiz,  da  mit  groBer  Klarheit  eine  wohlerwogene  Abgrenzung  des 
Stoffes  und  eine  straffe  Konzentration  auf  den  zur  Verhandlung  stehenden 
Gegenstand  verbunden  war.  Spater  hat  das  Gewicht  seines  Namens  den  Ein- 
druck  seiner  Vorlesungen  verstarkt.  Diese  mehr  oder  weniger  in  alien  Arbeiten 
H.s  hervortretende  Eigenart  hatte  von  ihm  ausgezeichnete  Lehrbiicher  er- 
warten  lassen,  wenn  er  zu  ihrer  Abfassung  die  Neigung  gehabt  hatte.  Aber 
er  hat  sich  darauf  beschrankt,  die  vierte  Auflage  der  Dogmengeschichte  von 
H.  Schmid,  Nordlingen  1887,  neu  zu  bearbeiten.  Von  weiteren  Auflagen  hat 
er  abgesehen,  vielleicht  weil  die  damals  einsetzende  Bewegung  auf  dem  Ge- 
biet  der  Dogmengeschichte  groBere  Umgestaltungen  notwendig  gemacht  hatte, 
als  ihm  die  Fortsetzung  seines  groBen  Lebenswerkes  gestattete. 

H.  lebte  zuriickgezogen,  war  im  Verkehr  rait  anderen  von  einer  scheuen 
Zuriickhaltung.  Aber  sie  schloB  nicht  aus,  aaB  er  die  ihm  eigene  Gabe 
kritischer  Beobachtung  und  sein  tiefes  Mitempfinden  den  schweren  Zeiten 
gegeniiber  bewahrte,  die  in  seinen  letzten  Lebensjahren  iiber  Deutschland 
hereinbrachen.  DaB  der  Weltkrieg  einen  seiner  Sonne  1916  dahinraffte, 
war  fur  ihn  ein  schwerer  Verlust,  aber  er  hat  ihn  mannhaft  und  tapfer 
ertragen. 

Als  Forscher  und  Gelehrter  hat  H.  seinen  festen  Platz  in  der  Geschichte 
der  deutschen  Geschichtschreiber  der  neuesten  Zeit.  Wir  wiirden  aber  eine 
wesentliche  Seite  seiner  Personlichkeit  unterdriicken,  wenn  wir  nicht  noch 
hervorheben  wiirden,  daB  er  ein  bewuBtes  Mitglied  der  lutherischen  Kirche 
gewesen  ist  und  gern  die  Kanzel  bestiegen  hat.  Seine  Predigten,  die  leider 
nicht  im  Druck  erschienen  sind,  zeigen  die  lautere,  feine  Personlichkeit,  die, 
alien  Phrasen  abhold,  den  christlichen  Glauben  in  schlichter  und  besonders 
eindringender  Weise  darzulegen  verstand. 

Dem  groflen  Gelehrten  und  feinsinnigen  Schriftsteller  haben  die  Zeit- 
genossen  die  ihm  gebuhrende  Anerkennung  nicht  versagt.  Gefordert  wurde 
diese  Hochschatzung  dadurch,  daB  H.  auBerhalb  alien  Parteigetriebes  stand 
und  diesen  Platz  behauptet  hat.  Durch  Ehrenpromotionen  und  durch  die 
Mitgliedschaft  der  deutschen  Akademien  ausgezeichnet,  hat  H.  erreicht,  was 
ein  deutscher  Professor  an  Huldigungen  empfangen  kann.  Zu  seinem  70.  Ge- 
burtstag  wurde  ihm  die  Festschrift  » Geschichtliche  Studien«,  Leipzig  1916, 
iiberreicht,  in  der  31  Theologen  und  Historiker  ihre  Verehrung  fur  den  da- 
dbj  17 


258  I9i8 

mals  noch  in  der  vollen  Kraft  seines  Schaffens  stehenden  Gelehrten  zum  Aus- 
druck  brachten. 

In  bewuBter  Abkehr  von  dem  Larm  des  Tages  ist  sein  Leben  verlaufen. 
Auch  seine  Bestattung  ist  nach  seinem  Willen  in  der  Stille  erfolgt.  Die  Uni- 
versitat erfuhr  von  seinem  Ende  erst,  als  sich  das  Grab  iiber  ihm  bereits  ge- 
schlossen  hatte.  Eine  einfache  Sandsteinplatte  auf  dem  Siidfriedhof  in  Leipzig 
tragt  die  Worte:  »D.  theol.  Albert  Hauck«  und  die  von  dem  Entschlafenen 
selbst  gewahlten  Satze:  tNascimur  ut  moriatnur —  moritnur  ut  vivamus*. 

Der  handschriftliche  Nachlafl  von  Albert  H.  befindet  sich  in  der  Universitatsbibliothek 
Leipzig. 

Literatur:  t)ber  Albert  H.  handeln:  H.  Bohmer,  Albert  H.,  ein  Charakterbild  in: 
Beitrage  zur  Sachsischen  Kirchengeschichte,  33.  Heft,  Leipzig  1920  (78  Seiten),  mit  einem 
allerdings  nicht  ganz  vollstandigen  Verzeichnis  der  Schriften  H.s;  G.  Seeliger,  Albert  H.: 
Berichte  der .  Sachsischen  Gesellschaft  der  Wissenschaften,  Phil.-Hist.  Klasse  70,  Heft  7, 
Leipzig  1918,  S.  17  ff.  (Schriften  S.  29  f.);  Neue  Jahrbiicher  fur  das  klassische  Altertum, 
5,  1,  S.  275  ff.;  Riemer,  Albert  H.,  Sonderabdruck  aus»Die  Studierstube*,  1919;  Allgem. 
Evangel. -Luther.  Kirchenzeitung,  51.  Bd.  1918:  Zum  Gedachtnis  Albert  H.s.  Drei  Auf- 
satze  von  Ihmels,  Bonwetsch,  Caspari,  S.  492  ff.,  514  ff.,  668  ff. 

Gottingen.  Carl  Mirbt. 

Hering,  Ewald,  Professor  der  Physiologie  in  Leipzig,  *  am  5.  August  1834 
in  Altgersdorf  in  der  Lausitz,  f  am  26.  Januar  1918  in  Leipzig.  —  Ewald  H.# 
ein  Pfarrerssohn,  verlebte  die  Kinder jahre  im  elterlichen  Hause  auf  dem  Lande, 
besuchte  dann  das  Gymnasium  in  Zittau  und  bezog  1853  die  Universitat  in 
Leipzig.  Hier  studierte  er  Medizin,  beschaftigte  sich  daneben  aber  eifrig  mit 
Zoologie,  in  die  ihn  V.  Carus  einf uhrte,  und  —  was  fiir  seine  geistige  Entwick- 
lung  von  besonderer  Bedeutung  wurde  —  mit  philosophischen  Studien,  ange- 
regt  durch  Theodor  Fechner,  einen  der  Begriinder  der  Psychophysik.  Ein  zoo- 
logischen  Studien  gewidmeter  Auf  enth  alt  in  Messina  (mit  Carus  Winter  1858  /5g) 
war  sicher  mit  von  Bedeutung  fiir  die  auflerordentliche  Weite  des  Horizontes, 
den  H.s  biologischer  Blick  spater  umfaBte.  i860  wurde  er  zum  Doktor  der 
Medizin  promoviert;  er  lieB  sich  als  praktischer  Arzt  in  Leipzig  nieder  und  war 
einige  Zeit  als  poliklinischer  Assistent  des  Internisten  Ernst  Wagner  tatig.  In 
diese  Zeit  fallen  H.s  erste  optische  Arbeiten,  auf  Grand  deren  er  sich  1862  in 
Leipzig  fiir  das  Fach  der  Physiologie  habilitierte.  Dieses  Fach  war  damals  in 
Leipzig  durch  einen  Meister  allerersten  Ranges  vertreten,  durch  Ernst  Heinrich 
Weber,  dessen  Arbeiten,  wie  z.  B.  die  Studien  iiber  »Tastsinn  und  Gemein- 
gefiihU,  auf  die  Richtung  von  H.s  wissenschaftlicher  Entwicklung  entschieden 
mit  von  Einflufi  waren.  Aufsehen  erregende  physiologisch-optische  Unter- 
suchungen,  die  »Beitrage  zur  Physiologies,  waren  auch  1865  fiir  H.s  Berufung 
als  Nachfolger  Carl  Ludwigs  an  die  kaiserlich  militararztliche  Akademie,  das 
Josephinum,  in  Wien  maBgebend.  Erst  hier  in  Wien  konnte  H.  sich  vollkommen 
seinem  theoretischen  Fache  widmen;  ausgezeichnete  histologische  und  bahn- 
brechende  experimen telle  Arbeiten  stammen  aus  dieser  Zeit.  Nach  dem  Tode 
des  greisen  Purkinje,  der  noch  in  Beziehung  zu  Goethe  gestanden  hatte,  wurde 
H.  an  die,  damals  noch  doppelsprachige  Universitat  in  Prag  berufen,  an  der  er 
bis  1895  wirkte.  In  Prag  widmete  H.  seine  Arbeitskraft  und  das  Gewicht  seiner 
auch  rein  menschlich  uberragenden  Personlichkeit  neben  seiner  Wissenschaft 


Hauck.  Hering  259 

vor  allem  auch  dem  Kampfe  um  die  Erhaltung  des  Deutschtums.  Ihm  war  in 
erster  Linie  die  Abtrennung  einer  rein  tschechischen  Universitat  mit  zunachst 
nur  drei  weltlichen  Fakultaten  von  der  gemeinsamen  Hochschule  zu  danken, 
wodurch  die  fast  6oojahrige  Karl-Ferdinands-Universitat  wieder  ihren  deut- 
schen  Charakter  gewinnen  und  bis  zum  heutigen  Tage  bewahren  konnte.  H. 
war  der  erste  Rektor  der  deutschen  Universitat  in  Prag  (1882/83). 

Im  Alter  von  61  Jahren  hat  H.,  der  inzwischen  eine  Reihe  von  Berufungen, 
darunter  eine  an  die  neu  gegriindete  Universitat  StraBburg  (1872)  abgelehnt 
hatte,  sich  entschlossen,  einem  Rufe  an  die  Universitat  seines  Heimatlandes 
Sachsen  zu  folgen;  er  iibersiedelte  1895,  abermals  als  Nachfolger  Carl  Ludwigs, 
nach  Leipzig.  Dank  einer  ungewohnlichen  Riistigkeit  hat  H.  noch  21  Jahre  in 
Leipzig  eine  iiberaus  fruchtbare  Tatigkeit  entfalten  konnen.  Eine  standig 
wachsende  Zahl  von  Schiilern  aus  alien  Landern  —  Physiologen  und  Ophthal- 
mologen  —  sammelte  sich,  wie  schon  in  Prag,  im  Leipziger  Institute,  das  — 
seiner  Tradition  entsprechend  —  ein  Zentrum  der  physiologischen  Forschung 
in  Deutschland  blieb.  Ostern  1916  trat  H.  vom  Lehramte  zuriick.  Am  26.  Ja- 
nuar  des  letzten  Kriegsjahres  starb  er  in  Leipzig. 

Aus  dem  schlichten  Rahmen  dieses  auBerlich  stillen  Gelehrtenlebens  leuchtet 
das  Bild  einer  ganz  ungewohnlich  vielseitigen  und  erfolgreichen  Forscherarbeit. 

H.s  Forschungen  konnen  in  zwei  Gruppen  getrennt  werden,  in  die  Bearbei- 
tung  rein  biologischer  Probleme  und  in  sein  sinnesphysiologisch-psycho- 
physisches  Lebenswerk,  wobei  allerdings  zu  betonen  ist,  daB  diese  Trennung 
nur  thematisch  berechtigt  ist,  denn  auch  bei  seinen  psychophysischen  Arbeiten 
ist  H. —  und  gerade  darin  liegt  seine  Bedeutung —  Biologe  im  besten  Sinne 
des  Wortes  geblieben. 

Morphologische  Probleme  haben  H,  schon  wahrend  der  Studentenzeit  be- 
schaftigt.  Er  hat  als  erster  (1856)  die  Generationsorgane  des  Regenwurmes 
richtig  beschrieben  und  den  Begattungsvorgang  bei  diesen  Wiirmern  be- 
obachtet  (1).  Auch  seine  Doktor-Dissertation  behandelte  die  Keimdriisen  und 
die  Exkretionsorgane  einer  Gruppe  der  Ringelwiirmer  der  Alciopiden  (2).  Als 
kleiner,  aber  charakteristischer  Zug,  der  die  peinliche  Sorgfalt  zeigt,  mit  der 
H.  seine  Befunde  stets  verzeichnete  und  verwertete,  sei  hier  erwahnt,  daB  er 
noch  33  Jahre  nach  seinem  Aufenthalte  in  Messina —  durch  auBere  Umstande 
veranlaBt  —  wertvolle  Beitrage  zurSystematik  der  Alciopiden  publiziert  hat  (3), 
die  auf  Beobachtungen  zuriickgingen,  die  er  seinerzeit  in  Sizilien  gemacht  hatte. 
Mit  einer  fur  seine  Zeit  ganz  auBergewohnlich  guten  histologischen  Technik  hat 
H.  ferner  wahrend  seiner  Wiener  Zeit  den  Bau  der  Wirbeltierleber  bei  verschie- 
denen  Wirbeltierklassen  vergleichend  untersucht  (4) ;  wir  verdanken  ihm  die 
wichtige  Erkenntnis,  daB  die  Leber  als  eine  tubulose  Driise  mit  netzartig  anasto- 
mosierenden  Gangen  aufzufassen  ist.  Nicht  nur  in  morphologischer,  sondern 
auch  in  funktioneller  Hinsicht  interessant  sind  H.s  Mitteilungen  iiber  das 
»Leben  der  Blutzellen  «,  in  denen  er  vor  allem  die  Diapedese  der  Erythrocyten 
behandelt  hat  (5). 

Aus  H.s  Wiener  Zeit  stammt  auch  die  gemeinsam  mit  Breuer  ausgefuhrte 
klassische  Untersuchung  iiber  die  Selbststeuerung  der  Atmung  durch  den 
N.  vagus  (6).  H.  zeigte,  daB  die  Atembewegungen  normalerweise  nicht  im 
Rhythmus  des  automatisch  tatigen  Atemzentrums  erfolgen,  sondern,  daB  jede 
Ein-  und  Ausatmung  sozusagen  vorzeitig  kupiert  wird,  einerseits  durch  einen 


26o  1918 

exspiratorisch,  andererseits  durch  einen  inspiratorisch  wirkenden  Reflex.  Die 
afferenten  Bahnen  dieser  beiden  Reflexe  verlaufen  in  sensiblen  Fasern  des 
Vagus,  welche  in  der  Lunge  selbst  durch  die  Erweiterung,  bzw.  durch  den 
Kollaps  der  Lungenalveolen  erregt  werden.  Durch  diese  Beobachtung  deckte 
H.  das  erste  Beispiel  eines  reflektorisch  antagonistisch  und  dabei  streng  ge- 
koppelt  wirkenden  Nervenpaares  auf,  und  es  bestehen  innige  Beziehungen 
zwischen  dieser  groBen  Entdeckung  und  der  heute  ein  so  weites  Gebiet  beherr- 
schenden  Lehre  der  reziproken  Innervation. 

Im  Anschlusse  an  diese  Versuche  hat  H.  den  EinfluB  der  Atmung  auf  den 
Kreislauf  studiert  (7) :  Beim  Aufblasen  der  Lunge  hatte  er  bei  den  eben  er- 
wahnten  Versuchen  eine  Akzeleration  der  Herztatigkeit  beobachtet.  Die  muster- 
giiltige  Analyse  dieser  Beschleunigung  des  Herzschlages  ftihrte  zu  der  Ent- 
deckung, daB  von  den  bei  der  Lungenblahung  erregten  sensiblen  Vagusfasern 
der  Lunge  aus  eine  reflektorische  Hemmung  des  herzverlangsamend  wirkenden, 
tonisch  erregten  Vaguszentrums  erfolgt.  Ferner  stellte  H.  fest,  daB  die,  seither 
als  Traube-Heringschen  Wellen  bezeichneten  Blutdruckschwankungen  im 
Rhythmus  der  Atembewegungen  erfolgen,  und  auf  einer  funktionellen  Be- 
ziehung  zwischen  dem  Atemzentrum  und  dem  GefaBzentrum  beruhen,  einer 
Beziehung,  wie  er  sie  auch  zwischen  dem  Atemzentrum  und  dem  Herz- 
hemmungszentrum  gefunden  hatte. 

Die  bisher  erwahnten  experimentellen  Arbeiten  H.s  nehmen  in  seinem 
Lebenswerk  eine  isolierte  Stellung  ein ;  seine  ganze  iibrige,  so  vielseitige  wissen- 
schaftliche  Forschung  ging  letzten  Endes  von  einer  groBen  allgemeinen  Idee 
aus,  die  er  sich  vom  Wesen  der  Lebensvorgange  gebildet  hatte,  und  deren 
Grundziige  er  in  dem  beriihmten  Vortrage  »Zur  Theorie  der  Vorgange  in  der 
lebendigen  Substanz«  (8)  zusammengefaBt  hat.  H.  faBt  das  Leben  als  einen 
Gleichgewichtszustand  auf,  in  dem  gleichzeitig  nebeneinander  zwei  antago- 
nistische  chemische  Vorgange  ablaufen,  Assimilation  und  Dissimilation  (A  und 
D),  Aufbau  und  Zerfall.  Solange  die  lebendige  Substanz  in  Ruhe  ist,  verlaufen 
A  und  D  mit  gleicher  Geschwindigkeit ;  auBere  Reize  konnen  aber  das  Gleich- 
gewicht  in  dem  einen  oder  anderen  Sinne  storen,  sie  konnen  entweder  die  A 
fordern,  so  daB  die  Substanz  »iiberwertig«  wird,  oder  die  D  steigern,  so  daB  die 
lebendige  Substanz  unterwertig  wird.  Fallt  nun  der  betreffende  Reiz  weg,  wird 
also  das  wahrend  der  Reizdauer  kunstlich  aufrecht  erhaltene  »allonome« 
Gleichgewicht  gestort,  so  kehrt  die  lebendige  Substanz,  dank  einer  ihr  imma- 
nenten  Tendenz  automatisch  wieder  in  das  urspriingliche  »autonome«  Ruhe- 
gleichgewicht  zuriick,  was  nur  durch  eine  spontane  Steigerung  der  wahrend  der 
Reizdauer  durch  den  Reiz  unterdriickten  Stoffwechselphase  (A  oder  D)  moglich 
ist.  Das  Wesentliche  und  das  prinzipiell  von  den  iiblichen  Lehren  Abweichende 
dieser  Theorie  liegt  in  der  Annahme  von  Reizen,  welche  einen  der  »Erregung« 
entgegengesetzten  Vorgang  auslosen. 

Dieser  geniale  Gedanke  zieht  sich  als  Leitmotiv  durch  den  groBten  Teil  von 
H.s  nerven-  und  muskelphysiologischen  Arbeiten  und  durch  seine  beriihmten 
Arbeiten  iiber  den  Lichtsinn  und  Temperatursinn.  Leitet  man  einen  elek- 
trischen  Strom  durch  ein  lebendes  Organ,  so  wird  dieses  in  seinen  Funktionen 
an  der  Ein-  und  Austrittstelle  gegensinnig  beeinfluBt.  In  dieser  teils  erregenden, 
teils  hemmenden  Wirkung  des  elektrischen  Stromes,  sah  H.,  so  wie  etwa  in  der 
Wirkung  der  Nn.  accelerant  es  und  des  N.  vagus  auf  das  Herz,  eine  Bestatigung 


Hering  26 1 

seiner  Theorie  der  dissimilatorisch  und  assimilatorisch  wirkenden  Reize.  Er 
ging  diesem  Gedanken  nach  und  studierte  zunachst  die  polaren  Wirkungen 
des  konstanten  Stromes,  wurde  aber  dann  oft  genotigt,  scheinbar  von  seinetn 
Thema  abseits  liegende  Fragen  der  Nerv-Muskelphysiologie  zu  klaren,  und  so 
entstand  die  lange  Reihe  der  23  »Beitrage  zur  allgemeinen  Nerv-Muskel- 
physiologie* (9),  die  er  gemeinsam  mit  W.  Biedermann  veroffentlicht  hat. 

Jede  einzelne  dieser  Arbeiten  beweist  die  fur  H.s  ganze  wissenschaftliche 
Tatigkeit  besonders  charakteristische  Strenge  der  Selbstkritik ;  in  der  Methodik 
werden  mit  peinlicher  Gewissenhaftigkeit  alle  moglichen  Fehlerquellen  aus- 
geschaltet,  so  daB  die  mit  groBter  Sachlichkeit  diskutierten  Versuchsergebnisse 
immer  wieder  wertvolle  Fortschritte  auf  dem  Gebiete  der  allgemeinen  Nerven- 
und  Muskelphysiologie  brachten. 

Das  Feld,  auf  dem  H.s  allgemeine  Theorie  von  den  Lebensvorgangen  beson- 
ders reiche  Friichte  trug,  war  die  Lehre  vom  Iyichtsinn  (10)  und  die  Farben- 
lehre  (11).  H.  erkannte  als  erster  die  weitgehende  Gegensatzlichkeit,  die 
zwischen  den  Gliedern  bestimmter  Farbenpaare  (weiB-schwarz,  rot-griin, 
gelb-blau)  herrscht,  und  erkannte  auch  die  gerade  durch  diese  Gegensatzlich- 
keit ermoglichte  Zusammenfassung  der  sechs  Grundf arben  zu  den  genannten 
drei  Paaren  von  »Gegenf arben  «.  Er  ging  bei  seinen  Untersuchungen  und  bei  der 
Fundierung  seiner  Farbentheorie  aus  von  der  Unvereinbarkeit  der  betreffenden 
Farbenempfindungen,  von  Kontrast-,  Adaptations-  und  Nachbilderschei- 
nungen  sowie  von  den  physiologischen  Formen  der  Farbenblindheit,  der 
peripherer  Netzhautzonen,  und  den  pathologischen  Fallen  von  partieller  und 
totaler  Farbenblindheit.  H.s  Theorie  der  Gegenf arben  bedeutete  nicht  nur  eine 
Revolution  auf  dem  engeren  Gebiete  der  physiologischen  Optik,  in  der  damals 
die  Young-Helmholtzsche  Farbentheorie  allein  herrschte,  sondern  sie  lehrte  die 
Physiologen  zugleich  eine  neue,  ungemein  fruchtbare  Denkrichtung  kennen,  die 
auf  ganz  neue  Losungsmoglichkeiten  sinnesphysiologischer  und  dariiber  hinaus 
allgemein  psychophysischer  Probleme  hinwies. 

Helmholtz  hatte  das  Gebiet  der  Sinnesphysiologie  als  Physiker  betreten.  H. 
reklamierte  es  mit  Recht  als  eine  Domane  der  Biologic  Helmholtz  sah  in  den 
Empfindungen  im  wesentlichen  nur  Funktionen  der  physikalisch  definierten 
Reize,  wahrend  H.  —  so  wie  Johannes  Muller —  die  Empfindungen  in  erster 
Linie  als  Korrelate  der  Lebensvorgange  des  Nervensystems  auffaBte,  sie  also  als 
in  gleicher  Weise  von  dem  jeweiligen  Zustande  des  Nervensystems  wie  von  der 
Art  des  auBeren  Reizes  abhangig  erkannte.  Er  sah  in  den  Gliedern  der  Gegen- 
farbenpaare  den  sinnfalligen  Ausdruck  fiir  die  von  ihm  postulierten  assimila- 
torischen  und  dissimilatorischen  I^ebensvorgange  im  nervosen  Anteil  unseres 
Sehorganes.  Es  sei  hier  erwahnt,  daJ3  H.  von  dem  gleichen  Standpunkte  aus, 
auch  eine  physiologische  Theorie  der  Temperaturempfindungen  entwickelt 
hat  (12). 

Die  Differenz  der  Resultate,  die  sich  aus  den  gegensatzlichen  Betrachtungs- 
weisen  von  H.  und  Helmholtz  ergibt,  moge  ein  Beispiel  aus  der  Farbenlehre 
zeigen.  Helmholtz  meinte,  daB  die  Merkmale  einer  Farbe,  ihr  Ton,  ihre  Hellig- 
keit,  ihre  Sattigung  physikalisch  definierbar  seien  durch  die  Wellenlange,  die 
Amplitude  und  die  Menge  des  beigemischten  weiCen  Lichtes.  Da  nun  die  tag- 
liche  Erfahrung  lehrt,  daB  zwischen  unseren  Farbenempfindungen  und  jenen, 
nur  nach  der  physikalischen  Qualitat  des  Reizlichtes  zu  erwartenden  Empfin- 


262  1918 

dungen  tiefgreifende  Unterschiede  bestehen  (Kontrast,  Nachbilder  usw.),  sah 
sich  Helmholtz  genotigt,  diese  Unterschiede,  z.  B.  bei  den  simultanen  Kontrast- 
phanomenen,  als  Folgen  von  Urteilstauschungen,  unbewuBten  Schliissen  usw. 
anfzufassen.  Es  ist  ein  nicht  hoch  genug  einzuschatzendes  Verdienst  H.s  um 
die  Sinnesphysiologie  wie  auch  um  die  Psychologie,  daB  er  die  Unhaltbarkeit 
dieser  Hilfshypothesen  nachgewiesen  und  sie  durch  das  Gesetz  der  »Wechsel- 
wirkung  der  Sehf  eldstellen  «  ersetzt  hat. 

Ein  geistreicher  englischer  Biochemiker  schreibt:  t>All  dogmatic  and  exclusive 
teaching  about  any  aspect  of  the  phenomena  of  life  is  apt  to  be  checked  by  the 
ultimate  discovery  that  living  cell  is  before  all  things  a  heretic*  (Sir  Frederick 
Gowland  Hopkins,  On  current  views  concerning  the  mechanisms  of  biological 
oxidation.  Skand.  Arch.  1926.)  H.  hat  diese  Ketzernatur  des  Organischen  sehr 
wohl  gekannt  und  sah  auch  in  seiner  Theorie  von  den  Vorgangen  in  der  leben- 
digen  Substanz  nur  eine  »Annaherung  an  die  Wahrheit«.  Seine  schonen  Worte: 
»  Sterile  Theorien  verf alien  leicht  der  Unsterblichkeit ;  die  fruchtbaren  vererben 
ihren  unsterblichen  Teil  ihren  Kindern,  wahrend  ihre  sterbliche  Hiille  zerfallt, « 
hatten  fiir  seine  eigenen  Gedanken  einen  prophetischen  Sinn,  denn  auch  H.s 
Theorie  lebt  heute  noch,  wenn  auch  nicht  in  ihrer  urspriinglichen  Fassung, 
allerorts  in  der  Biologie  fort,  wie  z.  B.  in  der  Lehre  von  den  assimilatorisch  und 
den  dissimilatorisch  wirkenden  Hormonen,  in  der  Reflexlehre  Sherringtons  usw. 

Eines  der  wichtigsten  Gebiete,  das  durch  H.s  wissenschaftliche  Arbeit  von 
Grund  auf  neu  fundiert  wurde,  ist  schlieBlich  die  Lehre  vom  Raumsinne  und 
den  Bewegungen  unseres  Augenpaares  (14).  In  den  alteren,  auch  noch  von 
Helmholtz  vertretenen  Lehre  von  der  optischen  Lokalisation,  nach  der  wir 
unsere  Gesichtsempfindungen  auf  Grund  von  Erf ahrungsmotiven  in  den  Raum 
»hinausprojizieren«,  sie  in  den  Schnittpunkt  der  Richtungslinien  verlegen 
sollten,  hatten  unbewuBte  psychische  Vorgange  die  Hauptrolle  gespielt.  In 
H.s  Theorie  des  Raumsinnes  spielt  dagegen  der  wirkliche,  durch  Messung  usw. 
erweisbare  Ort  der  Raumdinge  iiberhaupt  keine  Rolle,  H.  sieht  vielmehr  mit 
vollem  Recht  in  dem  scheinbaren  Ort  eines  Sehdings  ebenso  ein  primares,  an- 
geborenes  Merkmal  der  Empfindung,  wie  in  der  Farbe  jedes  Dinges.  Es  zeigt 
sich  auch  auf  diesem  Gebiete  die  prinzipielle  Verschiedenheit  der  Denkrichtung 
des  physikalisch-mathematischen  Forschers  auf  der  einen,  des  biologisch  ge- 
schulten  Psychophysikers  auf  der  anderen  Seite. 

So  wie  H.s  Untersuchungen  auf  dem  Gebiete  der  Farbenlehre  haben  auch 
seine  Arbeiten  iiber  die  Motilitat  des  menschlichen  Doppelauges  eine  weit  iiber 
das  Theoretische  hinausgehende  Bedeutung  gewonnen.  Darauf  ist  es  zuriick- 
zufiihren,  daB  in  H.s  Laboratorium  nicht  nur  Physiologen  heranwuchsen,  son- 
dern  daB  eine  groBe  Zahl  fiihrender  Ophthalmologen  sowie  auch  Psychologen 
(ich  nenne  nur  HeB,  Hillebrand,  Bielschowsky  und  Bruckner)  sich  dankbar  zu 
H.s  Schule  bekennen.  Die  Zahl  seiner  Schiiler,  die  auch  spater  als  Physiologen 
tatig  blieben,  ist  im  In-  und  Auslande  ungewohnlich  grofi  (M.  Loewit,  Bieder- 
mann,  Knoll,  F.  B.  Hofmann,  Tschermak,  Garten,  Dittler,  Briicke,  sowie  eine 
lange  Reihe  von  Physiologen  in  Japan,  RuBland  usw.).  Nicht  nur  als  Meister 
seiner  Wissenschaft  verehrten  ihn  seine  Schiiler,  sondern  auch  als  einen  Mann 
lautersten  Charakters,  als  einen  wahrhaft  edlen  Menschen. 

Die  absolute  Klarheit,  bis  zu  der  H.  seine  Gedanken  stets  durchdachte  und 
seine  Experimente  durchfiihrte,  kommt  auch  in  seinen  Reden  zum  Ausdrucke 


Hering.  Jiingst  263 

(15),  von  denen  speziell  die  beriihmte  Rede  tiber  das  Gedachtnis  als  eine  all- 
gemeine  Funktion  der  organischen  Materie  hier  hervorgehoben  sei,  die  in  ihrer 
formvollendeten  Schonheit  und  dem  Schwung  ihrer  Gleichnisse  sachlich,  wie 
auch sprachlich zu den klassischen Werken der deutschenLiteratur  zu  zahlenist. 

Literatur:  Eine  ausgezeichnete  Wurdigung  von  H.s  sinnesphysiologischem  Lebens- 
werk  bringt  das  Buch  von  F.  Hillebrand :  Ewald  Hering,  ein  Gedenkwort  der  Psycho- 
physik.  Berlin  1918,  Springer. 

(Die  nachstehenden  Numraern  beziehen  sich  auf  die  entsprechenden  Hinweise  im  Text.) 
1.  Zur  Anatomie  und  Physiologie  der  Generationsorgane  des  Regenwurms.  Ztschr.  f .  Zool., 
Bd.  8,  S.  400,  1856.  —  2.  De  alcioparum  partibus  genitalibus  usw.  Diss.,  Leipzig  i860.  — 
3.  Zur  Kenntnis  der  Alciopiden  von  Messina.  Sitz.-Ber.  der  k.  Akademie  d.W.  inWien, 
m.  n.  CI.,  Bd.  101,  Abt.  1,  1892.  —  4.  Uber  den  Bau  der  Wirbeltierleber,  I.  u.  II.  Mitt. 
Sitz.-Ber.  d.  k.  Ak.  d.  W.  in  Wien,  m.  n.  CI.,  1.  Abt.,  Bd.  54,  S.  335  und  S.  496,  1866.  — 
5.  Zur  Lehre  vom  L,eben  der  BlutzeUen,  I  u.  II.  Ebenda,  Abt.  2,  Bd.  56,  S.  691,  1867,  und 
Bd.  57,  S.  170,  1868.  —  6.  Die  Selbststeuerung  der  Atmung  durch  den  N.  vagus.  Nach 
Versuchen  von  Breuer.  Ebenda,  Bd.  57,  S.  672,  1868.  —  7.  t)ber  den  Einfluflder  Atmung 
auf  den  Kreislauf ,  I.  u.  II.  Mitt.  Ebenda,  Abt.  2,  Bd.  60,  S.  829,  1869;  Bd.  64,  S.  333,  187 1. 

—  8.  Zur  Theorie  der  Vorgange  in  der  lebendigen  Substanz.  Lotos,  N.  F.  Bd.  9,  Prag  1888. 

—  9.  Beitrage  zur  allgemeinen  Nerven-  und  Muskelphysiologie  (gemeinsam  mit  W.  Bieder- 

mann) .  Sitz.-Ber.  d.  k.  Ak.  d.  W.  in  Wien,  m.  n.  CI.,  Abt.  Ill,  in  den  Banden  79  bis  97, 

1879 — 1888.  —  10.  Zur  Lehre  vom  Lichtsinn  (6  Mitt.  a.  d.  Sitz.-Ber.  d.  k.  Ak.  d.  W.  in 

Wien,   Bd.  60 — 70,    1872 — 1874).  Auch  als  Monographic  C.  Gerolds  Sohn,  Wien   1878; 

Grundziige  der  Lehre  vom  Lichtsinn,  Graefe-Saemisch,  Hb.  d.  ges.  Augenheilk.,   1905 

bis  1920. —  1 1.  UberNewtonsGesetzderFarbenmischung.  LotosN.  F.  Bd.  Ill,  S.  77, 1887; 

Zur  Erklarung  der  Farbenblindheit.  Daselbst   Bd.  I,  S.  76,  1880;  t)ber  individuelle  Ver- 

schiedenheit  des  Farbensinnes.  Daselbst,  Bd.  6,  S.  1,  1885;  sowie  eine  groBe  Zahl  verstreut 

erschienener  Arbeiten.  —  12.  Der  Temperatursinn.  Hermanns  Hb.  Ill,  2,  S.  415,  1879.  — 

13.  Neben  verschiedenen  Spezialarbeiten,  zusammenfassende  Darstellungen  in:  Beitrage 

zur  Physiologie,  Leipzig  1861;  Die  Lehre  vom  binocularen  Sehen,  Leipzig  1868;   Der 

Raumsinn  und  die  Bewegungen  des  Auges.  Hermanns  Hb.  Ill,  1,  S.  343,  1879.  —  14.  Fiinf 

Reden  von  Ewald  Hering,  Leipzig  192 1. 

H.s  wissenschaftlicher  Nachlafl  befindet  sich  im  Besitze  seines  Sohnes  Geheimrat 
E.  H.  Hering  in  Koln. 

Innsbruck.  Ernst  Th.  v.  Briicke. 


Jiingst,  Carl,  Geheimer  Bergrat,  Dr.-Ing.  e.  h.,  *  am  7.  Juni  1831  in  Lingen 
an  der  Ems,  f  am  25.  September  1918  in  Gleiwitz.  —  Carl  J.  wurde  als  Sohn 
des  Superintendenten  J.  geboren.  Er  besuchte  die  Volksschule  und  das  Gym- 
nasium in  seiner  Vaterstadt  Lingen  und  trat  in  der  Absicht,  sich  dem  Eisen- 
huttenfach  zu  widmen,  im  Jahre  1849  De*  dem  damaligen  Koniglich  Hannover- 
schen  Berg-  und  Forstamt  in  Clausthal  als  Bergbaubeflissener  ein.  Im  Winter 
1853/54  schloB  er  mit  Erfolg  seine  Studien  an  der  Clausthaler  Bergschule  mit 
der  ersten  Berg-  und  Hiittenmannischen  Priifung  ab.  Als  »  Htittenaspirant « 
wurde  er  sodann  der  Konigshiitte  in  Bad  Lauterberg  a.  Harz  iiberwiesen. 
Seine  praktische  Tatigkeit,  bei  der  er  sich  vor  allem  mit  den  verschiedenen 
Arten  des  Puddelverfahrens  befaCte,  iibte  er  bei  verschiedenen  Harzer  Hiitten, 
in  Varel  und  Augustfehn  aus.  Nach  einer  Studienreise  nach  Osterreich,  wo 
Sektionsrat  Tunner  seine  Weiterbildung  wesentlich  beeinfluflte,  legte  J.  im 
Februar  1858  die  zweite  Fachpriifung  ab.  Danach  trat  er  wieder  bei  der 
Konigshiitte  im  Harz,  und  zwar  als  Betriebsgehilfe  bei  der  Eisenhiitten- 
verwaltung,  ein. 


264  I9i8 

Im  Jahre  1865  unternahm  J.  zur  Erweiterung  seiner  Kenntnisse,  insbeson- 
dere  auf  dem  Gebiete  des  Bessemer- Verfahrens  und  der  Anlage  von  Koks- 
hochofen,  groBere  Reisen,  die  ihn  in  die  bedeutendsten  Werke  von  Oster- 
reich,  Sachsen,  Westfalen,  Nassau,  des  Siegerlandes  und  von  Ostfrankreich 
fiihrten.  Nachdem  er  im  Herbst  1865  als  »Hiittenmeister«  zum  ersten  Betriebs- 
beamten  der  Konigshiitte  ernannt  worden  war,  machte  ihn  eine  abermalige 
Reise  mit  den  Hiittenwerken  in  Horde,  der  Georgsmarienhiitte  in  Osnabriick, 
der  Fiirst-Stolberg-Hiitte  in  Ilsede  und  sogar  mit  den  Hiittenwerken  in  Nieder- 
bronn  und  Rosenberg  bei  Sulzbach  in  Bayern  bekannt. 

Seine  Tatigkeit  bei  dem  damaligen  Koniglich  PreuBischen  Hiittenamt  in 
Gleiwitz,  die  sein  Lebenswerk  werden  sollte,  nahm  er  Anfang  1871  auf.  Zu- 
nachst  als  Hutteninspektor  zur  vorlaufigen  Amtsverwesung  bestellt,  wurde 
er  im  Jahre  1872  zum  Hiittendirektor  befordert,  und  damit  ubernahm  er  end- 
giiltig  die  gesamte  Leitung  des  Werkes,  in  dem  er  31  Jahre  lang,  bis  zu  seinem 
tibertritt  in  den  Ruhestand  im  Jahre  1902,  gewirkt  hat.  Das  Werk  erfuhr 
unter  der  Leitung  von  J.  durch  die  Angliederung  einer  RohrengieBerei  und 
einer  StahlgieBerei  umfangreiche,  mit  Scharfsinn  und  Weitblick  durchgefiihrte 
Erweiterungen.  Im  Jahre  1883  wurde  ihm  der  Titel  eines  Bergrates  und  1891 
der  des  Geheimen  Bergrates  verliehen. 

Wenn  schon  die  Leitung  eines  so  bedeutenden  Huttenwerkes  ein  groBes 
MaB  von  Arbeitskraft  verlangte,  so  drangte  sein  reger  Forscher-  und  Schopfer- 
geist  J.  weit  uber  die  Grenzen  dieses  Aufgabenkreises  hinaus. 

Seine  vielseitigen  Interessen  lagen  in  erster  Linie  und  fast  ausschlieBlich 
auf  technischem  Gebiet.  Als  Eisenhuttenmann  widmete  er  sich  besonders 
dem  GieBereiwesen.  Bahnbrechend  sind  seine  Forschungen  auf  dem  Gebiet 
der  Untersuchungen  liber  das  Wesen  des  GuBeisens  und  der  Priifungsverfahren 
fur  GuBeisen.  Er  gehorte  den  einschlagigen  Ausschussen  der  maBgebenden 
Fachverbande,  wie  z.  B.  des  Deutschen  Verbandes  fiir  die  Materialpriifungen 
der  Technik,  des  Vereins  Deutscher  EisengieBereien  usw.  an,  die  er  zum  Teil 
leitete.  So  war  er  jahrzehntelang  Vorsitzender  der  Saulenkommission  des 
Vereins  Deutscher  EisengieBereien,  deren  Aufgabe  es  war,  die  Verwendungs- 
f ahigkeit  guBeiserner  Saulen  im  Vergleich  zu  den  schmiedeeisernen  Saulen  zu 
priifen.  Von  besonderer  Bedeutung  ist  sein  im  Jahre  1886  im  Verein  Deut- 
scher EisengieBereien  gehaltener  Vortrag  iiber  die  »Verwendung  guBeiserner 
Saulen  zu  Hochbauten«.  Im  Deutschen  Verband  fiir  die  Materialpriifungen 
der  Technik  war  er  Obmann  des  Unterausschusses,  der  sich  mit  dem  Studium 
der  Grundsatze  fiir  die  GuBeisenpriifung  befaBte.  Das  Ergebnis  dieser  Ar- 
beiten  waren  die  »Vorschriften  fiir  die  Lieferung  von  GuBeisen «,  die  im 
Jahre  1909  vom  Verband  fiir  die  Materialpriifungen  der  Technik  gemeinsam 
mit  dem  Verein  Deutscher  EisengieBereien  und  dem  Deutschen  GuBrohr- 
verband  herausgegeben  wurden  und  die  heute  noch  die  Grundlage  fiir  die 
Priifung  des  GuBeisens  sind. 

Als  Ziel  seiner  Arbeiten  bezeichnete  J.,  mit  dazu  beitragen  zu  wollen,  daB 
»die  noch  dunklen  Eigenschaften  des  GuBeisens  zur  vollen  Erkenntnis«  ge- 
langen.  Er  war  der  tjberzeugung,  daB  die  in  den  bestehenden  Vorschriften 
fiir  die  Lieferung  von  GuBeisen  geforderten  Festigkeitziffern  zu  niedrig  seien, 
und  daB  es,  um  die  Verwendung  des  GuBeisens  nicht  durch  eine  gesteigerte 
Verwendung  von  Eisenbeton,  FluBeisen  und  FluBstahl  zu  beeintrachtigen. 


Jungst  265 

notwendig  sei,  bei  den  steigenden  Anspriichen  an  die  Eigenschaften  des  Ma- 
terials sowohl  im  Maschinenbau  als  auch  im  Hoch-  und  Tiefbau  die  Festigkeit- 
ziffern  fiir  GuBeisen  zu  erhohen.  Er  wollte  deshalb  versuchen,  nachzuweisen, 
daB  die  tatsachlichen  Leistungen  der  deutschen  EisengieBereien  weit  hoher 
seien,  als  auf  Grund  der  Lief erungsvorschrif ten  angenommen  werden  konnte. 
So  sagte  er  in  einem  im  Jahre  1904  vor  der  »Eisenhiitte  Oberschlesien  «  gehal- 
tenen  Vortrag  uber  das  Thema:  »Eine  Phase  aus  dem  Kapital  GuBeisen- 
priifungd  am  SchluB  die  bemerkenswerten  Worte:  »Das  GuBeisen  ist  besser 
als  sein  Ruf.  Es  besitzt  vortreffliche  Eigenschaften,  welche  es  zu  vielen 
Zwecken  des  geschaftlichen  Lebens  besonders  geeignet  machen,  vorausgesetzt, 
daB  seine  Darstellung  richtig  gehandhabt  wird.  Ich  bin  iiberzeugt,  daB  das 
GuBeisen  nicht  allein  sein  gegenwartiges  Feld  behaupten,  sondern  auch  einen 
groBen  Teil  des  in  den  letzten  Jahren  verlorenen  Feldes  wiedergewinnen 
wird. «  Dieser  Vortrag  und  zahlreiche  andere  Berichte  und  Veroffentlichungen 
sind  die  Vorarbeiten  zu  der  bekannten  im  Jahre  1913  erschienenen  Schrift: 
»Beitrag  zur  Untersuchung  des  GuBeisens*  (Verlag  Stahleisen,  Diisseldorf).  In 
dieser  Schrift  ist  mit  den  Ergebnissen  von  407  Analysen  der  Rohstoffe  und 
des  GuBeisens  und  nicht  weniger  als  5894  nach  einheitlichen  Gesichtspunkten 
durchgefuhrten  Untersuchungen  auf  Durchbiegung,  Biegefestigkeit,  Zug- 
festigkeit,  Schlag-  und  StoBfestigkeit,  Hohenverminderung,  Druckfestigkeit 
und  Harte  ein  Stoff  zusamxnengetragen,  wie  er  vollstandiger,  umfangreicher 
und  fiir  die  Zukunft  des  EisengieBereiwesens  wertvoller  nicht  zusammen- 
gebracht  worden  ist.  Als  einen  groBen  Mangel  des  GuBeisens,  der  seiner  Ver- 
wendung  beim  Baufach  und  Maschinenbetriebe  sehr  entgegenstehen  konnte, 
betrachtet  er  die  Unsicherheit  der  Darstellung  von  GuBstiicken  mit  gleichen 
Eigenschaften  und  die  sich  daraus  ergebende  Ungleichheit  des  gelieferten  Er- 
zeugnisses.  Bei  der  Durcharbeitung  der  Untersuchungsergebnisse  hat  er  ver- 
sucht,  den  Umfang  der  im  GuBeisen  auftretenden  UngleichmaBigkeiten  zu  er- 
kennen,  ihre  Ursachen  zu  finden  und  Winke  zu  ihrer  Vermeidung,  so  weit 
dies  moglich  ist,  zu  geben.  —  Die  Priifung  speziell  der  Druckfestigkeitziffer 
beim  GuBeisen  hat  J.  wiederum  zu  mehreren  hundert  Untersuchungen  ver- 
anlaBt.  Diese  Arbeiten  sind  durch  den  Krieg  unterbrochen  und  daher  nicht 
mehr  zur  Veroffentlichung  gekommen.  Bedeutungsvoll  sind  seine  Versuche 
mit  Ferro-Silizium,  die  er  einmal  in  einem  Vortrag  »EinfluB  des  Ferro- 
Siliziums  auf  das  Material  zur  Herstellung  von  Bergwerksmaschinen «  (1889) 
und  in  einem  weiteren  Vortrag  »Schmelzversuche  mit  Ferro-Silizium «  (1890) 
behandelt  hat.  Insbesondere  dieser  letzte  Vortrag,  der  in  der  amtlichen  »Zeit- 
schrift  fiir  Berg-,  Hiitten-  und  Salinenwesen  im  preuBischen  Staat«  veroffent- 
licht  ist,  war  besonders  einschneidend  und  bildete  die  Grundlage  fiir  weitere 
Arbeiten.  —  Zwei  seiner  Arbeiten  befassen  sich  mit  dem  RohrenguB.  Im 
Jahre  1884  beschrieb  er  eingehend  die  neue  RohrengieBerei  des  Koniglichen 
Hiittenamtes  Gleiwitz,  und  in  einem  1899  gehaltenen  Vortrag  besprach  er 
den  »EinfluB  der  im  Wasser  enthaltenen  Gase  auf  Wandungen  guBeiserner 
Rohren  «. 

Neben  seiner  rein  fachwissenschaftlichen  Betatigung  lieBen  ihn  auch  die 
wirtschaftlichen  Fragen  seiner  Zeit  nicht  unberuhrt.  Er  war  30  Jahre  lang 
(1872 — 1902)  Vorsitzender  der  Schlesisch-Ostdeutschen  Gruppe  des  Vereins 
Deutscher  EisengieBereien   und   ferner  Vorstandsmitglied   der  »Eisenhutte 


266  igi8 

Oberschlesien«.  Bei  dem  im  Jahre  1879  entbrannten  Kampf  um  die  Erhaltung 
der  Eisenzolle  gehorte  J.  zu  den  Sachverstandigen  (Eisenenquetekommission), 
die  mit  der  Priifung  der  Verhaltnisse  fiir  die  Eisenindustrie  betraut  waren. 
Im  Jahre  1879  veroffentlichte  er  in  den  »Verhandlungen  des  Vereins  zur  Be- 
forderung  des  GewerbefleiBes*  einen  Bericht  tiber  »Die  Roheisenerzeugung 
auf  der  Weltausstellung  zu  Paris «,  in  dem  auBer  einer  Betrachtting  iiber  den 
Gegenstand  selbst  die  derzeitigen  Fortschritte  der  fiir  das  Eisenhiittenwesen 
in  Frage  kommenden  Maschinen  beschrieben  sind. 

Die  Arbeiten  J.s  fanden  die  entsprechende  Wurdigung,  die  sich  in  den  viel- 
fachen  Ehrungen,  die  ihm  zuteil  wurden,  auBerte.  J.  war  Ehrenmitglied  des 
Vereins  Deutscher  EisengieBereien  und  der  »Eisenhiitte  Oberschlesien*;  die 
Technische  Hochschule  in  Breslau  verlieh  ihm  bei  der  Einweihung  ihrer 
huttenmannischen  Institute  die  Wiirde  eines  Doktoringenieurs  ehrenhalber. 

Soil  das  Lebensbild  J.s  wiedergegeben  werden,  so  darf  nicht  unerwahnt 
bleiben,  daB  er  bei  seinen  zahlreichen  Berufs-  und  Fachamtern  auch  noch 
Zeit  fand,  seiner  Stadt  und  Gemeinde  Gleiwitz,  die  seine  zweite  Heimat  ge- 
worden  war,  zu  dienen.  So  war  er  lange  Jahre  als  Stadtverordneter  und  Stadt- 
rat  in  Gleiwitz  tatig  und  gehorte  auBerdem  zu  der  kirchlichen  Gemeinde- 
vertretung,  wo  er  insbesondere  als  Mitglied  der  Synode  fiir  den  Kreis  Gleiwitz 
eifrig  wirkte. 

J.  erreichte  das  hohe  Alter  von  88  Jahren.  Ihm  blieb  bis  zu  seinem  Lebens- 
ende  eine  seltene  korperliche  und  geistige  Frische  erhalten.  Die  groBe  Ver- 
ehrung  und  das  unbeschrankte  Vertrauen,  die  dem  mit  reichen  Gaben  des 
Geistes  und  des  Herzens  ausgeriisteten  Manne  in  den  Tagen  seines  Schaffens 
tiberall  begegneten,  erhellten  noch  seinen  Lebensabend,  der  dazu  von  gliick- 
lichen  Familienverhaltnissen  getragen  war. 

Das  Leben  J.s  war  reich  an  Arbeit,  aber  auch  reich  an  Erfolgen.  Der  Name 
J.s  ist  mit  der  Geschichte  der  Technik  der  Eisenhuttenkunde,  insbesondere 
des  EisengieBereiwesens,  auf  immer  verbunden. 

Literatur:  Brandt:  Zur  Geschichte  der  deutschen  EisengieBereien.  »Mitteilungen  des 
Vereins  Deutscher  EisengieBereien.* 

Diisseldorf.  Theodor  Geilenkirchen. 

Kawerau,  Gustav,  D.  theol.,  o.  Honorarprofessor  an  der  Universitat  Berlin, 
Propst  zu  St.  Petri  und  nebenamtliches  Mitglied  des  Evangelischen  Ober- 
kirchenrats,  *  am  25.  Februar  1847  in  Bunzlau  (Schlesien),  |  am  1.  Dezem- 
ber  1918  in  Berlin.  —  Gustav  K.s  Vater  war  Lehrer.  Spater  wurde  der  Vater 
Organist  an  St.  Matthaus  in  Berlin.  In  Berlin  war  K.  Schuler  des  Friedrich- 
Wilhelm-Gymnasiums.  1863  bestand  er  die  Reifeprufung.  Von  1863  bis  1866 
studierte  er  Theologie  in  Berlin.  Beide  theologische  Priifungen  bestand  er  1867 
und  1869  vor  dem  Evangelischen  Konsistorium  in  Berlin.  Am  6.  Februar  1870 
wurde  K.  ordiniert.  Alsbald  wurde  er  Hilfsprediger  an  St.  Lukas  in  Berlin. 
Bereits  am  15.  Mai  1871  erfolgte  seine  Berufung  zum  Pastor  der  Gemeinde 
Langheinersdorf,  Kreis  Zullichau.  Er  verwaltete  dieses  Pfarramt  fast  fiinf 
Jahre  lang.  Am  1.  April  1876  ging  er  in  das  Pfarramt  Klemzig,  Kreis  Zullichau, 
iiber.  Die  Aufmerksamkeit  weiterer  Kreise  lenkte  sich  auf  den  jungen  Pfarrer. 
35  Jahre  alt,  wurde  er  zum  Professor  und  Geistlichen  Inspektor  an  dem  Kloster 


Jungst.  Kawerau  267 

Zu  Unserer  Lieben  Frauen  in  Magdeburg  eraannt  (1.  Oktober  1882).  Die  An- 
stalt,  an  der  er  nur  dreieinhalb  Jahre  gewirkt  hat,  dient  hauptsachlich  der 
Ausbildung  von  Religionslehrern.  Er  konnte  hier  sein  hervorragendes  padago- 
gisches  Geschick  trefflich  verwerten.  K.s  literarische  Tatigkeit,  die  inzwischen 
groBeren  Umfang  angenommen  hatte,  lieB  daran  denken,  ihn  an  eine  Uni- 
versitat zu  ziehen.  Schon  am  1.  April  1886  wurde  K.  o.  Professor  fur  prak- 
tische  Theologie  in  Kiel;  nach  genau  acht  Jahren  (1.  April  1894)  siedelte  er 
in  gleicher  Eigenschaft  an  die  Universitat  Breslau  iiber.  Hier  erweiterte  sich 
der  Kreis  seiner  Tatigkeit  iiber  die  Universitat  hinaus:  er  wurde  zugleich  im 
Nebenamt  Mitglied  des  Koniglichen  Konsistoriums  in  Breslau  und  Univer- 
sitatsprediger.  1902  erging  aus  der  Elisabethgemeinde  in  Breslau  die  Bitte 
an  ihn,  das  Amt  ihres  Pastor  primarius  zu  iibernehmen.  K.  zeigte  sich  nicht 
abgeneigt,  wiinschte  aber,  wenn  auch  mit  Einschrankungen,  seine  Professur 
und  das  Nebenamt  des  Konsistorialrats  beizubehalten.  Das  Kultusministe- 
rium,  das  gegen  die  Verbindung  eines  Pfarramts  mit  einer  Professur  grund- 
satzliche  Bedenken  hatte,  machte  Schwierigkeiten,  und  er  lehnte  sehr  zum 
Bedauern  der  Elisabethgemeinde  ab.  Als  spater  eine  Anfrage  wegen  einer 
Berufung  an  die  Evangelisch-Theologische  Fakultat  in  Bonn  erfolgte,  lehnte 
er  ab,  weil  die  Anfrage  nicht  im  Einklang  mit  der  dortigen  Fakultat  erfolgt 
war.  1372  Jahre  seiner  besten  Kraft  hat  K.  den  Breslauer  Amtern  gewidmet. 
Als  Sechzigjahriger  setzte  er  den  Wanderstab  noch  einmal  weiter.  Der  Konig 
berief  ihn  als  Propst  an  St.  Petri  und  nebenamtliches  Mitglied  des  Evange- 
lischen  Oberkirchenrats  nach  Berlin  (1.  Oktober  1907).  Eigenem  Wunsch  ent- 
sprach  es,  daB  er  die  Universitatstatigkeit  nicht  aufgab;  er  wurde  zugleich 
o.  Honorarprofessor  an  der  Theologischen  Fakultat  der  Universitat  Berlin. 
Diese  Amter  hat  er  bis  zu  seinem  Tode  innegehabt.  In  voller  Frische  beging 
er  den  70.  Geburtstag,  begann  dann  aber  zu  krankeln  und  starb  infolge  von 
Entkraftung,  welche  die  Entbehrungen  des  Krieges  zweifellos  beschleunigt 
hatten,  am  1.  Dezember  1918.  Am  Luther- J  ubilaum,  10.  November  1883, 
haben  zwei  deutsche  theologische  Fakultaten,  Halle  und  Tubingen,  ihm  auf 
Grund  seiner  Luther- Forschungen  die  Wiirde  eines  Ehrendoktors  der  Theologie 
verliehen.  Am  Calvin- J  ubilaum  (16.  Juli  1909)  ernannte  die  Philosophische 
Fakultat  der  Universitat  GieBen  ihn  gleichfalls  ehrenhalber  zum  Dr.  phil. 
Am  7.  April  191 1  erhielt  er  den  Titel  eines  Geheimen  Oberkonsistorialrats. 

K.  verheiratete  sich  am  10.  Januar  1872  mit  Berta,  geborene  Hermann, 
die  ihn  uberlebte.  Der  Ehe  entsprossen  acht  Kinder.  DaB  sein  Sohn  Hans 
(*  1881)  als  Divisionspfarrer  im  Weltkrieg  mitten  im  Gottesdienst  in  einer 
Kirche  an  der  Ostfront  durch  eine  einschlagende  Bombe  getotet  wurde,  war 
ihm  ein  tiefer  Schmerz,  der  dazu  beigetragen  haben  mag,  seine  Kraft  zu  zer- 
miirben. 

Will  man  K.s  Tatigkeit  ausreichend  wiirdigen,  so  wird  man  ihn  als  Pro- 
fessor, als  theologischen  Forscher  und  als  Kirchenmann  zu  zeichnen 
haben.  Ein  Versuch,  die  Personlichkeit  des  Mannes  von  innen  heraus  zu  ver- 
stehen,  muB  den  AbschluB  bilden. 

Als  Professor  hatte  K.  auftragsgemaB  praktische  Theologie  zu  lehren. 
Er  hat  das  von  seiner  Berufung  nach  Kiel  an,  im  ganzen  also  fast 
32  Jahre  lang,  getan.  In  Vorlesungen  wie  Ubungen  stand  die  praktische 
Theologie  (einschlieBlich  Padagogik,  Innere  und  AuBere  Mission,  Katechismus) 


268  I9i8 

im  Vordergrund.  Meist  waren  ihre  Gebiete  allein  ihr  Gegenstand.  Das  verdient 
besondere  Hervorhebung,  weil  seine  schriftstellerische  Tatigkeit  sich  in  wach- 
sendem  Mai3  mit  kirchengeschichtlichen  Stoffen  befaBte.  Indes  war  doch  kein 
Zwiespalt  zwischen  seiner  akademischen  Lehrtatigkeit  und  seiner  schrift- 
stellerischen  Arbeit.  Manche  seiner  historischen  Studien  greifen  in  die  Ge- 
schichte  der  kirchlichen  Praxis  ein,  wie  das  in  hervorragendem  MaBe  von 
den  Studien  iiber  die  Entwicklung  der  lutherischen  Taufliturgie  gilt.  (Litur- 
gische  Studien  zu  Luthers  Taufbuchlein  von  1523.  Zeitschrift  fiir  kirchliche 
Wissenschaft  und  kirchliches  Leben.  1889.  Hefte  8,  9,  11,  12.)  Auch  hat  K. 
sich  an  der  Erorterung  grundsatzlicher  praktisch-theologischer  Fragen  oft 
beteiligt.  Schon  hier  sei  erinnert  an  seine  Auseinandersetzung  mit  Ernst 
Christian  Achelis  iiber  die  Reform  der  Konfirmationsordnung.  (Bedarf  die 
gegenwartige  Konfirmationsordnung  einer  Anderung?  Halte  was  du  hast, 
Jahrgang  24  [1901],  S.  129  ff.,  vgL  367  ff.) 

Er  hat  aber  auch  die  Moglichkeit  gefunden,  iiber  den  eigentlichen  Lehr- 
auftrag  hinaus  Vorlesungen  zu  halten ;  so  exegetische  Vorlesungen  iiber  die 
Perikopen  und  die  Pastoralbrief e ;  ofter  hat  er  in  Breslau  auch  iiber  die 
» Geschichtliche  Erklarung  der  Confessio  Augustana«,  einmal,  Sommer  1900, 
zweistiindig  iiber  »Das  Leben  Luthers  «gelesen.  Seine  praktisch-theologischen 
Vorlesungen  waren  stark  geschichtlich  fundamentiert.  Er  war  als  prak- 
tischer  Theologe  ein  Vertreter  der  Richtung,  die  eine  genaue  Kenntnis  der 
Entwicklung  des  kirchlichen  Lebens  in  alien  seinen  AuBerungen  fiir  die 
unentbehrliche  Grundlage  theoretischer  Erorterungen  halt.  Aber  er  blieb 
nicht  im  Geschichtlichen  stecken,  sondern  gab  klare  grundsatzliche  Dar- 
legungen,  die  der  Praxis  der  Gegenwart  dienlich  waren.  Seine  Vortragsweise 
auf  dem  Katheder  zeichnete  sich  nicht  durch  rednerische  Mannigfaltigkeit 
und  Lebendigkeit,  aber  durch  auBerordentliche  Klarheit  aus.  In  formvoll- 
endeter  Darstellung  brachte  er  seine  Gedanken  den  Horern  eindriicklich  nahe. 
In  den  Ubungen  des  homiletischen  und  katechetischen  Seminars  verstand  er 
es,  freundliche  Kritik  mit  weiterfiihrenden  Weisungen  zu  verbinden. 

Als  theologischer  Forscher  hat  K.  seine  Arbeit  in  besonderem  MaB 
auf  die  Geschichte  der  lutherischen  Reformation  konzentriert.  Eine  Fiille 
von  einzelnen  Studien,  die  teils  in  Form  von  Aufsatzen,  teils  in  Form  von 
Monographien  erschienen  sind,  legt  davon  beredtes  Zeugnis  ab.  Ich  gebe  im 
folgenden  ein  Verzeichnis  der  wichtigeren  (nicht  aller)  dieser  Veroffent- 
lichungen:  Johann  Agrikola  von  Eisleben,  1881;  Luthers  Lebensende  in 
neuester  ultramontaner  Beleuchtung,  1890;  Hieronymus  Emser,  1898  (Schrif- 
ten  des  Vereins  fiir  Reformationsgeschichte  Nr.  61) ;  Die  Versuche,  Melanchthon 
zur  katholischen  Kirche  zuruckzufiihren,  1902  (ebenda) ;  Luthers  Riickkehr 
von  der  Wartburg  nach  Wittenberg,  1902 ;  Luther  in  katholischer  Beleuchtung, 
Glossen  zu  H.  Grisars  Luther  (Schr.  d.  V.  f.  R.-G.  Nr.  105),  1911;  Luthers  Ge- 
danken iiber  den  Krieg,  1916  (Schr.  d.  V.  f.  R.-G.  Nr.  124);  Luthers  Schriften 
nach  der  Reihenfolge  der  Jahre  verzeichnet,  mit  Nachweis  ihres  Fundorts  in 
den  jetzt  gebrauchlichen  Ausgaben,  1917  (Schr.  d.  V.  f.  R.-G.  Nr.  129). 

So  muBte  es  ihm  eine  hohe  Genugtuung  sein,  als  der  Antrag  an  ihn  heran- 
trat,  eine  neue  Auflage  von  Julius  Kostlins  Luther-Biographie  zu  bearbeiten. 
Allerdings  hatte  er  gewisse  Bedenken  dabei  zu  iiberwinden.  Im  Vorwort  zu 
der  fiinften  Auflage  hat  er  sie  selbst  dargelegt.  Der  Druck  der  neuen  Bear- 


Kawerau  269 

beitung  hatte  bereits  begonnen;  es  konnte  sich  nicht  um  grundlegende  Neu- 
arbeit  handeln,  sondern  nur  um  Fortsetzung  und  Vollendung.  Charakter,  An- 
lage  und  Stoffgruppierung  lieB  K.  daher  vollig  unverandert ;  er  trug  nur  die 
Ergebnisse  der  neueren  Forschungen  nach.  Eine  selbstlose  Arbeit!  Es  gelang 
K.  in  verhaltnismaBig  kurzer  Zeit,  die  umfangreiche  Aufgabe  zu  bewaltigen. 
Er  hat  mit  der  ihm  eigenen  peinlichen  Genauigkeit,  mit  der  alle  anderen 
Rucksichten  zuriickstellenden  Sachlichkeit  Kostlins  Darstellung  des  Lebens 
Luthers  eine  Gestalt  gegeben,  die  bis  heute  ihren  groBen  Wert  behauptet. 
Andere  Luther-Biographien  mogen  geistreicher  geschrieben  sein;  sie  mogen 
psychologisch  mehr  in  die  Tief e  gehen ;  sie  mogen  die  Umwelt  Luthers  genauer 
ergriinden ;  sie  mogen  Luthers  Arbeit  starker  in  die  Geschichte  der  politischen 
Entwicklung  des  Reformations]  ahrhunderts  hineinstellen  —  an  klarer  t)ber- 
sichtlichkeit,  ruhiger  Sachlichkeit  und  peinlicher  Griindlichkeit  hat  keine  das 
Kostlin-Kawerausche  Buch  iibertroffen. 

Ein  sehr  erhebliches  MaB  von  Arbeit  hat  K.  ferner  auf  die  Darstellung  der 
Reformationsgeschichte  verwendet,  die  den  3.  Band  des  von  W.  Moeller  be- 
gonnenen  Lehrbuches  der  Kirchengeschichte  bildet.  Moeller  starb,  ehe  er  sein 
Werk  vollendet  hatte ;  K.  ubernahm  die  Fortsetzung,  soweit  Reformation  und 
Gegenreformation  in  Frage  kam.  Auch  in  diesem  Bande  zeigt  sich  die  Eigenart 
seiner  Darstellung.  Da  es  sich  um  ein  Lehrbuch  handelt,  muBte  der  iibersicht- 
lichen  Gliederung  des  Stoffes,  der  richtigen  Auswahl  des  Darzubietenden  be- 
sondere  Aufmerksamkeit  gewidmet  werden.  Ohne  diese  Gesichtspunkte  irgend 
auBer  acht  zu  lassen,  schuf  K.  einen  trefflich  lesbaren,  in  vielen  Punkten  auch 
wissenschaftlich  weiterf uhrenden  Text,  der  den  Studenten  als  Grundlage  seiner 
Arbeiten  von  hochstem  Werte  sein  muB. 

Es  war  ein  eigentumliches  Geschick,  daB  diese  beiden  groBten  zusammen- 
fassenden  Arbeiten  zur  Reformationsgeschichte  nicht  unter  K.s  eigenem  Namen 
gingen.  Jene  Luther-Biographie  fuhrte  denTitel:  » Martin  Luther.  Sein  Leben 
und  seine  Schriften.  Von  Julius  Kostlin.  Fiinfte,  neubearbeitete  Auflage,  nach 
des  Verfassers  Tode  fortgesetzt  von  D.  Gustav  Kawerau.  2  Bande,  1903.(1  Das 
Lehrbuch  der  Kirchengeschichte  hieB :  » Lehrbuch  der  Kirchengeschichte,  von 
D.  Wilhelm  Moeller.  3.  Bd. :  Reformation  und  Gegenreformation.  Bearbeitet 
von  D.  Gustav  Kawerau,  1907. «  K.  selbst  hat  dieses  Zuriicktreten  seines 
Namens  selbst  mit  einer  gewissen  Resignation  gelegentlich  der  Erwiderung 
auf  eine  Gluckwunschrede  an  seinem  70.  Geburtstag  hervorgehoben,  Zu  der 
Anspruchslosigkeit  des  Gelehrten,  die  K.  niemals  verleugnet  hat,  gehorte  auch 
dieses  Sichbescheiden. 

Ahnlich  wie  bei  diesen  groBen  Arbeiten  ging  es  ihm  auch  mit  einer  anderen. 
Enders  hatte  begonnen,  den  Briefwechsel  Luthers  herauszugeben.  Als  er 
starb,  trat  K.  in  die  Arbeit  ein.  Es  gelang  ihm,  die  Herausgabe  bis  fast  ans 
Ende  zu  fuhren,  bis  zum  16.  Band  » Martin  Luthers  Briefwechsel.  Heraus- 
gegeben  von  Ludwig  Enders,  Gustav  Kawerau  und  Paul  Flemming.  Abge- 
schlossen  von  O.  Albrecht.  18  Bande «.  Kurz  vor  der  Vollendung  starb  er. 

Eine  auBerordehtliche  Anerkennung  seiner  Luther-Arbeit  lag  in  der  Be- 
rufung  zum  Mitarbeiter  (1884),  noch  mehr  in  der  zum  Vorsitzenden  (1905) 
der  Kommission,  die  mit  der  Bearbeitung  der  Kritischen  Gesamtausgabe  von 
»D.  Martin  Luthers  Werken«,  der  sogenannten  Weimarer  Ausgabe,  betraut 
war.    Der  3.,  4.,    sowie   der    8.  (1885  ff..)   Band  tragen  seinen  Namen    (der 


270  I9i8 

letztere  gemeinsam  mit  Nikolaus  Miiller).  Fiir  diese  Ausgabe  gedachte  er 
Luthers  Briefe  zu  bearbeiten.  Reiches  Material  dafiir  lag  bereits  vor,  als 
ihm  der  Tod  die  Feder  aus  der  Hand  nahm. 

Gelegentlich  hat  K.  iibrigens  auch  auf  Gebieten  der  Kirchengeschichte  ge- 
arbeitet,  die  auBerhalb  der  Reformationszeit  lagen.  So  hat  er  anlaBlich  der 
Paul  Gerhard-Gedenkfeier  in  den  Schriften  des  Vereins  fiir  Reformations- 
geschichte  eine  Wiirdigung  Paul  Gerhards  veroffentlicht,  die  von  liebevoller 
Einfiihlung  zeugte.  Sehr  wertvoll  war  auch  ein  Aufsatz  iiber  die  Stellung  des 
schlesischen  Konsistoriums  zu  dem  in  der  Erweckungszeit  am  Anfang  des 
19.  Jahrhunderts  neuerwachenden  Missionsleben  in  der  Provinz  Schlesien  (ab- 
gedruckt  unter  dem  Titel:  »Der  Kampf  des  schlesischen  Konsistoriums  gegen 
die  ersten  Missionsvereine*  in  der  Allg.  Missionszeitschrift  1900,  S  545 — 564). 
Der  Aufsatz  beleuchtete  ein  iiberaus  interessantes  Stuck  neuester  Kirchen- 
geschichte. 

Auf  den  hervorragenden  Forscher  richteten  sich  die  Augen  des  Vereins  fiir 
Reformationsgeschichte,  als  durch  Kostlins  Tod  der  Platz  des  Vorsitzenden 
frei  wurde.  Von  1903  bis  zu  seinem  Tod  hat  K.  den  Vorsitz  gefuhrt;  nur  in 
der  letzten  Zeit  hatte  er  sich  von  der  Leitung  der  Vereinsgeschaf  te  allmahlich 
zuriickgezogen.  Von  191 3  an  zeichnete  er  ferner  (gemeinsam  mit  L.  Zscharnack) 
als  Herausgeber  des  »Jahrbuchs  fiir  Brandenburgische  Kirchengeschichte*. 

Als  Prediger  hat  K.  in  verschiedenen  Amtern  zu  wirken  gehabt.  tlber 
seine  Predigt  im  Landpfarramt  ist  Naheres  nicht  bekannt.  In  Breslau  iibten 
K.s  Predigten  eine  groBe  Anziehungskraft  auf  die  ganze  Stadt  aus.  Die  Kirche 
war  regelmafiig  dicht  gefullt.  Ein  groBer  Teil  der  hier  gehaltenen  Predigten 
ist  in  den  beiden  Banden :  Predigten  auf  die  Sonn-  und  Festtage  des  Kirchen- 
jahres  (1897)  und  »Neue  Sammlung«  mit  gleichem  Titel  (1899)  gedruckt.  Der 
erste  Band  bringt  64,  der  zweite  63  Predigten.  AuBer  Breslauer  Predigten 
sind  auch  solche  aus  Kiel  und  an  verschiedenen  Orten  gehaltene  Festpredigten 
aufgenommen.  So  geben  diese  Bande  ein  umfassendes  Bild  von  K.s  Predigt- 
weise.  Der  Prediger  nahm  wohl  auch  auf  die  Anliegen  der  aus  der  Universitat 
hergekommenen  Horer  Bezug;  in  der  Hauptsache  aber  waren  seine  Predigten 
Gemeindepredigten.  Er  sprach  ruhig  und  ohne  jedes  rhetorische  Mittel. 
»Das  Mittel  aber,  das  ich  dafiir  als  Prediger  zur  Verfugung  habe«  —  so 
sprach  er  sich  selbst  aus — ,  »ist  nicht  irgendwelche  Kunst  menschlicher  Rede 
oder  irgend welches  Reizmittel  fiir  Phantasie  oder  Nerven,  sondern  lediglich 
der  heilige  Ernst,  die  Tiefe  und  Kraft  des  Wortes  Gottes  selbst. «  (Vorwort 
zum  2.  Band  der  Predigten.)  Doch  wirkte  die  Predigt  naturlich  auch  durch 
die  innere  Lebendigkeit,  mit  der  sie  vorgetragen  wurde.  Es  war  ihm  ein  Her- 
zensanliegen,  auf  Grund  des  biblischen  Textes  zu  predigen.  Er  bekannte  sich 
als  einen  Schuler  Steinmeyers,  von  dem  er  in  seinen  Berliner  Studienjahren 
viel  gelernt  hatte.  Zwar  hat  er  Steinmeyers  Einseitigkeiten  niemals  mit- 
gemacht.  Aber  in  der  Art,  wie  er  in  die  Tiefen  des  Textes  griff  und  ihn  nach 
alien  Richtungen  fruchtbar  machte,  zeigte  sich  Steinmeyers  EinfluB.  Dabei 
hat  K.  noch  in  einem  anderen  Stuck  von  Steinmeyer  gelernt.  Im  Vorwort  zu 
dem  zweiten  Predigtbande  dankt  er  Steinmeyer  dafiir,  dafl  er  seinen  Schulern 
den  Satz  eingepragt  habe,  die  Predigt  solle  Religion,  aber  nicht  Theologie 
zum  Inhalt  haben,  und  die  Quelle,  aus  der  sie  zu  schopfen  habe,  diirfe  nicht 
die  Dogmatik,  sondern  allein  das  urspriingliche,  lebendige  Zeugnis  der  Schrift 


Kawerau  271 

sein.  In  der  Tat  findet  man  nirgends  bei  ihm  irgendwelche  theologischen  oder 
theologisierenden  Ausfuhrungen.  Uberall  sind  seine  Predigten  von  der  Riick- 
sicht  auf  das  innere  Leben  bestimmt.  Dabei  fehlt  jede  Neigung  zum  Senti- 
mentalen,  jeder  Versuch  zur  Gefiihligkeit.  Alles  ist  wahr,  und  alles  ist  ernst; 
alles  ist  biblisch,  und  alles  ist  evangelisch.  Dazu  verstand  er  es  trefflich,  das 
Zeitmafi,  das  der  Predigt  gewiesen  ist,  innezuhalten.  Sorgfaltig  bereitete  er 
sich  vor,  auch  dann,  wenn  drangende  Arbeit  sich  haufte. 

Auch  als  Mann  der  Kirche  und  der  Kirchenleitung  will  K.  gewiir- 
digt  sein.  Er  trat  nicht  in  die  Front  der  Kampfer  im  kirchlichen  Streit;  viel- 
melir  befleifiigte  er  sich  in  kirchlichen  Dingen,  wie  deutlich  zu  erkennen  war, 
absichtlich  einer  gewissen  Zuriickhaltung.  Mancher  hat  gemeint:  vorsich- 
tiger  Zuriickhaltung.  Diese  Auffassung  ist  sicherlich  irrig.  Er  war  keine 
Kampfernatur,  sondern  eine  Gelehrtennatur.  Am  Schreibtisch  und  auf  dem 
Katheder  war  sein  Platz,  nicht  im  Parteigetriebe.  Aber  seine  Haltung  war 
sachlich  klar  und  entschieden.  Er  ging  in  seiner  kirchlichen  Art  nicht  die 
Wege  seines  Lehrers  Steinmeyer.  Fur  ihn  war  bestimmend  eine  biblisch- 
evangelische  Haltung.  Sie  war  ganz  und  gar  an  der  Reformation  orientiert. 

Als  der  Rezensent  einer  kleinen  Predigtsammlung  bedauert  hatte,  dafi 
moderne  Christen  in  K.s  Predigten  nicht  fanden,  was  sie  begehrten,  erwiderte 
er:  wenn  diese  statt  des  alten  ein  modernes  Evangelium  zu  horen  begehrten, 
so  konne  er  ihnen  nicht  helfen ;  er  kenne  nur  das  alte,  sei  auch  der  guten  Zu- 
versicht,  dafi  dieses  ewig  jung  bleibe  (Vorwort  zum  2.  Band  der  Predigten). 
Andererseits  war  er  aus  derselben  Grundhaltung  heraus  auch  jedem  Versuch 
abgeneigt,  die  evangelische  Kirche  in  die  Bahnen  einer  neulutherischen  Ent- 
wicklung  zu  lenken.  Das  Neuluthertum  schien  ihm  die  evangelischen  Grund- 
satze  der  Reformation  nicht  zu  ihrem  Rechte  zu  bringen. 

Es  hing  mit  dieser  Stellung  zusammen,  dafi  er  dem  Versuch,  Parteikonstel- 
lationen  bei  der  Besetzung  theologischer  Professuren  mafigebend  sein  zu  lassen, 
grofie  Abneigung  entgegenbrachte.  In  den  Streit,  der  um  die  Besetzung 
theologischer  Professuren  1907 /1908  entbrannte,  griff  er  durch  einen  Artikel  in 
der  »SchlesischenZeitung«  ein,  der  ihm  von  manchen  Seiten  verdacht  wurde, 
der  aber  zeigt,  wie  er  zum  gegebenen  Zeitpunkt  seine  innere  Stellung  auszu- 
sprechen  ein  Bedtirfnis  hatte.  Seine  kirchliche  Auffassung  teilte  er  weit- 
gehend  mit  seinem  Schwager  Erich  Haupt  in  Greifswald,  seit  1888  in  Halle. 
Wie  dieser,  so  rechnete  auch  er,  der  doch  die  Abneigung  gegen  alles  Partei- 
wesen  gelegentlich  zu  scharfem  Ausdruck  brachte,  sich  trotz  allem  zu  der 
sogenannten  preufiischen  Mittelpartei,  an  deren  Reorganisation  im  Jahre  1905 
er  aktiven  Anteil  nahm.  Er  ubernahm,  wenn  auch  zweifellos  schweren  Her- 
zens  und  nur  dem  Pflichtgefuhl  folgend,  den  Vorsitz  in  der  neugeordneten 
schlesischen  Gruppe  dieser  Partei,  die  sich  »Landeskirchliche  evangelische 
Vereinigung*  nannte,  und  fuhrte  ihn  bis  zu  seinem  Scheiden  aus  Schlesien. 
Dieser  Vereinigung  ist  er  bis  zu  seinem  Tode  treu  geblieben.  Auch  als  Mit- 
glied  der  Kirchenregierung  hat  er  die  verstandnisvolle  Art  der  Beurteilung 
der  verschiedenen  Stromungen  des  kirchlichen  Lebens  nicht  verleugnet. 

Ftir  K.s  kirchliche  Art  ist  die  Studie  besonders  aufschlufireich,  die  er  in 
der  Zeitschrift  fiir  Praktische  Theologie  (1895,  S.  240 — 265)  unter  dem  Titel: 
»t)ber  Lehrverpflichtung  und  Lehrfreiheit«  veroffentlichte.  Die  energische 
Griindung  auf  das  Evangelium  bei  aller  Wahrung  innerer  Freiheit  ist  ihm 


272  I9i8 

Leitstern.  »Worauf  wird  es  also  hierbei  ankommen?  Negativ,  dafi  dem  Be- 
treffenden  das  Bekenntnis  die  Schranke  seiner  Lehrtatigkeit  bildet,  positiv, 
daB  er  sich  der  Glaubensgemeinschaft  mit  der  als  geschichtliche  GroBe  in 
Bekenntnis,  Kultus  und  Lebensideal  ihn  umgebenden  evangelischen  Kirche 
bewuBt  ist.« 

Bei  der  Besprechung  seiner  kirchlichen  Tatigkeit  darf  nicht  vergessen 
werden,  wie  hohen  Wert  K.  auf  die  Pflege  des  Gottesdienstes  auch  nach  seiner 
musikalischen  Seite  gelegt  hat.  Er  besaB  ein  iiberaus  feines  musikalisches 
Verstandnis ;  auch  ausiibend  war  er  tatig ;  bis  in  seine  letzte  Lebenszeit  hinein 
hat  er  in  der  Singakademie  zu  Berlin  selber  im  Chor  mitgesungen.  In  Schlesien 
wurde  er  alsbald  nach  seinem  Eintritt  in  die  Provinz  Ehrenmitglied  des 
Schlesischen  Evangelischen  Kirchenmusikvereins.  An  den  Arbeiten  und  Ver- 
sammlungen  dieses  Vereins  beteiligte  er  sich  mit  Eifer.  An  den  groBen  Ta- 
gungen  f ungierte  er  fast  regelmaBig  als  Liturg ;  die  Ordnungen  dieser  Gottes- 
dienste  schuf  er  selbst.  Im  Konsistorium  lag  das  Dezernat  fiir  Kirchenmusik 
in  seinen  Handen.  In  dieser  Eigenschaft  regte  K.  die  Einrichtung  von  Fort- 
bildungskursen  fiir  Organisten  an  (seit  1913),  die  er  mit  Ansprachen  zu  er- 
offnen  und  zu  schlieBen  pflegte.  Auch  als  Mitglied  des  Evangelischen  Ober- 
kirchenrats  hatte  er  die  Angelegenheiten  der  tnusica  sacra  zu  bearbeiten. 

Endlich  eine  kurze  Wiirdigung  der  Personlichkeit  und  ihrer  Stellung  im 
kirchlichen  Leben  seiner  Zeit.  Wer  K.  in  seinen  reifen  Jahren  gekannt  hat, 
hat  wohl  leicht  den  Eindruck  gehabt,  daB  er  schwer  den  EntschluB  faBte, 
aus  sich  herauszugehen.  Er  gab  sich  immer  als  einen  Mann  vornehmer  Ruhe 
und  zuriickhaltenden  Urteils.  Es  ist  mir  zweifellos,  daB  hinter  dieser  Zuriick- 
haltung  in  ganz  anderem  MaBe,  als  viele  es  gedacht  haben,  ein  sehr  lebhaftes 
Empfinden  und  eine  ausgepragte  Energie  gestanden  hat.  In  jedem  Fall  hat 
K.  ein  warmes  Herz  gehabt,  das  nicht  nur  fiir  die  Seinigen  schlug,  sondern 
auch  fiir  andere.  Ein  Mann  eisernen  FleiBes  und  peinlichster  Zeitausntitzung 
ist  er  gewesen.  Er  verstand  es,  seinen  weitreichenden  Amtern  gerecht  zu 
werden  und  jede  freie  Stunde  der  wissenschaftlichen  Arbeit  am  Schreibtisch 
zu  widmen.  Es  mag  sein,  daB  die  oben  geschilderte  Zuriickhaltung  ihm  im 
Verkehr  mit  seinen  Studenten,  vielleicht  auch  mit  anderen,  gelegentlich  ein 
Hemmnis  bedeutet  hat.  Freilich  hat  sie  ihn  davor  bewahrt,  rasche  AuBerungen 
zu  tun,  die  hatten  miBdeutet  werden  konnen.  Er  war  nicht  dazu  geboren,  als 
Kampfer  in  vorderster  Front  zu  stehen.  Aber  er  hat  seine  Uberzeugung  dort 
zum  Ausdruck  gebracht,  wo  die  Sache  es  forderte. 

So  war  Gustav  K.  eine  in  sich  hannonische,  feine,  abgeklarte  Personlich- 
keit, deren  Innenleben  auf  reformatorischem  Grunde  ruhte,  dessen  An- 
schauungen  im  tiefsten  evangelisch  waren  und  der  als  Mann  der  Kirchen- 
leitung  in  peinlicher  Gerechtigkeit,  als  wissenschaftlicher  Forscher  in  licht- 
voller  Sorgfalt  und  griindlichster  Genauigkeit  hervorragende  Arbeit  getan  hat. 

Literatur:  Personalakten  beim  Ev.  Oberkirchenrat  in  Berlin;  Nachrufe  im  Kirchl. 
Gesetz-  und  Verordnungsblatt  (Berlin)  1918,  Nr.  8;  Schlesisches  Blatt  fiir  evangelische 
Kirchenmusik,  51.  Jahrg.  19 18/19,  Nr.  2;  Vorwort  zum  5.  Bd.  der  Tischreden  in  der  Kri- 
tischen  (Weimarer)  Gesamtausgabe  von  D.  Martin  L,uthers  Werken,  191 9;  Jahrbuch  fiir 
Brandenburgische  Kirchengeschichte,  16.  Jahrg.  1918;  Andrae,  Art.  Kawerau  in  »  Religion 
in  Geschichte  und  GegenwarU,  1.  Aufl.,  Bd.  3.  —  Mitteilungen  von  Prof.  D.  J.  Steinbeck 
aus  den  offentlichen  Vorlesungsverzeichnissen  der  Universitat  Breslau. 

Breslau.  Martin  Schian. 


Kawerau.  Krauel 


273 


Krauel,  Richard,  deutscher  Gesandter,  *  am  12.  Januar  1848  in  Liibeck,  f  am 
2.  Dezember  1918  in  Freiburg  i.  Br.  K.  entstammte  einer  Juristenfamilie.  Der 
Vater,  Hans  Friedrich  K.  (1806 — 1857),  war  Richter  in  Liibeck;  der  mutter- 
liche  Groflvater  Georg  August  Wilhelm  du  Roi,  der  SproBling  einer  jener  fran- 
zosischen  Protestantenfamilien,  die  im  17.  Jahrhundert,  vor  der  religiosen  Ver- 
folgung  fliehend,  nach  Deutschland  gekommen  waren,  wurde  1827  an  das 
Oberappellationsgericht  in  Lubeck  berufen.  Auch  Richard  K.  wahlte  das 
juristische  Studium  und  besuchte  die  Universitaten  Bonn,  Heidelberg  und 
Gbttingen.  Sodann  bewirkte  er  seine  Anmeldung  als  Advokat  in  seiner  Vater- 
stadt  und  ward  Ltibecker  Burger  und  Notar.  Doch  Gesundheitsriicksichten 
fuhrten  ihn  in  eine  andere  Bahn.  Nachdem  er  durch  eine  Lungenerkrankung 
gezwungen  gewesen,  zwei  Winter  in  einem  siidlichen  Klima  zu  verbringen, 
meldete  er  sich  fur  den  Konsulatsdienst.  Sechs  Jahre  lang,  1873 — 1879,  war 
er  als  Konsul  in  mehreren  chinesischen  Hafenplatzen,  in  Futschau,  in  Amoy, 
in  Schanghai,  tatig.  1879  ward  er  Generalkonsul  des  Deutschen  Reiches  in 
Australien  und  nahm  seine  Wohnung  in  Sydney. 

Seine  Amtstatigkeit  erstreckte  sich  aber  iiber  alle  Teile  Australiens  und  auf 
Neuseeland.  Er  hat  auf  weiten  Reisen  die  Gebiete,  in  denen  er  fur  deutsche 
Interessen  einzutreten  hatte,  griindlich  studiert  und  ist  darin  iiber  die  ein- 
fache  Erfiillung  der  Pflichten  seines  Amtes  weit  hinausgegangen.  K.s  Wirken 
als  Generalkonsul  in  Sydney  fand  jedoch  einen  plotzlichen  AbschluB  durch 
ein  Telegramm,  das  ihn  1884  nach  Berlin  berief.  Es  war  in  der  Zeit  der  be- 
ginnenden  deutschen  Kolonialpolitik.  Als  Kenner  Australiens  wurde  er  dazu 
ausersehen,  die  notwendig  erscheinenden  Verhandlungen  mit  England  zu 
fuhren,  durch  welche  die  deutschen  und  englischen  Interessenspharen  in  der 
Siidsee  gegeneinander  abgegrenzt  werden  sollten.  Neuguinea,  Samoa,  die 
Fidschiinseln  bildeten  die  wichtigsten  Gegenstande,  iiber  die  verhandelt  wurde. 
Zweimal,  1885  und  1886,  ist  K.  in  diplomatischer  Mission  nach  I/>ndon  ent- 
sandt  worden.  Wahrend  der  iibrigen  Zeit  ward  er  nun,  bis  1890,  im  Auswartigen 
Amt  in  Berlin  beschaftigt,  wo  er,  rasch  befordert,  die  auBereuropaischen, 
handelspolitischen  und  kolonialpolitischen  Angelegenheiten  zu  bearbeiten 
hatte.  Und  als  durch  den  Etat  des  Auswartigen  Amts  fur  1890/91  eine  Kolonial- 
abteilung  daselbst  errichtet  wurde,  ward  K.  zum  »  Dirigenten  «  derselben  ernannt. 

Die  in  der  Heimat  verbrachten  Jahre  1884 — 1890  waren  fur  K.  die  Zeit  der 
Einfuhrung  in  die  hohe  Politik.  Es  war  die  Epoche  Bismarcks.  Mit  Genug- 
tuung  hat  K.  spater  von  sich  selbst  als  einem  der  Uberlebenden  gesprochen, 
»die  unter  dem  gewaltigen  Lehrmeister  der  Politik  gelernt  und  seines  Geistes 
einen  Hauch  verspiirt  haben«.  K.  ist  ihm  auch  personlich  nahegetreten  und 
hat  wiederholt  als  Gast  in  Varzin  und  Friedrichsruh  geweilt.  Bismarck  hat  in 
ihm  den  klugen  und  kenntnisreichen  Beamten  geschatzt.  »Sie  haben  gut  und 
sachlich  gesprochen, «  sagte  er,  nachdem  er  K.  als  Kommissar  des  Bundesrats 
im  Reichstage  reden  gehort.  Das  freundliche  Verhaltnis  (das  auch  iiber  Bis- 
marcks Entlassung  hinaus  erhalten  blieb)  ward  auch  nicht  dadurch  gestort, 
daB  es  bei  den  zwischen  ihnen  gepflogenen  kolonialpolitischen  Erorterungen 
gelegentlich  nicht  an  starken  Meinungsverschiedenheiten  fehlte,  wie  denn 
Bismarck  die  Bildung  kapitalkraftiger  kolonialer  Gesellschaften  in  Deutsch- 
land empfahl,  wahrend  K.  von  diesem  System  (das  sich  z.  B.  in  Ostafrika 
nicht  bewahrte)  nur  wenig  hielt. 

DBJ  18 


274  l?lS 

Die  sechsjahrige  Tatigkeit  K.s  im  Auswartigen  Amte  schloB  mit  seiner  Teil- 
nahme  an  dem  denkwiirdigen  Sansibar-Vertrage  von  1890.  Es  ist  jenes  deutsch- 
y/  englische  Abkommen,  durch  das  Deutschland  groBe  Opfer  in  Ostafrika  brachte 
und  die  Insel  Helgoland  dafiir  eintauschte.  Die  Mehrheit  der  deutschen  Zeit- 
genossen  hat  den  VertragsschluB  hart  verurteilt,  und  auch  der  kurz  zuvor  ent- 
lassene  Bismarck  hat  sich  dieser  Kritik  angeschlossen.  Kaum  dachte  jemand 
an  die  Moglichkeit  eines  deutsch-englischen  Krieges  und  welche  Rolle  ein 
deutsches  Helgoland  in  solchem  Kriege  als  Bollwerk  der  deutschen  Kiisten 
gewinnen  muBte.  Damals,  1890,  hat  K.  als  Leiter  der  kolonialen  Verwaltung 
eine  gedeihliche  Entwicklung  des  afrikanischen  Besitzes  auch  auf  Grund 
dieses  Vertrages  sicherlich  fur  moglich  gehalten.  Aber  auch  er  hat  nicht 
leichten  Herzens,  sondern  nur  »hoheren  Weistuigen  folgend«,  seinen  Namen 
unter  die  Urkunde  gesetzt. 
/  *  Noch  im  Jahre  1890  ward  K.  zum  Gesandten  in  den  La-Plata-Staaten  er- 
nannt  mid  bezog  den  Posten  in  Buenos  Ayres.  GroBe  Aufgaben  gab  es  hier 
nicht  zu  losen.  Kein  auswartiger  Konflikt,  keine  der  in  Siidamerika  so  hau- 
figen  Revolutionen  erschwerten  die  Tatigkeit  des  deutschen  Gesandten.  Es 
war  mehr  das  ruhige  Walten  uber  den  politischen  und  handelspolitischen 
Beziehungen,  die  Sorge,  daB  die  oft  vorfallenden,  oft  so  imbequemen  Re- 
klamationen  nicht  zu  ernsten  Konflikten  fiihrten,  es  waren  die  notwendigen 
Reisen  nach  den  beiden  anderen  Hauptstadten,  nach  Montevideo  und  Asuncion 
und  endlich  die  vielfachen  Pflichten  der  Representation,  die  dem  Gesandten 
oblagen. 

Weit  bedeutender  und  auch  folgenreicher  war  die  Tatigkeit,  die  K.  auf  der 
nachsten  Stufe  seiner  Laufbahn  zu  entfalten  vermochte.  Er  vertauschte  1894 
den  Gesandtenposten  in  Buenos  Ayres  mit  demjenigen  in  Rio  de  Janeiro.  Die 
wichtigste  Frage,  mit  welcher  der  Gesandte  sich  zu  befassen  hatte,  betraf  die 
deutsche  Einwanderung  nach  Brasilien.  Diese  Einwandenmg  war  wahrend 
des  ganzen  19.  Jahrhunderts  vor  sich  gegangen,  hatte  sich  aber  in  den  letzten 
Jahren  stark  vermindert.  Bis  1891  hatte  man  alljahrlich  Tausende  von  deut- 
schen Einwanderern  gezahlt,  seither  aber  waren  es  kaum  noch  Hunderte.  Die 
brasilianische  Regienmg  selbst  sah  dies  ungern.  Der  President  der  Republik 
sprach  im  Februar  1897  dem  neuen  Gesandten  sein  Bedauern  aus  tiber  die  Ab- 
nahme  der  deutschen  Einwandenmg  nach  den  Siidprovinzen  mid  nannte  das 
deutsche  Element  einen  ungleich  wertvolleren  Bestandteil  der  dortigen  Be- 
volkerung  als  die  massenhaft  zustromenden  Italiener.  So  richtete  K.  vom 
ersten  Tage  an  sein  Augenmerk  auf  die  Hebung  der  deutschen  Einwanderung. 
Auch  fiir  das  Mutterland  war  dies  ein  erwunschtes  Ziel,  denn  die  in  Brasilien 
eingewanderten  Deutschen  lebten  nicht  weithin  zerstreut  iiber  das  an  GroBe 
einem  Erdteil  gleichende  Land.  Vielmehr  hatte  sich  ein  guter  Teil  der  deut- 
schen Ankommlinge  in  groBen  Komplexen,  sogenannten  deutschen  Kolonien, 
zusammengeschlossen,  besonders  in  den  drei  stidlichsten  Staaten  der  Republik, 
in  Parand,  Santa  Catharina  mid  Rio  Grande  do  Sul.  Deutschlands  Interesse 
ging  nun  dahin,  diese  Kolonisten  in  ihrem  Deutschtmii  zu  befestigen.  Man 
,  hatte  es  hier  mit  einem  Falle  zu  tun,  wo  deutsches  Leben  in  einem  fremden 
Erdteil  stattlich  aufbluhen  konnte,  wahrend  der  Wmisch,  auch  die  Staatshoheit 
des  Reiches  hier  aufzurichten,  ruhig  schweigen  durfte.  An  Gebietserwerbungen 
auf  dem  Boden  Brasiliens  hat  die  deutsche  Regierung  in  der  Tat  niemals 


Krauel  275 

gedacht,  wohl  aber  daran,  jene  Volksgenossen  auf  fremder  Erde  in  wirt- 
schaftlichen  Beziehungen  zur  alten  Heimat  zu  erhalten,  Sorge  zu  tragen, 
daB  sie  ihre  Prodnkte  nach  Deutschland  lieferten  und  deutsche  Fabrikate 
kanften.  Und  so  meinten  es  auch  die  Kolonisten  selbst.  In  Sprache  und 
Sitte  waren  sie  deutsch,  in  ihrem  politischen  Denken  vind  Fiihlen  aber  bra- 
silianisch. 

Um  nun  den  Strom  der  deutschen  Einwanderung  neu  zu  beleben,  schien  es 
K.  zuvor  notwendig,  zwei  Ziele  zu  erreichen.  Der  preuBische  Handelsminister 
v.  d.  Heydt  hatte,  veranlaBt  durch  zahlreiche  Nachrichten  iiber  das  traurige 
Schicksal  vieler  nach  Brasilien  Ausgewanderter,  unter  dem  3.  November  1859 
ein  Reskript  erlassen,  welches  jede  Konzession  zur  Beforderung  von  Aus- 
wanderern  dorthin  versagte.  Die  Bedeutung  dieses  Reskripts  ist  freilich  stark 
iiberschatzt  worden.  Es  war  nur  fur  PreuBen  erlassen,  es  verbot  nur  die  Er- 
teilung  von  Konzessionen  fur  Auswanderungsagenten,  jahrzehntelang  war 
trotz  des  v.  d.  Heydtschen  Reskripts  die  deutsche  Einwanderung  in  Brasilien 
bestandig  gewachsen,  und  erst  als  der  Riickgang  eintrat,  erinnerte  man  sich 
wieder  des  Reskripts  und  gab  ihm  die  Schuld  an  der  veranderten  Lage.  Immer- 
hin  erblickte  man  in  ihm  —  und  das  war  besonders  die  Auffassung  der  Deutsch- 
brasilianer,  die  nach  weiterem  Zustrom  deutschen  Blutes  verlangten  —  den 
eigentlichen  Grund  fiir  das  Stocken  der  Einwanderung. 

Und  feraer  fehlte  es  noch  an  einem  deutschen  Auswanderungsgesetz.  Wohl 
hatten  sich  manche  der  deutschen  Einzelstaaten  schon  offiziell  mit  dem 
Auswanderungswesen  beschaftigt.  Das  Reich  aber  war  zuriickgeblieben.  Es 
stand  dieser  machtigen  Erscheinung  im  wirtschaftlichen  Leben  noch  ratios 
gegeniiber  und  meinte  vor  der  Tatsache  zu  stehen,  wie  ein  Franzose  es  aus- 
gedriickt  hat,  daB  die  100 000  Auswanderer,  welche  Deutschland  jahrlich  ver- 
heBen,  einem  wohlausgeriisteten  Heere  glichen,  das  iiber  die  Grenze  geht  und 
spurlos  verschwindet.  War  also  die  Bewegung  nicht  einzudammen,  so  war  es 
die  Aufgabe  der  Gesetzgebung,  nicht  allein  das  Wohl  der  auswandernden  Volks- 
genossen im  Auge  zu  haben,  sondern,  soweit  es  moglich  schien,  den  Strom  in 
solche  Gebiete  zu  leiten,  wo  die  dem  Reiche  entzogene  Volkskraft  nicht  vollig 
verloren  war. 

K.  hat,  um  iiber  die  Verhaltnisse  Brasiliens  ein  klares  Urteil  zu  gewinnen, 
sich  vor  allem  —  und  nicht  ganz  leicht  —  vom  Auswartigen  Amt  die  Erlaub- 
nis  erwirkt,  das  Land  zu  bereisen,  die  deutschen  Stammesgenossen  an  den 
Statten  ihrer  Arbeit  aufzusuchen.  So  hat  er  besonders  die  drei  Siidprovinzen 
durchreist.  Diese  Informationsreisen  aber  lieferten  ihm  jene  Kenntnis  der  Ver- 
haltnisse, die  ihn  befahigte,  durch  seine  Berichterstattung  wie  durch  miind- 
lichen  Vortrag  bei  einer  Urlaubsreise  in  die  Heimat  erfolgreich  auf  die  ihm 
notwendig  erscheinenden  Ziele  (wenn  der  Ausdruck  gestattet  ist)  der  deutschen 
Brasilien-Politik  hinzuweisen. 

In  der  Tat  hat  er  die  Aufhebung  des  v.  d.  Heydtschen  Reskripts  fiir  die 
drei  Siidprovinzen  Brasiliens  herbeigefiihrt,  und  es  waren  seine  Ideen,  die  in 
dem  1897  vom  Reichstage  angenommenen  Auswanderungsgesetz  sich  wieder- 
finden.  Der  leitende  Gedanke  in  der  Begriindung  des  Gesetzes:  »Ablenkung 
von  Nord-,  Hinlenkung  nach  Sudamerika«  ist  ebenso  ein  K.scher  Gedanke 
wie  die  von  dem  Gesetz  empfohlene  Ansiedlung  deutscher  Einwanderer  »in 
kompakten  Massen«. 


276  I9i8 

Man  sollte  freilich  die  Bedeutung  dieser  Entscheidungen  auch  nicht  iiber- 
schatzen.  Auch  nach  der  Aufhebung  des  genannten  Reskripts  im  Jahre  1896 
sind  die  Einwanderungsziffern  nicht  mehr  gestiegen.  Trotzdem  hat  diese  MaB- 
regel  stark  beigetragen  zur  Verbessening  der  Beziehungen  Brasiliens  zum 
Deutschen  Reiche,  und  noch  mehr  ward  es  von  den  deutschen  Kolonisten  wie 
eine  freundliche  BegriiBung,  wie  ein  Hilfeversprechen  von  seiten  der  alten 
Heimat  empfunden.  Sie  haben  es  zwar  nicht  verhindern  konnen,  daB  1917 
auch  Brasilien,  unter  dem  Druck  der  Ententemachte,  seine  Kriegserklarung 
bei  Deutschland  abgab,  aber  nach  dem  Ende  des  Weltkrieges  haben  sie  den 
wirtschaftlichen  Verkehr  rait  dem  alten  Vaterlande  rasch  wiederhergestellt 
und  dem  geistigen  Austausch  ihre  Herzen  geoffnet. 

Von  seiner  am  27.  Oktober  1897  angetretenen  Urlaubsreise  in  die  Heimat 
ist  K.  nicht  wieder  nach  Brasilien  zuriickgekehrt.  Sein  Wunsch,  nunmehr 
einen  Gesandtenposten  in  Europa  zu  erhalten,  blieb  unerfullt,  trotz  der 
personlichen  Zusagen,  die  er  von  Wilhelm  II.  und  dem  Reichskanzler 
Hohenlohe  erhalten  hatte.  Da  er  sich  nicht  entschloB,  noch  einmal  auf 
einige  Jahre  in  die  Neue  Welt  zuriickzukehren,  so  hatte  seine  amtliche 
Tatigkeit  noch  vor  dem  Eintritt  in  das  50.  Lebensjahr  ihren  AbschluB  ge- 
funden. 

K.s  Lebensabend,  den  er  in  Freiburg  i.  Br.  verbrachte,  war  verschont  durch 
edle  Geselligkeit,  durch  Teilnahme  am  geistigen  Leben  der  Zeit,  durch  eigene 
wissenschaftliche  Arbeit.  Voriibergehend  hat  er  einige  Jahre  lang  sogar  eine 
akademische  Iyehrtatigkeit  innerhalb  der  juristischen  Fakultat  der  Berliner 
Universitat  ausgeiibt,  urn  jedoch  bald  wieder  zuriickzukehren  zu  dem  be- 
schaulicheren  Leben  in  Freiburg.  Seine  Veroffentlichungen,  oft  auf  archiva- 
lischer  Grundlage  ruhend,  liegen  besonders  auf  dem  Gebiete  der  neueren  Ge- 
schichte  und  des  Volkerrechts.  Unter  den  historischen  Arbeiten  sind  die  vor- 
trefflichen  Schriften  iiber  den  Prinzen  Heinrich  von  PreuBen,  den  Bruder 
Friedrichs  des  GroBen,  und  iiber  den  preuBischen  Minister  Graf  Hertzberg  an 
erster  Stelle  zu  nennen.  Seine  Berliner  Vorlesungen  behandelten  die  Fragen 
des  Volkerrechts  im  allgemeinen  und  Deutschlands  internationale  Vertrags- 
beziehungen  im  besonderen.  Sie  fanden  dankbare  Zuhorer  und  erhielten  durch 
die  reichen  Kenntnisse  des  im  diplomatischen  Dienst  erfahrenen  Mannes  noch 
eine  besondere  Note. 

In  K.s  Personlichkeit  schatzten  seine  Mitarbeiter  und  Nachfolger  seine  um- 
fassende  Kenntnis,  sein  sicheres  Urteil,  gepaart  mit  einer  vornehmen  und  im 
Grunde  seines  Herzens  trotz  seiner  mitunter  sarkastischen  Art  wohlwollenden 
Gesinnung.  Den  Wert  seiner  Tatigkeit  als  Gesandter  erblickten  sie  in  dem 
standigen  Hinweis  auf  die  Bedeutung  Siidamerikas  fiir  die  Zukunft  der  Welt 
im  allgemeinen  und  fiir  Deutschlands  wirtschaftliche  Verhaltnisse  im  be- 
sonderen. Seine  diplomatischen  Depeschen  wurden  geriihmt  als  Muster  einer 
sachlichen,  klaren  und  anschaulichen  Berichterstattung —  ein  Urteil,  dem  sich 
auch  der  Verfasser  dieser  biographischen  Skizze,  dem  es  vergonnt  war,  diese 
Depeschen  im  Auswartigen  Amt  zu  studieren,  riickhaltlos  anschlieBt.  Man 
muB  es  bedauern,  daB  seine  hohen  Fahigkeiten  so  fruhzeitig  dem  Dienste  des 
Reiches  entzogen  wurden.  Und  hier  ist  der  Gedanke  nicht  vollig  abzuweisen, 
daB  gegeniiber  dem  alten  Bismarck-Schiiler  und  treuen  Anhanger  des  ent- 
lassenen  Reichskanzlers  die  Stimmung  der  neunziger  Jahre  an  hochster  Stelle 


Krauel.  Krocher  277 

nicht  allzu  giinstig  war.  So  liegt  auch  in  seinem  Schicksal  ein  Stiick  von  »der 
Tragodie    der   Nach-Bismarck-Zeit«. 

(Die  vorstehende  Skizze  beruht  auf  der  Benutzung  der  brasilianischen  Berichte  K.s 
im  Auswartigen  Amt  sowie  des  im  Besitze  Ihrer  Exzellenz  Frau  Geh.R.  K.  befindlichen 
handschriftlichen  Nachlasses  und  auderer  Korrespondenzen.  Ferner  habe  ich  meinen 
eigenen,  auf  demselben  Material  beruhenden  Aufsatz:  Richard  K.  als  deutscher  Ge- 
sandter  in  Brasilien,  1894 — l&97  [Preufiische  Jahrbiicher   195,  Januar  1924],  frei  benutzt.) 

Freiburg  i.  Br.  Wolfgang  Michael. 

Krocher,  Jordan  v.,  deutschkonservativer  Staatsmann,  langjahriger  Pra- 
sident  des  Preuftischen  Abgeordnetenhauses,  Koniglicher  Wirklicher  Geheimer 
Rat,  Hauptritterschaftsdirektor,  *  am  23.  Mai  1846  in  Isenschnibbe  bei 
Gardelegen,  f  am  10.  Januar  1918  in  Vinzelberg,  Kreis  Gardelegen.  —  Sein 
Vater  war  Friedrich  Wilhelm  v.  K.  (1810 — 1891),  Fideikommiflherr  auf 
Vinzelberg,  Landrat  des  Kreises  Gardelegen,  weiten  Kreisen  ein  Fuhrer  im 
Kampf  fur  die  christliche  Sonntagsheiligung,  seine  Mutter  war  Bertha 
v.  Gerlach,  die  Tochter  Wilhelms  (1789 — 1834),  des  altesten  der  als  christlich- 
konservative  Vorkampfer  bekannten  vier  Briider,  und  der  Ida  v.  Chambaud- 
Charrier  aus  altem  Hugenottenadel.  Sein  GroB  vater  vaterlicherseits  war  der 
Landesdirektor  der  Altmark,  Friedrich  Wilhelm  von  K.  (1782 — 1861),  ein 
einflufireicher  konigstreuer  Mann  und  erfolgreicher  Landwirt.  Jordans  GroB- 
oheime,  der  Minister  Graf  von  Alvensleben-Erxleben  (1794 — 1858),  Leopold 
(179 1 — 1 861)  und  Ludwig  v.  Gerlach  (1795 — 1877),  waren  den  Eltern  an- 
regend  und  wegweisend  eng  verbunden.  So  wurzelte  das  Elternhaus  fest  in 
der  Uberlieferung  des  Adels  der  altmarkischen  Stammlande  Brandenburgs, 
suchte  seine  Aufgaben  im  Dienst  am  heimatlichen  Volk  und  Boden  und  fand 
Kraft  und  Ziel  in  gottesfiirchtiger  Nachfolge  Christi  und  Konigstreue.  Unter- 
richtundEinsegnungbei  dem  Pastor,  spateren  Generalsuperintendent  Braun  — , 
und  die  Gymnasialjahre  in  Giitersloh  wirkten  weiter  in  der  Befestigung  eines 
einheitlichen  Charakters. 

Nach  kurzem  juristischen  Studium  in  Gottingen  meldete  sich  Jordan 
v.  K.  bei  Ausbruch  des  Krieges  1866  als  Einjahrig-Freiwilliger  beim  heimat- 
lichen 16.  Ulanenregiment,  wurde  Avantageur  und  trat  dann,  dem  Ruf  alter 
Jugendfreunde  folgend,  als  Portepeefahnrich  zum  1.  Gardedragoner regiment 
iiber,  wo  er  am  16.  Juli  1867  Offizier  wurde.  Er  nahm  als  Zugfiihrer  in  diesem 
Regiment  teil  an  dessen  ruhm-  und  verlustreicher  Attacke  bei  Mars  la  Tour 
und  wurde  dabei  leicht  verwundet,  eine  zweite  leichte  Verwundung  erlitt  er 
vor  Sedan.  Von  1873  bis  1875  war  er  Regimentsadjutant.  Am  14.  August  1875 
schied  er  aus  dem  Heeresdienst,  um  seine  Arbeit  dem  ihm  vom  Vater  iiber- 
lassenen  Gut  Vogtsbriigge  in  der  Prignitz  zu  widmen.  Nach  des  Vaters  Tode 
ubernahm  er  1891  auch  Vinzelberg  und  siedelte  dorthin  iiber.  Am  21.  Fe- 
bruar  1874  hatte  er  sich  mit  Fraulein  I,uise  v.  Krosigk  a.  d.  H.  Poplitz- 
Nienburg  verheiratet. 

1879  wurde  er  von  seinem  Heimatkreis  in  das  Preufiische  Abgeordneten- 
haus  gewahlt.  Er  gehorte  diesem  bis  zu  seinem  Tode  an.  Daneben  war  er 
seit  1898  Mitglied  des  Reichstags. 

Sein  bei  zartem  Empfinden  fester  Wille  und  klarer  Blick,  sein  immer  selb- 
standiges  und  klug  abgewogenes,  von  scharfem  Verstand  geleitetes  treffendes 


278  I9i8 

Urteil,  sein  unbedingt  unparteilicher  und  unbestechlicher  Gerechtigkeitssinn, 
der  sich  in  alien  Lagen  und  insbesondere  in  den  parlamentarischen  Aussprachen 
immer  wieder  bewahrte,  sein  von  herzlichem  Wohlwollen  getragenes  liebens- 
wiirdiges  Wesen,  sein  schlagfertiger  und  doch  stets  versohnlicher  Witz  ge- 
wannen  ihm  schnell  groBen  EinfluB  bei  seinen  konservativen  Freunden,  in 
den  Parlamenten  bei  alien  Parteien  und  bei  der  Regierung.  Daher  wurde  er 
bald  in  den  Vorstand  seiner  Fraktion  berufen,  erhielt  den  Vorsitz  im  Budget- 
ausschuB  des  Abgeordnetenhauses  und  wurde  1897  Prasident  dieser  Korper- 
schaft,  deren  Verhandlungen  er  bis  191 2  mit  nie  versagendem  Geschick  vor- 
bildlich  leitete. 

In  wiederholten  Unterredungen  mit  den  Reichskanzlern  Fiirsten  v.  Hohen- 
lohe  und  v.  Bulow  und  Herrn  v.  Bethmann  Hollweg  suchte  er  in  den 
Jahren  der  Kampfe  um  den  Mittellandkanal,  die  landwirtschaftlichen  groBen 
Meliorationen,  die  Handelsvertrage,  die  Schulgesetzgebung  und  die  Stellung 
zur  Sozialdemokratie  den  konservativen  Anschauungen  Geltung  zu  verschaffen 
und  vorausschauend  die  Reichs-  und  Staatspolitik  von  der  abschiissigen,  iiber 
den  Parlamentarismus  zur  Revolution  fuhrenden  Bahn  fernzuhalten.  Mit 
schwerer,  von  Jahr  zu  Jahr  zunehmender  Sorge  beobachtete  er  das  Vordringen 
unpreuBischer  Elemente  in  PreuBen  und  im  Reich  und  dadurch  gegeben  das 
Paktieren  mit  der  wachsenden  Macht  demokratischer  Bestrebungen.  Wo  es 
gait,  einzutreten  fiir  Bewahrung  und  Starkung  der  Grundlagen  echter  Frei- 
heit  in  PreuBen  und  im  Reich,  namlich  die  Unversehrtheit  der  koniglichen 
Autoritat,  das  Recht,  das  preuBische  Heer,  die  christliche  Kirche  und  Schule, 
oder  fiir  die  Erhaltung  der  Quelle  der  volkswirtschaftlichen  Wohlfahrt,  das 
Gedeihen  der  Landwirtschaft,  setzte  er  unbeugsam  Person  und  Kraft  ein, 
treu  seiner  christlichen  und  vaterlandischen  tJberzeugung,  treu  seinem  Konige, 
treu  seinem  Volke,  treu  seinen  Freunden  und  Untergebenen.  Auch  Stocker, 
der  Streiter  fiir  Christum  und  Volkstum,  hat  diese  Treue  noch  erfahren,  als 
die  belogene  »6ffentliche  Meinung«  ihn  besudelte  und  alte  Freunde  ihn  ver- 
lieBen. 

Noch  in  dem  Deutschland  aufgezwungenen  Weltkriege  widmete  Jordan 
v.  K.  sein  letztes  Konnen  Kaiser  und  Volk  als  Offizier  im  Stabe  des  Ober- 
kommandos  in  den  Marken  und  als  Parlamentarier,  ein  unermudlicher  Warner 
fiir  alle,  die  glaubten,  durch  Betonen  der  deutschen  andauernden  Friedens- 
bereitschaft  und  Nachgiebigkeit  von  den  zielbewuBten  feindlichen  Friedens- 
brechern  den  Frieden  erlangen  oder  die  Revolution  durch  »volkstumliche«, 
PreuBens  Gefiige  erschiitternde  Konzessionen  abwenden  zu  konnen.  Er  sah 
klar  vor  Augen,  wie  durch  dies  alles  die  Feinde  zum  Durchhalten  ermutigt, 
die  Bundesgenossen  und  das  eigene  Volk  aber  entmutigt  wurden.  DaB  sich 
die  Reichskanzler  auBen-  und  innenpolitisch  immer  mehr  in  Abhangigkeit 
von  der  groBstadtischen  »6ffentlichen  Meinung«,  weltfremden  Ideologen  und 
den  sozialdemokratischen  Parteifiihrern  begaben,  die  groBe  vaterlandisch  und 
kaisertreu  empfindende  Masse  des  deutschen  Volkes  aber  iibersahen,  aus- 
schalteten  und  fortstieBen,  statt  sie  zu  sammeln,  zu  starken,  zu  fiihren  und 
gegen  die  Mutlosen  und  Abtriinnigen  einzusetzen,  verstand  er  nicht.  Er  sann 
bestandig  auf  Abhilfe,  versuchte  die  Fiihrer  in  der  Heimat  und  an  der  Front 
aufzuklaren  und  durch  seinen  EinfluB  das  Steuer  zu  wenden,  und  litt  bis  zur 
korperlichen  Erschopfung  unter  der  Erfolglosigkeit  seiner  Bemiihungen.  Kurz 


Krocher.  Launhardt  270 

vor  der  Reife  der  als  verhangnisvoll  bekampften  Kanzler-  und  Reichstags- 
politik  schloB  er  die  Augen  zum  letzten  Schlummer. 

Literatur:  Der  handschriftliche  Nachlafi. 

GroBendorf,  Kreis  Stolp.  Nikolaus  v.  Gerlach. 

Launhardt,  Wilhelm,  Geheimer  Regierungsrat,  Professor,  Dr.  ing.  h.  c, 
*  am  7.  April  1832  in  Hannover,  f  am  14.  Mai  1918  ebendaselbst.  —  L.  besuchte 
die  hohere  Biirgerschule  seiner  Vaterstadt,  welche  ihrem  Aufbau  nach  einem 
heutigen  Realgymnasium  entsprach,  und  legte  auf  ihr  die  Reifepriifung  ab. 
Dann  studierte  er  vom  Jahre  1848  ab  am  Polytechnikum  zu  Hannover  und 
bestand  die  erste  Staatspriifung  im  Jahre  1854,  die  zweite  im  Jahre  1859, 
beide  mit  dem  Ergebnis  »vorziiglich  gut«.  Nach  Ablegung  der  ersten 
Staatspriifung  trat  er  in  den  hannoverschen  Staatsdienst  ein  und  war  fast 
15  Jahre,  zuletzt  als  Vorstand  der  Wegebauinspektion  Geestemiinde,  im  Wege- 
und  Briickenbau  tatig.  Wenige  Monate,  bevor  er  im  Herbst  des  Jahres  1869 
an  das  Polytechnikum  in  Hannover  berufen  wurde,  war  er  beim  Bau  der 
Venlo — Hamburger  Eisenbahn  beschaftigt. 

Am  Polytechnikum  erhielt  er  den  Lehrstuhl  fur  StraBen-  und  Eisenbahnbau 
und  fur  Briickenbau.  Im  letzteren  Fache  hielt  er  anfangs  Vortrage  iiber  Holz-, 
Stein-  und  Eisenbriicken,  vom  Jahre  1875  nur  noch  iiber  eiserne  Briicken 
und  gab  auch  diese  Vortrage  im  Jahre  1883  an  Barkhausen  ab.  Ein  Jahr  hat 
er  auch  in  Vertretung  des  in  den  Ruhestand  versetzten  Professor  Treuding 
Vortrage  iiber  Wasserbau  gehalten  und  spater  mehrere  Jahre  iiber  Grund- 
ziige  des  Bauingenieurwesens  fur  Maschineningenieure  gelesen.  Im  Jahre  1872 
lehnte  er  Berufungen  an  die  Technischen  Hochschulen  zu  Stuttgart  und 
Dresden  ab.  Als  Karmarschs  Nachfolger  wurde  er  1875  Direktor  des  Poly- 
technikums  und  gleichzeitig  zum  Geheimen  Regierungsrat  ernannt.  Nachdem 
das  Polytechnikum  im  Jahre  1879  zur  Technischen  Hochschule  umgewandelt 
nnd  nachdem  in  den  folgenden  Jahren  das  Wahlrektorat  eingefiihrt  worden  war, 
ist  er  zweimal  hintereinander  im  Jahre  1880  und  1883  vom  Professorenkolle- 
gium  zum  Rektor  mit  je  dreijahriger  Amtsdauer  gewahlt  worden.  Er  wurde 
1880  bei  der  Griindung  der  Akademie  des  Bauwesens  zu  deren  Mitglied,  und 
zwar  als  einziges  auswartiges  Mitglied  aus  der  Zahl  der  Bauingenieure  gewahlt, 
und  im  Jahre  1898  zur  Vertretung  seiner  Hochschule  als  lebenslangliches 
Mitglied  ins  Herrenhaus  berufen.  Die  Technische  Hochschule  zu  Dresden 
ernannte  ihn  im  Jahre  1903  zum  Dr.-Ing.  e.  h. 

Im  personlichen  Verkehr  war  L.  sehr  anregend;  er  besaB  die  Gabe,  sofort 
zu  erkennen,  auf  welchem  Gebiete  die  geistigen  Interessen  eines  jeden  lagen, 
mit  dem  er  sich  unterhielt,  vermochte  sich  schnell  der  herrschenden  Stimmung 
anzupassen  und  hat  im  Kreise  seiner  ihn  hochverehrenden  Studenten  wie  auch 
alterer  Freunde  manche  geist voile  Rede  gehalten,  manches  frb'hliche  Lied 
gedichtet. 

Die  15  Jahre  seiner  Baupraxis  vor  der  Berufung  nach  Hannover  fielen  in 
die  Zeit  des  reinen  Regiebaues,  in  welcher  bei  den  groBen  Erd-  und  StraBen- 
bauten  und  den  zahlreichen  Briickenbauten,  die  seiner  Leitung  unterstanden, 
die  Verwendung  von  Maschinen  nur  in  sehr  beschranktem  Umfange  iiblich 
und  moglich  war.  Er  hat  es  damals  meisterlich  verstanden,  im  wahren  Sinne 


28o  1918 

des  Wortes  Bauleiter  zu  sein,  bei  der  Entwurfsbearbeitung  wie  bei  der  Bau- 
ausfuhrung  an  Arbeitskraften  und  Baustoffen  zu  sparen,  den  Umfang  und 
die  Kosten  jeder  Arbeit  schon  im  voraus  tunlichst  genau  zu  berechnen  und 
den  Bau  so  zu  gestalten,  dai3  in  der  Folge  die  Unterhaltung  der  Bauwerke 
eine  wirtschaftliche  und  bequeme  sein  konnte.  In  spateren  Jahren  hat  er 
neben  seiner  Lehrtatigkeit  praktische  Arbeit  nur  in  beschranktem  MaBe  durch 
Aufstellung  einiger  Entwiirfe  fiir  Briicken  und  durch  Begutachtung  verschie- 
dener  Entwiirfe  ausgeiibt. 

Als  Hochschullehrer  hat  L.  vorbildlich  gewirkt.  Vom  Tage  seines  Eintritts 
in  den  Lehrkorper  des  Polytechnikums  an  ist  er  mit  Erfolg  bestrebt  gewesen, 
seine  Vortrage  zu  wirklich  wissenschaftlichen  zu  gestalten,  seine  Zuhorer  nicht 
zum  Lernen,  sondern  zum  Studium  anzuleiten,  ihnen  eine  wissenschaftliche 
Grundlage  fiir  die  Praxis  mit  auf  den  Lebensweg  zu  geben.  Klare  Stoffteilung„ 
Vermeidung  alles  Unwesentlichen,  streng  logische  SchluBfolgerungen  charak- 
terisierten  seine  formvollendeten  Vortrage.  In  ihnen  wuBte  er  meisterhaft  die 
Moglichkeiten  der  Weiterentwicklung  der  Ergebnisse  wissenschaftlicher  For- 
schung  und  praktischer  Erfahrung  herauszuarbeiten  und  die  Notwendigkeit 
wirtschaftlicher  Gestaltung  der  Bauausfuhrungen  sowie  der  Unterhaltungs- 
arbeiten  hervorzuheben.  Die  Ubungen  benutzte  er  dazu,  die  mathematische 
Begriindung  und  konstruktive  Anordnung  der  Entwiirfe  selbst  nachzupriifen 
und  dabei  wertvolle  Erganzungen  seiner  Vortrage  zu  geben.  Es  war  erstaun- 
lich,  wie  I,.,  dem  infolge  seiner  zunehmenden,  zuletzt  fast  zur  Blindheit  ge- 
steigerten  Schwachsichtigkeit  die  Nachpriifung  zeichnerischer  Berechnungen 
unbequem  war,  diese  Nachpriifung  durch  Kopfrechnung  zu  ersetzen  imstande 
war,  und  wie  er  immer  wieder  bei  Besprechung  der  Aufgaben  aus  dem  Ge- 
dachtnis  genaue  Zahlenangaben  iiber  die  Verhaltnisse  gleichgearteter  aus- 
gefiihrter  Bauten  machen  konnte.  Eingehend  erlauterte  er  dabei  den  in  jedem 
einzelnen  Fall  fiir  Massenberechnungen  und  statische  Ermittlungen  erfor- 
derlichen  Genauigkeitsgrad  und  versaumte  nicht,  brauchbare  empirische  For- 
meln  und  deren  Ableitung  zu  geben. 

L.  hat  sich  des  weiteren  groBe  Verdienste  als  Organisator  erworben.  Zu- 
nachst  gait  es,  am  Polytechnikum  den  Ubergang  vom  schulmaBigen  Betrieb 
zum  wissenschaftlichen  Studium  und  eine  scharfere  Trennung  der  einzelnen 
Lehrgebiete  im  besonderen  fiir  Architekten  und  Bauingenieure  durchzufiihren. 
Waren  doch  im  Jahre  1875,  als  L.  zum  Direktor  ernannt  wurde,  die  ersten 
drei  Jahreskurse  fiir  Architekten  und  Ingenieure  vollig  die  gleichen;  erst  im 
letzten  Studienjahr  war  je  ein  Sonderkursus  fiir  Architekten  und  Bauingenieure 
vorgesehen.  Dann  folgte  die  Umwandlung  des  Polytechnikums  in  die  Hoch- 
schule  und  die  Ubersiedlung  der  letzteren  in  das  neue  Gebaude,  welches  ur- 
spriinglich  als  SchloB  erbaut  worden  war  und  dessen  Innenraume  sich  als 
vollig  ungeeignet  fiir  Hochschulzwecke  erwiesen.  Hieraus  erwuchsen  auBer- 
ordentliche  Schwierigkeiten  insbesondere  bei  den  baulichen  Abanderungen  des 
ganzen  Schlosses.  Die  Uberwindung  dieser  Schwierigkeiten  und  die  fiir  jene 
Zeiten  mustergiirtige  Einrichtung  der  Raume  ist  fast  ausschlieBlich  das  Ver- 
dienst  L.s,  welcher  zum  AbschluB  der  ganzen  Umstellung  der  Hochschule  die 
Einfiihrung  der  Rektoratsverfassung  eingeleitet  und  als  erster  Rektor  wahrend 
zweier  Triennien  vollendet  hat.  Unter  seiner  Leitung  vervollkommnete  sich 
der  innere  Betrieb,  wuchs  das  auBere  Ansehen  der  Hochschule. 


Launhardt  28 1 

Als  Schriftsteller  ist  L.  schon  wahrend  der  Zeit  seiner  Praxis,  vor  allem 
aber  wahrend  der  letzten  drei  Jahrzehnte  des  vorigen  Jahrhunderts,  hervor- 
getreten.  Es  war  besonders  die  Verstaatlichung  und  der  weitere  Ausbau  der 
preuBischen  Eisenbahnen  und  die  starke  Entwicklung  des  Chausseenetzes  im 
Hiigel-  und  Flachland,  welche  ihn  zu  zahlreichen  Veroffentlichungen  veran- 
laBten.  Wie  in  seinen  Vortragen,  so  ist  er  auch  in  den  Veroffentlichungen,  die 
sein  Lehrgebiet  betrafen,  fiir  seine  Schiiler  und  Fachgenossen  ein  Wegweiser 
nach  einem  vorher  fast  gar  nicht  erstrebten  Ziel  hin  gewesen,  namlich  jeden 
Bau  und  jeden  Betrieb  nicht  nur  technisch  richtig,  sondern  auch  wirtschaft- 
lich  moglichst  vorteilhaft  zu  gestalten  und  fiir  die  Wirtschaftlichkeit  den 
mathematischen  Beweis  zu  erbringen,  wie  es  heute  ja  als  selbstverstandlich 
angesehen  wird. 

Auf  dem  Gebiet  des  Eisenbahnwesens  ist  vor  allem  L.s  in  zweiter  Auflage 
erschienene  »  Theorie  des  Trassierens«  hervorzuheben,  die  vom  Verein  Deutscher 
Eisenbahnverwaltungen  preisgekront  worden  ist  und  zu  ihrer  Zeit  allgemeine 
Anerkennung  gefunden  hat.  Die  mathematisch-wirtschaftliche  Begriindung 
und  Entwicklung  der  aufgestellten  Theorien  hat  in  ihrer  Eigenart  und  Neu- 
heit  manchen  Fachgenossen  zu  weiterer  Bearbeitung  des  Stoffes  angeregt. 

Ferner  hat  L.  eine  Reihe  von  beachtenswerten  Arbeiten  iiber  die  Bildung 
der  Personen-  und  Frachttarife  sowie  iiber  Bauwurdigkeit  und  Wirtschaft- 
lichkeit der  Haupt-  und  Nebenbahnen  unter  Hervorhebung  vieler  neuer  Ge- 
sichtspunkte  veroffentlicht.  Auch  in  seinen  Schriften  iiber  das  StraBenwesen 
behandelt  I,,  teilweise  sehr  eingehend  die  Trassierung  und  die  Wirtschaftlich- 
keit der  LandstraBen. 

t)ber  seine  sonstigen  zahlreichen  Veroffentlichungen  ist  neben  einigen  klei- 
neren  Mitteilungen  iiber  den  Bau  eiserner  Briicken  noch  eine  Gruppe  von  Ar- 
beiten iiber  verschiedene  Wirtschaftsfragen  beachtenswert,  zu  welchen  L. 
seinerzeit  durch  die  Aufrollung  der  Wahrungsfrage  und  die  allgemeine  Ent- 
wicklung des  Verkehrs  angeregt  worden  ist.  In  erster  Linie  sei  hier  seiner 
» Mathematischen  Begriindung  der  Volkswirtschaftslehre«  gedacht,  welche  die 
Aufmerksamkeit  der  Zeitgenossen  in  hohem  MaBe  erregt  hat.  Unter  Bertick- 
sichtigung  der  beim  Erscheinen  dieses  Buches  herrschenden  Zeitverhaltnisse 
wird  man  auch  heute  noch  die  mathematischen  SchluBfolgerungen  als  in  alien 
Teilen  richtig  anerkennen  miissen. 

Iy.s  Schriften  zeichnen  sich  durch  knappe,  klare  Schreibweise  aus.  Wohl- 
geformt  schlieBt  sich  ein  Satz  dem  anderen  an.  Kurz  sind  die  Begriindungen, 
sicher  die  SchluBfolgerungen.  Manche  der  Veroffentlichungen  sind  ins  Eng- 
lische,  Franzosische  und  Italienische  ubersetzt  worden. 

Iviteratur:  StraBenbau:  Rentabilitat  und  Richtungsfeststellung  der  StraBen,  1869.  — 
Eisenbahnwesen :  Das  Massennivellement  2.  Aufl.,  1877;  Die  Betriebskosten  der  Eisen- 
bahnen und  ihre  Abhangigkeit  von  den  Steigungs-  und  Krummungsverhaltnissen.  Ergan- 
zungsheft  zum  4.  Bande  des  Handbuchs  fiir  spezielle  Eisenbahnkunde,  1877;  Theorie  des 
Trassierens,  2.  Aufl.,  1887  und  1888;  Theorie  der  Tarifbildung  auf  Eisenbahnen,  1890.  — 
Wirtschaftliche  Fragen  u.dgl.:  Mathematische  Begriindung  der  Volkswirtschaftslehre, 
1885 ;  Das  Wesen  des  Geldes  und  die  Wahrungsfrage,  1885 ;  Mark,  Rubel  und  Rupie.  Erlau- 
terungen  zur  Wahrungsfrage  und  Erorterungen  iiber  das  Wesen  des  Geldes,  1894;  Am 
sausenden  Webstuhl  der  Zeit,  3.  Aufl.,  1917;  Die  Technische  Hochschule  Hannover  183 1 
bis  188 1.  —  Broschuren  und  Abhandlungen  in  wissenschaftlichen  Zeitschriften.  StraBen- 
bau: Die  zweckmaBigsten  Steigungsverhaltnisse  der  Chausseen,  Zeitschrift  des  hannover- 
schen  Architekten-  und  Ingenieurvereins,   1867;  Rentabilitat  und  Richtungsfeststellung 


282  I9i8 

der  Strafien,  ebd.,  1870;  Die  Steigung  der  Straflen,  1880.  —  Eisenbahnwesen  u.  Wasser- 
bau:  Vergleichung  der  verschiedenen  Systeme  der  beweglichen  Wehre,  Zeitschr.  des 
hannoverschen  Architekten-  u.  Ingenieurvereins,  1868.  —  Kommerzielles  Trassieren  der 
Verkehrswege,  desgl.,  1872;  Virtuelle  Lange  und  virtuelle  Steigung,  Organ  fiir  die 
Fortschritte  des  Eisenbahnwesens,  1876;  Wirtschaftliche  Fragen  des  Eisenbahnwesens, 
Zentralblatt  der  Bauverwaltung,  1883;  Bauwiirdigkeit  geplanter  Eisenbahnen,  Zeit- 
schrift  des  hannoverschen  Architekten-  und  Ingenieurvereins,  1885;  Das  Personenporto 
auf  Eisenbahnen,  Zeitschrift  zur  guten  Stunde,  1889;  Der  Korbbogen  im  Eisenbahn- 
gleise,  Organ  f.  d.  Fortschritte  des  Eisenbahnwesens,  1889;  Zur  Frage  einer  besseren  Be- 
rechnung  des  Personenfahrgeldes  auf  Eisenbahnen,  ebenda,  1896;  Theorie  der  Tarifbildung 
Archiv  fiir  Eisenbahnwesen,  1890  und  1892 ;  Die  Bauwiirdigkeit  von  Nebenbahnen,  Zentral- 
blatt der  Bauverwaltung,  1898.  —  Briickenbau:  Der  Viadukt  bei  Lecker,  Strecke  Osna- 
briick — Bremen,  Zeitschrift  des  hannoverschen  Architekten-  und  Ingenieurvereins,  1872; 
Die  Inanspruchnahme  des  Eisens,  Deutsche  Bauzeitung,  1872;  Working  strength,  »Iron«, 
1874;  t)ber  zweifaches  Fachwerk  und  ein  neues  Tragersystem,  Deutsche  Bauzeitung,  1875. 
—  Wirtschaftliche  Fragen  u.  a.  m.:  Der  zweckmaBigste  Standort  einer  gewerblichen  An- 
lage,  Zeitschrift  des  Vereins  deutscher  Ingenieure,  1882;  Die  Gesetze  der  Preisbildung, 
Zeitschr.  des  hannoverschen  Architekten-  und  Ingenieurvereins,  1886;  t)ber  die  Wah- 
rungsfrage,  desgl.,  1886;  Wahrungsverhaltnisse,  desgl.,  1890;  Ablosung  der  Baukosten, 
desgl.,  1887;  Die  Quantitatstheorie,  ein  Beitrag  zur  Lehre  vom  Wesen  des  Geldes,  Zeit- 
schrift t  Polytechnikunm,  Hannover  1889;  Die  Wirkungen  der  Vervollkommnung  des  Ver- 
kehrs,  Deutsches  Wochenblatt,  1889;  Die  Entwicklungen  und  die  Wirkungen  des  Verkehrs 
in  den  letzten  50  Jahren,  Zentralblatt  der  Bauverwaltung,  1892;  Die  transkaspische 
Eisenbahn,  Zeitschrift  des  hannoverschen  Architekten-  und  Ingenieurvereins,  1888;  Die 
sibirische  Eisenbahn,  desgl.,  1892.  —  Auflerdem  eine  grofle  Anzahl  von  Aufsatzen  in  der 
Enzyklopadie  des  Eisenbaluiwesens  und  vielen  Tageszeitungen. 

Hannover.  Wilhelm  Hoyer. 

Mohr,  Christian  Otto,  Professor  der  technischen  Mechanik  in  Dresden, 
*  am  8.  Oktober  1835  in  Wesselburen,  f  am  3.  Oktober  1918  in  Dresden.  — 
Zu  Wesselburen  in  Nord-Dithm arschen  an  der  holsteinischen  Nordseekiiste 
geboren,  war  Otto  M.  in  seinem  ganzen  Wesen  ein  wortkarger,  kerniger  Sohn 
von  der  Waterkant.  Eine  Schilderung  der  Umwelt  seiner  Jugend  findet 
sich  in  den  Brief  en  Friedrich  Hebbels,  der  18 13  am  gleichen  Ort  geboren  wurde, 
mit  14  Jahren  beim  Kirchspielvogt  M.,  dem  Vater  Otto  M.s,  als  Schreiber 
tatig  war  imd  aus  dessen  Biicherei  mancherlei  Anregimg  empfing.  Strengste 
Einfachheit  und  auBerste  Sachlichkeit  waren  die  Grundzuge  der  Erziehung 
Otto  M.s.  Sie  kennzeichnen  auch  seine  Personlichkeit  und  seine  Arbeiten. 
Ein  Zwillingsbruder  erblickte  mit  ihm  das  Licht  der  Welt,  der  auch  den  80.  Ge- 
burtstag  mit  ihm  zusammen,  und  zwar  als  Geheimer  Justizrat  in  Flensburg, 
feiern  konnte. 

Mit  16  Jahren  kam  Otto  M.  auf  die  Polytechnische  Schule  Hannover,  um 
Ingenieurwissenschaften  zu  studieren,  und  war  dann  zehn  Jahre  lang  als  In- 
genieur  bei  den  hannoverschen  Staatsbahnen  tatig.  Spater  betatigte  er  sich 
beim  Bau  der  oldenburgischen  Staatsbahnen  unter  Generaldirektor  Buresch, 
dessen  Tochter  Anna  seine  treue  Lebensgefahrtin  wurde.  Sie  war  in  ihrer 
heiteren,  frohlichen  Art  der  Sonnenschein  im  Leben  des  ernsten  Forschers. 
Die  stiirmische  Entwicklung  der  Eisenbahnen  und  die  Ausbildung  eines  neuen 
Briickenbaustoffes,  des  Schweifleisens,  fuhrte  zu  einer  Fulle  von  Problemen 
der  technischen  Mechanik,  der  Statik  und  des  Eisenbriickenbaues.  Von  1850 
bis  1870  eilte  der  Geistesflug  auf  theoretischem  Gebiete  vielfach  seiner  Zeit 
voraus,  befruchtete  die  konstruktive  Gestaltung  und  spornte  die  Ausfuhrung 


Launhardt.  Mohr  283 

zu  kuhnen  Taten  an.  So  brachten  auch  die  zahlreichen  Neubaustrecken  der 
Staatseisenbahn  des  Konigreichs  Hannover  nmfangreiche  Aufgaben  fur  das 
Bauingenieurwesen,  das  dort  gerade  in  dieser  Zeit,  wie  aus  der  bekannten 
hannoverschen  Zeitschrift  hervorgeht,  in  hoher  Bliite  stand  und  mit  den 
Namen  Karmarsch,  August  Ritter,  Kopcke  verkniipft  ist.  Hier  entwarf  Otto  M. 
auch  die  unseres  Wissens  erste  eiserne  Fachwerkbriicke  mit  einf  achem  Dreieck- 
fachwerk,  die  bei  Liineburg  ausgefuhrt  wurde.  Mit  25  Jahren  veroffentlichte 
er  seine  erste  grundlegende  Arbeit  iiber  die  Dreimomentengleichung  des  durch- 
laufenden  Tragers  unter  Beriicksichtigung  der  Hohenlage  der  Stiitzen. 

Mit  32  Jahren  erhielt  er  einen  Ruf  an  das  Polytechnikum  Stuttgart  als  Pro- 
fessor fur  technische  Mechanik,  Trassieren  und  Erdbau.  Einen  begeisterten 
Kreis  von  Schulern  scharte  er  hier  um  sich,  zu  denen  Anton  v.  Rieppel,  August 
Foppl  und  Carl  v.  Bach  zahlen.  Hatte  doch  gegentiber  den  analytischen  Ver- 
fahren  die  graphostatische  Behandlung  von  Konstruktionsaufgaben,  be- 
sonders  fur  den  aufbluhenden  Eisenbau  in  der  meisterhaften  einfachen  Form, 
wie  sie  Otto  M.  schuf,  die  Vorzuge  grofiter  Klarheit,  Durchsichtigkeit  und 
Zeitersparnis.  Seine  Kolleghefte  erlangten  einen  hohen  Seltenheitswert,  wie 
die  autographierte  Ausgabe  seiner  Vorlesungen  durch  den  Ingenieurverein  am 
Polytechnikum  Stuttgart  bezeugt.  Das  zeichnerische  Verfahren  der  Darstel- 
lung  der  Biegelinie,  das  er  im  Jahre  1868,  wie  der  Nachfolger  Culmanns,  Wil- 
helm  Ritter,  sagt,  »der  technischen  Welt  bescherte«,  bildet  seitdem  das  all- 
tagliche  Riistzeug  unserer  Konstrukteure  und  begriindete  M.s  groflen  wissen- 
schaftlichen  Ruf.  (S.  Beitrag  zur  Theorie  der  Holz-  und  Eisenkonstruktionen, 
Zeitschr.  des  Arch.-  und  Ingenieurvereins  zu  Hannover  1870,  S.  41,  und 
W.  Ritter,  Anwendungen  der  graph.  Statik,  Zurich  1900,  III.  Teil,  Vorwort 
S.  V.)  Da  bisher  die  Ldsung  dieser  Aufgabe  nur  rechnerisch  durch  eine  doppelte 
Integration  moglich  war,  verlieh  Ritter  seiner  Bewunderung  fiir  Otto  M.  in 
den  Worten  Ausdruck:  »Selten  wohl  hat  ein  so  einfacher  Gedanke  so  reiche 
Friichte  gezeitigt,  wie  das  M.sche  Verfahren  zum  Zeichnen  der  elastischen 
Linie. «  Dieselbe  grundlegende  Arbeit  M.s  enthalt  auch  die  erstmalige  Anwen- 
dung  von  EinfluBlinien,  nahezu  gleichzeitig  mit  Emil  Winkler,  der  1865  von 
Dresden  nach  Prag  und  1868  nach  Wien  berufen  worden  war. 

Im  Jahre  1873  folgte  M.  einem  Rufe  nach  Dresden  als  Nachfolger  von  Klaus 
Kopcke  auf  dem  Lehrstuhl  fiir  Eisenbahnbau,  Wasserbau  und  Graphostatik. 
Hier  wirkte  er  neben  dem  Bruckenbauer  Dr.  Wilhelm  Frankel  bis  1894  in  der 
Bauingenieurabteilung  und  iibernahm  sodann  als  Nachfolger  Gustav  Zeuners 
das  allgemeine  Kolleg  iiber  technische  Mechanik  und  Festigkeitslehre.  Von 
den  26  bedeutsamen  Abhandlungen  wahrend  seiner  Dresdener  Iyehrtatigkeit 
von  1873  bis  1900  seien  nur  folgende  herausgegriffen,  die  samtlich  Grundsteine 
der  weiteren  Entwicklung  geworden  sind.  Die  erstmalige  Benutzung  des  Prin- 
zips  der  virtuellen  Geschwindigkeiten  zur  Berechnung  statisch  unbestimmter 
Systeme  ist  1874  in  seinem  » Beitrag  zur  Theorie  der  Bogenf  achwerktrager « 
enthalten  sowie  1874  und  1875  in  seinen  »Beitragen  zur  Theorie  des  Fach- 
werkes«  (Zeitschr.  des  Architekten-  und  Ingenieurvereins  zu  Hannover  1874, 
S.  223  und  S.  509,  1875,  S.  17),  wo  auch  bereits  der  Satz  von  der  Gegenseitig- 
keit  der  Verschiebungen  behandelt  wird.  Dieses  Prinzip  der  virtuellen  Ge- 
schwindigkeit  oder  Verschiebungen,  das  M.  an  die  Spitze  seines  spateren  Sam- 
melwerkes  gestellt  hat,  ist  einer  der  fruchtbarsten  Gedanken  der  neuzeitlichen 


284  J9i8 

Baustatik  geworden.  Die  »Darstellung  des  Spannungszustandes  und  des  De- 
formationszustandes  eines  K6rperelementes«  im  »Zivilingenieur«  1882,  S.  113, 
enthalt  erstmalig  den  »Mohrschen  Spannungskreis«  und  die  Hiillkurven,  mit 
denen  eine  auBerst  einfache  ebene  Darstellungsweise  des  allgemeinen  Span- 
nungszustandes in  Verbindung  mit  den  Gleitflachenrichtungen  gefunden 
war.  Der  M.sche  Tragheitskreis  mit  dem  Tragheitsschwerpunkt  (1887  »Zivil- 
ingenieur«  S.  43)  ist  heute  das  einfachste  Mittel  zur  Bestimmung  von  Tragheits- 
und  Zentrifugalmomenten  fur  alle  praktisch  vorkommenden  Anwendungsfalle. 
Die  sogenannten  Verschiebungsplane  (z.  B.  nach  Williot)  zur  Berechnung  der 
Verschiebungen  und  der  Stabkrafte  von  Fachwerken  wurden  von  M.  bereits 
1887  im»Zivilingenieur«  S.  631  unter  der  Bezeichnung  Geschwindigkeits-  und 
Beschleunigungsplane  gegeben.  Die  Berechnung  des  Fachwerkes  mit  starren 
Knotenverbindungen  war  trotz  der  Bemuhungen  aller  namhaften  Forscher  in 
den  Jahren  1880  bis  1890  wegen  der  groBen  Anzahl  von  Gleichungen  und  Un- 
bekannten  fur  die  praktische  Anwendung  ein  noch  nicht  gelostes  Problem. 
Der  erlosende  Gedanke  M.s  war  die  Einfuhrung  von  Stab-  und  Knotendreh- 
winkeln,  wodurch  die  Zahl  der  Unbekannten  auf  die  der  Fachwerkknoten  ein- 
geschrankt  wurde. 

Mit  der  Erreichung  der  Altersgrenze  von  65  Jahren  schied  Otto  M.  1900 
nach  33jahriger,  reich  gesegneter  Wirksamkeit  als  akademischer  Lehrer  aus 
dem  Amte  in  voller  korperlicher  und  geistiger  Frische.  Schlicht  und  einfach 
in  seiner  Art,  alien  auBeren  Ehren  abhold,  lebte  er  nun  auf  seinem  prachtigen 
Besitztum  in  Wachwitz  bei  Dresden  in  landlicher  Stille  nur  seiner  Wissenschaft 
und  seiner  Familie  bis  zum  Heimgange  seiner  Gattin  im  Jahre  1907  und  dann 
noch  stiller  und  zuriickgezogener  in  seinem  Landhause  in  Blasewitz  unter  der 
aufopfernden  Pflege  seiner  Tochter.  Noch  16  Schriften  brachte  diese  letzte 
Zeitspanne  von  1900  bis  zu  seinem  Tode,  der  am  3.  Oktober  1918,  also  kurz 
vor  Erreichung  des  83.  Geburtstages,  nach  nur  achttagigem  Krankenlager  er- 
folgte.  Es  blieb  ihm  erspart,  den  Zusammenbruch  des  alten  Reiches  zu  erleben. 
Aus  diesen  letzten  Arbeiten  seien  folgende  grundlegende  Gedanken  hervor- 
gehoben.  Die  Abhandlung  in  der  Zeitschrift  des  Vereins  Deutscher  Ingenieure 
1900,  S.  1524,  brachte  die  neue  M.sche  Hypothese  iiber  die  Elastizitatsgrenze 
und  den  Bruch  eines  Materials  mit  der  Darstellung  der  Grenzkurven  und  Gleit- 
flachen.  Heute,  nach  einem  Vierteljahrhundert  eifrigster  internationaler  Ma- 
terialforschung  gilt  immer  noch  diese  Hypothese  von  Otto  M.  im  Weltschrift- 
tum  als  die  beste  vorhandene  Grundlage  zur  Vorausbestimmung  des  Gleitungs- 
bruches  sproder  Stoffe.  Seine  Beitrage  zur  Geometrie  der  Bewegung  und  zur 
»Kinetik  ebener  Getriebe«  (Zeitschr.  fur  Mathematik  und  Physik  1903,  S.  399 
und  1904,  S.  29)  gaben  die  Grundlage  eines  neuen  Wissenszweiges,  namlich  der 
geometrischen  Behandlung  der  Bewegung  starrer  Korper  und  zwangslaufiger 
Korperverbindungen.  Dem  Drangen  seiner  Freunde  und  Verehrer  folgend,  faBte 
OttoM.  seine  samtlichen  verteilten  »Abhandlungen  auf  dem  Gebiete  der  techni- 
schen  Mechanik«  in  einem  Sammelwerk  zusammen,  das  1905  und  1914  in  1. 
und  2.  Auflage,  in  3.  erweiterter  Auflage  Berlin  1928  erschien.  Mit  80  Jahren 
veroffentlichte  er  im  Zentralblatt  der  Bauverwaltung  1916,  S.  285,  noch  eine 
Abhandlung  iiber  »Die  Theorie  des  statisch  unbestimmten  Fachwerkes *,  in  der 
all  die  Satze  der  technischen  Mechanik  und  insbesondere  der  Fachwerk-  und 
Tragerlehre,  die  zum  groBten  Teile  seine  ureigensten  Geisteskinder  sind,  noch 


Mohr.  Peters  285 

einmal  wie  die  Gestalten  seiner  Lebensarbeit  voriiberziehen,  in  neuer,  knappe- 
ster  Fassung  und  klassischer  Klarheit.  Der  Planetenbewegung  gait  die  letzte 
Geistesarbeit  des  Zweiundachtzigjahrigen,  die  er  druckfertig  hinterlieB.  t)ber 
die  Wirren  des  Weltkrieges  und  das  Irren  der  Menschheit  hob  sich  sein  Blick 
empor  zu  den  ewigen  Gesetzen  der  Gestirne. 

Von  der  Technischen  Hochschule  Hannover,  seiner  Bildungsstatte,  wurde 
er  zum  Dr.-Ing.  ehrenhalber  ernannt.  Im  Jahre  1904  fand  sich  eine  stattliche 
Reihe  seiner  begeisterten  Schiiler  zur  Vorbereitung  seiner  70.  Geburtstagsfeier 
zusammen,  um  ihn  durch  die  Anbringung  seines  Bildes  aus  Erz  im  Treppen- 
hause  der  Technischen  Hochschule  Dresden  zu  ehren,  »In  dankbarer  Erinne- 
rung  an  seine  selbstlose,  fruchtbare  Forschertatigkeit«.  An  seinem  81.  Geburts- 
tage  erhielt  er  die  seltene  Auszeichnung  der  Ernennung  zum  Wirklichen  Ge- 
heimen  Rat  mit  dem  Pradikat  Exzellenz.  An  diesem  Tage  iiberreichten  ihm 
seine  Verehrer  und  Schiiler  eine  Festschrift:  »Otto  Mohr  zum  80.  Geburtstage« 
(Verlag  von  Wilhelm  Ernst  &  Sohn,  Berlin  1916).  Sie  enthalt  auBer  den  Ab- 
handlungen  aus  dem  Gebiete  des  verehrten  Meisters  auch  eine  ausfuhrliche 
Zusammenstellimg  seiner  Arbeiten. 

Dresden.  Willy  Gehler. 


Peters,  Carl,  Dr.  phil.,  Reichskommissar  a.  D.,  *  am  27.  September  1856 
in  Neuhaus  a.  d.  Elbe,  f  am  10.  September  1918  in  Woltorf  bei  Peine. — 
C.  P.  wurde  als  das  achte  Kind  des  Pastors  Carl  P.  und  seiner  Ehefrau  Elisa- 
beth, geb.  Engel,  geboren.  Er  besuchte  vom  6.  Lebens jahre  ab  die  Schule  in 
Neuhaus  und  erhielt  im  elterlichen  Hause  Nachhilfestunden  im  Lateinischen 
und  Griechischen.  Ostern  1870  wurde  er  mit  13V2  Jahren  konfirmiert  und 
nach  Liineburg  geschickt,  wo  er  in  die  Untertertia  des  Johanneums  aufge- 
nommen  wurde.  Nach  nur  einjahrigem  Auf enthalt  in  Liineburg  wurde  er  von 
seinem  Vater  in  die  Klosterschule  in  Ilfeld  a.  H.  gesandt,  wo  ein  Verwandter 
von  ihm,  Dr.  Schimmelpfeng,  Direktor  geworden  war.  In  Ilfeld  gab  es  eine 
Anzahl  von  Freistellen,  von  denen  C.  P.  schon  nach  dem  ersten  Semester  eine 
erlangte.  Er  trat  1871  mit  der  Reife  fiir  Obertertia  in  die  Klosterschule  ein. 
Diese  Schule  befand    sich  in  dem  sehr  schon  in  den  Vorbergen  des  Harzes 
gelegenen  Ilfeld.  Sie  war  groBenteils  von  Adligen  besucht,  darunter  Sohnen 
aus  reichsunmittelbaren  Familien.  Die  Klosterschule  war  (und  ist)  ein  Alumnat, 
in  dem  die  damals  80 — 90  Schiiler  in  Zimmern  zu  2  oder  4  zusammenwohnten, 
ihre  Mahlzeiten  gemeinsam  in  einem  Speisesaal  einnahmen  und  auBerhalb 
der  Schulzeit  geregelte  Arbeits-  und  Erholungszeiten  hatten.  Der  I^ehrgang 
war  der  eines  preuBischen  Gymnasiums.  Es  wurde  auf  die  Innehaltung  guter 
gesellschaftlicher  Sitten  gehalten.  Unter  den  Schiilern  herrschte  ein  starker 
Korpsgeist.  In  Ilfeld  lernte  P.  u.  a.  seinen  Freund  und  spateren  Mitarbeiter 
Karl  Jiihlke,  den  Sohn  des  Hofgartendirektors  Jiihlke  in  Sanssouci  bei  Pots- 
dam,   kennen,    so  wie    einen    anderen   spateren    ostafrikanischen    Gefahrten, 
v.  St.  Paul-Illaire,  Sohn  des  Hofmarschalls  des  Prinzen  Adalbert  von  PreuBen. 
Im  Jahre  1872,  als  P.  Untersekundaner  war,  starb  sein  Vater  und  lieB  seine 
Witwe  ohne  Vermogen  zuriick,  so  daB  sie  lediglich  auf  ihre  kleine  Witwen- 
pension  angewiesen  war.  Der  alteste  Bruder  von  P.  war  damals  noch  Kandidat 
der  Theologie,  sein  zweiter  Bruder  befand  sich  auf  der  Universitat,  fiinf  Schwe- 


286  I9i8 

stern  waren  unverheiratet  und  damit  unversorgt.  In  der  Familie  wurde  ge- 
plant,  P.  die  untere  Zollaufbahn  einschlagen  zu  lassen.  Er  ging  jedoch  nach 
Ilfeld  zuriick  und  begann  mit  Erlaubnis  des  Direktors  in  den  friihen  Morgen- 
stunden  Nachhilfeunterricht  zu  geben,  urn  so  das  Notwendigste  zu  verdienen. 
Von  Obersekunda  an  war  er  auch  schriftstellerisch  tatig.  Er  verfaBte  einige 
Stiicke,  machte  Gedichte  und  versuchte  sich,  allerdings  ohne  Erfolg,  an  Zei- 
tungsartikeln  und  Roraanen. 

Innerhalb  der  Schuler  hatten  sich  einige  Parteigruppen  gebildet.  P.  nahm 
daran  aktiven  Anteil  und  wurde  Fuhrer  einer  Gruppe.  Das  selbstbewuBte  Auf- 
treten  P.',  das  in  manchen  Fallen  einzelnen  Lehrern  gegeniiber  das  MaB  des 
Zulassigen  iiberschritt,  verschaffte  ihm  wiederholt  Arrest. 

Ostern  1876  bestand  P.  das  Abiturientenexamen.  Das  Lehrerkollegium  der 
Klosterschule  Ilfeld  hatte  bei  seiner  Meldung  zur  Reifeprufung  folgende  Cha- 
rakteristik  gegeben:  »P.  ist  recht  gut  beanlagt,  was  jetzt  noch  mehr  hervor- 
treten  wurde,  wenn  er  immer  gleichmaBig  fleiBig  gewesen  ware  und  wenn  er 
nicht  durch  sein  etwas  grillenhaftes  und  sehr  zur  Eitelkeit  und  Selbstiiber- 
schatzung  neigendes  Wesen  seine  wahrhaft  griindliche  Ausbildung  doch  etwas 
gehemmt  hatte.  Zu  wiinschen  ist  ihm,  da£  sein  Glaube,  ein  Genie  zu  sein, 
recht  bald  erschiittert  wird.«  Das  Abiturientenzeugnis  wies  in  alien  Fachern, 
ausgenommen  allein  Franzosisch  und  Hebraisch  (beide  bef riedigend) ,  » recht 
gut«  oder  »sehr  gut«  auf. 

P.  bezog  die  Universitat  Gottingen,  um  dort  zu  studieren  und  gleichzeitig 
sein  Einjahrigenjahr  abzudienen.  Bei  der  arztlichen  Untersuchung  wurde  er 
jedoch  wegen  Kurzsichtigkeit  als  »bedingt  tauglich«  zuriickgestellt.  Das  einzige 
P.  zur  Verfugung  stehende  Kapital  waren  163  Taler  (489  Mark),  zu  welchem 
Betrage  ein  bei  seiner  Taufe  von  drei  Paten  zuriickgelegter  Sparpfennig  an- 
gewachsen  war. 

Um  sein  Studium  zu  ermoglichen,  gab  P.  Privatstunden  in  Lateinisch  und 
Griechisch.  Ein  Celler  Stipendium,  das  er  erhielt,  verschaffte  ihm  eine  regel- 
maBige  Jahreseinnahme  von  70  Talern,  weitere  Einnahmen  erlangte  er  dadurch, 
daB  er  die  Ausarbeitung  von  zwei  Museumskatalogen,  eines  geographischen 
und  eines  kunstgeschichtlichen,  ubernahm.  Spater  schrieb  er  gegen  ein  festes 
kleines  Monatsgehalt  fiir  den  »Beobachter  am  Harz«  wochentlich  dreimal 
einen  politischen  Leitartikel.  In  Gottingea  horte  P.  geschichtliche,  juristische 
und  philosophische  Vorlesurgen.  Den  Hauptgegenstand  seines  Studiums  bil- 
dete  die  Philosophie.  Er  las  Werke  von  Eduard  v.  Hartmann  und  Schopen- 
hauer sowie  Kants  »Kritik  der  reinen  Vernunft«.  Besonders  groBen  EinfluB 
auf  ihn  erlangte  die  Weltanschauung  Schopenhauers.  Nach  P.*  eigener  Er- 
klarung  in  seinen  »Lebenserinnerungen«  (S.  47)  war  Schopenhauer  neben  Masius 
(Naturstudien)  und  Mommsen  (Romische  Geschichte),  mit  denen  er  sich  schon 
in  seiner  Schiilerzeit  sehr  viel  beschaftigt  hatte,  »der  dritte  Kopf,  welcher 
wesentlichen  EinfluB  auf  meine  Denkweise  gewonnen  hat«. 

Da  P.  infolge  Mangels  an  Mitteln  nicht  Korpsstudent  werden  konnte,  was  er 
gern  geworden  ware,  schuf  er  selbst  eine  eigene  kleine  Verbindung,  die  ihn  zu 
ihrem  Prases  wahlte,  und  trat  auBerdem  in  den  Akademischen  Turnverein 
ein.  Er  betatigte  sich  auch  schriftstellerisch  und  veroffentlichte  einiges  unter 
dem  Namen  C.  Fels. 

Sein  drittes  Semester  verbrachte  P.  in  Tubingen,  wo  er  seinen  Freund  Karl 


Peters  287 

Juhlke  wieder  traf.  Er  grundete  mit  diesem  und  anderen  zusammen  eine 
schlagende  Verbindung  »Ilfeldensia«.  P.  bewarb  sich  mit  einer  quellenkriti- 
schen  Arbeit  iiber  den  Kreuzzug  von  1101  unter  Professor  Kugler  um  die 
Klostermeyerstiftung  in  Detmold,  welche  gegriindet  war,  um  bediirftigen 
Studenten  der  Staatswissenschaften  eine  jahrliche  Unterstiitzung  von  1200  Mark 
zu  gewahren.  P.  erhielt  diesen  Preis  zunachst  auf  drei  Jahre,  dann  noch  auf 
ein  viertes  Jahr  verlangert.  AuBerdem  arbeitete  er  fur  deutsche  Zeitschriften. 

1877  bezog  P.  die  Universitat  Berlin.  Er  studierte  dort  vor  allem  Geschichte, 
Politik  (Treitschke),  Staatsrecht  und  Philosophie.  In  Berlin  grundete  P.  wieder 
einen  studentischen  Verein,  den  »Proppenbund«,  dessen  Satzungen  auf  Bierulk 
hinausliefen.  Trotz  dieser  Ablenkung  errang  P.  den  Preis  bei  Bearbeitung  einer 
von  der  philosophischen  Fakultat  gestellten  Preisaufgabe  iiber  den  1177  zu 
Venedig  zwischen  Kaiser  Fried  rich  I.  und  Papst  Alexander  III.  geschlossenen 
Frieden  und  erhielt  von  der  Fakultat  die  goldene  Medaille.  1879  promo vierte  P. 
an  der  Berliner  Universitat  zum  Dr.  phil.  unter  Benutzung  dieser  Preisarbeit 
fur  seine  Doktordissertation.  1880  bestand  er  sein  Oberlehrerexamen  mit  der 
Berechtigung,  in  der  Prima  jedes  Gymnasiums  in  Geschichte  und  Geographie 
zu  unterrichten. 

Nach  dem  Examen  siedelte  P.  nach  Hannover  iiber  und  begann  Vortrage 
fur  junge  Damen  in  Literatur,  Mythologie  und  griechischer  Geschichte  zu 
halten,  mit  der  Absicht,  sich  auf  die  akademische  Laufbahn  als  Privatdozent 
vorzubereiten.  Er  brach  die  Vortrage  jedoch  bald  ab,  um  sich  nach  London  zu 
begeben.  Dort  lebte  der  Bruder  seiner  Mutter,  Carl  Engel,  der  in  kinderloser 
Ehe  mit  einer  Englanderin  aus  angesehener  Familie  verheiratet  und  selbst 
naturalisierter  Englander  geworden  war,  und  der  als  Musikhistoriker  und 
Sammler  eine  angesehene  Stellung  unter  den  Gelehrten  wie  in  der  Gesellschaft 
erlangt  hatte.  Nach  dem  1880  erfolgten  Tode  seiner  Frau,  die  ihm  ihr  nicht  un- 
bedeutendes  Vermogen  zuriickgelassen  hatte,  fuhlte  sich  Engel  vereinsamt 
und  lud  seinen  Neffen  C.  P.  zu  sich  ein.  P.  machte  von  London  aus  mit  seinem 
Onkel  Reisen  in  England  wie  in  Westeuropa.  Diese  Londoner  Zeit,  in  der  P. 
frei  von  finanziellen  Sorgen  in  groBziigigen  Verhaltnissen  lebte,  war  fur  seine 
spatere  Lebensrichtung  entscheidend.  Er  fuhrt  dariiber  in  seinen  »Erinne- 
rungen«  (S.  60)  aus:  »Der  Unterschied  zwischen  englischen  und  deutschen 
Lebensformen  und  Anschauungen  muflte  sich  mir  taglich  aufdrangen,  und 
wenn  ich  der  Sache  auf  den  Grund  ging,  so  muBte  ich  mir  sagen,  daB  die  groBere 
Unabhangigkeit  jedes  einzelnen  in  der  Gesamtheit  das  eigentlich  Unterschei- 
dende  in  dem  Charakter  zwischen  Angelsachsen  und  Deutschen  sei.  Wenn  ich 
aber  dariiber  nachdachte,  so  erkannte  ich  schon  damals,  daB  die  groBartige 
Weltstellung  der  Briten,  vornehmlich  auch  die  gewaltige  Kolonialpolitik  dieses 
Volkes,  die  Grundlage  war,  welche  es  jedem  Englander  ermoglichte,  sich  eine 
wirtschaftliche  Unabhangigkeit,  frei  von  Fremden,  frei  von  seinem  eigenen 
Staate  und  seiner  eigenen  Regierung  irgendwo  auf  der  Erde  zu  erwerben  .  .  . 
Diese  Anschauungen  sind  der  Ausgangspunkt  meiner  eigenen  kolonialen  Be- 
strebungen  fur  Deutschland  geworden. « 

1881  schrieb  P.  ein  als  Fortsetzung  der  Philosophie  Schopenhauers  gedachtes 
Buch:  »Willenswelt  und  Weltwille«.  Er  versucht  darin  eine  Synthese  der 
Schopenhauerschen  Gedanken  von  der  Welt  als  Wille  und  Vorstellung  mit  einer 
Art  von   monotheistischer  Gottesidee.    Die    kritischen  Teile    dieses    Buches 


288  1918 

sind,  wie  P.  dies  selbst  spater  anerkannt  hat  (Erinnerungen  S.  61),  besser 
als  seine  positiv  aufbauenden. 

Wahrend  der  Zeit  seines  Aufenthaltes  in  England  machte  C.  Engel  seinem 
Neffen  den  Vorschlag,  dauernd  bei  ihm  zu  bleiben.  Er  wolle  ihn  adoptieren 
und  ihm  sein  Vermogen  hinterlassen.  C.  P.  lehnte  jedoch  den  Gedanken  ab, 
seine  deutsche  Volkszugehorigkeit  aufzugeben.  Beide  reisten  im  April  1882 
nach  Deutschland.  P.  begab  sich  nach  Berlin,  um  seine  Habilitation  als  Privat- 
dozent  zu  betreiben.  C.  Engel  hatte  sich  mit  der  englischen  Pflegerin  seiner 
verstorbenen  Frau  verlobt,  beging  jedoch  vor  der  Hochzeit  im  November  1882 
in  London  Selbstmord.  In  seinem  Testament  hatte  er  seine  deutschen  Ge- 
schwister  zu  seinen  Erben  eingesetzt,  C.  P.  aber  zum  Testamentsvollstrecker 
ernannt.  P.  begab  sich  zur  Abwicklung  der  Erbschaft  und  Ordnung  des  ihm 
zugefallenen  literarischen  Nachlasses  seines  Onkels  nach  London.  Diese  zweite 
Londoner  Zeit  bot  P.  wiederum  viele  Anregungen,  besonders  auf  dem  Gebiet 
der  kolonialen  Bewegung.  Unter  anderen  lernte  er  einen  Nordamerikaner 
Mr.  Stacy  kennen,  welcher  aus  dem  Maschonaland  in  Siidafrika  zuriickgekehrt 
war.  P.  schlug  diesem  vor,  ein  gemeinsames  Kolonialunternehmen  siidlich  des 
Sambesi,  im  heutigen  Rhodesia,  nach  Art  der  alten  englischen  » adventurers* 
durchzufuhren,  wobei  die  zu  erwerbenden  Gebiete  unter  deutsche  Flagge 
gestellt  werden  sollten.  Stacy  lehnte  aber  ab. 

Nach  Reisen  nach  Wien  und  Paris  traf  P.,  Oktober  1883,  wieder  in  Berlin  ein, 
um  sich  als  Privatdozent  niederzulassen,  mit  dem  Plan  jedoch,  zu  versuchen, 
mit  deutscher  Unterstutzung  irgendwo  auf  der  Erde  eine  deutsche  Kolonie 
zu  gninden. 

Am  28.  Marz  1884  griindete  P.  in  Gemeinschaft  mit  dem  Grafen  Behr-Ban- 
delin  die  » Gesellschaf t  fur  deutsche  Kolonisation«,  welche  geeignete  Gebiete 
fiir  die  Schaffung  von  deutschen  Ackerbau-  und  Handelskolonien  erwerben 
und  die  deutsche  Auswanderung  dorthin  lenken  sollte.  Die  ursprungliche  Ab- 
sicht,  sich  in  Siidafrika  festzusetzen,  wurde  aufgegeben  und  dafiir  Ostafrika 
in  Aussicht  genommen.  Im  Juli  wurde  die  Grundlage  fiir  ein  Kolonialunter- 
nehmen durch  Ausgabe  von  Anteilscheinen  zu  je  5000  Mark  finanziert.  Im 
September  wurde  auf  Antrag  von  P.  von  dem  AusschuB  der  Gesellschaf t  be- 
schlossen,  »an  der  Ostkiiste  Afrikas,  Sansibar  gegeniiber,  in  Usagara,  die  Land- 
erwerbung  der  Gesellschaf t  fiir  deutsche  Kolonisation  vorzunehmen«.  P.  selbst 
wurde  zum  Fiihrer  der  nach  Ostafrika  zu  sendenden  Expedition  ernannt.  Mit 
ihm  fuhren  sein  Freund  Dr.  Karl  Juhlke  so  wie  Graf  Pfeil  und  der  Kaufmann 
Otto.  Anfang  November  1884  trafen  sie  in  Sansibar  ein.  Am  10.  November 
setzten  sie  nach  Saadani  auf  dem  Festland  von  Ostafrika  hinuber.  Am  19.  No- 
vember hLBte  P.  die  deutsche  Flagge  in  Useguha,  mit  dessen  Sultan  er  einen 
Abtretungsvertrag  abgeschlossen  hatte.  Weitere  Vertrage  wurden  im  No- 
vember und  Dezember  1884  von  P.  und  seinen  Gefahrten  mit  den  Sultanen 
von  Nguru,  Usagara  und  Ukami  abgeschlossen.  Diese  Vertrage  waren  zwar 
formell  keineswegs  einwandfrei.  Sie  waren  eilfertig  und  unklar  abgefaBt,  aber 
doch  wurde  durch  sie  ein  Gebiet  von  i40  00oQuadratkilometern  unter  deutsche 
Herrschaft  gestellt. 

Am  7.  Dezember  traf  P.  krank  wieder  an  der  Kiiste  ein,  begab  sich  aber  so- 
fort  iiber  Sansibar  nach  Deutschland  zuriick  und  erhielt  vom  Fiirsten  Bismarck 
den  kaiserlichen  Schutzbrief  vom  27.  Februar  1885,  durch  welchen  die  Gebiets- 


Peters  289 

erwerbungen  der  Gesellschaft  fur  deutsche  Kolonisation  unter  deutsche  Ober- 
lioheit  gestellt  wurden  und  der  Gesellschaft  sowie  den  Rechtsnachfolgern  der- 
selben  unter  der  Bedingung  der  Wahrung  der  deutschen  Leitung  und  des  deut- 
schen  Charakters  die  Befugnis  zur  Ausiibung  aller  staatshoheitlichen  und  son- 
stigen  aus  den  Vertragen  resultierenden  Rechte  verliehen  wurde. 

Zu  bemerken  ist,  daB  P.  seine  Expedition,  die  zur  Erwerbung  Deutsch-Ost- 
afrikas  fuhrte,  ohne  Unterstiitzung  der  deutschen  Regierung  ausgefuhrt  hatte. 
Im  Gegenteil  war  ihin  bei  der  Ankunft  in  Sansibar  im  November  1884  noch 
von  dem  deutschen  Konsul  im  Auftrage  der  Reichsregierung  eroffnet  worden, 
daB  er  keinerlei  Anspruch  auf  Reichsschutz  habe ;  gehe  er  dennoch  mit  seinem 
Plan  vor,  so  geschehe  das  lediglich  auf  seine  eigene  Gefahr  und  Verantwortung. 
Nach  der  ganzen  Art  und  Weise,  wie  P.  sein  Unternehmen  eingeleitet  und  durch- 
gef uhrt  hat,  kann  nicht  bestritten  werden  —  wie  dies  in  dem  spater  um  ihn 
einsetzenden  Kampf  der  Meinungen  verschiedentlich  geschehen  ist — ,  daB 
P.  in  der  Tat  der  Begriinder  von  Deutsch-Ostafrika  war.  Ohne  ihn  hatte  es 
kein  Deutsch-Ostafrika  gegeben. 

Die  Notifizierung  der  fremden  Machte  von  der  tJbernahme  des  deutschen 
Schutzes  iiber  die  ostafrikanischen  Gebiete  seitens  der  Reichsregierung  fuhrte 
zu  keinen  Schwierigkeiten,  wohl  aber  sandte  im  April  1885  der  Sultan  von 
Sansibar  ein  Telegramm  an  die  Reichsregierung,  in  dem  er  gegen  das  Vorgehen 
von  Dr.  P.  und  dasjenige  der  Gebriider  Denhardt,  welche  im  Februar  1885 
mit  dem  Sultan  von  Witu  Vertrage  abgeschlossen  hatten,  protestierte,  wahrend 
er  gleichzeitig  Truppen  in  die  betreffenden  Gebiete  einnicken  lieB.  Nachdem 
deutsche  Kriegsschiffe  vor  Sansibar  eine  Flottendemonstration  veranstaltet 
hatten,  gab  der  Sultan  jedoch  nach,  erkannte  die  P.schen  Vertrage  an  und  trat 
den  Hafen  Daressalam  an  die  P.sche  Ostafrikagesellschaft  ab. 

Am  2.  April  1885  griindete  P.  die  Kommanditgesellschaft  »Deutsch-Ost- 
afrikanische  Gesellschaft  Carl  Peters  und  Genossen«.  Die  Leitung  hatte  ein 
Direktorium  von  5  Mitgliedern,  die  eigentliche  Geschaftsfuhrung  wurde  P. 
iibertragen.  Da  sich  die  Form  der  Kommanditgesellschaft  angesichts  der  groBen 
Aufgaben  und  materiellen  Bediirfnisse  nicht  als  ausreichend  erwies,  beschloB 
am  7.  September  1885  das  Direktorium  die  Umwandlung  in  eine  Aktiengesell- 
schaft,  »Deutsch-Ostafrikanische  Gesellschaft «.  Die  Generalversammlung  ge- 
nehmigte  dies  am  14.  Dezember  1885.  An  die  Spitze  der  neuen  Gesellschaft 
trat  P.  als  Vorsitzender  der  Direktion  mit  zwei  Direktoren  sowie  einem  Direk- 
tionsrat.  Die  Anteile  wurden  auf  je  10  000  Mark  erhoht  und  insgesamt  33/4  Mil- 
lionen  Mark  zusammengebracht.  Die  Deutsch-Ostaf rikanische  Gesellschaft  ent- 
f altete  unter  I^eitung  von  P.  eine  lebhafte  Tatigkeit,  um  ihren  Besitz  zu  sichern 
und  durch  neue  Erwerbungen  zu  vergroBern.  Bereits  1885  sandte  die  Gesell- 
schaft nicht  weniger  als  11  Expeditionen  ins  Innere.  Im  folgenden  Jahre  wurde 
der  langjahrige  Freund  P.',  Referendar  Dr.  Karl  Juhlke,  bei  dem  Versuch,  an 
der  Somalikiiste  neue  Erwerbungen  zu  machen,  am  1.  Dezember  1886  in  Kis- 
maju  von  Eingeborenen  ermordet. 

Der  deutsch-englische  Vertrag  vom  30.  Dezember  1886  brachte  eine  vor- 
laufige  Grenzregelung  zwischen  deutschen  und  englischen  Interessenspharen  in 
Ostafrika.  Dabei  wurde  dem  Sultan  von  Sansibar  ein  Kiistenstreifen  zuge- 
sprochen.  Im  Jahre  1887  verhandelte  P.  mit  dem  Sultan  von  Sansibar  iiber 
Abtretung  der  Verwaltung  dieses  Kiistenstreifens.  Den  von  ihm  beabsichtigten 

DBJ  19 


29O  I9i8 

Abmachungen  wurde  jedoch  von  Berlin  die  Genehmigung  versagt.  Er  wurde 
abberufen  und  traf  imFebruar  1888  wieder  in  Europa  ein.  Der  Vorsitzende  der 
Deutsch-Ostafrikanischen  Gesellschaft,  Karl  v.  d.  Heydt,  uberreichte  ihm  bei 
seiner  Ankunft  in  Nervi  eine  Denkschrift,  welche  den  Gedanken  einer  deutschen 
Emin-Pascha-Expedition  entwickelte  und  die  Zeichnung  eines  erheblichen 
Betrages  in  Aussicht  stellte,  falls  P.  geneigt  sei,  die  Fuhrung  derselben  zu  iiber- 
nehmen.  P.ging  imPrinzip  auf  denVorschlag  ein,  machte  indessen  seinen  end- 
gultigen  EntschluB  von  der  Aufnahme  des  Gedankens  in  Deutschland  ab- 
hangig. 

Emin-Pascha  (Dr.  tned.  Eduard  Schnitzer),  gebiirtig  aus  Oppeln  in  Schlesien, 
war  etwa  10  Jahre  lang  als  Arzt  in  tiirkischen  Diensten  gewesen.  Im  Jahre 
1878  wurde  er  von  dem  Generalgouverneur  des  Sudans,  Gordon,  zum  Gouver- 
neur  der  Aquatorialprovinz  ernannt.  Als  im  Sudan  der  Mahdistenauf stand  aus- 
brach,  wurde  dadurch  Emin-Pascha  1883  von  Agypten  abgeschnitten.  Er  be- 
hauptete  sich  aber  jahrelang  in  seiner  Provinz.  Die  Kunde  davon  fuhrte  zu 
Bewegungen  zu  seinem  Entsatz  in  England  wie  in  Deutschland.  Von  englischer 
Seite  wurde  Anfang  1887  der  bekannte  Afrikadurchquerer  Stanley  mit  einer 
Expedition  entsandt,  welche  von  Westafrika  aus  durch  den  Kongo  nach  Emins 
Provinz  marschierte.  Er  erreichte  Emin-Pascha  am  9.  April  1888,  marschierte 
nochmals  zuriick,  urn  seine  Nachhut  und  zuriickgelassenen  Lasten  zu  holen, 
und  traf  im  Januar  1889  wieder  in  der  Aquatorialprovinz  ein.  Im  Mai  1889 
marschierten  Stanley  und  Emin-Pascha,  der  nur  widerwillig  seine  Provinz  ver- 
lieB,  nach  der  ostafrikanischen  Kiiste  und  traf  en  am  5.  Dezember  1889  in  Ba- 
gamoyo  ein.  Zuverlassige  Nachrichten  von  diesen  Ereignissen  erreichten  die 
AuBenwelt  erst  1889  zu  der  Zeit,  als  die  beiden  Afrikaforscher  wieder  in  den 
Bereich  der  ostafrikanischen  Kiiste  gelangten. 

In  Deutschland  bildete  sich  Mitte  1888  ein  Komitee  zur  Unterstiitzung  Emin- 
Paschas  unter  Vorsitz  von  P.  Am  12.  September  1888  fand  die  entscheidende 
Sitzung  statt,  die  fur  die  Finanzierung  der  Expedition  erforderlichen  Mittel 
wurden  zum  groBten  Teil  gezeichnet.  Als  Fiihrer  der  Expedition  wurden  C.  P. 
und  der  Afrikadurchquerer  Hermann  WiBmann  in  Aussicht  genommen,  zwi- 
schen  denen  das  Kommando  geteilt  werden  sollte.  Die  Plane  verdichteten  sich 
spater  dahin,  daB  WiBmann  sich  zuerst  mit  einer  Vorexpedition  nach  Ost- 
afrika  begeben  und  Peters  mit  der  Hauptkolonne  folgen  sollte.  In  diesem  Sta- 
dium der  Vorbereitung  der  Emin-Pascha-Expedition  trafen  aber  alarmierende 
Nachrichten  aus  Ostafrika  ein  iiber  den  Ausbruch  des  Araberaufstandes. 

Durch  Vertrag  vom  28.  April  1888  hatte  der  Sultan  von  Sansibar  die  Ver- 
waltung  der  ostafrikanischen  Kiiste  und  die  Erhebung  der  Zolle  an  die  Deutsch- 
Ostafrikanische  Gesellschaft  iibertragen.  Die  Araber  Ostafrikas  sahen  darin 
den  Anfang  ihrer  volligen  Unterwerf  ung  und  furchteten  insbesondere,  die  ihnen 
aus  Sklavenraub  und  Sklavenhandel  zuflieBenden  bedeutenden  Einnahmen 
zu  verlieren.  Als  der  Vertrag  im  August  1888  durch  Ubernahme  der  Verwaltung 
durch  die  Beamten  der  Deutsch-Ostafrikanischen  Gesellschaft  in  Kraft  ge- 
setzt  wurde,  brach  der  Araberauf stand  aus.  Die  Beamten  der  Deutsch-Ost- 
afrikanischen Gesellschaft  wurden  angegriffen,  einzelne  ermordet,  die  ubrigen 
muBten  fliichten  oder  wurden  belagert.  Die  ganze  Kiiste  und  ein  Teil  des 
Innern  loderte  im  Aufstand  auf.  Die  Deutsch-Ostafrikanische  Gesellschaft 
hatte   selbst    keine   geniigenden  Machtmittel,    urn   den   Aufstand   niederzu- 


Peters 


291 


werfen,  und  wandte  sich  um  Hilfe  an  das  Deutsche  Reich.  Dieses  schloB 
im  November  1888  ein  Abkommen  mit  England  und  Portugal,  um  die  ost- 
afrikanische  Ktiste  gegen  die  Einfuhr  von  Kriegsmaterial  und  die  Ausfuhr  von 
Sklaven  zu  blockieren.  Nachdem  durch  Reichsgesetz  vom  30.  Januar  1889 
die  Mittel  zur  Unterdriickung  des  Sklavenhandels  und  zum  Schutz  der 
deutschen  Interessen  in  Ostafrika  zur  Verfugung  gestellt  waren,  wurde 
WiBmann  als  Reichskommissar  mit  der  Niederwerfung  des  Aufstandes  be- 
auftragt. 

Mit  Rucksicht  auf  die  in  Ostafrika  ausgebrochenen  Wirren  wurde  die  Aus- 
fuhrung  der  deutschen  Emin-Pascha-Expedition  zunachst  verschoben.  Im 
November  1888  jedoch  beschloB  das  Komitee,  mit  der  Ausfuhrung  der  Ex- 
pedition zu  beginnen.  Da  WiBmann  infolge  seiner  Ernennung  zum  Reichs- 
kommissar bald  darauf  aus  dem  Unternehmen  der  Expedition  ausschied, 
blieb  P.  nunmehr  der  alleinige  Fuhrer  derselben.  Uber  Emin-Pascha  und  die 
Stanley-Expedition  traf  en  zu  dieser  Zeit  einander  widersprechende  Nachrichten 
in  Europa  ein.  Am  31.  Januar  1889  wurde  P.  von  dem  Gesamtkomitee  beauf- 
tragt,  bei  nachster  Gelegenheit  nach  Ostafrika  zu  fahren,  um  das  Kommando 
der  Emin-Pascha-Expedition  zu  ubernehmen.  Er  sollte  drauBen  im  Einver- 
nehmen  mit  der  bevorstehenden  Reichsaktion  vorgehen.  P.  beschloB,  mit  Riick- 
sicht  auf  die  Unruhen  in  Ostafrika  seine  Expedition  nordlich  davon,  im  Sultanat 
Witu  (im  jetzigen  Kenya)  zu  organisieren,  und  traf  entsprechende  Anordnungen 
wegen  Uberfuhrung  der  angeworbenen  Somalisoldaten  und  noch  anzuwerben- 
den  Trager.  P.  stieB  jedoch  bei  seiner  Ankunft  in  Sansibar  im  Marz  1889  wie 
an  der  ostafrikanischen  Kiiste  auf  sehr  groBe  Schwierigkeiten.  Er  fand  nicht 
nur  keine  Unterstiitzung  seitens  der  Vertreter  des  Deutschen  Reichs,  sondern 
begegnete  den  groBten  Hindernissen  vor  allem  bezuglich  Landung  seiner 
Waffen  und  der  angeworbenen  Farbigen,  welche  den  des  Araberaufstandes 
wegen  getroffenen  BlockademaBregeln  widersprach.  Das  ganze  Blockadegebiet, 
das  deutsche  wie  das  englische,  war  fur  P.  verschlossen.  Der  Sultan  von  San- 
sibar verbot  die  Anwerbung  von  Tragern.  Die  Expedition  schien  zum  Scheitern 
verurteilt.  Doch  mit  unbeugsamer  Energie  ging  P.  vor,  um  trotz  allem  seinen 
Zweck  zu  erreichen.  Es  gelang  ihm,  in  einem  gecharterten  Dampf  er  die  Blockade 
zu  umgehen  und  seine  angeworbenen  Schwarzen  in  einem  Hafen  der  jetzigen 
Kenyakolonie  zu  landen  und  nach  Witu  zu  schaff en.  Allerdings  war  die  Expe- 
dition infolge  der  durch  die  englische  Blockade  bereiteten  Hindernisse  weder 
was  Soldaten  noch  Trager  noch  Bewaffnung  noch  Tauschartikel  anbelangte 
in  dem  eigentlich  vorgesehenen  MaBe  ausgeriistet. 

Trotz  allem  begann  am  26.  Juli  1889  die  Expedition  von  Witu  aus  ihren 
Marsch  ins  Innere,  der  sie  zunachst  den  TanafluB  auf  warts  fuhren  sollte.  Als 
einziger  Europaer  auBer  P.  nahm  Adolf  v.  Tiedemann  daran  teil.  Die  Expe- 
dition hatte  mit  groBen  Schwierigkeiten  zu  kampfen,  mit  Mangel  an  Verpfle- 
gung,  zeitweise  auch  mit  Wassermangel,  ebenso  hinsichtlich  der  Erganzung 
der  Trager.  In  manchen  Gegenden  hatte  sie  auch  schwere  Kampfe  mit  den 
Eingeborenen  zu  bestehen,  vor  allem  mit  den  kriegerischen  Massai.  Im  Februar 
1890  erreichte  P.  die  Landschaften  nordlich  des  Viktoriasees  und  erhielt  hier, 
nachdem  schon  vorher  von  Eingeborenen  Mitteilungen  iiber  Stanleys  Emin- 
Pascha-Expedition  zu  ihm  gedrungen  waren,  aus  einem  auf gef undenen  Schrei- 
ben  Stanleys  Kenntnis  davon,  daB  dieser  mit  Emin-Pascha  bereits  Ende  August 


292  1918 

1889  in  Makolo  am  Sudende  des  Viktoriasees  eingetroffen  und  im  Begriff  ge- 
wesen  war,  tiber  Mpapua  zur  Kiiste  aufzubrechen.  P.  beschloB  nun,  sich  nach 
Uganda  zu  wenden,  tun  in  die  dortigen,  groBenteils  auf  Zwistigkeiten  zwischen 
Mohammedanern  und  Christen  beruhendenWirren  im  christlichen  Sinne  einzu- 
greifen  und  dort  im  deutschen  Interesse  zu  wirken.  Bereits  unterwegs  hatte 
P.  verschiedene  Schutzvertrage  mit  Eingeborenenhauptlingen  abgeschlossen. 
In  Uganda  angelangt,  schloB  P.  mit  dem  dortigen  Konig  Muanga  einen  Pra- 
liminarvertrag,  in  welchem  dieser  die  Kongoakte  annahm  und  Deutschland 
gegenseitige  Handlungs-  und  Niederlassungsfreiheit  verbiirgte. 

Nach  Uberfahrt  tiber  den  Viktoriasee  in  Booten  marschierte  P.  vom  Siidufer 
unter  AbschluB  weiterer  Schutzvertrage  mit  Eingeborenen  zur  Kiiste  zuriick. 
In  Ugogo  hatte  er  noch  Kampfe  mit  Eingeborenen  zu  bestehen.  Er  erreichte 
im  Juni  1890  Mpapua  und  traf  dort  Emin-Pascha,  welcher  mit  Stuhlmann  seine 
Expedition  ins  Seengebiet  angetreten  hatte.  P.  wurde  hier  von  der  Nachricht 
vom  Riicktritt  des  Fiirsten  Bismarck  iiberrascht.  Im  Juli  traf  er  in  Bagamoyo 
an  der  Kiiste  ein  und  erfuhr  die  Bestimmungen  des  deutsch-englischen  Ab- 
kommens  vom  1.  Juli  1890  (Sansibarvertrag).  Deutschland  erhielt  Helgoland 
und  die  Anerkennung  Deutsch-Ostafrikas  als  deutsches  Gebiet,  es  erkannte 
seinerseits  das  englische  Protektorat  tiber  Sansibar  an  und  verzichtete  auf 
Witu.  Als  Grenze  im  Norden  wurde  der  1.  Grad  stidlicher  Breite  anerkannt. 
Damit  waren  samtliche  Erwerbungen  verloren,  welche  P.  auf  seiner  Expedition 
nordlich  und  nordostlich  des  Viktoriasees  durch  Vertrage  mit  Eingeborenen- 
machthabern  gemacht  hatte.  Die  Empfindungen  P.'  beim  Empfang  dieser 
Nachricht  kann  man  sich  denken.  Im  August  1890  traf  P.  wieder  in  Deutsch- 
land ein  und  wurde  Gegenstand  mannigfacher  Ehrungen. 

Die  deutsche  Emin-Pascha-Expedition  war,  wie  P.  es  ausgesprochen  hat, 
ein  Versuch,  unsere  Interessensphare  iiber  den  Norden  des  Viktoriasees  und 
nilabwarts  bis  nach  Lado  auszudehnen,  also  Uganda  und  Emin-Paschas  Pro- 
vinz  in  unser  Schutzgebiet  einzubeziehen.  Das  war  ein  groBziigiger  und  kiihner 
Plan.  Seine  Durchfiihrung  wurde,  soweit  er  Emin-Paschas  Provinz  betraf, 
durch  den  Abzug  Emin-Paschas  mit  Stanley  vereitelt.  Sie  muBte  aber  audi 
abgesehen  da  von  scheitern,  weil  Deutschland  im  Sansibarvertrag  auf  jene 
I^ander  verzichtete. 

Die  in  weiten  Kreisen  des  deutschen  Volkes  gegen  den  Sansibarvertrag  ent- 
fachte  Agitation  fiihrte  zur  Griindung  des  Alldeutschen  Verbandes.  Da  C.  P. 
dabei  eine  wesentliche  Rolle  zufiel,  bedarf  es  eines  Eingehens  auf  diesen 
Teil  seiner  Tatigkeit.  Bereits  Ende  1885  hatte  P.  in  Verbindung  mit  dem 
» Westdeutschen  Missionsverband«  und  dem  »Zentralverein  fiir  Handelsgeo- 
graphie«  eine  Einladung  zu  einem  » Allgemeinen  deutschen  KongreB  zur  For- 
derung  iiberseeischer  Interessen  Deutschlands «  fiir  den  Herbst  1886  erlassen. 
In  erster  Linie  ging  die  Einladung  an  die  Uberseedeutschen,  deren  deutsche 
Art  zu  erhalten  ein  Hauptziel  der  Beratungen  sein  sollte.  Zu  den  Aufgaben 
des  neuen  Verbandes  sollte  unter  anderem  die  Fortfiihrung  der  Kolonial- 
bewegung  zu  brauchbaren  Ergebnissen,  die  deutsche  Auswanderungsfrage, 
die  deutschen  Missionen  in  iiberseeischen  Gebieten,  die  Festigung  der  Be- 
ziehungen  zwischen  unseren  I,andsleuten  in  der  Fremde  und  in  der  Heimat 
gehoren.  Der  KongreB  fand  vom  13.  bis  16.  September  1886  in  Berlin  statt. 
Er   beschloB    die   Schaffung    eines  »  Allgemeinen    deutschen  Verbandes    zur 


Peters 


293 


Forderung  iiberseeischer  deutsch-nationaler  Interessen«.  Der  Verband  trat 
einige  Monate  spater  ins  Leben,  fiihrte  aber  infolge  geringer  Anteilnahme 
der  beteiligten  Vereine  und  der  haufigen  Abwesenheit  von  P.  zu  keinen 
erheblichen  Auswirkungen.  Als  es  dann  im  Jahre  1890  infolge  der  Bewe- 
gung  gegen  den  Sansibarvertrag  zur  Griindung  eines  neuen  Verbandes  kam, 
ging  der  fruher  von  P.  gegriindete  Verband  mit  darin  auf.  An  die  Spitze 
des  neuen  Verbandes  wollte  man  P.  stellen,  nicht  nur,  um  die  Werbekraft 
seines  Namens  fiir  die  Bewegung  zu  gewinnen,  sondern  auch,  um  ihm  einen 
unabhangigen  Wirkungskreis  zu  schaffen.  P.  gab  zunachst  eine  ausweichende 
Antwort,  trat  aber  bald  darauf  als  Reichskommissar  in  die  Dienste  der 
Reichsregierung,  um  wieder  nach  Deutsch-Ostafrika  hinauszugehen.  Doch 
berief  er  im  Januar  1891  selbst  eine  Versammlung,  um  den  »Allgemeinen 
deutschen  Verband «  mit  erweiterten  Zielen  und  in  zeitgemaBerer  Form 
zu  neuem  Leben  zu  erwecken.  Am  9.  April  1891  fand  dann  die  Griindung 
des  neuen  »Allgemeinen  deutschen  Verbandes «  statt,  der  vom  alten  Verband 
den  Namen  ubernahm,  aber  sich  nicht  auf  t)bersee  beschrankte,  sondern  die 
Forderung  der  deutsch-volkischen  Gesamtbelange  im  In-  und  Auslande  zum 
Ziel  nahm.  P.  muBte  infolge  der  von  ihm  dem  Auswartigen  Amt  gegenuber 
ubernommenen  Verpflichtung  zwecks  Wahrung  der  Unabhangigkeit  des  Ver- 
bandes auf  das  ihm  angebotene  Amt  des  Vorsitzenden  verzichten  und  sich 
mit  der  beratenden  Stellung  eines  Ehrenmitgliedes  begniigen.  Seitdem  trat 
er  nur  noch  selten  im  Verbande  hervor,  der  am  1.  Juli  1894  den  Namen  »A11- 
deutscher  Verband «  annahm,  als  welcher  er  gegenwartig  noch  besteht.  P.  nahm 
erst  nach  seiner  Ruckkehr  nach  Deutschland  in  den  Kriegsjahren  wieder  die 
Fuhlung  mit  dem  Verbandsvorsitzenden  auf,  ohne  aber  in  eigentlicher  Mit- 
arbeit  sich  zu  betatigen. 

Von  der  Reichsregierung  wurde  P.  die  Stellung  als  Reichskommissar  zur 
Verfiigung  des  Gouverneurs  von  Deutsch-Ostafrika  angeboten.  Zum  Gouver- 
neur  war  Freiherr  v.  Soden,  der  fruhere  Gouverneur  von  Kamerun,  ernannt 
worden.  P.  nahm  an  und  wurde  durch  ErlaB  vom  18.  Marz  1891  zur  Verfiigung 
des  Gouverneurs  von  Deutsch-Ostafrika  gestellt.  Nach  seiner  Ankunft  in 
Deutsch-Ostafrika  iiberwies  ihm  der  Gouverneur  das  Hinterland  von  Usatn- 
bara  sowie  das  Pare-  und  Kilimandscharogebiet  als  Feld  seiner  amtlichen  Tatig- 
keit.  Im  Juli  1891  traf  P.  in  Moschi  am  Kilimandscharo  ein,  begleitet  von  einer 
Kompagnie  der  Schutztruppe,  von  der  aber  der  groBere  Teil  bald  darauf  zur 
Kiiste  zuriickmarschierte.  P.  griindete  die  Kilimandscharostation  in  Marangu. 
Dort  ereigneten  sich  jene  Vorfalle,  welche  als  »Fall  Peters «  spater  jahrelang 
die  Offentlichkeit  beschaftigten  und  zur  Amtsentsetzung  P.s  im  Disziplinar- 
verfahren  fuhrten. 

Im  August  1891  war  die  starke  Expedition  des  Kommandeurs  der  Schutz- 
truppe v.  Zelewski  gegen  die  Wahehe  im  Siidwesten  der  Kolonie  von  diesen 
kriegerischen  Eingeborenen  iiberfallen  worden,  wobei  einschlieBlich  des  Kom- 
mandeurs 10  Europaer  und  ein  groBer  Teil  der  Schutztruppen-Askaris  den 
Tod  fanden.  Die  Kunde  davon  gelangte  Anfang  Oktober  1891  nach  Kiliman- 
dscharo. P.  fiihrte  dort  den  Kriegszustand  ein,  da  er  aufstandische  Geliiste 
unter  den  Eingeborenen  zu  bemerken  glaubte.  Wahrend  dieser  Zeit  wurde  im 
Oktober  1891  ein  schwarzer  Boy  (Diener),  welcher  einen  nachtlichen  Einbruch 
in  das  Stationsgebaude  bewerkstelligt  hatte,  und  im  Januar  1892  ein  einge- 


294  x9l8 

borenes  Madchen,  mit  der  P.  selbst  geschlechtlich  verkehrt  hatte,  letztere 
wegen  Konspiration  gegen  die  Sicherheit  der  Station  und  wiederholter  Deser- 
tation  znm  Tode  verurteilt  und  gehangt.  Der  englische  Missionsbischof 
Smythies  in  Marangu  schrieb  auf  Grund  der  dariiber  an  ihn  gelangten  Mit- 
teilungen  an  den  Gouverneur  von  Daressalam,  P.  hatte  willkiirlich  seinen 
Diener  und  eine  Konkubine  wegen  geschlechtlicher  Verfehlungen  aufhangen 
lassen.  Eine  daraufhin  vom  Gouverneur  angestellte  amtliche  Untersuchung 
ftihrte  zu  keinem  weiteren  Verfahren  gegen  P.  Dieser  war  1892/93  deutscher 
Kommissar  bei  der  deutsch-englischen  Grenzregulierung  zwischen  dem  Kili- 
mandscharo und  der  Kuste.  Am  Kilimandscharo  selbst  kam  es  1892  zum 
Ausbruch  eines  Aufstandes  der  Eingeborenen.  Der  Stationsleiter  Freiherr 
v.  Biilow  fiel  bei  Moschi  im  Kampf  gegen  die  Wadschagga. 

Nach  Beendigung  der  Grenzregulierung  kehrte  P.  nach  Deutschland  zurtick 
und  wurde  nach  mehrmonatigem  Besuch  der  Vereinigten  Staaten  von  Ame- 
rika  dem  Auswartigen  Amt  in  Berlin  zugeteilt.  Am  18.  Mai  1894  wurde  P. 
vom  Kaiser  zum  etatmaBigen  Reichskommissar  ernannt. 

Im  Februar  1895  wurde  P.  als  nationalliberaler  Reichstagskandidat  im 
Wahlkreise  Witzenhausen-Eschwege-Schmalkalden  aufgestellt,  unterlag  je- 
doch  gegen  den  antisemitischen  Kandidaten.  Von  sozialdemokratischer  Seite 
wurden  im  Reichstag  die  Vorfalle  am  Kilimandscharo  zur  Sprache  gebracht, 
worauf  eine  erneute  amtliche  Untersuchung  eingeleitet  wurde,  die  jedoch 
wiederum  zu  keinem  belastenden  Ergebnis  fuhrte.  P.  wurde  im  November 

1895  der  Posten  eines  I^andeshauptmanns  am  Tanganjika  angeboten,  den 
er  aber  ablehnte.  Darauf  wurde  P.  zur  Disposition  gestellt. 

P.  trat  nun  in  der  Offentlichkeit  fur  eine  Flottenvermehrung  ein  und  be- 
muhte  sich,  insbesondere  die  Deutsche  Kolonialgesellschaft  dafiir  zu  inter- 
essieren.  Hierbei  geriet  er  mit  dem  Vorsitzenden  der  Abteilung  Berlin,  dem 
bekannten  Zentni msabgeordneten  Prinz  Arenberg,  in  Differenzen.  Als  Februar 

1896  dessen  Amtsjahr  als  Vorsitzender  abgelaufen  war,  trat  ihm  P.  wegen 
seiner  negativen  Stellung  zur  Flottenfrage  entgegen  und  stellte  sich  selbst 
zur  Wahl.  Das  Ergebnis  der  Abstimmung  war,  dafi  P.  die  Majoritat  erhielt 
und  der  Prinz  Arenberg  nur  eine  starke  Minoritat.  Die  Folge  war  die  Ab- 
splitterung  eines  Teils  der  Mitglieder  und  die  Griindung  einer  Abteilung  Char- 
lottenburg  der  Deutschen  Kolonialgesellschaft,  welche  Prinz  Arenberg  zu 
ihrem  Vorsitzenden  wahlte. 

Im  Reichstag  setzten  im  Marz  1896  starke  Angriffe  gegen  P.  ein.  Der  Sozia- 
listenfiihrer  Bebel  erhob  gegen  P.  die  schwersten  Beschuldigungen,  wobei  er 
auf  einen  angeblich  von  P.  an  den  englischen  Bischof  Tucker  geschriebenen 
Brief  Bezug  nahm,  in  dem  P.  die  ihm  zugeschriebenen  Schandtaten  zugegeben 
habe;  er  habe  sich  indes  damit  entschuldigt,  daJ3  er  nach  arabischem  Gesetz 
mit  dem  gehangten  schwarzen  Weibe  verheiratet  gewesen  sei,  also  das  Recht 
gehabt  habe,  sie  und  ihren  Geliebten  aufzuhangen.  Der  Kolonialdirektor 
Kayser  erklarte  darauf,  daB  die  Anschuldigungen  bereits  fruher  wiederholt 
untersucht  und  als  unbegriindet  befunden  seien,  daB  aber  auf  Grund  der 
Bebelschen  Angaben  betreffend  den  Tucker-Brief  die  ganze  Angelegenheit  er- 
neut  untersucht  werden  wurde.  In  einem  groBen  Teil  der  Presse  wurden  auf 
Grund  der  Reichstagsverhandlungen  die  Dinge  in  einem  P.  ungiinstigen  Sinne 
erortert. 


Peters  295 

Gegen  P.  wurde  das  Disziplinarverfahren  eingeleitet.  Wie  in  diesem  ein- 
wandfrei  festgestellt  ist,  hat  P.  niemals  einen  derartigen  Brief  an  den  Bischof 
Tucker  oder  einen  anderen  Bischof  geschrieben,  sondern  im  Gegenteil  in  einem 
Brief  an  den  oben  erwahnten  Missionsbischof  Smythies  die  gegen  ihn  erhobenen 
Vorwiirfe  als  unrichtig  zuriickgewiesen.  Dagegen  wurden  im  Disziplinarver- 
fahren Dienstverfehlungen  P.'  festgestellt.  Er  wurde  durch  Urteil  der  Diszi- 
plinarkammer  fur  die  Schutzgebiete  vom  24.  April  1897,  das  durch  Urteil  des 
Disziplinarhofes  vom  15.  November  1897  bestatigt  wurde,  wegen  wiederholter 
Dienstvergehen  mit  Dienstentlassung  bestraft.  Im  ersteren  Urteil  wurde  von 
den  den  Hauptgegenstand  der  Anklage  bildenden  beiden  Hinrichtungen  nur  die 
des  schwarzen  Dieners  als  Dienstvergehen  angesehen,  wahrend  das  Urteil  des 
Disziplinarhofes  auch  die  Hinrichtung  des  schwarzen  Madchens  als  disziplinar 
zu  ahndendes  Dienstvergehen  ansah.  Im  iibrigen  wurde  in  beiden  Urteilen 
hauptsachlich   falsche  Berichterstattung  P.'  als  Dienstvergehen  festgestellt. 

P.  hatte  sich  bereits  im  Jahre  1896  nach  London  begeben  und  kam  von  dort 
zu  den  notwendigen  Vernehmungen  im  Disziplinarverfahren  nach  Berlin  her- 
iiber.  Nach  seiner  Dienstentlassung  blieb  er  in  England  und  nahm  nach  wechsel- 
vollem  Aufenthalt  in  Eastbourne,  auf  der  Insel  Jersey  und  in  Tunbridge  Wells 
ein  Flat  (Etagenwohnung)  in  London,  erst  in  Park  Lane,  von  1902  ab  in 
Buckingham  Gate. 

Vor  dieser  Zeit,  im  Jahre  1895,  hatte  P.  in  der  Bibliothek  eines  Freundes 
in  Deutschland  eine  alte  Karte  von  Mittel-  und  Siidafrika  aus  dem  Jahre  1705 
gefunden  und  veroffentlicht.  Bald  darauf  veroffentlichte  er  eine  Schrift:  »Das 
goldene  Ophir  Salomos«,  welches  er  in  Siidafrika  vermutete.  Zur  genauen 
Untersuchung  beschloB  P.,  sich  nach  den  Sambesigebieten  zu  begeben,  und 
griindete  vorwiegend  mit  deutschem  Gelde  die  »Z>.  Carl  Peters'  Estates  and 
Exploration  Co. «  und  wurde  ihr  Vorsitzender  und  Fuhrer  ihrer  Expeditionen. 
1899  reiste  er  nach  dem  Sambesi  ab.  Insgesamt  unternahm  er  sechs  Forschungs- 
reisen  im  Hinterlande  von  Chinde  und  Sofala,  in  welchen  Gebieten  er  untriig- 
liche  Merkmale  festzustellen  glaubte,  daB  dort  das  alttestamentliche  Ophir 
gewesen  sei.  Das  Ergebnis  seiner  Forschungen  legte  er  in  seinem  1902  er- 
schienenen  Buch  »Im  Goldlande  des  Altertums«  dar,  welches  auch  englisch 
als  %The  Eldorado  of  the  ancients*  erschien.  Diese  P.schen  Theorien  haben 
jedoch  keineswegs  allgemeine  Anerkennung  gefunden. 

Wahrend  seiner  Londoner  Zeit  schrieb  P.  eine  Reihe  von  politischen  Auf- 
satzen,  welche  in  deutschen  Zeitungen  und  Zeitschriften  erschienen.  1904 
veroffentlichte  er  sein  Buch  » England  und  die  Englander«,  welches  von  seiner 
genauen  Kenntnis  von  Land  und  Leuten,  insbesondere  auch  von  den  politi- 
schen Verhaltnissen  Englands  Zeugnis  ablegte.  Auch  in  der  Folgezeit,  und  zwar 
1905  und  1906  und  dann  spater  nach  seiner  Verheiratung  1909/10  und  191 1, 
reiste  P.  wiederholt  nach  Siidafrika,  um  seine  Minenunternehmung,  die  t>South 
East  Africa  Ltd.n,  in  welche  seine  urspriingliche  Gesellschaft  umgewandelt 
war,  weiter  zu  entwickeln.  1910  verkaufte  P.  dieses  Unternehmen  an  eine  eng- 
lische  Finanzgruppe  und  iibergab  191 1  an  Ort  und  Stelle  den  Besitz  einem 
Vertreter  dieser  Gruppe  und  schied  seinerseits  aus  der  Leitung  des  Minen- 
unternehmens  aus,  an  dem  er  selbst  einen  groBeren  Betrag  eingebuBt  hatte. 

Im  Jahre  1905  begann  in  Deutschland  eine  Bewegung  zugunsten  von  P., 
fiir  den  einige  seiner  Freunde,  vor  allem  der  Reichstagsabgeordnete  Dr.  Otto 


296  1918 

Arendt,  sich  unermiidlich  einsetzten.  P.  erhielt  in  diesem  Jahre  im  Gnaden- 
wege  den  Titel  als  Reichskommissar  a.  D.  zuriickverliehen.  1906  unternahm 
P.  eine  Vortragsreise  durch  Deutschland  und  sprach  in  verschiedenen  groBen 
Stadten.  Bei  diesem  AnlaB  wurden  die  Anschuldigungen  gegen  ihn  aus  seiner 
deutschen  Kolonialtatigkeit  in  einer  Reihe  von  Zeitungen  wieder  vorgebracht, 
nicht  bloB  von  Sozialdemokraten,  sondern  auch  von  einem  anerkannten 
Kolonialmann,  dem  fruheren  Gouverneur  von  Deutsch-Neuguinea,  Rudolf 
v.  Bennigsen,  dem  Sohn  des  friiheren  Oberprasidenten  v.  Bennigsen,  welch 
letzterer  der  Gonner  P.'  gewesen  war.  P.  strengte  verschiedene  Beleidigungs- 
prozesse  an,  in  welchen  er  obsiegte,  soweit  nicht  aus  formal-juristischen 
Griinden  die  Einstellung  erfolgte. 

Am  27.  Februar  1909  verheiratete  sich  P.  mit  Fraulein  Thea  Herbers  aus 
Iserlohn.  Das  Ehepaar  nahm  seinen  Auf  enthalt  in  England  auf  der  Isle  of  Wight 
und  in  Richmond.  Vom  Juni  1909  bis  Januar  1910  und  vom  Dezember  1910 
bis  Juni  1911  waren  P.  und  seine  Gattin  in  Siidafrika  im  Manicaland.  Spater 
wohnten  sie  in  London  und  verbrachten  den  Winter  19 12  in  Agypten,  19 13 
in  Algier.  Zwischendurch  machte  P.  eine  Kur  in  Nauheim  gegen  Herzbeschwer- 
den  und  nahm  in  Partenkirchen  Aufenthalt,  immer  von  seiner  Frau  begleitet. 
Im  Fruhjahr  1914  kehrte  das  Ehepaar  nach  London  zuriick. 

Anfang  1914  wurde  P.  vom  Kaiser  im  Gnadenwege  seine  Beamtenpension, 
der  er  durch  das  Disziplinarverfahren  verlustig  gegangen  war,  wieder  gewahrt. 
Im  gleichen  Jahre  wurde  eine  Ehrung  fiir  P.  durch  Aufstellung  eines  Denk- 
mals  in  Deutsch-Ostafrika  beabsichtigt.  Bereits  1913  hatte  sich  ein  Komitee  ge- 
bildet,  .welches  Gelder  dafiir  sammelte.  Das  Denkmal  wurde  von  dem  Bild- 
hauer  Mobius  in  Gestalt  einer  Statue  von  C.  P.  in  anderthalbfacher  Lebens- 
groBe  hergestellt.  Als  Platz  war  in  Daressalam,  der  Hauptstadt  Deutsch- 
Ostafrikas,  eine  Stelle  unmittelbar  an  der  Hafeneinfahrt  vorgesehen.  Die  Auf- 
stellung sollte  bei  der  fiir  August  19 14  geplanten  groBen  deutschen  Landes- 
ausstellung  in  Daressalam  erfolgen.  Das  Denkmal  wurde  mit  dem  Dampfer 
»Feldmarschall«  der  Deutschen  Ostafrika-Linie  unmittelbar  vor  Ausbruch 
des  Krieges  verladen  und  traf  kurz  nach  Ausbruch  des  Krieges  in  Daressa- 
lam ein.  Es  wurde  mit  dem  anderen  Inhalt  der  Ladung  geloscht,  ist  spater 
aber,  ohne  ausgepackt  zu  sein,  in  die  Hande  der  Englander  geraten.  Von  diesen 
wurde  das  Denkmal  nach  dem  Kriege  wieder  ausgeliefert.  Es  ist  dann  schlieB- 
lich  nach  Hamburg  gelangt  um  dort  aufgestellt  zu  werden. 

Nach  Kriegsausbruch  erhielt  P.  die  Erlaubnis,  nach  Deutschland  zuruckzu- 
kehren.  Im  Oktober  1914  kam  das  Ehepaar  P.  in  Berlin  an,  und  P.  versuchte 
seine  Kenntnis  der  Englander  und  der  englischen  Politik  fiir  die  leitenden 
Stellen  nutzbar  zu  machen,  ohne  aber  Erfolg  dabei  zu  haben.  Er  schrieb  nun 
fiir  die  deutsche  Presse,  doch  wurden  seine  Aufsatze  durch  die  Kriegszensur 
vielfach  verstummelt. 

In  den  Jahren  1914/18  lebte  P.  mit  seiner  Gattin  meist  im  Sommer  in  Harz- 
burg,  im  Winter  in  Hannover,  Berlin  und  zuletzt  Wiesbaden.  Von  Wiesbaden 
aus  fuhren  sie  19 18  wieder  nach  Harzburg.  Bei  dem  kalten  Wetter  erkrankte 
P.  dort  bald  an  einer  schweren  Bronchitis.  Um  gute  Pflege  zu  ermoglichen, 
fuhr  er,  sobald  sich  sein  Zustand  gebessert  hatte,  mit  seiner  Gattin  im  Auto 
nach  dem  Sanatorium  in  Woltorf  bei  Peine.  Dort  erholte  sich  P.  gut  und  ar- 
beitete  wieder  eifrig,  erlag  jedoch  am  10.  September  1918  einem  Herzschwache- 


Peters 


297 


an  fall.  Sein  letzter  Artikel,  den  er  kurz  vorher  geschrieben  hat,  lautete:  » Eng- 
land unser  eigentlicher  Feind«.  Sein  Grab  befindet  sich  auf  dem  Engesohder 
Friedhof  in  Hannover,  wo  die  Stadt  einen  Ehrenplatz  schenkte. 

P.  war  unter  mittlerer  GroBe,  fast  schmachtig  zu  nennen,  mit  blondem  Haar. 
Er  hatte  scharf  ausgepragte  Gesichtsziige,  kiihne  Augen,  die  durch  Kneifer- 
glaser  teilweise  verdeckt  wurden.  Der  Ausdruck  der  Augen  wie  der  ganzen  Per- 
sonlichkeit  in  Worten  und  Bewegnngen  war  der  eines  ungemein  starken  Selbst- 
bewufitseins.  Dieser  Ausdruck  wurde  noch  verstarkt  und  bisweilen  in  das 
Prahlerische  gesteigert,  wenn  P.,  was  in  seiner  Junggesellenzeit  ofters  der  Fall 
war,  dem  Alkohol  zugesprochen  hatte.  Er  gefiel  sich  dann  bisweilen  in  uber- 
triebenen  Erzahlungen  uber  seine  eigenen  Taten  im  Guten  und  Bosen  und 
verstieg  sich  hie  und  da  zu  Paradoxen. 

P.  war  ein  Mann  von  groBter  aktiver  Energie.  Er  setzte  sich  auch  unter  den 
schwierigsten  Lagen  durch,  was  er  schon  als  Schuler  und  mittelloser  Student 
und  ganz  besonders  als  Begninder  von  Deutsch-Ostafrika  und  als  Expeditions- 
fulirer  in  Afrika  bewiesen  hat.  Seine  Willenskraft  auBerte  sich  in  manchen 
Fallen  mit  brutaler  Riicksichtslosigkeit  nicht  bloB  gegen  Schwarze  in  Afrika, 
sondern  bisweilen  auch  gegen  WeiBe  und  auch  gegen  deutsche  Volksgenossen 
beiderlei  Geschlechts. 

Doch  gehorte  P.  nicht  zu  den  Menschen,  bei  denen  der  Wille  einseitig  unter 
Vernachlassigung  des  Geistes  ausgebildet  ist,  sondern  er  war  ein  Mann  von 
auBerordentlich  hoher  geistiger  Begabung.  Ein  selbstandiger  Denker  von 
schnellem  Erfassen  und  groBem  Ideenreichtum,  hatte  er  seinen  Geist  in  philo- 
sophischen  und  historischen  Studien  durchgebildet.  Er  war  ein  auBerst  geist- 
reicher  und  interessanter  Gesellschafter,  wobei  allerdings  bisweilen  die  oben 
hervorgehobenen  Eigenheiten  den  mit  ihm  noch  nicht  naher  Bekannten  ver- 
wundern  konnten.  P.  war  in  Rede  und  Schrift  ein  sehr  wirkungsvoller  Agitator. 
Verbunden  mit  dem  scharf  en  Verstand  war  eine  ausgepragte  Phantasie. 
P.  zeigte  gelegentlich  selbst  eine  gewisse  Neigung  zum  Okkultismus. 

Das  Tragische  von  P.*  Leben  lag  einmal  darin,  daB  er  durch  die  Erwerbung 
Deutsch-Ostafrikas  GroBes  leistete  und  dann  statt  Anerkennung  Dienstab- 
setzung  im  Disziplinarverf  ahren  und  MiBachtung  und  Hohn  von  einem  groBen 
Teil  der  deutschen  Offentlichkeit  erntete.  Dann  aber  lag  es  vor  allem  darin, 
daB  er  weiter  GroBes  fiir  sein  Vaterland  leisten  wollte  und  nach  seiner  Be- 
gabung zu  leisten  imstande  gewesen  ware,  aber  an  der  Ablehnung  durch  das 
eigene  Volk  scheiterte.  Der  Grund  hierfur  war  zum  Teil  der  Unverstand  des 
groBten  Teiles  seiner  deutschen  Zeitgenossen,  welche  die  kuhnen  politischen 
Ideen  P.'  nicht  zu  fassen  vermochten.  Vielleicht  zum  noch  groBeren  Teil  aber 
lag  er  in  dem  eigenen  Charakter  P.'.  Er  hat  selbst  in  seinen  Erinnerungen 
(S.  111)  mit  Recht  gesagt:  »Ich  glaube,  daB  meine  angeborenen  Eigenschaften, 
welche  auf  der  anderen  Seite  die  Grundlage  aller  meiner  Erfolge  gewesen  sind, 
vor  allem  mein  Trotz  und  die  Heftigkeit  meines  Wollens  meinem  Einleben  in 
die  deutschen  Verhaltnisse  im  Wege  gestanden  haben. «  Insbesondere  hat  ihm 
die  Riicksichtslosigkeit,  mit  der  er  sich  durchsetzte,  viele  Feinde  verschafft, 
denen  schlieBlich  nur  eine  kleine  Zahl  begeisterter  Freunde  und  Anhanger 
gegenuberstand.  Von  den  Disziplinarurteilen,  die  P.'  Laufbahn  in  Deutschland 
vernichteten,  laBt  sich  nur  sagen,  daB  sie  selbstverstandlich  von  den  Richtern 
subjektiv  nach  bestem  Wissen  und  Gewissen  gefallt  waren  und  dem  formalen 


298  igi8 

Recht  Geniige  taten.  Trotzdem  konnen  von  einer  wirklichen  Kenntnis  der 
afrikanischen  Verhaltnisse  zu  jener  Zeit  einerseits,  von  richtiger  Einschatzung 
der  Personlichkeit  P.s  seiner  Leistungen  und  seiner  oben  charakterisierten 
Ausdrucksweise  andererseits  ausgehenden  Betrachtung  die  Urteile  nicht  als 
endgiiltige  und  gerechte  I,6sung  des  »Falles  Peters*  erscheinen.  In  jedem  Falle 
ist  es  in  hdchstem  Mafie  zu  bedauern,  daB  durch  diese  Entwicklung  und  durch 
den  jahrelang  besonders  von  sozialdemokratischer  Seite  betriebenen  person- 
lichen  Kampf,  welcher  in  dem  Schlagwort  »Hangepeters«  seinen  Ausdruck  fand 

—  und  man  muB  hinzufiigen,  ebenso  durch  die  im  eigenen  Charakter  P.'  liegen- 
den  Harten  und  Mangel  — ,  eine  der  an  Willenskraft  und  Intelligenz  hervor- 
ragendsten  Personlichkeiten  des  deutschen  Volkes  an  dem  weiteren  Wirken 
fiir  unser  Vaterland  verhindert  wurde. 

P.  ist  wiederholt  zum  Gegenstand  von  Romanen  gemacht  worden.  So  unter 
anderem  Namen  in  einigen  in  den  i89oer  Jahren  erschienenen  Romanen  von 
Frieda  Freiin  v.  Biilow,  insbesondere  in  »Der  Konsul*.  In  dem  1927  er- 
schienenen Peters-Roman  »Ich  bin  Ich«  von  Balder  Olden  ist  eine  Hauptseite 
des  Wesens  P.s,  die  riicksichtslose  Durchsetzung  der  eigenen  Personlichkeit 
und  das  grofle  Wollen  fiir  sein  Vaterland  richtig  erfaBt,  wahrend  in  manchen 
Dingen,  besonders  was  seine  Beziehungen  zu  einzelnen  weiblichen  Wesen  anbe- 
triff  t,  mehr  Intuition  gewaltet,  als  Tatsachenmaterial  zu  Grunde  gelegen  hat. 

I/iteratur:  P.  hat  folgende  Biicher  und  Schriften  veroff  entlicht :  Untersuchungen  zur 
Geschichte  des  Friedens  von  Venedig,  Berliner  Preisarbeit,  Hannover  1879.  —  Willens- 
welt  und  Weltwille,  Leipzig  1882.  —  Deutsch-national,  Berlin  1887.  —  Die  Deutsch- 
Ostafrikanische  Kolonie  in  ihrer  Entstehungsgeschichte  und  wirtschaftlichen  Eigenart, 
Berlin  1 888 .  —  Gef echtsweise  und  Bxpeditionsf  iihrung  inAf rika,  Berlin  1 892 .  —  Die  Deutsche 
Emin-Pascha-Expedition,  Miinchen  1895.  —  Eas  Deutsch-Ostafrikanische  Schutzgebiet. 
Im  amtlichen  Auftrag,  Miinchen  1895.  —  Eine  Karte  von  Mittelafrika  aus  dem  Jahre  1703, 
Berlin  1895.  —  E)as  goldene  Ophir  Salomos,  Berlin  1895.  —  Was  lehrt  uns  die  englische 
Kolonialpolitik  ?  Berlin  1897.  —  Weitherzige  Kolonialpolitik,  Berlin  1897.  —  MiBbrauch 
der  Amtsgewalt,  Berlin  1899.  —  Im  Goldland  des  Altertums,  Miinchen  1902.  —  Sonne 
und  Seele,  I^eipzig  1903.  —  England  und  die  Englander,  Hamburg  1904.  —  Die  Grundung 
von  Deutsch-Ostafrika,  Hamburg  1906.  —  Ophir  nach  den  letzten  Forschungen,  Berlin 
1908.  —  Zur  Weltpolitik,  Hamburg  191 2.  —  Wie  Deutsch-Ostafrika  entstand,  Leipzig  1922. 

—  Das  deutsche  Elend  in  London,  Leipzig  1914.  —  England  und  Irland,  Hamburg  191 5. 

—  Afrikanische  Kopfe,  Berlin  191 5.  —  Zum  Weltkrieg,  Hamburg  1916.  —  Lebenserinne- 
rungen,  Hamburg  1918.  —  Die  Korrespondenz  P.s  mit  seinen  Geschwistern  von  ihrer 
Schulzeit  bis  zu  seinem  Xode  befindet  sich  im  Reichsarchiv  in  Potsdam. 

Berlin.  Heinrich  Schnee. 


Petri,  Georg  Karl  Emil,  Dr.  jur.,  Unterstaatssekretar,  *  am  3.  April  1852 
in  Buchsweiler  im  Elsafl,  f  am  11.  Dezember  1918  in  Kehl  a.  Rh.  —  Emil  P. 
ist  in  Buchsweiler  im  Unterelsafi  geboren,  wo  seine  Familie  seit  den  Tagen 
der  groBen  Franzosischen  Revolution  ansassig  war,  als  Sohn  des  dortigen 
Kirchschaffners  Dr.  jur.  Petri.  Er  besuchte  in  dieser  alten  Hauptstadt  des 
friiheren  Hanauer  Landes  das  College  (Gymnasium),  das  seit  1612  vorher  zu 
deutscher,  dann  zu  franzosischer  und  nachher  wieder  zu  deutscher  Zeit  eine 
Anstalt  von  Ruf  ge wesen  war,  und  bestand  1870,  kurz  vor  Ausbruch  des 
Deutsch-Franzosischen  Krieges,  in  StraBburg  das  bacalaur^at  es  lettres. 
Wahrend  der  darauffolgenden  Monate  gab  er  aushilfsweise  im  College  zu 


Peters.  Petri  299 

Buchsweiler  auf  Veranlassung  des  von  ihm  hochverehrten  Rektors  Herdner 
Unterricht  und  bestand  im  Fruhjahr  1871  das  bacalaureat  es  sciences.  Nach 
FriedensschluB  bezog  er  die  Universitat  Heidelberg,  wo  er  zwei  Jahre  Rechts- 
wissenschaft  studierte.  Hier  lernte  er  den  aus  Zabern  im  ElsaB  gebiirtigen 
spateren  Landgerichtsprasidenten,  Abgeordneten  und  Mitglied  des  Staatsrates 
Fiirst  kennen,  mit  dem  ihn  ein  enges  Freundschaftsverhaltnis  verband,  das 
erst  durch  den  wahrend  des  Weltkrieges  erfolgten  Tod  seines  Fretindes  ein 
Ende  fand.  Er  setzte  dann  seine  Studien  an  der  Kaiser- Wilhelms-Universitat 
StraBburg  fort,  wo  er  Mitglied  der  alten  evangelischen  Verbindung  »Wil- 
helmitana*  war,  und  bestand  1874  zu  Kolmar  im  ElsaB  am  Sitz  des  Ober- 
landesgerichts  die  Referendarprufung  und,  nachdem  er  zwischenzeitig  noch 
zu  StraBburg  zum  Doktor  juris  promoviert  war,  1878  die  Staatsprufung. 
1875  hatte  er  sich  mit  Lina,  geb.  Ehrstein,  aus  Lembach  im  ElsaB,  auch 
einer  Alt-Elsasserin,  verheiratet  und  lieB  sich  nach  bestandener  Prufung  in 
StraBburg  als  Rechtsanwalt  nieder. 

Schon  friihzeitig  entwickelte  sich  bei  P.  das  Interesse  fur  offentliche,  und 
zwar  sowohl  kirchliche  wie  politische  Angelegenheiten.  1884,  also  im  Alter 
von  32  Jahren,  wurde  er  in  das  Oberkonsistorium  der  Kirche  »Augsburger 
Konfession*  gewahlt,  und  zwar  als  Vertreter  seiner  heimatlichen  Inspektion 
Buchsweiler,  dem  er  bis  zu  seiner  Ernennung  zum  Unterstaatssekretar  an- 
gehorte.  Er  war  ein  freidenkender  Protestant  ohne  jeden  Hang  zur  Frommelei, 
der  zeit  seines  Lebens  den  Angelegenheiten  seiner  Kirche  das  lebhafteste 
Interesse  entgegenbrachte.  Von  weitherziger  Toleranz  anderen  Konfessionen 
gegeniiber,  vertrat  er  im  Oberkonsistorium  die  kirchlichen  Angelegenheiten 
mit  Eifer,  Warme  und  Geschick  und  errang  sich  daselbst  in  kurzer  Zeit  eine 
einfluBreiche  und  maBgebende  Stellung. 

Der  Kanton  Sulz  u.  d.  Wald  im  UnterelsaB  wahlte  ihn  1885  als  Nachfolger 
seines  zum  Prasidenten  des  Direktoriums  und  Oberkonsistoriums  der  Kirche 
»  Augsburger  Konfession«  ernannten  Vetters  Friedrich  P.  in  den  Bezirkstag  des 
UnterelsaB  und  eroffnete  ihm  damit  die  politische  Laufbahn.  Dieser  Bezirks- 
tag entsandte  ihn  1886  in  den  LandesausschuB  fur  ElsaB-Lothringen,  die  par- 
lamentarische  Vertretung  des  Landes,  dem  er  bis  zu  seiner  Ernennung  zum 
Unterstaatssekretar  angehorte.  Als  im  Jahre  1887  der  Reichstag,  der  dem 
Reichskanzler  Fiirsten  Bismarck  die  Kredite  fur  die  Militarvorlage  verwei- 
gert  hatte,  aufgelost  und  Neuwahlen  ausgeschrieben  wurden,  wurde  P.  vor 
allem  auf  Drangen  und  Veranlassung  des  Fuhrers  der  sogenannten  Autono- 
mistenpartei,  Julius  Klein,  als  Kandidat  dieser  Partei  im  Stadtkreis  StraB- 
burg aufgestellt.  Sein  Gegner  war  der  Fuhrer  der  Protestpartei,  Jacques 
Kabl6.  P.  unterlag  in  dieser  Wahl  mit  6807  Stimmen,  Kable*  wurde  mit  8281 
Stimmen  gewahlt.  Nach  Einfuhrung  der  Statthalterschaft  in  ElsaB-Lothringen 
im  Jahre  1879  und  des  damit  von  Berlin  nach  StraBburg  verlegten  Schwer- 
gewichts  der  Verwaltung  hatte  die  deutschfreundliche  Autonomistenpartei, 
deren  weitsichtigem,  tatkraftigem  und  gewandtem  Fuhrer  August  Schneegans 
diese  Neuordnung  der  Dinge  im  wesentlichen  mit  zu  verdanken  war,  im  Lande 
starken  EinfluB  gewonnen.  Schneegans  war  allerdings  bald  nachher  aus  Griin- 
den,  deren  Erorterung  hier  zu  weit  fiihren  wiirde,  nachdem  er  kurze  Zeit 
Ministerialrat  im  Ministerium  fiir  ElsaB-I/Othringen  gewesen  war,  in  den 
Reichsdienst  getreten,  und  der  Fuhrer  der  Partei,  Julius  Klein,  hatte  den  ihm 


300  I9i8 

angebotenen  Posten  eines  Unterstaatssekretars  abgelehnt.  Aber  sowohl  im 
Reichstage  wie  im  LandesausschuB  war  die  Autonomistenpartei  stark  ver- 
treten  und  nahm  im  offentlichen  Leben  des  Landes  eine  fiihrende  Stellung 
ein.  Da  waren  die  Reichstagswahlen  von  1887  gekommen.  Den  Protestlern 
gelang  es,  in  der  offentlichen  Meinung  des  Landes  den  Gedanken  durchzu- 
setzen,  die  Annahme  der  Militarvorlage  im  Reichstage  bedeute  den  Krieg, 
und  die  Protestler  siegten  auf  der  ganzen  Linie.  Bei  diesem  denkwiirdigen 
Wahlkampf  unterlagen  auBer  P.  namentlich  auch  die  bekannten  Autonomisten 
North  in  StraBburg-Land,  Dr.  Hoffel  in  Zabern,  Freiherr  Zorn  von  Bulach 
in  Erstein-Molsheim.  Nach  dem  im  Jahre  1888  erfolgten  Tode  von  Kable*  er- 
neuerte  P.  seine  Kandidatur  und  wurde  in  den  Reichstag  gewahlt.  Eine 
protestlerische  Kandidatur  wurde  ihm  nicht  entgegengestellt,  dagegen  stellte 
eine  Gruppe  altdeutscher  Wahler  ihm  als  Gegenkandidaten  den  Generalfeld- 
marschall  Graf  v.  Moltke  gegeniiber,  der  iibrigens  nur  widerwillig  seine 
Zustimmung  zu  dieser  Zahlkandidatur  gab.  Als  spater  Moltke  bei  einem 
parlamentarischen  Bierabend  P.  auf  diesen  Wahlkampf  hin  ansprach,  be- 
merkte  letzterer,  daJ3  die  StraBburger  Reichstagswahlkampagne  wohl  die 
erste  und  einzige  Schlacht  gewesen  sein  diirfte,  die  der  groBe  Heerfuhrer 
verloren  hatte. 

In  diesen  drei  Korperschaften  entfaltete  P.  eine  umfassende,  groBziigige 
,  und  erfolgreiche  Tatigkeit  fur  die  politische  Weiterentwicklung  ElsaB-Lothrin- 
gens.  AuBerdem  war  er  vielfach  durch  Veroffentlichung  von  Zeitungsartikeln 
und  Aufsatzen  politischer  Natur  schriftstellerisch  tatig.  Er  kann  wohl  als 
der  erste  einheimische  politische  Fiihrer  des  Landes  angesprochen  werden, 
der  sich  voll  und  ganz  als  Deutscher  fiihlte  und  aus  seinen  Anschauungen  kein 
Hehl  machte.  Aus  den  Kreisen  der  Autonomistenpartei  herausgewachsen, 
daif  man  ihn  als  damaligen  Sprecher  und  Fiihrer  der  deutschgesinnten  Elsasser 
bezeichnen,  und  sein  mannhaftes  und  entschiedenes  Auftreten,  das  er  mit 
staatsmannischer  Klugheit  von  Anfang  an  zu  verbinden  wuBte,  verschaffte 
ihm  viele  Freunde  und  Gesinnungsgenossen,  die  treu  zu  ihm  standen.  Die 
Autonomistenpartei,  die  mit  der  Verfassung  von  1879  die  erste  Etappe  ihres 
Zieles  erreicht  hatte,  wuBte  ihren  Erfolg  nicht  auszunutzen,  sie  hatte  nicht 
den  Mut  gehabt  in  die  Regierung  maBgebend  einzutreten,  und  loste  sich  nach 
und  nach  stillschweigend  auf.  Sie  war  eine  Partei  von  Freunden  und  Gesin- 
nungsgenossen gewesen,  die  zu  richtiger  Zeit  sehr  verdienstlich  gewirkt  hatte, 
zu  einer  eigentlichen  Parteibildung  im  heutigen  Sinne  kam  es  in  ElsaB-Lothrin- 
gen  jedoch  erst  urn  die  Jahrhundertwende,  als  es  gait,  die  politischen  Ziele 
des  Landes  mit  starkeren  und  wirksameren  Mitteln  weiterzufuhren,  als  dies 
bis  dahin  geschehen  war.  Bis  dahin  aber  war  P.  der  politische  Exponent  der 
deutschgesinnten  Elsasser,  die  auf  dem  Wege  eines  Zusammenwirkens  mit 
der  Regierung  die  Gleichstellung  ElsaB-Lothringens  mit  den  deutschen 
Bundesstaaten  erstrebten. 

P.  benutzte  sowohl  im  Landesausschusse  wie  im  Reichstag  die  erste  Gelegen- 
heit,  um  seine  nationalpolitische  Einstellung  klarzulegen.  Im  Reichstage,  wo 
er  sich  der  nationalliberalen  Fraktion  angeschlossen  hatte,  wies  er  am  24.  Fe- 
bruar  1888  bei  der  Etatsberatung,  als  es  sich  um  den  ReichszuschuB  von 
400000  Mark  fur  die  Landesuniversitat  in  StraBburg  handelte,  darauf  hin, 
daB  die  StraBburger  Universitat  nicht  fur  die  besonderen  Verhaltnisse  ElsaB- 


Petri  301 

Lothringens  gegriindet  worden  sei,  sondern  daB  sie  »als  eine  Pflanzstatte 
deutscher  Kultur  und  deutscher  Wissenschaft  den  deutschen  Geist  in  der 
Westmark  des  Reiches  verbreiten  solle«.  Er  betonte  weiter:  »Ich  werde  die 
elsaB-lothringischen  Verhaltnisse  immer  nur  vom  deutsch  nationalen  Stand- 
punkt  aus  betrachten  und  besprechen,  dafiir  spricht  der  Charakter  meiner 
Wahl,  dafiir  spricht  auch  mein  ganzes  politisches  Verhalten.  Nicht  nur  hier 
im  Hause,  auch  im  engeren  Kreise  werde  ich  von  unseren  Verhaltnissen  ohne 
Hintergedanken  und  Vorurteile  reden,  andererseits  aber  auch  ohne  Schwache, 
frei  aus  der  Brust  heraus,  wie  es  einem  freien  und  unabhangigen  Mann  ge- 
ziemt.«  Ebenda  fuhrte  er  am  17.  Januar  1889  gelegentlich  der  Besprechung 
der  PaBverordnung  vom  22.  Mai  1888,  welche  in  Auswirkung  der  damals 
zwischen  Deutschland  und  Frankreich  entstandenen  Spannung  infolge  des 
Grenzzwischenfalls  Schnabele  und  des  Auftretens  des  Generals  Boulanger 
den  PaBzwang  fur  Reisende  aus  Frankreich  an  der  elsassisch-franzosischen 
Grenze  einfuhrte,  folgendes  aus,  indem  er  von  der  Voraussetzung  ausging, 
daB  diese  MaBregel  sowohl  materielle  wie  moralische  Schaden  fiir  das  Land 
gebracht  habe:  »Wir  stellen  uns  in  ElsaB-Lothringen  die  Frage:  War  denn 
iiberhaupt  die  MaBregel  erforderlich  ?  Meine  Freunde  und  ich,  die  voll  und 
ganz  auf  dem  deutsch  nationalen  Standpunkt  stehen,  wollen,  wenn  es  sich 
urn  Interessen  des  Reiches  handelt,  auch  dazu  beitragen  und  sind  bereit,  dem 
allgemeinen  Wohl  des  Reiches  unsere  Sonderinteressen  zu  opfern.  Aber  die 
Frage  ist  nur  die :  War  dies  Opfer  wirklich  erforderlich  ?  «  Nach  eingehender 
Wiirdigung  der  Verhaltnisse  und  herber  Kritik  unnotiger  Polizeischikanen 
fahrt  er  dann  weiter  fort:  »Uns  aber,  den  deutschgesinnten  Elementen  des 
Landes  wird  der  Boden  unter  den  FiiBen  entzogen.  Ob  der  PaBzwang  trotz 
der  Erregung  im  Lande  erforderlich  ist  oder  nicht,  ist  nicht  unsere  Sache  zu 
entscheiden.  Wenn  es  die  Ansicht  der  Regie  rung  ist,  daB  er  unbedingt  not- 
wendig  sei,  ist  aber  eine  milde  Praxis  zu  handhaben.« 

Diese  unzweideutige  deutsch  nationale  Gesinnung  war  fiir  ihn  die  Grund- 
lage  auf  dem  Wege  zum  Ziele,  das  er  sich  gesteckt  hatte,  der  Autonomic  ElsaB- 
Lothringens  im  Rahmen  des  Deutschen  Reiches,  der  vollen  staatsrechtlichen 
Gleichstellung  des  Landes  mit  den  deutschen  Bundesstaaten.  Er  erklart  am 
2.  Februar  1893  im  LandesausschuB,  daB,  wenn  fruher  in  der  schwierigen 
ITbergangsperiode  wichtige  politische  Griinde  fiir  eine  Sonderstellung  ElsaB- 
IyOthringens  im  Reich  bestanden  haben  mogen,  dies  heute  nicht  mehr  der 
Fall  sei.  »Der  Protest  als  solcher  sei  tot. «  Das  Erfordernis  unserer  Gleich- 
berechtigung  mit  den  iibrigen  deutschen  Staaten  soil  unser  »Ceteram  censeo* 
auf  politischem  Gebiet  bleiben.  »Wir  wollen  mitarbeiten  an  der  Erreichung 
der  Ziele,  zu  denen  das  deutsche  Volk  berufen  ist. «  In  gleichem  Sinne  spricht 
er  sich  ebendaselbst  am  1.  Februar  1894  aus  und  beschaftigt  sich  eingehend 
mit  den  dem  Verlangen  nach  Gleichstellung  entgegenstehenden  Schwierig- 
keiten,  insbesondere  der  Frage  der  Souveranitat  und  des  Stimmrechts  im 
Bundesrate,  und  halt  diese  Schwierigkeiten  nicht  fiir  uniiberwindlich.  Am 
5.  Februar  1895  erklarte  er  ebenfalls  im  LandesausschuB,  daB  die  Abschaffung 
des  sogenannten  Diktaturparagraphen  gewiB  notwendig  sei,  wichtiger  aber 
sei  die  Gleichstellung  ElsaB-Lothringens  mit  den  Bundesstaaten.  Und  am 
4.  Februar  1896  wiirdigte  er  nochmals  die  besonderen  Schwierigkeiten  des 
Stimmenrechts  im  Bundesrat  und  verlangte  als  ersten  Schritt  auf  dem  Wege 


302  1918 

zur  Gleichstellung  die  Beseitigung  der  Mitwirkung  des  Bundesrates  bei  der 
elsaB-lothringischen  Landesgesetzgebung  und  der  Moglichkeit,  elsaB-lothrin- 
gische  Landesgesetze  auf  dem  Wege  der  Reichsgesetzgebung  beschlieBen  zu 
lassen.  Indem  er  hierbei  auf  die  allgemeine  politische  Lage  des  I^andes  zu 
sprechen  kam,  fiihrte  er  aus,  daB  man  ElsaB-Lothringen  in  Deutschland  viel- 
fach  ungerecht  beurteile.  Man  bedenke  nicht,  daB  ElsaB-Lothringen  »ganz 
natiirlich  im  Laufe  der  Jahrliunderte  immer  mehr  den  deutschen  Traditionen 
entfremdet  und  dem  franzosischen  Nationalgefuhl  zuganglich  gemacht  worden 
war*.  Wer  dies  im  Auge  behalte,  miisse  mit  der  heutigen  Lage  der  Dinge 
zufrieden  sein.  »Nach  den  Protestlern  kamen  die  Autonomisten,  nach  den 
Autonomisten  kommen  allmahlich  die  Deutschen ;  man  store  nur  nicht  diesen 
stetig,  aber  langsam  fortschreitenden  psychologischen  Hergang  durch  das 
Kommandowort :  Rasch  und  stramm  voran;  man  verderbe  nicht  durch  Un- 
geduld  dasjenige,  was  die  Verhaltnisse  und  die  Zeit  sicher  mit  sich  bringen 
werden. « 

Neben  dieser  hochpolitischen  Verfassungsfrage  behandelte  P.  sowohl  im 
Reichstage  wie  im  Landesausschusse  eine  Reihe  wichtiger  Probleme,  die  ihn 
als  eine  Personlichkeit  von  umfangreichen  Interessen  und  griindlicher  Sach- 
kenntnis  erscheinen  lassen.  In  der  Iyinie  der  Ausgestaltung  ElsaB-Lothringens 
zum  Bundesstaat  liegen  seine  Bestrebungen  der  Heranziehung  der  Eingebo- 
renen  des  Landes  zur  Beamtenlaufbahn.  In  diesem  Sinne  machte  er  in  den 
Jahren  1887,  1889, 1893  und  1894  bemerkenswerte  Ausfuhrungen  im  Landes- 
ausschuB.  Er  verlangte  1887  und  1888,  daB  sich  der  Nachwuchs  der  Beamten- 
schaft  der  inneren  Verwaltung,  der  Justizverwaltung  und  der  Steuerverwal- 
tung  ausschlieBlich  aus  dem  Lande  rekrutiere,  da  die  hierzu  notigen  Krafte 
vorhanden  und  durchaus  geeignet  seien,  bemangelte  1894,  daB  bei  der  Uni- 
versitat  und  Landesbibliothek  nur  wenig  Einheimische  angestellt  seien,  und 
verlangte  1898,  daB  wie  in  den  anderen  deutschen  Landern  grundsatzlich  nur 
einheimische  Beamte  zur  Anstellung  gelangen  sollen.  Fiir  die  Interessen  der 
Beamtenschaft  ist  er  sowohl  im  Reichstag  wie  auch  im  LandesausschuB  stets 
verstandnisvoll  eingetreten. 

Als  ausgezeichnetem  Juristen  —  er  genoB  als  gewissenhafter  An  wait  nicht 
nur  das  voile  Zutrauen  seiner  zahlreichen  Klienten,  sondern  wegen  seines 
vornehmen  Auftretens  und  seiner  wissenschaftlich  hochstehenden  Rechts- 
ausfuhrungen  auch  die  voile  Wertschatzung  der  Richter  und  der  Staats- 
anwaltschaft  —  lagen  ihm  selbstverstandlich  alle  Fragen  des  Rechtes  beson- 
ders  nahe,  und  er  hat  zu  alien  wichtigen  Fragen  dieser  Art  im  LandesausschuB 
das  Wort  genommen  und  stets  die  Aufmerksamkeit  sowohl  der  Abgeordneten 
wie  auch  der  Regierungsvertreter  in  hohem  MaBe  auf  sich  gezogen.  Die  Frage 
der  Notwendigkeit  eines  Verwaltungsgerichts  in  ElsaB-Lothringen,  die  Frage 
der  Schaffung  eines  neuen  Liegenschafts-  und  Hypothekenrechts  unter  Zu- 
grundelegung  von  Grundbiichern  und  die  damit  verbundenen  Vorarbeiten  im 
Katasterwesen,  sowie  die  Vorbereitung  zur  Uberleitung  des  fiir  die  Jahrhun- 
dertwende  in  Kraft  tretenden  neuen  Burgerlichen  Gesetzbuches  f anden  in  ihm 
einen  tatkraftigen  und  sachkundigen  Mitarbeiter  und  Forderer.  In  der  Kom- 
mission  fiir  Justiz,  Kultus  und  Unterricht  war  er  ein  eifriges  und  maBgebendes 
Mitglied.  Es  war  selbstverstandlich,  daB  er  als  Mitglied  des  Oberkonsistoriums 
der  Kirche  »Augsburger  Konfession«  alien  Kultusfragen  das  lebhaf teste  Inter- 


Petri  303 

esse  entgegenbrachte,  dasselbe  gilt  fur  die  Fragen  des  Schulwesens  und  der 
Angelegenheiten  der  Lehrerbesoldung  an  hoheren  und  niederen  Schulen. 

Desgleichen  arbeitete  er  rege  mit  an  den  Verhandlungen  bei  Schaffung  einer 
neuen  Gemeindeordnung  und  des  Gesetzes  betreffend  die  Sparkassen  sowie 
bei  Verkehrsfragen,  wobei  er  lebhaft  ftir  den  Ausbau  des  Eisenbahnnetzes  und 
den  Bau  eines  Kanales  Straflburg — Ludwigshafen  (Pfalz)  eintrat.  Feraer  be- 
miihte  er  sieh  im  Reichstag  lebhaft  um  die  Einfuhrung  der  Gewerbeordnung 
in  ElsaB-Lothringen,  im  LandesausschuB  fiir  den  Neubau  der  Universitats- 
und  Landesbibliothek  in  StraBburg.  Im  Jahre  1892  ubernahm  P.  auf  drin- 
genden  Wunsch  des  Aufsichtsrats  mit  Herrn  Rudolf  Sengenwald  die  Leitung 
der  Aktiengesellschaft  fiir  Boden-  und  Kommunalkredit  in  ElsaB-Lothringen, 
der  angesehenen  Hypothekenpfandbriefbank  des  Landes. 

Im  selben  Jahre  1892  fanden  wieder  Reichstagswahlen  statt.  Neben  P. 
kandidierten  in  StraBburg-Stadt  fiir  die  katholische  Partei  Abbe  Miiller- 
Simonis,  fiir  die  Sozialdemokratie  Bebel.  Diese  Wahl  gab  den  Protestlern  noch 
einmal  Gelegenheit,  gegen  den  wegen  seiner  deutschen  Gesinnung  von  ihnen 
stark  angefeindeten  P.  vorzugehen.  Sie  stellten  zwar  keinen  eigenen  Kan- 
didaten  auf,  gaben  aber  die  Parole  fiir  Bebel  aus.  Es  kam  zur  Stichwahl 
zwischen  P.  und  Bebel,  bei  der  zum  allgemeinen  Erstaunen  Bebel  gewahlt 
wurde.  Die  iiberwiegende  Mehrheit  der  Katholiken  hatte  fiir  Bebel  den  Aus- 
schlag  gegeben,  der  auch  sonst  noch  gewahlt  fiir  StraBburg  annahm. 

Am  18.  Februar  1897  wahlte  der  LandesausschuB  P.  zum  Mitglied  des  Staats- 
rats.  Diese  Korperschaft,  die  neben  einigen  anderen  Funktionen  der  Landes- 
regierung  zur  Vorberatung  von  Gesetzentwiirfen  zur  Seite  stand,  setzte  sich 
aus  einer  Reihe  teils  vom  Kaiser  ernannter,  teils  vom  LandesausschuB  ge- 
wahlter  Mitglieder  zusammen. 

Im  Jahre  1896  war  der  einheimische  Abgeordnete  Baron  Hugo  Zorn  von 
Bulach  (s.  DBJ.  1921,  S.  281  ff.),  der  SproB  eines  alten  elsassischen Geschlechts, 
zum  Unterstaatssekretar  im  Ministerium  fiir  ElsaB-Lothringen  ernannt  und 
mit  der  Leitung  der  Abteilung  fiir  Landwirtschaft  und  offentliche  Arbeiten 
betraut  worden.  Im  Jahre  1898  trat  der  Statthalter  Fiirst  zu  Hohenlohe- 
Langenburg  an  P.  mit  dem  Anerbieten  heran,  als  Unterstaatssekretar  und 
Leiter  der  Abteilung  fiir  Justiz  und  Kultus  in  das  reichslandische  Ministerium 
einzutreten.  Nachdem  P.  zunachst  abgelehnt  hatte,  gab  er  auf  dringende 
Vorstellung  des  Statthalters,  der  namentlich  betonte,  daB  der  Eintritt  eines 
Alt-Elsassers  in  die  reichslandische  Regierung  einem  vom  Kaiser  ausgesproche- 
nen  Wunsche  entsprache,  eine  zusagende  Ant  wort.  P.  legte  sein  Mandat  als 
Mitglied  des  Landesausschusses  nieder,  behielt  aber  sein  Mandat  als  Mitglied 
des  Bezirkstages  des  Unterelsasses  bei. 

Wahrend  P.  bisher  in  der  das  Land  am  starksten  beruhrenden  Frage  der 
Verfassung  und  des  damit  eng  verbundenen  Verhaltnisses  des  Landes  zum 
Reich  im  offentlichen  Leben  eine  fiihrende  Stellung  eingenommen  hatte,  be- 
faBte  er  sich  nun  mit  gewohnter  Arbeitsfreude  und  bestem  Erfolge  mit  den 
Angelegenheiten  seines  Ressorts  und  deren  Vertretung  im  LandesausschuB. 
Seine  Tatigkeit  fiir  die  Weiterentwicklung  der  Verf assungsf rage,  die  er  zweifels- 
ohne,  soweit  es  ihm  sein  EinfluB  in  der  Regierung  gestattete,  weiterverfolgte, 
entzog  sich  der  Offentlichkeit,  da  diese  Angelegenheiten  nach  auBen  ihre  Ver- 
tretung durch  den  jeweiligen  Staatssekretar  fanden. 


304  19*8 

Als  er  seine  Abteilung  ubernahm,  herrschte  darin  Hochbetrieb.  Die  Ein- 
fuhrung  des  neuen  Biirgerlichen  Gesetzbuches  erforderte  eine  Reihe  legislato- 
rischer  und  administrativer  MaBnahmen.  Da,  wo  er  als  Abgeordneter  beratend 
und  fordernd  mitgearbeitet  hatte,  war  er  nun  die  entscheidende  Personlich- 
keit  geworden.  Umgeben  von  einem  Stabe  ausgezeichneter  Juristen,  die  er 
sich  nach  und  nach  auch  selbst  heranzog,  wobei  er  seinen  friiheren  als  Ab- 
geordneter erhobenen  Forderungen  entsprechend  das  einheimische  Element 
stark  beriicksichtigte,  wurde  in  den  nun  folgenden  Jahren  treffliche  Arbeit 
geleistet.  Er  vertrat  die  Vorlagen  seiner  Abteilung  in  den  Kommissionen  und 
dem  Plenum  des  Landesausschusses  mit  Geschick  und  bestem  Erfolg.  Fur  die 
Beamten  der  Justiz  trat  er,  wo  es  notig  und  angebracht  war,  mit  Warme  ein. 
Insbesondere  schiitzte  er  sie  gegen  unbegnindete  Kritik,  und  hat  z.  B.  Angriffe 
des  Abgeordneten  Wetterle",  der  die  Unparteilichkeit  einzelner  Richter  be- 
zweifelte,  mit  aller  Scharfe  und  aller  Entschiedenheit  zuriickgewiesen.  Wahrend 
seiner  Amtsfuhrung  hatte  er  auch  Gelegenheit,  in  Kultusfragen  zu  wichtigen 
Angelegenheiten  Stellung  zu  nehmen  und  Entscheidungen  herbeizufuhren. 
Am  28.  Februar  1899  entwickelte  er  im  LandesausschuB  Gedanken  iiber  Er- 
hebung  einer  Kirchensteuer,  die  er  im  Jahre  1901  bei  der  Beratung  der  Vor- 
lage  iiber  die  Gehalter  der  Geistlichen  weiter  ausspann  und  spater  durch  inter- 
essante  Ausfuhrungen  iiber  das  Verhaltnis  von  Kirche  und  Staat  erganzte. 
Im  Jahre  191 2  nahm  er  Stellung  zum  Entwurf  einer  neuen  Kirchenverfassung 
der  Kirche  »Augsburger  Konfession«,  die  damals  Gegenstand  von  Verhand- 
lungen  zwischen  Regierung  und  Kirchenbehorden  bildete.  Und  endlich  be- 
sprach  er  im  Jahre  191 1  eindringlich  die  Frage  des  i>Culte  des  Morts*  und  des 
»Culte  du  Passed,  Fragen,  die  damals  im  AnschluB  an  die  Tatigkeit  des  » Sou- 
venir francais*  und  der  » Lorraine  Sportive «,  die  Offentlichkeit  stark  erregten. 
Die  Gefahren,  die  er  damals  beruhrte,  haben  sich  leider  spater  verhangnisvolL 
ausgewirkt,  und  es  war  eine  heute  unverstandlich  erscheinende  verhangnis- 
volle  Schwache,  nicht  etwa  nur  der  elsaB-lothringischen  Landesregierung, 
sondern  auch  aller  in  Betracht  kommender  Reichsinstanzen  —  Regierung  und 
Parlament  — ,  daB  derartige  f ranzosische  Propaganda  im  Reichsland  geduldet 
wurde,  die  ihre  Kronung  in  der  Errichtung  der  beiden  franzosischen  Denk- 
maler  in  Noisseville  und  WeiBenburg  gefunden  hat. 

In  den  Verhandlungen  der  Parlamente  bewahrte  er  sich  als  formvollendeter 
Redner  und  gewandter  Debatter,  der  auch  in  der  Hitze  des  Kampfes  niemals 
die  vornehme  Form  vermissen  lieB.  Die  Auseinandersetzungen  mit  den  ihm 
sonderlich  nicht  gewogenen,  im  Grunde  des  Herzens  franzosisch  gesinnten 
Abgeordneten  PreiB  und  Wetterl^  waren  Rededuelle,  bei  denen  mit  Geist 
und  Eleganz  gefochten  wurde.  Das  iiberlegene  Rapier  fuhrte  P.,  wahrend 
PreiB  haufig  massiv  wurde  und  Wetterl£s  Kampfart  zwar  geistreich  war, 
aber  stets  Hinterlist  und  Tiicke  erkennen  lieB. 

Im  Jahre  1906  wurde  P.  Wirklicher  Geheimer  Rat  und  damit  Exzellenz. 
Seine  Freunde  hatten  erwartet,  daB  ihm  dereinst  die  Leitung  des  reichslan- 
dischen  Ministeriums  zufallen  und  ihm  damit  die  Gelegenheit  geboten  wurde, 
seine  staatsmannische  Befahigung  in  groBem  Rahmen  zu  betatigen  und  die 
voile  Gleichstellung  ElsaB-Lothringens  mit  den  deutschen  Bundesstaaten  mit 
seinem  Namen  zu  verkniipfen.  Allerdings  sprach  die  parlamentarische  Kon- 
stellation,  der  wachsende  EinfluB  der  elsaB-lothringischen  Zentrumspartei  und 


Petri 


305 


die  mehr  und  mehr  deutschfreundliche  Einstellung  namhafter  Fiihrer  der- 
selben,  wie  HauB  und  Dr.  Ricklin,  gegen  solche  Erwartungen.  Es  kam  anders. 
Der  Fall  Zabern  steckte  P.s  amtlicher  Laufbahn  ihr  Ziel.  Es  ist  nicht  mog- 
lich,  in  diesen  Ausfiihrungen  naher  auf  diesen  Fall  einzugehen.  Es  sei  nur 
festgestellt,  daB  mit  verschwindend  wenigen  Ausnahmen  die  gesamte  offent- 
liche  Meinung  des  Landes,  insbesondere  die  deutschgesinnten  ElsaB-Lothringer 
und  ihre  Fiihrer  und  die  Beamtenschaft  hinter  dem  Statthalter  und  dem 
reichslandischen  Ministerium  standen,  wahrend  allerdings  Manner  wie  Martin 
Spahn,  Theobald  Ziegler  und  auch  Friedrich  Lienhard  anders  dachten.  Mit 
der  Desavouierung  dieser  Stellen  durch  den  Kaiser  war  die  Stellung  des  Statt- 
halters  und  der  beteiligten  Beamten,  des  Staatssekretars  Baron  Zorn  von 
Bulach  und  des  Leiters  der  Abteilung  des  Innern,  Unterstaatssekretars 
Mandel,  unhaltbar  geworden.  Der  Chef  der  Justizabteilung,  P.,  wurde  erst 
beteiligt,  als  von  militarischer  Seite  Angriffe  gegen  hohere  Justizbeamte  von 
Zabern  unternommen  wurden.  In  seiner  letzten  Parlamentsrede,  am  14.  Ja- 
nuar  1914,  trat  er  im  LandesausschuB  warm  fiir  die  Unabhangigkeit  der  Ge- 
richte  und  die  Unversehrtheit  des  Verfassungsstaates  ein,  wofiir  ihm  der 
Fiihrer  der  Zentrumspartei,  HauB,  unter  lebhaftem  Beifall  des  ganzen  Hauses 
Dank  und  Anerkennung  aussprach.  Er  zog  alsdann  die  Konsequenzen  aus 
dieser  Stellungnahme  und  nahm  mit  seinen  Kollegen  den  Abschied.  Dieser 
Schritt  in  diesem  Augenblick  gemacht,  ist  von  vielen  Deutschen,  namentlich 
solchen  alldeutscher  Richtung,  scharf  getadelt,  von  anderen,  namentlich  von 
Elsassern,  warm  begriiBt,  von  den  meisten  aber,  was  die  inneren  Beweggriinde 
anbelangt,  miBverstanden  worden.  Es  war  kein  Abriicken  vom  Deutschtum, 
fiir  das  er  stets  eingetreten  war,  keine  Konzession  an  den  Teil  des  Elsasser- 
tums,  der  mit  franzosischen  Sympathien  spielte,  sondern  fiir  ihn  war  das 
beinahe  zu  Instinkt  gewordene  Gefuhl  maBgebend,  daB  er  kraft  seines  Amtes 
zur  unbedingten  Verteidigung  und  Wahrung  des  Gedankens  der  Unabhangig- 
keit der  Rechtspflege  sich  riickhaltlos  einzusetzen  verpflichtet  sei,  selbst  auf 
die  Gefahr  hin,  daB,  wie  es  tatsachlich  auch  geschah,  seine  AuBerungen  an 
hochster  Stelle  miBdeutet  wurden.  Mit  seinem  Deutschtum  hatten  diese  ganzen 
Vorgange  nichts  zu  tun,  und  auch  der  im  Ruhestand  lebende  Privatmann 
hat  seine  deutsche  Gesinnung  niemals  geandert. 

In  den  16  Jahren,  in  denen  P.  die  Abteilung  fiir  Justiz  und  Kultus  leitete, 
standen  die  Staatssekretare  v.  Puttkamer,  v.  Koeller  und  Baron  Zorn  von 
Bulach  nacheinander  an  der  Spitze  des  reichslandischen  Ministeriums,  wahrend 
die  Statthalterschaft  in  dieser  Periode  in  den  Handen  des  Fiirsten  Hohenlohe- 
Langenburg  und  des  Grafen,  nachmaligen  Fiirsten  Wedel  (s.  unten  S.  475  ff .)  lag. 
Es  kann  hier  nicht  die  Aufgabe  sein,  auf  diese  Personlichkeiten  und  ihr  Wirken 
naher  einzugehen,  es  sei  nur  festgestellt,  daB  P.  mit  v.  Puttkamer  trefflich 
harmonierte,  und  nicht  nur  bezuglich  seines  engeren  Ressorts,  sondern  auch 
in  den  groBen  politischen  Angelegenheiten  EinfluB  iiben  konnte,  wahrend 
v.  Koeller  diese  letzteren  vollstandig  in  seiner  Hand  hielt  und  nicht  nur 
seinen  Mitarbeitern  wenig  EinfluB  auf  sie  zulieB,  sondern  auch  dem  Statt- 
halter, Fiirsten  Hohenlohe,  gegeniiber  seine  Ansichten  durchsetzte.  GroBer 
war  P.s  EinfluB  wieder  unter  Baron  Bulach,  obwohl  es  auch  da  nicht  sehr 
einfach  war,  durchzudringen,  da  Baron  Bulach  die  groBe  staatsmannische 
Linie  in  seiner  Amtsfiihrung  fehlte.  Bei  beiden  Statthaltern  war  P.  hoch  an- 


r\r»r    orv 


306  1918 

gesehen  und  geschatzt,  und  war  auch  in  der  Lage,  seine  Ansichten  mit  Erfolg 
zu  vertreten. 

Im  Reichstag  hatte  sich  P.  der  nationalliberalen  Partei  angeschlossen,  in 
ElsaB-Lothringen  hatte  er  dem  Kreise  der  Autonomisten  angehort,  schloB  sich 
spater  bei  Griindung  der  Parteien  im  Lande  im  Hinblick  auf  sein  hohes  Staats- 
amt  keiner  Partei  an,  stand  aber  der  liberalen  Landespartei  nahe,  mit  deren 
Mitbegrunder  und  erstem  Fiihrer  ihn  freundschaftliche  Gesinnimg  und  ge- 
meinsame  Weltanschauung  verbanden.  Er  war  einer  der  Manner,  die  bei  un- 
bedingt  nationaler  und  vaterlandischer  Gesinnung  ebenso  entschieden  frei- 
heitlich  gerichtet  waren,  und  hat  aus  diesen  freiheitlichen  Anschauungen  nie 
ein  Hehl  gemacht. 

Die  Beurteilung,  die  P.  wahrend  seiner  politischen  Laufbahn  erfahren  hat, 
war  stark  von  den  widerspruchsvollen,  an  MiBverstandnissen  reichen  Stim- 
mungen,  die  fiir  die  deutsche  Zeit  in  ElsaB-I^othringen  charakteristisch  waren, 
beeinfluBt.  Von  vielen  Elsassern  der  oberen  Burgerschicht  wurde  ihm  sein 
Deutschtum,  noch  mehr  sein  offenes  Eintreten  fiir  die  deutsche  Sache,  ver- 
iibelt.  Vielen  Altdeutschen  war  er  nicht  deutsch  genug.  Die  altelsassischen 
deutschgesinnten  Fuhrer  hatten  eben  standig  einen  Kampf  gegen  zwei  Fronten 
zu  fuhren.  P.  ist  sich  stets  seines  Deutschtums  so  sicher  gewesen,  daB  er  es 
unter  seiner  Wiirde  hielt,  AuBerlichkeiten  angstlich  zu  vermeiden,  die  man- 
chem  altdeutschen  Gegner  willkommene  Angriffspunkte  boten.  Er  behielt  stets 
seine  elsassischen  Lebensgewohnheiten  bei  und  scheute  sich  nicht,  im  Kreise 
seiner  Familie  sich  auch  der  f  ranzosischen  Sprache  zu  bedienen.  Sein  Bestreben 
war  eine  Versohnung  und  Ausgleich  zwischen  den  altelsassischen  und  den 
altdeutschen  Elementen  herbeizufuhren.  Die  Spuren,  die  die  lange  Zugehorig- 
keit  Elsafi'-I/Othringens  zu  Frankreich  unverkennbar  hinterlassen  hat,  betrach- 
tete  er  als  einen  gewissen  Partikularismus,  dessen  Auspragung  dem  Elsasser 
nicht  in  hoherem  MaJ3e  veriibelt  werden  durfte,  wie  eigenbrotlerische  Ten- 
denzen  bei  anderen  deutschen  Volksstammen. 

P.  war  nach  seinem  Ausscheiden  aus  dem  Amte  nicht  etwa  verbittert.  Er, 
der  in  seiner  Stellung  nie  uberheblich  geworden,  sondern  mit  einer  naturlichen 
Wiirde  der  anspruchslose,  bescheidene  Mensch  geblieben  war,  der  er  stets  ge- 
wesen, trat  in  voller  Selbstverstandlichkeit  wieder  in  die  Reihe  der  Burger 
zuriick,  aus  der  er  gekommen  war,  und  lebte  heiter  und  zufrieden  im  Kreise 
seiner  Familie.  Sein  Familienleben  war  stets  musterhaft  und  glucklich  ge- 
wesen, das  einfache,  aber  doch  sichere  und  vornehme  Leben  einer  alten  guten 
elsassischen  Familie.  Zwei  Kinder  waren  der  Ehe  mit  seiner  treuen  L,ebens- 
gefahrtin  entsprossen,  ein  Sohn,  der  in  der  Verwaltungslaufbahn  des  inneren 
Dienstes  Kreisdirektor  in  Schlettstadt  geworden  war,  und  eine  Tochter,  die 
Gattin  des  letzten  deutschen  Bezirksprasidenten  in  Strafiburg,  Pauli.  Er  liebte 
die  Natur  und  pflegte  auch  wahrend  seiner  amtlichen  Zeit  die  Sonntage  zu 
Tagesausflugen  in  die  Vogesen  zu  benutzen,  wobei  er  stundenlang  durch  die 
schonen  Walder  iiber  Berg  und  Tal  wanderte. 

So  traf  ihn  der  Weltkrieg.  Nun  war  er  der  Meinung,  dafl  die  Zeit  des  Schwan- 
kens  endgiiltig  zu  Ende  sein,  daB  sich  jeder  ElsaB-Lothringer  nun  voll  und 
ganz  zum  Deutschtum  bekennen  niusse.  Er  stellte  sich  zum  Zwecke  der  Kriegs- 
hilfe  zur  Verfiigung  und  war  stolz  auf  die  groBen  Erfolge  der  deutschen  Waff  en. 
Wahrend  des  Krieges  erfolgte  seine  Berufung  in  die  Erste  Kammer  des  elsaB- 


Petri.  Richthofen  307 

lothringischen  Landtags,  die  er  personlich  schon  bei  seinem  Ausscheiden  aus 
dem  Amte  erwartet  hatte  und  deren  Vorenthaltung  wohl  auf  Treibereien 
alldeutscher  Gegner  zuriickzuf iihren  war.  In  der  » Strafiburger  Gesellschaf t  fur 
deutsche  Kultur*  traf  er  sich  mit  Freunden  und  Gesinnungsgenossen  zu  offener 
Aussprache  iiber  die  gewaltigen  Ereignisse  der  schweren  Kriegslage.  Schwer 
traf  ihn  dann  der  Zusammenbruch  der  deutschen  Sache  und  damit  die  Er- 
kenntnis,  daJ3  Frankreich  Elsafl-Lothringen  wieder  an  sich  ziehen,  daB  Elsafi- 
Lothringen  Deutschland  verloren  sein  werde. 

Als  der  Waffenstillstand  abgeschlossen  war  und  es  feststand,  daJ3  die  Fran- 
zosen  das  Land  bald  besetzen  wiirden,  schien  er  zuerst  entschlossen  zu  sein, 
es  freiwillig  zu  verlassen  wie  viele  seiner  deutschgesinnten  Landsleute.  Dann 
entschied  er  sich  aber  doch,  zu  bleiben.  Die  Warnung  eines  Freundes  vor 
drohenden  Unbilden  durch  die  Franzosen  beantwortete  er  mit  den  Worten: 
»Was  wollen  die  Franzosen  mir  eigentlich  machen  ?  «  Die  Franzosen  machten 
ihm  aber  doch,  wie  befiirchtet,  das  Leben  unertraglich,  er  wurde  in  schirnpf- 
licher  Weise  von  dem  Pobel  belastigt  und  endlich  von  der  franzosischen  Re- 
gierung  aufgefordert,  das  Land  zu  verlassen.  Er,  der  stets  hilfreich  sich  jedem 
seiner  Landsleute  zur  Verfugung  gestellt  hatte,  insbesondere  auch  wahrend 
des  Krieges,  fand  niemanden,  der  ihn  geschtitzt  hatte.  Fiirwahr,  ein  trauriger 
Undank.  Schon  stark  erkaltet,  verlieB  er  die  Heimat  und  zog  iiber  die  Rhein- 
briicke  nach  Kehl.  Eine  Lungenentztindung,  verbunden  mit  Herzlahmung, 
raffte  ihn  wenige  Tage  nachher,  am  n.  Dezember  1918,  daselbst  dahin.  Seine 
Hoffnung,  sein  Heimatland  in  spaterer  Zeit  wiederzusehen,  sollte  sich  nicht 
erfiillen. 

An  seiner  Bahre  stand  nur  ein  Teil  der  nachsten  Angehorigen,  die  anderen 
hatten  die  Umstande  dieser  schweren  Zeit  daran  gehindert.  So  starb  P.  mitten 
im  schlimmsten  Chaos  des  Zusammenbruchs.  Kein  Lichtblick  zeigte  sich  ihm 
fur  die  Zukunft.  Was  er  leidenschaftlich  in  zaher  Arbeit  erstrebt,  schien  ihm 
verloren.  Undank  bei  seinen  Landsleuten  in  der  Heimat,  bis  in  die  Fugen  in 
seinem  Bestande  erschiittert  das  Deutsche  Reich,  sein  geliebtes  Vaterland. 
Fiirwahr,  eine  schwere  Tragik  des  Schicksals. 

Und  doch,  die  Zeit  wird  kommen,  und  sie  naht  schon  heran,  da  wird  in 
der  alten  Heimat  sein  Lebenswerk  anerkannt  und  sein  Name  in  dankbarer 
Erinnerung  hochgehalten  werden.  Das  deutsche  Volk  aber  wird  in  ihm  einen 
Mann  ehren,  der  die  Arbeit  eines  ganzen  Lebens  darangesetzt  hat,  deutsches 
Land  und  deutsches  Volk  der  Gesamtheit  des  deutschen  Volkes  wieder  nahe- 
zubringen  und  innerlich  zu  verbinden. 

Literatur:  Verhandlungen  des  Bezirkstages  des  UnterelsaB.  —  Verhandlungen  des 
Landesausschusses  fiir  ElsaC-Lothringen.  —  Verhandlungen  des  Deutschen  Reichstags. — 
Bronner:  Die  Verfassungsbestrebungen  des  landesausschusses  fiir  Elsafi-Lothringen 
(1890 — 191 1).  —  Aufzeichnungen  der  Familie  P.s. 

Stuttgart.  Adolf  Goetz. 

Richthofen,  Manfred  Freiherr  v.,  Rittmeister  und  Kommandeur  des  Jagd- 
geschwaders  Freiherr  v.  Richthofen  (Konigl.  Preui3.)  Nr.  1,  *  am  2.  Mai  1892 
in  Breslau,  gef alien  nach  Luftkampf  an  der  Westfront  am  21.  April  1918.  — 
Als  R.  geboren  wurde,  stand  sein  Vater  als  Major  bei  den  Leibkurassieren  in 
Breslau.  Nachdem  er  kurze  Zeit  die  Schule  in  Schweidnitz  besucht  hatte,  wurde 


308  1918 

er  als  Kadett  in  Wahlstatt  und  L,ichterfelde  1903  bis  191 1  erzogen.  Im  No- 
vember 1912  wurde  er  Leutnant  im  Ulanenregiment  Nr.  1  (»  Kaiser  Alexan- 
der III.«)  in  Militsch.  R.  wurzelte  also  ganz  in  schlesischem  Boden.  Seine 
Vorfahren  hatten  durchweg  auf  der  Scholle  gesessen,  auch  ihre  Frauen  gehorten 
dem  schlesischen  Adel  an.  Freude  am  Landleben  und  vor  allem  heiBe  Leiden- 
schaft  zum  Weidwerk  zeichnete  sie  alle  aus.  Und  so  ist  Manfred  R.  ein  echter 
Landedelmann,  gesund  und  frisch,  mit  hellen,  scharfen  Augen  und  blitzenden 
Zahnen,  ein  Naturkind,  ein  Jager  mit  sicherem  Falkenauge  und  nie  fehlender 
Hand.  Interessen  und  Ehrgeiz  auf  anderen  Gebieten  kannte  er  kaum.  Ware 
der  Krieg  nicht  gewesen,  er  hatte  sich  als  Rittmeister  oder  Major  auf  sein 
Gut  gesetzt  und  hatte  nie  die  Welt  mit  seinem  Ruhme  gefullt.  So  aber  hat 
ihm  Pflichttreue,  Mannesmut  und  Kampfes-  und  Jagdlust,  gepaart  mit  seinen 
hervorragenden  physischen  Eigenschaften,  den  unsterblichen  Ruhmeskranz 
hochsten  Heldentums  gebracht.  R.  steht  mit  der  hohen  Zahl  von  achtzig  an- 
erkannten  Luftsiegen  an  der  Spitze  der  deutschen  Jagdflieger.  Es  darf  hierbei 
allerdings  nicht  vergessen  werden,  daB  R.  ohne  die  Schule  des  Altmeisters 
Boelcke  (s.  DBJ.  1914 — 1916,  S.  185)  nicht  zu  seinen  Taten  hatte  kommen 
konnen ;  er  setzte  Boelckes  Werk  fort  und  hat  ihn  nur  in  der  Zahl  seiner  Luf  t- 
siege  ubertroffen.  R.  sagte  selbst  einmal:  »Wenn  Boelcke  noch  lebte,  so  hatte 
er  weit  iiber  hundert  Gegner  abgeschossen. « 

Den  Anfang  des  Krieges  erlebte  R.  als  Kavallerist.  Mit  seinem  Ulanen- 
regiment ging  er  zunachst  iiber  die  russische  Grenze,  dann  aber  bald  auch 
nach  Frankreich  hinein.  Als  der  Bewegungskrieg  zum  Stellungskrieg  erstarrt 
war,  litt  es  den  Unternehmungslustigen  nicht  im  Schiitzengraben.  Er  meldete 
sich  im  Mai  1915  zur  Fliegertruppe.  Da  er  befiirchtete,  die  Ausbildung  zum 
Flugzeugfuhrer  wiirde  zu  lange  dauern,  und  der  Krieg  inzwischen  beendet 
sein,  lieB  er  sich  zum  Beobachter  ausbilden.  Seine  ersten  Feindfliige  machte 
er  im  Osten.  Sein  Flugzeugfuhrer  war  damals  der  bekannte  Herrenreiter  Graf 
Hoick,  der  spater  auch  als  Jagdflieger  fiel.  Im  August  1915  wurde  R.  an  die 
Westfront  versetzt.  In  Ostende  flog  er  bei  dem  erstmalig  als  Bombengeschwader 
zusammengestellten  Verband,  der  den  Namen  B.A.O.  ( Brief tauben-Abteilung- 
Ostende)  trug,  auf  einem  GroBkampfflugzeug.  Es  war  damals  eine  verhaltnis- 
mafiig  geringe  Flugtatigkeit  auf  beiden  Seiten  der  Linien,  so  daB  eigentlicher 
Luftkampf  oder  gar  AbschuB  seiten  war.  Nur  einer  hatte  es  verstanden,  sich 
mit  einer  kleinen,  leichten  Maschine  an  den  Gegner  heranzupirschen  und 
bereits  auf  diese  Weise  eine  Reihe  von  Luftsiegen  zu  erringen.  Das  war  Boelcke, 
der  Begriinder  der  Jagdfliegerei.  Zu  ihm  fiihlte  sich  R.  machtig  hingezogen, 
er  bewunderte  ihn  und  versuchte,  es  ihm  gleichzutun.  Dazu  muBte  R.  sich 
zunachst  erst  einmal  zum  Flugzeugfuhrer  ausbilden  lassen.  Sein  grofier  Wunsch 
ging  in  Erfullung:  im  September  1916  wurde  er  zu  Boelckes  Jagdstaffel  ver- 
setzt. R.  nennt  ihn  in  seinen  Frontberichten  in  ehrfurchtiger  Bewunderung 
nur  »den  groBen  Mann«.  Nur  wenige  Monate  hat  er  unter  Boelckes  Fuhrung 
gekampft,  da  setzte  ein  ungliicklicher  Zufall  Boelckes  Siegeslaufbahn  ein  Ende. 
R.,  damals  noch  ein  Unbekannter,  trat  sein  Erbe  an  und  hat  es  tapfer  und 
treu  verwaltet.  Sehr  schnell  geht  nun  R.s  Siegeszug.  Um  die  Jahreswende 
1916/17  steht  er  bereits  der  AbschuBzahl  nach  an  der  Spitze  der  deutschen 
Jagdflieger,  erhalt  den  Orden  Pour  le  merite  und  bekommt  eine  eigene  Jagd- 
staffel, die  Jagdstaffel  Nr.  11.  In  derselben  Art,  wie  er  es  bei  Boelcke  sah, 


Richthofen.  Rosegger  309 

sucht  er  sich  seine  Mitkampfer  aus  und  lehrt  sie  die  Regeln  des  Luftkampfes. 
Bald  ist  er  mit  seiner  Schar  der  Schrecken  aller  L,uftgegner  an  der  Westfront, 
die  ihn  nach  der  Farbe  seines  Flugzeugs  den  »roten  Teufel«  nennen. 

Fast  atemlos  folgt  das  ganze  Volk  in  der  Heimat  den  wachsenden  Sieges- 
ziffern  R.s,  die  Abend  fiir  Abend  der  Heeresbericht  meldet.  Im  April  1917 
steigt  die  AbschuBziffer  iiber  das  halbe  Hundert.  R.  wird  vom  Kaiser  zum 
Oberleutnant  und  kurz  danach  schon  zum  Rittmeister  befordert,  wird  ins 
Hauptquartier  zur  personlichen  Vorstellung  befohlen.  Von  da  ab  ist  er  nicht 
nur  der  Fliegerheros,  sondern  der  Heros  des  deutschen  Kampfers  iiberhaupt. 
Hindenburg  nennt  ihn  das  »Vorbild  jeden  deutschen  Jiinglings«  und  Luden- 
dorff  bezeichnet  ihn  als  die  »Verkorperung  des  deutschen  Angriffsgeistes*. 
Leichtere  Verwundungen  vermochten  R.  nicht  lange  der  Front  fernzuhalten. 
Er  haufte  Sieg  auf  Sieg.  Mit  banger  Spannung  sah  das  ganze  Volk  auf  zu  seinem 
Helden  in  steter  Besorgnis:  »Wann  wird  auch  diesen  unbesiegbar  scheinenden 
Helden  sein  Schicksal  ereilen  ? « 

Kurze  Urlaubstage  verbrachte  er  daheim,  auf  Einladung  deutscher  Fiirsten 
seiner  Lieblingsbeschaftigung,  der  Jagd,  nachzugehen. 

Als  der  Angriffsgeist  des  deutschen  Heeres  sich  zum  letztenmal  in  ganz 
groBer,  jeden  Widerstand  brechender  Form  zeigte,  im  Marz  1918,  riB  R.  an 
der  Spitze  des  Gesch  waders,  das  dam  als  bereits  auf  Allerhochste  Kabinetts- 
order  seinen  Namen  trug,  die  gesamten  deutschen  Luftstreitkrafte  und  durch 
sein  Wirken  auch  alle  anderen  erdgebundenen  Formationen  mit  sich  zum 
Siege.  Noch  hatte  sich  das  deutsche  Schicksal  nicht  entschieden,  noch  war 
das  Gliick  bei  den  deutschen  Fahnen;  R.s  AbschuBziffer  war  bereits  auf  die 
unerhorte  Zahl  achtzig  gestiegen,  als  ein  jaher  Tod  dieser  beispiellosen  Lauf- 
bahn  ein  Ende  setzte. 

Am  21.  April  1918,  nachmittags,  kehrte  R.  von  einem  Feindflug  nicht  mehr 
zuriick.  Seine  Kameraden,  die  ihn  begleitet  hatten,  konnten  keine  bestimmten 
Angaben  iiber  seinen  Verbleib  machen.  Englische  Meldungen  brachten  die 
GewiBheit  von  seinem  Tod.  Uber  den  genauen  Hergang  der  Ereignisse,  die 
zu  seinem  Tode  fiihrten,  ist  nie  etwas  ganz  Sicheres  zu  erfahren  gewesen. 
So  ruht  iiber  den  Ausgang  dieses  Heldenlebens  ein  unheimliches  Dunkel. 

R.  hatte  seinem  groBen  Vorbild  Boelcke  das  voraus,  daB  ihm  eine  langere 
Zeit  fiir  seine  Siegeslaufbahn  vergonnt  war.  So  ist  sein  Name  schon  fast 
mythisch  geworden  wie  Siegfrieds  Name.  Nicht  seiner  eigenen  Generation 
allein  wird  er  als  die  Verkorperung  unbeugsamen  deutschen  Siegeswillens 
gelten. 

Literatur:  Richthofen,  Ein  Heldenleben.  Berlin  1920. 

Berlin.  Hermann  Dahlmann. 

Rosegger,  Peter,  Dichter,  *am  31.  Juli  1843  zu  Alpel  bei  Krieglach  in  der 
Steiermark,  f  26.  Juni  1918  in  Krieglach. —  Peter  R.s  Vorfahren  waren  Bauern. 
Das  Geschlecht  saB  in  den  steirischen  Fischbacher  Alpen  zwischen  Semmering  und 
Mur,  Wechsel  und  Hochschwab.  Die  waldumrauschten  Hohen  des  Miirztales, 
ostlich  von  Krieglach,  waren  des  Waldbauernbuben  unvergeBliche  Heimat. 
Dort  liegt  der  Teufelsstein.  Einer  seiner  Vorberge  heiBt  das  Rossegg.  Da 
breitet  sich  oberhalb  St.  Kathrein  am  Hauenstein  der  Bauernhof  der  GroB- 


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Rossegger,  der  1405  beurkundet  ist.  Aber  schon  im  13.  Jahrhundert,  noch 
vor  Rudolf  von  Habsburg,  ist  ein  »her  Ulreich  der  Rosseker«  bekannt,  der, 
ein  Kleinadliger,  im  silbernen  Schild  ein  rotgezaumtes  schwarzes  Rossel  mit 
Egge  und  Dreschflegel  als  Wappen  fiihrte,  vielleicht  der  Urahne  des  Dichters. 
Auch  im  Herzen  der  Waldheimat,  im  Kluppenegg,  hausten  bereits  am  Aus- 
gang  des  15.  Jahrhunderts  Rossegger,  1691  setzte  sich  hier  der  jiingere  Sohn 
des  GroB-Rosseggers  fest,  der  Stammvater  der  Linie.  Das  war  der  »obere 
Kluppenegger«,  wahrend  der  untere  Kluppeneggerhof  vom  UrgroBvater  des 
Dichters,  Joseph,  erheiratet  wurde.  Der  Hof  bildete  friiher  »eine  Art  Dorf- 
gruppe  von  Gebauden«,  die  heute  verwahrlost  und  zerf alien  sind.  Der  Erbe 
des  Hofes  war  Lorenz  Rossegger,  1814 — 1896,  der  1842  Maria  Rossegger  (1818 
bis  1872)  ehelichte.  Sie  war  gleichen  Namens,  aber  kaum  eine  Verwandte. 
Das  waren  die  Eltern  des  Dichters.  Der  Vater  ein  Traumer,  weltfremd,  tief 
religios,  aber  von  der  Eigenart  bauerlichen  Spintisierens.  Die  Mutter,  Tochter 
eines  Kohlenbrenners  und  Schulmeisters,  liederfroh  und  marchenreich,  lesens- 
kundig  und  giitig.  Vom  Vater  bekam  der  Sohn  die  sittlichen  Charakter- 
anlagen,  von  der  Mutter  die  plauderhafte  Art  des  Geistes,  der  alles  Erlebnis 
und  Erzahlung  wird.  Derbes  strotzendes  Bauerntum  lag  ihm  von  keinem  der 
Eltern  im  Blute.  Auch  sie  waren  den  Stiirmen  der  andringenden  Not  nicht 
gewachsen.  Ein  Hagelschlag  verheerte  ihren  Wohlstand  und  1868  ging  der 
Hof  in  fremde  Hande  uber. 

Am  1.  Juli  1843  wurde  der  alteste  Sohn  des  Paares  in  der  Kirche  zu  Krieg- 
lach  getauft  und  erhielt  vom  Kalenderfest  den  Namen  Petri  Kettenfeier. 
Ein  schwachliches  Kind,  lebte  er  alle  Schonheiten  und  Seltsamkeiten  seiner 
Waldheimat  durch.  Waldesrauschen,  unberiihrte  Natur,  Bergsegen  und  Blicke 
in  die  Weite,  aber  auch  merkwiirdige  Gestalten  trifft  er  auf  seinen  Jugend- 
wegen,  Kohler,  Wildschtitzen,  Holzfaller,  Wurzelgraber,  Pechschaber  und 
sonderbare  Weiblein.  So  gestaltet  sich  die  Friihzeit  als  ein  Sammeln  uner- 
schopflichen  Reichtums  an  Gesehenem  und  Erlauschtem,  Erlebtem  und  Er- 
fahrenem.  Die  scharfe  Beobachtungsgabe  lag  ihm  von  der  Mutter  im  Blut, 
vom  Vater  die  humorvoll-uberlegene  Betrachtung  der  uberkommenen  Ein- 
driicke. 

1848  bis  1854  besuchte  Peter  R.  die  Schule  bei  Michel  Patterer.  Der  hatte  im 
Sturm jahr  wegen  freisinniger  AuBerungen  seine  Lehrstelle  in  St.  Kathrein 
eingebuBt  und  war  darum  nach  Alpel  gezogen,  wo  er  zuerst  bei  den  Bauern 
reihweis  unterrichtete,  bis  schlieBlich  der  Gutsbesitzer  Baron  SeBler-Herzinger 
die  Schule  in  seinem  Forsthause  unterbrachte.  Der  Junge  tat  sich  mit  dem 
Rechnen  schwer,  im  Auslegen  des  Evangeliums  aber  war  er  der  beste.  Nun 
beginnt  er  zu  lesen.  P.  Kochems  »Iyebensbeschreibung  Jesu  Christi«,  vor  allem 
aber  die  »Historische  Volksbilderbibel «  von  dem  Franziskaner  Aloys  Adalbert 
Waibel,  1839,  hatten  es  ihm  angetan.  Dann  fiel  ihm  1856  der  Volkskalender 
von  Joh.  Nep.  Vogl  und  1858  der  von  Karl  August  Silberstein  in  die  Hande. 
Und  nun  sucht  er  nachzuahmen  und  nachzubilden.  Hier  liegen  die  Wurzeln 
zum  »Heimgarten«  und  zu  »INRI«.  Er  schreibt  selbst  Kalender,  illustriert 
sie  und  leiht  sie  gegen  kleines  Entgelt  weiter.  Eine  Lebensbeschreibung  des 
heiligen  Joachim  war  vorausgegangen,  eine  Schrift  »Freue  dich  des  Lebens« 
verkorpert  schon  den  didaktischen  Zug  in  R.  Ein  »  Kalender  fur  Zeit  und  Ewig- 
keit«,  i860 — 1862,  bringt  es  gar  auf  drei  Jahrgange  (spater  gab  R.  wirklich 


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einen  Kalender  »Das  neue  Jahr«,  1872 — 1880,  heraus).  Daneben  entsteht  eine 
Sammlung  von  Predigten  und  eine  Wochenschrif t :  »Die  Welt«.  Durch  seinen 
Landsmann  Urban  Offenluger,  der  in  Graz  Theologie  studiert,  wird  er  mit 
Schillers  und  Lessings  Werken  bekannt,  unter  Offenlugers  Buchern  trifft  er 
auf  Lehrbucher,  Volksbiicher,  Reiseschilderungen  und  Biographien,  die  er  mit 
HeiBhunger  verschlingt. 

Mittlerweile  sollte  sich  R.s  aufleres  Schicksal  entscheiden.  Zu  schwach  fur 
die  Bauernarbeit,  wird  er  fur  den  geistlichen  Stand  bestimmt.  Aber  die  Auf- 
nahme  ins  Grazer  Seminar  miBlingt.  Beim  Dechant  in  Birkfeld,  der  den  Jungen 
fur  das  Studium  vorbereiten  soil,  halt  er  es  vor  Heimweh  nicht  aus.  So  kommt 
er  i860  zum  Schneidermeister  Ignaz  Orthofer  nach  St.  Kathrein  in  die  Lehre, 
vier  Jahre  lang.  Beim  Herumwandern  »auf  der  Stor«  weitet  sich  sein  Gesichts- 
kreis,  er  lernt  Menschen  kennen  und  ihre  Umgebung,  und  nun  erwacht  in 
ihm  auch  der  Dichter.  Seine  Zuhorerin  und  Vertraute  wird  die  friih  erblindete 
Wirtstochter  Julie  von  Sommerstorff,  die  eine  ungewohnliche  Bildung  besaB 
und  sich  gern  vorlesen  lieB.  Dann  die  Familie  des  Schullehrers,  Mesners  und 
Kramers  Karl  Haselgraber  in  St.  Kathrein,  fur  sie  bestimmte  R.  alles,  was 
er  an  Erzahlungen,  Dramen,  Bekenntnissen  und  Betrachtungen  schuf.  Hier 
las  man  die  Grazer  »Tagespost«,  an  die  R.  1864  Gedichte  zur  Beurteilung 
einsandte.  Das  brachte  die  groBe  Wendung.  Dr.  Adalbert  Svoboda  war  der 
Leiter  des  Blattes,  die  Sendung  R.s  gelangt  in  seine  Hande,  er  macht  am 
13.  Dezember  1864  in  einem  Feuilleton:  »Ein  steirischer  Volksdichter«,  auf 
R.  aufmerksam  und  wirbt  Gonner,  die  dem  jungen  Mann  Bildungsmoglich- 
keiten  und  ein  besseres  Auskommen  verschaffen  sollen.  Zunachst  kommt  R. 
zum  Buchhandler  Giontini  nach  Laibach,  aber  wieder  vertreibt  ihn  das  Heim- 
weh. Er  kehrt  nach  Graz  zuruck,  entmutigt  und  hoffnungslos.  Da  nimmt  sich 
seiner  der  Religionslehrer  der  Grazer  Handelsakademie,  der  Priester  und 
Astronom  Rudolf  Falb  an,  ein  Obersteirer,  der  ihm  Naturerscheinungen  er- 
klart,  ihm  in  Grazer  Familien  Eingang  verschafft  und  Freikarten  fur  das 
Theater  vermittelt.  Er  hat  R.  bei  dem  schwierigen  tJbergang  vom  Land  in  die 
Stadt  gerettet.  Im  Sommer  1865  bringt  er  ihn  in  die  zweite  Klasse  der  Handels- 
akademie, ihn  den  Einundzwanzigjahrigen.  Svoboda  und  Peter  Reinighaus 
unterstiitzen  ihn,  Franz  Dawidowsky,  zweiter  Leiter  der  Anstalt,  verschafft 
ihm  einen  Freiplatz  in  seinem  Schulerheim.  Das  Studium  fallt  ihm  schwer, 
aber  es  war  doch  eine  Bereicherung  und  Erweiterung  damit  verbunden.  Wieder 
verfaBt  R.  eine  selbstgeschriebene  Wochenschrif t :  »Der  Akademiker«.  Und 
nun  dringt  er  in  seiner  Lektiire  iiber  August  Silberstein  und  Berthold  Auer- 
bach  zu  Adalbert  Stifter  vor  und  hat  damit  einen  Wesensgleichen  gefunden. 
Als  er  1869  seinen  unregelmaBigen  Studiengang  vollendete,  waren  schon  die 
ersten  Dorfgeschichten  und  Mund  art  gedichte  in  verschiedenen  Zeitungen  und 
Zeitschriften  im  Druck  erschienen:  in  der  Grazer  »Tagespost«,  in  der  »Oster- 
reichischen  Gartenlaube«,  im  Gmundner  »Wochenblatt«,  in  Sibersteins  »Volks- 
kalender«. 

1868  hatte  er  Robert  Hamerling  kennengelernt.  Dieser  wahlte  aus  dem 
Vorrat  von  R.s  Dichtungen  aus  und  gab  sie  mit  einem  Vorwort  ver- 
sehen  unter  dem  Titel  » Zither  und  Hackbrett«  heraus  (1869).  ^s  waren  Ge- 
dichte in  obersteirischer  Mundart.  Schon  1864  hatte  R.  fiir  den  volkstiim- 
lichen  Steirer  Musiker  Jakob  Eduard  Schmolzer,  den  SchloBverwalter  in  Ober- 


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kindsberg,  »Volkslieder  aus  der  Steiermark*  zusammengetragen,  die  1871  noch- 
mals  mit  der  Vertonung  von  Richard  Heuberger  erschienen.  Jetzt  schlieBt 
er  in  seinen  Versen  ans  Volkslied  an:  keck,  lustig,  frisch,  mit  feiner  Unter- 
scheidung  von  Mundart  und  Schriftsprache  quellen  die  Lieder  hervor.  Ein 
epischer  Band  »Tannenharz  und  Fichtennadeln «  (1869)  folgt  rasch,  im  Titel 
schon  das  Wiirzige  und  Stachelige  betonend.  Der  geborene  Erzahler  tut  sich 
da  kund,  nie  fallt  er  aus  der  Rolle.  In  echt  bairischer  Weise  travestiert  er 
Begebenheiten  der  Biblischen  Geschichte  oder  der  griechischen  Heldensage 
ganz  ins  Steirische.  Schon  zeigt  sich  aber  auch  die  Kluft  und  die  Tragik,  der 
Zwiespalt  zwischen  Kultur  und  Natur  : 

Hon  gmoant,  wir  ih  auBa  bin  gstiegn  aus  der  Ormuad  in  Woldlond, 
Wia  schon  daJJ  *s  miiad  sein  in  a  Gegnd,  wo  d'  L,eut  hisch  wos  wissn 
Und  kinen  und  hobn  —  's  miiad  a  besseri  Welt  sein. 
Do  hot's  dar  Oan  ongschmirt! 

Innere  Uberrumpelung  laBt  ihn,  den  Menschen  der  Natur,  in  Kulturfragen 
die  damals  gelaufigen  Entscheidungen  anerkennen:  »Gut  osterreichisch,  aber 
grofldeutsch,  keine  Pfaffen,  sondern  Priester.«  Aber  R.  blieb  dieser  auf- 
klarerische  Zug  seiner  jungen  Jahre  nicht  immer  in  diesem  MaBe  eigen,  durch_ 
die  Entfernung  von  der  Natur  wird  die  sentimentalische  Einstellung  zum_ 
Leben  der  Alplerbauern  immer  groBer  und  das  Wort  »Bildung  macht  fceim 
laBt  er  spater  nur  mehr  bedingt  gelten. 

Den  beiden  mundartlichen  Banden  folgten  zwei  volkskundliche :  »Volks— 
leben  in  Steiermark«,  1870,  und  »Die  Alpler«,  1872,  und  zwei  erzahlende: 
»Das  Buch  der  Novellen«,  1872,  und  »Waldheimat«,  1873.  Mit  den  »Schrifteri 
des  Waldschulmeisters«,  1875,  erreicht  er  die  Hohe.  Im  »Volksleben«  bringt 
er  Darstellung  von  Sitten  und  Gebrauchen  in  Haus  und  Jahr,  in  den  »Alplern« 
steigt  er  auf  zur  Schilderung  menschlicher  Typen  und  zeigt  bereits  Ansatze 
zur  Form  der  Ich-Erzahlung,  die  dann  groBte  Feinheit  und  Meisterschaft 
bringen  sollte.  Die  »Novellen«  versuchen  Menschen  zu  zeichnen,  Menschen 
auBerhalb  des  eigenen  Ich,  nur  durch  Erzahlung  von  Ereignissen  und  Begeben- 
heiten, nicht  mehr  durch  Schilderung  und  Beschreibung.  Sie  stellen  die  Vor- 
schule  zur  )>Waldheimat«  dar,  dem  Buch,  das  allein  den  Dichter  unsterblich 
machen  muBte.  Es  ist  der  erste  echte  Rosegger,  es  ist  die  Grundlage  fur  alle 
spateren  autobiographischen  Biicher  des  Dichters,  es  ist  das  erstemal,  dafi 
der  Dichter  sich  selbst  vergegenstandlicht,  sich  selbst  erzahlt.  Auf  dem  un- 
geheuren  inneren  Reichtum  beruht  der  Wert  des  Buches,  das  von  Jugend  und 
Heimat,  von  Waldleben  und  Einheit  mit  der  Natur  spricht.  R.  ist  zur  Natur 
zuriickgekehrt.  Jene  Gattung  von  Wahrheit  ist  in  diesen  Erzahlungen,  »welche 
durch  den  Poeten  ins  AUgemeine  gehoben  wird  und  den  ganzen  Menschen 
zeigt «.  Die  Form  ist  einfache,  unbekiimmerte  Erzahlung,  unliterarisch,  rein 
aus  der  Natur  geboren. 

Am  16.  Januar  1872  starb  R.s  Mutter.  Es  scheint,  als  ob  der  Sohn  durch 
den  Tod  der  Mutter  veranlaBt  wurde,  seine  Jugend  nochmals  zu  durchleben 
und  in  der  »Waldheimat«  zu  erzahlen.  1873  vermahlte  er  sich  mit  Anna 
Pichler,  der  Tochter  eines  Grazer  Hutfabrikanten.  Aus  der  frohen  Zeit  der 
jungen  Ehe  erbluhte  ihm  sein  schonstes  Buch:  »Die  Schriften  des  Waldschul- 
meisters«,  1875.  Stifters  Erzahlung  »Aus  der  Mappe  meines  UrgroBvaters*, 


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Dawidowskys  Vortrage  iiber  Pflanzenpsychologie,  der  arme  Mann  im  Toggen- 
burg,  Uli  Bracker,  dessen  Selbstschildening  R.  mit  Begeisterung  las,  haben 
ihre  Spuren  zuriickgelassen.  Durch  eine  ganze  Reihe  kleinerer  Erzahlungen 
R.s  wurde  das  Buch  motivisch  und  gedanklich  vorbereitet.  Andreas  Erdmann 
—  der  Name  ein  Symbol !  —  tragt  Ziige  Michel  Patterers.  Wichtiger  aber  ist 
das  Problem :  ein  Gescheiterter  fliichtet  sich  aus  der  Welt  in  die  Einsamkeit 
der  Natur  und  sucht  dort  ein  Gemeinwesen  zu  griinden.  Fiir  den  Wald  und 
seine  Bewohner  waren  R.s  friihere  Bucher  wie  Vorstudien,  denen  sich  1875 
die  »Sonderlinge  aus  dem  Volke  der  Alpen«  anreihten.  Alle  die  einsamen 
Wandler,  schrulligen  und  finsteren  Gestalten  der  Pechgraber,  Holzfaller, 
Hirten  tauchen  auf .  Ganz  aus  dem  Nichts  wird  eine  Waldgemeinde  ins  Leben 
gerufen,  der  Urwald  weicht  vor  der  Kultur  zuriick.  Ausgleich  von  Kultur  und 
Natur,  Veredlung  eines  Volkes  durch  die  Kultur,  aber  nur  soweit,  dafi  die 
Urspninglichkeit  noch  erhalten  bleibt,  das  Grundproblem  R.s  war  hier  auf- 
geworfen.  Menschlichkeit  ist  die  grofle  Erzieherin  und  Freundin.  Das  Ganze 
wird  gegeben  in  Form  eines  Tagebuches  jenes  Andreas  Erdmann,  den  spat 
nochmals  die  Sehnsucht  nach  der  Welt  iiberkam  und  der  in  Eis  und  Schnee 
seinen  Tod  fand. 

1870  gewann  R.  in  Gustav  Heckenast  in  Pest,  dem  Verleger  Stifters,  auch 
seinen  Verleger.  Im  selben  Jahr  fuhrte  ihn  eine  Reise  weit  durch  Deutschland 
und  die  Schweiz,  1872  streift  er  durch  Italien,  bis  ihn  in  Neapel  wieder  das 
Heimweh  zur  Umkehr  zwingt.  Verwandter  Dichter  nimmt  er  sich  an.  Mit 
Heckenast  wird  eine  Ktirzung  von  Stifters  »Nachsommer«  versucht,  J.  F.  Lent- 
ners  »Geschichten  aus  den  Bergen «  werden  von  ihm  in  2.  Auflage  heraus- 
gegeben,  1882 /1884  veranstaltet  er  eine  Ausgabe  von  Stelzhamers  Werken  mit 
einer  liebevollen  Biographie  des  Mannes,  den  er  selber  noch  kennengelernt  hatte. 

Das  Jahr  1875  raubte  dem  Dichter  seine  junge  Frau.  In  der  bitteren  Zeit 
der  Trostlosigkeit  suchte  er  sich  durch  eine  Aufgabe  zu  retten,  die  ihn  zu 
geregelter  Arbeit  zwang.  Er  schuf  eine  Monatsschrift,  »Der  Heimgarten*,  den 
er  von  1876  bis  1910  leitete.  Der  Titel  hatte  symbolische  Bedeutung  und  war 
von  der  alpenlandischen  Sitte  abendlicher  Zusammenkunfte  genommen.  Die 
Zeitschrift  war  ein  Sammelpunkt  fiir  seine  Freunde,  fiir  seine  Arbeiten,  die 
von  da  ab  alle  zuerst  im  Heimgarten  erschienen,  aber  auch  ein. Symbol  fiir 
seine  Bestrebungen,  ein  Heimgarten  fiir  die  entwurzelte  Zeit,  der  dem  Volke 
seine  alten  Ideale  erhalten  sollte,  Natur,  Einfachheit,  Redlichkeit.  Aber  der 
Ruf  scholl  weiter,  gerade  die  Gebildeten  und  unsicher  Gewordenen  fliichteten 
sich  zu  ihm.  Und  R.  selbst  fand  wieder  Ruhe  und  Heimat.  1877  baute  er  sich 
als  Ersatz  fiir  das  verlorengegangene  Vaterhaus  ein  Landhaus  in  Krieglach, 
in  dem  er  die  Sommermonate  verlebte.  Beim  Bau  wurde  er  durch  den  Wiener 
Bauunternehmer  Wenzel  Knaur  beraten  und  lernte  dessen  Tochter  Anna 
kennen,  die  dann  1879  seine  zweite  Frau  wurde. 

Fast  unglaublich  ist  die  Fulle  von  Werken,  die  in  den  Jahren  bis  1894  R.s 
Feder  entquoll.  Zunachst  Sammlungen  von  Schwanken,  Erinnerungen,  kurzen 
Erzahlungen.  Die  mundartlich  meisterhaften  Geschichten  von  »Stoansteirisch« 
(1885),  schriftdeutsche  Gegenstiicke  in  »Allerhand  I^eute*  (1888)  und  im 
»Schelm  aus  den  Alpen«  (1890),  Stiicklein,  die  von  R.  bei  seinen  Vortrags- 
reisen  gern  dargebracht  wurden.  Dazu  treten  Bucher  personlichen  Erinnerns. 
»Am  Wanderstab*  (1882),  »Meine  Ferien«  (1883),  »Neue  Waldgeschichten « 


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{1884)  aus  dem  Kreise  der  Waldheimat,  »Hoch  vom  Dachstein«  (1891),  »Spa- 
ziergange  in  der  Heimat«  (1894)  und  die  literarhistorisch  wichtigen  »Erinne- 
rungen  an  Robert  Hamerling«  (1891)  und  »Gute  Kameraden«  (1893),  die  tiber 
Lebensgeschichtliches  und  Verhaltnis  zur  zeitgenossischen  Literatur  handelten. 
Am  bedeutendsten  aber  sind  die  drei  neuen  Novellenbande  » Feierabende « 
(1880),  darunter  Geschichten,  die  dann  spater  in  der  »Abelsberger  Chronik<( 
selbstandig  gemacht  wurden,  mit  Motiven,  die  auf  den  »Gottsucher«  vor- 
deuten,  »Dorfsiinden«  (1883,  der  4.  Band  des  »Buchs  der  Novellen«)  und 
»H6henfeuer«  (1887),  die  sich  in  manchem  mit  dem  »Gottsucher«  und  » Jakob 
dem  L,etzten«  beriihren.  Die  Entscheidung  brachten  groBe  Romane.  Da  war 
zuerst  »Heidepeters  Gabriel*  (1882),  ein  Buch,  das  zunachst  in  zwei  Teilen 
erschienen  war,  dessen  erster  »In  der  Einode«  (1872)  an  das  Schicksal  des 
Waldbauernhofes  anschloB,  dessen  zweiter  »Oswald  und  Anna«  (1876)  die 
Geschichte  der  ersten  Ehe  des  Dichters  erzahlte.  Der  Roman  ruht  stark  auf 
autobiographischer  Grundlage,  wenngleich  die  Freiheit  des  Dichters  gewahrt 
ist.  Die  Waldheimat  geht  zugrunde,  das  Jugendgliick  entschwindet  und  das 
Liebesgliick  hat  keinen  Bestand.  Der  »Gottsucher«  und  » Jakob  der  Letzte« 
reihen  sich  hier  an.  Im  »Gottsucher«  wollte  R.  zeigen,  daB  ein  Volk  ohne 
positive  Religion  nicht  leben  konne,  habe  es  die  alte  verloren,  so  mache  es 
sich  eine  neue,  und  sei  diese  falsch,  so  gehe  es  daran  zugrunde.  Man  hat  darauf 
hingewiesen,  daB  das  Grundproblem  aber  eigentlich  anderswo  liege  (Nadler). 
Es  ist  ein  Wiederaufgreifen  der  Probleme  des  »Waldschulmeisters«  mit  Weiter- 
fiihrung  auf  religiosem  Gebiet  und  Vertiefung.  Ein  Volk  lost  sich  von  der 
Kultur  ab  und  fallt  in  seinen  Naturzustand  zuriick.  Diese  Umkehr  erweist 
sich  aber  als  unmoglich  und  es  geht  daran  zugrunde.  Das  Stofflich-Historische 
ist  dabei  in  ein  ungewisses  Halbdunkel  gehiillt,  denn  es  handelt  sich  R.  nicht 
um  einen  bestimmten  historischen  Vorgang,  sondern  um  einen  sinnbildlich 
erzahlten.  » Jakob  der  Letzte«  stellt  dann  die  Frage  des  Einzelschicksals  der 
verlorenen  Waldheimat  auf  weitere  Basis,  Giiterzerstuckler  und  Jagdliebhaber 
bringen  den  heimischen  Bauernstand  ins  Verderben,  aber  jenseits  des  Meeres 
wird  im  entlegenen  Urwald  eine  neue  Kultur  geschaffen.  Demgegenuber  liegt 
»Martin  der  Mann«  (1891)  mehr  an  der  Peripherie  des  R.schen  Schaffens. 
GewiB  wird  auch  hier  der  Gedanke  der  Riickkehr  aus  verfeinerten  Kultur- 
verhaltnissen  zur  Natur  und  dessen  Scheitern  gestreift,  das  Ganze  aber  ist  in 
ein  marchenhaftes  Licht  getaucht,  so  daB  das  Buch  etwas  Unwirklich-Unwahr- 
scheinliches  bei  aller  Feinheit  der  Naturschilderung  an  sich  hat.  Im  » Peter 
Mayr«  (1893)  wagte  sich  dann  R.  auf  das  Gebiet  nicht  allzu  ferner  geschicht- 
licher  Zeiten,  deren  Ereignisse  er  etwas  gewaltsam  zurechtbiegt.  Auch  hier 
der  Gedanke  des  Bauerntums,  das  zur  Selbsthilfe  schreitet,  aber  diesmal  ein 
R.  fremdes  Bauerntum,  das  tirolische,  mit  dem  der  Dichter  nicht  so  vertraut 
war.  Auch  die  hochdeutschen  Gedichte  (1891),  vermehrt  und  umgearbeitet 
-191 1  zu  »Mein  L,ied«,  sind  nur  als  Versuche  zu  werten.  Mundartlich  bewegt 
sich  R.  viel  freier.  Ebenso  fallt  die  dramatische  Tatigkeit  R.s,  die  neben  klei- 
neren  Gelegenheitsstiicken  auch  das  erfolgreiche  Volksschauspiel  »Am  Tage 
des  Gerichts«  (1892)  zeitigte,  im  Zusammenhang  seines  Schaffens  nicht  allzu- 
sehr  ins  Gewicht. 

Die  Mitte  der  neunziger  Jahre  brachte  Klarung  und  Lauterung.  1894  wurde 
die  erste  Gesamtausgabe  der  Schriften  in  20  Banden  abgeschlossen,  die  seit 


Rosegger  315 

1880  bei  Hartleben  in  Wien  erschien,  der  nach  dem  Tode  Heckenasts  (1878) 
R.s  Verleger  geworden  war.  Als  R.  1892  in  schwere  Krankheit  verfiel,  bereitet 
sich  in  ihm  eine  entscheidende  religiose  Wendung  vor.  Er  liest  auf  dem  Kran- 
kenlager  das  Evangelium.  Nun  lost  er  sich  vom  Dogma  der  romisch-katho- 
lischen  Kirche  los,  deutet  die  Glaubenssatze  in  seinem  Sinne  um  und  stiitzt 
sich  letzten  Endes  auf  das  evangelische  Schrifttum.  Auch  hier  strebt  er  zum 
Urspriinglichen  zuriick  und  verneint  spatere  Entwicklungen.  Drei  Elemente 
kommen  fur  diesen  Umschwung,  der  schon  langere  Zeit  vorbereitet  war,  in 
Betracht:  der  Josefinismus  seiner  Jugend,  die  Los-von-Rom-Bewegung  und 
die  Evangelienlekture.  Und  dieser  neue  Glaube  bildet  nun  den  Gedanken 
seiner  letzten  Bticher  aus.  Wieder  kniipf t  er  an  die  Waldheimat  an :  » Als  ich 
jung  noch  war«  (1895),  »Der  Waldvogel«  (1896),  »Idyllen  aus  einer  unter- 
gehenden  Welt«  (1899),  »Sonnenschein«  (1902),  »Wildlinge«  (1906),  »Nixnutzig 
Volk«  (1907)  bringen  Abfalle  und  Rankenwerk  an  kleinen  Geschichten  und 
Bildern  wie  fruher.  1898  und  I9i4schildert  er  in  zwei  Banden  sein»Weltleben«. 

Schon  1885  hatte  er  mit  den  » Bergpredigten «  das  Gewissen  der  Zeit  wach- 
zuriitteln  gesucht,  das  setzt  er  nun  fort  im  »Sunderglockel«  (1904)  und  in  den 
»Volksreden«  (1908).  Gestaltet  aber  waren  die  neuen  Ideen  wieder  in  groBen 
Romanen:  »Das  ewige  Licht«,  »Erdsegen«  und  »INRI«. 

»Das  ewige  Licht«  (1897)  ist  kompositionell  ein  Seitenstiick  zum  »Wald- 
schulmeister«.  Das  Problem  aber  macht  das  Buch  zu  einem  Gegenstuck.  Der 
fortschrittlich  gesinnte  Pfarrer,  der  in  eine  von  Fremdenverkehr  und  Industrie 
bedrangte  Hochpfarre  geschickt  wird,  um  seine  Neuerungen  in  die  Tat  ura- 
setzen  zu  konnen,  wird  dort  konservativ.  Natur  wird  durch  Kultur  vernichtet. 
Ein  Aufgeklarter  wird  bekehrt.  Kultur  kann  nicht  vorbehaltlos  als  Segen 
gelten.  Eine  Weiterbildung  des  Gedankens  brachte  »Erdsegen«  (1900).  Wieder 
geht  ein  Stadter  aufs  Land  und  wird  durch  das  Leben  mit  dem  Landvolk  aus 
einem  Zeitungsmenschen  in  einen  Bauern  verwandelt.  »Der  vollkommene 
Mensch  besitzt  nichts  und  genieBt  alles  .  .  .  Sollte  es  denn  nicht  die  hochste 
Kultur  sein,  daB  der  Mensch  genieBt  anstatt  vermiBt?«  und  »Der  Mensch 
steht  nirgends  so  fest  gegriindet  als  im  Bauerntum,  und  dieses  nirgends  so 
tief  als  in  den  Bergen.  Wenn  dieser  Grund  bricht,  was  sollte  dann  noch  halten  ?  « 

DaB  das  aber  nicht  jedermanns  Sache  sei,  sollte  der  nachste  Roman  » Welt- 
gift*  (1904)  zeigen,  in  dem  freilich  manches  stark  verzeichnet  ist.  GroBstadt- 
leben  und  Bauernleben  wird  gegeniibergestellt,  wer  zu  viel  Weltgift  in  sich 
gesogen  hat,  dem  ist  die  Riickkehr  zur  Natur  verwehrt.  Die  Moglichkeit  einer 
Gesundung  hangt  vom  einzelnen  ab.  Religiose  Elemente  waren  da  schon 
iiberall  hineinverschmolzen,  besonders  im  »Ewigen  I,icht«.  1901  spricht  R. 
in  dem  abgeklarten  Buch:  »Mein  Himmelreich«  seinen  Glauben  aus.  Es  war 
die  gedankliche  Vorstufe  fiir  die  dichterische  Durchfiihrung  in  »INRI,  Frohe 
Botschaft  eines  armen  Sunders «,  1905.  Ein  Verurteilter,  der  auf  seine  Hin- 
richtung  wartet,  schreibt  sich  einfach  und  liebevoll  die  Geschichte  Christi, 
wie  er  sie  aus  Erinnerung  und  innerem  Erleben  erschaut.  Vermenschlichung 
war  der  Grundvorgang,  er  will  Christus  sich  naherbringen  und  sich  an 
seiner  schlichten  GroBe  aufrichten.  Auch  hier  ist  die  Liebe  das  ewige  Licht. 
Wie  R.  sich  schon  fruher  fremde  Stoffe  ins  Obersteirische  iibertragen  hatte, 
so  tut  er  es  hier  dem  ganzen  Ton  nach  mit  dem  Evangelium.  Nochmals  er- 
zahlt  er  dann  mit  dem  Behagen  des  Alters  zwei  Geschichten:  »Die  Forster- 


316  1918 

buben«  (1908)  und  »Die  beiden  Hanse«  (1911),  ohne  zu  neuen  Fragen  vorzu- 
stoBen  oder  neue  Losungen  zu  finden.  Er  hatte  gesagt,  was  er  zu  sagen  hatte. 
Und  es  war  ihm  noch  vergonnt,  die  reife  Frucht  seiner  Lebensernte  in  die 
Scheuer  zu  bringen.  In  den  Jahren  1912  bis  1916  konnte  er  bei  Staackmann 
in  Leipzig  eine  Gesamtausgabe  in  40  Banden  erscheinen  lassen.  Neu  eingeteilt, 
leise  uberarbeitet,  mit  einer  I^ebensskizze  und  mancher  aufschluBreichen  Ein- 
leitung  versehen,  schickte  er  seine  Schriften  nochmals  in  die  Welt.  In  »Heim- 
gartners  Tagebuch«  (1912  und  1917)  hat  er  dann  noch  eine  Fiille  an  Alters- 
weisheit  niedergelegt.  Die  Zeit  brachte  ihm  manche  Ehrung.  Zum  60.  Geburts- 
tag  ernannte  ihn  die  Universitat  Heidelberg  zu  ihrem  Ehrendoktor,  zum  70. 
folgten  Graz  und  Wien.  Wie  selten  ein  Mann  der  Feder  hat  R.  auch  durch 
die  Tat  gewirkt.  Mit  seinem  Namen  sind  auf  immer  verbunden  der  Bau  der 
evangelischen  Heilandskirche  in  Miirzzuschlag  (1900),  die  Wiedererrichtung 
der  abgebrannten  katholischen  Kirche  in  St.  Kathrein  (1906),  die  Griindung 
der  Waldschule  in  Alpel  (1902)  und  der  Plan  zu  einem  Alpenhaus  deutscher 
Lehrer  (1918),  vor  allem  aber  der  grofle  Gedanke  der  deutschen  Schutzstiftung 
nach  dem  beriihmten  Leitsatz:  Zweitausend  Kronen  =  zwei  Millionen. 

Sein  Leben  liest  sich  wie  ein  Marchen.  Seltenes  Gliick  war  ihm  zuteil  ge- 
worden.  Er  hat  es  vom  einfachen  Bauernbuben  zum  weithin  bekannten  Dichter 
gebracht,  er  hat  einen  Aufstieg  gemacht,  wie  er  kaum  einem  zweiten  begeg- 
nete.  Und  er  blieb  im  Innern  der  bescheidene  Mann:  »Ich  stelle  das  Naturliche 
hoher  als  das  Gemachte,  das  Landliche  hoher  als  das  Stadtische,  die  Einfach- 
heit  hoher  als  den  Prunk,  die  Taten  hoher  als  das  Wissen,  das  Herz  hoher 
als  den  Geist.«  Er,  der  immer  gepredigt:  »Heim  zur  Scholle*,  der  die  Gefahr 
erkannt,  die  eine  Entwurzelung  des  Bauernstandes  mit  sich  bringt,  mufite  in 
den  furchtbaren  Jahren  bis  1918  noch  einen  Teil  der  Folgen  fruchtlosen 
Warnens  miterleben.  Das  Aufierste  freilich  blieb  ihm  erspart.  Am  26.  Juni  1918 
starb  er  in  seinem  geliebten  Krieglach  und  wurde  dort  am  28.  Juni  beigesetzt. 
Aus  seinem  Nachlasse  erschien  1919  das  letzte  Buch:  »Abenddammerung, 
Riickblicke  auf  den  Schauplatz  des  Lebens«. 

Literatur:  Den  Nachlafl  verwaltet  die  Witwe  des  Dichters  in  Graz.  Er  umfaflt  1.  Ju- 
genddichtungen,  2.  den  Briefwechsel,  3.  Manuskripte  der  in  Buchform  erschienenenWerke. 
Ausgaben:  Neben  den  Einzelausgaben :  Ausgewahlte  Schriften,  Wien,  Hartleben,  1880 
bis  1894,  20  Bande;  Volksausgabe,  3  Serien,  Wien  und  Leipzig,  Staackmann,  1895 — 1906; 
Gesammelte  Werke,  vom  Verfasser  neubearbeitete  und  neueingeteilte  Ausgabe,  Leipzig, 
Staackmann,  19 12 — 19 16;  Schriften  in  steirischer  Mundart,  Graz  1894 — 1896,  3  Bande; 
dazu  vgl.  Heimgarten  20,716  und  L.  Staackmann,  Leipzig  1869 — 191 9,  Gedenkblatter 
zum  i.Oktober,  hrsg.  vom  Verlag,  Leipzig  1919,  S.  99  und  154  ff . ;  der  Jugendroman 
»  Gabriel  Mondf  eld  «,  Heimgarten  46  (1922),  649,  und  47  (1923).  —  Briefe:A.  Bettelheim, 
Auerbach  und  R.,  Deutsche  Rundschau  1903;  Briefwechsel  zwischen  Hamerling  und  K.t 
Heimgarten  27;  Briefwechsel  zwischen  R.  und  Friedr.  v.  Hausegger,  hrsg.  v.  Siegmund 
Hausegger,  Leipzig  1924.  —  Allgemeine  Literatur  iiberRosegger  :  H.  L.  Rosegger, 
R.s  Vorfahren,  Gartenlaube  1921,  448  ff. ;  derselbe,  Monatshefte  fiir  deutsche  Spracheund 
Padagogik  1924,  8  ff.;  A.  V.  Svoboda,  P.  K.  R.,  Breslau  1885;  M.  M.  Rabenlechner,  P.  R., 
Wien  1899;  E.  Seilliere,  L'dme  styrienne  et  son  interprite  P.  R.t  Revue  des  deux  mondes  1902, 
iibersetzt  von  Semmig,  Leipzig  1903;  H.  und  H.Mobius,  P.  R.,  Leipzig  1903;  Th.  Kapp- 
stein,  P.  R.,  Stuttgart  1904;  A.  Vulliod,  P.  R.,  L'homme  et  I'oeuvre,  Paris  1912,  deutsch 
von  M.  Necker,  Leipzig  1913;  A.  Schlosser,  P.  R.,  Leipzig,  Reclam  (1921);  J.Nadler, 
P.  R.,  Neue  osterreichische  Biographie  181 5 — 1918,  1.  Abt.,  Wien  1923,  158  ff.;  E.  Ertl, 
P.  R.,  Wie  ich  ihn  kannte  und  h'ebte,  Leipzig  1923;  H.  L.  Rosegger,  R.s  Waldheimat 
einst  und  jetzt,  Graz  1924;  derselbe,  P.  R.  und  sein  Heimatland,  die  griine  Steiermark, 


Rosegger.  Rothpletz  317 

Berlin  1925 ;  R.Latzke,  Zur  Beurteilung  R.s,  Programm  Korneuburg  1904;  derselbe,  R.-Stu- 
dien  I.,  Programm  Korneuburg  1905 ;  derselbe,  R.s  Martin  der  Mann,  Programm  Wien  1907  ; 
L.  Siitterlin,  Sprache  und  Stil  in  R.s  »Waldschulmeister«,  Ztschr.  f.  deutsche  Mundarten, 
1906,  S.  35  und  97  ff.;  W.  B.  Boschann,  Stifter  und  R.  als  Schilderer  der  Natur,  Berlin  191 3; 
S.  B.  Claes,  Erzahlungstechnik  in  R.s  »Buch  der  Novellen«,  Miinster  1924. 

Innsbruck.  Moriz  Enzinger. 

Rothpletz,  August,  *  am  28.  April  1853  in  Neustadt  a.  d.  Hardt,  f  am  27.  Ja- 
nuar  1918  in  Oberstdorf  im  Allgau.  —  R.  stammte  vaterlicherseits  aus  einer 
schweizerischen  Familie.  Seine  Mutter  war  eine  Pfalzerin.  Er  wuchs  in  Neustadt 
auf,  wo  er  Privatunterricht  empfing,  siedelte  mit  15  Jahren  nach  Aarau  liber, 
besuchte  dort  das  Gymnasium  und  legte  im  Herbst  1871  das  Abiturienten- 
examen  in  Zurich  ab.  Er  studierte  dann  vier  Semester  in  Heidelberg,  zwei  in 
Zurich  und  wurde  im  Fnihjahr  1875  Geologe  bei  der  sachsischen  geologischen 
Landesanstalt  in  Leipzig.  Hier  blieb  er  in  der  ausgezeichneten  Schule  Hermann 
Credners  bis  zum  Herbst  1880,  kartierte  eine  Reihe  von  sachsischen  Mefltisch- 
blattern,  trieb  intensiv  Petrographie  bei  Zirkel  und  promo vierte  zum  Dr.  phil. 

Schon  wahrend  seiner  Leipziger  Tatigkeit  hatte  er  seine  Urlaubszeiten  zu 
Studienreisen  benutzt.  Jetzt  streifte  er,  der  wirtschaftlich  unabhangig  war,  alle 
Fesseln  ab  und  gab  sich  iiber  drei  Jahre  lang  auf  ausgedehnten  Reisen  und  in 
Miinchen  tektonischen,  stratigraphischen  und  palaontologischen  Studien  hin. 
Im  Friihjahr  1882  nahm  er  seinen  Wohnsitz  endgiiltig  in  Miinchen,  das  ihm 
zweite  Heimat  wurde.  Hier  habilitierte  er  sich  im  Januar  1884  fur  Geologie  und 
Palaontologie  und  entfaltete  neben  seiner  Forschertatigkeit  eine  hochst  segens- 
reiche  Lehrtatigkeit,  deren  auch  der  Verfasser  dieser  Zeilen  in  dauernder  Dank- 
barkeit  gedenkt.  Er  war  nicht  nur  ein  vorzuglicher  klarer  Vorlesungsredner, 
der  seine  Schiiler  in  den  Kern  der  wissenschaf tlichen  Fragen  einf iihrte ;  seine 
Hauptbedeutung  lag  vielmehr  in  seinen  Unterrichtsausflugen  und  -reisen.  Auf 
ihnen  stellte  er  die  hochsten  Anforderungen  an  Korper  und  Geist.  Er  zwang 
seine  Schuler  nicht  einfach  vorgefafite  Meinungen  zu  vertreten,  sondern  jede 
Behauptung  zu  begriinden,  das  Gesehene  zeichnerisch  festzuhalten,  alles  Hypo- 
thetische  als  solches  zu  kennzeichnen.  So  verdanken  ihm  zahlreiche  Genera- 
tionen  von  deutschen  und  auslandischen  Geologen  eine  glanzende  Ausbildung. 
Ich  selbst  bekenne  offen,  dafi  ich  von  keinem  anderen  meiner  Lehrer  auch  nur 
annahernd  so  viel  gelernt  habe  wie  von  R.  Dabei  war  er  nach  beendigter  Arbeit 
nicht  mehr  der  Fachmann,  der  Professor,  sondern  der  vielseitig  interessierte 
und  gebildete  Reisegefahrte,  voll  Freundlichkeit  und  Witz,  ein  Feind  jeder 
Uberhebung  und  jedes  Bonzentumes,  ein  begeisterter  Bewunderer  der  Schon- 
heit  der  Alpen.  So  wird  wohl  jeder,  der  das  Gliick  hatte  unter  seiner  Fiihrung 
die  Alpen  zu  durchwandern,  auch  dem  ausgezeichneten  Menschen  R.  in  dank- 
barer  Freundschaft  verbunden  bleiben. 

Trotz  seiner  grofien  Leistungen  als  Forscher  und  Lehrer  verlieh  ihm  die 
bayerische  Regierung  erst  nach  10  Jahren  den  Titel  eines  aufierordentlichen 
Professors;  und  erst,  als  Zittel  1904  starb,  wurde  er  Ordinarius,  Direktor  der 
geologischen  und  palaontologischen  Staatssammlungen  und  ordentliches  Mit- 
glied  der  Bayerischen  Akademie  der  Wissenschaf  ten. 

Unendlich  vielseitig  war  seine  Forschertatigkeit.  Hatte  er  in  Leipzig  Gebiete 
kristalliner  Schiefer  kartiert  und  petrographische  Fragen  verfolgt,  so  widmet 


318  1918 

er  sich  schon  dort  und  spater  auch  in  Miinchen  haufig  der  Erforschung  fossiler 
Pflanzen  und  Floren.  Die  oberkarbonische  Flora  des  Todi  in  der  Schweiz,  die 
Kulmflora  von  Hainichen  in  Sachsen,  Fucoiden  der  Alpen,  Kalkalgen  palao- 
zoischer  und  jiingerer  Formationen  waren  Gegenstand  wichtiger  Unter- 
suchungen. 

Eine  Reihe  zweifelhafter  Reste  wie  Eozoon,  Atikokania,  die  Oolithe,  Spongio- 
stromen  wurden  von  ihm  mikroskopiert  und  ausfiihrlich  beschrieben.  Er  ent- 
deckte  silurische  Radiolarien  in  Sachsen,  beschrieb  Brachiopoden,  Ammoniten 
und  andere  tierische  Fossilien  aus  dem  Jura  der  Alpen,  dem  Perm,  der  Trias 
und  dem  Jura  Ostasiens,  klarte  die  Faciesverhaltnisse  einer  Anzahl  alpiner 
Schichtreihen  auf,  entdeckte  Versteinerungen  im  nubischen  Sandstein  der~ 
Sinaihalbinsel  und  iiberpriifte  den  Fossilgehalt  der  archaozoischen  Ablage — 
rungen  Nordamerikas. 

Er  beschaftigte  sich  mit  diluvialen  Ablagerungen  (Hottinger  Bresche,  Paris^^ 
Osterseen  usw.),  klarte  merkwiirdige  Strukturen  der  Sedimente  auf  (Stylo — 
lithen,  Drucksuturen) ,  studierte  alpine  Mineralquellen,  suchte  die  Bildungs — 
dauer  der  Solnhofer  Kalksteine  zu  bestimmen  und  schrieb  so  seinen  Namen  fast 
in  jedes  Kapitel  der  Geologie  mit  hohen  Ehren  ein. 

Seine  Hauptbedeutung  aber  lag  in  seinen  tektonischen  Untersuchungen  tiber* 
den  Bau  der  Alpen  im  besonderen  und  iiber  Gebirgsbildung  im  allgemeinen.  Er 
ist  einer  der  ersten,  der  ausgedehnte  horizontale  Bewegungen  in  den  Alpen 
nachweist.  Er  deutet  sie  als  Uberschiebungen  und  gerat  so  in  einen  langwahxen- 
den  Streit  mit  dem  ebenf  alls  um  die  Erforschung  des  Alpenbaues  hochverdienten 
Albert  Heim.  Er  bekampft  zuerst  fast  allein  Heims  beruhmte  Doppelfalte.  Er 
erkennt  die  mechanische  Unmoglichkeit  einer  derartigen  Falte  und  erklart  die 
Lagerungsverhaltnisse  durch  eine  einfache  Uberschiebung.  Er  studiert  die 
tJberschiebungen  in  Sachsen,  Skandinavien,  Schottland,  Nordamerika  und  den 
Alpen  und  gewinnt  immer  mehr  die  Uberzeugung  von  ihrer  grundlegenden  Be- 
deutung  fiir  den  Bau  grofier  Faltengebirge.  Er  tritt  deshalb  auch  in  Kampf- 
stellung  gegen  die  mittlerweile  ihren  Siegeslauf  beginnende  Deckentheorie.  Er 
glaubt  nicht  an  die  Haufigkeit  der  Falteniiberschiebungen,  zweifelt  an  der 
von  den  Deckentheoretikern  angenommenen  Richtung  der  Deckenschiibe 
und  zwingt  so,  selbst  und  durch  die  Arbeiten  seiner  Schiller,  zu  einer  sorg- 
faltigen  Nachprufung  des  Tatsachenmateriales.  In  diesem  Kampfe,  den  er  mit 
der  ganzen  Zahigkeit  und  dem  Scharfsinne,  die  alle  seine  Arbeiten  auszeichnen, 
jahrzehntelang  fiihrte,  lieferte  er  eine  Reihe  von  Arbeiten,  die  fiir  sich  allein 
ausreichen  wurden,  seinen  Namen  in  der  Geschichte  der  Geologie  dauernd  zu 
erhalten.  Ich  nenne  vor  allem  seinen  beriihmten  Querschnitt  durch  die  Ost- 
alpen,  den  er  von  Schaftlarn  bei  Miinchen  bis  Bassano  und  Tezze  am  Siidrande 
der  Alpen  im  MaBstabe  von  1 75000  maBstabgetreu  zeichnete.  Weiter  sind  an- 
zufiihren  seine  » Geotektonischen  Probleme«  (1894),  die  » Geologischen  Alpen- 
f orschungen  «,  sein  kleiner,  aber  grundsatzlich  bedeutungsvoller  Aufsatz  »Uber 
die  Moglichkeit  den  Gegensatz  zwischen  der  Kontraktions-  und  Expansions- 
theorie  aufzuheben«.  Hier  zeigt  er  schon  1902,  daB  die  Kontraktionstheorie 
nicht  ausreicht,  um  die  Fiille  des  Beobachtungsmateriales  zu  erklaren. 

Mag  sich  auch  die  Wagschale  mehr  und  mehr  zugunsten  der  Deckentheorie 
gesenkt  haben,  das  Verdienst  wird  R.  bleiben  als  einer  der  Ersten  Decken  er- 
kannt  zu  haben ;  und  es  ist  noch  immer  fraglich,  ob'  nicht  die  endgiiltige  Er- 


Rothpletz.  Schniitgen  319 

klarung  des  mechanischen  Prozesses  der  Deckenbildung  in  sehr  vielen  Fallen 
dem  von  R.  angenommenen  Typus  entsprechen  wird. 

In  seiner  Privatdozententatigkeit  in  Miinchen  begann  R.  seine  Schiiler 
geologische  Karten  im  MaBstabe  von  1:25000  im  Karwendelgebirge  machen 
zu  lassen.  Spater  setzte  er  diese  Tatigkeit  durch  den  allergroBten  Teil  der 
Bayerischen  und  angrenzende  Teile  der  Tiroler  Alpen  fort.  So  hat  er  personlich 
eine  geologische  Karte  in  groBem  MaBstabe  in  einem  der  schwierigsten  Teile 
von  Deutschland  geschaffen,  eine  Leistung  wie  sie  sonst  nur  eine  mit  reichen 
staatlichen  Mitteln  ausgestattete  Landesanstalt  zu  erzielen  pflegt. 

Von  anderen  Leistungen  R.s  als  Sammlungsdirektor  und  als  langjahriger 
verdienstvoller  Vorstand  der  Sektion  Miinchen  des  Deutschen  und  Oster- 
reichischen  Alpenvereines  sehe  ich  an  dieser  Stelle  natiirlich  ab.  Rothpletz 
blieb  Junggeselle,  lebte  aber  bis  zum  letzten  Jahre  vor  seinem  Tode  in  einer 
ungewohnlich  zartlichen  und  gliicklichen  Gemeinschaft  mit  seiner  geistig  hoch- 
stehenden,  aber  auch  fur  die  materiellen  Bediirfnisse  ihres  Sohnes  auf  das 
liebevollste  sorgenden  Mutter. 

Nicht  yergessen  darf  werden,  daB  R.  den  groBten  Teil  seines  Vermogens  der 
Universitat  Miinchen  hinterlieB,  damit  sie  einen  besonderen  Lehrstuhl  fiir  all- 
gemeine  Geologie  errichte.  So  hat  er  auch  da  mit  klarem  Geiste  die  Richtung 
der  notwendigen  Weiterentwicklung  der  Geologie  erkannt  und  diese  vorwarts- 
gedrangt. 

Liter  atur:  Wer  eine  eingehendere  Wiirdigung  dieses  ausgezeichneten  Menschen  und 
Forschers  lesen  will,  wird  sie  in  dem  vortreff lichen  Nachrufe  von  Pompeckj  in  den  Monats- 
berichten  der  Deutschen  Geologischen  Gesellschaft,  Bd.  70,  1918,  S.  15 — 35,  finden.  Dort 
sind  auch  wohl  alle  seine  Arbeiten  zitiert  und  ihrer  Bedeutung  nach  besprochen,  wahrend 
kiirzere  Nachrufe  von  Broili  im  Neuen  Jahrbuch  fiir  Mineralogie,  1919,  S.  XXXIX — UII 
und  in  den  Mitteilungen  der  Munchener  Geographischen  Gesellschaft,  Bd.  XIII, 
S-  359 — 363,  gute  Bilder  und  ebenfalls  eine  Fiille  von  personlichen  Ziigen  enthalten. 

Heidelberg.  Wilhelm  Salomon. 

Schniitgen,  Alexander,  Domkapitular,  *  am  22.  Februar  1843  in  Steele  an  der 
Ruhr,  f  am  24.  November  1918  in  Koln.  —  Das  Koln,  in  dem  Alexander  Sch. 
den  groBten  Teil  seines  arbeitsreichen  Lebens,  mehr  als  50  Jahre,  zugebracht 
hat,  war  von  einer  besonderen  geistigen  Struktur.  Nirgendwo  sonst  hat  das 
Mittelalter  so  lange  und  so  lebendig  die  Geister  beherrscht,  nirgends  haben 
die  Stimmung  und  die  Anschauungen  der  Romantik  so  spat  nachwirkend 
sich  unangefochten  erhalten,  wie  hier.  Von  Koln  waren  Schlegel  und  seine 
Schuler,  die  Briider  Boisser£e  ausgegangen:  die  altdeutsche  Malerei,  die  hin- 
gebungsvolle  SiiBe  und  Frommigkeit  der  Meister  der  Kolner  Malerschule  waren 
hier  zuerst  erkannt  und  gepriesen  worden:  hier  zuerst  bildeten  die  Werke 
dieser  alten  Meister  den  Lieblingsgegenstand  zahlreicher  Sammler  unter  der 
Burgerschaft.  Und  diese  Hinneigung  zum  Mittelalter  und  zu  seiner  iiber- 
wiegend  kirchlichen  Kunst,  die  sich  in  der  Erhaltung  und  Pflege  der  iiber- 
kommenen  Baudenkmale  und  in  der  wissenschaftlichen  Erforschung  und 
Propagierung  dieser  Kunst  dankbare  Aufgaben  stellte,  fand  die  groBte  und 
am  meisten  Begeisterung  verlangende  im  Ausbau  des  Doms  und  in  der  Sorge 
fiir  seine  innere  Ausstattung.  An  diesem  Schaffen  zur  Vollendung  des  Doms, 
das  nicht  nur  eine  Kolner,  sondern  zugleich  eine  allgemein  deutsche  Sorge  war, 


320  I9i8 

hat  Sch.  teilgenommen,  seitdem  er  als  junger  Kaplan  1866  sein  geistliches 
Amt  am  Dom  angetreten  hat.  Erst  in  dieser  Umgebung,  in  dem  romantischen 
Klima  dieser  Domstadt,  wurde  der  junge  Westfale,  der  ebenso  durch  seinen 
hiinenhaften  Korperbau  wie  durch  die  lebendige  Offenheit  seines  Verstandes 
unter  seinen  Altersgenossen  im  Priesterseminar  schon  aufgefailen  war,  zur 
Beschaftigung  mit  der  Kunst,  zum  Studium  und  zum  Sammeln  angeregt.  Er 
selbst  gab  gelegentlich  zu,  daB  es  mehr  nur  ein  Zufall  war,  dem  er  diese  Wen- 
dung  verdankte ;  die  Studienzeit  hatte  ihm  keine  Grundlage  an  kunstgeschicht- 
lichem  Wissen  gegeben.  Das  Vorbild  der  beiden  groBen  erfolgreichen  Kunst- 
histonker  unter  den  rheinischen  Theologen,  Friedrich  Schneider  in  Mainz 
und  Franz  Xaver  Kraus  in  StraBburg,  spater  in  Freiburg,  mag  ihm  vielleicht 
vorgeschwebt  haben;  ausschlaggebender  Impuls  war  indessen  sicher  der 
Genius  loci,  die  Notwendigkeit,  an  den  Fragen  teilzunehmen,  die  mit  dem 
Dombau  zusammenhingen,  und  der  Verkehr  mit  den  fiihrenden  Kopfen  der 
damaligen  Kolner  Kunstfreunde,  an  deren  Spitze  die  Briider  Reichensperger 
standen. 

Aus  dieser  Umgebung  nahm  der  junge  Domkaplan  die  Anregung  zu  seiner 
Beschaftigung  mit  der  Kunst;  nie  hat  ihn  der  Drang  des  Systematikers  zur 
zusammenfassenden  Darstellung  groBer  Kunstepochen  verleitet,  stets  war  es 
die  Realitat  der  praktischen  Aufgabe,  die  ihn  beschaftigte.  Den  mittelalter- 
lichen  Kirchenbau  zu  studieren,  gab  ihm  auBer  dem  Dom,  an  dem  er  amtierte, 
diese  und  jene  Dorf-  oder  Stadtkirche  des  Rheinlandes  AnlaB,  die  wieder- 
hergestellt  oder  erweitert  werden  sollte;  nach  den  Originalwerken  der  kirch- 
lichen  Goldschmiedekunst  hielt  er  Umschau,  weil  es  ihm  am  Herzen  lag. 
nach  ihrem  Vorbild  neue  Werke  f iir  den  Kirchengebrauch  ausgef uhrt  zu  sehen ; 
und  im  selben  Sinne  wandte  er  seine  Aufmerksamkeit  den  liturgischen  Ge- 
wandern,  den  Stickereien  und  Bildwirkereien  und  den  mittelalterlichen  Stoffen 
und  ihrer  Geschichte  zu.  Neben  dem  reichen  Bestand  der  Kolner  Kirchen- 
schatze  haben  zahllose  und  ausgedehnte  Reisen  in  alien  Teilen  Deutschlands 
und  im  Ausland  ihm  Gelegenheit  gegeben,  sein  Auge  zu  schulen,  seine  Kenner- 
schaft  zu  vertiefen,  zu  Sammlern,  Museen  und  Kennern  allenthalben  in  Be- 
ziehung  zu  treten.  So  wurde  er  selbst  zum  Kenner  und  Sammler,  so  ver- 
einigte  sich  in  seinem  Denken  der  Drang  zur  kunsthistorischen  Erkennt- 
nis  mit  dem  Willen  zur  Pflege  und  Erhaltung  des  Alten  und  zur  Anregung 
baukunstlerischen  und  handwerklichen  Schaffens  nach  dem  Vorbild  der  Alten. 
So  wenig  wie  seine  Zeitgenossen  hat  er  die  Unzulanglichkeit  dieser  Gedanken- 
gange  erkannt,  die  uns  heute  so  selbstverstandlich  geworden  ist,  daB  das 
Naehahmen  alter  Kunstwerke  nie  zu  einer  eigenen  Kunst  fuhren  kann. 

Im  Jahre  1888,  als  unter  lebhaftestem  Anteil  ganz  Deutschlands  in  Miinchen 
die  beriihmte  Kunstgewerbeausstellung  »Unsrer  Vater  Werke «  dem  Volk  vor 
Augen  stellte,  was  auf  alien  Gebieten  des  Handwerks  das  Vorbild  der  alten 
Meister  an  Glanzleistungen  des  Kunstgewerbes  hervorbringe,  als  unter  all- 
gemeinem  Beif all  der  Kolner  Kunstfreunde  aus  dem  Bestand  der  alten  Samm- 
lung  Wallrafs  das  Kunstgewerbemuseum  gegriindet  und  gleichzeitig  der  Kunst- 
gewerbeverein,  der  das  Museum  zu  fordern  bestimmt  war  —  in  diesem  Jahre 
begann  Sch.  mit  der  Herausgabe  der  »Zeitschrift  fur  christliche  Kunst«.  Seine 
Blatter  waren  es,  die  nun  monatlich,  und  schon  im  ersten  Jahrgang  in  einer 
Auflage  von  mehr  als  1000  in  die  Rheinlande  und  dariiber  hinaus  gingen; 


Schniitgen  3  21 

denn  es  gibt  kein  Heft  dieser  Zeitschrift,  in  dem  Sch.  nicht  selbst  das  Wort 
nimmt,  sei  es  zur  kunstgeschichtlichen  Erlauterung  eines  seltenen  Werkes  aus 
altem  Kirchenbesitz,  sei  es  zu  Bauvorhaben,  Schaffung  von  Kirchengestuhl, 
Altargerat  u.  dgl.,  oder  endlich  zu  Fragen  der  Denkmalpflege.  Aus  dem  Kreis 
seiner  Freunde  und  Gleichgesinnten  f and  er  leicht  die  Schar  seiner  Mitarbeiter : 
Pralat  Friedrich  Schneider  in  Mainz,  Kanonikus  Bock  in  Aachen,  der  Jesuit 
Stephan  Beissel,  der  eifrige  Sammler  der  urkundlichen  Nachrichten  iiber 
Kdlner  Kiinstler  und  Handwerker,  J.  Merlo,  der  Sammler  Biirgermeister 
Thewalt  und  viele  andere.  A.  Essenwein,  der  als  Kirchenrestaurator  in  Koln 
damals  an  GroB-St. -Martin  und  S.  Aposteln  tatige  Schopfer  des  Germanischen 
Museums,  gehort  ebenso  zu  Sch.s  Freunden  wie  zu  den  Mitarbeitern  seiner 
Zeitschrift. 

Die  lebendige  Beredsamkeit  und  Klarheit  in  diesen  durch  drei  Jahrzehnte 
ununterbrochen  fortgesetzten  kleinen  Aufsatzen  Sch.s  ruhrt  nicht  so  sehr  von 
einer  besonderen  schrif tstellerischen  Veranlagung,  als  vielmehr  aus  einer  auf- 
gespeicherten  Fiille  von  Kenntnissen,  die  gerade  in  dieser  Verbindung  selten 
sind:  Theologe,  und  als  solcher  vertraut  mit  Liturgie  und  Altardienst,  mit 
Texten  und  Legenden,  zeigt  er  sich  zugleich  ebenso  unterrichtet  iiber  die 
Fragen  der  Ikonographie,  wie  iiber  Handwerkstechnik  und  Herstellungsweise 
von  Geweben,  Goldschmiedewerk  oder  Email,  wie  iiber  die  stilgeschichtlichen 
Zusammenhange.  Er  hat  die  Eigenschaften  des  Sammlers,  der  unendlich  viele 
seltene  und  gelaufige  Dinge  in  den  Sakristeien  und  Kirchenschatzen  priifend 
in  der  Hand  gehalten  und  von  so  vielen  gleichartigen  Stiicken  Proben  in  seinen 
Wohnraumen  um  sich  angesammelt  hat,  mit  denen  er  taglich  umgeht.  Schon 
als  1876  eine  Anzahl  von  Kunstfreunden  in  Koln  im  Kasino  eine  Ausstellung 
von  alter  Kunst  aus  Kolner  Privatbesitz  veranstalten,  kann  Alexander  Sch.  eine 
Sammlung  von  Hunderten  von  wertvollen  Stoffen,  Stickereien  und  Para- 
menten  zu  dieser  Ausstellung  beisteuern  und  beschreibt  sie  in  dem  heute  noch 
beachtenswerten  Katalog  mit  bewundernswerter  Sachkenntnis.  Mit  geringen 
Mitteln,  aber  mit  zaher  L,iebe  hat  er  den  Ausbau  dieser  seiner  Sammlung  als 
sein  Hauptlebenswerk  in  den  folgenden  Jahrzehnten  mit  groBartigem  Erfolg 
betrieben.  Das  Koln  seiner  Zeit  gab  ihm  dazu  den  geeigneten  Boden.  Es  gab 
keine  zweite  Stadt  im  Reich,  die  iiber  einen  so  leistungsfahigen,  unterrichteten 
und  riihrigen  Kunsthandel  verfiigte  wie  Koln  zur  Zeit  der  Lempertzschen 
Auktionen,  in  denen  jahrlich  der  NachlaB  so  vieler  einheimischen  und  aus- 
wartigen  Sammler  auf  den  Markt  gebracht  wurde,.zur  Zeit,  als  das  Sammeln 
in  irgendwelchem  Umfang  und  Sondergebiet  fast  selbstverstandliche  Gewohn- 
heit  jedes  gebildeten  Burgers  in  Koln  war. 

Die  30  Bande  seiner  Zeitschrift  und  die  kostbare  Sammlung  kirchlicher 
Kunst  aller  Art,  die  er  der  Stadt  Koln  zum  Geschenk  machte,  bilden  das 
^hrenvolle  Denkmal,  das  Alexander  Sch.  sich  gesetzt  hat.  Nachdem  er  21  Jahre 
xiindurch  Domvikar  gewesen  war,  wurde  er  1887  in  das  Domkapitel  berufen. 
Die  Universitat  Lowen,  an  der  er  als  Theologiestudent  gearbeitet  hatte,  er- 
nannte  ihn  zum  Dr.  phil.  h.  c,  Miinster  fiigte  den  Dr.  theol.  h.  c.  hinzu;  und 
in  Wiirdigung  seiner  besonderen  Verdienste  um  das  Rheinland  verlieh  ihm 
die  Universitat  Bonn  die  Wiirde  eines  Honorarprofessors,  besonders  zum  Danke 
iiir  die  Mitarbeit  an  den  beiden  groBen,  fiir  die  kunstgeschichtliche  Wissen- 
schaft  so  ergebnisreichen  Ausstellungen  in  Dlisseldorf  1902  und  1904,  in  denen 
dbj  21 


322  I9i8 

mit  ebensoviel  wissenschaftlicher  Griindlichkeit  als  imposanter  Sachkenntnis 
die  rheinische  Kunst  des  Mittelalters  zur  Darstellung  kam.  Zu  seinem  70.  Ge- 
burtstag  tibergaben  ihm  seine  Freunde  ein  Kapital  von  annahernd  100  000 
Mark,  dessen  Zinsen  zum  weiteren  Ausbau  seiner  Sammlung  dienen  sollten. 
Als  am  16.  Oktober  1910  die  Sammlung  Schnutgen  in  dem  stattlichen  Erwei- 
terungsbau  des  Kunstgewerbemuseums  der  Offentlichkeit  ubergeben  wurde, 
zeichnete  die  Stadt  den  hochherzigen  Stifter  dadurch  aus,  daB  sie  ihm  das 
Ehrenbiirgerrecht  verlieh, 

Koln  a.  Rh.  Karl  Schaefer. 


Schwerin-Ldwitz,  Hans  Axel  Tammo,  Graf  v.,  *  am  19.  Mai  1847  zu  Schwerins- 
burg,  f  am  4.  November  1918  zu  Berlin.  Sohn  des  Kammerherrn  Graf  en  Viktor 
v.  Schwerin-Schwerinsburg  und  der  Ida  Freiin  v.  Schimmelmann.  —  1865 
beim  7.  Kurassierregiment  in  Halberstadt  eingetreten,  als  Fahnrich  im 
Felde  1866,  nach  der  Schlacht  von  Koniggratz  Leutnant,  1873 — 1876  person- 
licher  Adjutant  des  Herzogs  Ernst  von  Sachsen-Koburg-Gotha,  1878  vermahlt 
mit  Marie  v.  Gerstenberg,  Tochter  des  sachsen-altenburgischen  Ministers 
v.  Gerstenberg,  1881  als  Rittmeister  verabschiedet,  iibernahm  Hans  Sch.-I,.  die 
Verwaltung  des  Gutes  Lowitz,  begann  bald  die  erfolgreiche  Moorkultur  Maria- 
werth,  trat  1889  in  die  Selbstverwaltung  als  Mitglied  des  Kreisausschusses 
und  Kreisdeputierter  des  Kreises  Anklam,  1896  Vorsitzender  der  pommer- 
schen  Landwirtschaftskammer,  1899  der  Zentralstelle  der  Landwirtschafts- 
kammern,  1901  des  preuBischen  Landesokonomiekollegiums  und  des  deutschen 
Landwirtschaftsrates.  Politisch  hervortretend  1892  als  Mitglied  der  Vereini- 
gung  der  Steuer-  und  Wirtschaftsreformer,  1897  des  wirtschaftlichen  Aus- 
schusses  zur  Vorbereitung  von  Handelsvertragen  und  Vertreter  im  Borsen- 
ausschuB,  1893  Mitglied  des  Deutschen  Reichstages,  1897  des  PreuBischen 
Abgeordnetenhauses  in  der  deutsch-konservativen  Fraktion,  1910 — 1912 
Reichstagsprasident,  191 1  Wirklicher  Geheimer  Rat,  Dr.  h.  c.  phil.  et  theol., 
1912 — 1918  Prasident  des  PreuBischen  Abgeordnetenhauses.  Sein  auBerer 
Lebensgang,  wie  ihn  diese  Amter  und  Wurden  kennzeichnen,  gibt  auch  seine 
eigenartige  Bedeutung  wieder.  Er  war  eine  seltene  Vereinigung  von  Praxis 
und  Theorie,  von  Politik  und  Fachkunst.  Aufbauend  auf  seinen  praktischen 
Erfahrungen  als  Landwirt,  im  besonderen  auch  als  Moorkulturwirt  und  als 
Pferdeziichter,  widmete  er  sich  bald  so  eindringlich  dem  Studium  der  Grund- 
und  Lebensbedingungen  des  landwirtschaftlichen  Gewerbes  und  der  Grund- 
lagen  deutscher  Agrarpolitik,  daB  er  schon  nach  zehn  Jahren  praktischer 
und  verwaltender  Tatigkeit  Anspruch  auf  Beachtung  im  politischen  Leben 
erheben  und  in  kurzem  sich  als  eine  agrarpolitische  Autoritat  entwickeln 
konnte,  deren  Wort  in  Schrift  und  Rede  im  Vereinswesen,  auf  Kongressen, 
in  den  Parlamenten  wirksam  war.  Nach  und  nach  vereinigten  sich  in  ihm  alle 
maBgebenden  und  offiziellen  Vertretungsbefugnisse  seines  Berufsstandes. 

Aus  der  Fiille  seiner  Arbeiten  laBt  sich  als  roter  Faden  immer  herausfinden 
das  Ziel:  Sicherung  der  Ernahrung  des  deutschen  Volkes  aus  eigener  Kraft, 
Sicherung  lohnenden  Betriebes  und  Schutz  vor  auslandischer  Konkurrenz,  Er- 
haltung  einer  bodenstandigen,  heimattreuen  Landbevolkerung.  Ein  kurzer 
Rundblick  iiber  seine  Reden  und  Aufsatze  ergibt  die  Mannigf altigkeit  seiner 


Schnutgexu  Schwerin-Lowitz  323 

Arbeit.  Zuckersteuerprobleme,  Kalilagerversicherung,  landwirtschaftliche  Ver- 
wertungsgenossenschaften,  Aufhebung  des  Identitatsnachweises  und  der  ge- 
mischten  Privattransitlager,  Zolltarifaufstellung,  Beschrankung  der  Zoll- 
kredite,  Zollvergiitung  fiir  ausgeftihrtes  Mehl,  Zollregulativ  fiir  die  Mehl- 
ausfuhr,  Miihlenkonten,  Quebrachozoll,  Meistbegiinstigungsfragen,  Handels- 
vertrage,  Antrag  Kanitz,  Fleischversorgung,  Vieh-  und  Fleischpreisstatistik, 
Arbeiterfahrpreise,  Borsengesetzgebung,  innere  Kolonisation,  Reichsfinanz- 
reform  —  alles  Stichworte  fiir  seine  griindliche,  tiefgehende  Beschaftigung  mit 
den  Iyebensfragen  der  deutschen  Landwirtschaft.  Er  erwartete  von  der  Er- 
hohung  landwirtschaftlicher  Schutzzolle  durchaus  nicht  allein  das  Heil  der 
Landwirtschaft,  befiirwortet  aber  freilich  ausreichenden  Schutz  gegen  die 
Uberschwemmung  mit  auslandischem  Getreide  und  gegen  eine  unter  ungleichen 
Bedingungen  arbeitende  Konkurrenz  des  Auslandes.  Er  kampft  in  der  Hoff- 
nung  auf  eine  bessere  Zukunft  des  landwirtschaftlichen  Gewerbes,  wie  sie 
durch  die  einseitige  Caprivische  Handelspolitik  so  schwer  erschtittert  war, 
gegen  den  wachsenden  Pessimismus  des  landwirtschaftlichen  Berufsstandes 
und  sucht  ihm  den  Glauben  an  eine  groBere  Prosperitat  zu  erhalten,  dem  eine 
Steigerung  der  Unternehmungslust  und  eine  Zunahme  der  Produktion  von 
selber  folgen.  Er  ruft  dauernd  auf  zur  technischen  Hebung  und  Vervollkomm- 
nung  der  Betriebe  zum  Zweck  sicherster  Ernahrungsversorgung.  Er  vermeidet 
es  sorgfaltig,  einseitige  Forderungen  zu  erheben,  er  verlangt  dimmer  nur  aus- 
kommliche  Preise  auf  moglichst  gleichmaBiger  mittlerer  H6he«,  »der  Zoll 
soil  eine  Vermehrung  der  Inlandproduktion  ermoglichen,  ohne  Preisdruck  und 
Preisfall,  so  daB  der  Produzent  seine  Rechnung  findet  und  der  Konsument 
nicht  belastet  wird«.  Schon  lange  vor  dem  Weltkriege  vertritt  er  den  ernsten 
Hinweis  auf  die  Notwendigkeit  gesicherter  Selbsternahrung  durch  wirtschaft- 
liche  Riistung  fiir  den  Fall  kriegerischer  Verwicklungen  und  stellt  die  Eigen- 
produktion  der  zur  Ernahrung  unseres  Volkes  erforderlichen  Nahrungsmittel 
als  ein  nationales  Erfordernis  hin.  Wie  er  einerseits  feststellte,  daB  der  wirt- 
schaftliche  Aufschwung  infolge  der  neuen  Handelsvertrage  besonders  den 
Lohnarbeitern  durch  gesteigerte  I^ohne  zugute  kam,  so  daB  die  Auswanderung 
aus  Arbeitslosigkeit  fast  ganz  auf horte,  so  empf and  er  andererseits  die  schwere 
Sorge  des  dauernden  Arbeitermangels  auf  dem  Lande  und  die  fehlerhafte 
Verteilung  der  Arbeitskrafte  zwischen  Stadt  und  Land.  Die  innere  Koloni- 
sation ist  ihm  ein  Mittel  zur  Abhilfe,  nicht  im  Sinne  des  parteipolitischen 
Schlagworts,  denn  er  halt  sie  nur  fiir  moglich  und  aussichtsvoll  bei  standig 
rentablen  Preisen  fiir  die  landwirtschaftlichen  Erzeugnisse,  die  eine  wirkliche 
SeBhaftmachung  von  bauerlichen  und  Iyandarbeiterfamilien  gewahrleisten. 
Er  meint  zwar  (1905),  daB  in  den  ostlichen  Provinzen  800000  Hektar  Land, 
das  aus  bauerlichem  Besitz  in  den  GroBgrundbesitz  iibergegangen  war,  wieder 
in  bauerliche  Hande  zuruckgefiihrt  werden  konnte,  aber  nur  in  der  Voraus- 
setzung,  daB  die  Intensitatssteigerung  der  Getreideproduktion,  die  im  groBen 
und  ganzen  nur  vom  groBeren  Besitz  geleistet  werden  kann,  im  Interesse 
der  Sicherstellung  der  Volksernahrung  nicht  darunter  leidet. 

Unermiidlich  war  er  in  dem  Problem  der  Fleischversorgung  tatig  und  in 
dem  Kampf  gegen  die  Verhetzung  der  Massen  durch  den  Vorwurf  des  Fleisch- 
wuchers  gegen  den  GroBgrundbesitz.  Er  wies  nach  (1906),  wie  93  Prozent  der 
ganzen  deutschen  Viehproduktion  von  den  kleinsten  Landwirten  gestellt  wiirde, 


324  x9l8  • 

wie  notwendig  es  sei,  der  Preisnotierungswillkur  entgegenzutreten  und  Anord- 
nungen  fiir  zuverlassige  Viehpreisnotierungen  an  Stelle  dieser  Willkiir  zu 
treffen,  wie  es  falsch  sei,  die  Fleischeinfuhr  aus  dem  Auslande  zu  erleichtern, 
statt  die  eigene  Produktion  im  Inlande  zu  steigern  und  sinngemaB  in  die 
groBen  Stadte  und  Industriezentren  zu  leiten,  unter  Herabsetzung  der  exorbi- 
tanten  stadtischen  Gebiihren  sowie  Eisenbahntarife  und  Fleischbeschaukosten 
und  bei  Notierung  auch  nach  Lebendgewicht  und  nach  Detailpreisen  zur  In- 
formation der  Konsumenten.  Statistik  der  Viehpreise,  organisierte  Schlacht- 
viehversicherung,  bakteriologische  Institute  zur  Seuchenerforschung,  solche 
Forderungen  erhob  er  bei  jeder  geeigneten  Gelegenheit,  stets  mit  dem  Ziel, 
der  Volksernahrung  aus  eigener  Kraft  naherzukommen  und  vom  Auslande 
sich  immer  mehr  selbstandig  zu  machen.  »Wirtschaftliche  Unabhangigkeit 
vom  Auslande  kann  sich  nur  stiitzen  auf  eine  leistungsfahige  Landwirtschaft« 
(1900).  Es  war  eine  der  tiefsten  Enttauschungen  fiir  ihn,  daB  seine  Bemuhungen 
in  dieser  Richtung  wenig  Gehor  fanden  und  daB  er  noch  1914  zusehen  muBte, 
wie  alle  landwirtschaftlichen  Produkte  noch  bis  zum  Juli  hinaus  ins  Ausland 
exportiert  wurden.  Als  der  Weltkrieg  ausbrach,  verdoppelte  er  in  voller  Einig- 
keit  mit  den  von  ihm  geleiteten  groBen  Berufsorganisationen  seinen  Eifer,  der 
deutschen  Landwirtschaft  den  »letzten  Zentner«  abzuringen.  Seine  Kriegs- 
reden  und  Aufsatze  wurden  besonders  gesammelt,  da  sie  klar  und  iiberzeugend 
wirkten.  Von  dem  Standpunkt  aus,  daB  fiir  die  Stellungnahme  der  landwirt- 
schaftlichen Korperschaften  nur  das  groBe  gemeinsame  vaterlandische  Interesse 
und  die  Riicksicht  auf  die  auskommliche  Versorgung  des  Volkes,  bestimmend 
sein  diirfe,  proklamierte  er  wiederholt  den  Satz:  »Nicht  die  Preisfrage,  sondern 
die  Vorratsfrage  ist  entscheidend «,  und  schon  am  10.  August  1914  gab  er 
namens  der  deutschen  Landwirtschaft  die  Erklarung  ab,  daB  sie  es  ablehne, 
aus  der  Kriegslage  einen  Konjunkturgewinn  zu  ziehen,  und  statt  dessen  Hochst- 
preise  fiir  Brotgetreide,  Mehl  und  Brot  fordere ;  Schaffung  der  Vorrate  stehe 
in  erster  Linie,  gerechte  Verteilung  auf  alle  Verbraucher  in  zweiter,  Preis- 
stellung  erst  in  dritter  Linie.  Verminderung  der  behordlichen  Eingriffe  in  die 
Betriebsverhaltnisse,  soweit  sie  nicht  die  Sicherstellung  der  Ernahrung  be- 
treffen,  Vermeidung  der  Gemeinwirtschaft  in  der  Produktion  als  Todesursache 
jeder  Unternehmerlust,  Verwerfung  des  Zwangsanbaues  oder  gar  der  Zwangs- 
bewirtschaftung  groBer  Giiter  als  Gipfel  des  Unfugs  ward  er  nicht  miide  zu 
fordern.  Statt  dessen  empfahl  er,  wie  in  Frankreich,  hohe  Staatspramien  fiir 
gut  bestellte  Anbauflachen,  fiir  ihre  Ausdehnung  Saatgut  aus  Staatsmitteln, 
Sicherstellung  giinstigerer  Riibenpreise,  Herausholung  hochster  Ertrage  aus 
neukultivierten  Moorboden.  In  der  Tagespresse  warb  er  fiir  voile  und 
sparsame  Ausnutzung  der  vorhandenen,  moglichst  gesteigerte,  mindestens 
aber  unverminderte  Erzeugung  neuer  Vorrate,  fiir  Einschrankung  des  Fleisch- 
verbrauchs  auf  den  friiheren  Umfang  (1870  entfielen  29  Kilo,  1914  54  Kilo 
auf  den  Kopf  der  deutschen  Bevolkerung,  wahrend  29  in  Osterreich-Ungarn 
und  13  in  Italien),  damit  dadurch  9  Millionen  Tonnen  Kraftstoffe  fiir  Minder- 
verfiitterung  erspart  wurden.  Durch  Vergleich  mit  den  Landern  der  Entente, 
wo  in  alien  Ausfuhrlandern  ein  beispielloser  Riickgang  des  Getreideanbaues 
festzustellen  war  (wahrend  das  bei  uns  1916  noch  nicht  eingetreten  war) 
und  wo  der  Preis  des  Brotgetreides  fast  das  Doppelte  unserer  Hochstpreise 
erreicht  hatte  (was  der  Ernahrung  unseres  Volkes  zum  halben  Weltmarkt- 


Schwerin-Lowitz  025 

preise  gleichkam),  suchte  er  immer  wieder  das  Selbstvertrauen  der  Berufs- 
genossen  und  den  Siegeswillen  des  Volkes  zu  erhohen.  Er  war  sich  dariiber 
vollig  klar  geworden,  daJ3  wir  auch  bei  Friedensschluft  noch  lange  anf  Selbst- 
erzeugung  angewiesen  sein  wiirden  und  daft  bei  einer  durchaus  erreichbaren 
Selbsternahrung  der  Zwang  zu  nationaler  Wirtschaftspolitik  unabhangig  von 
internatinonalen  Einfliissen  geschaffen  sei.  Er  sagte  einmal:  die  Gemein- 
bewirtschaftung  unserer  Vorrate  im  Kriege  wiirde  vollkommen  entbehrlich 
geworden  sein,  wenn  wir  in  ihm  schon  so  ausreichend  iiber  selbsterzeugte 
Lebensmittel  verfiigt  hatten,  daft  eine  aUgemeine  Einschrankung  des  Ver- 
brauchs  nicht  erforderlich  gewesen  ware.  Eine  reale  Sicherheit  gegen  die 
Wiederkehr  eines  solchen  Aushungerungskrieges  werden  wir  nicht  in  sozia- 
listischer  Gemeinwirtschaft,  von  der  niemand  satt  wird,  sondern  allein  in  der 
Steigerung  unserer  Iyebensmittelerzeugung  bis  zur  vollen  und  reichlichen 
Selbsternahrung  unseres  Volkes  zu  suchen  haben.  Daft  dieses  Ziel  erreichbar 
ist,  wird  fur  keinen  Kenner  unserer  neuzeitlichen  Produktionsmoglichkeit 
zweifelhaft  sein. 

So  hat  die  Lebensarbeit  des  Grafen  iiber  37  Jahre  hindurch  der  deutschen 
Landwirtschaft  gegolten,  aus  der  wirtschaftlichen  und  politischen  Uberzeu- 
gung  heraus,  daft  sie  die  starkste  Wurzel  unseres  Volkstums  sei.  Wie  er  in 
seinem  hauslichen  I,eben  ein  schlichter,  frommer  Christ  und  Haushalter,  ein 
reger,  umsichtiger,  erfolgreicher  I^andwirt,  in  der  groften  Familie,  der  er  an- 
gehorte,  ein  treuer  Berater  gewesen,  so  setzte  er  sich  in  seinem  offentlichen 
I^eben  durch  als  griindlicher,  sachkundiger  Forscher,  als  sachlicher,  nie  ver- 
letzender  Redner,  in  Verhandlungen  als  verbindlicher,  auf  den  Ausgleich  von 
Gegensatzen  bedachter  Diplomat,  als  Vorsitzender  grofter  politischer  und 
landwirtschaf tlicher  Korperschaften  ein  Vorbild  unparteilicher  und  vornehmer 
Geschaftsfiihrung. 

Sein  Nachfolger  im  Vorsitz  des  I,andes6konomiekollegiums,  der  Staats- 
minister  Freiherr  v.  Schorlemer-Lieser  (f  1922),  gab  ihm  den  Nachruf :  »Bei 
aller  Entschiedenheit,  bei  der  festen  Uberzeugung,  daft  er  niemals  Grund- 
satze  zum  Opfer  bringen  durfte,  war  Graf  Sch.-L.  doch  jederzeit  bereit,  wenn 
moglich,  zu  vermitteln  und  gegenseitig  auszugleichen,  und  das  hat  ihm  auch 
in  Kreisen,  die  ihm  ferngestanden,  nicht  den  Ruf  des  einseitigen  Agrariers 
und  Junkers,  sondern  das  Ansehen  eingetragen,  das  demjenigen  nicht  versagt 
wird,  der  bei  Gelegenheit  auch  die  Interessen  anderer  Berufe  und  Stande  zu 
berucksichtigen  und  mit  den  Interessen  seines  eigenen  Berufsstandes  auszu- 
gleichen bestrebt  ist.  Und  dazu  kam  sein  lauterer  Charakter,  seine  harmonisch 
abgestimmte  Personlichkeit,  die  sich  stiitzte  auf  feste  religiose  Uberzeugung, 
auf  unentwegte  Liebe  zu  Konig  und  Vaterland  und  auf  das  lebhafte  Interesse, 
das  er  bis  in  die  letzten  Lebenstage  seinen  lieben  Landwirten  und  Berufs- 
genossen  entgegengebracht  hat. 

Iviteratur:  Dr.  H.  Graf  Schwerin,  Aufsatze  und  Reden.  Herausgegeben  vom  Deut- 
schen Landwirtschaftsrat,  Berlin  1911,  Paul  Parey.  —  Fr.  Keiser,  Kriegsreden  und  Auf- 
satze, Berlin  1916,  PreuB.  Verlagsanstalt.  —  Fr.  Keiser  in  DDeutscher  Aufstieg«,  Bilder 
aus  der  Vergangenheit  und  Gegenwart.  Herausgegeben  von  H.  v.  Arnim  und  Georg 
v.  Below,  1925.  —  Mitteilungen  der  Witwe. 

Berlin.  Friedrich  Ernst  v.  Schwerin. 


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Simmel,  Georg,  Philosoph  und  Soziologe,  *  am  i.  Marz  1858  in  Berlin,  f  am 
26.  September  1918  in  StraBburg  i.  E.  —  S.,  der  in  seinen  Buchern  iiber  Denker 
und  Kiinstler  die  entwicklungsgeschichtliche  Methode  verschmahte,  um  ein  end- 
gtiltiges,  ewiges  Bild  der  Personlichkeit  und  des  Werkes  zu  umreiBen,  hat  auch 
seine  eigene  Entwicklung  nicht  dargestellt,  ja  vergleichende  Riickblicke  ver- 
rnieden.  Doch  ist  diese  Entwicklung  in  sich  selbst  und  geistesgeschichtlich  be- 
deutend  genug,  um  Aufmerksamkeit  zu  verdienen. 

S.  berichtet  in  der  mit  seiner  Dissertation  gedruckten  »vita«,  daB  er  zuerst  in 
Berlin  Geschichte  studierte,  dabei  an  den  Ubungen  Mommsens  teilnahm.  Um 
aber  die  Schwierigkeit  und  GroBe  der  Geschichte  besser  zu  erkennen,  habe  er 
dann  bei  Lazarus  und  Bastian,  d.  h.  also  bei  den  Fuhrern  der  Volkerpsychologie 
und  Ethnologie,  Psychologie  gehort  und  sei  von  da  aus  zur  Philosophic  ge- 
kommen.  Er  erhielt  am  Ende  seiner  Studien  den  Preis  fur  eine  von  der  philo- 
sophischen  Fakultat  gestellte  Aufgabe  und  promovierte  1881  auf  Grund  dieser 
Preisarbeit :  »Das  Wesen  der  Materie  nach  Kants  physischer  Monadologie*. 

Eine  in  den  abstrakten  Grundlinien  ahnliche  Jugendentwicklung  ist  bei  vielen 
Denkern  seiner  Generation  wiederzufinden :  von  einer  Einzelwissenschaft, 
iiber  deren  Prinzipien,  die  man  zunachst  in  der  Psychologie  sucht,  zur  Philo- 
sophic Die  individuelle  Gestalt  der  Linie  aber  weist  in  jedem  Zuge  etwas  fur  S. 
Wesentliches  auf.  Zunachst:  er  ging  von  der  Geschichte  aus,  nicht  wie  die 
Mehrzahl  der  Zeitgenossen  von  der  Naturwissenschaft.  Diese  zog  er  vielmehr 
erst  nachtraglich,  auf  auBere  Anregung  hin,  zur  Erganzung  heran,  wie  das 
Thema  der  Dissertation  zeigt.  Ferner:  er  weitet  seinen  Blick  iiber  die  Welt  der 
Kulturvolker  hinaus  zu  den  Primitiven  —  der  Ubergang  von  der  Volker- 
psychologie zur  Soziologie  in  S.s  Sinn  war  dann  wesentlich  der  vom  Stoff  zur 
Form.  Endlich:  die  erste  groBe  historische  Gestalt,  der  er  sich  zuwendet,  ist 
Kant,  aber  zunachst  noch  der  vorkritische.  Die  der  Dissertation  angehangten 
Thesen  behaupten  einen  naturalistischen  Positivismus.  Die  zweite  und  dritte 
seien  alsZeugnisse  abgedruckt:  »Die  Selbstentwicklung  des  Begriffs  des  Theis- 
mus  fiihrt  durch  Pantheismus  auf  Atheismus «.  »Jede  Annahme  iiber  ein  auBer 
uns  Seiendes  beruht  auf  einer  Hypothese;  es  ist  deshalb  Aufgabe  der  Philo- 
sophic, soweit  sie  als  Erkenntnislehre  Wissenschaftslehre  ist,  die  einfachste 
Hypothese  ausfindig  zu  machen,  die  unter  Anerkennung  der  theoretischen  Un- 
widerleglichkeit  des  subjektiven  Idealismus  ausreicht,  um  die  sinnlichen  Er- 
scheinungen  als  reale  zu  begreifen.«  Am  19.  Januar  1885  habilitierte  sich  S., 
nachdem  er  ein  halbes  Jahr  vorher  auf  Grund  des  Kolloquiums  abgewiesen  wor- 
den  war,  bei  der  philosophischen  Fakultat  der  Universitat  Berlin.  Es  ist  be- 
merkenswert,  daB  unter  den  von  ihm  fiir  die  Antrittsvorlesung  vorgeschlagenen 
Thematen,  neben  solchen  aus  der  Ethik,  sich  auch  eines:  »t)ber  Goethes  Philo- 
sophic«  befand. 

Seine  Vorlesungen  beschaftigten  sich  anfangs  besonders  mit  Ethik  und 
Sozialwissenschaft,  mit  Kant  und  der  »neuesten  Philosophic «.  Die  Bezeichnung 
» Soziologie «  taucht  zuerst  (fiir  Ubungen)  im  Sommerhalbjahr  1893  auf.  All- 
mahlich  erweitert  sich  der  Kreis:  im  Sommer  1898  liest  er  zuerst  iiber  Logik 
und  Erkenntnislehre,  im  folgenden  Winter  wird  Ethik  »mit  religionsphilo- 
sophischen  Exkursen«,  im  Sommer  1901  »  Religionsphilosophie  mit  Riicksicht 
auf  die  gegenwartigen  Iycbensprobleme  «  angekiindigt.  Diese  enge  Fiihlung  mit 
der  Gegenwart  macht  sich  in  den  Ankiindigungen  immer  wieder  geltend,  so 


Simmel 


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wenn  er  zu  der  Vorlesung:  » Philosophic  des  19.  Jahrhunderts«  hinzusetzt  »von 
Fichte  bis  Nietzsche*  (Winter  1901/02)  oder:  »  bis  Nietzsche  und  Maeterlingk* 
(Winter  1907/08),  endlich  » von  Fichte  bis  Nietzsche  und  Bergson«  (zuerst :  Win- 
ter 1911/12).  Seltener  als  man  es  nach  seinen  Schriften  erwarten  sollte,  hat  er 
iiber  asthetische  Themata  gelesen,  zuerst  Sommer  1902  iiber  » Formprobleme 
der  Kunst«.  Trotz  ungemeinen  Lehrerfolgs  und  weiten  Ruhms  verhielten  sich 
Fakultaten  und  Regierungen  lange  ablehnend  gegen  ihn;  am  16.  Juni  1900 
wurde  er  zum  unbesoldeten  auBerordentlichen  Professor  in  Berlin  ernannt, 
erst  1914  wurde  er  als  ordentlicher  Professor  nach  Strafiburg  berufen,  wo  er 
nur  noch  ein  Friedenssemester  wirken  durfte,  dann  aber  wahrend  des  Krieges 
seine  Vorlesungen  fortsetzte  —  er  hat  hier  auch  iiber  Padagogik  und  Meta- 
physik  gelesen.  Kurz  vor  dem  Ende  des  Krieges  ist  er  gestorben,  um  sein  Ende 
wissend  und  bis  ans  Ende  philosophierend.  Sein  Wesen  schildert  treffend  und 
anschaulich  der  ihm  befreundete  Dichter  Paul  Ernst  (»Die  Badia  von  Fiesole* 
in  »AltitalienischeNovellen«,  Leipzig,  Insel  1907.  I,  7).  »Der  Philosoph  war  von 
Geburt  Jude  und  hatte  in  merkwurdiger  Weise  den  bestimmenden  Ziigen  ju- 
dischen  Empfindens  und  Denkens  einesteils  durch  den  EinfluB  der  Frau«  (S.  war 
seit  Sommer  1890  verheiratet)  »welche  christlicher  Abstammung  war,  Inhalte 
ganz  deutscher  Art  einbilden  lassen,  andernteils  Ziele  des  philosophischen  Ideals 
vorgestellt,  so  daB  er  sich  zu  einem  wunderbar  vielfaltigen  Menschen  gemacht, 
dessen  Eigenschaften  sich  um  eine  auBerordentlich  zahe  und  starke  und  wie 
ein  diinner  Stahlstab  elastisch  gewordene  Einheitlichkeit  ringten.  Er  hatte  einen 
festen  Willen  und  eine  groBe  Fahigkeit,  sich  in  das  Iyeben  zu  finden,  indem  er 
dessen  Zufalliges  abstreifte,  soweit  es  ihm  nicht  genehm  war,  dem  Wesentlichen 
aber  sich  anzwang.  Daher  f reute  er  sich  einer  gliicklichen  Auf f assung  des  Lebens 
und  eines  groBen  Genusses  an  ihm,  und  wuBte  sich  selbst  das  Fremdeste  zu 
eigen  zu  machen  und  als  solches  dauernd  zu  besitzen,  wenn  es  ihm  nur  gefiel. 
Durch  dieses  wandelte  er  im  Laufe  der  Jahre  wichtige  Teile  seines  Menschen, 
so  daB  er,  wenn  man  nur  seine  Inhalte  betrachtete,  in  zehn  Jahren  etwa  ein 
ganz  anderer  wurde ;  aber  die  Art  war  immer  die  gleiche  .  .  . «  »  Das  Wesentliche 
dieser  Art  aber  war  der  lebendige  Drang,  gleich  das  Konkrete  zu  verlassen, 
wenn  er  es  kaum  beriihrt,  und  schnell  das  Abstrakte  zu  erreichen ;  eigene  Er- 
fahrung,  wie  ubermittelte  Kenntnis  betrachtete  er  nie  als  Zweck,  und  selbst 
die  kiinstlerischen  Dinge  genoB  er  nicht  lange  als  die  wirklichen  Dinge,  sondern 
bald,  indem  er  iiber  das  GenieBen  nachdachte ;  und  fast  konnte  man  sagen,  daB 
er  in  diesem  Nachdenken  vornehmlich  genoB.«  .  .  .  »Und  als  ein  ganz  froher 
Mensch  hatte  er  oft  die  schonste  Freude,  namlich  an  sich  selbst  und  seiner  Art, 
und  vermochte  so  durch  sein  Herz,  das  nicht  schwach  und  weich  war,  sondern 
stark  und  warm,  sich  noch  mehr  mitzufreuen  (welches  denn  die  edelste  Gabe 
einer  anderen  Seele  an  uns  ist),  wie  mitzuleiden. « 

In  erster  Annaherung  laBt  sich  der  Entwicklungsgang  S.s  auffassen  als  Weg 
von  einem  positivistischen  Relativismus  zu  einer  Lebensphilosophie  und  zu 
dem  Beginn  ihrer  tlberwindung.  Aber  mit  solchen  allgemeinen  Bezeichnungen 
ist  das  Wesentliche,  was  ihn  auszeichnet,  nicht  gesagt  —  auch  ist  nicht  zu  ver- 
gessen,  daB  schon  in  den  friihen  Werken  Ansatze  der  spateren  Entwicklung  sich 
finden  und  daB  S.  nie  friihere  Erkenntnisse  verleugnet,  vielmehr  sie  durch 
tiefere  Einsichten  unterbaut  hat,  ohne  daB  sie  fur  ihn  in  ihrer  begrenzten  Sphare 
die  Geltung  verlieren.  Will  man  der  besseren  Orientierung  wegen  in  den  stetigen 


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Verlauf  seines  geistigen  Lebens  Grenzpunkte  setzen,  so  scheinen  mir  solche  am 
ehesten  durch  seinen  »Kant«  1904  und  durch  den  Aufsatz  »Zur  Metaphysik  des 
Todes«  (Logos  I,  1910)  bestimmbar. 

S.  hat  stets  und  bewuBt  im  Zusammenhange  mit  seiner  Zeit  gedacht,  wenn 
auch  mehr  und  mehr  ein  Gegenwille  gegen  das  nur  Zeitliche,  eine  Richtung  vom 
Zeitlichen  auf  das  Ewige  hin  bemerkbar  wird.  Seine  Jugend  fiel  in  die  Hochbliite 
des  Spezialismus ;  die  Einzelwissenschaftler  sahen  selten  die  Notwendigkeit 
philosophischer  Orientierung  und  Erganzung,  es  gab  auch  Professoren  der 
Philosophic,  die  die  Philosophic  unter  die  Einzelwissenschaften  aufteilen 
vvollten,  ja  S.  selbst  hat  einige  Male  diese  Aufteilung  sehr  ernsthaft  erwogen. 
Dabei  war  Vorbild  der  Methode  allgemein  die  Physik;  im  Darwinismus 
meinte  man  das  Mittel  zu  besitzen,  durch  das  man  die  Mannigfaltigkeit  der 
organischen  Gestalten  mechanistisch  erklaren  konne.  Die  kapitalistische  Um- 
gestaltung  der  Wirtschaft  hatte  soziale  und  nationalokonornische  Fragen  in 
den  Mittelpunkt  des  Interesses  genickt.  Der  »historische  Materialismus«  zog 
aus  dieser  Lage  seine  Anziehungskraft.  Geisteswissenschaftlich  gerichtete 
Denker  muBten  so  zunachst  dazu  gefuhrt  werden,  eine  Naturwissenschaft  vom 
Sozialen  zu  suchen,  als  deren  Anwendungsgebiete.sich  dann  Geschichte,  Ethik, 
Asthetik  usw.  darstellten. 

Dai3  S.  mit  einer  soziologischen  Arbeit  sein  selbstandiges  Schaffen  begann, 
ist  also  wohl  verstandlich.  Schon  in  dieser  ersten  Arbeit  »t)ber  soziale  Differen- 
zierung«  (Staats-  und  sozialwissenschaftliche  Forschungen,  herausgegeben  von 
G.  Schmoller  10, 1. 1890)  faBt  er  die  Aufgabe  der  Soziologie  formal  und  verhalt 
sich  gegen  soziologische  Gesetze  skeptisch.  Soziologie  teile  mit  Metaphysik  und 
Psychologie  die  Eigenttimlichkeit,  daJ3  in  ihnen  entgegengesetzte  Satze  das 
gleiche  MaB  von  Beweisbarkeit  und  Wahrscheinlichkeit  zeigen.  Den  Grund 
dafiir  sieht  er  in  der  mangelhaften  Spezifikation  der  Begriffe  sowie  in  der 
Komplikation  und  fehlenden  Isolierbarkeit  der  Tatsachen  —  noch  nicht,  wie 
spater,  in  dem  notwendigen  Verhaltnis  des  Begriffs  zum  Leben  uberhaupt.  Die 
Gegnerschaf  t  gegen  rasche  Vereinheitlichung  der  Ergebnisse  ist  allerdings  schon 
hier  getragen  von  der  Liebe  zur  Mannigfaltigkeit  der  Dinge  und  der  geistigen 
Haltungen.  »Wo  .  .  .  der  Monismus  der  Anschauungsweise  nicht  die  Differen- 
zierung  und  Individualisierung  ihrer  Inhalte  zum  Korrelat  hat,  da  ist  er  viel- 
fach  kraftsparend,  allein  nicht  im  Sinne  der  anderweitigen,  im  ganzen  erhohten 
Tatigkeit,  sondern  im  Sinne  der  Tragheit«  (a.  a.  O.,  1 19/120).  Weit  deutlicher 
zeigt  die  »Einleitung  in  die  Moral wissenschaft«  (2  Bde.  1892/93)  ein  doppeltes 
Antlitz.  Anfangs  scheint  sie  sich  durchaus  gegen  jede  Art  deduktiver  Ethik  zu 
wenden:  aus  jedem  allgemeinen  Moralprinzip  konnen  gleich  leicht  entgegen- 
gesetzte Folgerungen  gezogen  werden.  So  soil  fur  psychologische,  soziologische, 
historische  Forschungen,  die  an  die  Stelle  der  Ethik  zu  treten  haben,  Platz  ge- 
schaffen  werden.  An  solchen  Stellen  liest  sich  die  Einleitung  etwa  wie  eine 
Ausleitung  aus  der  Moral wissenschaft.  Seele  und  Ich  werden  in  eine  Summe  von 
Vorstellungen  und  Strebungen  aufgelost,  die  Wahrheit  sogar  wird  quantitativ 
als  Majoritat  der  miteinander  ubereinstimmenden  BewuBtseinsinhalte  be- 
stimmt.  Im  Verlaufe  des  Werkes  aber  richtet  sich  die  Kritik  immer  entschie- 
dener  gegen  die  Dogmen  des  Naturalismus,  von  denen  S.  doch  noch  abhangig 
bleibt.  Die  naive  Gleichsetzung  des  Natiirlichen  mit  dem  Verbreiteten  einer- 
seits,  mit  dem  Wertvollen  andererseits  erweist  sich  als  Irrtum  (I,  86,  96) ;  die 


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scheinbare  Selbstverstandlichkeit  des  summativen  Hedonismus  (groBtes  Gliick 
der  groBten  Zahl)  wird  zerstort.  Die  Moglichkeit  anderer  Ideale  wird  aufgezeigt : 
Ausbildung  der  Individuality,  reichbewegtes  Leben,  das  jede  Art  und  jeden 
Grad  von  Schmerz  wie  von  Lust  empfunden  hat  (I,  357).  Die  eigentliche  Wert- 
setzung  entzieht  S.  (vielleicht  schon  unter  Nietzsches  EinfluB)  der  Wissen- 
schaft,  weist  sie  dem  moralischen  Gesetzgeber,  dem  praktischen  Revolutionar 
zu  (I,  322).  Uneinheitliche  Haltung  und  Mangel  an  Ehrfurcht  vor  dem  Tiefsinn 
groBer  Philosopheme  haben  das  trotzdem  bedeutende  Werk  seinem  Urheber 
verleidet,  als  er  dariiber  hinausgewachsen  war.  Er  konnte  sich  nie  dazu  ent- 
schlieBen,  es  umzuarbeiten ;  wohl  gab  er  Erlaubnis  zu  einem  anastatischen 
Neudruck,  hat  aber  zuletzt  verboten,  das  Buch  wieder  aufzulegen. 

Die  Tendenz,  das  Denken  dem  Leben  unterzuordnen,  laBt  sich  in  der  »Ein- 
leitung  in  die  Moral wissenschaft«  vielfach  spiiren.  Aber  »  Leben  «  wird  noch 
nicht  als  unmittelbar  gelebtes  Leben,  sondern  biologisch,  als  naturwissenschaft- 
lich  gedachtes  Leben  wesentlich  unter  Gesichtspunkten  der  Darwinschen 
Selektionslehre  gesehen.  Da  zugleich  der  Glaube  an  eine  absolute  Wahrheit  er- 
schiittert  ist,  wird  die  Wahrheit  selbst  als  Anpassung  verstanden.  Nicht  so,  als 
seien  nur  die  Erkenntnisfunktionen  Werkzeuge  im  Dienste  der  Lebenserhal- 
tung,  sondern  viel  radikaler :  Wahrheit  selbst  ist  nichts  anderes  als  der  Inbegriff 
der  Vorstellungen,  die  sich  als  niitzlich  im  Lebenskampfe  erwiesen  haben. 
Immerhin  wird  Wahrheit  nicht  mehr  durch  die  Mehrheit  der  Vorstellungen, 
sondern  durch  das  Verhaltnis  zum  Lebensganzen  definiert.  »Man  konnte  viel- 
leicht sagen :  es  gibt  gar  keine  theoretisch  giiltige  Wahrheit,  auf  Grund  deren 
wir  dann  zweckdienlich  handeln ;  sondern  wir  nennen  diejenigen  Vorstellungen 
wahr,  die  sich  als  Motive  des  zweckmaBigen  lebenfordernden  Handelns  er- 
wiesen haben*.  In  dem  Aufsatze  »Uber  eine  Beziehung  der  Selektionslehre 
zur  Erkenntnistheorie«  (Arch,  f .  syst.  Philos.  1895),  dem  dieser  Satz  entnommen 
ist,  hat  S.  den  Grundgedanken  entwickelt,  der  bedeutend  spater,  wesentlich 
unklarer  und  mit  ganz  anderen  Antrieben  vermischt,  in  dem  sogenannten 
»Pragmatismus«  aus  Amerika  importiert  wurde. 

Es  ist  fur  S.  bezeichnend,  daB  eine  geistigere  und  reichere  Auffassung  des 
Lebens  sich  in  dem  Werke  anbahnt,  das  er  dem  universellen  Mittel  der  Wirt- 
schaft,  dem  Trager  der  Mechanisierung,  widmete,  in  der  »  Philosophic  des 
Geldes*  (1900).  Schon  das  Bekenntnis  zur  Philosophic,  das  der  Titel  enthalt, 
deutet  darauf  hin.  » Keine  Zeile  dieser  Untersuchungen, «  so  heiBt  es  in  der 
»Vorrede«,  »ist  nationalokonomisch  gemeint.  Sondern  der  Sinn  und  Zweck  des 
Ganzen  ist  nur  der :  von  der  Oberflache  des  wirtschaf tlichen  Geschehens  eine 
Richtlinie  in  die  letzten  Werte  und  Bedeutsamkeiten  alles  Menschlichen  zu 
ziehen. «  Es  soil  die  Moglichkeit  dargetan  werden,  »an  jeder  Einzelheit  des 
Lebens  die  Ganzheit  seines  Sinnes  zu  finden«.  Damit  hat  S.  die  ihm  eigentiim- 
liche  philosophische  Arbeitsweise  erkannt  und  ausgesprochen.  Er  hat  das  zeit- 
gebundene  MiBverstandnis  seiner  selbst  uberwunden,  durch  das  er  sich  den 
Totengrabern  der  Philosophic,  den  Verteilern  ihres  Erbes  an  die  Einzelwissen- 
schaften  angescfylossen  hatte  —  er  weiB  nun,  daB  ihm  umgekehrt  alle  einzelnen 
Erkenntnisse  der  Wissenschaften  wie  der  Lebenserfahrung  nur  Wert  haben, 
sofern  er  von  ihnen  aus  dem  Sinn  des  Lebens  sich  nahern  kann.  Von  der  absoluten 
Schatzung  der  Einzeldinge  her  kommt  man  der  Wahrheit  naher,  wenn  manein- 
sieht,  daB  alles  Einzelne  seinen  Sinn  erst  aus  den  Beziehungen  zu  anderem  zieht. 


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Was  S.  »Relativismus«  (besser  ware  wohl:  »Relationismus«)  nennt,  ist  nicht  die 
banale  Herabsetzung  aller  Werte  durch  die  ode  Formel:  alles  ist  relativ  — 
sondern  die  Erkenntnis,  daB  Wahrheit  und  Wert  jeweils  in  den  ganz  bestimmten 
Relationen  der  Dinge  zueinander  und  zum  erkennenden  oder  begehrenden 
Subjekte  bestehen.  »Dies  ist  die  philosophische  Bedeutung  des  Geldes:  daB  es 
innerhalb  der  praktischen  Welt  die  entschiedenste  Sichtbarkeit,  die  deutlichste 
Wirklichkeit  der  Formel  des  allgemeinen  Seins  ist,  nach  der  die  Dinge  ihren 
Sinn  aneinander  finden  und  die  Gegenseitigkeit  der  Verhaltnisse,  in  denen 
sie  schweben,  ihr  Sein  und  Sosein  ausmacht.«  (S.  85.)  Wird  so  analytisch  der 
Sinn  des  Geldes  zuriickverfolgt  bis  zu  den  Griinden  des  Erkennens  iiberhaupt, 
so  werden  dann  synthetisch  die  Zusammenhange  der  Geldwirtschaft  mit  alien 
Seiten  der  modernen  Kultur,  mit  dem  ganzen  Stil  des  neuzeitlichen  Lebens 
aufgewiesen.  Die  Berechenbarkeit  der  Natur  durch  die  mathematische  Natur- 
wissenschaft,  die  Rationalisierung  der  staatlichen  Entscheidungen  durch  das 
Prinzip  der  Majoritat  und  die  Geldwirtschaft  werden  als  AuBerungen  des 
gleichen  Geistes  begriffen. 

Bei  aller  Weite  und  Tiefe  haben  die  friihen  Werke  S.s  etwas  von  geistreichem 
Spiele  —  die  Souveranitat  eines  alles  verkniipfenden,  alles  Einzelne  zugleich 
benutzenden  und  verwerfenden,  jede  Richtung  des  Denkens  radikal  verfolgen- 
den  und  durch  eine  Gegenrichtung  widerlegenden  Geistes  genieBt  sich  selbst 
in  ihnen.  Uber  diese  Stufe  erhebt  er  sich,  indem  er  sich  Kant  in  seiner  Weise 
aneignet.  Schon  daB  er  es  in  dem  Vorwort  seines  »Kant«  (1904),  der  auf  sein 
Kolleg  im  Winter  1902/03  zuruckgeht,  als  seine  Absicht  ausspricht,  »die  Kern- 
gedanken,  mit  denen  Kant  ein  neues  Weltbild  gegrundet  hat,  in  das  zeitlose 
Inventar  des  philosophischen  Besitzes  .  .  .  einzustellen, «  zeigt  neuen  Ernst  und 
erhohte  Verantwortlichkeit.  In  der  Gesetzlichkeit  des  Subjekts,  die  als  Wesen 
des  Subjekts  iiberhaupt,  damit  als  uberindividuell  erkannt  ist,  begriindet  Kant 
die  Objektivitat  neu.  Das  Eigenrecht  jedes  der  groBen  Kulturgebiete,  die  Er- 
kenntnis der  besonderen  Normen  der  Wahrheit,  der  Sittlichkeit,  der  Kunst  — 
das  ist  der  eine  groBe  Gewinn,  den  die  Vertiefung  in  Kant  bringt.  Damit  ist  der 
Einheit  des  Lebensstromes  die  Getrenntheit  autonomer  Wertreiche  gegeniiber- 
gestellt.  Die  Bewegung,  die  durch  diese  Polaritat  erzeugt  wird,  ist  von  da  an  eines 
der  Hauptthemata  von  S.s  Denken.  Der  zweite  Gewinn,  der  mit  dem  ersten  eng 
zusammenhangt,  ist  die  Begrenzung  des  Relativismus  durch  den  End-  und 
Richtpunkt  eines  absoluten  »Apriori«.  Dabei  bestreitet  S.  freilich  dauernd,  daB 
dieses  absolute  Apriori  in  Kants  Kategorientafel  oder  in  irgendeiner  anderen 
Reihe  von  Begriffen  sich  auf zeigen  lasse ;  es  ist  f iir  ihn  vielmehr  immer  hinter 
den  relativ  giiltigen  Voraussetzungen  als  deren  letzter  Grund  zu  fordern.  Die 
Kategorie  riickt  ihm  so  in  eine  Iyinie  mit  der  Kantischen  » Idee  «,  wird  im  Unend- 
lichen  liegendes,  regulatives  Ziel. 

Erst  durch  die  Vertiefung  in  Kant  gelingt  es  ihm,  die  Frage  der  geschicht- 
lichen  Erkenntnis  genau  zu  stellen,  die  Frage  also,  die  ihn  zuerst  zur  Philosophic 
gefiihrt  hatte.  Die  erste  Auflage  seines  Buches  »Die  Probleme  der  Geschichts- 
philosophie«  (1892)  enthalt  bereits  die  bedeutende  Analyse  des  geschichtlichen 
»Verstehens«,  verteidigt  schon  die  Geschichte  als  »Wirklichkeitswissenschaft« 
gegen  die  Anspriiche  der  Gesetzeswissenschaften,  allein  als  »Wissenschaft« 
zu  gelten ;  aber  noch  wird  Philosophic  als  vorlaufige  Wissenschaft  bezeichnet, 
noch  herrscht  das  Ideal  des  mechanistischen  Erkennens,  noch  fehlt  der  Begriff 


Simmel 


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eines  Apriori  der  Geschichte.  Erst  die  zweite,  »vollig  veranderte  «  Auf lage  (1905) 
stellt  die  Frage  nicht  mehr  psychologisch,  sondern  erkenntnistheoretisch  und 
eroffnet  eben  darum  die  Perspektive  auf  die  Zusammenhange  zwischen  Er- 
kenntnistheorie  und  Psychologie  in  der  Theorie  des  geschichtlichen  Verstehens. 
Sicherlich  hat  S.  von  den  bedeutenden  Arbeiten  Diltheys,  Windelbands  und 
Rickerts,  die  zwischen  1892  und  1905  erschienen  waren,  sehr  viel  gelernt  — 
das  Wesentlichste  aber  stammt  unmittelbar  aus  Kant.  Wie  Kant  den  Realismus 
der  naturwissenschaftlichen  Erkenntnis  iiberwunden  hat,  so  will  S.  den  Realis- 
mus der  geschichtlichen  Erkenntnis  uberwinden,  ihre  Abhangigkeit  vom  er- 
kennenden  Subjekt  nachweisen.  Der  »WeltanschauungswerU  ist  in  beiden 
Fallen  der  gleiche:  Befreiung  vom  Historismus  wie  vom  Naturalismus.  »Den 
Menschen,  der  erkannt  wird,  machen  Natur  und  Geschichte:  aber  der  Mensch, 
der  erkennt,  macht  Natur  und  Geschichte  <*  (2.  Aufl.,  S.  VII). 

So  sehr  die  »Soziologie«  (1908)  den  AbschluB  fruherer  Studien  bedeutet  — 
fur  ihre  Ausfiihrung  ist  der  Durchgang  durch  Kant  ebenfalls  wichtig  geworden. 
Soziologie  wird  als  Lehre  von  den  Formen  der  Vergesellschaftung  aufgebaut, 
dadurch  von  alien  inhaltlich  orientierten  Kulturwissenschaften  einerseits,  von 
der  Psychologie  andererseits  abgetrennt.  Die  Tatsachen  aus  alien  Teilen  des 
sozialen  Lebens,  aus  alien  Geschichtsperioden  und  Kulturen  dienen  doch  nur 
zur  Illustration  der  Formenlehre.  So  wird  eine  Ubersicht  iiber  die  Moglichkeiten 
geboten,  innerhalb  deren  die  Wirklichkeit  sich  entfaltet.  Die  Haltung  ist  be- 
wuBt  einzelwissenschaftlich.  Aber  neben  der  erkenntnistheoretischen  Begriin- 
dung  herrscht  in  dem  Werke  noch  ein  zweites  philosophisches  Interesse: 
hinter  dem  Spiel  der  Erscheinungen  wird  das  soziale  Leben  als  spannungs- 
haltige  Einheit  sichtbar.  Der  soziale  Kampf  ist  nicht  etwa  Stoning  der  sozialen 
Einheit,  er  wird  vielmehr  als  gesellschaft-aufbauend  erkannt.  Die  heraklitische, 
den  Kampf  und  die  Bewegung  bejahende  Richtung  bestimmt —  unter  Nietz- 
sches  EinfluB  —  S.s  Denken  immer  entschiedener. 

Ein  nahe  verwandter  Gedanke  vertieft  dann  in  der  Abhandlung  »Zur  Meta- 
physik  des  Todes«  (1910)  die  Lebensphilosophie.  Der  Tod  ist  kein  »Parzen- 
schnitU,  der  den  Lebensfaden  willkurlich  durchtrennt,  kein  auBerliches 
Schicksal,  das  auch  wohl  ausbleiben  konnte  —  er  ist  dem  Leben  wesentlich ; 
Leben  existiert  nur  als  todeshaltiges,  seiner  selbst  bewuBtes  Leben  nur  als  todes- 
bewuBtes.  Wie  das  Leben  sein  Ende  in  sich  aufnimmt,  so  auch  seinen  Gegensatz : 
das  t)berlebendige,  die  Idee,  die  strenge,  gultigeObjektivitat  der  Wissenschaft, 
der  Kunst,  der  Sittlichkeit.  Leben  will  nicht  nur  mehr  Leben,  wie  W.  H.  Rolph 
(Biologische  Probleme  1882)  und  Nietzsche  im  Gegensatze  zu  der  Darwinschen 
Lebenserhaltung  gesehen  hatten,  es  will  immer  auch  »  mehr  als  Leben  «.  Mit  dieser 
Wendung  wird  die  Lebensphilosophie  zugleich  Kulturphilosophie.  Das  Leben 
wird  Geist,  es  sucht  die  Form,  die  selbstandige  eigengesetzliche  Objektivitat 
der  Wirtschaft,  des  Staates,  der  Wissenschaft,  der  Kunst  —  und  doch  zerbricht 
es  als  Lebensstrom  immer  von  neuem  diese  Formen ;  denn  sie  vergewaltigen 
das  Leben.  Das  Leben  erzeugt  aus  sich  immer  von  neuem  seine  hohere  Stufe, 
die  zugleich  etwas  ihm  Notwendiges  und  etwas  ihm  Feindliches  einschlieBt.  Die 
Zwiespaltigkeit  des  Geistes  und  der  Kultur  ist  also  im  Leben  selbst  begriindet 
und  darum  echt  tragisch.  Mit  dem  Leben  bejaht  S.  auch  diese  seine  Tragik, 
d.h.  er  wird  von  ihr  weder  zur  Abkehr  vom  Leben  noch  zur  Abkehr  von  der 
Kultur  getrieben.  GroBte  Lebensfulle,  hochste  Spannung  desErlebens  ist  ihm 


332  I9i8 

unzweifelhaft  wertvoll  —  an  diesen  Wert,  sein  personliches  Apriori  hat  der 
kritische  Scharfsinn  seines  Geistes  nie  geriihrt,  was  um  so  bemerkenswerter  ist, 
als  Stoa,  Buddhismus  und  mindestens  eine  Grundrichtung  des  Christentums 
in  der  Ablehnung  dieses  Ideals  der  Erlebnisfulle  einander  begegnen.  Gerade  in 
seiner  durchaus  positiven  Stellung  zum  Leben  folgt  S.  Goethe.  Da  er  den  tiefen 
Zwiespalt  in  allem  Leben  langst  erkannt  hatte,  konnte  der  Krieg  seine  An- 
schauung  nicht  erschiittern,  nur  durch  die  grundlose  Liebe  zu  Deutschland,  die 
rational  zu  rechtfertigen  er  verschmahte,  vertiefen.  Allerdings  wurde  er  auch, 
obgleich  jetzt  mehr  dem  ewigen  Sinne  einzelner  groBer  Personen  zugewandt, 
durch  die  Ereignisse  zu  einer  Deutung  der  zeitlichen  Lage  getrieben.  Die  all- 
gemeine  Tragik  der  Kultur,  daB  ihre  hochsten  Erzeugnisse  das  Leben  hemmen 
und  vora  Leben  darum  wieder  zerstort  werden,  sieht  S.  in  der  Gegenwart  zur 
Krise  sich  zuscharfen.  Daher  die  Feindschaft  gegen  die  Formen  als  solche,  nicht 
nur  gegen  bestimmte  erstarrte  Formen,  die  der  Expressionismus  bedeutete. 
Deshalb  auch  ist  der  Begriff  » Leben «,  der  einen  Gegensatz  zu  der  driickenden 
Sachkultur  bildet,  zum  Grundbegriff  alles  Philosophierens  geworden,  in  dem  wie 
in  alien  solchen  Grundbegriffen,  wie  einst  in  Substanz,  Gott,  Sein,  zugleich 
Existenz  und  Wert  gedacht  werden.  S.  erkennt  als  zeitbedingt,  kritisiert  und 
uberschreitet  damit  einen  Lebensbegriff,  der  zu  einem  Jenseits  des  Lebens,  zu 
den  strengen  Formen  der  Sachkultur  in  Gegensatz  stent  —  als  das  Ziel  kiinf- 
tigen  Philosophierens  steht  ihm  ein  Begriff  des  Lebens  vor  dem  Geist,  der  das 
Leben  und  seine  Gegensatze,  den  Tod  wie  die  iiberlebendige  Form,  umspannt. 
S.  braucht  gelegentlich  fur  seine  Philosophic  den,  wie  er  weiB,  altmodisch 
klingenden  Ausdruck  »Lebensweisheit«  in  einem  neuen,  pragnanten  Sinn:  sie 
ist  ihm  das  Wissen  um  das  Leben  und  zugleich  die  Weisheit,  die  das  Leben 
ehren  und  f iihren  hilft.  Er  denkt  durchaus  immanent  —  alles,  selbst  die  Wahr- 
heit,  ist  abhangig  von  unserem  Leben  und  Erleben.  Trotzdem  ist  er  »Meta- 
physiker* —  aber  nicht  indem  er  ein  vom  Erleben  unabhangiges  Sein  erreichen 
will,  sondern  indem  er  das  Erleben  selbst  von  einem  Tieferen  getragen  fiih.lt. 
Diese  Hingegebenheit  an  ein  Urspriingliches  ist  es,  in  der  er  die  Religion  be- 
griindet  weiB  —  ganz  unabhangig  von  alien  besonderen  Inhalten  des  Ge- 
glaubten,  die  historische  oder  philosophische  Kritik  antasten  konnte.  So 
spricht  er  das  ozutiefst  Religiose  in  Goethe*  damit  aus,  »daB  ihm  das  Absolute 
ein  Wert  ist,  daB  ihm  der  Wert  nicht  an  Unterschiede  geknupft  ist«  (»  Goethe^ 
S.  168). 

S.  hat  seine  Lehren  nie  systematisch  entwickelt,  und  das  nicht  etwa,  weil 
er  nicht  fertig  damit  geworden  ware,  sondern  weil  er  es  nicht  wollte,  ja  nach 
seiner  ganzen  Einstellung  nicht  wollen  konnte.  Er  versenkte  sich  mit  voller 
Liebe  in  jede  Seite,  sogar  in  jede  Einzelheit,  die  sich  seinem  Geiste  darbot^ 
und  er  zeigte,  wie  man  von  jedem  Punkte  aus  in  die  Tiefen  des  Lebens  hinab- 
stoBen  kann.  Diese  Verbindung  von  scharfster  Analyse  und  tiefsinniger  Deu- 
tung gibt  Aufsatzen  wie  dem  iiber  den  Henkel  oder  uber  den  Schauspieler  eine 
ganz  einzigartige  Anziehungskraft.  Eine  andere  Gruppe  von  Arbeiten  hat  er 
groBen  Personlichkeiten  gewidmet.  Auch  sie  sind  von  einer  ganz  besonderen 
Art  —  weder  objektive  Darstellung  des  Werkes  oder  der  Lehre,  noch  historische 
Einordnung,  noch  Biographie,  sondern  reine  Herausarbeitung  dessen,  was  er 
als  das  ewig  Wertvolle  an  dieser  einmaligen  Personlichkeit  und  ihrer  Leistung 
erkennt.  Hierher  gehort  in  gewissem  Sinne  schon  der  » Kant «,  dann  » Schopen- 


Simmel 


333 


hauer  und  Nietzsche*,  » Goethe «,  » Rembrandt «,  ferner  Aufsatze  iiber  Michel- 
angelo, Stefan  George,  Rodin,  Bergson.  Alle  diese  Essays  und  Biicher  enthalten 
aufier  dem  idealen  Portrat  ihres  Helden  grundsatzliche  Untersuchungen,  im 
» Rembrandt*  iiberwiegt  das  allgemein  Kunstphilosophische  entschieden.  Das 
sind  keine  auBerlichen  Zutaten  —  vielmehr  die  groBen  Personlichkeiten  sind 
ihm  wichtig,  weil  sich  von  ihnen  aus  das  allgemein  Bedeutsame  in  besonderem 
Aspekt  zeigt.  Individualitat  reicht  fur  S.  tief  in  die  letzten  Werte  und  Wert- 
gestalten  hinein.  Ihm  ist  nicht  Einzigkeit,  nicht  die  jedem  Stticke  Wirklichkeit 
anhaftende  Besonderheit,  sondern  »Eigenheit«  der  wesentliche  Sinn  der  Indi- 
vidualitat. Den  Kantischen  Gegensatz  von  Sollen  und  Sein  sieht  S.  in  jedem 
individuellen  Leben.  Noch  weit  radikaler  als  Kant  will  er  das  Sollen  von  jeder 
Art  von  Zweckhaftigkeit  trennen  —  das  Leben  selbst,  weil  es  mehr  als  Leben 
will,  erzeugt  aus  sich  ein  Sollen,  das  das  Leben  beherrscht.  Dies  Sollen  ist  fur 
jedes  Individuum  seinem  Wesen  (nicht  seinem  Wollen!)  entsprechend  ein 
anderes  —  und  of fenbart  sich  ihm  als  Ubereinstimmung  der  Tat  mit  der  To- 
talitat  des  Lebens.  »Statt  des  eigentlich  oden  Nietzscheschen  Gedankens: 
Kannst  du  wollen,  daB  dieses  dein  Tun  unzahlige  Male  wiederkehre  —  setze  ich : 
Kannst  du  wollen,  daB  dieses  dein  Tun  dein  ganzes  Leben  bestimme  ? « (»Lebens- 
anschauung«,  S.  241).  DemgemaB  iiberwindet  derEinzelne  dieSchranken  seiner 
Eigenart  nicht  durch  abstrakte  Allgemeinheiten,  sondern  durch  Verstehen  des 
individuellen  Gesetzes  groBer  Personlichkeiten.  So  gliedern  sich  die  ideal-bio- 
graphischen  Darstellungen  seinem  Werke  ein.  —  Entsprechend  bedeutet  ihm 
Ewigkeit  kein  Jenseits  der  Zeit,  noch  weniger  etwa  unendliche  Zeit,  sondern 
Uberzeitlichkeit  innerhalb  des  zeitlichen  Verlaufs  selbst.  So  versteht  man  einen 
Satz  aus  dem  nachgelassenen  Tagebuch:  »Wie  mein  Problem  ist:  Objektivie- 
rung  des  Subjekts  oder  vielmehr:  Entsubjektivierung  des  Individuellen  (jenes 
ist  mehr  Sache  von  Kant  und  Goethe),  so  auch  die  Ewigkeitsbedeutung  des 
Zeitlichen.  <n 

Literatur :  Ein  Verzeichnis  der  zahlreichen  Aufsatze  S.s  in  Zeitschriften  und  Zeitungen 
fehlt.  Das  Wesentliche  seines  Werks  ist  in  seine  Biicher  eingegangen,  die  hier  in  der 
Reihenfolge  ihres  ersten  Erscheinens  aufgefuhrt  seien:  Die  Probleme  der  Geschichts- 
philosophie,  1892  (2.,  vollig  veranderte  Aufl.  1905,  3.,  erweiterte  Aufl.  1907);  Einleitung 
in  die  Moralwissenschaft,  2  Bande,  1892/93;  Philosophic  des  Geld  es,  1900  (2.,  vermehrte 
Aufl.  1907);  Kant,  1904;  Kant  und  Goethe  1906;  Schopenhauer  und  Nietzsche,  1907; 
Soziologie,  1908;  Hauptprobleme  der  Philosophic  (Sammlung  Goschen),  19 10;  Philo- 
sophische  Kultur,  191 1  (2.  um  einige  Zusatze  vermehrte  Aufl.  1919);  Goethe  1913;  Rem- 
brandt 1 9 16;  Grundfragen  der  Soziologie  (Sammlung  Goschen),  191 7;  DerKriegund  die 
geistigen  Entscheidungen  (Reden  und  Aufsatze),  191 7;  Der  Konflikt  der  modernen  Kultur 
(Ein  Vortrag),  191 8;  Lebensanschauung.  Vier  metaphysische  Kapitel,  1918.  —  Nach 
Simmels  Tode  sind  auf  seine  Anordnung  hin  erschienen :  Zur  Philosophic  der  Kunst,  1922 ; 
Schulpadagogik,  1922;  Fragmente  und  Aufsatze  aus  dem  NachlaO  und  Veroffentlichungen 
der  letzten  Jahre,  1923.  —  Weiterer  wissenschaftlicher  NachlaC  existiert  nicht.  —  t)ber 
Simmel:  Max  Adler,  G.  S.s  Bedeutung  f iir  die  Geistesgesehichte,  Wien  1919;  A.  Mamelet, 
La  philosophic  dcG.S.,  Rev.  de  MUaph.  ctdeMor.,  1912 — 1913  (auch  als  Buch  1914). — 
Unter  den  Nachrufen  bemerkenswert  die  Aufsatze  von  Frischeisen-Kohler,  Kant-Studien, 
Bd.  24;  Kracauer,  I,ogos,  Bd.  9;  Utitz,  Zeitschr.  f.  Asth.,  Bd.  14.  —  Fiir  freundliche 
Auskiinfte  und  Angaben  bin  ich  der  philos.  Fakultat  der  Universitiit  Berlin  und  Frau 
Gertrud  Simmel,  geb.  Kinel  in  Jena  zu  Dank  verpflichtet. 

Freiburg  i.  B.  Jonas  Cohn. 


334  I918 

VoB,  Richard,  Dichter,  *  am  2.  September  1851  in  Neu-Grape,  Pommern, 
f  am  10.  Juni  1918  in  Berchtesgaden,  Oberbayern,  vermahlt  1878  mit  Melanie, 
geb.  v.  Glenck  aus  Basel,  wuchs  in  Berlin  und  Thiiringen  auf,  ging  als  frei- 
williger  Krankenpfleger  in  den  Krieg  1870/71,  studierte  in  Jena  und  Munchen 
und  lebte  dann  in  Berchtesgaden,  in  Rom  und  Frascati,  in  Munchen  und  Berlin. 
In  seinen  letzten  Lebensjahren  fuhrten  ihn  weite  Reisen  nach  Griechenland, 
Agypten  und  Indien.  Paris  und  London  hat  er  nie  gesehen.  Italien  kannte  und 
liebte  er  wie  wenige.  Seine  ersten  Bekenntnisse,  »Nachtgedanken  auf  dem 
Schlachtfeld  von  Sedan «  und  »Visionen  eines  deutschen  Patrioten«  (1872)  er- 
regten  ein  gewisses  Aufsehen.  Sie  galten  dem  Grauen  des  Krieges.  Des  Dichters 
letzter  Roman  »Die  Erlosung«  sucht  verzweifelt  den  Ausweg  aus  den  Schrecken 
und  Verwilderungen  des  groBen  Weltkrieges.  Den  »Visionen«  folgten  »Die 
Scherben«  (1875).  Nicht  mit  Unrecht  hat  man  diese  Skizzen  Vorlaufer  des 
Naturalismus  genannt.  Ein  Stuck  daraus  » Von  der  Gasse«  war  von  ungewohn- 
licher,  realistischer  Schilderungskraft  und  wurde  in  die  ausgewahlten  Werke 
aufgenommen.  Seinen  ersten  groBen  Erfolg  dankt  V.  seinem  preisgekronten 
Drama  »Die  Patrizierin «.  Es  wurde  1881  in  Frankfurt  aufgefuhrt.  Der  Dichter 
blieb  dann  etwa  ein  Jahrzehnt  hindurch  der  gefeiertste  der  deutschen  Dra- 
matiker.  Besonders  seine  Dramen  » Alexandra «,  »Eva«  und  »Schuldig«  waren 
von  alien  Theatern  begehrt.  Als  Richard  V.  fuhlte,  daB  auf  der  Buhne  ein  ganz 
neues  Geschlecht  mit  ganz  anderem  Wollen  als  das  seine  war,  besonders  von 
der  Jugend  sturmisch  begriiBt  wurde,  entsagte  er  freiwillig  dem  Drama.  Er  hat 
das  Gelobnis,  nicht  wieder  furs  Theater  zu  dichten,  bis  an  sein  Lebensende 
tapfer  gehalten.  Uns  scheint  heute  der  Hohn,  mit  dem  die  Kritik  der  damals 
Jungen  das  Werk  von  Richard  V.  uberschiittete,  ungerecht  und  kurzsichtig.  Das 
echte  Buhnenblut  dieser  Stiicke,  die  starke  Phantasie,  die  sich  der  heran- 
drangenden  Flut  der  Gestalten  kaum  erwehrt,  die  instinktiv  sichere  Technik 
und  der  Sinn  fur  groBe  und  dekorative,  wenn  auch  theatralische  Wirkungen, 
schlieBlich  die  schwarmerische,  weiche  und  weltfremde  Menschenliebe  geben 
diesen  Dramen  doch  ein  eigenes  Gesicht,  und  besonders  die  heranwachsende 
Jugend  konnte  auch  heute  noch  dafiir  empfanglich  sein.  Betrachtet  man  die 
Dramen  literargeschichtlich,  so  erscheinen  sie  als  Versuche  auf  dem  Weg  vom 
franzosischen  Gesellschaftsdrama  und  vom  deutschen  Epigonenstiick  zum 
Realismus,  auch  die  Einwirkung  von  Ibsen  macht  sich  bemerkbar.  Eben  weil 
sie  ganz  weder  das  Alte  noch  das  Neue  waren,  hat  sie  die  damalige  Jugend  ver- 
urteilt ;  uns  werden  sie  durch  ihre  Zwischenstellung  eher  interessant.  Jedenf alls 
hatte  man  den  franzosischen  Stiicken  der  Sardou,  Augier  und  Dumas  Fils 
ebenso  scharf  widersprechen  sollen,  wie  ihren  V.schen  Gegenbildern ;  das  ge- 
schah  naturlich  nicht. 

Richard  V.,  der  rasch  und  fieberhaft  dichtete,  hat  sich  schon  friih  der  Novelle 
und  dem  Roman  zugewandt  und  verschrieb  sich  ihnen  in  den  letzten  Jahrzehnten 
seines  Lebens  ganz.  Aus  der  langen  Reihe  seiner  Erzahlungen  ragen  einige  ita- 
lienische  Novellen  hervor  —  in  einer  Blutezeit  deutscher  Novellen  entstanden 
und  Meisterstiicke  ihrer  Gattung  —  durch  die  Glut  und  Anschaulichkeit  der 
Schilderung,  durch  die  Leidenschaft  des  Erlebens,  durch  die  starken  Span- 
nungen  und  durch  die  ausgezeichnete  Abrundung  der  Themen,  ebenso  durch 
die  Vorliebe  fur  die  seltsamsten  Begebenheiten,  etwa  aus  der  Welt  des  Spiritis- 
mus.  Wir  nennen  » Maria  Botti«,  »Die  Villa  Falconieri«,  »Der  Tugendpreis*, 


v°fi  335 

»Die  Calmadolenserin «,  »Der  gute  Fra  Checco  «.  Aus  spaterer  Zeit  mochten  wir 
»Die  Herzogin  von  Plaisance*  und  die  agyptischen  Novellen  riihmen,  und  von 
den  deutschen  Geschichten  »Der  Monch  von  Berchtesgaden «. 

Von  den  groBen  Romanen  gelangten  »Zwei  Menschen«  zu  beispielloser  Ver- 
breitung  (1910  erschienen,  jetztim  560.  Tausend  vorliegend).  Kiinstlerisch  be- 
deutender  scheinen  uns  »  Michael  Cibula«,  »Dahiel  der  Convertit«  und  »  Richards 
Junge«.  Auch  der  Aufbau  der  Romane  zeigt  den  erfahrenen  Biihnendichter,  der 
zu  spannen  und  zu  steigern  weiB ;  einzelne  Szenen  von  starker  erregender  Kraft, 
von  berauschender  Schonheit  der  Schilderung,  vom  zartesten  Gefiihl  und  von 
lebendiger  Echtheit  pragen  sich  jedem  Leser  ein.  Sehnsucht  nach  Reinheit  und 
Schonheit  und  nach  der  groBen  und  unberiihrten  Natur  und  ihren  elementaren 
Gewalten  verklaren  diese  Konfessionen  und  tiefes  Mitleid  mit  den  Armen  und 
Schwachen.  Immer  von  neuem  erhebt  sich  der  Kampf  des  angeborenen  und 
echten  religiosen  Empfindens  mit  den  starren  und  grausamen  Gesetzesvor- 
schriften  der  geltenden  Religion.  Eine  gewisse  Weltfremdheit,  Mangel  an 
Selbstkritik,  fortwahrende  Ubertreibungen  und  Verherrlichungen,  falsches 
Pathos  und  ein  Schwelgen  in  Sensationen  und  manchmal  auch  im  Ent- 
setzlichen,  sind  ihre  Schwachen.  Unter  der  langen  Reihe  der  hier  nicht  ge- 
nannten  Romane  sind  viele  rasch  und  fliichtig  hingeworfen  oder  mit  er- 
lahmender  Kraft  geschrieben,  schwachliche  und  breite  Wiederholungen  von 
Themen,  die  der  Dichter  fruher  wirksamer  und  besser  gestaltet  hatte.  Alles 
in  allem  scheinen  aber  die  besten  Romane  von  Richard  V.  ein  Besitz 
unserer  Dichtung,  der  besonders  wieder  jungen  Menschen  die  Augen  fur  die 
Welt  der  Schonheit  und  Liebe  offnen  und  sie  mit  Begeisterung  und  Mitleid 
erfullen  kann. 

Als  kiinstlerische  Personlichkeit  gehort  Richard  V.  in  die  Zeit  und  Welt  von 
Richard  Wagner  und  Franz  Liszt,  von  den  Meiningern  und  Ludwig  II.  von 
Bayern,  von  Lenbach  und  Makart.  Mit  ihnen  gemeinsam  hat  er  auch  den  Hang 
zu  einer  etwas  theatralischen  Pracht  und  zu  furstlichem  Auftreten.  Gleich- 
zeitig  fuhlte  V.  sich  lebhaft  zur  Zeit  unserer  klassischen  Dichtung  hingezogen. 
Ohne  Schiller  mochte  er  nicht  leben.  Die  Freundschaft  mit  dem  GroBherzog  von 
Weimar  empfand  er  als  heiliges  Vermachtnis.  Uberhaupt  war  dieser  schwar- 
merische  Dichter  in  Freundschaft  unersattlich ;  weich  und  empf indsam  wie  er 
war,  von  der  maBgebenden  Kritik  selten  anerkannt  und  in  seiner  besten  Zeit 
durch  rauschende  Erfolge  verwohnt,  verlor  er  leicht  den  Glauben  an  sich  selbst 
und  bedurf te  der  Anlehnung  an  andere ;  er  wollte  auch  gern  verwohnt  und  ver- 
hatschelt  sein.  Eine  groBe  und  bezaubernde  Liebenswiirdigkeit  und  echte  Gute 
gewannen  ihm  viele  Herzen.  Er  hatte  das  Bediirfnis,  alien,  die  er  verehrte,  die 
zartesten  Aufmerksamkeiten  zu  erweisen.  Von  seiner  treuesten  und  auf- 
opferndsten  Freundin  an,  von  seiner  Frau,  die  ihn  in  alien  seinen  Krankheiten 
und  in  seinen  vielen  schlaflosen  Nachten  giitig  behiitete,  hat  er  viele  Frauen  ge- 
funden,  denen  er  sich  gern  anvertraute  und  die  ihn  trosteten,  aufrichteten  und 
ermutigten.  AuBer  dem  GroBherzog  von  Weimar  waren  der  Herzog  von  Mei- 
ningen  Georg  II.  (s.  DBJ.  1914,  S.  23  ff.)  und  der  Herzog-Regent  Albrecht 
(s.  unten  S.  547  if.)  seine  nahen  Freunde.  Viele  von  den  Kiinstlern  und  GroBen 
seiner  Zeit  hat  er  gut  gekannt,  vielen  in  seiner  Villa  Falconieri  und  seinem 
Haus  in  Berchtesgaden  die  giitigste  Gastfreundschaft  erwiesen,  wie  er  auch 
seinen  Dienern  und  Dienerinnen  immer  ein  giitiger  Herr  war.  —  Die  Erinne- 


336  i9i8 

rungen  von  V.  » Aus  einem  phantastischen  Leben«  sind  fast  ein  Bild  des  ganzen 
geistigen  und  kiinstlerischen  Deutschland  von  1870  bis  1918. 

Literatur:  Die  Selbstbiographie  von  Richard  V.:  »Aus  einem  phantastischen  Leben*, 
erschien  1920,  seine  Gesammelten  Werke  1923.  Diese  enthalten  das  meiste  von  seinen 
best  en  und  charakteristischen  Dichtungen.  Ein  ziemlich  vollstandiges  Verzeichnis  seiner 
Werke  findet  man  in  den  friiheren  Jahrgangen  des  Kiirschnerschen  Literaturkalenders. 

Koln.  Friedrich  v.  der  Leyen. 

Wedekind,  Benjamin  Franklin,  Schriftsteller,  *  am  24.  Juli  1864  in  Hannover, 
•f  am  9.  Marz  19 18  in  Miinchen.  —  Frank  W.  entstammt  vaterlicherseits  einem 
alten  niedersachsischen  Geschlechte,  das  eine  groBe  Reihe  von  Beamten, 
Juristen  und  Medizinern  hervorgebracht  hat,  miitterlicherseits  einer  schwa- 
bischen  Kaufmannsfamilie  von  betriebsamer,  unruhiger,  origineller,  freiheit- 
licher  und  kiinstlerischer  Art.  Die  iibergroBen  Gegensatze  der  Eltern,  in  deren 
Adern  iibrigens  kein  jiidisches  Blut  floB,  erklaren  seinen  menschlichen  und 
dichterischen  Charakter. 

Die  Kinder jahre  in  Hannover  blieben  ohne  besonderen  EinfluB  und  waren 
auch  schon  1872  zu  Ende,  als  der  Vater  wegen  der  ihm  unsympathischen  Ent- 
wicklung  der  politischen  Verhaltnisse  in  die  republikanische  Schweiz  iiber- 
siedelte.  Die  Jugend-  und  Schulzeit  auf  dem  vaterlichen  Schlosse  I^enzburg,  im 
gleichnamigen  Stadtchen,  und  im  benachbarten  Aarau  war  die  glucklichste  und 
eindrucksreichste  seines  Lebens.  Friih  schon  kannte  er  Dichter  und  Philo- 
sophen,  betatigte  sich  auch  selbst  literarisch  nach  Muster  von  Wieland,  Burger 
und  Heine  und  hatte  lebhaftes  Interesse  furs  Theater,  wurde  aber  zum  juri- 
stischen  Studium  bestimmt,  das  er  nach  einem  schongeistigen  Lausanner  Hoch- 
schulsommer  im  Herbst  1884  in  Miinchen  begann.  Am  liebsten  horte  er  kunst- 
und  kulturgeschichtliche  Vorlesungen  und  machte  sich  sehr  vertraut  mitMusik 
und  Theater.  Ein  Jahr  spater  war  er  heimlich  entschlossen,  Schriftsteller  zu 
werden  und  fiihrte  sein  Universitatsleben  jetzt  nur  noch  als  Fristung  fur  sein 
erstes  groBes  literarisches  Werk,  das  ihn  rechtfertigen  sollte.  Dies  aber  lieJ3  auf 
sich  warten,  und  als  er  im  Herbst  1886  seinem  Vater  die  eigenmachtige  Ver- 
wendung  der  Studienzeit  gestehen  muBte,  kam  es  zu  einem  Bruch.  Frank  wurde 
gezwungen,  seinen  Unterhalt  eine  Zeitlang  als  Pressechef  der  Firma  Maggi  in 
Zurich,  sowie  als  Feuilletonist  zu  suchen,  wahrend  er  gleichzeitig  noch  Anlaufe 
zu  groBen  Dichtungen  machte.  Dberarbeitet,  enttauscht,  entkraftet  brach  er 
zusammen  und  bat  um  Gnade.  Der  Vater  gab  ihm  noch  einmal  Mittel,  um  sich 
im  Winter  1887/88  dichterischen  Arbeiten  widmen  zu  konnen,  gegen  die  Ver- 
pflichtung,  vom  Sommersemester  1888  ab  seine  juristischen  Studien  zu  Ende 
zu  fiihren.  DaB  dies  nicht  geschah,  lag  an  der  Selbstbestatigung,  die  er  in  dem 
jungen  Ziiricher  Dichterkreise  von  Henckell,  Carl  und  Gerhart  Hauptmann, 
Mackay,  v.  Stern,  Hille  und  anderen  erfuhr,  sowie  an  dem  plotzlichen  Tode  des 
Vaters. 

Jetzt  konnte  ihn  niemand  mehr  daran  hindern,  seine  ganze  Zeit  und  Kraft 
auf  Schriftstellerei  zu  verwenden.  Eine  kleine  Erbschaft  bot  ihm  Freiheit  genug. 
In  Berlin  vermochte  er  sich  im  Fruhling  1889  nicht  recht  einzugewohnen,  um 
so  besser  aber  wieder  in  Miinchen,  wo  er  vom  Sommer  des  Jahres  bis  zum 
Herbst  1891  wohnte  und  den  Sockel  seiner  Kunst  schuf .  Fertig  wurden  die  aus 


VoD.  Wedekind  337 

Familien-  iind  Kindheitserinnerungen  erwachsenen  »  Kinder  und  Narren*  (»Die 
junge  Welt«)  und  »Friihlings  Erwachen«,  begonnen  »Der  Liebestrank«,  letzteres 
Stiick  unter  dem  Eindruck  seines  genialischen  Freundes,  des  Artisten  W.  W. 
Rudinoff. 

Im  Dezember  1891  lieB  er  sich  im  Triebe  nach  volliger  literarischer  Unab- 
hangigkeit  in  Paris  nieder,  wo  er  mit  ktirzeren  Unterbrechungen  (erste  Halfte 
1894  in  London)  bis  Februar  1895  blieb  und  sich  eifrig  dem  Studium  des  Lebens 
und  der  Liebe  hingab.  Hier  lernte  er  die  bestimmende  Personlichkeit  Willy 
Gretors  kennen.  Aus  einer  Neigung  zu  Ballett,  Zirkus  und  Variety  entstanden 
seine  Pantomimen,  und  in  diesem  Geiste  wurde  auch  der  »Liebestrank«  abge- 
schlossen.  Das  wichtigste  kiinstlerische  Produkt  jener  Zeit  aber  war  die  fiinf- 
aktige  Monstretragodie  »Die  Biichse  der  Pandora  «.  Im  Ringen  um  dieses  Werk 
und  seinen  Stil  gewann  W.  so  viel  innere  Klarheit  und  EntschluBkraft,  daB  er 
sich  fortan  in  den  Zentren  Deutschlands  um  die  Eroberung  der  Buhne  bemiihte. 
Von  der  Schwierigkeit  des  bevorstehenden  Kampfes  hatte  er  natiirlich  keine 
Ahnung.  Die  Auf f iihrung  des  ersten  Teiles  seiner  »  Biichse  der  Pandora  «  durch 
die  Leipziger  liter arische  Gesellschaft  im  Februar  1898  war  sein  erster  Erfolg. 
Mit  seinem  nachsten  Stiick,  dem  » Marquis  von  Keith  «  nach  dem  Modelle  Willy 
Gretors,  tat  er  kiinstlerisch  einen  bedeutenden  Schritt  vorwarts,  hatte  aber 
gerade  wegen  dieses  groBeren  Willens  damit  auf  dem  Theater  zunachst  kein 
Gliick,  wahrend  der  ungleich  schwachere  Einakter  » Kammersanger «  viel  ge- 
spielt  wurde. 

Seinen  Aufenthalt  wechselte  W.  haufig  und  war  bald  in  Berlin,  bald  in 
Leipzig,  in  Dresden,  in  der  Schweiz,  hauptsachlich  aber  in  Miinchen,  wo  er  Mit- 
arbeiter  des  soeben  gegriindeten  »Simplizissimus«  wurde,  in  welchem  seine 
Lyrik  und  Epik  Aufsehen  erregte.  Fiir  ihn  verfaBte  er  seine  scharfen  politischen 
Gedichte.  Wegen  Majestatsbeleidigung  verklagt,  floh  er  nach  der  Schweiz  und 
Paris,  stellte  sich  aber  doch,  um  nicht  den  Boden  zu  verlieren,  den  Gerichten 
und  verbiiBte  nach  kurzer  Gefangnishaft  den  Rest  seiner  Strafe  vom  September 
1899  bis  Marz  1900  auf  der  Festung  Konigstein.  Die  folgenden  Jahre  muBte  er 
wirtschaftlich  Not  leiden.  Miihsam  hielt  er  sich  durch  das  Kabarett  liber  Wasser, 
dessen  bedeutendstem,  den  Miinchener  »Elf  Scharfrichtern«,  er  von  Friihling 
1901  bis  Winter  1902/03  angehorte.  Der  erfolgreiche  Kabarettsanger  empfand 
das  Schicksal  seines  groBen  » Marquis  von  Keith «  doppelt  traurig.  Das  Schau- 
spiel » Konig  Nicolo«  (»So  ist  das  Leben«)  ist  ein  etwas  sentimentales  Spiegelbild 
des  Kampfes  um  seinen  kiinstlerischen  Charakter.  Krankheit  und  Verlags- 
schwierigkeiten  brachten  ihn  der  Verzweiflung  nahe,  doch  besserten  sich  seine 
Verhaltnisse  seit  1904  langsam. 

Durch  nichts  hat  W.  seine  Sache  so  sehr  gefordert  als  durch  den  EntschluB, 
sich  der  Schauspielkunst  zuzuwenden  und  selbst  auf  der  Buhne  fiir  sein  Werk 
und  seinen  Stil  einzutreten.  Griindlicher  Unterricht  brachte  ihm  Technik  bei, 
und  bald  war  er  imstande,  seine  Personen  mimisch  zu  verlebendigen,  weitab 
vom  naturalistischen  Schema.  Er  wuBte  wie  nur  ganz  Wenige,  daB  Seele  und 
Inbegriff  der  Schauspielkunst  ist,  Leidenschaften  zu  verkorpern.  Er  packte 
seine  Gestalten  bei  diesem  ihrem  Charakterzuge,  bei  ihrer  Agilitat,  ihrer  ent- 
schlossenen  Intelligenz  und  hatte  dafiir  die  Seelenglut,  die  Geistigkeit  und  das 
Tempo.  Die  innere  Wahrheit,  der  Ernst,  die  Besessenheit  gaben  seiner  Darstel- 
lung  ihren  auf  der  Buhne  seiner  Zeit  sonst  kaum  vorhandenen  Zug  von  Damonie. 

DBJ  22 


338  i9i8 

Was  er  als  Darsteller  bis  zu  seinem  Tode  ohne  Ermiiden  erstrebte,  das  hat  er 
auch  theoretisch  klar  ausgefuhrt  in  seinem  Glossarium  »Schauspielkunst«. 

Anerkennung  fand  er  besonders  als  Karl  Hetmann  in  der  »Hidalla«,  einem 
Drama,  welches  dem  Stoffkreise  seines  f ragmentarisch  hinterlassenen,  umfang- 
reichen  Werkes  uber  korperliche  Erziehung,  »Die  groBe  I,iebe«,  entstammt  und 
die  alteren  Standpunkte  in  ironisch-tragischer  Beleuchtung  zeigt.  Eine  willige 
und  fahige  Helferin  im  Theaterspiel,  eine  treue  Frau  voll  Feingefiihl,  Opfer- 
kraft  und  heroischer  GroBe  wurde  ihm  die  junge  Grazerin  Tilly  Newes,  die  ihm 
auch  zwei  Tochter  schenkte.  Die  zeitweilige  Verbindung  als  Darsteller  mit 
Max  Reinhardt,  so  gewiB  sie  ihn  gefordert  hat,  envies  sich  auf  die  Dauer  als  un- 
haltbar ;  er  bedurf  te  groBerer  Freiheit  und  auch  groBerer  Sicherheit  und  Ruhe, 
als  ihm  dort  und  iiberhaupt  in  Berlin  zuteil  werden  konnte,  und  so  ubersiedelte 
er  denn  im  Herbst  1908  endgultig  nach  Miinchen. 

Nach  der  hochgespannten,  abstrakten  Dramatik  seines  Einakters  »Toten- 
tanz«  war  inzwischen  die  stilistisch  bemerkenswerte  Groteske,  die  dramatische 
Moritat  »Musik<<  entstanden,  und  nachdieser»Oaha«,  eine  Skandalchronik  im 
Komodienton,  eines  seiner  schwachsten  Stiicke. 

Gegen  die  Verbote,  denen  mehrere  seiner  wichtigsten  Dramen  unterstellt 
bUeben,  gegen  die  Einschrankung  seiner  Spiel-  und  Vortragstatigkeit,  sowie 
gegen  MiBverstandnisse  und  kritisches  Ubelwollen  wehrte  sich  verbissen  der 
Einakter  »Die  Zensur«.  Eine  lange  Reihe  Presseartikel  unterstiitzten  dies 
Ringen  und  suchten  auch  Reklame  zu  machen,  zah  und  unbedenklich,  aller- 
dings  um  der  endlichen  Durchsetzung  seines  Werkes  willen.  Aus  dem  Ressen- 
timent,  das  ihn  zeitweilig  iiberschattete,  erhob  sich  zuerst  der  Einakter  »Der 
Stein  der  Weisen  «  mit  humorvoller  Verurteilung  seiner  eigenen  Schwachen  und 
Fehler.  Zu  groBerer  Fiille  der  Gesichte  und  reicheren  Formen  kommt  er  erst 
wieder  in  den  folgenden  Dramen  liber  das  Problem  der  Ehe.  Er  greift  hier  Ge- 
dankengange  der  »  GroBen  Liebe  «  auf  und  bestimmt  und  erganzt  sie  nach  MaB- 
gabe  seiner  neuen  Erfahrungen.  Hatte  er  dort  die  Grundlagen  der  Beziehungen 
von  Mann  und  Weib  erortert,  so  behandelte  er  in  »SchloB  Wetterstein«  und 
weiter  in  seiner  »Franziska«  ihre  Ergebnisse  im  Zusammenleben.  Allmahlich 
tritt  die  Erfindung  zurtick,  welcher  doch —  abgesehen  vom  »Liebestrank« — 
die  Stoffe  seiner  samtlichen  bisherigen  Dramen  entsprungen  waren.  Auf  die 
»Franziska«,  die  eine  genaue  Faust-Paraphrase  gibt,  folgt  der  »Simson«,  der 
in  die  altbiblische  Handlung  eine  originelle  und  dramatisch  reizvolle  Diskussion 
der  Begriffe  Schamgefuhl  und  Eifersucht  einschiebt.  Fast  unbegreiflich  er- 
scheint  unter  den  Dramen  W.s  der  »Bismarck«,  ein  Stuck  Geschichte,  treu  bis 
aufs  Wort  nach  den  Urkunden  und  der  Forschung  in  Szene  und  Dialog  gebracht, 
das  die  personlichen  Beziehungen  vermeiden  und  strenge  Sachlichkeit  der  Form 
betonen  wollte.  Sein  letztes  Drama  gab  in  der  mythologischen  Gestalt  des 
»Herakles«  eine  Selbstentratselung :  in  dem  Umgetriebenwerden  zwischen  Gott 
und  Tier,  dem  Kampf  um  seine  Eigenheit  und  Uberzeugung,  der  fruchtbaren, 
aber  tragischen  Polemik,  dem  Bahnbrechen  seiner  Taten,  den  MiBerfolgen,  dem 
Bediirfnis  nach  Anerkennung  und  Liebe,  den  Sklavendiensten  bis  zur  Er- 
ringung  der  Freiheit,  dem  Leid  am  Eros,  dem  Verhaltnis  zur  Frau,  der  Krankheit 
und  dem  jammervollenUntergang.  W.sWeg  war  ein  Heraklesweg.  Das  Ende 
und  besonders  der  SchluBchor  mit  seiner  symbolischen  Kraft  ist  geschaffen  aus 
einer  Ahnung  eigener  Verhangnisse,  aus  dem  hellsichtigen  Zwange  des  Genius. 


Wedekind 


339 


W.  fuhrte  als  einer  der  ersten  und  machtigsten  urn  die  Jahrhundertwende 
den  Kampf  mit  dem  Biirgertum,  nicht  gegen  das  Biirgertum,  denn  heimlich 
blieb  und  war  ja  W.  ein  Burger,  ein  ausgestoBener  allerdings,  der  sich  nach 
Ruhe  und  Ordnung  innerhalb  der  bestehenden  Verhaltnisse  sehnte ;  aber  gegen 
seine  Schwachen  und  Schattenseiten,  seine  Gefiihlsduselei,  seine  Sentimenta- 
litat,  seinen  scheinbaren  Idealismus  und  tatsachlichen  Materialismus,  seine 
stumpfen  Vorurteile,  seine  konventionelle  Moral,  seine  sittliche  Verlogenheit, 
seine  sinnliche  Verkummerung  und  Naturferne,  sowie  gegen  seine  bodenlose 
Selbstsicherheit.  W.  riittelte  das  Gewissen  seiner  Generation  auf .  Er  verwies 
auf  die  hohe  Bedeutungder  Jugendaufklarung.  Er  kritisierte  die  oberflachliche, 
widernatiirliche  Frauenbewegung  und  gab  ihr  tiefere  Anregungen.  Er  beschaf- 
tigte  sich  eingehend  mit  der  aktuellen  Ehefrage  und  betonte  angesichts  der  ge- 
fahrlichen  Uberziichtung  des  Geistes  den  Korper,  die  Sexualitat.  Er  forderte 
die  Nacktkulturbestrebungen,  rhythmisclie  Bewegungen  und  Tanz,  die  wir 
heute  iiberall  in  Bliite  sehen.  Er  net  in  einer  Zeit,  die  den  korperlich  Schwachen 
und  Kranken,  den  Entarteten  zugeneigt  war,  nach  dem  Vorbild  der  Antike 
harter  zu  sein  gegen  das  Minderwertige,  und  setzte  sich  fur  das  Gesunde  und 
Kraftige  ein,  fur  die  Ertiichtigung  des  kommenden  Geschlechts.  Seine  unaus- 
gesetzten  Bemuhungen  um  Hebung  der  Rasse  sind  ganz  auBerordentliche  Ver- 
dienste,  die  man  erst  nachtraglich  zu  wurdigen  weiB.  Er  bahnte  der  modernen 
Hygiene  und  Eugenik  den  Weg.  Er  setzte  sich  zu  Zeiten  des  auBerlichsten 
Patriotismus  fur  internationale  und  pazifistische  Bestrebungen  ein. 

W.  war  Romantiker  des  Geistes  und  des  Willens.  Fur  einen  Menschen  von 
Schopferdrang  ergab  sich  daraus  ganz  von  selbst  das  energische  Streben  nach 
einer  harten,  klaren  Form,  nach  Struktur,  nach  Konsequenz  auch  innerhalb 
der  Gattung.  Damit  gelangte  er  iiber  die  Gestaltungsfaktoren  der  Romantik 
weit  hinaus.  Dies  ist  die  Grundtatsache  seines  Stils.  Man  stelle  sich  zu  W.  als 
Menschen,  wie  man  will,  unleugbar  bleibt  sein  Verdienst  als  Stilschopfer.  In 
einer  Periode,  in  welcher  eine  Menge  dichterisch  begabter  Literaturstiicke  und 
technisch  geschickter  BiihnenreiBer  geschrieben  wurden,  war  W.  ernst  und  un- 
ablassig  bemiiht  um  die  wesentlichen  Forderungen  des  Dramas.  Er  wuBte,  daB 
Mimik  das  A  und  O  des  Dramas  ist.  Er  suchte  ihm  Bewegung  zu  geben,  Hand- 
lung,  Willen,  Leidenschaft,  Tempo,  straffen  Bau.  Er  niitzte  alle  Reize  der 
Buhne  aus,  Kostiime,  Chor,  Masse,  Szenenbild,  L,ichteffekt,  Musik,  Gesang, 
Tanz.  So  kann  er  den  weibischen  Zivilisationstyp  seiner  Zeit  nicht  gebrauchen, 
den  Nervenmenschen  und  Dekadenten,  den  Leidenden  und  Schwachen,  sondern 
er  wahlt  sich  Leute  von  Format,  auBerhalb  von  Staat,  Gesetz,  Sitte,  Kultur, 
Religion,  Familie;  man  kann  nicht  bestreiten,  daB  diese  grundsatzlich  dra- 
matisch  giinstig  sind.  Aber  die  Menschen  sind  seinem  Aktivismus  nur  Mittel. 
Seine  Charakteristik  ist  von  phantastischer  Lebendigkeit,  aber  herrisch.  Die 
Marionette  steht  dem  Stil  nicht  fern.  Spiel  will  er,  selbstverstandlich  Spiel  von 
tieferer  Bedeutung.  Im  Dienst  der  Handlung,  Charakteristik  und  schauspiele- 
rischen  Ausubung  steht  seine  Sprache.  Auch  sie  ist  spezifisch  drama tisch.  Er 
verfeinert  besonders  den  Dialog,  welcher  unerhorte  Offenbarungen  der  Spre- 
chenden  und  ihrer  Situationen  gibt.  Das  beriihmte  Aneinandervorbeireden 
ist  ein  erschutterndes  Zeugnis  der  Isoliertheit  seiner  Menschen.  Folgerichtig 
muBte  er  auch  dem  Bau  spezifisch  dramatischen  Charakter  geben.  Auch  hier, 
in  der  einzelnen  Szene  wie  in  ihrer  Folge  auf  FluB  und  Spannung  achten,  immer 


340  I9i8 

neue  Reize  schaffen  durch  Abwechslung  von  Drang  und  Verzdgerung,  durch 
Aufstellung  innerer  nnd  auBerer  Gegensatze,  durch  tiberlegene,  zielstrebige 
Technik.  Besonders  auffallig  ist  die  Richtung  auf  das  Dramatische  in  der  Szene 
nicht  nur  dadurch,  daB  er  Einrichtung  verlangt  von  mimischer  Gunst,  mehr 
jedenf  alls  noch  durch  den  AusschluB  alles  bloB  Dekorativen,  Milieuhaften,  durch 
Zuriickweisung  aller  Ubergriffe  von  Malera,  Architekten,  Maschinenmeistern, 
durch  Freilegung  der  Btihne  fur  den  Schauspieler,  durch  Bestimmung  ihres 
dienenden  Charakters.  W.  drang  auf  Einfachheit  der  Ausstattung,  auf  Stilisie- 
rung.  Nachdem  1908  das  Miinchener  Kiinstlertheater  dafiir  eine  brauchbare, 
der  Shakespearebiihne  ahnliche  Formel  gefunden  hatte,  benutzte  er  haupt- 
sachlich  dieses  System.  Radikale  Bestrebungen  der  Jiingsten  aber  lehnte  er  ab. 
Sein  Zwist  mit  JeBner  offenbart  das  tragische  Menschengeschick,  daB  auch  der 
fortgeschrittenste  Geist  gebunden  ist,  daB  auch  der  ktihnste  Revolutionar  ein- 
mal  Entwicklungshindernis  wird. 

W.  befehdete  den  Impressionismus  und  Naturalismus,  als  ihm  noch  die 
Massen  anhingen,  und  vertrat  die  wertvollsten  expressionistischen  und  ak- 
tivistischen  Elemente,  langst  bevor  daraus  eine  neue,  alleinseligmachende,  nun 
auch  schon  wieder  iiberwundene  Lehre  geschaffen  war.  Somit  hat  er  neben  Ver- 
diensten  um  den  Gattungsstil  auch  solche  urn  den  Zeitstil. 

Expressionist  war  W.  natiirlich  nicht,  er  verwarf  seine  Systematik  und  seinen 
stilfeindlichen  Radikalismus.  W.  gehdrt  zu  der  Geistesfamilie  der  Lenz,  Grabbe, 
Biichner,  die  als  geniale  Sonderlinge  unserer  Literatur  gelten,  als  die  Unge- 
kronten  fiirstlichen  Blutes.  Sie  sind  keine  Erf  tiller  aber  Stilbildner,  machtige 
Entwicklungsf  aktoren . 

W.  hat  der  Dichtung  seiner  Zeit  neuen  Inhalt  und  neue  Form  gegeben. 
Thomas  Mann  schreibt  im  Jahre  1910  nach  der  Lektiire  von  »SchloB  Wetter- 
stein*:  »W.,  wird  die  Geschichte  einmal  sagen,  war  in  einer  teils  senilen,  teils 
puerilen,  teils  femininen  Epoche  der  einzige  Mann. «  Er  war  einer  der  starksten 
Kiinstler  seines  Menschenalters,  bleibend,  historisch  also,  durch  groBes  Konnen, 
durch  groBeres  Streben. 

Literatur:  Gesamtausgabe :  Ausgabe  letzter  Hand  1912  ff.  in  sechs  Banden,  erschienen 
bei  Gg.  Miiller  in  Munchen;  dazu  Bd.  VII  mit  dem  Rest  der  Werke  1920,  ebenda,  hrsg. 
von  A.  Kutscher;  Bd.  VIII  und  IX  1919  und  192 1  mit  dem  Nachlafl,  ebenda,  hrsg.  von 
A.  Kutscher  und  J.  Friedenthal;  F.  Wedekind,  Lautenlieder,  1920  im  Drei  Masken  Verlag, 
Berlin  und  Munchen,  hrsg.  von  A.  Kutscher  und  H.  R.  Weinhoppel.  —  W.s  Gesammelte 
Brief  e,  2  Bande,  hrsg.  bei  Gg.  Miiller,  Munchen  1924,  von  F.  Strich.  —  W.s  Ausgewahlte 
Werke  in  ftinf  Banden,  1924,  ebenda,  hrsg.  von  F.  Strich.  —  Uber  Wedekind:  Raimund 
Pissin,  F.  W.  Mod.  Essays,  Berlin  1905;  Julius  Kapp,  F.  W.,  Seine  Eigenart  und  seine 
Werke,  Berlin  1909;  Hans  Kempner,  F.  W.  als  Mensch  und  Kiinstler.  Eine  Studie.  Ber- 
lin 1909,  2.,  erw.  Aufl.,  B.  o.  J.  (191 1);  Kurt  Herbst,  Gedanken  iiber  F.  W.s  Friihlings- 
erwachen,  Erdgeist  und  Biichse  der  Pandora.  Eine  literarische  Plauderei.  Leipzig  o.  J.; 
Erich  Viehweger,  F.  W.  und  sein  Werk.  Einfiihrung  in  das  Leben  und  Werden  eines  Viel- 
bef  ehdeten  unter  Anlehnung  an  die  iiber  den  Dichter  erschienene  Literatur.  Chemnitz  o.  J . ; 
Paul  Friedrich,  F.  W.,  Berlin  o.  J.  (1903) ;  Paul  Fechter,  F.  W.,  Der  Mensch  und  das  Werk, 
Jena  1920;  Fritz  Dehnow,  F.  W.,  Leipzig  1922;  Hanns  Martin  Elster,  F.  W.  und  seine 
besten  Biibnenwerke.  Eine  Einfiihrung.  Berlin  und  Leipzig  o.  J.  (1922) ;  Fritz  Hagemann, 
Wedekinds  Erdgeist  und  Biichse  der  Pandora,  Erlanger  Dissertation  1926;  Artur  Kutscher, 
F.  W.,  Sein  Leben  und  seine  Werke,  I.  Bd.  1922,  II.  Bd.  1.  Teil  1927,  2.  und  letzter  Teil 
erscheint  noch  dieses  Jahr. 

Munchen.  Artur  Kutscher. 


Wedekind.  Wellhausen 


341 


Wellhausen,  Julius,  Professor  der  semitischen  Sprachen  in  Gottingen,  D.  theol. , 
*  am  17.  Mai  1844  in  Hameln,  f  am  7.  Januar  1918  in  Gottingen.  —  W.  wurde 
als  Sohn  des  Pastors  W.  in  Hameln  geboren,  den  ersten  Unterricht  erhielt  er  in  der 
Volksschule  und  hernach  in  einem  Progymnasium  seines  Heimatortes,  von  1859 
an  besuchte  er  das  Lyzeum  I  in  Hannover.  1862  bezog  er  die  Universitat  Got- 
tingen, urn  Theologie  zu  studieren,  und  hier  wurde  der  greise  Ewald  zunachst 
durch  seine  »Geschichte  des  Volkes  Israel*,  dann  durch  seine  Vorlesungen 
bestimmend  fiir  das  ganze  Leben  des  jungen  Studenten.  Er  wandte  sich  speziell 
dem  Studium  der  hebraischen  Sprache  und  des  Alten  Testamentes  zu.  1865 
bestand  er  das  I.  theologische  Examen.  Von  1865 — 1867  war  er  Hauslehrer 
einer  Familie  Cammaini  in  Hannover.  Im  Herbst  1867  kehrte  er  nach  Got- 
tingen zuriick,  um  unter  Ewalds  Leitung  besonders  orientalische  Sprachen  zu 
studieren.  Im  Jahre  1870  bestand  er  die  Lizentiatenpriifung  auf  Grund  der 
Dissertation  »De  gentibus  et  familiis  Judaeis  quae  1.  Chron.  2.  4.  enumerantur« 
und  im  AnschluB  daran  habilitierte  er  sich  als  Privatdozent  fiir  die  alttestament- 
liche  Wissenschaft. 

Schon  im  Jahre  1872  wurde  er  als  o.  Professor  nach  Greifswald  berufen,  1873 
von  der  Gottinger  Fakultat  zum  D.  theol.  honoris  causa  ernannt.  In  die  Greifs- 
walder  Zeit,  in  der  er  iibrigens  mit  dem  Philologen  v.  Wilamowitz  -  Mollendorf 
eine  enge  Freundschaft  furs  Leben  schloB,  fallen  seine  ersten  groBen  Arbeiten 
hinein,  die  ihn  schnell  beruhmt  machten,  ihm  freilich  auch  viele  Gegnerschaft 
brachten.  Da  er  meinte,  daB  er  um  seines  theologischen  Standpunktes  willen 
keine  Aussicht  habe,  an  eine  andere  theol.  Fakultat  berufen  zu  werden,  und 
nicht  zeitlebens  die  kiinftigen  Diener  der  pommerschen  Landeskirche  ausbilden 
wollte,  wobei  er  ernste  Konflikte  vorauszusehen  glaubte,  entschloB  er  sich 
dazu,  seine  theol.  Professur  aufzugeben,  und  wurde  vom  Ministerium,  das  wohl 
annahm,  hiermit  am  besten  dem  Frieden  dienen  zu  konnen,  1882  zum  a.  o.  Pro- 
fessor fiir  semitische  Sprachen  in  Halle  ernannt. 

Nach  einem  dreijahrigen  Aufenthalt  in  Halle,  wo  er  sich  nicht  besonders  wohl 
gefuhlt  hat,  wurde  er  1885  als  o.  Professor  nach  Marburg  gerufen.  Die  Jahre, 
die  er  hier  verlebte,  waren  wohl  die  gliicklichsten  seines  Lebens.  In  Niese,  Justi, 
Julicher  u.  a.  fand  er  treue  Freunde,  seine  Lehrtatigkeit  im  Syrischen  und 
Arabischen  fand  eifrigen  Zuspruch,  das  ganze  Leben  in  der  Universitatsstadt 
des  Hessenlandes  behagte  ihm  aufs  beste. 

Im  Jahre  1892  wurde  er  als  Nachfolger  de  Lagardes  nach  Gottingen  berufen 
und  konnte  diesen  ehrenvollen  Ruf  an  die  Statte  mit  groBerer  Wirkungssphare, 
an  der  sich  ihm  auch  die  Moglichkeit,  alttestamentliche  Vorlesungen  zu  halten, 
wieder  eroffnete,  nicht  ablehnen.  In  ungetriibter  Kollegialitat  lehrte  er  hier 
neben  seinem  Schiiler  und  Freunde  Smend,  und  neue  Freunde  gewann  er  zu 
den  alten,  darunter  seit  1902  besonders  Eduard  Schwartz.  Gleich  nach  seiner 
Berufung  wurde  er  in  die  Kgl.  Gesellschaft  der  Wissenschaften  aufgenommen. 
Spater  wurde  er  auch  Mitglied  der  Akademie  der  Wissenschaften  in  Berlin  und 
Ritter  des  Ordens  Pour  le  merite.  Zu  seinem  70.  Geburtstag  im  Jahre  1914 
brachten  ihm  22  Freunde  und  Schiiler  eine  Festschrift  »Studien  zur  semitischen 
Philologie  und  Religionsgeschichte «  dar. 

Eine  immer  starker  werdende  Schwerhorigkeit  hatte  ihn  schon  1903  ver- 
anlaBt,  seine  Mitgliedschaft  der  Gesellschaft  der  Wissenschaften  niederzulegen. 
Dies  Leiden  steigerte  sich  allmahlich  bis  zur  Taubheit  und  hat  ihm  die  letzten 


342  *9i8 

Lebensjahre  sehr  schwer  gemacht  und  ihn  vereinsamt.  Wenige  Monate  vor  dem 
Zusammenbruche  seines  Vaterlandes,  an  dem  er  mit  ganzer  Seele  hing,  starb  er. 
Er  hatte  in  gliicklicher  Ehe  gelebt  mit  einer  Tochter  des  Chemikers  Limpricht 
in  Greifswald.  Kinder  waren  ihm  versagt  geblieben. 

Drei  groBen  wissenschaftlichen  Arbeitsgebieten  hat  das  Schaffen  W.s  ge- 
golten,  jedes  einzelne  so  groB  und  weit,  daJ3  es  allein  bei  normaler  Veranlagung 
die  Kraft  eines  ganzen  Lebens  erfordert,  dem  Alten  Testament,  der  Geschichte 
des  Arabertums  und  dem  Neuen  Testament,  insonderheit  den  Evangelien.  Und 
doch  hat  er  sich  auf  den  beiden  ersten  Gebieten  den  Ruf  eines  fast  untibertrof- 
fenen  Meisters,  ja  Weltruf  erworben.  Die  Frage,  ob  sein  Arbeiten  auf  dem 
dritten  Gebiete  auch  noch  einmal  als  epochemachend  gelten  wird,  ist  noch  un- 
beantwortet,  vorlaufig  scheint  es  nicht  so. 

i.  Schon  seine  ersten  beiden  groBeren  alttestamentlichen  Schriften  »Der 
Text  der  ,Bb.  Samuelis'*  1871  und  »Pharisaer  und  Sadduzaer*  1874  packten 
alte  Probleme  in  vollstandig  neuer  Weise  an  und  ergaben  Resultate,  denen  sich 
keiner  entziehen  konnte.  Die  Arbeiten  aber,  die  seinen  Weltruf  begriinden 
sollten,  begannen  mit  dem  Jahre  1876:  a)  die  Abhandlungen  uber  die  Kom- 
position  des  »Hexateuchs«  in  den  Jahrbuchern  fur  deutsche  Theologie  1876  und 
1877,  als  zweites  Heft  seiner  »Skizzen  und  Vorarbeiten«  1885  von  neuem  er- 
schienen  und  1889  erweitert  zu  dem  Buche  »Die  Komposition  des  Hexateuchs« 
und   der  historischen  Biicher  des  Alten  Testaments;    b)  die  Herausgabe  der 

4.  Auflage  von  Bleeks  »Einleitung  in  das  Alte  Testament*  1878  mit  einer  voll- 
standig neuen  Analyse  der  Bb.  Richter,  Ruth,  Samuelis  und  Konige,  die  in  der 

5.  und  6.  Auflage  wieder  fortgelassen  wurde;  c)  vor  allem  die  »  Geschichte 
Israels«  I,  1878,  seit  1883  neu  aufgelegt  unter  dem  Titel  » Prolegomena  zur  Ge- 
schichte Israels «,  die  sechs  Ausgaben  erlebt  hat,  die  letzte  1905. 

Die  epochemachende  Grundanschauung  aller  dieser  Schriften,  die  nach  viel 
Kampf  und  Streit  ein  unerschiitterliches  Fundament  fiir  die  alttestamentliche 
Literatur-  und  Religionsgeschichte  geworden  ist,  ist  f olgende :  die  eine  der  vier 
groBen  pentateuchischen  Quellenschriften,  die  gewohnlich  die  Priesterschrift 
genannt  wird,  und  alle  ihr  geistverwandten  Abschnitte  im  Josuabuche  und  den 
historischen  Buchern,  gehoren  nicht  an  den  Anfang,  sondern  an  das  Ende 
dieser  Literatur,  sind  erst  ein  Erzeugnis  des  nachexilischen  Judentums.  Das 
hatten  auch  schon  andere  vor  W.,  z.  B.  Vatke,  Graf,  ReuB,  Kiinen,  angenommen 
und  bewiesen,  aber  erst  ihm  ist  es  gelungen,  durch  eine  wunderbar  geschlossene 
Argumentation,  die  vor  allem  die  ganze  israelitische  Kultgeschichte  dem  lite- 
rarischen  Problem  dienstbar  machte,  dies  Resultat  nach  kurzer  Zeit  einer  viel- 
fach  leidenschaftlichen  Diskussion,  an  der  er  selbst  sich  aber  so  gut  wie  gar 
nicht  beteiligte,  geradezu  zu  einem  Gemeingut  der  alttestamentlichen  Wissen- 
schaft  zu  machen. 

Den  positiven  geschichtlichen  Aufbau  auf  Grund  dieser  literarischen  Pra- 
misse  lieferte  W.  in  seiner  » Geschichte  Israels «.  Schon  im  Jahre  1880  hatte  er 
eine  kleine  Schrift  unter  diesem  Titel,  als  Manuskript  gedruckt,  erscheinen 
lassen;  sie  deckt  sich  inhaltlich  fast  mit  seinem  Artikel  » Israel «  in  der  Ency- 
clopaedia B  ritannica  1881.  Im  Jahre  1884  erschien  sie  umgearbeitet  und  erweitert 
als  erstes  Heft  der  Skizzen  und  Vorarbeiten  unter  dem  Titel »  AbriB  der  Geschichte 
Israels  und  Judas «.  Und  im  Jahre  1894  erschien  die  vollstandige  » Israelitische 
und  jiidische  Geschichte «,  die  sieben  Ausgaben  erlebt  hat,  die  letzte  1914. 


Wellhausen 


343 


Dies  Buch  von  klassischer  Schonheit,  von  einer  vielfach  geradezu  genialen 
Erfassung  der  politischen  und  kultischen  Verhaltnisse  Israels  sowie  einzelner 
seiner  Personlichkeiten,  wird  sicher  zu  denen  gehoren,  die  noch  nach  Jahr- 
hunderten  gelesen  werden,  wenn  auch  die  Forschung  in  noch  so  vielen  Einzel- 
heiten  iiber  sie  hinaus  gelangt.  Und  das  ist  hier  bereits  geschehen,  sowohl  nach 
der  literaturgeschichtlichen  wie  nach  der  religionsgeschichtlichen  Seite  hin, 
besonders  seitdem  man  in  ganz  anderer  Weise  als  W.  es  vermochte,  durch  die 
fortschreitende  ErschlieBung  des  ganzen  alten  Orientes  gelernt  hat,  die  ge- 
samte  Geschichte  Irsaels  in  die  kulturgeschichtliche  Entwicklung  jenes  hinein- 
zuziehen.  Aber  der  Ausgangspunkt  fur  alle  weitere  israelitische  Geschichts- 
forschung  wird  dies  Werk  bleiben. 

Neben  diesen  seinen  epochemachenden  Arbeiten  sind  besonders  noch  drei 
namhaft  zu  machen :  zunachst  zwei,  die  W.  auch  als  einen  Meister  in  der  Text- 
kritik  und  Ubersetzungskunst  zeigen,  das  funfte  Heft  der  Skizzen  und  Vor- 
arbeiten  »Die  kleinen  Propheten  ubersetzt,  mit  Noten«  1892  und  die  Bearbei- 
tung  der  Psalmen  in  der  Hauptschen  Ausgabe  i>The  sacred  Books  ot  the  Old 
Testament*  1895,  und  sodann  die  kurzeSkizze  »Israelitisch-judische  Religion*, 
in  der  Hinnebergschen  »Kultur  der  Gegen wart «  1905  und  1909,  wunderbar 
schlicht  und  klar  geschrieben,  freilich  gerade  auch  dadurch  die  charakteristische 
Einseitigkeit  in  der  W.schen  Betrachtungsweise  der  alttestamentlichen  Religion 
besonders  scharf  hervortreten  lassend. 

2.  W.s  Arbeiten  auf  dem  Gebiete  der  Arabistik  setzten  spater  ein  als  die 
alttestamentlichen.  Im  Jahre  1882  erschien  seine  Schrift  »Muhammed  in 
Medina «  auf  Grund  von  Vakidi's  Kitab  al  Maghazi,  der  altesten  und  unbe- 
fangensten  Urkunde  iiber  jenen  Aufenthalt,  die  W.  in  London  exzerpiert  und 
dann  ubersetzt  hatte.  Im  Jahre  1884  veroffentlichte  er  im  ersten  Heft  der 
Skizzen  und  Vorarbeiten  (2)  die  Lieder  der  Hudhailiten  arabisch  und  deutsch 
und  bahnte  sich  durch  die  Behandlung  dieser,  die  beinahe  auf  demselben  Boden 
entstanden  sind  wie  der  Islam,  einen  Weg  zur  Untersuchung  des  vorislami- 
schen  arabischen  Heidentums.  Der  Erforschung  dieses  selbst  gait  dann  das 
dritte  Heft  der  Skizzen  und  Vorarbeiten  1887  »Reste  arabischen  Heidentums  «, 
eine  wundervolle  Arbeit,  in  der  man  auf  Schritt  und  Tritt  den  Meister  in  der 
Wiederentdeckung  der  altisraehtischen  Volksreligion  wieder  erkennt. 

Ihr  folgten  im  vierten  Heft  der  Skizzen  und  Vorarbeiten  1889  die  Unter- 
suchungen  iiber  Medina  vor  dem  Islam,  Muhammeds  dortige  Gemeinde- 
ordnung  und  seine  Schreiben  und  die  Gesandtschaften  an  ihn  nach  Ibn  Sa'd, 
durch  den  wir  die  beste  Kunde  iiber  die  erste  Ausbreitung  des  Islam  erhalten. 
Im  sechsten  Heft  der  Skizzen  und  Vorarbeiten  1899  lieferte  er  dann  Prolego- 
mena zur  altesten  Geschichte  des  Islam,  in  einem  kleinen  gediegenen  Vortrag 
»Ein  Gemeinwesen  ohne  Obrigkeit«  1900  schilderte  er  die  erste  Entwicklung 
dieses  und  im  Jahre  1901  behandelte  er  in  den  Abhandlungen  der  Gottinger 
Gesellschaft  der  Wissenschaften  die  religios-politischen  Oppositionsparteien 
im  alten  Islam. 

Im  Jahre  1902  erschien  das  grofie  Werk,  das  vor  allem  W.s  Namen  auf  diesem 
Gebiete  unsterblich  gemacht  hat,  »Das  arabische  Reich  und  sein  Sturz«.  Ein 
Kenner  hat  mit  Recht  von  diesem  gesagt:  »Hier  hat  er  mit  bisher  unerhorter 
Kraft  Richtschneisen  durch  einen  undurchdringlichen  Urwald  geschlagen  und 
einzelne  Teile  in  einen  wohlgepflegten  Park  umzuschaffen  begonnen.«  Seine 


344  !9l8 

Darstellung  des  Kalifats  der  Ommajaden  und  die  Herausarbeitung  der  Wurzeln 
ihres  Sturzes  durch  die  Abbassiden  ist  und  bleibt  etwas  Uniibertreffliches. 
Nach  diesem  Werke,  der  Krone  seiner  arabistischen  Arbeiten,  sind  auf  diesem 
Gebiete  nur  noch  einige  kleine  Abhandlungen  von  ihm  erschienen. 

3.  W.  wandte  sich  nun  dem  dritten  und  letzten  groBen  Wissenschaftsgebiete 
zu,  das  ihn  in  seinem  arbeitsreichen  Leben  beschaftigt,  und  auf  dem  er  neuen 
Samen  ausgestreut  hat,  der  evangelischen  Literatur  des  Neuen  Testaments. 

Im  Jahre  1903  verdffentlichte  er  »das  Evangelium  Marci  iibersetzt  und  er- 
klart«,  1904  schnell  hintereinander  das  Evangelium  des  Matthaus  und  des 
Lucas.  Diesen  folgte  im  Jahre  1905  die  Einleitung  in  die  drei  ersten  Evangelien, 
in  der  er  iiber  Wrede,  Joh.  Weifl  u.  a.  hinausgehend  der  Gemeindetheologie 
einen  starken  EinfluB  auf  die  Gestaltung  des  in  den  Evangelien  vorliegenden 
Stoffes  zuschrieb.  Nach  einigen  kiirzeren  Abhandlungen  iiber  Erweiterungen 
und  Anderungen  im  vierten  Evangelium,  Noten  zur  Apostelgeschichte  und  einer 
Analyse  der  Offenbarung  Johannis  1907  wagte  er  sich  dann  im  Jahre  1908  auch 
an  das  tiefste  und  schwierigste  Evangelium,  das  des  Johannis,  in  dem  er  eine 
Grundschrift  mit  einer  Reihe  nachfolgender  Bearbeitungen  unterscheiden  zu 
konnen  glaubte. 

Das  Urteil  iiber  alle  diese  Arbeiten  ist  noch  im  Flusse  begriffen,  iiberwiegend 
ist  es  bis  jetzt  unter  den  Fachgelehrten,  wie  wir  schon  oben  andeuteten,  ein 
ablehnendes.  Aber  in  dreifacher  Richtung  herrscht  iiber  sie  auch  unter  sonstigen 
Gegnern  nur  eine  Meinung,  erstens  in  der  Anerkennung  der  vielen  Forderungen, 
die  W.  durch  seine  griindliche  Kenntnis  der  aramaischen  Sprache  der  Erkla- 
rung  der  Evangelien  gebracht  hat,  zweitens  in  dem  Respekt  vor  der  Klarheit, 
mit  der  er  die  Grenzen  unseres  Wissens  auf  dem  Gebiete  der  evangelischen  Ge- 
schichte  erkannt  hat,  und  drittens  in  der  Bewunderung  der  Schonheit  und 
Treffsicherheit  seiner  Ubersetzungen. 

Von  den  vielen  Rezensionen,  durch  die  W.  die  alttestamentliche  wie  die 
orientalische  Wissenschaft  bis  zum  Jahre  19 13  gefordert  hat,  sowie  von  mancher 
kleineren  und  doch  bedeutenden  Abhandlung,  wir  denken  z.  B.  an  die  iiber  die 
Riickkehr  der  Juden  aus  dem  babylonischen  Exil  (Nachrichten  der  Gottinger 
Gesellschaft  der  Wissenschaft,  1895)  oder  die  iiber  den  arabischen  Josippus 
(Abhandlungen  der  Gottinger  Gesellschaft  der  Wissenschaften)  1877  muJ3te 
in  dieser  kurzen  Lebensiibersicht  abgesehen  werden  (vgl.  das  Verzeichnis  seiner 
samtlichen  Schriften  von  Rahlfs  in  der  ihm  gewidmeten  Festschrift  1914, 
S-  353 ff.)-  Sie  alle  konnen  das  Urteil  nur  noch  bestatigen,  das  iiber  J.  W.  in 
gleicher  Weise  unter  den  fast  unbedingten  Anhangern  seiner  wissenschaftlichen 
Resultate  —  und  ihrer  gibt  es  auf  den  beiden  ersten  seiner  Arbeitsgebiete  eine 
sehr  groCe  Zahl  —  wie  unter  denen,  die  in  wichtigen  Einzelf ragen  seine  Gegner 
waren,  —  und  auch  deren  Zahl  war  nicht  gering —  herrscht,  das  Urteil,  dafl 
mit  ihm  ein  ganz  GroBer  durch  die  deutsche  Wissenschaft  hindurchgegangenist. 

Literatur:  Rede  auf  J.W.  von  Ed.  Schwartz,  1918.  —  J.W.,  von  C.H.Becker  in 
*Der  Islam  «,  1919,  S.  95  ff.  —  J.  W.,  von  H.  GreBmann  im  Protestantenblatt  1918,  Nr.  6. 

Berlin.  Ernst  Sellin. 

Wilms,  Max,  Professor  der  Chirurgie,  *  am  5.  November  1867  in  Hiinshoven 
(Rheinland),  f  am  14.  Mai  1918  in  Heidelberg.  —  W.  studierte  an  den  Univer- 
sitaten  Miinchen.  Marburg,  Berlin  und  Bonn.  Das  Staatsexamen  bestand  er  in 


Wellhausen.  Wilms  345 

Bonn  im  Wintersemester  1890/91.  Bis  1895  war  er  Assistent  am  pathologischen 
Institut  in  GieBen  unter  Bostroem.  Von  der  Pathologie  wandte  er  sich  der 
inneren  Medizin  zu;  ein  Jahr  verbrachte  er  in  Koln  bei  Leichtenstern  am 
Augusta-Hospital.  Im  Dezember  1896  trat  er  als  Assistensarzt  in  die  chirur- 
gische  Klinik  zu  Leipzig  ein,  welche  Meister  Trendelenburg  leitete.  Nach  seiner 
Habilitation  (1899)  wurde  W.  1904  zum  auBerordentlichen  Professor  ernannt. 
1907  folgte  er  einem  Rufe  in  die  Schweiz  nach  Basel.  Im  Herbst  1910  ver- 
tauschte  er  Basel  mit  Heidelberg.  Nur  bis  zum  Jahre  19 18  war  es  ihm  ver- 
gonnt,  dort  zu  wirken.  Eine  tiickische  Diphtherie  raffte  inn  dahin,  mitten  aus 
bester  Arbeitskraft,  mitten  aus  seiner  Lebensarbeit. 

W.  war  schriftstellerisch  ungemein  fruchtbar.  Als  Assistent  am  GieBener 
pathologischen  Institut  und  auch  noch  im  Anf  ange  in  seiner  Leipziger  Zeit  be- 
schaftigte  er  sich  mit  grofiem  Erfolge  mit  der  Genese  der  Mischgeschwulste.  Bei 
der  Besprechung  dieser  wird  immer  der  Name  W.  von  Pathologen  und  Chirurgen 
genannt  werden  miissen.  In  die  Kolner  Zeit  fallt  eine  bedeutsame  Arbeit  iiber 
den  »Druck  im  Riickenmarkskanal«.  Sie  erlangte  praktische  Bedeutung  bei  der 
Behandlung  der  Schadelschiisse  im  Weltkrieg.  Mit  einem  wahren  BienenfleiBe 
ist  sein  groBes  Werk  iiber  den  DarmverschluB  (Ileus)  verfaBt  (Handbuch  der 
prakt.  Chirurgie,  4.  Aufl.,  3.  Band,  1912).  Es  handelt  sich  bei  diesem  nichtnur 
um  eine  Zusammenstellung  des  Vorhandenen;  neue  Gedanken  und  neue  Ex- 
perimente  sind  in  das  Buch  hineingewoben.  Es  sei  nur  an  den  Mechanismus  der 
Strangulation  des  Darmes,  an  dessen  Knotenbildung  erinnert,  ferner  an  die 
Sensibilitat  der  Bauchorgane  und  an  die  Erklarung  der  Kolikschmerzen.  Das 
reiche  Material  der  Leipziger  Klinik  bot  ihm  Gelegenheit  auf  verschiedenen 
Gebieten  zu  schiirfen.  Er  lieferte  eine  originelle  Studie  iiber  den  Verbrennungs- 
tod  (Grenzgebiete  der  Medizin  und  Chirurgie,  Band  8,  Heft  4  u.  5,  1901),  iiber 
hyperalgetische  Zonen  bei  Kopfschiissen  (Leipzig  1903).  In  die  Baseler  Zeit 
fallen  die  Arbeiten  iiber  das  Coecum  mobile,  die  kiinstliche  Erzeugung  des 
Kropfes  bei  Ratten  und  iiber  die  Behandlung  der  Knochen-,  Lymphdriisen- 
und  Gelenktuberkulose  mit  Hilfe  der  Rontgenstrahlen.  Letztere  (Deutsche 
Medizinische  Wochenschrift,  1910)  hat  ihren  Platz  in  der  Chirurgie  behauptet. 
Die  erstgenannten  Theorien  werden  nicht  mehr  diskutiert;  sie  haben  aber 
seinerzeit  befruchtend  gewirkt  und  zu  groB  angelegten  Nachpriifungen  Ver- 
anlassung  gegeben.  In  Heidelberg  ging  W.  an  der  chirurgischen  Behandlung 
der  Lungentuberkulose  nicht  achtlos  voriiber.  Er  suchte  die  hohe  Sterblichkeit 
der  ausgedehnten  Rippenresektion  (Brauer)  herabzusetzen.  Er  fuhrte  die  sog. 
» Pf eilerresektion «  ein  (Therapie  der  Gegenwart,  Januar  1913).  Sie  hat  nicht 
vollkommen  befriedigt.  Man  darf  wohl  sagen,  daB  man  sich  jetzt  auf  eine 
mittlere  Linie,  die  paravertebrale  Resektion  (Sauerbruch)  geeinigt  hat.  Sie 
zeitigt  von  geiibter  Hand  ausgefiihrt  30  Prozent  guter  Erfolge. 

Auch  der  Prostatahypertrophie  schenkte  W.  sein  Augenmerk  (Miinch.  Med. 
Wochenschr.,  1916),  ebenso  der  Behandlung  des  Gallensteinleidens  (Mitt.  Med. 
Klinik Nr.  21,  23,  27,  1918).  Fur  den  Zugang  zur  Vorsteherdnise  schuf  er  einen 
neuen  Weg,  der  von  einzelnen  noch  betreten  wird.  Aus  seinen  Betrachtungen 
iiber  die  Cholelithiasis  klingt  heraus,  daB  man  das  Leiden  friihzeitig  chirurgisch 
angehen  soil.  Gegen  die  Trigeminusneuralgie  empfahl  W.  die  Anwendung  der 
Rontgenstrahlen  (Miinchn.  Med. Wochenschr,  1918),  er  glaubte  auch  beim  Ulcus 
ventriculi  Gutes  von  ihrer  Wirkung  beobachtet  zu  haben.  Trotzdem  verhielt 


346  J9i8 

er  sich  nicht  ablehnend  gegeniiber  der  chirurgischen  Behandlung  des  Magen- 
geschwiirs;  er  lieferte  zu  ihr  einzelne  Beitrage  in  technischer  Hinsicht. 

Mit  Wullstein  zusammen  gab  W.  ein  Lehrbuch  der  Chirurgie  heraus  (6.  Aufl., 
1918).  Er  verstand  es,  sich  gute  Mitarbeiter  zu  gewinnen.  Die  eigenen  Beitrage 
sind  gut  und  erschopfend.  Das  Buch  hat  sich  seinen  Platz  erobert.  Auch  an 
dem  groBen  Handbuch  der  Operationslehre  von  Bier,  Braun  und  Kummell  war 
W.  beteiligt.  Es  war  ihm  die  Aufgabe  zugefallen,  die  Operationen  am  Halse  zu 
bearbeiten,  diese  Aufgabe  hat  er  bestens  gelost  (Chir.  Operationslehre,  Band  1, 

I9I3)- 

Man  sieht,  daJ3  W.  nicht,  wie  so  mancher,  nur  ein  Organ  immer  und  immer 
wieder  bearbeitete;  er  iibersah  die  ganze  Chirurgie.  Seinen  Assistenten  und 
Schulern  wuBte  er  seine  Kenntnisse  in  bester  Form  zu  ubermitteln.  Der  friih- 
zeitige  Tod  verhinderte  ihn,  eine  Schule  zu  hinterlassen. 

Heidelberg.  Eugen  Enderlen. 

Ziegler,  Karl  Reinhart  Ludwig  Theobald,  Dr.  phtL,  o.  Universitatsprofessor, 
Padagoge,  Philosoph,  Literarhistoriker,  Kulturpolitiker,  Volksbildner,  *  am 
9.  Februar  1846  zu  Goppingen  in  Wiirttemberg,  f  am  1.  September  1918  in 
Sierenz  im  OberelsaB.  —  Theobald  Z.  ging  in  Goppingen,  einem  am  FuBe  des 
Hohenstaufen  gelegenen  schwabischen  Oberamtsstadtchen,  wo  sein  Vater 
Pfarrer  war,  in  die  Volksschule;  mit  elf  Jahren  stand  er  seinem  Volksschul- 
lehrer  im  Unterricht  als  Heifer  zur  Seite.  Nach  dem  Besuche  der  Latein- 
schule  zu  Herrenberg,  des  Stuttgarter  Gymnasiums,  des  Seminars  fur  evan- 
gelische  Theologen  zu  Schonthal,  studierte  Z.  im  Tiibinger  »Stift«,  der  Pfleg- 
statte  griindlicher  philosophischer  Bildung  und  straffer  geistiger  Zucht,  Theo- 
logie,  Philosophic,  klassische  Philologie.  Wahrend  sein  Vater  ein  »Orthodoxer 
mit  Schleiermacherschem  Einschlag«  geblieben  war,  hatte  sich  der  Sohn  an 
den  Schriften  des  Hegelianers  David  Friedrich  StrauB  »in  die  Theologie  hinein 
und  aus  der  Theologie  heraus  zu  Hegel  und  zur  Philosophic  und  ins  Freie 
durchgearbeitet«.  Nach  ehrenvoll  abgeschlossenem  Universitatsstudium,  nach 
seiner  Promotion  zum  Doktor  der  Philosophic  war  er  als  Vikar  am  Gymna- 
sium zu  Heilbronn  und  als  Repetent  am  Schonthaler  Seminar  tatig ;  an  beiden 
Orten  predigte  er  auch  mit  eindrucksvoller  Beredsamkeit.  Im  Jahre  1871 
wurde  er  auf  kurze  Zeit  Repetent  am  Stift  zu  Tubingen,  ging  dann,  als  ihm 
eine  Gymnasiallehrerstelle  in  Winterthur  angeboten  wurde,  in  die  Schweiz. 
Wahrend  seiner  funfjahrigen  Tatigkeit  im  Schuldienste  der  Schweiz  —  von 
Winterthur  aus  hielt  er  auch  Lehrvortrage  an  der  Zuricher  Universitat  — 
verheiratete  er  sich  am  17.  April  1873  mit  Minna  Binder,  der  Tochter  des 
Gymnasialprofessors  Dr.  Gustav  Binder  in  Ulm,  eines  mit  StrauB  befreundeten 
freigesinnten  Theologen,  Schulmannes  und  Politikers,  der  spater  in  Stuttgart 
President  der  Kultusministerialabteilung  fur  Gelehrten-  und  Realschulen 
wurde.  Z.s  Lebensgefahrtin,  eine  geistig  bedeutende,  gemiitvolle  Frau,  wurde 
ihm  »die  erste  Horerin,  Leserin,  Kritikerin«  seiner  literarischen  Arbeiten.  Im 
Jahre  1876  folgte  er,  da  er  von  der  »freien«  Schweiz  sich  gerne  lossagte,  einer 
Berufung  als  Gymnasialprofessor  nach  Baden-Baden;  ein  von  dort  aus  unter- 
nommener  Versuch,  in  seinem  wiirtte  mbergischen  Heimatland  Verwendung 
zu  finden,  miBlang.  Als  er  sich  1878  um  eine  Lehrerstelle  an  dem  Gymnasium 


Wilms.  Ziegler  947 

zu  Ulm  bewarb,  erhielt  er  das  erstrebte  Amt  nicht  »wegen  seiner  religiosen 
Ansichten*  und  weil  er  »ein  allzu  eifriger  Anhanger  von  StrauB«  war.  Im 
Jahre  1882  ging  er  ins  Reichsland,  wurde  Konrektor  des  Protestantischen 
Gymnasiums  zu  StraBburg  i.  E.  Nach  zwei  Jahren,  1884,  lieB  er  sich  zugleich 
als  Privatdozent  fiir  Philosophic  und  Padagogik  an  der  dortigen  Universitat 
nieder,  ging,  als  er  1886  eine  ordentliche  Professur  der  Philosophic  als  Nach- 
folger  von  Ernst  Laas  erhielt,  zur  akademischen  Laufbahn  tiber.  Als  gefeierter 
Hochschullehrer  blieb  er  in  StraBburg  bis  zu  seinem  Ubertritt  in  den  Ruhe- 
stand  am  1.  Oktober  191 1.  Im  Jahre  1895  durfte  er  die  Gluckwiinsche  seiner 
Hochschule  zu  Bismarcks  80.  Geburtstage  dem  Fiirsten  tiberbringen.  Die 
Rektorwtirde  bekleidete  er  1899/1900.  Als  es  1909  zur  Griindung  eines  Psycho- 
logischen  Institutes  kam,  wurde  er  Mitdirektor.  Von  1906 — 1908  hatte  sich  Z. 
auch  als  Mitglied  des  StraBburger  Gemeinderates,  von  1908  an  als  Vorsitzender 
der  Wissenschaftlichen  Gesellschaft  betatigt.  Bei  seinem  mit  ehrenvollen  Kund- 
gebungen  fiir  ihn  verbundenen  Scheiden  von  der  reichslandischen  Universitat 
widmete  ihm  191 1  ein  dankbarer  Horer  die  Z.s  sittlich  starke  Personlichkeit 
und  deren  Anziehungskraft  kennzeichnenden  Verse: 

»Dir  gilt  das  Leben  ein  verpflichtend  Leben, 
Ein  rastlos  Streben  nach  dem  Ideal, 
In  all  dem  Wirren,  Werden  und  Vergehen 
Blieb  dein  Erkennen  fest  und  hart  wie  Stahl. 
Dein  edles  Wirken  ist  ein  brausend  Weben, 
Ein  Sturm,  vernichtend,  was  unfrei  und  schal, 
Und  was  dein  Herz  gebar  in  herber  Qual, 
Ist  eines  Menschen  fuhlendes  Verstehen. 
So  ragst  du,  seelengroB  in  unserem  Geiste, 
Ein  Kampfer  fiir  die  Freiheit  und  das  Recht, 
Ein  Rufer  fiir  das  reifende  Geschlecht.« 

Seit  Herbst  191 1  bis  zu  seinem  Tode  hatte  Z.  seinen  Wohnsitz  in  Frank- 
furt a.  M.,  wo  er  sich  bereits  seit  1889  durch  Lehrgange  im  »Freien  Deutschen 
Hochstift«  und  durch  Vortrage  vor  der  Frankfurter  Lehrerschaft  viele  Freunde 
erworben  hatte.  Bei  seinem  70.  Geburtstage  ernannte  ihn  der  Frankfurter 
Lehrerverein  wegen  seiner  groBen  Verdienste  um  die  Volksschule  und  ihre 
Lehrer  zum  Ehrenmitglied.  In  seiner  Wahlheimat  entfaltete  er  an  seinem 
Lebensabend  eine  rege  schriftstellerische  Tatigkeit,  trat  oft  als  Redner  hervor, 
forderte  das  Volksbildungswesen,  wirkte  mit  bei  der  Armenpflege.  Als  der 
Weltkrieg  ausbrach,  stellte  sich  der  greise  Gelehrte  dem  Wohler-Realgymna- 
sium,  dessen  Lehrkorper  durch  Einberufungen  zum  Heeresdienst  besonders 
betroffen  war,  selbstlos  als  vollbeschaftigter  kriegsfreiwilliger  Lehrer  zur  Ver- 
fiigung.  Wahrend  der  Dauer  des  Krieges  unterrichtete  der  ehemalige  Rector 
magnificus  der  StraBburger  Universitat  ohne  Entgelt,  das  er  aus  vaterlan- 
dischem  Pflichtgefuhl  ablehnte,  mit  Meisterschaft  auf  der  Ober-  und  Mittel- 
stufe  insbesondere  Deutsch  und  Geschichte,  tat,  frei  von  Gelehrtendiinkel, 
als  Klassenleiter  mit  Hingebung  auch  den  Kleindienst  eines  Jugenderziehers, 
leitete,  solange  der  Direktor  im  Felde  stand,  ehrenamtlich  das  mit  der  Anstalt 
verbundene  Padagogische  Seminar.  Im  offentlichen  Leben  trug  er  in  den 
Kriegsjahren  durch  Wort  und  Schrift  mit  jugendfrischer  Begeisterung  bei  zur 


348  J9i8 

Starkung  der  inneren  Front,  bekampfte  Parteisucht  und  Eigenbrotelei,  setzte 
sich  ein  fur  die  Ziele  der  »Deutschen  Vaterlandspartei«.  Im  Winter  1917/18 
wirkte  er  in  StraBburg  als  Vortragender  mit  an  den  von  der  Heeresgruppe  seines 
Herzogs  Albrecht  von  Wiirttemberg  veranstalteten  Hochschullehrgangen. 
Im  Oktober  1917  und  wiederum  im  August  1918  hielt  er  als  weltlicher  Feld- 
prediger  im  Sinne  eines  Fichte  taglich  Vortrage  fiir  die  Soldaten  in  der  Etappe 
um  Freiburg  und  in  Siidbaden,  im  elsassischen  Operationsgebiet.  Die  Feld- 
grauen  lauschten  dem  beredten  Alten  mit  dem  silberweiBen  Barte,  der  hoch- 
gewolbten  Denkerstirn,  den  blitzenden  Augen.  Den  zweiundsiebzigjahrigen 
Wanderredner,  dessen  Gesundheit  nach  dem  am  Jahresende  1917  erfolgten 
Hinscheiden  seiner  Gattin  minder  widerstandsfahig  geworden  war,  warf  im 
Kriegsgebiet  des  OberelsaB  ein  Ruhranfall  aufs  Krankenlager.  Im  Feldlazarett 
zu  Sierenz  in  der  Nahe  von  Miilhausen  starb  er  am  1.  September  1918,  ein 
Held  der  Pflicht.  Sein  I^icht  erlosch  unter  dem  Donner  der  Geschiitze,  die 
ElsaB  bedrauten,  seine  zweite  Heimat,  fiir  deren  Eindeutschung  er  in  seinen 
besten  Mannesjahren  einen  guten  Kampf  gekampft  hatte,  deren  Zukunft  ihn 
bis  zum  letzten  Atemzug  aufs  tiefste  bewegte.  Z.  fand  seine  Ruhestatte  auf 
dem  Hauptfriedhofe  zu  Frankfurt  a.  M.  Zu  dauernder  Ehrung  des  Toten  gab 
die  Stadtgemeinde  einer  1920  erbauten  Burgerschule  den'Namen  »Theobald- 
Ziegler-Schule«,  der  angrenzenden  StraBe  die  Bezeichnung  »  Theobald -Ziegler- 
Stra£e«. 

Dem  eigenartigen  schwabischen  Kulturkreise,  dem  ein  David  Friedrich 
StrauB,  Friedrich  Theodor  Vischer,  Adolf  Schwegler,  Eduard  Zeller  zur  Zierde 
gereichen,  gehort  auch  Theobald  Z.s  Charakterkopf  an.  Die  geistige  Richtung 
gab  ihm  zunachst  die  kritische  protestantische  Theologie  Wiirttembergs,  deren 
radikaler  Vertreter  David  Friedrich  StrauB  in  ihm  seinen  Biographen  gefunden 
hat  (2  Bde.  1908).  Religiose  Fragen  beschaftigten  ihn  zeitlebens.  Zugleich  ver- 
tiefte  er  sich,  als  Mensch  selbst  ein  Vorbild  sittlicher  Starke,  in  die  Probleme 
des  sittlichen  Lebens  (»Sittliches  Sein  und  sittliches  Werden«  1890;  »Die  soziale 
Frage  eine  sittliche  Frage«  1891,  6.  Aufl.  1899);  er  stellte  die  geschichtliche 
Entwicklung  der  Ethik  dar  (1881 — 1886;  2.  Ausg.  1892).  Weitere  Studien  auf 
dem  Gebiete  der  Philosophic  die  auf  seine  geistige  Personlichkeit  am  nach- 
haltigsten  durch  Spinoza,  Kant  und  seinen  schwabischen  Landsmann  Hegel 
einwirkte,  fiihrten  ihn  unter  anderem  zu  einer  Monographic  iiber  Nietzsche 
(1900),  zu  einer  psychologischen  Untersuchung  iiber  das  Gefuhl  (1893,  5.  Aufl. 
1912).  Im  Banne  des  deutschen  Idealismus  trat  er  von  der  philosophischen 
Seite  her  an  die  deutsche  Geistes-  und  Literaturgeschichte  heran,  auch  an 
Schiller  (1905,  3.  Aufl.  1916),  vor  allem  an  Goethe,  iiber  dessen  »Welt-  und 
Iyebensanschauung«  (1914)  er  ein  seinen  reichen  und  freien  Geist,  seine  feine 
innere  Kultur  bekundendes  Biichlein  schrieb,  das  er  »so  etwas  wie  ein  eigenes 
Glaubensbekenntnis«  nennt.  »Wenn  ich  mich,«  so  schlieBt  er  das  Vorwort, 
»nach  jemand  nennen  sollte,  so  wuBte  ich  in  aller  Bescheidenheit  keinen  anderen 
als  Goethe. «  Zu  A.  Bielschowskys  unvollendetem  »Goethe«  verfaBte  er  die  zwei 
SchluBkapitel  (1903). 

In  der  theoretischen  Padagogik  stand  Z.  im  Gegensatz  zu  Herbart,  in  enger 
Fuhlung  mit  Schleiermacher  (»Allgem.  Padagogik*,  1901;  4.  Aufl.  1914).  Als 
Historiker  der  Padagogik  erforschte  er  insbesondere  den  Werdegang  des  deut- 
schen hoheren  Schulwesens  (Geschichte  der  Padagogik,  1895;  4.  Aufl.  1917, 


Ziegler  349 

5.  Aufl.  v.  A.  Nebe  1923,  in  A  Baumeisters  »Handbuch  der  Erziehungs-  und 
Unterrichtslehre  fiir  hohere  Schulen«  1,  1),  als  Kenner  der  Hochschulpadagogik 
schilderte  er  den  deutschen  Studenten  um  die  Jahrhundertwende  (1895,  12. 
Aufl.  1912).  Zu  Fragen  der  Schulorganisation  und  Schulreform  nahm  er  Stel- 
lung.  Er  trat  als  einer  der  ersten  wissenschaftlichen  Verteidiger  der  Sozialpad- 
agogik  auf  den  Plan,  gab  auf  dem  deutschen  Lehrertage  zu  Munchen  (1906) 
der  Simultanschule  den  Vorzug  vor  der  Konfessionsschule  (»Die  Simultan- 
schuled  1904).  Als  Gegner  der  Vorschulen,  Anwalt  der  allgemeinen  Volks- 
schule,  war  er  dem  Volksschullehrerstand  willkommen,  der  ihn  zu  Vortrags- 
reihen,  fiir  die  Weiherede  zur  Frankfurter  Pestalozzi-Feier,  fiir  die  Gedachtnis- 
rede  auf  Adolf  Diesterweg  gewann.  Seine  Vortragskunst  und  besondere  Bega- 
bung,  seine  Forschungsergebnisse  und  Lesefriichte  in  edler,  eindrucksvoller 
Sprache  mit  allgemeinverstandlicher  Klarheit  seinen  Zuhorern  zu  iibermitteln, 
machten  ihn  zum  beliebten  Dozenten  bei  Bildungskursen  in  deutschen  Kultur- 
mittelpunkten.  Als  gehaltvoller  und  ziindender  Festredner  war  er  bei  Ge- 
denkfeiern  begehrt  (»Menschen  und  Probleme.  Reden,  Vortrage  und  Aufsatzei 
1914).  Sein  tiefes  und  uber  die  Grenzgebiete  seiner  Fachwissenschaf t  hinaus- 
reichendes  Wissen,  sein  weiter  Gesichtskreis,  sein  kritisches  Urteil  befahigten 
ihn  zu  einer  weitverbreiteten  Darstellung  der  geistigen  und  sozialen  Stro- 
mungen  des  19.  Jahrhunderts  (1899;  7.  Aufl.  1921;  Volksausgabe  1916). 
Regen  Anteil  nahm  er  an  der  offentlichen  Erorterung  wichtiger  Zeit-  und 
Streitfragen  der  deutschen  Kultur-  und  Bildungspolitik ;  ausgepragtes  natio- 
nales  und  soziales  Empfinden,  unerschrockener  Freimut  zeichneten  den 
schlichten  wackeren  Schwaben  aus.  Als  Herold  deutscher  Geisteshelden,  als 
tapferer  Streiter  fiir  sein  Ideal  einer  Veredlung  unserer  Volkskultur  hatte  er 
einen  klangvollen  Namen.  Einige  seiner  Veroffentlichungen,  von  denen  nicht 
wenige  in  Buchform  aus  Vorlesungen  und  Vortragen  entstanden  sind,  hatten 
einen  bei  deutschen  Gelehrten  seltenen  aufieren  Erfolg,  wurden  in  die  Spra- 
chen  der  verschiedensten  europaischen  Lander  ubersetzt.  In  den  Jahrzehnten 
zwischen  dem  deutschen  Einheitskampf  und  dem  Weltkriege  ist  Z.  zu  Deutsch- 
lands  geistigen  Fiihrern  zu  zahlen ;  in  seinem  Lebenswerk  darf  er  wohl  einem 
Friedrich  Paulsen  und  Rudolf  Eucken  an  die  Seite  gestellt  werden. 

Literatur:  J  oh.  Ficker,  Worte,  gesprochen  b.  d.  Einascherung  von  Th.  Z.  am 
9.  9.  19 18  zu  Frankfurt  a.  M.  —  Th.  Kostlin,  Th.  Z.  |.  Im:  oSchwab.  Merkur«  vom  7.  9. 
1918,  Nr.  421.  —  Alb.  Bacmeister,  Th.  Z.  In:  *Beilage  d.  Staatsanzeigers  f.  Wiirttem- 
berg«,  Stuttgart  1918,  Nr.  9,  1.  Oktober.  —  G.  Egelhaaf  in  »Suddeutsch.  Ztg.«,  1918, 
Nr.  245.  —  A.  Buchenau  in  »Deutsch.  Phil.-Blatt«,  Jahrg.  26,  Nr.  37/38,  Leipzig  1918. — 
O.  Liermann  in  »Feldzeitung  der  W6hlerschulen«,  Ffm.  1918,  Nr.  14.  —  A.  Moller  in 
» Frankfurter Schulztg.«,  Jahrg.  35,  1918,  Nr.  18,  s.  auch  Jahrg.  33  (19 16),  Nr.  4,  Jahrg.  30 
(19 1 3),  Nr.  24.  —  E.  Keller,  in  Wochenschrift  »Die  Mainbriicke«,  Jahrg.  11  (1918),  Ffm., 
Nr.  36.  —  J.  Ziehen  in  »Mitteilg.  a  d.  Frkf.  Schulmuseum«,  Jahrg.  3  (1916),  Heft  1 
(mit  Bildnis).  —  Wer  ist's?  VII.  Ausgabe,  Lpz.  19 14.  —  Auskunft  iiber  d.  liter.  NachlaB, 
u.  a.  eine  nahezu  druckfertige  Monographic  uber  Schleiermachers  Padagogik,  bei  Fraulein 
Helene  Ziegler,  Frankfurt  a.  M.,  Griineburgweg  91. 

Frankfurt  a.  M.  Otto  Liermann. 


1919 

Bubendey,  Johann  Friedrich,  Wasserbaudirektor,  *  am  4.  Juli  1848  in  Ham- 
burg, |  am  10.  Mai  1919  in  Hamburg.  —  B.  wurde  geboren  als  Sohn  des  Pro- 
fessors der  Mathematik,  Gerhard  Heinrich  B.  in  Hamburg,  und  erhielt  seine 
erste  Schulbildung  an  der  Realschule  des  dortigen  Johanneums.  Mit  15  Jahren 
trat  er  in  ein  kaufmannisches  Geschaft  ein,  urn  Kaufmann  zu  werden,  verlieJ3 
jedoch  diesen  Beruf,  der  ihm  keine  Befriedigung  gewahrte,  schon  nach  einem 
Jahre  wieder  und  wandte  sich  nunmehr,  der  vom  Vater  ererbten  Veranlagung 
und  Neigung  folgend,  mathematischen  und  technischen  Studien  zu.  Er  trat 
in  der  damals  in  Hamburg  iiblichen  Weise  als  Eleve  beim  Ingenieurwesen  der 
1.  Sektion  der  Baudeputation  ein  und  wurde  unter  dem  Bauinspektor  Maack, 
dem  Hamburg  nach  dem  groften  Brande  von  1842  eine  groJ3e  Zahl  massiver 
Briicken,  in  erster  Reihe  die  bekannte  Lombardsbriicke,  zu  verdanken  hat, 
in  das  Baufach  eingefuhrt.  Nebenbei  bildete  er  sich  fleiEig  theoretisch  weiter 
aus,  besonders  in  der  hoheren  Mathematik  von  dem  Vater  unterrichtet.  Im 
Herbst  1867  bezog  er  das  damalige  eidgenossische  Polytechnikum,  die  heutige 
Technische  Hochschule,  in  Zurich  und  war  hier  ein  eifriger  Schiller  von  Cul- 
mann  und  Zeuner,  denen  er  fur  das  von  ihnen  erworbene  griindliche  Wissen 
bis  in  sein  hohes  Alter  hinein  grofie  Dankbarkeit  bewahrte.  Neben  seinen 
eigentlichen  Fachlehrern  war  es  noch  Gottfried  Kinkel,  bei  dem  er  in  den 
Abendstunden  Kunstgeschichte  horte  und  hierbei  in  des  Wortes  wirklicher 
Bedeutung,  wie  er  spater  noch  mit  Freude  bekannte,  zu  seinen  Fiifien  safl. 
Die  Zeit  ernsten  Strebens  und  froher  Studentenlust  wurde  unterbrochen  durch 
den  Krieg  von  1870/71.  B.  folgte  freiwillig  dem  Ruf  des  Vaterlandes,  trat  in 
das  hanseatische  Infanterieregiment  Nr.  76  ein  und  machte  nach  kurzer  Aus- 
bildungszeit  den  Winterfeldzug  und  seine  Schlachten  bei  Le  Mans  mit.  Die 
Kriegsdenkmiinze  mit  der  Gefechtsspange  von  Le  Mans  blieben  ihm  eine 
dauernde  Erinnerung.  Nach  gliicklich  beendetem  Kriege  nahm  er  seine  Stu- 
dien auf  der  neugegriindeten  Technischen  Hochschule  in  Aachen  unter  den 
Professoren  Intze,  Heinzelmann  und  v.  Kaven  wieder  auf  und  brachte  sie  mit 
dem  Wintersemester  1871/72  zum  AbschluB. 

Am  1.  April  1872  trat  B.  in  den  Dienst  der  2.  Sektion  der  Baudeputation 
fur  Strom-  und  Hafenbau  in  Hamburg  ein. 

Infolge  der  verheerenden  Sturmfluten  der  Jahre  1791  und  1792  war  »zur 
Sicherung  der  Stadt  gegen  die  Fluten  der  Elbe  von  der  See  her«  von  dem 
Mathematikprofessor  Biisch  und  dem  Strombaudirektor  Woltman  ein  Plan 
entworfen  worden,  die  Stadt  und  den  Hafen  elbseitig  durch  einen  sturmflut- 
freien  Deich  einzuschlieBen  (die  Stadt  »einzumauern«,  wie  man  im  Volksmunde 


Bubendey  35 1 

sagte)  und  den  Hafen  nach  hollandischen  und  englischen  Vorbildern  nur  durch 
Schleusen  zuganglich  zu  machen,  ihn  also  in  einen  Dockhafen  nmzugestalten. 
Nach  der  groBen  Sturmflut  vom  3.  zum  4.  Februar  1825,  der  hochsten,  die 
iiberhaupt  an  der  Elbe  beobachtet  worden  ist,  wurde  der  Plan  wieder  auf- 
genommen,  auch  der  hollandische  Ingenieur  Mentz  1840  zu  Rate  gezogen,  der 
einen  dem  Busch-Woltmanschen  ahnlichen  Entwurf  aufstellte.  SchlieBlich  war 
es  in  den  funfziger  Jahren  dem  tatkraftigen  Wasserbaudirektor  Dalmann  ge- 
lungen,  seinen  Plan  der  Anlage  offener,  jederzeit  und  unabhangig  von  den 
Tidebewegungen  zuganglicher  Hafen  mit  sturmflutfreier  Aufhohung  der  Kai- 
flachen  nach  langen  heftigen  Kampfen  zum  Siege  zu  verhelfen  und  damit 
Hamburg  vor  dem  Schicksal  der  »Einmauerung«  zu  bewahren.  Dalmann  ist 
durch  seine  Planungen  nicht  nur  der  Begriinder  des  Hamburger  Hafens,  son- 
dern  der  Schopfer  des  neuzeitigen  deutschen,  von  fremdlandischen  Vorbildern 
losgelosten  Hafenbaus  iiberhaupt  geworden.  1862  bis  1866  wurde  der  erste 
offene  Hafen,  der  Sandtorhafen,  gebaut,  und  ihm  folgten  in  den  nachsten  zwei 
Jahrzehnten  die  anderen  auf  dem  rechten  Elbufer  belegenen  Hafen. 

In  dieser  Zeit  regster  Bautatigkeit  erfolgte  der  Eintritt  B.s  beim  Strom- 
und  Hafenbau,  und  es  war  ihm  vergdnnt,  noch  drei  Jahre  unter  seinem  genialen 
Meister  Dalmann  arbeiten  zu  konnen.  Uberreichliche  Gelegenheit  fand  sein 
Betatigungsdrang,  wofiir  ihm  die  Anerkennung  seiner  Behorde  nicht  ausblieb. 
Schon  ein  Vierteljahr  nach  seinem  Eintritt  wurde  er  zum  Baukondukteur 
zweiter  Klasse,  am  1.  Januar  1875  zum  Baukondukteur  erster  Klasse  und 
bereits  1879  zum  technischen  Bureauchef  ernannt,  dem  die  selbstandige  Be- 
arbeitung  der  technischen  Entwiirfe  oblag. 

Nach  kurzem  Stillstand  setzte  eine  zweite  Hochflut  der  Bautatigkeit  im 
Hamburger  Hafen  ein,  bei  der  es  gait,  die  auBerst  umfangreichen  Anlagen  zur 
Ausgestaltung  des  Hamburger  Freihafens  in  den  Jahren  1882  bis  1888  zur 
Ausfuhrung  zu  bringen,  ein  Unternehmen,  dem  ein  groBer  Teil  der  Wohn- 
und  Speicherviertel  in  der  siidlichen  Altstadt,  dem  Katharinenkirchspiel,  zum 
Opfer  gebracht  werden  muBte.  Auch  bei  diesen  Arbeiten,  soweit  sie  staat- 
licherseits  von  der  Sektion  fur  Strom-  und  Hafenbau  ausgefiihrt  wurden,  be- 
wahrte  sich  B.  aufs  beste  und  riickte  1886  zum  Wasserbauinspektor  auf. 

Neben  seiner  reichen  dienstlichen  Tatigkeit  brachte  er  es  fertig,  eine  leb- 
hafte  literarische  und  Vereinstatigkeit  zu  entfalten.  Der  Architekten-  und 
Ingenieurverein  in  Hamburg  zahlte  ihn  zu  seinen  eifrigsten  und  wegen  seiner 
Mitarbeit  auch  einfluBreichsten  Mitgliedern.  Zum  Dank  fiir  seine  Tatigkeit 
ernannte  ihn  der  Hamburger  Verein,  als  B.  am  1.  April  1895  nach  Charlotten- 
burg  iibersiedelte,  um  hier  den  Lehrstuhl  fiir  Wasserbau  an  der  Technischen 
Hochschule  als  Nachfolger  von  Schlichting  zu  ubernehmen,  zu  seinem  Ehren- 
mitgliede. 

Auch  in  Charlottenburg  vermochte  seine  amtliche  Lehrtatigkeit  an  der 
Technischen  Hochschule  nicht  seine  gesamte  Zeit  auszufiillen.  Auch  hier  ging 
eine  ausgedehnte  schriftstellerische,  Gutachter-  und  wieder  eine  lebhafte 
Vereinstatigkeit  nebenher.  Besonders  waren  es  der  Berliner  Architektenverein, 
der  ihm  wahrend  zweier  Jahre  den  Vorsitz  anvertraute,  und  der  Verein  fiir 
deutsche  Binnenschiffahrt,  der  ihn  ebenfalls  zum  Vorsitzenden  und  schlieB- 
lich  1904  zum  Ehrenmitglied  ernannte.  Auch  seiner  Tatigkeit  als  Mitglied 
des  deutschen  Ausschusses  fiir  die  internationalen  Schiffahrtkongresse  ist  zu 


352  1919 

gedenken.  In  diese  Berliner  Zeit  fallt  seine  Ernennung  zum  Geheimen  Baurat 
und  zum  auBerordentlichen  Mitgliede  der  preuBischen  Akademie  des  Bau- 
wesens.  Seine  Wertschatzung  seitens  des  Lehrkorpers  der  Technischen  Hoch- 
schule  fand  ihren  Ausdruck  in  der  Wahl  zum  Rektor  1901. 

Hamburg  hatte  wahrend  der  achtjahrigen  Abwesenheit  B.s  zwei  Wasser- 
baudirektoren  durch  den  Tod  verloren,  1897  Nehls  und  1903  Buchheister.  Ein 
geeigneter  Nachfolger  unter  den  hoheren  Baubeamten,  die  damals  noch  die 
Amtsbezeichnung  »Bauinspektor«  fuhrten,  war  nicht  vorhanden.  Schwierige 
Verhandlungen  mit  PreuBen  iiber  den  Ausbau  der  Elbe  unterhalb  Hamburgs 
standen  bevor.  Unter  diesen  Umstanden  war  es  nur  zu  erklarlich,  daB  sich  die 
Augen  des  Hamburger  Senats  auf  B.  richteten,  der  von  seiner  fruheren  Tatig- 
keit  her  die  hamburgischen  Verhaltnisse  sehr  genau  kannte  und  wegen  seiner 
nachherigen  Tatigkeit  in  PreuBen  auch  fur  die  bevorstehenden  Verhandlungen 
die  geeignete  Personlichkeit  schien.  B.  folgte  dem  an  inn  ergangenen  Rufe 
und  kehrte  in  seine  Vaterstadt  zunick  als  Wasserbaudirektor  an  die  Spitze 
der  Verwaltung,  der  er  frtiher  bereits  23  Jahre  angehort  hatte. 

Werfen  wir  nunmehr  einen  ganz  kurzen  Uberblick  auf  die  Strom-  und 
Schiffahrtverhaltnisse  der  Elbe  unterhalb  Hamburgs,  die  man  kennen  muB, 
um  die  groBen  Verdienste  B.s  um  den  Ausbau  dieser  Stromstrecke  voll  wiirdigen 
zu  konnen. 

Etwa  um  das  Jahr  1840  waren  hier  die  Stromverhaltnisse,  besonders  in  dem 
Gebiet  der  Barren  von  Blankenese,  noch  so  schlecht,  daB  bei  mittlerem  Hoch- 
wasser  nur  Schiffe  von  4,3  Meter  Tiefgang  ohne  zu  leichtern  den  Hamburger 
Hafen  erreichen  konnten.  Gedrangt  durch  die  nach  Einfuhrung  der  Dampf- 
kraft  standig  zunehmende  VergroBerung  der  Schiffe  und  die  Vermehrung  ihres 
Tiefganges  ging  Hamburg  daran,  durch  planmaBige  Baggerungen  das  Fahr- 
wasser  zu  vertiefen.  Der  Erfolg  dieser  jahrzehntelangen  Bemuhungen  war  ein 
derart  giinstiger,  daB  gegen  Ende  des  19.  J ahrhunderts  Schiffe  mit  annahernd 
S  Meter  Tiefgang  bei  mittlerem  Hochwasser  ohne  zu  leichtern  in  den  Hafen 
gelangen  konnten.  Die  gewaltig  gesteigerte  Zunahme  der  SchiffsgroBen  im 
neuen  Jahrhundert  zwang  dann  zu  weiteren  MaBnahmen.  Aus  den  bisherigen 
Erfolgen  war  jedoch  die  Erkenntnis  gewonnen  worden,  daB  eine  weitere  Ver- 
tiefung  durch  Baggerung  allein  wohl  zu  schaffen,  aber  nicht  zu  erhalten  sei, 
daB  zur  Erhaltung  des  Fahrwassers  ein  planmaBiger  Ausbau  mit  Strombau- 
werken  erforderlich  sei.  Zu  solchen  MaBnahmen  muBte  das  Einverstandnis 
PreuBens  eingeholt  werden.  Nachdem  schon  durch  den  Staatsvertrag  vom 
19.  Dezember  1896  vorbereitende  MaBnahmen  vereinbart  worden  waren,  ge- 
langte  nach  schwierigen  Verhandlungen  der  Staatsvertrag  vom  14.  Novem- 
ber 1908  zum  AbschluB,  der  den  Ausbau  der  Unterelbe  bis  zur  Schwingemun- 
dung  bei  Brunshausen  zum  Gegenstand  hatte.  Hamburg  erhielt  durch  ihn  das 
Recht,  die  Sohle  des  Strombettes  den  fortschreitenden  Anforderungen  seiner 
Seeschiffahrt  entsprechend  zu  vertiefen. 

Die  Verhandlungen  iiber  diesen  Vertrag  nahmen  mehrere  Jahre  in  Anspruch. 
Als  sie  einmal  wegen  der  schweren  Bedingungen,  die  PreuBen  stellte,  zu  schei- 
tern  drohten,  war  es  nach  einem  besonderen  Dankschreiben  des  Hamburger 
Senats  wesentlich  B.s  technischen  Vorschlagen  zu  danken,  daB  ein  Weg  ge- 
f  unden  wurde,  unter  Wahrung  der  hamburgischn  Belange  die  Verhandlungen 
zu  einem  gliicklichen  Ende  zu  fiihren. 


Bubendey  353 

Wohl  lagen  aus  fniherer  Zeit  (von  Dalmann)  vorbereitende  theoretische 
Untersuchungen  vor.  Das  Verdienst  B.s,  der  hierin  von  dem  Wasserbau- 
inspektor,  spateren  Baurat  Bensberg  unterstiitzt  wurde,  ist  es,  sie  zum  Ab- 
schluB  gebracht  und  auf  ihrer  Grundlage  die  Ausbauentwiirfe  den  neuzeit- 
lichen  Anforderungen  entsprechend  ausgearbeitet  und  ausgestaltet  zu  haben. 

Wahrend  man  bis  zum  AbschluB  des  Vertrages  von  1908  eine  Vertiefung 
des  Fahrwassers  auf  10  Meter  bei  mittlerem  Hochwasser  und  eine  Verbrei- 
terung  auf  200  Meter  ins  Auge  gefaBt  hatte,  wurde  nach  dem  AbschluB  des 
Vertrages  das  Ziel  weitergesteckt,  derart,  daB  die  Tiefe  bei  Hamburg  12  Meter 
und  weiter  abwarts  der  zunehmenden  FlutgroBe  entsprechend  nahezu  13  Meter 
betragen  sollte.  Bis  zum  Beginn  des  Weltkrieges  war  auf  der  oberen  Strecke 
die  Vertiefung  schon  in  einem  solchen  MaB  erreicht,  daB  Schiffe  von  n  Meter 
Tiefgang,  wie  die  Riesenschiffe  der  Hamburg- Amerika-Linie,  der  sogenannten 
Imperatorklasse,  in  den  Hafen  gelangen  konnten  (s.  Ballin,  oben  S.  212). 

Durch  die  Regelung  der  Elbe,  » seines «  Stroms,  die  als  sein  Lebenswerk  an- 
zusprechen  ist,  ist  B.  fur  die  Elbe,  »Hamburgs  Lebensader«,  wie  er  sie  in  einer 
seiner  Schriften  genannt  hat,  das  geworden,  was  Franzius  fur  die  Weser  ge- 
wresen  ist. 

Neben  den  Strombauten  diirfen  natiirlich  auch  die  Hafenbauten,  die  unter 
B.s  Oberleitung  geplant  und  ausgefuhrt  wurden,  nicht  vergessen  werden.  Hier 
kommen  hauptsachlich  in  Betracht:  in  Hamburg:  die  Erweiterung  der  Kuh- 
warderhafen  nach  Suden  zu  (RoBhafen,  Oderhafen,  Travehafen,  Ellerholz- 
kanal,  RoBkanal)  und  der  teilweise  Ausbau  der  neuen  Hafen  auf  Waltershof, 
einem  westlich  von  der  verlegten  Kohlbrandmiindung  belegenen  Hafengebiet 
(Waltershofer  Hafen,  Parkhafen,  Maakenwerder  Hafen,  Neuer  Petroleum- 
hafen,  Jachthafen);  in  Cuxhaven:  der  Ausbau  des  Fischereihafens  und  die 
Erweiterung  des  Neuen  Hafens  von  9  Hektar  auf  42  Hektar  Grundflache  mit 
einer  bis  12  Meter  unter  Niedrigwasser  reichenden  Sohle  (der  heutige  Amerika- 
Hafen).  Zur  Erleichterung  des  Ortsverkehrs  wurden  die  St.  Pauli-I,andungs- 
briicken  in  groBziigiger  Weise  erneuert  und  zur  Verbindung  der  beiden  Elb- 
ufer  der  durch  zwei  senkrechte  Schachte  (statt  Rampen)  mit  elektrischen 
Wagen-  tmd  Personenauf ziigen  zugangliche  Elbtunnel  zwischen  den  Landungs- 
briicken  und  dem  gegeniiberliegenden  Hafengebiet  von  Steinwarder  gebaut, 
ein  Meisterwerk  deutscher  Ingenieurkunst.  Seine  Fahrbahn  liegt  etwa  21  Meter 
unter  dem  mittleren  Hochwasserspiegel  der  Elbe. 

Fur  das  Vertrauen  und  die  Wertschatzung,  deren  sich  B.  bei  Senat  und 
Biirgerschaft  Hamburgs  zu  erfreuen  hatte,  spricht  die  Tatsache,  daB  die  in 
die  Millionen  gehenden  Kosten  dieser  Bauten,  von  denen  hier  nur  genannt 
seien:  37  Millionen  fur  Strombauten,  45  Millionen  fur  Hafenbauten,  10,7  Mil- 
lionen fur  den  Elbtunnel,  man  mochte  sagen,  fast  ohne  Erorterung  bewilligt 
wurden.  Der  Senat  ehrte  ihn  noch  besonders  durch  den  BeschluB  vom  Fe- 
bruar  1914,  das  Elbufer  der  neuen  Hafenanlagen  auf  Waltershof  zwischen 
dem  Parkhafen  und  dem  Jachthafen  »Bubendey-Ufer«  zu  benennen,  urn  auf 
diese  Weise  seinen  Namen  der  Nachwelt  in  Verbindung  mit  seinen  Werken 
zu  vermitteln. 

Aus  der  Erkenntnis  heraus,  daB  zur  gedeihlichen  Entwicklung  eines  groBen 
Seehafens  auch  eine  leistungsfahige  BinnenwasserstraBe  gehort,  wandte  B. 
sein  Streben  auch  der  Verbesserung  der  Oberelbe  zu.  Die  Elbe  ist  zwar  eine 

DBJ  23 


354  ^J9 

Wasserstrafle,  die  mit  ihren  Nebenfliissen  das  Hinterland  bis  nach  Mittel- 
deutschland,  bis  nach  Bohmen  hinein  und  tiber  Berlin  bis  zur  Oder  erschliefit ; 
ihre  Leistungsfahigkeit  ist  jedoch  noch  nicht  erschopft  (sie  ist  nur  fur  Mittel- 
wasser  ausgebaut)  und  es  bedarf  noch  einer  durchgehenden  planmafiigen 
Niedrigwasserregelung.  Eifrig  hat  B.  an  dem  Zustandekommen  des  Gesetzes 
iiber  die  Verbesserung  der  Schiffbarkeit  der  deutschen  Wasserstrafien,  des 
sogenannten  Schiffahrtsabgabengesetzes,  soweit  die  Elbe  dabei  in  Betracht 
kam,  mitgearbeitet  und  ist  mit  Wort  und  Schrift  fur  die  Durchfuhrung  der 
in  diesem  Gesetz  festgelegten  Niedrigwasserregelung  der  Elbe  eingetreten.  Ein 
Erfolg  ist  diesem  Streben  nicht  beschieden  gewesen  und  wird  bei  der  wirt- 
schaftlichen  Lage  Deutschlands,  in  die  es  durch  den  Weltkrieg  geraten  ist, 
auch  so  bald  nicht  zu  erwarten  sein.  Aus  der  gleichen  Erkenntnis  heraus  und 
mit  gleichem  Eifer  trat  B.  fiir  den  Bau  binnenlandischer  Kanale  ein,  mit  deren 
Planung  er  sich  schon  in  den  achtziger  Jahren  des  vorigen  Jahrhunderts  be- 
schaftigt  hatte.  Als  wahrend  des  Weltkrieges  Bayern  fiir  eine  Kanalverbin- 
dung  des  Rheins  mit  der  Donau  warb,  trat  er  lebhaft  fiir  eine  Verbindung 
der  Elbe  mit  der  Donau  mittels  des  Elbe-Donau-Kanals  ein,  um  den  Vorteil, 
der  durch  den  bayerischen  Plan  den  hollandischen  Hafen  zuwachsen  werde, 
wieder  einigermafien  zugunsten  der  deutschen  Nordseehafen  auszugleichen. 
Und  als  dann  der  Gedanke  einer  unmittelbaren  Kanalverbindung  zwischen 
dem  westfalischen  Industriegebiet  und  den  Hansestadten  auftauchte,  trat  er 
mit  Warme  fiir  den  von  Hoch  aufgestellten  Entwurf  des  sogenannten  Hoyaer 
Kanals  ein,  den  er  als  die  fiir  Hamburg  giinstigste  Losung  bezeichnete. 

Durch  die  neue  Reichsverfassung  ist  die  Elbe,  wie  alle  anderen  Wasser- 
straUen,  in  das  Eigentum  des  Reiches  iibergegangen  und  infolgedessen  Ham- 
burg seiner  Fiirsorge  fiir  die  Unterelbe,  die  es  jahrhundertelang  ausgeubt  hat, 
enthoben  worden;  nur  die  kurze  Strecke  innerhalb  des  Hafengebiets  ist  ihm 
als  Mandat  geblieben.  So  ist  B.  »der  letzte  Wasserbaudirektor  Hamburgs«  im 
alten  Sinne  gewesen. 

Steht  so  das  Bild  B.s  als  eines  hervorragenden  Fachmannes  auf  dem  Gebiet 
des  Wasserbaus  fest,  dessen  Verdienste  die  Technische  Hochschule  in  Han- 
nover durch  Ernennung  zum  Dr.-Ing.  ehrenhalber  anerkannte,  so  mtu3  das 
Bild  zum  Schlufi  noch  durch  den  Hinweis  auf  seine  personlichen  Eigenschaften 
erganzt  werden.  Als  ein  Mann  von  geradem,  aufrechtem  Charakter,  ehrlicher 
Uberzeugung  und  unbedingter  Zuverlassigkeit,  zugleich  aber  auch  von  reichem 
Gemiit  und  voller  Lebensfreude,  so  lebt  er  in  dem  Gedachtnis  aller,  die  ihm 
nahergetreten  sind. 

Literatur:  de  Thierry  in  Zeitschrift  des  Vereins  deutscher  Ingenieure  (Bd.  63,  S.  573). 

—  Wendemuth  in  Zentralblatt  der  Bauverwaltung,  Fritz  Eiselen  in  Deutsche  Bauzeitung, 
53,  222. —  K.  Baritsch  in  Zeitschrift  des  Verbandes  deutscher  Diplomingenieure  (Bd.  10, 
S.61).  —  Otto  Hoch  in  Zeitschrift  fiir  Binnenschiffahrt.  —  Ernst  Baasch,  Geschichte 
Hamburgs  1814 — 1918,  Bd.  II,  S.  267  f.,  1925. 

Schriften:  Geschichte  der  Mathematischen  Gesellschaft  zu  Hamburg.  Festschrift. 
Leipzig  1890.  —  Unsere  Stellung  zur  Schulfrage.  Vortrag.  Berlin  1891.  —  Die  Grenzen 
der  Seeschiffahrt.  Festrede.  Berlin  1902.  —  Praktische  Hydraulik  in  Handbuch  der 
Ing.-Wissenschaften  III.,  Bd.  1.  Leipzig  191 1.  —  Der  Hafen  von  Neuyork.  Hamburg  191 3. 

—  Die  Rheinschiffahrt  und  ihre  Zukunft.  Hamburg  191 5.  —  Die  Elbschiffahrt  und  ihre 
Fortsetzung  zur  Donau.  Hamburg  1916.  —  Die  Kunst  des  Vortrages.  Hamburg  191 7.  — 
Berichte  fiir  verschiedene  internationale  Schiffahrtkongresse,  und  zwar  fiir  den  VII.  1898, 
den  IX.  1902,  den  X.  1905,  den  XII.  191 2.  —  Strom- und  Uferbau ten,  Abschnitt  II,  Unter- 


Bubendey.  Delbriick  355 

elbe  in  ^Hamburg  und  seine  Bauten*.  Hamburg  1914.  —  Die  Wasserstraflenentwurfe  fiir 
Mitteleuropa.  1.  Jahrbuch  der  Hafenbautechn.  Ges.,  1918.  —  Bine  groBe  Anzahl  Auf- 
satze,  Berichte  und  Vortrage  in  Deutsche  Bauzeitung  1883,  l&&4>  1890,  1892,  1899,  1900, 
1905;  in  Zentralblatt  der  Bauverwaltung  1895,  J896,  1897,  1898,  1899;  in  Bayerisches 
Industrie-  und  Gevverbeblatt  1899;  *n  Zeitschrift  fiir  Binnenschiffahrt  1897,  !898,  1900, 
1901,  1902,  1903,  1905;  in  Zeitschrift  des  Vereins  deutscher  Ingenieure  1903;  in  Zeit- 
schrift »Hansa«  1907;  in  Zeitschrift  des  Verbandes  deutscher  Diplomingenieure  1914.  — 
Ferner:  Nelils  und  B.,  Die  Elbe,  Hamburgs  Lebensader.  Hamburg  1892.  —  Tolkmitt-B., 
Die  Grundlagen  der  Wasserbaukunst,  2.  Aufl.  Berlin  1907.  —  B.  und  Lorenzen,  Der 
Hamburger  Hafen  und  die  Regulierung  der  Unterelbe.  Hamburg  191 2. 

Hamburg.  Otto  Hoch. 

Delbriick,  Max,  Geh.  Regierungsrat,  Prof.  Dr.  phil.,  Dr.  ing.  h.  c.t  Direktor  des 
Instituts  fiir  Garungsgewerbe,  o.  Prof,  fiir  Technologie  der  Garungsgewerbe 
an  der  Landwirtschaftlichen  Hochschule  in  Berlin,  *  am  16.  Juni  1850  in 
Bergen  (Riigen),  f  am  4.  Mai  1919  in  Berlin.  —  Max  D.  wurde  als  Sohn  des  da- 
maligen  Kreisrichters,  spate ren  Appellationsgerichtsrates  Dr.  Berthold  D.  und 
seiner  Gattin  Laura  geboren.  Sein  Vater  starb  jung;  von  ihm,  dem  reich  be- 
gabten  Juristen,  iiberkam  D.  die  ihm  eigene  unerbittliche  Scharfe  des  Ver- 
standes,  aber  auch  die  Zartheit  der  Empfindung.  Seine  Mutter,  eine  Tochter 
des  Hegelphilosophen  Professor  Leopold  v.  Henning,  iibernahm  nach  dem 
Tode  ihres  Mannes  mit  geringen  Mitteln  die  Erziehung  ihrer  vier  Kinder.  Von 
dieser  seltenen  Frau,  die  durch  die  strahlende  Warme  thres  Wesens,  durch  die 
Kraft,  mit  der  sie  trotz  mancher  Miihe  und  Entsagung  das  Leben  bejahte, 
durch  das  Feuer  der  Begeisterung,  mit  dem  sie  fiir  alles  Gute  und  Edle  erfullt 
war  und  andere  erfullte,  aller  Herzen  sich  zu  eigen  machte,  empfing  D.  den 
eigentlichen  Kern  seines  Wesens.  Seine  Schulbildung  genoB  er  nach  der  tJber- 
siedlung  seiner  Eltern  nach  Greifswald  auf  dem  dortigen  humanistischen  Gym- 
nasium, seine  Allgemeinbildung  in  der  geistigen  Atmosphare  des  Elternhauses, 
das  viele  Freunde  aus  dem  Gelehrtenkreise  der  Universitat  sein  eigen  nannte. 
Als  i8jahriger  Abiturient  ging  B.  nach  Berlin,  urn  an  der  damaligen  Gewerbe- 
akademie,  der  heutigen  Technischen  Hochschule,  Chemie  zu  studieren.  Im 
weiteren  Verlaufe  seiner  Studien  kehrte  er  jedoch  nach  Greifswald  zuriick, 
fuhrte  dort  unter  Leitung  von  Limpricht  seine  Doktorarbeit  aus  und  wurde 
1872  zum  Doktor  der  Philosophic  promoviert.  Schon  damals  wurde  ihm  von 
seinen  L,ehrern  eine  ungewohnliche  Auffassungsgabe  und  die  Fahigkeit,  sofort 
den  Kern  jeder  Sache  zu  erkennen,  nachgeruhmt.  Von  1872 — 1873  war  D.  Assi- 
stent  in  dem  unter  Liebermanns  Leitung  stehenden  organischen  Laboratorium 
an  der  Gewerbeakademie  in  Berlin,  von  1873 — 1874  Assistent  an  der  von 
Maercker  geleiteten  Landwirtschaftlichen  Versuchsstation  in  Halle  a.  d.  S.  Das 
Zusammenarbeiten  mit  Maercker  wurde  fiir  D.s  Leben  entscheidend.  Maercker 
veranlaBte  1874  die  Begriindung  der  Versuchsanstalt  des  Vereins  der  Spiritus- 
fabrikanten  in  Berlin,  zu  deren  Leitung  sein  Assistent  D.  berufen  wurde,  der  im 
Maerckerschen  Laboratorium  bereits  grundlegende  Arbeiten  auf  brennerei- 
technischem  Gebiete  ausgefuhrt  hatte.  Mit  der  Ubernahme  der  Leitung  der 
neuen  Versuchsstation  betrat  D.  den  Boden,  auf  dem  er  in  45jahriger  Lebens- 
arbeit  den  gewaltigen  Bau  des  heutigen  Instituts  fiir  Garungsgewerbe  errichtete. 

Sogleich  setzte  D.s  geniale  Organisationsarbeit  ein:  er  griindete  1875  eine 
Brennereischule  zur  Ausbildung  der  Betriebsleiter  im  sachgemaBen  Brennerei- 


356  1919 

verfahren;  1876  richtete  er  eine  eigene  Glasblaserei  ein,  um  das  Brennerei- 
gewerbe  jederzeit  mit  guten,  gepriiften  Kontrollinstrumenten  versehen  zu 
konnen;  1878  iibernahm  er  gemeinsam  mit  Maercker  die  Herausgabe  der  »Zeit- 
schrift  fiir  Spiritusindustrie«,  um  in  einem  eigenen  Fachorgan  den  wissen- 
schaftlichen  und  praktischen  Verkehr  zwischen  der  Versuchsanstalt  und  dem 
Gewerbe  lebendig  zu  erhalten ;  1879  folgte  die  Griindung  der  Versuchsbrennerei 
in  Biesdorf ,  um  die  Errungenschaften  der  I^aboratoriumsarbeit  jederzeit  sofort 
auf  ihren  praktischen  Wert  priifen  zu  konnen.  1882  wurde  die  Versuchsanstalt 
in  den  Neubau  der  Landwirtschaftlichen  Hochschule  aufgenommen.  Noch  in 
demselben  Jahre  organisierte  D.  die  erste  Ausstellung  fiir  Spiritusindustrie, 
der  weitere  folgten,  jedesmal  in  eindrucksvollerer  Weise  die  Vielseitigkeit  der 
Verwendung  des  Spiritus  zu  technischen  Zwecken  bezeugend. 

Aber  inzwischen  waren  schon  neue  groBe  Plane  in  D.  gereift.  Auch  das  nord- 
deutsche  Brauereigewerbe  erkannte  die  Notwendigkeit  der  Begriindung  einer 
eigenen  Versuchsanstalt.  Der  Verein  »Versuchs-  und  Lehranstalt  fiir  Brauerei 
in  Berlin «  wurde  von  D.  im  Bunde  mit  dem  spateren  Ministerialdirektor 
Dr.  Thiel  und  fuhrenden  Personlichkeiten  der  Brauereiindustrie  1883  ge- 
schaffen  und  die  Versuchsanstalt  des  Vereins  der  Leitung  D.s  unterstellt. 
Schon  im  folgenden  Jahre  gab  D.  die  »Wochenschrift  fiir  Brauerei «  heraus,  die 
sich  rasch  zu  einem  mafigebenden  Organe  auf  dem  Gebiete  der  Brauwissen- 
schaft  und  -praxis  entwickelte.  1883  wurde  als  ein  Zweig  des  Vereins  der 
Spiritusfabrikanten  in  Deutschland  der  Verein  der  Starke-Interessenten  in 
Deutschland  ins  Leben  gerufen  und  seine  Versuchsanstalt  ebenf alls  an  die  Land- 
wirtschaftliche  Hochschule  angegliedert.  1888  eroffnete  D.  die  Unterrichts- 
anstalt  fiir  Brauer,  die  sich  rasch  zu  einer  Musterstatte  technologischer  Ge- 
dankenerziehung  entwickelte,  und  griindete  im  selben  Jahre  die  Deutsche 
Kartoffel-Kultur-Station,  bald  erganzt  durch  die  entsprechende  Einrichtung 
fiir  Gersten-  und  Hopfenkultur. 

Diese  neuen  Einrichtungen  und  die  von  D.  als  notwendig  erkannte  Schaffung 
von  Versuchsfabriken  liefien  schon  damals  den  Plan  emporwachsen,  ein  be- 
sonderes  Institut  fiir  die  drei  Versuchsanstalten  zu  errichten.  1897  wurde  das 
Werk  vollendet,  das  mit  Hilfe  von  Staatsmitteln  neu  errichtete  Institut  fiir 
Garungsgewerbe,  dem  eine  Versuchsbrauerei,  eine  Versuchsbrennerei  mit  Hefe- 
zuchtanstalt,  eine  Versuchsstarkefabrik  und  eine  Versuchsessigfabrik  angeglie- 
dert sind,  wurde  bezogen.  Noch  im  selben  Jahre  wurden  die  neu  ins  Leben 
geruf enen  Versuchsanstalten  des  Vereins  der  Kornbrennereibesitzer  und  PreB- 
hefefabrikanten  Deutschlands  und  des  Verbandes  deutscher  Essigfabrikanten 
an  das  Institut  angegliedert.  1900  wurde  die  Institutsanlage  durch  ein  groBes 
Ausstellungsgebaude  erweitert.  1907 — 1909  wurden  die  letzten  Abteilungen  an 
die  Anstalt  angeschlossen,  namlich  die  Versuchsanstalt  des  Vereins  deutscher 
Kartoffeltrockner,  die  Abteilung  fiir  Trinkbranntwein-  und  Likorfabrikation 
sowie  die  ernahrungsphysiologische  Abteilung.  1908  erfolgte  ein  vollstandiger 
Umbau  der  Brauerei  unter  gleichzeitiger  Neuschaffung  eines  groBen  Versamm- 
lungs-  und  Wirtschaftsgebaudes. 

Hand  in  Hand  mit  den  Organisationen  und  Einrichtungen,  die  D.  im  Rahmen 
der  Technischen  Abteilung  der  Landwirtschaftlichen  Hochschule  schuf,  ging 
seine  schopferische  Mitarbeit  an  dem  ZusammenschluB  des  Brennereigewerbes, 
den  er  stets  vom  Standpunkt  der  Forderung  der  kartoffelbauenden  Landwirt- 


Delbriick 


357 


schaft  betrachtete.  Er  erkannte  Mitte  der  achtziger  Jahre,  daB  der  technische 
Atifschwung  des  Gewerbes  auch  zur  Ursache  seines  Niedergangs  wurde:  der 
Spiritusabsatz  nach  dem  Ausland  wurde  von  den  empfangenden  Landern  ge- 
sperrt,  Osterreich  und  RuBland  erschienen  mit  eigener  Ware  auf  dem  Welt- 
markt,  die  Zahl  der  deutschen  Brennereien  nahm  bestandig  zu,  ebenso  ihre 
Erzeugung,  die  Preise  fur  Spiritus  fielen  in  beangstigender  Weise,  die  Gefahr 
der  Einschrankung  des  Kartoffelbaues  drohte.  Bedeutende  Einnahmebediirf- 
nisse  des  Reiches  fiihrten  zur  Einbringung  der  Bismarckschen  Branntwein- 
monopolvorlage,  sie  fiel  und  an  ihre  Stelle  trat,  in  ihren  Grundgedanken  aus 
dem  AusschuB  des  Vereins  der  Spiritusfabrikanten  unter  Mitwirkung  D.s  ge- 
boren,  die  Branntweinsteuergesetzgebung  vom  Jahre  1887  mit  ihrem  spater  so 
vielgeschmahten  Kontingent,  das  dann  fiir  Jahrzehnte  dieGrundlage  der  Brannt- 
weinsteuergesetzgebung geblieben  ist.  Von  jetzt  ab  fiel  der  Geschaftsfuhrung 
des  Vereins  der  Spiritusfabrikanten  nicht  nur  die  technisch-wissenschaftliche 
Arbeit,  sondern  auch  die  wirtschaftliche  Vertretung  des  Gewerbes  zu.  In  zehn- 
jahrigem  Ringen  fuhrte  die  Arbeit  1899  zu  dem  groBen  Erfolge  der  Griindung 
des  Verwertungsverbandes  deutscher  Spiritusfabrikanten  und  der  Zentrale  fiir 
Spiritusverwertung  (spater  Spirituszentrale),  einer  Organisation,  in  der  dem  zu- 
sammengeschlossenen,  den  Spiritus  liefernden  Brennereigewerbe  die  geeinigte 
Gruppe  der  Spritfabrikanten  als  aufnehmende,  vertreibende  und  Kapital 
gebende  Stelle  gegeniibersteht. 

Nach  dem  ZusammenschluB  ruhte  die  Mitarbeit  D.s  an  der  Organisation  der 
Kartoffelverarbeitung  und  des  Kartoffelbaues  nicht,  die  Erneuerung  der  Ver- 
trage  des  Verwertungsverbandes  und  der  Spirituszentrale  im  Jahre  1908  sah 
ihn  wiederum  auf  dem  Plan.  Einige  Jahre  spater  erfuhr  der  Kartoffelbau  eine 
starke  Forderung  durch  die  von  D.  angeregte  und  im  Bunde  mit  den  Ftihrern 
desflandwirtschaftlichen  Kartoffelbrennereigewerbes  durchgefuhrte  Griindung 
von  zwei  Kartoffelbaugesellschaften.  Die  Starke-  und  Kartoffeltrocknungs- 
industrie  fand  1915  ihren  wirtschaftlichen  ZusammenschluB  in  der  Trocken- 
Kartoffel-Verwertungsgesellschaft.  Als  letzte  Organisationstat  D.s  folgte  im 
April  19 19,  also  kurz  vor  seinem  Heimgang,  die  Griindung  einer  Gerstenbau- 
gesellschaft  im  Bunde  mit  fiihrenden  Personlichkeiten  des  Brauereigewerbes 
und  der  Gerste  bauenden  L,andwirtschaft,  die  sich  die  Hebung  des  Gersten- 
baues  nach  Menge  und  Giite  zum  Ziel  gesetzt  hat,  um  in  erster  Linie  dem 
Brauereigewerbe,  aber  auch  den  anderen  Gerste  verarbeitenden  Industrien  den 
wirtschaftlichen  Neuaufbau  nach  dem  Kriege  durch  bessere  Belief erung  mit 
Rohstoffen  zu  ermoglichen. 

Neben  dieser  organisatorischen  Tatigkeit  ging  D.s  wissenschaftliche  Arbeit 
her.  Eigene  Experimentalarbeiten  hat  D.  freilich  nur  im  Anfang  seiner  Lauf- 
bahn  ausgefuhrt,  stets  behindert  durch  den  Verlust  der  Sehkraft  des  einen 
Auges,  den  er  sich  als  Knabe  infolge  eines  Unfalls  zugezogen  hatte.  Dennoch 
ist  die  wissenschaftliche  Tatigkeit  D.s  von  grundlegender  Bedeutung  fiir  die 
Technologie  der  Garungsgewerbe  geworden.  Die  von  ihm  bevorzugten  Gebiete 
hat  D.  mit  einer  groBen  Zahl  von  Mitarbeitern  ergnindet  und  gemaB  seiner 
organisatorischen  Eigenart  zu  technologischen  Anschauungssystemen  ausgebaut. 

Das  Studium  der  Hefe  vom  Standpunkte  der  Gararbeit,  die  sie  leistet,  und 
der  Bewegung,  die  sie  hervorbringt,  in  klarer  Bierwiirze  und  in  Brennereidick- 
maischen  unter  Benicksichtigung  des  Einflusses  der  Zellenvermehrung,  der 


358  i9i9 

Temperatur,  der  Liiftung,  baute  D.zu  einer  »Lehre  von  derMechanik  und  Dy- 
namik  der  Hefe«  aus.  Er  erkannte  als  erster  die  entscheidende  Bedeutung  der 
Bewegung,  welche  die  Hefe  selbst  durch  die  entwickelte  Kohlensaure  in  den 
Garflussigkeiten  schafft. 

Dem  Spiel  der  Enzyme  in  der  lebenden  Zelle  gait  seine  Forschung;  aus- 
gehend  von  der  Tatigkeit  der  Enzyme  bei  den  Lebensabwandlungen  der  Hefe- 
zelle  im  Zustande  der  Arbeit,  der  Ruhe  und  des  Absterbens,  ergriindete  D.  die 
Enzymarbeit,  die  Energie-  und  Stoffbilanz  beim  Vermalzen  der  Gerste,  bei 
ihrer  Lagerung  und  ubertrug  die  Ergebnisse  auf  die  Kartoffel,  deren  Verhalten 
und  Verluste  bei  der  Lagerung  er  besondere  Aufmerksamkeit  zuwandte.  Dieses 
Arbeitsgebiet,  in  dem  die  Ernahrung  der  Pflanzenzelle,  ihre  chemische  Zu- 
sammensetzung,  der  EinfluB  der  Art  und  Rasse,  bei  der  Hefe  auBerdem  die 
Wirkungen  der  gesamten  MaBnahmen  der  Garungsfuhrung  eine  Rolle  spielen, 
faBte  D.  unter  dem  Begriff  der  »Anderung  des  physiologischen  Zustandes  der 
Zelle «  zusammen,  gleichzeitig  die  Briicke  schlagend  zur  allgemeinen  Physio- 
logic der  Zelle  des  menschlichen  und  tierischen  Organismus. 

Die  Reinerhaltung  von  Hefe  und  Garung  von  dem  Augenblicke  an,  in  dem 
die  Hefe  den  Zustand  der  absoluten  Reinzucht  verlaBt,  gestaltete  D.  zu  einem 
»  System  der  natiirlichen  Hef ereinzucht «  aus.  Er  wies  nach,  daB  die  Kunst- 
griffe  der  Garungsfuhrung,  die  sich  in  den  Garungsgewerben  seit  Jahrhunderten 
vom  Vater  auf  den  Sohn  vererbt  haben,  unbewuBte  Vorschriften  fiir  die  natiir- 
liche  Reinzucht  enthalten.  Fiir  die  Hefebereitung  in  der  Brennerei  wurde  das 
System  zu  einer  besonderen  Kunsthefefuhrung  ausgebaut,  fiir  das  Brauerei- 
gewerbe  zu  einer  » natiirlichen  Hef  ereinzucht  nach  dem  Satz-  und  Triebver- 
fahren«,  indem  die  Wege  gezeigt  werden,  auf  denen  man  die  Fahigkeit  des 
Absitzens  oder  Auftreibens  der  Hefe  sich  zur  Scheidung  der  Heferassen  und 
zur  Gewinnung  von  Anstellhefe  besonderen  Charakters  dienen  lassen  kann. 
Alle  Zweige  dieses  Systems  betrachtet  D.  unter  dem  Gesichtspunkt  des  Kampfes 
der  Mikroorganismen  untereinander  und  der  Leitung  dieses  Kampfes  nach  be- 
stimmten  gewollten  Richtungen. 

Mit  der  Ernahrung  der  Hefe  in  Brennereimaischen  durch  Ammoniaksalze 
zum  Zwecke  der  Umwandlung  des  Ammoniaks  in  HefeeiweiB  zur  Erlangung 
eiweiBreicher  Schlempe  betrat  D.  das  Forschungsgebiet,  mit  dem  er  sich  zu- 
letzt  beschaftigt  hat.  Diese  Arbeit  brachte  das  sogenannte  »Mineralhefever- 
fahren«  hervor,  zu  dessen  praktischer  Ausnutzung  im  Kriege  zwecks  Herstel- 
lung  von  Futter-  und  Nahrhefe  D.  den  AnstoB  gegeben  hat,  aufbauend  auf  den 
schonen  Erfolgen,  die  mit  der  Verwertung  der  UberschuBhefe  der  Brauereien 
fiir  menschliche  Ernahrung  und  Tierfiitterung  unter  seiner  Fiihrung  bereits 
erzielt  worden  waren.  An  die  Massenziichtung  der  EiweiBhefe  schloB  sich,  von 
einer  anderen  Stelle  des  Instituts  ausgehend,  diejenige  der  Fetthefe,  ebenfalls 
im  Kriege  geboren  und  von  D.  aus  dem  Laboratorium  heraus  auf  die  Grund- 
lage  gehoben,  auf  der  die  Entwicklung  eines  praktisch  durchfuhrbaren  Ver- 
fahrens  moglich  erscheint. 

Mit  besonderer  Vorliebe  widmete  sich  D.  dem  Studium  der  Geschichte  der 
Garungsgewerbe,  dessen  Ergebnisse  er  vielfach  zum  Gegenstand  riickschauen- 
der  Vortrage  bei  festlichen  Anlassen  machte. 

Es  war  eine  Eigentiimlichkeit  D.s,  daB  er  sich  bei  der  Stellung  der  Arbeits- 
themata  vielfach  nicht  nur  von  wissenschaftlichen  Gesichtspunkten  und  den 


Delbriick 


359 


technischen  Bediirfnissen  der  Gewerbe,  sondern  auch  von  wirtschaftlichen 
Fragen  leiten  lieB.  Seine  wahre  Kraft  und  Bedeutung  auBerte  sich  daher 
nicht  in  rein  wissenschaftlicher,  sondern  vielmehr  in  volkswirtschaftlich- 
technologischer  Richtung. 

Im  Rahmen  der  dargelegten  Forschungsgebiete  ist  eine  groBe  Zahl  von  Ar- 
beiten  teils  von  D.  selbst,  teils  von  seinen  Mitarbeitern  veroffentlicht  worden, 
nicht  immer  in  Gestalt  eigentlicher  wissenschaftlicher  Publikationen,  sondern 
vielf  ach  nur  in  ihren  Ergebnissen  in  Vortragen  und  Berichten  aui  den  technisch- 
wissenschaftlichen  Tagungen  der  dem  Institut  ftir  Garungsgewerbe  ange- 
schlossenen  Verbande  mitgeteilt.  Fur  den  Verein  der  Spiritusfabrikanten  in 
Deutschland  beschrankten  sich  diese  Berichte  im  allgemeinen  auf  die  jahr- 
liche  Generalversammlung  im  Februar,  die  gelegentlich  durch  eine  technische 
Sitzung  erganzt  wurde.  Ganz  besonders  aber  hat  D.  diese  technischen  Tagungen 
fur  die  Versuchs-  und  Lehranstalt  ftir  Brauerei  ausgebildet.  Die  von  D.  ins 
I^eben  gerufene  und  in  jedem  Jahre  mit  gleicher  L,iebe  organisierte  Brauerei- 
maschinen-,  Gersten-  und  Hopfenausstellung  gab  der  Oktobertagung  auBerlich 
das  festliche  Geprage.  D.  selbst  erstattete  den  zusammenfassenden  Bericht 
iiber  die  Arbeiten  des  vergangenen  Jahres  mit  stets  gleichbleibender  feuriger 
Beredsamkeit  in  der  Generalversammlung  des  Vereins.  Durch  diese  groB- 
ziigige  Gestaltung  der  Oktobertagung  schuf  D.  ein  unzerreiBbares  Band  zwi- 
schen  der  Praxis  des  Brauereigewerbes  und  den  wissenschaftlichen  Mitgliedern 
der  Anstalt. 

Zu  D.s  bevorzugten  Arbeitsgebieten  gehorte  auch  das  Unterrichtswesen  am 
Institut  ftir  Garungsgewerbe.  Die  zu  Beginn  in  einfachem  Rahmen  abgehalte- 
nen  I,ehrkurse  wurden  fast  samtlich  nach  und  nach  zu  Studiengangen  aus- 
gebaut,  welche  die  Teilnehmer  bei  Vorhandensein  einer  bestimmten  Vorbil- 
dung  zu  ordenthchen  Horern  der  Landwirtschaftlichen  Hochschule  machten 
und  ihnen  innerhalb  von  sechs  Semestern  die  Erlangung  des  Diploms  als 
Brauerei-  oder  Brennerei-Ingenieur  ermoglichten. 

DaB  ein  Mann  von  so  umfassendem  Weitblick  und  sicherem  Urteil  sich  als 
Berater  allgemein  der  groBten  Wertschatzung  erfreute,  ist  selbst verstandlich. 
Zahlreichen  Korperschaften  gehorte  D.  an :  dem  Deutschen  Landwirtschaf  tsrat, 
dem  PreuBischen  L,andes-Okonomie-Kollegium,  dem  Verwaltungsrat  und  wissen- 
schaftlichen Beirat  der  PreuBischen  Forschungsgesellschaft  f iir  Landwirtschaft, 
dem  Vorstand  der  Kaiser- Wilhelm-Gesellschaft  zur  Forderung  der  Wissenschaf- 
ten.  DenTitel  Professor  erhielt  D.  im  Jahre  1882,  eine  ordentliche  Professur  ftir 
Technologie  der  Garungsgewerbe  an  der  Land  wirtschaftlichen  Hochschule  1898 
in  seiner  Eigenschaft  als  Vorsteher  des  Instituts  ftir  Garungsgewerbe.  Fur  die 
Zeit  vom  1.  April  1898  bis  1. April  1900  wurde  D.  zum  Rektor  der  Iyandwirtschaft- 
lichen  Hochschule  erwahlt.  DaB  D.  neben  seiner  vielseitigen  Tatigkeit  noch 
nebenbei  zwanzig  Jahre  lang  die  Stellung  eines  Mitgliedes  des  Patentamtes 
bekleiden  konnte,  zeugt  von  seiner  gewaltigen  Arbeitskraft. 

Von  Jugend  an  erfullt  von  hohen  Idealen  kannte  er  keine  andere  Betatigung 
seiner  ungewohnlichen  Geistesgaben,  als  die  vollige  Hingabe  an  das  von  ihm 
als  groB,  gut  und  schon  Erkannte.  Um  diesen  Kern  seines  Wesens,  der  sich 
mit  unversiegbarem  Gedankenreichtum  und  hochster  schopferischer  Gestal- 
tungskraft  gliicklich  verband,  gruppieren  sich  alle  ihm  eigenen  Ziige:  eiserne 
Pflichterfiillung,  schnellste  EntschluBfahigkeit,  nicht  zu  beirrende  Tatkraft 


360  1919 

und  Zahigkeit  in  der  Verfolgung  seiner  Ziele,  weitblickendes  Vorausschauen, 
ein  haarscharfer,  jedem  unklaren  Ausweichen  abgeneigter  Verstand,  und  das 
alles  mit  einem  unbeschreiblich  warmen  und  mitfuhlenden  Herzen  zu  seltenem 
Zusammenklang  verbunden. 

Max  D.  war  der  geborene  Erzieher.  Der  unermudlich  Tatige  verlangte  viel 
von  seinen  Mitarbeitern,  und  je  naher  man  ihm  durch  gemeinschaftliche  Arbeit 
riickte,  desto  hoher  wurden  seine  Anforderungen  und  desto  schwerer  die  Auf- 
gaben,  die  er  austeilte.  Selir  groB  war  D.s  Einflui3  auf  die  unter  seiner  Leitung 
studierende  Jugend,  zu  deren  Belehrung  und  Erziehung  er  aus  dem  reichen 
Schatz  seines  Wissens  schopfte.  Seine  Ausfiihrungen,  stets  von  hoher  Warte 
aus  frei  entwickelt,  wurden  mit  hinreiflender  Gestaltungskraft  und  schopferi- 
scher  Phantasie  vorgetragen,  mit  erfrischendem  Humor  gewiirzt. 

Das  Bild  D.s  wiirde  nicht  vollstandig  sein,  wenn  man  den  schonsten  und 
edelsten  Inhalt  seines  Lebens  still  beiseitelegen  wollte.  Ein  vollkommenes 
Ineinanderaufgehen,  eine  Gemeinschaft  der  Seelen,  die  keiner  Zeichen  und 
Worte  bedarf,  war  D.  an  der  Seite  der  Gattin  beschert,  in  deren  Wesen  sich 
Giite  und  Treue  zu  dem  reinsten  Bilde  deutscher  Frauenart  vereinigen.  Fiinf 
starke  Sonne  nannten  D.  und  seine  Gattin  ihr  eigen;  einer  starb  in  jungen 
Jahren,  zwei  weitere  blieben  auf  dem  Felde  der  Ehre  im  Kampfe  urn  Deutsch- 
lands  Recht  und  Freiheit.  Nie  hatte  D.s  weiches  Herz  diese  Schicksalsschlage, 
die  ihm  den  Keim  des  Todes  einpflanzten,  noch  so  lange  ertragen,  wenn  ihm 
nicht  die  Lebensgefahrtin,  obwohl  selbst  bis  ins  Innerste  getroffen,  in  selbst- 
loser  Treue  den  Schaffensmut  erhalten  hatte.  Als  der  Tod  D.  abrief,  stand  er 
im  fast  vollendeten  69.  Lebensjahre. 

Literatur:  Maercker-Delbriick,  Handbuch  der  Spiritusfabrikation,  8.  und  9.  Aufl., 
zusammen  mit  einer  ganzen  Reihe  seiner  wissenschaftlichen  Mitarbeiter.  —  In  Gemein- 
schaft mit  Foth,  Anleitung  zum  Brennereibetrieb.  —  Zusammen  mit  Schrohe,  Hefe, 
Garung  und  Faulnis.  —  Mit  Schdnfeld,  System  der  natiirlichen  Hefereinzucht.  —  In 
Gemeinschaft  mit  Struwe,  Beitrage  zur  Geschichte  des  Bieres  und  der  Brauerei.  —  Mit 
F.  Hayduck,  Die  Garungsfiihrung  in  Brauerei,  Brennerei  und  PreBhefefabrik.  —  In  Ge- 
meinschaft mit  dem  gesamten  I^ehrkorper  des  Instituts  fur  Garungsgewerbe,  Das  Illu- 
strierte  Brauerei-Lexikon  und  das  Hlustrierte  Brennerei-Lexikon.  —  Die  vorliegende 
Biographie  ist  ein  stark  gekiirzter  Auszug  aus  F.  Hayduck,  Max  Delbriick  zum  Gedacht- 
nis  (Privatdruck,  Berlin   1919). 

Berlin.  Friedrich  Hayduck. 

Deussen,  Paul  Jakob,  o.  Professor  der  Philosophic  in  Kiel,  *  am  7.  Ja- 
nuar  1845  zu  Oberdreis  im  Westerwald,  f  am  6.  Juli  1919  zu  Kiel.  —  Paul  D. 
wurde  als  dritter  Sohn  des  Pfarrers  Adam  D.  in  dem  Dorfchen  Oberdreis 
geboren,  wo  sein  Vater  seit  1842  das  Pfarramt  verwaltete.  Dieser  stammte 
aus  einer  begiiterten  Bauernfamilie  und  war  weniger  durch  Neigung  als  durch 
Umstande  zur  Theologie  gekommen.  Die  Mutter,  Jakobine  Ingelbach,  die 
alteste  Tochter  eines  Pfarrers,  brachte  aus  dem  Hause  ihres  Onkels  Briining, 
Oberburgermeisters  in  Elberfeld,  wo  sie  vom  17.  bis  23.  Jahre  weilte,  eine 
Neigung  zum  Pietismus  mit,  die  sie  die  freiere  Richtung  ihrer  Kinder  schmerz- 
lich  empfinden  liefi.  Nachdem  sich  die  Ausbildung  der  alteren  Knaben  durch 
oft  wechselnde  Hauslehrer  auf  die  Dauer  als  unhaltbar  erwiesen  hatte,  bezog 
D.  im  Jahre  1857  das  Gymnasium  zu  Elberfeld,  aber  schon  im  Herbst  1859 
fiel  ihm  eine  lange  beantragte  konigliche  Freistelle  in  Schulpforta  zu. 


Delbriick.  Deussen  361 

In  den  Jahren,  die  D.  in  dieser  ehrwurdigen  Anstalt  verbracht  hat  (1859 
bis  1864)  ist  in  ihm  der  Grund  zu  jener  soliden  Kenntnis  der  griechischen  und 
romischen  Klassiker  gelegt  worden,  die  ihn  durch  sein  ganzes  Leben  begleitet 
hat,  so  daB  er  zum  Schulfest  1864  die  Erstiinnung  der  Diippeler  Schanzen  in 
ein  paar  hundert  lateinischen  Distichen  besingen  konnte.  Von  seinen  damaligen 
Lehrern  hat  er  in  hohem  Alter  noch  immer  mit  Begeisterung  gesprochen  und 
oft  versichert,  daB  sie  viel  tiefer  auf  ihn  gewirkt  hatten  als  es  je  seine  Univer- 
sitatslehrer  vermochten.  In  Pforta  bildeten  sich  auch  die  freundschaftlichen 
Beziehungen  mit  Friedrich  Nietzsche,  der  von  Anfang  bis  zu  Ende  sein  Klassen- 
gefahrte  war. 

Nach  glanzend  bestandenem  Abiturientenexamen  bezog  er  zusammen  mit 
Nietzsche  die  Universitat  Bonn,  wo  er  drei  Semester  blieb,  immer  in  naher 
Fuhlung  mit  dem  genialen  Freunde.  Diese  Anfangssemester  verliefen  in  ziem- 
licher  Planlosigkeit.  Die  theologischen  Vorlesungen  waren  ihm  langweilig, 
zumal  er  durch  die  Lekture  des  gerade  erschienenen  »I,eben  Jesu«  von  D.  F. 
StrauB  einen  von  der  Bonner  Theologie  vollig  abweichenden  Aspekt  gewann. 
Auch  die  philologischen  Kollegs  konnten  ihn  nicht  befriedigen:  »Ich  hoffte, 
an  der  Hand  dieser  Manner  (Ritschl  und  Hahn)  in  den  groBen  freien  Geist 
des  klassischen  Altertums  tiefer  eingefiihrt  zu  werden,  und  empfing  statt 
dessen  bei  Ritschl  Konjekturen  und  Varianten,  bei  Hahn  Buchertitel  und 
Zitate  ohne  Zahl.  Diese  Eindriicke  haben  wesentlich  dazu  mitgewirkt,  mein 
Herz  nicht  dem  klassischen  Altertum,  wohl  aber  der  klassischen  Philologie 
zu  entfremden.«  Auch  die  Philosophic  zog  ihn  nicht  an,  dagegen  widmete  er 
sich  mit  Eifer  den  Anfangsstudien  des  Sanskrit  bei  dem  alten  Lassen,  der 
ihm  auch  auf  alle  Fragen  liber  die  indische  Welt  mit  unerschopflicher  Geduld 
Ant  wort  gab.  Daneben  trieb  er  tuchtig  Hebraisch,  um  das  Alte  Testament, 
frei  von  alien  modernen  theologischen  Beziehungen,  im  Urtext  zu  lesen. 
Hierin  konnen  wir  eine  Tendenz  erkennen,  die  sich  in  seiner  ganzen  Lebens- 
arbeit  zeigt:  selbstandiges  Studium  der  Quellen  ohne  viel  Riicksicht  darauf, 
was  der  Wissenschaftsbetrieb  an  Kleinarbeit  dazu  geliefert  hat. 

Nach  einem  Semester  in  Tubingen,  das  ihn  der  Theologie  ganz  entfremdete, 
kehrte  er  nach  Bonn  zuriick,  um  sich  trotz  des  Widerspruchs  seines  Vaters 
nun  nur  noch  in  der  philosophischen  Fakultat  einschreiben  zu  lassen.  Er  trieb 
hier  wieder  Sanskrit  bei  Gildemeister,  auch  etwas  klassische  Philologie  und 
alte  Geschichte,  sowie  Philosophic,  ohne  irgendwo  festeren  FuJ3  zu  fassen, 
obwohl  ihm  die  Anfertigung  einer  Seminararbeit  iiber  das  Leben  des  Konigs 
Euagoras  von  Cypern  Freude  machte. 

Erst  in  Berlin,  wohin  er  im  Fruhjahr  1867  ging,  gelang  ihm  eine  wirkliche 
Konzent ration.  Neben  den  bei  Weber  betriebenen  Sanskritstudien  ward  ihm 
durch  Werder,  der  die  Hauptlehren  Kants,  Schopenhauers  und  Hegels  vor- 
trug,  endlich  der  Zugang  zur  Philosophic  eroffnet.  Die  klassische  Philologie 
fesselte  ihn  von  seiten  der  Professoren  auch  jetzt  nicht,  aber  er  gelangte  selbst 
zu  Plato,  den  er  nach  seiner  Aussage  im  Februar  1867  vollstandig  durchgelesen 
hatte.  Und  so  entschloB  er  sich  nach  einigen  Umwegen  zu  einer  Dissertation 
iiber  den  Sophista,  die  er  in  seinem  Heimatsdorf  ausarbeitete  und  in  Marburg 
einreichte.  Hier  bestand  er  am  29.  Januar  1869  das  miindliche  Doktorexamen 
in  klassischer  Philologie,  Philosophic,  Franzosisch  und  alter  Geschichte  mit 
Glanz.  Zeichen  seiner  besonderen  Sprachbegabung  ist  es,  daB  er  dabei  die  ge- 


362  1919 

forderten  Interpretationen  nicht  nur  wie  vorgeschrieben  in  lateinischer,  son- 
dern  auch  in  griechischer  Sprache  flieBend  vortrug,  den  franzosischen  Text 
franzosisch  interpretierte  und  sogar  das  ihm  noch  nicht  sehr  gelaufige  Eng- 
lisch  zu  sprechen  wagte.  Gleich  darauf  ging  er  als  Probekandidat  an  das 
Gymnasium  in  Minden  und  legte  in  den  Sommerferien  1869  das  Staatsexamen 
in  Marburg  ab,  wobei  er  die  Fakultas  in  Griechisch,  Lateinisch,  Deutsch  und 
Hebraisch  fiir  alle  Klassen,  in  Religion  fur  die  mittleren  erhielt.  Zur  Erholung 
machte  er  mit  21  Talern  ersparten  Gehalts  eine  zwolftagige  Harzreise,  was 
hier  nur  erwahnt  sei,  um  auf  die  durch  sein  ganzes  Leben  betatigte  Reiselust 
und  seine  Fahigkeit,  sie  mit  kleinsten  Geldmitteln  zu  befriedigen,  hinzuweisen. 
In  die  Mindener  Zeit  fallt  sein  endgultiger  AnschluB  an  Schopenhauer,  den 
er  schon  wahrend  der  Arbeit  an  seiner  Dissertation  naher  kennengelernt  hatte, 
ohne  ihm  doch  ganz  folgen  zu  mogen.  Jetzt  wurde  er  ihm  »zum  philosophus 
christianissimus,  und  das  Studium  Schopenhauers,  verbunden  mit  der  Lektiire 
des  Neuen  Testaments,  gestaltete  sich  in  mir  zu  einem  harmonischen  Ganzen, 
welches  die  strengsten  Anforderungen  der  Wissenschaft  mit  den  ebenso  un- 
abweisbaren  Bediirfnissen  des  religiosen  Gemiites  in  voll  befriedigender  Weise 
vereinigte«.  Da  ihm  Minden  bald  zu  eng  erschien,  sah  er  sich  nach  einem 
anderen  Wirkungskreis  um.  Bei  der  Wahl  zwischen  einer  Gymnasiallehrer- 
stelle  in  Duisburg  mit  600  Talern  und  einer  Hilfslehrerstelle  am  Marburger 
Gymnasium  mit  400  Talern  entschloB  er  sich  zur  zweiten,  um  der  Universitat 
naher  zu  kommen.  Wahrend  des  kurzen  Marburger  Aufenthalts  (Fruhjahr  1871 
bis  Herbst  1872)  bereitete  er  sich  auf  Wunsch  seiner  El  tern  neben  der  Erfullung 
seiner  Lehrerpflichten  auf  das  theologische  Examen  pro  licentia  concionandi 
vor,  da  die  Eltern  die  Kosten  des  einjahrig-freiwilligen  Jahres  fiirchteten,  die 
Mutter  auch  noch  immer  hoffte,  den  Sohn  als  Theologen  auf  der  Kanzel  zu 
sehen.  Dauernde  Nachtarbeit  brachte  ihm  das  Pradikat  bene  stetit  ein,  aber 
die  Erlosung  aus  diesem  ihm  noch  in  spateren  Jahren  als  Gefangnis  erschei- 
nenden  Lehrerdasein  kam  ihm  nicht  hierdurch,  sondern  durdi  eine  von 
Nietzsche  (damals  Professor  in  Basel)  vermittelte  Hauslehrerstelle  in  einer 
vornehmen  russischen  Familie,  die  in  Genf  lebte.  Die  nicht  schwere  Arbeit, 
den  jungen  Kantschin  auf  das  college  vorzubereiten,  wurde  mit  hohem  Gehalt 
bezahlt,  und  das  Leben  in  der  eleganten  Familie  machte  D.  zum  erstenmal 
mit  der  Atmosphare  reicher  Lebensfiihrung  bekannt.  So  konnte  er  die  Folgen 
seiner  bisherigen  Uberanstrengung  bald  iiberwinden  und  an  die  Verwirklichung 
seines  innigsten  Wunsches  denken,  namlich  an  die  Habilitation  an  der  Genfer 
Universitat.  Die  Einreichung  der  Doktordissertation  geniigte,  und  im  Winter- 
semester  1873  begann  D.  seine  Vorlesungen  in  franzosischer  Sprache:  Philo- 
sophic (4  Stunden)  und  Sanskrit  (2  Stunden),  welch  letzteres  Fach  bis  dahin 
in  Genf  noch  nicht  gelesen  worden  war.  Hier  kam  ihm  nun  der  Gedanke,  die 
beiden  Facher,  die  er  am  meisten  liebte,  zu  verbinden  und  sich  die  Erforschung 
der  indischen  Philosophic  zur  Lebensaufgabe  zu  machen.  Mit  der  Energie, 
die  ihn  immer  ausgezeichnet  hat,  widmete  er  sich  von  jetzt  ab  dem  Studium 
der  Sanskritliteratur,  wozu  er  von  Gildemeister  brieflichen  Rat  einholte.  Aber 
schon  trat  eine  neue  Veranderung  ein.  Der  junge  Kantschin  sollte  nun  die 
Technische  Hochschule  in  Aachen  besuchen,  und  so  sehen  wir  D.  im  Herbst  1875 
vor  300  Zuhorern  als  Privatdozent  der  Hochschule  zwei  Abende  in  der  Woche 
liber  Philosophic  vortragen.  Aus  den  gedruckten  Zusammenfassungen,  die  er 


Deussen  363 

seinen  Zuhorern  nach  jedem  freien  Vortrag  in  die  Hand  gab,  entstanden  die 
»Elemente  der  Metaphysik«,  worin  D.  sein  auf  Schopenhauer  gegriindetes 
philosophisches  System  in  allgemeinverstandlicher  Weise  zur  Darstellung  ge- 
bracht  hat.  Die  so  gewonnene  Bekanntheit  wurde  noch  durch  heftige  Angriffe 
gegen  die  religiose  Gefahrlichkeit  des  Vorgetragenen  in  dem  ultramontanen 
*Echo  der  Gegenwart«  gesteigert.  Nachdem  die  Sache  sogar  im  PreuBischen 
Abgeordnetenhause  zur  Sprache  gekommen  war,  wurde  D.  vom  Handels- 
minister,  dem  die  Aachener  Hochschule  unterstand,  aufgefordert,  nicht  mehr 
iiber  Schopenhauer  zu  lesen,  sondern  sich  auf  die  Geschichte  der  Philosophic 
bis  Kant  zu  beschranken  und  auch  nichts  iiber  indische  Philosophic  zu  sagen. 
Die  daraufhin  angekiindigte  Vorlesung  iiber  die  Vorsokratiker  erfreute  sich 
natiirlich  groBten  Zulaufs,  wurde  aber  dadurch  an  der  Vollendung  verhindert, 
daB  D.  durch  Kantschins  Vermittlung,  der  mit  seinem  Sohn  neue  Plane  hatte, 
in  den  Dienst  des  Fursten  Zscherbatof f  trat,  um  die  Erziehung  der  drei  altesten 
Sohne  zu  iibernehmen.  Sein  Urlaubsgesuch  wurde  vom  Ministerium  abschlagig 
beschieden  und  seine  Dozentur  an  der  Hochschule  geloscht.  Man  war  froh, 
den  Qualgeist  loszuwerden,  erzahlt  D.  befriedigt.  Das  Jahr  auf  dem  Schlosse 
des  Fursten  in  SiidruBland  gewahrte  D.  eine  wert voile  Horizonterweiterung 
durch  den  Einblick  in  russische  Verhaltnisse,  lehrte  ihn  den  Gebrauch  der 
russischen  Sprache  und  vermehrte  seine  Ersparnisse,  so  daB  er  am  Schlusse 
imstande  war,  sich  in  Berlin  wieder  energisch  dem  Sanskrit  zu  widmen. 
Wahrend  er  sich  nun  mit  den  alteren  Upanisaden  und  mit  Samkaras  groBem 
Kommentar  zu  den  Brahma- Sutras  beschaftigte  und  daneben  bei  Albrecht 
Weber  Interpretation  des  Atharvaveda  und  des  Rgveda  horte,  hatten  ihn 
seine  russischen  Freunde  nicht  vergessen  und  im  russischen  Kultusministerium 
fur  seine  Anstellung  als  ordentlicher  Professor  an  einer  russischen  Universitat 
gearbeitet.  Aber  diese  Zukunftsplane  wurden  durch  das  Attentat  zerstort, 
dem  Zar  Alexander  II.  am  13.  Marz  1881  zum  Opfer  fiel.  Nach  dem  im  Zu- 
sammenhang  damit  erfolgten  Riicktritt  des  Ministeriums  erhielt  D.  seine 
Zeugnisse  mit  dem  Ausdruck  des  Bedauerns  aus  RuBland  zuriick  und  be- 
schloB  nun,  sofort  seine  Habilitation  zu  versuchen,  ohne  von  Weber  oder 
Zeller  dazu  ermutigt  zu  sein.  Er  reichte  Zeugnisse,  Doktordissertation,  die 
gedruckten  »Elemente  der  Metaphysik«  und  das  handschriftliche  System  des 
Vedanta  beim  Dekan  der  Berliner  philosophischen  Fakultat  ein,  wurde  zur 
Probevorlesung  iiber  die  Stellung  des  Cartesius  in  der  Geschichte  der  Philo- 
sophic zugelassen,  konnte  leicht  Zellers  und  Webers  Fragen  im  Kolloquium 
beantworten  und  erhielt  am  28.  Juli  1881  die  Venia  legendi  fur  » Philosophic 
und  deren  Geschichte «.  Neben  eifrigem  Betreiben  der  Vorlesungen  (».  .  .  mit- 
zuteilen,  was  mir  Kopf  und  Herz  so  tief  bewegte«)  vollendete  er  das  » System 
des  Vedanta  a,  das  Ostern  1883  im  Verlage  von  F.  A.  Brockhaus  erschien  und 
mit  Recht  das  warme  Lob  Webers  erntete.  Der  genaue  Titel  des  Buches  lautet 
in  seiner  etwas  altertumlich-umstandlichen  Form:  »Das  System  des  Vedanta 
nach  den  Brahma-Sutras  des  Badarayana  und  dem  Kommentar  des  £ankara 
iiber  dieselben  als  ein  Kompendium  der  Dogmatik  des  Brahmanismus  vom 
Standpunkt  des  £ankara  dargestellt. «  Aus  diesem  Titel  ergibt  sich  schon, 
daB  der  groBe  Kommentar  des  Samkara  (so  schreibt  man  heute  statt  ^ankara) 
die  Basis  der  Darstellung  ist,  und  so  wird  der  Plan  D.s  verstandlich,  die  voll- 
standige  deutsche  Ubersetzung  dieses  umfangreichen  und  schwierigen  Werkes 


364  *9'9 

der  indischen  Hochscholastik,  das  noch  in  keine  europaische  Sprache  iibersetzt 
war,  herauszubringen.  Diese  Ubersetzung  erschien  1887  unter  dem  Titel: 
»Die  Sutras  des  Vedanta  oder  die  £ariraka-Mimansa  des  Badarayana  nebst 
dem  vollstandigen  Kommentare  des  £ankara«,  und  muB  als  eine  Leistung 
ersten  Ranges  bezeichnet  werden,  die  er  ohne  Unterstiitzung  durch  indische 
Pandits,  die  in  der  Tradition  des  Kevaladvaita  (das  ist  die  Spezialrichtung 
des  Samkara  innerhalb  des  Gesamt-V edanta)  aufgezogen  sind,  allein  gestutzt 
auf  seinen  philosophischen  Instinkt  und  seine  ungewohnliche  Sprachbegabung 
zu  einer  Zeit  hervorgebracht  hat,  da  niemand  anders  in  Europa  dazu  imstande 
gewesen  ware.  In  der  Vorrede  wird  auch  schon  ein  Plan  entwickelt,  wie  die 
indische  Philosophic  in  Ubersetzungen  der  wichtigsten  Werke  den  philosophisch 
und  theologisch  Interessierten  vorzulegen  sein  wiirde.  Bemerkenswert  an  die- 
sem  Plane  ist  die  Zuruckstellung  der  buddhistischen  Philosophic,  wahrend  D. 
es  doch  vorher  nicht  als  ausgeschlossen  bezeichnet  hat,  »daB  nebenbei  £ankara 
in  ahnlicher  Weise  unter  dem  Einflusse  des  von  ihm  bekampften  und  per- 
horreszierten  Buddhismus  stehen  mag,  wie  der  Katholizismus  unserer  Tage 
unter  dem  der  lutherischen  Reformation «. 

Wahrend  D.  diese  beiden  groBen  Arbeiten  vollendete  und  sich  eifrig  den 
philosophischen  Vorlesungen  widmete,  hatte  er  sich  im  August  1886  mit 
Marie  Volkmar  verheiratet.  Den  AbschluB  der  Samkara- Ubersetzung  belohnte 
das  Ministerium  durch  Verleihung  des  Professortitels  im  August  1887,  aber 
eine  ordentliche  Professur  ergab  sich  erst  1889.  Die  Freude  dariiber  wurde 
geschmalert  durch  den  notwendigen  Abschied  von  Berlin.  »K6nnte  ich  frei 
wahlen,  so  wuBte  ich  keinen  Ort  innerhalb  oder  auBerhalb  Deutschlands  zu 
nennen,  dem  ich  vor  Berlin  den  Vorzug  geben  konnte«,  ruft  er  in  seinen  Er- 
innerungen  aus,  und  das  L,eben  in  Kiel,  das  jetzt  fur  ihn  beginnt  und  nach 
30  Jahren  mit  seinem  Tode  abschlieBt,  vergleicht  er  mit  einer  Wanderung 
durch  eine  fruchtbare,  etwas  einformige  Ebene,  unterbrochen  durch  Aufstiege 
zu  Berghohen  mit  weiter,  erquickender  Fernsicht,  d.  h.  durch  die  alljahrlich 
einmal,  gewohnlich  sogar  zweimal  unternommenen  Reisen,  die  ihn  und  seine 
Frau  durch  ganz  Europa,  Agypten,  Palastina  und  als  Hochstes  nach  Indien 
gefiihrt  haben,  wo  er  einen  Winter  herumreiste  und  mannigfachste  Eindriicke 
empfing,  die  in  seinem  Buche  »Erinnerungen  an  Indien «  (1904)  niedergelegt 
sind.  Auf  diesen  Reisen,  bei  denen  ihm  sein  Sprachtalent  viele  Turen  offnete, 
erwarb  er  sich  auch  den  internationalen  Freundeskreis,  auf  den  er  grofles 
Gewicht  legte.  RegelmaBig  besuchte  er  die  internationalen  Kongresse,  vor 
allem  die  fiir  Orientalistik,  spater  auch  manche  andere,  so  fur  Geschichte, 
Philosophic  und  Religion. 

Neben  der  Vorlesungstatigkeit,  die  sich  auf  Geschichte  der  Philosophic, 
auf  Schopenhauers  System,  das  das  seinige  war,  sowie  auf  die  Interpretation 
griechischer  und  indischer  philosophischer  Texte,  auf  Goethes  Faust  und 
manches  andere  bezog,  ist  die  Hauptfrucht  der  Kieler  Zeit  seine  »Allgemeine 
Geschichte  der  Philosophic  mit  besonderer  Beriicksichtigung  der  Religionen «, 
das  erste  Werk,  in  dem  die  Entwicklung  der  indischen  Philosophic  in  voller 
Parallelitat,  was  den  Umfang  der  Darstellung  betrifft,  der  westasiatisch- 
europaischen  gegeniibergestellt  wird.  D.s  Absicht  war,  wie  er  im  Vorwort 
zum  SchluBbande  sagt,  »alles  in  den  Kreis  der  Betrachtung  zu  ziehen,  was, 
von  Indien  und  China  anfangend,  in  Babylonien  und  Persien,  in  Agypten  und 


Deussen  ^65 

Palastina,  in  Griechenland  und  Rom,  im  Mittelalter  und  in  der  neueren  Zeit 
zum  Aufbau  des  geistigen  Lebens  der  Gegenwart  in  philosophischer  und  reli- 
gioser  Hinsicht  von  dauerndem  Werte  geworden  ist«.  Die  Titel  der  dieser 
Absicht  dienenden  sechs  Bande  lauten:  1.  Allgemeine  Einleitung  und 
Philosophic  des  Veda  bis  auf  die  Upanishads  (361  S.);  2.  Die  Philosophic 
der  Upanishads  (401 S.);  3.  Die  nachvedische  Philosophic  der  Inder  (670 S.), 
mit  einem  Anhang  liber  die  Philosophic  der  Chinesen  und  Japaner  (115  S.); 
4.  Die  Philosophic  der  Griechen  (530  S.) ;  5.  Die  Philosophic  der  Bibel  und  des 
Mittelalters  (517  S.);  6.  Die  neuere  Philosophic  von  Descartes  bis  Schopen- 
hauer (602  S.)- 

Zu  diesem  groBen  Werke,  dessen  wissenschaftliche  Bedeutung  wesentlich 
in  den  ersten  drei  Banden  liegt,  kommen  noch  zwei  Arbeiten  hinzu,  welche 
tJbersetzungen  indischer  philosophischer  Werke  bieten  und  dem  zweiten  und 
dritten  Bande  des  ebengenannten  Gesamtwerkes  in  ahnlicher  Weise  erganzend 
zurSeite  stehen  wie  die  Samkara-tTbersetzung  dem  System  des  Vedanta,  nam- 
lich:  1.  »Sechzig  Upanishads  des  Veda,  aus  dem  Sanskrit  iibersetzt  und  mit 
Einleitungen  und  Anmerkungen  versehen«  (920  S.),  wohl  diejenige  Arbeit, 
die  von  allem,  was  D.  geleistet  hat,  den  groBten  EinfluB  auf  auBerwissenschaft- 
liche  Kreise  gehabt  hat.  Den  Manen  Arthur  Schopenhauers  gewidmet,  darf 
sie  wirklich  als  die  Ausfuhrung  dessen  angesehen  werden,  was  Schopenhauer 
von  der  Zukunft  erhoffte,  als  er  die  groBen  Gedanken  der  Upanisaden  mit 
genialem  Blick  aus  der  sonderbaren  Dbersetzung  des  Anquetil  Duperron  er- 
kannte,  trotzdem  dieser  den  aus  dem  Sanskrit  ubersetzten  persischen  Text 
in  ein  Latein  mit  Nachahmung  der  persischen  Konstruktion  tibertragen  hatte. 
2.  »Vier  philosophische  Texte  des  Mahabharatam :  Sanatsujata-Parvan- 
Bhagavadgita-Mokshadharma-Anugita.  In  Gemeinschaft  mit  Dr.  Otto  StrauB 
aus  dem  Sanskrit  iibersetzt«  (1010S.).  Die  Unterstiitzung  des  in  dem  Titel 
genannten  jungen  Gelehrten  war  notwendig  geworden,  da  D.  durch  eine  seit 
1899  sich  entwickelnde  Netzhautablosung  das  eigene  Lesen  und  Schreiben 
auf  ein  Minimum  reduzieren  und  alle  seitdem  erschienenen  Werke  mit  Hilfe 
fremder  Augen  ausfiihren  muBte.  Die  zahe  Energie,  die  der  Leser  dieser  Skizze 
an  dem  Durchringen  D.s  bis  zur  Habilitation  in  Berlin  an  D.  bemerkt  hat, 
zeigt  sich  am  intensivsten  in  der  unermudlichen  Produktion,  die  trotz  der  fast 
volligen  Unbrauchbarkeit  der  Augen  die  letzten  20  Jahre  seines  Lebens  aus- 
gefiillt  hat.  Sein  glanzendes  Gedachtnis  und  die  friih  angenommene  Gewohn- 
heit  des  freien  Vortrags  erlaubten  ihm,  auch  seine  Vorlesungen  wahrend  der 
ganzen  Zeit  bis  wenige  Tage  vor  seinem  Tode  fortzusetzen. 

Nach  diesem  kurzen  tJberblick  iiber  D.s  Leben  und  Hauptwerke,  wobei 
verschiedene  kleinere  Gelegenheitsschriften  unerwahnt  bleiben  muBten,  sind 
noch  zwei  Punkte,  Nietzsche  und  Schopenhauer  betreffend,  zu  beruhren.  Am 
25.  August  1900  war  Nietzsche  gestorben,  und  die  » Wiener  Rundschau «  bat  D., 
iiber  ihn  etwas  zu  schreiben.  Von  den  Erinnerungen,  die  D.,  in  der  Augenklinik 
liegend,  seiner  Frau  aus  dem  Gedachtnis  diktierte,  strich  die  Redaktion  allcs 
bis  auf  den  Bericht  iiber  die  Erkrankung,  und  veroffentlichte  diesen  zur  Ent- 
riistung  D.s  unter  der  sensationellen  Uberschrift:  »Die  Wahrheit  iiber  Fr.  N. « 
Zu  seiner  Rechtfertigung  publizierte  D.  nun  bei  Brockhaus  sein  urspriingliches 
Manuskript,  vermehrt  urn  eine  Reihe  von  Brief  en  Nietzsches  und  eine  kurze 
Zusammenfassung  seiner  Lehre  unter  dem  Titel  » Erinnerungen  an  Friedrich 


366  1919 

Nietzsche*  (1901).  Die  wechselvollen  Schicksale  seiner  Beziehungen  zu  dem 
Schulfreund  hat  er  darin  mit  groBer  Ehrlichkeit  dargelegt. 

Im  Herbst  1910  wurde  von  dem  Verlage  Piper  &  Co.  in  Munchen  eine  neuer 
absolut  korrekte  Schopenhauer- Ausgabe  ins  Auge  gefaBt,  deren  Leitung  D. 
ubernahm,  nachdem  er  sich  vergewissert  hatte,  daB  sein  langjahriger  Haupt- 
verleger  Brockhaus  dem  Konkurrenzunternehmen  freundlich  gegeniiberstand. 
Eine  Reihe  j  lingerer  Krafte  wurde  herangezogen,  die  Berliner  Filiale  unter 
die  Leitung  Dr.  Franz  Mockrauers  gestellt,  so  daB  »Die  Welt  als  Wille  und 
Vorstellung«  mit  textkritischen  Anhangen  und  Zitateniibersetzung  in  vor- 
trefflicher  Ausstattung  bald  erscheinen  konnte.  Eine  stattliche  Reihe  von 
Banden  ist  bis  heute  (1927)  gefolgt. 

Ein  Unternehmen  aus  D.s  eigensfcer  Initiative  kam  im  Friihjahr  19 n  auf 
dem  philosophischen  KongreB  zu  Bologna  durch  ein  Gesprach  mit  dem  be- 
kannten  Rechtslehrer  Josef  Kohler  in  FluB :  die  Griindung  der  Schopenhauer- 
Gesellschaft,  die  bald  machtig  aufbliihte  und  D.  viel  Freunde  erwarb,  aber 
auch  sehr  viel  Arbeit  machte.  Die  Gesellschaft,  die  sich  nicht  auf  die  strenge 
Wissenschaft  beschrankt,  hat  ihren  geistigen  Vater  zu  iiberleben  vermocht. 
Nach  Uberwindung  mancher  Schwierigkeiten  bliiht  sie  noch  heute ;  durch  ihre 
Tagung  zu  Dresden  im  Juni  1927,  die  unter  der  Devise  »Europa  undlndien* 
stand,  hat  sie  erneut  ihre  Lebenskraft  erwiesen  und  ihrem  Griinder  alle  Ehre 
gemacht. 

Zum  Schlusse  sei  noch  ein  Wort  allgemeiner  Charakteristik  hinzugefugt. 
D.  reprasentiert  einen  besonderen  Typus  des  wissenschaftlichen  Arbeiters. 
Seine  Werke  und  seine  Vorlesungen  sind  ihm  immer  Herzenssache  in  einem 
gleichsam  religiosen  Sinne  gewesen.  Weit  entfernt  von  jedem  Relativismus 
oder  Skeptizismus  hat  er  fest  daran  geglaubt,  daB  die  Wahrheit  nur  eine  sein 
konne.  Er  fand  sie  bei  Schopenhauer,  im  Urchristentum  und  im  indischen 
Vedanta,  mit  denen  Kant  und  Plato  recht  verstanden  auf  eine  Linie  riickten. 
Um  diese  Wahrheit  herauszuschalen,  studierte  er  die  Werke  der  indischen 
Philosophie,  wenig  oder  gar  nicht  bekummert  um  das,  was  andere  Forscher 
gesagt  hatten,  immer  begierig,  die  Originalquelle  selbst  sprechen  zu  lassen. 
Die  Wahrheit,  an  die  er  glaubte,  mitzuteilen,  war  er  immer  bereit.  Menschen 
heranzuziehen,  war  ihm  Bediirfnis.  Da  scheute  er  keine  Muhe  und  suchte  sie 
energisch  festzuhalten.  So  ist  sein  Kampf  fur  die  Beibehaltung  der  Philosophie 
als  obligatorisches  Priif  ungsf  ach  im  philosophischen  Doktorexamen  bezeichnend. 
Wahrend  die  Gegner  auf  dem  Standpunkt  standen,  daB  die  auBere  Aneignung 
philosophischer  Daten  seitens  etwa  eines  Chemikers,  der  keinen  Sinn  fur 
Philosophie  hat,  unerwiinscht  sei,  glaubte  D.,  daB  ein  solcher  Zwang  niitzlich 
sei  und  daB  selbst  ein  wenig  und  selbst  aufgedrangte  Philosophie  zum  Heile 
gereiche.  Wenn  man  sagen  darf,  daB  alle  indische  Philosophie  niemals  allein 
Wahrheitsforschung  ist,  sondern  immer  das  Heil  als  Ziel  hat,  dann  hat  D. 
eine  tiefinnere  Verwandtschaft  mit  Indien  besessen.  Darum  sind  alle  seine 
Arbeiten  so  eingerichtet,  daB  sie  jeder  Gebildete  verstehen  kann,  darum  griin- 
dete  er  die  Schopenhauer-Gesellschaft  nicht  als  wissenschaftliche  Forschungs- 
gesellschaft,  sondern  als  Suchergemeinschaft  auf  breitester  Basis.  Und  die 
Wissenschaft,  die  sich  fern  vom  Zweck  nur  der  Forschung  um  der  Forschung 
willen  widmet  und  das  profanum  vulgus  scheut,  pflegte  er  argerlich  als  »ge- 
heimratlich«  abzulehnen.  In  der  weltumspannenden  Synthese,  die  ihm  Herzens- 


Deussen.  Dolivo-Dobrowolsky  367 

sache  war,  liegt  die  Kraftquelle  fiir  seine  umfangreichen  I^eistungen,  liegen 
seine  groBen  Vorziige  und  auch  die  Angriffspunkte  fiir  die  Kritik. 

Bei  seinem  Tode  am  6.  Juli  1919  hinterliefl  er  zwei  Kinder:  Frau  Dr.  med. 
Erika  Deussen- Rosenthal  in  Dusseldorf  und  Dr.  med.  Wolfgang  Deussen,  zur 
Zeit  Missionsarzt  in  China.  In  ihrem  Besitz  befindet  sich  der  NachlaB.  Die 
Tochter  hat  seine  Selbstbiographie  unter  dem  Titel:  »Paul  Deussen.  Mein 
Leben«  im  Jahre  1922  bei  Brockhaus  herausgegeben.  Auf  diesem  Werke  be- 
ruhen  alle  tatsachlichen  Angaben  dieser  Skizze. 

Breslau.  Otto  StrauB. 


Dolivo-Dobrowolsky,  Michael,  Dr.-Ing.  e.  h.,  stellvertretendes  Vorstands- 
mitglied  und  beratender  Ingenieur  der  Allgemeinen  Elektricitats-Gesellschaft, 
*  am  2.  Januar  1862  in  St.  Petersburg,  f  am  15.  November  1919  in  Darmstadt. 
—  D.-D.  war  eine  der  markantesten  Erscheinungen  in  der  Elektrotechnik  und 
der  Vater  der  heute  iiblichen  elektrischen  Kraftubertragung  auf  groJ3e  Ent- 
fernung.  Ein  hoher,  schlanker  Mann  mit  diinnem  Bart  und  hagerem  Gesicht, 
das  ganz  beherrscht  wurde  von  ein  paar  klugen,  festen,  guten  Augen,  in  denen 
gern  etwas  Ironie  leuchtete.  D.-D.  hatte  in  den  Jahren  1881  bis  1884  an  der 
Technischen  Hochschule  in  Darmstadt  studiert  und  war  kurze  Zeit  darnach 
als  Chefelektriker  bei  der  Deutschen  Edison-Gesellschaft  fiir  angewandte 
Elektrizitat  angestellt  worden,  aus  der  im  Jahre  1887  die  AUgemeine  Elektri- 
citats-Gesellschaft hervorging. 

Damals  beschaftigte  man  sich  im  wesentlichen  nur  mit  dem  Gleichstrom, 
fiir  dessen  Herstellung  die  Maschinen  mit  der  Edison-Lampe  aus  Amerika 
heriibergekommen  waren  und  die  einige  Jahre  noch  hauptsachlich  aus  Amerika 
und  aus  Paris  bezogen  wurden.  —  Bei  der  Durcharbeitung  und  dem  Studium  des 
Gleichstromsystems  und  seiner  Erscheinungen  fand  D.-D.  eine  Arbeit  von 
Ferraris,  die  seinem  regsamen  Geist  den  AnstoB  gab  zu  theoretischen  t)ber- 
legungen  und  praktischen  Versuchen,  die  ihn  auf  die  Entdeckung  des  Dreh- 
stroms  ftihrten,  dessen  Anwendungsgebiet  den  Gleichstrom  und  den  ein-  und 
zweiphasigen  Wechselstrom  weit  iiberfliigelt  hat. 

Die  AUgemeine  Elektricitats-Gesellschaft  zeigte  —  gelegentlich  der  Tagung 
des  Verbandes  der  Elektrotechniker  in  Frankfurt  1891  —  zum  erstenmal  eine 
nach  Angaben  von  D.-D.  erbaute  Kraftubertragung  von  L,auffen  a.  N.  nach 
Frankfurt  a.  M.  auf  eine  Entfernung  von  175  Kilometer.  D.-D.  und  die  AU- 
gemeine Elektricitats-Gesellschaft  wurden  damit  die  Weiser  auf  einen  bis 
dahin  nur  geahnten  Weg,  der  unmittelbar  zu  der  schnellen  Entwicklung  der 
elektrotechnischen  Industrie  und  weitesten  Verbreitung  des  elektrischen 
Stromes  fiihrte. 

Neben  diesem  groBten  Erfolg  seines  Lebens  stehen  zahlreiche  Erfindungen 
und  Konstruktionen,  die  dem  gedankenreichen  Kopf  D.-D.s  entsprangen,  so 
die  Konstruktionen  von  MeBinstrumenten  und  anderen  Apparaten  fiir  elektro- 
technische  Anwendungsgebiete.  —  Auch  seine  sehr  lebhafte  Mitarbeit  bei  der 
Herstellung  des  ersten  Aluminiums  Ende  der  achtziger  Jahre  des  vorigen 
Jahrhunderts  darf  nicht  vergessen  werden.  —  Mit  einem  8  PS-Gasmotor  stellte 
er  damals  in  der  drittenEtage  des  ersten  Bureau-  und  Verwaltungsgebaudes  der 
Allgemeinen  Elektricitats-Gesellschaft,  SchlegelstraBe  26,  das  Aluminium  dar. 


368  igi9 

Die  bedeutsame  konstruktive  Begabung  D.-D.s  erhellt  insbesondere  die 
Tatsache,  daB  der  KurzschluBanker  und  der  Schleifringanker  der  Drehstrom- 
motoren,  wie  sie  D.  ersann,  noch  heute  im  wesentlichen  nach  gleichen  Prin- 
zipien  zur  Anwendung  kommen,  und  daB  die  Begriffe  und  Erscheinungen,  mit 
denen  er  bei  der  Herstellung  der  ersten  Drehstromanlagen  sich  abzufinden 
hatte,  noch  heute  Begriffe  und  Erscheinungen  sind,  mit  denen  man  sich  im 
Laboratorium,  bei  der  Konstruktion  und  auf  der  Montage  zu  beschaftigen  hat. 

Es  lag  im  Wesen  der  Sache,  daJ3  D.-D.  anfangs  der  neunziger  Jahre  Inge- 
nieuren,  Technikern  und  einzelnen  wenigen  Kaufleuten  Vortrage  zu  halten 
hatte  iiber  sein  Drehstromsystem  und  dessen  Eigenheiten.  Diese  Vortrage  sind 
jedem  der  sie  mit  anhoren  durfte,  unvergeBliche  Erinnerung.  Obgleich  D.-D. 
fest  in  der  Praxis  stand,  durfte  sich  seine  Vortragsweise  mit  der  des  fahigsten 
Hochschulprofessors  messen.  D.-D.  sprach  mit  etwas  russischem  Akzent  ein 
einwandfreies,  klares  Deutsch  in  kurzen,  plastischen  Satzen,  die  natiirlich  dem 
sorgfaltig  ausgewahlten  Zuhorerkreis  ohne  Schwierigkeit  eingingen.  Seine  Rede 
war  humorvoll,  gewiirzt  mit  Beispielen  aus  dem  taglichen  Leben,  die  die 
schwierige  und  sprode  Materie  leichtverstandlich  machten,  und  es  ihm  er- 
moglichte,  bis  dahin  auch  unbekannte  Vorgange  in  einfachster  Weise  auf- 
zulosen. 

1903  hatte  sich  D.-D.  aus  der  Industrie  zuriickgezogen  und  sich  in  der 
Schweiz  niedergelassen,  aber  sein  regsamer  Geist  ertrug  die  Mufie  nicht,  so 
daB  er  1909  von  neuem  in  den  Dienst  der  Allgemeinen  Elektricitats-Gesell- 
schaft  trat,  wo  er  —  stellvertretendes  Vorstandsmitglied  —  als  beratender 
Ingenieur  fiir  die  Maschinen-  und  Apparatetechnik  bis  Mitte  des  Jahres  19 19 
tatig  war.  —  Um  diese  Zeit  zog  sich  D.-D.,  der  f  ruber  schon  Ehrendoktor  der 
Technischen  Hochschule  in  Darmstadt  geworden  war,  nach  Darmstadt  zuriick, 
bedrangt  von  einem  schweren  Herzleiden,  das  ihn  am  15.  November  1919 
aus  dem  Leben  riB. 

Natiirliche  Begabung  und  intensivstes  Studium  hatten  aus  D.-D.  einen 
hervorragenden  Techniker  und  Erfinder  gemacht.  Die  Liebenswiirdigkeit 
seines  Wesens  und  die  Universalitat  seines  Wissens  machten  ihn  zu  einem 
wunderbaren  Gesellschafter.  Mit  seinem  warmen  Herzen  und  dem  Verstand- 
nis  fiir  alles  Menschliche  war  er  der  sympathische  Freund  aller,  die  ihn 
kannten. 

Berlin.  James  Birnholz. 

Eisner,  Kurt,  bayerischer  Ministerprasident,  *  am  14.  Mai  1867  m  Berlin, 
t  am  21.  Februar  191 9  in  Miinchen.  —  E.  war  der  Sohn  eines  angesehenen  israe- 
litischen  Kaufmanns,  seine  Mutter  der  Typus  einer  stillen,  liebenswiirdigen  alten 
Berlinerin;  ob  er  jemals  den  Namen  Kosmanowsky  gefuhrt  hat,  wie  vielfach 
angenommen  wurde,  war  nicht  feststellbar.  In  Berlin  besuchte  er  das  askanische 
Gymnasium,  erhielt  Ostern  1886  das  Reifezeugnis  und  studierte  hierauf  acht 
Semester  Philosophic  und  Germanistik,  insbesondere  bei  Cohen  in  Marburg. 
Er  wandte  sich  friihzeitig  der  schriftstellerischen  Tatigkeit  zu,  seine  erste 
Schrift  betraf  das  Problem  Friedrich  Nietzsche;  schon  hier  zeigte  sich  die 
vorwiegend  journalistische  Behandlung  des  gewahlten  Themas,  die  auch  spater 
seine  Besonderheit  blieb.  Seine  groBe  Begabung  fiir  vorziigliche  Formulierung 


Dolivo-Dobrowolsky.  Eisner  369 

blendender  Ideen  tritt  schon  darin  hervor,  wie  auch  der  Mangel  an  systema- 
tischer  Zusammenfassung  seiner  Gedanken  und  der  Angriffe,  die  er  gegen 
Nietzsche  schleudert.  Von  Politik  ist  hier  noch  nicht  die  Rede ;  es  sind  andere 
Stimmungen,  die  er  bekennt,  wenn  er  die  erlosende  Wirkung  der  nieder- 
landischen  Kunst,  namentlich  des  Jan  Steen  als  des  Freude-  und  Lichtspenders 
gegen  Pessimismus,  preist  oder  erklart,  daB  »gerade  an  Detlev  v.  Liliencron 
ihm  anfgegangen  sei,  was  ihm  und  zahllosen  Modernen  fehle  und  was  er  und 
diese  sogar  hassen,  weil  sie  es  nicht  besitzen:  die  freie  lichte  Seele,  welche 
die  ganze  Welt  einatme  und  alles  umgebe  mit  quellendem  Glanz  und  guldenem 
Schimmer.  —  Nietzsche  vergifte  nicht  nur  das  Leben,  das  Leben  vergifte 
auch  ihn.«  —  1892/93  war  E.  an  der  »  Frankfurter  Zeitung*  tatig  und  lebte 
dann  in  Marburg,  von  wo  aus  er  als  politischer  Essayist  an  verschiedenen  Zeit- 
schriften  mitarbeitete,  unter  anderem  auch  die  spater  im  »Taggeist«  gesam- 
melten  Kulturglossen  als  Stimmungsbilder  aus  dem  ersten  Jahrzehnte  des 
neuen  Kurses  (Militarismus,  Capri vi,  Die  Tragddie  des  Mittelstandes,  Die  All- 
macht  der  Korpsstudenten,  Marzfeier,  Weltpolitik,  Der  tolle  Junker  u.  a.) 
verfaBte. 

Die  Anklage  wegen  Majestatsbeleidigung  brachte  ihn  vom  November  1897 
bis  August  1898  in  das  Gefangnis  in  Plotzensee;  bald  nach  seiner  Entlassung 
forderte  ihn  Wilhelm  Liebknecht  auf,  die  politische  Redaktion  des  »Vor- 
warts*  zu  iibernehmen.  Auch  hier  scheiterte  er  trotz  groBer  schriftstellerischer 
Leistungen,  die  ihn  neben  Franz  Mehring  (s.  unten  S.  446  ff .)  zum  hervor- 
ragendsten  Publizisten  der  deutschen  Sozialdemokratie  stempelten,  infolge 
der  Festigkeit  seiner  Uberzeugung  an  dem  konventionellen  Radikalismus  einer 
seiner  Art  fremden  Parteigenossenschaft.  Der  bekannte  »Vorwarts«-Konflikt 
im  November  1905  beendete  seine  Tatigkeit  im  Zentralorgan,  da  er  sich  mit 
zwei  Kollegen,  die  entlassen  werden  sollten,  solidarisch  erklarte  und  mit  ihnen 
seine  Tatigkeit  kiindigte.  Als  Teilnehmer  an  dem  bekannten  Konigsberger 
Hochverratsprozefl  (1904),  der  die  erste  russische  Revolution  einleitete,  schil- 
derte  er  in  einer  vielgelesenen  Flugschrift  dessen  Verlauf  und  Wirkungen. 
Nach  dem  Weggang  vom  »Vorwarts«  blieb  E.  vorerst  freier  Schriftsteller  und 
verwandte  alien  Eifer,  getrieben  von  tiefstem  HaB  gegen  die  Hohenzollern 
und  alles  spezifisch  PreuBische,  dazu,  in  einem  umfassenden  Buche:  »Das 
Ende  des  Reiches*  den  Zusammenbruch  des  alten  Deutschen  Reiches  und 
PreuBens  im  Jahre  1806  darzustellen.  Hierbei  suchte  er  auch  —  unter  vielen 
Ausf alien  gegen  das  »Ewig-PreuBische«  als  das  Verhangnis  deutscher  Volks- 
geschichte  —  Ideen  geschichtlich  darzulegen,  die  fortan  auch  fur  sein  poli- 
tisches  Wirken  bestimmend  waren.  Sein  Leitsatz  fiir  die  Darstellung,  die  im 
wesentlichen  die  Geschichte  einer  von  dynastischen  und  feudalen  Machten 
unterdriickten  deutschen  Revolution  enthalt,  hat  er  im  Vorwort  ausgesprochen : 
»Die  diimmste  und  die  unehrlichste  Methode,  Geschichte  zu  schreiben,  ist  die, 
das  Bestehende  zu  rechtfertigen.«  Er  konnte  aber  trotzdem  sich  der  Gefahr 
nicht  entziehen,  auch  seine  Ideen  in  die  Schilderung  tatsachlicher  Vorgange 
und  in  die  Aufhellung  ihrer  Zusammenhange  hineinzutragen.  Mit  Leidenschaft 
klagt  er  das  PreuBentum  an,  daB  es  die  mit  Kant,  Fichte,  Humboldt  erweckte 
Neugestaltung  des  preuBischen  Denkens  und  Handelns  zu  menschlichem  Da- 
sein  (Hausenstein)  wieder  erstickt  habe.  Fichte,  dessen  Bedeutung  er  in  glan- 
zend  geschriebenen  Artikeln  darzulegen  versuchte,  verstand  E.  dahin,  daB 
dbj  24 


370  1919 

dieser  Philosoph  die  deutsche  Aufklarung  zu  ihrem  Gipfelpunkte  gefuhrt 
habe,  namlich  zur  Demokratie,  die  sozialistisch  sich  vollende.  Die  nach  inner- 
sten  Gesetzen  tatige  Menschenvernunft  werde  zum  schaffenden  Prinzip  der 
Welt  erhoben,  alle  Erkenntnis  werde  in  bewegt-bewegende  Handlung  auf- 
gelost.  Sein  absolutes  Ich,  sein  Gott,  sei  gar  nichts  anderes  als  Demokratie 
und  Sozialismus  als  tatiges  Zielprinzip. 

War  E.  auch  leidenschaftlicher  Sozialist,  so  war,  wie  Hausenstein  zutreffend 
betont,  seine  Denkart  doch  mehr  durch  Kant  und  Fichte  als  durch  Marx 
und  Marxismus  bestimmt.  Er  faBte  den  Sozialismus  mehr  als  eine  Forderung 
aus  deren  philosophischen  Grundanschauungen  denn  als  eine  Folgerung  aus 
der  Entwicklung  wirtschaftlicher  Verhaltnisse  auf,  er  war  verstandesmaBiger 
oder  abstrakter  eingestellt  als  Marx ;  es  war  erklarlich,  daB  er  desbalb,  zumal 
er  mit  absoluter  Zahigkeit  an  seinen  philosophischen  Anschauungen  und  Irr- 
tiimern  festhielt,  mit  den  von  der  Partei  verfochtenen  Zielen  und  Methoden 
vielfach  in  Gegensatz  geraten  muBte. 

Seltsam  mutet  seine  Begeisterung  fur  Napoleon  I.  an,  in  dem  er  den  Retter 
deutscher  besserer  Zukunft,  den  Zerstorer  der  feudalen  Gesellschaft,  an  deren 
Stelle  die  burgerliche  eintrat,  verherrlichte. 

Wahrend  seines  Berliner  Aufenthalts  war  er  ein  eifriger  Forderer  der  Volks- 
biihnenbewegung,  seine  kunstlerisch-literarischen  Arbeiten,  die  unter  dem 
Titel:  »Feste  der  Festlosen«  erschienen  sind,  hatten  einen  bedeutenden  Ein- 
fluB  auf  die  geistig-seelische  Bildung  des  deutschen  Proletariats. 

Auf  diesem  Gebiete  zeigte  er  eine  allgemein  anerkannte  Meisterschaft  der 
Darstellung,  als  Theaterkritiker  der  »Miinchener  Post«  stand  er  mit  an  erster 
Stelle;  seine  Meinung  aber,  daB  er  ein  Dichter  sei,  kann  nicht  gelten.  Zur 
Charakterisierung  seines  Denkens  und  Fiihlens  in  kiinstlerischen  und  asthe- 
tischen  Dingen  mogen  einige  Zitate  aus  diesen  Schriften  dienen. 

»Der  Kiinstler  ist  ein  Martyrer  und  wer  sich  ihm  empfangend  hingibt,  teilt 
jenes  Marty rium,  in  dessen  ringender  Qual  wohl  das  hochste  Menschengliick 
beschlossen  ist. « 

»Ich  vertraue  auf  die  proletarische  Bewegung,  daB  sie  mit  heiliger  Liebe, 
in  mitten  im  sturmischen  Ringen  um  die  wirtschaftliche  Erlosung,  bedacht 
ist,  die  Schatze  der  Kunst  zu  bewahren  und  dem  Volke  zuganglich  zu  machen. 
Das  Proletariat  ist  berufen,  nicht  nur  das  Erbe  der  klassischen  Philosophic, 
sondern  auch  das  Erbe  der  klassischen  Kunst  zu  ubernehmen.  Erst  mit  der 
Befreiung  vom  Kapitalismus  wird  sich  ein  Kunstleben  entfalten,  in  dem 
Kiinstler  und  Kunstgemeinde  die  ganze  Kraft  betatigen  werden,  die  dem 
Menschen  gegeben  ist. « 

Seine  Einstellung  zur  Musik,  sein  Urteil  iiber  das  Wesen  der  Kunst  iiber- 
haupt  tritt  besonders  anschaulich  hervor  in  einem  Hymnus  an  Beethoven 
(Marz  1915  in  der  Schrift:  »Vor  der  Revolution «,  erschienen  in  DUnser 
Weg«  1919). 

»Erst  wer  das  gemeine  Leben  ganz  verloren,  so  scheint  es,  ist  berufen,  das 
hohere,  reinere,  das  wahre  Leben  zu  erschaffen,  das  in  der  groBen  Kunst  sich 
abbildet.  Und  einem  solchen  Martyrer  kiinstlerischen  Schaffens  wird  auch 
jener  Weltblick  zu  eigen,  der  ihn  befahigt,  in  den  Eingebungen  seines  Genies 
die  Visionen  der  Menschheit,  des  Erdenschicksals  zu  gestalten.  Das  ist  das 
eigentliche  Wunder  der  Ewigkeitskunst.  Und  wenn  ihr  ganz  ratios  und  ver- 


Eisner  371 

zagt  geworden  seid,  so  rettet  euch  in  die  Neunte  Sinfonie  und  ihr  werdet  auf 
einmal  dieser  qualvollen  Gegenwart  euch  klar  bewuBt  und  findet  aus  Wirrnis, 
Pein  und  Zerstorung  den  rettenden  Ausweg.  In  Beethovens  Kunst  rinnt  das 
Blut  der  Menschheit.  Die  Weltgeschichte  rinnt  und  brennt  in  seiner  Musik. 
AUe  menschliche  Kreatur  erscheint  als  ausgestoBen  aus  dem  verschwenderisch 
sich  darbietenden  Erdengluck  der  Natur.  Aber  der  Kiinstler,  der  barraherzige 
Gott,  iiberwindet  fur  die  Menschheit  den  zerstorenden  Gegensatz  und  fuhrt 
sie  auf  die  lichten,  freien  Hohen  der  Zukunft. « 

So  sehr  er  in  Beethoven  den  Menschenbefreier  und  Schopfer  von  Ewigkeits- 
werten  verehrte,  so  ablehnend,  geradezu  hassend,  stand  er  der  Kunst  Richard 
Wagners  gegeniiber. 

Neben  seinen  geschichtlichen  Studien  befaBte  sich  E.  wahrend  seines  letzten 
Aufenthaltes  in  Berlin  als  einer  der  ersten  sozialdemokratischen  Schriftsteller 
mit  der  Kritik  der  deutschen  auswartigen  Politik,  wozu  dann  noch  seine  Ver- 
suche  kamen,  die  politische  Bedeutung  des  Alldeutschen  Verbandes  festzustel- 
len,  in  dem  er  die  eigentlich  treibende  Kraft  der  deutschen  Politik  vermutete. 
In  einer  damals  wenig  beachteten  Flugschrift  »Der  Sultan  des  Weltkrieges 
(1906),  ein  marokkanisches  Sittenbild  deutscher  Diplomatenpolitik«  kiindigte 
er  die  kommende  Europakatastrophe  an,  unter  Gegeniiberstellung  des  in  der 
Marokkokrisis  veroffentlichten  franzosischen  Gelbbuches  mit  dem  deutschen 
WeiBbuche,  das  in  seiner  Lacherlichkeit  vollends  die  Ungeheuerlichkeiten  der 
deutschen  Politik  der  Wirrnisse  und  des  Verderbens  entbloBt  habe.  Die  durch 
das  Auswartige  Amt  korrumpierte  biirgerliche  Presse,  der  er  auch  nach  der 
Revolution  seine  voile  Verachtung  aussprach,  habe  es  erreicht,  daB  man  in 
Deutschland  nicht  einmal  ahne,  was  geschehen  sei,  obwohl  Europa  in  dieser 
Zeit  wiederholt  vor  der  unmittelbaren  Gefahr  eines  Krieges  gestanden  sei. 
Die  damals  gewonnenen  Eindriicke  bildeten  die  Grundlage  fur  seine  spatere 
Einstellung  zur  auswartigen  Politik  im  Kriege  und  nach  der  Revolution. 

Anfangs  1907  verlieB  er  Norddeutschland  und  ging  zunachst  nach  Niirn- 
berg,  wo  er  die  I^eitung  der  »Frankischen  Tagespost«  iibernahm  und  sich  in 
Bayern  naturalisieren  lieB.  Er  begriindete  eine  literarische  und  eine  wissen- 
schaftliche  Beilage  fiir  dieses  Blatt,  um  den  Arbeitern  ein  weiteres  Bildungs- 
mittel  zu  bieten,  auf  dessen  Ausgestaltung  er  viele  Zeit  und  erfolgreiche  Muhe 
verwandte.  Auch  in  Niirnberg,  wo  er  in  den  Schonheiten  der  alten  Reichs- 
stadt  eine  innere  Befriedigung  fand,  kam  er  in  Streit  mit  Parteigenossen,  der 
ihn  veranlaBte,  im  Jahre  1910  nach  Mtinchen  zu  ziehen.  Hier  lieB  er  sich  nun 
als  freier  Schriftsteller  nieder;  in  einem  Hauschen  am  Waldfriedhof  fand  er 
Wohnung  mit  seiner  Familie.  Bis  zum  Kriegsbeginn  behandelte  E.  als  Beauf- 
tragter  des  Vorstandes  der  bayerischen  Sozialdemokratie  die  parlamentarische 
Politik  in  der  Presse,  schrieb  fiir  die  »Munchener  Post«  Stimmungsbilder  iiber 
die  Verhandlungen  des  bayerischen  Landtags,  politische  und  feuilletonistische 
Artikel  fiir  sozialdemokratische  Zeitungen,  indem  er  eine  vielverbreitete  Korre- 
spondenz  »Arbeiterfeuilleton«  herausgab.  Auch  war  er  Mitarbeiter  an  der  von 
Albert  Langen  und  Ludwig  Thoma  herausgegebenen  Zeitschrift  »Marz«.  Mit 
Ausbruch  des  Krieges  stellte  er  seine  politische  Mitarbeit  an  der  »Munchener 
Post«  ein,  blieb  aber  deren  angesehener  Theaterkritiker. 

Bei  Beginn  des  Krieges  1914,  den  er  zunachst  als  deutschen,  gegen  RuBland 
und  den  Zarismus  gerichteten  Verteidigungskrieg  betrachtete,  war  er  fiir  die 


372  1919 

Bewilligung  der  Kriegskredite  eingetreten,  anderte  aber  nach  Erscheinen  des 
deutschen  WeiBbuches  und  der  bekannten  diplomatischen  Aktenstiicke  der 
Entente  seine  Meinung  vollstandig,  da  er  nun  die  Schuld  der  kaiserlichen  deut- 
schen Regierung  und  der  hinter  ihr  stehenden  alldeutschen  Kreise  an  dem 
Verderben  des  Weltkrieges  fur  absolut  feststehend  hielt.  Aus  dieser  Uber- 
zeugung,  aus  seiner  »fanatischen  Wahrheitsliebe«,  die  nur  auch  Irrtumer  fiir 
solche  Wahrheiten  hielt,  erklart  sich  sein  weiteres  Verhalten  in  und  nach 
dem  Kriege.  Zunachst  bemuhte  er  sich,  als  Berichterstatter  in  das  Groi3e  Haupt- 
quartier  zu  kommen,  nach  seiner  Wandlung  zum  Kriegsgegner  versuchte  er 
in  standigem  Kampf  mit  der  Zensur  seine  Einstellung  gegen  den  Krieg  auch 
literarisch  zu  betatigen,  doch  wurde  fast  alles  unterdriickt.  Um  so  eifriger 
strebte  er,  im  personlichen  Verkehr  Aufklarung  in  seinem  Sinne  in  die 
Arbeitermassen  zu  tragen;  in  den  von  ihm  geleiteten  Diskussionsabenden 
schuf  er  sich  einen  Kreis  von  unbedingten  Anhangern  und  geistig  fiir  die  Re- 
volution vorbereiteten,  meist  jugendlichen  Mitarbeitern. 

Seit  seinem  Eintritt  in  die  Sozialdemokratie  war  er  ein  Gegner  der  von  der 
Parteileitung  hauptsachlich  befolgten  Agitationstatigkeit  gewesen,  er  war  stets 
Anhanger  der  revolutionaren  Aktion,  die  das,  was  sie  als  politisches  Ziel  an- 
strebt,  auch  durchzusetzen  sucht,  ohne  sich  zu  sehr  in  Organisationsarbeit 
zu  verlieren.  Als  wahrend  des  Krieges  die  Unabhangige  Sozialdemokratische 
Partei  gegriindet  wurde,  trat  er  folgerichtig  dieser  bei  und  griindete  spater  in 
Miinchen  die  »Neue  Zeitung«;  seine  spateren  Versuche,  wieder  in  die  Sozial- 
demokratische Partei  aufgenommen  zu  werden,  fanden  dort  keine  Gegenliebe. 

Seit  Dezember  1917  bemuhte  er  sich,  durch  eine  Streikerhebung  des  deut- 
schen Proletariats  den  Krieg  zum  AbschluB  zu  bringen.  Seine  Idee  war,  Belgien 
sofort  freizugeben,  nach  dem  Zusammenbruch  Rui31ands  die  Abmachungen 
von  Brest-Litowsk  und  die  geplante  Offensive  im  Westen  zu  verhindern  und 
Frankreich,  das  von  den  deutschen  Osttruppen  uberflutet  sein  wiirde,  zum 
Frieden  geneigt  zu  machen.  In  Miinchen  hatte  seine  Streikpropaganda  im 
Januar  1918  zunachst  starken  Erfolg,  mit  E.s  und  seiner  Genossen  aus  der 
Unabhangigen  Sozialdemokratischen  Partei  Verhaftung  am  31.  Januar  wurde 
aber  die  Bewegung,  in  die  auch  die  Mehrheitssozialisten  eingriffen,  zum  Still- 
stand  gebracht.  Im  Gefangnisse  Stadelheim  bei  Miinchen  war  E.  achteinhalb 
Monate  in  Untersuchungshaft,  wo  er  sich  unter  anderem  viel  mit  dem  Studium 
von  Werken  tiber  revolutionare  Bewegungen  und  Geschehnisse,  die  er  sich 
aus  der  Staatsbibliothek  zu  verschaffen  wuBte,  beschaftigte.  Als  E.  im 
Oktober  1918,  da  G.  v.  Vollmar  (s.  DBJ.  1922)  sein  Reichstagsmandat 
niederlegte,  als  Kandidat  der  Unabhangigen  Sozialdemokratischen  Partei  auf- 
gestellt  worden  war,  wurde  er  auf  Anordnung  des  Reichsanwalts  aus  der  Haft 
entlassen  und  stiirzte  sich  nun  mit  unermudlichem  Eifer  —  den  Schlaf  be- 
zeichnete  er  gelegentlich  als  Vorurteil  —  in  die  wilde  Agitation  seiner  Partei, 
die  in  Miinchen  zur  Revolution  fiihrte.  In  einer  Versammlung  am  23.  Oktober 
wandte  er  sich,  der  bald  aus  einem  wenig  gewandten  Redner  zum  geschick- 
testen  Demagogen  mit  ganz  machtigem  EinfluB  auf  die  Massen  sich  verwan- 
delte,  die  er  bald  durch  Widerspruch  und  Tadel  auf  reizte,  bald  durch  phantasie- 
volle  VerheiBungen  und  Schmeicheleien  zu  sich  emporriB,  aufs  scharfste  gegen 
die  Mehrheitssozialisten ;  diese  hatten  den  Landtagsabgeordneten  Erhard  Auer 
als  Gegenkandidaten  aufgestellt.  Dort  entwickelte  er  auch  sein  auBenpolitisches 


Eisner  373 

Programm:  »Mit  einem  Deutschland,  an  dessen  Spitze  der  President  L,ieb- 
knecht  stiinde,  wiirde  die  Entente  binnen  24  Stunden  Frieden  schlieBen; 
ElsaB-Lothringen  wie  Posen  und  alle  anderen  polnischen  Gebiete  miiBten  ab- 
getreten,  Danzig  miisse  der  Hafen  Polens  werden.« 

Zunachst  ward  die  Verstimmung  unter  den  sozialistischen  Gruppen,  nament- 
lich  infolge  der  E.schen  Hetzereien  immer  groBer;  urn  dann  eine  Einigung 
gegen  den  gemeinsamen  Feind,  den  Kapitalismus,  zu  erreichen,  ward  am  4.  No- 
vember in  einer  groBen  Versammlung  eine  paritatische  Einigungskommission 
bestellt,  fiir  den  7.  November  wurde  von  beiden  Gruppen  zu  einer  Volks- 
versammlung  auf  die  Theresienwiese  aufgefordert,  in  der  unter  anderen  Auer, 
Eisner,  Simon  und  Unterleitner  sprachen;  die  von  den  Fuhrern  vorgeschla- 
genen  EntschlieBungen  fanden  Annahme;  an  der  Spitze  stand:  »Das  deutsche 
Volk  weiB  sich  eins  mit  alien  Volkern  Europas  in  dem  Willen,  die  Zukunft 
der  Welt  durch  einen  allgemeinen  Bund  des  Rechtes  und  der  Freiheit  sicher- 
zustellen  und  sieht  der  Erfiillung  des  vom  Prasidenten  der  Nordamerikanischen 
Union  verkiindeten  Weltfriedens  mit  Vertrauen  entgegen.«  Das  war  ganz  die 
E.sche  Ideologic,  die  ihn  noch  zu  weiteren  verhangnisvollen  Schritten  trieb. 

Aus  der  gewaltigen  Volksmenge  losten  sich  kleinere  Gruppen  von  Soldaten 
und  sonstigen  Versammlungsteilnehmern,  die  zu  den  Kasernen  und  verschie- 
denen  offentlichen  Gebauden  zogen;  E.  durcheilte  mit  dem  blinden  Bauern- 
fuhrer  Gandorfer  und  einigen  seiner  besonderen  Vertrauten  die  Stadt,  braehte 
die  Inwohner  der  Kasernen  rasch  auf  seine  Seite  und  schon  am  spateren 
Nachmittag  zogen  Soldaten  mit  roten  Fahnen  und  andere  grofie  Gruppen 
durch  die  Stadt,  die  Revolution  hatte  begonnen,  sie  fand  keinen  Widerstand, 
und  E.s  Vorsatz,  sie  ohne  BlutvergieBen  durchzufiihren,  war  verwirklicht. 

Noch  in  der  Nacht  bildete  sich  unter  seiner  Leitung  ein  provisorischer  Rat  der 
Arbeiter,  Soldaten  und  Bauern,  das  Landtagsgebaude  ward  die  Statte  seiner 
Versammlungen,  als  sein  erster  Vorsitzender  erlieB  E.  am  Morgen  des  8.  No- 
vember einen  Aufruf  an  die  Munchener  Bevolkerung.  In  diesem  verkiindete 
er  den  Freistaat  Bayern,  die  baldigste  Einberufung  einer  konstituierenden 
National  versammlung  mit  Wahlrecht  aller  miindigen  Manner  und  Frauen,  die 
demokratische  und  soziale  Republik,  strengste  Ordnung,  Sicherheit  der  Person 
und  des  Eigentums,  Belassung  der  Beamten  in  ihren  Stellungen,  Versorgung 
der  Stadte  mit  l^ebensmitteln  durch  die  Bauern,  grundlegende  soziale  und 
politische  Reformen;  er  rief  die  gesamte  Bevolkerung  zur  schaffenden  Mit- 
hilfe  an  der  neuen  Freiheit  auf  und  stellte  die  auf  der  revolutionaren  Grund- 
lage  begriindete  Einheit  der  Arbeitermassen  fest.  Konig  Ludwig  III.  hatte, 
von  seiner  unmittelbaren  Umgebung,  auch  der  pomposen  Iyeibwache,  nicht 
geschiitzt,  mit  seiner  Familie  in  der  Nacht  Miinchen  verlassen. 

In  der  ersten  Sitzung  des  provisorischen  Nationalrates  schlug  E.  vor,  die 
bisherigen  Ministerien  unter  Einfiigung  eines  Ministeriums  fiir  soziale  An- 
gelegenheiten  beizubehalten,  er  selbst  wolle  das  Ministerium  des  AuBeren  mit 
dem  Presidium  iibernehmen,  sein  Stellvertreter  und  Kultusminister  sollte  der 
Abgeordnete  Hoffmann  werden,  zu  dem  noch  die  weiteren  Mehrheitssozialisten 
Auer  (Inneres),  RoBhaupter  (militarische  Angelegenheiten)  und  Timm  (Justiz) 
eintraten,  wahrend  die  Unabhangigen  Unterleitner  das  neue  Ministerium  und 
Jaffe*  (s.  DBJ.  1921,  S.  160  ff.)  das  Finanzministerium  iibernahmen.  Dazu  kam 
der  fnihere  Verkehrsminister  v.  Frauendorfer  als  Leiter  der  Verkehrsverwal- 


374  !9iQ 

tung.  Unter  einzelnen  Widerspriichen  gegen  Auer  wurde  die  neue  provisorische 
Regierung  gebildet,  E.  gab  sie  auch  dem  Arbeiter-  und  Soldatenrat  bekannt. 

Die  Mehrheitssozialisten  waren  in  das  Ministerium  eingetreten,  um  gegen 
E.,  dem  sie  keinerlei  politische  Fahigkeiten  zutrauten,  das  zur  Vermeidung 
einer  Katastrophe  notwendig  erscheinende  Gegengewicht  zu  schaffen.  Es 
wurde  den  Rahmen  dieser  Biographie  iiberschreiten,  wenn  hier  die  einzelnen 
Handlungen  dieses  Ministeriums  oder  die  Entwicklung  der  Revolution  ira 
allgemeinen  verzeichnet  werden  sollten,  dariiber  berichten  ausfuhrlich  die  im 
angefiigten  Schriftenverzeichnisse  angegebenen  Drucksachen. 

E.  hatte  unter  Einsetzung  seines  Lebens  in  einem  fur  seine  Plane  auBer- 
ordentlich  klug  gewahlten  Augenblick  den  Umsturz  herbeigefuhrt,  war  aber 
trotz  einer  hohen  Intelligenz  und  starken  Willens  der  ubernommenen  poli- 
tischen  Aufgabe  keineswegs  gewachsen.  Er  hatte  wohl  die  durch  Krieg,  Not 
und  Agitation  erregten  Massen  zunachst  an  sich  gefesselt  und  hoffte,  sie  zur 
dauernden  lebendigen  Mitarbeit  an  der  Uberwindung  des  uberkommenen 
Elends  und  zur  Neuschdpfung  einer  wirklichen  Demokratie  »in  vollkommen 
verbiirgter  Freiheit  und  in  sittlicher  Achtung  vor  den  menschlichen  Empfin- 
dungen«  zu  gewinnen.  Seine  personliche  Uneigenniitzigkeit  bei  Verfolgung 
seiner  Ideen  und  seine  Zahigkeit  in  der  Festhaltung  von  Irrttimern,  gepaart 
mit  dem  fiir  Revolutionare  unentbehrlichen  Optimismus,  veranlaBten  ihn  zur 
vielfachen  Verkennung  der  tatsachlichen  Verhaltnisse  wie  der  Triebkrafte,  die 
in  den  auf  die  StraBe  gerufenen  Massen  schlummerten  und  rasch  wirksam 
wurden,  ganz  fremd  war  ihm  die  politische  Denkweise  der  iibergroBen  Mehr- 
heit  der  Bauern,  die  zu  gewinnen  er  sich  vergeblich  miihte. 

Sein  innerpolitisches  Programm,  das  er  am  15.  November  verkiindete,  zeigte 
deutlichst  die  Unklarheit  und  Widerspriiche  in  seinem  Denken,  man  hat  es 
auch  als  Ausdruck  seines  zur  Zweideutigkeit  neigenden  Wesens  bezeichnet. 
Gegeniiber  seiner  ersten  Ankundigung  der  baldigsten  Einberufung  der  ver- 
fassunggebenden  National versammlung  erklarte  er  nun,  es  musse  vor  ihrem 
Zusammentritt  die  Demokratisierung  des  offentlichen  Geistes  wie  der  offent- 
lichen  Einrichtungen  erreicht  werden.  Hierfiir  sollten  neben  dem  provisorischen 
Zentralparlament  und  dem  in  der  Regierung  verkorperten  Vollzugsausschusse 
alle  einzelnen  Verbande  und  Berufe  ihre  eigenen  Angelegenheiten  offentlich 
erortern  konnen;  sein  Lieblingsgedanke  war  die  Errichtung  von  Raten,  die 
standig  tatig  sein  und  auf  das  eigentliche  Parlament,  das  er  nicht  als  die  aus- 
reichende  demokratische  Vertretung  des  freigewordenen  Volkes  betrachtete, 
standig  und  lebensvoll  einwirken  sollten.  Die  staatsrechtliche  Erfassung  und 
Ausgestaltung  dieser  Idee  gelang  ihm  nicht,  zumal  gerade  auf  diesem  Gebiete 
die  scharfste  Ablehnung  der  Mehrheit  seiner  Ministerkollegen  einsetzte  und 
einsetzen  muBte,  da  eine  solche  Staatsorganisation  der  Grundauffassung  der 
Mehrheitssozialisten  direkt  entgegengesetzt  war. 

Dazu  kam,  daB  auBere  Vorgange,  wie  die  Forderung  des  Verkehrspersonals 
und  eine  Demonstration  des  Pionierbataillons  vor  den  Ministern,  ihn  zur 
Einlosung  seiner  Zusage,  die  Nationalversammlung  einzuberufen,  zwangen. 
Am  12.  Januar  1919  fanden  die  Wahlen  statt,  in  voller  Ruhe  bei  starker  Be- 
teiligung  nach  der  neuen  Wahlordnung.  E.s  Partei  erhielt  nur  2,5  Prozent  der 
Stimmen,  wahrend  die  Mehrheitssozialisten  mit  35  Prozent  abschnitten;  es 
war  also  keine  revolutionare  Mehrheit  in  der  Nationalversammlung  vorhanden 


Eisner  375 

Gegenuber  der  neugebildeten  Reichsregierung  mit  Ebert  und  Scheidemann 
beseelte  ihn  ein  schrankenloses  MiBtrauen,  das  ihn  zu  leidenschaftlichen  An- 
griffen  und  schlieBlich  zum  Abbruch  des  geschaftlichen  Verkehrs  mit  dem 
Auswartigen  Amte  fuhrte,  da  er  auch  die  durch  Erzberger  und  Solf  gefiihrte 
auBere  Politik  absolut  verwarf ;  denn  sie  widersprach  seiner  schon  erwahnten 
Grundeinstellung,  daB  nur  ganz  neue  Methoden,  Deutschlands  Schuldbekennt- 
nis  und  offene  Annaherung  an  das  menschliche  Vertrauen  und  Verstandnis 
des  »Dichters«  Clemenceau  die  Feinde  voll  versohnen  konne.  Diese  Denkweise 
verleitete  ihn  auch  dazu,  schon  am  11.  November  namens  der  bayerischen  Re- 
gierung  den  schweizerischen  Bundesrat  zu  ersuchen,  an  die  Entente  einen 
Aufruf  zur  Selbstuberwindung  in  der  Liquidation  des  Weltkrieges  und  zur 
Versohnung  mit  dem  endlich  befreiten  Volke  zu  vermitteln. 

Um  die  Schuld  der  kaiserlichen  deutschen  Regierung  am  Kriege  zu  erweisen, 
veroffentlichte  er  einen  Teil  des  Berichtes  des  Gesandten  Grafen  Lerchen- 
feld,  da  er  an  diese  Schuld  glaubte  und  annahm,  die  Methode  der  Wahrheit 
in  den  internationalen  'Beziehungen  wiirde  siegen,  in  welcher  Auffassung  er 
noch  durch  rein  international  eingestellte  Politiker,  wie  Forster,  Grelling, 
Herron,  bestarkt  wurde.  Dieses  Vorgehen  war  ein  schwerster,  verhangnisvoller 
Fehler,  demgegentiber  der  Bruch  mit  der  Berliner  Regierung  und  die  Offnung 
der  Mappe  eines  Kuriers  des  Auswartigen  Amtes  gewissermaBen  nur  erhei- 
ternde,  wenn  auch  der  Stellung  Bayerns  unter  den  damaligen  Gewalten  ab- 
tragliche  Episoden  waren.  Er  hatte  sich  nicht  nur  in  dem  Ubermute  der  Sieger, 
sondern  auch  in  der  Einstellung  und  Bedeutung  der  franzosischen  Sozialisten 
getauscht. 

Bei  seiner  Riickkehr  von  der  Konferenz  der  Vertreter  der  Freistaaten,  die 
am  25.  November  in  Berlin  stattfand,  erstattete  er  im  bayerischen  Ministerrate 
folgenden  Bericht,  der  wegen  seiner  Bedeutung  fur  die  Beurteilung  seines 
Wesens  hier  auszugsweise  mitgeteilt  sei:  »In  Berlin  ist  keine  revolutionare 
Stimmung,  Zerfahrenheit,  Ratlosigkeit,  Katzenjammer,  jeder  fiirchtet  sich 
vor  dem  anderen  und  arbeitet  gegen  den  anderen.  Liebknecht  und  Rosa 
Luxemburg  sind  allein  agitatorisch  tatig.  Die  Kombination,  sie  in  die  Zentral- 
regierung  aufzunehmen,  ist  nicht  brauchbar.  Liebknecht  ist  geistig  minder- 
wertig  wie  Levin.  Der  Bolschewismus  ist  nur  ein  Popanz,  der  nur  mit  dem 
enormen  Geld  der  russischen  Gesandtschaft  vertreten  wird.  Die  groBe  Masse 
ist  reaktionar,  nicht  revolutionar.  Im  Vollzugsausschusse  des  Arbeiter-  und 
Soldatenrates  herrscht  absoluter  Stumpfsinn,  darunter  sind  Streber  wie  Colin 
RoB  usw. ;  Zustande  trostlos,  es  fehlen  selbstlos  fiihrende  Personlichkeiten. 
Erzberger  und  Solf  vertreten  die  Konterre volution,  arbeiten  wie  friiher  mit 
bestellten  Lugenberichten  iiber  auslandische  Vorgange;  Erzberger  habe  die 
ganze  Welt  gegen  uns  vergiftet,  beide  hatten  die  Entente  zuriickgestoBen. 
Ebert  sei  die  tiichtigste  Kraft  in  der  Regierung.  Auch  Kautsky  und  Ledebour 
seien  Gegner,  es  sei  daher  von  Berlin  zunachst  nichts  zu  erwarten.  Die  Ver- 
handlungen  seien  ergebnislos  verlaufen. « 

Auch  auf  dem  internationalen  SozialistenkongreB,  der  im  Februar  1919  in 
Bern  stattfand,  nahm  er  eine  von  der  Politik  der  Reichsregierung  und  den  dort 
erschienenen  Mehrheitssozialisten  Wels  und  Hermann  Miiller  ganz  entgegen- 
gesetzte  Haltung  ein;  seine  Rede  ist  in  der  unten  erwahnten  Flugschrift 
» Schuld  und  Siihne«  abgedruckt.  Seine  Ausfiihrungen  gaben  in  Miinchen  An- 


376  1919 

lafl  zu  leidenschaftlichen  Angriffen  und  Drohungen  gegen  E.,  wahrend  die 
neutrale  Auslandspresse  betonte,  daB  nur  E.  die  Ententesozialisten  zum  Ein- 
treten  fiir  die  deutschen  Kriegsgefangenen  bestimmt  habe.  Der  Ministerrat 
lehnte  es  ab,  diese  Ausfuhrungen  zu  decken;  in  bezug  auf  die  ihm  gemachten 
Vorwiirfe  des  Verrates  am  eigenen  Volke  erklarte  E.  dort  am  13.  Februar  — 
also  acht  Tage  vor  seiner  Ermordung — ,  er  sei  fest  iiberzeugt,  daB  ihm  infolge 
der  Hetze  wegen  der  Kriegsgefangenen  in  den  nachsten  Tagen  etwas  geschehe ; 
was  man  ihm  vorwerfe,  sei  so  abscheulich,  daB  man  wirklich  einen  Minister- 
prasidenten,  der  so  etwas  tue,  iiber  den  Haufen  schieBen  miiBte. 

An  die  Verkiindigung  des  Regierungsprogrammes  hatten  sich  die  Vorarbeiten 
fiir  einen  Entwurf  der  bayerischen  Verfassung  geschlossen,  allein  E.  fand  zur 
griindlichen  Durchberatung  des  von  einer  besonderen  Kommission  aufgestellten 
allgemeinen  Entwurfes  zunachst  keine  Zeit;  seine  Befangenheit  im  Rate- 
gedanken,  seine  Unklarheit  in  den  Verfassungszielen  iiberhaupt  hemmten  ihn 
im  Vorwartskommen  mit  den  inneren  Arbeiten,  insbesondere  hinsichtlich  der 
Konstniktion  des  neuen  Staatswesens.  Dazu  kam  die  Schwierigkeit,  daB  iiber 
die  Gestaltung  des  neuen  Reichsstaatsrechtes  und  die  Eingliederung  Bayerns 
in  die  von  E.  erstrebten  »Vereinigten  Staaten  Deutschlands  «  noch  voile  Un- 
klarheit herrschte  und  E.  zunachst  nicht  zu  bestimmen  war,  von  Miinchen 
aus  in  die  Vorbereitung  einer  Reichsverfassung  durch  bestimmte  Vorschlage 
einzugreifen.  Er  dachte  an  eine  Aufteilung  Deutschlands  in  ungefahr  zwolf  bis 
vierzehn  moglichst  gleich  groBe  Staaten,  erwartete  zuversichtlich  die  sofortige 
Auflosung  PreuBens  in  mehrere  selbstandige  Staaten  und  hatte  fiir  meine 
Darlegung,  daB  er  gerade  als  bayerischer  Ministerprasident  die  Pflicht  habe, 
den  inneren  Zusammenhang  PreuBens  zu  fordern,  weil  mit  der  aus  der  Zer- 
reiBung  PreuBens  folgenden  Schwachung  seiner  so  schwer  fiir  das  Deutschtum 
errungenen  Ostmark  auch  die  unmittelbare  Gefahrdung  der  bayerischen  Ost- 
grenze  gegeniiber  dem  tschechischen  Drucke  eintreten  miisse,  bei  seiner 
international  gerichteten  Denkweise  kein  Verstandnis. 

Bei  den  Beratungen  iiber  die  Landesverfassung  in  den  ersten  Januartagen 
1919  zeigte  sich  besonders  deutlich  eine  innere  Wandlung  im  Wesen  E.s,  die 
dann  durch  den  fiir  ihn  niederdriickenden  Ausfall  der  Wahlen  sehr  verscharft 
wurde.  Es  ward  klar,  daB  nun  seine  Hauptsorge  nicht  dem  Zustandekommen 
des  Verfassungswerkes,  sondern  der  Erhaltung  seiner  Gewalt  gait.  Er  wollte 
durch  eine  von  der  revolutionaren  Regierung  ausgehenden  Verfugung,  der  auch 
nach  der  Rechtsprechung  des  Obersten  Gerichtshofes  der  Charakter  einer 
Rechtssatzung  zukam,  vor  allem  eine  vorlauf ige  Ordnung  der  Macht  erzwingen, 
durch  die  diese  Regierung  auch  gegeniiber  einer  etwa  in  der  Mehrheit  nicht- 
sozialistischen  Nationalversammlung  sich  zu  erhalten  und  die  Errungenschaften 
der  Revolution  zu  sichern  in  der  Lage  ware.  Es  ward  das  vorlaufige  Staats- 
grundgesetz  vom  4.  Januar  1919  verkiindet,  in  dessen  Einleitungsworten  E. 
nochmals  seine  Ideen  und  die  Ziele  einer  lebendigen  Demokratie  im  Gegensatz 
zu  einer  reinen  Parlamentsherrschaft  entwickelte.  Bis  zur  Vollendung  des 
umfassenden  Verfassungswerkes,  das  die  Grundsatze  der  sozialistischen  Re- 
publik  darstellen  wiirde,  sollte  dieses  Gesetz  in  Kraft  bleiben,  das  die  uner- 
laBlichen  Grundsatze  der  kiinftigen  Verfassung  festlegte.  Daher  bestimmte 
auch  §  17  dieses  Gesetzes:  »Bis  zur  endgiiltigen  Erledigung  des  Verfassungs- 
entwurfes,   der   dem  Landtag   sofort  nach  seinem  Zusammentritt  vorgelegt 


Eisner 


377 


werden  muB,  iibt  die  revolutionare  Regierung  die  gesetzgebende  und  voll- 
ziehende  Gewalt  aus.« 

Dieser  Versuch  der  Regierung,  dem  Landtage  i  h  r  Grundgesetz  aufzuzwingen, 
konnte  nach  den  Wahlen  nicht  mehr  gelingen,  da  sie  der  Diktatur  des  E.schen 
Ministeriums  den  Boden  entzogen  hatten  und  die  Stellung  der  Mehrheits- 
sozialisten,  insbesondere  ihres  Fiihrers  Auer  im  Kabinette  so  verstarkten,  da£ 
ihrem  Einflusse  es  nun  gelingen  konnte,  die  mit  der  Aufgabe  einer  verfassung- 
gebenden  Versammlung  unvereinbaren  Bestimmungen  des  vorlaufigen  Staats- 
grundgesetzes  zu  beseitigen.  Die  Gegensatze  im  Ministerium  wurden  immer 
scharfer  und  nach  auflen  mehr  siehtbar,  wie  ja  auch  in  Berlin  wieder  die 
in  der  Revolution  geschaffene  Einigung  der  sozialdemokratischen  Parteien 
durch  Ausscheiden  der  Unabhangigen  aus  der  Reichsregierung  schon  Ende 
Dezember  1918  zerrissen  worden  war. 

Die  inneren  Kampfe,  die  einerseits  aus  E.s  Bestreben,  die  Rate  als  Gegen- 
gewicht  gegen  einen  ihm  nicht  genehmen  Landtag  zu  erhalten,  und  aus  den 
verstarkten  Forderungen  des  Kongresses  der  die  Regierungsgewalt  bean- 
spruchenden  Arbeiter-,  Bauern-  und  Soldatenrate,  andererseits  aus  der  ent- 
gegengesetzten  Forderung  der  Mehrheitssozialisten,  einen  demokratischen 
Volksstaat  mit  parlamentarischer  Verfassung  zu  schaffen,  entstanden,  sowie  die 
Beteiligung  E.s  an  der  Berner  Konferenz,  Auers  an  den  Verhandlungen  in  Wei- 
mar verzogerten  die  Einberufung  des  Landtagesbis  zum  21.  Februar.  Die  Sozial- 
demokratische  Partei  hatte  im  Februar  1919  in  einer  Landeskonferenz  ein- 
stimmig  beschlossen,  sich  an  einer  Regierung,  in  der  E.  vertreten  sei,  nicht 
mehr  zu  beteiligen.  Es  folgten  heftige  Auseinandersetzungen  zwischen  E.  und 
Auer,  da  letzterer  beauftragt  war,  E.  zum  Rticktritte  zu  veranlassen.  Das 
Ministerium  beschloB  denn  auch,  dem  Landtage  den  Rticktritt  der  gesamten 
Regierung  mitzuteilen,  E.  liefl  sich  zwei  Tage  vor  diesem  Beschlusse  noch  zum 
Prasidenten  des  Arbeiter-  und  Bauernrates  wahlen,  um  fur  spatere  Aktionen 
gegeniiber  dem  Landtage  und  der  neuen  Regierung  eine  Sttitze  zu  haben.  Ob 
er  eine  Verwirklichung  seiner  wiederholten  Drohung,  eine  zweite  Revolution 
durchzufuhren  —  die  er  auch  mir  gegeniiber  nach  seiner  leidenschaftlichen 
Auseinandersetzung  mit  Auer  am  19.  Februar  in  aller  Scharfe  aussprach  — , 
tatsachlich  plante,  laBt  sich  nicht  mehr  feststellen.  In  ihm  war  doch  auch  die 
Erkenntnis  wachge worden,  daB  er  die  unruhig  gewordenen  Massen  und  die 
sich  immer  mehr  steigernden  wirtschaftlichen  Note,  denen  er  zu  wenig  Sorge 
zugewendet  hatte,  nicht  mehr  meistern  konne,  und  daB  nur  politische  Um- 
triebe  die  Bediirfnisse  des  Volkes  nicht  befriedigen  konnen.  Deshalb  schei- 
terten  auch  alle  Versuche  seiner  nachsten  Umgebung,  insbesondere  Fechen- 
bachs,  ihn  vom  Rucktritte  abzuhalten,  vollstandig. 

Auf  dem  Wege  zur  ersten  Sitzung  des  Landtages  ward  E.  von  einem  Grafen 
Arco  erschossen ;  dies  war  die  Einleitung  und  Ursache  der  weiteren  schweren 
Ereignisse  in  Munchen. 

Literatur:  Schriften  von  Kurt  Eisner.  Psychopathia  spirituals :  Friedrich  Nietzsche 
und  die  Apostel  der  Zukunft,  Leipzig  1892;  Taggeist,  Kulturglossen  1901;  Fichte  zum 
Gedachtnis  des  ioojahrigen  Todestages,  herausgegeben  im  Auftrage  des  sozialdemokra- 
tischen Bezirksbildungsausschusses  in  Berlin;  Konigsberg,  der  Heimbund  des  Zaren, 
Berlin  1904;  Feste  der  Festlosen,  Hausbuch  weltlicher  Predigtschwanke,  Dresden  1906 
(mit  Bildern  klassischer  Plastik  und  Malerei) ;  Eine  Junkerrevolte,  drei  Wochen  preuCischer 
Politik,  Berhn  1899;  Der  Sultan  des  Weltkrieges,  ein  marokkanisches  Sittenbild  deutscher 


378  J9i9 

Diplomatenpolitik,  Dresden  1906;  Das  Ende  des  Reiches,  Dautschland  und  Preuflen  im 
Zeitalter  der  groBen  Revolution,  Berlin  1907;  Otto  Liebknecht,  sein  Leben  und  Wirken, 
2.  Aufl.,  Berlin  1906;  Faust  I.  Teil,  in  den  Einfiihrungen  in  Dratnen  und  Opern  1.  Die 
Volksbiihne  1909;  Gesammelte  Schriften,  Berlin  19 19;  Kleine  Schriften,  aus  der  Kriegs- 
zeit,  Berlin  1918;  Unterdriicktes  aus  deni  Weltkriege,  19 19;  Die  Neue  Zeitung,  unter  Mit- 
wirkung  von  K.  E.,  1918;  Die  neue  Zeit,  1.  und  2.  Folge,  Miinchen  1919;  Die  9.  Sinfonie 
in  »Unser  Weg«,  Verlag  Cassirer,  Berlin  19 19;  in  Flugschriften  des  Bundes  »Neues  Vater- 
land«:  1915  Nr.  4;  Treibende  Krafte,  1919  Nr.  12  S^huld  und  Siihne  mit  Vorwort  von 
H.  Strobel;  Die  Gotterpriifung,  Berlin  1920,  begonnen  im  Strafgefangnis  am  Plotzensee 
1898,  vollendet  1918  im  Untersuchungsgefangnis  in  Miinchen;  Der  Sazialismus  und  die 
Jugend,  Basel  1919.  —  tJber  Eisner:  Vgl.  Der  Kampf,  siidbayerische  Tageszeitung  der 
Unabhangigen,  Miinchen  1919,  Gedachtnisnummer :  dort:  Gedenkrede  von  Heinrich 
Mann  19 19,  Theo  Kaiser:  Nachruf,  Jean  Longuet:  Vorwort  zu  K.  E.  La  revolution  en 
Bauidre,  Paris  191 9;  Wilhelm  Hausenstein,  Erinnerung  an  E.  in  »Zeiten  und  Bilden, 
1.  Folge,  Miinchen  1920;  Mario  Mariani  im  Vorwort  zur  Cbersetzung  J  nuovi  tempi,  Mai- 
land  19 19;  Heinrich  Strobel  in  der  Einleitung  zur  Flugschrift  »S2huld  und  Siihne*,  s.  o.; 
Escherich-Hefte,  Verlag  Heimatland,  Miinchen  19 19,  Heft  1  und  2. 

Miinchen.  Josef  v.  Graflmann  f. 

Fischer,  Emil,  Professor  der  Chemie,  *  am  9.  Oktober  1852  in  Euskirchen, 
f  am  15.  Juli  1919  in  Berlin.  —  Emil  F.  entstammt  einer  seit  langer  Zeit  im 
Rheinland  in  der  Gegend  des  kleinen  Stadtchens  Euskirchen  ansassigen  pro- 
testantischen  Familie.  Er  kam  als  achtes  Kind  seines  damals  45jahrigen 
Vaters  Laurenz  und  seiner  Mutter,  einer  geborenen  Poensgen,  zur  Welt.  Eine 
gliickliche  Jugendzeit  in  dem  wohlhabenden  Elternhaus,  dem  kleinen  Land- 
stadtchen  Euskirchen,  im  Verein  mit  frohen  Gespielen,  meist  den  eigenen 
Geschwistern,  Vettern  und  Basen,  die  Freude  an  der  Natur  und  spater,  unter 
Anleitung  des  lebenslustigen  und  lebenskraftigen  Vaters,  an  der  Jagd,  wech- 
selnde  Schulzeit,  die  ihn  bald  von  zu  Hause  fort  nach  Wetzlar  und  zum  Schlufi 
auf  das  Bonner  Gymnasium  fiihrte,  lieBen  in  ihm  innere  Freiheit  und  Selb- 
standigkeit,  praktische  Lebensklugheit  und  Lebensfreude  entstehen.  Er  war 
stets  ein  begabter  und  tiichtiger  Schiller,  der  sein  Abgangsexamen  » unter 
groBer  Auszeichnung«  bestand. 

Die  Berufswahl  bereitete  Schwierigkeiten.  Emil  fiihlte  sich  zu  den  Natur- 
wissenschaften,  besonders  zur  Physik  und  zur  Mathematik,  die  schon  auf  der 
Schule  sein  Iyieblingsfach  war,  hingezogen.  Der  Vater  hatte  den  einzigen  Sohn 
gern  als  Nachfolger  in  seinen  bltihenden  kaufmannischen  Unternehmungen 
gesehen.  Ein  kurzer  Versuch  der  Kaufmannslehre,  zu  der  der  Sohn  sich  bereit 
erklarte,  konnte  aber  die  Abneigung  nur  erhohen.  So  willigte  der  Vater  schlieB- 
lich  in  ein  Studium  ein,  freilich  das  der  Chemie,  von  der  er  sich  ein  ersprieB- 
lich-wirtschaftliches  Fortkommen  fur  den  Sohn  versprach.  Der  Beginn  des 
Studiums  wurde  aber  durch  eine  ernste  hartnackige  Darmkrankheit  verzogert. 
Zum  erstenmal  muBte  sich  Emil  F.  korperlich  gehemmt  fiihlen,  gerade  in  dem 
Augenblick,  wo  er  ein  Ziel,  das  Studium,  erreicht  hatte.  Noch  oft  hat  er  mit 
Krankheit  zu  hochst  ungelegener  Zeit  zu  kampfen  gehabt,  ein  Kampf,  der 
fur  ihn  und  fur  seine  Umgebung  schwer  und  verdrieBlich  war,  und  drohend 
mahnte,  daB  keine  verschwenderische  Fiille  von  Arbeitskraft  zur  Verfiigung 
stand,  daB  L,eistungen  fiir  ihn  dauernd  nur  bei  vorsichtigem  Haushalten  mit 
Kraft  und  Gesundheit  zu  erreichen  waren. 

Das  zunachst  in  Bonn  begonnene  Studium  wurde  vom  Herbst  1872  an 
in   StraBburg   bei  Adolf  v.  Baeyer  (s.  oben  S.  215  ff.)  fortgesetzt.    Die  Per- 


Eisner.  Fischer  370 

sonlichkeit  dieses  Lehrers  und  Forschers  war  entscheidend :  erst  jetzt  war 
Emil  F.  fur  die  Chemie,  die  ihm  in  Bonn  gerade  in  ihrem  praktischen  Teil 
noch  gar  nicht  gefallen  wollte,  endgiiltig  gewonnen.  Zwar  Schwierigkeiten 
gab  es  auch  jetzt  noch  genug  zu  iiberwinden.  Der  erste  Versuch  zur  Doktor- 
arbeit  scheiterte  klaglich  an  einer  Ungeschicklichkeit,  aber  dann  kam  in 
etwa  einjahriger  Anstrengung  eine  Arbeit  auf  dem  Gebiet  der  Fluoreszein- 
farbstoffe  zustande,  die  Emil  F.  im  Sommer  1874  zur  Doktorpromotion 
fiihrte. 

Trotz  des  nicht  besonders  glanzenden  Examens  hatte  Baeyer  den  kiinftigen 
ttichtigen  Chemiker  erkannt  und  iibertrug  ihm  eine  Assistentenstelle,  die  den 
jungen  Doktor  zu  seiner  ersten  selbstandigen  und  unerwarteten  Entdeckung, 
dem  Phenylhydrazin,  fiihrte,  das  seither  durch  F.s  Arbeit  und  die  anderer 
Chemiker  ein  unentbehrliches  Reagens,  ein  Ausgangsprodukt  fur  wertvolle 
Farbstoffe  und  pharmazeutische  Mittel  (z.  B.  Antipyrin)  geworden  ist. 

Vom  Winter  1875  an  arbeitete  F.,  zunachst  ohne  Anstellung  als  Privat- 
gelehrter,  in  Miinchen  wieder  bei  A.  v.  Baeyer,  der  als  Nachfolger  Liebigs 
dorthin  iibergesiedelt  war.  Nach  einer  kurzen  Unterbrechung,  die  ihn  noch- 
mals  nach  StraBburg  fiihrte,  vollendete  er  in  Miinchen  die  StraBburger  Ent- 
deckung und  habilitierte  sich  auf  Drangen  seines  Lehrers  Baeyer  im 
Jahr  1878  an  der  Miinchener  Universitat  fiir  das  Fach  der  Chemie.  In  die 
gleiche  Zeit  fallen  seine  Arbeiten  iiber  die  Rosanilinfarbstoffe,  die  er  zusammen 
mit  seinem  Vetter  Otto  F.  durchfuhrte.  Sie  brachten  —  nicht  ohne  geschick- 
ten  Kampf  gegen  andere  Ansichten  —  vollstandige  Klarheit  iiber  dies  Ge- 
biet, das  Wissenschaft  und  Technik  damals  in  gleichem  MaJ3  interessierte, 
und  die  Namen  der  beiden  F.  in  weiteren  Kreisen  bekannt  machte.  Im 
April  1879  wurde  F.  Leiter  der  Anorganischen  Abteilung  des  Miinchener 
Chemischen  Instituts  und  damit  gleichzeitig  a.o.  Professor  an  der  Universitat. 
Die  wissenschaftlichen  Erfolge  Emil  F.s  und  seine  Stellung  in  Miinchen  als 
Schiiler  Adolf  v.  Baeyers  fiihrten  schon  sehr  bald  zu  dem  ersten  Ruf  nach 
auswarts.  1880  bewarb  sich  Aachen  durch  das  preuBische  Unterrichtsmini- 
sterium  wiederholt  und  eindringlich  um  ihn.  Doch  lockte  ihn  das  Aachener 
Angebot  nicht,  und  erst  spater  gelang  es  Erlangen,  ihn  als  Nachfolger  Voll- 
hards  fiir  sich  zu  gewinnen. 

Im  April  1882  siedelte  er,  begleitet  von  mehreren  Schulern,  in  die  neue 
Stadt  iiber.  Sie  brachte  ihm  wissenschaftlich  und  personlich  trotz  der  kurzen 
Zeit,  die  er  dort  war,  wichtige  Grundlagen  fiir  sein  weiteres  L,eben. 

Das  damalige  Erlanger  Chemische  Institut  war  recht  diirftig.  Am  emp- 
findlichsten  war  der  Mangel  guter  Ventilation,  der  Gefahren  und  Schadigung 
fiir  Dozenten  und  Studenten  brachte.  Aber  der  voll  erwachte  Drang  Emil  F.s 
nach  Arbeit  und  Erfolg  iiberwand  oder  miBachtete  diese  Ubelstande.  Mit 
verschiedenen  Mitarbeitern  wurden  synthetische  Arbeiten  iiber  Indolderivate 
durchgefiihrt,  wurde  das  von  anderen  schon  vielfach  bearbeitete  Gebiet  der 
Harnsaure,  der  Purinderivate  in  Angriff  genommen,  wurden  schlieBlich  die 
ersten  Erfolge  in  der  Chemie  der  Zucker  errungen. 

Emil  F.  schaffte  aber  auch  in  seinem  Institut,  hier  wie  spater,  den  Boden, 
auf  dem  andere  gedeihen  konnten.  Eine  Anzahl  wichtiger  Arbeiten  junger 
Erlanger  Chemiker  ging  in  der  Zeit  neben  den  Arbeiten  des  Chefs  aus  dem 
Institut  hervor. 


380  1919 

1883  drohte  der  so  glucklich  begonnenen  wissenschaftlichen  Laufbahn 
Emil  F.s  ein  plotzliches  Ende.  Mit  alien  Mitteln  versuchte  die  Badische  Anilin- 
und  Sodafabrik  ihn  als  Leiter  ihres  Forschungslaboratoriums  zu  gewinnen. 
Doch  das  lockende  Angebot  konnte  den  Selbstandigkeitsdrang  und  die  Freude 
am  unabhangigen,  unbekiimmerten  wissenschaftlichen  Forschen  schliefilich 
doch  nicht  iiberwinden. 

Auch  ein  Angebot  im  folgenden  Jahr,  an  die  Eidgenossische  Technische 
Hochschule  in  Zurich  zu  gehen,  wurde  abgelehnt.  Und  doch  schlieflt  die  an 
Anerkennung  und  Erfolg  so  reiche  Erlanger  Zeit  mit  einem  erasten  Miflklang. 
Das  unbekiimmerte  Arbeiten  in  den  schlechten  Raumen  hatte  dem  noch  nicht 
EinunddreiBigjahrigen  schlieBlich  durch  Reizung  und  Erkaltung  der  At- 
mungswege  so  zugesetzt,  dafl  er  nach  erfolgloser  Erholungsreise  zu  Anfang 
des  Wintersemesters  1883  einen  einjahrigen  Urlaub  nehmen  mufite.  Ein  wech- 
selnder  Aufenthalt,  vornehmlich  auf  Korsika,  zuletzt  im  Schwarzwald,  brachte 
die  Gesundheit  zuriick.  Aber  sehr  ernst  und  eindringlich  war  auch  diesmal 
die  Mahnung  gewesen,  mit  seinen  Kraften  vorsichtiger  zu  sein. 

Inzwischen  war  das  Wurzburger  Chemische  Institut  frei  geworden.  Die 
Nachricht  von  F.s  Genesung,  von  der  sich  dann  die  Wurzburger  Fakultat 
aufs  drastischste  durch  einen  besonderen  Abgesandten  uberzeugte,  kam  gerade 
noch  rechtzeitig,  um  die  Wahl  auf  ihn  zu  lenken.  F.  nahm  ohne  Zogern  an. 

Das  neue  Laboratorium  war  auch  nur  wenig  geraumig  und  mangelhaft. 
Gewitzigt  durch  die  schlimmen  Erlanger  Erfahrungen,  konnte  aber  wenig- 
stens  der  Bau  gut  ventilierter  Abziige,  deren  behelfsmaflige  Konstruktion  F. 
selbst  erdachte,  durchgefiihrt  werden. 

Die  Wurzburger  Jahre  waren  fur  Emil  F.  die  glucklichsten  seines  Lebens. 
Vorlesung,  Institutsverwaltung  und  die  sonstigen  »Ordinariatsgeschafte«  lieBen 
ihm  immer  noch  genug  Zeit,  griindlichen  tatigen  Anteil  an  der  I,aboratoriums- 
arbeit  zu  nehmen.  Die  im  Sommer  1888  erfolgte  Ablehnung  eines  Rufes  nach 
Heidelberg  als  Nachfolger  Bunsens  wurde  von  der  bayerischen  Regierung  dank- 
bar  mit  der  Bewilligung  eines  lange  schon  beantragten  Institutsneubaus  an- 
erkannt,  dessen  mit  Sorgfalt  unter  Mitwirkung  von  F.  ausgearbeitete  Plane 
nach  Uberwindung  mancher  parlamentarisch-unerfreulicher  Widerstande  um 
1892  Wirklichkeit  werden  sollten.  Im  Institut  tatige,  selbstandig  arbeitende 
junge  Chemiker  brachten  bemerkenswerte  Resultate  heraus.  Der  auch  da- 
mals  durch  partikularistische  und  Konfessionsunterschiede  nicht  getriibte, 
ungezwungene  Verkehr  in  der  schonen  Mainstadt  mit  Bekannten  und  Kollegen 
brachte  manche  anregende  und  dauernde  Bindung  und  Freundschaft.  Emil  F. 
fand  in  Agnes  Gerlach,  der  Tochter  des  Erlanger  Anatomen,  eine  Braut,  die 
er  im  Februar  1888  heimfuhrte. 

t)ber  allem  aber  stehen  die  wissenschaftlichen  Erfolge  dieser  Jahre:  neben 
Vollendung  der  Indolarbeiten  ging  mit  einer  Schar  tiichtigster  Mitarbeiter, 
die  sich  in  Eifer  um  den  anfeuernden  und  manchmal  recht  gestrengen  Lehrer 
zusammenfanden,  die  vielleicht  groBte  Arbeit  des  Meisters  ihrem  Gipfelpunkt 
entgegen.  Es  gelang  ihm,  in  dem  Wirrwarr  von  Substanzen  und  Reaktionen, 
die,  ohne  Zusammenhang  und  haufig  einander  widersprechend,  auf  dem  Ge- 
biet  der  Zucker  schon  dam  als  vorlagen,  durch  konsequente  Anwendung  van't 
Hoffscher  Ansichten  iiber  den  Aufbau  der  Molekiile  im  Raum  systematische 
Klarheit  zu  schaffen  und  diese  Klarheit  in  fiir  die  damalige  Zeit  iiberaus 


Fischer  38 1 

schwierigen  synthetischen  Versuchen  zu  erharten  und  zu  beweisen.  Die  Losung 
einer  solchen  Aufgabe  ist  die  eines  genialen  Entdeckers,  der  in  dem  Nichts 
zwischen  einzelnen  mafiig  bekannten  Landern  Verkniipfung  und  Verbindung 
manchmal  errechnet,  haufiger  nur  ahnt,  immer  aber  unter  Einsatz  seines 
ganzen  Konnens  und  seiner  ganzen  Personlichkeit  bis  hinunter  zur  kleinsten 
Einzelheit  die  Reise  mit  alien  Enttauschungen,  Irrwegen  und  Entbehrungen, 
manchmal  sogar  gegen  meuternde  Mannschaft,  bis  zum  ersehnten  oder  un- 
erwarteten  »Land,  Land*  als  Fuhrer  durchkampfen  muB. 

1890  hielt  F.  in  Berlin  auf  Einladung  der  Deutschen  Chemischen  Gesellschaft, 
mit  der  er  seitdem  in  steter  personlicher  Fuhlung  geblieben  ist,  die  er  zwolf- 
mal  im  Lauf  der  Jahre  als  President  und  Vizeprasident  zu  vertreten  und  zu 
fuhren  hatte,  einen  zusammenfassenden  Vortrag  iiber  seine  bisher  erreichten 
Ziele  auf  dem  Gebiet  der  Zucker.  Der  tiefe  Eindruck  laBt  sich  nicht  besser 
schildern  als  durch  die  Worte,  die  ein  auch  gegen  Emil  F.  sehr  kritisch  ein- 
gestellter  Zuhorer  spater  in  einem  Nachruf  veroffentlichte :  » Ich  habe  niemals 
einen  besseren  Vortrag  nach  Form  und  Inhalt,  voll  Leidenschaft  und  doch 
voll  edler  MaBigung  gehort,  der  ganz  groBe  Forscher  trat  darin  klar  zutage. 
Emil  F.  wurde  fiir  uns  das  MaB  fiir  alle  anderen  Persdnlichkeiten. « 

Kein  Wunder,  daB  bald  nach  dem  Ableben  A.  W.  v.  Hofmanns  der  Lehr- 
stuhl  fiir  Chemie  in  Berlin  von  Fakultat  und  Regierung  dem  erst  vierzigjahrigen 
Emil  F.  angetragen  wurde.  Kein  Wunder  aber  auch,  daB  dieser  lange  zogerte. 
Ein  harmonischeres  Leben  in  Arbeit,  Erfolg  und  Freude  konnte  ihm  Berlin 
trotz  Anregung  und  Arbeitsmoglichkeit  nicht  bieten.  Nach  genauer  Besichti- 
gung,  nach  manchem  Schwanken  entschloB  er  sich  doch  schlieBlich  zur  An- 
nahme  des  Rufs. 

Wir  diirfen  fiir  diese  Entscheidung  dankbar  sein.  Denn  erst  in  der  einfluB- 
reichen  Umgebung  der  GroB-  und  Hauptstadt  kam  F.s  Wissenschaft  und  Per- 
sonlichkeit zu  der  machtvollen  Entfaltung,  deren  Friichte  heute  und  noch 
auf  lange  Zeit  hinaus  alle  Richtungen  der  Chemie  mehr  oder  weniger  bewuBt 
und  dankbar  genieBen. 

Die  erste  Zeit  in  Berlin  brachte  mancherlei  Unannehmlichkeit  und  Ent- 
tauschung.  Im  Ministerium  bedurfte  es  erst  sehr  deutlicher  Unterredungen 
und  des  Einsatzes  der  ganzen  Personlichkeit,  um  das  bei  der  Berufung  sicher 
Versprochene  auch  durchzusetzen.  Eine  groBe  Anzahl  unerwarteter  und  un- 
erwiinschter  Nebengeschafte  lagen  auf  der  von  Hofmann  ererbten  Stellung 
und  raubten,  zusammen  mit  der  vermehrten  Last  des  groBeren  Ordinariats, 
viel  kostbare  Zeit  und  Kraft.  Die  Instandsetzung  des  Instituts,  vor  allem  auch 
hier  die  Einrichtung  der  gesundheitlich  so  dringenden  Ventilation,  wurde  nur 
provisorisch  betrieben  mit  Riicksicht  auf  den  in  Aussicht  gestellten  Neubau, 
dessen  Vollendung  sich  dann  doch  noch  acht  Jahre  hinzog.  Schwerstes  Leid 
brachte  ihm  das  Jahr  1895.  Es  starb  seine  Frau,  die  ihm,  dem  Vielbeschaftigten, 
seine  wenigen  MuBestunden  behaglich  gemacht  und  verschont  hatte,  die  ihm, 
das  sah  er  am  Verlust  mit  trauernder  Deutlichkeit,  die  Grundlage  und  Ruhe 
seines  Heims  geworden  war.  Es  ist  nicht  zu  verwundern,  daB  er  sich  von  Ver- 
kehr  und  gesellschaftlichen  Vergniigungen  mehr  und  mehr  zuriickzog,  daB  sich 
bei  ihm  jene  Unnahbarkeit  des  inneren  Menschen  herausbildete,  die  fiir  seine 
spatere  Zeit  charakteristisch  war  und  blieb.  So  liebenswiirdig  und  gewinnend 
er  im  Umgang  mit  Menschen  sein  konnte,  so  behaglich  man  sich  bei  ihm  zu 


382  1919 

Hause,  besonders  in  seinem  Sommerheim  in  Wannsee,  fiihlte,  nur  ganz  selten 
hat  er  Einblicke  in  sein  inneres  Menschentum  tun  lassen.  Auch  in  seiner  Selbst- 
biographie,  so  anziehend  und  fesselnd  sie  geschrieben  ist,  halt  er  diese  Schran- 
ken  anfrecht,  die  sich  so  leicht  bei  Einsamen  ausbilden  und  die  bei  Emil  F. 
wesentlich  fur  den  groBen  Eindruck  seiner  Personlichkeit  waren. 

Die  Tatigkeit  in  der  Fakultat,  die  er  fur  zu  zahlreich  hielt  und  in  der  er 
das  numerische  Ubergewicht  der  Geisteswissenschaften  als  storend  und  den 
Naturwissenschaften  abtraglich  empfand,  sagte  ihm  wenig  zu.  Sehr  viel  wohler 
fiihlte  er  sich  in  der  PreuBischen  Akademie  der  Wissenschaften,  zu  deren  Mit- 
gliedern  zu  zahlen  er  bis  in  sein  Alter  besonders  stolz  war.  RegelmaBig  betei- 
ligte  er  sich  an  ihren  Sitzungen,  in  denen  er  haufig  Vortrage  hielt.  Das  Reden 
fiel  ihm  trotz  seiner  langjahrigen  Ubung  nie  leicht.  Er  glaubte  sich  stets  aufs 
sorgfaltigste  vorbereiten  zu  mtissen  und  fuhrte  dies,  wo  er  nur  irgend  konnte, 
aufs  gewissenhaf teste  durch,  so  gewissenhaft,  daB  haufig  bei  der  Wiedergabe 
des  Vorbereiteten  sein  Gedachtnis  die  Hauptarbeit  iibernahm.  Aber  trotzdem 
wuBte  er  seinem  Vortrag  den  Charakter  des  eben  Entstehenden  zu  geben. 
Und  besonders  fesselte  die  Zuhorer,  daB  er  sie  dauernd  mit  seinen  ausdrucks- 
vollen  Augen  ansah,  so  daB  jeder  das  Gefuhl  haben  konnte,  an  ihn  ganz  per- 
sonlich  sei  die  Rede  gerichtet. 

Mit  der  Muhe  und  Arbeit,  die  er  auf  das  Reden  verwandte,  hangt  zusammen, 
daB  er  die  Vorlesung  mehr  und  mehr  als  Last  empfand.  Das  Gefuhl,  er  muBte 
seine  Zeit  nutzbringender  verwenden,  steigerte  sich.  Trotz  mancher  Wider- 
spriiche  gelang  es  ihm  schlieBlich,  erst  die  halbe,  dann  die  ganze  Experimental- 
vorlesung  an  jiingere  Krafte  abzugeben. 

Die  gewonnene  Zeit  wurde  fur  die  Forschung  frei,  der  er  sich  mit  einer 
stattlichen  Zahl  von  Assistenten  und  Mitarbeitern  widmete.  Nur  zu  einer 
Gelegenheit  sahen  ihn  die  Promovierten  seines  Instituts  regelmaBig  bis  in  die 
letzten  Wochen  seines  Lebens  im  Horsaal,  im  Freitags-Kolloquium,  das  so 
recht  der  Mittelpunkt  fur  das  wissenschaftliche  Leben  seines  Instituts  wurde. 
Meist  neuerschienene  Arbeiten,  manchmal  auch  im  Institut  von  Schulern  oder 
von  selbstandig  Arbeitenden  gewonnene  Ergebnisse  wurden  vorgetragen  und 
unterlagen  dann  dem  raschen  und  in  der  Regel  sehr  klaren  und  treffenden 
Urteil  des  aufmerksam  zuhorenden  Meisters. 

Im  Verkehr  mit  seinen  Mitarbeitern  war  er  von  erstaunlicher  Frische  und 
Lebendigkeit.  Bis  an  die  zwanzig  Arbeiten  waren  es  zeitweise,  deren  Leitung 
er  hatte  und  die  irgendeinen  kleineren  oder  groBeren  Baustein  zu  seinen  Ge- 
bauden  liefern  sollten.  Nur  wenige  Augenblicke  der  Uberlegung,  und  er  war 
bei  seinen  fast  taglichen  Besuchen  beim  Einzelnen  im  Bilde  iiber  den  Stand 
der  Arbeit,  iiber  die  Schwierigkeiten,  die  er  manchmal  durch  eine  kurze  Be- 
merkung  oder  durch  einen  Reagenzglasversuch  aus  dem  Wege  zu  raumen 
wuBte.  Bei  solchen  Gelegenheiten  muBte  man  immer  wieder  seine  Geschick- 
lichkeit,  die  Scharfe  seiner  Beobachtung  bewundern,  die  haufig  iiber  das  auch 
fur  andere  Sichtbare  hinaussprang  und  sich  hinterher  doch  oft  als  richtig 
erwies.  Er  verlangte  viel  FleiB  und  Hingabe  von  seinen  Mitarbeitern ;  er  konnte 
manchmal  fast  allzu  herrisch  seine  Ansicht  und  ihre  Durchfiihrung  bei  irgend- 
einem  Versuch  fordern.  Aber  er  war  im  groBen  wie  im  kleinen  unbedingt  ein 
Anhanger  des  Erfolges,  auch  wenn  dieser  entgegen  seiner  urspriinglichen  An- 
sicht erfochten  war  und  ihm  bewiesen  wurde.  Freilich,  dieser  Beweis  war  nicht 


Fischer  383 

leicht,  denn  F.  war  gern  geneigt,  zunachst  irgendeinen  Fehler,  irgendeine  Un- 
geschicklichkeit  oder  Dummheit  vorauszusetzen ;  er  hatte  deren  wohl  genug 
erlebt  und  behielt  sie  mindestens  ebenso  sicher  im  Gedachtnis  wie  die  Erfolge. 
Aber  die  groBe  Mehrzahl  seiner  Schiiler  hat  ihm  stets  treue  Anhangerschaft 
gewahrt  und  rechnet  die  Zeit  der  Doktoranden-  oder  Assistentenarbeit  unter 
ihm  zu  den  schonsten  ihres  Lebens. 

Als  endlich  der  Neubau  des  Instituts  bewilligt  war,  ein  Erfolg,  an  dem 
auch  die  Unterstutzung  der  chemischen  Industrie  ihren  wertvollen  Anteil 
hatte,  widmete  sich  F.  auch  dieser  Aufgabe  mit  vollstem  Interesse.  Seine 
Erf ahrungen  auf  diesem  Gebiet,  sein  praktischer  Blick  schufen  in  sorgf altiger 
Arbeit  gemeinsam  mit  verstandnisvollen  Baumeistern  das  Gebaude  in  der 
Hessischen  StraBe,  das  fur  viele  ahnliche  Bauten  ein  gluckliches  Vorbild  ge- 
worden  ist.  Die  ubersichtliche  zeitsparende  raumliche  Gliederung,  die  Fiille 
von  Licht  und  Raum,  die  wechselnden  Bediirfnissen  der  verschiedensten 
Richtungen  der  Chemie  auch  heute,  nach  mehr  als  25  Jahren,  noch  nach- 
kommen  kann,  ist  besonders  von  dem  zu  wurdigen,  der  aus  diesem  Institut 
in  ein  vielleicht  prachtigeres,  aber  lange  nicht  so  iiberlegt  gebautes  verschlagen 
wird.  F.  hatte  gern  seinem  Institut  eine  physikalisch-chemische  Abteilung 
angegliedert  und  damit  Unterricht  und  wissenschaftliches  Leben  in  dem 
Institut  vervollstandigt  und  abgerundet,  doch  hat  er  auf  Wunsch  seiner 
Kollegen  van't  Hoff  und  Landolt  davon  abgesehen. 

Im  ersten  Jahrzehnt  seiner  Berliner  Zeit  wurde  das  Gebiet  der  Purine  einer 
grtindlichen  Revision  und  Ausarbeitung  unterzogen.  So  wichtige  Substanzen 
wie  Theobromin  und  Kaffein  wurden  genau  festgelegt  und  der  Synthese,  auch 
der  technischen,  zuganglich  gemacht.  Weiter  wurde  die  Untersuchung  der 
Zucker  gefordert.  Die  Erfolge  auf  diesen  beiden  Gebieten  waren  so  allseitig 
anerkannt,  so  abgerundet  und  vollstandig,  daB  sie  als  Hochst-  und  Muster 
leistung  organisch-chemischer  Forschung  im  Jahre  1902  Emil  F.  den  Nobel- 
preis  fur  Chemie,  den  zweiten  seiner  Art  iiberhaupt,  eintrugen.  Dem  damit 
so  gut  durchforschten  und  fast  abgeschlossenen  Gebiet  der  Purine  erbliihte 
noch  zu  F.s  Lebzeiten  eine  neue  wichtige  Zukunft  dadurch,  daB  sie  als  Be- 
standteile  des  Zellkerns  der  Nucleine  erkannt  wurden.  F.  hat  in  dieser  Rich- 
tung  synthetisch  noch  mitgearbeitet. 

Das  Gebiet  der  Zucker  hat  ihn  dauernd  gefesselt.  Denn  so  vollstandig  das 
Bild  der  einfachen  Zucker  aufgestellt  schien,  so  wenig  weit  waren  seine  Vor- 
stoBe  in  das  Reich  der  zusammengesetzten  Zucker  vorgedrungen.  Erst  seit- 
dem  die  iiberragende,  freilich  damit  auch  manchmal  dnickende  Fiihrung 
Emil  F.s  auf  diesem  Gebiet  geschwunden  ist,  fangt  es  auch  in  weiteren  chemi- 
schen Kreisen  an  klar  zu  werden,  welch  reiche  Zukunft  noch  in  der  Richtung 
liegt,  wieviel  sich  auf  dem  breiten  und  sicheren  Fundament  der  Zuckerarbeiten 
Emil  F.s  aufbauen  laBt. 

Bald  nach  1900  wandte  sich  Emil  F.  einem  neuen  Gebiet  zu.  Er  wagte  sich 
an  die  systematische  Erforschung  der  EiweiBsubstanzen  stickstoffhaltiger 
Produkte  der  lebenden  Welt,  die  in  so  verschiedenen  Formen  vorkommen  — 
um  nur  einige  zu  nennen:  HiihnereiweiB,  Kasein,  Leim,  Horn,  Haut,  Seide, 
Wolle  —  und  die,  wie  sich  bestatigend  herausstellte,  vieles  Gemeinsame,  be- 
sonders die  einfachsten  Bausteine,  die  Aminosauren,  aufweisen.  Die  Arbeiten 
brachten  neue  fruchtbare  Methoden  des  analytischen  Abbaus.  Daniber  hinaus 


384  J9I9 

brachten  sie  eine  neue  Methode  iiberhaupt,  solche  schwer  charakterisierbaren, 
als  einheitliche  Substanzen  auch  heute  noch  nicht  sicher  erkennbaren  Stoffe 
zu  erforschen:  es  wurden  aus  den  bekannten  Bausteinen  synthetisch,  wenn 
auch  nicht  gleiche,  so  doch  ahnliche  Substanzen  gewonnen  und  mit  den  natur- 
lichen  zum  Vergleich  gebracht.  Die  Erfolge  dieser  Arbeiten,  die  wie  eine  Fackel 
plotzlich  helles  Licht  auf  ein  wirres  und  wiistes  Durcheinander  warfen  und 
die  erste  Klarheit  hineinbrachten,  erregten  groBtes  Aufsehen,  ja  sie  wurden 
zum  Arger  Emil  F.s  von  der  Tagespresse  aufgegriffen  und,  wie  es  leicht  in 
solchen  Fallen  geschieht,  erheblich  iibertrieben.  Heute  weiB  die  Chemie  besser 
noch  als  damals,  wieviel  ihr  noch  an  Beherrschung  der  EiweiBchemie  fehlt. 
Und  doch,  welche  Fulle  von  sicherem  Material  steckt  in  den  F.schen  Arbeiten, 
die  fur  jede  EiweiBforschung,  mag  sie  der  Chemiker,  der  Mediziner,  der  Biologe 
zu  theoretischen  oder  praktischen  Zwecken  betreiben,  die  Grundlage  sind  und 
immer  bleiben  werden. 

In  ahnlicher  Weise  hat  F.  noch  ein  weiteres  Gebiet  behandelt,  das  der  Gerb- 
stof  f  e,  und  die  erhaltenen  Resultate  auf  der  Naturf  orscherversammlung  in  Wien, 
der  letzten  vor  dem  Kriege,  einem  begeisterten  groBen  Publikum  vorgetragen. 

Zucker,  EiweiB  und  Gerbstoffe  brachten  F.  in  nachste  Beruhrung  mit 
biologischem  Geschehen  und  damit  in  Beruhrung  mit  den  Fermenten.  GroBes, 
zeitweise  groBtes  Interesse  fanden  bei  ihm  diese  unbekannten,  nur  an  ihrer 
Wirkung  erkennbaren  Stoffe,  zu  deren  Erforschung  er  wichtigste  Pionierarbeit 
leistete. 

Aus  der  groBen  Zahl  anderer  Arbeiten  seien  nur  noch  einige  gestreift,  die 
nicht  nur  wissenschaftliche,  sondern  auch  erhebliche  technische  Erfolge  be- 
deuteten:  Veronal,  Sajodin  und  Elarson  sind  Mittel,  bei  deren  Synthese  und 
Einfuhrung  F.  als  Chemiker  fiihrend  beteiligt  war. 

Zu  dieser  gewaltigen  Lebensarbeit  des  Chemikers  kommt  als  Ergebnis  der 
letzten  Jahre  vor  dem  Krieg  noch  ein  weiteres  groBes  Erbteil,  das  in  anderer 
Weise,  aber  vielleicht  in  noch  hoherem  MaBe,  fruchtbar  geworden  ist.  Er 
selbst  fiihlte  in  Berlin,  wie  viel  wertvolle  Zeit  durch  seine  Lehrtatigkeit 
dem  Forscher  entzogen  wurde.  Er  sehnte  sich  wohl  manches  Mai  nach  For- 
schung  ohne  die  Miihe  und  Ablenkung  der  Lehre.  Und  freudig  ergriff  er  die 
Moglichkeit,  wenn  auch  nicht  fiir  sich,  so  doch  fiir  andere  in  Deutschland 
solche  Statte  zu  schaffen :  der  zunachst  gef aBte  Plan  einer  Chemischen  Reichs- 
anstalt  ging  nach  einigen  Jahren  in  einem  groBeren  Plane  auf.  Zusammen 
mit  Harnack  und  anderen  gelang  es  ihm,  den  Kaiser  und  damit  weite  gebe- 
freudige  Kreise  Deutschlands  fiir  den  Plan  der  Errichtung  von  Forschungs- 
instituten  zu  gewinnen,  deren  erste,  der  Chemie,  der  physikalischen  und  Elek- 
trochemie  dienend,  im  Jahre  19 12  eingeweiht  wurden,  und  denen  sich, 
immer  weitere  Kreise  ziehend,  andere  Institute  zu  der  imposanten  Gemein- 
schaft  der  Kaiser- Wilhelm-Institute  in  alien  Teilen  des  Reiches  und  dariiber 
hinaus  angegliedert  haben. 

Emil  F.  hat  nur  das  erste  Aufbluhen  dieser  groBen  Schopfung  miterlebt. 
Der  Krieg  unterbrach  mit  drohenden  Forderungen  des  Augenblicks  die  wissen- 
schaftliche Forschung  auch  an  diesen  Instituten.  Sie,  wie  ganz  Deutschland, 
wurden  dem  verteidigenden  Ringen  dienstbar  gemacht. 

Emil  F.  hat  in  der  ersten  Zeit  trotz  des  sofort  erkannten  Ernstes  der  Lage 
zuversichtlich  seine  Kenntnisse  und  seine  Personlichkeit  helfend  zur  Ver- 


Fischer  385 

fiigung  gestellt.  Aber  schwere  Verluste,  der  Tod  der  beiden  jiingeren  Sohne, 
eigene  Krankheit  und  nicht  zuletzt  der  f riihe  Einblick  in  die  unlosbaren  Auf- 
gaben,  die  dem  Vaterlande  erwuchsen,  lieBen  in  ihm  eine  tief-pessimistische 
Stimmung  aufkommen.  Trotzdem  hat  er  in  verschiedenen  Korperschaften, 
besonders  bei  der  Rohstoffbeschaffung  bis  znm  SchluB  beratend  und  organi- 
sierend  mitgewirkt  und  dabei  durch  seine  Personlichkeit  und  seine  praktische 
Klugheit,  der  sich  auch  die  willig  unterordneten,  die  sonst  an  Nachgeben  wenig 
gewohnt  waren,  AuBerordentliches  geniitzt  und  geholfen.  DaB  er  selbst  in 
schlimmster  Zeit  an  den  Wiederaufbau  glaubte,  beweist  seine  Fiirsorge  bei 
der  Griindung  des  Justus  Liebig-Vereins  zur  Forderung  des  chemischen  Unter- 
xichts,  der  heute  sein  segensreiches  Wirken  ausiibt  und  dem  sich  zwei  weitere 
Vereine,  »Zur  Forderung  der  chemischen  Forschung*,  den  Namen  F.s  selbst 
tragend,  und  »Zur  Forderung  der  chemischen  Literatur«,  nach  A.  v.  Baeyer 
genannt,  angeschlossen  haben.  In  alien  drei  Vereinen  lebt  und  wirkt  der  Geist 
der  Zusammengehorigkeit  von  Wissenschaft  und  Technik,  fur  den  Emil  F. 
stets  ein  leuchtender  Fiihrer  war. 

Nach  dem  Krieg,  nach  Uberwindung  der  schlimmsten  Nachkriegszeit,  unter 
der  Emil  F.  seelisch  und  korperlich  litt,  schien  aber  seine  alte  Frische  und 
Spannkraft  wiederzukehren.  Er  f rente  sich  der  Studenten  und  Mitarbeiter 
und  ihrer  groBen  und  unerwarteten  Arbeitsfreudigkeit.  Er  selbst  fuhrte  alte 
Arbeiten  weiter,  ja  er  wandte  sich  einem  neuen  Gebiet,  dem  der  Fette  zu. 
Aber  Jammer,  Sorgen  und  Krankheit  des  Krieges  waren  doch  nicht  spurlos 
an  ihm  voriibergegangen.  Ein  tiickisches  Leiden,  gegen  das  er  selbst  einmal 
mit  chemischen  Mitteln  zu  Felde  gezogen  war,  Krebs,  hatte  ihn  ergriffen  und 
meldete  sich  am  11.  Juli  1919  mit  nicht  mehr  zu  verkennender  Gewalt  und 
Unerbittlichkeit.  Emil  F.  bestellte  sein  Haus,  er  fand  noch  Zeit  und  Kraft, 
durch  eine  besondere  Stiftung  an  die  PreuBische  Akademie  der  Wissenschaften 
jungen  aufstrebenden  Chemikern  zu  helfen.  Dann  brach  sein  Wille  zum  Leben. 
Er  starb  am  15.  Juli  1919. 

Der  Tod  eines  GroBen  im  Reich  der  Wissenschaft,  besonders  eines  Mannes, 
der  noch  mitten  im  Leben  und  Schaffen  stand,  hatte  in  normaler  Zeit  viel 
plotzlicher  geschmerzt.  Erst  allmahlich,  zunachst  naturlich  in  Deutschland, 
dann  aber  auch  trotz  aller  Verwirrung  dariiber  hinaus,  wurde  und  wird  es 
klar,  welch  Hohepunkt,  welche  Vollendung  in  Emil  F.  dahingegangen  ist.  So 
blendend  ist  fur  viele  sein  Licht,  daB  sie  das  Gefiihl  haben,  in  Emil  F.s  eigenster 
Richtung,  in  der  organischen  Chemie  sei  dieser  Hohepunkt  nicht  mehr  zu  er- 
reichen  oder  zu  iibertreffen. 

Literatur:  Emil  F.,  Aus  meinein  Leben  (Selbst biographie) ,  1922.  —  Kurt  Hoesch, 
Kmil  F.,  sein  Leben  und  sein  Werk  (im  Auftrag  der  Deutschen  Chemischen  GeseUschaf t) , 
Berlin  und  Leipzig  1921.  —  Emil  F.s  Gesammelte  Werke,  z.  T.  noch  von  E- P.,  z.  T. 
herausgegeben  von  M.  Bergmann.  —  Untersuchungen  iiber  Aminosauren,  Polypeptide 
und  Proteine  1906.  —  Untersuchungen  in  der  Puringruppe,  1907.  —  Untersuchungen 
iiber  Kohlehydrate  und  Fermente,  1909.  —  Untersuchungen  iiber  Depside  und  Gerbstoffe, 
19 1 9-  —  Untersuchungen  iiber  Kohlehydrate  und  Fermente  II,  1922.  —  Untersuchungen 
iiber  Triphenylmethanfarbstoffe,  Hydrazine  und  Indole,  1924.  —  Untersuchungen  aus 
verschiedenen  Gebieten,  Vortrage  und  Abhandlungen  allgemeinen  Inhalts,   1924. 

Greifswald.  Burckhardt  Helferich. 


DBJ  25 


386  1919 

.  Fritzen,  Adolf,  Bischof  von  Straflburg,  *  am  30.  Juli  1838  in  Cleve,  f  am 
7.  August  1919  zu  StraBburg  i.  E.  —  Altester  Sohn  des  Architekten  Bernhard 
F.,  besuchte  er  das  Bischofliche  Gymnasium  in  Gaesdonk  und  studierte  1858 
bis  1862  Theologie  zu  Tubingen  und  Minister,  wo  er  am  16.  August  1862  zum 
Priester  geweiht  wurde.  Dann  betrieb  er  historische  und  philologische  Studien 
in  Berlin  und  Bonn  und  bestand  eine  glanzende  Staats-  und  Doktorpriifung  in 
Miinster.  Aus  dieser  Studienzeit  datiert  seine  fiir  das  Leben  geschlossene 
Freundschaft  mit  dem  Graf  en  v.  Hertling  (s.  unten  S.  416  ff.).  Von  1865  bis 
1874  wirkte  F.  als  Lehrer  in  Gaesdonk.  Mit  welchem  Erfolg  er  hier  die  Geschichte 
lehrte,  hat  einer  seiner  Schiiler,  der  General  der  Artillerie  Anton  v.  Kersting  in 
seinem  Erinnerungsbuch  »  Gaesdonk  «  (Koln  1918)  anziehend  beschrieben.  1874 
folgte  er  einem  Rufe  des  Prinzen  und  nachmaligen  Konigs,  Georg  von  Sachsen, 
der  ihn  zum  Hofkaplan  und  Erzieher  seiner  drei  Sonne  ernannte.  13  Jahre 
wirkte  er  hier  und  erwarb  sich  die  Verehrung  und  Liebe  seiner  Zoglinge,  von 
denen  der  eine,  Friedrich  August,  dem  Vater  auf  dem  Throne  folgte,  der  zweite, 
Max,  nach  dem  Verlassen  der  militarischen  Laufbahn  Priester  wurde.  Ostern 
1887  ubernahm  F.  die  Stelle  eines  Studiendirektors  an  der  bischoflichen  Lehr- 
anstalt  Montigny  bei  Metz,  wo  er  Lehrer  und  Schiiler  durch  sein  vornehmes 
und  gutiges  Wesen  fiir  sich  gewann. 

Als  durch  den  Tod  des  Bischof s  Stumpf  (f  10.  August  1890)  der  StraBburger 
Bischof sstuhl  erledigt  wurde,  war  die  Regierung  entschlossen,  keinen  ein- 
heimischen  Kandidaten  der  Kurie  vorzuschlagen.  Gegen  eine  Ernennung 
Korums  (s.  DBJ.  1921,  S.  170),  der  im  Kultusministerium  Freunde  hatte, 
wandte  sich  Caprivi.  Die  Personlichkeit  F.s,  auf  die  man  sich  einigte,  war  in 
Rom  genehm,  auch  die  Quertreibereien  einiger  elsassischer  Bischofskandidaten, 
die  in  der  Pariser  Zeitung  »La  Defense  «  ihre  Minen  springen  lieBen  und  den 
Untergang  des  elsassischen  Katholizismus  prophezeiten,  falls  ein  Altdeutscher 
Bischof  wiirde,  vermochten  nicht  zu  hindern,  daJ3  bereits  am  18.  Januar  1891 
die  StraBburger  Behorde  von  der  bevorstehenden  Prakonisierung  F.s  ver- 
standigt  wurde.  Dies  geschah  am  1.  Juni  1891.  Auf  besonderen  Wunsch  F.s 
wurde  ihm  ein  elsassischer  Weihbischof,  der  ehemalige  Miinsterpfarrer  Mar- 
bach  beigegeben;  am  21.  Juli  fand  die  Bischof sweihe  statt.  Das  anfanglich  dem 
neuen  Bischof  von  dem  Klerus  entgegengebrachte  MiBtrauen  verstand  er  durch 
sein  offenes,  gewinnendes  Wesen  und  seinen  ausschlieBlich  auf  kirchliche  Dinge 
gerichteten  Sinn  bald  zu  zerstreuen.  Denn  was  die  Gegner  seiner  Wahl  vorher 
befiirchtet  und  verkundet  hatten:  dafi  der  Bischof  sein  Amt  in  den  Dienst 
politischer  Zwecke  stellen  wiirde,  traf  nicht  ein.  Auch  jene,  die  dies  erhofften 
und  erwarteten,  wurden  bald  enttauscht  und  machten  in  der  Presse  auch  kein 
Hehl  daraus.  (Vgl.  den  7.  der  beruhmten  Spektatorbriefe  von  Fr.  X.  Kraus  in 
der  »Allgemeinen  Zeitung «  1896.)  Wenn  F.  auch  die  politische  Entwicklung 
seiner  Zeit  aufmerksam  verfolgte,  wozu  ihm  der  enge  Verkehr  mit  seinen  Brii- 
dern  Karl  und  besonders  Aloys,  die  beide  als  Abgeordnete  dem  Reichstag  und 
PreuBischen  Landtag  angehorten,  vielfache  Anregung  bot,  so  ist  F.  nur  einmal 
hervorgetreten,  und  zwar  gegen  die  StraBburger  Regierung  in  dem  sog.  Kom- 
petenzstreit,  als  er  anfangs  191  o  gelegentlich  des  Konfliktes  der  Bischof e  von 
Metz  und  StraBburg  mit  den  Lehrern  in  einem  offenen  Schreiben  an  den  Staats- 
sekretar  Zorn  von  Bulach  (s.  DBJ.  1921,  S.  281)  diesem  gegeniiber  den  Vor- 
wurf  der  Kompetenziiberschreitung  und  des  Eingrifls  in  das  Gebiet  staatlicher 


Fritzen  387 

Befugnisse  abwies.  Dagegen  fanden  die  Wiinsche  def  Regierung  fur  die  im 
Herbst  1903  der  StraBburger  Universitat  angegliederten  theologischen  Fakultat 
seine  voile  Unterstiitzung,  auch  gegen  die  Opposition  eines  groBen  Teils  des 
Klerus.  Im  Jahre  1919,  als  Rom  wegen  der  geanderten  politischen  Xage  die 
mit  der  deutschen  Regierung  iiber  die  theologische  Fakultat  geschlossene  Kon- 
vention  als  aufgehoben  betrachtete,  erreichte  es  F.  bei  der  Kurie,  daB  die 
Fakultat  erhalten  blieb. 

Mehr  als  einmal  in  seinem  langen  Bischofsleben  war  zwar  seine  Person  von 
den  politischen  Wogen  umbrandet,  ofters  wurde  kiinstlich  versucht,  Zwiespalt 
zu  saen  zwischen  ihrn  und  seiner  Diozese,  oft  brachte  seine  exponierte  Stel- 
lung  auf  einem  Bischofsstuhl  der  Reichslande  inn  in  kritische  Lagen.  Stets 
aber  haben  sein  sicheres  Urteil,  seine  nihige  Klarheit,  seine  Selbstlosigkeit  und 
die  hone  Auffassung  seines  bischoflichen  Amtes  ihrn  den  richtigen  Weg  ge- 
wiesen,  der  Schwierigkeiten  Herr  zu  werden.  Sein  Urteil  in  politischen  Dingen 
war  urn  so  weniger  voreingenommen  und  um  so  ungetriibter,  als  seine  Haupt- 
tatigkeit  auf  innerkirchlichem  Gebiete  lag. 

Von  tiefer  Religiositat  und  echter  Frommigkeit  beseelt,  lag  ihrn  die  Pflege  des 
religiosen  und  kirchlichen  Lebens  besonders  am  Herzen.  Der  spatere  elsassische 
Kirchenhistoriker  wird  F.s  Pontifikat  als  ein  ungemein  segensvolles  zu  bezeich- 
nen  haben.  Der  Kirchengesang  erfuhr  unter  ihrn  eine  durchgreifende  Reform. 
Die  liturgischen  Biicher  wurden  neu  herausgegeben.  1907  erschien  ein  neuer 
Diozesankatechismus.  Viele  religiose  Genossenschaften  erhielten  durch  F.s  Be- 
miihungen  ZulaB.  Z weeks  innerer  Reformen  rief  er  die  seit  1687  unterbrochene 
Einrichtung  der  Diozesansynoden  wieder  ins  Leben.  Dem  religiosen  und 
sozialen  Vereinswesen  widmete  er  besondere  Sorgfalt.  Im  Interesse  der  reli- 
giosen Toleranz  arbeitete  er  mit  Erfolg  an  der  Abschaffung  der  Simultan- 
kirchen.  Von  seiner  versohnlichen  Gesinnung  zeugt  auch  die  bei  Kriegsanfang 
getroffene  Anordnung,  daB  in  rein  katholischen  Orten  die  evangelischen 
Truppenteile  die  Ortskirche  benutzen  konnten,  was  ihrn  von  Protestanten  hoch 
angerechnet  wurde.  Die  im  Reiche  zerstreuten  elsassischen  Kriegsfluchtlinge 
hatten  an  ihrn  einen  fursorglichen  Vater. 

Als  er  nach  KriegsschluB  sich  von  der  franzosischen  Regierung  vdllig  igno- 
riert  sah,  schrieb  Bischof  F.  im  Dezember  19 18  dem  Papst,  daB  er  in  Anbetracht 
der  veranderten  Verhaltnisse  sich  dem  hi.  Stuhl  zur  Verf iigung  stelle ;  er 
wiinsche  bis  zu  seinem  Tode  Bischof  von  StraBburg  zu  bleiben,  man  moge  ihrn 
einen  Koadjutor  geben,  in  dessen  Hande  er  die  voile  Verwaltung  legen  wiirde. 
Als  im  Sommer  1919  die  Presse  die  Ernennung  eines  Nachfolgers  bekannt  gab, 
ohne  daB  vorher  Bischof  F.  benachrichtigt  worden  war,  schrieb  ihrn  der  Kar- 
dinalstaatssekretar,  daB  er  sich  imrner  noch  als  Oberhirte  zu  betrachten  habe. 
Erst  Ende  Juli  wurde  ihrn  mitgeteilt,  daB  der  Papst  nunmehr  Gebrauch  mache 
von  seiner  Demission  und  ihn  zum  Titularerzbischof  von  Mocissos  ernenne.  Er 
war  also  nicht  mehr  Bischof  seiner  Diozese,  die  er  lieb  gewonnen  hatte.  Als  ge- 
brochener  Mann  zog  er  sich  in  das  Allerheiligenkloster  in  StraBburg  zuriick, 
aber  schon  am  7.  September  starb  er,  echt  und  tief  betrauert  von  der  ganzen 
Diozese.  Er  war  eine  Personlichkeit,  deren  Vornehmheit  und  stille  Grofle  im- 
ponierte,  lauter,  giitig,  selbstlos.  » Einen  sehr  braven  Mann«  hat  ihn  der  Kaiser 
im  Jahre  1892  dem  Fiirsten  Chlodwig  zu  Hohenlohe  gegeniiber  genannt.  Und 
zwanzig  Jahre  spater  sagte  der  Statthalter  Graf  v.  Wedel  zu  dem  Apostolischen 


388  1919 

Vikar  von  Schweden,  Msgre  Bitter:  »Ich  kenne  keinen  edleren  Menschen  als 
Bischof  F. « 

Liter atur:  Dacheux,  La  Question  de  I'Evique  de  Strasbourg.  Lettres  publiies  par  le 
Journal  La  Ddfense.  Kehl  1890.  —  Denkwiirdigkeiten  des  Fiirsten  Chlodwig  zu  Hohen- 
lohe-Schillingsfiirst,  hrsg.  von  F.  Curtius,  4.  Aufl.,  Stuttgart  und  Leipzig  1907,  II,  472  f., 
486.  —  Fur  den  »Kompetenzstreit«:  Straflburger  Post  1910,  Nr.  48.  —  J.  Wendling,  Dr. 
Adolf  F.,  Bischof  von  StraBburg,  StraBburg  19 16.  —  Zum  2  5jahrigen  Bischofsjubilaum, 
Kolnische  Volkszeitung  1916,  Nr.  584;  Strafiburger  Diozesanblatt  35  (1916),  139 — 189.  — 
Fur  Tod  und  Beisetzung:  »Der  Elsasser*  191 9,  Nr.  246  und  253.  —  M.  Spahn  im  Elsafi- 
Lothringischen  Jahrbuch  I  (1922),  184  f.  —  Personlkhe  Informationen. 

StraBburg  i.  E.  Luzian  Pfleger. 


Grober,  Adolf,  Politiker  und  Parlamentarier,  Reichsstaatssekretar,  *  am  1 1 .  Fe- 
bruar  1854  zu  Riedlingen  in  Wtirttemberg,  f  am  19.  November  1919  zu  Berlin.  — 
G.  war  das  einzige  Kind  seiner  Eltern  und  erhielt  als  solches  eine  gute  Erziehung. 
Sein  Vater  war  ein  kunstreicher  Handwerker  alten  Schlages.  Von  Beruf  ur- 
spriinglich  Spengler,  war  er  als  Graveur,  Goldschmied,  ZinngieBer  und  Ver- 
fertiger  von  Spielsachen  zu  einem  behabigen  kleinbiirgerlichen  Wohlstand  ge- 
langt,  welcher  es  ihm  erlaubte,  seinen  Sohn  studieren  zu  lassen.  Der  junge  G. 
wurde  nach  einer  anscheinend  etwas  ausgelassenen  Gymnasialzeit  schon  als 
Student  ein  ernster  Mann,  wenn  er  auch,  eine  kraf tstrotzende,  auf f allend  schone 
Gestalt,  spater  mit  langem  Vollbarte,  zeitlebens  einem  gesunden  Frohsinn  und 
freudiger  Lebensbejahung  treu  blieb.  Er  besuchte  die  Universitaten  Tubingen, 
Leipzig,  StraBburg  und  wieder  Tubingen,  um  Rechtswissenschaft  zu  studieren. 
In  Leipzig  griindete  er  mit  seinem  Freunde  Karl  Trimborn  (s.  DB  J .  192 1,  S.  263) , 
dem  spateren  Kollegen  im  Reichstage  und  im  Reichskabinett  des  Prinzen  Max 
von  Baden,  den  katholischen  Studentenverein  »Teutonia«.  Im  Juni  1877  be- 
stand  er  in  Stuttgart  die  erste  Staatsprufung  als  Justizreferendar,  im  Herbst 
1878  die  staatliche  AbschluBpriifung  als  Justizreferendar  erster  Klasse.  Er 
wurde  dann  im  wurttembergischen  Staatsdienst  Hilf srichter  bei  dem  Oberamts- 
gericht  Neresheim,  Justizassessoratsverweser  bei  dem  Oberamtsgericht  Saul- 
gau,  stellvertretender  Amtsrichter  bei  demselben  Gericht,  schlieBlich  Staats- 
anwaltsgehilfe  und  Hilfsstaatsanwalt  in  Rottweil,  wo  er  von  April  1880  bis 
Januar  1887  wirkte,  zeitweise  auch  beim  Landgericht  in  Hall.  Dann  wurde  er 
als  Staatsanwalt  nach  Ravensburg  versetzt.  Als  er  sich  bei  den  Septennats- 
wahlen  des  Jahres  1887  zum  Reichstage  fiir  die  Zentrumspartei  als  Kandidat 
aufstellen  lieB,  wurde  das  von  seiner  vorgesetzten  Behorde  sehr  iibel  vermerkt. 
Der  Urlaub,  welchen  er  erbat,  um  sich  seinen  Wahlern  vorzustellen,  wurde  ihm 
verweigert,  und  zwar  ihm  allein  von  alien  in  Frage  kommenden  Staatsbeamten, 
von  welchen  allerdings  alle  anderen  fiir  liberale  Parteien  kandidierten.  Als  er 
trotzdem  gewahlt  wurde  und  die  Wahl  annahm,  erfolgte  prompt,  obwohl  seine 
amtliche  Qualifikation  als  hervorragend  anerkannt  war,  seine  Strafversetzung 
als  Landrichter  nach  Heilbronn,  wobei  zu  bemerken  ist,  daB  damals  in  Wiirt- 
temberg  die  Versetzung  eines  Staatsanwaltes  auf  eine  Landrichterstelle  als 
Degradation  gait.  1895  wurde  G.  Landgerichtsrat,  1912  Landgerichtsdirektor 
in  Heilbronn.  Damit  schloB  seine  amtliche  Laufbahn  im  wurttembergischen 
Justizdienste  ab. 


Fritzen.  Grober  389 

Die  Bedeutung  G.s  liegt  anf  politischem  und  parlamentarischem  Gebiete, 
auf  welchem  er  auch  seine  gediegenen  Kenntnisse  und  seinen  anerkannten 
Scharfsinn  in  juristischen  Dingen  zur  Geltung  bringen  konnte.  Im  Gedachtnisse 
der  Nachwelt  lebt  er  fort  als  einer  der  hervorragendsten  Fiihrer  der  Zentrums- 
partei  nach  dem  Tode  Windthorsts.  Als  solcher  wurde  er,  nachdem  der  Ab- 
geordnete  Dr.  Spahn  im  August  1917  Justizminister  in  PreuBen  geworden  war, 
an  dessen  Stelle  Vorsitzender  der  Fraktion  des  Zentrums  im  Reichstage,  was 
er  bis  zu  seinem  Tode  blieb,  dann  auch  Vorsitzender  der  Gesamtpartei  des 
Deutschen  Zentrums,  und  im  Oktober  1918  Staatssekretar  im  Reichskabinett 
des  Pnnzen  Max  von  Baden.  In  seinem  Heimatlande  Wurttemberg  wurde  er 
vor  den  Neuwahlen  vom  Januar  1895  Begriinder  der  dortigen  Zentrumspartei, 
nach  den  Wahlen  Vorsitzender  der  neugegriindeten  Zentrumsfraktion  der 
wiirttembergischen  Zweiten  Kammer,  was  er  ebenfalls  bis  zu  seinem  Tode 
blieb.  Er  war  Prasident  der  Generalversammlung  der  Katholiken  Deutschlands 
in  Dortmund  1896  und  Essen  1906,  auch  Prasident  des  groflen  zweiten  wiirttem- 
bergischen Katholikentages  in  Ulm  1901. 

G.  war,  wie  erwahnt,  erstmalig  bei  der  Septennatswahl  im  Februar  1887  zum 
Reichstage  gewahlt  worden,  und  zwar  vom  15.  wurttembergischenWahlkreise 
Ehingen-Laupheim-Blaubeuren-Munsingen.  Die  Urlaubsverweigerung  seitens 
der  Regierung  machte  ihn  sofort  volkstiimlich,  so  daB  er  glanzend  gewahlt 
wurde.  Er  konnte  dann  diesen  bis  dahin  scharf  umstrittenen  Wahlkreis  fiir 
das  Zentrum  sichern  und  ihn  behaupten  bis  zu  seinem  Tode.  Fiir  die  wurt- 
tembergische  Zweite  Kammer  wurde  er  erstmalig  gewahlt  1889  fiir  den  Ober- 
amtsbezirk  Riedlingen.  Auch  dieser  Wahlkreis  blieb  ihm  treu.  Lange  Jahre  hin- 
durch  war  er  ein  hochst  tatiges  und  einfluBreiches  Mitglied  des  Vorstandes  des 
Volksvereins  fiir  das  katholische  Deutschland  und  Mitglied  des  Zentralkomitees 
fiir  die  Generalversammlungen  der  Katholiken  Deutschlands.  Er  war  als 
Landesgeschaftsfuhrer  des  genannten  Volksvereins  der  Begriinder  dieses 
Vereins  fiir  Wurttemberg  und  nachst  Weber  und  Trimborn  der  eif  rigste  Agitator 
und  Organisator  desselben,  daneben  einer  der  packendsten  Redner  der  er- 
wahnten  Generalversammlungen. 

Die  politische  Tatigkeit  G.s  liegt  zunachst  in  Berlin  im  Deutschen  Reichs- 
tage, dann  aber  auch  in  der  Zweiten  Kammer  des  wiirttembergischen  L,and- 
tages.  Wenn  auch  selbstredend  die  erstere  stark  iiberwiegt,  so  war  doch  sein 
EinfluB  in  Stuttgart  verhaltnismaBig  noch  groBer,  da  er  dort  alle  anderen 
Parteifiihrer  an  personlicher  Bedeutung  und  namentlich  auch  an  organisato- 
rischer  Begabung  wie  an  praktischer  Erfahrung  iiberragte,  so  daB  er  schlieBlich, 
wenn  nicht  ausgesprochen,  so  doch  tatsachlich,  mehrfach  als  der  Fiihrer  der 
ganzen  Zweiten  Kammer  auftreten  konnte.  Als  Vertrauensmann  aller  Parteien 
schuf  er  1907  die  neue  Geschaftsordnung  fiir  die  Zweite  Kammer,  welche  nach 
der  Verfassungsreform  von  1906  notwendig  geworden  war.  In  beiden  Parla- 
menten  war  er  einer  der  glanzendsten  und  gewandtesten  Debattenredner,  in 
groBen  Volksversammlungen  ein  musterhafter  Volksredner,  welcher  ebenso- 
wohl  durch  die  Kraft  und  Schonheit  seiner  Sprache  wie  durch  den  Ernst  seiner 
Auffassung  und  die  Begeisterung  seines  Vortrages  wie  endlich  durch  einen  ge- 
sunden,  echt  volkstiimlichen  Humor  zu  wirken  verstand.  Im  Reichstage  gait 
er  bald  als  der  fleiBigste  Arbeiter  von  alien ;  durch  seinen  FleiB  behauptete  er  in 
gar  vielen  Sachen  eine  groBe  Uberlegenheit.  Die  Vertretung  der  katholischen 


390  X9X9 

Weltanschauung  war  ihm  ebenso  Herzenssache  wie  eine  gesunde  Weiterbildung 
der  bestehenden  staatsrechtlichen  Zustande. 

G.  war,  der  Umwelt  seiner  Heimat  entsprechend,  von  Haus  aus  demokratisch 
gestimmt,  aber  noch  mehr  katholisch  begeistert.  Der  Kulturkampf  hatte  ihn 
zu  einem  iiberzeugten  Anhanger  der  Zentrumssache  gemacht.  Als  Katholik 
tief  glaubig,  innig  fromm  und  seiner  Kirche  treu  ergeben,  besuchte  er  selbst  in 
Berlin  wahrend  der  anstrengendsten  parlamentarischen  Arbeiten  taglich  die 
hi.  Messe  und  empfing  die  hi.  Kommunion.  Schon  als  Staatsanwaltsgehilfe  in 
Rottweil  war  er  dem  dritten  Orden  des  hi.  Franziskus  beigetreten  mit  dem 
Ordensnamen  Fidelis.  In  Heilbronn  wurde  er  1889  Mitglied  des  Kirchenstif- 
tungsrates  und  blieb  es  ebenf  alls  bis  zu  seinem  Tode.  Inf  olgedessen  entwickelten 
sich  in  seinem Wesen  allmahlich  mehr  und  mehr  auch  konservative  und  selbst 
aristokratische  Ziige,  welche  ihn  alle  demokratischen  Ubertreibungen  ablehnen 
liei3en.  Das  war  urn  so  bemerkenswerter,  als  er  in  seiner  demokratischen  Gesin- 
nung  nicht  ohne  Neigung  zum  Doktrinarismus  war.  Jedenf alls  aber  blieb  er  ein 
ehrlicher  Doktrinar.  So  verfolgte  er  zah  und  eif rig  im  Reichstage  die  Schaffung 
eines  Ministerverantwortlichkeitsgesetzes,  obwohl  die  Mehrzahl  seiner  Frak- 
tionsgenossen  diesen  Gedanken  fur  wenig  fruchtbar  und  gegebenenfalls  fur 
wahrscheinlich  undurchfuhrbar  hielt.  In  Wurttemberg  beteiligte  er  sich  tat- 
kraftig  an  der  Schaffung  der  Verfassungsreform  von  1906  in  demokratischem 
Sinne,  obwohl  durch  dieselbe  die  bis  dahin  bestandene  katholische  Mehrheit  der 
Kammer  der  Standesherren  verloren  ging  und  einer  protestantischen  Mehrheit 
Platz  machen  muBte.  Mehr  und  mehr  auch  lieB  er  sich  von  dem  Geiste  einer 
christlich-sozialen  Gesinnung  ergreifen,  wie  sie  unter  Fuhrung  von  Franz 
Brandts  im  Volksverein  fiir  das  katholische  Deutschland  lebendig  war.  Durch 
und  durch  groBdeutsch  gesinnt,  dabei  dem  neuen  Deutschen  Reiche  herzlich 
anhangend,  auch  an  den  Arbeiten  seiner  wurttembergischen  Heimat  sich  auf 
das  eifrigste  beteiligend,  war  er  das  Muster  eines  stiddeutschen  Reichstags- 
abgeordneten,  welcher  alle  partikularistischen  Einseitigkeiten  vennied  und 
of  fen  ablehnte. 

Von  einer  besonderen  Anhanglichkeit  an  sein  »angestammtes«  Konigshaus 
war  bei  ihm  jedoch  wenig  die  Rede.  Er  erfiillte  in  Wurttemberg  seine  Unter- 
tanenpflicht,  aber  von  Gesinnung  war  er  Deutscher.  Seine  fruher  vorderoster- 
reichische  Heimat  war  erst  1805  durch  den  Frieden  von  PreBburg  aus  ihrer  viel- 
hundertjahrigen  Verbindung  mit  dem  Hause  Habsburg  losgerissn  und  durch 
die  Gnade  Napoleons  zu  dem  protestantischen  Alt-Wurttemberg  geschlagen 
worden,  nachdem  die  wurttembergischen  Truppen  unter  Napoleon  bei  Auster- 
litz  geholfen  hatten,  Osterreich  niederzuwerfen.  Die  Lage  des  Katholizismus  in 
dem  neuen  Wurttemberg  war  danach  von  Anfang  an  bis  zum  Erlasse  der  Wei- 
marer  Verfassung  von  1919  so  unbefriedigend,  daB  eine  freudige  Hingabe  der 
Katholiken  an  das  neue  wiirttembergische  Konigreich  nicht  aufkommen  konnte. 
Namentlich  gedriickt  war  die  Lage  der  Katholiken  in  alien  staatlichen  L,auf- 
bahnen,  was  G.  personlich  ja  auch  reichlich  zu  fiihlen  bekam.  Diese  schroff  un- 
paritatische  Behandlung  seiner  Glaubensgenossen  hat  ihn  stets  mit  MiBmut 
und  dem  Gef iihle  ebenso  ungerechter  wie  politisch  kurzsichtiger  Zuriicksetzung 
erfullt. 

Doch  hinderte  ihn  diese  Stimmung  keineswegs,  mit  voller  Entschiedenheit 
auf  der  Seite  der  Autoritat  und  der  rechtmaBig  bestehenden  Verfassung  des 


Grober 


391 


Deutschen  Reiches,  auch  der  in  den  Einzelstaaten  rechtmaBig  bestehenden 
Monarchic  zu  bleiben,  als  gegen  Ende  des  Weltkrieges  im  Jahre  1918  die  Revo- 
lution ihr  Haupt  erhob,  war  aber  dann  mit  der  Parlamentarisierung  der  Reichs- 
regierung,  als  diese  unabwendbar  geworden  war,  durchaus  einverstanden. 

Im  Reichstage  kam  G.  rasch  zur  Geltung.  Als  sein  ausgezeichneter  Kom- 
missionsbericht  iiber  die  grofie  Capri vische  Militarvorlage  von  1893  vom  Abg. 
Eugen  Richter  in  der  Plenarsitzung  des  Reichstags  als  musterhaft  anerkannt 
wurde,  war  sein  Ansehen  festbegriindet.  Eifrig  beteiligte  er  sich  an  den  Ver- 
handlungen  iiber  alle  kirchenpolitischen,  juristischen  und  Verfassungsfragen, 
dann  iiber  Militar-  und  Steuerfragen.  Die  Zahl  seiner  Reden  zu  solchen  An- 
gelegenheiten  in  Berlin  und  Stuttgart  ist  sehr  groB.  Aus  dem  Reichstage  sei 
noch  erwahnt  sein  groBer  inhaltreicher  Kommissionsbericht  iiber  die  Steuer- 
reform  von  1897.  In  Wurttemberg,  wo  mannliche  Ordensgenossenschaften 
ganzlich  ausgeschlossen,  weibliche  nur  unter  harten,  entwiirdigenden  Be- 
schrankungen  zugelassen  waren,  bewahrte  er  sich  als  der  eifrigste  Vertreter  der 
Freiheit  auch  fiir  die  katholischen  Orden  (Antrag  betr.  die  Schul-  und  Ordens- 
frage  vom  5.  April  1898).  Im  Reichstage  war  er  der  Vater  des  Toleranzantrages, 
welchen  das  Zentrum  1900  und  wieder  1902  einbrachte,  um  den  zahlreichen 
noch  bestehenden  Beschrankungen  der  Kultusfreiheit  der  Katholiken  in  den 
fast  rein  protestantischen  Staaten  Nord-  und  Mitteldeutschlands  ein  Ende  zu 
machen.  Zu  erwahnen  ist  auch  seine  hervorragende  Mitarbeit  in  der  Reichstags- 
kommission  zur  Vorberatung  des  Biirgerlichen  Gesetzbuches  sowie  in  der 
Kommission  fiir  die  Reform  der  MilitarstrafprozeBordnung. 

Wahrend  des  Weltkrieges  trat  G.  fiir  energische  Kriegfuhrung  ein,  so  auch 
im  Herbst  1916  fiir  den  unbeschrankten  U-Bootkrieg,  und  fand  die  schwach- 
liche  Haltung  des  Reichskanzlers  v.  Bethmann  Hollweg  sehr  bedenklich.  1917 
verf aBte  er  noch  den  schriftlichen  Bericht  iiber  die  Arbeiten  des  Ausschusses  fiir 
die  Reform  der  Reichsverfassung.  An  der  Abstimmung  iiber  die  bekannte 
Friedensresolution  vom  19.  Juli  1917  nahm  er  als  »krank«  gemeldet  nicht  teil. 
Ohne  Absicht  wurde  er  die  letzte  Ursache  fiir  den  Riicktritt  des  Reichskanzlers 
Grafen  v.  Hertling  (s.  unten  S.  421)  im  September  1918,  indem  er  im 
Hauptausschusse  des  Reichstags  am  25.  September  die  allgemeine  Lage  scharf 
zeichnete,  wodurch  Graf  Hertling  sich  in  seinem  Kampfe  gegen  die  Parlamen- 
tarisierung als  vom  Zentrum  im  Stiche  gelassen  betrachtete,  so  daB  er  ange- 
sichts  der  Schwierigkeiten,  welche  die  I^inke  ihm  bereitete,  seine  Entlassung 
erbat. 

Dann  trat  G.  als  Staatssekretar  ohne  Portefeuille  in  das  kurzlebige  Kabinett 
des  Prinzen  Max  von  Baden  ein.  Gegen  die  Abdankung  des  Kaisers,  welche  von 
den  Sozialdemokraten  verlangt  wurde,  straubte  er  sich  solange  es  irgend  mog- 
lich  war.  Ebenso  trat  er  entschieden  fiir  das  Bestehen  der  Monarchien  ein.  Der 
Ausbruch  der  Revolution  beendete  seine  Tatigkeit.  Dann  war  er  mit  aller  Macht 
bestrebt,  mitzuwirken,  daB  die  Revolution  nicht  in  Burgerkrieg  und  Bolsche- 
wismus  ausartete.  In  die  Nationalversammlung  gewahlt,  welche  1919  in  Weimar 
tagte,  beteiligte  er  sich  noch  auf  das  eifrigste  an  der  Ausarbeitung  der  neuen 
Verfassung.  Mit  dem  Abg.  Schulz  beantragte  er  als  unabweisbare  Notwendig- 
keit  die  Annahme  des  Versailler  Friedens  vert  rages,  nachdem  er  denselben  vor- 
her  aufs  scharfste  gekennzeichnet  hatte.  Er  starb  plotzlich  an  einem  Gehirn- 
schlage,  welcher  ihn,  vollig  erschopft  und  aufgerieben  durch  die  furchtbare 


392  l*l9 

Arbeit  wahrend  des  Krieges  im  Reichstagsgebaude  bei  einer  Besprechung  mit 
dem  Bureaudirektor  des  Reichstags,  traf,  und  wurde  begraben  in  Weingarten. 
Er  war  das  Muster  eines  pflichttreuen  deutschen  Berufsparlamentariers  von 
lauterster  aufrechter  Gesinnung,  groBziigiger  Auffassung,  unermiidlicher 
Schaffensfreude  und  unabwandelbarer  L,iebe  zu  seinem  deutschen  Vaterlande. 
Der  Reichsprasident  Ebert  bezeichnete  ihn  nach  seinem  Tode  mit  Recht  als 
»  einen  der  verdienstvollsten  Parlamentarier,  der  durch  viele  Jahrzehnte  in 
selbstlosester  Hingabe  fiir  das  gemeinsame  Interesse  des  Vaterlandes  gewirkt 
hat«. 

Literatur :  Hermann  Cardauns,  Adolf  G.,  Miinchen-Gladbach,  Volksvereinsverlag  192 1 . 
—  Der  schriftliche  NachlaB  G.s,  namentlich  viele  Mitteilungen  iiber  innere  Vorgange  in 
der  Zentrumsfraktion  enthaltend,  befindet  sich  im  Gewahrsam  des  Volksvereins  fiir  das 
katholische  Deutschland  in  Miinchen-Gladbach. 

Koln  a.  Rh.  Karl  Bachem. 


Grove,  Otto,  Ritter  v.,  GeheimerRat,  Maschinenbauprofessor,  Dr.-Ing.  e.  h., 
*  am  6.  Februar  1836  in  Goslar,  f  am  19.  Mai  1919  in  Miinchen.  —  G.  war 
als  funftes  von  sechs  Kindern  des  in  bescheidenen  Verhaltnissen  lebenden 
Papiermuhlenbesitzers  Friedrich  G.  geboren  und  verlor  seinen  Vater  sehr  friih. 
In  den  Folgen  auf  seine  Ausbildung  wiirde  dieser  schwere  Verlust  —  wie  G. 
selbst  einmal  schreibt  —  noch  harter  gewesen  sein,  wenn  nicht  die  giitige  Vor- 
sehung  ihm  in  dem  Kaufmanne  Wilhelm  Meyer  zu  Goslar  einen  Stiefvater 
gegeben  hatte,  der  sich  seiner  wissenschaftlichen  Ausbildung  mit  ruhmlicher 
Aufopferung  eigener  Interessen  annahm.  Von  1844  bis  1850  machte  er  alle 
Klassen  des  Goslarschen  Progymnasiums  (lateinlose  Schule)  durch  und  er- 
hielt  nebenher  mehrere  Jahre  lang  Privatunterricht  in  Mathematik,  Feld- 
messen  und  Planzeichnen  von  dem  Obergeschworenen  und  spateren  Bergrat 
F.  Nessig,  der  dann  dem  i4Jahrigen  Knaben,  »vor  dem  Rammelsberge,  den 
14.  Juli  1850 «,  ein  glanzendes  Zeugnis  ausstellte.  Von  diesem  Mathematik- 
unterricht  bei  Nessig  sprach  G.  noch  oft  im  spateren  Leben  mit  hoher  Aner- 
kennung.  Trotzdem  waren  es  in  den  anderen  Fachern  ziemlich  liickenhafte 
Kenntnisse,  mit  denen  er  im  Herbst  1851  in  die  Oberklasse  der  Hoheren 
Burgerschule  der  Residenzstadt  Hannover  eintrat.  Da  die  hauslichen  Ver- 
haltnisse  nicht  glanzend  waren,  so  mu!3te  sich  G.  schon  hier  einen  Teil  seines 
Lebensunterhaltes  durch  Privatstunden  in  Mathematik  verdienen.  Diese  friih- 
zeitige  Ubung  im  Lehren  scheint  sein  angeborenes  Talent  entwickelt  und  seine 
spateren  glanzenden  Erfolge  als  Lehrer  vorbereitet  zu  haben.  Mit  sechzehn 
Jahren,  im  Herbst  1852,  bezog  G.  die  Polytechnische  Schule  in  Hannover. 
Auch  kunstlerisch  sehr  gut  veranlagt,  wandte  sich  G.  zuerst  der  Architektur 
zu;  in  entziickender  Feinheit  ausgefiihrte  Zeichnungen  klassischer  Bauwerke^ 
die  er  bei  dem  spateren  Baurat  und  Konsistorialbaumeister  Hase  angefertigt 
hat,  legen  Zeugnis  ab  von  dem  FleiB  und  der  Begabung  G.s.  Aber  bald  er- 
wies  sich  die  Neigung  zur  Maschinentechnik  doch  starker  und  er  wandte  sich 
dieser  zu.  In  den  beiden  letzten  Jahren  arbeitete  er  neben  dem  eigentlichen 
Studium  auch  praktisch  in  der  mechanischen  Werkstatte  der  Anstalt,  die 
er  1856  mit  ausgezeichneten  Noten  verliefi.  Im  Jahre  1856  arbeitete  G.  noch 
vier  Monate  lang  praktisch  in  den  Werkstatten  der  Maschinenfabrik  zu  Ilsen- 


Grober.  Grove 


393 


burg,  woruber  ihm  die  Graflich  Stolberg-Wernigerodische  Faktorei  ein  Zeug- 
nis  ausstellte.  Im  Laufe  des  Sommers  1857  leitete  G.  als  Ingenieur  den  Ab- 
bruch,  die  Reparatur  und  den  Wiederaufbau  einer  groBen  von  der  Bergbau- 
Aktiengesellschaft  Pluto  in  Essen  angekauften  Wasserhaltungsmaschine  und 
sonstige  Arbeiten  auf  der  Steinkohlenzeche  Sankt  Nikolaus,  wo  er  auch  eine 
Mortelmuhle  konstruierte  und  ausfiihrte.  Von  August  1857  bis  Februar  1858 
legte  der  »Maschinenbau-Beflissene«  Otto  G.  die  erste  technische  Priifung,  ins- 
besondere  fur  den  Eisenbahnmaschinenbau  vor  der  Kdniglichen  Hannover- 
schen  Prufungskommission  fur  Bautechniker  ab,  die  er  »vorzuglich  gut«  be- 
stand.  In  dieser  Zeit  arbeitete  G.  wohl  auch  auf  dem  Eisenbahnkonstruktions- 
bureau  von  Maschinendirektor  Kirch weger  in  Hannover.  Am  1.  Oktober  1858 
wurde  er  dann  Assistent  fiir  das  Maschinenwesen  an  der  Polytechnischen 
Schule  in  Hannover  mit  einem  Jahresgehalt  von  300  Talern.  Im  Sommer  1859 
unternahm  er  mit  einer  Reiseunterstiitzung  von  150  Talern  eine  Studienreise 
an  die  polytechnischen  Institute  zu  Berlin,  Karlsruhe  und  Zurich.  Es  war 
damals  eine  groBe  herrliche  Zeit  des  Maschinenbaues :  in  Berlin  lehrten  Wiebe 
und  Grashof,  in  Zurich  Clausius,  Reuleaux  und  Zeuner,  und  in  Karlsruhe 
stand  Ferdinand  Redtenbacher  auf  der  Hohe  seines  Lebens.  Mit  besonderer 
Begeisterung  horte  der  junge  G.  die  Vortrage  des  letzteren,  zu  dem  er  auch 
in  freundschaftliche  Beziehungen  trat.  Im  Jahre  1859  wurde  G.  ordentlicher 
Lehrer  fiir  Maschinenbau  und  das  Jahr  1862  brachte  ihm  nach  Ablehnung 
eines  vorteilhaften  Engagementanerbietens  von  seiten  der  mechanischen 
Weberei  Linden  —  den  Titel  »Maschinenbauinspektor«.  1867  bewilligte  ihm 
das  Koniglich  PreuBische  Generalgouvernement  200  Taler  Reiseunterstiitzung 
zum  Besuche  der  Weltausstellung  in  Paris  und  1868  wurde  ihm  das  Pradikat 
Professor  beigelegt.  Im  nachsten  Jahre  stand  G.  in  Unterhandlungen  mit 
Aachen,  wo  man  ihn  dringend  gewiinscht  hatte;  den  eifrigen  Bemuhungen 
von  Karmarsch  beim  Ministerialdirektor  Moser  in  Berlin  gelang  es  jedoch, 
ihn  der  Polytechnischen  Schule  in  Hannover  zu  erhalten,  wo  G.  nun  eine  zehn- 
jahrige  ebenso  angestrengte  als  erfolgreiche  Tatigkeit  als  Lehrer  und  Schrift- 
steller  entfaltete.  Im  Jahre  1879  ging  ein  von  G.  verfaBter  und  von  sechzehn 
Professoren  der  Technischen  Hochschule  Hannover  unterzeichneter  Bericht 
an  Kultusminister  Dr.  Falk,  worin  iiber  die  veraltete,  aus  dem  Jahre  1863 
stammende  Verfassung  geklagt  wird,  die  fiir  die  heutige  Stellung  der  Anstalt 
nicht  mehr  passe,  weil  sie  den  Lehrern  so  gut  wie  gar  keine  Mitwirkung  an 
der  Leitung  und  Verwaltung  der  Hochschule  einraumt.  Dieser  freimiitige 
Schritt  brachte  G.  in  einen  gewissen  Gegensatz  zu  Direktor  Launhardt  (siehe 
oben  S.  279  ff.),  und  darin  lag  wohl  der  Hauptgrund  dafiir,  daB  G.  1879 
den  Ruf  des  Kultusministers  v.  Puttkamer  an  die  Technische  Hochschule  in 
Berlin  annahm.  Hier  scheint  G.  jedoch  nicht  sehr  glucklich  gewesen  zu  sein: 
sei  es,  daB  das  preuBische  Berlin  dem  alten  Hannoveraner  nicht  gefallen  konnte, 
sei  es,  daB  auch  damals  die  Verhaltnisse  an  der  Technischen  Hochschule  in 
Berlin  nicht  sehr  erfreulich  waren,  sei  es,  daB  G.  einem  spateren  Zusammen- 
arbeiten  mit  dem  genialen  Reuleaux  ausweichen  wollte,  der  1879  bis  1881  als 
Reichskommissar  auf  den  Ausstellungen  in  Sydney  und  Melbourne  weilte  und 
mit  dessen  Anschauungen  und  Gepflogenheiten  G.  bei  aller  Anerkennung 
seiner  hervorragenden  Leistungen  als  Forscher  und  Lehrer  nicht  immer  iiber- 
einstimmen  konnte  —  kurzum,  einen  im  Jahre  1880  vom  bayerischen  Kultus- 


394  l<*19 

minister  Dr.  v.  Lutz  an  ihn  gerichteten  ehrenvollen  Ruf  an  die  Technische 
Hochschule  Miinchen,  der  wohl  hauptsachlich  auf  Betreiben  Lindes  erfolgt 
war,  nahm  G.  mit  Freuden  an.  Miinchen  wurde  ihm  zur  zweiten  lieben  Heimat. 
Fast  39  Jahre  durfte  er  hier  noch  verleben,  von  denen  mehr  als  21  Jahre  einer 
aufopfernden  Lehrtatigkeit  gewidmet  waren,  wahrend  die  Sommerferien  an 
den  schonen  Gestaden  des  Starnberger  Sees  zugebracht  wurden.  Die  zum  ein- 
fachen  Landhaus  umgewandelte,  versteckt  gelegene  alte  Bauhiitte  des  von 
Konig  Max  II.  begonnenen,  nie  vollendeten  SchloBbaues  im  herrlichen 
Park  von  Feldafing  war  sein  Landsitz,  wo  er,  dem  Larmen  des  Alltagslebens 
entriickt,  Ruhe  und  Erholungfand.  Im  Jahre  1901  ernannte  ihn  die  Technische 
Hochschule  Hannover  »in  Anerkennung  seiner  hervorragenden  Verdienste  um 
die  Forderung  der  technischen  Wissenschaf ten «  zum  Ehrendoktor,  aber  bald 
darauf  zwang  ihn  ein  seit  langem  bestandenes,  von  Jahr  zu  Jahr  schlimmer 
gewordenes  Gehorleiden,  trotz  voller  geistiger  Frische  in  den  Rnhestand  zu 
treten.  AnlaBlich  seines  70.  Geburtstages  im  Jahre  1906  verlieh  ihm  auch  die 
Technische  Hochschule  in  Miinchen  den  Titel  eines  Doktors  der  Technischen 
Wissenschaften  ehrenhalber.  Krank  war  G.  eigentlich  nie,  aber  im  Jahr  191 1 
muBte  er  sich  in  Siidtirol  unerwartet  und  plotzlich  einer  schweren  Operation 
unterziehen,  die  er  trotz  seines  hohen  Alters  glanzend  iiberstand.  Den  bitter- 
sten  Schmerz  seines  Lebens  brachte  ihm  das  Jahr  1915  durch  den  Tod  seiner 
von  ihm  iiber  alles  geliebten  Frau  Jenny,  einer  geborenen  Claui3  aus  Leipzig, 
an  deren  Seite  er  in  zwar  kinderloser,  aber  auBerst  gliicklicher  Ehe  44  Jahre 
lang  gelebt  hatte.  Der  Rest  seines  Iyebens  war  eigentlich  nur  noch  der  liebe- 
vollen  Erinnerung  an  sie  geweiht.  Von  nun  an  machten  sich  auch  die  normalen 
Alterserscheinungen  an  Geist  und  Korper  bemerkbar,  bis  schlieBlich  ein  sanfter 
Tod  seinem  inhaltsreichen  Leben  ein  Ende  setzte. 

Aus  diesem  auBeren  Lebensgang  ergibt  sich  von  selbst,  daB  die  Verdienste 
G.s  um  die  Wissenschaft  des  Maschinenbaues  einer  schon  weiter  zuriick- 
liegenden  Zeit  angehoren  miissen.  Nur  die  altere  Generation  erinnert  sich  noch 
des  guten  Klanges  seines  bekannten  Namens,  und  wie  sehr  seine  Schiiler  iiberall 
geschatzt  und  gesucht  waren.  Als  G.  anfing,  wuBte  die  Welt  noch  nichts  von 
Verbrennungsmotoren  und  Dampfturbinen,  auch  nichts  von  Elektrotechnik 
oder  Ingenieurlaboratorien.  Zur  Gewinnung  zuverlassiger  Konstruktionsregeln 
hatte  der  Forscher  nur  den  Weg  der  logischen,  oft  sehr  scharfsinnigen  tlber- 
legung,  der  mathematischen  Rechnung  und  der  Priifung  des  Resultates  durch 
Vergleich  mit  bewahrten  —  oder  nicht  bewahrten  —  Ausfuhrungen  der  Praxis. 
Die  Laboratorien  kamen  viel  spater:  1867  Miinchen  und  1870  Berlin,  beide 
nur  fur  Festigkeitsversuche,  eigentliche  Maschinenlaboratorien  entstanden 
in  Miinchen  1875,  Ziirich  1879,  Stuttgart  1884.  Allgemein  eingerichtet  wurden 
Laboratorien  erst  nach  dem  bedeutungsvollen  Aufsatz  von  Adolf  Ernst  1894 
und  dem  darauffolgenden  Eintreten  des  Vereins  deutscher  Ingenieure.  Eine 
der  ersten  Veroffentlichungen  G.s  war  das  Kapitel  »Wasserrader  und  Tur- 
binen«  in  dem  1869  erschienenen  5.  Supplementband  zu  Prechtls  technischer 
Enzyklopadie.  Zahlreichere  groBere  und  kleinere  Aufsatze  finden  sich  in  den 
Mitteilungen  des  Gewerbevereins  fiir  Hannover,  so  z.  B.  1874:  »t)ber  Osen- 
briicks  Zirkulationsschmiervorrichtung  fiir  raschlauf ende  Zapf en «  —  eine  Er- 
findung,  die  erst  viel  spater  von  der  Praxis  gewiirdigt  wurde  und  heute  viel- 
fach  bei  Lenix-Rollen  und  Losscheiben  angewandt  wird.  Uberhaupt  wandte  G. 


Grove 


395 


den  Zapfen  seine  besondere  Aufrrierksamkeit  zu,  da  sie  in  der  Praxis  so  oft 
zu  Betriebsstdrungen  ftihren.  Im  Jahre  1877  erschien  in  den  gleichen  Mit- 
teilungen  »Die  Berechnung  der  Trag-  und  Stiitzzapfen  auf  gemeinsamer 
Grundlage«.  Fiir  Tragzapfen  hatte  man  bereits  ziemlich  sichere  Berechnungs- 
methoden,  aber  fiir  Spurzapfen  fehlte  jede  brauchbare  Grundlage.  In  seiner 
kritischen  Art  rechnete  G.  fiir  das  einfache  Beispiel  einer  Belastung  von 
1600  Kilogramm  und  einer  Drehzahl  von  120  —  gewiC  ein  ganz  gewohnlicher 
Fall  —  nach  alien  damals  gebrauchlichen  Lehrbiichern  sechs  Durchmesser 
aus,  die  alle  voneinander  abwichen,  in  dem  der  kleinste  33  Millimeter  und  der 
grdfite  288  Millimeter,  also  das  Neunfache  des  ersten  betrug.  Die  Erfahrungen, 
die  man  mit  den  Spurlagern  der  sogenannten  Konigswellen  und  Muhlspindeln 
machte,  waren  dementsprechend,  und  der  damals  angestrebten  Einfuhrung 
der  Turbinen  an  Stelle  der  alten  Wasserrader  stand  kaum  etwas  so  hinder- 
lich  im  Wege  als  die  Abneigung  gegen  Spurzapfen.  G.  brachte  hier  Klarheit 
und  Sicherheit. 

Die  bedeutendste  literarische  Leistung  G.s  liegt  auf  eisenbahn-technischem 
Gebiet  in  seiner  Mitarbeit  an  dem  »Handbuch  fiir  spezielle  Eisenbahntechnik  «, 
herausgegeben  von  dem  Altmeister  des  deutschen  Eisenbahnwesens,  Heusinger 
von  Waldegg.  Dieses  in  den  Jahren  1870  bis  1875  erstmals  erschienene,  vier- 
bandige,  in  der  deutschen  technischen  Literatur  hochbedeutsame  Werk  hatte 
keinen  Vorganger  in  deutscher  Sprache ;  es  war  von  mehr  als  vierzig  deutschen 
Eisenbahningenieuren  ersten  Ranges  verfaflt.  G.  wurde  von  Heusinger  mit  der 
Bearbeitung  eines  der  wichtigsten  Kapitel  des  dritten  Bandes,  »Lokomotiv- 
bau«,  betraut.  Er  hatte  eine  »Zusammenfassende  Behandlung  der  Lokomotive 
im  allgemeinen  und  der  Entwicklung  ihrer  Grundverhaltnisse*  zu  geben.  Bei 
Bearbeitung  dieses  grundlegenden  Kapitels  iiber  Dampflokomotiven  konnte 
sich  G.  auf  die  bei  der  Hannoverschen  Staatsbahn  gemachten  Betriebserfah- 
rungen  stiitzen,  deren  Lokomotivpark  groBtenteils  unter  Kirchwegers  Leitung 
beschafft  und  fiir  seine  Zeit  mustergultig  war:  die  Bauarten  fiir  Personen- 
und  Giiterzugsdienst  waren  sehr  sorgfaltig  gewahlt  und  der  einheitlichen 
Durchbildung  der  Einzelteile,  der  Einfachheit  und  Austauschbarkeit  der- 
selben,  sowie  der  Riicksicht  auf  billige  Unterhaltung  im  Betriebe  die  gebiih- 
rende  Beachtung  geschenkt.  Andererseits  fand  hier  das  Streben  nach  Stei- 
gerung  der  Wirtschaftlichkeit  der  Lokomotive  als  Warmekraftmaschine  in 
der  Einfuhrung  der  Speisewasservorwarmung,  » Kirchweger-Kondensation « 
genannt,  erfolgreichen  Ausdruck.  Die  Wichtigkeit  der  baulichen  Einfachheit 
bei  alien  Eisenbahnmaschinen  und  die  Notwendigkeit,  das  Ineinandergreifen 
der  warmetechnischen  Vorgange  bei  der  Dampflokomotive  klar  zu  erkennen, 
waren  G.  vorwiegend  durch  seine  Zusammenarbeit  mit  Kirchweger  eingeimpft. 
G.  hatte  infolgedessen  auf  der  einen  Seite  eine  ausgesprochene  Abneigung 
gegen  alle  Kompliziertheiten  in  der  Maschinentechnik,  von  der  er  auch  in 
seinen  Vorlesungen  kein  Hehl  machte,  war  aber  andererseits  von  einem  leb- 
haften  Streben  nach  Vertiefung  der  wissenschaftlichen  Erkenntnis  maschinen- 
technischer  Vorgange  beseelt.  In  dem  genannten  Kapitel  ist  »Die  Einrichtung 
der  Lokomotive  im  allgemeinen*  sehr  klar  und  erschopfend  behandelt.  Die 
in  Frage  kommenden  Vorgange:  die  Verbrennung,  die  Verdampfung,  die  Ar- 
beit des  Dampfes  in  den  Zylindern  und  die  Erzeugung  der  Zugkraft  am  Trieb- 
radumfang  sind  in  einer  wissenschaftlich  neuen  Form  behandelt,  es  sei  nur 


396  1919 

an  die  von  G.  begriindete  Theorie  fur  die  Bemessung  des  Blasrohres  und 
Schornsteines  und  an  die  Bestimmung  der  mittleren  Zugkraft  wahrend  der 
Anfahrperiode  erinnert.  Die  Storungen  der  Lokomotivbewegungen  durch 
Schlinger-  und  Massenkrafte,  der  EinfluB  der  baulichen  Anordnung  der  Loko- 
motive  auf  die  storenden  Bewegungen  wurden  eingehend  untersucht  und  die 
GroBe  der  Gegengewichte  bestimmt.  Die  auf  Grund  scharfsinnigster  Uber- 
legungen  errechneten  Ergebnisse  wurden  stets  an  Hand  von  bewahrten  Aus- 
fuhrungen  kritisch  gepriift,  worin  eine  der  typischen  Eigentiimlichkeiten  bei 
der  Behandlung  maschinentechnischer  Probleme  zutage  tritt.  Die  Griindlich- 
keit,  mit  welcher  G.  das  wenig  einheitliche  Eisenbahnwesen  seiner  Zeit  und 
dessen  Entwicklungsgeschichte  beherrscht,  findet  ihren  Ausdruck  in  der  klaren 
Darstellung  des  Typischen  und  in  den  rechtzeitigen  Hinweisen  auf  vereinzelt 
gebliebene  interessante  Sonderbauten.  G.  schuf  mit  der  Bearbeitung  dieses 
Kapitels  im  Eisenbahnhandbuch  Heusingers  seinen  Ruf  als  hervorragender 
Eisenbahnmaschineningenieur.  Die  wertvolle  Arbeit  erschien  1879  in  italie- 
nischer  Ubersetzung  von  O.  Moreno  in  Buchform. 

Fiir  die  zweite  Auflage  des  Bandes  »Lokomotivbau«  des  Handbuches  fiir 
spezielle  Eisenbahntechnik  wurde  G.  1882  von  Heusinger  die  Bearbeitung 
eines  weiteren,  grundsatzlich  sehr  wichtigen  Kapitels  iibertragen:  »Die  Steue- 
rung  der  Lokomotivdampf maschine. «  Sein  Vorganger  darin,  Professor  Kargl 
am  Zuricher  Polytechnikum,  war  bei  der  Bearbeitung  der  ersten  Auflage 
dieses  Kapitels  im  theoretischen  Teil  streng  in  den  Bahnen  seines  Kollegen 
Zeuner  gewandelt,  den  konstruktiven  Teil  hatte  Heusinger  selbst  bearbeitet. 
G.  beschritt  im  Gegensatz  zu  fcargl  einen  anderen  Weg,  der  sich  als  sehr  er- 
folgreich  erwiesen  hat.  Er  vereinigte  zur  Gewinnung  brauchbarer  Abmessungen 
einer  Lokomotivsteuerung  die  rechnerische  mit  der  zeichnerischen  Methode, 
indem  er  in  sehr  glucklicher  Weise  das  Zeunersche  mit  dem  Fliegnerschen 
Verfahren  kombinierte.  Die  sehr  elegante  Ableitung  des  allgemeinen  Gesetzes 
der  Schieberbewegung  einer  Kulissensteuerung  sei  besonders  hervorgehoben. 
Der  von  G.  vor  40  Jahren  eingeschlagene  Weg  zur  Ermittlung  von  Steuerungs- 
abmessungen  wird  heute  noch  von  der  Mehrzahl  der  Lokomotivkonstrukteure 
benutzt,  in  schwierigen  Fallen  freilich  unter  Heranziehung  eines  Steuerungs- 
modelles,  dessen  Anfertigung  vielfach  iiblich  geworden  ist. 

Die  wissenschaftlichen  Leistungen  G.s  auf  eisenbahntechnischem  Gebiet 
wurden  allseitig  als  erstklassig  anerkannt.  Kein  Geringerer  als  Heusinger  von 
Waldegg  selbst  schreibt:  » Grove  hat  im  Handbuch  der  speziellen  Eisenbahn- 
technik in  den  beiden  von  ihm  bearbeiteten  Kapiteln  ebenso  gnindliche  wie 
klassische  Beitrage  geliefert.«  Heusingers  Urteil  uber  die  Klassizitat  dieser 
Arbeiten  G.s  hat  heute  noch  voile  Gultigkeit.  Jeder  Eisenbahningenieur,  der 
das  verwickelte  Ineinandergreifen  der  Vorgange  in  der  Dampflokomotive  klar 
erkennen  will,  muB  sich  die  G.schen  Gedankengange  zu  eigen  machen. 

Zum  Gebrauch  beim  Unterricht  hat  G.  die  bekannten  und  seinerzeit  sehr 
verbreiteten  »Formeln,  Tabellen  und  Skizzen  fiir  das  Entwerfen  einfacher 
Maschinenteile «  herausgegeben,  die  in  seiner  Bearbeitung  13  Auflagen  erlebt 
haben,  die  friiher  bei  Schmorl  und  von  Seefeld  in  Hannover  und  spater  bei 
S.  Hirzel  in  Leipzig  erschienen  sind.  Die  » Konstruktionslehre  der  einf achen 
Maschinenteile «  schrieb  er  im  Ruhestand.  Sie  erschien  1902  bis  1906  bei 
S.  Hirzel  in  Leipzig. 


Grove.  Haeckel  307 

Als  Lehrer  erfreute  sich  G.,  namentlich  in  der  Vollkraft  seiner  Jahre,  der 
besonderen  Liebe  und  Anerkennung  seiner  Schuler,  die  von  einem  unbe- 
grenzten  Vertrauen  zu  ihm  beseelt  waren.  Zum  Lehrberuf  brachte  er  eine 
ganz  besondere  Begabung  und  eine  groBe  Arbeitskraft  mit  und  nahm  seine 
Pflichten  sehr  ernst.  Viel  Nebenbeschaftigung  eines  Maschinenbauprofessors 
verurteilte  er,  well  »niemand  an  zwei  Strangen  ziehen  kann«.  Sein  Vortrag 
war  anregend  und  lebendig;  er  hatte  ein  f eines  Gefiihl  fiir  schone  Formen, 
denen  seine  getibte  Hand  an  der  Wandtafel  sichtbaren  Ausdruck  gab.  Viele 
seiner  Forschungsergebnisse  hat  er  nicht  im  Druck  veroffentlicht,  sondern  in 
seinen  Vorlesungen  gebracht.  Sein  hochstes  Streben  ging  dahin,  seinen  Schiilern 
alles  das  fertig  zu  geben,  was  sie  bei  Bearbeitung  von  Konstruktionsaufgaben 
nach  seiner  Ansicht  brauchten. 

G.  war  ein  Mann  von  ausgepragter  Eigenart,  ausgestattet  mit  reichen  Gaben 
des  Geistes  und  einem  warmen  Herzen  voll  Giite  und  Menschenfreundlichkeit. 
Nicht  selten  lieB  er  unbemittelte  Studierende  vertraulich  zu  sich  kommen, 
um  ihnen  das  einbezahlte  Kollegiengeld  zuriickzuerstatten.  Etwa  eingeris- 
senen  MiBstanden  stand  er  sehr  kritisch  gegeniiber,  und  wenn  derartige  MiB- 
stande  durch  Selbstsucht,  Eitelkeit,  Bequemlichkeit  oder  Vielgeschaftigkeit 
anderer  entstanden  waren,  oder  gar  die  Studierenden  schadigten,  dann  konnte 
G.  in  hellem  Zorn  entflammen.  Nicht  unerwahnt  bleiben  darf  seine  iiberaus 
groBe  Bescheidenheit.  Jeglichem  Kultus  mit  seiner  Person  entzog  er  sich 
soweit  nur  immer  mdglich.  Seine  irdischen  Reste  wurden  in  aller  Stille  bei- 
gesetzt,  weil  er  letztwillig  bestimmt  hatte,  daB  die  Todesanzeige  erst  nach 
vollzogener  Feuerbestattung  veroffentlicht  werden  diirfe. 

Literatur:  Der  literarische  *achwissenschaftliche  NachlaB  G.s  kam  zum  Teil  in  das 
Deutsche  Museum  in  Miinchen. 

Miinchen.  Paul  v.  Lossow  und  Georg  Lotter. 

Haeckel,  Ernst,  Professor  der  Zoologie  an  der  Universitat  Jena,  *  am 
16.  Februar  1834  *n  Potsdam,  f  am  9.  August  1919  in  Jena.  —  Die  Aufforde- 
rung,  den  Nachruf  fiir  meinen  Lehrer  Ernst  H.  zu  verfassen,  ruft  in  mir  alte 
und  liebe  Erinnerungen  wach  an  die  ersten  Beziehungen,  die  sich  zwischen 
Ernst  H.,  meinem  verstorbenen  Bruder  Oskar  Hertwig  (f  1922)  und  mir  ent- 
wickelt  haben.  Sie  wurden  durch  den  Direktor  des  Muhlhauser  Gymnasiums, 
auf  dem  wir  unsere  Vorbildung  genossen  haben,  Professor  Wilhelm  Osterwald, 
vermittelt.  Als  dieser  noch  Lehrer  am  Gymnasium  in  Merseburg  war,  hatte  H. 
nach  der  Ubersiedlung  seiner  Eltern  nach  Berlin  bei  ihm  zwei  Jahre  lang  ge- 
wohnt.  Osterwald,  ein  Auslaufer  der  romantischen  Periode,  ein  Freund  des 
Komponisten  Franz,  der  viele  seiner  Gedichte  komponiert  hat,  bestimmte 
uns  in  Jena  bei  H.  unsere  Studien  zu  beginnen,  mit  der  Begnindung,  er  habe 
drei  Schuler,  die  ihm  besonders  lieb  seien,  H.  und  wir  beide,  und  es  sei  ihm 
ein  Herzensbediirfnis,  daB  wir  drei  im  Leben  einander  nahertraten.  Jena  stand 
damals  im  Ruf  einer  iiblen  Bieruniversitat,  und  es  kostete  unserem  verehrten 
Lehrer  viel  Muhe,  bei  der  Wahl  der  Universitat  unseren  Widerstand  zu  iiber- 
winden.  SchlieBlich  lieBen  wir  uns  uberreden,  und  so  zogen  wir  Ostern  1868 
in  Jena  ein,  in  der  Absicht,  nach  dem  Wunsche  unseres  Vaters  Chemie  zu 
studieren. 


398  J9i9 

Mir  ist  es  unvergeBlich,  mit  welcher  Herzlichkeit  wir  vollig  weltfremden,  im 
engsten  Familienkreis  aufgewachsenen  Studentlein  von  dem  damals  anf  der 
Hohe  seiner  wissenschaftlichen  Leistungsfahigkeit  stehenden  Manne  aufge- 
nommen  wurden,  wie  er  sich  Miihe  gab,  uns  durch  seine  Begeistening  und  durch 
sorgfaltiges  tlberwachen  unserer  Studien  ftir  die  Zoologie  zu  gewinnen  und 
uns  dem  ilim  so  nahe  befreundeten,  infolge  schwerer  Schicksalsschlage  ver- 
bitterten  und  verschlossenen  Gegenbaur  naherzubringen,  das  alles  zu  einer 
Zeit,  in  der  unser  guter  Wille  nur  einen  unsicheren  Wechsel  auf  die  Zukunft 
bildete.  UnvergeBlich  sind  mir  noch  die  Stunden,  in  denen  er  uns  auf  gemein- 
samen  Spaziergangen,  in  die  intimen  Schonheiten  der  Jenaer  Umgebung  ein- 
fuhrte.  Auf  diesen  Spaziergangen  entfaltete  sich  die  iibersprudelnde  geniale 
Jugendlichkeit  seines  Wesens,  die  mit  alien  ihren  guten  und  gefahrlichen 
Seiten  ihm  bis  in  sein  hohes  Alter  treu  geblieben  ist.  Ich  sehe  ihn  noch  vor 
mir,  wie  er  jugendlich  schon,  blond  und  kraftig  einem  Siegfried  ahnelnd, 
groBe  Felsplatten  auf  den  steilen  Kernbergen  herunterrollen  lieB  und  wie  ein 
Kind  sich  freute,  wenn  sie  auf  ihrem  Weg  talwarts  die  tollsten  Spriinge  aus- 
fuhrten. 

Mit  dieser  aus  eigenster  Erf  ahrung  stammenden  Schilderung  habe  ich  schon 
den  Grundton  festgelegt  fiir  die  Darstellung,  welche  ich  im  folgenden  von 
H.s  Werdegang,  seinem  Wirken  und  seiner  geschichtlichen  Stellung  zu  geben 
versuchen  werde.  Ich  mochte  ihn  in  dem  Satz  ausdriicken:  H.  ist  eine  Per- 
sonlichkeit,  die  als  Ganzes  beurteilt  werden  muB,  nicht  aus  dem  einzelnen, 
was  er  Gutes  geleistet  und  was  er  gefehlt  hat. 

H.  gehorte  zu  den  gliicklichen  Menschen,  deren  I^ebenswege  von  fruher 
Jugend  an  durch  ausgesprochene  Begabung  und  Sympathien  in  feste  Bahnen 
gelenkt  wurde.  Seine  Interessen  wandten  sich  fruhzeitig  der  lebenden  Natur 
zu.  Erziehung  und  Umgebung  trugen  das  Ihre  dazu  bei,  diese  Interessen  weiter 
zu  fordern.  Er  hatte  noch  nicht  sein  erstes  I^ebensjahr  vollendet,  als  sein  Vater 
von  Potsdam  als  Oberregierungsrat  nach  Merseburg  versetzt  wurde.  Hier 
verlebte  der  Sohn  H.  die  Zeit  bis  zu  seinem  Abiturientenexamen,  die  letzten 
Jahre  im  Hause  des  Professors  Osterwald,  nachdem  1850  sein  Vater  seinen 
Abschied  genommen  hatte  und  nach  Berlin  iibergesiedelt  war.  In  dem  auch 
in  der  Merseburger  Gegend  einen  Teil  seiner  Reize  bewahrenden  Saaletal,  in 
einer  kleinen,  noch  in  Fiihlung  mit  der  Natur  stehenden  Stadt,  konnte  er 
seiner  Leidenschaft  fiir  Botanik  nachgehen,  ohne  Benachteiligung  der  Pflichten 
den  Aufgaben  der  Schule  gegeniiber,  wie  sein  in  auBergewohnlich  warmem 
Lob  gehaltenes  Abgangszeugnis  erkennen  laBt.  Seine  Begeistening  fiir  die 
Natur  fand  reichlich  Nahrung  durch  das  I^esen  der  Werke  Alexander  v.  Hum- 
boldts,  der  spater  so  beriihmt  gewordenen  Reisebeschreibung  Darwins,  vor 
allem  aber  durch  das  eifrige  Studium  von  Schleidens  bekanntem  Werk  »Die 
Pflanze  und  ihr  Leben«.  Schleiden  war  damals  Professor  der  Botanik  in  dem 
nicht  weit  entfernten  Jena.  So  ist  es  denn  begreiflich,  daB  es  H.s  brennender 
Wunsch  war,  unter  ihm  seine  Studien  zu  beginnen.  Seine  Leidenschaftlichkeit 
beim  Pflanzensammeln  hat  diesen  Wunsch  vereitelt.  Um  die  seltene  Scilla 
trifolia  zu  finden,  stieg  er  tief  in  sumpfiges  Gelande  hinein  und  holte  sich  einen 
Gelenkrheumatismus,  was  die  um  die  stark  erschiitterte  Gesundheit  des  Sohnes 
besorgten  Eltern  veranlaBte,  ihn  unter  ihre  Pflege  zu  nehmen.  So  begann  H. 
seine  Studienzeit  Ostern  1852  in  Berlin,  wo  er  in  dem  mit  seinen  Eltern  be- 


Haeckel 


399 


freundeten  geistvollen  Botaniker  Alexander  Braun  einen  wohlwollenden  Be- 
rater  im  Pflanzenstudium  fand. 

Eine  Wendung  in  H.s  Schicksal  trat  ein,  als  sein  Vater  darauf  bestand, 
daB  sein  Sohn  sich  fur  ein  praktisches,  eine  gesicherte  Lebensstellung  in  Aus- 
sicht  stellendes  Studium  entschied.  Die  Wahl  fiel  auf  die  mit  der  Biologie 
so  eng  verbundene  Medizin,  die  Wahl  der  Universitat  auf  Wiirzburg,  welches 
damals  fur  Studierende  der  Medizin  eine  besondere  Anziehungskraft  ausiibte. 
H.  war  in  zwei  verschiedenen  Zeiten  Wiirzburger  Student,  das  erstemal  vom 
Herbst  1852  bis  Ostern  1854,  das  zweitemal  Ostern  1855  bis  Herbst  1856; 
in  der  Zwischenzeit  gehorte  er  der  Berliner  Universitat  an.  Nach  dem  in  Berlin 
im  Marz  1857  bestandenen  Doktorexamen  beendete  er  seine  medizinische 
Ausbildung  mit  dem  Besuch  der  Wiener  Kliniken  und  dem  im  Winter  1857/58 
in  Berlin  bestandenen  Staatsexamen. 

In  diese  Zeit  des  medizinischen  Studiums  fallt  H.s  Umstellung  von  der 
Botanik  zur  Zoologie.  Nicht  als  ob  die  arte  Liebe  zur  Botanik  in  ihm  erloschen 
ware.  Im  Gegenteil!  In  den  Briefen,  die  er  von  Wiirzburg  an  seine  Eltern 
schrieb,  erzahlt  er  viel  von  seinen  botanischen  Ausfliigen.  Auch  in  seiner 
Jenaer  Zeit  kehrte  er  von  seinen  Spaziergangen  stets  mit  einem  machtigen 
StrauB  Blumen  zuriick,  mit  deren  genauer  systematischer  Kenntnis  er  man- 
chen  Fachbotaniker  hatte  beschamen  konnen.  Wer  ferner  seine  indischen 
Reisebriefe  und  die  Briefe  aus  Insulinde  liest,  wird  iiberrascht  sein,  daB  in 
ihnen  mehr  von  Pflanzen  als  von  Tieren  die  Rede  ist.  Auch  kann  man  nicht 
sagen,  dafl  H.  abgesehen  von  den  Tiergruppen,  die  er  selbst  bearbeitet  hat, 
speziellere  Kenntnisse  in  der  zoologischen  Systematik  besessen  hatte.  Was  ihn 
zur  Zoologie  fiihrte,  waren  die  morphologischen  Probleme,  die  Fragen  der 
vergleichenden  Anatomie  und  Entwicklungsgeschichte. 

Die  Manner,  die  diese  Umstellung  der  wissenschaftlichen  Interessen  bewirk- 
ten,  waren  in  Wiirzburg  Kolliker,  Leydig  und  Virchow,  dessen  Assistent  er 
wahrend  seines  zweiten  Wiirzburger  Aufenthalts  war,  in  Berlin  Johannes 
Muller. 

H.  hat  nie  Interesse  fur  Kranke  und  Krankheiten  gehabt.  Als  er  dem 
Wunsche  seines  Vaters  folgend  sich  vonibergehend  in  Berlin  als  Arzt  nieder- 
lieB,  verlegte  er  seine  Sprechstunde  auf  die  Zeit  von  5 — 6  Uhr  friih,  um  sicher 
vor  Patienten  zu  sein.  Trotzdem  erkannte  er  an,  wie  auBerordentlich  viel  er 
dem  medizinischen  Studium  verdankt  habe.  Auch  riet  er  meinem  Bruder  und 
mir,  Medizin  zu  studieren,  weil  er  darin  die  beste  Vorbildung  fur  biologische 
Studien  erblickte.  MaBgebend  war  hierbei  der  Gedanke,  daB  die  Kenntnis  der 
krankhaften  Vorgange  und  Veranderungen  des  Korpers  den  Anschauungskreis 
des  Biologen  vertiefe  und  erweitere. 

Bei  dieser  Abneigung  gegen  medizinisch-klinische  Studien  ist  es  verstand- 
lich,  daB  vergleichende  Anatomie  und  Entwicklungsgeschichte  einen  unver- 
haltnismaBig  groBen  Teil  seiner  Studienzeit  ausfiillten.  Dazu  kam,  daB  ihm 
zweimal  Gelegenheit  wurde,  unter  Leitung  seiner  Lehrer  am  Meere  seine 
Studien  zu  erweitern  und  dabei  die  Wunder  der  pelagischen  Tierwelt 
kennenzulernen.  Den  Herbst  1854  verlebte  er  auf  Helgoland.  Der  Aufenthalt 
war  fiir  ihn  dadurch  besonders  bedeutungsvoll,  daB  auch  Johannes  Muller 
nach  Helgoland  kam  und  ihn  an  seinen  Ausfahrten  teilnehmen  lieB.  1856  be- 
gleitete  er  Kolliker  nach  Villafranca,  wo  er  abermals  mit  Johannes  Muller 


400  1919 

zusammentraf.  Dieser  war  es,  der  vor  allem  durch  seine  machtvolle  Person- 
lichkeit,  die  kaum  je  wieder  erreichte  Beherrschung  der  gesamten  Biologie 
und  seinen  durchdringenden  Verstand  einen  unausloschlichen  Eindruck  auf 
den  heranwachsenden  Zoologen  machte,  obwohl  dieser  nur  kurze  Zeit  wah- 
rend  des  Studienjahrs  1856/57  sein  Schuler  war. 

Aber  der  groBte  Gewinn,  den  H.  aus  seiner  Studienzeit  zog,  war  seine  innige 
Freundschaft  mit  Karl  Gegenbaur  (1826 — 1903;  vgl.  Fiirbringer  in  »Heidel- 
berger  Professoren  aus  dem  19.  Jahrhundert«  (1903)  und  Bettelheims  Biogra- 
phisches  Jahrbuch  VIII,  S.  324,  329  f.),  mit  dem  er  bei  einem  Spaziergang 
durch  den  Gutenberger  Forst  bei  Wurzburg  im  Jahre  1853  bekannt  wurde. 
Man  kann  sich  kaum  einen  groBeren  Unterschied  im  Temperament  vorsteUen 
wie  den  zwischen  den  beiden  Freunden.  Gegenbaur,  um  acht  Jahre  alter, 
steif  und  in  sich  verschlossen,  in  allem  was  er  tat  und  was  er  schrieb  langsam 
und  uberlegend,  ein  harter,  unbeugsamer,  aber  vielleicht  gerade  aus  diesem 
Grunde  laute  Konflikte  vermeidender  Charakter;  H.  lebhaft,  von  bezaubernder 
Liebenswiirdigkeit,  rasch  in  der  Entscheidung  bis  zur  Unbesonnenheit,  eine 
f rohmutige  Kampfnatur.  Sehr  bezeichnend  fiir  den  Unterschied  beider  Manner 
war  ihr  Verhalten  auf  Reisen.  Gegenbaur  fuhr  auf  der  Eisenbahn  I.  Klasse, 
zog  den  eigenen  Wagen  der  Post  und  dem  Stellwagen  vor  und  kehrte  nur  in 
Hotels  ersten  Ranges  ein.  H.  ging  am  liebsten  zu  FuB  oder  fuhr  III.  Klasse 
und  kehrte  in  einfachen  Wirtshausern  ein;  es  kam  ihm  auch  nicht  darauf  an, 
mit  Handwerksburschen,  die  sich  ihm  im  Gebirge  angeschlossen  hatten,  im 
Heustadel  zu  ubernachten.  —  Was  diese  beiden  so  grundverschiedenen,  jeder 
in  seiner  Art  hochbedeutenden  Manner  zusammenfuhrte,  war  die  Uberein- 
stimmung  in  ihren  wissenschaftlichen  Auffassungen  und  im  weiteren  Verlauf 
ihres  Lebens  gemeinsames  Leid,  indem  beide  jung  verheiratet  fast  zu  gleicher 
Zeit  ihre  treuen  Lebensgefahrtinnen  verloren.  Fiir  H.s  gesamte  Zukunft  war 
seine  Freundschaft  mit  Gegenbaur  von  ausschlaggebender  Bedeutung.  Gegen- 
baur war  Ursache,  da£  sich  H.  in  Jena  als  Privatdozent  niederlieB,  wo  er 
selbst  damals  a.o.  Professor  der  Zoologie  war,  daB  er  spater  sein  Nachfolger 
wurde,  als  er  nach  dem  Tode  Huschkes  die  Professur  der  menschlichen  und 
vergleichenden  Anatomie  ubernahm. 

Nachdem  H.  seine  Doktorpriifung  und  das  Staatsexamen  bestanden  hatte, 
gelang  es  ihm,  von  seinem  Vater  die  Erlaubnis  zu  einem  langeren  Aufenthalt 
in  Italien  zu  erhalten.  Die  Reise  begann  im  Januar  1859  und  fiihrte  ihn  iiber 
Genua,  Florenz  und  Rom  nach  Neapel,  wo  er  dauernde  innigste  Freundschaft 
mit  dem  Maler  und  Dichter  der  Marschen,  Hermann  Allmers,  schloB.  Gemein- 
sam  mit  ihm  genoB  er  die  berauschende  Schonheit  des  Golfs  von  Neapel  und 
seiner  Inseln  Capri  und  Ischia.  Eine  funfwochentliche  Wanderung  fiihrte  die 
Freunde  durch  Sizilien  und  endete  mit  einer  Besteigung  des  Atna.  Dann  be- 
gann H.  im  Oktober  seine  zoologischen  Studien  in  Messina,  dessen  Hafen  wegen 
der  regelmaBigen  Meeresstrdmungen  ein  einzig  dastehender  Sammelplatz  der 
pelagischen  Tierwelt  ist.  Hier  sammelte  er  im  Winter  1859/60  Beobachtungen 
und  Material  fiir  seine  groBartige  Monographic  der  Radiolarien,  die  im 
Jahre  1862  erschien  und  ihm  die  goldene  Cotheniusmedaille  der  Leopoldina 
eintrug.  Sie  fand  ungeteilte  Bewunderung  in  zoologischen  Kreisen  und  ebnete 
ihm  die  Wege  zu  seiner  wissenschaftlichen  Laufbahn.  Der  Habilitation  in 
Jena  1861  folgte  schon  im  folgenden  Jahre  seine  Ernennung  zum  a.o.  Pro- 


Haeckel 


401 


fessor  der  Zoologie  und  1865,  nachdem  er  einen  Ruf  nach  Wiirzburg  abgelehnt 
hatte,  zum  Ordinarius  des  gleichen  Fachs. 

Noch  dreimal  bot  sich  H.  Gelegenheit,  seinen  Wirkungskreis  in  Jena  gegen 
eine  glanzendere  Stellung  zu  vertauschen.  1871  wurde  er  nach  Wien,  1872  an 
die  neugegriindete  Universitat  StraBburg  als  Professor  der  Zoologie  berufen. 
1874  wurde  ihm  nach  dem  Tode  Max  Schultzes  die  Professur  fur  vergleichende 
Anatomie  in  Bonn  angeboten.  Diese  ehrenvollen  Berufungen  hat  er  abgelehnt, 
in  der  Uberzeugung,  daB  die  bescheidenen  Bedingungen  an  der  Universitat 
Jena  fiir  die  gedeihliche  Fortbildung  seiner  Schaffenskraft  den  geeignetsten 
Boden  bildeten.  Zu  dieser  der  Universitat  Jena  bewiesenen  Treue  haben  auch 
die  nahen  Beziehungen  beigetragen,  in  denen  er  zu  den  fiir  die  Universitat 
mafigebenden  Personlichkeiten  stand.  Unter  ihnen  verdienen  besonders  ge- 
nannt  zu  werden  die  Kuratoren  der  Universitat  Seebeck  und  Eggeling,  der 
weimarische  Minister  Stichling  und  von  den  »Erhaltern  der  Universitat «  der 
GroBherzog  Alexander  von  Weimar  und  der  Herzog  Georg  von  Meiningen. 

Bedeutet  der  Aufenthalt  in  Messina  den  entscheidenden  Wendepunkt  in 
H.s  Leben,  insofern  mit  ihm  seine  zoologische  Laufbahn  begann,  so  fallt  in 
die  Zeit  kurz  nach  der  Riickkehr  von  Messina  das  zweite  grofle  Ereignis, 
welches  seine  wissenschaftliche  Zukunft  bestimmte.  In  der  Heimat  angelangt, 
wurde  er  mit  Darwins  Werk  tiber  den  Ursprung  der  Arten  bekannt,  das  auf 
seinen  durch  die  Messineser  Studien  vorbereiteten  Geist  einen  gewaltigen  Ein- 
druck  machte.  Schon  in  seiner  Monographic  der  Radiolarien  hatte  er  seiner 
Zustimmung  zur  Darwinschen  Theorie  begeisterten  Ausdruck  verliehen.  In 
ausfiihrlicher  Form  geschah  es  in  seiner  beriihmten  Rede  auf  der  Stettiner 
Versammlung  deutscher  Naturforscher  und  Arzte  1863,  in  der  er  wissenschaft- 
liche Kreise  mit  den  Grundziigen  der  bis  dahin  wenig  beachteten  Theorie 
bekanntmachte.  Mit  ihr  ubernahm  er  die  Fiihrerrolle  im  Kampf  um  die  Ab- 
stammungslehre.  In  Fortftihrung  des  Kampf  es  erschien  in  rascher  Aufeinander- 
folge  1866  die  »Generelle  Morphologies  1868  die  »Naturliche  Schopfungs- 
geschichte«,  1874  die  » Anthropogenie «.  Erstere  wendet  sich  an  streng  wissen- 
schaftliche Kreise ;  sie  tritt  nicht  nur  fiir  die  Abstammungslehre  ein,  sondern 
bildet  auch  einen  groBartigen  Versuch,  sich  mit  den  Grundprinzipien  wissen- 
schaftlicher  Forschung  im  allgemeinen  und  denen  der  Biologie  im  besonderen 
auseinanderzusetzen. 

Schopfungsgeschichte  und  Anthropogenie  stellen  sich  die  Aufgabe,  weitere 
Kreise  fiir  die  neuen  durch  den  Darwinismus  entstandenen  Anschauungen  zu 
gewinnen;  sie  sind  es  vornehmlich,  welche  H.s  Namen  in  weiteste  Kreise 
trugen  und  ihn  zum  Zielpunkt  heftigster  Angriffe  einerseits,  begeisterter  Hul- 
digungen  andererseits  machten.  So  erklart  sich  ihre  weite  Verbreitung,  daB 
die  Natiirliche  Schopfungsgeschichte  in  elf  Auflagen  (die  letzte  1909),  die 
Anthropogenie  in  sechs  Auflagen  (die  letzte  1910)  erschien  und  daB  beide 
Werke  in  die  wichtigsten  Kultursprachen  iibersetzt  wurden.  Die  in  den  ge- 
nannten  drei  Werken  vertretene  monistische  Weltanschauung  wurde  in  den 
folgenden  Jahrzehnten  in  zahlreichen  Vortragen,  von  denen  zwei  abermals 
auf  Naturforscherversammlungen  (Miinchen  1877,  Eisenach  1882)  gehalten 
wurden,  und  in  kleineren  und  groBeren  Streitschriften  weiter  ausgebaut,  vor 
allem  aber  in  zwei  Werken,  die  eine  ganz  ungeheure,  nach  vielen  Hundert- 
tausenden  von  Exemplaren  zahlende  Verbreitung  erfahren  haben,  von  denen 

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402  1919 

das  eine  »Die  Weltratsel«  im  Jahre  1899,  das  andere  »Die  Lebenswunder  «  im 
Jahre  1904  zum  erstenmal  erschien. 

Neben  diesen  im  AnschluB  an  die  Abstammungslehre  verfaBten  Schriften 
naturphilosophischen  Inhalts  gehen  umfangreiche,  streng  zoologische  For- 
schungen  einher,  von  denen  ich  hier  nur  die  wichtigsten  nennen  kann.  Nach 
AbschluB  seiner  Generellen  Morphologie  besuchte  H.  die  Kanarischen  Inseln. 
Hier  sammelte  er  die  Beobachtungen  fur  seine  Entwicklungsgeschichte  der 
Siphonophoren,  eine  von  der  Utrechter  Gesellschaf t  fiir  Kunst  und  Wissen- 
schaft  gekronte  Preisschrift,  die  auBerdem  durch  Verleibung  der  goldenen 
Medaille  der  gleichen  Gesellschaft  ausgezeichnet  wurde.  Aus  zahlreichen  Anf- 
enthalten  am  Meer  (Korsika,  Dalmatien,  Norwegen)  erwuchs  die  Monographic 
der  Kalkschwamme,  die  zugleich  Ausgangspunkt  wurde  fiir  seine  epoche- 
machende  Gastraatheorie,  H.s  bedeutsamste  Leistung  auf  dem  Gebiet 
der  vergleichenden  Entwicklungsgeschichte.  Durch  eine  Reihe  von  Einzel- 
untersuchungen  wurde  die  mehrbandige  Monographic  der  Medusen  vorbereitet, 
an  die  sich  spater  die  Bearbeitung  der  Tiefseemedusen  der  Challenger-Expe- 
dition anschloB.  Aus  der  reichen  Ausbeute  der  genannten  Expedition  iiber- 
nahm  er  auBerdem  die  Radiolarien  und  Siphonophoren,  damit  an  die 
Untersuchungen  ankniipfend,  denen  er  seine  ersten  wissenschaftlichen  Erfolge 
zu  verdanken  hatte.  Die  Werke  iiber  Medusen,  Radiolarien  und  Sipho- 
nophoren sind  vielbandige  Monographien,  deren  Tafeln  auch  zu  Veroffent- 
lichungen  mit  deutschem  Text  beniitzt  wurden.  Den  AbschluB  seiner  An- 
schauungen  iiber  die  Verwandtschaftsverhaltnisse  der  Klassen  und  Ordnungen 
der  Tiere  und  Pflanzen  bildet  endlich  sein  dreibandiges  Werk:  » System atische 
Phylogenie.  Entwurf  eines  natiirlichen  Systems  der  Organismen  auf  Grund 
ihrer  Stammesgeschichte.« 

Die  gewaltige  Arbeit,  welche  in  den  genannten  Werken  niedergelegt  ist, 
wurde  mit  den  bescheidensten  staatlichen  Mitteln  geleistet.  Als  ich  nach  Jena 
kam,  bestand  das  zoologische  Institut  aus  wenigen  Raumen  des  alten  Schlosses, 
dessen  Stelle  jetzt  das  neue  Universitatsgebaude  einnimmt.  Eine  wesentliche 
Verbesserung  wurde  erzielt,  als  das  Institut  in  den  botanischen  Garten,  in 
die  schone  friihere  Dienstwohnung  des  Professors  der  Botanik  verlegt  wurde. 
Den  groBten  Fortschritt  bedeutete  aber  ein  Neubau,  in  dem  sich  die  reichen 
Sammlungen,  welche  zum  groBten  Teil  H.  selbst  von  seinen  Reisen  mitgebracht 
hatte,  ausbreiten  konnten  und  der  den  neuen  Anspriichen  des  Unterrichts 
geniigende  Einrichtungen  erlaubte.  H.s  groBter  Stolz  aber  war  es,  daB  neben 
dem  Institut  der  Neubau  des  phyletischen  Museums  entstand.  Die  Mittel 
dazu,  zu  denen  er  selbst  das  Buchhandlerhonorar  seiner  Weltratsel  in  der 
Hohe  von  50000  Mark  stiftete,  wurden  durch  eine  Sammlung  von  Schulern, 
Freunden  und  Verehrern  zusammengebracht.  Gelegentlich  des  350jahrigen 
Stiftungsfestes  der  Universitat  konnte  er  den  stolzen  Bau  den  Universitats- 
behorden  iiberantworten.  Der  Museumsbau  sollte  die  Aufgabe  erfiillen,  den 
Besuchern  die  Dokumente  der  Phylogenie  durch  geeignete  Aufstellung  der 
wichtigsten  Naturobjekte  vor  Augen  zu  fiihren.  Diese  Aufgabe  wurde  von 
H.s  Kachfolger  im  Amt,  Plate,  in  vortrefflicher  Weise  gelost. 

Man  wurde  von  H.s  Wirken  nur  einen  unvollstandigen  Begriff  erhalten, 
wenn  man  sich  auf  die  Darstellung  seiner  wissenschaftlichen  Leistungen  be- 
schranken  und  nicht  auch  seine  kiinstlerischcn  Interessen  beriicksichtigen 


Haeckel  403 

wollte.  Sie  auBerten  sich  in  seiner  verstandnisvollen  Begeisterung  fur  die 
Schonheiten  der  Natur.  Was  er  als  Kind  sich  ersehnt  hatte,  ein  Reisender  zu 
werden,  hat  er  als  Mann  zur  Ausfuhrung  gebracht.  Alle  Teile  Europas  bis 
zum  Kaukasus  hat  er  bereist;  am  haufigsten  zog  es  ihn  nach  den  Kiisten  des 
Mittelmeeres.  Als  er  sich  im  vorgeriickteren  Lebensalter  mehr  MuJ3e  gonnte, 
dehnte  er  seine  Reisen  nach  Ceylon  und  Indien  und  einige  Jahre  spater  nach 
den  Malaiischen  Inseln  aus.  Ein  riistiger  Bergsteiger,  litt  es  ihn  nicht  in  den 
Talern  zu  verweilen.  Wie  er  in  Sizilien  den  Atna  bestieg,  so  auf  Teneriffa  den 
Pic.  Seine  vielen  Reiseschilderungen,  vor  allem  seine  Indischen  Reisebriefe 
und  seine  Briefe  aus  Insulinde  lassen  erkennen,  mit  welchem  Hochgefuhl  er 
all  das  Schone  und  GroBartige,  das  er  erschaute,  in  sich  aufnahra.  In  vielen 
Hunderten  von  Aquarellen,  die  zum  Teil  auch  in  Reproduktionen  verviel- 
faltigt  worden  sind,  hat  er  die  Erinnerung  an  das  Erlebte  wach  und  frisch 
erhalten.  Bei  diesen  kunstlerischen  Neigungen  ist  es  begreiflich,  daB  es  ihm 
ein  Bediirfnis  war,  den  Formenschatz  der  Natur  auch  Kunstlern  zugangig 
zu  machen.  Und  so  entstand  das  viele  Hefte  umf assende  Werk :  »  Kunstf ormen 
der  Natur «. 

Die  Vielseitigkeit  seiner  Interessen  erklart  den  ganz  auBergewohnlichen 
EinfluB,  den  H.  auf  seine  Zeit  ausgeiibt  hat.  Er  druckt  sich  auBerlich  in  den 
Feiern  aus,  zu  denen  die  verschiedenen  Gedenktage  seines  I,ebens,  der  60., 
70.  und  80.  Geburtstag  den  auBeren  AnlaB  gegeben  haben.  Am. 60.  Geburtstag 
wurde  im  neugebauten  zoologischen  Institut  seine  Marmorbiiste  aufgestellt 
unter  feierlichen  Ansprachen,  die  von  Schulern  und  Kollegen  gehalten  wurden. 
Am  70.  Geburtstag,  dessen  Feier  er  sich  durch  einen  Aufenthalt  in  Rapallo 
entzogen  hatte,  wurde  ihm  eine  mehrbandige  Festschrift  mit  wissenschaft- 
lichen  Beitragen  seiner  Schuler  iiberreicht.  Der  80.  Geburtstag  war  Veran- 
lassung  zu  einer  ganz  eigenartigen  Ehrung.  In  zwei  mit  einer  biographischen 
Einleitung  versehenen  Banden  berichteten  in  kurzen  Aufsatzen  einige  hundert 
seiner  Schuler,  darunter  viele,  die  im  wissenschaftlichen  Leben  sich  einen  ge- 
achteten  Namen  errungen  hatten,  iiber  die  Forderungen,  die  sie  H.s  EinfluB 
verdankten. 

Ein  groBes  Ereignis  seines  Lebens  wurde  der  Jenaer  Besuch  des  groBen 
Kanzlers  des  Deutschen  Reiches,  des  Fiirsten  Bismarck,  als  er  von  der 
Hochzeit  seines  Sohnes  Herbert  aus  Osterreich  nach  Deutschland  zuriick- 
kehrte.  H.,  der  von  friiher  Jugend  an  fur  ein  einiges  freiheitliches  Deutschland 
schwarmte,  stand  an  der  Spitze  der  Deputation,  welche  den  in  Kissingen 
weilenden  verehrungswurdigen  Begriinder  des  Deutschen  Reiches  zum  Besuch 
von  Jena  einlud.  Auch  bei  der  Huldigung,  welche  Stadt  und  Universitat  im 
Juli  1892  auf  dem  Marktplatz  in  Jena  darbrachten,  spielte  er  eine  fiihrende 
Rolle. 

Aber  auch  schwere  Schicksalsschlage  brachten  diese  Jahre.  Zwei  Jahre  nach 
dem  1862  erfolgten  Tode  seiner  ersten  Frau,  seiner  Kusine  Anna  Sethe, 
einem  Verlust,  der  ihn  so  tief  erschutterte,  daB  er  zweifelte,  von  ihm  sich  je 
wieder  zu  erholen,  hatte  ihm  die  Heirat  mit  der  Tochter  des  Anatomen  Huschke 
neues  Familiengliick  gebracht.  Von  den  drei  Kindern  dieser  Ehe  hatte  der 
Sohn  Walther  vom  Vater  die  malerische  Begabung,  die  Tochter  seine  wissen- 
schaftlichen Interessen  geerbt.  Letztere  wurde  die  Gattin  des  Geographen 
Hans  Meyer.  Leider  war  das  Familiengliick  nur  von  kurzer  Dauer.  Im  Lauf  der 


404  J9I9 

Jahre  stellten  sich  immer  mehr  Unterschiede  in  den  Charakteren,  Neigungen 
und  seelischen  Bediirfnissen  der  beiden  Ehegatten  heraus,  was  H.  urn  so  mehr 
empfand,  als  er  durch  seine  erste  Frau  an  eine  auBergewohnlich  innige  Ge- 
meinsamkeit  der  geistigen  Interessen  gewohnt  war.  Das  dadurch  hervorge- 
rufene  Gefuhl  der  Vereinsamung  bildete  den  Boden,  auf  dem  sich  eine  zur 
Liebe  sich  steigernde  Seelenfreundschaft  entwickelte  zu  einer  ihm  wahlver- 
wandten,  geistig  hochstehenden,  mehr  als  dreiBig  Jahre  jiingeren  Aristokratin, 
die  aus  einem  alten,  hochkonservativ  und  kirchlich  gesinnten  Geschlecht 
stammte  und  auf  dem  Gute  ihrer  Eltern  fern  von  Jena  lebte.  Diese  Beziehungen 
sind  erst  in  der  allerneuesten  Zeit  bekannt  geworden  durch  den  unter  dem 
Decknamen  »Franziska  von  Altenhausen«  veroffentlichten  Briefwechsel,  der 
mit  dem  Jahre  1898  beginnt  und  mit  dem  Tod  der  Freundin  im  Herbst  1903 
endet,  zu  einer  Zeit,  in  der  H.  sich  mit  seiner  kranklichen  Frau  zum  Winter- 
aufenthalt  nach  Rapallo  an  der  Riviera  begeben  hatte.  Der  Briefwechsel  er- 
offnet  einen  erschiitternden  Einblick  in  die  elementare  Leidenschaftlichkeit 
dieser  Liebe  und  die  tiefe  Tragik,  die  durch  den  Konflikt  von  Leidenschaft 
und  Pflicht  bedingt  war,  bei  dem  die  Pflicht  die  Siegerin  blieb.  H.s  Frau  starb 
fast  zwolf  Jahre  spater  im  Fruhjahr  191 5. 

Ein  weiterer  schwerer  Schlag  fur  H.  war  ein  Ungliicksfall.  Schon  auf  seiner 
Reise  auf  den  Malaiischen  Inseln  hatte  er  sich  eine  Knieverletzung  zugezogen, 
welche  den  wanderfrohen  Mann  zwang,  auf  groBere  Marsche  zu  verzichten  und 
sich  der  in  den  Tropen  so  viel  benutzten  Sanften  zu  bedienen.  191 1  fiel  er  von 
der  Stelleiter  eines  Bucherbrettes  in  seinem  Studierzimmer  und  erlitt  einen 
Schenkelhalsbruch,  von  dem  er  sich,  wie  es  nicht  anders  zu  erwarten  war, 
nie  wieder  vollkommen  erholte.  Immerhin  gelang  es  seiner  Energie,  kleinere 
Spaziergange  an  Kriicken  zu  ermoglichen.  Allmahlich  gestaltete  sich  sein 
Zustand  ungiinstiger.  Es  traten  Ohnmachtsanfalle  ein  und  bei  einem  derselben 
fiel  er  am  5.  August  1919  so  ungliicklich  an  einen  Bucherschrank,  daB  er  den 
linken  Oberarm  ausrenkte  und  brach.  Diesen  Unfall  hat  er  nur  noch  wenige 
Tage  iiberlebt.  Nachdem  sein  Sohn  Walther  ihn  in  der  Nacht  vom  8.  auf 
9.  August  bei  vollem  klaren  BewuBtsein  verlassen  hatte,  fand  er  ihn  des 
Morgens  fruh  ohne  Todeskampf  entschlafen. 

Nachdem  am  12.  August  unter  ungeheurer  Teilnahme  weitester  Kreise  die 
Einascherung  stattgefunden  hatte,  veranstalteten  Rektor  und  Sen  at  der 
Universitat  Jena  am  22.  November  eine  groBartige  Leichenfeier  im  groBen 
Saal  des  Volkshauses.  Im  folgenden  Jahr  wurde  H.s  Wohnhaus,  das  mit 
Mitteln  der  Karl  ZeiB-Stiftung  zti  einem  dauernden  Ernst  Haeckel-Archiv  um- 
gewandelt  worden  war,  am  21.  Oktober  vom  Rektor  eingeweiht  und  in  Schirm 
und  Schutz  der  Universitat  ubernommen.  Gleichzeitig  wurde  im  Garten  des 
Hauses  die  Asche  des  Verstorbenen  beigesetzt  und  an  der  Ruhestatte  die  von 
Professor  Engelmann  stammende  Bronzebiiste  enthiillt.  Auch  auBerhalb  Jenas 
fanden  zahlreiche  Gedenkfeiern  statt,  ein  auBerer  MaBstab  f ur  den  ungeheuren 
EinfluB,  den  H.  auf  seine  Zeitgenossen  ausgeiibt  hat. 

Im  Voranstehenden  habe  ich  den  auBeren  Verlauf  von  H.s  Leben  geschil- 
dert;  es  wird  nun  meine  Aufgabe  sein,  darzustellen,  wie  sich  aus  diesem 
Lebenslauf  seine  Personlichkeit  und  seine  geschichtliche  Stellung  entwickelt 
hat.  Es  ist  das  keine  einfache  Aufgabe.  Man  hat  auf  ihn  die  Schillerschen  Verse 
angewandt:  »Von  der  Parteien  Gunst  und  HaB  verwirrt,  schwankt  sein  Cha- 


Hacckel  405 

rakterbild  in  der  Geschichte. «  Und  mit  Recht !  H.  war  eine  elementare  Natur, 
in  der  L,icht-  und  Schattenseiten  dicht  nebeneinander  standen,  voller  Gegen- 
satze,  und  doch  wieder  von  seiner  friihesten  Jugend  bis  in  sein  hohes  Alter 
ein  und  derselbe,  im  personlichen  Verkehr  auch  Andersdenkenden  gegeniiber 
freundlich  und  von  bezaubernder  Liebenswiirdigkeit,  in  seinen  Schriften 
leidenschaftlich  und  von  verletzender  Scharfe,  wenn  es  gait,  gegnerische  An- 
sichten  zu  bekampfen,  in  seiner  Lebenshaltung  von  seltener  Anspruchslosig- 
keit,  gewalttatig  und  unnachgiebig  in  Verteidigung  der  Anschauungen,  die  er 
fur  die  richtigen  hielt. 

Bis  in  das  letzte  Jahrzehnt  seines  Lebens  war  H.  eine  durch  und  durch  ge- 
sunde,  kraftige  und  elastische  Natur,  ein  vorziiglicher  Schwimmer  und  Turner, 
wie  er  denn  gern  davon  erzahlte,  daB  er  auf  dem  I^eipziger  Turnfest  sich  im 
Weitsprung  einen  Lorbeerkranz  errungen  habe.  Fur  seine  auBergewohnliche 
korperliche  Leistungsfahigkeit  und  Ausdauer  war  es  bezeichnend,  daB  er  die 
Besteigung  des  3720  Meter  hohen  Pic  von  Teneriffa  vom  Meer  aus,  ohne  zu 
ubernachten,  in  einer  Tour  ausfuhrte. 

Der  Leistungsfahigkeit  des  Korpers  entsprach  die  wunderbare  Unermud- 
lichkeit  und  Elastizitat  des  Geistes.  Als  H.  in  dem  kurzen  Zeitraum  eines 
Jahres  die  zwei  Bande  seiner  »Generellen  Morphologie«  schrieb,  kiirzte  er  die 
Zeit  seines  Schlafs  auf  wenige  Stunden.  Bei  unseren  gemeinsamen  Aufenthalten 
am  Meer  in  Lesina  1871  und  Ajaccio  1875  hatte  ich  Gelegenheit,  die  Intensitat 
und  Ausdauer,  mit  welcher  er  arbeitete,  zu  bewundern.  Der  Mahnung  seiner 
Eltern:  »Spiele  oder  arbeite«,  ist  er  bis  in  sein  hohes  Alter  treugeblieben,  nur 
daB  das  Spiel  durch  frohen  NaturgenuB  ersetzt  wurde.  In  Jena  bildeten  nach 
angestrengter  Arbeit  weite  Spaziergange  seine  Erholung ;  auf  den  Forschungs- 
und  Sammelreisen  folgten  den  Arbeitswochen  Ausfliige  in  benachbarte  Gegen- 
den.  Auch  auf  diesen  Ausfliigen  war  sein  Geist  unermtidlich  tatig,  zu  schauen, 
neue  Eindriicke  zu  sammeln  und  in  Wort  und  Bild  festzuhalten.  Seine  vielen 
Reiseschilderungen  legen  beredtes  Zeugnis  ab,  wie  vielseitig  seine  Interessen 
waren  und  wie  groB  seine  Aufnahmefahigkeit. 

Die  in  diesen  Schriften  sich  ausdriickende  unverwustliche  Freude  an  der 
Natur  ist  in  hohem  MaBe  auch  charakteristisch  flir  H.s  wissenschaftliche  Ar- 
beitsweise.  Im  Gegensatz  zu  unserer  neuzeitlichen,  von  Problemen  ausgehenden 
und  der  freien  Natur  sich  leider  mehr  und  mehr  entfremdenden  Forschungs- 
weise  lebte  in  ihm  noch  vieles  von  dem  Geist  der  hervorragenden  Zoologen 
fruherer  Zeiten,  eines  Swammerdam,  Rosel  v.  Rosenhof,  Rusconi,  ferner  aus 
dem  19.  Jahrhundert  eines  Theodor  v.  Siebold,  Leydig,  denen  schon  die 
Beobachtung  der  Mannigfaltigkeit  der  Formen  Befriedigung  gewahrte.  Zu 
dieser  Beobachtungsfreudigkeit  gesellte  sich  bei  H.  noch  das  kiinstlerische 
Interesse,  die  Freude  an  der  schonen  Form.  Sehr  bezeichnend  fur  dieselbe  ist 
die  Auswahl  seiner  Untersuchungsobjekte,  der  durch  besondere  Formenschon- 
heit  ausgezeichneten  Radiolarien,  Siphonophoren  und  Medusen.  Wer  H.s 
Arbeitsweise  richtig  verstehen  will,  muB  in  Anschlag  bringen,  daB  in  ihm  ein 
guter  Teil  Kiinstlernatur  steckte.  War  doch  die  kiinstlerische  Seite  in  ihm  so 
machtig  entwickelt,  daB  er  voriibergehend  Reue  empfand,  sich  nicht  ganz 
der  Malerei  gewidmet  zu  haben.  Diese  Empfindungen  wurden,  wie  aus  Briefen 
an  seine  Braut  hervorgeht,  in  ihm  besonders  wachgerufen,  als  er  seine  zoolo- 
gischen  Studien  in  Neapel  mit  einem  MiBerfolg  abschloB  und  nun  mit  seinem 


406  1919 

Freund  Allmers  Suditalien  und  Sizilien  durchwanderte  und  in  der  Formen- 
schonheit  und  Farbenpracht  der  Mittelmeerlandschaft  schwelgen  konnte. 
Der  reiche  Erfolg  des  Messineser  Aufenthalts  fuhrte  ihn  wieder  in  die  Arme 
der  Zoologie  zuriick. 

Aus  der  innigen  Vereinigung  und  Durchdringung  kunstlerischer  und  wissen- 
schaftlicher  Begabung  erklart  sich  seine  enthusiastische  Verehrung  fur  Goethe; 
sie  kommt  in  alien  seinen  Schriften  allgemeineren  Inhalts  zum  Ausdruck,  vor 
allem  in  den  zahlreichen  Goethes  Schriften  entnommenen  Mottos,  mit  denen 
er  die  einzelnen  Kapitel  seiner  Werke  einzuleiten  liebte.  Beiden  Mannern  ge- 
meinsam  war  das  hohe  MaJ3  von  Intuition,  die  Fahigkeit,  ohne  groBen  wissen- 
schaftlichen  Apparat  durch  Anschauen  das  Gesetzmaflige  in  den  Erscheinungen 
zu  erkennen.  Darum  war  auch  der  Vers  Goethes:  »Geheimnisvoll  am  lichten 
Tag,  laBt  sich  Natur  des  Schleiers  nicht  berauben.  Und  was  sie  dir  nicht  offen- 
baren  mag,  das  zwingst  du  ihr  nicht  ab  mit  Hebeln  und  mit  Schrauben«, 
ganz  nach  dem  Sinne  H.s.  Er  bediente  sich  bei  seinen  vielseitigen  Studien 
der  einfachsten  Untersuchungsmethoden.  Die  komplizierten  Verfahren,  die 
Techniken  des  Farbens,  Mikrotomierens,  wurden  von  ihm  nicht  ausgeiibt. 
Auch  die  exakten  Untersuchungen  iiber  Variabilitat  und  Erblichkeit  lagen  der 
gesamten  Art  seiner  Naturbetrachtung  fern,  so  sehr  sie  auch  die  Fundamente 
der  Abstammungslehre  benihrten  und  daher  fiir  ihn  besonderes  Interesse 
hatten  besitzen  miissen. 

Aus  dieser  kiinstlerischen  Einstellung  zur  Natur  erklart  sich  noch  eine 
weitere  Eigentumlichkeit  in  seinen  wissenschaftlichen  Arbeiten.  Ihm  war  es 
ein  Bedurfnis,  die  Objekte,  die  ihm  aus  den  verschiedensten  Museen  und  von 
den  verschiedensten  wissenschaftlichen  Expeditionen  zugesandt  wurden  und 
die  infolge  der  ungeniigenden  Konservierungsmethoden  mehr  oder  minder  ge- 
litten  hatten,  so  darzustellen,  wie  sie  wohl  im  lebenden  Zustand  ausgesehen 
haben  mochten.  Das  fuhrte  zu  einer  schematisierenden  Darstellung,  wie  sie 
den  meisten  seiner  Abbildungen  von  Medusen,  Siphonophoren  und  Radiolarien 
eigentiimlich  ist. 

Der  Hang  zum  Schetnatisieren  fand  noch  von  einer  anderen  Seite  aus  Nah- 
rung.  Bei  aller  Begeisterung  fiir  seine  Untersuchungsobjekte  besafi  H.  nicht 
das  liebevolle  Sichversenken  in  die  Beobachtung  der  Einzelheiten,  wie  es  den 
oben  genannten  Zoologen  der  alteren  Schule  in  so  hohem  MaBe  eigentiimlich 
war.  Dem  wirkte  der  starke  naturphilosophische  Einschlag  seiner  Natur- 
betrachtung entgegen.  Seine  Forschung  strebte  iiber  das  einzelne  Objekt 
hinaus  nach  dem  Allgemeinen,  das  dem  Einzelobjekt  zugrunde  lag  und  hinter 
dem  fiir  ihn  die  individuellen  Besonderheiten  desselben  zuriicktraten.  Am 
auffallendsten  ist  dies  bei  H.s  entwicklungsgeschichtlichen  Darstellungen. 
Eine  seiner  hervorragendsten  Leistungen  auf  dem  Gebiet  der  vergleichenden 
Entwicklungsgeschichte  ist  seine  »Gastraatheorie«.  In  ihr  werden  zahlreiche 
Entwicklungsformen  aus  den  verschiedensten  Klassen  und  Ordnungen  des 
Tierreichs  abgebildet,  vor  allem  die  Stadien,  in  denen  der  Keim  anfangt,  seine 
zwei  Keimblatter  zu  entwickeln.  Die  Zellen,  welche  diese  Keime  zusammen- 
setzen,  haben  in  seinen  Zeichnungen  das  fiir  die  jedesmalige  Tierform  Charak- 
teristische  fast  ganz  verloren  und  sind  zu  Schemata  von  Embryonalzellen  ge- 
worden.  Es  ist  ja  richtig,  daB  ein  klares  Schema,  welches  von  allem  indivi- 
duellen, das  Wesentliche  verhullenden  Beiwerk  losgelost  ist,  didaktisch  ge- 


Haeckel  407 

eigneter  ist  als  eine  genaue  Einzeldarstellung.  Mit  ihm  ist  aber  die  Gefahr  ge- 
geben,  daB  die  in  der  schematisierten  Zeichnung  zum  Ausdruck  gebrachte  Auf- 
fassung  der  Natur  nicht  vollig  gerecht  wird,  vielleicht  sogar  von  ihr  ein  un- 
richtiges  Bild  gibt.  Bei  den  in  Rede  stehenden  Zeichnungen  trifft  das  Gesagte 
vielfach  zu.  Die  Art,  wie  H.  sich  den  GastrulationsprozeB  bei  den  Knochen- 
fischen  vorstellte,  hat  sich  exakteren  Untersuchungen  gegeniiber  nicht  auf- 
rechterhalten  lassen.  Ja  sogar  bei  den  Schwammen,  von  denen  H.  bei  der 
Aufstellung  seiner  Gastraatheorie  ausgegangen  ist,  verlauft  der  Gastrula- 
tionsprozeB wesentlich  anders,  als  seine  Zeichnungen  ihn  erlautern. 

Die  Neigung,  anstatt  einer  individuellen  Abbildung  eine  schematisierte 
Zeichnung  zu  geben,  lag  von  Anfang  an  in  H.s  Naturell;  sie  nahm  in  gleichem 
Mafie  zu,  je  mehr  bei  ihm  die  naturphilosophische  Richtung  in  den  Vorder- 
grund  trat  und  damit  das  Bediirfnis,  das  was  ihm  am  Objekt  besonders  wichtig 
war,  recht  sinnfallig  zum  Ausdruck  zu  bringen.  Dieses  Bediirfnis  machte  sich 
noch  mehr  geltend  in  popularwissenschaftlichen  Schriften,  bei  denen  jeder 
Schriftsteller  damit  rechnen  muJ3,  daB  dem  Leser  die  verwickelten  Erschei- 
nungen  der  Natur  in  ihren  Grundformen  vor  Augen  gestellt  werden  miissen. 
So  entstanden  in  seinen  bekanntesten  popularen  Schriften,  wie  der  Schopfungs- 
geschichte,  der  Anthropogenie,  der  die  Ahnenreihe  des  Menschengeschlechts 
behandelnden  »Progonotaxis«,  manche  Zeichnungen,  die  sich  zwar  aus  H.s 
Naturell  erklaren,  sachlich  aber  nicht  rechtfertigen  lassen,  auch  wenn  man 
die  dem  Schematisieren  gezogenen  Grenzen  sehr  weit  zieht.  Sie  haben  H.  von 
seiten  seiner  Gegner  —  und  deren  Zahl  war  entsprechend  seiner  Kampfnatur 
eine  sehr  groBe  —  schwere  Angriffe  zugezogen,  die  sogar  vor  dem  Vorwurf 
der  Falschung  nicht  zuriickschreckten.  Ich  kann  an  diesen  Streitigkeiten  nicht 
voriibergehen,  ohne  sie  zu  erwahnen,  wenn  ich  auch  nicht  eine  genaue  Dar- 
stellung  des  Sachverhalts  geben  kann.  Nur  das  muB  ich  hervorheben,  was 
seinerzeit  46  Professoren  der  Zoologie  und  Anatomie  in  einer  offentlichen  Er- 
klarung  zugunsten  H.s  betont  haben,  als  der  Angriff  seiner  Gegner  die  hef- 
tigsten  Formen  annahm:  was  die  Zeichnungen  beweisen  sollten,  war  richtig 
und  hatte  zum  Teil  durch  geeigneteres  Material  noch  besser  bewiesen  werden 
konnen.  Von  einer  beabsichtigten  Irrefiihrung  seiner  Leser  konnte  keine 
Rede  sein. 

Noch  heftiger  waren  die  Kampfe,  in  die  H.  verwickelt  wurde,  als  er  seine 
naturphilosophischen  Anschauungen  zu  einem  System  auszubauen  und  gegen 
die  herrschenden  religiosen  und  philosophischen  Richtungen  geltend  zu  machen 
begann.  Er  war  in  einem  streng  protestantischen  Hause  aufgewachsen  und 
stand  noch  wahrend  seiner  Studienzeit  auf  religios-christlicher  Grundlage.  In 
seinen  Briefen  an  seine  Eltern,  die  den  Zeitraum  von  1852  bis  1856  umfassen, 
polemisiert  er  an  den  verschiedensten  Stellen  heftig  gegen  die  materialistischen 
und  irreligiosen  Anschauungen,  die  in  den  Kreisen  der  Mediziner  sowohl  der 
Professoren,  unter  denen  er  besonders  Virchow  nennt,  als  auch  der  Studie- 
renden  herrsche.  Unter  diesen  Briefen  befindet  sich  auch  ein  Schriftstiick, 
welches  eine  Selbstermahnung  an  seinem  20.  Geburtstag  darstellt.  In  ihm 
macht  er  sich  Vorwurf e,  daB  er  »sich  der  unendlichen  Wohltaten  Gottes  so 
wenig  wiirdig  erwiesen  habe «.  —  » Gott  habe  ihm  nicht  die  f  reie  Rede  und  die 
unbeschrankte  Freiheit  als  personlicher  Mensch  gegeben,  damit  er  sich  schwach 
und  erbarmlich  dem  Trotz  und  der  Willkiir  anderer  unterwerfe.«  Zwei  Jahre 


408  1919 

spater  halt  er  noch  daran  fest,  »daB  der  Glaube,  der  im  Christentum  seinen 
vollendetsten  und  wahrsten  Ausdruck  gefunden  habe,  der  einzige  Rettungs- 
anker  fur  die  nach  anderem  Trost  sich  umsehende  Seele  sei.  Auch  er  konne 
nur  in  diesem  Christenglauben  Trost  und  Frieden  finden,  indem  er  dieses 
Glaubensleben  als  eine  Sphare  zulasse,  die  von  dem  auf  das  Zeugnis  unserer 
fiinf  Sinne  gegriindeten  Wissens-  und  Verstandesleben  ganz  verschieden,  aber 
neben  ihm  nicht  nur  moglich,  sondern  auch  notwendig,  ebenso  berechtigt  und 
noch  unendlich  wichtiger  sei«.  Immerhin  machen  sich  gegen  diese  religiose 
t)berzeugung  am  Ende  seines  Wiirzburger  Aufenthalts  die  ersten  Zweifel 
geltend.  So  hebt  er  hervor,  daB  sein  Freund  Beckmann  trotz  seiner  materia- 
listischen  Philosophic  »ein  hundertmal,  nein  tausendmal  besserer  und  voll- 
kommenerer  Mensch  sei,  als  er  mit  seiner  christlichen  Uberzeugung*.  Ferner 
wendet  er  sich  gegen  den  dogmatisch-orthodoxen  Standpunkt,  den  man  in 
Wiirzburg  durchweg  einnehme  und  mit  dem  man  »  unserer  auf  Tatsachen  gegriin- 
deten naturwissenschaftlichen  Uberzeugung  ins  Gesicht  schlage«.  Dieser  schon 
in  Wiirzburg  sich  vorbereitende  Bruch  mit  den  religiosen  Anschauungen  seiner 
Jugend  vollzog  sich  vollends  in  den  letzten  Jahren  seines  Medizinstudiums. 
Er  schreibt  dariiber  selbst,  er  habe  noch  im  21.  Lebensjahre  die  christlichen 
Glaubenssatze  gegen  seine  freidenkerischen  Kommilitonen  verteidigt,  obgleich 
das  Studium  der  menschlichen  Anatomie  und  Physiologie,  ihre  Vergleichung 
mit  derjenigen  der  anderen  Wirbeltiere  seinen  Glauben  schon  tief  erschiittert 
hatte.  Zur  volligen  Aufgabe  desselben —  unter  den  bittersten  Seelenkampfen — 
sei  er  erst  durch  das  vollendete  Studium  der  Medizin  gelangt  und  durch  die 
Tatigkeit  als  praktischer  Arzt.  Da  fand  er  die  »Allgiite  des  liebenden  Vaters« 
ebensowenig  in  der  harten  Schule  des  Lebens,  als  er  die  »weise  Vorsehung« 
im  Kampf  urns  Dasein  zu  entdecken  vermochte.  Einen  tiefen  Eindruck  machte 
es  in  dieser  Hinsicht  auf  ihn,  als  kurz  hintereinander  zwei  seiner  Studien- 
genossen,  die  er  sowohl  in  geistiger  wie  ethischer  Hinsicht  besonders  hoch- 
schatzte,  der  pathologische  Anatom  Beckmann  und  der  Zoologe  Lachmann, 
in  jungen  Jahren  starben. 

Der  Bruch  mit  den  religiosen  Anschauungen  der  Jugend  war  schon  vor 
seiner  Italienreise  ein  vollstandiger  und  wurde  weiter  verscharft,  als  H.  in  der 
Abstammungslehre  und  den  groBen  Errungenschaften  der  Physik  und  Chemie, 
dem  Gesetz  der  Erhaltung  von  Kraft  und  Stoff  und  in  den  Argumenten  gegen 
den  Vitalismus  die  Grundlagen  zu  einer  neuen  Weltauffassung  fand.  Fortan 
war  fiir  ihn  der  Entwicklungsgedanke  maBgebend,  daB  sich  aus  anorganischem 
Material  nach  ewigen  Gesetzen  die  Welt  der  Organismen  entwickelt  habe, 
daB  dieselbe  kausale  Betrachtungsweise,  wie  sie  durch  Newton  fiir  die  anorga- 
nische  Welt  durchgefiihrt  worden  war,  auch  fiir  die  Organismen  die  einzig 
berechtigte  sei.  Daraus  leitet  er  die  Notwendigkeit  ab,  die  ersten  Anfange 
seelischen  Lebens  nicht  nur  in  den  niedersten  Lebewesen,  den  Protozoen, 
sondern  in  den  Kraften  der  anorganischen  Natur  aufzusuchen.  So  gelangt  er 
zur  monistischen  Weltauffassung:  Einheit  von  Kraft  und  Stoff,  Geist  und 
Korper. 

Die  Grundzuge  dieser  monistischen  Weltauffassung  finden  sich  schon  in 
seiner  Stettiner  Rede,  werden  ausfiihrlicher  in  seiner  »  Generellen  Morphologie  «, 
der  »Schopfungsgeschichte«  und  » Anthropogenic  «  vertreten  und  in  zahlreichen 
Vortragen,  vor  allem  in  den  zwei  monistischen  Hauptwerken,  den  »Welt- 


Haeckel  409 

ratseln*  und  »Lebenswundern«  zu  einem  System  ausgebaut.  Es  entspricht 
dem  leidenschaftlichen  Temperament  und  dem  riicksichtslosen  Eintreten  fiir 
seine  Uberzeugung,  daB  H.  aus  der  neugewonnenen  Weltauffassung  alle  Kon- 
sequenzen  zog.  Diese  sind  weitestgehender  Natur  und  fiihren  zu  der  Forderung, 
daB  unsere  religiosen,  staatlichen  und  rechtlichen  Anschauungen  auf  Grund 
der  Erkenntnisse,  zu  denen  die  naturwissenschaftlichen  Forschungen,  nament- 
lich  die  Abstammungslehre,  gefiihrt  haben,  eine  Umgestaltung  erfahren  miissen. 
Um  dieser  Forderung  mehr  Nachdruck  zu  verleihen,  richtet  er  die  heftigsten 
Angriffe  nicht  nur  gegen  die  bestehenden  religiosen  und  politischen  Zustande, 
sondern  auch  gegen  die  herrschenden  philosophischen  Systeme. 

Es  ist  begreiflich,  daB  die  von  H.  vertretenen  extremen  Auffassungen  von 
seiten  der  Theologen  und  der  iiberwiegenden  Mehrzahl  der  Philosophen  auf 
die  scharfste  Gegnerschaft  gestoBen  sind.  Aber  auch  aus  dem  Lager  der  Ver- 
treter  der  Naturwissenschaften  erwuchsen  ihm  zahlreiche  Gegner,  sei  es,  daB 
dieselben  die  gesamte  naturphilosophische  Denkweise  ablehnten,  weil  sie  die 
Grenzen  der  naturwissenschaftlichen  Erfahrung  iiberschreite,  sei  es,  daB  sie 
in  der  Art,  in  welcher  H.  das  Verhaltnis  von  Seele  und  Leib,  Energie  und 
Substanz  auffaBte,  keine  Losung  des  Problems  erblickten.  Als  nun  H.  1877 
auf  der  Miinchener  Versammlung  deutscher  Naturforscher  und  Arzte  die 
Forderung  vertrat,  daB  die  Abstammungslehre  auf  den  Schulen  vorgetragen 
werde  und  der  Entwicklungsgedanke  auch  der  Unterrichtsweise  als  Richt- 
schnur  dienen  miisse,  fand  er  in  einer  Gegenrede  Virchows  scharfe  Kritik. 
Virchow  vertrat  den  Standpunkt,  daB  nur  sicher  bewiesene  Tatsachen  in  den 
Lehrplan  der  Schulen  gehorten,  daB  aber  die  Abstammungslehre  nicht  zu 
dem  sicher  Bewiesenen  gehore.  Wie  wenig  diese  Stellungnahme  Virchows  von 
seiten  der  Biologen  geteilt  wurde,  hat  der  weitere  Verlauf  der  Streitfrage  ge- 
lehrt.  Als  die  Biologen  1901  auf  der  Hamburger  Naturforscherversammlung 
und  den  darauf  folgenden  Versammlungen  anfingen,  sich  mit  dem  Problem  des 
biologischen  Unterrichts  auf  den  Gymnasien  zu  beschaftigen,  herrschte  die 
allgemeine  Auffassung,  daB  eine  Theorie,  die  in  so  einschneidender  Weise  wie 
die  Deszendenztheorie  in  alle  menschlichen  Verhaltnisse  eingreife,  wenigstens 
in  ihren  Grundztigen,  in  den  Lehrplan  der  oberen  Gymnasialklassen  Aufnahme 
verdiene;  sie  wurde  von  Mannern  wie  Waldeyer,  Chun,  Kraepelin  vertreten, 
auch  von  Reinke,  der  im  iibrigen  ein  Gegner  H.s  war. 

Es  ist  schwer,  in  Fragen,  wie  sie  in  den  erwahnten  Schriften  H.s  aufgeworfen 
sind  und  die  sich  auf  die  schwierigsten  Probleme  des  menschlichen  Denkens 
und  Fuhlens  beziehen,  ein  objektives  Urteil  abzugeben.  Das  eine  kann  man 
aber  wohl  sagen,  daB  die  Heftigkeit,  mit  der  H.  gegen  die  Uberzeugungen 
andersdenkender  Menschen  seine  Angriffe  gerichtet  hat,  nicht  zu  billigen  ist; 
sie  ist  weder  sachlich  noch  psychologisch  berechtigt,  sachlich  nicht,  weil  sie 
auf  eine  Uberschatzung  der  Sicherheit  der  Grundlagen  unserer  naturwissen- 
schaftlichen Erkenntnisse  hinauslauft;  psychologisch  nicht,  weil  sie  die  seeli- 
schen  Bediirfnisse  der  bei  weitem  iiberwiegenden  Mehrzahl  der  Menschen  nicht 
richtig  einschatzt.  Monistische  Auffassungen,  wie  sie  H.  vertritt,  konnen  nicht 
weiten  Volksschichten  aufoktroyiert  werden;  sie  konnen  nur  herauswachsen 
aus  einer  allmahlichen  Umstimmung. 

Auf  der  anderen  Seite  muB  H.  beigestimmt  werden,  wenn  er  voile  Freiheit 
fiir  eine  Weltauffassung  fordert,  die  sich  auf  den  Grundlagen  der  im  vorigen 


410  I9'9 

Jahrhundert  gemachten  gewaltigen  Fortschritte  der  Naturwissenschaften 
aufbaut.  Ob  die  Formulierung,  welche  H.  dieser  Auffassung  gegeben  hat,  die 
richtige  ist,  ist  eine  weitere  Frage.  Es  ist  in  H.s  impulsiver  Natur  gegeben, 
daB  er  die  Schwierigkeiten,  die  der  Losung  solcher  Probleme  entgegenstehen, 
unterschatzt,  daJ3  er,  urn  einen  Vergleich  zu  gebrauchen,  den  gordischen 
Knoten,  auf  den  der  menschliche  Geist  bei  dem  Versuch,  Klarheit  zu  gewinnen, 
stoBt,  nicht  auflost,  sondern  durchhaut.  Trotz  aller  dieser  Einwande  muB  man 
H.  nach  meiner  Uberzeugung  rechtgeben,  daB  der  induktive  Weg,  auf  dem  er 
versucht,  zu  einer  einheitlichen  Weltauffassung  zu  gelangen,  der  richtige  ist, 
und  daB  die  auf  ihm  gewonnenen  Grundanschauungen  am  meisten  der  Denk- 
weise  der  modernen  Naturforscher  entsprechen,  sofern  sie  nicht  den  agnosti- 
schen  Standpunkt  vertreten  und  auf  eine  einheitliche  Naturauffassung  iiber- 
haupt  verzichten. 

Und  nun  noch  einige  Worte  uber  den  EinfluB,  den  H.  speziell  auf  die  Zoolo- 
gie  ausgeiibt  hat.  Ich  halte  diese  Darstellung  fiir  um  so  notwendiger,  als  die 
Zahl  derer,  die  die  Bliitezeit  seines  Wirkens  miterlebt  haben,  immer  sparlicher 
wird  und  die  jiingere  Generation  angesichts  des  raschen  Wechsels  der  Probleme 
wenig  Veranlassung  hat,  auf  seine  Schriften  zuriickzugreifen. 

H.  wird  allgemein  anerkannt  als  der  kiihne  Vorkampfer  des  Darwinismus, 
dem  ein  groBer  Teil  des  Verdienstes  zukommt,  daB  der  neuen  Lehre  beson- 
ders  in  Deutschland  ein  rascher  Siegeslauf  beschieden  war.  Dabei  wird  vielfach 
nicht  geniigend  beachtet,  was  er  dariiber  hinaus  fiir  den  Ausbau  der  Theorie 
und  ihre  nahere  Begriindung  geleistet  hat.  Niemand  hat  das  dankbarer  an- 
erkannt als  Darwin  selbst.  Was  H.  dem  Darwinismus  erganzend  hinzugefiigt 
hat,  bezieht  sich  vornehmlich  auf  seine  morphologische  Seite,  fiir  die  Darwin 
entsprechend  seiner  Vorbildung  die  Vorkenntnisse  fehlten ;  es  wurde  von  ihm 
in  dem  so  viel  umstrittenen  biogenetischen  Grundgesetz  zusammengefaBt, 
demzufolge  die  Ontogenie,  die  individuelle  Entwicklungsgeschichte,  eine  kurze 
Rekapitulation  der  Phylogenie,  der  Stammesgeschichte,  ist,  so  daB  man  aus 
dem  Verlauf  der  ersteren  Ruckschliisse  auf  die  letztere  machen  kann.  Es  ist 
richtig,  daB  die  Grundgedanken  dieser  Verallgemeinerung  in  der  Geschichte  der 
Biologie  bis  auf  die  Anfange  des  19.  Jahrhunderts  zuriickgehen,  daB  ferner 
schon  vor  H.  sie  von  Fritz  Muller  wieder  in  Erinnerung  gebracht  worden 
waren.  H.s  dauerndes  Verdienst  besteht  darin,  daB  er  die  groBe  Bedeutung 
der  in  dem  Gesetz  zusammengefaBten  Erscheinungen  in  das  rechte  Iyicht  ge- 
setzt  und  die  Begriffe  Caenogenese  und  Palingenese  geschaffen  hat.  Mit  die- 
sen  beiden  Begriffen  wurde  zum  Ausdruck  gebracht  und  ursachlich  begrun- 
det,  daB  nur  ein  Teil  der  ontogenetischen  Erscheinungsformen,  die  palin- 
genetischen,  auf  stammesgeschichtliche  Zustande  der  Art  bezogen  werden 
konnen,  weil  auch  der  Embryo  und  die  Larve  vielfachen  Anpassungen  unter- 
liegen  und  neue,  »caenogenetische«  Charaktere  annehmen. 

Das  Werk,  welchem  wir  in  erster  Linie  den  weiteren  Ausbau  der  Abstam- 
mungslehre  verdanken,  ist  die  »Generelle  Morphologies  Die  Bedeutung  des- 
selben  ist  aber  damit  nicht  erschopft,  da  ihr  Inhalt  iiber  den  Rahmen  der 
Lehre  weit  hinausgreift  und  den  Gedankeninhalt  der  gesamten  Biologie  um- 
faBt.  Fiir  den  modernen  Zoologen,  der  das  Werk  studiert,  wird  es  vielfach 
unverstandlich  sein,  wie  dasselbe  bei  seinem  Erscheinen  einen  so  gewaltigen 
EinfluB  auf  die  heranwachsende  Generation  von  Biologen  hat  ausiiben  konnen. 


Haeckel 


411 


Vieles  in  ihm  ist  iiberholt,  vieles  so  sehr  in  den  allgemeinen  Besitzstand  der 
Zoologie  iibergegangen,  daB  es  uns  jetzt  als  selbstverstandlich  erscheint.  Man 
muB  das  Werk  im  Hinblick  auf  die  damalige  Zeit  wiirdigen,  eine  Zeit,  in  der 
die  geistlose  Systematik  der  nachlinneischen  Periode  noch  auf  den  deutschen 
Universitaten  bliihte.  Als  Gegengewicht  gegen  dieselbe  hatten  zwar  v.  Siebold 
und  Kolliker  die  Zeitschrift  fiir  »wissenschaftliche«  Zoologie  begriindet.  Aber 
auch  die  in  derselben  vertretene  anatomische  Richtung  verlor  sich  vielfach 
in  zootomischen  und  histologischen  Einzeldarstellungen  im  Gegensatz  zu  den 
in  Verruf  gekommenen  naturphilosophischen  Spekulationen  der  ersten  Halite 
des  19.  Jahrhunderts.  Demgegeniiber  stellte  sich  die  »Generelle  Morphologie  « 
die  Aufgabe,  die  Grundprinzipien  einer  gesunden  Naturphilosophie  zu  ent- 
wickeln,  daB  die  Einzeltatsachen,  gleichgiiltig,  ob  sie  zootomischer  oder  syste- 
matischer  Natur  sind,  das  Wesen  einer  Naturwissenschaft  nicht  ausmachen, 
daB  sie  Bedeutung  nur  gewinnen,  wenn  sie  durch  vergleichende  Beurteilung 
dem  Gesamtbestand  unseres  Wissens  eingegliedert  und  zur  Erkenntnis  von 
GesetzmaBigkeiten  ausgenutzt  werden. 

Ein  weiterer  Ruhmestitel  fiir  H.s  Leistungen  auf  zoologischem  Gebiet  ist 
in  seinen  Arbeiten  iiber  die  Einzelligkeit  der  Protozoen  gegeben.  Noch  in  der 
Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts  kampften  Dujardins  Sarkodetheorie  und 
v.  Siebolds  Lehre  von  der  Einzelligkeit  der  Protozoen  vergebens  gegen  die 
Ansichten  Ehrenbergs  an,  der  in  den  Protozoen  Tiere  von  kompliziertem  Bau 
erblickte.  Selbst  Protozoenforscher  von  dem  Range  Lachmanns  und  Claparedes 
konnten  sich  von  dem  Banne  dieser  vorgefaBten  Meinung  nicht  freimachen. 
Bahnbrechend  waren  fiir  die  Rhizopoden  die  klassischen  Untersuchungen 
Max  Schultzes  iiber  Polythalamien  und  H.s  iiber  Radiolarien,  denen  sich 
dann  spater  H.s  Arbeit  iiber  die  Einzelligkeit  der  Infusorien  anschloB. 

Aus  der  groBen  Zahl  H.scher  geschichtlich  bedeutsamer  Untersuchungen 
seien  schlieBlich  noch  seine  Studien  zur  Gastraatheorie  hervorgehoben.  Man 
muB  die  Zeit  von  1870  bis  1880  mit  durchlebt  haben,  um  zu  wiirdigen,  welche 
Verwirrung  auf  dem  Gebiet  der  Keimblattlehre  damals  herrschte.  Sind  die 
Keimblatter  auf  die  Wirbeltiere  beschrankt  oder  kommen  sie  auch  bei  den 
Wirbellosen  vor  ?  Wie  viel  Keimblatter  miissen  unterschieden  werden  ?  Was 
bedeutet  die  Anordnung  der  embryonalen  Zellen  zu  Keimblattern  ?  Auf  diese 
Fragen  gab  die  Gastraatheorie  zum  erstenmal  eine  befriedigende  Antwort: 
daB  bei  alien  Metazoen  zwei  Keimblatter  vorkommen,  daB  diese  zumeist  durch 
Einstiilpung  gebildet  werden  und  genetisch  mit  der  Entwicklung  des  Darms 
zusammenhangen,  da  durch  sie  die  Anwesenheit  zweier  Zellenschichten  notig 
gemacht  wird,  einer  Schicht,  die  den  Darm  auskleidet:  »Entoderm«,  und  einer 
Schicht,  welche  die  Haut  liefert:  »Ektoderm«.  Damit  wurde  fiir  die  verglei- 
chende Entwicklungsgeschichte  ein  sicheres  Fundament  gelegt. 

Die  besprochenen  Verdienste  H.s  um  die  Zoologie  beziehen  sich  samtlich 
auf  die  Morphologie,  die  Forschungsrichtung,  welche  die  zweite  Halfte  des 
verflossenen  Jahrhunderts  beherrschte,  zu  deren  Bliiteperiode  von  alien  Zeit- 
genossen  am  meisten  beigetragen  zu  haben  ihm  und  seinem  Freund  Gegenbaur 
zum  hochsten  Verdienst  angerechnet  werden  muB.  Inzwischen  wurde  die 
Morphologie  in  den  Hintergrund  gedrangt.  Schon  in  den  letzten  Jahrzehnten 
des  19.  Jahrhunderts  gewann  die  physiologische  Betrachtungsweise  der  Tiere 
an  Boden.  Es  wurden  die  Funktionen  der  Organe,  besonders  des  Nerven- 


412  1919 

systems  und  der  Sinnesorgane,  mit  den  Methoden  der  menschlichen  Physio- 
logie  vergleichend  untersucht.  Experimente  wurden  angestellt,  um  iiber  das 
Wesen  von  Befruchtung,  Vererbung  und  Geschlechtsbestimmung  Klarheit  zu 
gewinnen  und  die  kausalen  Zusammenhange  der  aufeinanderfolgenden  Stadien 
der  Entwicklung  festzustellen.  Die  Methoden  fur  eine  exakte  Variabilitats- 
und  Erblichkeitsforschung  wurden  immer  feiner  ausgebaut  und  erschlossen 
der  Biologie  ganz  neue  Arbeitsgebiete.  Die  damit  eingeleitete  Umgestaltung 
der  Zoologie  hat  im  20.  Jahrhundert  gewaltige  Fortschritte  gemacht.  Es  ist 
begreiflich,  da£  H.  bei  seinem  vorgeriickten  Lebensalter  und  der  Eigenart 
seiner  wissenschaftlichen  Personlichkeit  an  dieser  neueren  Entwicklung  der 
Zoologie  keinen  Anteil  genommen  hat.  Die  bei  ihr  notwendig  gewordenen 
Untersuchungsmethoden  paflten  nicht,  wie  ich  schon  hervorgehoben  habe, 
zu  dem  Charakter  seiner  Naturbetrachtung.  Zuf  allige  Beobachtungen  machten 
ihn  mit  zwei  fundamentalen  Tatsachen  der  experimentellen  Zoologie  bekannt, 
namlich,  dafl  die  weiBen  Blutkorperchen  die  Fahigkeit  haben,  Farbstoff- 
partikeln  zu  fressen,  ferner,  daB  die  ersten  Furchungskugeln  der  Siphono- 
phoren  sich  weiterentwickeln  und  ganze  Larven  liefern,  wenn  man  sie  von- 
einander  trennt.  Wenn  H.  diese  Ausgangspunkte  neuzeitlicher  Forschung  nicht 
weiter  ausgenutzt  hat,  so  hangt  das  mit  der  Art  seiner  Naturbetrachtung  zu- 
sammen.  Personlichkeiten  von  so  ausgepragter  Eigenart  wie  H.  und,  wie  ich 
hinzufugen  mochte,  Gegenbaur  haben  ein  Anrecht,  ihre  eigenen  Wege  zu 
gehen.  Wir  wollen  iiber  den  Fortschritten  der  Erkenntnis,  die  auf  neuen  Wegen 
gewonnen  wurden,  nicht  die  Verdienste  der  groBen  Manner  vergessen,  die  einer 
fruheren  Periode  angehoren. 

Literatur:  Ernst  H.,  Entwicklungsgeschichte  einer  Jugend.  Briefe  an  seine  Eltern, 
1852 — 1856.  Hrsg.  von  Heinrich  Schmidt.  Leipzig  1921.  —  Ernst  H.,  Italienfahrt,  Briefe 
an  seine  Braut.  Hrsg.  von  Heinrich  Schmidt.  Leipzig  192 1.  —  Ernst  H.,  Himmelhoch- 
jauchzend,  Briefe  an  seine  Braut.  Hrsg.  von  Heinrich  Schmidt.  Dresden  1927.  —  Fran- 
ziska  von  Altenhausen.  Ein  Roman  aus  dem  Leben  eines  beruhmten  Mannes  in  Briefen 
aus  den  Jahren  1898 — 1903.  Aus  einem  echten  Brief wechsel  gestaltet  von  Johannes 
Werner.  Leipzig  1927.  —  Bericht  iiber  die  Feier  des  60.  Geburtstags  von  Ernst  H., 
17.  Februar  1894.  —  Was  wir  Ernst  H.  verdanken.  Ein  Buch  der  Dankbarkeit  und  Ver- 
ehrung.  2  Bde.  Leipzig  1914.  —  W.  Boelsche,  Ernst  Haeckel.  Ein  Lebensbild.  —  DemAn- 
denken  an  Ernst  H.,  »Die  Naturwissenschaften*.  Jahrg.  7,  Heft  50  (Beitrage  von  Karl 
Heider,  Johannes  Walther,  Richard  Hertwig,  Theodor  Ziehen).  Nebst  einer  Zusammen- 
stellung  der  Schriften  H.s  und  eines  Teils  der  gegen  ihn  gerichteten  Streitschriften  von 
Thilo  Krumbach.  —  Heinrich  Schmidt,  Ernst  H.,  Leben  und  Werke,  Berlin  1926. 

Schlederlohe  (Post  Wolfratshausen).  Richard  Hertwig. 

Haeseler,  Gottlieb  Graf  v.,  Generalfeldmarschall,  *  am  19.  Januar  1836  zu 
Potsdam,  f  am  25.  Oktober  1919  zu  Harnekop  bei  Wriezen  in  der  Mark  Bran- 
denburg. —  Als  Sohn  des  Majors  und  Landrats  a.  D.  Alexis  Grafen  H.  auf 
Harnekop  und  seiner  Gattin  Albertine,  geb.  v.  Schonermarck,  wurde  er  im 
Kadettenkorps  erzogen  und  trat  siebzehnjahrig  als  Leutnant  beim  Husaren- 
regiment  3  in  Rathenow  ein,  wurde  nach  drei  Jahren  Regimentsadjutant,  nach 
weiteren  vier  Jahren  Adjutant  beim  Generalkommando  des  III.  Armeekops 
und  trat  bei  Beginn  des  Feldzuges  1864  als  dritter  Adjutant  zum  Stabe  des 
Prinzen  Friedrich  Karl.  In  drei  ruhmvollen  Kriegen  hat  er  dann  an  entscheiden- 
der  Stelle  mit  am  Aufstieg  PreuBens  und  damit  an  der  Griindung  des  Reiches 


Haeckel.  Haeseler 


413 


gearbeitet.  Prinz  Friedrich  Karl  erkannte  bald  in  ihm  die  bedeutende 
militarische  Begabung  und  veranlaBte  seine  Versetzung  in  den  General- 
stab  seines  Korps  und  im  Kriege  1866  seiner  Armee,  in  welcher  Stellung  er 
sich  durch  seine  groBe  Arbeitskraft  und  mehrere  wichtige  Erkundungsritte 
hervortat. 

Am  30.  Oktober  1866  als  Rittmeister  und  Eskadronchef  zum  Husaren- 
regiment  15,  am  17.  Oktober  1867  zum  Generalstab  des  VIII.,  am  22.  Marz  1868 
des  III.  Armeekorps  versetzt,  trat  er  mit  Ausbruch  des  Krieges  1870  zum 
Generalstab  des  Oberkommandos  der  Zweiten  Armee  und  damit  wieder  an  die 
Seite  des  Prinzen.  Hier  wurde  er  bald  neben  dem  Chef,  General  v.  Stiehle,  die 
Seele  des  Stabes  und  entfaltete  in  nie  ermudender  geistiger  und  korperlicher, 
zaher  Arbeitskraft  —  sei  es  im  Schlachtenlarm  oder  auf  wichtigen  Erkundungen 
—  eine  ganz  bedeutende  Tatigkeit.  Seine  nie  getriibte  Klarheit  in  Wort  und 
Schrift,  seine  Ruhe,  sein  Gleichmut,  seine  nie  erlahmende  Ausdauer,  seine 
groBe  Einfachheit  und  Bediirfnislosigkeit  machten  ihn,  dem  der  Schein  nichts* 
das  Wesen  alles  gait,  zum  Vorbild  eines  Generalstabsoffiziers.  General  der  In 
fanterie  Frhr.  von  der  Goltz  schreibt  dariiber  im  »Militar-Wochenblatt«  (1900 
Nr.  2  und  3) :  »Der  Chef  des  Generalstabes  brachte  fast  seine  gesamte  Zeit  in  der 
Nahe  des  Oberbefehlshabers  zu,  der  ihm  nach  eingehender  Besprechung  seine 
Weisungen  erteilte.  Sie  setzten  die  Operationen  der  Armee  nur  in  ganz  groBen 
Ziigen  fest.  Von  diesen  erhielt  zunachst  Graf  H.  Kenntnis,  der  die  Befehle  be- 
arbeitete  und  dann  zur  Genehmigung  noch  einmal  vorlegte.  Sehr  selten  ist 
etwas  an  ihnen  geandert  worden,  sie  kamen  fast  stets  so,  wie  Graf  H.  sie  auf- 
gesetzt  hatte,  an  die  Armee. « 

Nach  dem  Kriege  blieb  Graf  H.  zunachst  noch  bei  der  Okkupationsarmee  in 
Frankreich,  und  zwar  als  Oberquartiermeister  beim  Stabe  des  Oberkommandos, 
und  trat  am  19.  September  1873,  im  Alter  von  36l/2  Jahren,  als  Kommandeur 
an  die  Spitze  des  in  Perleberg  garnisonierenden  Ulanenregiments  Nr.  n,  das  er 
bis  zum  11.  Februar  1879  kommandierte.  Diese  Stellung  gab  ihm  die  Moglich- 
keit,  die  reichen  Erfahrungen,  die  er  im  Kriege  gesammelt  hatte,  unmittelbar 
fur  die  Truppe  nutzbar  zu  machen. 

Den  Grund  dafiir,  daB  die  Kavallerie  in  den  letzten  Kriegen  nicht  das  ge- 
leistet  hatte,  was  sie  bei  zweckmaBiger  Verwendung  hatte  leisten  konnen, 
suchte  er  vor  allem  in  der  bisher  ublichen  Unterschatzung  der  I+eistungsfahig- 
keit  des  Pferdes.  Durch  stete  Ubungen  und  Futterversuche  bewies  er,  daB  man 
bei  dauerndem  Training,  verbunden  mit  sorgsamer  Stallpflege,  den  Pferden  un- 
beschadet  ihrer  Gesundheit  Anstrengungen  zumuten  kann,  die  man  bisher  fur 
unmoglich  gehalten  hatte.  Hand  in  Hand  damit  gingen  die  Anforderungen  an 
die  korperliche  und  geistige  Leistungsf ahigkeit  der  Of fiziere,  Unterof f iziere  und 
Mannschaften.  Sie  wurden  bis  zu  einer  bis  dahin  unerreichten  Hohe  gesteigert. 
Die  hochsten  Anforderungen  aber  stellte  er  stets  an  sich  selbst. 

An  der  Herausgabe  der  neuen  Bestimmungen  iiber  Ubungen  im  Gefecht  zu 
FuB,  Tiraillieren  und  SchieBen,  im  Zerstoren  von  Eisenbahnen  und  Telegraphen 
und  an  der  Einfiihrung  des  Karabiners  fiir  die  gesamte  Kavallerie  —  alles 
Neuerungen,  die  der  Krieg  als  unerlafllich  dargetan  hatte  —  nahm  Graf  H.  in 
maBgebender  Weise  teil,  wie  die  Kavallerie  ihm  als  Mitglied  der  Kavallerie- 
Ausschiisse  1876  und  1886  auch  die  neuen  Exerzierreglements,  und  die  ganze 
Armee  die  neue  Felddienstordnung  mit  verdankt  —  Vorschriften,  die  einen 


414  1919 

groBen  Schritt  vorwarts  bedeuten  von  der  schematischen  Form  zu  kriegs- 
gemaBen  Anforderungen. 

»Frei  von  jedem  Schema*,  das  war  einer  der  Grundsatze,  nach  dem  Graf  H. 
handelte,  und  den  er  der  Truppe  einzuimpfen  wuBte.  Die  Frage :  Was  ist  unter 
den  gegebenen  Verhaltnissen  das  ZweckmaBigste,  Naturlichste,  Erfolgverspre- 
chendste  ?  gewahrleistet  stets  eine  treffendere  Antwort,  als  die  Frage  nach  der 
usuellen  Form.  Die  Lehren  iiber  Vorpostendienst  und  Aufklarung  kniipfen  an 
die  Erfahrungen  des  Krieges  an ;  in  langen  Friedensjahren  sind  sie  dann  aber  — 
das  sind  seine  eigenen  Worte —  »in  starrer  t)berlieferung  vielfach  zur  Form  ge- 
worden,  und  die  Macht  gedankenloser  Tradition  behauptet  sich  heute  noch«. 

Wahrend  er  diese  Gedanken  in  Schrift  und  praktischer  Tatigkeit  als  Regi- 
mentskommandeur  seinen  Untergebenen  einimpfte,  befiel  ihn  im  Sommer  1878 
eine  schwere  Lungenentziindung,  die  ihn  wochenlang  ans  Bett  fesselte  und  ihm, 
dessen  Lebenselement  unermudliche  Tatigkeit  fiir  das  Wohl  und  die  Ausbildung 
der  ihm  anvertrauten  Truppe  war,  eine  unf  reiwillige,  unwillkommene  MuBe  auf- 
erlegte.  Im  Spatsommer  reiste  er  noch  schwer  leidend,  nach  Kreuth  in  Ober- 
bayern,  Meran  und  Nizza,  um  dort  vollige  Heilung  zu  suchen.  Noch  war  sein 
mehrmonatiger  Urlaub  nicht  abgelaufen,  als  er  am  11.  Februar  1879  unter  Er- 
nennung  zum  Abteilungschef  wieder  in  den  GroBen  Generalstab  versetzt  wurde. 
Nach  fast  zweijahriger  Tatigkeit  trat  er  am  7.  Dezember  an  die  Spitze  der 
12.  Kavalleriebrigade  in  NeiBe,  am  17.  Oktober  1883  der  31.  Kavalleriebrigade 
in  StraBburg  i.  E.,  fuhrte  1886  eine  bei  Hagenau  im  ElsaB  zusammengestellte 
Kavalleriedivision,  wurde  am  4.  Dezember  1886  Kommandeur  der  20.  Division 
in  Hannover,  am  15.  Januar  1887  der  6.  Division  in  Brandenburg.  Als  solcher 
erlieB  er  eine  bedeutungsvolle  Verfiigung,  in  der  er  darauf  hinwies,  wie  fehler- 
haft  es  sei,  die  Erhaltung  der  Pferde  in  leistungsfahigem  Zustande  an  eine  be- 
stimmte  Jahreszeit  zu  binden.  Da  die  fiir  Benutzung  der  Reitbahnen  im  Winter 
zur  Verfiigung  stehende  Zeit  nicht  ausreiche,  um  diesen  Zweck  zu  erreichen,  so 
sollten  die  Reitabteilungen  grundsatzlich,  auch  bei  scharfstem  Frost,  vorher 
im  Freien  gehen,  wobei  die  Mannschaften  Lanzenubungen  mit  Stichen  nach 
kriegsmaBigen  Zielen  iiben  sollten.  Rekrutenabteilungen  sollten  grundsatzlich 
im  Freien  gehen.  Ebenso  sollten  die  der  kriegerischen  Ausbildung  am  nachsten 
stehenden  Ubungen  wahrend  des  ganzen  Jahres  nicht  ausgesetzt  werden,  wes- 
halb  auch  im  Winter  wenigstens  einmal  in  der  Woche  Felddienst  geiibt  werden 
miisse.  Nach  dieser  Verfiigung,  die  in  damaliger  Zeit  einen  Bruch  mit  jahrzehnte- 
langen  Gepflogenheiten  bedeutete,  wurde  seitdem  in  der  ganzen  deutschen 
Kavallerie  verfahren. 

Voll  in  die  Tat  konnte  Graf  H.  seine  Anschauungen  umsetzen,  als  er,  nach- 
dem  er  ein  Jahr  noch  als  Oberquartiermeister  im  GroBen  Generalstab  tatig 
gewesen  war,  am  1.  April  1890  an  die  Spitze  des  XVI.  Armeekorps  berufen 
wurde.  Dies  Korps,  das  die  Grenze  gegen  Frankreich  bewachte,  dem  er  13  Jahre 
hindurch  seinen  Geist  einhauchen  durfte,  machte  er  zur  hohen  praktischcn 
Schule  des  deutschen  Heeres.  Dadurch  aber,  daB  er  in  Ausbildung  und  Er- 
ziehung  seiner  Soldaten  das  Hochstmogliche  erreichte,  trug  er  viel  dazu  bei, 
daB  unsere  Feinde  die  deutsche  Armee  im  Frieden  achten  und  furchten  lernten 
und  uns  44  Jahre  hindurch  der  Friede  erhalten  blieb. 

Nachdem  er  1899  zum  Chef  des  Ulanenregiments  11,  das  spater  seinen  Namen 
erhielt,  ernannt  worden  war  und  im  April  1903  den  Rang  als  Feldmarschall  er- 


Haeseler  415 

halten  hatte,  wurde  er  im  Mai  desselben  Jahres  von  seiner  Stellung  als  Kom- 
mandierender  General  enthoben.  Gleichzeitig  wurde  er  vom  Kaiser  zum 
lebenslanglichen  Mitglied  des  Herrenhauses  berufen,  wo  er  mit  Nachdruck  fur 
die  Weiterbildung  der  schulentlassenen  Jugend  und  den  Ausbau  der  Fort- 
bildungsschule  eintrat.  Die  geistige  und  kdrperliche  Ertiichtigung  der  Jugend 
war  das  Ziel,  das  sein  weitblickender  Geist  als  Notwendigkeit  fiir  den  Bestand 
des  Vaterlandes  klar  erkannte.  Kurz  vor  der  Verwirklichung  scheiterten  seine 
Plane,  aber  seine  hohen  Gedanken  leben  fort,  bis  sie  einmal  zum  Heile  des 
Vaterlandes  Gestalt  gewinnen  werden. 

Im  Oktober  1906  weihte  der  Feldmarschall  auf  Befehl  des  Kaisers  das  Denk- 
mal  auf  dem  Schlachtfelde  von  Jena  ein,  wobei  er  die  denkwiirdigen  Worte 
sprach : 

»Die  Vergangenheit  ist  ein  Mahnruf  zur  Pflicht, 

die  Gegenwart  laBt  uns  unsere  Pflicht  erkennen, 

der  Zukunft  gehort  das  Gelubde  treuer  Pflichterfiillung.  a 

Alljahrlich  weilte  der  Feldmarschall  einige  Wochen  auf  seinem  Besitz  bei  Metz. 
An  samtlichen  Kaisermanovern  nahm  er  teil,  in  OstpreuBen  an  der  grofien 
Belagerungsiibung  unter  dem  General  v.  Kluck. 

Als  der  Weltkrieg  ausbrach,  wartete  er  sehnsiichtig  auf  seine  Verwendung  — 
leider  vergeblich!  und  das  war  nicht  nur  in  seinem,  sondern  mehr  noch  im 
Interesse  des  Vaterlandes  aufs  tiefste  zu  bedauern.  »Es  liegt  eine  tiefe  Tragik 
darin,  daB  der  Mann,  der  wie  kein  anderer  das  deutsche  Schwert  geschliffen 
hatte,  ein  Greis  war,  als  es  gait,  dies  Schwert  in  schwerer  Stunde  zu  Deutsch- 
lands  Wehr  zu  fiihren«,  so  sagt  Arnold  Rechberg.  Aber  ein  Greis  war  er  nur  der 
Zahl  seiner  Lebensjahre  nach,  an  geistiger  Spannkraft  iiberragte  er  die  Be- 
deutendsten,  und  Strapazen  vermochten  seinem  zahen  Korper  auch  im  hohen 
Alter  iiberhaupt  nichts  anzuhaben.  Wenn  es  ihm  daher  versagt  blieb,  an  die 
Spitze  des  deutschen  Heeres  oder  wenigstens  einer  Armee  zu  treten,  so  erwirkte 
er  doch  die  Erlaubnis,  den  Krieg  in  der  Nahe  seines  geliebten,  von  seinem  Geist 
erfiillten  XVI.  Armeekorps  mitzumachen. 

Rittmeister  Arnold  Rechberg,  der  ihm  zugeteilte  Ordonnanzoffizier,  schreibt 
liber  ihn:  »Er  bewies  eine  personliche  Furchtlosigkeit,  die  staunenswert  war. 
Es  war,  als  wolle  er  den  Beweis  fuhren,  daB  das  Geschlecht  seiner  Epoche  an 
Unerschrockenheit  und  Todesverachtung  wohl  erreicht,  aber  nicht  iibertroffen 
werden  konne. 

Als  es  zum  ersten  ZusammenstoB  mit  den  Franzosen  kam,  litt  es  ihn  nicht  an 
seiner  Kommandostelle,  er  begab  sich  alsbald  zu  Pferde  an  die  Front.  Wir 
kamen  noch  rechtzeitig,  um  dem  Vorgehen  der  Schutzenlinien  gegen  Audun 
le  Roman  folgen  zu  konnen.  Wahrend  die  Schiitzen  von  einer  Gelandedeckung 
zur  anderen  sprangen  und  dabei  gleichwohl  erhebliche  Verluste  erlitten,  blieb 
der  Feldmarschall  zu  Pferde  unbeweglich  wie  aus  Erz  gegossen  und  ritt  schlieB- 
lich  mit  mir  in  die  vorderste  Linie.  So  waren  wir  die  ersten,  die  in  Audun  le 
Roman  eindrangen.  Auch  an  den  folgenden  Kampftagen  war  der  Feldmarschall 
regelmaBig  bei  den  vordersten  Schiitzen. « 

Im  Winter  1915/16  erkrankte  er  schwer  in  Corney.  Zu  seinem  Geburtstage 
hatte  sich  auch  der  Kronprinz  angesagt,  aber  krank  lag  der  Feldmarschall  dar- 
nieder.  Nach  kurzem  Aufenthalt  in  Harnekop  kehrte  er,  kaum  wiederhergestellt , 


416  1919 

ins  Feld  nach  Busancy  zuriick,  bis  er  im  Januar  1917  seiner  schwer  zerriitteten 
Gesundheit  wegen  heimkehren  muBte.  Er  versuchte  dann  im  Fruhjahr  19 17 
nochmals  nach  Frankreich  zu  gehen,  zog  sich  aber  auf  der  Reise  dorthin  durch 
einen  Fall  schwere  Verletzungen  zu,  lag  bis  Ende  Juli  schwer  krank  im  Stad- 
tischen  Krankenhause  zu  Frankfurt  a.  M.  und  wurde  von  dort  endgiiltig  in  die 
Heimat  entlassen. 

Und  nun  kam  mit  der  immer  groBer  werdenden  Vereinsamung  das  allmah- 
liche  Absterben  seiner  korperlichen  und  bald  auch  seiner  geistigen  Krafte.  Auch 
die  Liebe  zu  seinen  Blumen,  seinen  Erdbeeren  und  zu  seiner  Schafherde  lieB 
nach;  doch  konnte  er  noch  bis  kurz  vor  seinem  Tode  sein  Pferd  besteigen. 

So  war  es  ihm  nicht  vergonnt,  sein  ruhmvolles  Leben  ruhmvoll  auf  dem  Felde 
der  Ehre  zu  beschlieflen.  Ohne  ernstliche  Erkrankung  entschlief  er  in  seinem 
Gutshause  Harnekop  am  25.  Oktober  1919. 

Von  echt  altpreuBischer  Art  war  die  Beisetzung.  In  ihren  alten  Friedens- 
uniformen  erschienen  die  Trompeterkorps  der  Ziethen-Husaren  und  der 
Haeseler-Ulanen.  Den  Kaiser  vertrat  Generaloberst  v.  Plessen.  Beileids- 
bezeugungen  kamen  von  alien  Fiirstenhausern,  von  der  alten  Armee  und  deren 
Fuhrern.  Mannschaften  des  Ulanen- Regiments  Graf  Haeseler  trugen  den  Sarg, 
die  Kapelle  der  I^eib-Garde-Husaren  eroffnete  die  Trauerparade  und  den  end- 
losen  Zug  der  Leidtragenden.  In  der  Dorfkirche,  in  der  Gruft  vor  dem  Altar  war 
dem  Helden  die  letzte  Statte  bereitet  zwischen  den  Ruhestatten  seiner  Eltern. 

Das  Muster  des  altpreuBischen  Of f iziers  aus  Deutschlands  groBer  Zeit,  schlicht 
und  bediirfnislos,  ohne  Falsch  und  Fehl,  wohlwollend  und  gerecht,  kurz  ange- 
bunden  und  doch  so  weichen  Gemiits,  ein  Vorbild  in  alien  menschlichen  und 
soldatischen  Tugenden,  ein  Mensch,  ein  Charakter  —  das  war  Graf  H. !  Es  war 
ihm  nicht  erspart  geblieben,  den  Zusammenbruch  des  Heeres,  dem  er  seine 
Ivebenskraft  geweiht,  die  Demiitigung  Deutschlands,  an  dessen  Erbliihen  er 
an  verantwortlicher  Stelle  mitgearbeitet,  den  Verlust  der  Reichslande,  zu  deren 
Wiedergewinnung  er  beigetragen  hatte,  zu  uberleben.  Kein  Hoffnungsstern 
leuchtete  ihm  in  der  Todesnacht;  nur  das  BewuBtsein  mag  ihm  die  Sterbe- 
stunde  erhellt  haben,  dem  ersten  Heere  der  Welt  ein  Vorbild  treuester  Pflicht- 
erfiillung,  ernster,  schlichter  Lebensfiihrung,  vaterlandischer  Treue  gewesen 
zu  sein.  Und  »wer  den  Besten  seiner  Zeit  genug  getan,  der  hat  gelebt  fur  alle 
Zeiten  «. 

Anklam  (Pommern).  Heinrich  MaB. 

Hertling,  Georg  Freiherr  (spater  Graf)  v.,  katholischer  Philosoph,  Parlamen- 
tarier  und  Politiker,  bayerischer  Ministerprasident  und  deutscher  Reichskanzler, 
*  am  31.  August  1843  zu  Darmstadt,  f  am  4.  Januar  1919  zu  Ruhpolding  in 
Oberbayern.  —  Georg  v.  H.  entstammte  einer  alten  kurpfalzischen  Beamten- 
familie,  welche  in  kurpfalzischem,  bayerischem  und  hessischem  Staatsdienste 
gestanden  war  und  sich  vielfach  bewahrt  hatte.  Sein  Vater  Jakob  Freiherr 
v.  H.,  Rat  am  Hofgericht  in  Darmstadt  (der  damaligen  zweiten  Instanz  fur  das 
Land)  und  GroBherzoglich  Hessischer  Kammerherr,  war  mit  Antonie  von 
Guaita  aus  der  bekannten  Frankfurter  Familie  verheiratet.  Deren  Vater  war 
seit  der  Zeit  der  Reformation  der  erste  Katholik,  welcher  in  Frankfurt  Biirger- 
meister  wurde.  Ihre  Mutter  war  Meline  Brentano,  die  Schwester  von  Christian, 


Haeseler.  Hertling  AlJ 

Clemens  und  Bettina  Brentano,  welche  mit  Gorres'  Freund  Achim  v.  Arnim 
vermahlt  war,  auch  der  Sophie  Brentano,  welche  Karl  Friedrich  v.  Savigny 
geheiratet  hatte,  und  anderer  Geschwister,  welche  in  Frankfurt  ansassigblieben. 
Der  Vater  starb,  als  der  Sohn  erst  sieben  Jahre  alt  war.  Doch  konnte  die  Mutter, 
welche  eine  tuchtige  Frau  war,  den  vier  hinterlassenen  Kindern  eine  sorgf altige 
Erziehung  geben. 

Georg  v.  H.  besuchte  das  Gymnasium  in  Darmstadt,  dann  die  Universitaten 
in  Minister,  Miinchen  und  Berlin,  und  zwar  zum  Studium  der  Philosophic  auf 
welche  sein  alterer  Vetter,  Franz  Brentano  (s.  oben  S.  54  if.),  der  Sohn 
Christian  Brentanos,  welcher  in  Wiirzburg  dozierte  und  1872  Professor  der 
Philosophic  in  Wiirzburg  wurde,  ihn  hingewiesen  hatte.  In  Miinchen  war  er 
Mitglied  der  altesten  deutschen  katholischen  Studentenkorporation  »  Aenania  « 
geworden,  welche  Farben  trug;  in  Berlin  wurde  er  Mitglied  des  »  Katholischen 
Lesevereins«,  der  zweitaltesten  derartigen  Korporation,  welche  keine  Farben 
trug,  und  trat  als  Ordner  an  deren  Spitze.  In  diesem  Verein  kam  er  in  Verbin- 
dung  mit  dem  Assessor  Nieberding,  dem  spateren  Staatssekretar  des  Reichs- 
justizamtes.  Nachdem  in  Breslau  auch  die  »Winfridia«,  ebenfalls  farbentragend, 
entstanden  war,  traten  diese  drei  Korporationen  in  ein  Korrespondenzverhalt- 
nis.  Als  deren  Vertreter  hielt  Georg  v.  H.  bei  der  15.  General versammlung  der 
katholischen  Vereine  Deutschlands  im  September  1863  zu  Frankfurt  a.  M.  eine 
treffliche  Rede,  in  welcher  er  das  katholische  Deutschland  mit  den  noch  be- 
scheidenen  Anfangen  des  katholischen  Korporationslebens  an  den  deutschen 
Hochschulen  bekannt  machte  und  deren  Prinzipien  darlegte.  In  dieser  Rede 
sagte  er :  »Zuversichtlich  hoffen  wir,  daB  die  Zeit  nicht  mehr  fern  sein  wird,  wo 
auf  alien  deutschen  Universitaten  um  das  Banner,  das  wir  uns  erwahlt  haben, 
eine  Schar  wackerer  Streiter  sich  reihen  wird,  wo  an  alien  deutschen  Univer- 
sitaten katholische  Studenten vereine  entstehen  werden,  die  als  das  jiingste, 
aber  an  Opferwilligkeit  und  Begeisterung  nicht  armste  Glied  eintreten  in  den 
groBen  Organismus  der  katholischen  Vereine. «  Diese  Hoffnung  erfiillte  sich. 
Von  dieser  Rede,  welche  allgemeine  Beachtung  fand,  datierte  das  immer 
raschere  Anwachsen  der  katholischen  Studentenkorporationen,  nachdem  diese 
1865  De*  der  17.  Generalversammlung  der  Katholiken  Deutschlands  zu  Trier 
im  September  1865  in  die  zwei  verschiedenen  Kartell verbande  der  farben- 
tragenden  »Verbindungen«  und  nicht-farbentragenden  »  Vereine  «  sich  getrennt 
hatten.  Am  26.  Juli  1864  promovierte  H.  in  Berlin  bei  Trendelenburg  zum 
Dr.  phiL 

Nach  AbschluB  seiner  Studentenjahre  nahm  H.  einen  langeren  Aufenthalt 
in  Italien  und  habilitierte  sich  dann  1867  m  Bonn  als  Privatdozent  der  Philo- 
sophic mit  der  Schrift  »Schopenhauers  Grundgedanke  und  die  aristotelische 
Lehre  vom  Streben  in  der  Natur«.  Als  sein  Vetter  Friedrich  Karl  v.  Savigny, 
der  Sohn  Karl  Friedrichs  v.  Savigny,  der  erste  Vorsitzende  der  1870/71  in 
Berlin  im  preuflischen  Abgeordnetenhause  und  im  Reichstage  gegriindeten 
neuen  Zentrumsfraktionen,  am  11.  Februar  1875  starb,  gewann  ihn  auf  Anraten 
August  Reichenspergers  der  Rechtsanwalt  Eduard  Miiller  in  Koblenz  zu  dessen 
Nachfolger  als  Reichstagsabgeordneter  fur  den  Wahlkreis  Koblenz-St.  Goar. 

Im  Reichstage  trat  H.  in  enge  Beziehungen  zu  Windthorst  und  wurde  einer 
von  dessen  treuesten  Anhangern,  gewann  auch  sofort  ein  starkes  Ansehen  bei 
anderen  Parteien  durch  sein  grundsatzlich  klardurchdachtes  Auftreten  zu- 

DBJ  27 


418  1919 

gunsten  einer  zu  schaffenden  Arbeiterschutzgesetzgebung.  Windthorst  hatte 
sofort,  nachdem  er  ihn  kennengelernt  hatte — Hitze  trat  erst  1884  in  den 
Reichstag  ein —  die  Absicht  geauBert,  ihn  »zum  Referenten  des  Zentrums  in 
der  sozialen  Frage*  zu  machen. 

Der  in  der  Zeit  des  Kulturkampfes  bis  zum  auBersten  getriebene  AusschluB 
katholischer  Anwarter  vom  akademischen  Lehramte  und  die  damalige  geringe 
Anteilnahme  der  Katholiken  am  wissenschaftlichen  Leben  des  deutschen  Volkes 
bewog  ihn  1876,  noch  ehe  er  in  den  Reichstag  eingetreten  war,  zu  Koblenz  mit 
sieben  gleichgesinnten,  durchweg — bis  auf  den  Oberburgermeister  Leopold 
Kaufmann  von  Bonn  —  noch  ebenso  jugendlichen  Freunden,  unter  diesen  auch 
Eduard  Miiller,  die»G6rres-Gesellschaft«zu  griinden.  (Siehe  a.  Bachem,  oben 
S.  209.)  Wenn  auch  die  erste  Anregung  nicht  von  H.  ausgegangen  war,  sondern 
von  dem  Mainzer  Domdekan  Dr.  Heinrich,  so  gebuhrt  H.  doch  das  Verdienst, 
den  Gedanken  in  die  Tat  umgesetzt  zu  haben  und  dadurch  der  Griinder  ge- 
worden  zu  sein.  Als  Einleitung  zu  den  Statuten  der  Gesellschaft  wurde  be- 
schlossen:  »Geleitet  von  dem  katholischen  Grundsatze,  daB  zwischen  der  von 
der  Kirche  getragenen  Offenbarung  und  den  Ergebnissen  echter  Wissenschaft 
niemals  ein  Widerspruch  bestehen  kann,  vielmehr  Glaube  und  Wissenschaft 
einander  wechselseitig  erganzen  und  fordern,  ist  am  25.  Januar  1876,  dem 
ioojahrigen  Geburtstage  Joseph  v.  G6rres\  eine  Anzahl  deutscher  Katholiken 
zusammengetreten  zur  Griindung  eines  Vereins  unter  dem  Namen  Gorres- 
Gesellschaft  zur  Pflege  der  Wissenschaft  im  katholischen  Deutschland. «  H. 
wurde  der  erste  President  der  Gesellschaft  und  blieb  diesem  Amte  treu  bis  zu 
seinem  Tode.  Auch  nachdem  er  bayerischer  Ministerprasident  geworden  war, 
besuchte  und  leitete  er  noch  die  Generalversammlungen  der  Gesellschaft. 

Auf  seine  Anregung  hin  erschien  seit  1880  das  »Historische  Jahrbuch  der 
G6rres-Gesellschaft«,  seit  1888  das  »  Philosophische  Jahrbuch  der  Gorres-Gesell- 
schaft*.  Ebenso  verdankt  das  »Staatslexikon  der  Gorres-Gesellschaft*  seiner 
Initiative  das  Entstehen.  Es  kam,  nachdem  es  seit  1878  vorbereitet  worden 
war,  erstmalig  in  den  Jahren  1887 — 1897  in  fiinf  Banden  heraus  und  enthielt 
zahlreiche  wertvolle  Artikel  aus  H.s  Feder.  Als  President  der  Gorres-Gesell- 
schaft  erschien  H.  Ostern  1891  auf  dem  ersten  International  KongreB 
katholischer  Gelehrter  zu  Paris  und  wurde  President  des  zweiten  derartigen 
Kongresses  zu  Freiburg  i.  d.  Schweiz  im  Herbst  1897. 

Trotz  seiner  hervorragenden  wissenschaftlichen  Befahigung  und  seiner  Be- 
wahrung  als  akademischer  Lehrer  in  Bonn  kam  H.  in  seiner  akademischen 
Laufbahn  nicht  weiter,  woran  der  damals  herrschende  Kulturkampfgeist  schuld 
war.  Im  Fruhjahr  1871  erschien  seine  Schrift  »Materie  und  Form  und  die  Defi- 
nition der  Seele  bei  Aristoteles«,  1875  sein  Buch  »Uber  die  Grenzen  der  mecha- 
nischen  Naturerklarung  zur  Widerlegung  der  materialistischen  Weltansicht* 
1880  seine  Biographie  des  groBten  Naturphilosophen  und  Naturforschers  des 
Mittelalters  »  Albertus  Magnus*  mit  einer  Charakteristik  der  scholastisch-mittel- 
alterlichen  Naturerklarung  und  Weltbetrachtung  (urspriinglich  in  der  Allg. 
Deutschen  Biographie,  wo  auch  von  ihm  die  Biographien  von  Abalard,  Alanus 
usw.,  dann  erweitert  als  Festschrift  zur  Sakularfeier  des  Albertus  Magnus  in 
demselben  Jahre).  Trotz  der  wissenschaftlichen  Bedeutung  seiner  Publika- 
tionen  und  des  hohen  Ansehens  seiner  Lehrtatigkeit  erhielt  er  nicht  eimnal  den 
Titel  eines  auBerordentlichen   Professors  und   konnte  das  Jubilaum  seiner 


Hertling  419 

25semestrigen  Lehrtatigkeit  in  Bonn  als  Privatdozent  begehen.  Der  Grund  war, 
daB  der  Geheime  Oberregierungsrat  Goppert,  der  Referent  des  Kultusministe- 
riums,  gegen  eine  derartige  Beforderung  protestierte,  weil  er  »ultramontan«  sei. 
Erst  1880,  als  Herr  v.  Puttkamer  Kultusminister  geworden  war  und  der 
Kulturkampf  abflaute,  wurde  er  auBerordentlicher  Professor  ohne  Gehalt.  Er 
konnte  sich  damit  trosten,  daB  auch  sein  Fachkollege  Immanuel  Kant  in 
Konigsberg  dreizehn  Jahre  lang  Privatdozent  geblieben  war.  Dann  ging's 
rascher.  1881  wollte  inn  der  neue  preuBische  Kultusminister  v.  GoBler,  welcher 
ihn  im  Reichstage  kennengelernt  hatte,  zum  ordentlichen  Professor  in  Breslau 
ernennen.  Doch  lehnte  H.  ab,  weil  die  Breslauer  Fakultat  diese  Absicht  des 
Ministers  mit  einem  einstimmigen  Proteste  beantwortete.  Im  Marz  1882  wurde 
er  dann  von  dem  bayerischen  Ministerprasidenten  v.  I^utz  befragt  wegen  seiner 
Berufung  nach  Munchen  und  nahm  an.  Im  Mai  1882  begann  er  dort  seine  Lehr- 
tatigkeit. 

In  Munchen  erwarb  H.  rasch  eine  feste  und  hochangesehene  Stellung,  obwohl 
ihn  auch  dort  bei  seiner  Einf  uhrung  in  die  Fakultat  der  Dekan  mit  einem  Pro- 
teste begruBte.  Er  wurde  Kam merer,  1891  lebenslangliches  Mitglied  der  baye- 
rischen Kammer  der  Reichsrate,  1899  Mitglied  der  Akademie  der  Wissen- 
schaften,  1905  Geheimer  Rat,  1906  Exzellenz.  In  Munchen  wurde  er  auch  Mit- 
begriinder  der  »Deutschen  Gesellschaft  fiir  christliche  Kunst«,  als  deren  Pre- 
sident er  1892 — 1909  f  ungierte.  1889  prasidierte  er  der  36.  Generalversammlung 
der  Katholiken  Deutschlands  zu  Bochum.  Bei  der  Wahl  zum  Reichstag  1890 
nahm  er  ein  Mandat  nicht  mehr  an,  urn  sich  ganz  seinem  akademischen  Lehr- 
amte  zu  widmen,  1896  lieB  er  sich  jedoch  von  dem  bayerischen  Wahlkreise 
IUertissen  bei  einer  Nachwahl  wieder  wahlen.  Bei  den  allgemeinen  Wahlen  von 
1898  vertauschte  er  diesen  Wahlkreis  mit  dem  westfalischen  Wahlkreise 
Miinster-Coesfeld . 

Im  Reichstage  zu  Berlin  kam  H.,  nachdem  er  wieder  eingetreten  war,  auch 
rasch  wieder  zur  Geltung.  Als  der  Plan  auftauchte,  der  StraBburger  Universitat 
eine  katholisch-theologische  Fakultat  anzufiigen,  lieB  er  sich  zum  Unterhandler 
bei  der  romischen  Kurie  gewinnen,  deren  Zustimmung  notwendig  war.  Der  Plan 
stammte  von  dem  klugen  Ministerialdirektor  Althoff  im  preuBischen  Kultus- 
ministerium.  Die  StraBburger  Universitat,  1872  neubegriindet,  hatte  ganz  iiber- 
wiegend  protestantischen  Charakter,  obwohl  das  Reichsland  ElsaB-Lothringen 
eine  Bevolkerung  von  fiinf  Sechsteln  Katholiken  hatte.  Von  75  Professoren 
waren  nur  8  katholisch.  Die  Zahl  der  jungen  katholischen  Elsasser,  welche  die 
Universitat  bezogen,  war  infolgedessen  hochst  gering.  Die  jungen  katholischen 
Kleriker  wurden  im  bischoflichen  GroBen  Seminar  erzogen,  wo  sie  sich  der 
traditionellen  Hinneigung  zu  franzosischem  Wesen  nicht  erwehren  konnten. 
In  beiden  Beziehungen  sollte  Wandel  geschaffen  werden.  H.  fiihrte  trotz  groBer 
Schwierigkeiten  die  Verhandlungen  1898 — 1902  geschickt  durch,  bis  auf  Grund 
der  Konvention  vom  s.Dezember  1902  die  neue  Fakultat  errichtet  werden  konnte. 

Nach  diesem  Erfolge  seiner  romischen  Mission  hatte  H.  den  Wunsch,  preu- 
Bischer  oder  bayerischer  Gesandter  beim  Vatikan  zu  werden,  als  die  Herren 
v.  Rotenhan  und  v.  Cetto  zuriicktraten.  Er  war  der  Meinung,  daB  er  auf  Grund 
des  von  ihm  in  den  romischen  Kreisen  gewonnenen  Vertrauens  die  preuBischen 
oder  bayerischen  Belange  verstandnisvoller  und  wirksamer  vertreten  konnte 
als  ein  anderer.  Doch  ging  sein  Wunsch  nicht  in  Erfullung. 


420  1919 

In  PreuBen  konnte  Fiirst  Bulow  sich  nicht  entschlieBen,  mit  der  alten  tjbung 
zu  brechen,  daB  PreuBen  beim  Vatikan  nur  durch  einen  Protestanten  vertreten 
werden  durfte,  und  in  Bayern  wurde  ihm  ein  Diplomat  vorgezogen,  welcher  im 
iiblichen  Geschaftsgang  emporgekommen  war  und  jetzt  nicht  iibergangen  wer- 
den wollte.  Die  spezifische  Bedeutung  der  Person  H.s  fur  einen  solchen  Posten 
fand  keine  Wurdigung. 

Im  Reichstage  vertrat  H.  seine  Fraktion  wieder  namentlich  bei  sozial- 
politischen  Fragen,  dann  bei  Angelegenheiten  der  auswartigen  Politik.  So 
namentlich  bei  der  groBen  Kaiserdebatte  am  10.  November  1908,  wo  er  ent- 
schieden  den  konstitutionellen  Standpunkt  wahrte,  daB  der  Reichskanzler  die 
Verantwortung  zu  tragen  habe.  Als  Graf  Hompesch  starb,  wurde  er  an  dessen 
Stelle  am  19.  Februar  1909  zum  Vorsitzenden  der  Fraktion  des  Zentrums  ge- 
wahlt.  Die  Schwierigkeiten,  welche  durch  das  selbstherrliche  und  oft  unbe- 
sonnene  Auftreten  des  Abg.  Erzberger  entstanden,  wuBte  er  geschickt  zu  iiber- 
winden. 

Als  in  Bayern  das  Ministerium  des  Grafen  Podewils,  welches  sich  dem  sozial- 
demokratischen  Vordrangen  gegeniiber  schwach  und  entschluBlos  gezeigt  hatte, 
zuriicktreten  muBte,  berief  der  Prinzregent  Luitpold  auf  den  Rat  seines  Sohnes, 
des  Prinzen  Ludwig,  welchem  sich  der  alte  nationalliberale  Reichsrat  v.  Auer 
anschloB,  den  Freiherrn  v.  H.  zum  Ministerprasidenten,  zugleich  zum  Minister 
des  kgl.  Hauses  und  der  auswartigen  Angelegenheiten.  Nunmehr  trat  H.  aus 
dem  Reichstag  aus.  Er  fuhrte  sein  neues  Amt  in  christlich-konservativem 
Geiste,  ohne  jedoch  an  eine  Parteischablone  sich  zu  binden.  Es  gelang  ihm,  das 
innere  Leben  des  Konigreichs  Bayern  wieder  in  die  Bahn  ruhiger  Entwicklung 
zu  lenken,  obwohl  er  als  erster  »urtramontaner«  Ministerprasident  Bayerns  von 
liberaler  Seite  scharf  befehdet  wurde.  Als  Prinzregent  Luitpold  am  12.  Dezem- 
ber  1912  starb  und  Prinz  Ludwig  ihm  als  Prinzregent  folgte,  gelang  es  ihm,  die 
»K6nigsfrage«  zu  erledigen:  die  Prinzregentschaft  wurde,  da  Konig  Otto  nach 
wie  vor  unheilbar  irrsinnig  war,  am  5.  November  1913  mit  Zustimmung  der 
Kammern  fiir  beendet  erklart;  Prinzregent  Ludwig  nahm  den  Konigstitel  an. 
Kurz  nachher  wurde  H.  von  dem  neuen  Konige  Ludwig  III.  in  den  erblichen 
Grafenstand  erhoben. 

Als  der  Weltkrieg  ausbrach,  trat  Graf  H.  fiir  energische  Kriegfiihrung  ein 
und  geriet  dadurch  in  Gegensatz  zum  Reichskanzler  v.  Bethmann  Hollweg 
(s.  DBJ.  1921,  S.  21/24).  Spater,  am  24.  September  1918,  erklarte  er  im  Haupt- 
ausschusse  des  Reichstages:  »Als  wir  in  Belgien  einriickten,  haben  wir  wohl  das 
geschriebene  Recht  verletzt,  aber  wir  haben  kein  Unrecht  begangen.  Denn  wie 
fiir  den  einzelnen,  so  gibt  es  audi  fiir  die  Staaten  ein  Recht  der  Selbstverteidi- 
gung  und  der  Notwehr. «  Als  Reichskanzler  v.  Betmann  Hollweg  zuriicktrat, 
bot  Kaiser  Wilhelm  II.  dem  Grafen  H.  die  Nachfolge  an.  Doch  lehnte  H.  am 
13.  Juli  1917  ab,  wofiir  Konig  Ludwig  ihm  warm  dankte.  Als  aber  dann  Ende 
Oktober  auch  der  neue  Reichskanzler  Michaelis  nach  kurzer  Zeit  zuriicktreten 
muBte,  forderte  der  Kaiser  nochmals  H.  zur  Ubernahme  der  Kanzlerschaft  auf. 
Nunmehr  unterstiitzte  Konig  Ludwig  die  Bitte  des  Kaisers,  und  H.  nahm  an. 
Er  war  bereit  gewesen,  Reichskanzler  zu  werden,  hatte  aber  groBe  Bedenken 
gehabt,  als  Bayer  auch  preuBischer  Ministerprasident  zu  werden,  namentlich 
mit  Riicksicht  auf  die  schwebende  Wahlrechtsreform  in  PreuBen.  Doch  wurden 
diese  Bedenken  iiberwunden,  da  auch  Fiirst  Hohenlohe  als  Bayer  nicht  nur  das 


Hertling  42 1 

Reichskanzleramt,  sondern  auch  die  preuBische  Ministerprasidentschaft  ge- 
fiihrt  hatte. 

Ehe  H.  sein  Amt  antrat,  vereinbarte  er  mit  den  Fuhrern  des  Reichstags  ein 
festes  Regierungsprogramm,  so  daB  seine  Amtsfuhrung  im  wesentlichen  und 
sachlich  schon  auf  parlamentarischer  Grundlage  beruhte,  wenn  er  sich  selbst 
auch  nie  als  parlamentarischen  Kanzler,  sondern  als  Reichskanzler  im  Sinne  der 
noch  bestehenden  Reichsverfassung  betrachtete.  Als  Reichskanzler  machte  er 
die  Friedensnote  des  Papstes  Benedikt  XV.  vom  1.  August  1917  zum  Ausgangs- 
punkte  seiner  Politik.  Schon  das  Friedensangebot  der  Mittelmachte  vom  12.  De- 
zember  1916  war  nicht  ohne  seine  tatkraftige  Mithilfe  oder  gar  Initiative  zu- 
stande  gekommen.  In  PreuBen  suchte  H.  die  notwendige  Reform  des  Drei- 
klassenwahlrechts  entschieden  zu  fordern,  auch  weil  er  diese  Reform  fur  unauf- 
schiebbar  hielt,  um  der  demokratischen  und  sozialdemokratischen  Agitation 
die  Spitze  abzubrechen.  Doch  kam  er  nicht  voran,  indem  er  bei  den  dortigen 
Konservativen  wenig  Verstandnis  fand,  obwohl  er  diesen  vorhielt,  daB  es  sich 
um  Krone  und  Monarchic  handelte.  Seine  Politik  eines  guten  Verstandigungs- 
friedens  ohne  Annexionen  selbstandig  durchzufiihren,  gelang  ihm  nicht,  da  die 
politischen  Forderungen  der  einfluBreichen  Obersten  Heeresleitung  seinen  An- 
schauungen  nicht  entsprachen,  mit  der  Kriegslage  auch  nicht  vereinbar  waren. 
»  Wenn  man  mir  nicht  die  Wahrheit  sagte, «  auBerte  er,  »  wenn  man  mich  im  Un- 
klaren  lieB,  so  war  das  nicht  meine  Schuld.  Vom  Hauptquartier  erhielt  ich 
meine  Mitteilungen  tiber  die  militarische  Gesamtlage.  Danach  muBte  ich  han- 
deln. « Er  hatte  nicht  die  harte  Hand,  um  den  Generalen  gegentiber  seine  Politik 
durchzusetzen,  war  ja  iibrigens  auch  schon  75  Jahre  alt,  als  er  sein  Amt  antrat, 
gerade  so  alt  wie  Fiirst  Hohenlohe,  als  dieser  im  Frieden  Reichskanzler  wurde. 

Im  Innern  stellte  er  sich  dem  immer  sturmischer  werdenden  Verlangen  der 
Linken  auf  Parlamentarisierung  der  Regierung  entschieden  entgegen,  und 
suchte  den  dem  Abgrund  zutreibenden  Staatswagen  in  geordneten  Bahnen  zu 
halten.  Darin  wurde  er  auch  vom  Zentrum  nachhaltig  unterstiitzt,  obwohl  er 
bald  mit  dem  Abg.  Erzberger  in  Differenzen  geriet.  Als  aber  der  Abg.  Grober 
(siehe  oben  S.  391)  am  25.  September  1918  im  Hauptausschusse  des  Reichs- 
tages  die  militarische  und  internationale  Lage  scharf  beleuchtete,  fuhlte  er  sich 
vom  Zentrum  bei  seinem  Kampf  gegen  die  Parlamentarisierung  im  Stiche 
gelassen,  was  Grober  jedoch  keineswegs  beabsichtigt  hatte.  Da  er  ohne  das 
Zentrum  der  Schwierigkeiten,  welche  ihm  von  der  Linken  bereitet  wurden, 
nicht  Herr  werden  zu  konnen  glaubte,  trat  er  am  29.  September  als  Reichs- 
kanzler und  preuBischer  Ministerprasident  zunick  und  erhielt  am  3.  Oktober 
den  erbetenen  Abschied. 

Er  war  der  letzte  kaiserliche  Reichskanzler,  zugleich  der  erste  kirchlich 
glaubige  Katholik,  welcher  zu  diesem  hohen  Amte  berufen  wurde.  Er  fiel  als 
treuer  Verteidiger  der  Monarchic,  der  Reichsverfassung  und  des  bundesstaat- 
lichen  Charakters  des  Reiches.  Doch  war  die  Zeit  vorbei,  wo  die  alten  Zustande 
aufrechterhalten  werden  konnten.  Die  Revolution  nahte  mit  Riesenschritten. 
Nach  seinem  Riicktritte  zog  er  sich  still  nach  seinem  Landhause  zu  Ruhpolding 
inOberbayern  zuriick,  wo  er  seine  bereitsfriiherbegonnenenLebenserinnerungen 
zu  vollenden  gedachte.  Ehe  er  sie  abschlieBen  konnte,  berief  ihn  der  Tod  ab. 

Die  philosophische  Grundrichtung  H.s  ist  am  besten  zu  erkennen  aus  den 
groBen  Programmreden,  mit  welchen  er  die  Generalversammlungen  seiner 


422  1919 

Gorres-Gesellschaft  zu  eroffnen  pflegte.  Im  AnschluB  an  Aristoteles  und  Au- 
gustinus  bekannte  er  sich  als  Anhanger  der  philosophia  perennis,  welche,  un- 
beschadet  der  jedem  einzelnen  Denker  znstehenden  Selbstandigkeit  und  Origi- 
nalitat  in  der  Forschungsmethode,  das  von  den  Vorfahren  erarbeitete  und  auf 
uns  vererbte  sichere  Wissensgut  festhalt  und  nur  weiterbildet,  und  in  der  Phi- 
losophie  eine  von  der  Gesamtheit  aller  am  Glauben  orientierter  Denker  und 
Denkerschulen  zu  losende  Aufgabe  erblickt.  »Wir  halten  fest«,  sagte  er  bei  Er- 
offnung  der  16.  Generalversammlung  der  Gorres-Gesellschaft  zu  Bamberg  am 
4.  September  1893,  »an  dem  langsamen  Anwachsen  einer  alle  Zeiten  umspan- 
nenden  philosophischen  Erkenntnis,  zu  welcher  jedes  Jahrhundert  eine  neue 
Schicht  hinzufiigt. «  In  diesem  Sinne  verwarf  er  die  kunstlichen,  willkiirlichen 
Systeme,  von  welchen  die  Geschichte  der  modernen,  deutschen  Philosophic  er- 
fullt  ist.  Zu  einer  Zeit,  wo  die  Krisis  der  Kantschen  Philosophic  noch  nicht  so 
offenbar  war,  wie  sie  es  in  der  unmittelbaren  Gegenwart  ist,  sprach  er  in  einer 
kurzen,  aber  programmatischen  Schlui3rede  auf  der  Generalversammlung  der 
Gorres-Gesellschaft  zu  Koblenz  1916  die  mutigen  Satze  aus:  »  Nicht  ohne  Kant, 
sondern  gegen  Kant !  Immer  wieder  gegen  Kant  Stellung  zu  nehmen,  ist  einer 
der  Hauptaufgaben  der  katholischen  Philosophic:  gegen  den  Kantschen  Sub- 
jektivismus,  der  nur  eine  Denknotwendigkeit,  aber  keine  Seinsnotwendigkeit 
kennt,  gegen  den  Kantschen  Idealismus,  der  eine  Welt  der  bloBen  Erscheinung 
vor  die  unerkennbare  Welt  der  wirklichen  Dinge  stellt,  und  endlich  gegen  den 
Kantschen  Agnostizismus,  der  es  der  Vernunft  verbietet,  ihrem  innersten 
Drange  folgend,  die  Welt  der  sinnlichen  Erfahrung  zu  uberschreiten,  um  zur 
Erkenntnis  der  hochsten  Wahrheiten  zu  gelangen. « 

H.  hielt  fest  an  dem  Satze,  daB  zwischen  dem  religiosen,  auf  gottlicher  Offen- 
barung  beruhenden  Glauben  der  katholischen  Kirche  und  der  auf  dem  Grunde 
der  menschlichen  Vernunft  erwachsenen  weltlichen  Wissenschaft  ein  wirklicher 
Zwiespalt  nicht  bestehen  konne,  weil  derselbe  Gott,  welcher  Urheber  der  Offen- 
barung  ist,  zugleich  auch  dem  menschlichen  Geiste  das  Licht  der  Vernunft  ver- 
liehen  hat  und  in  den  verschiedenen  AuBerungen  seines  Wesens  nicht  mit  sich 
selbst  in  Widerspruch  treten  kann.  Er  hielt  auch  im  Sinne  der  mittelalterlichen 
Scholastik  daran  fest,  daJ3  die  Philosophic  die  Konigin  der  weltlichen  Wissen- 
schaften  ist,  mit  selbstandigem  eigenem  Arbeitsgebiet  und  eigener  Arbeits- 
methode.  Er  hielt  fest  an  der  Vereinbarkeit  tiefster  katholischer  Glaubenstreue 
mit  strengster  wissenschaftlicher  Fachgelehrsamkeit  auf  alien  weltlichen  Ge- 
bieten,  namentlich  auch  im  Bereiche  der  Naturwissenschaften,  weil  auch  in 
ihnen  »kein  Gegensatz  bestehen  kann  zwischen  ubernaturlicher  und  natiirlicher 
Wahrheit,  zwischen  den  Lehren  der  Offenbarung  und  dem,  was  ernste,  auf- 
richtige,  den  Gesetzen  der  Logik  und  den  Regeln  der  Methodologie  folgenden 
Wissenschaft  zutage  fordert. «  DaB  fiir  die  geschichtliche  Forschung  aus  der 
katholischen  Uberzeugung  eine  Schwierigkeit  oder  eine  sachliche  Schranke  sich 
nicht  ergeben  konne,  war  ihm  eine  Selbstverstandlichkeit.  Er  bekannte  sich  zu 
der  Uberzeugung,  daB  Christus  den  Mittelpunkt  der  Weltgeschichte  darstellt 
und  daB  die  katholische  Kirche  die  gottgewollte  Fiihrerin  des  Menschen- 
geschlechtes  auf  dem  Wege  zu  seinem  ewigen  Heil  ist. 

Als  Mommsen  in  seinem  bekannten  Artikel  in  den  »Miinchener  Neuesten 
Nachrichten«  (Nr.  530  von  1901)  aus  AnlaB  der  Besetzung  einer  StraBburger 
Geschichtsprofessur  mit  einem  Katholiken,  welche  zusammenhing  mit  der  Ab- 


Hertling  423 

sicht,  dort  eine  katholisch-theologische  Fakultat  zu  erriehten,  fiir  alle  wissen- 
schaftliche  Tatigkeit  das  Erfordemis  der  »  Voraussetzungslosigkeit*  aufstellte, 
tun  katholischen  Gelehrten  den  Zugang  zum  akademischen  Lehramte  grund- 
satzlich  zu  verbauen,  wies  er  mit  ebenso  groBer  Feinheit  wie  Entschiedenheit 
nach,  daB  die  Forderung  einer  vollkommenen  Voraussetzungslosigkeit  eine  un- 
haltbare  Uberspannung  ist,  welcher  kein  Forscher  geniigen  kann,  der  iiberhaupt 
eine  geschlossene  Weltanschauung  hat,  es  mag  dies  eine  sein,  welche  sie  wolle. 
Was  die  inneren  Hemmungen  anlangt,  welche  aus  dem  Bekenntnisse  zur 
katholischen  Religion  sich  ergeben  sollten,  so  wies  er  darauf  hin,  daB  diese 
Hemmungen  auch  Sicherungen  sein  konnen  und  daJ3  bei  einer  wissenschaft- 
lichen  Weltauffassung  dann  genau  dieselben  Hemmungen  anerkannt  werden 
mtiBten  wie  bei  einer  religiosen,  ohne  daB  hier  wie  da  die  Schranke  der  Voraus- 
setzungslosigkeit absolut  innegehalten  werden  konne.  Man  vergleiche  hierzu 
die  Rede  zur  Eroffnung  der  StraBburger  Generalversammlung  der  Gorres- 
Gesellschaft  am  7.  Oktober  1903  fiber  AVissenschaftliche  Voraussetzungslosig- 
keit und  Katholizismus*. 

Daneben  verfocht  er  aber  auch  die  Berechtigung  einer  » katholischen  Wissen- 
schaft*, welche  er  im  Jahre  1897  definierte  als  »die  Wissenschaft  katholischer 
Gelehrter,  welche  in  rein  wissenschaftlichen  Fragen  keine  andern  Regeln 
kennen  als  diejenigen  des  allgemeinen  wissenschaftlichen  Verfahrens,  welche 
uberall  da,  wo  unbeschadet  dieser  Regeln  der  personliche  Standpunkt  des  For- 
schers  seinen  Ausdruck  finden  darf  und  finden  muB,  ungescheut  die  Fahne  ihrer 
aus  iibernaturlichem  Grunde  stammenden  Glaubensiiberzeugung  aufpflanzen, 
fest  durchdrungen  von  dem  Satze,  daB  zwischen  Glauben  und  Wissen  kein 
Widerspruch  moglich  ist,  solange  der  Glaube  wirklicher,  auf  gottlicher  Offen- 
barung  ruhender  Glaube  und  das  Wissen  wirkliches,  vor  keiner  kritischen  Prii- 
fung  zuriickschreckendes,  aber  auch  keiner  grundlosen  Behauptung  Raum  ver- 
stattendes  Wissen  ist«.  Fiir  diese  »katholische  Wissenschaft «,  welche  nichts 
anderes  ist  als  die  Wissenschaft  der  deutschen  Katholiken,  welche  fiir  ihre 
Weltanschauung  auch  einen  Platz  an  der  Sonne  verlangen,  forderte  er  mit 
Nachdruck  die  Gleichberechtigung  auf  den  deutschen  Universitaten  mit  der 
protestantischen,  liberalen  und  materialistischen  Wissenschaft.  »Man  braucht 
ja  nur  auszudenken, «  fuhrte  H.  1910  aus,  »wie  gerade  in  den  letzten  Fragen 
desWissens  die  Zustimmung  zu  einer  wissenschaftlichen  Lehrmeinung  auf 
wissenschaf tlichem  Wege  nicht  erzwungen  werden  kann ;  so  wird  man  er- 
messen,  wie  groB  trotz  aller  geforderten  Voraussetzungslosigkeit  der  EinfluB 
ist,  welchen  der  Standpunkt  des  Forschers  auf  Richtung  und  Ertrag  seiner 
wissenschaftlichen  Arbeit  austibt.  Wer  dieses  leugnet,  hat  sich  nie  mit  der 
grundlegenden  Frage  nach  den  Voraussetzungen  alles  Wissens  beschaftigt. «  Es 
konnte  auch  darauf  hinge wiesen  werden,  daB  die  Vertreter  einer  wissenschaft- 
lichen Weltanschauung  regelmaBig  wissenschaftlichen  Fragen  nicht  so  unbe- 
f  angen  gegeniiberstehen  wie  die  Vertreter  eines  religiosen  Bekenntnisses,  so  daB 
eine  vollstandig  und  in  alien  Punkten  voraussetzungslose  Wissenschaft  bei 
ihnen  noch  weniger  sich  findet  als  bei  glaubigen  Katholiken. 

Nach  der  anderen  Seite  hin  wurde  H.  nicht  miide,  darauf  hinzuweisen,  daB 
die  Katholiken  in  Deutschland,  wenn  selbstverstandlich  auch  die  Behauptung 
einer  habituellen  geistigen  Inferioritat  derselben  absurd  ist,  doch  tatsachlich, 
wenn  auch  zum  groBen  Teile  ohne  ihre  Schuld,  hinter  demjenigen  Anteile  an 


424  ]9i9 

der  wissenschaftlichen  Arbeit  und  dem  allgemeinen  Geistesleben  der  Nation 
zuriickgeblieben  waren,  welchen  sie  nach  ihrer  Zahl,  ihrer  geschichtlichen  Be- 
deutung  und  dem  Wert  ihrer  Weltanschauung  f  iir  die  allgemeine  nationale  Ent- 
wicklung  hatten  nehmen  miissen.  Immer  wieder  wies  er  auf  die  Pflicht  des  ka- 
tholischen  Deutschland  hin,  diesem  Mangel  abzuhelfen  und  mehr  An  waiter  fur 
die  gelehrten  Laufbahnen  zu  stellen,  auch  damit  den  staatlichen  Behorden, 
wenn  die  Imparitat  in  Besetzung  akademischer  Stellen  geriigt  wurde,  die  Ent- 
gegnung  aus  der  Hand  genommen  wiirde,  die  Katholiken  stellten  keine  ge- 
niigende  Anzahl  qualifizierter  Bewerber.  Diesem  Mangel  abzuhelfen  war  ja 
auch  eine  der  Hauptaufgaben  seiner  Gorres-Gesellschaft,  welche  unter  seiner 
Leitung  im  Laufe  der  Jahre  zahlreichen  jungen  Privatdozenten  durch  Stipen- 
dien  und  Beteiligung  an  groJ3en  wissenschaftlichen  Arbeiten  den  Zugang  zum 
akademischen  Lehramte  ermoglichte  und  zahlreiche  groBe  wissenschaftliche 
Werke  ins  Leben  rief ,  wobei  stets  auf  strengste  Wissenschaftlichkeit  gehalten 
wurde.  Mit  demselben  Eifer  aber  verfocht  er  die  Beseitigung  der  Intoleranz  imd 
Imparitat  gegeniiber  katholischen  Bewerbern,  welche  als  solche  vielfach  von 
vornherein  perhorresziert  wurden.  Hierzu  vergleiche  man  seine  Schrift  »Das 
Prinzip  des  Katholizismus  und  die  Wissenschaft « (Freiburg,  4.  Aufl.  1889)  und 
seine  Rede  iiber  »  Katholische  WTissenschaf t «  bei  der  SchluBsitzung  der  General- 
versammlmig  der  Katholiken  Deutschlands  zu  Koln  am  27.  August  1903. 

In  seiner  Staatsauffassung  ging  H.  urspriinglich  aus  von  der  alten  liber alen 
Theorie  des  Rechtsstaates  und  bekampfte  von  diesem  theoretischen  Stand- 
punkte  aus,  gleichzeitig  mit  Windthorst  und  Lieber,  innerhalb  der  Zentrums- 
fraktion  gegen  Hitze  die  »  staatssozialistische  «  Richtung  des  »  Kathedersozialis- 
mus«  Adolf  Wagners  (s.  oben  S.  173  ff.),  Gustav  Schmollers  (s.  oben  S.  124  ff.) 
und  Lujo  Brentanos,  naherte  sich  aber  spater,  nachdem  er  lange  Jahre  an 
den  praktischen  Arbeiten  des  Reichstages  teilgenommen  hatte  und  als  die 
staatliche  Fiirsorge  fur  die  Arbeiterklasse  sich  durchsetzte  und  zu  guten  Er- 
gebnissen  fuhrte,  der  weiteren  Auffassung  des  Wohlfahrtsstaates,  fiir  welchen 
er  die  christliche  Weltanschauung  als  Grundlage  forderte.  Fiir  diese  Wandlung 
bezeichnend  sind  einerseits  seine  Reden  iiber  das  Innungswesen  (in  den  »Auf- 
satzen  und  Reden  sozialpolitischen  Inhalts«,  Freiburg  1884),  sowie  seine  Schrift 
»Naturrecht  und  Sozialpolitik  «  (Koln  1893),  andererseits  seine  Schrift  »Recht, 
Staat  und  Gesellschaf t «  (in  der  Sammlung  Kosel,  1907).  In  der  letzteren  Schrift 
(S.  169)  bekannte  er  sich  schlieBlich  zu  folgender  Auffassung:  »Dagegen  hat  der 
Staat,  wie  friiher  festgestellt  wurde,  nicht  nur  die  Aufgabe,  die  Rechtsordnung 
aufrecht  zu  erhalten,  sondern  auch  die  andere,  die  allgemeine  Wohlfahrt  zu 
pflegen.  Darin  ist  abermals  der  Schutz  der  Schwachen  als  eine  der  wichtigsten 
Pflichten  eingeschlossen.  Die  Ablehnung  der  beiden  Extreme  weist  auf  die 
richtige  Losung  hin:  Der  Staat  soil  sich  nicht  an  die  Stelle  der  Gesellschaft 
setzen,  wie  der  Sozialismus  will;  denn  das  wiirde  den  Tod  alles  freiheitlichen 
Lebens  bedeuten.  Er  soil  sich  aber  auch  nicht  gleichgiiltig  von  der  Gesellschaft 
zuriickziehen  und  den  in  ihr  wirkenden  Kraften  allein  das  Feld  iiberlassen ;  denn 
das  ftihrt  unvermeidlich  zu  einseitiger  Entwicklung  und  laBt  wichtige  und  be- 
rechtigte  Elemente  zuriicktreten  und  verkiimmern.  Wohl  aber  kommt  ihm 
die  Aufgabe  zu,  als  Vertreter  der  Allgemeinheit  und  des  Gemeinwohles  leitend 
und  ausgleichend  in  dem  Gewirre  nebeneinander  und  gegeneinander  laufender 
Stromungen  einzutreten.  Die  innere  Politik  des  modernen  Staates  muB  soziale 


Hertling  425 

Politik  sein  in  der  allgemeinsten  Bedeutung  dieses  Wortes,  wonach  darunter 
die  Leitung,  Forderung  und  Ausgleichung  der  verschiedenen  I<ebenskreise 
durch  den  Staat  und  im  Interesse  der  staatlichen  Gemeinschaft  zu  verstehen 
ist .  .  .  Regeln,  welche  restlos  auf  jeden  Einzelfall  Anwendung  finden  konnen, 
lassen  sich  nicht  geben.  Die  Politik  ist  keine  Wissenschaft,  sondern  weit  eher 
eine  Knnst. «  DaB  diese  besonnene  Staatsauffassung  Gemeingut  der  Zentrums- 
partei  wurde,  war  zum  groBen  Teile  H.s  Verdienst.  Der  Mechanismus  der  Par- 
lamentsmaschine  war  ihm  wenig  sympathisch  —  er  spricht  von  der  »Unbrauch- 
barkeit  des  Parlamentarismus  fiir  zweckmaBige  Gesetzgebung*  (»Erlebnisse« 
I  S.  297),  wenn  er  auch  nicht  anzugeben  vermochte,  was  an  dessen  Stelle  ge- 
setzt  werden  konnte. 

H.,  als  Hesse  geboren,  in  PreuBen  trotz  langjahriger  Tatigkeit  zu  Bonn  nicht 
eingewurzelt,  schloB  sich  in  Miinchen,  wohin  sein  UrgroBvater  Johann  Friedrich 
Freiherr  v.  H.  den  Kurfursten  Karl  Theodor  begleitet  und  wo  dieser  dann  als 
Nachfolger  Kreitmayers  das  Amt  eines  Geheimen  Rats-Kanzlers  und  Konfe- 
renzministers  bekleidet  hatte,  mit  ganzem  Herzen  seinem  neuen  Heimatstaate 
Bayern  an  und  wurde  ein  eifriger  Vertreter  der  bayerischen  staatlichen  Eigen- 
art  sowie  ihrer  verbrieften  Rechte.  Doch  war  er  weit  da  von  entfernt,  jenen 
engen  bayerischen  Partikularismus  in  sich  aufzunehmen,  welcher  in  Bayern 
von  manchen  Seiten,  auch  in  katholischen  Kreisen,  gepflegt  wurde.  Er  war  und 
blieb,  in  groBdeutscher  Gesinnung  aufgewachsen,  grundsatzlich  in  erster  Linie 
Deutscher.  Die  Mainlinie  hat  ihm  niemals  als  Trennungslinie  gegolten.  Auf 
dieser  besonnenen  Mittelstellung  neben  seiner  vollkommenen  inneren  Aus- 
geglichenheit  beruhte  sein  EinfluB  sowohl  in  Bayern  wie  in  Berlin.  Seine 
Grundauffassung  fiir  die  staatliche  Entwicklung  war  durchaus  konservativ, 
was  ihn  aber  nicht  abhielt,  gegeniiber  der  Raschheit  der  industriellen  Ent- 
wicklung ein  scharfes  Tempo  in  Durchfuhrung  der  notwendigen  sozialpoli- 
tischen  MaBnahmen  fiir  rich  tig  zu  halten. 

Seine  Geistesart  wie  seine  Lebensfiihrung  hatte  einen  entschiedenen  aristo- 
kratischen  Zug.  In  den  Bauernversammlungen  seines  bayerischen  Reichstags- 
Wahlkreises  Illertissen  fand  er  sich  vielleicht  weniger  zurecht,  so  daB  ihm  die 
Ubernahme  durch  den  preuBischen  Wahlkreis  Miinster-Coesfeld  nicht  unan- 
genehm  war,  wo  seine  Redeweise  besser  verstanden  wurde  und  adelige  Freunde, 
vor  allem  Freiherr  v.  Heereman,  sein  Ansehen  dauernd  stiitzten.  In  der  baye- 
rischen Kammer  der  Abgeordneten,  wo  das  »hemdsarmelige«  Auftreten  ge- 
wisser  Volksvertreter  ihm  wenig  zusagte,  ware  er  schwer  denkbar  gewesen. 
Dagegen  gewann  er  in  der  Kammer  der  Reichsrate  rasch  dasselbe  Ansehen, 
dessen  er  im  Reichstage  bereits  genoB.  Auch  in  dem  unruhigen  Parteigetriebe 
des  Reichstags  blieb  er  der  vornehme,  etwas  zuruckhaltende  Gelehrte,  welcher 
in  seiner  kleinen,  zierlichen  Gestalt  mit  dem  f einen  Kopfe  und  dem  sparlichen 
Bartwuchse  zum  Ausdruck  kam.  Er  sprach  im  Reichstag  nur  seiten,  dann  aber 
stets  wohlvorbereitet,  wenn  auch  nicht  mit  besonders  starker  Stimme,  so  doch 
mit  klarer,  angenehmer  Diktion,  so  daB  er  stets  das  Ohr  des  Hauses  hatte. 

Im  politischen  Leben  H.s  ist  bemerkenswert  die  ruhige  Sicherheit,  mit 
welcher  er  seinen  Weg  verfolgte.  Weder  die  Angriffe  von  liberaler  Seite  noch 
spatere  Angriffe  von  » integral  «-katholischer  Seite  konnten  seinen  Gleichmut 
storen.  Mit  derselben  Gelassenheit  gestand  er  Fehler  ein,  wenn  sie  sich  als  solche 
ergaben.  So  als  er  in  der  Bekampfung  der  »staatssozialistischen«  Richtung  in 


426  19*9 

Gegensatz  genet  mit  der  rein  praktischen  Richtung  Hitzes,  welche  schlieBlich 
innerhalb  der  Zentrumspartei  in  der  Herrschaft  sich  behauptete.  Als  er  in 
Bayern  Ministerprasident  wurde,  stellte  die  Munchener  Presse  fest,  dai3  er 
»immun  gegen  Druckerschwarze «  sei,  was  auch  richtig  war.  Trotzdem  lag  ihm 
nichts  weniger  als  Eigensinn  und  Rechthaberei,  so  daB  seine  sachliche  Objek- 
tivitat  in  Verbindung  mit  seinen  verbindlichen  und  versohnlichen  Formen  ihn 
fiir  die  Zentrumspartei  zu  einem  sehr  schatzenswerten  Fiihrer  machte,  welcher 
auch  bei  alien  anderen  Parteien  ebensoviel  Ansehen  wie  Vertrauen  genoB. 

Trotz  seiner  streng  kirchlichen  Gesinnung  entging  auch  H.  nicht  der  Ver- 
dachtigung  von  seiten  ubereifriger  Wichtigtuer,  den  kirchlich  verurteilten 
»  Modernismus*  zu  befordern;  so  als  er  nach  dem  Erscheinen  der  papstlichen 
Enzyklika  »  Pascendi  dominici  gregts  «  von  1907  gegen  den  Modernismus  auBerte, 
er  kenne  in  Deutschland  nur  zwei  Gelehrte,  welche  im  Sinne  der  genannten 
Enzyklika  als  Modernisten  zu  gelten  hatten,  so  daB  der  Modernismus  fiir 
Deutschland  nicht  von  groBer  Bedeutung  sei  (womit  er  Recht  behielt ;  gemeint 
waren  der  Professor  fiir  Dogmengeschichte  Joseph  Schnitzer  an  der  theolo- 
gischen  Fakultat  in  Miinchen  und  der  Professor  fiir  Kirchengeschichte  Hugo 
Koch  an  der  Akademie  zu  Braunsberg,  welche  beide  spater  mit  der  katholischen 
Kirche  brachen);  dann  als  er  durch  die  »Corrispondenza  Romana«  des  Msgr. 
Benigni  falschlicherweise  mit  der  1907  von  Miinster  ausgehenden  »Anti-Index- 
bewegung«  in  Verbindung  gebracht  wurde,  wogegen  er  sich  nachdriicklich 
wehrte ;  endlich  als  er,  Ministerprasident  in  Bayern  geworden,  den  erwahnten 
Professor  Schnitzer,  welcher  von  Papst  Pius  X.  suspendiert  worden  war,  nicht 
einfach  seines  Lehramtes  enthob,  sondern  nur  als  Professor  fiir  allgemeine 
Religionsgeschichte  in  die  philosophische  Fakultat  der  Universitat  Miinchen 
versetzte,  welche  mildere  MaBregel  sich  rasch  als  einer  ruhigen  Erledigung  der 
Sache  dienlich  erwies.  Richtig  war  allerdings,  daB  H.  bei  Ausbruch  des  Anti- 
modernistenfiebers  nachdriicklich  gegen  dieses  Stellung  nahm  und  das  oft  fast 
unterirdische  Treiben  exaltierter  Wirrkopfe  oder  unzufriedener  Quertreiber 
gegen  alien  moglichen  vermeintlichen  Modernismus  durchaus  glaubenstreuer 
Katholiken  entschieden  ablehnte.  Graf  H.  starb  wie  er  gelebt  hatte,  als  tief 
frommer  Katholik  nach  dem  glaubigen  Empfang  der  Sterbesakramente  der 
katholischen  Kirche. 

Literatur:  Von  den  »Erinnerungen  aus  meinem  Leben*  von  Georg  v.  H.  sind  nur 
die  beiden  ersten  Bande  erschienen  (Kempten  und  Miinchen,  Koselsche  Buchhandlung, 
1919).  Der  dritte,  in  der  Vorrede  zum  ersten  Bande  angekiindigte  Band  steht  noch  aus. 
Sein  Sohn,  Rittmeister  a.  D.  und  Regierungsrat  Graf  Karl  v.  H.,  veroff  entlichte :  »Ein 
Jahr  in  der  Reichskanzlei.  Erinnerungen  an  die  Kanzlersehaft  meines  Vaters<t,  Frei- 
burg 1 91 9.  Der  umfangreiche  literarische  NachlaC  befindet  sich  im  Besitze  seines  Sohnes 
in  Augsburg.  —  Von  den  Werken  H.s  seien  au!3er  den  vorstehend  erwahnten  noch  ge- 
nannt:  »Aufsatzeund  Reden«  (1884),  »John  Locke  und  die  Schule  von  Cambridge*  (1892), 
» Descartes'  Beziehungen  zur  Scholastik«,  zwei  Teile  (1897/ 1900),  »Kleine  Schriften  zur 
Zeitgeschichte  und  Politik*  (1897),  » An  gust  inns*  (1902),  »Augustinus-Zitate  bei  Thomas 
von  Aquin*  (1905),  "Obersetzung  der  Bekenntnisse  Augustins  (1905). 

Koln.  Karl  Bachem. 

Koerber,  Ernst  v.,  Dr.  jur.,  osterreichischer  Ministerprasident,  *  am  6.  No- 
vember 1850  in  Trient,  f  am  5.  Marz  1919  in  Wien.  —  Der  osterreichische 
Staatsmann  entstammte  einer  guten,  maCig  begiiterten  Familie  des  kleinen 


Hertling.  Koerber  427 

osterreichischen  Briefadels,  der  dem  alten  Osterreich  so  viele  tiichtige  Beamte 
und  Offiziere  gegeben  hat.  Zunachst  nahm  er  die  typische  Laufbahn  des 
SproBlings  einer  solchen  Beamtenf amilie :  Gymnasialstudium  an  der  There- 
sianischen  Ritter-Akademie  in  Wien,  Rechtsstudium  an  der  Wiener  Univer- 
sitat,  juristischer  Vorbereitungsdienst  beim  Oberlandesgericht  in  Wien.  Den 
Ubergang  in  die  Verwaltungslaufbahn  leitet  seine  im  November  1873  erfolgte 
Ernennung  zum  Postkonzipisten  ein;  wenige  Monate  spater,  am  14.  Ja- 
nuar  1874,  wird  er  als  Ministerialkonzipist  ins  Handelsministerium  iibernommen, 
woselbst  nun  sein  rascher  Aufstieg  beginnt.  Zuerst  mit  der  Bearbeitung  von 
Eisenbahnangelegenheiten  befaBt,  macht  er  alsbald  im  Ministerium  durch 
ungewohnlichen  FleiB  und  Tuchtigkeit  von  sich  reden.  Im  Dezember  1885 
schlagt  ihn  der  damalige  Handelsminister,  Freiherr  v.  Pino,  zum  Ministerial- 
sekretar  vor  und  nimmt  seine  Berufung  ins  Prasidialbureau  (Sekretariat  des 
Ministers)  in  Aussicht.  In  dem  an  den  Kaiser  gerichteten  Beforderungsantrag 
sagt  Pino  von  ihm,  er  besitze  »weit  iiber  das  gewohnliche  MaB  hinausgehende 
Fahigkeiten  und  Kenntnisse,  welche  er  mit  unermudlichem  FleiBe  und  regstei 
Dienstbeflissenheit  verwerte,  so  daB  er  auch  die  umfangreichsten  und  schwie 
rigsten  Aufgaben  in  verhaltnismaBig  sehr  kurzer  Zeit  bewaltige*.  Pinos  Nach- 
folger  als  Handelsminister,  der  Marquis  Bacquehem,  stellt  den  jungen  K.  1887 
bereits  an  die  Spitze  des  Prasidialbureaus  und  ruhmt  in  dem  Ernennungs- 
vortrag  an  den  Kaiser  bei  diesem  Anlasse  K.  nach,  daB  er  sich  »den  sehr  be- 
deutenden  Anstrengungen  und  Muhen  seines  Dienstes  mit  ganzlicher  Hintan- 
setzung  der  Person  stets  auf  das  bereitwilligste  unterziehe  und  in  allem  eine 
unbedingte  VerlaBlichkeit  und  unerschutterliche  Vertrauenswiirdigkeit  be- 
wahre«.  Von  nun  an  ist  K.  die  Seele  des  Handelsministeriums.  Im  Prasidial- 
bureau konzentrieren  sich,  wie  sein  Chef  Bacquehem  in  einem  Beforderungs- 
vorschlag  an  den  Kaiser  ausfuhrt,  samtliche  Agenden;  der  Minister  spricht 
aus,  daB  dank  K.s  Umsicht,  »der  nichts  entgeht«,  dank  seiner  durchdringenden 
Griindlichkeit  und  seines  ruhigen,  taktvollen  Auftretens  keine  wichtigere 
Aktion  sich  ohne  seine  Mitwirkung  vollziehe.  K.  wird  in  verhaltnismaBig 
schneller  Zeit  Ministerialrat  und  Sektionschef,  gliedert  dem  Prasidialbureau 
die  Abteilungen  fur  Gewerbe,  Industrie,  Handelspolitik,  Konsularwesen  und 
Schiffahrt  an  und  bezieht  schlieBlich  noch  die  Angelegenheiten  der  Seeverwal- 
tung  und  des  Hafen-  und  Sanitatsdienstes  in  sein  Ressort  ein.  Die  Nachfolgei 
Bacquehems,  Graf  Wurmbrand  und  Freiherr  v.  Glanz,  sind  des  L,obes  voL 
iiber  diesen  Mitarbeiter,  bis  K.  schlieBlich  als  Nachfolger  Bilinskis  1895  mit 
der  Leitung  der  osterreichischen  Staatsbahnen  betraut  wird.  Aber  schon 
wenige  Monate  spater,  am  17.  Januar  1896,  wird  er  aus  dieser  Stellung  heraus- 
gerissen  und  in  das  ihm  bisher  fremde  Ministerium  des  Innern  berufen,  um 
dem  neuen  Ministerprasidenten,  Graf  en  Badeni,  zur  Seite  zu  stehen.  Er  wird 
Wirklicher  Geheimer  Rat  mit  dem  Titel  Exzellenz  und  bemachtigt  sich  mit 
der  ihm  eigenen  Raschheit  der  Auffassung  und  Arbeitsenergie  sofort  der  ihm 
bisher  fremden  Aufgaben  der  politischen  Verwaltung.  Bald  darauf,  am  1.  De- 
zember 1897,  wird  er  zum  ersten  Male  Minister,  und  zwar  ubernimmt  er  in 
dem  kurzlebigen  ersten  Kabinett  des  Freiherrn  v.  Gautsch  das  Handelsmini- 
sterium, in  dem  er  seinerzeit  die  Verwaltungslaufbahn  begonnen  hatte. 
Das  Kabinett  Gautsch  stiirzt  bereits  am  8.  Marz  1898,  aber  die  Pause  dauert 
fur  K.  nicht  lange.  Schon  am  2.  Oktober  1899  ist  er  Minister  des  Innern  in 


428  1919 

dem  Ministerium  des  Grafen  Clary;  auch  dieses  stiirzt  wenige  Monate  spater, 
und  nach  einem  kurzen  Provisorium  von  vier  Wochen,  wahrenddessen  der 
Eisenbahnminister  von  Wittek  die  Geschafte  leitet,  eraennt  der  Kaiser  am 
1 8.  Januar  1900  K.  zum  Ministerprasidenten. 

Um  die  nunmehr  folgende  funfjahrige  Ministerprasidentschaft  K.s  zu  ver- 
stehen  und  seine  Handlungen  zu  wiirdigen,  ist  es  notwendig,  die  politische 
Lage  Osterreichs  im  Zeitpunkte  der  Ubernahme  der  Geschafte  durch  K.  kurz 
zu  iiberblicken. 

Graf  Badeni  hatte  versucht,  die  Sprachenfrage  fur  Bohmen  und  Mahren 
im  Wege  von  Verordnungen  zu  regeln.  Diese  Verordnungen  veranderten  die 
spfachliche  Praxis  bei  den  Behdrden  im  Interesse  der  Tschechen  zuungunsten 
der  Deutschen.  Die  Deutschen  Osterreichs  organisierten  dagegen  den  aktiven 
Widerstand  auf  der  ganzen  Linie  und  legten  das  Parlament  durch  Obstruction 
lahm.  Die  Krone  wollte  der  Schwierigkeiten  zunachst  durch  Gewalt  Herr 
werden,  versuchte  dann  im  Kabinett  des  Grafen  Thun  ein  Zusammen- 
arbeiten  der  Tschechen  mit  den  gemaBigten  Deutschen  herbeizufiihren  und 
sah  sich,  als  auch  dies  nicht  gelang,  schlieBlich  gezwungen,  durch  das 
Ministerium  Clary,  in  dem  K.,  wie  wir  gesehen  haben,  Minister  des  Innern 
war,  die  Badenischen  Sprachenverordnungen  widerrufen  zu  lassen  und  den 
friiheren  Zustand  in  sprachlicher  Beziehung  wiederherzustellen,  zur  groBen 
Genugtuung  der  Deutschen  Osterreichs,  aber  mit  dem  Erfolge,  daB  nunmehr 
die  Tschechen  in  die  Obstruktion  gingen  und  die  Verwirrung  vollstandig 
vvurde. 

In  dieser  Lage  ubernimmt  K.  die  Regierungsgeschafte  und  leitet  aus  dem 
Geschehenen  sofort  die  Lehre  ab,  daB  mit  den  Versuchen,  das  Sprachenrecht 
durch  Verordnungen  neu  zu  regeln,  gebrochen  und  eine  gesetzliche  Regelung 
versucht  werden  miisse.  Eine  solche  war,  da  sowohl  die  Deutschen  wie  die 
Tschechen  jederzeit  in  der  Lage  und  entschlossen  waren,  das  Zustandekommen 
ihnen  nicht  genehmer  Entwiirfe  durch  Obstruktion  zu  verhindern,  nur  im 
Wege  eines  Einvernehmens  zwischen  beiden  Volksstammen  moglich.  Um 
dieses  herzustellen,  berief  K.  gleich  nach  seinem  Regierungsantritt  am 
5.  Februar  1900  die  sogenannte  »Verstandigungskonferenz«  ein,  bei  der  die 
Vertreter  der  deutschen  und  tschechischen  Parteien  versuchen  sollten,  unter- 
einander  zu  einer  Einigung  zu  kommen.  Es  gelang  nicht,  und  K.,  der  sich 
nicht  leicht  entmutigen  lieB  und  dessen  Regierungsprinzip,  wie  er  es  selbst 
einmal  in  einer  Rede  formulierte,  die  »leidenschaftslose  Beharrlichkeit «  war, 
kam  nun  selbst  mit  dem  Entwurfe  eines  Sprachengesetzes  fur  Bohmen  und 
Mahren  heraus.  Bohmen  sollte  in  Kreise  zerf alien,  und  zwar  in  solche  mit 
rein  deutscher,  rein  tschechischer  und  gemischtsprachiger  Bevolkerung.  Fur 
die  einsprachigen  Kreise  war  die  Sprache  der  Mehrheit  als  Amtssprache,  bei 
entsprechendem  Minoritatenschutze,  fur  die  gemischtsprachigen  eine  gleich- 
maBige  Beriicksichtigung  beider  Landessprachen  vorgesehen.  In  Mahren  soll- 
ten bei  der  iiberwiegenden  Doppelsprachigkeit  des  Landes  beide  Landes- 
sprachen in  der  Staatsverwaltung  gleichmaBig  gebraucht  werden.  Die 
Tschechen  hatten  auch  fur  Bohmen  die  gleichmaBige  Zulassung  des  Deutschen 
und  Tschechischen  im  ganzen  Lande,  also  die  obligatorische  Doppelsprachig- 
keit der  gesamten  Verwaltung,  verlangt.  Die  K.schen  Gesetzentwiirfe  ge- 
niigten  ihnen  also  nicht  und  sie  begannen  wieder  mit  der  Obstruktion.  Ein 


Koerber  42  () 

personliches  Hervortreten  der  Krone  —  der  Kaiser  (s.  DBJ.  1914 — 1916, 
S.  208/219)  hatte  einem  tschechischen  Abgeordneten  gegeniiber  die  Obstruk- 
tion  scharf  verurteilt  —  machte  auf  die  Tschechen  keinen  Eindruck.  Es  kam 
zu  Larmszenen  im  Parlament,  und  K.  holte  sich  mitten  in  der  Nacht  vom 
Kaiser  die  Ermachtigung,  das  Abgeordnetenhaus  aufzulosen.  Die  Neuwahlen 
brachten  keine  Besserung,  anf  deutscher  wie  auf  tschechischer  Seite  kehrten 
die  radikalen  Gruppen  verstarkt  wieder.  Die  sogenannten  Staatsnotwendig- 
keiten,  wie  z.  B.  das  Budget,  muBten  weiter  mittels  des  Paragraph  14  der 
Verfassung,  welcher  der  Regierung  das  Recht  gab,  in  NotstandsfaUen  Ver- 
ordnungen  mit  Gesetzeskraft  zu  erlassen,  geregelt  werden. 

Darauf  ging  K.  die  Losung  der  Schwierigkeiten  von  einer  anderen  Seite  an, 
von  der  wirtschaftlichen.  Er  versuchte,  den  nationalen  Radikalismus  durch 
Gesetzentwiirfe  zur  Ruhe  zu  bringen,  die  in  solchem  MaBe  das  wirtschaftliche 
Interesse  der  Wahlermassen  beriihren  wurden,  daB  diese  selbst  ihre  Vertreter 
zwingen  wurden,  die  Obstruktion  einzustellen  und  sich  mit  diesen  Gesetz- 
entwiirfen  zu  befassen.  Der  Gedanke  erwies  sich  zunachst  als  richtig  und  er- 
folgreich.  Gleich  nach  dem  Zusammentreten  des  neuen  Hauses  schlug  K.  ein 
Investitionsprogramm  vor,  in  das  er  so  ziemlich  alle  ihm  aus  seiner  Tatig- 
keit  im  Handelsministerium  bekannten  Wiinsche  der  osterreichischen  Wirt- 
schaft  hineinarbeitete :  gewaltige  Eisenbahnbauten,  wie  die  Herstellung  einer 
zweiten  Eisenbahnverbindung  zwischen  Wien  und  Triest  (die  sogenannte 
Tauernbahn)  und  die  Herstellung  einer  direkten  Eisenbahnverbindung  zwi- 
schen Osterreich  und  Bosnien,  groBziigige  Kanalbauten  (Moldau-Elbe,  Donau- 
Oder),  FluBregulierungen  und  dergleichen.  Tatsachlich  war  der  Druck  der 
Wahlerschaft  so  groB,  daB  die  Obstruktion  der  Tschechen  und  Sudslawen 
fallengelassen  wurde  und  bereits  am  1.  Juni  1901  die  Vorlagen  angenommen 
waren.  Damit  war  der  Bann  gebrochen,  die  Obstruktion,  einmal  aufgegeben, 
kam  auch  nach  Erledigung  der  Investitionsvorlagen  nicht  mehr  in  FluB, 
schon  im  Juni  1901  konnte  nach  dreijahriger  Pause  wieder  ein  Budgetprovi- 
sorium  regelmaBig  verabschiedet  werden  und  ein  Jahr  spater,  am  22.  Mai  1902, 
wurde  nach  vier  budgetlosen  Jahren  wieder  das  normale  Budget  parlamen- 
tarisch  verabschiedet.  Damals  stand  K.  auf  dem  Hohepunkte  seiner  Erfolge, 
und  es  ist  kein  Zweifel,  daB  die  taktische  Beseitigung  der  tschechisch-siid- 
slawischen  Obstruktion  durch  die  Investitionsvorlagen  eine  politische  Leistung 
ersten  Ranges  war.  Sie  war  aber  mehr:  es  lag  ihr  ein  groBer  staatsmannischer 
Gedanke  zugrunde,  namlich  die  bis  dahin  in  wirtschaftlicher  Beziehung  arg 
vernachlassigten  Peripherien  des  Reiches  starker  ans  Zentrum  zu  kniipfen  — 
ein  um  so  richtigerer  Gedanke,  als  Osterreich  der  Staat  mit  der  schwachsten 
politischen  Peripherie  war.  Der  traurige  Zerfall  des  Reiches  im  Jahre  1918, 
die  Bereitwilligkeit,  mit  der  sich  z.  B.  die  jugoslawischen  Teile  von  Osterreich 
ablosten,  mit  dem  sie  doch  durch  Geschichte,  Kultur  und  groBenteils  auch 
durch  Religion  eng  verkniipft  waren,  hat  gezeigt,  wie  richtig  K.  viele  Jahre 
friiher  erkannt  hatte,  was  nottat.  Es  ist  aber  leider  auch  wahr,  daB  es  zu 
einem  sehr  groBen  Teile  auf  den  kurzsichtigen  Widerstand  Ungarns  gegen 
alle  osterreichischen  Entwiirfe  zur  besseren  Verbindung  Dalmatiens  und 
Bosniens  mit  Osterreich  zuriickzufuhren  war,  wenn  K.s  Bestrebungen  nach 
dieser  Richtung  damals  und  in  den  spateren  Jahren  bis  zum  Weltkriege  nicht 
starker  und  wirksamer  zum  Durchb ruche  kamen. 


430  1919 

Nachdem  im  Parlamente  die  Arbeitsfahigkeit  wiederhergestellt  war  (die 
eigentliche  Aufgabe,  zu  deren  Losung  K.  an  die  Spitze  des  Kabinetts  berufen 
worden  war),  konnte  er  sich  anderen  Aufgaben  zuwenden:  er  begann  mitVlem 
ungarischen  Ministerprasidenten  v.  Szell  die  Verhandlungen  iiber  einen  neuen 
Ausgleich ;  der  alte  war  schon  1898  abgelaufen  und  seither  immer  wieder  urn 
ein  Jahr  verlangert  worden.  Die  Verhandlungen  waren  schwierig  und  muh- 
sam,  fuhrten  aber  endlich  in  der  Neujahrsnacht  1902/03  zu  einem  Abschlusse. 
Der  Szell-K.sche  Ausgleich  ist  nie  in  Kraft  getreten,  da  gleich  darauf  Koloman 
v.  Szell  iiber  die  Armeefrage  stiirzte  und  Ungarn  in  jahrelange  Wirren  geriet, 
die  eine  Erledigung  der  Ausgleichsvorlage  ausschlossen.  Das  mindert  keines- 
wegs  K.s  Verdienst,  in  verhaltnismaBig  so  kurzer  Zeit  einen  fiir  Osterreich 
in  Ansehung  der  damaligen  Machtverhaltnisse  immerhin  giinstigen  Ausgleich 
mit  Ungarn  zustande  gebracht  zu  haben. 

In  den  Wirbel  der  Kampf e  urn  die  Kommando  sprache  in  der  gemeinsamen 
Armee  wurde  auch  K.  hineingezogen.  Er  vertrat  im  Abgeordnetenhause  den 
Standpunkt,  daB  die  Armeefrage  eine  gemeinsame  Angelegenheit  Osterreichs 
und  Ungarns  sei  und  daher  in  Angelegenheit  der  Kommandosprache  des 
Heeres  ohne  Zustimmung  der  osterreichischen  Regierung  nichts  geandert 
werden  konne.  Das  brachte  ihn  in  Gegensatz  zum  Grafen  Stephan  Tisza,  der 
damals  an  der  Spitze  der  ungarischen  Regierung  stand  und  K.s  Rede  als  die 
dilettantische  AuBerung  eines  »Fremden  von  Distinktion«  bezeichnete,  wo- 
gegen  sich  K.  mit  Wurde  und  Bestimmtheit  zur  Wehr  setzte. 

Die  Streitigkeiten  mit  Ungarn  und  zahllose  nationale  Reibungen  im  Innern 
Osterreichs  fullten  die  Jahre  1903  und  1904  aus.  Die  durch  die  Investitions- 
vorlagen  geschaffene  giinstige  Atmosphare  hielt  nicht  lange  an,  obwohl  K. 
alles  tat,  das  nunmehr  geschaffene  ertragliche  Einvernehmen  zwischen  Tsche- 
chen  und  Deutschen  zu  pflegen.  Er  hatte  den  Kaiser  noch  vor  Beginn  der 
Ausgleichsverhandlungen  im  Juni  1901  nach  langerer  Pause  wieder  nach 
Prag  gefuhrt,  was  eine  Hoflichkeit  gegeniiber  den  staatsrechtlichen  Ideen  der 
Tschechen  war,  und  von  dort  nach  Deutschbohmen,  was  das  nach  den  Kamp- 
fen  um  die  Sprachenverordnungen  und  durch  die  Torheiten  der  deutschradi- 
kalen  »Los-von-Rom«-Bewegung  einigermaBen  getriibte  Verhaltnis  zwischen 
den  Deutschnationalen  Bohmens  und  dem  Kaiser  wieder  in  voile  Harmonie 
auflosen  sollte.  Dies  gelang  auch  einigermaBen. 

Aber  zu  einer  ruhigen  Verwaltungs-  und  Regierungstatigkeit  konnte  K. 
nicht  kommen.  Die  Tschechen  empfanden  es  unangenehm,  daB  er  sie  aus  der 
Obstruktion  herausmanovriert  hatte  und  ohne,  wenn  auch  nicht  gegen  sie 
regierte.  Die  Wiederherstellung  des  sprachenrechtlichen  Zustandes,  wie  er  vor 
Badeni  gewesen  war,  erfiillte  sie  mit  Bitterkeit.  Im  Oktober  1902  hatten  sie 
neuerlich  mit  der  Obstruktion  im  Abgeordnetenhause  begonnen.  Wieder  kam 
K.  auf  Verstandigungsversuche  zwischen  Deutschen  und  Tschechen  zuriick. 
Er  legte  im  Oktober  1902  den  Parteien  »Grundsatze«  vor,  nach  denen  bis 
zur  Erlassung  eines  Gesetzes  der  Sprachengebrauch  bei  den  Behorden  in 
Bohmen  und  Mahren  eingerichtet  werden  sollte.  Beide  Nationen  waren  damit 
unzufrieden  und  arbeiteten  Gegenentwiirfe  aus,  die  erst  recht  dem  anderen 
Teile  nicht  entsprachen.  Mit  unendlicher  Muhe  setzte  K.  durch,  daB  Deutsche 
und  Tschechen  trotzdem  eine  neue  Verstandigungskonferenz  beschickten,  die 
am  3.  Januar  1903  zusammentrat,  aber  schon  am  20.  Januar  wieder  aus- 


Koerber 


431 


einanderlief.  Auch  die  Versuche  K.s,  anderen  Nationen  des  Reiches  Geniige 
zu  tun,  miBlangen.  Ob  es  sich  nun  darum  handelte,  den  Italienern  durch 
Schaffung  einer  italienischen  Rechtsfakultat  oder  durch  Errichtung  einer  be- 
scheidenen  Verwaltungsautonomie  Siidtirols  entgegenzukommen,  oder  um  die 
Errichtung  polnischer  Parallelklassen  an  einer  deutschen  Lehrerbildungs- 
anstalt  in  Schlesien,  iiberall  schlug  K.  die  heiSe  Luft  des  Chauvinismus  ent- 
gegen,  und  man  kann  den  Deutschen  Osterreichs  den  Vorwurf  nicht  ersparen, 
dafl  sie  K.,  der  an  der  Aufhebung  der  Badenischen  Sprachenverordnungen 
mitgewirkt  und  die  Obstruktion  der  Tschechen  im  Reichstage  taktisch  ge- 
brochen  hatte,  weder  das  Verstandnis  noch  das  Entgegenkommen  zeigten, 
dessen  seine  Politik  wiirdig  gewesen  ware.  So  ist  er  auch  in  Wirklichkeit  liber 
die  Deutschen  gef alien,  die  ihn,  nachdem  er  1904  noch  den  Kaiser  nach  Gali- 
zien  gefuhrt  und  durch  diese  Reise  das  gute  Verhaltnis  zwischen  der  Krone 
Osterreichs  und  den  osterreichischen  Polen  gestarkt  und  nach  auBenhin  wir- 
kungsvoll  bekundet  hatte,  im  Budgetausschusse  bei  einer  verhaltnismaBig 
kleinen  Finanzvorlage  —  Starkung  der  Kassenbestande  des  Finanzministe- 
riums  durch  einen  Kredit  —  in  die  Minoritat  versetzten.  K.  verlangte  vom 
Kaiser  seinen  Abschied.  Der  Kaiser  zogerte;  da  ihm  aber  von  tschechischer 
Seite  mitgeteilt  worden  war,  die  tschechische  Obstruktion  wiirde  fallengelassen 
werden,  wenn  K.  ginge,  so  nahm  die  Krone  schliefllich  K.s  erneutes  Demissions- 
anerbieten  an.  Freiherr  v.  Gautsch  wurde  sein  Nachfolger,  der  dann  den  Ver- 
such  machte,  die  nationalen  Schwierigkeiten  Osterreichs  auf  dem  einzigen 
Wege  zu  losen,  den  K.  nicht  in  Betracht  gezogen  hatte:  auf  dem  der  Ein- 
fuhrung  des  allgemeinen,  gleichen  und  direkten  Wahlrechtes.  Wie  die  Folge 
gezeigt  hat,  vermochte  auch  dieses  die  Scharfe  der  nationalen  Kampfe  in 
Osterreich  nicht  zu  mildern. 

Kurz  vor  seinem  Abgange  (17.  November  1904)  hat  K.  noch  Gesetzentwiirfe 
iiber  die  Reform  der  offentlichen  Verwaltung  und  die  Grundsatze  einer  Alters- 
und  Invaliditatsversicherung  angekiindigt  und  durch  Denkschriften  vor- 
bereitet,  die  ein  Zeugnis  seiner  eindringenden  Sachkenntnis  und  seines  leb- 
haften  Verstandnisses  fiir  die  Erfordernisse  der  Zeit  sind.  Alle  Ministerien, 
die  ihm  folgten,  sind  immer  wieder  auf  die  Plane  der  Verwaltungsreform  und 
der  Sozialversicherung  zunickgekommen,  ohne  dafi  sie  allerdings  die  Kraft 
und  die  Zeit  gefunden  hatten,  die  I/5sung  herbeizufuhren. 

Nach  seinem  Riicktritte  ist  K.  in  einer  bewuflten  und  gewollten  Fern- 
haltung  von  alien  offentlichen  Angelegenheiten  geblieben.  Er  trieb  die  Ab- 
stinenz  nach  dieser  Richtung  so  weit,  dafl  er  selbst  vermied,  im  Herrenhaus, 
in  das  er  bei  seinem  Riicktritt  berufen  worden  war,  zu  erscheinen,  um  die 
Angelobung  zu  leisten.  Er  hielt  sich  demonstrativ  von  alien  offentlichen  An- 
gelegenheiten fern.  Erst  wahrend  des  Weltkrieges,  als  der  K.  freundschaftlich 
verbundene  Graf  Stiirgkh  osterreichischer  Ministerprasident  war,  wurde  K. 
wieder  in  ein  hohes  Regierungsamt  berufen,  allerdings  in  eines,  das  ihm 
ziemlich  feme  lag:  er  iibernahm  am  7.  Februar  1915  das  gemeinsame  Finanz- 
ministerium,  dem  die  Verwaltung  Bosniens  und  der  Herzegowina  unterstand. 
Diese  Ernennung  hatte  im  wesentlichen  nur  die  Bedeutung  einer  Vorstufe 
zu  kiinftigen  hoheren  Bestimmungen,  denn  an  eine  ersprieBliche  Tatigkeit  im 
Amte  selbst  war  nicht  zu  denken,  da  Bosnien  und  die  Herzegowina  Kriegs- 
gebiet  und  die  Zivilbehorden  dort  so  gut  wie  ausgeschaltet  waren.  Die   Er- 


432  1919 

mordung  des  Grafen  Stiirgkh  brachte  dann  gleichsam  automatisch  K.  an  die 
Spitze  der  osterreichischen  Regierung.  Es  gehort  mit  zur  Tragik  im  Leben 
K.s,  daB  wenige  Wochen  nach  tJbernahme  des  neuen  Amtes  (28.  Oktober  1916) 
Kaiser  Franz  Joseph  in  seine  letzte  Krankheit  verfiel  und  am  21.  Novem- 
ber 1916  starb.    K.  trat  nunmehr   dem  Kaiser   Karl  1.  April  1922  gegen- 
iiber,  den  er  wenig  kannte  und  der  von  Ratgebern  beeinfluBt  war,  die  ihn 
von  vornherein  gegen  alles,  was  zur  Umgebung  und  zum  politischen  Per- 
sonal des  verewigten  alten  Kaisers  gehort  hatte,  einzunehmen  bemiiht  waren. 
Kaiser  Karl  standen  mehrere  Personlichkeiten  nahe,  die  Minister  im  Kabinett 
Stiirgkh  gewesen,  aber  von  K.  bei  der  Bildung  seines  Kabinetts  iibergangen 
worden  waren.  Ihr  EinfluB  wandte  sich  sofort  gegen  K.  Dazu  kamen  noch 
sachliche  Differenzen  jeder  Art.  Man  suchte  den  neuen  Kaiser  dahin  zu  iiber- 
reden,  daB  er  —  im  Sinne  seines  Onkels,  des  ermordeten  Thronfolgers  Erz- 
herzog  Franz  Ferdinand  (s.  DBJ.  1914 — 1916,  S.  16  ff.),  die  Monarchic  von 
Grund  auf  reformieren  musse  und  sich  daher  um  Gottes  willen  nicht  dadurch 
an  die  bestehende  Verfassung  binden  diirfe,  daB  er  den  vorgeschriebenen  Eid 
darauf  leiste.  K.  stand  auf  dem  Boden  des  geltenden  Verfassungsrechtes  und 
betrieb  die  Eidesleistung.  Auch  war  gerade  die  Erneuerung  des  osterreichisch- 
ungarischen  Ausgleiches  im  Zug  und  es  gelang,  K.s  wohlbegriindeten  Wider- 
stand  gegen  einzelne  Forderungen  der  ungarischen  Regierung  dem  Kaiser 
verdachtig  zu  machen.  K.  gab  sich  keinerlei  Illusionen  iiber  die  Aussichts- 
losigkeit  seiner  Stellung  hin  und  beniitzte  den  ersten  sich  bietenden  AnlaB, 
dem  Kaiser  selbst  seine  Entlassung  vorzuschlagen,  die  am  14.  Dezember  1916 
gewahrt  wurde.  Sein  Riicktritt  war  in  jedem  Betracht  ein  Ungliick  fiir  Oster- 
reich.  Wenn  K.  auch  damals  66  Jahre  alt  war  und  nicht  mehr  die  Leistungs- 
fahigkeit  besaB,  die  er  1901  bis  1904  entwickelt  hatte,  so  verkorperte  er  doch 
ein  groBes  Mafl  von  Klugheit,  Erfahrung  und  mannigfacher  Sachkenntnis ;  er 
besaB  eine  politische  Uberlieferung,  die  nun  beiseitegeschoben  und  durch  den 
Dilettantismus  seiner  Nachfolger  abgelost  wurde,  die  das  innere  Gefuge  des 
Staates  immer  mehr  zerriitteten.  Der  osterreichische  Staat  war  durch  die  ungliick- 
selige,  schwankende  Experimentalpolitik  der  Nachfolger  K.s  bereits  in  Auflosung 
begriffen,  als  ihn  der  Ausgang  des  Weltkrieges  wirklich  in  Trummer  schlug. 
Ernst  v.  K.  war  ein  geistig  ungemein  lebendiger,  energischer,  geschickter 
und  im  guten  Sinne  ehrgeiziger  Mann.  Personlich  nicht  von  Eitelkeit  frei, 
hat  er  in  seiner  Amtsfuhrung  doch  immer  die  Sache  in  den  Vordergrund  ge- 
stellt ;  es  kam  ihm  wirklich  darauf  an,  fiir  den  Staat  etwas  zu  leisten,  und  in 
diesem  Bestreben  hat  er  weder  sich  noch  andere  geschont.  Das  Arbeitstempo, 
das  er  in  die  Ministerien  brachte,  war  vor  ihm  nicht  bekannt  und  ist  auch 
spater  nicht  mehr  erreicht  worden.  Er  wuBte  die  Arbeit  der  ihm  unterstellten 
Beam  ten  hervorzurufen,  zu  fordern  und  klug  zu  verwenden.  Was  Treitschke 
dem  Freiherrn  v.  Stein  nachriihmt,  daB  er  »in  hohem  MaBe  die  dem  Staats- 
manne  unentbehrliche  Kunst,  die  Gedanken  anderer  zu  beniitzen«  besessen 
habe,  darf  auch  von  K.  gesagt  werden.  Die  Energie,  ja  Ungeduld,  mit  der  er 
von  den  ihm  unterstellten  Behorden  Aufklarungen,  Meldungen,  Vorschlage 
und  Berichte  einforderte,  hat  ihm  nicht  wenig  Feinde  gemacht.  Dem  Dienste 
kam  sie  sehr  zustatten.  Starke  Personlichkeiten  als  Ressortminister  neben  ihm 
hatten  sich  kaum  behauptet.  Wenn  man  von  seinem  Finanzminister,  dem 
hervorragenden    Nationalokonomen   v.  Bohm-Bawerk    (s.  DBJ.  1914 — 1916, 


Koerber  43  3 

S.  3  ff.)  absieht,  hatte  er  auch  keine  neben  sich.  Dazu  nahm  K.  die  Fiihrung 
aller  wichtigen  Agenden  zu  ausschlieBlich  fiir  sich  in  Anspruch.  Es  ist  fiir 
ihn  kennzeichnend,  daB  er  nicht  nur  durch  fiinf  Jahre  neben  der  Minister- 
prasidentschaft  das  Ministerium  des  Innern  innehatte,  sondern  sich  damit 
nicht  begniigt  und  seit  Oktober  1902  auch  noch  das  Justizministerium  ge- 
leitet  hat.  Der  Krone  stand  K.  weit  unabhangiger  und  freier  gegeniiber,  als 
seine  dem  Hochadel  entnommenen  Vorganger.  Der  bekannte  Wiener  Publizist 
und  Begriinder  der  zionistischen  Bewegung,  Theodor  Herzl,  erzahlt  in  seinen 
Tagebuchern  sehr  anschaulich  eine  Unterredung  mit  K.,  in  der  ihm  dieser 
auseinandersetzte,  der  Kaiser  rede  mit  ihm  nicht  so  wie  mit  Badeni  oder  Thun, 
weil  er  befiirchten  musse,  er  (K.)  wiirde  sonst  sein  Amt  niederlegen.  Die 
fruheren  Ministerprasidenten  seien  immer  sofort  unruhig  geworden,  wenn  sie 
vier  Tage  lang  nicht  zur  Audienz  gerufen  worden  seien,  und  hatten  gleich 
vermutet,  in  Ungnade  gef alien  zu  sein.  Er  (K.)  drange  sich  gar  nicht  dazu. 
Er  mache  seine  Sache,  und  der  Kaiser  wisse,  daB  er  sie  mache.  Wenn  der 
Kaiser  ihn  sprechen  wolle,  schicke  er  den  Kabinettsdirektor  SchieBl  zu  ihm, 
um  ihn  zu  fragen,  ob  er  Zeit  habe.  Diese  Selbstschilderung  trifft  zu,  und  es 
unterliegt  keinem  Zweifel,  daB  das  bei  aller  Ehrerbietung  fiir  den  greisen 
Trager  der  Krone  selbstsichere  und  bestimmte  Wesen  K.s  dem  alten  Kaiser 
bis  zu  einem  gewissen  Grade  imponiert  hat. 

Die  groBe  Kunst  K.s  und  sein  dauernder  EinfluB  auf  die  Politik  der  oster- 
reichischen  Regierungen,  die  ihm  gefolgt  sind,  beruht  darauf,  daB  er  es  ver- 
stand  und  anstrebte,  im  allergroBten  Umfang  mit  der  Offentlichkeit  und  in 
der  Offentlichkeit  zu  arbeiten.  Je  mehr  das  Parlament  ihm  widerstrebte,  desto 
energischer  versuchte  er  die  offentliche  Meinung  gegen  das  Parlament  einzu- 
setzen.  Wie  Friedjung  richtig  sagt,  hat  K.  mit  der  Presse  gegen  das  Parla- 
ment regiert,  aber  nicht  nur  mit  der  Presse  allein,  sondern  mit  der  Offentlich- 
keit uberhaupt.  Die  wirtschaftlichen  Korporationen,  die  Handelskammern, 
die  Landwirte-  und  Industriellenverbande,  wuBte  er  sehr  klug  fiir  seine  Politik 
zu  gewinnen.  Er  verstand  vollkommen  klar,  daB  eine  Regierung  mit  dem 
Notparagraphen  ohne  das  Parlament  auf  die  Dauer  nur  durch  die  Unter- 
stiitzung  der  offentlichen  Meinung  moglich  sein  wiirde.  Deshalb  hat  er  den 
Notparagraphen  immer  nur  im  allerletzten  Augenblick  angewendet,  um  dar- 
zutun,  daB  ihn  die  Arbeitsunfahigkeit  des  Parlamentes  absolut  dazu  zwinge. 
Und  ebenso  war  er  bemuht,  den  Notparagraphen  durch  den  aufgeklarten  Ge- 
brauch,  den  er  von  ihm  machte,  sozusagen  der  Offentlichkeit  gegeniiber  zu 
purifizieren.  Er  riB  die  Pforten  seines  Ministeriums  weit  auf,  stand  jedermann 
Rede  und  Antwort,  und  zwar  nicht  nur  den  Zeitungsleuten,  die  seine  Tiir 
allerdings  immer  of  fen  fanden,  sondern  auch  jedem  anderen  Menschen,  der 
ein  irgendwie  nennenswertes  privates  oder  offentliches  Interesse  zu  vertreten 
hatte.  Auch  mit  der  Arbeiterschaft,  die  erst  seit  kurzem,  durch  Badenis  fiinf te 
Kurie,  EinfluB  auf  die  Gesetzgebung  gewonnen  hatte,  verstand  er  sich  gut, 
und  ihre  Fiihrer  wurden  von  ihm  als  Vertreter  an  sich  berechtigter  Bestre- 
bungen  und  nicht  mehr  als  Aufwiegler  und  Hochverrater  behandelt.  Man  darf 
wohl  sagen,  daB  wenn  K.  wahrend  seiner  fiinfjahrigen  Regierungszeit  selten 
das  Parlament  fiir  sich  gehabt  hat,  er  doch  auf  die  offentliche  Meinung  zahlen 
konnte,  die  ihn  immer  unterstiitzt  und  ihm  stets  Kredit  gegeben  hat, 
mochten  die  radikalen  nationalen  Parteien  des  Abgeordnetenhauses  noch  so 

DBJ   28 


434  *w 

sehr  gegen  ihn  wiiten.  Er  hat  sich  auch  inimer  wieder  iiber  den  Kopf  der 
Parteien  hinweg  an  die  Bevolkerung  zu  wenden  verstanden.  Allerdings  haben 
diese  Methoden  in  dem  MaCe,  als  sie  wiederholt  angewendet  wurden,  an  Wirk- 
samkeit  allmahlich  verloren,  und  gegen  den  Ausgang  seines  Regimes  hatte 
man  wohl  den  Eindruck,  dafl  das  Publikum  der  Appelle  der  Regiening  an  die 
Offentlichkeit,  ihrer  Reden,  Manifeste,  Kommuniquds  und  Artikel  iiberdriissig 
geworden  sei.  Auch  K.s  Gesundheit  hatte  sich  in  fiinfjahriger  Regiening  ver- 
braucht,  seine  Nervenkraft  war  erschopft  und  er  selbst  reizbar  und  aufbrau- 
send  geworden.  Eine  gewisse  Neigung,  die  Dinge  schwarz  zu  sehen  und  diese 
dustere  Auffassung  anderen  mitzuteilen,  war  K.  iiberhaupt  eigen,  und  so  sehr 
er  in  den  elf  Jahren  der  Untatigkeit  von  1904  bis  1915  jeder  offentlichen 
Kundgebung  auswich,  so  sehr  waren  seine  privaten  AuBerungen  von  Pessimis- 
mus  durchtrankt. 

Seinem  Wesen  nach  war  K.,  so  jahzornig  und  schneidend  er  sich  auch  zu 
geben  liebte,  eine  wohlwollende  und  giitige  Natur,  stets  bereit,  fahigen  Leuten 
vorwartszuhelfen,  leicht  unwillig  werdend,  aber  niemals  nachtragend.  In 
seinen  AuBerungen  war  er  von  einer  manchmal  verbliiffenden  Aufgeknopft- 
heit,  und  es  ist  fur  ihn  bezeichnend,  wie  er  Leuten,  die  er  zum  zweiten  oder 
dritten  Male  sah  und  gar  nicht  naher  kannte,  oft  iiber  die  geheimsten  Einzel- 
heiten  der  Regierungspolitik  —  wie  z.  B.  Theodor  Herzl  iiber  sein  Verhaltnis 
zum  Kaiser  —  vertrauliche  Mitteilungen  machte. 

Mit  Schulweisheit  war  K.  wenig  belastet,  und  bis  zu  der  unfreiwilligen  Ruhe- 
pause  von  1904  bis  1915  hatte  er  wenig  gelesen.  Der  Katalog  seiner  Bucherei, 
die  nach  seinem  Tode  zur  Versteigerung  kam,  gab  von  der  Geringfugigkeit  seiner 
wissenschaftlichen  und  literarischen  Bediirfnisse  Zeugnis.  Seine  umfassende 
Kenntnis  des  osterreichischen  Staats-  und  Verwaltungsrechtes,  der  Wirtschaft 
und  des  Verkehrswesens  hat  er  sich,  wie  Friedjung  mit  Recht  hervorhebt, 
nicht  aus  Biichern,  sondern  aus  dem  Studium  der  Akten  und  dem  Umgange 
mit  Menschen  erworben,  den  er  immer  gesucht  hat. 

Sein  Leben  ist  im  ganzen  trotz  aller  groflen  Erfolge  nicht  gliicklich  ge- 
wesen.  Eine  Familie  hat  er  nicht  gegriindet,  und  nach  dem  ununterbrochenen 
glanzenden  Aufstiege,  der  ihn  bis  zu  seiner  fiinfjahrigen  Ministerprasident- 
schaft  gefuhrt  hat,  lastete  die  erzwungene  Untatigkeit  schwer  auf  ihm  und 
hat  ihn,  obwohl  er  sich  nichts  anmerken  lieB,  gequalt  und  verbittert.  Als  er 
zum  zweiten  Male  zur  Regiening  kam,  war  es  schon  zu  spat.  Er  muBte  dann 
noch  sehen,  wie  der  Staat  zerfiel  und  das  alte  Osterreich,  in  dem  er  groB  ge- 
worden war  und  das  er  so  gut  kannte,  verschwand.  In  der  triibsten  und  ver- 
wirrtesten  Zeit,  kurz  nach  dem  Waffenstillstand  und  dem  Umsturz,  ist  er  einsam 
in  einem  Sanatorium  bei  Wien  gestorben.  Nicht  einmal  iiber  seine  bescheidene 
Habe  vermochte  er  mehr  zu  verfiigen.  Dem  letzten  Willen,  den  er  schon  auf- 
gesetzt  hatte,  fehlte  die  Unterschrift,  und  er  ist  nicht  vollzogen  worden. 

Literatur:  Akten  des  eheinaligen  k.  k.  Handelsministeriums  (in  der  Registratur  des 
derzeitigen  Bundesministeriums  fiir  Handel  und  Verkehr) :  P.  Z.  1677  ex  1885,  P.  Z.  1698 
ex  1887,  P.  Z.  171  ex  1 89 1,  P.  Z.  2870 — 93  ex  1893,  **■  Z-  3306  ex  1894,  sowie  die  in  der 
gleichen  Registratur  erliegenden  »Uiensttabellen«  Ernst  von  K.s.  —  H.  Friedjung,  Ernst 
von  K.  in  der  Neuen  Osterreichischen  Biographie,  I.  Bd.r  1.  Abt.,  Wien  1923,  S.  23 — 41. 
—  G.  Kolmer,  Parlament  und  Verfassung  in  Osterreich,  8.  Bd.,  Wjen  19 14.  —  Th.  Herzl, 
Tagebiicher,  Bd.  II  (besonders  S.  412  und  413)  und  III,  Berlin   1923. 

Wien.  Rudolf  Sieghart. 


Koerber.  Lehmbruck  435 

Lehmbruck,  Wilhelm,  Bildhauer,  *  am  4.  Januar  188 1  in  Duisburg-Mei- 
derich,  f  am  25.  Marz  1919  in  Berlin.  —  L.  ist  als  Sohn  eines  Bergarbeiters 
zur  Welt  gekommen.  Seine  Vorfahren  waren  Bauern  in  Gahlen,  einem  Dorf 
an  der  Lippe.  Schon  auf  der  Volksschule  regte  sich  die  ktinstlerische  Begabung 
des  Knaben.  Als  Zwolf-  oder  Dreizehnjahriger  schnitzte  er  kleine  Kopfe  in 
Gips.  Der  Vierzehnjahrige  kopierte  den  Schliiterschen  »GroBen  Kurfiirst*  in 
diesem  Material  nach  einer  Abbildung  in  seinem  Schullesebuch.  Obwohl  er 
plastische  Originalwerke  nie  gesehen  hatte,  war  doch  das  Wesen  des  Drei- 
dimensionalen  klar  erfaBt.  Ein  Lehrer,  Herr  van  Diepenbrock  wurde  auf  ihn 
aufmerksam  und  erteilte  ihm  aus  freien  Stiicken  Zeichenunterricht.  Seinem 
EinfluB  ist  es  auch  zuzuschreiben,  daB  die  Eltern  sich  damit  einverstanden 
erklarten,  den  Jungen  auf  eine  Fachschule  zu  geben.  Die  Stadtverordneten- 
versammlung  zu  Meiderich  bewilligte  ein  Stipendium  fiir  ein  Jahr,  das  an 
der  Diisseldorfer  Kunstgewerbeschule  verbracht  wurde.  Allerlei  Arbeiten  fiir 
den  Broterwerb,  Entwiirfe  fiir  Silberwarenfabriken,  kleine  Biisten,  verkauf- 
liche  Genregruppen  halfen  dem  mageren  Unterstiitzungsgeld.  Bis  1899  blieb 
der  junge  Mann  an  der  Schule,  dann  war  er  als  Gehilfe  in  einem  Bildhauer- 
atelier  tatig.  Im  Mai  1901  trat  er  bei  der  Diisseldorfer  Kunstakademie  ein. 
Dort  hat  er  sich  in  fleiBiger  Arbeit  die  Grundlagen  fiir  sein  technisches  Konnen 
geholt. 

Wir  kennen  aus  jenen  Jahren  landlaufige  Akademieskulpturen  von  ihm,  so 
einen  Siegfried,  der  sein  Schwert  priift,  einige  realistische  Gruppen  mit  sozialer 
Note,  eine  solche,  genannt  »Schlagende  Wetter*,  wohl  als  Grabdenkmal  fiir 
das  Ruhrrevier  gedacht.  Mit  einer  virtuos  modellierten  weiblichen  Figur, 
»Badende«  1905,  errang  er  sich  den  Beifall  seiner  Lehrer  in  dem  MaBe,  daB 
der  Ankauf  fiir  das  Institut  beschlossen  wurde.  Das  erloste  Geld  gab  Gelegen- 
heit  fiir  eine  Studienreise  nach  Italien.  Eine  zweite  fand  spater  im  Jahre  191 2 
statt. 

Bis  1907  verblieb  L.  an  der  Akademie.  Im  gleichen  Jahr  sandte  er  eine 
Arbeit  » Mutter  und  Kind«  nach  Paris  ins  Grand  Palais.  Er  wurde  Mitglied 
der  Societe  nationale  des  beaux  arts.  1910  siedelte  er  nach  Paris  iiber. 

Aus  der  Diisseldorfer  Zeit  kennen  wir  eine  drei  Meter  hohe  Kolossalstatue 
»Mensch«  (1909),  die  den  EinfluB  Michelangelos  und  Rodins  spiiren  laBt.  Das 
folgende  Jahr  bringt  als  erste  Pariser  Arbeit  eine  weibliche  Figur,  heute  im 
Duisburger  Museum.  In  ihr  zuerst  erweist  L.  seine  personliche  Meisterschaft. 
Sie  ruht  vollig  in  sich,  ist  rund  und  tastbar  und  laBt  Maillolschen  EinfluB 
erkennen.  Ihn  zeigt  auch  die  Biiste  der  Frau  L.  aus  demselben  Jahr  (Essen, 
Kunstmuseum)  und  der  weibliche  Torso  (Hagen,  Folkwang-Museum)  1910/n. 
In  der  »Knienden«  1911  (Mannheim,  Kunsthalle,  jetzt  Duisburg)  beginnt  eine 
vollstandig  neue  Einstellung  zur  Plastik  iiberhaupt.  Mit  dieser  Figur  verlaBt 
L.  die  Maillolsche  Gefiihlswelt  und  wendet  sich  einer  ganz  anderen,  entgegen- 
gesetzten  zu.  Zur  Erklarung  miissen  einige  prinzipielle  Bemerkungen  hier 
eingeschoben  werden. 

Die  Plastik  ist  an  bestimmte  ihr  oder  besser  ihren  Materialien  innewohnende 
Gesetze  gebunden.  Der  Stein  ist  schwer,  lastend.  Also  konnen  in  ihm  nicht  wohl 
rasch  sich  ablosende  Situationen  dargestellt  werden.  Vielmehr  vermittelt  er 
den  Eindruck  des  Dauernden,  fiir  die  Ewigkeit  Geschaffenen,  Absoluten. 
Anders  die  Bronze.  Sie  wird  gegossen,  flieBt  in  eine  Form  und  laBt  daher  ihrem 


436  1919 

Bildner  die  groBten  Moglichkeiten.  Man  kann  in  ihr  die  in  sich  ruhenden,  in 
ihrem  eigenen  Schwerpunkt  liegenden  Gebilde  der  Marmorplastik  wieder- 
geben,  aber  auch  die  Illusionen  einer  schnell  wechselnden  Attitude.  Sowohl 
der  massige  Block  ist  moglich,  als  auch  die  Darstellung  etwa  eines  sich  bau- 
menden  Rosses,  das  nur  mit  den  beiden  Hinterbeinen  den  Boden  beriihrt, 
einer  Tanzerin,  die  mit  der  Spitze  des  FuBes  auf  der  Erde  aufsteht,  in  einem 
einzigen  Augenblick  festgehalten ;  denn  im  nachsten  wird  sie  schon  eine  ganz 
andere  Stellung  einnehmen.  Man  unterscheidet  in  der  Vergangenheit  ausge- 
sprochen  plastische  und  unplastische  Epochen,  solche,  die  die  Grundgesetze 
der  Materialien  strenge  eingehalten,  und  andere  wieder,  die  sich  vollstandig 
davon  frei  gemacht.  Es  ist  klar,  daB  in  Zeiten,  in  denen  die  Malerei  die  Fiih- 
rung  der  Kiinste  innegehabt,  sich  das  BewuBtsein  einer  plastischen  Gesetz- 
maBigkeit verwischte.  Hier  ist  auf  das  Rokoko  und  den  Impressionismus  be- 
sonders  hinzuweisen.  Das  19.  Jahrhundert  sieht  in  seinem  Anfang  in  den 
Tagen  des  Klassizismus  die  Vorherrschaft  der  Plastik.  Selbst  die  Malerei  ist 
damals  dreidimensional  empfunden  worden.  In  steigendem  MaBe  lockert  sich 
dann  die  Strenge,  bis  in  der  Zeit  des  Impressionismus  eine  Personlichkeit  wie 
Rodin  moglich  wird,  der  durchaus  unplastisch  empfand,  fur  den  das  Attribut 
des  Schweren,  Lastenden  dem  Stein  nicht  mehr  anhaftete.  Seine  Entwicklung 
geht  auf  die  steigende  Verneinung  des  tastbaren  Materials,  zu  einer  Auflosung 
der  dreidimensionalen  Werke  in  reine  Sehbilder.  Eine  Gegenbewegung  setzt 
in  Deutschland  mit  Hildebrandt  (s.  DBJ.  1921,  S.  142)  und  in  Frankreich  mit 
Maillol  ein,  die  beide  die  Plastik  zur  GesetzmaBigkeit  zuruckzufuhren  sich 
bemuhen. 

L.,  aus  der  Akademie  kommend,  beginnt  durchaus  im  Sinne  Maillolscher 
GesetzmaBigkeit.  Seltsamerweise  geht  nun  sein  Weg  zur  vollstandigen  Auf- 
losung der  plastischen  Gebilde.  Es  ist  also  gerade  der  umgekehrte,  der  eigent- 
lich  erwartet  werden  muBte.  In  der  »Knienden«  von  191 1  ist  der  neue  Stil 
schon  gefunden.  Eine  sehr  langgestreckte  weibliche  Person  in  einer  Gebarde 
der  Anbetung,  der  inneren  Kontemplation.  Das  Empfinden  der  Plastik  als 
eines  Dreidimensionalen,  eines  Tastbaren,  Runden,  Sinnlichen  ist  gewichen. 
Von  innen  heraus  scheint  die  Gestalt  emporgereckt.  Die  Glut  ihrer  Inbrunst 
hat  sie  ausgebrannt,  das  bluhende  Fleisch  weggeschmolzen  in  dem  Feuer  der 
Ekstasen.  Die  naturlichen  MaBe  sind  aufgehoben,  weit  iiber  das  Normale 
hinaus  sind  die  Glieder  in  die  Lange  gezogen.  Nicht  mehr  die  geballte  Masse 
der  in  sich  ruhenden  Steinplastik  ist  es,  sondern  ihre  vollstandige  Auflosung 
aus  einem  Prinzip  heraus,  das  die  Verbindlichkeit  der  Materie  schlechthin 
leugnet. 

Es  ist  einzusehen,  daB  hier  von  einem  ganz  anderen  inneren  Standpunkt 
aus  an  das  plastische  Schaffen  herangegangen  wird.  Die  Materie  —  das  Ir- 
dische  —  wird  nicht  als  ausschlaggebend  angesehen.  Die  Uberwindung  der 
Schwere  ist  die  Aufgabe.  Die  Parallele  zu  Greco  fallt  auf.  Wie  dort  aus  der 
Ekstatik  des  Religiosen  heraus  die  Gestalten  gestreckt  sind,  emporgezogen, 
dem  tjbersinnlichen  entgegen,  wie  bei  ihnen  jedes  Lot  Fleisch  geschwunden 
scheint  in  der  Inbrunst  ihrer  Vermahlung  mit  Gott,  wie  jedes  Gesetz  der 
Korperlichkeit,  des  MaBes  aufgehoben  ist  in  dem  Augenblicke,  in  dem  der 
Ruf  vom  Jenseits  her  erklingt,  so  wird  auch  hier  bei  L.  das  verbindliche 
Gesetz  des  irdischen  Menschen  zu  nichts  vor  jenem  der  gottlichen  Bestimmung. 


I,ehmbruck.  Lindau  437 

Man  kann  in  den  folgenden  Jahren  bei  der  L.schen  Entwicklung  die  schweren 
Kampfe  beobachten,  die  sich  fiir  den  Kiinstler  ergaben.  Plastiken  und  Zeich- 
nungen  zeigen  ihn  hin  und  her  geworfen  zwischen  erdiger  Bindung,  zwischen 
Bejahung  des  sinnlichen  Dreidimensionalen  und  Himmelssehnsucht,  Hin- 
streben  auf  ein  rein  Geistiges,  auf  die  Auflosung  des  Tastbaren.  Ganz  in  dem 
gleichen  transzendentalen  Sinne  ist  die  »GroBe  Sinnende«  von  1913/14  auf- 
gefaBt,  eine  weibliche  Figur,  die  sich  emporreckt  mit  einem  ganz  kleinen,  in 
der  Form  fast  aufgelosten  Kopf.  Dasselbe  gilt  von  einem  geneigten  Frauen- 
torso  und  einer  mannlichen  Figur  fiir  die  Werkbundausstellung  Koln  19 14. 
Sehr  ausgepragt  findet  sich  das  ausgefuhrte  Prinzip  bei  dem  emporsteigenden 
Jiingling,  Paris  1913.  Die  Figur  ist  mit  Recht  der  »Denker«  genannt  worden. 
Hier  hat  das  Denken  jede  andere  Funktion  absorbiert,  das  rein  Geistige  hat 
den  Kopf  des  Mannes  ausgeweitet,  seinen  Schadel  emporgetrieben.  Die  Figur 
ist  in  der  Stellung  des  Emporsteigens  gegeben.  Der  Mann  scheint  sich  empor- 
zudenken  von  Stufe  zu  Stufe. 

Von  1915/16  ist  hinwiederum  eine  »  Riickblickende  «,  eine  weibliche  Gestalt 
von  rundlicher  Gliederbildung,  von  einer  sehr  wohl  gefuhlten  Plastizitat  im 
Sinne  Maillols.  Dasselbe  ist  zu  sagen  von  der  sogenannten  »Kleinen  Sinnenden«, 
deren  Thorax  walzenformig,  deren  Briiste  kugelformig  sind.  DaB  dabei  iiber 
dem  Gesicht  gleichsam  ein  zarter  Schleier  liegt,  mag  wohl  bemerkt  werden. 
Auch  die  ^Statuette  der  Frau  F.«,  Berlin  1915/16  zeigt  eine  starkere  Bejahung 
der  runden  Form,  wahrend  der  »Sterbende  Krieger«  von  1915/16  nur  das 
Geriist  zulafit.  Hier  ist  ein  neues  Prinzip  in  die  Plastik  L.s  hineingekommen, 
namlich  die  Auflosung  des  Kubus  und  die  Mitmodellierung  des  Negativen: 
aus  dem  tastbaren  Block  wird  Masse  herausgeschnitten,  die  entstandenen 
leeren  Raume  jedoch  werden  in  die  Gesamtkomposition  ganz  bewufit  ein- 
bezogen,  etwa  wie  Tiir-  und  Fensterhohlungen  bei  der  Komposition  eines 
Hauses.  Sehr  deutlich  ist  dieses  Prinzip  bei  dem  »Sitzenden  Jiingling «,  Berlin 
und  Zurich  1916/18,  zu  beobachten,  der  nur  die  konsequente  Weiterfuhrung 
des  im  »Sterbenden  Krieger«  Begonnenen  zeigt.  Immer  mehr  wird  bei  I,,  die 
Figur  zum  Geriist,  ihre  Erscheinung  reines  Sehbild.  Die  tastende  Hand  wird  weg- 
gescheucht.  Das  Fragment  der  »Betenden«,  Zurich  1917/18,  macht  dies  deut- 
lich. L.  gelangt  an  einen  Punkt  volliger  Negierung  der  sinnlichen  Welt  des  Drei- 
dimensionalen. An  dem  riesenhaften  Problem,  das  sich  ihm  hieraus  fiir  seine  Kunst 
ergab,  zerbrach  er.  Am  25.  Marz  1919  endigte  er  in  Berlin  durch  Selbstmord. 

L,iteratur:  Es  sei  vor  allein  auf  die  Biographie  verwiesen,  die  Paul  Westheim  iiber 
den  Kiinstler  geschrieben  hat,  Gustav  Kiepenheuer,  Verlag,  Potsdam- Berlin  191 9.  — 
t)ber  die  Stellung  I,.s  in  der  Kunst  der  Gegenwart  siehe  Alfred  Kuhn,  Die  neuere  Plastik 
von   1800  bis  zur  Gegenwart,  Delphin- Verlag,    i.Auflage   192 1,   2.  Auflage   1922. 

Berlin-Friedenau.  Alfred  Kuhn. 

Lindau,  Paul,  Schriftsteller,  *  am  3.  Juni  1839  in  Magdeburg,  f  am  31.  Januar 
19 19  in  Berlin-Grunewald.  —  In  drei  Richtungen  ging  im  wesentlichen  alle 
Arbeit  P.  L.s:  zum  praktischen  Theater,  zur  dramatischen  oder  erzahlenden 
Gestaltung  und  zum  Journalismus.  Auf  alien  diesen  und  den  damit  rjenphe- 
risch  verkniipften  Gebieten  ist  sein  Wirken  zeitgebunden  gewesen;  als  Zeit- 
erscheinung  aber  hat  er  ein  bestimmtes  scharfes  Profil  und  reprasentiert  in 
gewissem  Sinne  sogar  seine  Epoche. 


438  ICM9 

Sein  Lebensweg  war  ein  steter  Aufstieg.  Nachdem  er,  als  Sohn  eines  prote- 
stantischen  Geistlichen  geboren,  in  Halle  und  Berlin  studiert  hatte,  ging  er 
zu  Anfang  der  6oer  Jahre  nach  Paris.  Hier  hat  er  nicht  nur  »die  schonsten 
und  empfangsfreudigsten  Jahre «  seines  Lebens  zugebracht,  nicht  nur  »die 
scharmantesten  Menschen  der  Welt«  kennengelernt,  sondern:  in  Paris  als 
seiner  »zweiten  Heimat«  hat  er  auch  die  entscheidenden  Anregungen  fiir 
seine  literarische  Tatigkeit  erhalten,  hier  wurde  er  als  Schriftsteller  fliigge. 
Er  wohnte  in  einer  Mietkaserne  hinter  dem  Pantheon  in  aller  Einfachheit  (L.s 
Brtider  Rudolf  und  Richard  waren  damals  ebenfalls  in  Paris).  Den  »Tann- 
hauser«-Skandal  im  Marz  1861  hat  L.  miterlebt,  und  ein  Aufsatz  liber  diese 
Erlebnisse  ist  als  eine  seiner  ersten  journalistischen  Arbeiten  im  »Deutschen 
Museum «  von  Robert  Prutz  erschienen.  Beitrage  in  der  »Pariser  Zeitung«, 
einem  »ziemlich  oden  und  recht  entbehrlichen  Blatte«,  in  der  Augsburger  » All- 
gemeinen  Zeitung«,  in  der  Zeitschrift  »t)ber  Land  und  Meer«  waren  vorange- 
gangen.  Er  kam  in  Paris  mit  maBgebenden  franzosischen  Schriftstellern  zu- 
sammen  wie  Victor  Sardou,  F.  Sarcey,  E.  Augier,  Alexandre  Dumas,  deren 
Werke  er  spater  wie  die  mancher  anderen  Autoren  iibersetzt  hat.  Als  L.  nach  dem 
Kriege,  1873,  wieder  nach  Paris  kam,  hatte  sich  die  Stimmung  unter  den  Lite- 
raten,  die  er  vorher  nicht  genug  hatte  ruhmen  konnen,  sehr  wesentlich  ge- 
andert.  Nachdem  der  von  L.  zeitlebens  sehr  verehrte  Joseph  Lehmann,  der 
Herausgeber  des  »Magazin  fur  die  Literatur  des  Auslands«  ihn  aufgefordert 
hatte,  »aus  dem  literarischen  Frankreich«  (so  nannte  spater,  1882,  L.  sein 
Buch)  etwas  zu  berichten,  schrieb  er  dort  iiber  seine  Pariser  Erfahrungen  und 
Begegnungen,  » iiber  Moli£re  und  Regnard,  iiber  Diderot  und  die  Enzyklopa- 
disten,  iiber  Victor  Hugo  und  George  Sand,  iiber  Augier  und  den  jiingeren 
Dumas  «  und  war  also  geriistet,  einen  immerhin  groBeren  journalistischen  Posten 
zu  ubernehmen :  er  kam  1863  als  Redakteur  an  die  »Diisseldorfer  Zeitung«,  »ein 
altes  und  altmodisches  Blatt,  das  mit  bescheidensten  Mitteln  arbeitete«.  Er 
schrieb  Leitartikel  ebenso  wie  Theaterkritiken  und  wurde  auch  mehrfach  in 
PreBprozesse  verwickelt.  Das  »eindrucksvollste  Ereignis«  dieser  Zeit  aber  war 
sein  Zusammentreffen  mit  Lassalle,  dem  er  bei  der  Verurteilung  fiir  eine  im 
Arbeiterverein  gehaltene  Rede  beigesprungen  war.  Im  Jahre  1865  ging  h. 
nach  Berlin  und  wurde,  als  Nachfolger  A.  E.  Brachvogels  und  Lothar  Buchers, 
Redakteur  in  dem  von  Bernh.  Wolff  gegriindeten,  nach  ihm  benannten  Tele- 
graphenbureau,  wo  er  unter  anderem  auch  die  parlamentarische  Berichterstat- 
tung  mit  machte.  In  Berlin  hat  er  Jul.  Rodenberg  kennengelernt,  dem  er  neben 
J.  Lehmann,  Max  Friedlander  von  der  »Neuen  Freien  Presse«  und  Heinr.  Laube 
»eigenthch  alles«  in  seiner  schriftstellerischen  Laufbahn  verdankte,  und  war 
von  ihm  zur  Mitarbeit  an  dem  1867  gegriindeten  » Salon  «  aufgefordert  worden. 
Damals  war  L,.  bereits  aus  Berlin  fort  und  Redakteur  an  der  freisinnigen 
»Elberf elder  Zeitung«.  Aus  den  Anregungen  Rodenbergs  entstand  das  erste 
Stiick,  » Marion «,  das  auf  eine  Pariser  Begebenheit  undBegegnung  zuriickgeht. 
Fiir  den  » Salon «  schrieb  er  dann  die  ersten  satirischen  Plaudereien,  die  er 
hernach  zu  den  »Harmlosen  Brief  en  eines  deutschen  Kleinstadters  «  zusammen- 
faBte  und  die  wegen  ihres  Witzes,  ihres  beiBenden  Tones,  der  an  Heine  ge- 
schult  war,  groBes  Aufsehen  machten. 

Schon  im  Herbst  1869  gab  L.  seine  Elberf elder  Stellung  auf  und  ubernahm 
die  Leitung  einer  neuen  literarischen  Wochenschrift,  des  »Neuen  Blattes«.  In 


Lindau  439 

Leipzig  war  fur  L.  das  wichtigste  Ereignis  und  Ergebnis  sein  Verkehr  mit 
Heinrich  Laube;  nicht  nur  deswegen,  weil  Laube  selbst  sein  erstes  Theater- 
stuck  » Marion «  inszenierte,  sondern  viel  wichtiger  noch  war  fur  ihn  die  An- 
regung  und  der  Einblick  ins  praktische  Theatergetriebe.  Und  so  hat  L.  immer 
eine  warme  Dankbarkeit  gegen  Laube  gehegt  und  gezeigt  und  hat  sich  auch 
als  gelehriger  Schuler  des  Meisters  erwiesen.  Was  L.  iiber  Laube  geschrieben 
hat,  ist  fur  die  Charakteristik  des  groBen  Wort-Regisseurs  noch  heute  wichtig. 

Bis  187 1  leitete  L.  in  Leipzig,  das  fur  ihn  »Mittelstation«  war,  das  »Neue 
Blatt«;  dann  ist  er  als  Journalist,  als  politischer  und  literarischer  Schriftsteller, 
als  Redakteur,  als  Buhnenautor  in  alien  Satteln  gerecht  und  reif  fiir  Berlin. 
»Nur  wenige  Nummern«  redigierte  er  zunachst  in  Berlin  fur  die  literarische 
Beilage  des  »Bazar«,  dann  griindete  er  1872  »Die  Gegenwart«,  die  er  bis  1881 
leitete,  und  machte  diese  Zeitschrift  sehr  schnell  durch  Gewicht  und  Gesicht 
seiner  Personlichkeit  zu  dem  angesehensten  und  maBgebendsten  Blatte.  Von 
hier  aus  begriindete  L.  seinen  Ruf  als  Diktator  der  Kritik,  der  »Segen  und 
Fluch  ausgeteilt  hat,  selbstgefallig  wie  der  unfehlbare  Papst«,  so  sagten  seine 
Gegner.  Nach  einigen  Jahren,  1877,  hat  der  geschickte  Redakteur  auch  eine 
Monatsschrift,  »Nord  und  Siid«,  eroffnet,  urn  Platz  zu  haben  fiir  groBere  Ar- 
beiten,  die  seine  Wochenschrift  nicht  bringen  konnte.  L.  nennt  selbst  diese 
20Jahrige  Berliner  Periode  »wohl  die  ergiebigste*  seines  Lebens;  sie  dauerte 
bis  1891.  Dann  siedelte  er  nach  Strehlen  bei  Dresden  iiber;  dazu  mogen  aller- 
hand  personliche  Umstande  mitbestimmend  gewesen  sein.  Viel  Staub  hat  daraals 
die  Affare  Schabelsky  aufgewirbelt,  die  in  der  L.-Literatur  breit  erortert  wurde. 
(Vgl.  auch  Elis.  v.  Schabelsky,  Der  beruhmte  Mann,  Lustspiel,  1891.)  Ferner 
hat  man  ihm  zum  Vorwurf  gemacht,  daB  er  seine  Stellung  als  Dramaturg  am 
»Deutschen  Theater  «  mit  seiner  Tatigkeit  als  Theaterkritiker  fiir  ein  groBes 
auswartiges  Blatt  verquickte  und,  ahnlich,  trotz  seiner  Theaterkritikerarbeit, 
die  er  im  Jahre  1887  fiir  das  »Berliner  Tageblatt«  iibernahm,  weiterhin  Gut- 
achten  fiir  das  »  Deutsche  Theater  «  erledigte,  sich  sogar  verpflichtet  hatte,  seine 
Buhnenarbeiten  dem  »Deutschen  Theater «  in  Vorhand  zu  iiberlassen. 

In  Dresden  aber  konnte  sich  L.  gar  nicht  recht  einleben.  Er  griff  also  gern 
zu,  als  Herzog  Georg  II.  von  Meiningen  (s.  DBJ.  1914 — 16,  S.  23  ff.)  ihm  die 
Stellung  eines  Hoftheaterintendanten  anbot ;  obschon  der  Schiiler  Laubes  die 
ersten  Berliner  Gastspiele  der  Meininger  keineswegs  begeistert  kritisiert  hatte. 
Oktober  1895  trat  L.  seine  Stellung  an  und  war  nun,  mit  geringen  Unter- 
brechungen,  dem  praktischen  Theater  dauernd  verbunden.  Er  hat  bis  1899 
in  Meiningen  »mit  inniger  Freude«  gewirkt  und  die  auBerst  giinstigen  Ar- 
beitsbedingungen  dankbar  anerkannt.  Der  Spielplan,  den  L-  in  Meiningen 
geboten  hat,  setzte  sich  aus  klassischen  Werken  und  Stiicken  lebender  Autoren 
zusammen.  Unter  denen  sind  neben  Gerhart  Hauptmann  und  Ibsen  zahl- 
reiche  heute  schon  als  unbedeutend  erkannte  Verfasser  vertreten. 

Meiningen  war  Vorstufe  fiir  Berlin.  Im  Jahre  1900  wurde  L.  (an  Stelle 
von  Aloys  Prasch)  Direktor  des  Berliner  Theaters  und  sollte  (und  wollte)  hier 
das  Niveau  des  Spielplans  heben.  Er  hat,  mit  dem  scharfen  Instinkt  fiir  das 
theatralisch  Wirksame,  den  er  auch  als  Autor  selbst  besaB,  zugkraftige  Stiicke 
gefunden,  wie  »  Alt-Heidelberg  «  oder  den  »Hiittenbesitzer«.  Aber  er  hat  auch 
Moliere,  Kleist,  Grillparzer,  Bjornson  gespielt  und  iiberhaupt  manche  Auf- 
fuhrung  fiir  rein  literarische  Anspriiche  gebracht.  Bis  1903  bekleidete  er  diese 


44°  J9*9 

Stellung  und  ging  dann  an  das  Deutsche  Theater  liber.  Hier  hat  er  auch  seine 
Gabe,  schauspielerische  Talente  zu  entdecken,  betatigen  konnen;  aber  die 
Schwierigkeiten,  deren  L.  hier  hatte  Herr  werden  mtissen,  waren  so  erheblich, 
daB  er  schon  1905  die  Sache  aufgeben  muBte.  Spater  zog  Hulsen  ihn  als  »ersten 
Dramaturg«  an  das  Konigliche  Schauspielhaus,  und  hier  war  L.  der  geistige 
Berater  der  Buhne  und  hat,  soweit  das  damals  moglich  war,  auch  modernen 
Dichtern  den  Weg  an  dieses  Theater  geoffnet;  so  sind  damals  G.  Hauptmann 
(»Versunkene  Glocke«,  1909),  H.  Sudermann  (»Strandkinder«,  1909,  das  erste 
Stiick  Sudermanns  im  Schauspielhaus),  Ibsen  (»Nora«  1909),  Hejermanns  (»Die 
neue  Sonne«,  1910)  u.  a.  zu  Wort  gekommen,  und  L.  hat  von  Kleist  »Penthe- 
silea«  und  » Robert  Guiskard«  (191 1)  herausgebracht 

Mit  der  praktischen  Tatigkeit  fiir  die  Buhne  hangt  Ls  Arbeit  als  Verfasser 
von  Theaterstiicken  eng  zusammen.  Nicht  ganz  zufallig  ist  es,  daB  er  sich 
gerade  mit  einer  spater  (1872)  als  Buch  erschienenen  Arbeit  iiber  Moliere  den 
Doktortitel  erwarb.  (Ein  Buch  iiber  A.  de  Musset  folgte  1877.)  Aus  der  groBen 
Zahl  der  Theaterstiicke  L.s  sind  vor  allem  folgende  zu  nennen:  »  Marion  «, 
» Maria  und  Magdalena«,  »In  diplomatischer  Sendung«,  »  Diana «,  »Ein  Erfolg«, 
»Johannestrieb«,  » Graf  in  Lea«,  »Die  beiden  Leonoren«,  »Der  Komodiant«, 
»Der  Andere«,  »Nacht  und  Morgen«,  ».  .  .  so  ich  dir!«  L.  hat  von  den  Fran- 
zosen  die  Technik,  den  Theaterapparat  gelernt,  und  da  er  einen  starken,  durch 
den  Umgang  mit  Laube  noch  gesteigerten  Instinkt  dafiir  hatte,  was  auf  dem 
Theater  wirksam  ist,  so  haben  die  meisten  seiner  Arbeiten  auch  groBen  Publi- 
kumserfolg  gehabt.  Das  lag  nicht  in  irgendeiner  dichterischen  Qualitat  be- 
griindet,  sondern  lediglich  darin,  daB  L.  das  Theater  und  seine  dramaturgischen 
Requisiten  und  Bediirfnisse  gut  kannte  und  geschickt  beherrschte,  daB  er 
gewisse  in  der  Luft  liegende  Fragen  (wie  z.  B.  das  Judenproblem  in  der  »  Graf  in 
Lea«)  theatersicher  anpackte,  daB  er  eine  Art  der  Darstellung  besaB,  die  dem 
Publikum  glatt  einging,  das  sich  Sittenschilderungen  in  so  gemilderter  und 
parfiimierter  Weise  gern  gef alien  lieB,  das  sich  die  Nerven  ein  biBchen  zwicken 
lieB,  ohne  daB  L.  je  eine  wirklich  dichterisch-tragische  Gestaltung  erreicht 
hatte.  Ungluckliche  Frauen,  falsch  erzogene  oder  gesunkene  Madchen,  eitle 
Narren,  Literaten,  Theateragenten,  doppellebige  Menschen —  solche  Gestalten 
versteht  L-  immer  auf  der  Buhne  interessant  zu  machen  mit  den  Methoden 
einer  Theaterpsychologie,  die  den  Menschen  der  ausgehenden  wilhelminischen 
Epoche  noch  erheblich  erschien  und  sehr  schnell  sich  als  unwirksam,  ja  un- 
ertraglich  offenbarte.  Die  dankbaren  Rollen,  die  Machtstellung  des  Kritikers, 
der  Bedarf  an  guter  Theaterware:  dadurch  ist  der  breite  Erfolg  der  Stiicke 
L.s  zu  erklaren;  besonders  starke  Wirkungen  erzielte  L.  iibrigens  als  Uber- 
setzer  von  J.  Echegarays  »Galeotto«. 

Positiver  kann  man  sich  zu  den  dramaturgisch-theoretischen  Arbeiten  L.s 
stellen.  Er  hat  in  dem  groBen  Aufsatz  »  Regie  und  Inszenierung«  zur  Populari- 
sierung  besserer  Kenntnisse  iiber  Theaterkunst  beigetragen  (deren  Grundlagen 
freilich  bald  genug  ganz  andere  geworden  sind),  er  hat  in  der  Gegenuberstel- 
lung  »Dichter  und  Buhne  in  Deutschland  und  Frankreich«  Abgrenzungen  vor- 
genommen,  aus  denen  viel  praktische  Erfahrungen  sprechen,  und  er  hat  in  der 
Erorterung  »t)ber  die  Kunst  des  Schauspielers  «  die  Frage  nach  der  Moglichkeit 
fiir  den  Schauspieler,  in  der  Rolle  aufzugehen  oder  nicht,  zwar  nicht  beant- 
wortet,  wohl  aber  sie  in  seiner  Teils-teils-Methode  mit  manchen  wichtigen  Be- 


Ltindau 


441 


weismomenten  gefordert.  (Diese  Aufsatze  sind  zusammengestellt  in:  »Vor- 
spiele  auf  dem  Theater «,  19 15.)  Wenn  er  »Laube  und  Dingelstedt  als  Regisseure« 
schildert  (Nord  nnd  Siid,  1901,  Juliheft,  S.  60 — 82),  so  hat  das  bleibenden,  fur 
die  Erkenntnis  der  beiden  Theaterleiter  immer  nutzbaren  Wert,  wahrend  seine 
»Dramaturgischen  Blatter «  (1875  und  1879)  nichts  mehr  zu  sagen  haben. 

Auch  in  seinen  Romanen  und  Novellen  hat  L.  keine  dichterische  Gabe  offen- 
bart,  wohl  aber  sich  als  gewandten,  anregenden,  witzigen  Plauderer  gezeigt 
(der  er  auch  im  Leben  war).  Hinzu  kam  eine  helle,  gute  Beobachtungsgabe  und 
die  geiibte  Geschicklichkeit  des  erfahrenen  Journalisten  und  Feuilletonisten, 
der  elegant  und  wirkungssicher  zu  schreiben  verstand.  Begreiflich,  daB  sich 
dieser  Beobachter  fiir  seine  Romane  kein  geringeres  (freilich  nicht  glatt  ge- 
lungenes)  Ziel  setzte,  als  in  einem  Zyklus  »  Berlin «  das  Wesen  der  neuen  Welt- 
stadt  zu  erfassen.  In  dem  ersten  Roman  »Der  Zug  nach  dem  Westen«  (1886) 
schildert  er  die  Welt  und  Umwelt  einer  burgerlichen  Emporkommlingsfamilie, 
mit  deren  Schicksal  das  eines  jungen  Kiinstlers  verkniipft  wird.  In  dem  zweiten 
Roman  » Arme  Madchen«  (1887)  spannt  Iy.  einen  leichtsinnigen,  aber  guten  und 
anstandigen  Grafen  mit  dem  Blumenmadchen  aus  den  unteren  Volksschichten 
zu  traurigem  Ende  zusatnmen,  und  in  dem  dritten  Teil  »Spitzen«  (1888)  stellt 
er  die  Aristokratie  und  die  proletarische  Verbrecherwelt  gegeneinander.  Aus  den 
novellistischen  Arbeiten  darf  man  herausheben:  »Herr  und  Frau  Bewer«,  »Im 
Fieber«,  »Die  Gehilfin«,  die  alle  drei  in  Abwandlungen  das  Eheproblem  be- 
handeln. 

L.s  Feuilleton  war  fiir  den  Tag  geschrieben,  aber  seine  Erf olge  auf  diesem  Ge- 
biete  durften  ihn  veranlassen,  auch  seine  Tagesschriftstellerei  zu  sammeln.  Be- 
zeichnend  fiir  ihn  und  auch  heute  noch  lesbar  sind  die  Bande :  »Harmlose  Brief e 
eines  deutschen  Kleinstadters «  (1871),  »Literarisc\he  Riicksichtslosigkeiten « 
(1871),  »Niichterae  Briefe  aus  Bayreuth«  (1876),  » Uberf liissige  Briefe  an  eine 
Freundin«  (1877). 

Bemerkenswert  sind  schlieBlich  noch  unter  den  zahlreichen  Arbeiten  dieses 
sehr  gebildeten  und  kenntnisreichen  Schriftstellers  seine  (mit  durchaus  nicht 
alltaglichem  kriminellem  Verstandnis  angelegten)  Erorterungen  interessanter 
ProzeBfalle,  fiir  die  ihm  seine  psychologische  Einfuhlungsfahigkeit  zugute 
kam;  etwa  »Die  Ermordung  des  Advokaten  Bernays«,  »Idealismus  und  Na- 
turalismus  in  Berlin.  ProzeB  Graef«,  »Verbrechen  oder  Wahnsinn?  Das  Schul- 
madchen  Marie  Schneider «,  »Die  Morder  des  Kaufmanns  Max  KreiB.  Das 
Muster  eines  Indizienbeweises«.  (Zusammengestellt  in:  »Interessante  Falle«, 
1888.)  Oder  »K.  Hau  und  die  Ermordung  der  Frau  Josef  ine  Molitor«  (1907). 

In  allem  dokumentiert  sich  L.  als  eine  zeitgebundene,  seine  Zeit  erfullende 
Personlichkeit.  Neuen,  vorauseilenden  geistigen  Erscheinungen  hat  er  oft  genug 
ablehnend  gegeniibergestanden,  was  sich  etwa  bei  den  Meiningern  oder  bei 
R.  Wagner  zeigte.  Und  so  hat  ihn  die  neue  Zeit  sehr  bald  iiberrannt,  namentlich 
die  Stromung  des  Naturalismus,  die  gegen  die  innere  Unwahrheit  der  L.schen 
Epoche  Sturm  lief,  hat  die  ersten  Angreifer  gegen  ihn  vorgeschickt.  In  den 
»Kritischen  Waffengangen«  der  Gebriider  Heinrich  und  Julius  Hart  stehen 
(Heft  2,  1882,  S.  11)  folgende  gegen  »Paul  h.  als  Kritiker«  gerichteten  Satze: 
»Charakterlosigkeit  bildet  den  Charakter  der  L.schen  Sprache;  nirgends  eine 
Stelle,  ein  Satz,  ein  Wort,  aus  dem  eine  eigengeartete  Individualitat  heraus- 
sprange,  sondern  iiberall  glatter  Salonfirnis,  ein  oberflachliches  Geplauder, 


442  1919 

welches  den  Wasserspiegel  leicht  krauselt,  aber  nirgends  aufwiihlt .  .  .  Finger- 
fertig,  von  groBer  Schreibseligkeit  und  unbestreitbarem  FleLBe,  trug  L.  kein 
Bedenken,  auch  die  dramatische  Knnst  in  das  Joch  seines  Leichtsinnes  einzu- 
spannen.  Seine  Produkte  auf  diesem  Gebiete  sind  die  Negation  alles  Drama- 
tischen  .  .  .  Die  Kritik  hat  sich  stets  sehr  sprode  benommen  dem  Dichter  L. 
gegeniiber  —  unbestrittene  Erf olge  erzielte  er  nur  auf  dem  Gebiete  der  Feuille- 
tonistik,  Satire  und  Kritik. «  Andere  Gegner  sind  in  den  Schriften  von  Fiedler, 
Fisahn,  Koberle,  Mehring  (unten  S.  446  ff.,  bes.  S.  448)  Hartwich  aufgetreten. 

Literatur:  P.  L.,  Nur  Erinnerungen,  I,  1916,  II,  1917.  —  E.  O.  Konrad,  P.  L.,  eine 
Charakteristik,  2 1876.  —  C.  Fiedler,  Das  Deutsche  Theater,  was  es  wollte,  was  es  ist,  was 
es  werdenmuB,  a  1877,  ^es-  S.  252  ff.  - —  E.  Hadlich,  P.  L,.  alsdramatischer Dichter,  1876. — 
J.  Fisahn,  P.  L.  als  Kritiker  und  das  Theater,  1876.  —  W.  Goldschmidt,  Notizen  zu 
Schriften  von  P.  L.,  1878.  —  Junius,  P.  L.  und  das  literarische  Judentum,  1879. — 
J.  Pflerr,  Herr  Dr.  P.  L.,  der  umgekehrte  Lessing,  1880.  —  G.  Koberle,  Der  Verfall  der 
deutschen  Schaubiihne  und  die  Bewaltigurjg  der  Theateikalemitat,  1880.  —  F.  Mehring, 
Der  Fall  L-,  1890.  —  G.  Hartwich,  P.  L.s  Gliick  und  Ende,  1890.  —  V.  Klemperer,  P.  L-, 
1909.  —  Den  NachlaB  P.  L.s  verwaltet  sein  Sohn  Dr.  Hans  L,indau,   Berlin. 

Berlin-Steglitz.  Hans  Knudsen. 

Lurmann,  Fritz  W„  Dr.-Ing.  e.  h.,  Hiitteningenieur,  *  am  31.  Mai  1834  in 
Iserlohn,  f  am  24.  Juni  1919  in  Osnabriick.  —  Auf  dem  Akenbrock,  der 
jetzigen  Alexanderhohe  in  Iserlohn  wurde  L.  geboren  und  verlebte  dort  eine 
gliickliche  Jugend.  Sein  Vater,  ein  GroBkaufmann,  vertrieb  die  Erzeugnisse 
von  Iserlohn,  Altena,  Liidenscheid,  Remscheid  und  Solingen.  Er  zog  seinen 
Sohn  schon  fruhzeitig  zu  kleinen  Bureauarbeiten  heran  und  nahm  ihn  auch 
wiederholt  mit  auf  die  Leipziger  Messe.  Der  junge  L.  besuchte  zunachst  die 
Elementarschule  und  spater  die  Rektoratsschule  seiner  Heimatstadt  und  nahm 
daneben  noch  am  Zeichenunterricht  in  der  Sonntagsschule  teil.  Auf  seinen 
Streifereien  in  die  Umgebung  Iserlohns  besuchte  er  des  ofteren  einen  kleinen 
Holzkohlenhochofen  in  Rodinghausen  bei  Menden,  der  mit  seinen  von  einem 
Wasserrad  getriebenen  ledernen  Blasbalgen  L.  immer  mehr  in  seinen  Bann 
zog.  Als  im  Herbste  1849  verschiedene  seiner  Mitschiiler  sich  in  die  Gymnasien 
und  Realschulen  der  umliegenden  Stadte  aufnehmen  lieBen,  erklarte  L.  seinem 
Vater,  er  wolle  auch  eine  andere  Schule  besuchen  und  Eisen  machen  lernen. 
L.s  Vater,  ein  Mann  von  kurzen  Entschliissen,  schickte  seinen  Sohn  auf  die 
konigliche  Gewerbeschule  nach  Halberstadt,  an  der  sein  Freund  Romberg 
Chemie  lehrte. 

L.  siedelte  Ostern  1850  nach  Halberstadt  iiber;  im  Herbst  desselben  Jahres 
begann  der  zweijahrige  Kursus  an  der  Gewerbeschule,  den  L.  im  Jahre  1852 
mit  einem  gut  bestandenen  Examen  abschlofi.  Im  Anschlui3  besuchte  er  das 
konigliche  Gewerbeinstitut  in  Berlin.  Dort  wirkten  seine  Lehrer,  wie  Drucken- 
miiller,  Dove,  Rammelsberg  und  Manger  mit  Erfolg  auf  ihn  ein  und  bildeten 
ihn  zu  einem  tiichtigen  Chemiker  und  Hiittenmann  aus.  Auf  Empfehlung 
von  Druckenmiiller  und  Rammelsberg  erhielt  L.  nach  zweieinhalbjahrigem  Be- 
such  des  Gewerbeinstituts  eine  Stelle  als  Chemiker  bei  der  Firma  Born,  Lehr- 
kind  &  Co.  in  Hafllinghausen  bei  Schwelm.  Diese  Gesellschaft  betrieb  in  HaB- 
linghausen  zwei  Hochofen  zur  Verhiittung  des  im  Steinkohlengebirge  West- 
falens  vorkommenden  Kohleneisensteins  (Blackband).  L.  errichtete  in  Liinen 


Lindau.  Liirmann  443 

an  der  Lippe  auf  der  zur  gleichen  Gesellschaft  gehorigen  Eisenhiitte  Westfalia 
ein  kleines  Laboratorium,  um  Analysen  fiir  die  von  den  Hochofen  verwen- 
deten  Rohstoffe  durchzufuhren.  Da  diese  Arbeiten  nur  einen  Teil  seiner  Zeit 
in  Anspruch  nahmen,  konnte  sich  Iy.  viel  bei  dem  kleinen  Holzkohlenhochofen 
auf  der  Eisenhiitte  Westfalia  aufhalten  und  dort  bereits  als  Einundzwanzig- 
jahriger  durch  Verbesserung  des  Mollers  die  Schwierigkeiten  beheben,  die 
sich  seit  langer  Zeit  durch  die  schwer  schmelzbare  Schlacke  des  Hochofens 
ergeben  hatten.  Des  weiteren  konnte  er  im  nachsten  Jahre  (1856)  in  kiirzester 
Zeit  die  Neuzustellung  des  Hochofens  der  Westfalia  durchfuhren  und  konnte 
im  AnschluB  daran  die  erste  Inbetriebsetzung  eines  Hochofens  leiten.  Zur 
damaligen  Zeit  war  es  noch  ublich,  da£  man  die  aus  dem  Hochofen  entwei- 
chenden  Gase  nicht  ausnutzte,  sondern  einfach  an  der  Gicht  verbrennen  lieB. 
Da  sich  aber  in  Westdeutschland,  Belgien  und  Nordfrankreich  bereits  Ver- 
fahren  herausgebildet  hatten  zur  Verwendung  dieser  Hochofengase  bei  der 
Beheizung  von  Dampfkesseln  und  Winderhitzern,  so  wurde  L.  im  Jahre  1856 
von  seiner  Gesellschaft  zu  einer  Reise  durch  die  genannten  Bezirke  veran- 
laBt,  um  die  Frage  der  Verwertung  der  Gichtgase  zu  studieren. 

Die  damals  schon  hervorragenden  Leistungen  des  jungen  Mannes  schafften 
ihm  bald  Ansehen  im  Kreise  der  Eisenhiittenleute,  und  so  wurde  er,  als  im 
September  1856  die  Hutte  in  HaBlinghausen  von  Vertretern  des  Georgs- 
Marien-Bergwerks-  und  Hiittenvereins  in  Osnabriick  besichtigt  wurde,  auf 
Veranlassung  dieser  Herren,  zum  Bau  und  Betrieb  der  Hochofenanlage  in 
Osnabriick  verpflichtet.  Er  nahm  seinen  Dienst  Anfang  Januar  1857  auf  und 
konnte  am  14.  Juli  1858  den  ersten  Hochofen  des  Werkes  in  Betrieb  setzen. 
Das  Werk  lag  frachtlich  sehr  ungiinstig.  Alle  Rohstoffe  muBten  auf  Pferde- 
karren  herangeschafft  werden.  Um  1000  Pfund  Roheisen  zu  erzeugen,  waren 
7600  Pfund  Rohstoffe  erforderlich  und  zur  Heranschaffung  des  Rohstoff- 
bedarfs  an  jedem  Wochentage  125  Pferdefuhren. 

In  die  Osnabriicker  Zeit  fallen  zwei  wichtige  Erfindungen  L.s:  die  Her- 
stellung  von  Mauersteinen  aus  granulierter  Hochofenschlacke  und  die  Er- 
findung  der  Schlackenform. 

Emil  Langen  in  Troisdorf  hatte  als  erster  die  hydraulischen  Eigenschaften 
der  granulierten  Hochofenschlacke  erkannt.  Infolgedessen  versuchte  auch  L. 
diese  an  Stelle  mechanisch  zerkleinerter  Schlacke  fiir  die  Herstellung  von 
Mauersteinen  zu  verwenden.  Es  gelang  ihm  endlich  nach  Uberwindung  vieler 
Schwierigkeiten,  die  in  der  Hauptsache  in  dem  Bau  einer  geeigneten  Stein- 
presse  lagen,  ein  marktfahiges  Erzeugnis  herzustellen,  das  sehr  bald  fiir  offent- 
liche,  Wohn-  und  Nutzbauten  Verwendung  fand.  L.  griindete,  da  die  Georgs- 
Marien-Hiitte  die  fabrikmaBige  Herstellung  der  Schlackensteine  ablehnte,  mit 
einigen  Freunden  ein  besonderes  Unternehmen,  das  bereits  im  Jahre  1875  tiber 
sechs  Millionen  solcher  Steine  herstellte.  Auch  heute  noch  ist  der  Schlacken- 
stein  ein  wertvolles  Mittel,  um  auf  vielen  Hochofenwerken  in  niitzlicher 
WTeise  einen  Teil  der  Schlacken  zu  verwenden. 

Bedeutungsvoller  war  die  Erfindung  der  Schlackenform.  Bei  den  bisher  in 
Betrieb  stehenden  Kokshochofen  war  der  Vorherd  von  jeher  ein  Schmerzens- 
kind  gewesen.  L.  versuchte  nun  auch  bei  den  Kokshochofen  die  geschlossene 
Brust  anzuwenden,  wie  sie  bei  den  Holzkohlenhochofen  gebrauchlich  war.  Er 
war  sich  aber  klar  dariiber,  daB  man  ohne  wei teres  die  Verhaltnisse  des  Holz- 


444  ]glg 

kohlenofens  nicht  auf  den  Kokshochofen  iibertragen  konnte,  weil  die  ent- 
fallende  Menge  Schlacken  bei  dem  letzteren  viel  groBer  war.  L-  ging  schritt- 
weise  vor.  Trotz  aller  Fehlschlage  und  trotz  aller  Mahnungen  von  ihm  nahe- 
stehender  Personen,  die  Versuche  einzustellen,  und  trotz  einer  Verbnihung, 
die  er  sich  bei  diesen  Versuchen  zuzog,  und  die  ihn  neun  Wochen  ans  Bett 
fesselte,  versuchte  L.  auf  dem  einmal  beschrittenen  Wege  weiterzukommen, 
indem  er  als  Antwort  auf  etwaige  Fragen  nach  den  miBlungenen  Versuchen 
nur  die  Worte  hatte:  »So  ging  es  zwar  nicht,  aber  es  geht  doch.«  Aus  seinen 
bisherigen  Versuchen  hatte  L.  erkannt,  daC  die  Offnung  fiir  den  Schlacken- 
abfluB  stark  gekuhlt  sein  miisse,  damit  sie  sich  nicht  vergroBere,  und  mit 
ihrer  hinteren  Flache  miisse  sie  dem  Innern  des  Ofens  so  nahe  als  moglich  ge- 
bracht  werden,  damit  der  AbfluB  der  fliissigen  Schlacke  auch  jederzeit  ge- 
sichert  sei. 

Diesen  Bedingungen  entsprach  L.s  Schlackenform.  Er  benutzte  dazu  ein 
zu  drei  Spiralwindungen  gebogenes  Gasrohr,  das  mit  GuBeisen  so  umgossen 
wurde,  daB  innerhalb  dieser  Windungen  die  SchlackenabfluBoffnung  ausge- 
sparrt  war.  Er  baute  diese  erste  Anordnung  der  Schlackenform  in  den  Vorherd 
eines  Hochofens  der  Georgs-Marien-Hiitte  ein.  Wenngleich  dieser  letztere  Urn- 
stand  sehr  viel  Unbequemlichkeit  in  der  Folge  hatte,  so  arbeitete  die  Schlacken- 
form doch  einwandfrei  wahrend  zweier  Versuchsmonate.  Bei  einem  am  21.  Ok- 
tober  1867  in  Betrieb  gesetzten,  neu  zugestellten  Hochofen  der  Georgs-Marien- 
Hiitte  setzte  L.  die  vollkommene  Beseitigung  des  Vorherdes  und  den  Einbau 
seiner  Schlackenform  durch.  Die  Anordnung  bewahrte  sich  ausgezeichnet ; 
dieser  erste  Kokshochofen  mit  geschlossener  Brust  machte  eine  Hiittenreise 
von  zwolf  Jahren. 

1,.  hatte  seine  Erfindung  beim  Ministerium  fiir  Handel,  Gewerbe  und  offent- 
liche  Arbeiten  in  Berlin  zum  Patent  angemeldet.  Das  Ministerium  lehnte  aber 
eine  Patenterteilung  ab,  »weil  das  bekannte  Princip  der  Wasserkiihlung« 
nichts  Paten tfahiges  darstellte.  Selbst  auf  eine  personliche  Riicksprache  hin 
in  Berlin  war  es  L.  nicht  moglich,  seinen  Patentanspruch  durchzubringen. 
Es  ist  dieses  einer  der  vielen  Fehler,  die  die  Vorlaufer  des  Reichspatent- 
amtes  groBen  Erfindungen  gegeniiber  gemacht  haben. 

In  Ermangelung  eines  deutschen  Reichspatentes  wandte  sich  L.  mit  einem 
Rundschreiben  an  die  deutschen  Hochofenwerke,  in  dem  die  Vorteile  der 
Schlackenform  hervorgehoben  wurde.  Gegen  eine  Vergiitung  von  200  Talern 
erklarte  sich  L,.  bereit,  Beschreibung  und  Zeichnung  der  Erfindung  zu  iiber- 
lassen,  wobei  der  Kaufer  die  Verpflichtung  ubernehmen  muBte,  keinem 
anderen  Werke  Mitteilung  iiber  diese  Neuerung  zu  machen.  In  den  Jahren  1868 
und  1869  wurden  insgesamt  31  deutsche  Hochofen  mit  der  L.schen  Schlacken- 
form ausgerustet.  Auch  im  Auslande  fand  die  Erfindung  sehr  bald  Anwendung. 
Am  3.  September  1873  gab  L-  seine  Stellung  beim  Georgs-Marien-Bergwerks- 
und  Hiittenverein  auf,  um  sich  in  Osnabriick  als  beratender  Ingenieur  nieder- 
zulassen.  Die  Tatigkeit  L.s  und  seines  hiittentechnischen  Bureaus,  das  er  1903 
nach  Berlin  verlegte  und  seit  dem  Jahre  1906  zusammen  mit  seinem  Sohne 
Fritz  betrieb,  im  einzelnen  zu  schildern,  wiirde  iiber  den  Rahmen  dieses  Nach- 
rufes  hinausgehen.  Etwa  achtzehn  vollstandige  Hochofenanlagen  mit  rund 
fiinfzig  Ofen  wurden  von  L.  entworfen.  Dazu  kamen  zahlreiche  Zeichnungen 
fiir  einzelne  Hochofen,   Gutachten  iiber  bestehende  und  geplante  Werks- 


Lurmaon 


445 


anlagen,  und  seit  Eintritt  seines  Sohnes  in  das  Bureau  auch  noch  viele  Ent- 
wiirfe  von  Stahl-  und  Walzwerken.  Daneben  war  aber  L,.  auch  noch  darauf 
bedacht,  grundlegende  Verbesserungen  auf  vielen  Gebieten  des  Eisenhiitten- 
wesens  durchzufuhren.  Diese  Arbeiten  erstreckten  sich  auf  Gaserzeuger,  Koks- 
ofen  zur  Verkokung  von  Gaskohlen  oder  Mischungen  von  mageren  mit  sehr 
fetten  Kohlen,  Kuppelofen  u.  a.  m.  Wichtig  unter  diesen  Arbeiten  ist  noch  Ls 
Einrichtung  zur  besseren  Verbrennung  der  aus  den  Hochofen  und  Koksofen 
entweichenden  Gase  in  Winderhitzern  und  unter  Dampfkesseln,  sowie  vor 
allem  sein  Hinvveis  auf  die  Verwendung  der  Hochofengichtgase  zum  Betriebe 
von  Gasmaschinen.  Durch  die  Vertretung  einer  Patentangelegenheit  fiir  James 
Atkinson,  dem  Direktor  einer  Londoner  Gasmotorenfabrik,  wurde  L.  veran- 
laBt,  sich  mit  der  Gasmaschine  zu  befassen.  In  einem  Vortrage  am  12.  Mai  1886 
in  Witten  a.  d.  Ruhr  iiber  Gasmaschinen  betonte  er  als  erster,  daB  man  in 
einer  guten  Gasmaschine  auch  Hochofengase  verwenden  konne.  Die  Folgezeit 
hat  Iy.  recht  gegeben. 

Es  ist  einleuchtend,  daB  eine  so  vielseitige  und  erfolgreiche  Tatigkeit  auch 
viele  Ehrungen  bringen  muBte.  In  der  Hauptversammlung  des  Vereins  deut 
scher  Eisenhiittenleute  vom  3.  Dezember  1905  wurde  I,,  aus  AnlaB  seines 
fiinfzigjahrigen  Berufsjubilaums  die  Carl-Lueg-Denkmunze  verUehen,  nach- 
dem  er  bereits  im  Jahre  1889  die  goldene  Staatsmedaille  »Fiir  gewerbliche 
Leistungen«  erhalten  hatte  und  im  Jahre  1903  von  der  Technischen  Hoch- 
schule  zu  Berlin  zum  Ehrendoktor  ernannt  worden  war.  Daneben  war  er 
Inhaber  des  Roten-Adler-Ordens  und  Kronenordens  3.  Klasse.  Die  groBte 
Ehrung,  die  der  Verein  deutscher  Eisenhiittenleute  zu  vergeben  hat,  die  Ehren- 
mitgliedschaft,  wurde  L.  im  Jahre  1909  zuteil.  Bezeichnend  ist  die  Antwort, 
welche  L.  auf  die  Ansprache  des  damaligen  Vorsitzenden,  des  Kommerzien- 
rats  Dr.-Ing.  e.  h.  Friedrich  Springorum,  gab:  »Meine  Herren!  Ich  sage  herz- 
lichen  Dank  fiir  die  groBe  Ehrung,  die  Sie  mir  haben  zuteil  werden  lassen. 
Ich  nehme  sie  an  fiir  das  kleine  Ding,  fiir  die  Schlackenform.  Die  Schlacken- 
form  ist  so  klein  und  so  unbedeutend,  daB  sie  kaum  mit  meinem  Namen  ver- 
kniipft  ist.  Die  Schmelzer  an  den  Hochofen  wissen  gar  nicht,  wer  sie  zuerst 
gemacht  hat  und  woher  sie  eigentlich  stammt.  Als  das  kleine  Ding  im  Jahre  1867 
bei  den  Hochofen  eingefiihrt  wurde,  da  machten  die  groBten  Hochofen  im 
hiesigen  Revier  70000  Pfund  Roheisen.  Das  waren  35  Tonnen  oder  dreieinhalb 
Eisenbahnwagenladungen.  Heute  erzeugt  ein  Hochofen  im  Revier  625  Tonnen 
an  einem  Tage,  und  zwar  nicht  nur  an  einem  Tage,  auch  nicht  in  einem 
Wochen-  oder  Monatsdurchschnitt,  sondern  in  einem  Jahresdurchschnitt,  auf 
eine  Reihe  von  Monaten.  Das  sind  62^2  Wagenladungen,  das  ist  ein  tiichtiger 
Eisenbahnzug.  So  viel  macht  heute  ein  Hochofen  an  einem  Tage.  Und  die 
kleine  Schlackenform  muB  sich  daher  auch  fiir  die  mir  von  Ihnen  zuteil  ge- 
wordene  Ehrung  bedanken ! « 

DaB  auch  das  Ausland  die  Verdienste  L.s  um  das  Eisenhuttenwesen  wohl 
zu  schatzen  wuBte,  erhellt  daraus,  daB  das  Iron  and  Steel-Institute  in  London, 
die  Fachvereinigung  englischer  Eisen-  und  Stahlhuttenleute,  in  seiner  Vor- 
standssitzung  vom  10.  November  1909  L.  zum  » Honorary  Vice-President « 
ernannte. 

In  seiner  Familie  hatte  L.  schwere  Verluste.  Mit  Ausnahme  einer  Tochter 
starben  alle  seine  Kinder  vor  ihm.  Als  sein  Sohn  und  Teilhaber  Fritz  L.  am 


446  19*9 

30.  August  19 14  starb,  gab  L.  sein  hiittentechnisches  Bureau  auf  und  ver- 
machte  die  verbliebenen  Zeichnungen  und  Entwiirfe  der  Technischen  Hoch- 
schule  zu  Berlin.  Im  Oktober  1918  zog  er  wieder  nach  Osnabriick.  Einige 
Wochen  spater  starb  dort  seine  Frau,  mit  der  er  58  Jahre  in  gliicklicher  Ehe 
gelebt  hatte.  Er  selbst  starb  am  31.  Mai  1919  und  wurde  auf  dem  Kirchhofe 
zu  Osnabriick  beigesetzt. 

Mit  Fritz  W.  I,,  ist  nicht  nur  ein  tuchtiger  Ingenieur  dahingegangen,  son- 
dern  auch  ein  prachtiger  aufrechter  Mann.  Fast  auf  keiner  der  Hauptversamm- 
lungen  des  Vereins  deutscher  Eisenhiittenleute  fehlte  diese  markante  Gestalt 
mit  dem  Schlapphut  und  verfolgte  dort  mit  regster  Anteilnahme  die  auf  der 
Tagesordnung  stehenden  Fragen.  Haufig  griff  I,,  mit  der  ihm  eigenen  Frische 
und  Schlagfertigkeit  in  die  Diskussionen  ein,  und  mancher  wertvolle  Rat 
schlag  und  manche  gute  Anregung  wurde  bei  dieser  Gelegenheit  gegeben. 
Daneben  hielt  er  selbst  iiber  den  ihm  so  ans  Herz  gewachsenen  Hochofen 
klare  und  inhaltvolle  Vortrage  und  veroffentlichte  dariiber  in  der  Vereins- 
zeitschrift  »Stahl  und  Eisen«  eine  Reihe  wertvoller  Aufsatze.  Aber  nach  ge- 
taner  Arbeit  konnte  L,.  auch  im  Freundeskreis  ein  guter  Gesellschafter  sein,  der 
eine  muntere  Unterhaltung  pflegte.  Er  wui3te  durch  seine  lebendige  Art  die 
Zuhorer  immer  wieder  in  seinen  Bann  zu  ziehen.  Schmerzlich  beriihrte  ihn  der 
Zusammenbruch  unseres  Vaterlandes  im  Herbst  1918  und  die  triiben  Aus- 
sichten  fur  die  Zukunft  unserer  Industrie.  Von  seinen  Zeitgenossen  hoch- 
geachtet,  wird  sein  Bild  im  Gedachtnis  der  Uberlebenden  bleiben  als  das  eines 
fahigen  Eisenhiittenmannes,  eines  erfolgreichen  Erfinders  und  einer  starken, 
in  sich  selbst  ruhenden  Personlichkeit. 

Literatur:  Fritz  W.  L.,  Die  Einfiihrung  der  Schlackenform  in  Deutschland.  Stahl 
und  Bisen  11  (1891),  S.  553/58.  —  A.  Guttmann,  Die  Verwendung  der  Hochofenschlacke 
im  Baugewerbe.  Diisseldorf  19 19.  —  Lebensbeschreibung  des  Hiitteningenieurs  Dr.-Ing. 
E.  h.  Fritz  W.  Iy.  Osnabriick  1919.  —  Heinrich  Macco,  Fritz  W.  I*.  Stahl  und  Eisen  39 
(191 9),  S.  897/900.  —  Herbert  Dickmann,  60  Jahre  Lr.sche  Schlackenform.  Stahl  und 
Eisen  47  (1927),  S.  634/35. 

Diisseldorf-Grafenberg.  Herbert  Dickmann. 


Mehring,  Franz,  Publizist  und  Historiker,  *  am  27.  Februar  1846  in  Schlawe 
(Pommern),  f  am  27-/28.  Januar  1919  in  Berlin,  gehorte  zu  den  sogenannten 
sozialistischen  Akademikern  und  hatte  sich  durch  Studium  in  den  Universi- 
taten  Berlin  und  Jena  ein  grundliches  Wissen  erworben.  Er  entstammte  einer 
burgerlichen  Beamten-  und  Pfarrerfamilie  und  erbte  von  seinen  Vorfahren 
den  norddeutschen  schwerbltitigen  Sinn,  Griindlichkeit  und  Pflichttreue.  Hinzu 
kam  ein  leidenschaftliches  Gefiihl  der  .Gerechtigkeit,  das  ihn  zwang,  iiberall, 
wo  er  Unterdnickung,  Mii3brauch  eines  Schwacheren,  Verleumdung  witterte, 
sich  mit  der  Wucht  seiner  ganzen  Personlichkeit  einzusetzen.  Jede  Halbheit 
war  ihm  fremd,  wo  er  sich  einer  Sache  hingab,  so  war  die  Hingabe  vollstandig, 
wo  er  haBte,  so  bis  auf  den  Grund.  Diese  Charakteranlagen  trieben  M.  zum 
Radikalismus,  machten  ihn  zu  einem  Kampfer  fur  die  Sache  der  Unterdriickten. 
Jedoch  vereinigten  sich  diese  Eigenschaften  bei  ihm  mit  ganz  anders  gearteten 
Ziigen,  die  sein  Gesamtcharakterbild  zu  einem  auBerst  widerspruchsvollen  und 
komplizierten  machten.  Vor  allem  zeichnete  er  sich  durch  eine  merkwurdige 


I^urmann.  Mehring  447 

Erregbarkeit  aus,  die  einen  bestandigen  Wechsel  seiner  Stimmungen  hervor- 
rief  vind  oft  sein  Augenmafl  fur  die  Dinge  triibte.  Auch  verstand  er  es  nicht, 
die  Sache  von  der  Person  zu  trennen,  er  fuhlte  sich  personlich  mit  seiner 
Meinung  verwachsen,  Personliches  und  Sachliches  verflochten  sich  fiir  ihn  zu 
einem  unteilbaren  Ganzen.  In  dieser  seiner  Eigenart  liegt  der  Schliissel  zum 
Verstandnis  seiner  wechselvollen  Parteistellung  und  der  Tatsache,  daB  M., 
der  an  und  fiir  sich  ein  treuer  Kamerad  sein  konnte,  sich  so  schnell  und  jah 
aus  einem  Freund  in  einen  Feind  verwandelte,  der  es  nicht  verschmahte, 
gegen  seine  friiheren  Gefahrten  maBlose  Angriffe  zu  fiihren. 

Seine  journalist ische  Tatigkeit  begann  M.  in  der  von  Guido  WeiB  redi- 
gierten  »Zukunft«,  zu  deren  bestandigen  Mitarbeitern  er  seit  dem  Januar  1870 
zahlte.  Spater  war  er  auch  in  der  Redaktion  der  »Wage«  tatig,  die  Guido 
WeiB  an  Stelle  der  im  Jahre  1871  eingegangenen  »Zukunft«  seit  1873  heraus- 
gab.  Der  temperament  voile,  geistreiche  Guido  WeiB  mit  seinem  flussigen  Stil 
und  seiner  zugespitzten  Polemik  wurde  der  Lehrer  M.s  in  der  Journalistik. 
Gleichzeitig  trat  M.  auch  dem  Begninder  der  »Zukunft«,  dem  radikal-demo- 
kratisch  gesinnten  Johann  Jakoby  naher,  der  mit  Zahigkeit  an  den  Idealen 
von  1848  festhielt.  In  diesem  Kreise  lernte  M.,  der  von  Haus  aus  nach  seinem 
eigenen  Zeugnis  »gut  preuBisch«  gesinnt  war,  und  als  Abiturient  mit  Be- 
geisterung  das  Thema  »PreuBens  Verdienst  um  Deutschland«  behandelt  hatte, 
den  preuBischen  Staat  hassen,  in  dem  er  von  der  Zeit  an  die  Verkorperung 
aller  reaktionaren  Machte  sah.  In  den  Anfang  der  siebziger  Jahre  fallt  auch 
die  erste  Annaherung  M.s  an  die  Sozialdemokratie.  Dies  geschah  um  so  leichter, 
da  die  biirgerliche  Demokratie,  die  sich  um  die  »Zukunft«  gruppierte,  der 
jungen  Arbeiterbewegung  ein  reges,  wohlwollendes  Interesse  entgegenbrachte 
und  freundschaftliche  Beziehungen  zu  den  Sozialistenfuhrern  unterhielt.  Als 
im  Herbst  1870  Johann  Jakoby,  der  gegen  die  Annexion  von  ElsaB-Lothringen 
protestiert  hatte,  in  Haft  gesetzt  wurde,  und  die  »Zukunft«  eine  Solidaritats- 
erklarung  mit  ihm  veroffentlichte,  schlossen  sich  dieser  einmiitig  wie  Mit- 
glieder  der  burgerlich-demokratischen  deutschen  Volkspartei,  so  auch  Ver- 
treter  der  sozialdemokratischen  Arbeiterpartei  Eisenacher  Programms  an. 
Unter  den  hundert  Unterschriften  befand  sich  auch  der  Name  M.s.  Letzterer 
hatte  sich  schon  als  Student  eingehend  mit  den  Fragen  der  Arbeiterbewegung 
beschaftigt  und  vornehmlich  die  Schriften  Lassalles  studiert,  die  auf  ihn  einen 
tiefen  Eindruck  machten  und  groBe  Bewunderung  fiir  die  Personlichkeit  und 
Tatigkeit  Lassalles  hervorriefen.  Zum  Ausdruck  brachte  M.  seine  Sympathien 
fiir  die  Sozialdemokratie  in  vier  in  der  »Wage«  veroffentlichten  Artikeln,  die 
eine  Antwort  auf  die  Angriffe  Treitschkes  gegen  die  Sozialisten  enthielten. 
Diese  Artikel  um  zwei  weitere  vermehrt  erschienen  dann  anonym  als  Broschure 
unter  dem  Titel:  »Herr  v.  Treitschke  als  Sozialistentoter«.  Gleichzeitig  war 
M.  als  Mitarbeiter  an  dem  sozialistischen  Leipziger  )>Volksstaat«  tatig,  fiir  den 
er  gegen  die  Politik  Bismarcks  gerichtete  Beitrage  lieferte.  Besonders  rege 
wurden  die  Beziehungen  M.s  zur  Sozialdemokratie  um  die  Mitte  der  siebziger 
Jahre,  als  zwischen  ihm  und  den  biirgerlichen  Radikalen  eine  merkliche  Ab- 
kiihlung  eintrat,  deren  Griinde  letzten  Endes  personlicher  Art  waren.  M.,  der 
eine  Zeitlang  Berliner  ^Correspondent  der  » Frankfurter  Zeitung«  war,  hatte 
sich  mit  dem  radikal-politisch  eingestellten  Redakteur  Leopold  Sonnemann 
iiberworfen  und  veroffentlichte  gegen  ihn,  von  seiner  ihm  eigenen  Leidenschaft 


448  1919 

hingerissen,  scharfe  Angriffe,  was  natiirlich  nicht  ohne  Riickwirkung  auf  die 
Beziehungen  M.s  zu  den  Berliner  Parteifreunden  Sonnemanns  bleiben  konnte. 
Als  Mitglied  ist  M.  damals  jedoch  der  Sozialdemokratischen  Partei  nicht  bei- 
getreten,  und  schon  nach  kurzer  Zeit,  in  der  zweiten  Halfte  der  siebziger 
Jahre,  vollzog  sick  ein  so  jaher  Bruch  mit  der  Sozialdemokratie,  daB  M.  in 
den  folgenden  Jahren  in  der  »Gartenlaube«  eine  Reihe  von  Artikeln  veroffent- 
lichte,  die  eine  scharfe  Polemik  gegen  die  Sozialisten  enthielten.  Und,  was 
ihm  von  sozialdemokratischer  Seite  besonders  ubel  vermerkt  wurde,  er  setzte 
seine  feindseligen  Angriffe  auch  dann  fort,  als  gegen  die  Sozialisten  das  Aus- 
nahmegesetz  verhangt  wurde.  In  dem  Vorwort  zur  zweiten  Auflage  seiner  im 
Jahre  1877  veroffentlichten,  im  Tone  einer  Anklage  gehaltenen  Schrift  »Die 
Deutsche  Sozialdemokratie.  Ihre  Geschichte  und  ihre  Lehre«  hat  M.  seine 
Abkehr  von  der  Sozialdemokratie  dadurch  motiviert,  daB  er  seinen  Irrtum 
beziiglich  der  Entwicklungsmoglichkeiten  der  deutschen  Sozialisten  einge- 
sehen  habe.  Solange  die  Bewegung  unter  den  Traditionen  Lassalles  stand, 
habe  er  gehofft,  so  ftihrt  er  weiter  aus,  daB  sich  aus  ihr  eine  national  gesinnte 
Arbeiterpartei  entwickeln  werde,  doch  nachdem  seine  Ansichten  iiber  Ge- 
sellschaft  und  Staat  reifer  und  tiefer  geworden  seien,  habe  er  erkannt,  daB 
»der  Gedanke  des  modernen  Kommunismus  und  der  Gedanke  des  modernen 
Staates  sich  scheiden  wie  Feuer  und  Wasser«.  Tatsachlich  entwickelte  M.  in 
den  folgenden  Jahren  in  seinen  Artikeln  die  Gedankengange  eines  antirevolu- 
tionaren  Sozialreformers.  Jedoch  fehlte  es  auch  bei  diesem  Bruch  nicht  an 
personlichen  Momenten,  vor  allem  soil  sich  M.  dadurch  gereizt  gefuhlt  haben, 
daB  die  Vertreter  der  Sozialisten  offen  ihre  MiBbilligung  aussprachen  iiber  die 
Art  und  Weise,  wie  M.  den  Kampf  gegen  Sonnemann  fortfuhrte  und  nicht 
einmal  davon  Abstand  nahm,  seine  Angriffe  in  gegnerischen  Blattern  zu  ver- 
offentlichen,  wie  z.  B.  in  der  nationalliberalen  »Magdeburger  Zeitung«. 

Der  Zerfall  mit  der  Sozialdemokratie  bedeutete  fur  M.  keineswegs  eine  Aus- 
sohnung  mit  dem  preuBischen  Staate,  und  nach  wie  vor  blieb  er  Gegner  des 
Bismarckschen  Regierungssystems.  Seit  der  Mitte  der  achtziger  Jahre  fuhrte 
M.  als  Leiter  der  biirgerlichen  liberalen  » Berliner  Volkszeitung«  einen  riick- 
sichtslosen  Kampf  gegen  das  Sozialistengesetz  und  seinen  Urheber  Bismarck, 
den  er  bis  iiber  das  Grab  hinaus  mit  todlichem  HaB  verfolgte.  Die  glanzend 
geschriebenen  Artikel,  in  denen  leidenschaftliche  Anklagen  mit  beiBender 
geistreicher  Ironie  abwechseln,  machten  Eindruck,  und  der  Mut,  mit  dem  M. 
jetzt  sich  fur  die  Sache  der  Sozialisten  einsetzte,  lieB  die  Erinnerung  an  die 
Gartenlaubenartikel  verblassen.  Ihrerseits  iibte  auch  die  Sozialdemokratie 
auf  M.  eine  immer  groBer  werdende  Anziehungskraft  aus,  nachdem  der  Ver- 
such  Lenzmanns,  an  dem  sich  auch  M.  beteiligte,  eine  entschieden  demo- 
kratische  biirgerliche  Partei  ins  Leben  zu  rufen  gescheitert  war.  Es  bedurfte 
nur  noch  eines  letzten  AnstoBes,  um  den  endgiiltigen  Bruch  M.s  mit  den 
biirgerlichen  Kreisen  herbeizufuhren.  Den  AnlaB  dazu  bot  sein  gezwungenes 
Ausscheiden  aus  der  Redaktion  der  » Berliner  Volkszeitung«  infolge  seines 
Eingreifens  zugunsten  einer  Schauspielerin,  die  durch  das  Verhalten  des 
Kritikers  Paul  Lindau  (siehe  oben  S.  437  ff.)  brotlos  geworden  war.  Damals 
erschienen  M.s  vielgelesenen  Flugschriften  »Der  Fall  L,indau«  (1890)  und 
»Kapital  und  Presse«  (1891),  die  das  Cliquenwesen  in  Theater  und  Presse 
brandmarkten.  Jetzt  trat  M.  der  Sozialdemokratischen  Partei  bei  und  wurde 


Mehring  449 

Mitarbeiter  in  der  gerade  damals  zu  einer  Wochenschrift  umgewandelten 
»Neuen  Zeit«. 

In  der  Person  M.s  hatte  die  $ozialdemokratische  Partei  einen  hervorragenden 
Publizisten  und  Pamphletisten  groBen  Stils  gewonnen,  der  ihr  Jahrzehnte  hin- 
durch  mit  der  Feder  in  der  Hand  diente.  Die  Bedeutung  M.s  liegt  hauptsach- 
lich  auf  dem  Gebiete  der  Journalistik  und  wissenschaftlicken  Arbeit,  dem- 
gegeniiber  sein  Anteil  an  der  praktisch-politischen  Tatigkeit  zuriicktritt.  All- 
wochentlich  brachte  er  in  der  »Neuen  Zeit«  eine  oft  satirische,  immer  glanzend 
stilisierte  Ubersicht  der  politischen  Vorgange,  wie  sie  sich  vom  sozialdemo- 
kratischen  Standpunkte  darstellten.  Daneben  redigierte  M.  Jahre  hindurch 
die  »Leipziger  Volkszeitung*.  M.s  politische  Artikel  iibten,  vornehmlich  in 
den  neunziger  Jahren,  einen  groBen  EinfluB  auf  die  gesamte  sozialdemokra- 
tische  Presse  aus  und  dienten  vielen  angehenden  sozialistischen  Journalisten 
zum  Vorbild. 

Von  ebensolcher,  wenn  nicht  groBerer  Bedeutung  fur  die  Partei  war  die 
wissenschaftliche  Tatigkeit  M.s,  der  sich  dem  Studium  der  Geschichte  der 
deutschen  Arbeiterbewegung  und  ihrer  hervorragenden  Fuhrer  —  Marx, 
Engels  und  Lassalle  —  widmete  und  mit  unermudlichem  Eifer  das  umfang- 
reiche  Material  dazu  sammelte  und  herausgab.  Daneben  beschaftigte  er  sich 
mit  Fragen  der  allgemeinen,  vornehmlich  deutschen  Geschichte  und  Liter atur. 
Diese  letzten  Arbeiten  sind  jedoch  nicht  so  sehr  Erzeugnisse  selbstandiger 
wissenschaftlicher  Forschung,  als  kritische  Kommentare  vom  Standpunkte  der 
marxistischen  Geschichtsauffassung  zur  uberlieferten  Geschichte.  Dem- 
entsprechend  ist  auch  der  Polemik  ein  weiter  Spielraum  gelassen.  Mit  der 
groBten  Scharfe  geht  M.  gegen  alle  Andersmeinenden  vor,  und  auch  aus  seinen 
wissenschaftlichen  Schriften  spricht  mehr  der  streitbare  Publizist,  denn  der 
abwagende  Historiker,  wenn  es  M.  auch  nicht  an  historischem  Sinn  bei  der 
Erfassung  des  Zusammenhanges  der  Tatsachen  fehlte.  Andererseits  liegt  gerade 
in  der  temperamentvollen,  farbenreichen  Darstellung  ein  besonderer  Reiz, 
den  man  anerkennen  muB,  auch  wenn  man  die  Ansichten  des  Verfassers 
keineswegs  teilt. 

Seine  wissenschaftlichen  Arbeiten  hat  M.  teilweise  in  der  »Neuen  Zeit«  ver- 
offentlicht,  teilweise  in  Bucherform  herausgegeben.  Als  erstes  groBeres  Werk 
erschien  im  Jahre  1893  »Die  Lessing-Legende.  Zur  Geschichte  und  Kritik  des 
preuBischen  Despotismus  und  der  klassischen  Literature  In  Lessing  sieht  M. 
den  Vorkampfer  der  biirgerlichen  Klasse  in  ihrem  heroischen  Zeitalter,  als  sie 
noch  Vertreterin  des  Fortschrittes  war.  Alles,  was  Lessing  geschrieben  und 
verfaBt  hat,  von  seinen  dramatischen  Dichtungen  bis  zu  den  literarischen 
Beitragen,  Theaterkritiken  und  religiosen  Streitschriften,  ist  vom  revolutio- 
naren  Geiste  des  Kampfes  gegen  Feudalismus  und  Absolutismus  erfullt.  In 
Lessing  erreicht  das  KlassenbewuBtsein  der  deutschen  Bourgeoisie  seinen  Hohe- 
punkt  und  klarsten  Ausdruck,  demgegeniiber  die  Anschauungen  der  anderen 
Klassiker  —  Goethes  und  Schillers  in  der  zweiten  Halfte  seines  Lebens  — 
schon  einen  Abstieg  und  Verdunkelung  bedeuten.  Jedoch  haben  die  biirger- 
lichen Literarhistoriker  diese  Bedeutung  Lessings  vollkommen  verkannt  und 
sein  Bild  nach  den  jeweiligen  Tendenzen  der  Bourgeoisie  zugeschnitten.  So 
entstand  das,  was  M.  die  Lessing-Legende  nennt,  und  eng  damit  verbunden 
der  Lessing-Kultus,  in  dem  nicht  der  wahre  Lessing  verherrlicht  wird,  son- 

DBJ  20 


450  !9»9 

dern  sein  Zerrbild,  welches,  je  mehr  sich  die  biirgerliche  Klasse  von  den  revo- 
lutionaren  Ideen  abwandte  und  ein  Bundnis  mit  den  bestehenden  Staats- 
machten  einging,  immer  weniger  an  den  groBen  jCampfer  erinnerte.  Der  wich- 
tigste  Bestandteil  der  Lessing-Legende  ist  die  Behauptung,  daB  Friedrich  der 
GroBe  ein  Geistes-  und  Gesinnungsgenosse  Lessings  gewesen  sei.  Den  Keim 
zu  dieser  Anschauung  bilden  die  Worte  Goethes,  daB  durch  Friedrich  den 
GroBen  und  die  Taten  des  Siebenjahrigen  Krieges  der  erste  wahre  inid  hohere 
eigentliche  Lebensgehalt  in  die  deutsche  Poesie  gekommen  sei.  Ihre  voile  Aus- 
bildung  verdankt  diese  Legende  den  Literarhistorikern  Wilhelm  Scherer  und 
Erich  Schmidt,  gegen  die  M.  mit  mehr  Scharfe  als  Sachlichkeit  zu  Felde  zieht. 
Um  zu  beweisen,  daB  Friedrich  der  II.  und  Lessing  nicht  nur  nichts  Ge- 
meinsames  miteinander  hatten,  sondern  vielmehr  »die  denkbar  scharfsten 
Gegensatze  ihrer  Zeit  in  denkbar  scharfster  Weise  vertraten«,  gibt  M.  eine 
Darstellung  des  friderizianischen  Staates.  Nach  M.s  Auffassung  sei  es  vollig 
unzutreffend,  in  Friedrich  einen  Vertreter  des  aufgeklarten  Absolutismus  zu 
sehen  in  dem  Sinne,  als  ob  er  iiber  eine  unumschrankte  Macht  verfiigt  und  sie 
fur  die  Wohlfahrt  des  Volkes  ausgenutzt  habe.  Weder  das  eine  noch  das 
andere  treffe  zu.  Die  scheinbare  Souveranitat  Friedrichs  II.  war  nur  durch 
Begiinstigung  des  Adels  erkauft  worden,  den  Friedrich  im  Gegensatz  zu  seinem 
Vater  mit  Vorrechten  jeglicher  Art  uberhaufte,  wahrend  er  die  von  ihm  ver- 
achteten  biirgerlichen  Elemente  beiseite  schob.  Die  wenigen  und  unzuxeichen- 
den  MaBregeln,  die  in  der  Zeit  Friedrichs  II.  zugunsten  des  Bauernstandes 
unternommen  worden  sind,  waren  einzig  und  allein  im  Interesse  des  Staates 
erlassen.  Alles  in  allem  war  Friedrich  ein  typischer  dynastischer  Despot  des 
18.  Jahrhunderts,  weder  ein  Genie,  wie  ihn  die  preuBenfreundliche  Geschicht- 
schreibung  darstellt,  noch  ein  Bosewicht,  wie  er  seinen  Feinden  erschien. 
Ausgesprochen  dynastischen  Charakter  trugen  auch  die  Kriege  Friedrichs  II., 
die  durch  die  geographische  Lage  des  preuBischen  Staates  hervorgerufen 
worden  waren.  Von  einer  nationalen  Idee  kann  dabei  nicht  die  Rede  sein. 
Demnach  konnten  zwischen  dem  Haupt  des  preuBischen  Staates  mit  seinen 
dynastischen  Zielen  und  seinem  Adelsregimente  und  Lessing,  dem  Vorkampfer 
fur  die  Emanzipation  des  Burgertums,  keinerlei  Wechselbeziehung  bestehen, 
um  so  mehr,  da  ja  Friedrich,  wie  bekannt,  der  deutschen  L,iteratur  und  den 
deutschen  Dichtern  wenig  Interesse  entgegenbrachte.  Es  ware  falsch,  wenn 
man  die  vielen  Unzulanglichkeiten,  die  sich  in  der  Darstellung  des  frideri- 
zianischen Staates  bemerkbar  machen,  der  marxistischen  Geschichtsauffassung 
zur  Last  legen  wiirde,  sie  sind  vielmehr  durch  den  leidenschaftlichen  HaB  M.s 
gegen  den  preuBischen  Staat  hervorgerufen,  einem  HaB,  durch  den  sich  M. 
so  weit  hinreiBen  laBt,  daB  er  Friedrich  II.  gegeniiber  die  sachsischen  Konige 
lobend  hervorhebt. 

Eine  ausgesprochene  Kampfschrift  ist  auch  die  im  Jahre  1897  in  erster 
Auflage  erschienene,  breit  angelegte  »Geschichte  der  Deutschen  Sozialdemo- 
kratie«.  Aus  dem  richtigen  Verstandnis  der  engen  Verkntipfung  alles  histori- 
schen  Geschehens  heraus  schildert  M.  die  Deutsche  Arbeiterbewegung  auf  dem 
Hintergrunde  der  allgemeinwirtschaftlichen,  politischen  und  geistigen  Zu- 
stande,  die  allerdings  von  einem  eng  parteipolitischen  Gesichtspunkte  aus  ge- 
sehen  und  gezeichnet  sind.  Ausfuhrlich  behandelt  ist  auch  die  Entwicklung 
des  theoretischen  Sozialismus.  Nach  einer  kurzen  Einleitung,  die  eine  l)ber- 


Mehring  451 

sicht  iiber  die  sozialistischen  Theorien  der  ersten  Halfte  des  19.  Jahrhunderts 
in  Frankreich  und  England  und  der  Arbeiterbewegung  in  diesen  Landern  gibt, 
geht  M.  iiber  zur  Darstellung  des  vormarzlichen  Deutschland,  der  Anfange 
von  Marx  und  Engels  und  der  Revolution  vom  Jahre  1848.  Das  darauffolgende 
Jahrzehnt  ist  eine  Zeit  stillen  Sammelns,  in  der  einerseits  die  Industrialisierung 
Deutschlands  fortschreitet,  andererseits  der  wissenschaftliche  Kommunismus, 
dessen  Grundlage  das  noch  vor  der  Revolution  von  1848  erschienene  »Kom- 
munistische  Manifest «  bildet,  weiter  ausgebaut  wird.  Mit  den  sechziger  Jahren 
setzt  dann  die  Tatigkeit  Lassalles  ein,  die  M.  ausfiihrlich  und  mit  groBer 
Sympathie  behandelt.  Riihmend  hebt  M.  hervor,  daB,  obgleich  Lassalle  ein 
Schiiler  von  Marx  gewesen  und  in  prinzipiellen  Fragen  mit  ihm  einverstanden 
war,  er  doch  nicht  davor  zuriickschrak,  im  entscheidenden  Momente  auf  eigene 
Verantwortung  und  im  wohlbewuBten  Widerspruch  zu  Marx  zu  handeln.  In 
der  Griindung  des  Allgemeinen  Deutschen  Arbeitervereins  durch  Lassalle  im 
Jahre  1863  sieht  M.  eine  bahnbrechende  historische  Tat.  Bei  der  Schilderung 
der  Kampfe,  die  nach  dem  im  Jahre  1864  erfolgten  Tode  L,assalles  innerhalb 
des  Allgemeinen  Deutschen  Arbeitervereins  ausbrachen,  ist  M.  bemuht,  beiden 
Gruppen  gerecht  zu  werden,  ohne  die  Fehler,  die  beiderseits  veriibt  worden 
sind,  zu  vertuschen.  Den  Hauptgrund  zur  Spaltung  in  Lassalleaner  und 
Eisenacher  sieht  M.  nicht  in  prinzipiellen  Meinungsverschiedenheiten,  sondern 
in  der  groBdeutschen  und  partikularistischen  Einstellung  der  Eisenacher  im 
Gegensatz  zur  kleindeutschen  Einstellung  der  Lassalleaner.  Als  nach  der 
Griindung  des  Deutschen  Reiches  diese  Frage  aufhorte  eine  Rolle  zu  spielen, 
konnte  sich  auch  leicht  auf  dem  Parteitage  in  Gotha  im  Jahre  1875  auf  der 
Grundlage  eines  neuen  gemeinsamen  Programms  die  Vereinigung  beider 
Gruppen  zu  einer  Partei  vollziehen.  M.  verschweigt  nicht  die  Kritik,  die  Marx 
an  dem  Gothaer  Programm  geiibt  hat,  doch  ist  er  der  Meinung,  daB  Marx 
dabei  von  der  falschen  Voraussetzung  ausgegangen  sei,  als  ob  die  Eisenacher 
friiher  den  marxistischen  Kommunismus  in  alien  Konsequenzen  erfaBt  hatten 
und  jetzt  hinter  dem  Druck  der  L,assalleaner,  die  Marx  fur  eine  zuriickgeblie- 
bene  Sekte  hielt,  ihre  Position  aufgegeben  hatten,  wahrend  tatsachlich  das 
neue  Programm  die  theoretischen  Anschauungen  beider  Parteien  widerspie- 
gelte.  Die  Teile  des  Werkes,  die  von  dem  Verhalten  der  Partei  in  der  Zeit 
wahrend  und  unmittelbar  nach  der  Reichsgriindung  und  in  den  Jahren  des 
Sozialistengesetzes  handeln,  geben  viele  wertvolle  Aufschliisse  iiber  die  Stellung 
der  Sozialdemokraten  zu  der  inneren  und  auBeren  Politik  Bismarcks,  vor 
allem  zur  Zollfrage  und  Kolonialpolitik.  Den  SchluB  des  Buches  bildet  die 
Analyse  des  Erfurter  Programms,  das  im  Jahre  1891  an  Stelle  des  Gothaer 
angenommen  wurde.  Wenn  auch  inzwischen  die  neueste  Marx-Engels-  und 
Lassalle-Forschung  ein  eigenes  Material  zutage  gefordert  hat,  das  M.  seiner- 
zeit  noch  unbekannt  war,  so  bleibt  doch  seine  »Geschichte  der  deutschen 
Sozialdemokratie«  ein  grundlegendes  Werk  von  groBer  Bedeutung.  Als  Re- 
sultat  eines  eingehenden  Studiums  gab  M.  in  den  Jahren  1902/04  eine  vier- 
bandige  Sammlung  »Aus  dem  literarischen  NachlaB  von  Karl  Marx,  Engels 
und  Lassalle«  heraus,  die  er  mit  wertvollen  Eilauterungen  versah. 

In  den  folgenden  Jahren  veroffentlichte  M.  eine  Reihe  von  kleineren  histo- 
rischen  und  liter arhistorischen  Schriften,  die  sich  vornehmlich  an  I,eser  aus 
Arbeiterkreisen  wandten:  » Schiller,  ein  Lebensbild  fiir  deutsche  Arbeiter*, 


452  1919 

1905;  »Jena  und  Tilsit,  ein  Kapitel  ostelbischer  Junkergeschichte«,  1906; 
» Deutsche  Geschichte  seit  dem  Ausgang  des  Mittelalters «,  1910;  »Von  Kalisch 
nach  Karlsbad «,  i8i3/i9«,  1913. 

Zwischendurch  arbeitete  M.  mit  groBer  Hingabe  an  seinem  Lieblingswerke, 
das  den  kronenden  AbschluB  seiner  Marx-Studien  bilden  sollte,  einer  umfang- 
reichen  Marx-Biographie,  die  er  ein  knappes  Jahr  vor  seinem  Tode  veroffent- 
lichte.  Dies  Buch  soil,  so  hebt  es  M.  ausdriicklich  hervor,  auf  Grand  des 
Quellenmaterials  eine  lebendige  Vorstellung  vom  Leben  des  Kampfers  nnd 
Denkers  Marx  geben,  nicht  aber  eine  systematische  Darstellung  des  Marxis- 
mus  bieten.  Dementsprechend  tritt  das  Systematisch-Theoretische  wie  dem 
Umfange,  so  auch  der  Bedeutung  nach  hinter  dem  rein  Biographischen  zurxick. 
Ausfuhrlich  wird  Marx*  geistiges  Ringen  und  Reifen  geschildert,  seine  poli- 
tische  Tatigkeit  im  Zusammenhang  mit  den  allgemeinen  Zeitumstanden  und 
seine  Stellungnahme  zu  den  politischen  Ereignissen  und  wichtigsten  Problemen. 
Auch  das  Personliche  kommt  nicht  zu  kurz.  Anschaulich  zeichnet  M.  das 
Familienleben  von  Marx,  seine  freundschaftlichen  Beziehungen  zu  Engels,  den 
Kampf  urns  tagliche  Brot  und  die  bestandigen  Geldsorgen,  die  schwer  auf  der 
ganzen  Familie  lasteten.  Hervorzuheben  ist  die  Objektivitat,  mit  der  M.  die 
Beziehungen  zwischen  Marx  und  Lassalle  behandelt  und  auf  die  Ungerechtig- 
keiten  hinweist,  zu  denen  sich  Marx  in  bezug  auf  den  ihm  personlich  unsym- 
pathischen  Lassalle  hinreiBen  HeB.  Auch  bei  der  Schilderung  der  Kampf e 
zwischen  Marx  und  Bakunin  gibt  M.  Marx  nicht  ohne  weiteres  recht.  Wenn 
M.  also  keineswegs  in  den  Ton  eines  kritiklosen  Bewunderers  verfallt,  so  fehlt 
ihm  doch  immerhin  jeglicher  Abstand  zu  dem  Gegenstand  seiner  Darstellung. 
Marx  ist  fur  ihn  eine  immer  noch  gegenwartige  Gestalt,  und  M.  macht  gar 
keinen  Versuch,  ihn  als  historische  Erscheinung  aus  der  ganzen  Zeitbedingtheit 
heraus  zu  erfassen. 

Als  die  Marx-Biographie  erschien,  gehorte  ihr  Verfasser  nicht  mehr  der 
Sozialdemokratischen  Partei  an,  mit  der  er  seit  dem  Beginn  des  Weltkrieges 
zerf alien  war,  da  er  ihrer  Stellungnahme  zum  Kriege  mit  leidenschaftlicher 
Ablehnung  gegeniiberstand.  Manchem  seiner  friiheren  Parteigenossen  erschien 
es  unverstandlich,  daB  M.,  der  auf  den  seichten  Internationalismus  und  Kos- 
mopolitismus  immer  mit  uberlegenem  Spott  herabgesehen  hatte,  sich  jetzt 
den  Internationalisten  zuwandte,  doch  bei  den  besonderen  Charakteranlagen 
M.s  kann  das  nicht  wundernehmen.  Seiner  ganzen  Eigenart  nach  muBte  M. 
sich  entweder  auf  den  nationalen  Standpunkt  eines  alles  andere  beiseite- 
lassenden  Vaterlandverteidigers  stellen,  oder  den  Krieg  verabscheuen.  Einen 
KompromiB  gab  es  fiir  seine  alles  auf  die  Spitze  treibende  Natur  nicht.  Und 
da  der  erste  Weg  ihm  durch  den  HaB  gegen  das  preuBische  »Krautjunker- 
tum«  versperrt  war,  so  war  es  nur  folgerecht,  daB  er,  einmal  mit  seiner 
Partei  zerf  alien,  bei  den  entschiedensten  Gegnern  der  bestehenden  Ordnung, 
dem  Spartakusbunde  landete,  mit  deren  Fiihrern,  Karl  Liebknecht  und  Rosa 
Luxemburg,  ihn  in  den  letzten  Jahren  seines  Lebens  eine  tiefe  Freundschaft 
verband.  An  den  StraBenkampfen  des  Spartakusbundes  im  Januar  1919  hat 
der  fast  73  Jahre  alte  Mann  nicht  teilgenommen,  doch  wurde  der  Tod  seiner 
Freunde  mittelbar  auch  ihm  zur  Todesursache.  Die  Nachricht  von  der  Er- 
mordung  Karl  Liebknechts  und  Rosa  Luxemburgs  traf  ihn  bis  ins  Innerste 
und  versetzte  ihn  in  einen  Zustand  derartiger  Erregung,  daB  er  stundenlang, 


Mehring.  Meyer  453 

tags  und  nachts,  ruhelos  bis  zur  Erschopfung  im  Zimmer  auf  und  ab  wandelte. 
Eine  Erkaltung,  die  er  sich  bei  diesen  nachtlichen  Wanderungen  zugezogen 
hatte,  fiihrte  zu  einer  Lungenentziindung,  an  deren  Folgen  er  nach  wenigen 
Tagen  verstarb,  von  seinen  letzten  Parteigenossen  als  Martyrer  verehrt,  von 
einigen  der  friiheren  mit  einer  Scharfe  beurteilt,  die  ihr  Gegenstiick  nur  in 
den  heftigen  Anklagen  finden,  mit  denen  M.  zu  Lebzeiten  seine  Gegner  zu 
uberschutten  pflegte. 

Literatur:  Eine  Biographie  M.s  ist  bis  jetzt  noch  nicht  erschienen,  doch  soil  eine 
solche  von  Herrn  Dr.  Karl  Korn  (Berlin)  in  Angriff  genommen  sein.  —  Kurze  Angaben 
und  Notizen  iiber  M.  sind  in  folgenden  Zeitschriften  zu  finden:  Die  Neue  Zeit,  Bd.  19. 
37.  Jahrgang;  Die  Glocke,  45.  Heft,  4.  Jahrgang  1918/19;  Sozialistische  Monatshefte, 
52.  Band,  S.  119;  Vorwarts  Nr.  53.  Jahrgang  1919. 

Heidelberg.  Olga  Joelson. 

Meyer,  Kuno,  ordentlicher  Professor  der  keltischen  Philologie  an  der  Uni- 
versitat  Berlin,  *  am  20.  Dezember  1858  zu  Hamburg,  f  am  11.  Oktober  1919 
zu  Leipzig.  —  Kuno  M.  war  der  zweite  Sohn  des  Gymnasiallehrers  Dr.  Eduard 
M.  zu  Hamburg.  Die  materiell  beengten  Verhaltnisse  des  Vaterhauses  wurden 
durch  ein  reiches  geistiges  Leben  wett  gemacht,  das  die  Grundlagen  zu  seiner  Nei- 
gung  zur  Literatur  im  allgemeinen  und  zu  seiner  Verehrung  fur  Goethe  im  beson- 
deren  legte.  Auch  seine  musikalische  Begabung  —  er  war  ein  tiichtiger  Sanger 
—  ist  ein  Erbteil  seiner  Eltern,  die  die  klassische  Musik  eifrig  pflegten.  Auf  der 
alten  Gelehrtenschule  des  Johanneums  in  Hamburg  nahm  er  bald  im  Kreise  sei- 
ner Mitschuler  eine  bevorzugte  Stellung  ein.  Einer  seiner  Lehrer  sagte  von  mm, 
er  sei  ein  Edelstein,  der  nur  des  Schleifens  bediirfe.  Da  indes  dies  »Schleifen« 
unerquickliche  Formen  annahm,  ergriffen  seine  Eltern  gern  eine  sich  bietende 
Gelegenheit,  ihn  dem  Schulbetriebe  fiir  einige  Zeit  zu  entziehen:  von  Ostern 
1874  bis  1876  versah  er  die  Stelle  eines  Amanuensis  bei  einem  erblindeten 
deutschen  Gelehrten  in  Edinburgh.  Dieser  Aufenthalt  in  Schottland  war  in 
zwiefacher  Hinsicht  fiir  seine  spatere  Entwicklung  von  Bedeutung.  Einmal 
legte  er  in  dieser  Zeit  den  Grund  zu  der  kaum  von  einem  anderen  Deutschen 
iibertroffenen  Beherrschung  der  englischen  Sprache;  anderseits  kam  er  bei 
einem  Ferienaufenthalt  auf  der  Insel  Arran  zum  ersten  Male  mit  dem  Kelten- 
tum  in  lebendige  Beriihrung,  wo  von  eine  kleine  handschriftliche  Sammlung 
gaelischer  Worter  und  Wendungen  Zeugnis  ablegt.  Gereifter  kehrte  er  1876  an 
das  Johanneum  zuriick  und  bestand  hier  1879  die  AbschluBprufung.  Die  Schul- 
zeit  endete  mit  einer  kleinen  Tragikomodie :  auf  Bitten  seiner  Mitschuler  liefi 
er  eine  Sammlung  von  ihm  verfafiter  Gedichte,  Musarum  munusctda,  drucken, 
die  somit  seine  erste  Veroffentlichung  iiberhaupt  darstellen.  Einige  der  hierin 
nach  Schiilerart  recht  deutlich  persiflierten  Lehrer  fiihlten  sich  beleidigt,  was 
ihm  eine  kleine  Geldstrafe  durch  das  Leipziger  Universitatsgericht  einbrachte. 

Nach  der  Reifeprufung  bezog  Kuno  M.  die  Universitat  Leipzig,  an  der  sich 
kurz  zuvor  sein  fast  vier  Jahre  alterer  Bruder  Eduard  M.  habilitiert  hatte.  Er 
wandte  sich  zunachst  der  Germanistik  unter  Zarncke  zu,  der  er  unter  Brug- 
mann  Indogermanistik  und  unter  Windisch  Sanskrit  anreihte.  Windisch,  dem 
er  sich  ganz  besonders  anschloB,  war  es  auch,  der  ihn  an  das  Keltische  heran- 
fiihrte,  und  der  so  seinen  weiteren  wissenschaftlichen  Werdegang  entscheidend 
beeinfluflte.  Die  Leipziger  Studien  unterbrach  er  auf  ein  Jahr,  um  als  Haus- 


454  jw 

lehrer  in  einer  angesehenen  englischen  Familie  in  Lowestoft  zu  wirken.  Auch 
seiner  Militarpflicht  geniigte  er  in  Leipzig.  1883  schloB  er  sein  Studium  durch 
das  Doktorat  mit  einer  Arbeit  iiber  eine  mittelirische  Version  der  Alexander- 
Sage  ab.  Schon  vorher  als  Student  hatte  er  zwei  kleinere  Beitrage  zur  keltischen 
Philologie  in  Zeitschriften  geliefert.  Im  folgenden  Jahre,  1884,  wurde  er  in  die 
Stellung  eines  Lektors  fiir  deutsche  Sprache  und  Literatur  an  das  University 
College  in  Liverpool  berufen.  27  Jahre  lang,  bis  191 1,  hat  er  hier  zunachst  als 
Lektor,  seit  1895  als  Professor  gewirkt.  Den  Mangel  an  wirklich  wissenschaft- 
licher  Lehrtatigkeit,  den  das  englische  Studiensystem  auf  seinem  eigentlichen 
Berufungsgebiete  notwendig  im  Gefolge  hatte,  glich  er  durch  ein  um  so  inten- 
siveres  Studium  des  Keltischen  aus,  wozu  die  beinahe  zentral  zu  nennende  Lage 
Liverpools  reichste  Gelegenheit  bot.  Haufige  Reisen  fuhrten  ihn  nach  Irland, 
Schottland  und  Wales,  wo  er  sich  die  Kenntnis  der  lebenden  keltischen  Sprachen 
aneignete;  nur  die  Bretagne  hat  er  nicht  aufgesucht.  Mit  den  einheimischen 
Gelehrten  stand  er  in  regem  personlichen  oder  brieflichen  Verkehr ;  mit  Whitley 
Stokes  und  John  Strachan  verband  ihn  enge  Freundschaft ;  die  franzosischen 
Gelehrten  d'Arbois  de  Jubainville  und  Gaidoz  standen  ihm  nahe.  Aber  auch  die 
Verbindung  mit  der  Heimat  rifl  keinen  Augenblick  ab.  Solange  es  seine  Ge- 
sundheit  erlaubte  —  seit  1892  wurde  er  in  stets  steigendem  MaBe  von  einem 
rheumatischen  Leiden  heimgesucht  — ,  kam  er  seinen  Pflichten  als  Reserve- 
off  izier  nach.  An  seinen  Lehrer  Ernst  Windisch  fesselte  ihn  ein  inniges  Band  des 
Vertrauens  und  der  Verehrung,  das  seinen  schonsten  Ausdruck  fand  in  dem 
Nachruf ,  den  er  seinem  verstorbenen  Lehrer  in  der  Zeitschrift  fiir  keltische 
Philologie  XIII  widmete,  dem  gleichen  Bande,  in  dem  sein  eigener  Nekrolog 
bald  danach  folgen  sollte.  Auch  zu  Zimmer  gelang  es  ihm  nach  anfanglicher 
Spannung,  hervorgerufen  durch  dessen  iibertrieben  scharfe  Kritik  an  Windisch, 
in  ein  freundschaftliches  Verhaltnis  zu  treten. 

Seine  Lebensarbeit  gait  zwar  nicht  ausschlieBlich  aber  doch  in  erster  Linie 
der  Sprache  und  Literatur  Irlands  unter  besonderer  Betonung  gerade  des 
Charakteristischen,  dessen,  was  diese  von  alien  Nachbarn  abhebt.  Seit  der 
Jahrhundertwende  ist  es  dann  ganz  besonders  die  alte  Lyrik,  durch  die  er  sich 
angezogen  f uhlt,  und  die  er  aus  zahlreichen  Handschriften  der  britischen  Inseln 
und  des  Festlandes  an  das  Licht  zieht.  Den  grofien,  von  den  Schwesterdiszi- 
plinen  langst  iiberwundenen  Hindernissen  zum  Verstandnis  irischer  Texte 
wandte  er  sein  Augenmerk  zu.  1896  griindete  er  mit  L.  Chr.  Stern  die  Zeitschrift 
fiir  keltische  Philologie;  1898 — 1907  legte  er  in  Gemeinschaft  mit  Whitley 
Stokes  durch  das  Archiv  fiir  keltische  Lexikographie  und  besonders  durch  die 
von  ihm  allein  stammenden  Contributions  to  Irish  Lexicography  das  Fundament 
fiir  das  spaterhin  von  der  Royal  Irish  Academy  iibernommene  irische  Lexikon. 
1903  rief  er  in  Dublin  zusammen  mit  Strachan  die  School  of  Irish  Learning  ins 
Leben,  aus  der  1904  das  erste  Heft  der  Zeitschrift  Eriu  hervorging.  Die  Zeichen 
auBerer  Anerkennung  fiir  seine  wissenschaftlichen  Leistungen  blieben  nicht  aus : 
er  wurde  Ehrendoktor  von  Wales,  Oxford  und  St.  Andrews  und  die  irischen 
Stadte  Cork  und  Dublin  ernannten  ihn  zu  ihrem  Ehrenburger. 

Es  bedeutete  in  mehr  als  einer  Hinsicht  eine  Wendung  in  seinem  Leben,  als 
er  1911  auf  den  durch  den  Tod  Zimmers  verwaisten  einzigen  deutschen  Lehr- 
stuhl  fiir  keltische  Philologie  an  die  Universitat  Berlin  berufen  wurde.  Die 
groBere  Entfernung  von  seinen  Studiengebieten  notigte  ihn,  die  Organisation 


Meyer  455 

des  irischen  Worterbuches  in  andere  Hande  zu  legen.  Vor  allem  aber  bereiteten 
dem  durch  27Jahrige  Tatigkeit  in  Liverpool  auf  englische  Verhaltnisse  Ein- 
gestellten  die  ganz  anders  gearteten  Berliner  Verhaltnisse  Hemmungen,  so  daB 
er  hier  nie  ganz  heimisch  geworden  ist.  Als  Mitglied  der  Preufiischen  Akademie 
der  Wissenschaften,  der  er  seit  seiner  Berufung  nach  Berlin  angehorte,  fand  er 
in  deren  Abhandlungen  und  Sitzungsberichten  ein  Organ,  in  dem  er  noch  eine 
Reihe  der  wichtigsten  Forschungsergebnisse  niederlegen  konnte.  Dem  indo- 
germanischen  Seminar  an  der  Universitat  wurde  eine  keltische  Abteilung  ange- 
gliedert.  Eine  zwar  kleine,  aber  wie  es  der  der  materiellen  Seite  des  Lebens  ab- 
holde  Charakter  des  Studiums  der  keltischen  Philologie  bedingt,  ideal  strebende 
Schar  von  Schulern  aus  dem  In-  und  Auslande  versprach  der  Keltologie  im 
Rahmen  abendlandischen  Kulturstudiums  den  Platz  zu  verschaffen,  der  ihr 
auf  Grund  ihrer  Einzigartigkeit  und  Bedeutung  zukommt. 

Nach  kaum  dreijahriger  Tatigkeit  Kuno  M.s  in  Berlin  kam  der  Weltkrieg. 
Wie  bei  dem  hohen  Idealismus,  der  sein  ganzes  Lebenswerk  erfullt,  nicht  anders 
zu  erwarten  war,  stellte  er  sich  dem  Vaterlande  trotz  seines  schweren  korper- 
lichen  Leidens  zur  Verfiigung.  Im  November  1914  begab  er  sich  auf  einem 
hollandischen  Schiffe  nach  den  Vereinigten  Staaten,  urn  unter  den  dortigen 
Iren  gegen  die  zum  Kriege  gegen  Deutschland  drangenden  Tendenzen  zu  wir- 
ken.  Zweieinhalb  Jahre  lang  hat  er  in  aufreibender  Vortrags-  und  Pressetatig- 
keit,  neben  der  er  immer  noch  Zeit  zu  kleineren  wissenschaftlichen  Arbeiten 
zu  finden  wuBte,  das  Land  nach  alien  Richtungen  hin  durchreist  und  iiberall 
bei  Iren  und  Deutschen  warmen  Widerhall  gefunden.  Einem  Eisenbahnunfall 
bei  San  Francisco  entging  er  gliicklicherweise  ohne  Verletzungen  von  dauern- 
den  Folgen.  Als  die  Union  in  den  Krieg  eintrat,  kehrte  er  mit  der  osterreichisch- 
ungarischen  Botschaft  nach  Deutschland  zuriick.  Diese  Tatigkeit  Kuno  M.s  in 
den  Vereinigten  Staaten  fur  die  Sache  seines  Vaterlandes  brachte  ihm  von  eng- 
lischer  und  franzosischer  Seite  eine  Flut  von  Beschimpfungen  und  Verdachti* 
gungen  ein,  die  ihren  Hohepunkt  in  einem  anonymen  Nekrolog  auf  den  noch 
Lebenden  in  der  »  Revue  Celtique«  36  (1916)  erreichte.  Der  deutsche  Zusammen- 
bruch  im  November  191 8  traf  ihn  tief,  legte  aber  seinen  Schaffensdrang  nicht 
lahm.  Eifrig  war  er  fur  die  Deutsch-Irische  Gesellschaft  tatig;  auch  eine  Ver- 
einigung  der  vergewaltigten  Volker  rief  er  ins  Leben  —  alles  dies  ohne  seiner 
wissenschaftlichen  Tatigkeit  untreu  zu  werden.  Da  setzte  ganz  plotzlich  der 
Tod  seinen  zahlreichen  weiteren  Zukunftsplanen  ein  Ziel.  Auf  einer  Erholungs- 
reise  erkrankte  er  in  Leipzig  und  nach  einer  glucklich  verlaufenen  Operation 
raffte  ihn  am  11.  Oktober  1919  ein  Herzschlag  hinweg.  Um  ihn  trauerten  nicht 
nur  seine  Angehorigen  und  Freunde,  sondern  das  ganze  irische  Volk. 

Literatur:  Dem  Forscher  Kuno  M.  hat  sein  ehemaliger  Schiiler  und  langjahriger 
Freund  R.  I.  Best,  Dublin,  in  der  Zeitschrift  fur  keltische  Philologie  15  (1925)  ein  Denk- 
mal  gesetzt  durch  die  erschopfende  Bibliography  of  the  Publications  of  Kuno  M.,  die  mit 
ihren  mehr  als  300  Titeln  einen  tiefen  Einblick  in  sein  reiches,  rastloses  Schaffen  ge- 
wahrt.  —  Ferner  die  Naclirufe  von  Eduard  Meyer,  Pokorny,  Fliigge  in  den  Irischen 
Blattern,  Jahrg.  2  (19 19)  Nr.  9 — 10;  Pokorny  in  der  Zeitschrift  fur  keltische  Philologie  13 
(1921),  S.  283  ff.;  J.  Vendryes  in  Revue  Celtique  \j  (1917 — 1919),  S.  425  ff.;  Wilhelm 
Schulze  in  Sitz.-Ber.  d.  PreuO.  Ak.  d.  Wiss.  XXXIII,  1920. 

Hamburg.  LudwigMuhlhausen. 


456  W9 

Oechsli,  Wilhelm,  Professor,  *  am  6.  Oktober  1851  in  Riesbach  bei  Zurich,  |  am 
26.  April  1919  in  Weggis.  —  Oe.  stammte  aus  einer  alteingesessenen  Biirger- 
familie.  Sein  Vater  war  ein  tiichtiger  Baumeister.  Er  selbst  widmete  sich,  nach 
dem  Besuch  der  Volksschule  und  des  Gymnasiums  seiner  Vaterstadt  im  Herbst 
1869  dem  Studium  der  Theologie  an  der  Universitat  Zurich  und  bestand  zwei 
Jahre  danach  das  theologische  Vorexamen.  Indessen  entfremdeten  ihn  die  An- 
regungen,  die  er  den  Vorlesungen  des  Historikers  Biidinger,  des  Kunsthisto- 
rikers  Salomon  Vogelin,  des  Philosophen  und  Nationalokonomen  Friedrich 
Albert  I*ange  verdankte,  allmahlich  der  Wahl  des  theologischen  Berufs.  Das 
Wintersemester  1871/72  in  Berlin,  wo  er  in  Mommsens  Seminar  eintrat,  ent- 
schied  iiber  seine  Hinwendung  zur  Geschichte.  Im  Sommer  1872  setzte  er  seine 
Studien  in  Heidelberg  fort.  In  die  Heimat  zuriickgekehrt,  bestand  er  im  Herbst 
1873  das  Diplomexamen  fur  Geschichte  und  Geographie  und  erwarb  auf  Grand 
einer  Dissertation  »t)ber  die  Historia  Miscella  I.  XII — XVIII  und  den  Anony- 
mus  Valesianus  II «  bei  der  philosophischen  Fakultat  den  Doktorgrad. 

Auf  die  Lehrjahre  folgten  die  Wanderjahre.  Besonders  reich  an  Anregungen 
war  fiir  ihn  ein  langerer  Aufenthalt  in  Paris.  Auf  der  Bibliotheque  nationale  ver- 
tiefte  er  sich  in  das  Studium  der  Quellen  zur  Geschichte  der  franzosischen  Re- 
volution. Kurze  Zeit  bekleidete  er,  urn  etwas  zu  verdienen,  eine  Hauslehrer- 
stelle  an  einem  Institut  in  Valenciennes.  Auch  unterzog  er  sich  mit  Erfolg  der 
Priifung  als  Deutschlehrer  an  franzosischen  Lyceen.  Er  hatte  wohl  in  Frank- 
reich  seine  Existenz  griinden  konnen,  ware  die  Sehnsucht  nach  der  Heimat 
nicht  machtiger  gewesen.  Nach  einem  Aufenthalt  in  England,  Holland  und 
Belgien  kehrte  er  in  die  Schweiz  zuriick.  Hier  wurde  ihm  1876  am  Gymnasium 
in  Winterthur  eine  Stelle  zuteil.  Sein  Unterricht  umfaBte  Geschichte,  Geogra- 
phie, zeitweise  auch  Franzosisch  und  philosophische  Propadeutik.  Aus  seinen 
praktischen  Erf ahrungen  ging  eine  Anzahl  vorziiglicher  Lehrmittel  hervor :  ein 
Lehrbuch  der  allgemeinen  Geschichte  (1883,  2.  Aufl.  1892)  und  der  vaterlan- 
dischen  Geschichte  (1885,  5.  Aufl.  1924),  Bilder  aus  der  Weltgeschichte  (1877), 
die  rasch  nacheinander  neue  Auflagen  erlebten,  ein  »  Quellenbuch  zur  Schweizer- 
geschichte«  (1886,  2.  Aufl.  1901,  1893  durch  eine  neue  Folge  mit  besonderer 
Beriicksichtigung  der  Kulturgeschichte  erganzt).  In  den  wissenschaftlichen  Bei- 
lagen  zum  Jahresprogramm  des  Winterthurer  Gymnasiums  lieferte  er  1883  eine 
Arbeit  iiber  die  Anfange  des  Glaubenskonfliktes  zwischen  Zurich  und  der  Eid- 
genossenschaft  und  1885  eine  andere  iiber  den  Streit  um  das  Toggenburger  Erbe. 
Auch  veroffentlichte  er  1886  zur  500.  Gedenkfeier  der  Schlacht  von  Sempach 
eine  Schrift,  die  in  alle  Landessprachen  der  Schweiz  iibersetzt  wurde. 

Seine  wissenschaftliche  und  padagogische  Befahigung  war  bereits  so  allge- 
mein  anerkannt,  daB  der  Bundesrat  nicht  zogerte,  ihn  1886  als  Professor  der 
Schweizer  Geschichte  an  das  eidgenossische  Polytechnikum  zu  berufen.  Bald 
danach  wurde  ihm  auch  eine  Lehrstelle  an  der  hoheren  Tochterschule  in  Zurich 
iibertragen,  die  er  im  Herbst  1893  als  Nachfolger  Georgs  von  WyB  mit  der 
Professur  fiir  Schweizer  Geschichte  an  der  Universitat  Zurich  vertauschte.  Was 
er  als  akademischer  Lehrer  geleistet  hat,  lebt  in  den  Herzen  Hunderter  von 
dankbaren  Zuhorern  fort.  Sein  Vortrag,  aufs  sorgfaltigste  vorbereitet,  ver- 
schmahte  rhetorische  Effekte,  trug  aber  das  Geprage  gediegener  Durcharbei- 
tung  des  vielgestaltigen  Stoffes  und  fesselte  durch  Klarheit  der  Darstellung. 
Den  Studierenden  war  er  ein  unermudlicher  freundschaftlicher  Berater. 


Oechsli  457 

Neben  der  Lehrtatigkeit  entfaltete  Oe.  eine  auBerordentliche  Fruchtbarkeit 
mit  derFeder.  Eine  genaueAufzahlung  seiner  in  Zeitschrif  ten,  Neujahrsblattern, 
Sammelwerken,  wie  z.  B.  im  Jahrbuch  fur  Schweizer  Geschichte,  Hiltys  Poli- 
tischem  J.B.,  den  Mitteilungen  der  Antiquar.  Gesellschaft  in  Zurich,  der  Allg. 
Deutschen  Biographie  zerstreuten  wertvollen  Beitrage  ist  hier  unmoglich.  Es 
muB  geniigen,  auf  die  drei  Phasen  der  Schweizer  Geschichte  hinzuweisen,  die 
ihren  Erf orscher  besonders  anzogen :  die  Zeit  der  Urspriinge  des  eidgenossischen 
Gemeinwesens,  die  Periode  der  Reformation,  die  des  Ubergangs  vom  vor- 
revolutionaren  Staat  des  18.  Jahrhunderts  zu  dem  politischen  Neubau,  den  das 
19.  vollendete.  Ein  Aufsatz  iiber  »Die  historischen  Griinder  der  Eidgenossen- 
schaft«,  aufgenommen  in  die  »Bausteine  zur  Schweizergeschichte«  (1890), 
bahnte  ihm  den  Weg  zur  Abfassung  des  Jubilaumswerkes,  mit  der  ihn  der 
Bundesrat  zur  Feier  der  6oojahrigen  Wiederkehr  des  ersten  ewigen  Bundes  vom 
1.  August  1291  betraute.  Zu  diesem  Werk  »Die  Anfange  der  Schweizerischen 
Eidgenossenschaft«  stellte  er,  unter  kritischer  Verwertung  aller  verfiigbaren 
urkundlichen  und  chronikalischen  Quellen,  die  wirtschaftlichen,  rechtlichen  und 
kulturhistorischen  Zustande  der  Urschweizim  13.  Jahrhundert  in  denVorder- 
grund  und  suchte  dadurch  auch  einzelne  dunkle  Punkte  der  politischen  Ent- 
wicklung  aufzuhellen.  Im  Mittelpunkt  seiner  reformationsgeschichtlichen  Ar- 
beiten  stand  die  Gestalt  Zwinglis,  den  er  »als  den  kiihnsten  Staatsmann«  der 
Schweiz  betrachtete,  dessen  Ziel  einer  sittlichen  Erneuerung  seines  Volkes 
seinem  eigenen  Ideal  entsprach.  Als  Perle  dieser  Arbeiten  darf  die  iiber 
»Zwingli  als  Staatsmann«  betrachtet  werden,  die  einen  Teil  der  dem  Andenken 
des  Reformators  gewidmeten  Jubilaumsschrift  von  1919  bildet.  Das  Werk,  mit 
dem  Oe.s  Name  dauernd  verkniipft  sein  wird,  gehort  der  dritten  Gruppe  vater- 
landischer  Geschichtsstoffe  an,  die  ihn  vorwiegend  beschaftigten.  Es  sind  die 
zwei  umfangreichen  Bande  » Geschichte  der  Schweiz  im  neunzehnten  Jahr- 
hundert«  (Bd.  29  und  30  der  » Staatengeschichte  der  neuesten  Zeit«,  Leipzig, 
Hirzel  1903.  1913).  Keinem  Wiirdigeren  hatte  diese  Aufgabe  iiberwiesen  werden 
konnen  als  ihm.  Freilich  muBte  er  sein  Werk  als  Torso  zunicklassen.  Der  erste 
Band,  der  den  Nebentitel  fuhrt  »Die  Schweiz  unter  franzosischem  Protektorat 
1798 — i8i3«  bildet  gleichsam  das  machtige  UntergeschoB  des  groB  angelegten 
Baues.  Der  Untergang  der  alten  Eidgenossenschaft  im  Jahre  1798  ist  der  ge- 
gebene  Anfangspunkt  der  ausfuhrlichen,  bis  zum  Ende  der  Mediationszeit  fort- 
gefiihrten  Erzahlung.  Ihr  ist  eine  meisterhafte  Einleitung  vorausgeschickt,  die 
in  groBen  Ziigen  das  ancien  regime  der  Schweiz  skizziert.  Der  zweite  Band,  der 
nach  dem  urspriinglichen  Plan  bis  1847  reichen  und  auf  den  ein  dritter  bis  zur 
Gegenwart  folgen  sollte,  umfaBt  nur  die  Periode  von  1813  bis  1830.  Schon  durch 
den  Reichtum  des  neuen  Tatsachenmaterials,  das  vor  allem  der  Ausbeute  ein- 
heimischer  und  fremder  Archive,  wie  des  Pariser,  Wiener,  Berliner  zu 
danken  war,  iibertrifft  Oe.  in  auBerordentlichem  MaB  die  Arbeiten  aller  seiner 
Vorganger.  Aber  er  laBt  sich  durch  die  Fulle  der  einzelnen  Tatsachen,  mogen 
sie  innere  und  auBere  Politik,  Verwaltung  und  Justiz,  Kirche  und  Schule  be- 
treffen,  nicht  erdriicken.  Er  weiB  sie  kiinstlerisch  zu  einem  eindrucksvollen  Bild 
zu  formieren.  Er  erzahlt  mit  kraftvollem  Auftrag  der  Farben,  ohne  zu  ver- 
tuschen  und  zu  verschonern,  ehrlich  und  unbestochen.  Mitunter  meint  man, 
etwas  von  der  Schreibweise  des  alten  Schlosser  bei  ihm  zu  verspiiren.  Niemals 
aber  laBt  er  sich  dazu  hinreiBen,   die  Vergangenheit  mit  dem  MaBstab  der 


458  1919 

Gegenwart  zu  messen  oder  Licht  und  Schatten  mit  leidenschaftlicher  Partei- 
lichkeit  zu  verteilen. 

Anderweitige  Aufgaben,  die  er  wegen  seiner  beruflichen  Stellung  nicht  wohl 
abweisen  konnte,  unterbrachen  seine  ausschlieBliche  Beschaftigung  mit  dem 
groBen  vaterlandischen  Geschichtswerk.  Dahin  gehorte  die  »Geschichte  der 
Griindung  des  Eidgenossischen  Polytechnikums  mit  einer  Ubersicht  seiner  Ent- 
wicklung  1855 — 1905  «,  die  er  zur  Feier  des  fiinfzigjahrigen  Bestehens  der  An- 
stalt  im  Auftrag  des  schweizerischen  Schulrats  verfaBte.  Diese  Leistung  ist  urn 
so  hoher  zu  werten,  da  sie  in  sehr  kurzer  Zeit  und  unter  den  Nachwehen  einer 
schweren  Krankheit  zustande  kam.  Oe.s  Gesundheit  erlitt  unter  der  Last  seiner 
anstrengenden  Tatigkeit  manchen  StoB  und  der  Tod  seiner  treuen  Lebens- 
gefahrtin  traf  ihn  aufs  harteste.  Sein  letztes  Auftreten  vor  der  Offentlichkeit 
war  der  Festvortrag  bei  der  akademischen  Zwingli-Gedenkfeier  in  der  Peters- 
kirche:  »Zwingli  als  Stifter  unserer  Hochschule«  am  5.  Januar  1919.  Wenige 
Monate  spater  erlag  er  nach  einer  Rigifahrt  in  Weggis  einem  Schlaganfall. 

Literatur:  Wissenschaftlicher  Nachlafl  in  der  Zentralbibliothek  Zurich.  Nachrufe: 
Meyer  von  Knonau,  Neue  Ziircher  Zeitung  29.  April  1919,  Nr.  625;  Gagliardi,  Wissen 
und  L,eben,  Mai  191 9;  Theodor  Vetter,  Ziircher  Universitats-Jahresbericht  1920;  Nabholz, 
Neue  Schweizer  Zeitung  20. — 23.  Mai  1919,  Nr.  42,  43. 

Zurich.  Al  f  red  Stern. 


Romberg,  Friedrich,  Geh.  Regierungsrat,  Direktor  der  gewerblichen  L,ehr- 
anstalten  der  Stadt  Koln,  *  am  5.  Marz  1846  in  Duisburg,  f  am  29.  Juli  1919 
in  Bad  Bertrich.  —  R.  bezog  nach  der  iiblichen  allgemeinen  theoretischen  und 
praktischen  Vorbildung  im  Jahr  1865  die  Gewerbeakademie  in  Berlin,  durch- 
lief  dort  das  dreijahrige  Studium  der  Maschineningenieure  und  trat  nach  SchluB 
des  Studiums  in  die  Ingenieurpraxis  ein.  Diese  Beschaftigung  muBte  er  aber 
bald  wieder  aufgeben,  als  ihn  eine  sehr  ernste,  langandauernde  Krankheit 
erfaBte.  Auch  nach  seiner  Wiederherstellung  muBte  er  auf  Anraten  des  Arztes 
weiter  schwerer  praktischer  Tatigkeit  fernbleiben.  So  entschloB  er  sich  am 
1.  November  1870  eine  Stelle  als  Lehrer  an  der  stadtischen  Bauschule  in  Idstein 
i.  T.  anzunehmen,  an  welcher  eine  neue  Abteilung  fiir  Maschinenbauer  ein- 
gerichtet  worden  war.  In  dieser,  zunachst  mehr  als  Aushilfe  angenommenen 
Beschaftigung  erkannte  er  aber  immer  mehr,  daB  der  Lehrberuf  seinen  Neigun- 
gen  und  Veranlagungen  in  jeder  Beziehung  entsprach  und  so  blieb  er  dabei. 
Nach  fiinfjahriger  Tatigkeit  in  Idstein,  wo  er  auch  seine  Lebensgefahrtin 
gefunden  hatte,  ergab  sich  fiir  ihn  eine  Gelegenheit,  eine  Lehrstelle  an  der 
damaligen  staatlichen  Gewerbeschule  in  Koln  zu  ubernehmen,  wo  ihm  die  Facher 
Maschinenlehre,  mechanische  Technologie  usw.  iibertragen  wurden.  Dieser 
Tatigkeitswechsel  wurde  fiir  sein  ganzes  ferneres  Leben  entscheidend ;  er 
betrat  damit  den  Arbeitsplatz,  von  welchem  aus  er  seine  ganze  fernere  Lebens- 
tatigkeit  entwickelt  hat. 

Er  hatte  in  dieser  Stelle  die  Aufgabe  zu  losen,  die  ,,Nottebohmsche  Reorga- 
nisation «,  welche  den  Gewerbeschulen  Fachklassen  angliederte,  fiir  die  mecha- 
nisch-technische  Abteilung  durchzufuhren. 

Es  war  die  Zeit  der  Umgestaltung  der  Staatlichen  Gewerbeschulen,  an  welcher 
R.  sofort,  neben  seiner  eigentlichen  Lehrertatigkeit,  regsten  Anteil  nahm.  Nach 


Oechsli.  Romberg  459 

einem  Besuch  der  im  Mai  1878  in  Berlin  veranstalteten  Ausstellung  von  Zeich- 
nungen  der  Schiiler  preuBischer  Gewerbeschulen,  Fach-  und  Handwerker- 
fortbildungsschulen  hielt  er  im  Kolner  Gewerbeverein  und  Verein  selbstandiger 
Handwerker  einen  Vortrag  iiber  die  Organisation  der  mittleren  und  niederen 
gewerblichen  I,ehranstalten.  Dieser  Vortrag  hatte  zur  Folge,  daB  aus  dem 
SchoBe  der  Versammlung  ein  AusschuB  gewahlt  wurde,  welcher  die  Aufgabe 
erhielt,  die  Verf assung  zu  einer  stadtischen  gewerblichen  Lehranstalt  auszuar- 
beiten.  Wahrend  dessen  Tatigkeit  trat  auf  Veranlassung  des Ministers fur  Handel 
und  Gewerbe  in  Berlin  ein  anderer  AusschuB  zusammen,  welcher  die  Grund- 
satze  fur  eine  beabsichtigte  Umgestaltung  der  Koniglichen  Gewerbeschulen 
priifen  und  feststellen  sollte.  Diese  Umgestaltung  fand  aber  nicht  den  Beifall 
der  beteiligten  Kreise.  Als  das  Ergebnis  der  Berliner  Beratung  bekannt  wurde 
und  es  feststand,  daB  die  Stadt  Koln  die  Umwandlung  der  Gewerbeschule  mit 
Fachklassen  in  eine  neunklassige  Oberrealschule  ohne  solche  durchfuhren 
werde,  erhielt  die  Arbeit  des  Kolner  Ausschusses  verstarkte  Bedeutung.  Von 
alien  Seiten  wurde  geltend  gemacht,  daB  sich  bei  dem  Wegfall  der  Fachklassen 
Koln  nicht  mehr  mit  der  Errichtung  einer  weiterentwickelten  Handwerker- 
schule  begniigen  diirfe,  daB  es  vielmehr  notwendig  sei,  auBer  dieser  eine  Fach- 
schule  zu  errichten,  welche  in  erster  Linie  dem  Ortsbedurfnis  entspreche.  So 
entstand  mit  R.s  Fiihrung  die  Verf  assung  einer  technischen  gewerblichen  I^ehr- 
anstalt  fiir  Koln,  welche  der  Kolner  Gewerbeverein  sowohl  dem  Minister  fur 
Handel  und  Gewerbe  als  auch  den  Verwaltungen  groBerer  Stadte  PreuBens 
zugehen  lieB.  Diese  Verfassung  hatte  sich  sogleich  ein  weites  Ziel  gesetzt  und 
folgte  ziemlich  weit  der  Einrichtung  der  schon  langer  bestehenden  Koniglich 
Sachsischen  Staatslehranstalten  in  Chemnitz.  Die  Anstalt  sollte  aus  drei  Ab- 
teilungen  bestehen,  einer  hoheren  Gewerbeschule,  einer  Werkmeisterschule, 
einer  gewerblichen  Fortbildungsschule  und  in  diesen  Abteilungen  umfassen 
das  mechanisch-technische  Fach,  das  bautechnische  Fach  und  das  kunst- 
gewerbliche  Fach.  Der  Plan  der  Stadt  Koln  fand  in  Regierungskreisen  keinen 
Beifall,  und  als  bis  zum  Sommer  1879  auch  das  eingeschrankte  Vorhaben,  wo- 
bei  die  Einrichtung  der  ersten  Abtedung,  der  Hoheren  Gewerbeschule,  einst- 
weilen  zuriickgestellt  wurde,  keine  Billigung  fand,  entschloB  sich  die  Stadt 
Koln,  dieses  Vorhaben  als  rein  stadtische  Anstalt,  ohne  Staatshilfe,  zu  errichten. 
Unter  R.s  Leitung  trat  am  15.  Dezember  1879  die  gewerbliche  Fachschule  der 
Stadt  Koln,  als  erste  und  einzige  gewerbliche  Lehrstatte  der  Rheinprovinz,  ins 
Leben ;  bestehend  aus  der  mechanisch-technischen,  der  bautechnischen  und  der 
kunstgewerblichen  Abteilung.  Im  Sommer  1880  folgte  darauf  die  gewerbliche 
Fortbildungsschule.  Im  Jahre  1882  wurde  R.das  bis  dahin  im  Auftrag  gefiihrte 
Direktoriat  der  Anstalt  endgiiltig  iibertragen;  der  erste  und  Hauptabschnitt 
seines  Lebenswerkes  war  erfolgreich  erreicht. 

Schon  in  den  Jahren  dieser  Tatigkeit  begniigte  sich  R.s  Gedankenlauf  nicht 
mit  der  Pflege  irgendeiner  bestimmten  Unterrichtsgattung,  sondern  ging  dar- 
iiber  hinaus  auf  das  Gebiet  allgemeiner  Gewerbeforderung.  So  war  ihm  auch 
von  Anfang  an  das  Fortbildungsschulwesen  ans  Herz  gewachsen.  Aus  kleinen 
vorhandenen  Ansatzen  hat  er  es  weiterentwickelt  und  in  innigen  Zusammen- 
hang  mit  der  gewerblichen  Fachschule  gebracht.  Die  Fachlehrer  aller  drei 
Schulen  waren  verpflichtet  in  Sonntag-  und  Abendklassen  Unterricht  daran  zu 
erteilen ;  die  Schiiler  erhielten  ihren  Fachunterricht  im  Hause  dieser  Schule. 


460  1919 

Bereits  die  erste  Einrichtung  im  Jahre  1880  enthielt  schon  eine  vollstandige 
Trennung  in  Gesellen-  und  Lehrlingsschule.  1888  folgte  dieser  Einrichtung 
eine  zweite,  welche  den  durch  die  Stadterweiterung  geanderten  Verhaltnissen 
Rechnung  trug.  1899  erhielt  R.  den  Auftrag,  Vorschlage  fiir  die  Einfiihrung 
der  Fortbildungsschulpflicht  auszuarbeiten.  Die  Vorschlage  wurden  ange- 
nommen  und  die  Pflichtfortbildungsschule  im  Jahre  1903  eingerichtet.  Die 
Gesamtleitung  blieb  in  R.s  Hand. 

Bis  zum  Jahr  1895  blieben  die  gewerblichen  I,ehranstalten  der  Stadt  Koln 
rein  stadtisch;  dann  erhielten  sie  staatlichen  ZuschuB  und  gingen  damit  in 
halb  staatlich,  halb  stadtisch  verwaltete  Scfculen  iiber.  In  diesem  tjbergangs- 
zustand  blieben  sie  bis  1903.  Am  1.  April  dieses  Jahres  wurden  die  Maschinen- 
bauschulen,  welche  sich  seit  1890  bereits  in  eine  technische  Mittelschule  und 
eine  Werkmeisterschule  gliederten  und  die  Bauschule  verstaatlicht,  wahrend 
die  Kunstgewerbeschule  eine  stadtische  Anstalt  blieb.  Die  Gesamtleitung  der 
nun  getrennten  Schulen  blieb  in  R.s  Hand. 

In  der  Entwicklungszeit  der  allgemeinen  Gewerbeforderung  stand  R.  dau- 
ernd  der  Kolner  Gewerbeverein  zur  Seite.  Als  in  dessen  SchoB  im  Jahr  1902  der 
Gedanke,  Meisterkurse  fiir  Handwerker  einzurichten,  feste  Gestalt  annahm, 
fand  diese  Aufgabe  ihn  wohl  vorbereitet.  Es  wurden  im  September  1903  unter 
seiner  Leitung  Meisterkurse  fiir  Schneider,  Schuhmacher,  Schreiner  und 
Schlosser  eingerichtet  und  in  Verbindung  damit  Genossenschaftskurse  zur  Aus- 
bildung  von  Beamten  fiir  Kreditgenossenschaften,  Rohstoff-  und  Werkgenossen- 
schaften  ins  I,eben  gerufen.  Daran  schlofi  sich  sogleich  der  weitere  Wunsch, 
fiir  die  Meisterkurse  eine  Gewerbehalle  zu  schaffen;  eine  Statte,  an  welcher 
dem  Handwerk  dauernd  vor  Augen  gefiihrt  werden  konnte,  was  die  Industrie 
an  maschinellen  Hilfsmitteln  fiir  das  Handwerk  fortschreitend  schuf .  Nachdem 
im  Januar  1904  die  Stadtverordnetenversammlung  beschlossen  hatte,  fiir  die 
Meisterkurse  und  die  Gewerbehalle  einen  Neubau  zu  errichten,  wurde  R.  der 
Auftrag  zuteil,  in  einer  Denkschrift  die  Verfassung  einer  Gewerbeforderungs- 
anstalt  fiir  die  Rheinprovinz  zu  bearbeiten,  welche  neben  den  Meister-  und  Ge- 
nossenschaftskursen  eine  standige  Ausstellung  fiir  Handwerktechnik,  eine  Rat- 
und  Auskunftsstelle  und  eine  Versuchsanstalt  betreiben  sollte.  Der  Vorschlag 
fand  in  alien  Teilen  die  Genehmigung  des  Ministers  fiir  Handel  und  Gewerbe 
unter  Gewahrung  eines  bedeutenden  Zuschusses.  R.  bekam  die  Leitung  auch 
dieser  Anstalt  ubertragen;  1907  bezog  sie  ihr  Heim.  An  die  vorgenannten 
Meisterkurse  wurden  1907  zunachst,  in  Verbindung  rait  den  Maschinenbau- 
schulen,  solche  fiir  Installateur-  und  Gasmeister  angegliedert,  aus  welchen  in 
der  Folgezeit  eine  besondere  Schulabteilung  geworden  ist;  weiter  folgten  191 2 
solche  fiir  Galvanotechnik  und  Metallfarbung  und  fiir  Sattler  und  Buchbinder. 
In  dieser  weitgespannten  Tatigkeit  standen  seit  1901  R.  fiir  die  Maschinenbau- 
schulen,  die  Bauschule  und  die  Kunstgewerbeschule  besondere  Fachvorstande 
zur  Seite. 

Trotz  dieser  immer  weiter  greifenden  Tatigkeit  fand  R.  noch  Zeit,  sich  auch 
der  einschlaglichen  Vereinsarbeit  eingehend  zu  widmen.  Im  Verband  deutscher 
Gewerbeschulmanner  war  er  lange  Zeit  Vorstandsmitglied  und  von  1899  bis 
1906  als  Vorsitzender  eifrig  und  fiihrend  tatig,  und  dem  Verband  deutscher  Ge- 
werbe vereine,  zu  dessen  Griindung  1891  er  die  erste  Anregung  gegeben  hat,  ge- 
horte  er  als  zweiter  Vorsitzender  und  spater  als  Mitglied  des  Vorstandsrates  an. 


Romberg.  Schapcr  46 1 

Seit  1905  war  er  auBerordentliches  Mitglied  des  damals  bestehenden,  mit 
Kriegsende  aufgehobenen  Landesgewerbeamts,  und  dem  deutschen  AusschuB 
fiir  das  technische  Unterrichtswesen  gehorte  er  von  dessen  Griindung  an. 

Biicher  hat  R.  nicht  geschrieben ;  eine  derartige  Betatigung  seines  Lehramts- 
charakters  erschien  ihm  bei  seinen  weiter  gespannten  Gedanken  zu  nebensach- 
lich ;  wohl  aber  hat  er  in  zahlreichen  Denkschrif ten  zu  wichtigen  Fragen  des  ge- 
werblichen  Unterrichts  und  der  allgemeinen  Gewerbeforderung  stets  Stellung 
genommen  und  in  Vortragen  anregend  und  belehrend  zu  wirken  gesucht. 

Bis  zum  1.  April  1906  behielt  R.  die  Leitung  der  drei  Fachschulen,  der  Fort- 
bildungsschulen  und  der  Meisterkurse.  Zu  seiner  Entlastung  legte  er  an  diesem 
Tage  die  Leitung  der  Kunstgewerbeschule  und  der  gewerblichen  Fortbildungs- 
schulen  nieder.  Zur  weiteren  Entlastung  gab  er  dann  nach  Ubernahme  der 
Leitung  der  Ge  werbef  order  ungsanstalt,  um  sich  dieser  besonders  widmen  zu 
konnen,  am  1.  April  1908  auch  die  Leitung  der  Bauschule  und  der  ihr  1903 
angegliederten  Bauhandwerkerschule  auf.  Die  Leitung  der  Maschinenbau- 
schulen  behielt  er  noch  bis  1913  in  der  Hand;  von  da  an  gait  seine  Tatigkeit 
allein  noch  der  Gewerbeforderungsanstalt.  Mit  Kriegsbeginn  horte  naturgemaB 
deren  Tatigkeit  auf.  Es  ergab  sich  aber  bald,  da£  ihre  Einrichtung  ausgezeichnet 
fiir  die  Kriegsverletztenfiirsorge  zu  benutzen  sei.  So  wurde  auf  R.s  Vorschlag 
unter  seiner  Leitung  eine  Kriegsverletztenfiirsorgestelle  fiir  Handwerker  und 
Industriearbeiter  gebildet,  an  welcher  im  Umfang  der  Rheinprovinz  alien 
Kriegsverletzten,  deren  Beschaftigung  irgendwie  mit  den  an  dieser  Stelle  ver- 
einigten  Handwerken  in  Zusammenhang  gebracht  werden  konnte,  Rat,  Unter- 
weisung  und  Ausbildung  zur  Wiedererlangung  der  Erwerbsfahigkeit  zuteil 
wurde.  Fiir  diese  auJ3erordentlich  segensreich  wirkende  Tatigkeit  wurde  ihm 
zunachst  das  Kriegsverdienstkreuz  und  spater  das  Eiserne  Kreuz  am  weiBen 
Bande  verliehen. 

Mitten  in  dieser  umfangreichen  und  anstrengenden  Tatigkeit  trat  er  in  voller 
korperlicher  und  geistiger  Riistigkeit  im  Juli  1919  seinen  kurz  bemessenen 
Sommerurlaub  an,  um  ihn  mit  seiner  Gattin  im  Moselbad  Bertrich  zu  ver- 
leben.  Auf  der  Reise  dahin  faBte  ihn  vollig  unerwartet  der  Todeskeim  einer 
Lungenentziindung,  welcher  er,  kaum  dort  angekommen  am  29.  Juli  1919 
erlag. 

Mit  groBer  Begeisterung  setzte  R.  sein  Leben  lang  sein  ganzes  Wissen  und 
Konnen  ein  zur  Losung  der  vielen  offenen  Fragen  der  Erziehung  und  des  Unter- 
richts unserer  gewerblichen  Jugend.  Von  geselliger  Art,  voll  von  Liebens- 
wiirdigkeit  im  Freundeskreise,  ging  er  einem  frohlichen  Becherlupf  am  burgen- 
umsaumten  sagenreichen  Rhein  nie  aus  dem  Wege.  Davon  wissen  alle  die  zu 
erzahlen,  welche  sich  bei  Versammlungen  in  der  heiligen  Stadt  Koln  seiner 
Fiihrung  anvertrauten. 

Koln-Deutz.  Konstantin  Wille. 


Schaper,  Fritz,  Bildhauer,  Professor,  *  am  31.  Juli  1841  in  Alsleben  a.d.  S., 
Bezirk  Merseburg,  f  am  29.  November  19 19  in  Berlin.  —  Aus  einem  kinder- 
reichen  Pfarrhause  hervorgegangen,  verlor  er  fruhzeitig  beide  Eltern  und 
kam  auf  das  Land  zu  einem  Graf  en  Kielmansegg,  der  indes  schon  ein  Jahr 
spater  der  Erziehung  seiner  eigenen  Kinder  wegen  seinen  Wohnsitz  nach 


462  1919 

Halle  verlegte,  wo  der  Knabe  die  Realschule  bis  zu  seiner  Konfirmation 
besuchte.  Mit  15  Jahren —  1856 —  trat  er  bei  dem  dortigen  Steinmetz  Merckel 
in  die  Lehre,  wo  er  mit  dem  Meifiel  umzugehen  lernte;  der  wackere  Meister 
selbst  war  es,  der  den  jungen  Lehrling  ermutigte,  seinem  Drange  zur  Kunst 
zu  folgen.  So  ging  Sch.  1859  zu  seiner  weiteren  Ausbildung  nach  Berlin,  wo 
er  in  das  Atelier  von  Albert  Wolff  eintrat  und  gleichzeitig  zwei  Jahre  die  Aka- 
demie  besuchte,  urn  seine  anatomischen  Kenntnisse  zu  vertiefen  und  sich 
im  Zeichnen  nach  der  Antike  und  nach  der  Natur  zu  iiben.  Nach  mehrjahriger 
Tatigkeit  als  Gehilfe  in  Wolffs  Atelier  machte  er  sich  1864  m&  den  Mitteln 
seines  ihm  damals  zu  freier  Verfiigung  iiberlassenen  kleinen  elterlichen  Erb- 
teils  an  seine  erste  selbstandige  Arbeit,  fur  die  er  das  Bacchus-  und  Ariadne- 
Thema  in  einer  in  Lebensgrofle  ausgefiihrten  Gruppe  wahlte.  Aber  erst  1867  — 
in  dem  fur  Sch.  bedeutungsvollen  Jahr  der  Pariser  Weltausstellung,  die  er 
selbst  zu  besuchen  Gelegenheit  hatte  —  konnte  er  es  wagen,  sich  selbstandig 
zu  machen.  Seine  Beteiligung  an  dem  damals  ausgeschriebenen  Wettbewerb  um 
das  Uhland-Denkmal  fiir  Tubingen  hatte  den  Erfolg,  daB  ihm  einstimmig  der 
erste  Preis  zugesprochen  wurde;  nur  seine  Jugend  und  Unerfahrenheit  auf  prak- 
tischem  Gebiet  wanden  ihm  zugunsten  des  Gustav  Kietzschen  Modells  die 
Friichte  des  Sieges  aus  den  Handen:  nicht  Sch.s  sondern  Kietz'  Entwurf  wurde 
zur  Ausfuhrung  bestimmt.  Immerhin  hatte  dieser  Wettbewerbserfolg  eine 
Reihe  von  Auftragen  zur  Folge,  darunter  als  ersten  ein  Grabdenkmal  fiir  den 
Kommerzienrat  Bolze  und  seine  Gattin  auf  dem  Friedhof  in  Salzmiinde  bei 
Halle,  das  Sch.  als  architektonischen  Saulenaufbau  mit  figurlichem  Schmuck 
(zwei  Frauengestalten  als  Gebalktragerinnen)  und  dem  Medaillonbildnis  der 
Verstorbenen  gestaltete.  Gleichzeitig  f  iihrte  Sch.  eine  Sandsteingruppe :  Athene 
zwischen  zwei  Kriegern,  fiir  die  Fassade  des  Generalstabsgebaudes  in  Berlin 
aus,  kurz  darauf  das  Kriegerdenkmal  fiir  die  im  Feldzug  von  1866  gefallenen 
Sonne  der  Stadt  Halle ;  als  Bekronung  der  von  Hitzig  entworf enen  Architektur 
schuf  Sch.  eine  Borussia,  fiir  den  Schmuck  des  Sockels  zwei  1,6 wen.  Ein 
Modell  fiir  eine  Kolossalstatue  der  Germania,  die  auf  einem  Felsvorsprung 
iiber  der  Saale  zwischen  Halle  und  Giebichenstein  zur  Aufstellung  kommen 
sollte,  blieb  unausgefuhrt.  Weiter  sind  unter  seinen  Jugendarbeiten  hervor- 
zuheben  die  Statue  des  sich  im  Drachenblut  badenden  Siegfried,  die  an- 
mutige  Marmorstatue  eines  jungen  Madchens,  das  im  Begriff  ist,  ins  Bad  zu 
steigen  (»Die  Wasserprobe*),  und  das  Basrelief :  Die  drei  Grazien  als  Walte- 
rinnen  im  Hause. 

Aus  einer  siegreichen  Konkurrenz  ging  dasjenige  Werk  hervor,  das  Sch.s 
Namen  am  meisten  bekannt  gemacht  hat:  das  Goethe-Denkmal  im  Ber- 
liner Tiergarten  (1872/80),  in  dem  man  eine  Weiterbildung  des  Motivs 
der  Konigsberger  Kant-Statue  Rauchs  erkennen  kann,  und  dessen  vor- 
nehmer  klassizistischer  Charakter  seinen  Schopfer  deutlich  in  den  Bahnen 
der  Rauch-Schadow-Schule  wandelnd  zeigt.  Diese  stilistische  Einstellung 
Sch.s  wird  besonders  bemerkenswert,  wenn  man  sich  erinnert,  daB  in  die  Zeit 
dieser  ersten  Schaf  fens  jahre  Sch.s  der  glanzvolle  Aufstieg  des  Gestirns  des 
zehn  Jahre  alteren  Begas  fallt,  dem  damals  allgemein  gehuldigt  wurde  als 
dem  Erneuerer  der  deutschen  Bildhauerkunst,  der  den  Sieg  nicht  nur  iiber  die 
verzopfte  Antike,  sondern  auch  iiber  den  preuBisch  niichternen  Realismus 
erkampft  hatte.  Das  heroische  Pathos  und  die  groBe  Gebarde  des  Barock 


Schaper  463 

waren  Trumpf ,  und  es  war  fiir  den  jungen  Sch.  gewiB  keine  geringe  Versuchung, 
sich  dieser  Richtung  anzuschlieBen,  tun  zu  schnellem  Erfolge  zu  gelangen. 
Aber  die  ihm  durch  Wolff  vererbte  Rauchsche  Tradition  mit  ihrem  gesunden 
Wirklichkeitssinn  und  ihren  auf  schlichte  Sachlichkeit  gerichteten  Absichten 
war  zu  lebendig  in  ihm,  als  daB  ihm  diese  Versuchung  hatte  gefahrlich  werden 
konnen.  Auch  schiitzte  inn  das  kraftig  in  ihm  pulsierende  norddeutsche  Blut 
gegen  den  lockenden  Zauber  dieser  italienisierenden  und  im  letzten  Grunde 
doch  eben  undeutschen  Sprache  der  Begasschen  Muse.  Wenn  Sch.  denn 
spater  doch  einmal  die  weitausholende  oratorische  Geste  wiederzugeben  ver- 
sucht  hat,  wie  in  seinem  die  Rechte  zum  Segen  erhebenden  Christus  iiber  dem 
Portal  des  Berliner  Domes,  so  wirkt  er  nicht  iiberzeugend,  und  man  spurt  deut- 
lich,  daB  er  sich  in  diesen  Bezirken  der  gehobenen  Sprache  und  der  monumen- 
talen  Geste  nicht  recht  heimisch  fiihlt.  Wie  wahr  und  lebensvoll  wirkt  er  da- 
gegen  in  der  echt  biirgerlichen  Atmosphare,  wie  sie  etwa  seine  prachtige 
Portratstatue  Emil  Rittershaus  umweht.  Am  vollkommensten  ist  ihm  die 
Verbindung  von  Ideal  und  Wirklichkeit  in  seinem  Berliner  Goethe-Denkmal  ge- 
lungen,  das  darum  als  seine  Hauptleistung  angesprochen  werden  darf.  Viel 
wirksamer  als  Begas  in  seinem  Schiller-Denkmal  hat  Sch.  der  Gefahr  zu  be- 
gegnen  gewuBt,  daB  die  Sockelf iguren  —  es  handelt  sich  um  die  drei  sitzenden 
allegorischen  Gruppen  der  lyrischen  Dichtung,  der  dramatischen  Dichtung 
und  der  wissenschaftlichen  Forschung  —  die  imponierende  Wirkung  der 
Hauptfigur  nicht  abschwachen,  deren  edel  geformtes  Haupt  den  alten  Fontane 
in  seinem  reizenden  Gedicht  auf  die  Frage,  ob  ihm  denn  in  der  Welt  iiberhaupt 
noch  etwas  gefalle,  die  lustige  Pointe  eingab,  den  Sch.schen  Goethe-Kopf 
und  ein  Backfischkopfchen  mit  einem  Mozart-Kopf  zusammenzustellen.  Noch 
wahrend  der  Ausfuhrung  dieses  alle  Vorziige  der  Sch.schen  Kunst  in  sich 
vereinigenden  Werkes  entstanden  die  Landsknechtsfigur  des  Siegesbrunnens 
in  Halle  fiir  die  von  Hubert  Stier  geschaffene  Architektur  (1878)  und  die  Denk- 
maler  Bismarcks  in  Koln  (1879)  und  des  Mathematikers  GauB  in  Braunschweig 
(1880).  Seinem  Konkurrenzentwurf  fiir  ein  Luther-Denkmal  inEisleben  (1876) 
wurde  das  Projekt  Siemerings  zur  Ausfuhrung  vorgezogen.  In  den  achtziger 
Jahren  schuf  Sch.  das  Moltke-Denkmal  in  Koln  (1881),  die  Sitzstatue  Lessings 
fiir  Hamburg  (1881),  das  Denkmal  des  Generals  August  v.  Goeben  fiir  Ko- 
blenz (1884),  das  Luther-Denkmal  fiir  Erfurt  und  das  Denkmal  Alfred  Krupps 
in  Essen,  letztere  beide  1889  enthullt,  das  Denkmal  Justus  v.  Liebigs  fiir 
GieBen,  ferner  die  Kolossalfigur  der  Viktoria  fiir  die  Ruhmeshalle  des  Berliner 
Zeughauses  nebst  den  beiden  Begleitf iguren :  Treue  und  kriegerische  Begeiste- 
rung  (1885),  un(i  niehrere  Bildnisbiisten,  darunter  die  Biiste  des  Freiherrn 
vom  Stein  im  Berliner  Zeughaus,  und  Bildnismedaillons.  In  der  1889  aus- 
geschriebenen  Konkurrenz  um  ein  Kaiser-Wilhelm-Denkmal  in  Berlin  er- 
hielt  Sch.  einen  zweiten  Preis.  In  den  neunziger  Jahren  entstanden  die 
Bliicher-Statue  fiir  Caub  a.  Rh.  (1894),  das  Denkmal  der  in  einem  Sessel 
sitzend  dargestellten  Kaiserin  Augusta  auf  dem  Opernplatz  in  Berlin  (1895), 
die  Statue  des  GroBen  Kurfiirsten  fiir  den  WeiBen  Saal  des  Berliner  Schlosses, 
eine  Christusstatue  fiir  die  Apsis  der  Kaiser-Wilhelm-Gedachtniskirche  in 
Berlin,  die  Kolossalbiiste  Hoffmanns  v.  Fallersleben  auf  Helgoland,  die  Biiste 
des  Komponisten  Karl  Lowe  in  Kiel,  das  Standbild  des  GroBen  Kurfiirsten 
fiir  die  Berliner  Siegesallee  (Wiederholung  in  Bronze  im  Burggarten  auf  dem 


464  1919 

Sparrenberg  bei  Bielefeld),  das  Reiterstandbild  des  Grofiherzogs  Ludwig  IV. 
von  Hessen  fur  Darmstadt  (1898),  das  Bismarck-Denkmal  fur  Miinchen- 
Gladbach  (1899)  und  die  fast  funfeinhalb  Meter  hohe,  in  Kupfertreibarbeit 
ausgefuhrte  Christusstatue  iiber  dem  Hauptportal  des  Berliner  Domes  (1899). 
Von  nicht  ausgefuhrten  Wettbewerbsentwurfen  dieser  Jahre  sind  hervor- 
zuheben  das  mit  einem  zweiten  Preis  ausgezeichnete  Modell  fur  ein  Kaiser- 
Wilhelm-Denkmal  in  Breslau  (1890),  der  gemeinsam  mit  dem  Architekten 
Otto  Rieth  geschaffene  Entwurf  fiir  ein  Reiterstandbild  Kaiser  Wilhelms  I. 
am  Deutschen  Eck  in  Koblenz  (1892)  und  der  mit  einem  ersten  Preise  aus- 
gezeichnete Entwurf  fiir  ein  Bismarck-Denkmal  in  Berlin  (1895).  Dafl  dieser 
letzte  machtvolle  Vertreter  der  Rauchschen  Tradition  sich  auch  aufierhalb 
des  Portratgebietes  einem  frischen  naturalistischen  Zuge  nicht  verschlossen 
hat,  beweist  seine  lebensgroBe  kniende  Aktfigur  »Das  Erwachen«,  deren 
schoner,  innerlich  beseelter  Kopf  die  Pracht  des  uppig  entwickelten  Korpers 
kaum  zu  bandigen  vermag.  Die  weiche  Modellierung  des  jugendlich  straff  en 
Frauenkorpers  mit  seinem  komplizierten,  aber  dabei  doch  ganz  ungekiinstelten 
Bewegungsmotiv  ist  mit  feinstem  Gefuhl  durchgefiihrt.  Aber  der  Naturalis- 
mus  ist  fiir  Sch.  niemals  Selbstzweck  gewesen;  oberstes  Gesetz,  das  er  niemals 
verletzt  hat,  blieb  ihm  vielmehr  immer  der  Adel  der  Form.  Die  bedeutendsten 
Werke  aus  der  Spatzeit  des  aufierordentlich  fruchtbaren  Kiinstlers  sind  das 
Denkmal  des  Dichters  Emil  Rittershaus,  mit  dessen  Tochter  Sch.  vermahlt 
war,  in  Barmen  (1900),  das  Reiterdenkmal  Kaiser  Wilhelms  I.  in  Aachen 
(1901),  das  Denkmal  des  Liederkomponisten  Robert  Franz  an  der  alten  Pro- 
menade in  Halle,  das  Gustav-Freytag-Denkmal  in  Wiesbaden  (1905),  die 
Schleiermacher-Biiste  vor  der  Berliner  Dreifaltigkeitskirche,  das  Giebelrelief 
des  Berliner  Reichstagsgebaudes  und  die  Marmorbuste  Richard  Wagners  im 
Volksgarten  in  Venedig  (1908).  Fiir  seine  reizende  Gruppe  der  Konigin  Luise 
mit  dem  neugeborenen  Prinzen,  dem  spateren  Kaiser  Wilhelm  I.,  die  bei  der 
Hundertjahrfeier  des  alten  Kaisers  1897  das  Akademiegebaude  schmiickte, 
erhielt  Sch.  die  groBe  goldene  Medaille,  nachdem  ihm  schon  1884  der  Orden 
Pour  le  m£rite  verliehen  worden  war,  zu  dessen  Vizekanzler  er  1905  ernannt 
wurde.  Von  1875  —  dem  Jahr  der  Reorganisierung  des  Institutes  durch  Anton 
v.  Werner  (s.  DBJ.  1914 — 16,  S.  177  ff.)  —  bis  1890  leitete  Sch.  den  Aktsaal 
fiir  Bildhauer  an  der  Berliner  Akademie  der  Kiinste,  der  er  seit  1881  als  Senats- 
mitglied  angehorte.  Ferner  war  er  Ehrenmitglied  der  Akademien  Miinchen 
und  Dresden  und  des  Vereins  Berliner  Kiinstler  und  auBerordentliches  Mitglied 
der  Berliner  Akademie  des  Bauwesens.  Die  Bildnissammlung  der  Berliner 
Nationalgalerie  bewahrt  von  Sch.  die  Marmorbiisten  Friedrich  Althoffs  und 
des  Generals  A.  v.  Goeben,  die  Deutsche  Biicherei  in  Leipzig  eine  Marmor- 
biiste  des  Verlagsbuchhandlers  H.  H.  Reclam.  —  Unter  den  zahlreichen 
Schiilern  Sch.s  seien  hervorgehoben  Gerhard  Janensch,  Max  Kruse  und  Hein- 
rich  Weltring.  —  Ein  Bruder  Sch.s  war  der  bekannte,  1915  verstorbene  Berliner 
Hofgoldschmied  Hugo  Sch. 

Literatur:  O.  Baisch,  F.  Sch.,  ein  Kiinstlerleben,  Berlin  1883.  —  Ders.,  F.  Sch.,  ein 
Kiinstlerleben  der  Gegenwart,  in:  Westermanns  illustr.  deutsche  Monatshefte,  28.  Jahrg., 
55.  Bd.,  342/66,  mit  6  Abbild.  —  Das  geistige  Deutschland  am  Ende  des  19.  Jahrhun- 
derts,  Bd.  I,  I^eipzig-Berlin  1898.  —  Ad.  Rosenberg,  F.  Sch.s  Goethe-Denkmal  in  Berlin 
(Zeitschrift  f iir  bildende  Kunst,  XV  [1880]  290/92). —  Deutsche  Warte  (Berlin),  Nr.  177 
vom  30.  Juli  191 1.  (Zu  Sch.s  70.  Geburtstage,  mit  Bildnis.)  — Alex.  Heilmeyer,  Modernc 


Schaper.  Seidl  465 

Plastik  (Saminlung  illustr.  Monographien,  herausgeg.  von   Harms  v.  Zobeltitz,   Bd.  10), 
Bielefeld  und  Leipzig   1903  (mit  3  Abbildungen). 

Leipzig.  Hans   Vollmer. 

Seidl,  Emanuel  v.,  Architekt,  *  am  22.  August  1856  in  Miinchen,  |  am  24.  De- 
zember  1919  in  Miinchen.  —  Emanuel  v.  S.  gehort  zu  den  fiihrenden  Personlich- 
keiten  der  deutschen  Baumeistergeneration  des  letzten  Viertels  des  19.  Jahr- 
hunderts.  Er  ist  neben  seinem  acht  Jahre  alteren  Bruder  Gabriel  v.  S. 
einer  der  markantesten  Vertreter  der  Miinchener  Schule,  die  von  der  Wieder- 
aufnahme  der  Deutschrenaissance  in  den  siebziger  Jahren  ausgegangen  und  am 
Ende  des  Jahrhunderts  zur  Ausbildung  eines  reichen  malerischen  Barockstils 
gelangt  sind.  Daneben  ist  diese  Richtung  aber  bestimmt  worden  von  dem  Be- 
streben,  die  heimischen  Bauformen  der  Vergangenheit  besonders  auf  dem  Ge- 
biete  des  Landhauses  der  Gegenwart  nutzbar  zu  machen,  und  auch  auf  diesem 
Gebiete  ist  Emanuel  v.  S.  namentlich  in  seiner  Spatzeit,  im  ersten  Jahrzehnt 
des  20.  Jahrhunderts,  einer  der  fruchtbarsten  Meister  gewesen,  wie  eine  groBe 
Zahl  von  Landhausern  bezeugen. 

Emanuel  v.  S.,  geboren  in  Miinchen  als  Sohn  eines  Backermeisters  aus  einem 
alten  Bauerngeschlecht  von  GroB-Dingharting  bei  Wolfratshausen,  trat  nach 
Absolvierung  des  Realgymnasiums  und  des  Polytechnikums  in  Miinchen  zuerst 
bei  dem  Baubureau  der  Generaldirektion  der  Bayerischen  Verkehrsanstalten 
ein.  Alsbald  wandte  er  sich  aber  der  in  Miinchen  seit  der  Renaissanceausstellung 
von  1876  besonders  stark  bliihenden  Bewegung  der  Ausstattung  von  Innen- 
raumen  und  der  kunstgewerblichen  Arbeit  zu.  Fur  die  Kunstgewerbeausstel- 
lung  des  Jahres  1888  entwarf  Emanuel  v.  S.  den  Plan  der  Anlage  auf  dem 
Gelande  an  der  Isar,  wobei  sein  Entwurf  iiber  den  des  Friedrich  v.  Thiersch 
siegte.  Durch  diese  erste  groBe  Unternehmung  auf  dem  Gebiete  des  Ausstel- 
lungswesens  wurde  die  Begabung  Emanuel  v.  S.s  zur  wirkungsvollen  Anord- 
nung  von  Ausstellungsanlagen  und  zur  Leitung  festlicher  Veranstaltungen  ge- 
weckt.  Die  in  der  Tradition  der  Miinchener  Kunst  wurzelnde  ausgesprochene 
Fahigkeit  dekorativer  und  farbenfroher  Gestaltungsweise  hat  in  Emanuel  v.  S. 
in  den  nachsten  Jahrzehnten  die  glanzendste  Verkorperung  gefunden.  Eine 
ganze  Reihe  in  dieser  Bahn  liegender  Aufgaben  wurden  ihm  zuteil,  unter  denen 
hervorzuheben  sind  die  Ausstellungsraume  des  Deutschen  Reiches  auf  der 
7.  Intern ationalen  Kunstausstellung  in  Miinchen  1901,  die  Anordnung  der 
deutschen  Kunstausstellung  auf  der  Pariser  Weltausstellung  1908,  die  Mit- 
wirkung  an  der  deutschen  Abteilung  der  Weltausstellung  in  Briissel  1910  und 
am  Ausstellungspark  der  Theresienhohe  in  Miinchen,  wo  er  das  Hauptrestau- 
rant  schuf .  Von  den  groBen  Festen,  die  Emanuel  v.  S.  im  Sinne  der  reichen 
Miinchener  Tradition  auf  diesem  Felde  geleitet  hat,  sind  das  groBe  Kiinstlerfest 
in  SchleiBheim,  der  Festzug  des  deutschen  BundesschieBens  1906  und  die  Jahr- 
hundertfeier  in  Kehlheim  von  1913  sowie  die  Mitwirkung  an  der  Feier  der 
Staatsumwalzung  in  Miinchen  zu  nennen.  Der  starke  Zug  Emanuel  v.  S.s  zum 
Dekorativen  hat  auch  seine  bauliche  Tatigkeit  in  erster  Linie  auf  die  Innen- 
architektur  gelenkt.  Er  hat  zusammen  mit  seinem  Bruder  Gabriel  und  mit 
Rudolf  Seitz  eine  Zeitlang  ein  Architekturatelier  unterhalten,  bei  dem  er  haupt- 
sachlich  die  Innenausstattung  iibernahm.  Er  ist  auf  diesem  Gebiete  von  der 
malerischen  Auffassungsweise  im  Stile  der  Renaissance-  und  Barockrichtung 

DBJ  30 


466  19*9 

der  achtziger  Jahre  allmahlich  zu  einer  einfachen  und  klaren  Durchbildung  ge- 
kommen,  wie  er  denn  selbst  an  seinem  eigenen  Landhaus  dargetan  hat,  daB  er 
in  jiingeren  Jahren  im  alteren  Charakter  begann  und  spater,  als  gereifter  Mann, 
unter  den  Gesichtspunkten  der  fortgeschrittenen  Zeit  umgebaut  und  erweitert 
hat.  Aber  immer  hat  er  in  der  Einrichtung  eine  dekorative,  behaglich  burger- 
liche  Note  beibehalten. 

Anf  dem  Gebiete  der  monumentalen  AuBenarchitektur  steht  Emanuel  v.  S. 
hinter  seinem  Bruder  Gabriel  und  in  hoherem  MaJ3e  noch  hinter  dem  Miin- 
chener  Zeitgenossen  Friedrich  v.  Thiersch  (s.  DBJ.  1921,  S.  252 ff.)  erheblich 
zuriick,  wenn  man  den  MaBstab  strenger  Monumentalitat  anlegt.  Die  wich- 
tigsten  Schopfungen  dieser  Gattung  sind  das  AuBere  des  Theresiengymnasiums 
(1895 — 1897),  das  Augustinerbrau  an  der  NeuhauserstraBe  in  Miinchen  (1896 
bis  1897)  —  die  Aufgabe  der  Gestaltung  der  Miinchener  Brauhauser  im  volks- 
tiimlichen  heimischen  Barockcharakter  war  fur  die  Bruder  S.  in  besonderer 
Weise  geeignet  zur  Entf  altung  ihres  aus  der  Miinchener  bodenstandigen  Kultur 
hervorgegangenen  Konnens.  Weitere  Bauten  sind  die  Galerie  Heinemann  von 
1903,  mit  der  S.  bereits  neue  Bahnen  von  dem  Neubarock  zu  einem  schlichten 
Klassizismus  einschlug,  dann  das  Gebaude  der  Munchen-Aachener  Feuer- 
versicherung  am  Lenbachplatz  (1904 — 1905),  das  Haus  Pschorr  in  der  Mohl- 
straBe  in  Miinchen  (1907 — 1908),  der  Ausbau  des  Schlosses  in  Sigmaringen, 
Anlage  und  Bauten  des  Tiergartens  Hellabrunn  im  Isartal,  die  Marien-Ludwig- 
Ferdinand-Anstalt  in  Miinchen-Neuhausen,  sowie  das  Kurhaus  in  Bad  Kreuz- 
nach.  Emanuel  vollendete  das  von  seinem  Bruder  Gabriel  begonnene  Kurhaus 
Tolz  und  ebenso  nach  dessen  Tode  den  Bau  des  deutschen  Museums  in  Miinchen. 
Die  Personlichkeit  des  Kiinstlers  kommt  bezuglich  der  AuBengestaltung  starker 
zur  Geltung  in  der  Schaffung  von  Landhausern.  Neben  seinem  eigenen  Land- 
haus  in  Murnau  am  Staffelsee  verdienen  aus  der  groBen  Zahl  derartiger  Schop- 
fungen Hervorhebung  das  Haus  Knorr  in  Garmisch,  Haus  Stumm  in  Ramholz 
bei  Gmunden,  das  Jagdhaus  Skoda  bei  Wien  und  das  Haus  Oppenheim  in  Reh- 
nitz  in  der  Mark.  Namentlich  die  in  seinem  bayerischen  Heimatlande  errich- 
teten  Land-  und  Gutshauser  Emanuel  v.  S.s  zeichnen  sich  durch  feinfuhlige 
Zusammenstimmung  mit  der  Landschaft  aus.  In  den  Umrissen,  in  der  Dach- 
gestaltung  und  in  der  Behandlung  des  weiBen  Putzes  macht  sich  das  liebevolle 
Studium  der  heimatlichen  Bauuberlieferungen  geltend.  Es  kommt  das  beson- 
ders  den  einfachen  Aufgaben,  wie  Stallgebauden,  Gartnerhausern,  Remisen  und 
Jagdhausern  zugute,  die  sich  in  ihren  kraftigen  und  landlichen  Formen  den 
besten  Schopfungen  der  altbayerischen  Landbaukunst  an  die  Seite  stellen. 
Auch  um  die  Wiederbelebung  der  in  dieser  Gegend  fruher  geiibten  bunten 
Fassadenmalerei  hat  sich  Emanuel  v.  S.  erfolgreich  bemuht.  Im  Zusammenhang 
mit  dem  fein  entwickelten  Sinn  des  Kiinstlers  fur  die  richtige  Lage  des  Land- 
hauses  im  Terrain  und  zur  Sonne  steht  auch  sein  Geschick  fur  die  Gestaltung 
von  Garten  und  Park  im  Verhaltnis  mit  der  Architektur  und  der  Landschaft. 
Das  wird  am  besten  belegt  durch  den  Park  seines  eigenen  Landhauses  am 
Staffelsee,  der  in  zahlreichen  Ansichten  in  der  Publikation  des  Kiinstlers  iiber 
sein  Stadt-  und  Landhaus  abgebildet  ist.  Wesentliche  Verdienste  E.  v.  S.s 
liegen  endlich  auf  dem  Gebiete  der  Befruchtung  des  Miinchener  Kunsthand- 
werks  sowie  der  dekorativen  Stuckbildnerei. 

Wie  sein  Bruder  so  hat  Emanuel  den  bayerischen  Adel  erhalten,  war  Ritter 


Seidl.  Siemens  467 

einer  Reihe  holier  Orden  und  nahm  im  Munchener  kiinstlerischen  und  offent- 
lichen  Leben  eine  hochangesehene  Stellung  ein. 

Einer  abschlieBenden  Beurteilung  der  Leistungen  Emanuel  v.  S.s  stent  die 
Tatsache  entgegen,  daB  unsere  Generation,  namentlich  seit  dem  Weltkrieg,  auf 
dem  Gebiete  der  Architektur  eine  Bahn  eingeschlagen  hat,  die  in  vieler  Hin- 
sicht  zu  anderen  Zielen  strebt,  als  sie  Emanuel  v.  S.  und  seine  Zeitgenossen 
verfolgten.  Die  von  Renaissance-  und  Barockmotiven  durchsetzte  malerische 
Bauweise,  zu  deren  Vertretern  Emanuel  v.  S.  in  seinen  besten  Jahren  gehorte, 
steht  dem  Bestreben  unserer  Architektengeneration  nach  konstruktiver  Klar- 
heit,  tektonischer  Strenge,  Sachlichkeit  und  Schmucklosigkeit  in  derGrund- 
richtung  diametral  gegeniiber. 

Literatur:  Deutsche  Bauzeitung  1920,  S.  3  und  46.  —  Zentralblatt  der  Bauverwal- 
tung  1920,  S.  42.  —  Der  Baumeister  1905  und  1920.  —  Emanuel  v.  S.,  Mein  Land- 
haus,  Darmstadt  1910. 

Berlin.  Hermann  Schmitz. 


Siemens,  Wilhelm  v.,  Vorsitzender  des  Aufsichtsrates  der  Siemens  &  Halske 
A.-G.  und  der  Siemens-Schuckertwerke  G.m.b.H.,  *  am  30.  Juli  1855  in  Berlin, 
t  am  14.  Oktober  1919  in  Arosa.  —  Als  zweiter  Sohn  von  Werner  Siemens 
konnte  Wilhelm  seine  Kinder jahre  unter  den  giinstigsten  Verhaltnissen  ver- 
leben.  Das  elterliche  Haus  war  durch  die  groBen  Erfolge  des  Vaters  schon 
festgefiigt,  dieser  selbst  hatte  sich  in  wenigen  Jahren  ein  ungewohnliches  An- 
sehen  in  der  Fachwelt  des  In-  und  Auslandes  als  wissenschaftlicher  Techniker 
errungen.  Die  von  ihm  1847  begnindete  Firma  Siemens  &  Halske,  von  vorn- 
herein  auf  die  Pflege  auswartiger  Arbeitsgebiete  bedacht,  fiihrte  schon  in  der 
ersten  Halfte  der  fiinfziger  Jahre  groBe  Telegraphenanlagen  in  Rutland  aus, 
dann  gelang  es  auch,  in  England  festen  FuJ3  zu  fassen.  Die  verhaltnismaBig 
kleine  Zahl  von  Mechanikern  im  Berliner  Stammhause  gab  keinen  MaBstab  fiir 
die  tatsachliche  Bedeutung  der  Firma.  Werner  S.  betrachtete  die  fast  aus- 
schlieBlich  von  ihm  selbst  entworfenen  und  erprobten,  in  den  Berliner  Werk- 
statten  unter  Halske  mit  vollendetem  Geschick  ausgefuhrten  Gerate  nur  als  die 
sichere  Grundlage  fiir  ausgedehnte  Unternehmungen.  Die  auBerordentlich 
kritische  Auffassungsfahigkeit  von  Werner  S.,  sein  sprudelndes  Erfindungs- 
vermogen  und  sein  erstaunlicher  FleiB  vereinten  sich,  dem  schnellwachsen- 
den  Betriebe  die  zweckdienlichen  Ziele  zu  weisen  und  die  Faden  der  viel- 
seitigen  Geschafte  zu  halten.  Die  erhaltenen  7000  Brief e  zwischen  ihm  und 
seinen  Bnidern  geben  dariiber  Auskunft.  Seine  Zeit  war  dabei  naturgemafi 
auf  das  auBerste  ausgenutzt,  trotzdem  fiihrte  er  aber  mit  seiner  Gattin  Ma- 
thilde,  einer  Tochter  des  Universitatsprofessors  Drumann  in  Konigsberg,  und 
den  heranwachsenden  Kindern  ein  inniges  Familienleben.  Deshalb  beachtete 
er  auch,  wie  aus  seinen  Briefen  hervorgeht,  aufmerksam  das  Ergehen  und 
Treiben  der  Kinder,  ohne  sie  aber  durch  erzieherischen  Eifer  zu  bedriicken. 
Er  ist  immer  weise  zuriickhaltend  mit  Lehren  und  Zurechtweisungen  ge- 
wesen  und  hat  am  meisten  durch  sein  Beispiel  gewirkt.  Der  gluckliche 
Zustand  in  der  Familie  wurde  leider  bald  gestort.  Die  Mutter,  der  seelische 
und  geistige  Mittelpunkt  des  Hauses,  krankelte  in  zunehmendem  MaBe  und 
starb  schon  in  Wilhelms  zehntem  I^ebensjahre.  GewiB  hat  sich  dieser  haus- 


468  1919 

liche  Kummer  auch  stark  auf  Wilhelms  Gemtit  gelegt.  Die  Kinderbilder  von 
ihm  zeigen  iibereinstimmend  einen  ganz  anffallend  ernsten  Ausdruck. 

Im  Alter  von  zwolf  Jahren  kani  Wilhelm  auf  das  humanistische  Gymnasium. 
Auch  in  der  Schulzeit  hatten  die  Knaben  groBe  Freiheit,  ihrer  Eigenart  zu 
folgen.  Das  ist  aus  Wilhelms  Aufzeichnungen  in  den  spateren  Schul jahren 
leicht  erkenntlich.  In  die  Familie  zog  durch  die  Vermahlung  des  Vaters  mit 
Antonie  S.  im  Jahre  1869  wieder  eine  lichtere  Stimmung  ein.  Aber  Wilhelm 
selbst  wurde  von  haufigen  kleinen  gesundheitlichen  Storungen  infolge  seiner 
zarten  Lunge  heimgesucht,  die  einen  langeren  Wechsel  des  Aufenthaltsortes 
anrieten;  er  trat  im  Herbst  1872  in  die  Obersekunda  des  Lyzeums  in  StraB- 
burg  i.  E.  ein.  Dort  wohnte  er  in  der  Familie  des  Pastors  Kopp  und  begann 
sein  Tagebuch  zu  fuhren,  das  die  wertvollsten  Aufschliisse  iiber  seine  Gedanken- 
welt  gibt  und  mit  manchen  Lucken  fast  bis  zu  seinem  Lebensende  reicht.  Die 
Form  des  Tagebuches  hat  mit  den  Jahren  gewechselt.  Es  sollte  offenbar  von 
vornherein  kein  trockener  Bericht  iiber  auBerliche  Dinge  sein,  der  Verfasser 
wollte  aber  seine  Gedanken  und  Urteile  iiber  die  wesentlichsten  Vorkommnisse 
aufzeichnen,  sich  mit  diesen  auseinandersetzen,  den  Blattern  anvertrauen, 
was  er  sich  in  seinem  Zartsinn  scheute,  mit  anderen  zu  bereden.  In  der  Jugend- 
zeit  ist  natiirlich  das  eigene  Ich  des  Schreibers  der  wesentliche  Inhalt  der  Auf- 
zeichnungen, spater  treten  mehr  und  mehr  die  groBen  sachlichen  Gesichts- 
punkte  hervor. 

Gerade  die  Blatter  aus  den  ersten  Jahren  des  Tagebuches  sind  fur  einen 
noch  so  jungen  Menschen  ganz  ungewohnlich.  Mit  seinem  Pensionsvater  fuhrt 
der  Jiingling  religiose  Gesprache,  andererseits  findet  er  —  damals  noch  — 
Biichners  » Kraft  und  Stoff«  wertvoll  und  anziehend.  Dichtwerke  fesseln  ihn, 
Musik  ist  ihm  ein  Bedurfnis.  Neben  der  Schule  drangt  es  ihn,  schon  Vorlesungen 
an  der  Universitat  zu  horen.  Und  dabei  sieht  man  kein  eitles  Spiel  mit  den 
Dingen,  sondern  das  ernsthafte  Bemiihen,  sie  zu  begreifen.  Dieses  Schwei- 
fen  in  die  Weite  ist  fur  Wilhelm  kennzeichnend  geblieben,  es  bildet  ein  Bei- 
spiel  dafur,  daB  Vielerlei  bei  sonst  verstandigem  Tun  keineswegs  zu  Ober- 
flachlichkeit  fuhren  muB,  wie  die  landlaufige  Meinung  ist.  Es  bringt  vielmehr 
fruchtbare  Anregung,  wenn  es  an  festeren  Gefiigen  der  Gedankenwelt  Halt 
und  Stiitze  findet,  und  ist  sogar  bis  zu  hohem  Grade  f iir  den  geistig  Schaffen- 
den  unentbehrlich. 

Der  Aufenthalt  in  StraBburg  fand  schon  nach  einigen  Monaten  ein  friih- 
zeitiges  Ende,  da  dem  Vater  ein  Aufenthalt  Wilhelms  in  einem  noch  milderen 
Klima  angezeigt  erschien.  Er  sandte  ihn  im  Februar  1873  nach  Italien,  als 
alterer  Freund  begleitete  ihn  der  junge  Philologe  Erich  Schmidt,  der  spatere 
Literarhistoriker  in  Berlin.  Der  Vater  gab  seinem  siebzehnjahrigen  Sohne  un- 
beschrankten  Kredit  bei  italienischen  Banken  und  verlangte  nur  gute  Rech- 
nungsfuhrung.  Die  Reisenden  betrachteten  alles  Schone  aus  Natur,  Kunst 
und  Volksleben  mit  offenem  Sinne  ohne  Uberschwang.  Das  Tagebuch  Wil- 
helms gibt  dariiber  Auskunft. 

Nach  der  Riickkehr  im  Sommer  begann  sich  Wilhelm  in  Berlin  durch  Einzel- 
unterricht  auf  die  Reifepriifung  vorzubereiten,  wie  schon  beim  Abgange  von 
StraBburg  ins  Auge  gefaBt  worden  war.  Wieder  berichtet  das  Tagebuch  von 
einem  Vielerlei  in  den  Studien,  das  hier  aber  kaum  forderlich  war.  Das  viele 
Nebenbei  —  Wilhelm  horte  auch  wieder  vorgreifend  physikalische  Vorlesungen 


Siemens  469 

auf  der  Universitat  und  befafite  sich  noch  mit  Dichtkunst,  Politik,  Musik  usw. 
—  muBte  bei  dem  notwendigen  Zwange  fur  den  praktischen  Zweck  ungiinstig 
wirken.  Zwar  zeigt  sein  verschwiegenes  Tagebuch  am  Ende  dieser  Examen- 
zeit  schon  ein  kraftiges  Aufraffen,  aber  das  Ziel  wurde  doch  verfehlt,  und  der 
Vater  net  ihm,  zu  griindlicher  Ausspannung  jetzt  im  Fruhjahr  1875  fiir  das 
Sommersemester  nach  Heidelberg  zu  gehen.  Noch  vor  seiner  Ubersiedlung  nach 
dort  fand  zwischen  ihm,  dem  Vater  und  Onkel  Fritz,  einem  der  jiingeren  Briider 
Werners  und  Erfinder  des  Regenerativofens,  eine  Besprechung  statt  liber  die 
Berufswahl.  Hatte  der  Vater  auch  immer  seine  Sonne  als  Nachfolger  in  seinem 
Lebenswerke  gesehen,  so  legte  doch  Wilhelms  Art  voriibergehend  auch  die 
reine  Gelehrtenlaufbahn  nahe.  Hier  scheint  der  Rat  von  Onkel  Fritz  die  Losung 
gebracht  zu  haben;  Wilhelm  beschlofi,  die  wissenschaftliche  Seele  der  Firma 
zu  werden. 

In  Heidelberg  »saB  er  zu  FiiBen  beruhmter  Lehrer«,  Bunsen,  Quincke, 
Fuchs  und  anderen,  aber  die  iibernommene  Weisheit  wog  nicht  schwer  und 
sollte  es  ja  auch  nicht,  denn  unter  heiteren  Kameraden  wurde  der  zunachst 
wichtigere  Erfolg  der  Erholung  erreicht.  Ebenso  wirkte  das  soldatische  Dienst- 
jahr  in  Stuttgart,  das  Wilhelm  dem  Heidelberger  Semester  gleich  anschloB, 
trotz  mancher  Verdriefilichkeiten,  die  dem  beherzten  jungen  Reiter  wohl  der 
ungewohnte  Zwang  verursachten.  Nach  Beendigung  des  Dienstjahres  riet  ihm 
nunmehr  der  Vater  zum  Studium  an  der  Universitat  Leipzig,  deren  damaliger 
erster  Physiker  Wiedemann  ihm  als  der  beste  Lehrer  fiir  die  einzuschlagende 
Richtung  erschien,  doch  brachte  das  Leipziger  Semester  auBerlich  wenig  Ge- 
winn  fiir  Wilhelm.  Als  ausgesprochener  Eigenganger  nahm  er  an  vielem  reg- 
sten  Anteil,  aber  er  fragte  wenig  um  Rat  und  verfiel  dariiber  in  starke  Un- 
befriedigung.  Andererseits  nahm  er  aus  der  Zeit  doch  viele  fruchtbare  An- 
regungen  mit.  Bemerkenswert  ist  namentlich  die  lebhafte  Teilnahme  an  wirt- 
schaftlichen  und  sozialen  Fragen. 

Der  folgende  Sommer  war  hauptsachlich  mit  militarischen  Dienstleistungen 
ausgefullt.  Dann  ging  Wilhelm  an  die  Universitat  Berlin  iiber,  und  wahrend 
der  hier  verbrachten  fiinf  Semester  hat  sich  ganz  ersichtlich  eine  Sammlung 
und  Klarung  in  Wilhelms  Wesen  vollzogen.  Neben  mathematischen,  physi- 
kalischen  und  chemischen  Studien  beanspruchten  zwar  auch  Geschichte  und 
Politik,  Rechtskunde  und  Wirtschaftsleben,  Philosophic  und  Kunst  die  Zeit 
und  Kraft  des  WiBbegierigen.  Aber  mehr  und  mehr  schalt  sich  von  dem 
Kerne  los,  der  sich  im  Hinblicke  auf  das  Ziel  allmahlich  bildet,  bestehend  in 
Mathematik  und  Physik  neben  einigen  Nebenfachern.  Der  Hunger  nach 
Wissen  ist  Wilhelm  sein  I,ebtag  iiber  geblieben  und  hat  ihn  in  bestandigem 
Lernen  erhalten,  und  er  hat  dabei  immer  wieder  verstanden,  einzelne  Auf- 
gaben  griindlichst  zu  verfolgen. 

Wie  sein  Vater  hatte  Wilhelm  neben  dem  Drange  nach  Erkenntnis  einen 
ausgepragten  Sinn  fiir  die  Nutzanwendung,  diese  im  feineren  Sinne  verstan- 
den, und  das  Verlangen  nach  eigenem  Schaffen  veranlafite  ihn  wohl  haupt- 
sachlich, schon  mit  dem  Wintersemester  1879/80  seine  Studienzeit  abzu- 
schliefien  und  in  die  Firma  des  Vaters  iiberzutreten,  auch  ganz  in  dessem 
Sinne. 

Der  Eintritt  Wilhelms  in  die  Firma  Siemens  &  Halske  konnte  kaum  zu  einer 
geeigneteren  Zeit  erfolgen.   Seit  ihrer  Begriindung  1847  pflegte  die  Firma  in 


470  *9i9 

erster  Linie  den  Telegraphenbau,  ihre  groBte  Leistung  im  technisch-wissenschaf t- 
lichen  Sinne  wie  hinsichtlich  der  praktischen  Durchfuhrung  war  in  der  zweiten 
Halfte  der  sechziger  Jahre  der  Bau  der  Indo-Europaischen  Linie,  die  London 
unmittelbar  iiber  ioooo  Kilometer  mit  Kalkutta  verband.  An  dieser  groBen 
Arbeit  beteiligten  sich  neben  dem  Mutterhause  Berlin  gleichmaBig  die  Zweig- 
firmen  in  Petersburg  und  London.  Nach  dem  Austritt  von  Halske  1867  bil- 
deten  die  drei  Hauser  einGanzes  im  Besitze  der  Briider  Werner,  Wilhelm  und 
Karl.  Das  englische  Haus  befaBte  sich  vornehmlich  mit  der  Erzeugung  und 
Verlegung  von  Unterseekabeln.  Jetzt,  zur  Zeit  von  Wilhelms  Eintritt,  wurde 
zunachst  in  Berlin  ein  Umschwung  fuhlbar,  die  Herrschaft  des  Starkstromes 
begann.  Die  1866  von  Werner  Siemens  erfundene  Dynamomaschine  fand  ihre 
erste  Verwendung  als  Lichtmaschine.  Ihre  gebrauchsfertige  Durchbildung  mit 
Trommelanker  bei  noch  bescheidener  Leistung  erfolgte  in  den  siebziger  Jahren, 
die  Differentiallampe  von  1878  gab  die  Moglichkeit  unbeschrankter,  sicherer 
Anwendung  des  Bogenlichtes.  Das  sich  so  eroffnende  Anwendungsgebiet  er- 
f uhr  noch  eine  bedeutsame  Erweiterung  durch  die  von  Edison  zuerst  in  brauch- 
bare  Form  gebrachte  Gluhlampe.  Dazu  hatte  im  Sommer  1879  Werner  Siemens 
Beispiele  zur  Kraftubertragung  gezeigt,  unter  anderen  eine  elektrische  Per- 
sonenbahn.  Sonderbar  genug  brachte  aber  jetzt  gerade  das  Telephon  auch 
eine  in  ihrem  Werte  noch  gar  nicht  abzuschatzende  Bereicherung  des  Fern- 
meldewesens.   In  diesem   Knotenpunkte  vielverzweigter  Entwicklung  stand 
die  Firma  Siemens  &  Halske  vor  einer  Reihe  von  neuen  Aufgaben. 

Bei  seinem  Eintritt  in  die  Firma  hatte  Wilhelm  manche  erklarliche  Schwie- 
rigkeiten  in  seinem  Verhaltnisse  zu  den  leitenden  Beamten  des  Hauses  zu  iiber- 
winden,  wie  immer  in  solchen  Fallen.  Noch  ein  anderer  Umstand  wirkte  er- 
schwerend.  Der  Werkstattbetrieb  der  Firma  muflte  sich  nun  auch  auf  den 
Maschinenbau  einstellen.  Wilhelm  hatte  sich  in  seiner  Vorbildung  fast  ganz 
der  Physik  gewidmet,  er  brachte  also  auch  noch  keine  zutreffenden  Vorstel- 
lungen  iiber  die  vom  Starkstrome  geforderten  Notwendigkeiten  mit.  Anderer- 
seits  war  der  altere  Bruder  Arnold,  der  in  der  Ausbildung  gleich  mehr  die 
technische  Richtung  eingeschlagen  hatte,  als  Leiter  einer  neuen  Zweignieder- 
lassung  in  Wien.  So  fielen  Wilhelm  in  dem  eben  angebrochenen  Jahrzehnt  die 
Aufgaben  zu,  sich  selbst  in  den  Lauf  der  Dinge  einzufiihlen  und  allmahlich 
auf  Grund  der  Erfahrung  dem  Betriebe  die  Richtung  zu  geben.  Er  hat  dabei 
vollkommenen  Erfolg  gehabt,  weil  er  nicht  darauf  ausging,  allgemein  ein 
»Organisator«  zu  sein,  sondern  infolge  der  Pflege,  die  er  einzelnen  Zweigen 
unter  Beachtung  der  Moglichkeiten  und  unter  Riicksicht  aut  das  Ganze  zuteil 
werden  lieB.  Er  gab  sich  ganz  seiner  klar  erkannten  Pflicht  hin  und  legte  sich 
vielfach  Entsagung  auf,  wenn  er  zugunsten  der  geschaftlichen  Leitung  seine 
nie  schlummernde  Neigung  zum  rein  personlichen  Schaffen  zuriickstellte. 
Diesem  Verfahren  ist  er  immer  treu  geblieben  und  konnte  beiden  Zielen  urn 
so  mehr  geniigen,  wie  er  im  Laufe  der  Jahre  sich  geschickte  und  zuverlassige 
Mitarbeiter  heranzuziehen  verstand. 

Seinen  Blick  fur  das  zunachst  Notwendige  bekundete  Wilhelm  durch  die 
Arbeit  an  der  Gluhlampe,  die  er  bald  nach  seinem  Eintritt  begann.  Zur  Freude 
seines  Vaters  konnte  er  schon  1883  in  einem  offentlichen  Vortrage  den  Fach- 
leuten  Kunde  von  den  Ergebnissen  seiner  Arbeit  geben,  dem  er  in  den  nach- 
sten  Jahren  zwei  weitere  folgen  Heft.  Auf  Grund  dieser  Bemtihungen  entstand 


Siemens 


471 


bei  der  Firma  um  Mitte  der  achtziger  Jahre  die  erste  Gliihlampenfabrik 
Deutschlands.  Bemerkenswert  war  in  dem  ersten  Vortrage  auch  der  Vorschlag, 
zur  Erzielung  zweckmaBiger  Spannungen  fiir  Leitung  und  Lampe  bei  Wechsel- 
strom  » Induktionsapparate  «  zu  verwenden,  die  einige  Jahre  spater  von  anderer 
Seite  unter  der  Bezeichnung  »Transformatoren«  in  offentlichen  Gebrauch 
kamen.  —  Ein  weiterer  junger  Zweig,  dessen  Pflege  Wilhelm  aus  eigenem 
Antriebe  ubernahm,  war  das  Patentwesen.  Der  Vater  konnte  bald  in  einem 
Briefe  an  seinen  Bnider  Karl  berichten,  daB  Wilhelm  in  der  Firma  der  beste 
Kenner  des  Patentwesens  geworden  sei.  Als  recht  bezeichnend  fiir  das  erfinde- 
rische  Konnen  des  jungen  Technikers  ist  aus  dieser  Zeit  auch  das  spater  viel- 
gebrauchte  Dreileitersystem  bei  Zentralen  zu  nennen,  das  er  selbstandig  er- 
fand,  das  aber  leider  infolge  Saumseligkeit  der  zustandigen  Geschaftsstelle  zu 
spat  zum  Patent  angemeldet  wurde,  so  daB  der  Englander  Hopkinson  die 
Vorhand  bekam.  An  manchen  anderen  wichtigen  Zweigen  konnte  Wilhelm 
in  dieser  Zeit  nur  beobachtend  teilnehmen,  so  an  dem  Bau  der  Stromerzeuger 
und  Elektromotoren.  Dagegen  erkannte  er  fruhzeitig  den  Wert  des  Trans- 
formators  fiir  das  Bahnwesen  und  entwarf  entsprechende  Einrichtungen. 

GleichmaBig  wie  den  eigentlich  technischen  Arbeiten  gait  schon  damals 
Wilhelms  Aufmerksamkeit  auch  den  wirtschaftlichen  Vorgangen.  Seine  Ein- 
sicht  auf  diesem  Gebiete  wurde  bald  in  Anspruch  genommen  in  der  Durch- 
fuhsung  des  Abkommens  von  Siemens  &  Halske  mit  der  Deutschen  Edison- 
Gesellschaft,  der  spateren  Allgemeinen  Elektrizitats-Gesellschaft.  Werner 
Siemens  beabsichtigte  beim  Bau  der  in  immer  nahere  Aussicht  riickenden 
groBen  Zentralen  seine  Firma  nur  mit  Entwurf  und  verantwortlicher  Aus- 
fiihrung  zu  beteiligen,  wahrend  die  Beschaffung  der  Mittel  und  der  ganzen 
Bewirtschaftung  der  Anlagen  Sache  von  Unternehmern  sein  sollte.  Diese  Rolle 
wollte  die  Deutsche  Edison-Gesellschaft  unter  Emil  Rathenau  (s.  DBJ.  1914 
bis  19 16,  S.  158  ff.)  iibernehmen.  Unter  der  Wirkung  dieses  Vert  rages  wurden 
die  ersten  Zentralen  in  Berlin  und  Madrid  gebaut.  Der  Vertrag  selbst  abcr 
fiihrte  zu  vielen  Unstimmigkeiten,  seine  Lasten  hatte  hauptsachlich  Wilhelm 
zu  tragen,  der  auch  die  Umanderung  von  1887  und  spater  die  vollstandige 
Auflosung  bearbeitete. 

Fiir  Siemens  &  Halske  tragen  die  achtziger  Jahre  das  Kennzeichen  der  Vor- 
bereitung  fiir  die  kommende  schnelle  Entwicklung  des  Starkstromes.  Fiir  alle 
voraussichtlich  notwendigen  Maschinen  und  Gerate  wurden  zuverlassige  For- 
men  entwickelt,  die  Werkstatten  in  Berlin  durch  Einrichtung  des  Charlotten- 
burger  Werkes  auf  ein  Mehrfaches  vergroBert.  Die  Kopfzahl  der  Werksangeho- 
rigen  in  Berlin  stieg  von  rund  600  im  Jahre  1880  auf  3000.  Ein  groBer  Teil 
der  Fortschritte  war  der  personlichen  Mitarbeit  von  Wilhelm  zu  verdanken, 
die  geschaftliche  Leitung  kam  in  steigendem  MaBe  in  seine  Hand,  schon  seit 
1884  war  er  Mitinhaber  der  Firma,  der  Vater  sah  seinen  Wunsch  in  Erfiillung 
gehen,  durch  seine  Sonne  ersetzt  zu  werden.  Er  schied  1890  aus  der  Leitung 
der  Firma,  die  von  seinem  Bruder  Karl  und  seinen  Sohnen  Arnold  und  Wil- 
helm ubernommen  wurde.  Leider  starb  Werner  S.  schon  zwei  Jahre  spater 
{1892),  seine  Nachfolger  muBten  seitdem  ohne  seinen  Rat  bestehen.  Dieses 
Fehlen  des  friiheren  Hauptes  war  um  so  empfindlicher,  als  die  auslandischen 
Zweigfirmen,  einschlieBlich  einer  Neugriindung  in  Nordamerika,  besondere 
Aufmerksamkeit  erforderten.  Wilhelm  trug  jetzt  nach  der  neuen  Gestaltung 


472  1919 

der  Dinge  die  Hauptlast  der  Leitung.  Der  in  Deutschland  bis  1890  trotz  aller 
Bemiihungen  von  Siemens  &  Halske  zuriickgebliebene  Bau  von  elektrischen 
StraBenbahnen  setzte  nun  ebenso  kraftig  ein,  wie  die  Entwicklung  der  Zentra- 
len.  Wilhelm  gab  weiterschauend  durch  Versuche  mit  dem  eben  entstandenen 
Drehstrom  zum  Antriebe  von  Bahnwagen  neue  Anregungen,  die  um  die  Jahr- 
hundertwende  zu  den  beriihrnten  Schnellbahnfahrten  bei  Zossen  fuhrten.  Er 
setzte  dabei  mit  vollem  Erfolge  durch,  dem  Triebwagen  unmittelbar  Hoch- 
spannung  zuzufuhren.  Auch  die  von  Werner  S.  schon  1880  verfolgten  Plane 
zu  einer  Hochbahn  in  Berlin  bekamen  in  erweiterter  Form  seit  1897  endlich 
Gestalt.  Bei  diesen  und  anderen  technischen  Entwicklungen,  die  von  hervor- 
ragenden  Fachleuten  durchgefuhrt  wurden,  best  and  Wilhelms  Teilnahme  im 
wesentlichen  in  der  allgemeinen  Fiihrung,  wenn  er  auch  gelegentlich  eigene 
Ideen  zur  Geltung  brachte.  Daneben  liefen  aber  langwierige  Arbeiten,  in  denen 
geschlossene  Aufgaben  nach  Wilhelms  Angaben  und  unter  seiner  steten  Mit- 
arbeit  im  einzelnen  durchgefuhrt  wurden.  Dahin  gehorte  die  neue  Ausgestal- 
tung  der  Gleichstrommaschine,  die  zu  der  heute  allgemein  iiblichen  Form 
leitete.  Auf  seinem  ersten  Betatigungsgebiete,  der  Gliihlampe,  war  seinen 
Muhen  ein  noch  greifbarerer  Erfolg  beschieden.  Nach  mehrjahrigen,  trotz  aller 
Fehlschlage  durchgehaltenen  Versuchen  konnten  Siemens  &  Halske  die  bahn- 
brechende  Neuerung,  die  Gliihlampe  mit  gezogenem  Metalldraht,  die  Tantal- 
lampe,  an  die  Offentlichkeit  bringen.  Unmittelbar  in  die  Spuren  des  Vaters 
war  Wilhelm  mit  seinem  Schnelltelegraphen  getreten,  der  in  der  ersten  fer- 
tigen  Form  1903  gezeigt  wurde.  Er  hat  nach  weiterer  Vervollkommnung 
wahrend  des  Krieges  unschatzbare  Dienste  geleistet.  —  Diesen  technischen 
Arbeiten  im  engeren  Sinne  liefen  parallel  die  vielgestaltigen  Verwaltungsfragen, 
die  mit  der  Ausdehnung  der  Firma  immer  umfangreicher  wurden.  Es  waren 
neue  groBere  Arbeitsstatten  zu  schaffen,  es  begann  das  allmahliche  Verlegen 
der  Berliner  Werke  nach  Siemensstadt.  Die  englische  Zweigniederlassung  er- 
hielt  nach  langerer  Zeit  der  Entfremdung,  die  sich  nach  dem  Tode  von  Wil- 
liam Siemens  1883  ausbildete,  wieder  naheren  AnschluB  an  das  Stammhaus; 
an  ihrer  Spitze  wirkte  langere  Zeit  der  jiingste  von  Werners  Sohnen,  Karl 
Friedrich.  Auch  das  Stammwerk,  das  Wernerwerk,  bekam  mit  hervorragend 
tiichtigen  Leistungen  feste  Ziele  fur  erfolgreiche  Betatigung  gesetzt,  wie  sie 
namentlich  das  aufstrebende  Telephonwesen  verlangte,  die  zu  glanzendem 
Aufstiege  des  Werkes  fuhrten.  Die  ganze  Zeit  drangte  auf  schnelle,  oft  fieber- 
hafte  Entwicklung  unter  teilweise  neuen  wirtschaftlichen  Formen,  denen  das 
auf  die  f  ruheren  Gebrauche  zugeschnittene  Finanzwesen  von  Siemens  &  Halske 
nicht  leicht  zu  folgen  vermochte.  GroBere  finanzielle  Beweglichkeit  und  auch 
leichtere  Behandlung  der  Besitztitel  angesichts  der  durch  Erbteilung  sich 
mehrenden  Kommanditisten  waren  so  dringend,  daB  man  die  Firma  1897  in 
eine  Aktiengesellschaft  umzuwandeln  beschloB,  deren  wesentliche  Formen 
Wilhelm  festlegte.  Da  die  Familie  den  weitaus  groBten  Teil  der  Aktien  behielt 
und  eines  ihrer  Mitglieder  immer  den  Vorsitz  im  Aufsichtsrate  hatte,  blieb 
fur  den  inneren  Dienst  die  Umwandlung  gar  nicht  fiihlbar.  —  Eine  viel  groBere 
Umstellung  nach  Wilhelms  eigensten  Planen  war  die  1903  erfolgte  Bildung 
der  Siemens-Schuckert- Werke.  Es  war  nach  dem  hastigen  Auftriebe  des  Stark- 
stromes  gegen  Ende  der  neunziger  Jahre  ein  auch  wieder  nervos  iibertriebenes 
Abflauen  erfolgt,  schwachere  geschaftliche  Gebilde  waren  erlegen,  und  unter 


Siemens  473 

den  gesunden  herrschte  vielfach  das  Bediirfnis  nach  Verstandigung.  In  dieser 
Stimmung  vereinigten  die  beiden  in  ihren  Grundlagen  verwandten  Firmen 
Siemens  &  Halske  und  E.  A.  vormals  Schuckert  &  Co.  in  Nurnberg  ihre  Stark- 
strombetriebe  zu  der  Form  einer  G.  m.  b.  H.  Der  groBe  Erfolg  dieser  MaB- 
nahme  bildet  das  sichtbarste  Kennzeichen  von  Wilhelms  wirtschaftlicher  Ein- 
sicht  und  seiner  Kunst,  scheinbar  auseinanderstrebende  Glieder  zu  gemein- 
samem  Handeln  anzuspannen. 

Nach  einem  besonders  arbeitsreichen   Jahre,   wie  die  Durchfuhrung  der 
Vereinigung  erforderte,  durfte  nun  Wilhelm  v.  S.  eine  erhebliche  Entlastung 
von  friiheren  starken  Sorgen  empfinden.  Mit  Genugtuung  sah  er  auf  die  ge- 
festigte  wirtschaftliche  Lage  der  Siemens-Firmen.  Sie  hatten  auch  den  voriiber- 
gehenden  Abfall  gut  iiberstanden  und  waren  wieder  im  lebhaften  Aufschwunge 
begriffen.  Die  Kopfzahl  der  deutschen  und  osterreichischen  Werke  erreichte 
jetzt  fast  20000,  sie  ist  in  den  folgenden  zehn  Jahren  bis  zum  Kriege  auf  das 
Dreifache  gestiegen.  Wilhelms  Fiihrung  hatte  sich  in  jeder  Hinsicht  bewahrt. 
Im  Alter  von  funfzig  Jahren  sah  er  sich  an  der  Spitze  des  von  ihm  machtvoll 
geforderten   und  gesicherten   Unternehmens  seines  Vaters.   Im  gliicklichen 
Familienkreise  —  er  war  seit  1882  mit  Eleonore  Siemens  aus  Piontken  ver- 
heiratet  — ,  durch  eigenes  Verdienst  einer  der  angesehensten  Wirtschafts- 
fiihrer  und  Techniker  geworden,  hatte  er  nach  der  iiblichen  Vorstellung  den 
Wunsch  nach  behaglicher  Ruhe  empfinden  miissen.  Ahnlich  wie  auch  sonst 
bei  selbstandigen  Geistesarbeitern  trat  aber  auch  bei  Wilhelm  das  Gegenteil 
von  Ruhebediirfnis  ein.  Mit  den  Erfolgen  schien  nur  seine  Schaffenslust  zu 
wachsen.  Er  durfte  nach  den  Erfahrungen  von  zwei  Jahrzehnten  seiner  Ge- 
schicklichkeit  vertrauen  und  auf  den  eingeschlagenen  Wegen  verbleiben.  Die 
Grundlage  fur  die  wirtschaftliche  Entfaltung  war  ihm  sicher  immer  der  tech- 
nische  Fortschritt,  der  wieder  sich  auf  die  wissenschaftlichen  Errungenschaften 
stiitzte.  Deshalb  sorgte  Wilhelm  ausgiebig  fur  die  Forschertatigkeit  im  Kon- 
zern.  Auf  der  anderen  Seite  verfolgte  er  aufmerksam  den  Aufbau  der  Erzeu- 
gung  und  die  kaufmannische  Gliederung.   Fest  iiberzeugt  war  er  von  der 
Notwendigkeit  des  Zusammengehens  der  GroBbetriebe  und  der  Landesvertei- 
digung.  So  ging  er  1907  nach  schnellem  Entschlusse  auf  den  Wunsch  des 
Generalstabchefs  ein,  mit  einem  durch  die  Siemens- Werke  zu  erbauenden 
Luftschiffe  einen  schnelleren  Fortgang  der  Luftschiffahrt  in  Deutschland  zu 
erreichen.  Im  Zusammenhange  damit  stand  die  Errichtung  einer  drehbaren 
Luftschiffhalle  auf  dem  S.schen  Gute  Biesdorf,  die  wahrend  des  Krieges  von 
groBem  Nutzen  wurde.  Auch  fur  den  Bau  von  Flugzeugen  wurden  in  der  Zeit 
die  ersten  Versuche  vorgenommen.  Von  Wilhelms  eigenen  damaligen  Arbeiten 
ist  besonders  das  Lenkboot  bemerkenswert,  ein  unbemannter,  mit  Sprengstoff 
geladener  Schiffskorper,  der  vom  Lande  aus  elektrisch  gesteuert  wurde.  Damit 
nahm  er  fruhere  Versuche  seines  Vaters  wieder  auf,  die  in  der  Zwischenzeit 
auch  von  anderen  betrieben  waren.  Wenn  somit  die  Grundlage  nicht  neu 
war,  so  wurde  doch  nach  langen  Miihen  mit  dunnem  Kabel  eine  Reichweite 
erzielt,  die  nur  durch  die  Tatsachen  glaubhaft  wurde.  Die  groBe  geistige  Be- 
weglichkeit  des  Urhebers  beim  Planen  zeigte  sich  hier  wieder  verbunden  mit 
der  ungewohnlichen  Zahigkeit  im  Durchfuhren. 

Bei  diesen  Arbeiten,  auch  wo  sie  ganz  nach  seinen  Ideen  durchgefiihrt  wur- 
den, sah  sich  Wilhelm  naturgemaB  auf  Mitarbeiter  angewiesen.  Das  muBte  er 


474  wo 

haufig  als  Beengung  empfinden,  und  es  macht  fast  den  Eindruck,  daB  er  sich 
seiner  schriftstellerischen  Tatigkeit  in  immer  steigendem  Mafle  gerade  deshalb 
zugewendet  habe,  weil  er  hier  ganz  personlich  und  ohne  Mittun  schaff en  konnte. 
Sicher  sind  daneben  sein  in  das  offentliche  Leben  eindringender  Blick  und  der 
Wunsch  Triebfedern  gewesen,  sich  iiber  wichtige  Punkte  mit  weiten  Kreisen 
zu  verstandigen.  Die  erste  Schrift  dieser  Reihe  aus  dem  Jahre  1907  erorterte 
in  klarer  und  leidenschaftsloser  Weise  das  damals  vielbehandelte  Recht  der 
Angestellten  an  ihren  Erfindungen.  Bald  hinterher  folgte  eine  Schrift  iiber  das 
Steuerwesen,  was  ihn  von  da  an  bis  zu  seinem  Ende  beschaftigt  hat.  Nach 
mehreren  kurzeren  Aufsatzen  iiber  Forschungsinstitute  und  ihre  Grundlagen 
schloB  ein  Uberblick  iiber  die  Ergebnisse  der  elektrischen  Energieversorgung 
diese  Arbeiten  vorlaufig  ab.  Der  Krieg  gab  dagegen  dem  unermiidlichen 
Manne  wieder  vermehrten  Anlai3,  zu  den  Landsleuten  iiber  kriegstechnische 
und  kriegsrechtliche  Dinge  zu  sprechen.  Nicht  weniger  als  sieben  langere  Ar- 
beiten entstanden  in  den  Kriegsjahren.  Damit  war  aber  die  fleiBige  Feder 
noch  nicht  befriedigt.  In  diesem  Zusammenhange  muB  auf  die  zahlreichen 
hinterlassenen  langeren  und  kurzeren  Blatter  hinge wiesen  werden,  auf  denen 
Wilhelm  noch  ungeordnet  seine  Gedanken  iiber  soziale  und  namentlich  steuer- 
technische  Fragen  niederschrieb.  Als  seinen  allgemeinen  Leitgedanken  darf 
man  dabei  den  Wunsch  bezeichnen,  an  Stelle  zufalliger  und  auBerlicher  Ent- 
scheidung  bei  der  Wahl  der  Steuerquellen  den  Einblick  in  die  organischen 
Zusammenhange  wirksam  zu  machen.  —  Als  besonders  kennzeichnend  fur 
Wilhelms  Eigenart  sei  hier  endlich  noch  sein  » Kriegstagebuch «  erwahnt, 
in  dem  er  vom  ersten  Tage  an  bis  zuletzt  die  Kriegsereignisse  schildert, 
teil weise  unter  kritischen  Betrachtungen.  Von  dem  Entstehen  der  elf 
dicken  Bande  hat  niemand  von  seinen  Angehorigen  und  Angestellten  etwas 
gewuBt. 

Die  Kriegsjahre  in  ihrer  ganzen  Schwere  waren  fur  Wilhelm  v.  S.  der  Hohe- 
punkt  seiner  Lebensleistung.  Immer  das  Ganze  im  Auge  behaltend  und  im 
einzelnen  anregend  und  selbst  schaffend,  leitete  er  die  Firma  durch  die  Schwie- 
rigkeiten  des  zweimaligen  Wechsels  zwischen  Kriegs-  und  Friedensarbeit.  Per- 
sonlich forderte  er  besonders  das  Flugwesen,  sein  jetzt  erst  fertig  werdendes 
und  gleich  danach  bewahrtes  Lenkboot  und  andere  Kriegswerkzeuge  seiner 
Erfindung.  Den  Stand  der  Unterseeboote  schnell  zu  heben  und  die  Waffe  zu 
machtiger  Wirkung  zu  entfalten,  hatte  er  weitsichtig  bald  nach  Kriegsausbruch 
versucht,  konnte  aber  bei  der  damaligen  Dienststelle  der  Marine  keinen  Erfolg 
erreichen. 

Die  zum  tjbermaB  gesteigerten  geistigen  Anstrengungen  der  Kriegszeit  und 
die  Erschiitterung  durch  den  Zusammenbruch  des  Vaterlandes  muBten  urn 
so  verhangnisvoller  fiir  Wilhelm  v.  S.  sein,  als  er  mit  seiner  Gattin  »nach  der 
Karte«  lebte,  um  nichts  vor  dem  einfachsten  Manne  voraus  zu  haben.  Der  im 
Abstande  von  wenigen  Monaten  erfolgte  Tod  beider  muB  darauf  zuruckgefiihrt 
werden. 

Die  Auszeichnungen,  die  Wilhelm  v.  S.  im  Leben  erfuhr,  waren  seiner  Be- 
deutung  entsprechend  zahlreich.  Am  meisten  darunter  hat  ihn  wohl  der  Titel 
»Geheimer  Regierungsrat «  erfreut,  weil  seinVater  ihn  als  erster  aus  dem  ge- 
werblichen  Leben  erhalten  hatte.  Die  Treue,  mit  der  Wilhelm  dem  Andenken 
des  Vaters  nachlebte,  war  das  beste  Bild  seines  eigenen  Wesens. 


Siemens.  Wedel 


475 


Literatur:  Werner  v.  Siemens,  I^ebenserinnerungen,  Berlin  1892.  ■ —  Brief wechsel 
zwischen  den  Briidern  Siemens,  im  Siemens.-Archiv.  —  Richard  Ehrenberg,  Die  Unter- 
nehmungen  der  Briider  Siemens,  Bd.  I,  Jena  1906. — ■  August  Rotth,  Wilhelm  von  S., 
Berlin  1922.  —  Carl  Dietrich  Harries,  Nachruf  fur  Wilhelm  von  S.  Wissenschaftliche 
Veroffentlichungen  aus  dem  Siemens-Konzern,  I.  Band,  i.Heft.  Berlin  1920.  —  Hans 
Gerdien,  Nachruf  fiir  Wilhelm  v.  S.,  Zeitschrift  fiir  technische  Physik,  Leipzig  1920.  — 
Der  schriftliche  NachlaB  von  Wilhelm  v.  S.  befindet  sich  im  Siernens-Archiv  in  Berlin- 
Siemensstadt. 

Berlin-Siemensstadt.  August  Rotth. 

Wedel,  Karl  Leo  Julius  Fiirst  v.,  Gesandter  in  Stockholm,  Botschafter  in 
Rom  und  Wien,  Statthalter  in  ElsaB-Lothringen,  *  am  5.  Februar  1842  in 
Oldenburg,  f  am  30.  Dezember  1919  in  Stockholm.  —  Einem  weitverzweigten 
Geschlecht  aus  Stormarnschem  Uradel  entstammend,  das  12 12  zuerst  urkund- 
lich  auftritt,  wurde  Graf  Karl  W.,  der  vierte  Sohn  des  spateren  groBherzoglich 
oldenburgischen  Generalleutnants  und  Generaladjutanten  Graf  en  Friedrich 
Wilhelm  und  seiner  Gemahlin  Berta,  geb.  Freiin  v.  Glaubitz,  im  hanno- 
verschen  Kadettenhaus  erzogen  und  stand  1859  bis  1866  bei  den  sogenannten 
Kronprinz-Dragonern  im  hannoverschen  Heeresdienst.  Die  beginnende  groBe 
Zeit  Deutschlands  sah  ihn  zunachst —  1863/64 —  bei  der  vom  Bundestag  ent- 
sandten  Exekutionsarmee  in  Holstein,  dann  im  Feldzug  1866  gegen  PreuBen. 
Darauf  trat  er  als  Premierleutnant  des  8.  Husarenregiments  in  die  siegreiche 
preuBische  Armee  iiber.  Schon  hier  zeigt  sich  ein  Charakterzug  des  Fursten: 
viele  seiner  Kameraden  nahmen  Dienste  in  Sachsen;  er  aber  tat  den  ent- 
schlosseneren  Schritt. 

Am  Krieg  von  1870/71  nahm  er  als  Adjutant  der  16.,  dann  der  25.  Ka- 
valleriebrigade  (General  v.  Rantzau)  teil.  Zum  Rittmeister  befordert,  wurde 
er  1875  Adjutant  beim  Generalkommando  des  VII.  Armeekorps  und  1876 
als  Major  in  den  GroBen  Generalstab  versetzt.  Dem  Russisch-Tiirkischen  Krieg 
1877/78  wohnte  er  im  russischen  Hauptquartier  bis  zur  Kapitulation  Osman- 
Paschas  in  Plewna  bei. 

Seit  1878  Militarattache*  bei  der  deutschen  Botschaft  in  Wien,  half  er  den 
AbschluB  des  deutsch-osterreichischen  Biindnisses  vorbereiten  und  trat  so 
-dem  von  ihm  bis  an  sein  Lebensende  bewunderten  groBen  Kanzler  nahe. 
Vom  Fruhjahr  bis  zum  Herbst  1879  vertrat  er  Deutschland  in  der  europaischen 
Kommission  zur  Absteckung  der  bulgarisch-rumelischen  Grenze.  Noch  im 
gleichen  Jahr  wurde  er,  jedoch  unter  Belassung  auf  seinem  Wiener  Posten, 
Fliigeladjutant  Kaiser  Wilhelms  I.,  womit  ein  neues  Vertrauensverhaltnis, 
das  zu  dem  ehrwurdigen  alten  Monarchen,  anhob.  Nachdem  ihn  dann  das 
Jahr  1885  nochmals  zu  kurzer  Tatigkeit  auf  den  Balkan  entfuhrt  hatte  —  er 
war  Mitglied  der  Militarkommission  in  Pirot  zum  AbschluB  des  Waffenstill- 
standes,  der  den  Serbisch-Bulgarischen  Krieg  beendete — ,  erfolgte  1886  seine 
Beforderung  zum  Oberst.  1887  wurde  er  mit  Entbindung  von  seinem Kommando 
in  Wien,  wo  er  im  Vorjahr  einige  Monate  sogar  die  Geschafte  der  Botschaft 
interimistisch  gefuhrt  hatte,  Kommandeur  des  2.  Garde- Ulanenregiments. 
1888  ubernahm  er  hintereinander  die  2.,  dann  die  1.  Garde-Kavalleriebrigade. 

1889  begannen  fiir  ihn  ein  paar  Jahre  Hofdienst  bei  Wilhelm  II.,  der  ihn 
nun  seinerseits  zum  Fliigeladjutanten  machte  und  noch  im  selben  Jahr  zum 
Generalmajor   und    diensttuenden   General  d   la   suite  eraannte.    Mehrmals 


476  i9*9 

wurde  er  in  dieser  Zeit  mit  Spezialauftragen  an  frerade  Hofe  entsandt.  Als 
die  Intrigen  gegen  Bismarck  einsetzten,  war  er  bestrebt,  diesen  iiber  die  Ab- 
sichten  seiner  Gegner,  der  Waldersee  und  Genossen,  wenn  wir  des  letzteren 
Memoiren  glauben  diirfen,  moglichst  anf  dem  laufenden  zu  erhalten. 

Mit  seiner  die  militarischen  Kreise  iiberraschenden  Kommandierung  zum 
Auswartigen  Amt  im  Juni  1891,  womit  ihn  der  jnnge  Kaiser  als  einen  Anhanger 
des  gestiirzten  Kanzlers  wohl  auch  aus  seiner  personlichen  Umgebung  ent- 
fernen  wollte,  miindet  das  Leben  des  schon  mehrfach  auf  halb  militarischem, 
halb  politischem  Gebiet  Bewahrten  in  die  diplomatische  Laufbahn  ein.  Er 
lernte  jenes  Amt  unter  der  Agide  v.  Holsteins  kennen  und  hat  die  dortigen 
verhangnisvollen  Zustande  gewiB  schon  damals  mit  kritischem  Blick  durch- 
schaut:  ein  Wort,  das  er  spater  zu  dem  ihn  besuchenden  Graf  en  Waldersee 
auBerte,  laBt  an  Deutlichkeit  nichts  zu  wiinschen  iibrig. 

Der  Kaiser  und  Caprivi  hatten  aber  bereits  das  hochste  Zutrauen  zu  den 
politischen  Fahigkeiten  W.s.  Seine  Kandidatur  fur  den  Botschafterposten 
in  Petersburg,  die  eine  Zeitlang  erortert  wurde,  soil  an  der  Opposition  der  mit 
den  Cumberlands  verschwagerten  Zarin  Maria  Feodorowna  gescheitert  sein. 
Als  aber  im  Mai  1891  die  Lage  in  Frankreich  sich  bedenklich  zuzuspitzen 
schien  und  der  alte  Fiirst  Miinster  dem  Kaiser  nicht  mehr  geniigte,  hatte 
er  W.  als  dessen  Nachfolger  fiir  Paris  bestimmt.  Es  waren  also  die  bedeutend- 
sten  Stellen  im  auswartigen  Dienst  fiir  ihn  in  Aussicht  genommen.  Es  mu£ 
der  Widerstand  der  ziinftigen  Diplomaten  gewesen  sein,  an  dem  sich  der  kaiser- 
liche  Wille  brach.  Stand  doch  schon  ein  ehemaliger  Soldat  als  Reichskanzler 
an  der  Spitze,  wahrend  ein  zweiter,  v.  Schweinitz,  auf  seinem  Petersburger 
Posten  zunachst  verblieb.  So  muBte  sich  W.  mit  einem  weit  unansehnlicheren 
begniigen.  Das  Jahr  1892  brachte  ihm  zum  Geburtstag  des  Kaisers  die  Be- 
forderung  zum  Generalleutnant  und  im  Sommer  mit  der  zum  Generalad- 
jutanten  die  Ernennung  zum  Gesandten  in  Stockholm. 

Im  Oktober  1894  vermahlte  er  sich  dort  mit  der  verwitweten  Graf  in  Ste- 
phanie Augusta  v.  Platen,  geborenen  Graf  in  Hamilton. 

Wie  schon  als  Militarattache*  in  Wien,  genoB  er  nun  als  Gesandter  in  Stock- 
holm das  voile  Vertrauen  seiner  Regierung  und  hohes  gesellschaftliches  An- 
sehen  in  den  auswartigen  Kreisen.  Indessen  gait  damals  noch  die  strenge 
Regel  im  deutschen  diplomatischen  Dienst,  welche  die  Heirat  mit  einer  An- 
gehorigen  des  Staates,  bei  dem  der  Gesandte  akkreditiert  war,  mit  der  Bei- 
behaltung  des  Postens  als  unvereinbar  ansah.  Wie  Waldersee  mitteilt,  besafi 
W.  von  Caprivi  die  schriftliche  Zusicherung  der  Nachfolgerschaft  des  Prinzen 
ReuB  in  Wien;  doch  wurde  diese  Botschaft  wie  noch  mehrere  andere  wieder 
vergeben,  ohne  ihn  zu  benicksichtigen.  So  trat  er  noch  1894  in  den  zeitweiligen 
Ruhestand  und  zog  sich  verstimmt  auf  die  reichen  Giiter  in  Schweden  zuriick, 
die  ihm  seine  Gemahlin  in  die  Ehe  gebracht  hatte. 

Doch  der  Kaiser  verlor  ihn  nicht  aus  den  Augen.  Auf  seinen  Nordland- 
reisen  war  er  wiederholt  der  Gast  des  graflichen  Paares.  1897  wurde  W.  zum 
General  der  Kavallerie  befordert  und  im  April  zum  Gouverneur  von  Berlin 
ernannt.  Und  1899  eroffnete  sich  ihm  endlich  wieder  das  Feld  des  Diplomaten: 
er  wurde  Botschafter  in  Rom. 

Es  war  ein  Amt,  das  damals  auch  schon  ein  nicht  gewohnliches  MaJ3  poli- 
tischer  Gewandtheit  erforderte.  Denn  seit  1898  begann  sich  Italien  mit  dem 


Wedcl 


477 


Abbruch  des  zehnjahrigen  Zollkrieges  gegen  Frankreich  dieser  Macht  neuer- 
dings  zu  nahern.  Nach  der  Ermordung  des  deutschfreundlichen  Konigs  Hum- 
bert kam  es  Ende  1908  zu  einer  franzosisch-italienischen  Verstandigung  iiber 
Nordafrika,  wobei  Tripolis  gegen  den  Verzicht  auf  Marokko  Italien  zuerkannt 
wurde:  Deutschland  erfuhr  erst  ein  Jahr  spater  davon.  Der  Besuch  der  ita- 
lien ischen  Flotte  in  Toulon  verkiindete  damals  der  ganzen  Welt  die  neu- 
gefestigte  Freundschaft  der  beiden  romanischen  Nationen.  Immerhin  wurde 
im  Juni  1902  der  Dreibund  noch  einmal  unter  Dach  und  Fach  gebracht,  ohne 
dafl  die  vom  italienischen  AuBenminister  Prinetti  gewiinschten  Klauseln  im 
Vertragstext  Auf  nahme  fanden,  die  Frankreich  als  gemeinsamen  Gegner  mehr 
oder  weniger  effaciert  und  RuBland  allein  in  den  Vordergrund  geriickt  hatten. 

W.  hatte  zu  dieser  Zeit  den  Posten  in  Rom  bereits  mit  dem  in  Wien  als 
Nachfolger  des  Fursten  Philipp  Eulenburg  (s.  DBJ.  1921,  S.  95  ff.)  vertauscht. 
Aber  die  ganze  Last  der  die  Bundniserneuerung  vorbereitenden  Verhandlungen 
mit  Prinetti  und  dem  Premierminister  Zanardelli,  der  Kampf  mit  dem  fran- 
zosischen  Botschafter  Camille  Barr£re,  der  schon  langst  die  italienische 
Politik  ins  franzosische  Schlepptau  zu  nehmen  hoffte,  waren  noch  auf  ihm 
gelegen.  Freilich  hatte  er  die  Uberzeugung  gewonnen,  daB  fast  alle  ernsten 
Staatsmanner  Italiens  vorderhand  nicht  an  eine  Anderung  dachten.  Aber 
im  SchoB  der  italienischen  Politik,  hatte  er  Ende  1901  an  Biilow  berichtet, 
schlummere  ein  gewisser  Erwerbstrieb,  der  sich  im  Lauf  der  Zeit  Siidtirol, 
Triest  und  Albanien  zuwenden  konne.  Und  er  sah  den  zukiinftigen  Konflikt 
mit  Osterreich  fiir  ura  so  wahrscheinlicher  an,  je  weniger  Wien  seiner  »Neigung 
zum  Hochmut  Ziigel  anlegen«  wiirde. 

Dagegen  trat  nun  zunachst  eine  nochmalige  Entspannung  des  osterreichisch- 
russischen  Balkan- Antagonismus  durch  das  Murzsteger  Abkommen  vom  Herbst 
1903  ein,  da  sich  RuBland  zu  seinem  groBen  Abenteuer  im  Fernen  Osten  an- 
schickte.  Aber  das  osterreichisch-italienische  Problem  blieb  ungelost,  und  im 
Innern  der  Donaumonarchie  machten  sich  die  ersten  starkeren  Anzeichen 
der  Auflosungstendenzen  bemerkbar.  Gleich  nach  dem  Austrag  des  Russisch- 
Japanischen  Krieges  gedieh  die  Entente  Englands  und  Frankreichs  iiber 
Marokko- Agypten  zum  AbschluB.  Drei  Jahre  spater  trat  ihr  das  englisch- 
russische  Abkommen  iiber  Mittelasien  zur  Seite,  und  das  in  der  Mandschurei 
blutig  zuriickgeworfene,  aber  iiber  die  innere  Revolution  noch  einmal  siegreich 
gebliebene  RuBland  begann  seine  neugesammelten  Krafte  wieder  dem  Balkan 
zuzuwenden.  Schon  im  Friihjahr  1906  hatte  sich  auf  der  Algeciras-Konferenz 
die  gegen  die  Mittelmachte  feindliche  Gruppierung  offen  gezeigt.  Und  im  Som- 
mer  des  nachsten  Jahres  trat  unsere  Isolierung  auf  der  zweiten  Haager  Frie- 
denskonferenz  neuerdings  hervor,  als  Deutschland  nicht  nur  die  Abriistungs- 
frage  unter  den  Tisch  fallen  lieB,  sondern  auch  —  hier  wiederum  fast  nur  von 
Osterreich  unterstiitzt  —  das  beantragte  obligatorische  Schiedsgericht  torich- 
terweise  ablehnte. 

An  all  diesen  Dingen  war  W.,  sei  es  nur  als  kritischer  Beobachter,  sei  es 
ber  den  Vorverhandlungen  mit  der  Wiener  Regierung,  lebhaft  beteiligt. 
Schon  1903  war  er  sich  iiber  die  Tschechen  und  Polen  sowie  die  osterreichischen 
Klerikalen  als  die  mehr  oder  minder  offenen  Gegner  im  klaren  und  warnte, 
die  Augen  davor  zu  verschlieBen.  Zugleich  beunruhigte  ihn  der  damals  sich 
wieder  zuspitzende  Gegensatz  der  beiden   Reichshalften,   wahrend  er  nach 


478  1919 

auBen  die  Zunahme  der  feindseligen  Stimmung  des  italienischen  Publikums 
gegen  Osterreich  konstatieren  muBte  und  in  der  von  Aehrenthal,  dem  oster- 
reichischen  Botschafter  in  Petersburg,  betriebenen  osterreichisch-russischen 
Annaherung  keine  Gewahr  gegen  einen  schlieBlichen  groBen  Konflikt  auf  dem 
Balkan,  wohl  aber  eine  Gefahrdung  der  engen  deutsch-dsterreichischen  Gemein- 
schaft  erblickte.  Erst  als  seit  1906  der  Pole  Goluchowski  als  AuBenminister 
durch  Aehrenthal  abgelost  war,  begann  er  sich  dessen  freilich  vergeblichen 
Hoffnungen  auf  die  dauernde  russische  Freundschaft  und  ein  neues  Drei- 
kaiserverhaltnis  anzunahern,  wenn  er  auch  so  lange  als  immer  moglich  Italien 
als  Dreibundmacht  festzuhalten  riet,  da  wir  sonst  nur  dem  Weltkrieg,  und 
obendrein  mit  sehr  unsicheren  Chancen,  entgegentreiben  wiirden.  Von  Anfang 
an  ein  Gegner  der  Tirpitzschen  Flottenpolitik,  war  er  hinsichtlich  der  Haager 
Abriistungsfrage  der  vollig  richtigen  Ansicht,  daB  wir  bei  unserem  Widerstand 
dagegen  jeden  Schein  vermeiden  muBten,  als  ob  wir  damit  den  weiteren 
maritimen  Ausbau  wiinschten.  Auch  war  es  ihm  mit  zu  verdanken,  daB  wir 
diesen  Punkt  wenigstens  nicht  von  Haus  aus  abwiesen  und  so  einigermaBen 
auch  in  der  Gemeinschaft  mit  RuBland  blieben.  Es  war  abermals  Aehrenthals 
Gesichtspunkt,  den  er  sich  dabei  zu  eigen  machte.  Auch  dessen  Streben, 
die  Sandschakbahn  zu  bauen  und  damit  den  AnschluB  Bosniens  an  die  Wardar- 
linie  zu  erreichen,  hat  er  stark  unterstiitzt.  Und  damit  man  wenigstens  der 
Donaumonarchie  ganz  sicher  ware,  sprach  er  sich  zuletzt  ohne  Scheu  gegen 
die  zutage  tretende  Neigung  der  WilhelmstraBe  aus,  Aehrenthal  in  kleinlicher 
Weise  zu  bevormunden. 

An  der  personlichen  Gegenliebe  und  Hochschatzung  der  anderen  Seite 
konnte  es  so  nicht  fehlen.  Wiederholt  auBerte  sich  der  neue  osterreichisch- 
ungarische  AuBenminister  zu  Biilow  iiber  die  Achtung  und  das  Vertrauen, 
welches  der  deutsche  Botschafter  nicht  nur  an  hochster  Stelle,  sondern  auch 
in  alien  ernsthaf  ten  politischen  Kreisen  genieBe;  erselbstwerdeessichangelegen 
sein  lassen,  mit  ihm  die  besten  und  engsten  Beziehungen  zu  unterhalten. 

In  Rom  wie  in  Wien  hatte  W.,  unterstiitzt  von  den  hervorragenden  gesell- 
schaftlichen  Eigenschaften  seiner  Gemahlin  und  einem  groBen  Vermogen, 
seine  hohe  Stellung  glanzend  ausgefiillt.  Hier  wie  dort  hatte  er  sich  schnell 
und  griindlich  in  die  Geschafte  eingelebt,  sich  uberall  hervorragend  unterrichtet 
und  weitblickend  erwiesen.  Aber  jene  oben  erwahnte  offenherzige  Mahnung 
an  die  eigene  Regierung  war  auf  lange  sein  letztes  Wort  als  Diplomat  gewesen. 
Denn  im  Oktober  1907,  nach  dem  Riicktritt  des  75jahrigen  Fiirsten  Hohen- 
lohe-Langenburg  vom  StraBburger  Statthalteramt,  erging  an  ihn  der  Ruf 
seines  Monarchen  zur  Nachfolge  auf  diesen  Posten.  Nur  ungern  verlieB  W. 
nach  sechsjahrigem  Wirken  Wien,  wo  er  sich  wohl  gefuhlt  hatte.  Die  innere 
Verwaltung  war  ihm  ein  unbekanntes  Gebiet.  Im  Reichsland  kam  er  iiberhaupt 
in  ihm  ganzlich  fremde  und  iiberdies  in  ebenfalls  schon  recht  unerfreulich 
zugespitzte  Verhaltnisse.  Aber  er  war  viel  zu  sehr  Soldat,  um  sich  der  kaiser- 
lichen  Willensmeinung  zu  widersetzen. 

Fiir  ElsaB-Lothringen  selbst  kam  diese  Ernennung  nicht  minder  uner- 
wartet.  Noch  wenige  Tage  vorher  hatte  man  dort  am  meisten  auf  den  Bot- 
schafter in  Paris,  Fiirsten  v.  Radolin,  als  neuen  Herrn  geraten.  Wie  zu  Man- 
teuffels  Zeit  hatte  das  Reichsland  nun  wieder  einen  ehemaligen  General  an 
der  Spitze.  Aber  eine  lange  diplomatische  Tatigkeit  hatte  aus  ihm,  wie  die 


Wedel  479 

»StraBburger  Post«,  das  Organ  des  liberalen  deutschen  Biirgertums,  damals 
in  einem  BegriiBungsartikel  schrieb,  einen  klugen  und  weitherzigen  Beob- 
achter  der  Menschen  und  Dinge  gemacht.  Schon  im  Sommer  des  nachsten 
Jahres  konnte  die  Zeitnng  bestatigen,  daB  jene  hoffnungsfreudigen  Worte 
zu  Recht  bestanden.  Im  Interesse  der  gedeihlichen  Entwicklung  ElsaB- 
Lothringens,  hieB  es  nun,  sei  man  froh,  einen  Statthalter  an  der  Spitze  zu 
wissen,  der  den  besten  Willen  und  auch  die  Fahigkeiten  besitze,  dem  Land 
im  wohlverstandenen  deutschen  Sinn  zu  niitzen.  ElsaB-Lothringen 
solle  kein  siiddeutsches  Stiick  PreuBen  werden;  dazu  muBte  sich  seine  Be- 
volkerung  ihres  bodenstandigen  Wesens  entauBern.  Aber  es  dtirfe  auch  nicht 
in  einen  neuen  kiinstlichen  Gegensatz  zu  den  Altdeutschen  hineingetrieben 
werden.  Daher  handle  es  sich  bald  um  Zuriickweisung  absprechender,  aber  un- 
begriindeter  altdeutscher  Pressemeinungen,  bald  um  Bekampfung  unge- 
rechtfertigter  einheimischer  Vorurteile. 

Als  ehemaliger  Angehoriger  eines  selbst  von  PreuBen  annektierten  Landes 
war  W.  am  besten  imstande,  sich  im  Denken  und  Fuhlen  des  Reichslandes 
zurechtzufinden.  Aber  die  Hauptsache  war  doch,  wie  immer  und  iiberall, 
die  Personlichkeit.  In  Berlin  war  er  vor  dem  Antritt  seines  neuen  Amtes 
von  der  Militarpartei  grundfalsch  orientiert  worden.  DaB  er  diese  vorgefaBten 
Anschauungen  rasch  abstreifte,  hat  sie  ihm  gewiB  niemals  verziehen.  Dazu 
kamen  wohl  noch  ehrgeizige  Intrigen  personlicher  Natur,  auf  die  hier  nicht 
naher  eingegangen  werden  soil. 

W.  lieB  sich  das  alles  in  seiner  wahrhaft  edelmannischen  Gesinnung  und 
korrekten  Art  zunachst  nicht  weiter  anfechten.  Unter  Aufrechthaltung  der 
staatlichen  Autoritat  suchte  er  verstandnisvoll,  wohlwollend  und  gerecht  die 
Richtung  seines  Vorgangers  fortzusetzen,  jedoch  von  vornherein  unter  tun- 
lichster  Abkehr  von  der  Notabelnpolitik  des  Staatssekretars  v.  Koller,  der  derm 
auch  1908  durch  Zorn  v.  Bulach  (s.  DBJ.  1921,  S.28iff.),  den  ersten  Elsasser 
auf  diesem  hohen  Posten,  abgelost  wurde.  Vorbildlicher  FleiB  in  den  Ge- 
schaften,  vornehme  Liebenswiirdigkeit  und  schrankenlose  Gastfreundschaft 
zeichneten  den  neuen  Statthalter  aus,  der  auch  auBerlich  mit  seiner  hohen 
und  kraftvollen  Figur,  seinem  zugleich  Charakterfestigkeit  und  Giite  ver- 
ratenden  Blick  eine  ideale  Regentenerscheinung  darbot.  Ihre  furstlichen 
Mittel  stellten  er  und  seine  Gattin  in  den  Dienst  wohltatiger  Veranstaltungen 
und  kunstlerischer  wie  wissenschaftlicher  Bestrebungen. 

Aber  der  franzosische  Chauvinismus,  wie  er  sich  bei  zahlreichen  Gedenk- 
feiern  fiir  die  Gefallenen  des  70  er  Krieges,  mit  der  Griindung  franzosischer 
Zeitschriften,  Vereine  und  dergleichen  immer  unverhiillter  hervorwagte,  war 
schon  zu  einer  derartigen  Gefahr  geworden,  daB  sich  Bethmann  Hollweg 
(s.  DBJ.  1921,  S.  21  ff.)  im  Dezember  1909  gezwungen  sah,  ihn  im  Reichstag 
zu  brandmarken  und  als  ein  schweres  Hindernis  fiir  die  Erfullung  der  Auto- 
nomiewiinsche  des  Reichslandes  zu  bezeichnen.  Ahnlich  auBerte  sich  W. 
1910  in  offentlicher  Rede.  Im  LandesausschuB  fand  eine  Reihe  scharfer  Kampfe 
statt,  als  die  Klerikalen  die  neuerstarkten  franzosischen  Bestrebungen  nicht 
energisch  genug  zuriickwiesen.  Trotzdem  kam  unter  W.s  starker  Mitwirkung, 
wenn  auch  wohl  nicht  auf  seine  Initiative  hin,  im  Mai  1911  noch  die  Ver- 
fassungsanderung  zustande,  die  ElsaB-Lothringen  einen  aus  zwei  Kammern 
bestehenden  Landtag  gewahrte.  Es  war  der  letzte,  leider  erst  nach  allzu  langer 


480  1919 

Pause  geschehene  Schritt,  der  dem  Reichsland  in  der  Entwicklung  zum  vollen 
deutschen  Bundesstaat  hin  beschieden  war. 

Dem  Statthalter  schwebte  dabei  als  Hauptaufgabe  vor,  den  bisher  unter 
der  Notabelnherrschaft  passiv  und  gleichgiiltig  beiseitestehenden  Mittelstand 
»zu  politisieren  und  zu  mobilisieren*.  Er  brachte  den  Lehrern  seine  besonderen 
Sympathien  entgegen,  die  sich  freilich  spater  nach  manchen  ungunstigen 
Erfahrungen  nur  auf  die  alteren,  gemaBigteren  Elemente  erstreckten:  gleich 
im  ersten  Jahre  der  neuen  Verfassung  berief  er  einen  elsassischen  Volks- 
schullehrer  in  die  Erste  Kammer.  Auch  mit  der  Entsendung  junger  einheimi- 
scher  Beamter  nach  Berlin  wurde  alsbald  begonnen.  Im  iibrigen  war  er  iiber- 
zeugt,  daB,  nachdem  im  Jahre  1871  der  »Weg  der  Teilung  und  Einverleibung* 
nicht  hatte  beschritten  werden  konnen,  jetzt  ein  »gesunder  und  berechtigter 
Partikularismus*  gepflegt  werden  miisse,  wie  ihn  Bismarck  schon  bei  der 
Bildung  des  Reichslandes  im  Auge  hatte. 

Bis  zum  Weltkrieg  hat  das  junge  Parlament  noch  eine  Fiille  ersprieBlicher 
Arbeit  geleistet.  Aber  auch  die  sensationellen  Falle  hauften  sich  nun  erst 
recht  und  veranlaflten  die  Parteien  von  der  Rechten  bis  zur  Linken,  jedesmal 
unter  Aufgabe  aller  trennenden  Momente,  zum  geschlossenen  Ansturm  gegen 
die  Regierung.  Und  diese  konnte  sich  nur  um  so  muhsamer  des  inneren  Gegners 
erwehren,  als  sie  auch  den  wachsenden  nationalistischen  Druck  eines  Teils 
der  deutschen  Presse  und  eines  militarischen  t)bergewichts  im  Innern  zu  spiiren 
bekam  und  so  zwischen  zwei  Feuern  stand.  Von  beiden  Seiten  wurde  sie  der 
Schwache  und  Nachgiebigkeit  bezichtigt.  Denn  die  deutschfeindlichen  Blatter, 
die,  von  der  zunehmenden  MiBachtung  des  deutschen  Ansehens  in  der  weiten 
Welt  unterstiitzt,  sich  immer  maBlosere  Angriffe  leisteten,  warfen,  wenn  die 
Regierung  pflichtgemaB  und  nach  zielbewuBt  von  ihr  selbst  gezogenen  Richt- 
linien  gegen  den  Franzosenkult  und  seine  Demonstrationen  eingriff,  dieser 
vor,  daB  sie  unter  dem  Terror  deutscher  Scharfmacher  handle.  Dabei  hatte  W. 
jeden  Angriff  von  dieser  Seite,  den  er  vielleicht  manchmal  allzu  personlich 
nahm,  durch  den  Chef  seiner  Presseabteilung  zuriickweisen  lassen,  so  daB 
der  » Dementis «  kein  Ende  wurde. 

Es  war  ein  vergebliches  Bemuhen.  Die  Verhaltnisse  waren  machtiger  ge- 
worden  als  der  beste  Wille  des  Statthalters  und  seiner  Regierung.  Der  Welt- 
krieg, von  den  Fehlern  unserer  Reichspolitik  seit  Bismarcks  Sturz  in  seinem 
Ausbruch  reichlich  gefordert,  aber  von  den  Feinden  uns  aufgezwungen,  warf 
seine  immer  dunkleren  Schatten  voraus.  Die  Stimmung  im  ElsaB  war  eines 
der  Barometer.  Es  zeigte  auf  Sturm. 

Im  November  1913  wurde  die  Situation  durch  den  Zaberner  Fall  blitzartig 
beleuchtet.  Weil  die  Verfehlungen  eines  Leutnants  nicht  im  Keim  erstickt, 
sondern  gedeckt  wurden,  kam  es  zu  weiteren  MiBgriffen,  »die  endlich  zu 
schweren  Ubergriffen  in  das  Gebiet  der  zivilen  Staatsgewalt  und  zu  einer 
ernsten  Beeintrachtigung  der  biirgerlichen  Freiheit  fuhrten«.  »Das  aber*  — 
so  urteilte  W.  selbst,  obwohl  er  sich  als  alter  Soldat  das  militarische  Gefuhl 
bewahrt  hatte,  —  »sind  Zustande,  die  sich  mit  den  Begriffen  des  modernen 
Rechtsstaates  nicht  vereinbaren  lassen. «  Insofern  freilich  kam  dieser  zu  seinem 
Recht,  als  eine  alte,  aus  den  ersten  Jahrzehnten  des  19.  Jahrhunderts  stam- 
mende  preuBische  Verordnung  nun  aufgehoben  wurde,  die  ein  militarisches 
selbstandiges  Eingreifen  bei  plotzlicher  Aufruhrdrohung  vorgesehen  hatte. 


Wedel  481 

Aber  durch  das  gerichtliche  Urteil  war  der  Triumph  der  militarischen  Ver- 
waltung  iiber  die  politische  dennoch  offenkundig  und  endgiiltig  geworden. 
W.  identifizierte  sich  mit  dem  Stabe  seiner  hohen  Beamten  und  trat  im  Fruh- 
jahr  1914  von  seinem  Posten  zuriick.  Er  wurde  durch  Herrn  v.  Dallwitz, 
den  letzten  Statthalter  im  altkaiserlichen  Deutschland,  ersetzt. 

Der  Kaiser  ehrte  den  Scheidenden  mit  dem  Fiirstentitel.  Das  Vertrauen 
der  Bevolkerung  sprach  sich  in  herzlichsten  Abschiedsovationen  aus ;  ruhrende 
Beweise  der  Liebe  und  Anhanglichkeit  wurden  dem  furstlichen  Paar  aus 
alien  Schichten  zuteil.  W.s  vornehmer,  kristallklarer  Charakter,  sein  warmes 
Wohlwollen  fiir  die  ihm  anvertrauten  Lande,  seine  unermudliche  Hilfsbereit- 
schaft  und  nicht  zuletzt  seine  gelauterte  staatsmannische  Weisheit  hatten 
sie  in  hohem  MaBe  verdient.  Anderseits  gereicht  es  ihm  zu  kaum  geringerer 
Ehre,  daB  ihn  die  Klerikal-Nationalen  unter  Fiihrung  der  Wetterle,  Haegy 
und  Blumenthal  bis  zuletzt  mit  ihrer  Feindschaft  bedachten.  Selbst  jene 
Huldigungen  versuchten  sie  als  Auswiichse  des  Byzantinismus  hinzustellen.  W. 
wuBte  es  besser.  Er  und  seine  Frau  hatten,  wie  er  in  seiner  Abschiedsrede  sagte, 
das  ihnen  zur  zweiten  Heimat  gewordene  Land  und  seine  »kernige,  arbeitsame 
Bevolkerung «  wahrhaft  liebgewonnen.  Er  glaubte  sich  aber  auch  ohne  tlber- 
hebung  sagen  zu  diirfen,  daB  sein  Wirken  unter  ihr  nicht  fruchtlos  geblieben  sei. 

Er  sprach  diese  Uberzeugung  in  einem  seiner  vertraulichen,  nun  im  »Tiir- 
mer«  publizierten  Brief e  an  den  ihm  befreundeten  elsassischen  Dichter  Friedrich 
Lienhard  aus.  Sie  sind  uns  aber  iiberhaupt  eine  kostbare  und  fast  einzigartige 
Quelle  fiir  die  Erkenntnis  des  Politikers  W.  am  Vor abend  des  Weltkriegs. 

Er  war  sich  voll  bewuBt,  daB  zur  inneren  Gewinnung  des  Reichslandes 
viel  Zeit  und  Geduld  notig  sei  und  daB  zum  Regieren  nicht  allein  der  »Korporal- 
stock«,  sondern  auch  Wohlwollen  und  Gerechtigkeit  gehore.  Er  befand  sich 
daher  zu  jenen  Kreisen  der  eigenen  Landsleute,  die,  selbst  den  Verhaltnissen 
fremd,  die  Richtigkeit  solcher  Grundsatze  nicht  einsehen  wollten,  in  steigen- 
dem  Gegensatz.  Schon  im  zweiten  seiner  Brief e  an  Lienhard  nennt  er  diese 
Altdeutschen  beim  richtigen  Namen:  es  sind  die  Alldeutschen.  Er  hatte 
lange  genug  im  Ausland  gelebt,  um  die  absolute  Schadlichkeit  ihres  »arro- 
ganten,  renommistischen  Benehmens«  innezuwerden,  das  »dort  den  deutschen 
Namen  verhaBt«  machte.  Leider  habe  die  deutsche  chauvinistische  Presse, 
schreibt  er  im  Dezember  191 1,  voran  die  alldeutsche,  ein  Talent,  durch  ewiges 
Schwingen  der  Peitsche  und  durch  gehassige  Ausschlachtung  selbst  unbedeu- 
tender,  mit  der  Politik  in  keinerlei  Zusammenhang  stehender  Falle  auch  die 
gutgesinnten  Einheimischen  immer  wieder  vor  den  Kopf  zu  stoBen  und  damit 
einer  Annaherung  stets  neue  Hindernisse  in  den  Weg  zu  rollen.  » Diese  Presse,* 
heiBt  es  im  Juni  1912,  »ist  im  Laufe  der  Zeit  mehr  und  mehr  auf  ein  Niveau 
gelangt,  das  mit  unserer  Kultur,  mit  unserer  Wiirde  und  mit  unseren  natio- 
nalen  Erfolgen  im  Widerspruch  steht .  .  .  Provozierendes  Gepolter,  anmaBende 
Drohungen  und  politische  Klopffechterei  sind  dem  wahren  deutschen  Charakter 
nicht  homogen.  .  .  .  Der  deutsche  Volkscharakter  wird  durch  solche  Vor- 
bilder  zu  einem  Zerrbilde  gestaltet .  .  .  Wenn  jemand  immerzu  mit  der  Faust 
auf  den  Tisch  schlagt,  so  macht  das  bald  keinen  Eindruck  mehr,  und  die  Gegner 
verlernen,  ihn  ernst  zu  nehmen«.  Ja,  er  fand  »die  Brutalitaten  dieser  Presse 
weit  schadlicher  als  alle  Aufhetzung  der  Wetterle  und  Genossen«. 

Wie  ein  roter  Faden  zieht  sich  die  Anklage  gegen  die  Alldeutschen  durch 

DBJ  31 


482  1 9 19 

die  gesamte  Korrespondenz  des  Fiirsten  mit  Lienhard.  Bei  alledem  aber  wuBte 
er  audi  sehr  wohl,  daJ3  die  geschichtlichen  Schicksale  auf  das  Wesen  im  Reichs- 
land  nicht  ohne  EinfluB  geblieben  waren  und  daB  —  im  Gegensatz  zum 
Lothringer  mit  seiner  mehr  monarchischen  Gesinnimg  und  seinem  ausge- 
sprochenen  Autoritatsgefiihl  —  der  Elsasser  besondere  Schwierigkeiten  biete, 
da  er  sich  in  seiner  iiberwiegenden  Mehrheit  entwohnt  hatte,  » of  fen  Farbe 
zu  bekennen  und  mit  Uberzeugungstreue  sich  einen  klaren  Weg  vorzuzeichnen*. 

Dann  kam  der  Krieg.  Der  nun  72jahrige  Fiirst,  der  nach  der  Beendigung 
seiner  Statthalterzeit  zu  Berlin  im  Fiirst- Blucher-Palais  am  Pariser  Platz  2  a 
seinen  festen  Wohnsitz  genommen  hatte,  verbrachte  auch  jetzt,  wie  er  das 
immer  gewohnt  war,  die  Sommermonate  auf  Stora  Sundby,  einer  herrlichen 
Besitzung  an  den  Ufern  des  Hjelmar  im  siidlichen  Schweden.  Doch  blieb  er 
wahrend  der  ganzen  Kriegszeit  durch  tagliche  L,ektiire  der  »StraBburger 
Post*  auch  iiber  die  Vorgange  in  der  westlichen  Grenzmark  auf  dem  laufenden. 
Trotz  nicht  unbetrachtlicher  Desertionsfalle  und  mancher  anderen  schlimmen 
Erscheinung  hielt  er  noch  immer  an  seinem  Vertrauen  zum  elsaB-lothringischen 
Volk  fest.  Da  aber  die  hohere  Bourgeoisie  durch  ihre  weitverzweigten  freund- 
schaftlichen  und  verwandtschaftlichen  Beziehungen  mit  Frankreich  eng  ver- 
kniipft  war  und  das  jetzt  wieder  geschlossene  Notabelntum  nicht  anders 
gesprengt  werden  konnte,  sprach  er  sich  in  seinen  intimen  AuBerungen  nun- 
mehr  fiir  eine  kiinftige  Aufteilung  unter  PreuBen  und  dem  deutschen  Siiden 
aus,  so  schwierig  ihm  auch  die  Losung  des  Problems  im  einzelnen  erschien. 
Denn  das  Reichsinteresse  stand  ihm  selbstverstandlich  in  erster  Linie. 

Ubrigens  stellte  er  seine  Krafte  noch  mehrmals  direkt  in  dessen  Dienste. 
Diplomatische  Sondermissionen  im  Auftrag  des  Kaisers  fuhrten  ihn  unmittel- 
bar  nach  dem  Tod  des  Konigs  Karol  (s.  DBJ.  1914 — 16,  S.  9  ff.)  im  Oktober 

1914  an  den  rumanischen  und  im  Januar  1915  an  den  osterreichischen  Hof. 
Es  handelte  sich  darum,  Rumanien  wie  Italien  wenigstens  vom  AnschluB  an  den 
Gegner  abzuhalten.  Wien  sollte  daher  zur  freiwilligen  Abtretung  eines  Teiles 
von  Siidtirol  an  Italien  iiberredet  werden.  Beide  Bestrebungen  waren  bekannt- 
lichzumScheiternverurteilt,  wennW.  auch  in  Bukarest  gewisse  Versprechungen 
erhalten  haben  soil  und  Rumanien  erst  1916  auf  die  Seite  der  Feinde  trat. 

Auch  bei  der  Griindung  des  Nationalausschusses  wollte  sich  der  Fiirst  der 
Bitte,  den  Vorsitz  zu  ubernehmen,  nach  Oberwindung  einiger  Bedenken  nicht 
versagen.  Die  Tendenz  war,  den  Frieden  auf  einer  erreichbaren  Mittellinie 
zu  erringen,  wozu  fiir  W.  damals  noch  Garantien  in  Belgien,  vor  allem  dessen 
wirtschaftlicher  AnschluB  und  eine  Militarkonvention,  gehorten.  Im  Innern 
sollte  der  Kampf  sowohl  gegen  die  »Flaumacher«  als  auch  gegen  die  »Scharf- 
macher«  gefuhrt  werden.  Die  letzteren  aber  hielt  der  Fiirst  nach  wie  vor  fiir 
die  Gefahrlicheren.  Wieder  war  es  der  Wahnsinn  der  alldeutschen  Forderungen: 
Annexion  der  belgischen  Kiiste  und  gar  Calais',  gegen  den  er  sich  wandte. 
Denn  ein  Eingehen  Englands  auf  solche  Bedingungen  kame  ja  —  so  schrieb 
er  —  dem  Verzicht  auf  seine  Weltstellung  gleich.  Ebenso  hatte  er  sich  schon 

19 15  gegen  den  torichten  Gedanken  eines  neuen  deutschen  Staates  von  Belfort 
bis  Antwerpen  unter  einem  Hohenzollern  ausgesprochen.  Denn  je  mehr  fremde 
Elemente  Deutschland  sich  angliedere,  desto  mehr  gerate  es  ins  imperialistische 
Fahrwasser  und  in  den  Verdacht  des  wirklichen  Strebens  nach  der  Welt- 
herrschaft.  Er  war  felsenfest  davon  iiberzeugt,  daB  Bismarck  solche  Plane 


Wedel  483 

niemals  erwogen  oder  gar  zur  Ausfuhrung  gebracht  hatte.  Und  als  dann  die 
Frage  des  verscharften  U-Bootkrieges  seit  1916  zur  Debatte  stand,  trat  er 
als  der  entschiedene  Gegner  auch  dieser  Idee  auf,  da  ihre  Verwirklichung 
England  ja  doch  nicht  niederzwingen,  sondern  nur  den  Krieg  mit  Amerika 
und  anderen  bisher  noch  neutralen  Machten  herbeifuhren  werde. 

Furchtbar  schwer  traf  ihn,  den  deutschen  Staatsmann  und  preuBischen 
General,  den  vom  edelsten  Wollen  beseelten,  vom  klarsten  Erkennen  bis  zu- 
letzt  geleiteten  Patrioten,  die  Niederlage:  der  »wegen  seiner  Plotzlichkeit 
fast  verbrecherische  militarische  Zusammenbruch,  der  politische  Umsturz, 
der  alle  Autoritat  beseitigt,  jede  Disziplin  lockert,  unser  staatliches  Ansehen 
untergrabt  und  uns  wehrlos  unseren  rachsiichtigen  und  beutegierigen  Feinden 
uberliefert.  Aus  unserem  stolzen  und  machtigen  Vaterlande  ist  eine  Quantite 
negligeable  geworden«.  Man  miisse  in  Berlin  leben,  heiBt  es  weiter  in  diesem  an 
einen  seiner  ehemaligen  StraBburger  Beamten  an  Weihnachten  1918  gerichteten 
Brief,  um  Zeuge  » der  sich  taglich  abspielenden  agitatorischen  Hetzereien  und 
Gesetzlosigkeiten,  der  Zerf ahrenheit,  Schwache  und  Nachgiebigkeit  der  Macht- 
haber  zu  sein,  um  an  der  Zukunft  Deutschlands  zu  verzweifeln«. 

Und  mit  besonderer  Bitterkeit  empfand  er  zugleich  die  Enttauschung, 
die  ihm  die  ElsaB-Lothringer  durch  ihr  Verhalten  beim  Zusammenbruch  be- 
reitet  hatten.  Wie  anders  lauten  jetzt  seine  Worte,  als  bei  seinem  Abschied 
19 14!  Dieses  Volk  zu  verlieren,  erachtete  er  jetzt  geradezu  als  einen  mora- 
lischen  Gewinn  fur  den  deutschen  Volkskorper.  Aber  noch  einmal  gab  er, 
auf  die  jiingste  Vergangenheit  zuriickblickend,  gerechteren  Gedanken  Raum. 
Er  zweifelte  nicht,  daB  eine  Volksabstimmung  vor  fiinf  bis  sechs  Jahren  fiir  uns 
giinstig  ausgef alien  ware.  Zabern  war  ihm  das  »Praludium  zur  militarischen 
Gewaltherrschaft,  die  dann  wahrend  des  Krieges  so  iippige  Bliiten  getrieben  hat, 
daB  das  Volk  schlieBlich  vollig  irre  wurde  und  den  Einmarsch  der  Franzosen  als 
eine  Erlosung  aus  der  Knechtschaft  bejubelte.  Das  alldeutsch-militaristische 
Rezept,  daB  das  Reichsland  nur  mit  riicksichtsloser  Gewalt  ,eingedeutscht'  wer- 
den  konne,  hat  sich  als  triigerisch  erwiesen  und  das  System  bankrott  gemacht. « 
Aber  die  Zeit  werde  kommen,  wo  die  von  den  Franzosen  verhatschelten  »  wieder- 
gewonnenen  B  ruder  «  sich  nach  der  deutschen  Herrschaft  zuriicksehnten  und 
als  die  Het-es  carries «  auch    den   jetzigen  Siegern  zu  schaffen  machten. 

Sein  letztes  Schreiben  an  Lienhard  ist  vom  26.  Februar  1919  datiert.  Noch- 
mals  hatte  er  sich  an  die  Spitze  einer  Unternehmung  gestellt,  obwohl  er  seit 
Monaten  an  einem  alten  schmerzhaften  Unterleibs-Nervenleiden  erkrankt 
war,  das  ihm  das  Sitzen  und  Schreiben  zur  Qual  machte.  Es  war  der  Hilfs- 
verein  fiir  die  aus  ElsaB-Lothringen  Vertriebenen.  »Man  verhullt  sein  Haupt 
und  f ragt  sich,  ob  man  iiberhaupt  noch  ein  Vaterland  hat  ? ! «  ruft  er  auch  dem 
alten  Korrespondenten  zu,  dem  er  von  jener  neuen  Tatigkeit  Mitteilung 
macht.  Die  Nachschrift  aber  lautet:  »Erinnern  Sie  sich  meines  Brief  es  wegen 
des  U-Bootkrieges?  Was  hat  er  uns  gebracht?  Den  Verlust  des  Krieges!* 

Es  ist  das  letzte  Wort,  das  uns  von  ihm  bekannt  ist.  Sein  leidender  Zustand 
veranlaBte  den  Fiirsten  und  seine  Gemahlin  in  diesem  Jahr  zu  langerem 
Aufenthalt  in  Stora  Sundby,  als  es  sonst  der  Fall  war.  Im  Dezember  siedelte  er 
nach  Stockholm  liber,  um  sich  einer  Operation  zu  unterziehen.  Wenige  Tage  nach 
ihrer  Ausfiihrung  ist  er  gestorben.  Einer  der  in  Krieg  und  Frieden  hochverdienten 
Paladine  des  kaiserlichen  Deutschlands  ist  mit  ihm  dahingegangen. 


484  X9I9 

Literatur:  Quellen:  Handschrif tliche :  Personalakten  im  Ausw.  Amt  und  im  Reichs- 
archiv.  —  Zwei  eigenhandige  Schriftstiicke  des  Fiirsten  (Abschiedsrede  in  StraBburg  und 
ein  Brief,  25.  Dezember  1918)  aus  Privatbesitz. —  (Offizielles  handschr.  Material  und  private 
Auf zeichnungen  des  Fiirsten  bisher  unzuganglick.)  —  Gedruckte :  Die  Grofle  Politik  der 
europ.  Kabinette  1871 — 1914  (Sammlung  der  diplom.  Akten  des  Ausw.  Amtes),  Bde.  7, 
1 8 — 23,1 .  Denkwiirdigkeiten  des  Gen  eralfeldmarsch  alls  Alfred  Grafen  v.  Waldersee,  Bd.2. — 
»Der  Tiirmer«  (hrsg.  von  Fr.  Lienhard),  Februar-  bis  Maiheft  1924. —  ElsaB-lothringische 
Mitteilungen,  Jahrg.  2  (1920).  —  »StraBburger  Post*,  1907  f.  —  Erich  Brandenburg,  Von 
Bismarck  zum  Weltkriege.  —  Karl  Stahlin,  Geschichte  ElsaC-Lothringens.  Auflerdem 
standen  mir  hochst  wertvolle  miindliche  Berichte  aus  der  nachsten  Umgebung  des  Statt- 
halters  zur  Verfiigung. 

Berlin.  Karl  Stahlin. 

Werner,  Alfred,  Professor  der  Chemie  in  Zurich,  *  am  12.  Dezember  1866 
in  Miilhausen  i.  Els.,  f  am  15.  November  1919  in  Zurich.  —  Alfred  W.  wurde 
als  Sohn  eines  Fabrikmeisters  geboren.  Seine  chemische  Begabung  machte  sich 
schon  wahrend  der  Schulzeit  stark  bemerkbar,  konnte  er  doch  im  Alter  von 
etwa  18  Jahren  dem  damaligen  Direktor  der  Mulhausener  Chemieschule, 
Emilio  Noelting,  die  erste  selbstverfaBte  chemische  Arbeit  zur  Begutachtung 
iiberreichen.  1885  diente  er  als  Einjahrig-Freiwilliger  in  Karlsruhe  und  horte 
gleichzeitig  bei  Engler  chemische  Vorlesungen.  Im  nachsten  Jahr  siedelte  er 
von  Karlsruhe  nach  Zurich  iiber  und  kam  so  in  die  Stadt,  der  er  sein  ganzes 
Leben  hindurch  treu  bleiben  sollte. 

Am  eidgenossischen  Polytechnikum,  der  jetzigen  eidgenossischen  Tech- 
nischen  Hochschule,  lehrten  damals  die  drei  hervorragenden  Chemiker  Lunge, 
Hantzsch  und  Treadwell,  bei  denen  er  eine  ausgezeichnete  chemische  Schule 
durchmachte.  Nachdem  W.  1889  das  Diplomexamen  als  technischer  Chemiker 
bestanden  hatte,  wurde  er  Assistent  bei  Lunge,  begann  aber  gleichzeitig  als 
Mitarbeiter  von  Hantzsch  rein  wissenschaf tliche  Fragen  zu  bearbeiten.  1890 
promovierte  er  an  der  Zuricher  Universitat  mit  der  Arbeit:  »Uber  die  raum- 
liche  Anordnung  der  Atome  in  stickstoffhaltigen  Verbindungen. « 

Nach  der  Promotion  ging  W.  auf  ein  Semester  nach  Paris,  um  sich  unter 
Berthelots  Leitung  am  College  de  France  weiter  auszubilden.  Nach  Zurich 
zuriickgekehrt,  habilitierte  er  sich  1892  am  eidgenossischen  Polytechnikum 
mit  der  Schrift:  »Beitrage  zur  Theorie  der  Affinitat  und  Valenz«,  die  mit 
manchen  iiberlieferten  Vorstellungen  aufraumte  und  die  Grundlagen  zu  einer 
neuen  Valenztheorie  legte.  Im  Herbst  1892  entwarf  dann  der  erst  sechsund- 
zwanzigjahrige  Forscher  die  spater  so  beruhmt  gewordene  Arbeit:  »Beitrag 
zur  Konstitution  anorganischer  Verbindungen «,  mit  der  er  der  Begriinder  der 
modernen  anorganischen  Konstitutionslehre  wurde  und  sich  einem  August 
Kekule  ebenbiirtig  an  die  Seite  stellte. 

Schon  im  nachsten  Jahre,  im  Herbst  1893,  wurde  er  als  Nachfolger  von 
Viktor  Merz  zum  a.o.  Professor  fur  Chemie  und  Direktor  des  chemischen 
Laboratoriums  A  der  Universitat  Zurich  ernannt.  Zwei  Jahre  spater  befor- 
derte  ihn  die  Zuricher  Regierung  zum  Ordinarius.  W.  gehorte  bald  zu  den  be- 
kanntesten  und  angesehensten  Forschern  und  Lehrern  der  Zuricher  Univer- 
sitat; ehrenvolle  Berufungen  nach  Wien  (1899),  nach  Basel  (1902),  an  die 
eidgenossische  Technische  Hochschule  (1905)  und  nach  Wiirzburg  (1910) 
lehnte  er  ab.  Die  Universitat  Genf  und  die  eidgenossische  Technische  Hoch- 
schule in  Zurich  ernannten  ihn  zum  Ehrendoktor.  Er  wurde  Ehrenmitglied, 


Wed  el.  Werner 


485 


bzw.  korrespondierendes  Mitglied  zahlreicher  wissenschaftlicher  Gesellschaften, 
so  der  Koniglichen  Gesellschaft  der  Wissenschaften  in  Gottingen,  der  Physi- 
kalisch-Medizinischen  Sozietat  in  Erlangen,  des  Physikalischen  Vereins  in 
Frankfurt,  der  Societe  de  physique  et  d'histoire  naturelle  in  Genf,  der  Societe 
imperiale  des  amis  d'histoire  naturelle,  d'anthropologie  el  d } ethnographic  in 
Moskau  usw.  Die  Schweizerische  Chemische  Gesellschaft  ehrte  ihn  durch 
Stiftung  eines  Werner-Fonds,  auch  gab  sie  eine  Werner-Plakette  heraus. 

Die  hochste  wissenschaftliche  Ehrung,  den  Nobelpreis,  erhielt  er  1913;  die 
Ziiricher  Studenten  brachten  ihrem  Meister  begeisterte  Huldigungen  dar.  Schon 
damals  hatte  aber  ein  schweres  Leiden  (Arteriensklerose),  dem  er  bald  zum 
Opfer  fallen  sollte,  seine  zerstorende  Wirkung  begonnen.  Ende  1915  sah  sich 
W.  auBerstande,  die  Hauptvorlesung  weiter  zu  halten ;  zwar  nahm  er  spater  die 
Vorlesungen  mehrfach  wieder  auf,  muBte  sie  aber  immer  wieder  unterbrechen, 
bis  ihn  die  fortschreitende  Erkrankung  191 9  notigte,  seine  Professur  nieder- 
zulegen.  Am  15.  November  1919  erloste  der  Tod  den  noch  nicht  dreiundfiinfzig- 
jahrigen  Forscher  von  seinem  schweren  und  qualvollen  Leiden;  er  starb  in 
geistiger  Umnachtung. 

W.  war  ein  offener  Charakter,  eine  einfache,  unkomplizierte  Natur,  begabt 
mit  einer  starken  Intelligenz  und  einem  festen  Willen.  Mit  einer  Arbeitskraft, 
die  fast  unerschopflich  schien,  arbeitete  er  an  seinen  experimentellen  und 
theoretischen  Problemen,  alle  Hindernisse  menschlicher  und  sachlicher  Art 
uberwindend,  bis  er  sein  Ziel  erreicht  hatte. 

DaB  W.  fiir  seine  Assistenten  und  Dozenten  nicht  immer  ein  einfacher  Chef 
war,  ist  danach  wohl  selbstverstandlich ;  er  stellte  haufig  Anforderungen  an 
sie,  die  bis  an  die  Grenze  des  Moglichen  gingen.  Diese  harte  Schule  hat  aber 
sicher  vielen  seiner  Schuler  furs  ganze  Leben  zum  Vorteil  gereicht. 

Namentlich  in  jiingeren  Jahren  hatte  er  das  ausgesprochene  Bediirfnis,  sich 
mit  seinen  Assistenten  stundenlang  iiber  neuere  Arbeiten  der  chemischen  Litera- 
tur  oder  iiber  seine  eigenen  Arbeiten  zu  unterhalten,  wobei  er  verlangte,  daB  man 
scharfe  Kritik  iibte.  Nicht  immer  war  es  fiir  seine  Assistenten  leicht,  ihm  auf 
seinen  Gedankengangen  zu  folgen,  besaB  er  doch  ein  fabelhaftes  Gedachtnis 
fiir  den  Gesamtbereich  der  reinen  Chemie,  der  anorganischen  wie  der  orga- 
nischen,  und  eine  ausgesprochene  Leichtigkeit,  von  einem  Thema  zu  einem 
anderen  iiberzugehen.  Unterhielt  man  sich  etwa  gerade  iiber  Isomerieerschei- 
nungen  bei  anorganischen  Komplexverbindungen,  so  war  man  in  den  nachsten 
Minuten  schon  mitten  in  einer  Diskussion  iiber  Fragen  der  Terpen-,  Alkaloid- 
oder  Farbstoff chemie.  Dabei  verlangte  er  von  seinen  Zuhorern,  daB  sie  die 
Konstitutions-  und  Konfigurationsformeln  der  einzelnen  Verbindungen  klar 
im  Kopf  hatten  und  mit  ihnen  frei  operieren  konnten.  Ihm  selbst  fiel  das  bei 
seinem  stark  ausgepragten  raumlichen  Vorstellungsvermogen  nicht  schwer. 

Unter  giinstigeren  Bedingungen,  als  sie  in  Zurich  herrschten,  hatte  dieser 
hervorragende  Lehrer  sicher  eine  groBe  Schule  gemacht.  Immerhin  sind  aus 
seinem  Ziiricher  Institut  auBer  zahlreichen  Schiilern,  die  heute  maBgebende 
Stellen  in  der  Industrie  einnehmen,  eine  ganze  Reihe  akademischer  Lehrer 
hervorgegangen,  von  denen  ich  hier  Berl,  Dilthey,  Dubsky,  Jantsch,  Karrer, 
Pfeiffer,  Schaarschmidt  und  Stiasny  nennen  mochte. 

Seine  Vorlesungen  (er  las  bis  1902  nur  iiber  organische,  dann  auch  iiber 
anorganische   Chemie)    waren   gut   durchgearbeitet,   in   der   Stoffanordnung 


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originell  und  durch  Klarheit  in  der  Darlegung  der  verwickeltsten  Probleme 
ausgezeichnet.  Er  sprach  eindringlich  und  mit  groBer  Begeisterung  fur  seine 
Wissenschaft,  so  daB  die  Zuhorer  mitgerissen  wurden. 

Fiir  seine  didaktische  Veranlagung  sprechen  auch  seine  beiden  Hauptwerke, 
von  denen  das  Buch  »Neuere  Anschauungen  auf  dem  Gebiete  der  anorganischen 
Chemie«  wohl  das  wichtigste  ist.  Hier  hat  er  ein  bis  dahin  weitzerstreutes, 
groBes  experimentelles  Material  gesichtet  und  mit  Hilfe  seiner  Koordinations- 
lehre  systematisch  geordnet.  Aber  auch  seine  »  Stereochemie  «  ist  von  grund- 
legender  Bedeutung,  war  sie  doch  die  erste  umfassende,  kritische  Darstellung 
dieses  so  wichtigen  Gebietes ;  auch  heute  noch  wird  bei  stereochemischen  For- 
schungen  imnier  wieder  auf  W.s  Buch  zuriickgegriffen. 

Fiir  seine  Experimentalarbeiten  iiber  anorganische  Komplexverbindungen 
hatte  sich  W.  eine  eigene  Technik  zurechtgemacht.  Auf  seinem  Experimentier- 
tisch  standen  mehrere  Mikrobrenner  und  Mikrofiltriergestelle  und  hunderte 
kleine  Glasschalchen,  deren  Inhalt  in  alien  Farben  leuchtete.  Ohne  daB  er  die 
einzelnen  Schalchen  irgendwie  kennzeichnete,  kannte  er  sich  sehr  genau  aus, 
Verwechslungen  kamen  wohl  kaum  vor. 

Das  Laboratorium,  in  welchem  W.  seine  ersten  Arbeiten  ausfuhrte,  bestand 
aus  ganz  unzulanglichen  Raumen,  zum  Teil  aus  Kellergelassen,  die  mit  Recht 
den  Namen  Katakomben  fuhrten.  1909  hatte  W.  die  Freude,  einen  nach  seinen 
Planen  erstellten,  geraumigen,  praktisch  und  schon  eingerichteten  Neubau 
beziehen  zu  konnen,  der  ganz  seinen  Wunschen  entsprach.  Hier  entstanden 
vor  allem  seine  wichtigen  Untersuchungen  iiber  die  optisch  aktiven  anorga- 
nischen Verbindungen. 

Verheiratet  war  W.  mit  Emma  Giesker,  einer  Ziiricherin,  die  aus  einer  ein- 
gewanderten  deutschen  Familie  stammte;  der  Ehe  entsprossen  zwei  Kinder, 
ein  Junge  und  ein  Madchen,  an  denen  er  mit  groBer  Liebe  hing.  W.  war  eine 
durchaus  gesellige  Natur;  seine  Erholung  von  geistiger  Arbeit  fand  er  im 
Freundeskreise  beim  Billard-  und  Schachspiel  oder  beim  schweizerischen 
Kartenspiel,  dem  sogenannten  JaB.  In  den  Herbstferien  ging  er  fiir  wenige 
Wochen  zur  Erholung  in  die  Berge;  groBere  Vergniigungsreisen  zu  machen 
liebte  er  nicht ;  doch  war  er  ein  eif  riger  Besucher  wissenschaf tlicher  Kongresse, 
auch  hat  er  manche  Vortrage  auBerhalb  der  Schweiz  gehalten. 

Als  Elsasser  hatte  W.  kulturelle  Sympathien  fiir  Deutschland  wie  fiir  Frank- 
reich,  betonte  aber  stets,  daB  er  seine  wissenschaftliche  Ausbildung  ganz  der 
deutschen  Wissenschaft  verdanke;  als  seinen  eigentlichen  I^ehrer  verehrte  er 
vor  allem  Arthur  Hantzsch.  Seine  Untersuchungen  hat  er  fast  ausnahmslos 
in  deutschen  Zeitschriften  veroffentlicht ;  auch  sind  seine  Biicher  in  deutscher 
Sprache  abgefaBt.  Im  Weltkrieg  aber  stand  er  mit  seinen  Sympathien  fast 
ganz  auf  franzosischer  Seite. 

Von  den  wissenschaftlichen  Arbeiten  W.s  ist  gleich  die  erste,  die  er  mit 
24  Jahren  (1890)  als  Dissertation  einreichte,  eine  hervorragende  Leistung,  be- 
griindete  sie  doch  einen  neuen  Zweig  der  Stereochemie,  die  Stereochemie  des 
Stickstoffs.  Die  Veroffentlichung  in  den  »Berichten«  ist  zwar  gemeinschaft- 
lich  von  Hantzsch  und  W.  abgefaBt,  doch  ist  die  Grundidee  der  Arbeit,  nach 
der  in  zahlreichen  Verbindungen  des  dreiwertigen  Stickstoffs  (z.  B.  in  den 
Oximen)  die  drei  Valenzkrafte  des  Stickstoffatoms  nach  drei  Ecken  eines 
Tetraeders  gerichtet  sind,  in  dessen  vierter  Ecke  das  Stickstoffatom  selbst 


Werner  487 

steht,  von  W.  allein.  W.  bekampft  in  seiner  Arbeit  mit  Erfolg  die  Anschauungen 
von  V.  Meyer  und  K.  Auwers,  welche  die  Isomerieerscheinungen  der  Oxime 
des  Benzils  durch  Aufgabe  des  van't  Hoffschen  Prinzips  der  freien  Rotation 
einfach  gebundener  Kohlenstoffatome  um  die  C-C-Achse  erklaren  wollten. 
Seine  sinngemaBe  Erweiterung  der  van't  Hoffschen  Lehre  der  Stereochemie 
des  Kohlenstoffs  hat  sich  durchaus  bewahrt.  Am  experimentellen  Ausbau 
seiner  neuen  I^ehre,  die  wir  vor  allem  A.  Hantzsch  verdanken,  hat  sich  W.  nur 
kurze  Zeit  beteiligt,  ihn  lockten  bald  Probleme  ganz  anderer  Art. 

Schonein  Jahrnach  derVeroffentlichung  der  » Stereochemie  desStickstoffs«, 
im  Jahre  1891,  erschien  seine  Habilitationsschrif t :  »Beitrage  zur  Theorie  der 
Affinitat  und  Valenz«,  die  er  leider  in  der  schwerzuganglichen  Vierteljahrs- 
schrift  der  Zuricher  Naturforschenden  Gesellschaft  veroffentlicht  hat,  so  daB 
die  hier  niedergelegten  Ideen  erst  recht  spat  zur  Geltung  gekommen  sind.  Fur 
W.  selbst  aber  war  diese  Arbeit  die  Vorbereitung  zu  seiner  genialen  Schopfung 
der  Koordinationslehre.  W.  geht  in  seiner  Arbeit  aus  dem  Jahre  1891  ganz 
neue  Wege ;  er  verwirf t  die  ubliche  Auff assung  der  Valenzkraft  als  gerichtete 
Einzelkraft,  er  nimmt  an,  daB  die  Affinitat  eine  vom  Zentrum  des  Atoms 
gleichmaBig  nach  alien  Teilen  seiner  (der  Einfachheit  halber  kugelformig 
gedachten)  Oberflache  wirkende  anziehende  Kraft  ist.  Die  Valenzzahl  ist 
so  fur  ihn  nur  ein  empirischer  Zahlenbegriff.  Es  gelingt  W.,  die  van't 
Hoffschen  Konfigurationsformeln  organischer  Verbindungen  auch  ohne  die 
Annahme  gerichteter  Einzelkrafte  abzuleiten,  eine  recht  annehmbare  Deu- 
tung  fur  die  stereochemischen  Umlagerungen  zu  geben  und  das  Benzol- 
problem  von  einer  neuen  Seite  aus  anzupacken.  Eine  Ausgestaltung  dieser 
Ideen  finden  wir  in  einer  spateren  Mitteilung  aus  dem  Jahre  1906:  »Uber 
den  wechselnden  Affinitatswert  einfacher  Bindungen«,  die,  zusammen  mit 
der  Thieleschen  Theorie  der  Partialvalenzen,  die  organische  Chemie  ungemein 
befruchtet  hat. 

W.s  genialste  Leistung  ist  zweifellos  die  Aufstellung  der  Koordinationslehre, 
mit  der  der  junge  26jahrige  Forscher  eine  neue  Entwicklungsphase  der  an- 
organischen  Chemie  anbahnte.  Wir  wissen  aus  W.s  eigenem  Munde,  daB  die 
Erleuchtung  ihm  blitzartig  kam.  Morgens  um  2  Uhr  schreckte  er  aus  dem 
Schlafe  auf ,  die  von  seinem  Gehirn  schon  lange  gesuchte  Losung  hatte  sich  ein- 
gestellt.  Er  erhob  sich  sofort  vom  Lager  und  abends  um  5  Uhr  war  die  Koordi- 
nationslehre in  ihren  wesentlichen  Ziigen  abgeschlossen.  (Nach  R.  Huber, 
Schweizerische  Chemikerzeitung,  Jahrgang  1920,  S.  73.) 

Zum  besseren  Verstandnis  der  Bedeutung  der  W.schen  Koordinationslehre 
sei  kurz  darauf  hingewiesen,  daB  man  die  chemischen  Verbindungen  zweck- 
maBig  in  Verbindungen  erster  Ordnung  und  Verbindungen  hoherer  Ordnung 
(Molekiilverbindungen)  einteilt.  Zu  den  Verbindungen  erster  Ordnung  rechnen 
wir  alle  Verbindungen,  deren  Molekule  sich  aus  zwei  verschiedenen  Atomarten 
aufbauen  (Chloride,  Oxyde,  Sulfide,  Nitride,  Hydride  usw.),  auBerdem  aber 
noch  solche  Substanzen,  die  sich  von  diesen  einfachsten  Verbindungen  erster 
Ordnung  durch  Ersatz  einzelner  Atome  durch  Atome  anderer  Art  oder 
Atomgruppen  (Radikale)  ableiten,  wie  es  bei  der  groBen  Mehrzahl  der  fast 
uniibersehbar  groBen  Schar  der  organischen  Verbindungen  der  Fall  ist.  Fiir 
die  Systematik  all  dieser  Substanzen  hat  sich  die  Kekutesche  Valenzlehre  als 
ganz  unentbehrlich  erwiesen ;  sie  hat  hier  wahre  Triumphe  gefeiert. 


488  19 1 9 

Diese  Valenzlehre  versagt  aber  ganzlich,  wenn  wir  sie  auf  die  Molekul- 
verbindungen  anzuwenden  versuchen,  d.  h.  auf  diejenigen  geradezu  zahllosen 
Verbindungen,  die  sich  aus  den  Verbindungen  erster  Ordnung  durch  Zu- 
sammenlagerung  ihrer  Molekule  zu  mehr  oder  weniger  festen  Molekular- 
komplexen  aufbauen;  hierher  gehoren  u.  a.  die  Hydrate,  Metallammoniaksalze, 
Doppelsalze,  Heteropolysauren,  Chinhydrone,  Verbindungen  der  Nitrokorper 
mit  Kohlenwasserstoffen  usw.  Dadurch,  daJ3  man  immer  wieder  versucht  hat, 
die  Kekul£sche  Valenzlehre  auch  auf  die  Molekulverbindungen  zu  tibertragen, 
ist  man  zu  ganz  phantastischen  Konstitutionsformeln  gelangt,  die  der  Ent- 
wicklung  mehr  geschadet  als  gentitzt  haben. 

W.  verwirft  die  Anwendung  der  Kekuleschen  Valenzlehre  auf  die  Molekul- 
verbindungen;  er  stellt  diese  gewissermaBen  auf  eigene  Fiifle  und  entwickelt 
fiir  sie  eine  ganz  neuartige  theoretische  Grundlage,  welche  es  gestattet,  auch 
sie  ubersichtlich  zu  ordnen  und  zahlreiche  Isomerieerscheinungen  dieses  Gebie- 
tes  auf  einfache  Weise  zu  deuten. 

Nach  W.  wirken  bei  den  anorganischen  Molekulverbindungen  einzelne  Atome 
als  Zentralatome,  um  die  eine  bestimmte  Zahl  anderer  Atome,  die  Radikalen 
oder  aber  selbstandig  existenzfahigen  Molekulen  angehoren  konnen,  nach  ein- 
fachen  raumgeometrischen  Gesetzen  gelagert  sind.  Die  Zahl  nun,  die  uns  an- 
gibt,  wie  viele  Atome  in  einer  Molekulverbindung  um  ein  Zentralatom  gruppiert 
sind,  nennt  W.  die  Koordinationszahl  dieses  Atoms.  Der  Begriff  der  Ko- 
ordinationszahl,  dem  sich  noch  die  Begriffe:  »Nebenvalenz«  und  »indirekte 
Bindung«  anschlieBen,  bildet  den  Mittelpunkt  des  ganzen  W.schen  Systems. 
Als  Koordinationszahlen  kommen  nur  einige  wenige  in  Betracht,  von  denen  die 
wichtigsten  dieZahlen  drei,  vier,  sechs  und  achtsind.  Besonders  haufig  tritt  die 
Zahl  sechs  auf.  Dem  Sechsertypus  entsprechen  Tausende  Molekulverbindungen 
des  Kobalts,  Chroms,  Platins  usw.  Bei  ihnen  alien  ist,  wie  W.  schon  in  seiner 
ersten  Arbeit  zeigte,  die  raumliche  Anordnung  eine  oktaedrische,  indem  die  sechs 
Liganden  um  das  zentrale  Metallatom  in  Oktaederecken  gelagert  sind. 

Die  Vorstellungswelt  W.s  war  so  neuartig  und  wich  so  sehr  von  allem  t)ber- 
lieferten  ab,  daB  nur  ganz  wenige  Fachgenossen  die  Bedeutung  seiner  Ideen  er- 
kannten.  Hierzu  kam  als  erschwerender  Umstand  die  »organische«  Orientie- 
rung  der  meisten  damaligen  Chemiker;  feierte  doch  gerade  in  jener  Zeit  die 
organische  Chemie  groBe  Triumphe.  Bei  W.  setzte  nun  eine  mehr  als  zwanzig- 
jahrige  experimentelle  Arbeitsperiode  ein,  die  an  Intensitat  des  Schaffens  kaum 
ihresgleichen  hat.  Immer  neue  Reihen  von  Molekulverbindungen  wurden  in 
Gemeinschaft  mit  zahlreichen  Mitarbeitern  dargestellt  und  auf  ihre  Konsti- 
tution  und  Konfiguration  hin  untersucht  (es  sind  unter  seiner  Leitung  gegen 
200  Dissertationen  entstanden;  die  Zahl  seiner  Publikationen  betragt  mehr 
als  150).  Immer  harmonischer  gestaltete  sich  so  das  Gebaude  der  anorganischen 
Komplexchemie,  bis  ihm  schlieBhch  (nach  18  Jahren)  die  so  wichtige  Ent- 
deckung  optisch  aktiver  anorganischer  Verbindungen  gelang,  deren  Existenz 
er  auf  Grund  seiner  Oktaedertheorie  vorausgesehen  hatte.  Damit  war  eine  der 
wichtigsten  Folgerungen  seiner  Theorie  experimentell  bewiesen,  so  daB  die 
groBe  Bedeutung  der  Koordinationslehre  fiir  die  chemische  Systematik  nun- 
mehr  allgemein  anerkannt  wurde. 

Es  begann  jetzt  der  Siegeszug  der  Koordinationslehre,  an  dem  sich  W.  selbst 
kaum  noch  beteiligen  konnte.  Diese  Lehre,  deren  Ausgangspunkt  die  Chemie 


Werner  489 

der  Metallammoniaksalze  und  Doppelsalze  war,  zweier  Korperklassen,  die  man 
damals  nicht  fur  besonders  wichtig  und  interessant  hielt,  hatte  noch  unter  W.s 
Fiihrung  fast  die  ganze  systematische  anorganische  Chemie  erobert  und  schon 
ihre  Fuhler  nach  der  organischen  Chemie  ausgestreckt.  Heute  ist  ihre  Be- 
deutung  auch  fiir  die  organische  Chemie  aUgemein  anerkannt.  Auch  in  der 
Kristallographie  spielen  koordinationstheoretische  Begriffe  eine  immer  grbBere 
Rolle,  scheint  es  doch  so,  daB  die  Kristalle  ganz  aUgemein  nach  den  Gesetzen 
der  Koordinationslehre  aufgebaut  sind.  Nehmen  wir  noch  hinzu,  daB  in  die 
Lehre  der  Adsorptionserscheinungen  und  in  die  Theorie  der  Losungen  ko- 
ordinationstheoretische Betrachtungen  ebenfalls  einzudringen  beginnen  — 
hier  ist  noch  alles  im  FluB  — ,  so  erkennt  man  ohne  weiteres  die  umf  assende 
Bedeutung  von  W.s  Lebenswerk. 

Von  besonderem  Interesse  erscheint  noch  die  Beantwortung  der  Frage,  ob 
eigentlich  der  W.sche  Ideenkreis  das  Endergebnis  einer  kontinuierlichen  Ent- 
wicklung  ist,  ob  sich  also  bestimmte  Personlichkeiten  namhaft  machen  lassen, 
die  schon  vor  ihm  wesentliche  Teile  seiner  Theorie  mehr  oder  weniger  klar  ent- 
wickelt  haben.  So  viel  ich  sehen  kann,  ist  das  nicht  der  Fall.  Zwar  benutzt  W.  in 
seiner  Koordinationslehre  gewisse  Gedankengange  der  Valenzlehre  Kekules,  der 
Stereochemie  van't  Hoffs  und  der  elektrolytischen  Dissoziationstheorie  von 
Arrhenius.  Das  von  ihm  errichtete  Lehrgebaude  macht  aber  durchaus  den  Ein- 
druck  eines  ganz  selbstandigen  schopferischen  Akts.  Das  wird  besonders  deut- 
lich,  wenn  man  W.  mit  Jorgensen  vergleicht,  dem  wir  (vor  und  gleichzeitig  mit 
W.)  grundlegende  experimentelle  Arbeiten  auf  dem  Gebiete  der  Metallammo- 
niaksalze verdanken.  Jorgensen  vermochte  sich  nicht  frei  von  der  ublichen 
starren  Valenzlehre  zu  machen;  seine  Formelbilder  konnten  daher  nicht  be- 
friedigen;  sie  gaben  keinen  AnstoB  zu  einer  Weiterentwicklung  der  Chemie. 
Jorgensen  erkannte  auch  nicht  geniigend  den  inneren,  theoretischen  und  experi- 
mentellen  Zusammenhang  aller  Teilgebiete  der  Molekiilverbindungen. 

tjber  diesen  inneren  Zusammenhang  war  sich  Mendelejeff ,  der  Begriinder  des 
periodischen  Systems  der  Elemente  (gleichzeitig  mit  Lothar  Meyer),  vollig  im 
klaren.  In  seinem  1901  in  deutscher  Sprache  erschienenen  Lehrbuch :  »Grund- 
lagen  der  Chemie  «,  welches  W.  bekannt  war,  betont  er  ganz  scharf  die  konsti- 
tutionelle  Zusammengehorigkeit  von  Metallammoniaksalzen,  Hydraten 
und  Doppelsalzen,  ja  er  zieht  schon  Legierungen  und  Losungen  in  seine  Be- 
trachtungen ein.  Doch  fuhrten  seine  Bemuhungen,  hier  Ordnung  zu  schaffen, 
nicht  zum  Ziel,  trotzdem  er  bewies,  daB  die  damaligen  rein  valenzmaBigen 
Formulierungen  nicht  aufrechterhalten  werden  konnten,  und  trotzdem  er  die 
systematische  Stellung  einzelner  Verbindungsreihen,  z.  B.  der  polymeren 
Metallhalogenide,  wie  Al2  X6  usw.  (sie  gehoren  nach  ihm  zu  den  Doppelhalo- 
geniden)  richtig  einschatzte.  Erst  Alfred  W.  war  es  vergonnt,  durch  seine  ge- 
niale  Schopfung  der  Koordinationslehre  das  von  Mendelejeff  ersehnte  Ziel 
zu  erreichen. 

Literatur:  Helvetica  Chi  mica  Acta,  Band  3,  S.  196  (1920).  —  Manner  der  Technik, 
HerausgeberC.Matschofi,  1925,  S.  290.  —  Schweizerische  Chemikerzeitung,  Jahrgangi92o, 
S.  73.  —  Zeitschrift  fiir  angewandte  Chemie,  Band  ^^,  S.  37  (1920).  —  Zeitschrift  fiir 
Elektrochemie,  Band  26,  S.  514  (1920).  —  Eine  fast  liickenlose  Zusaramenstellung  der 
W. sehen  Veroffentlichungen  findet  sich  in  Helvetica,  Chimica  Acta,  Band  3,  S.  225. 

Bonn.  Paul  Pfeiffer. 


1920 

Beck-Rzikowsky,  Friedrich  Graf,  Generaloberst  und  Kapitan  der  ersten 
Arcierenleibgarde,  ehemaliger  Chef  des  osterreichisch-ungarischen  General- 
stabes,  *  am  3i.Marz  1830  zu  Freiburg  im  Breisgau,  f  am  9.Februar  1920  zu 
Wien.  —  Graf  B.,  einer  der  markantesten  und  prominentesten  Gestalten  der 
versunkenen  osterreichisch-ungarischen  Armee  innerhalb  der  Francisko- 
Josephinischen  Epoche,  war  der  Sohn  eines  deutschen  Universitatsprofessors 
(Gynakologe).  Er  kam  1846  nach  Osterreich  in  die  Pionierkorpsschule  zu 
Tulln  an  der  Donau,  einst  eine  beriihmte  Militarschule,  der  viele  hervor- 
ragende  Militars  entstammten,  darunter  merkwiirdigerweise  auch  Arthur 
Gorgey,  der  Revolutionsgeneral  en  chef  der  ungarischen  Armeen  in  den 
Insurrektionskriegen  1848/49. 

In  dem  ersten  dieser  beiden  Jahre  wurde  B.  vorzeitig  als  Leutnant  zum 
Infanterieregiment  Nr.  59  ausgemustert.  Als  solcher  machte  er  den  Winter- 
feldzug  1848  in  Ungarn,  im  folgenden  Fruhjahr  in  Italien  die  Kampfe  um 
Brescia  mit,  wobei  er  sich  auszeichnete  und  dekoriert  wurde.  Bald  darauf 
dem  Generalstabe  zugeteilt,  absolvierte  er  1852  die  eben  neuerrichtete  Kriegs- 
schule  (Kriegsakademie)  in  Wien.  Zum  Hauptmann  im  Generalquartiermeister- 
stabe  ernannt,  wurde  er  Adjutant  des  damaligen  Generalstabchefs  Feldzeug- 
meister  Baron  HeB,  in  dessen  Suite  er  wichtige  Dienstreisen  im  lombardo- 
venezianischen  Konigreiche  absolvierte.  Nach  kurzer  Dienstleistung  bei  der 
Militarmappierung  in  Ungarn  wurde  er  bei  Ausbruch  des  Feldzuges  1859 
Generalstabschef  der  Division  des  Feldmarschalleutnants  Baron  Reischach, 
zeichnete  sich  bei  mehrfachen  Gelegenheiten,  namentlich  in  der  Schlacht  bei 
Magenta  aus,  woselbst  er  durch  einen  SchuB  im  Knie  verwundet  wurde.  Im 
Jahre  darauf  als  Protokollfuhrer  bei  der  Bundesmilitarkommission  in  Frank- 
furt a.  M.  eingeteilt,  heiratete  er  die  Tochter  des  Prasidenten,  des  Generals 
Baron  Rzikowsky,  dessen  Namen  dem  seinigen  beigefiigt  wurde.  Seine  Gattin 
stand  ihm  dann  durch  40  Jahre  als  Lebensgefahrtin  treu  zur  Seite. 

1863  erfolgte  seine  Zuteilung  zur  Generaladjutantur  des  Kaisers.  Damit  be- 
ginnt  nun  B.s  eigentliche  Lebenstatigkeit,  die  ihn  noch  in  ganz  jungen  Jahren 
zu  einer,  im  stillen  wirkenden,  doch  hochst  maBgebenden  Personlichkeit 
machte.  Er  gewann  nicht  nur  das  unbeschrankte  Vertrauen  seines  Chefs,  des 
Generaladjutanten  Graf  Crenneville,  sondern  auch  jenes  des  Kaisers  Franz 
Joseph.  Dies  pragte  sich  in  eminenter  Weise  vor  und  nach  den  verjiangnis- 
vollen  Tagen  von  Koniggratz  aus.  Drei  Tage  vor  der  Schlacht,  als  bereits  eine 
Reihe  ungliicklich  verlaufener  Kampfe  stattgefunden  hatte,  wurde  er  direkt 
zum  Armeekommandanten  Benedek  gesandt,  teils  zu  personlicher  Bericht- 


B  eck-Rziko  wsky  49 I 

erstattung,  teils  um  dem  schon  schwer  bedriickten  Feldherrn  die  Anschauungen 
der  obersten  Reichsstelle  zu  vermitteln.  Er  nahm  an  einem  Kriegsrat  teil,  in 
dem  beschlossen  wurde,  die  Armee  hinter  die  Elbe  zu  fiihren.  Kaum  zuriick- 
gekehrt,  vernahm  er,  dafi  sich  der  Feldherr  doch  zur  Annahme  einer  Schlacht 
in  einer  Stellung  nordlich  der  Elbe  entschlossen  habe,  ja  daB  die  Schlacht 
bereits  im  Gange  sei.  Es  ist  noch  immer  nicht  vollstandig  geklart,  was  Benedek 
zu  diesem  plotzlichen  und  wenig  gliicklichen  EntschluB  bewogen  hat.  Ein  un- 
richtig  ausgelegtes  Telegramm  des  Generaladjutanten  Graf  Crenneville  mag 
moglicherweise  die  auslosende  Ursache  gewesen  sein. 

Noch  ein  zweites  Mai  wurde  B.  ins  Hauptquartier  Benedeks  gesendet,  als 
dessen  Armee  nach  dem  Riickzuge  bei  Olmiitz  konzentriert  war.  Es  wurde 
der  weitere  Riickmarsch  mit  dem  Gros  durch  das  Waagtal  beschlossen.  Wohl 
praludierte  dessen  Einleitung  ungliicklich  in  den  Gefechten  bei  Dub  und 
Tobitschau,  doch  gelang  es  dann  immerhin,  die  ganze  Armee  vom  Gegner 
fast  unbelastigt  hinter  die  Donau  zwischen  PreBburg  und  Tulln  zu  bringen, 
woselbst  sie  sich  —  unter  dem  allgemeinen  Oberbefehl  des  Feldmarschalls 
Erzherzog  Albrecht  —  mit  der  indessen  herangezogenen  Sudarmee  vereinte. 

Der  Waffenstillstand  vom  21.  Juli  1866  beendete  bekanntlich  das  bei 
(nordlich)  PreBburg  im  Gang  befindliche  Treffen,  doch  auch  den  Krieg,  der 
erst  in  seinen  mittelbaren  Folgen  so  weittragende  Konsequenzen  zeitigen  sollte. 

Im  Jahre  darauf  wurde  B.  zum  Vorstand  einer  neuerrichteten  Militarkanzlei 
des  Kaisers  ernannt,  die  im  weiteren  Verlaufe  des  Bestandes  einen  so  mach- 
tigen  EinfluB  auf  alle  Angelegenheiten  der  Armee,  namentlich  hinsichtlich 
der  Personalien  gewinnen  sollte;  objektiv  genommen,  nicht  immer  zu  sach- 
lichem  Vorteil. 

Zunachst  erhielt  B.,  der  indessen  zum  Obersten  avanciert  und  vielfach  aus- 
gezeichnet  worden  war,  die  Aufgabe,  an  der  Regelung  jener  Details  mitzu- 
wirken,  die  sich  bei  Reorganisation  der  Armee  im  Sinne  des  dualistischen 
Reichsaufbaues  ergeben  hatten.  Es  war  dies  eine  ebenso  komplizierte  als 
schwierige  Aufgabe,  was  aus  dem  Umstand  resultierte,  daB  man  militarischer- 
seits  —  begreiflicherweise  —  bestrebt  war,  den  einheitlichen  Charakter  der 
Wehrmacht  moglichst  zu  wahren,  wahrenddem  auf  seiten  der  ungarischen 
Politiker  aus  nationalen  und  wohl  auch  aus  Eitelkeitsgriinden  das  Bestreben 
vorwaltete,  den  ungarischen  Heeresteil  moglichst  selbstandig  zu  machen,  ge- 
wissermaBen  als  eine  Art  magyarischer  Hausmacht  zu  organisieren.  Der 
Niederschlag  dieser  Bestrebungen  machte  sich  in  all  den  folgenden  Dezennien 
geltend;  oft  in  geradezu  heftiger  Weise,  was  weder  dem  Organismus  der 
Wehrmacht  noch  dem  Ansehen  des  Donaustaates  forderlich  war.  B.  nahm 
hierbei  eine  vermittelnde  Rolle  ein,  die  nicht  ohne  kleinere  sachliche  Er- 
folge  blieb. 

Im  Gefolge  des  Kaisers  nahm  er  1867  an  dessen  Reise  nach  Paris  anlaBlich 
der  dortigen  ersten  Weltausstellung,  und  zwei  Jahre  spater  an  der  Orient- 
reise  teil,  die  das  kulturell  wie  politisch  gleich  wichtige  Ereignis  der  Eroff- 
nung  des  Suezkanales  zur  Veranlassung  hatte.  Die  Wahrnehmungen,  die  er 
bei  diesen  hochinteressanten  Begebenheiten  sammelte,  bildeten  in  den  spateren 
Jahren  ein  beliebtes  Konversationsthema,  wie  denn  B.  iiberhaupt  —  insoweit 
es  sein  Pflichtenkreis  zulieB  —  geselliger  Natur  war  und  dies  bis  in  die  spaten 
Jahre  blieb. 


492  I92Q 

Von  maBgebendem  und  tiefgreifendem  EinfluB  aber  war  in  den  Jahren 
darauf  seine  Stellungnahme  anlaBlich  des  Ausbruches  des  Deutsch-Franzo- 
sischen  Krieges.  Da  machten  sich  in  der  nachsten  Umgebung  des  Monarchen 
zwei  divergente  Stromungen  geltend.  Die  eine,  die  zu  einer  Teilnahme  Oster- 
reich-Ungarns  am  Kriege  an  der  Seite  Frankreichs  riet,  ja  drangte,  war 
reprasentiert  durch  den  Minister  des  AuBern  Graf  Beust,  durch  Feldmarschall 
Erzherzog  Albrecht  und  den  Kriegsminister  Baron  Kuhn;  sie  stiitzte  sich 
iiberdies  auf  viele  Stimmen  aus  Heer  und  Gesellschaft.  Dagegen  stand  nun 
der  ungarische  Ministerprasident  Graf  Andrassy  und  der  Chef  der  Militar- 
kanzlei  v.  B.,  die  sich  fur  voile  Neutralitat  einsetzten.  Nach  kurzen,  doch 
heftigen  Schwankungen  wurde  unter  dem  Eindruck  der  siegreichen  Einmarsch- 
kampfe  der  Deutschen  sowie  der  Haltung  RuBlands  der  Kriegsgedanke  auf- 
gegeben,  was  zum  Riicktritt  Beusts  und  dessen  Ersatz  durch  Andrassy  fiihrte. 
Doch  auch  B.s  EinfluB  wurde  immer  machtiger,  was  —  nach  Menschenart — 
ihm  viel  Neider  und  Feinde  schuf,  die  er  aber  durch  sein  bescheidenes,  stets 
taktvolles  Auftreten  zum  Teil  versohnte. 

Der  beruhmten  Drei-Kaiser-Zusammenkunft  in  Berlin  im  Herbst  1872  — 
Kaiser  Wilhelm,  Franz  Joseph,  Alexander  II.  von  RuBland  —  wohnte  er  im 
Gefolge  des  Kaisers  bei  und  1874  der  Kaiserreise  nach  Moskau  und  Peters- 
burg, nachdem  er  vorher  zum  Generalmajor  und  Generaladjutanten  ernannt 
worden  war.  All  diese  diplomatischen  Reisen,  zu  denen  sich  im  Jahre  1875 
noch  jene  nach  Venedig,  anlaBlich  der  Entrevue  Kaiser  Franz  Josephs  mit 
Konig  Viktor  Emanuel,  gesellte,  gewahrten  ihm  natiirlich  den  genauesten 
Einblick  in  das  diplomatische  Spiel  und  Gegenspiel  am  ganzen  Kontinent 
und  brachte  ihm  eine  vollendete  Kenntnis  der  handelnden  Personlichkeiten. 
Hierdurch  wuchs  B.  iiber  seine  systemgemaBe  Stellung  hinaus  und  wurde  in 
vielen  auch  nicht  rein  militarischen  Fragen  zu  einem  Mitarbeiter  an  den  Er- 
wagungen  und  Entschliissen  des  Monarchen.  Dies  machte  sich  auch  im 
Jahre  1876,  bei  der  vielgenannten  Entrevue  des  Zaren  mit  Kaiser  Franz 
Joseph  auf  SchloB  Reichstadt  in  Bohmen,  geltend.  Von  da  an  wurde  die 
perniziose  »orientalischeFrage«  erneuert  in  Gang  gesetzt,  urn,  auBer  in  kurzen 
Intervallen,  nie  mehr  zur  Ruhe  zu  gelangen  und  schlieBlich  das  Antlitz  Europas, 
ja  der  ganzen  planetarischen  Welt,  griindlich  zu  andern. 

Das  Jahr  1878,  in  dem  B.  zum  Feldmarschalleutnant  ernannt  wmrde,  brachte 
ihm  wieder  eine  besondere  Mission,  deren  Ziel  die  Klarung  der  Regierungs- 
und  Kommandoverhaltnisse  nach  der  bewirkten  Okkupation  Bosniens  und 
der  Herzegowina  bildete.  Drei  Jahre  spater  aber  —  11.  Juni  1881  —  wurde 
er  zum  Chef  des  Generalstabes  ernannt,  welchen  Posten  er  dann  durch  ein 
Vierteljahrhundert  innehatte. 

Nun  waren  es  natiirlich  vor  allem  die  groBen  operativen  Erwagungen,  die 
zu  dem  Pflichtenkreis  B.s  gehorten,  wofur  ihn  aber  die  genaue  Kenntnis  all 
der  politischen  und  diplomatischen  Beziehungen  eine  vortreffliche  Basis  ab- 
gab.  Das  Charakteristische  an  B.s  geistiger  Individuality  war  sein  nuchternes, 
jeglicher  Phantastik  abgewendetes  Urteil,  das  die  Dinge  in  ihrer  konkreten 
Wirklichkeit  erkennen  lieB  und  daher  Trugschliisse  ausschloB.  Er  war  wedei 
ein  Feuergeist  noch  ein  Genie,  doch  ein  klarer  Denker  und  kuhler  Rechner, 
der  den  Dingen  auf  den  Grund  ging  und  auch  in  ihren  moglichen  weiteren 
Folgen  leidenschaftslos,  doch  konsequent  durchdachte.  Auch  war  ihm  Men- 


Beck-Rzikowsky  403 

schenkenntnis  in  bemerkenswertem  MaBe  eigen,  desgleichen  die  im  alten 
Osterreich  besonders  schwierige  Kunst,  die  obersten  Staatsautoritaten  richtig 
zu  behandeln. 

Er  wandte  sich  nun  auch  mit  gewohnter  Intensitat  seinem  neuen  Wirkungs- 
kreis  zu,  was  um  so  notwendiger  war,  als  im  Sommer  1882  die  ersten  Ver- 
handlungen  mit  dem  Generalquartiermeister  des  deutschen  Heeres,  Grafen 
Waldersee,  stattfanden,  die  ein  gemeinsames  operatives  Vorgehen  in  einem 
Koalitionskriege  zum  Ziele  nahmen.  Im  gleichen  Jahre  fand  auch  unter  der 
Leitung  B.s  eine  jener  groBen  theoretischen  Ubungen  statt,  die  unter  dem 
Namen  »Generalstabsreisen«  in  alien  Armeen  zur  besonderen  Bedeutung  ge- 
langten.  Merkwiirdigerweise  ergab  sich  nun  bei  jener  in  Ostgalizien  statt- 
gefundenen  Reise  eine  Situation,  die  eine  geradezu  auffallende  Ahnlichkeit 
mit  derjenigen  besaB,  die  im  Jahre  1914  im  Beginn  des  Weltkrieges  sich  nahezu 
auf  dem  gleichen  Raum  tatsachlich  entwickelt  hat.  Schon  damals  wurden 
auch  die  Schwierigkeiten  erkannt  und  besprochen,  die  sich  fur  die  Ostgruppe 
der  Armeen  durch  einen  Einbruch  aus  Podolien  her  ergeben  konnten.  Be- 
dauerlicherweise  fanden  die  theoretischen  Lehren,  die  hierbei  festgelegt  wur- 
den, 32  Jahre  spater  keine  geniigende  Beachtung,  so  daB  die  bei  Krasnik 
und  Komarow  erfochtenen  Siege  (1914)  keine  operative  Auswirkung  finden 
konnten. 

Bekanntlich  erbrachten  die  Winter  1886/87  unc^  1887/88  fur  die  beiden 
Kaiserreiche  und  hierdurch  auch  fur  deren  militarischen  Fuhrer  schwierige, 
besorgniserweckende  Situationen,  da  ein  Doppelkrieg  gegen  Frankreich  und 
RuBland  vor  der  Tiir  stand.  Der  Krieg  wurde  vermieden,  aber  es  bleibt  fur 
immer  eine  ungeloste  Frage,  ob  es  richtig  war,  den  Waffengang  zu  unterlassen 
in  einem  Momente,  der  fur  die  Mittelmachte  die  denkbar  giinstigsten  Chancen 
erbracht  hatte.  Damals  entstand  die  Theorie  von  der  »Verwerflichkeit  von 
Praventivkriegen«,  doch  vermag  diese  Theorie  einer  bis  auf  den  Grund  gehen- 
den  Analyse  nicht  gut  standzuhalten.  Es  hat  daher  die  Annahme  viel  fur  sich, 
daB  damals  bei  beiden  Mittelmachten  zum  guten  Teil  Motive  personlicher 
Natur  die  Veranlassung  gaben,  einem  Kriege  auszuweichen,  der  ja  bei  der 
grundhaltigen  Verschiedenheit  der  staatlichen  Interessen  und  Ziele  doch  f  ruher 
oder  spater  kommen  muBte  und  27  Jahre  spater  auch  gekommen  ist,  leider 
in  einer  Periode,  in  der  sich  die  politischen  und  sonstigen  Machtverhaltnisse 
vollstandig  zuungunsten  der  Mittelmachte  verschoben  hatten.  Jene  vorsich- 
tige,  eine  kraftige  Initiative  vermeidende  Handlungsweise  in  den  beiden  ge- 
nannten  Wintern  lag  iibrigens  auch  ganz  im  Sinne  der  Anschauungen  B.s, 
dem  damals  die  Moglichkeit  zu  einem  groBen,  weittragenden  EntschluB  ge- 
geben  war.  Aber  freilich,  solche  retrospektive  Betrachtungen  sind  relativ  leicht 
zu  formulieren;  auch  soil  nicht  vergessen  werden,  daB  damals  die  ungeheure 
Autoritat  des  Fiirsten  Bismarck  sich  auf  die  Seite  jener  stellte,  die  einen 
Zweifrontenkrieg  vermieden  wissen  wollten. 

In  den  folgenden  Jahren  gab  es  wieder  mehrfache  Reisen,  nach  Berlin, 
teils  zu  Besprechungen  mit  Waldersee  und  Verdy,  1891  mit  Schlieffen,  dem 
neuernannten  Generalstabchef,  doch  auch  als  Ehrengast  zur  Leichenfeier 
des  groBen  Moltke;  weiter  nach  Cettinje  und  1896  im  Geleit  des  Kaisers  nach 
Bukarest,  wo  mit  Minister  Stourdza  bindende  militarische  Abmachungen  ge- 
troffen  wurden  (Protokoll  von  Pelesch  bei  Sinaia). 


494  ig2° 

Auf  speziellen  Wunsch  des  Zaren  wohnte  B.  im  Jahre  1897  auch  der  Kaiser- 
reise  nach  Petersburg  bei,  die  wohl  weitschauende,  doch  nicht  nachhaltige 
Folgen  zeitigte. 

Indessen  war  der  Wirkungskreis  B.s,  dem  eine  ganze  Fulle  Auszeichnungen 
zuteil  geworden  war,  noch  erweitert  worden,  namentlich  nach  dem  Tode  des 
Feldmarschalls  Erzherzog  Albrecht.  Dieser  hatte  seine  Position  als  prasumtiver 
oberster  Kommandant  in  einem  Kriege  bis  zum  SchluB  mit  Konsequenz,  ja 
mit  einer  gewissen  Eifersucht  festgehalten.  Nunmehr  war  aber  der  Chef  des 
Generalstabes  der  eigentliche  Leiter  und  Fiihrer  und  stand  eigentlich  nur 
nominell  unter  dem  allerhochsten  Oberbefehl.  B.  war  daher  zweifelsohne  einer 
der  machtigsten  Personlichkeiten  im  ganzen  Staatswesen  geworden,  zumal 
man  wuJ3te,  daB  ihm  der  Kaiser  auch  personlich  seine  unbedingte  und  blei- 
bende  Freundschaft  widmete.  Diese  dominante  Stellung  machte  sich  beson- 
ders  gelegentlich  der  alljahrlichen  Generalstabsreisen  geltend,  die  stets  zu  einer 
Versammlung  aller  prominenten  Personlichkeiten  des  betreffenden  Staats- 
territoriums  wurden.  Noch  deutlicher  kam  dies  bei  den  alljahrlichen  Korps-, 
vom  Jahre  1893  an  bei  den  Armeemanovern  zur  Geltung.  Diese  wurden  hier- 
durch  gleichsam  auch  zu  politischen  Ereignissen.  Sehr  zum  Vorteil  der  Sache, 
da  sie  sich  immerhin  als  eine  Art  von  Bindeglied  zwischen  den  verschiedenen 
Reichsteilen  erwiesen,  deren  oft  zentrifugalen  Bestrebungen  sich  in  zuneh- 
mender  Deutlichkeit  geltend  machten  zum  hochsten  Bedauern,  ja  zur  Sorge 
all  jener,  die  in  dem  Fortbestehen  der  Reichseinheit  das  wichtigste  Element 
fur  den  unversehrten  Bestand  des  dualistischen  Reiches  erblickten.  B.  tat 
sein  moglichstes,  um  Differenzen  auszugleichen  und  den  gemeinsamen  Inter- 
essen  Geltung  zu  verschaffen.  Freilich  konnte  er  dies  nur  auf  Grund  seiner 
personlichen  Autoritat,  im  Wege  der  Uberredung  bewirken,  da  ihm  bei  den 
staatsrechtlichen  Verhaltnissen  der  Doppelmonarchie  irgendwelcher  dienst- 
licher  oder  politischer  EinfluB  entzogen  war.  Dies  kam  besonders  scharf  in 
den  Jahren  1903  bis  1905  zum  Ausdruck,  da  von  Ungarn  aus  eine  fanatische 
Agitation  einsetzte,  die  sich  gegen  den  Fortbestand  der  Gemeinsamkeit  der 
Armee  richtete.  B.  erfullte  dies  mit  um  so  groBerer  Sorge,  als  er  erkennen 
muBte,  wie  sich  die  allgemeine  Situation  in  Europa  allmahlich  verdusterte. 
Wohl  brachte  der  Verlauf  des  Russisch-Japanischen  Krieges  eine  zeitweilige 
Entlastung  der  aus  Osten  drohenden  Gefahren.  Es  lag  auch  ganz  in  B.s  Men- 
talitat,  daB  man  RuBland  in  der  damaligen  prekaren  Lage  in  keiner  Weise 
storte  oder  gar  Nutzen  aus  seiner  durch  die  nachgefolgte  Revolution  verur- 
sachten  Wehrlosigkeit  zog.  Doch  konnte  er  sich  kaum  einer  Tauschung  hin- 
gegeben  haben,  daB  auch  der  Biindniswille  Italiens,  dem  er  stets  so  viel  Sym- 
pathie  entgegengebracht  hatte,  zusehends  im  Schwinden  begriffen  war.  Daran 
anderte  auch  die  personliche  Freundschaft  nichts,  die  ihn  mit  den  beiden 
Generalstabchefs  Saletta  und  Polio  verband. 

Ganz  besonders  hervorzuheben  sind  aber  die  vorbereitenden  Friedens- 
arbeiten  des  Generalstabs,  die  eigentlich  erst  unter  B.  einsetzten,  dann  aber 
all  die  weiteren  Jahre  hindurch  mit  ruhmenswerter  Konsequenz  und  Griind- 
lichkeit  bearbeitet  und  —  den  Verhaltnissen  entsprechend  —  oft  auch  um- 
gearbeitet  wurden.  Die  militargeographisch  so  ungiinstige  Lage  der  Monarchie 
brachte  es  mit  sich,  daB  fortlaufend  eine  ganze  Reihe  von  Kriegsmoglichkeiten 
ins  Auge  gefaBt  werden  muBte.  So  kam  es,  daB  nicht  weniger  als  vier  ver- 


Beck-Rzikowsky.  Binding  495 

schiedene  Kriegsausgangssituationen  supponiert  und  die  hierfiir  notwendigen 
Aufmarschbewegungen,  gleichwie  die  anderen  erforderlichen  Vorbereitungen 
militarischer  und  technischer  Natur  alljahrlich  ausgearbeitet  und  in  alien 
Details  vorbereitet  gehalten  wurden.  In  keiner  der  anderen  GroBstaatarmeen 
wurden  die  theoretischen  Kriegsvorsorgen  auf  einer  derart  breiten  Basis  zur 
Ausfiihrung  gebracht,  wie  in  der  versunkenen  osterreichisch-ungarischen  Armee. 
DaB  aber,  als  der  Kriegsfall  dann  tatsachlich  eintrat,  die  diplomatische  Lei- 
tung  doch  keine  zutreffende  Beurteilung  der  tatsachlichen  Situation  aufzu- 
bringen  wuBte,  wodurch  Storungen  und  Verspatungen  in  der  Aufmarsch- 
bewegung  eintraten,  kann  nicht  dem  Generalstab  zur  Last  gelegt  werden, 
dessen  Arbeiten  stets  ein  anerkanntes  HochstmaB  an  Griindlichkeit  und  tech- 
nischer Geschicklichkeit  aufwiesen. 

B.,  zweifelsohne  der  Inspirator  und  unermiidliche  Lenker  dieser  Arbeiten, 
waltete  seines  Amtes  durch  mehr  als  25  Jahre.  Es  ist  begreiflich  und  liegt  nur 
in  der  Natur  der  Dinge,  daB  schlieBlich  daran  gedacht  werden  muBte,  ihm  in 
seinem  77.  Lebensjahre  die  ungeheure  Burde  abzunehmen.  So  iibergab  er 
denn  am  27.  Oktober  1906  sein  schweres  und  verantwortungsvolles  Amt  an 
General  Conrad  v.  Hotzendorf  (f  1924),  der  hierzu  sowohl  durch  das  Ver- 
trauen  des  Erzherzog-Thronfolgers  Franz  Ferdinand,  als  auch  durch  jenes 
der  Armee  pradestiniert  erschien. 

Mit  Gunst  und  Gnadenbeweisen,  auch  seitens  auslandischer  Herrscher  iiber- 
schiittet,  mit  alien  Ordensauszeichnungen  bedacht  und  in  den  Grafenstand 
erhoben,  ubernahm  B.  am  27.  Oktober  1906  das  Ehrenamt  eines  Kapitans 
der  ersten  Arcierenleibgarde.  Seine  seltene  Vitalitat  lieB  ihn  noch  weitere 
14  Jahre  in  hoher  Riistigkeit  erleben;  doch  auch  den  furchtbaren  Zusammen- 
bruch  von  Staat  und  Armee,  denen  sein  getreuestes  und  bestes  Wirken  durch 
70  Jahre  gegolten  hat.  Seine  letzten  zwei  Lebensjahre  standen  unter  der 
ebenso  furchtbaren  als  unverschuldeten  Tragik  des  untergegangenen  Reiches. 

Graf  B.  hinterlieB  einen  Sohn,  der  sich  wahrend  des  Krieges  als  General- 
stabsoffizier  besonders  hervortat,  dessen  Karriere  aber  durch  den  Zusammen- 
bruch  als  Generalmajor  einen  jahen  AbschluB  fand. 

Wien.  Moritz  Frhr.  v.  Auffenberg-Komarow. 

Binding,  Karl  Ludwig  Lorenz,  Rechtsgelehrter  und  Historiker,  *  am  4.  Juni 
1841  in  Frankfurt  a.  M.,  f  am  7.  April  1920  in  Freiburg  i.  Br.  —  Aufgewachsen 
in  Frankfurt  a.  M.,  wo  sein  Vater  juristischer,  auch  schriftstellerisch  tatiger 
Praktiker  (zuletzt  Appellationsrat)  und  angesehener  Politiker  (fiir  erbliche 
Kaiserwiirde  und  deren  Verbindung  mit  der  Krone  PreuBen)  war,  studierte 
Karl  B.  von  i860  ab  in  Gottingen  und  Heidelberg  Geschichte  und  Rechtswissen- 
schaft,  promovierte  1863  in  Gottingen  zum  Dr.  jur.  und  habilitierte  sich  schon 
im  folgenden  Jahre  in  Heidelberg  als  Privatdozent  fiir  Strafrecht  und  Straf- 
prozeBrecht.  1866  wurde  er,  fiinfundzwanzigjahrig,  ordentlicher  Professor  in 
Basel.  1870  ging  er  in  gleicher  Eigenschaft  nach  Freiburg  i.  Br. ,  1872  nach  StraB- 
burg,  1873  nach  Leipzig,  wo  er  nunmehr  vier  Jahrzehnte  (von  1879  ^s  I9°° 
neben  der  Professur  auch  als  Hilfsrichter  am  Landgericht),  zuletzt  mit  dem  Titel 
»Wirklicher  Geheimer  Rat«  und  dem  Pradikat  »Exzellenz«  beliehen,  wirkte. 
Im  Jahre  des  soojahrigen  Leipziger  Universitatsjubilaums   1908/09  stand 


496  J92o 

er  als  Jubilaumsrektor  an  der  Spitze  der  Universitat.  Einen  personlichen 
Jubeltag  fiir  ihn  bedeutete  sein  70.  Geburtstag,  4.  Juni  191 1,  zu  dem  ihm 
von  Schulern  und  Freunden  eine  zweibandige  Festschrift  gewidmet,  und  an 
dem  er  auch  sonst  in  besonderem  MaBe  gefeiert  wurde.  1913  schied  er  vom 
Lehramt  und  siedelte  nach  Freiburg  i.  Br.  liber.  Aber  seine  Iyebensarbeit 
war  damit  nicht  abgeschlossen.  Elastisch  und  frisch  an  Korper  und  Geist, 
blieb  er  unausgesetzt  denkend  und  schaffend  tatig.  Im  Fruhjahr  1918  konnte 
er  sich,  77Jahrig,  noch  eine  Reise  nach  Mazedonien  zumuten,  um  dort  bei 
den  deutschen  Streitkraften  Vortrage  zu  halten.  Auch  die  dann  folgenden 
vaterlandischen  Schmerzen  brachen,  so  sehr  sie  ihm  die  Lebensfreudigkeit 
nahmen,  seinen  Arbeitswillen  nicht.  Er  blieb  geistig  regsam  bis  zu  seinem 
Tode,  der  ohne  vorausgegangene  Krankheit  an  ihn  herantrat.  Seine  Gattin 
Marie  Luise,  geborene  Wirsing,  mit  der  ihn  eine  harmonische  Ehe  verbunden 
hatte,  war  ihm  191 3  im  Tode  vorausgegangen.  Er  hinterlieB  drei  Sonne  und 
zwei  Tochter. 

B.  war  eine  der  groflen  Juristengestalten  seiner  Zeit. 

Wenn  man  die  Einteilung  der  Juristen  in  die  beiden  Gruppen  der  historisch 
und  der  philosophisch  gerichteten  gelten  lassen  will,  so  gehorte  B.  der  ersteren 
Richtung  an.  Er  hatte  in  jungen  Jahren  ein  Stiick  deutscher  Staatsgeschichte 
selbst  erlebt  und  auf  sich  wirken  lassen,  oblag  auf  der  Universitat  dem  Studium 
der  Geschichte  pari  passu  mit  dem  der  Rechtswissenschaft  und  widmete  im 
Laufe  seines  Lebens  einen  nennenswerten  Teil  seiner  Forschungen  und  Ver- 
offentlichungen  der  Geschichte  (und  zwar  nicht  bloB  der  Rechtsgeschichte).  Der 
Rechtsphilosophie  und  damit  der  AnschluBnahme  der  Jurisprudenz  an  die 
Philosophic  stand  er  mit  Zuriickhaltung  gegeniiber.  Das  hangt  sicher  damit 
zusammen,  daB  in  seinen  Werdejahren  die  Rechtsphilosophie  mit  dem  Natur- 
recht  identifiziert  wurde,  und  dieses  zugleich  der  damaligen  Juristengeneration 
als  durch  die  deutsche  rechtshistorische  Schule  aus  dem  Sattel  gehoben,  als 
ein  ausgetraumter  Traum  erschien.  Oft  hat  er  auch  weiterhin  seiner  Widersacher- 
schaft  gegen  das  Naturrecht  unverhohlen  Ausdruck  gegeben  und  jede  nicht 
positive  Rechtsbetrachtung  fiir  unmoglich  erklart.  Die  Rechtsphilosophie  oder, 
wie  er  bezeichnenderweise  sagt,  die  »sogenannte«  Rechtsphilosophie  will  er  nur 
gelten  lassen  als  »sublimierte  Jurisprudenz«;  die  einzige  Art,  sie  zu  betreiben, 
sei,  das  positivrechtliche  Material  zur  Ausgestaltung  der  Theorie  zu  ver- 
werten.  Er  beruhrt  sich  hier  mit  jener  etwa  im  dritten  Viertel  des  19.  Jahr- 
hunderts  herangewachsenen,  durch  Namen  wie  Bergbohm,  Ad.  Merkel,  Dahn, 
Jhering  reprasentierten  Auffassung,  die  der  Rechtsphilosophie  die  Aufgabe 
zuwies,  auf  empirisch-induktiver  Grundlage  Allgemeines  herauszuarbeiten. 
Heute  wissen  wir,  daB  dieses  Programm  einer  »Allgemeinen  Rechtslehre« 
iiberhaupt  kein  echtes  rechtsphilosophisches  war,  andererseits  aber  bei  seiner 
Ausfuhrung  tatsachhch  programmwidrig  vielfach  der  Boden  apriorisch- 
deduktiver  Rechtsbetrachtung  und  damit  einer  von  der  naturrechtlichen 
zur  modernen  hinuberfuhrenden  Rechtsphilosophie  betreten  wurde,  vor- 
nehmlich  in  Systematik  und  Methodik.  Gerade  B.  aber  war  fiir  das  Syste- 
matisch-Methodische  so  stark  interessiert,  daB  er  dem  Apriorismus  nicht 
entrinnen  konnte.  In  diesem  Sinne  darf  er  auch  als  —  rechtserkenntnis- 
theoretischer  —  Rechtsphilosoph  angesprochen  werden.  Aber  auch  soweit 
als  Gegenstand  der  Rechtsphilosophie  das  »sein  sollende«  Recht  erscheint, 


Binding  497 

ist  B.  nichts  weniger  als  stumm  geblieben,  wennschon  er  dabei  nicht  sowohl 
den  (eigentlich  rechtsphilosophischen)  Prinzipienfragen,  als  vielmehr  den 
rechtspolitischen  Einzelheiten  nachgeht. 

Den  Mittelpunkt  von  B.s  Forschungen  bildete  die  —  rechtshistorisch  ge- 
sattigte  —  Dogmatik  des  geltenden  Strafrechts.  Aber  sein  Zug  zum  Grund- 
legenden  fuhrte  ihn  dabei  derart  iiber  den  unmittelbar  strafrechtlichen  Stoff 
mit  hinaus,  daB  gerade  seine  iiberstrafrechtlichen  Untersuchungen  die  all- 
gemeine  Aufmerksamkeit  auf  sich  zogen  und  der  Wissenschaft  machtigen 
AnstoB  gaben.  Das  gilt  namentlich  von  der  sich  an  seinen  Namen  heftenden 
»Normentheorie«,  die  er  in  seinem  vierbandigen,  eine  Arbeit  von  I^ebens- 
jahrzehnten  darstellenden  Fundamentalwerk  »Die  Normen  und  ihre  Uber- 
tretung«  entwickelt.  Dem  Strafgesetz,  so  fuhrt  B.  aus,  ist  logisch  notwendig 
vorgelagert  ein  Rechtssatz,  der  —  unbekiimmert  um  die  etwaigen  Rechts- 
folgen  einer  Zuwiderhandlung  —  das  menschliche  Verhalten  unmittelbar 
selbstandig  regelt:  eine  norma  agendi,  eine  Richtschnur  fur  das  Handeln, 
die  »Norm«.  Erst  an  sie  schlieBt  sich  das  Strafgesetz  an,  indem  es  ein  Neues 
hinzufugt,  namlich  die  Rechtsfolge  der  Strafe  fur  den  Fall  der  Nichtbefolgung 
der  Norm.  Was  der  Verbrecher  ubertritt,  ist  nicht  das  Strafgesetz,  dessen 
ersten  Bestandteil  (namlich  die  im  Strafgesetz  als  die  Strafbarkeit  bedingende 
genannte  Verhaltensweise)  er  vielmehr  erfiillt ;  ubertreten  wird  vielmehr  die 
»Norm«.  So  erhebt  sich  vor  allem  Strafrecht  ein  Komplex  von  Rechtssatzen, 
die  einen  offentlichrechtlichen  Rechtsteil  darstellen,  meist  dem  »ungesetzten« 
Recht  angehoren  und  den  Schliissel  ftir  Probleme  bilden,  die  das  Strafrecht 
von  sich  aus  nicht  losen  kann.  In  den  Normen  tritt  der  Staat  befehlend,  ge- 
horsamheischend,  auf;  keineswegs  aber  sind  alle  Rechtssatze  durch  die  Bank 
» Normen  «;  die  »Imperativentheorie  «,  die  dasganze  Recht  nur  aus  Imperativen 
bestehen  lassen  will,  vermag  zahlreiche  Rechtsbegriffe,  insonderheit  den  des 
subjektiven  Rechts,  nicht  zu  erklaren.  Umgekehrt  wirft  die  Normentheorie 
neues  Iyicht  auf  den  »Rechtszwang«,  auf  das  Verhaltnis  von  Strafe  und  Scha- 
densersatz  usw. 

Hatte  B.  hier  rechtsgrundbegriffliche  Tiefen  aufgesucht,  so  ist  er  in  einem 
zweiten  Hauptwerk,  seinem  »Handbuch  des  Strafrechts «,  neben  einer  weiteren 
Durchfiihrung  der  Normenlehre  der  Lehre  von  der  juristischen  Auslegung 
nachgegangen.  Gegner  des  Buchstabenkultus,  des  Motiven-  und  Materialien- 
kultus,  vertritt  er  die  Theorie  der  »objektiven  Deutung«,  die  nicht  nach  dem 
»Willen  des  Gesetzgebers«  fragt,  sondern  das  Gesetz  aus  seinem  objektiven 
Sinngehalt  heraus  erklart.  »Mit  dem  Momente  der  Gesetzespublikation  ver- 
schwindet  mit  einem  Schlage  der  ganze  Unterbau  von  Absichten  und  Wiinschen 
des  geistigen  Urhebers  des  Gesetzes,  ja  des  Gesetzgebers  selbst  und  das  Gesetz 
ruht  von  nun  an  auf  sich,  gehalten  durch  die  eigene  Kraft  und  Schwere,  er- 
fiillt von  eigenem  Sinn;  oft  kliiger,  oft  weniger  klug  als  sein  Schopfer,  oft 
reicher,  oft  armer  als  dessen  Gedanken.« 

In  das  eigentlich  strafrechtliche  Gebiet  schlagen  zunachst  wieder  die  » Nor- 
men «  und  das  »Handbuch«  ein;  dazu  sein  StrafrechtsgrundriB,  sein  umfang- 
reiches  und  reichhaltiges  Lehrbuch  des  besonderen  Teils  des  Strafrechts,  und 
eine  groBe  Zahl  von  Einzelabhandlungen.  Derjenige  strafrechtliche  Begriff, 
der  fruhzeitig  seine  Aufmerksamkeit  besonders  gefesselt  hatte,  war  der  der 
Fahrlassigkeit.  Ihr  nachsinnend  gelangte  er  aber  zum  Schuldbegriff  uberhaupt 

DBJ  32 


498  1920 

und  von  diesem  wieder  zu  seiner  Normenlehre,  so  daJ3  sich  der  Plan  seiner 
jungen  Jahre,  der  Fahrlassigkeit  alsbald  eine  Monographic  zu  widmen,  wesent- 
lich  verschob:  die  Fahrlassigkeit  wurde  der  Gegenstand  des  letzten  Bandes 
seiner  »Normen«,  mit  dem  er  am  Lebensende  1919  den  SchluBstein  dieses  im- 
ponierenden  Werkes  legte.  So  wurde  die  Schuld  und  mit  ihr  der  Dolus  und  die 
Fahrlassigkeit  dasjenige  Kapitel  des  Strafrechts,  das  B.  am  wuchtigsten  be- 
arbeitet  hat.  Sein  Kampf  gait  vor  allem  der  in  Schrifttum  und  Rechtsprechung 
zutage  getretenen  Verflachung  und  VerauBerlichung  des  Dolusbegriffs  (und 
mit  ihm  des  Schuldbegriffs  iiberhaupt):  der  »Vorsatz«  der  Strafgesetze  ist,  so 
zeigter,  »Deliktsvorsatz«  und  somit  nur  in  Verbindung  mit  der  »Nonnwidrig- 
keit«  zu  erfassen:  das  BewuBtsein  der  Normwidrigkeit  ist  sein  unaustrennbares 
Charakteristikum.  Gerade  dieser  VorstoB  B.s  hat  machtig  gewirkt.  Die  Gegner 
haben  gegen  ihn  das  Spiel  mehr  und  mehr  verloren,  und  aller  Voraussicht 
nach  wird  B.s  Doluslehre  auch  die  kiinftige  Strafgesetzgebung  beeinflussen. 

Im  engsten  Verbande  mit  der  Herausarbeitung  des  Wesens  der  Schuld 
steht  B.s  Bekenntnis  zu  der  sogenannten  klassischen  Strafrechtsschule.  Gegen 
diese,  die  die  Strafe  nach  »Ob«  und  »Wie  hoch«  durch  dasjenige,  was  der 
Tater  fur  seine  Tat  verdient  habe,  reguliert  sein  lassen  wollte,  wurden  in  B.s 
Mannesjahren  Forderungen  immer  vordringlicher,  die  das  Strafrecht  statt 
auf  Schuld  auf  »Gefahrlichkeit«  fundiert  sein  lassen  wollten  und  nach  einer 
»  Strafe «  riefen,  fiir  die  nach  Ob«  und  »Wie  hoch«  der  Verbrechensverhutungs- 
gedanke  maBgebend  sein  sollte.  Diese  j>moderne  Richtung*,  deren  Fiihrer 
vornehmlich  v.  Liszt  war,  hat  B.  mit  Entschiedenheit  abgelehnt  und  —  beson- 
ders  in  seinem  markigen  und  beriihmten  Vorwort  zur  7.  Auflage  seines  Straf- 
rechtsgrundrisses  —  bekampft.  Die  Namen  B.  und  v.  Liszt  bedeuteten  zeit- 
weilig  die  Programme  der  verschiedenen  Richtungen.  Heute  darf  der  Fort- 
bestand  des  Schuldstrafrechts  als  gesichert  gelten.  Und  wenn  man  dem 
Gedanken  der  »sichernden  MaBnahmen*  gegen  gefahrliche  Menschen  naher- 
getreten  ist,  so  wandelt  man,  mag  auch  B.  selbst  hierin  zuriickhaltender  und 
zum  Teil  ablehnend  gewesen  sein,  doch  auch  hierbei  insofern  in  seinen  Spuren, 
als  man  sich  uberwiegend  dessen  bewuflt  ist,  dafi  die  Verbrechensprophylaxe 
jedenfalls  nicht  dem  Kerngedankenkreise  des  Strafrechts  entstammt. 

Vor  einer  Uberbetonung  des  Schuldmoments  fiir  das  Strafrecht,  wie  sie 
sich  auf  dem  Gebiete  der  Versuchs-  und  der  Teilnahmelehre  namentlich  in  der 
Rechtsprechung  des  Reichsgerichts  geltend  gemacht  hat,  wurde  B.  durch 
seine  Normentheorie  bewahrt.  Strafbar  ist  zwar  nur  die  schuldhafte  Norm- 
iibertretung,  aber  doch  eben  nicht  die  schuldhafte  Seelenregung  als  solche. 
Deshalb  ist  ein  »absolut  untauglicher  Versuch«  keine  strafbare  Handlung;  des- 
halb  liegt  weiter  der  Unterschied  zwischen  Haupttatern  und  Gehilfen  nicht 
auf  dem  rein  seelischen  Gebiet. 

Eine  eigene  Theorie  hat  B.  fiir  die  strafrechtliche  Kausalitat  aufgestellt. 
Innerhalb  der  Teilnahmelehre  hat  er  den  eigenartigen  Begriff  des  »Urhebers« 
herausgearbeitet . 

Hinter  seinem  strafrechtlichen  Schaffen  tritt  sein  strafprozei3rechtliches 
zuruck.  Doch  hat  er  die  Wissenschaft  durch  einen  GrundriB  des  StrafprozeB- 
rechts  und  eine  Reihe  von  straf prozeBrechtlichen  Abhandlungen  bereichert.  Be- 
sonders  nachhaltig  wirkte  seine  Lehre,  daB  es  Urteile  gebe,  die  mit  absoluter 
unheilbarer  Nichtigkeit  behaftet  seien.   Sie  entfesselte    ein   umfangreiches 


Binding  499 

Schrifttum  und  errang  sich  mehr  und  mehr  grundsatzliche  Anerkennung 
auch  in  der  Praxis,  die  ihr  von  Hause  aus  heftig  widerstrebt  hatte.  Tiefgreifende 
Untersuchungen  hat  B.  auch  der  Lehre  von  der  Rechtskraft  zugewandt. 

SchlieBlich  verdankten  ihm  auch  die  Geschichtswissenschaft,  insonderheit, 
aber  nicht  bloB  die  der  Rechtsgeschichte,  das  Staatsrecht  und  die  Politik 
zahlreiche  Veroffentlichungen.  Genannt  seien  seine  Geschichte  des  burgundisch- 
romanischen  Konigreichs  und  seine  Abhandlungensammlung  »Vom  Werden 
und  Leben  der  Staaten«. 

B.  war  ein  spriihender,  nimmer  rastender  Geist.  Mit  kunstlerischer  Phan- 
tasie  begabt,  sah  er  Probleme  und  Losungen,  an  denen  andere  vorlibergegangen 
waren,  so  daJ3  er  vielfaltig  zum  Bahnbrecher  wurde.  In  seinem  leidenschaft- 
lichen  Ringen  um  das  Richtige  und  Gerechte  war  er  ein  abgesagter  Feind 
aller  geistigen  Erstarrung  —  weshalb  er  auch  kraftvolle  Worte  gegen  die 
kritiklose  Hinnahme  und  Befolgung  der  Reichsgerichtsauffassungen  durch 
die  Gerichte  (den  »Prajudizienkultus«)  fand  —  und  jeder  Ungriindlichkeit 
und  Oberflachlichkeit.  Wenn  er  sich  nicht  immer  in  den  Standpunkt  und  die 
Gedankengange  seiner  Gegner  richtig  einzufiihlen  vermochte;  wenn  ihn  hie 
und  da  subjektive  Intuition  gepackt  hielt,  und  ihm  nuchterne  Nachpriifung 
nicht  folgen  konnte;  wenn  er  endlich  im  Tone  seiner  Kritik  bisweilen  bitter 
und  scharf  wurde  und  iiber  das  Ziel  hinausschoB,  so  verschwindet  alles  dies 
doch,  wenn  man  den  Gesamtertrag  seiner  Lebensarbeit  wiirdigt.  Dieser  aber 
kennzeichnet  ihn  als  einen  schopferischen  und  fuhrenden  Geist,  der  auf  der 
Hohe  der  Wissenschaft  wandelte. 

Bewunderung  notigt  auch  die  sprachliche  Form  ab,  in  der  sich  seine  Schrif- 
ten  darbieten.  Uberall,  auch  bei  dem  sprodesten  Stoff,  schwingt  die  lebendige 
personliche  Note,  iiberall  weiB  er  durch  die  stilistische  Feinheit  und  Gewahlt- 
heit  seiner  Redeweise  zu  fesseln.  Mit  der  gleichen  Meisterschaft  handhabte 
er  das  Wort  in  seinen  Vorlesungen,  Vortragen  und  Reden.  Temperamentvoll 
und  elastisch,  ganz  Leben  und  Bewegung,  den  sachlichen  Gehalt  seiner  Dar- 
legungen  in  ein  anschmiegendes,  oft  fast  dichterisches  Gewand  einkleidend, 
gab  er  seinen  Horern  Eindriicke  mit,  die  sich  nicht  so  leicht  verloren  und  die 
oft  noch  nach  langen  Jahren  das  Bild  der  ganzen  Personlichkeit  plastisch  vor 
die  Seele  stellten,  zumal  beim  I^esen  eines  seiner  ja  ebenfalls  so  individuell 
sprechenden  Werke. 

Der  groBe  Gelehrte  war  zugleich  ein  ganzer  Mensch;  im  Humanismus  ver- 

ankert,  feinsinnig  das  GroBe  in  Kunst  und  Leben  mit  der  empfanglichen 

Seele  suchend,  die  Freuden  und  Leiden  des  Vaterlandes  als  die  eigenen  fuhlend. 

Sein  sieghafter  Optimismus,  seine  jugendlich  ungestiime  Frische  blieben  ihm 

bis  ins  hohe  Alter  hinein  treu;  und  auch  in  seinen  letzten  beiden  I^ebens- 

jahren  waren  sie,  wennschon  gedampft,  doch  nicht  erloschen.  Er  war,  als  er 

starb,  nur  den  Jahren  nach,  nicht  aber  im  Wesen,  ein  Greis. 

Literatur:  Nagler  im  » GerichtssaaW,  Bd.  91,  S.  1  ff.  —  A.  Baumgarten,  Schweizer. 
Ztschr.  f .  Strafrecht,  Bd.  33,  S.  187  ff.  —  I^iffler,  Osterr.  Ztschr.  f .  Strafrecht,  Bd.  8, 
S.  423  f.  —  Dahl  in  der  Tidsskrift  for  Retsvidenskap,  Bd.  33,  S.  399  ff.  —  Deutsche  Juristen- 
Zeitung,  Bd.  25,  S.  443.  —  Einblicke  in  B.s  Personlichkeit  eroffnen  auch  die  von  ihm 
verfaflten  Nachrufe  fur  Wachter  in:  Windscheid,  Carl  Georg  v.  Wachter  (1880),  S.  42  ff., 
und  fur  Brunnenmeister  im  »GerichtssaaU,  Bd.  53,  S.  459  ff.  —  Ungedruckte  wissenschaft- 
liche  Manuskripte  hat  B.  nicht  hinterlassen. 

Miinchen.  Ernst   Beling. 


500  1920 

Bottinger,  Heinrich  Theodor  v.,  *  am  10.  Juli  1848  zu  Burton  on  Trente  in  Eng- 
land, |  am  9.  Juni  1920  in  Arensdorf  in  derNeumark. —  Heinrich  v.  B.s  Vater, 
ein  Deutscher,  war  zur  Zeit  seiner  Geburt  in  der  Brauerei  von  Allsopp  in  Bur- 
ton on  Trente  als  Chemiker  tatig.  Nachdem  der  junge  B.  auf  englischen  und 
deutschen  Schulen  eine  griindliche  englische  und  deutsche  Ausbildung  ge- 
nossen  hatte,  begann  er  seine  kaufmannische  Laufbahn  in  einem  Londoner 
Exportgeschaft  und  in  der  Bayerischen  Wechselbank  zu  Munchen.  Der  fruh- 
zeitige  Tod  seines  Vaters,  1874,  stellte  den  jungen  Kaufmann  vor  schwierige 
Aufgaben.  Es  gait,  das  eben  begriindete  Wiirzburger  Hofbrauhaus,  in  dem 
das  Vermogen  der  Familie  festlag,  aus  schwieriger  Lage  zu  befreien  und  zu 
einer  gedeihlichen  Entwicklung  zu  bringen.  Hier  zeigte  er  das  ihm  eigene 
besondere  Geschick,  sich  schnell  in  neue,  schwierige  Arbeitsgebiete  hinein- 
zufinden,  und  mit  Menschen  jeden  Standes  umzugehen.  Wenn  ihm  diese 
Tatigkeit  auch  schon  Ansehen  und  Anerkennung  brachte,  so  fand  er  doch 
erst  den  richtigen  Boden  fur  die  voile  Entfaltung  seiner  hervorragenden  kauf- 
mannischen  Fahigkeiten,  als  er  nach  dem  Tode  seines  Schwiegervaters  Fried- 
rich  Bayer,  des  Griinders  der  Firma  Friedr.  Bayer  &  Co.  in  Elberfeld,  der 
heutigen  I.  G.  Farbenindustrie-Aktiengesellschaft,  Werk  Leverkusen,  im 
Jahre  1882  in  den  Vorstand  der  damals  noch  jungen  Aktiengesellschaft  ein- 
trat.  Das  Werk  befand  sich  zu  jener  Zeit  in  einer  recht  schwierigen  Lage,  und 
es  ist  zum  erheblichen  Teil  der  Tatkraft  und  der  kaufmannischen  Geschick- 
lichkeit  B.s  zuzuschreiben,  daB  das  Unternehmen  in  kurzer  Zeit  die  Schwierig- 
keiten  iiberwand  und  sich  in  dauernd  aufsteigender  Linie  zu  dem  Weltunter- 
nehmen  entwickelte,  das  die  im  Auslande  viel  besprochene  und  beneidete 
Vormachtstellung  der  deutschen  chemischen  Industrie  begriinden  half.  Wenn 
heute  die  zur  I.  G.  Farbenindustrie-Aktiengesellschaft  in  Frankfurt  a.  M.  zu- 
sammengeschlossene  deutsche  Teerfarbenindustrie  als  das  machtige  Gebilde 
betrachtet  wird,  auf  das  Deutschland  bei  seinen  Wiederaufbaubestrebungen 
die  groBten  Hoffnungen  setzt,  so  darf  man  nicht  vergessen,  daB  auch  v.  B. 
zu  den  Pionieren  gehort,  die  die  Grundlagen  fur  den  Bau  geschaffen  haben. 

Fast  40  Jahre,  bis  zu  seinem  Tode,  hat  B.  den  Farbenfabriken  angehort; 
bis  1907  als  Direktor  und  dann  bis  zu  seinem  Lebensende  als  Vorsitzender 
des  Aufsichtsrats.  Besondere  Verdienste  hat  er  sich  hierbei  um  die  Ankniipfung 
der  internationalen  Beziehungen  der  Farbenfabriken  erworben.  Eine  ganze 
Reihe  von  Niederlassungen  hat  B.  bei  seinen  vielfachen  Reisen,  die  ihn  schon 
im  Jahre  1888/89  um  den  ganzen  Erdball  fuhrten,  personlich  gegriindet  und 
eingerichtet,  wobei  er  nach  dem  Grundsatz  verfuhr,  jungen  tiichtigen  Mit- 
arbeitern  voile  Entwicklungsmoglichkeit  zu  geben.  Seine  groBe  Menschen- 
kenntnis  ermdglichte  es  ihm,  die  richtigen  Mitarbeiter  auszuwahlen. 

Trotz  dieser  anstrengenden  Tatigkeit  fand  B.  noch  die  Zeit,  sich  auch  in 
den  Dienst  der  Allgemeinheit  zu  stellen.  Er  erkannte  fruhzeitig,  daB  es  eine 
Pflicht  des  GroBindustriellen  ist,  seine  Fahigkeiten  und  Erfahrungen  auch 
der  Offentlichkeit  zur  Verfiigung  zu  stellen.  Von  189 1  bis  1908  gehorte  er 
als  nationalliberaler  Abgeordneter  dem  PreuBischen  Landtage  und  von  da 
ab  dem  Herrenhause  an.  Zum  Dank  fur  seine  offentliche  Wirksamkeit  haben 
ihn  bei  seinem  Ubertritt  ins  Herrenhaus  die  drei  groBten  Stadte  seines  Wahl- 
kreises  zum  Ehrenbiirger  ernannt.  Den  Streitfragen  der  eigentlichen  Politik 
blieb  er  fern;  sein  Arbeitsgebiet  waren  Fragen  der  Industrie,  der  Kolonial- 


Bottinger.  Bousset  501 

wirtschaft,  des  Verkehrswesens  und  der  Hochschulen,  Fragen,  die  er  auch 
in  zahlreichen  wirtschaftlichen  Vereinen  und  Ausschiissen  als  Sachverstan- 
diger,  Geschaftsfuhrer  oder  Vorsitzender  behandelt  hat. 

Besonders  hervorzuheben  ist  sein  unausgesetztes  Bestreben,  die  Pflege  der 
Naturwissenschaften  zu  fordern;  vor  allem  die  deutsche  Bunsen-Gesellschaft 
fur  angewandte  physikalische  Chemie  und  die  Gottinger  Vereinigung  zur 
Forderung  der  angewandten  Physik  und  Mathematik  sind  ihm  fiir  seine 
Unterstiitzung  mit  Rat  und  Tat  zu  Dank  verpflichtet.  Durch  die  Stiftung 
des  Gottinger  Studienhauses  (friiher  Gottingen,  jetzt  Berlin)  hat  er  sich  ein 
bleibendes  Denkmal  gesetzt.  Sein  Freund,  Exzellenz  Althoff  vom  preuBischen 
Kultusministerium,  pochte  nie  vergeblich  bei  ihm  an,  wenn  es  gait,  durch 
reiche  Stiftungen  die  Pflege  der  Naturwissenschaften  zu  fordern. 

In  Anerkennung  seiner  Verdienste  verlieh  ihm  die  Universitat  Gottingen 
schon  im  Jahre  1896  den  Ehrendoktor  der  Philosophic,  und  1918  ernannte 
ihn  die  Technische  Hochschule  in  Braunschweig  zum  Doktor-Ingenieur  ehren- 
halber.  1906  wurde  ihm  der  Charakter  als  Geheimer  Regierungsrat  und  1907 
der  erbliche  Adel  verliehen. 

Leverkusen   b.  Koln.  Carl  Duisberg. 


Bousset,  Wilhelm,  o.  Professor  der  Theologie  in  GieBen,  *  am  3.  September 
1865  zu  Liibeck,  |  am  8.  Marz  1920  in  GieBen.  —  B.  stammte  aus  einer 
Danziger  hugenottischen  Familie,  daher  von  leidenschaftlich-feuriger  Gemuts- 
art,  wenn  auch  in  starker  Selbstbeherrschung,  aus  einem  evangelischen  Pfarr- 
hause,  dessen  Frommigkeit  er  sein  ganzes  Leben  hindurch  bewahrte,  und 
ist  in  Liibeck  geboren  und  erzogen :  den  Uberlieferungen  seiner  schonen  Heimat 
hat  er  selbst  eine  ihn  bestimmende  Bedeutung  zugeschrieben.  Wahrend  seines 
Studiums  hat  er  zunachst  aus  Harnacks  und  Ritschls  Buchern,  dann  in  Got- 
tingen aus  den  Vorlesungen  von  Ritschl  und  Hermann  Schultz,  spater  von 
Wellhausen  (s.  oben  S.  341  fl.)  entscheidende  Eindriicke  empfangen.  In  Gottin- 
gen seit  1889  Privatdozent,  trat  er  in  einen  Kreis  befreundeter  junger  Theo- 
logen  ein,  deren  Haupt  damals  Wrede  war;  von  Jiingeren  sei  besonders  Ernst 
Troeltsch  (s.  DBJ.  1923)  genannt,  eine  Generation  spater  Heitmuller  (f  1926) ; 
befreundet  waren  in  Halle  der  geniale  Eichhorn  und  neben  ihm  Gunkel.  In  die- 
sem  Kreise  jugendlich-flammender  Geister,  die  samtlich  von  den  groBen  Vor- 
bildern  Ritschl,  Harnack,  Wellhausen  ausgegangen,  wenn  auch  zum  Teil  durch 
den  Gegensatz  zu  ihnen  bestimmt,  daneben  auch  von  Lagarde  und  Duhm  be- 
einfluBt  waren,  hat  B.  seine  tiefsten  Anregungen  empfangen  und  bald  weiter- 
gebildet:  wahrend  die  neutestamentliche  Wissenschaft  jener  Zeit  die  logischen 
Zusammenhange  einseitig  betonte,  versuchte  man  jetzt,  die  lebendige  Religion 
in  ihrer  Tiefe  und  Mannigf altigkeit  zu  erf assen ;  wahrend  dort  die  Schrifterkla- 
rung  vielfach  durch  die  Rucksicht  auf  die  Gegenwart  bestimmt  wurde,  wollte 
man  jetzt  die  Wirklichkeit  der  biblischen  Religion,  auch  in  ihrem  Unterschied, 
ja  in  ihrem  Gegensatz  zu  allem  Modernen  feststellen;  wahrend  man  bisher 
das  Neue  Testament  bei  der  Erklarung  isolierte  und  hochstens  eine  » Ankniip- 
fung«  an  das  Alte  Testament  zugab,  versuchte  man  nunmehr,  alle  Schranken 
des  Kanons  zu  durchbrechen  und  auch  die  Apokryphen,  Apokalypsen  usw. 
mit  hinzuzunehmen  und  ging  in  kurzem  dazu  iiber,  auch  den  alten  Orient, 


502  1920 

sobald  er  bekannt  wurde,  mit  hinzuzuziehen.  Alles  in  allem  eine  begeisterte 
und  wagemutige  Gruppe,  spater  die  »  religionsgeschichtliche  «  Schnle  genannt, 
die  nur  das  eine  Ziel  hatte,  die  Urgeschichte  der  christlichen  Religion  ohne 
jede  Verschleierung  und  Abschwachung  zu  erfassen.  Dabei  im  Innern  eine 
echt-theologische  Haltung:  die  Grunduberzeugung  war,  daB  die  Grundlage 
aller  gegenwartigen,  wahrhaft  christlichen  Frommigkeit  damals  gelegt  worden 
ist.  Das  waren  die  Gedanken,  deren  Ausfuhrung  auch  B.s  Lebensarbeit 
werden  sollte. 

Seine  ersten  Schriften  zeigen  ihn  in  der  Auseinandersetzung  mit  seinen 
Freunden.  Besonnen  und  maBvoll  warnt  er  vor  tlbertreibungen  (»Jesu  Pre- 
digt  in  ihrem  Gegensatz  zum  Judentum«,  1892):  sicherlich  ist  Jesus  —  was 
die  » religionsgeschichtliche  Gruppe*  behauptete  —  nicht  ohne  die  Kenntnis 
des  Judentums  zu  verstehen,  aber  ebenso  sicher  iiberragt  er  es  durchaus. 

In  der  Schrift  »Der  Antichrist  in  der  Uberlieferung  des  Judentums,  des 
Neuen  Testaments  und  der  alten  Kirche«,  1895,  beschaftigt  sich  B.  mit 
Gunkels  soeben  erschienenem  Werke  »Schopfung  und  Chaos «.  Eine  Schrift 
des  Sturmes  und  Dranges,  aber  auch  mit  dem  Ansatz  zur  Nuchternheit.  Ein 
eschatologisches  Thema :  den  Reiz  dieser  krausen  und  phantastischen  Literatur 
hat  er  tief  empfunden.  Die  soeben  erkannte  Aufgabe,  aus  den  schriftlich  vor- 
liegenden  Zeugnissen  die  mundliche  Uberlieferung  zu  erkennen,  hat  ihn  immer 
wieder  gefesselt. 

Bereits  ein  Jahr  spater  folgt  eine  umfassende  Veroffentlichung,  jetzt  in 
volliger  Reife,  die  »Offenbarung  Johannis«  (1896,  2.  Auflage  1906).  Alle  bisher 
aufgeworfenen  Fragen  nimmt  er  in  seiner  Art  auf ,  auch  die  Literarkritik  und 
die  »zeitgeschichtliche«  Forschung,  die  in  den  bunten  Bildern  des  Buches 
Andeutungen  auf  die  Ereignisse  und  Erwartungen  jener  Zeit  suchte,  zwei 
Betrachtungsarten,  die  die  bisherige  Forschung  an  dem  apokalyptischen 
Schrifttum  beherrscht  hatten,  deren  viele  geile  Triebe  B.  aber  zuriickzu- 
schneiden  bestrebt  ist.  An  vielen  Stellen  tritt  bei  ihm  eine  Untersuchung  der 
miindlichen  Uberlieferung  ein,  wobei  er  nach  Gunkels  Vorbild  nicht  selten  auf 
heidnische  Stoffe  zuriickgeht.  Diesen  aber  iiberbietet  er,  indem  er  sich  nicht 
mehr  vorwiegend  an  das  Babylonische,  sondern,  besonders  in  der  zweiten  Auf- 
lage, an  das  Eranische,  Agyptische,  Griechische  wendet.  Zugleich  aber  dringt 
er  tief  in  den  Geist  der  urchristlichen  Schrift  selber  ein,  in  der  alles  Uberkom- 
mene  einen  neuen  Klang  erhalten  hat,  und  weiB  das  eindrucksvoll  auszuspre- 
chen.  Mit  diesem  Buche,  das  in  jener  Zeit  unzweifelhaft  der  beste  neutestament- 
liche  Kommentar  war,  hatte  sich  B.  in  die  erste  Reihe  der  Bibelforscher  ge- 
stellt.  Bei  den  damaligen  kirchenpolitischen  Verhaltnissen  konnte  er  damit 
freilich  nicht  ein  Ordinariat  erringen,  sondern  muBte  sich  nach  sieben  Jahren 
der  qualvollen  Unsicherheit  des  Privatdozenten  mit  einem  Extraordinariat 
(in  Gottingen  1896)  begniigen. 

Die  Bedeutung,  die  die  » religionsgeschichtliche  Gruppe «  dem  gleichzeitigen 
Judentum  fur  das  Verstandnis  des  Neuen  Testaments  beimaB,  fuhrte  B.  in 
Nachfolge  von  Schiirers  »Zeitgeschichte«  zu  seiner  »  Religion  des  Judentums 
im  neutestamentlichen  Zeitalter<(  (1903;  2.  Auflage  1906;  3.  Auflage  1926, 
von  H.  GreBmann  herausgegeben) ,  ein  schwer  gelehrtes  Buch,  in  dem  er  nicht 
nur  die  Leistungen  seines  Vorgangers  durch  seine  wunderbare  Gabe,  in  die 
Seelen  zu  schauen,  weit  iibertraf,  sondern  zugleich  den  Stoff  dadurch  bedeu- 


Bousset  503 

tend  erweiterte,  daB  er  die  ganze  Welt  des  damaligen  Morgenlandes  und 
ein  Stuck  Hellenismus  mit  einbezog,  wahrend  die  rabbinischen  Quellen  bei 
ihm  zuriicktraten. 

Die  Lebhaftigkeit  und  Reichhaltigkeit  seines  Geistes  brachten  ihn  auf 
einen  anderen,  damals  viel  behandelten  Gegenstand,  »Die  Hauptprobleme 
der  Gnosis  «,  1907.  Diese  wunderliche  Erscheinung  zog  ihn  an,  weil  sie  in  den 
groBen  Zusammenhang  der  mancherlei  miteinander  verwandten  Religionen 
gehort,  zu  denen  auch  das  Urchristentum  zu  rechnen  ist.  Er  versucht,  in  den 
ungeheuren  Wirrwarr  Licht  und  Luft  zu  bringen,  indem  er  Haraacks  These, 
wonach  die  Gnosis  eine  »akute  Hellenisierung  des  Christentums*  sei,  die  tiefere 
Erkenntnis  entgegenstellt,  daB  darin  ein  Stoff  orientalischer  Herkunft  hin- 
durchschimmere,  und  findet  darin  uralt-babylonische  Mythen,  persischen 
Dualismus,  und  sodann  griechischen  Geist,  der  alles  zu  vergeistigen  sucht, 
und  schlieBlich  das  Urchristentum,  das  das  Ganze  aufs  neue  in  Garung  ver- 
setzt  hat. 

Neben  diesen  Veroffentlichungen  geht  B.s  Tatigkeit  als  Herausgeber  einher: 
die  »Theologische  Rundschau«,  mit  Heitmuller  zusammen,  1897 — 1917,  be- 
sprach  alle  wichtigeren  Erscheinungen  der  Theologie  in  Artikeln  und  Sammel- 
aufsatzen;  mit  Gunkel  zusammen  seit  1903  die  »Forschungen  zur  Religion 
und  Literatur  des  Alten  und  Neuen  Testaments «,  eine  Sammlung  von  wissen- 
schaftlichen  Einzelarbeiten.  Zugleich  hat  er  sich  an  der  damals  den  Theologen 
aufs  Herz  gefallenen  Aufgabe,  die  wissenschaftlichen  Ergebnisse  einem  groBeren 
Kreise  darzustellen,  in  hervorragendster  Weise  beteiligt:  dazu  dienten  Publica 
an  der  Universitat,  auch  Predigten,  sofern  sich  ihm  die  Kirchen  offneten, 
vor  allem  eine  ausgedehnte  Vortragstatigkeit  in  Nahe  und  Feme.  Dabei  hat 
er  sich  durchaus  als  positiv  gef uhlt :  nicht  um  zu  zerstoren,  ist  er  aufgetreten, 
sondern  um  die  alte  Religion  den  Kindern  der  neuen  Zeit  zu  verkiindigen. 
Als  Redner  voll  von  Schwung  und  Kraft,  Tiefe  und  Warme,  sind  ihm 
die  Herzen  zugeflogen.  Niederschlage  dieser  Tatigkeit,  die  sich  einer  all- 
gemeinverstandlichen  Form  bedient,  sind  seine  Beitrage  zu  den  »Schriften 
des  Neuen  Testaments,  neu  ubersetzt  und  fiir  die  Gegenwart  erklart«, 
Galaterbrief,  I.  und  II.  Korintherbrief,  1908,  3.  Auflage  1917;  bei  der  drit- 
ten  Auflage  ist  er  mit  Heitmuller  zusammen  der  Herausgeber  gewesen. 
Ferner  sein  wundervolles  religionsgeschichtliches  Volksbuch  »  Jesus*  (1904, 
3.  Auflage  1906;  4.  Auflage  von  K.L.Schmidt  1922),  in  dem  er  eine  un- 
erbittliche  Aufrichtigkeit  mit  Andacht  und  Jubel  iiber  die  GrdBe  der  Ge- 
stalt  verband.  Dazu  aus  dem  NachlaB  von  Marie  B.  herausgegebene  charak- 
tervolle  Andachten :  »Wir  heiBen  euch  hoffen;  Betrachtungen  iiber  den  Sinn 
des  Lebens«,  1923. 

Und  immer  mehr  ist  sein  Geist  in  die  Weite  gedrungen.  In  einer  aufs  knappste 
zusammengefaBten  Ubersicht  iiber  die  allgemeine  Religionsgeschichte  »Das 
Wesen  der  Religion  «,  1903,  zeigt  er  sich  von  dem  Grundgedanken  der  »religions- 
geschichtlichen  Gruppe«  erfullt,  daB  alles  religiose  Leben  auf  Erden  eine  groB- 
artige  Einheit  ist,  und  gewinnt  die  Ordnung  in  dem  verwirrenden  Vielerlei 
der  Erscheinungen  durch  den  Gedanken  der  Entwicklung,  wobei  dann  der 
Glaube  an  die  Zukunft  des  Christentums  das  letzte  Wort  erhalt.  Diese  From- 
migkeit  der  Zukunft  hat  er  dann  in  einer  weiteren  machtvollen  Schrift  »Unser 
Gottesglaube«  (1908)  dargestellt. 


504  x92o 

Bereit,  sich  von  anderen  immer  aufs  neue  anregen  zu  lassen,  ist  er  auch 
auf  die  Philosophic  gefuhrt  worden  und  hat  der  Neufriesschen  Schule,  die 
er  in  Gottingen  hatte  kennen  lernen,  besonders  nahegestanden. 

Ergebnisse  seiner  neutestamentlichen  Forschungen  hat  er  in  dem  groBeren 
Werke  »  Kyrios  Christos«  zusammengefaBt  (1913) ,  dessen  zweite  Auflage  er  noch 
vorbereitet  hat  (herausgegeben  von  G.  Kriiger,  1921).  Hier  beschreibt  er  das 
Werden  des  Christusglaubens,  des  eigentlichen  Mittelpunkts  der  christlichen 
Religion.  In  echt  »religionsgeschichtlicher«  Weise  reiBt  er  hier  die  Schranke 
nieder,  die  eine  f riihere  Denkweise  zwischen  Neuem  Testament  und  dem  darauf- 
folgenden  Zeitalter  errichtet  hatte,  und  zugleich  diejenige,  die  das  Urchristen- 
tum  von  seiner  hellenistischen  Umwelt  trennen  sollte.  Dabei  hat  er  sich 
des  Beirats  des  Gottinger  klassischen  Philologen  R.  Reitzenstein  erfreuen 
konnen.  Seine  Grunderkenntnis  aber,  daB  ein  Paulus  und  Johannes  zu  einem 
gewissen  Teil  vom  Hellenismus  herkommen,  soweit  sie  sich  auch  anderer- 
seits  dariiber  erheben  mogen,  war  eine  groBe  Tat.  Dieser  grundlegende  Ge- 
danke,  so  einfach  und  fast  selbstverstandlich  er  zu  sein  scheint,  wird  sich 
auch  in  Zukunft  als  Ausgangspunkt  fur  alles  Weitere  bewahren.  Dies  Buch, 
mit  seiner  gewaltigen  Kraft,  Massen  zusammenzuballen,  und  mit  seinem  Tief- 
blick,  der  in  die  Geheimnisse  der  Seelen  schaut,  ist  ein  Meisterwerk  der  Ge- 
schichtschreibung. 

Die  peinliche  Sorgfalt,  mit  der  B.  die  Quellen  gelesen  hat,  und  die  Fiille 
des  Geistes,  den  er  auch  iiber  die  Einzelheiten  ausgoB,  bezeugen  seine  beiden 
letzten  Schriften  »  Jiidisch-christlicher  Schulbetrieb  in  Alexandrien  und  Rom«, 
1915,  worin  er  nachzuweisen  sucht,  daB  sich  in  den  Werken  von  Philo,  Clemens 
von  Alexandria,  Justin  und  Irenaus  umfangreiche  Einlagen  befinden,  die  das 
Eigentum  der  Schulen  sind,  aus  denen  jene  Manner  hervorgegangen  sind. 
Ferner,  aus  dem  NachlaB  herausgegeben,  »Apophthegmata,  Studien  zur  Ge- 
schichte  des  altesten  M6nchtums«,  1923;  hier  ist  es  ihm  gelungen,  ein  hochst 
verwickeltes  Schrifttum  zu  entwirren;  bei  diesen  Forschungen,  fur  die  er 
noch  zwei  orientalische  Sprachen  erlernte,  zog  ihn  auch  dies  an,  daB  er  in  der 
altesten  Monchsiiberlieferung  ein  lehrreiches  Gegenstiick  zur  Entstehung 
unserer  Evangelien  entdeckte. 

Unbegreiflich  scheint  es,  daB  ein  Forscher  wie  dieser  fast  drei  Jahrzehnte 
lang  nicht  zum  Ordinariat  befordert  worden  ist,  obwohl  mehrere  Fakultaten, 
auch  seine  eigene,  sich  um  ihn  bemuhten.  Die  damalige  Kirchenpolitik  der 
deutschen  Regierungen,  voran  PreuBens,  erklarte  einen  Mann  von  so  kiihnen 
Neuerungen  und  so  machtvoller  Rede  fiir  »unmoglich«;  die  angstliche  Be- 
so  rgn is,  durch  ihn  mochten  die  Geister  gegen  die  bestehenden  Ordnungen 
aufgereizt  werden,  iibersah  vollig,  wie  sehr  sein  ganzes  Wesen  von  Vater- 
landsliebe  erfullt  war.  Der  vornehme  Mann  hat  das  ihm  angetane  schwere 
Unrecht  mit  Wiirde  getragen.  Als  die  neue  Regierung,  nach  der  Staats- 
umwalzung,  entschlossen  war,  ihm  sein  Recht  zu  geben,  war  es  zu  spat.  — 
Politische  Betatigung  ist  B.  von  jeher  Gewissenssache  gewesen  und  ge- 
blieben.  Sein  ausgepragter  Sinn  fiir  soziale  Gerechtigkeit  hat  ihn  zum 
Anhanger  Friedrich  Naumanns  (1919)  gemacht,  die  ungeheure  Not  des 
Vaterlandes  noch  kurz  vor  seinem  Tode,  fast  gegen  seinen  Willen,  zum 
Parteifuhrer.  —  In  bescheidener  Lebensform  fand  er  seine  stillen  Freuden 
an  einem  freundlichen  Familienleben  in  glucklicher  Ehe  und  in  fruchtbarem 


Bousset.  Bruch 


505 


Verkehr  mit  seinen  Freunden,  besonders  mit  W.  Heitmiiller,  der  von  ilim 
empfing  und  ihm  zuriickgab.  —  Wenige  Jahre  vor  seinem  Abscheiden  ist 
B.  endlich  in  GieBen  Ordinarius  geworden  (191 6),  so  daB  die  beiden  Seme- 
ster nach  dem  Kriege,  wo  er  endlich  eine  zahlreiche  verstandnisvolle  Zu- 
horerschaft  zu  seinen  FiiBen  sah,  die  schonsten  seines  akademischen  Lebens 
gewesen  sind.  Dann  ist  er  durch  einen  pldtzlichen  Tod  dahingerafft  worden: 
die  allzu  vielen  Arbeiten  und  Miihen,  die  sich  der  Unermudliche  auferlegte, 
die  schweren  Kampfe,  die  er  sein  ganzes  Leben  hindurch  hat  ausfechten 
miissen,  die  Entbehrungen  und  Stiirme  der  Kriegszeit  hatten  seine  Lebens- 
kraft  verzehrt.  Er  ging  dahin  aus  der  Fiille  neuer  Gesichte:  soeben  hatte  er 
ein  groBes  und  von  seinen  Schiilern  begeistert  aufgenommenes  Kolleg  iiber 
den  Hellenismus  gehalten,  aus  dem  er  sicherlich  ein  Buch  gestaltet  hatte. 
GewiB  wiirde  er  auch  seine  eigentlich  neutestamentlichen  Forschungen  zu 
einem  groBen  Werk  iiber  die  Urgeschichte  der  christlichen  Religion  zusammen- 
gefaBt  haben.  Unerwartete  Funde  lieBen  gerade  damals  die  Weltreligion  Manis 
aus  dem  Schutt  erstehen;  B.  wiirde  untersucht  haben,  was  sich  daraus  fur 
Aufschlusse  iiber  die  Gnosis  und  weiterhin  iiber  das  Urchristentum  ergeben 
wiirden.  Seine  letzte  Frage  aber  war,  ob  und  wieweit  sich  Einflusse  der  Welt- 
mission  des  Buddhismus  auf  das  entstehende  Christentum  feststellen  lassen 
wiirden.  So  hat  er  der  zukiinftigen  Forschung  ein  reiches  Erbe  hinterlassen. 

Literatur:  H.  Gunkel,  Gedachtnisrede  auf  Wilhelm  B.,  » Evangelische  Freiheit«  1920 
Nr.  12,  S.  141  ff. ;  als  Sonderdruck  mit  einem  Bildnis  und  einem  Verzeicknis  seiner  Schrif- 
ten,  Tubingen  1920.  —  R.  Reitzenstein,  Wilhelm  B.,  Aus  den  Nachrichten  von  der  K.  Ge- 
sellschaft  der  Wissenschaften  zu  Gottingen.  Geschaftliche  Mitteilungen .  1920.  —  Der 
NachlaB  befindet  sich  in  den  Handen  seiner  Witvve,  Frau  Professor  Marie  Bousset, 
Gottingen,  Wilhelm-Weber-StraCe  39  II. 

Halle  a.  S.  Hermann  Gunkel. 

Bruch,  Max,  Komponist,  *  am  6.  Januar  1838  in  Koln,  f  am  20-  Oktober 
1920  in  Berlin.  —  M.  B.  war  einer  der  vollbliitigsten  Musiker  des  ausgehenden 
19.  Jahrhunderts,  ein  Kiinstler,  dessen  unerschopfliches  Temperament  Werk 
auf  Werk  muhelos  hervorsprudelte  und  der  mit  einigen  seiner  Kompositionen 
volkstumlich  wie  kein  anderer  in  seiner  Zeit  geworden  ist. 

B.  war  der  Sohn  eines  angesehenen  Kolner  Juristen  und  entstammte  einer 
alten  protestantischen  Theologenf amilie  (die  in  neuerer  Zeit  verbreitete  Version 
angeblicher  jiidischer  Abstammung  ist  unzutref f end) .  Die  musikalische  Ver- 
anlagung  war  wohl  das  Erbe  seiner  Mutter,  einer  geborenen  Almenrader,  die 
dem  Knaben  auch  bis  zu  seinem  10.  Lebensjahre  selbst  den  Musikunter- 
richt  erteilte.  Da  B.  auch  zeichnerisch  sehr  begabt  war,  schwankte  die 
Entscheidung  fur  seinen  I^ebensberuf  eine  Zeitlang  zwischen  Malerei  und  Musik. 
Doch  entwickelten  sich  die  Neigungen  des  Knaben  unter  der  Einwirkung 
seiner  hervorragenden  Lehrer  Ferd.  Hiller,  Carl  Reinecke  und  H.  C.  Breiden- 
stein  bald  endgiiltig  zur  Musik,  und  schon  1852,  mit  14  Jahren,  wurde  B. 
Stipendiat  der  Frankfurter  Mozartstiftung.  Dem  Friihreifen  und  muhelos 
Schaffenden  blieb  jedes  Ringen  um  Anerkennung  und  jedes  Hindernis  auf 
dem  Wege  zum  Ruhm  erspart.  Schon  mit  18  Jahren  erregte  B.  Aufmerk- 
samkeit  mit  seinem  op.  1,  der  komischen  Oper  »Scherz,  Iyist  und  Rache« 
(nach  Goethe),  die  in  Koln  aufgefuhrt  wurde  und  warme  Anerkennung  fand. 


506  1920 

Schon  ihr  eignen  die  Merkxnale,  die  B.  in  der  besten  Zeit  seines  Schaffens 
weiter  entwickelt  hat:  Erfindungsreichtum  in  der  Melodik,  temperament- 
voller  Wechsel  der  Stimmungen  und  Einfalle,  eine  gewisse  suBe  Sinnlich- 
keit  in  Klang  und  Hannonik,  rhythmische  Beweglichkeit.  Diese  Eigen- 
schaften,  getragen  von  noch  jugendlicher  Phantasie  und  unterstrichen 
durch  eine  starke  rheinisch-volkstiimliche  Note,  machen  B.s  Musik  so  leicht 
einganglich  und  gefallig;  dabei  aber  wird  stets  eine  gewisse  vornehme  Hal- 
tung  bewahrt  und  die  Grenze  zum  Allzupopularen  niemals  iiberschritten  — 
wenigstens  fur  B.s  beste  Zeit  trifft  das  zu. 

Die  folgenden  Jahre  brachten  eine  Reihe  kleinerer  Werke,  zum  Teil  fur 
Klavier,  aber  auch  Kammennusikwerke,  die  sich  in  ihrer  etwas  siiB-melodi- 
schen  und  weichen,  aber  fonnvollendeten  Haltung  an  Mendelssohn  anlehnen, 
ferner  schon  die  ersten  Chorwerke.  Das  wichtigste  Ereignis  fiir  den  jungen 
Musiker  wurde  eine  durch  seinen  Verwandten  Alfred  Krupp  im  Jahre  1861 
ermoglichte  groBere  Reise,  die  ihn  in  nahe  Beziehung  zuEm.  Geibel  inMiinchen 
brachte.  Geibel  iibertrug  ihm  die  Komposition  seiner  von  Mendelssohn  nur 
fragmentarisch  vertonten  Dichtung  »Loreley«;  die  Arbeit  reizte  B.  so,  daB  er 
sie  in  kiirzester  Zeit  vollendete.  Schon  am  14.  Juni  1863  g^g  die  Oper  (op.  16) 
unter  Vincenz  Lachner  in  Mannheim  in  Szene.  Der  Erfolg  war  auBerordentlich : 
allein  in  Koln  wurde  das  Werk  im  ersten  Winter  sechzehnmal  aufgefuhrt, 
auch  an  sonstigen  deutschen  und  an  hollandischen  Buhnen  stand  es  eine  Zeit- 
lang  auf  dem  Spielplan. 

Mit  der  »L,oreley « begann  die  beste  Schaffenszeit  B.s,  und  von  hier  an  fiihrte 
der  Weg  des  Ruhmes  schnell  hinan.  Die  Studienjahre  1862 — 1864  (Mannheim 
und  Heidelberg)  forderten  erstmalig  eine  Reihe  Werke  auf  demjenigen  Ge- 
biete,  das  sein  eigenstes  werden  sollte,  der  Chormusik.  Es  entstehen  der  »R6- 
mische  Triumphgesang«  (op.  19),  die  »Flucht  der  heiligen  Familie«  (op.  20), 
der»Gesang  der  heiligen  drei  K6nige«  (op.  21),  Werke,  in  denen  sich  bereits 
eine  groBe  Kraft  der  Formgebung  und  bemerkenswerte  Sicherheit  in  der  Be- 
handlung  der  Chormassen  zeigt,  in  denen  aber  auch  schon  jene  Kiihle  merkbar 
wird,  die  letzten  Endes  bei  aller  Verve  und  allem  Schwung  doch  immer  ein 
wesentliches  Char akteristik urn  Bruchscher  Musik  bildet,  und  die  —  zumal 
in  spateren  Werken  —  den  Eindruck  des  Berechneten  macht. 

Das  Jahr  1864  darf  in  der  deutschen  Chorgesangsgeschichte  des  19.  Jahr- 
hunderts  einen  der  hervorragendsten  Platze  beanspruchen :  es  brachte  B.s 
»Frithjof«  (nachTegner,  op.  23),  eine  Art  groBe  Chorkantate  fur  Mannerchor, 
Soli  und  Orchester,  die  in  Aachen  von  einem  fiir  damalige  Verhaltnisse  riesigen 
Chor  von  400  Stimmen  zur  Auffuhrung  gebracht  wurde.  Das  Werk  eroberte 
sich  im  Sturm  die  Mannerchore,  und  noch  heute  fungiert  es  gelegentlich  in 
kleineren  Musikstadten  als  beliebte  Glanznummer.  Auch  hier  herrschen  die 
Eigenschaften,  von  denen  schon  oben  die  Rede  war,  noch  verstarkt  und  ein- 
drucksvoller  geworden  durch  die  groBe  formale  und  dramatische  Sicherheit, 
die  B.  sich  erworben  hatte;  mit  dem  »Frithjof«  wurde  B.  der  eigentliche 
»Dramatiker  des  Konzertsaals «  (Kretzschmar).  Zweifellos  mit  glanzender  Wir- 
kung  und  starken  Effekten  ausgestattet,  leidet  dieses  Chorwerk  jedoch  mehr 
als  die  fruheren  unter  der  Sichtbarkeit  der  »Mache« —  Ursprunglichkeit  und 
Echtheit  der  Erfindung  haben  sich  mit  einem  Raffinement  der  Technik  ver- 
bunden.  das  letzten  Endes  enttauscht  und  kuhl  laBt. 


Bruch 


507 


1865  kieft  s*ch  B.  in  Hannover  anf  und  schloB  Freundschaft  mit  Joachim; 
es  folgten  Reisen  durch  Frankreich  und  Deutschland  und  noch  im  gleichen 
Jahre  eine  Anstellung  als  stadtischer  Musikdirektor  in  Koblenz,  wo  B.  bis  1867 
blieb.  In  diese  Zeit  fallt  neben  Chorwerken  wie  »Schon  Ellen«  (op.  24),  »Sa- 
lamis«  (op.  25),  »Flucht  nach  Agypten«  (op.  31)  usw.  wieder  ein  Hauptwerk: 
das  Violinkonzert  in  G-Moll  (op.  26),  das  Joachim  1868  auf  dem  Rheinischen 
Musikfest  in  Koln  aus  der  Taufe  hob.  Wie  unter  den  Chorwerken  der  »Frithjof  «, 
so  darf  unter  den  Instrumentalwerken  dieses  Konzert  als  die  eigenste,  beste 
nnd  bleibendste,  weil  fiir  ihn  am  meisten  charakteristische  Leistung  B.s  an- 
gesehen  werden.  Das  G-Moll- Konzert  ist  auch  das  einzige  heute  noch  lebendige 
Werk ;  es  erf reut  sich  bei  den  Geigern  und  beim  Konzertpublikum  noch  immer 
groBer  Beliebtheit,  nicht  mit  Unrecht,  denn  es  ist  klangvoll  und  dankbar,  von 
einer  gewissen  Echtheit  und  Warme,  dabei  konzis  in  der  Form,  und  es  krankt 
nur  an  der  allzu  rheinischen  Weichheit  und  dem  »Sich  nicht  genug  tun  K6nnen« 
am  Schonklang. 

Die  Jugendepoche  B.s  (er  war  gerade  30  Jahre  alt)  findet  mit  diesem  Werk 
ihren  AbschluB,  und  damit  seine  beste  und  innerlich  fruchtbarste  Zeit,  der 
Abschnitt  seines  Schaffens,  der  mit  einiger  Wahrscheinlichkeit  als  etwas  fiir 
die  Musikgeschichte  Bleibendes  (wenn  auch  nur  im  Sinne  des  als  Zeiterschei- 
nung  relativ  Bedeutenden)  gelten  kann.  Es  folgten  die  Jahre,  die  B.  als  Hof- 
kapellmeister  in  Sondershausen  verbrachte  (1867 — 1870)  und  die  eine  Krisis 
in  seinem  Schaffen  bedeuteten:  in  diesen  Jahren  begann  die  Flamme  des  Ju- 
gendfeuers  sich  zu  verbrauchen,  und  mehr  und  mehr  spurt  man  die  Routine 
an  die  Stelle  der  Begeisterung  riicken.  In  den  Sondershausener  Jahren  erwarb 
B.  sich  das  meisterhafte  Konnen  und  die  iiberlegene  Technik,  die  ihn  spater 
auf  der  Bahn  des  auBeren  Glanzes  bis  zur  hochsten  Hohe  fuhrten,  und  die  zur 
Folge  hatten,  daB  jedes  neue  Werk  immer  wieder  ein  Erfolg  wurde,  die  aber 
heute  nicht  mehr  iiber  die  innere  Hohlheit  und  die  Billigkeit  mancher  Effekte 
hinwegtauschen  konnen.  Damals  entstehen  Chore  wie  »Normannenzug«  (op.  32), 
»R6mische  L,eichenfeier«  (op.  34),  die  sehr  klug  abgemessene  Komposition  von 
Schillers  »Dithyrambe«  (op.  39),  daneben  die  Oper  »Hermione«  (op.  40  nach 
Shakespeares  »Wintermarchen«),  die  1872  im  Berliner  Opernhaus  aufgefuhrt 
wurde,  sich  jedoch  nur  kurz  hielt.  Es  entstehen  ferner  die  beiden  ersten  Sin- 
fonien  in  Es-Dur  (op.  28)  und  F-Moll  (op.  36),  beide  stark  an  Schumann 
orientiert,  doch  nicht  von  eigentlich  zundender  Kraft.  Weiter  aber  fallen  auch 
die  »3Messensatze«  (Kyrie,  Sanctus,  Agnus,  op.  35)  in  diese  Jahre,  in  denen 
die  B.  eigene  sinnliche  Schonheit  sich  mit  ernster  Konzentration  und  exakter 
kontrapunktischer  Arbeit  zu  einem  wirklich  bedeutenden  Gesamteindruck 
verbindet,  und  die  als  eines  der  starksten  Werke  des  Meisters  gelten  konnen. 
Nach  dem  Beginn  des  70er  Krieges  siedelte  B.  zunachst  nach  Berlin 
iiber,  1873 — 1878  lebte  er  wieder  in  Bonn;  die  ganzen  Jahre  widmete  er,  ohne 
ein  Amt  zu  bekleiden,  nur  der  Komposition.  Immer  starker  wuchs  auch  sein 
Chorschaffen ;  hatte  er  sich  bisher  vorzugsweise  auf  dem  Gebiet  der  germani- 
schen  Sagenwelt  bewegt,  so  zog  ihn  nun  der  antike  Gotter-  und  Heldenmythos 
an.  Als  erstes  Werk  dieser  Reihe  entsteht  1872  der  »Odysseus«  (op.  41),  es 
folgen,  freilich  erst  in  etwas  spateren  Jahren,  der  »Achilleus«  (op.  50;  1885), 
»Thermopyla«  (op.  53),  »Leonidas«  (op.  66)  usw.  Dazwischen  fallen  wiederum 
Werke  des  nordischen  Stof f kreises :  »Arminius«  (op.  43;  1875),  »Das  Feuer- 


508  1920 

kreuz«  (op.  52;  1888)  u.  a.  Durchweg  lebt  schon  in  diesen  Werken  nicht  mehr 
jene  Schwungkraft,  die  die  friiheren  auszeichnete.  Das  Hiniiberwechseln  in 
einen  anderen  Stoffkreis  ist  nicht  symptomatisch  fur  eine  innere  Umstellung; 
es  ist  Zug  der  Zeit,  nicht  mehr.  So  wenig  B.  etwa  die  germanische  Welt  (wie 
R.  Wagner)  zu  einem  besonderen  Stil,  zu  einer  dem  Wesen  dieser  Gestalten  ge- 
maBen  Musik  getrieben  hatte,  so  wenig  verandert  sein  Chorstil  das  Geprage 
bei  dem  Wechsel  des  Gegenstandes ;  nicht  einmal  das  auBere  Kolorit  andert 
sich.  Im  Grunde  zeigt  sich  hierin  die  Kuhle,  mit  der  B.  jedem  Stoff  gegeniiber- 
tritt :  seine  Vertonungen  sind  ebenso  etwa  wie  die  Fresken  Prellers  das  Produkt 
eines  hochkultivierten  Geschmacklertums,  aber  es  fehlt  ihnen  die  innere  Glut, 
die  echte  Leidenschaft,  mit  der  ein  Feuerbach  die  Antike  behandelte,  und 
der  am  nachsten  vergleichbare  Maler  ware  etwa  Piloty  (vgl.  Wetzel  in  den 
Musikpad.  Blattern,  s.  u.).  Doch  fallt  in  diese  Reihe  auch  noch  einmal  ein 
groBer  Wurf,  die  Komposition  von  Schillers  »Glocke«  (op.  45;  1878).  Mit  ihr 
ist  B.  nachst  dem  »Frithjof«  am  volkstumlichsten  geworden,  obwohl  auch 
dieses  Werk  die  Schwachen  seines  Schopfers  deutlich  verrat. 

Die  Jahre  1877 — 1878  brachten  zwei  Reisen  nach  England;  bei  der  ersten 
spielte  Sarasate  erstmalig  in  London  das  2.  Violinkonzert  (D-Moll,  op.  44),  das 
in  Bonn  entstanden  war,  und  B.  dirigierte  selbst  in  Liverpool  den  » Odysseus «. 
Vonibergehend  leitete  er  1878 — 1879  den  Sternschen  Gesangverein  in  Berlin, 
1880  trugen  die  englischen  Reisen  ihm  den  Posten  eines  Direktors  der  Phil- 
harmonischen  Gesellschaft  in  Liverpool  ein.  Am  3.  Januar  1881  verheiratete 
der  Meister  sich  mit  Klara  Tuczek,  einer  Nichte  der  Kammersangerin  Leopol- 
dineHerrenberg-Tuczek.  Es  folgten  weiter  unruhige  Jahre,  Reisen,  die  ihni883 
nach  Amerika,  im  gleichen  Jahre  nach  RuBland  fuhrten,  wobei  Sarasate  das 
3.  Violinkonzert  (D-Moll,  op.  58)  in  Petersburg  zur  Urauffuhrung  brachte.  1890 
folgte  eine  zweite  Reise  nach  RuBland  mit  erfolgreichen  Auff  uhrungen  von  Chor- 
werken.  Dazwischen  wirkte  B.  1883 — 1890  als  Direktor  des  Orchestervereins 
in  Breslau;  dann  erfolgte  die  endgultige  tJbersiedlung  nach  Berlin.  Das  Alter 
des  Meisters  war  reich  an  Ehrungen:  1891  wurde  ihm  die  Meisterschule  fiir 
Komposition  an  der  Akademie  der  Kiinste  iibertragen,  1893  wurde  er  Dr.  h.  c. 
der  Universitat  Cambridge,  1899  Mitglied  des  Direktoriums  der  Kgl.  Hoch- 
schule  fiir  Musik,  1907  erster  Vorsitzender  des  Senats  der  Akademie  der  Kiinste 
(Sektion  Musik),  am  4.  Oktober  desselben  Jahres  Vizeprasident  der  Akademie 
als Nachfolger  Joachims  und  Ritter  desOrdens  »Pour  le  merited.  Zahlreiche  aus- 
wartige  Korporationen  verliehen  ihm  die  Ehrenmitgliedschaft,  so  die  Aka- 
demien  von  Paris  und  Stockholm,  die  Niederlandische  Gesellschaft  zur  Be- 
forderung  der  Tonkunst,  die  Schweizer  Musikgesellschaft,  die  Philharmonic 
Society  in  Iyondon  usw. 

Die  Kompositionen  nach  1880  reichen  an  Bedeutung  bei  weitem  nicht  an 
die  friiheren  heran,  so  von  Instrumental  werken  das  beriihmte  »Kol  nidreii 
(op.  47),  die  Sinfonie  E-Dur  (op.  51),  das  Violinkonzertstiick  op.  84,  von  Chor- 
werken  das  Oratorium  » Moses «  (op.  67;  1894  zur  Jubelfeier  der  Akademie 
der  Kiinste),  das  weltliche  Oratorium  »Gustav  Adolf «  (op.  73)  usw.  Ein  be- 
merkenswertes  Spatwerk  ist  die  Szene  der  Marfa  aus  Schillers  » Demetrius* 
(op.  80),  eine  Konzertszene  mit  Orchester,  die  noch  einmal  etwas  von  der 
friiheren  Dramatik  B.s  aufleben  laBt.  Noch  bis  zum  Alter  von  etwa  80  Jahren 
war  B.  als  Schaf fender  tatig,  ein  —  vielleicht  letzter  —  Nachfahre  spatester 


Bruch.  Cantor 


509 


Romantik,  weit  hineinragend  in  eine  Zeit,  die,  innerlich  bereits  vollkommen 
anders  gerichtet,  seinem  meisterlichen  Konnen  nur  noch  eine  kuhle  Hochach- 
tung  entgegenzubringen  vermag.  Seine  Theatralik  und  sein  Pathos  wirken 
heute  nicht  mehr  wahr ;  wir  erblicken  in  seinem  Farben-  und  Eff ektreichtum 
nur  noch  auBeren  Glanz,  den  wir  nicht  als  berechtigt  zu  fuhlen  vermogen, 
weil  keine  elementare  Kraft  treibend  dahinter  sich  verbirgt,  als  deren  Er- 
scheinung  wir  ihn  verstehen  konnten.  Nur  die  Fruhwerke  haben  sich  etwas 
von  jener  Frische  und  jenem  Temperament  bewahrt,  ohne  die  nun  einmal 
romantische  Musik  nicht  lebendig  sein  kann. 

Literatur:  195  Brief e  an  Philipp  Spitta,  Autograph  im  Besitz  der  PreuB.  Staats- 
bibliothek  (vgl.  Zeitschrift  fur  Musikwissenschaft  IV,  S.563) .  —  BriefwechselmitJ .Brahms.- 
H.-J.  Moser,  Geschichte  der  deutschen  Musik  II,  2,  S.  298,  305  f,  351  f.  —  Derselbe  in 
»Dex;  Tiirmer«  XXIII,  S.  1 50.  —  H.Kretzschmar,  Fiihrer  durch  den  Konzertsaal  I,  S.  467, 
716  ff.;  II,  1,  S.  247;  II,  2.  S.  407  ff.,  564  ff.,  648  ff.,  657  ff.,  666,  670  f.  —  F.  Gysi  im 
no.  Neujahrsblatt  der  Musikgesellschaft  Zurich,  1922.  —  Th.  Kroyer,  Die  zirkumpolare 
Oper,  in  Jahrb.  der  Musikbibl.  Peters,  19 19.  —  A.  Kleffel  in  »Die  Musik*  VII,  S.  277.  — 
H.  Wetzel  in  »Der  Tiirmer*  XX,  S.  481  und  in  den  Musikpadagog.  Blattern  XLI,  S.  1.  — 
Schurzmann  in  der  »Neuen  Musikzeitung«  XXXIX,  Heft  7  und  in  »Die  Stimme«  XII, 
Heft  5.  — Gottmann  in  der  »DeutschenTonkiinstlerzeitung«  XVI,  S.  6. —  Barmas  das. 
XXIII,  S.  61.  —  Hennings  in  »Die  Harmonie«  X,  Heft  1 — 2.  —  Weidt  im  »Bad.  Sanger- 
boten«  XLVI,  Heft  8.  —  Kohut  im  »Merker«  XI,  S.  22. 

Berlin.  Friedrich  Blume. 


Cantor,  Moritz,  Historiker  der  Mathematik,  o.  Honorarprofessor  der  Uni- 
versitat  Heidelberg,  *  am  23.  August  1829  in  Mannheim,  |  am  9.  April  1920 
in  Heidelberg.  —  C.  war  Schuler  von  GauB  und  Lejeune-Dirichlet,  Steiner 
und  Stern,  bezog  die  Universitat  Heidelberg  1848,  horte  im  Wintersemester 
1850/51  GauB*  Kolleg  iiber  die  Methode  der  kleinsten  Quadrate,  promo- 
vierte  im  Herbst  185 1  mit  der  Dissertation:  »Uber  ein  weniger  gebrauch- 
liches  Koordinatensystem «,  studierte  in  BerHn  weiter  und  habilitierte  sich 
1853  in  Heidelberg,  wo  er  fur  seine  Vorlesungen  »Grundzuge  einer  Ele- 
mentararithmetik«  verfaBte.  Angeregt  durch  Stern,  M.  Chasles  und  Bertrand 
auf  einer  Reise  nach  Paris,  und  den  Philosophen  Eduard  Roth  (»Mit  einem 
gewissen  Stolze  fuhre  ich  an,  daB  es  seine  Aufmunterung  ganz  besonders 
war,  welche  mich  in  die  historisch-mathematischen  Forschungskreise  hinuber- 
wies«),  las  C.  schon  im  Sommersemester  i860  an  der  Ruperto-Carola  iiber 
Geschichte  der  Mathematik.  Seine  Vortrage  auf  der  33.  und  34.  Naturforscher- 
versammlung  in  Bonn  und  Karlsruhe,  sein  Eintritt  in  die  Redaktion  der 
Zeitschrift  fur  Mathematik  und  Physik  1859  erweiterten  das  Feld  seiner 
Tatigkeit,  seine  tiefer  dringenden  Studien  in  der  Geschichte  schufen  das 
Werk:  Mathematische  Beitrage  zum  Kulturleben  der  Volker,  welches  ihm 
1863  den  Professortitel  brachte  und  der  Ausgangspunkt  wurde  fur  den  bis 
1903  dauernden  Briefwechsel  mit  seinem  Fachgenossen  und  Freunde  Maxi- 
milian Curtze  in  Thorn,  dem  Entdecker  von  Nicole  Oresme.  In  glucklichem 
Wetteifer  bauten  beide  in  Deutschland  am  stolzen  Turm  der  mathematischen 
Historie,  welche  nach  Montuclas  Werk  nun  kritisch  fundiert  wurde.  In  Italien 
begriindete  nach  Terquems  schuchterneren  Anfangen  Fiirst  Boncompagni 
sein  Bulletino  1867,  trat  Antonio  Favaro  auf  den  Plan,  der  nachmalige  groBe 
Herausgeber  der  Galilei- Ausgabe.  Die  Italiener  korrespondierten  eifrig  mit 


510  1920 

C,  welcher  den  historisch-kritischen  Teil  der  Zeitschrift  fiir  Mathematik  und 
Physik  bestritt.  Er  entwickelte  eine  gewaltige  Rezensionstatigkeit  und  die 
Zahl  seiner  mathematisch-historischen  Arbeiten  wuchs  in  glucklicher  Be- 
ruhrung  mit  seiner  eifrigen  Lehrtatigkeit.  Die  Tafel  seiner  Vortrage,  die  wir 
als  Skizzen  und  Vorarbeiten  zu  seinem  Monumentalwerke  charakterisieren 
konnen,  lassen  das  organische  Wachsen  ahnen  und  zeigen  das  stille  und 
zielbewuBte  Wirken  eines  groBen,  schaffenden,  in  seine  Aufgabe  sich  ein- 
fiihlenden  Geistes,  der,  nach  kurzem  Familiengliick,  allein  in  rastloser  Arbeit 
Ersatz  fand.  Das  Jahr  1875  fiillte  mit  dem  Buche  liber  die  romischen  Agri- 
mensoren  eine  Liicke  aus  in  dem  groBen  Plane  seines  Monumentalwerkes ; 
der  leitende  Faden  durch  die  Geschichte  der  spatromischen  und  mittelalter- 
lichen  Mathematik  war  nach  dem  sicheren  Urteil  eines  seiner  altesten  Schiiler, 
Siegmund  Giinther  (f  1923),  darin  gefunden.  Die  Mitarbeit  an  von  I^ilien- 
crons  »Allgemeiner  deutscher  Biographie«  begann  fiir  C.  mit  dem  Jahre  1875 
ebenfalls;  Hunderte  von  ausgezeichneten  Mathematikerbiographien  hat  er 
mit  seinem  zielsicheren  Kolorit  dafur  geschaffen.  Die  von  ihm  zur  Selbstandig- 
keit  gebrachten  Abhandlungen  iiber  Geschichte  der  Mathematik  bewiesen  das 
Erstarken  der  Forschungsarbeit  auf  seinem  eigensten  Gebiete  und  zeigen, 
daB  der  seit  1875  von  ihm  begonnene  dreisemestrige  Lehrvortrag  an  der 
Universitat  die  reichen  Schalen  des  Zaubertranks  einer  klassischen  Ver- 
gangenheit  mit  Begierde  schliirfen  lieB.  Im  Jahre  1880  erschien  der  I.  Band 
der  Vorlesungen  zur  Geschichte  der  Mathematik.  Mit  der  Selbstlosigkeit  des 
bewundernden  Freundes  ruhmte  Max  Curtze  die  Fulle  des  Gebotenen,  die 
kunstlerische  Darstellung  und  Abrundung  dieses  Bandes,  welcher  die  antiken 
Kulturvolker,  Klostergelehrsamkeit  und  Mittelalter,  die  Mathematik  der 
Inder,  Chinesen  und  Araber  behandelte.  Nur  ein  Meister  wie  C.  konnte  mit 
seiner  von  Paul  Stackel  so  geriihmten  souveranen  Beherrschung  des  Quellen- 
materials,  seinem  rastlosen  FleiB,  seiner  Sammlergeduld,  seiner  plastischen 
Darstellungskraft  die  weiteren  Bande  ebenso  glanzvoll  gestalten.  Von  seiner 
Kunst  der  Berichterstattung  zeugen  die  klassischen  Kapitel  der  Kunstler- 
mathematiker  der  Renaissance,  die  Schilderung  der  Erfindung  der  I<og- 
arithmen,  der  Anfange  der  Indivisibilienmethoden,  der  Schopfung  der  Ana- 
lysis durch  Leibniz  und  Newton,  die  Zeiten  der  Bernoullis  und  die  Epoche 
Eulers.  1892  kam  der  II.,  1898  der  III.  Band  heraus.  Rasch  folgten  neue 
Auflagen  des  Standard werks,  das  C.  bis  zum  Jahre  1758  personlich  fort- 
fiihrte.  Er  stand  in  reger  Korrespondenz  mit  Paul  Tannery  in  Paris,  dem 
Herausgeber  von  Diophants,  Fermats  und  Descartes  Werken,  und  dieser 
Briefwechsel  wird  demnachst  in  den  monumentalen  Memoires  scientifiques 
von  Madame  Tannery  pietatvoll  publiziert  werden  (vgl.  torn  VI  Sciences 
modernes,  S.  501).  Die  friedliche  erfolgreiche  Zusammenarbeit  der  Nationen 
an  der  Geschichte  der  Mathematik  zeigten  die  groBen  Kongresse  der  nach- 
sten  Jahre  in  Paris,  Rom  und  Heidelberg.  Nachdem  schon  zu  der  ersten  Fest- 
schrift zu  C.s  70.  Geburtstag  zweiunddreiBig  Forscher  der  bedeutendsten 
Namen  aller  Kulturnationen  sich  vereinigt  hatten,  gelang  es  C.  fiir  den 
IV.  Band  seines  Werkes  eine  neungliedrige  Kommission  der  Herren  S.  Giin- 
ther, V.  Bobynin,  A.  v.  Braunmuhl,  Fl.  Cajori,  E.  Netto,  G.  Loria,  V.  Kom- 
merell,  G.  Vivanti  und  C.  R.  Wallner  zu  gewinnen,  so  daB  er  die  Genugtuung 
der  Weiterfuhrung  desselben  bis  1799,  dem  Erscheinungsjahre  von  GauB' 


Cantor  511 

Doktorarbeit,  im  Jahre  1907  erlebte.  Mit  dem  von  ihm  redigierten  SchluB- 
abschnitt  wollte  er  seinem  Ideal  einer  Geschichte  der  Ideen  nahekommen  in 
Richtung  auf  die  Einheit  der  sich  selbst  stets  bewuBten  Weltvernunft.  Da- 
mit  war  sein  Lebenswerk  gekront,  das  in  der  ganzen  Welt  gekannt  ist.  Wohl 
hatte  es  eine  scharfe  Detailkritik  durch  Gustav  Enestrom  in  dessen  Biblio- 
theca  Mathematica  zu  bestehen;  aber  es  fand  uberzeugte  und  beredte  Apo- 
logeten;  ich  brauche  nur  H.  Bosnians  in  Belgien  zu  nennen  oder  Gino  Loria, 
dessen  gewaltiger  Arbeitskraft  die  Wissenschaft  Fagnanos  und  Torricellis  ge- 
sammelte  Werke  dankt.  Zu  C.s  Weggenossen  gehorten  H.  G.  Zeuthen,  Pierre 
Duhem,  A.  Favaro.  Er  war  Mitglied  der  Akademien  von  Petersburg,  Turin, 
Wien,  Heidelberg.  Er  durfte  zu  seinem  80.  Geburtstag  noch  die  Ehrung  einer 
zweiten  Festschrift,  die  Gliickwunsche  seiner  iiber  den  Erdkreis  verteilten 
Freunde,  seiner  Hochschule  und  seiner  Vaterstadt  empfangen.  Er  erreichte 
beinahe  sechzig  Jahre  akademischer  Lehrtatigkeit,  Generationen  von  Schiilern 
saBen  begeistert  zu  seinen  FtiBen,  des  fiir  alles  Grofle  und  Schone  der  Welt 
in  heiliger  Liebe  erleuchteten  Lehrers.  Eine  schone  Feuerbach-Biographie 
war  sein  letztes  Werk,  nachdem  er  noch  seinen  Freunden  Boncompagni,  Max 
Curtze,  Schloemilch,  dem  groBen  Leibniz-Forscher  C.  I.  Gerhardt  schone 
Wiirdigungen  nachgesandt  hatte.  Viermal  hat  er  zu  Ehren  seines  groBen 
Lehrers  GauB  die  Feder  gef uhrt  und  mit  Dedekind  pflegte  er  brieflich  diese  Er- 
innerungen,  wie  er  auch  zur  Einweihung des  GauB-Weber-Denkmals  am  16.  Juni 
1899  nach  Gottingen  eilte.  Im  Lichte  eines  milden  Idealismus  sah  er  das 
Leben,  aber  aller  unfruchtbaren  Spekulation  abhold,  verband  er  mit  seiner  oft 
poetischen  Weltauffassung  einen  tiefen  Wirklichkeitssinn,  der  ihn  auch  seine 
anderen  Lehrverpflichtungen  der  Mathematik  des  biirgerlichen  Lebens  lite- 
rarisch  und  padagogisch  kraftvoll  ausfiillen  HeB.  Schon  in  den  achtziger  Jahren 
widmete  er  sich,  wie  wiederum  aus  der  Tafel  seiner  Vortrage  ersichtlich, 
der  Volksbildung  in  hingebender  Weise;  der  philosophisch-historische  Verein 
(vgl.  dessen  Protokollbiicher  Sign.  369  mit  Cs.  hdschrl.  Summarien  der  Vor- 
trage) welcher  von  ihm  mit  gleichgesinnten  Mannern  wie  Hausrath,  Laband, 
W.  Oncken,  Wattenbach,  Wilhelm  Wundt,  Zeller,  G.  Weber,  Bluntschli  gegriin- 
det  wurde,  bot  ihm  die  verstandnis voile  Gemeinde.  Kuno  Fischer  sagte  einst  von 
seinem  Kollegen :  »Der  C.  ist  ein  groBer  Kenner  der  Geschichte  der  Mathematik* 
und  immer  mehr  wurde  er  als  der  Altmeister  der  mathematischen  Historie 
verehrt.  Ein  universales  Werk  wie  das  C.s  wirkt  schulebildend,  und  so  konnte 
schon  Paul  Tannery  in  seinem  Artikel  der  Grande  Encyclopedic  von  ihm  sagen : 
i>Il  rien  est  pas  moins  le  veritable  chef  d'ecole,  dont  limitation  se  perpetuera 
a  Vavenir,  et  si  quelques-unes  de  ses  opinions  peuvent  preter  matihre  a  contes- 
tation, son  nom  ne  leur  en  donne  pas  moins  une  singulilre  autoritea,  nachdem 
er  ihn  als  » Esprit  ingenieux  et  hardi,  qui  sest  pondere  avec  Vdge,  d'une  exacti- 
tude et  d'une  conscience  parfaites,  doue  de  tous  les  talents  de  Vecrivainn,  ge- 
riihmt  hat,  Charakterziige,  welche  die  Familie  C.s  von  Portugal  nach  Dane- 
mark  und  von  da  nach  Amsterdam  mitgebracht  hatte. 

Eine  Bibliographic  von  Moritz  C.s  Schriften  hat  Curtze  in  der  ersten  Fest- 
schrift zum  70.  Geburtstag  gegeben,  und  ich  habe  dieselbe  im  V.  Bande  von 
Poggendorffs  Handworterbuch  iiber  diese  Zeit  hinaus  erganzt.  Als  ich  kurz 
vor  C.s  Heimgang  auf  seinen  Wunsch  wie  in  Ala-ed-Dins  Schatzhohle  tretend 
seine  reiche  Bibliothek  ordnete,  welche  unter  anderem  auch  die  ihm  von 


512  1920 

Holland  geschenkte  Huygens-Ausgabe  enthielt,  fand  ich  die  meisten  Ori- 
ginate seiner  Schriften  vor,  welche  mir  die  Einordnung  seiner  Vortrage  in  die 
zerstreuten  Arbeiten  bei  Curtze  ermoglichte. 

Liter  atur:  Moritz  C.s  Vortrage  mit  Angabe  der  Veroffentlichung :  ttber  die  Mathe- 
matik  des  Pythagoras,  Heidelb.  Jahrbiicher  1858,  S.  921.  —  tJber  die  Zahlzeichen  der 
Araber,  ibid.  1863,  S.  245.  —  tfber  die  Zahlentheorie  der  Griechen,  ibid.  1863,  S.  801. — 
Uber  die  Lebenszeit  des  Zenodor,  ibid.  1861,  S.  161.  —  Uberden  Prioritatsstreit  zwischen 
Newton  und  I^eibnitz,  Sybels  Historische  Zeitschrift,  betitelt:  War  Leibniz  ein  Plagiator? 
Bd.  X,  S.  67 — 159.  —  tfber  Petrus  Ramus,  Monatsblatter  1867.  —  Uber  Galileo  Galilei, 
Grenzboten  XXIV,  I.  Sem.  1865,  S.  422/36.  —  t)ber  Benjamin  Franklin,  unveroffentlicht. 
—  tfber  die  neuesten  Entdeckungen  des  Galileischen  Prozesses,  Korresp.  mit  den  Re- 
zensionen  von  Wohlwill  und  Gebler,  Zeitschr.  f iir  Math,  und  Phys.,  Bd.  XVI  und  XXI. — 
t)ber  Blaise  Pascal,  PreuBische  Jahrbiicher  XXXII,  1873,  S.  212 — 237.  —  t)ber  Regio- 
montanus  (1874),  vgl.  die  Rezension  von  Zieglers  Regiomontan,  Zeitschr.  fur  Math,  und 
Phys.  XIX,  1873,  S.  41 — 53. —  t)ber  Heron  von  Alexandria  (1874),  vgl.  das  I.  Kapitel 
von  C.s  Roemischen  Agrimensoren.  —  t)ber  romische  Feldmesser,  s.  Selbstreferat  im 
Repertorium  von  L.  Koenigsberger  und  H.  Zeuner,  Bd.  I,  S.  117 — 128.  —  Zur  Geschichte der 
Erdbeben,  Referat  iiber  die  Schrift  A.  Favaros  von  1875. —  Uber  die  Nationalist  des 
Kopernikus,  Munch.  Allg.  Ztg.  1876,  Nr.  214,  S.  280/83.  Dbersetzung  durch  Sparagna, 
Bullet  Boncomp.  IX,  S.  701 — 16.  —  t)ber  einen  wissenschaftlichen  Streit  des  16.  Jahr- 
hunderts,  vgl.  die  Rezension  von  Garbieri,  I  sei  cartelli  di  matematica  disfida  tra  Tar- 
tale  a  e  Ferrari,  Zeitschr.  fur  Math,  und  Phys.  XXII,  S.  133 — 150,  Obersetzung  von 
A.  Favaro,  Bullet.  Boncomp.  XI,  S.  177/96.  —  t)ber  I^eonardo  da  Vinci  (1876),  Wester- 
manns  Monatshefte  XII,  1878,  12  S.  —  Riickblicke  auf  das  GauB-Jubilaum,  Munch.  Allg. 
Ztg.,  Beilage  156  (1877),  S.  2357. —  t)ber  neue  Untersuchungen  des  Galileischen  Pro- 
zesses, Munch.  Allg.  Ztg,  1876,  Nr.  93,  S.  14 13/14  und  94,  S.  1422/23,  >Der  ProzeB  des 
Galilei*.  —  t)ber  die  letzten  Forschungen  Wohlwills  zum  Galilei- ProzeB,  Gegenwart  XII, 
1877,  betitelt:  Die  Aktenfalschung  im  ProzeB  gegen  Galilei.  —  tJber  die  Mathematik  der 
Babylonier,  vgl.  den  1880  erschienenen  I.  Band  der  Vorlesungen  C.s.  -  "Qber  Abraham 
Gotthelf  Kaestner,  Allgemeine  Deutsche  Biographie,  1882,  Bd.  XV:  Abraham  Gotthelf 
Kaestner,  S.  439/41. —  Feuer-  und  Lebensversicherung  im  Volksbildungs-Verein  Heidel- 
berg, Karlsruher  Ztg.  1881,  18.  bis  23.  Januar.  —  Aus  dem  Briefwechsel  Galileis,  vgl. 
das  Referat  von  Campori  Carteggio  Galileano  i  a  edit.  Modena  1881,  Zeitschr.  fur  Math, 
und  Phys.,  XXVIII,  1882,  S.  24 — 30.  —  Dividentenverteilung  bei  den  Iyebensversiche- 
rungsgesellschaf  ten,  Bremer  Handelsblatt,  1883,  Nr.  1635,  Vortrag  im  Volksbildungs-Verein 
Heidelberg.  —  Aus  Universitatkreisen,  tNord  und  Siid«,  XXVIII.  Bd.,  Heft  81,  1883, 
S.  343/5°.  korresp.  mit  dem  Referat  fur  Favaro,  Galileo  e  lo  studio  di  Padova,  Zeitschr. 
fiir  Math,  und  Phys.,  XXIX,  S.  50/51. —  Uber  Prowes  Biographie  des  Koppernikus, 
Nationalzeitung,  $y.  Jahrg.,  Berlin  1884,  Nr.  153  vom  9.Marz.  -  t)ber  Volkszahlungen  und 
Sterblichkeitstabellen,  1885,  unveroffentl.  —  Ein  dreihundertjahriges  Jubilaum  1886, 
betr.  Stevins  Schrift  1586,  La  Disme,  Die  Einfiihrung  der  Dezimalbriiche  als  Grundlage 
der  Einteilung  von  MaBen,  Gewichten  und  Miinzen.  —  t)ber  vier  beriihmte  Astrologen 
(Koppernikus,  Brahe,  Galilei,  Kepler),  Nord  und  Siid,  XLV,  1888,  April,  S.  81— 91. — 
Albrecht  Dtirer  als  Schriftsteller,  1888,  Neue  Heidelb.  Jahrbiicher  I,  1891,  S.  17 — 31. — 
t)ber  Nikolaus  von  Cusa,  1889,  Nord  und  Siid,  L,XIX,  Mai  1894,  betitelt:  Kardinal  Niko- 
laus  von  Cusa,  ein  Geistesbild  aus  dem  15.  Jahrhundert.  —  t)ber  Michael  Stifel,  vgl.  All- 
gemeine Deutsche  Biographie,  XXXVI.  Bd.,  1893,  S.  208/16. —  Zeit  und  Zeitrechnung, 
Neue  Heidelb.  Jahrbiicher  II,  1892,  S.  190 — 211.  —  Die  Geschichte  des  Rechenbrettes ; 
vgl.  Wie  rechneten  die  alten  Volker?  Deutsche  Revue  23,  S.  84.  —  Zur  Geschichte  der 
Wahrscheinlichkeitsrechnung ;  vgl.  den  alteren  Vortrag  von  1877:  Das  Gesetz  im  Zufall, 
Sammlung  gemeinverstandl.-wissenschaftl.  Vortrage,  herausgeg.  von  Rud.  Virchow  und 
Franz  v.  Holtzendorff;  XII.  Serie,  Heft  275.  —  Zahlensymbolik,  Neue  Heidelb.  Jahr- 
biicher V,  1895,  S.  25 — 45.  —  Nikolaus  Kopernikus,  ein  Vortrag,  Neue  Heidelb.  Jahr- 
biicher IX,  1899,  S.  90 — 106.  —  Carl  Friedrich  GauB,  Neue  Heidelb.  Jahrbiicher  IX, 
1899,  S.  234 — 256.  —  Hieronymus  Cardanus,  ein  wissenschaftliches  Lebensbild  aus  dem 
16.  Jahrhundert,  Mitteilung  von  Moritz  C.  an  den  HistorikerkongreB in  Rom,  Neue  Heidelb. 
Jahrbiicher  XIII,  1903,  S.  131 — 144;  vgl.  dazu  auch  A  Hi  del  Congresso  di  scienxe  in  Roma. 
Demselben  Jahre  entstammt  die  interessante  Polemik  gegen  Dr.  Hugo  Eckener  iiber 
Phantasie  und  Mathematik,  veroffentlicht  in  der  Deutschen  Revue,  Juni  1903. —  Fiir 


Cantor.  Dehmel  513 

weitere  biographische  und  bibliographische  Nachrichten  vgl.  besondersM.  Curtze,  Verzeich- 
nis  der  mathematischen  Werke,  Abhandlungen  und  Rezensionen  des  Hofrats  Professor 
Dr.  Moritz  C.  in  der  I.  Festschrift  von  1899,  Zeitschr.  fiir  Math,  und  Phys.  44,  ibid.  C.s 
Portrat ;  f erner  fiir  die  friihere  SchafFenszeit :  S.  Gunther,  Ziele  und  Resultate  der  neueren 
mathematisch-historischen  Forschung,  Erlangen  1876;  fiir  sein  ganzes  Lebenswerk  die 
Nachrufe  von  H.  Ahrens,  K.  Bopp,  Sitzungsber.  der  Heidelb.  Akad.  der  Wiss.  (14.  Abh., 
20),  16  S.,  Cajori,  Fl.,  Amer.  Math.  Soc.  Bullet.,  8  S.  (27.  Okt.  20),  H.  Bosnians,  Rev.  des 
Quest.  Scient.  21,  G.  Loria,  Bologna  Scientia  1822.  Der  NachlaC  des  Meisters,  seine  Hand- 
schriften,  Vorlesungsmanuskripte,  Handexemplare  mit  handschriftlichen  Randnoten,  sein 
Briefwechsel  befinden  sich,  ihm  von  den  Erben  anvertraut,  in  den  Handen  seines  Schii- 
lers  und  Nachfolgers  des  Dozenten  fiir  Geschichte  der  Mathematik  in  Heidelberg. 

Heidelberg.  Karl  Bopp. 


Dehmel,  Richard,  Dichter,  *  am  18.  November  1863  in  Wendisch-Herms- 
dorf  in  der  Mark,  f  am  8.  Februar  1920  in  Blankenese  bei  Hamburg.  —  D.  war 
der  Sohn  eines  aus  dem  Schlesischen  stammenden  Forsters,  seine  Mutter, 
Louise,  geborene  FlieBschmidt,  war  in  Bingen  geboren,  stammte  aber  aus 
der  preuBischen  Niederlausitz.  D.s  Kinderjahre  spielten  sich  zuerst  in  Herms- 
dorf,  dann  in  der  von  dem  Vater  ubernommenen  Stadtforsterei  zu  Kremmen 
in  der  Mark,  drei  Meilen  nordwestlich  des  damaligen  Berlin,  ab.  Nach  ein 
paar  Jahren  auf  der  Kremmener  Stadtschule  kam  der  Neunjahrige  auf  das 
Berliner  Sophiengymnasium,  das  er  mit  wechselndem  auBerem  Erfolge  be- 
suchte.  Sein  deutscher  Lehrer  war  der  namhafte  Literarhistoriker  Daniel 
Jacoby,  der  vielleicht  auf  die  bis  zu  indischer  und  arabischer  Dichtung  aus- 
greifende  Leselust  des  Schiilers  EinfluB  gewann.  Ein  ZusammenstoB  des  Pri- 
maners  mit  dem  Direktor  wegen  der  Leitung  eines  unerlaubten,  darwinistisch 
gerichteten  Klassenvereins  notigte  D.  zum  Abgang,  er  siedelte  auf  das  Konig- 
stadtische  Gymnasium  iiber,  verweigerte  aber  den  Schulbesuch,  nachdem  eine 
harte  Entscheidung  des  Schulrats  Klix  ihn  wegen  jener  disziplinaren  Ver- 
fehlung  urn  ein  halbes  Jahr  von  der  Reifeprufung  zuriickgestellt  hatte.  Die 
warmherzige  Verwendung  seines  neuen  Direktors  Ludwig  Bellermann  er- 
moglichte  D.  alsdann  die  Aufnahme  in  das  Stadtische  Gymnasium  zu  Danzig, 
wo  er  unter  Otto  Carnuth  im  September  1882  das  Abiturientenexamen  be- 
stand.  Der  vor  der  Prufung  eingereichte  Lebenslauf  wird  schwerlich  aus  ver- 
wandtem  AnlaB  entstandene  Seitenstiicke  haben ;  er  zeigt  in  der  Steigerung  des 
Vortrags  wie  in  dem  bewuBten  Wechsel  von  Enthullung  und  Selbstverhullung 
den  werdenden  Dichter  und  den  zur  Selbstandigkeit  strebenden  Menschen. 

D.  studierte  in  Berlin  zunachst,  jedoch  ohne  festen  Plan  und  wirkliche  An- 
spannung,  Naturwissenschaften,  spater  vornehmlich  Nationalokonomie ;  sein 
Hauptlehrer  war  August  Meitzen.  Er  wurde  Burschenschafter,  trieb  gelost 
im  Strome  mit,  ward  ein  renommierter  Schlager,  ein  gefiirchteter  Erster 
Chargierter;  als  die  knappen  Zuschusse  des  kinderreichen  Elternhauses  nicht 
mehr  hinreichten,  redigierte  er  einige  Zeit  das  »Neunkirchener  Kreisblatt« 
tmd  wandte  sich  dem  Studium  erst  wieder  mit  Nachdruck  zu,  nachdem  er  sich 
mit  Paula  Oppenheimer,  der  Schwester  seines  Leibburschen,  des  spateren 
Volkswirtschaftslehrers  Franz  Oppenheimer,  verlobt  hatte.  Im  April  1887 
promovierte  er  in  Leipzig  mit  einer  Abhandlung  »Eine  Prufung  der  Griinde 
fiir  den  ausschlieBlich  offentlichen  Betrieb  der  Feuerversicherung«  zum  doctor 
philosophiae,    wurde  Sekretar    einer  Berliner  Feuerversicherungsgesellschaft 

DBJ  33 


514  l<*2° 

und  nach  Jahresfrist  des  Verbandes  Deutscher  privater  Feuerversicherungs- 
gesellschaften  und  heiratete  im  Jahre  1889.  Inzwischen  war  D.  der  jungen 
literarischen  Bewegung  personlich  nahegetreten,  und  wie  sein  Studien-  und 
Lebensfreund,  der  Mediziner,  Musiker  und  Schriftsteller  Carl  Ludwig  Schleich 
(s.  DBJ.  1922),  so  kehrten  die  Briider  Hart  und  andere  Manner  der  neuen 
Generation  in  seinem  Hause  ein.  Wenig  spater  vereinigte  sich  urn  D,  und 
Schleich  eine  geistig  bewegte  Tafelrunde  im  »Schwarzen  FerkeU  in  der  Scha- 
dowstrafie,  einer  Kneipe,  die  die  einstige  kiinstlerische  Tradition  von  Lutter 
&  Wegner  gewissermaBen  aufnahm.  Neben  Franz  Evers,  Otto  Erich  Hart- 
leben,  dem  polnischen  Schriftsteller  Stanislaus  Przybyszewski,  dem  danischen 
Maler  Edvard  Munch  war  es  vor  allem  August  Strindberg,  der  hier  einzog 
und  D.  aufs  tiefste  fesselte;  er  hat  dem  »Gaste  Deutschlands«  ein  den  Namen 
des  Schweden  »riesenhaft«  ins  Dunkel  spruhendes  Gedicht  gewidmet.  Der 
Berliner  Freien  Volksbuhne  gab  an  ihrem  Eroffnungstage  ein  Prolog  D.s 
das  Kampf  und  HaB  wehrende  Stichwort.  Im  Herbst  1891  erschien,  durch 
Georg  Ebers  Vermittlung  dem  Verlage  empfohlen,  D.s  erstes  Gedichtbuch 
»Erlosungen«,  1893  folgte,  mit  einer  Deckelzeichnung  Hans  Thomas  und 
Randbildern  von  Fidus,  das  »Ehemanns-  und  Menschenbuch*  »Aber  die  Liebe«, 
1895  die  »Lebensblatter«,  1896  »Weib  und  Welt«. 

Die  vier  Bucher  sind  Zeugnisse  einer  riicksichtslos  gegen  sich  selbst  wie 
gegen  die  Umwelt  ankampfenden,  immer  aus  Tiefe  und  Krampf  nach  Hohe 
und  Erlosung  strebenden,  auftrotzenden  seelischen  Energie,  die  in  ihrer  Zeit 
nicht  ihresgleichen  hat.  Und  diese  Glut,  die  anfanglich  ihr  »heiBhungrig 
Element*  nicht  zahmen  will,  findet  allmahlich  in  volliger  Selbstandigkeit 
ihren  rhythmischen  Ausdruck.  Es  ist  tief  bezeichnend,  daB  D.  einen  Begriff 
wie  den  des  Bluhens  aktiviert:  »Du  sollst  dich  lauter  bluhn!«,  heifit  es  einmal. 
Und  die  Welt  soil  »nicht  zum  Guten,  nicht  vom  B6sen«  erlost  werden, 

Nut  zum  Willen,  der  da  schafft; 
Dichterkraft  ist  Gotteskraft. 

Das  Ziel  ist,  wie  in  der  durch  chorische  Zwiesprach  belebten  »Lebensmesse«, 
der  Mensch,  der  »dem  Schicksal  gewachsen  ist«.  Das  Leben  gestaltet  dich, 
wirst  auch  du  das  Leben  gestalten?  —  so  lautet  die  Frage,  und  der  Weg  ist 
nicht  der  der  Selbst-  und  Weltflucht: 

Noch  hat  keiner  Gott  erflogen, 
Der  vor  Gottes  Teufeln  fliichtet. 

Die  rhythmische  Sprachkraft  wird  an  immer  stilgewisseren  Dbertragungen 
franzosischer,  spanischer,  chinesischer  Lyrik  geschult.  Die  herkommliche 
Strophik  wird  gebrocben,  nach  neuem  Ausdruck  zuerst  fuhlbar  getastet,  dann 
mit  unbedingter  Sicherheit  gegriffen.  So  zerreLGt  im  »Lied  an  meinen  Sohn« 
das  am  Anfang  der  dritten  Zeile  stehende,  betonte  »laut«  scheinbar  den  rhyth- 
mischen Ablauf.  In  Wahrheit  kommt  erst  durch  diesen  Betonungswandel 
die  Melodie  des  kronenbrechenden  Windes  voll  heraus: 

Der  Sturm  behorcht  mein  Vaterhaus, 
Mein  Herz  klopft  in  die  Nacht  hinaus, 
Laut;  so  erwacht'  ich  vom  Gebraus 
Des  Forstes  schon  als  Kind. 


Dehmel  515 

Und  nachdem  das  die  dritte  Strophe  nachhallend  endende 

Sei  du!  sei  du! 

dem  Keuchen  des  Orkans  mit  gliicklichster  musikalischer  Symbolisiening  den 
letzten  Sinn  des  Anrufs  aus  dem  behorchten  Vaterhause  untergelegt  hat, 
darf  der  Dichter  leitmotivisch  auf  den  Beginn  zuriickweisen ;  er  laBt  das  rhap- 
sodisch  gesteigerte  Gedicht  mit  einer  vollen  Fermate  von  gleichem  Klangwert 
aushauchen : 

Horch,  er  bestiirmt  mein  Vaterhaus, 
Mein  Herz  tont  in  die  Nacht  hinaus, 
Laut .  . . 

Das  Wort  rhapsodisch  gibt  iiberhaupt  einen  Grundcharakter  von  D.s  L,yrik 
wieder.  Denn  neben  ganz  aus  der  einsamsten  Stille  oder  erfullter  Liebe  ge- 
wonnenen  Dichtungen  von  wundervollem  Innenton,  wie  »Aufblick«,  »Manche 
NachU,  »Liegt  eine  Stadt  im  Tale«,  »Heilandswort«,  stehen  jene  Gedichte, 
darin  D.,  orgelhaft  bewegt,  iiber  das  eigene  Ich  hinauf  ins  Allgemeine  ge- 
steigert,  seiner  Zeit  und  seinem  Volke  das  Wort  von  den  verschwiegenen  oder 
stammelnden  Iyippen  nimmt.  Er  war  ein  Angehoriger  des  Geschlechtes,  das 
tun  Bismarcks  Entamtung,  die  D.  in  einem  wie  Glockenschlag  tonenden 
Hymnus  darstellte,  reif  ward,  und  er  empf and  schicksalhaft  das  unterirdische 
Grollen  der  ins  Licht  langenden  Massen.  Dies  Lebensgefuhl  verband  D.  den 
mit  ihm  zugleich  hinaustretenden  Naturalisten ;  was  ihn  nach  seiner  dichte- 
rischen  Anlage  und  seinem  kiinstlerischen  Formwillen  von  ihnen  trennte, 
hat  er  1892  in  einem  Aufsatz  )>Die  neue  deutsche  Alltagstragodie*  ausge- 
sprochen;  ihm  schien  in  der  jungen  Kunst  das  Wesentliche  durch  das  Zu- 
standliche  erdriickt  zu  werden.  Sein  soziales  Bekenntnis  offenbarte  sich  mit 
dem  ganzen  Ungestiim  seiner  heischenden  Kraft  in  zusammengepreBten  Ge- 
dichten,  die  in  knappem  Takt,  starker  als  irgendein  Kiinstler  der  Epoche, 
aussagen,  urn  was  es  geht.  Die  »Predigt  ans  GroCstadtvolk«  kontrastiert  den 
nie  aus  dem  UnterbewuBtsein  des  in  die  groBe  Stadt  Verschlagenen  gewichenen 
Kiefern-  und  Eichenforst  mit  den  »prahlenden  Mauern*  und  fordert: 

Ihr  freilich,  ihr  habt  FuBe  und  Fauste, 
Euch  braucht  kein  Forstmann  erst  Raum  zu  schaffen, 
Ihr  steht  und  schafft  euch  Zuchthausmauern  — 
So  geht  doch,  schafft  euch  I^and!  Land!  ruhrt  euch! 
Vorwarts!  riickt  aus! 

Und  im  »Arbeitsmann«  fand  in  drei  sich  wie  von  selber  singenden  Strophen 
die  Sehnsucht  der  » Gewitterwind  witternden«  Armen  nach  Zeit,  dem  Urbe- 
ding  von  Freiheit,  Schonheit,  Kiihnheit,  herzbewegenden  Ausdruck,  um  schlieB- 
lich  im  »Erntelied«  zum  groBartigen,  groBartige  Aussicht  eroffnenden  Symbol 
der  mahlenden  Muhle  erhoht  zu  werden. 

D.s  lyrische  Form  gait  in  ihrer  Neuheit  weithin  als  »unverstandlich«;  wie 
sehr  es  auch  das  in  ihr  waltende  Gefuhl  noch  war,  beweist  eine  wegen  der 
mit  riicksichtsloser  Selbstergriindung  den  Umkreis  zwischen  Brunst  und  In- 
brunst  ausmessenden  »Verwandlungen  der  Venus «  angestrengte  gerichtliche 
Anklage.  Solches  wog  freilich  leicht  neben  der  Tatsache,  daB  schon  D.s  friihe 


516  1920 

Kunst  ihm  die  Lebensfreundschaft  des  hellhorigen  Detlev  v.  Liliencron  ge- 
wann;  der  so  geschlossene  Bund  gehort  zu  den  seltenen,  durch  letzte  Treue 
und  letztes  Verstandnis  vorbildhaften  Biindnissen  unserer  Geistesgeschichte ; 
die  Widmungen  des  »Poggfred«  an  D.  und  von  »Aber  die  Liebe«  an  Liliencron 
sind  seine  vornehmsten  Zeugnisse.  Die  voile  Bedeutung  des  immer,  trotz 
Schmerz  und  Enttauschung,  lebensgewissen  Alteren  fur  den  Jiingeren,  der  un- 
ablassig  »aus  dumpfer  Sucht  zu  lichter  Glut«  strebte,  bewahrte  sich  in  den 
schweren  Krisen,  denen  D.s  Leben  nun  auf  lange  Zeit  anheimfiel. 

Das  immer  zum  AuBersten  drangende  Temperament  des  Dichters  litt  je 
mehr  und  mehr  unter  der  Zerspaltung  seines  Daseins  zwischen  dem  muster- 
haft  erfullten,  voile  Anspannung  fordernden  Beruf  und  der  zum  Werke 
zwingenden  Beruf ung.  Ein  Urlaub  sollte  Ausgleich  bringen.  Nach  einem  Auf- 
atmen  bei  Liliencron  in  Altona  fuhr  D.  im  Herbst  1893  fiir  ein  paar  Wochen 
nach  ItaHen  und  f and  sich  durch  zwei  innerste  Erlebnisse  belohnt  und  fiir  eine 
Weile  der  Zerrissenheit  enthoben:  Michelangelo,  »den  groBten  Kiinstler, 
der  je  durch  Holle  und  Himmel  schritt«  (die  Reihenfolge  Holle  und  Himmel 
entspricht  genau  der  von  » dumpfer  Sucht  und  lichter  Glut«),  und  Hans  von 
Maries  Werk  und  Wesen  im  Angesichte  der  romischen  Campagna.  Aber  da- 
heim  kehrte  der  Druck  wieder,  und  zu  Ende  1894  gab  D.  die  Stellung  auf. 
Noch  viel  entscheidender  aber  griff  im  nachsten  Jahre  die  durch  gleichgiiltigen 
AnlaB  angekniipfte  Beziehung  zu  einer  Frau,  Ida  Coblenz,  in  sein  Leben. 
Nach  langen,  alle  Beteiligten  zu  tiefst  aufwuhlenden  Kampfen  gab  Frau 
Paula  den  Gatten,  der  immer  aufs  neue  an  die  Moglichkeit  eines  Kompromisses 
geglaubt  hatte,  frei.  D.,  dem  aus  der  ersten  Ehe  drei  Kinder  erbluht  waren, 
schloB  eine  zweite  und  lieB  sich  nach  einer  Reise  nach  Griechenland  mit  Frau 
Ida  in  Heidelberg,  dann  im  Jahre  190 1  in  Blankenese,  am  norddeutschen 
Strom  und  in  Liliencrons  Nahe,  nieder. 

Das  im  Jahre  1903  erschienene  Epos  »Zwei  Menschen«  setzt  den  groflen 
ProzeB  der  steigenden  und  den  Menschen  steigernden  Selbstlauterung  mit 
steiler  Folgerichtigkeit  fort.  In  drei  Umkreisen,  »Die  Erkenntnis*,  »Die  Selig- 
keit«,  »Die  Klarheit<(,  wird  die  Hohe  gewonnen,  auf  der,  indem  sich  zwei 
Vereinte  Lebewohl  sagen,  dennoch  Einzelgliick  ins  Weltgliick  endet.  Mit 
der  raunenden  Gewalt  orphischer  Urworte  wird  das  durch  den  gleich  in  dem 
tief  musikalischen  Leitwort  angeschlagenen  Akkord  »Wir  Welt«  gedeutet  und 
sjmbolisiert.  Freilich  wird  die  in  einzelnen  der  Romanzen  erreichte  letzte 
Hohenlinie  nicht  immer  gehalten.  Die  auch  D.s  zyklischen  Gedichten  bis  da- 
hin  fremde  Einordnung  des  ganzen  »Romans«  in  mit  peinlicher  Strenge  ge- 
gliederte  Teile,  jeder  zu  36  Romanzen  und  jede  Romanze  zu  36  Versen,  bindet 
spiirbar  an  manchem  Ort  die  Flugkraft,  und  die  der  seelischen  Entfaltung 
und  Umbildung  unterlegte  auBere  Handlung  hat  einen  zu  kurzen  Atem,  wirkt 
bisweilen  barock.  Die  auBerordentliche  seelische  Energie  setzt  sich  allzu  oft 
in  eine  Oberspannung  des  formalen  Rahmens  um  und  kann  deshalb  nicht 
immer  frei  ausstromen.  Die  groBe  Lebensrechenschaft  eines  durch  Lauterfeuer 
gegangenen  Kiinstlers  bleibt  trotz  solchen  Einwanden  urfuberhorbar  und  greift 
an  Hohepunkten  unverstellt  ans  Herz,  wirkte  zumal  in  den  unvergeBlichen 
Stunden,  da  D.  das  eben  fertige  Werk  mit  seiner  vorsichtig  anschlagenden, 
rasch  die  Hohe  gewinnenden,  Pathos  im  Vollsinn  des  Wortes  offenbarenden 
Stimme  vortrug. 


Dehmel 


517 


In  der  niederelbischen  Landschaft,  im  Umkreise  Hamburgs,  wuchs  D.  rasch 
fest.  Die  nachsten  Jalire  erfullte  eine  »Sturzackerarbeit«  an  der  Gesamtaus- 
gabe  seiner  Werke,  bei  der  nicht  nur  eine  bis  zur  Unerkennbarkeit  der  ersten 
Vorlage  gestreckte  Umstellung  der  Gedichte,  auch  eine  mannigfache  Umfor- 
mung  im  einzelnen  vorgenommen  ward.  Seine  in  dem  Kinderbuch  »Fitzebutze« 
(1900)  und  dem  Sammelbuch  »Der  Buntscheck«  (1904)  hervortretende  Wen- 
dung  ins  Kindertiimliche  gedieh  nicht  zu  unbefangenem  Ton,  hier  war  ihm  Frau 
Paula,  seine  Mitarbeiterin,  in  Vers  und  Prosa  iiberlegen.  Friih  hatte  sich  D. 
dem  Drama  zugewandt,  sein  »Mitmensch«  (1895)  wurde  von  Carl  Heine  in 
Leipzig  aufgefuhrt,  sein  »Michel  Michael*  1911  von  Carl  Hagemann  in  Ham- 
burg. Aber  auch  hier,  und  hier  viel  starker  als  im  Epos,  wurde  die  Verengung 
innerhalb  der  grofleren  Form  zum  Zwange.  Die  weite  Aussicht,  die  D.s  lyrische 
Meisterwerke  immer  wieder  eroffneten,  tat  sich  nicht  auf,  selbst  vor  seinem 
starksten  und  erfolgreichsten  Drama  »Die  Menschenfreunde*  (1917)  blieb 
dem  Zuschauer  das  Gefuhl  eines  experimentalen  Behorchens.  Merkwiirdiger- 
weise  naherte  D.  sich  hier  spat  gerade  dem  alten  Naturalismus  der  Genossen 
seiner  Fruhzeit,  und  Julius  Bab  erinnert  mit  Recht  an  Johannes  Schlafs 
»Meister  Oelze«,  wie  er  D.s  »Tanz-  und  Glanzspiel  Luzifer*  (1899)  mit 
gleichem  Recht  eine  abstrakte  Allegorie  nennt.  Auch  die  nachgelassene  po- 
litische  Komodie  »Die  Gotterfamilie*  ist  eine  frostige  Allegorie. 

Die  eigentliche  dichterische  Frucht  der  Hamburger  Jahre  bildet  der  1913 
herausgegebene,  fiinf  Jahre  spater  erweiterte  Gedichtband  »Schone  wilde 
Welt«.  Hier  werden  nicht  nur  die  seelenhaften  Tone  seelenhafter  Erdbezwingung 
wieder  angeschlagen,  so  in  der  »Entfaltung«,  in  der  »Heimsuchung«,  der  »Ent- 
riickung«,  der  »Begnadung«;  D.,  der  reisige  Alpengipfelbezwinger,  findet  auch 
in  dem  sinfonischen  fiinf satzigen  Gedicht  »Die  Musik  des  Mont  Blanc «  ein  an 
»stahlblau  dammerndem  Gletschertor«  empfangenes,  erschutterndes  Sinnbild 
fur  die  ewig  neu  geschwungene  Briicke  zwischen  Tagesfron  und  Himmelsfrei- 
heit.  Und  in  der  »Hafenfeier«  ersteht  als  Gegensttick  die  Statte  nie  saumen- 
der,  technisch  beschwingter  menschlicher  Arbeit,  auch  sie  ein  Bild  und  Sinn- 
bild der  iiber  dem  »Grundton  ewiger  Grausamkeit*  nach  »Vergottlichung«  — 
»Wir  Welt«  —  lechzenden  Menschheit.  Der  SchluB  der  neunsatzigen,  rhapso- 
dischen  Dichtung  weist  mit  dem  Bilde  des  unterm  Hauch  der  ewigen  Seligkeit 
vom  Kreuze  steigenden  Menschensohnes  auf  fruhere  Gedichte,  wie  » Jesus  der 
Kunstler«  oder  die  vor  Klingers  Olymp-Bild  empfangene  Psyche- Phantasie, 
zur  iick. 

Bei  Ausbruch  des  Krieges  meldete  der  funfzigjahrige  R.  D.,  der  niemals 
Soldat  gewesen  war,  sich  sofort  zu  den  Fahnen.  Er  handelte  damit  ohne  Zau- 
dern  im  Sinne  seines  dichterischen  Lebenswerkes. 

Alles  Leid  ist  Einsamkeit, 
Alles  Gliick  Gemeinsamkeit  — 

Das  war  ein  Leitwort  seiner  Dichtung  nach ,  ihrem  ethischen  Innenklang  ge- 
wesen—  und  jetzt  war  zum  erstenmal  deutsche  Gemeinsamkeit  iiber  alle 
Schranken  hinweg.  In  den  »Erlosungen«  hatte  ein  Gedicht  mit  der  Frage  ge- 
schlossen:  »Mein  Volk,  wann  wirst  du  sein?«  Jetzt  war  unser  Volk,  und  der 
grauhaarige  Freiwillige  ging  im  Oktober  im  Infanterieregiment  31  an  die  West- 
front,  nicht  ohne  vorher  und  nachher  mit  Gedichten  wie  dem  »Fahnenlied« 


518  1920 

und  dem  »Lied  an  Alle«  auch  mit  der  alten  Kraft  sein  nun  iiberall  vernommenes 
Wort  in  den  Kampf  gegeben  zu  haben.  Am  12.  November  bewahrte  sich  D. 
als  Zugfuhrer  bei  der  Abwehr  eines  plotzlichen  franzosischen  Angriffs  im  Ab- 
schnitt  von  Autreches,  zu  Weihnachten  erhielt  er  dafiir  das  Eiserne  Kreuz  imd 
wurde  zu  Neujahr  Offizier.  Ein  auf  die  Dauer  unwillkommenes  Kommando 
fiihrte  ihn  im  Fruhjahr  zu  Vortragen  und  Rezitationen  in  die  Etappe.  Eine 
im  Schutzengraben  entstandene  Venenentziindung  notigte  ihn  zuerst  auf 
Wochen  ins  L,azarett,  dann  zu  einer  alljahrlich  wiederholten  Kur  nach  Langen- 
schwalbach.  Bis  zum  Herbst  1916  lag  D.  in  der  Vogesenfront,  von  dort  wurde 
er  zum  Buchprufungsamt  des  Oberbefehlshabers  Ost  nach  Kowno  komman- 
diert.  Die  neue  Tatigkeit  iibte  er  mit  der  gleichen  peinlichen  Gewissenhaftig- 
keit  wie  einst  seine  Pflicht  im  Versicherungsfach.  Er  empf and  aber  den  sach- 
lichen  Unwert  der  ganzen  Einrichtung  so  stark,  da£  er  im  November  urn  seine 
Riickversetzung  bat.  Sie  wurde  bewilligt,  und  da  er  nur  noch  garnison- 
dienstfahig  war,  ward  D.  der  kriegsgeschichtlichen  Abteilung  des  Altonaer 
Generalkommandos  iiberwiesen,  urn  an  der  Durchforschung  von  Frontberichten 
fur  die  kiinftige  Kriegsgeschichte  mitzuarbeiten. 

Sein  1919  veroffentlichtes  Kriegstagebuch  »Zwischen  Volk  und  Menschheit« 
ist  ein  Zeugnis  tief er  Enttauschung,  hervorgerufen  vor  allem  durch  die  Haltung 
des  »gebildeten  Mittelstandes*  innerhalb  des  Heeres  und  die  wachsende  Ent- 
seelung  des  Kriegsgefuhls.  Dennoch  riS  ihn  das  von  Deutschland  gegebene 
»bleibende  Vorbild  ungeheurer  Willenskraft«  immer  wieder  hoch,  und  noch 
1916  bekannte  er  als  das  einzig  ersehnte  Ziel:  »den  europaischen  Volkerbund 
unter  der  Obhut  des  deutschen  Geistes<t.  Als  der  Zusammenbruch  drohte, 
meldete  er  sich  wieder  zur  Front  und  versuchte  in  einem  leidenschaftlichen, 
♦Einzige  Rettung*  uberschriebenen  Aufruf  zu  einer  letzten  freiwilligen  Ge- 
stellung  zu  mahnen.  Den  Ausgang  der  Revolution  empfand  er,  der  »Emporung« 
von  »empor«  ableitete,  als  den  Sieg  »des  braven  Philisters«.  In  einem  »Warn- 
ruf«  vom  Dezember  1918  an  die  Entente  kennzeichnete  er  das  iiber  das  ver- 
heifiene  Selbstbestimmungsrecht  der  Volker  brutal  hinwegschreitende  Ver- 
halten  Frankreichs  im  ElsaB,  Italiens  und  der  Westslawen  in  den  deutschen 
Grenzlanden;  er  mahnte  die  Feinde  an  das  Heiligtum  der  Blutsverwandtschaft, 
er  warnte  sie  vor  dem  Fluch,  »der  auf  Raubtiergeliisten  liegt«.  Von  sechzig 
deutschen  Dichtern,  die  er  um  Mitunterzeichnung  bat,  unterschrieb  nur  die 
Halfte  —  und  L,iliencron,  dessen  er  im  Graben  oft  in  Traum  und  Wachen  ge- 
dachte,  hatte  er  schon  1909  hingeben  miissen;  die  Rede,  die  D.  am  Grabe  des 
Freundes  hielt,  umreifit  den  Dichter  und  Menschen  mit  uniiberbietbarer 
Plastik  und  erweist  die  Blutsnahe  des  Sprechers  zu  dem  noch  einmal  Ange- 
redeten. 

Iviliencron,  den  die  in  zwei  Feldziigen  empfangenen  Wunden  zeitlebens 
plagten,  brachte  von  einem  Besuch  der  Schlachtfelder  Lothringens  den  Keim 
der  letzten  Krankheit  mit;  D.  empfing  ihn  mit  jener  Aderentziindung  im 
Kampflager  der  gleichen  Front.  Am  11.  November  1919  regte  sich  der  Reizherd 
wieder,  im  Dezember  ward  die  Trombose  festgestellt,  Mitte  Januar  gab  es 
eine  Besserung,  dann  ging  es  unaufhaltsam  bergab,  am  Sonntag,  dem  8.  Fe- 
bruar  hatte  er  vollendet. 

Liliencron  nannte  D.  gern  und  mit  Betonung  den  Dichter  unserer  Zeitseele 
und  traf  damit  in  den  Kern  seines  Wesens.  Wie  in  jenen  Gedichten  der  ersten 


Dehmel 


519 


Reife,  so  tritt  das  mit  der  ganzen,  hellwachen  geistigen  Energie  D.s  in  dem 
Aufsatz  »Der  Wille  zur  Tat«  hervor,  darin  er  gegeniiber  dem  asthetisierenden 
Personlichkeitskult  Gabriele  d'Annunzios —  nicht  ahnend,  daB  sie  sich  einst 
auch  in  anderem  Frontenkampf  gegeniiberstehen  wiirden — einen  gemeinsamen 
Willen,  einen  gemeinsamen  Boden,  das  Gefuhl  gemeinsamer  Not  in  Volk  tmd 
Volkern  fordert  und  dem  Dichter  keinen  anderen  Platz  in  der  Menge  zuweist 
als  den  eines  Fuhrers  zur  gemeinsamen  Freiheit.  Das  wie  mit  einer  Wiinschel- 
rute  aus  unterirdischem  Erdgrollen  aufgefangene  Nachdrangen  neuer  Machte 
und  Massen  in  den  Tag  kiindet  sich  in  D.s  Lied  ebenso  wie  die  tiefe  geistige, 
man  ist  versucht,  zu  sagen :  geistliche  Sehnsucht  nach  seelischer  Verbundenheit 
abseits  sozialer  Bedingungen.  Weil  dies  menschliche  Ringen  in  zeitlicher  Wen- 
dung  in  ihm  so  stark  war,  hat  D.  nicht  nur  durch  seine  Dichtung,  auch  durch 
seine  unterm  grauen  Haar  immer  weiser,  immer  geschlossener  werdende,  jeden 
bannende  Personlichkeit  so  stark  gewirkt.  Den  jungen,  bei  Soissons  gefallenen 
Walther  Heymann,  der,  von  D.  ausgegangen,  dessen  sinfonischen  Stil  selbstandig 
weiterbildete,  hat  er  selbst  als  seinen  hoffnungsvollsten  Folger  bezeichnet.  Und 
in  den  Werkleuten  auf  Haus  Nyland,  einem  aus  dem  Umkreis  der  Technik 
hervorgegangenen  Dichterkreise,  sah  er  Nachwuchs  an  Lebens-  und  Form- 
gefiihl.  Sie,  Wilhelm  Vershofen,  Jakob  Kneip,  Heinrich  Lersch,  Josef  Winckler, 
der  f ruh  im  Kriege  vollendete  Gerrit  Engelke,  Karl  Broger,  Max  Barthel,  gehen 
in  neuer  Zeit  auf  seiner,  des  »Vaters  Merlin*  Spur.  Aber  auch  in  D.s  nahem 
und  vertrautem  Freunde  Alfred  Mombert,  dessen  Kunst  friih  zum  Expressio- 
nismus  hinuberleitete,  wie  in  dem  zum  Hymnus  strebenden  Siegfried  von  der 
Trenck  leben  D.sche  Einflusse.  So  vielfaltig  wirkt  dies  aus  dunkler  Tiefe  in 
unuberhorbarem  Tonfall  zum  Lichte  strebende  Lebenswerk. 

Unter  alien  Dichtern  des  19.  Jahrhunderts  hat  D.  mit  Hebbel,  den  er  ein- 
mal  »Ahnherr«  nannte,  die  nachste  Verwandtschaft.  Ihr  starkes,  bewuBt  ge- 
steigertes  Verwachsensein  mit  ihrer  Volkheit,  die  Unbedingtheit  ihrer  kiinst- 
lerischen  Forderung  an  sich  und  andere,  die  kompromiBlose  Herbheit  ihres 
Anspruchs  und  Ausspruchs  gegeniiber  jeder  Tagestendenz  bei  nachstem  Ge- 
fiihl  fur  das  im  Tage  uber  den  Tag  hinaus  Trachtige  eint  die  beiden,  denen 
durchaus  D.s  fur  Schiller  gepragtes  Wort  »der  ewig  Trachtende«  gilt.  D.s  nur 
zwei  knappe  Zeitraume  umspannende  Tagebiicher  rufen  ohne  weiteres  das 
Gedenken  der  Hebbelschen  auf,  auch  in  ihnen  wie  in  D.s  asthetischen  Aufsatzen 
webt  der  beiden  groBen  Dichtern  eigene  scharfe,  das  Gefuhl  alsbald  souveran 
kontrollierende,  nicht  abschwachende  Verstand  und  Kunstverstand.  Selbst 
ihre  lebensentscheidende  Beziehung  zu  zwei  Frauen  ergibt  eine  parallele  Lebens- 
konstellation.  Manches  in  D.s  Werk  wird  der  Zeit  zum  Opfer  fallen  —  aber 
der  dem  wahrenden  Besitze  deutscher  Dichtung  zugehorige  Umkreis  seiner  aus 
dem  Innersten  bewegten  Gedichte  in  ihrer  emporgelauterten  Form  wird  immer 
aufs  neue  eine  deutsche  Personlichkeit  bezeugen,  die  an  der  Wende  zweier 
Epochen  eigenwillig,  aber  nicht  eigensiichtig,  herrlich  selbstandig  und  sich 
doch  immer  ins  Ganze  denkend,  ihre  Umwelt  und  die  Zeit  bezwang.  In  einem 
heiter  fingierten  Gesprach  mit  Goethe  nennt  D.  die  geistige  Reflexion  die  form- 
bestimmende  Triebkraft  und  schreibt  ihr  eine  urn  so  harmonischere  Wirkung 
auf  die  Kulturwelt  zu,  »je  energischer  der  gestaltende  Sinn  das  Tiefste  der 
Personlichkeit  auf  ein  zentrales  Gleichgewicht  ordne. «  Noch  unter  der  damoni- 
schen  Erschiitterung  mancher  seiner,  lebenswierigen  Zwiespalt  zu  kronender 


520  1920 

Harmonie  emporadelnden  Strophen  empfinden  wir,  wie  sehr  dem  Prager  dieses 
Wortes  solche  Ordnving  der  Personlichkeit  gelungen  ist. 

Immer  wieder,  wenn  wir  sinnen, 
Stiirzt  die  Welt  in  wilde  Stiicke; 
Immer  wieder,  rein  von  innen, 
Fiigen  wir  die  schone  Briicke. 

Literatur:  Ges.  Werke,  10  Bde.,  1906 — 09.  —  Ges.  Werke,  3  Bde.,  1913.  —  Blinde 
L,iebe,  E.  Gesch.  —  Kriegsbrevier  191 7.  —  Die  Menschenfreundc,  191 7.  —  Zwischen  Volk 
und  Menschheit,  1919.  —  Schone  wilde  Welt,  endg.  Ausg.,  1920.  —  Die  Gotterfaniilie, 
1921.  —  Mein  Leben.  Priv.-Dr.  d.  D.-Ges.,  1922.  —  Ausg.  Briefe,  2  Bde.,  1922  und 
1923.  —  Bekenntnisse,  1926.  —  Hauptwerk  iiber  D.:  J.Bab,  R.  D.,  1926.  —  Ferner: 
W.  Schaefer,  20  D.sche  Ged.  m.  Einl.,  1897.  —  G.  Kiihl,  D-,  1906.  —  R.Frank,  R.  D., 
1907.  —  R.  Richter,  Zwei  Menschen  als  Epos  des  mod.  Pantheismus  (Essays,  191 3). — 
H.  Bahr,  D.  (Bilderbuch,  1921).  —  H.  Spiero,  Westostl.  Sendung  (Dt.  Kopfe,  1927).  Vgl. 
auch  die  D.-Nr.  der  Zeitschr.  Die  schone  Literatur.  Jahrg.  25,  10.  D.s  literarischer  Nach- 
lafl  bewahrt  das  dem  hamburgischen  Staate  gehorige,  von  seiner  Witwe  verwaltete 
Dehmel-Archiv  in  Blankenese. 

Berlin.  Heinrich  Spiero. 


Dierauer,  Johannes,  Historiker,  o.  Professor,  *  am  20.Marz  1842  bei  Bernegg 
im  St.  Gallischen  Rheintal,  f  am  14.  Marz  1920  in  St.  Gallen.  —  Sein  Vater, 
der  Sproflling  eines  alteingesessenen  Bauerngeschlechts,  war  Landwirt  und 
vererbte  die  Liebe  zur  heimatlichen  Scholle  auf  den  Sohn.  D.  besuchte  1848 
bis  1856  die  Primarschule  seines  Heimatdorfes,  sodann  bis  zum  Friihjahr  1858 
die  Realschule  des  benachbarten  Stadtchens  Rbeinegg,  hierauf  die  technische 
Abteilung  der  Kantonsschule  St.  Gallen.  Schon  im  Friihjahr  1861  konnte  er 
ohne  weitere  Fachstudien  das  Reallehrerexamen  bestehen  und  wurde  mit 
19  Jahren  als  Reallehrer  nach  Flawil  berufen.  Hier  legte  er  die  ersten  Proben 
der  padagogischen  Befahigung  ab,  die  ihn  in  so  hohem  MaBe  auszeichnete. 
Indessen  konnte  er  sich  dem  ubermachtigen  Drang  akademischer,  insonder- 
heit  geschichtswissenschaftlicher  Studien  nicht  entziehen.  Er  bereitete  sich 
mit  eisernem  FleiB  durch  nachtragliches  Erlernen  der  klassischen  Sprachen 
auf  den  Besuch  der  Universitat  Zurich  vor,  wo  von  1864  bis  1867  vor  allem 
die  Vorlesungen  und  die  personlichen  Anregungen  von  Max  Biidinger  und 
Georg  v.  WyB  seinen  wissenschaftlichen  Bildungsgang  bestimmten.  Zur  Auf- 
besserung  seiner  pekuniaren  Mittel  nahm  er  die  Stelle  eines  Hauslehrers  in 
der  Familie  des  Pfarrers  Konrad  Pfenninger  an.  Das  Sommersemester  1867 
verbrachte  er  in  Bonn,  wo  ihn  namentlich  Heinrich  v.  Sybel  fesselte,  und  das 
Wintersemester  1867/68  in  Paris,  wo  ihm  die  starkste  Forderung  durch  die 
im  College  de  France  gehaltenen  Vorlesungen  I^eon  Reniers  iiber  Epigraphik 
und  romische  Kaisergeschichte  nach  den  Monumenten  zuteil  wurde,  damit 
schlossen  seine  akademischen  Studien  ab.  Mit  einer  Arbeit,  »Beitrage  zu  einer 
kritischen  Geschichte  Trajans«  (Leipzig,  Teubner  1868),  einer  von  der  philo- 
sophischen  Fakultat  der  Universitat  Zurich  gekronten  Preisschrift,  die  sein 
Lehrer  Biidinger  in  den  ersten  Band  der  »Untersuchungen  zur  Rbmischen 
Kaisergeschichte «  aufnahm,  erwarb  er  sich  den  Doktorgrad. 

Im  ungewissen  dariiber,  wohin  er  sich  wenden  solle,  um  sein  Brot  zu  ver- 
dienen,  hatte  er  noch  in  Paris  die  Anfrage  des  St.  Gallischen  Erziehungs- 


Dehmel.  Dierauer  «2I 

direktors  erhalten,  ob  er  die  eben  freigewordene  Stelle  eines  Geschichtslehrers 
an  der  Kantonsschule  seines  Heimatkantons  ubernehmen  wolle.  Er  ging  mit 
Freuden  auf  den  Antrag  ein.  Beinahe  40  Jahre  lang  hat  er  dies  Amt  bekleidet 
und  mehr  als  einer  Generation  liebevoll  und  streng  zugleich  die  Kenntnis 
der  vaterlandischen  Vergangenheit  und  der  Universalgeschichte  vermittelt. 
»Einen  Fiirsten  unter  den  Lehrern«,  nannte  ihn  einer  seiner  Schiiler,  denen 
seine  ernste  mannliche  Personlichkeit  nicht  weniger  imponierte  wie  seine 
packende  Darstellung,  die  er  durch  Vorzeigen  ausgewahlter  Bilder  und  alter 
Druckwerke  zu  beleben  wufite.  Iyockende  Anfragen,  die  ihm  eine  akademische 
Lehrtatigkeit,  so  in  Basel  wie  in  Zurich,  in  Aussicht  stellten,  hat  er  auf  der 
Hohe  des  L,ebens  abgewiesen,  um  der  bescheideneren  Stellung  in  St.  Gallen 
und  seinen  dortigen  Freunden  treu  zu  bleiben.  Von  diesen  standen  ihm  be- 
sonders  nahe  sein  Kollege,  der  ausgezeichnete  Germanist  und  Historiker  Ernst 
Gotzinger,  dessen  Biographie  er  im  St.  Gallischen  Neujahrsblatt  von  1897 
entworfen  hat,  und  Hermann  Wartmann,  der  hochverdiente  Prasident  des 
Historischen  Vereins  von  St.  Gallen.  Nur  kurze  Zeit,  von  1876  bis  1879  wurde 
D.  als  liberaler  Vertreter  seiner  Heimatgemeinde  Bernegg  im  Grofien  Rat 
des  Kantons  St.  Gallen  auch  auf  die  Buhne  des  offentlichen  I+ebens  gefuhrt. 
Frei  von  politischem  Ehrgeiz  und  in  der  Erkenntnis  schwer  vermeidlicher 
Konflikte  zwischen  seinem  Abgeordnetenmandat  und  seinem  Beruf  als  Lehrer 
an  einer  paritatischen  Schule,  kehrte  er  bald  aus  dem  Ratssaal  zuriick,  um 
sich  neben  seiner  lehrtatigkeit  ausschliefllich  wissenschaftlicher  Beschafti- 
gung  zu  widmen.  In  dieser  nahm  keine  unbedeutende  Stelle  die  Leitung  der 
Stadtbibliothek,  der  »Vadiana«  ein,  die  er  nach  und  nach  im  Sinn  ihres 
Griinders  Vadian  zu  einer  wahren  Musteranstalt  ausbaute.  In  erster  Linie 
ist  aber  seines  tiefeingreifenden  Wirkens  in  dem  genannten  Historischen 
Verein  von  St.  Gallen  zu  gedenken.  Nicht  weniger  als  195  Vortrage  hat  er 
mit  seiner  wohlklingenden,  markigen  Stimme  im  Kreise  dieser  Gesellschaft 
gehalten.  Ein  grofier  Teil  dieser  Arbeiten  bezog  sich  auf  die  Geschichte  des 
Heimatkantons.  Dahin  gehoren  das  mit  feinstem  psychologischen  Verstand- 
nis  ausgemalte  Lebensbild  des  Begriinders  dieses  Kantons,  Karl  Muller-Fried- 
berg  (St.  Gallen  1884)  und  die  »Politische  Geschichte  des  Kantons  St.  Gallen,, 
1803  bis  1903  «  in  der  Denkschrift  zur  Feier  seines  hundertjahrigen  Bestandes, 
herausgegeben  von  der  Kantons regierung  (St.  Gallen  1903).  Viele  Einzelstudien 
finden  sich  in  den  »St.  Gallischen  Analekten«,  mit  denen  D.  von  1889  bis  191 1 
Jahr  fur  Jahr  die  Leser  beschenkte.  Auch  war  er  der  gegebene  Historiograph 
der  Kantonsschule,  an  der  er  wirkte,  bei  ihrer  Jubilaumsfeier  1907.  Indessen 
bewiesen  zahlreiche,  in  den  Neujahrsblattern  des  Historischen  Vereins  von 
St.  Gallen,  im  Archiv  fur  Schweizer  Geschichte,  in  den  Schriften  des  Vereins 
fur  Geschichte  des  Bodensees  und  an  anderen  Stellen  erschienene  Beitrage, 
daB  der  Historiker  gewohnt  war,  weit  iiber  die  Grenzen  seines  Heimatkantons 
hinauszublicken. 

Die  Kronung  aller  seiner  Arbeiten  bildete  die  » Geschichte  der  Schweize- 
rischen  Eidgenossenschaft«  in  der  Sammlung  der  »Heeren-Ukertschen  Staaten- 
geschichte«  (Gotha,  Perthes,  1887 — 1917,  5  Bande).  G.  v.  Wyfl  hatte  D.  dem 
damaligen  Leiter  des  Unternehmens,  W.  v.  Giesebrecht,  empfohlen.  D.  ver- 
pflichtete  sich  zur  Abfassung  von  zwei  Banden,  die  bis  15 19  reichen  sollten 
und  die  1887  und  1892  erschienen.  Aber  er  fiihrte  in  drei  weiteren  Banden 


522  I92Q 

(1907,  I9I2»  I9I7)  das  monumentale  Werk  bis  zum  Jahre  1848.  Wenn  ihn 
wahrend  der  muhevollen  Arbeit  Zweifel  an  der  Mdglichkeit,  sie  zu  bewaltigen, 
mitunter  beschleichen  mochten,  so  wurde  er  durch  den  Erfolg,  den  sie  errang, 
belohnt  und  ermutigt.  Er  erlebte  noch  das  Erscheinen  einer  dritten  Auflage 
der  beiden  ersten  Bande  und  einer  franzosischen  Ubersetzung  (Lausanne, 
Payot  &  Co.,  191 1  ff.).  Eine  seltene  Auszeichnung  ward  ihm  dadurch  zuteil, 
da£  der  Bundesrat  in  seinem  Gluckwunschschreiben  zu  seinem  70.  Geburts- 
tag  ihm  bezeugte,  er  habe  sich  durch  Dsein  Meisterwerk  um  das  Vaterland  ver- 
dient  gemacht«.  Dieselbe  hochste  I,andesbeh6rde  wies  ihm  nach  Vollendung 
des  Werkes  einen  Ehrenpreis  von  5000  Franken  zu. 

In  der  Tat  durfte  D.  als  »der  groflte  Geschichtschreiber  der  Schweizerischen 
Eidgenossenschaft*  seit  Johannes  Muller  bezeichnet  werden.  Aber  gerade, 
was  ihn  von  Miiller  unterschied,  machte  seine  GroBe  aus:  strenge  Trennung 
wirklicher  Geschichte  und  spaterer  Sage,  vorsichtige  Mafligung  in  der  Fallung 
von  Werturteilen,  schlichte  und  klare,  auf  jeden  rednerischen  Schmuck  ver- 
zichtende  Sprache.  Dem  aus  dem  Bauernstand  des  Rheintals  hervorgegangenen 
Verfasser  war,  wie  mit  Recht  gesagt  worden  ist,  »militarischer  Machtdiinkel 
ebenso  wesensfremd  wie  nation alistischer  Chauvinismus*.  Ebenso  stand  er 
als  Historiker,  wie  katholische  Kritik  seiner  Darstellung  der  Reformations- 
zeit  zubilligte,  den  Erscheinungen  konfessioneller  Unterschiede  mit  dem 
Willen  ruhig  gerechter  Abwagung  gegeniiber.  Im  Friihjahr  1907  gab  D.,  um 
sich  zugunsten  seiner  groCen  Arbeit  wenigstens  von  einer  Hauptbiirde  zu 
entlasten,  nicht  ohne  Selbstiiberwindung  seine  Iyehrerstelle  an  der  Kantons- 
schule  auf.  Ein  Jahr  zuvor  hatte  er  mitten  in  einer  Stunde  einen  Ohnmachts- 
anfall.  Indessen  dies  Zeichen  einer  Stoning  der  Herztatigkeit  hinterlieB  zu- 
nachst  keine  ernstlichen  Folgen.  Er  konnte,  nach  dem  Tode  seiner  Frau  von 
seiner  Tochter  Mary  betreut,  mit  Ehren  uberhauft,  ohne  Abnahme  der  Krafte 
noch  jahrelang  der  geliebten  Arbeit  sich  hingeben.  Erst  nach  Wiederholung 
von  Herzaffektionen  von  191 7  an  mui3te  er  sich  grofiere  Schonung  auferlegen. 
Nach  vierzehntagigem  Krankenlager  endete  der  Achtundsiebzigjahrige  sanft 
und  schmerzlos. 

Literatur:  D.s  wissenschaftlicher  NachlaB  befindet  sich  im  Besitz  seiner  Tochter 
Fraulein  Mary  D.t  St.  Gallen.  —  Oskar  FaBler:  Johannes  D.,  ein  Lebensbild,  heraus- 
gegeben  vom  Historischen  Verein  des  Kantons  St.  Gallen,  St.'GaUen  192 1;  daselbst  am 
SchluC  ein  Verzeichnis  der  gedruckten  Arbeiten  D.s  und  der  zahlreichen  ihm  geltenden 
Nekrologe. 

Zurich.  Alfred  Stern. 

Fischer,    Hermann,   Dr.  phil.,    o.  Professor  der   deutschen   Philologie  in 

Tubingen,  *  am  12.  Oktober  1851  zu  Stuttgart,  f  am  30.  Oktober  1920 
zu  Tubingen  in  Wurttemberg.  —  Hermann  F.  war  der  Sohn  des  Dichters 
J.  G.  Fischer,  der  friiher  Elementarlehrer,  dann  Professor  an  der  Oberreal- 
schule  in  Stuttgart  war.  Wenn  so  der  Knabe  ganz  in  stadtischer  Kultur  auf- 
wuchs,  waren  ihm  die  landlichen  Verhaltnisse  doch  von  fruhester  Jugend  an 
vertraut  durch  die  verwandtschaftlichen  Beziehungen,  die  er  zur  Heimat 
seines  Vaters  in  GroB-SuJ3en,  einem  protest antischen  Marktflecken  im  Filstal, 
unterhielt,  und  nicht  minder  zur  Heimat  seiner  Mutter,  einer  Pfarrtochter 
aus  Bernstadt  im  Ulmischen;  er  hat  sie  schon  als  i6jahriger  J  tingling  verloren, 


Dierauer.  Fischer 


523 


aber  immer  hielt  er  der  Mutter  Bild  hoch,  das  ihm  alles  einschloB,  »was  es 
an  zarter  und  doch  das  Leben  tatig  erfassender  Weiblichkeit  gibt«.  Den 
Vater  behielt  er  bis  zum  Jahr  1896.  In  dem  schonen  pietatvollen  Denkraal, 
das  er  ihm  in  seinen  »Beitragen  zur  Literaturgeschichte  Schwabens«  (2,  1  bis 
70)  gesetzt  hat,  weist  er  nach,  daB  dieser  ihm,  dem  Stadtkind,  auf  vielen 
Gangen  die  Sinne  zur  Beobachtung  der  Natur,  die  der  Dichter  selbst  so  liebte 
und  kannte,  gescharft  hat;  und  wer  spater  das  Gliick  hatte,  Hermann  F. 
bei  seiner  Arbeit  helfen  zu  diirfen,  hat  oft  gestaunt  iiber  die  eingehenden 
Kenntnisse,  die  er  nicht  nur  von  Land  und  Leuten  Schwabens  besaB,  sondern 
ebenso  von  seiner  Natur,  seinen  Steinen,  Pflanzen,  Tieren,  speziell  von  den 
Vogeln,  iiber  deren  Lebensweise  der  Vater  (1863)  eine  eigene  Studie  geschrieben 
hatte.  Der  Knabe  genoB  den  Unterricht  im  Stuttgarter  Gymnasium  bis  1867, 
obgleich  er  schon  1865  das  »Landexamen«  bestanden  hatte  und  also  nach 
alter  Tradition  vom  14.  bis  16.  Jahre  das  »niedere  Seminar*  im  Kloster  Maul- 
bronn  hatte  besuchen  sollen;  er  riickte  mit  seiner  »Seminarpromotion«  erst 
in  Blaubeuren  ein  und  zwei  Jahre  spater,  nach  Erstehung  des  »Konkurs- 
examens«,  ins  Tiibinger  evangelisch-theologische  »Stift«,  urn  hier  klassische 
Philologie  zu  studieren.  Als  »Stiftler<(  muBte  er  hierzu  nach  einigen  Semestern 
vom  Studium  der  Theologie  »dispensiert«  werden  (1871).  Sein  Studium  griff 
weit  aus:  neben  dem  Fachstudium  trieb  er  schon  von  den  ersten  Semestern 
ab  Sprachvergleichung,  Deutsch  (bei  Adalbert  v.  Keller),  Englisch,  spater 
auch  noch  Sanskrit  und  romanische  Sprachen.  Aber  zeitlebens  war  er  stolz 
darauf,  ein  J  linger  der  klassischen  Philologie  zu  sein.  Das  humanistische 
Bildungsideal  gait  ihm  als  das  hochste;  im  Kampf  um  die  Grundfragen  des 
Bildungswesens,  besonders  um  das  humanistische  Gymnasium  und  die  wissen  - 
schaftlichen  Methoden  und  Aufgaben  der  Philologie  hat  er  sich  immer  als 
Humanisten  bekannt;  als  Professor  der  deutschen  Philologie  erklarte  er  sich 
aus  AnlaB  seiner  Rektoratsrede  iiber  den  »Neuhumanismus  in  der  deutschen 
Literature  (1902)  fiir  verpflichtet,  »Zeugnis  fiir  eine  angefochtene  gute  Sache 
abzulegen«.  —  Als  1871  die  philosophische  Fakultat  Tubingen  iiber  »die 
neuesten  Theorien  iiber  Entstehung  und  Verfasser  des  Nibelungenlieds «  eine 
Preisaufgabe  stellte,  war  F.s  Weg  gewiesen.  Aus  seiner  preisgekronten  Arbeit 
dariiber  entstand  seine  Doktorarbeit  1873  und  seine  Erstlingsschrif t :  »Die 
Forschungen  iiber  das  Nibelungenlied  seit  K.  Lachmann*  (1874).  1873/74 
treffen  wir  ihn  kurze  Zeit  im  Lehramt,  als  Amtsverweser  und  Vikar  am  Real- 
gymnasium  in  Stuttgart,  dann  an  den  Gymnasien  in  Stuttgart  und  Heilbronn. 
Nach  einem  weiteren  germanistischen  Studiensemester  in  Leipzig  erstand 
er  dann  1875  die  wiirttembergische  Professoratsprufung.  Damit  war  seine 
Laufbahn  als  Gymnasiallehrer  abgeschlossen ;  nur  ganz  kurze  Zeit,  zu  Beginn 
des  Kriegs,  hat  er  im  Winter  1914/15  nochmals  aushilfsweise  am  Tiibinger 
Gymnasium  Schule  gehalten. 

1877  griindete  er  einen  eigenen  Hausstand;  aus  der  Ehe  mit  Julie,  geborene 
Schmitz,  der  Tochter  des  deutschen  Generalkonsuls  in  Genua,  sind  ihm  im 
Lauf  der  Zeit  vier  Tochter  und  zwei  Sonne  erbluht. 

Von  1875  ab  war  F.  ein  Dutzend  Jahre  zuerst  provisorischer,  dann  standiger 
vierter  Bibliothekar  an  der  Koniglich  offentlichen  Bibliothek  in  Stuttgart, 
ab  1876  mit  dem  Titel  Professor.  Die  Geschichte  der  wurttembergischen 
Landesbibliothek  (von  K.  Loffler,  Leipzig  1923,  S.  196)    weiB   zu  berichten, 


524  l9*o 

daB  er  »in  den  Katalogen  der  Bibliothek  fur  alle  Zeiten  ein  Zeugnis  seines 
unermudlichen  FleiBes  hinterlassen «  hat;  er  war  noch  bei  den  »Vorarbeiten 
fur  den  Generalkatalog,  der  Revision  der  Fachkataloge  beteiligt  und  hat  von 
neuen  Sachkatalogen  die  wurttembergische  Geschichte  und  die  Literatur- 
geschichte  bearbeitet,  zwei  umfangreiche  und  vielbenutzte  Facher,  an  deren 
sauber  und  gefallig  geschriebenen  Banden  der  Benutzer  heute  noch  seine 
Freude  hat«  (ebenda,  S.  252).  An  diese  Zeit  und  Tatigkeit  hat  er  stets  besonders 
gern  zuriickgedacht.  Den  Vorstand  der  Bibliothek,  Wilhelm  Heyd  (1823 
bis  1906)  hat  er  als  einen  vaterlichen  Freund  hoch  verehrt.  —  In  die  Stutt- 
garter  Zeit  fallen  verschiedene  literarhistorische  Arbeiten,  die  er  spater  in 
seinen  »Beitragen  zur  Literaturgeschichte  Schwabens«  gesammelt  hat.  Darin 
zeigt  er  sich  als  einen  ausgezeichneten  Kenner  des  alten  Stuttgart  und  seiner 
literarischen  Vergangenheit.  Auch  mit  der  Dialektdichtung  hat  er  sich  aus- 
einandergesetzt,  aber  f  reilich  sehr  skeptisch ;  er  ist  nie  ein  sonderlicher  Freund 
davon  gewesen,  mancher  lebende  Dialektdichter  hat  das  erf ahren ;  auch  an 
anderer  Stelle  (im  Korr.-Blatt  fur  die  hoheren  Schulen  Wiirttembergs,  1906, 
84  ff.)  hat  er  spater  sehr  schroff  gegen  ihre  Verwertung  in  Schullesebuchern 
Stellung  genommen.  —  Aber  nun  rief  ihn  sein  alter  Lehrer  A.  v.  Keller  auf 
ein  anderes  Gebiet  hiniiber,  indem  er  ihm  seine  Vorarbeiten  zu  einem  schwa- 
bischen  Worterbuch  vor  seinem  Tode  anvertraute.  Zuvor  war  F.  auf  die  Er- 
forschung  der  Mundart  kaum  eingegangen ;  erst  ein  Vortrag  auf  der  Karlsruher 
Philologenversammlung  1882  notigte  ihn  dazu,  und  dieser  AnlaB  fuhrte  ihn 
in  die  Nahe  von  Kellers  mundartlicher  Forschung.  Nach  dessen  Tod  (1883) 
ubernahm  er  die  Einarbeitung  in  diesen  Stoff .  Er  hatte  dazu  noch  die  MuBe ; 
denn  fur  den  germanistischen  Lehrstuhl  in  Tubingen  kam  er  zunachst  noch 
nicht  in  Betracht ;  Eduard  Sievers  wurde  A.  v.  Kellers  Nachfolger.  Auch  nach 
dessen  Abgang  (1887)  dachte  der  Tiibinger  Senat  noch  nicht  an  F.,  und  selbst 
als  das  wurttembergische  Ministerium  Stellungnahme  zu  einer  etwaigen 
Berufung  F.s  verlangte,  fiel  das  Gutachten  des  Senats  eher  ungiinstig  fiir  ihn 
aus.  Da  jedoch  der  Kanzler  der  Universitat,  v.  Rumelin,  fiir  F.  sprach,  schlug 
der  Minister  dem  Konig  nicht  Hermann  Paul  (s.  DBJ.  1921,  S.  206),  sondern 
den  Schwaben  F.  vor,  worauf  dieser  (Jan.  1888)  die  Professur  erhielt. 

Im  Sommersemester  1888  trat  er  sein  Amt  in  Tubingen  an ;  anf angs  August 
hielt  er  seine  Antrittsrede  iiber  »Wege  und  Ziele  der  Dialektf orschung «  und 
legte  damit  ganz  programmatisch  den  Hauptnachdruck  seiner  kiinftigen 
Forschungen  auf  das  Gebiet,  das  soeben  noch  in  dem  Gutachten  des  Senats 
als  das  ihm  ferner  liegende  bezeichnet  worden  war.  Seine  Vorlesungen  er- 
streckten  sich  in  den  J  ahren  1888 — 1920  iiber  das  ganze  Gebiet  der  Germani- 
stik.  In  regelmafligem  viersemestrigem  Turnus  trug  er  vor  iiber  deutsche 
Altertiimer,  deutsche  Grammatik,  altere  deutsche  Literatur  und  deutsche 
Literatur  seit  dem  16.  Jahrhundert.  In  kiirzeren  Vorlesungen  behandelte  F. 
deutsche  Metrik,  Mythologie,  Gdtter-  und  Heldensage,  Edda,  Tacitus'  Ger- 
mania,  ferner  Einzelerscheinungen  aus  der  deutschen  Literaturgeschichte 
von  Otfrid  und  Heliand  bis  zu  Gottfried  Keller;  dazu  Gotisch  und  Altnordisch 
und,  wenigstens  in  den  ersten  Jahren,  so  lang  noch  kein  Anglist  das  iiber- 
nehmen  konnte,  Beowulf.  Diejenigen,  die  in  friiheren  Jahren  zu  seinen  FiiBen 
gesessen  haben,  erinnern  sich  heute  noch,  mit  welcher  Andacht  sie  seinen 
flieBenden   Vortragen  gefolgt  sind,   die  alle   der  Unterstutzung  durch  das 


Fischer  525 

Manuskript  nicht  zu  bediirfen  schienen.  Nicht  alle  Stoffe,  iiber  die  er  als  Dozent 
lesen  muBte,  waren  ihm  Herzenssache ;  er  hat  in  privatem  Gesprach  kein  Hehl 
daraus  gemacht,  daB  ihin  Mythologie  und  ahnliches  nicht  zusagten,  und  wer 
seine  zusammenfassende  Darstellung  dieses  Stoffs  (in  Schieles  Religion  in  Ge- 
schichte  und  Gegenwart  II  1328 — 1336)  liest,  wird  das  wohl  verstehen;  seine 
niichterne  kritische  Einstellung  ihm  gegeniiber  lieB  keine  Begeisterung  dafur 
aufkommen.  In  den  spateren  Jahren  las  er  noch  iiber  die  Liter aturgeschichte 
Schwabens  im  18.  und  19.  Jahrhundert.  Diese  Vorlesung  entstand  aus  einer 
Vortragsreihe,  die  er,  anfangs  fast  widerwillig,  aber  dann  mit  Hingabe  und 
Freude  vor  einer  zumeist  weiblichen  Zuhorerschaf  t  gehalten  hatte ;  schlieBlich 
hat  es  ihm  die  systematische  Verarbeitung  des  Stoffes  so  angetan,  daB  das 
feine  Biichlein  »Die  schwabische  Literatur  im  18.  und  19.  Jahrhundert*  (1911) 
daraus  entstand.  Im  Zusammenhang  mit  dem  StofI  seiner  Vorlesungen  ist, 
auBer  kleineren  Aufsatzen  in  Zeitschriften,  nur  ein  zusammenfassendes  Werk 
entstanden,  die  »Grundziige  der  deutschen  Altertumskunde«  (in  der  Sammlung 
Wissenschaft  und  Bildung,  1908).  Die  Ubungen  im  Deutschen  Seminar  waren 
ihm  besonders  wichtig,  sie  zeigten  deutlich,  daB  Sprachgeschichte  sein  eigent- 
liches  Gebiet  war ;  mochten  die  angekiindigten  Stoffe  noch  so  literarhistorisch 
klingen :  stets  fuhrte  er  in  das  Sprach-  und  Kulturleben  fruherer  Zeiten  ein,  und 
wer  etwa  Anleitung  zu  asthetisierender  Betrachtungsweise  der  Dichter  und 
Dichtungen  im  Seminar  suchte,  der  kam  nicht  auf  seine  Rechnung.  Den  per- 
sonlichen  Verkehr  mit  dem  Studenten,  das  »Schule  machen«  hat  er  uberhaupt 
wenig  gepflegt. 

Weitere  Arbeit  brachte  ihm  nach  W.  L.  Hollands  Tod  1891  die  t)ber- 
nahme  der  Prasidentschaft  des  Stuttgarter  Literarischen  Vereins,  der  durch 
seine  Editionen  schon  so  viele,  besonders  deutsche  Werke  alterer  und  neuerer 
Zeit  der  wissenschaftlichen  Forschung  erschlossen  hat.  Was  F.  hier  geleistet 
hat,  haben  nur  die  AusschuBmitglieder  merken  konnen,  aber  sie  haben  sich 
seiner  Leitung  willig  anvertraut.  F.  fuhrte,  so  schreibt  K.  Voretzsch,  »die 
Vorverhandlungen  mit  den  Herausgebern,  und  wenn  er  dem  AusschuB  eine 
Neuausgabe  zur  Abstimmung  vorlegte,  pflegte  er  seine  sachlich  wohl  begriin- 
dete  Anschauung  beizufiigen,  der  man  selten  AnlaB  hatte  zu  widersprechen ; 
die  Herausgeber  von  Texten  f  anden  bei  ihm  stets  ein  f  reundliches  und  williges 
Entgegenkommen«.  Unter  seiner  Leitung  sind  die  Bande  Nr.  191 — 266  er- 
schienen;  F.  selbst  gab  G.  R.  Weckherlins  Gedichte  in  drei  Banden  heraus, 
ferner  (mit  Johannes  Bolte  zusammen)  J.  Wetzels  Reise  der  Sonne  Giaffers 
(aus  dem  Italienischen,  1583),  den  Briefwechsel  zwischen  A.  v.  Haller  und 
E.  v.  Gemmingen,  und  H.  Neidharts  Ubersetzung  des  Terenzschen  Eunuchus 
von  i486.  Die  bittere  Not  der  Nachkriegszeit  hat  ihn  dann  kurz  vor  seinem 
Ende  noch  veranlaBt,  den  Verein  aufzulosen.  —  Mit  dem  bisher  Erwahnten 
ist  aber  F.s  Tatigkeit  auf  literarhistorischem  Gebiet  nicht  vollig  beschrieben. 
In  seinen  spateren  Jahren  folgten  noch  Untersuchungen  iiber  die  Entstehung 
des  Nibelungenlieds  und  iiber  Gottfried  von  StraBburg  (in  den  Sitzungs- 
berichten  der  bayr.  Akad.  d.  Wiss.  1914  und  1916),  iiber  Goethes  Tasso  (Germ.- 
rom.  Monatsschrift  1914)  und  Schiller  (Neue  Jahrbucher  1918),  sowie  iiber 
einzelne  Probleme  der  Schwabischen  Literaturgeschichte,  die  nicht  alle  auf- 
gezahlt  werden  sollen.  Einem  groBeren  Publikum  ist  sein  Name  bekannt 
geworden  durch  seine  Ausgaben  der  Werke  von  Ludwig  Uhland,  von  Hermann 


526  1920 

Kurz,  von  Wilhelm  Hauff ,  von  Schillers  ausgewahlten  Gedichten,  von  Palleskes 
Schiller,  sowie  (mit  W.  Schmid  zusammen)  von  Seegers  Aristophanes-Uber- 
setzung.  Und  den  Lesern  der  Zeitschrift  »Der  schwabische  Bund«  bot  er  schlieB- 
lich  im  Jahrgang  1920  seine  »asthetischen  Ketzereien«  dar,  in  denen  nicht  nur 
der  Fachwissenschaftler  noch  einmal  das  Wort  ergreift,  sondern  auch  ein 
Mann,  der  auf  weiten  Reisen  die  verschiedensten  Lander  und  Kulturen  ge- 
sehen  hat  und  jetzt  das  Recht  hat,  zu  alien  moglichen  Fragen,  besonders  auch 
der  Kunst,  seine  Stellung  in  einer  Art  von  Vermachtnis  zu  prazisieren. 

Aber  F.s  »Werk«,  seine  wissenschaftliche  Tat  ist  all  dies  nicht  gewesen.  Sein 
Name  wird  fur  alle  Zeiten  verbunden  sein  mit  dem  Schwabischen  Worter- 
buch,  wie  etwa  Schmellers  Name  mit  dem  Bayerischen  oder  der  der  Gebriider 
Grimm  mit  dem  Deutschen  Worterbuch.  Uber  die  Entstehung  und  Ent- 
wicklung  seines  Werkes  hat  er  an  verschiedenen  Orten  Rechenschaft  abge- 
legt,  in  den  Vorreden  der  ersten  funf  Bande  und  in  kleineren  Aufsatzen  (in 
Zeitschriften),  die  zumeist  aus  Vortragen  hervorgegangen  waren.  Die  Kenntnis 
von  F.s  Methode  und  Arbeit  ist  in  Fachkreisen  langst  Allgemeingut  geworden ; 
sein  Worterbuch  ist  innerhalb  der  schwarz-roten  Grenzpfahle  heute  wohl 
jedem  Dorfschullehrer  bekannt.  Auf  A.  v.  Kellers  Vorarbeiten  fuBend,  hat  F. 
nach  eigenstem  Plan  ein  ganz  neues  groBes  Gebaude  errichtet.  Zuerst  ent- 
stand  ein  gewaltiger  Unterbau:  die  »Geographie  der  schwabischen  Mundart, 
mit  einem  Atlas  von  28  Karten«  (1895).  DaB  F.  in  seiner  Materie  bewandert 
war  wie  kein  anderer,  hatte  zuvor  schon  seine  ausfuhrliche  Besprechung  von 
Kauffmanns  Geschichte  der  schwabischen  Mundart  (Germania  36,  406 — 437) 
gezeigt.  Mit  der  »Geographie«  war  aber  plotzlich  eine  grammatisch-geogra- 
phische  Arbeit  vorhanden,  wie  sie  f ruber  trotz  Wenkers  Sprachatlas  fur  kein 
groBeres  deutsches  Gebiet  geschaffen  worden  war;  sie  muBte  von  nun  an 
fur  jede  Dialektforschung  auf  unserem  Gebiet  die  Grundlage  bilden.  Heute 
ist  das  Werk  vergriffen,  aber  nicht  veraltet.  Dann  folgten  einige  Jahre  inten- 
sivster  Arbeit,  die  der  Ausbeutung  der  alteren  schwabischen  Sprachdenkmaler, 
sowie  der  Ordnung  des  ganzen  gewonnenen  Materials  gait;  ohne  Ruhepause 
wurde  die  Ausarbeitung  selbst  vorgenommen,  und  am  21.  Februar  190 1  er- 
schien  die  erste  Lieferung.  Die  letzte  Lieferung,  die  F.  selbst  noch  herausgab, 
war  die  62.,  im  Druck  vollendet  den  1.  September  1920;  er  hatte  den  heutigen 
und  fruheren  Sprachschatz  des  Schwabischen  (einschlieBlich  des  Frankischen 
innerhalb  Wurttembergs)  vom  A  bis  zum  Anfang  des  U  meisterhaft  dargestellt , 
als  der  Tod  ihm  die  Feder  aus  der  Hand  nahm.  Fiir  einen  Einzelnen  eine  un- 
geheure  Leistung!  Sein  ausgebreitetes  gediegenes  Wissen,  seine  einzigartige 
unersetzte  Kenntnis  der  wurttembergischen  Geschichte  (besonders  auch 
Rechts-  und  Wirtschaftsgeschichte)  und  wurttembergischer  Verhaltnisse 
und  Personlichkeiten  ist  dem  Worterbuch  fast  auf  jeder  Seite  zugut  gekommen, 
aber  ebenso  auch  seine  groBe  Sachlichkeit  und  Kunst  gedrangter  Darstellung. 
Wer  das  Vorrecht  gehabt  hat,  ihm  lange  Jahre  helfen  zu  durfen,  hat  gesehen, 
daB  das  stetige,  verhaltnismaBig  rasche  Fortschreiten  des  Worterbuchs 
nur  dadurch  moglich  war,  daB  all  seine  vielen  andern  Arbeiten  und  Ver- 
pflichtungen,  von  deren  Fiille  ein  Bild  zu  geben  oben  versucht  wurde,  ihn  nie 
abhalten  konnten,  Tag  fiir  Tag  bestimmte  Stunden  restlos  mit  unermudlichem 
FleiB  und  unwandelbarer  Pflichttreue  seinem  Hauptwerk  zu  widmen.  »Es  wird 
immer  darauf  ankommen,  ob  einer  mit  Einsetzung  seiner  Person,  mit  heiligem 


Fischer.  Fournier  52  7 

Eifer  gekampft  hat«,  schreibt  er  selbst  einmal  (Deutsche  Rundschau  1915, 
S.  469).  Er  hat  das  wahrlich  getan. 

Die  Entbehrungen  und  Erfahrungen  des  Kriegs,  der  auch  ihm  einen  Sohn 
wegraffte,  haben  seine  Gesundheit  untergraben;  Leukamie  machte  seine 
Krafte  sichtlich  schwinden.  Mit  Aufbietung  aller  Energie  arbeitete  er  weiter, 
immer  noch  der  Hoffnung  lebend,  sein  Worterbuch  doch  noch  zu  Ende 
fuhren  zu  konnen.  J  a,  noch  im  August  1920  sprach  er  von  neuen  Planen 
literarischer  Art;  eine  »Ehrenrettung«  Wielands  wollte  er  noch  leisten,  und 
iiber  die  Geistesgeschichte  Schwabens  zur  Zeit  von  Schwegler,  Fr.  Th.  Vischer, 
StrauB  hat  er  eingehende  Studien  getrieben.  Aber  solche  Plane  wollte  er 
erst  reifen  lassen,  wenn  sein  Lebenswerk  fertig  war :  das  Schwabische  Wor- 
terbuch. 

An  auBeren  Ehrungen  hat  es  F.  nicht  gefehlt.  So  wurde  er  z.  B.  1885  Mit- 
glied  der  Maatschappij  der  nederlandischen  Letterkunde  in  Leyden;  1892 
stellvertretendes  Mitglied,  1903  Mitglied  und  stellvertretender  Vorstand  der 
literarischen  Sachverstandigen-Kammer;  1905  ordentliches  Mitglied  der 
wiirttembergischen  Kommission  fiir  Landesgeschichte ;  1905  Ehrenmitglied 
des  Vereins  fiir  Siebenbiirgische  Geschichtskunde ;  1913  korrespondierendes 
Mitglied  der  Miinchener  Akademie  der  Wissenschaften.  Von  Orden  hatte  ihm 
das  Ehrenkreuz  des  wurttembergischen  Kronenordens  1902  den  personlichen 
Adel  verschafft,  auf  den  er  aber  keinerlei  Wert  legte. 

L<iteratur:  F.s  literarischer  Nachiafl  ging  nach  seinem  Tod  in  die  Hande  seiner  Witwe 
iiber;  darunter  war  eine  Synopsis  des  Kellerschen  Griinen  Heinrichs,  die  1921  die  Zentral- 
bibliothek  in  Zurich  erhielt.  Ein  Aufsatz  iiber  den  anonymen  Roman  »Eritis  sicut  Deus« 
(1854)  ist  1926  in  den  Wiirttembergischen  Vierteljahrsheften  fiir  I^andesgeschichte  er- 
schienen.  Alles  aufs  Schwabische  Worterbuch  Beziigliche  ist  seinem  Wunsch  gemaB  von 
der  Familie  mir  iibertragen  worden.  —  Nekrolog  fiir  den  » Wiirttembergischen  Nekrolog* 
(Jahrgang  1927),  von  E.Mann  (von  mir  im  Manuskript  benutzt).  —  K.  Voretzsch, 
H.  Fischer  und  der  Stuttgarter  Iviterarische  Verein  (im  »Schwabischen  Merkurt,  Sonntags- 
beilage  vom  4.  Dezember  1920). 

Stuttgart.  Wilhelm    Pfleiderer. 

Fournier,  August,  o.  Professor  der  Geschichte  an  der  Universitat  Wien, 
*  am  19.  Juni  1850  in  Wien,  f  am  18.  Mai  1920  in  Wien.  —  F.  entstammte 
einer  franzosischen  —  wahrscheinlich  Lyoner  —  Emigrantenfamilie.  Er  wies 
in  den  Jahren  vor  dem  Ausbruche  des  Weltkrieges  gern  auf  seinen  franzosi- 
schen Ursprung  hin,  fiir  den  nicht  nur  seine  Gesichtsbildung,  sondern  auch 
die  Beweglichkeit  seines  Geistes  und  sein  chevalereskes  Wesen  sprachen. 
Sein  Vater,  dessen  wechselreiches  Leben  F.  in  seinen  1923  erschienenen  Er- 
innerungen,  die  bis  zu  seiner  Berufung  an  die  Prager  Universitat  im  Jahre  1883 
reichen,  eingehend  geschildert  hat,  war  ein  begabter,  aber  den  Sturmen  des 
Lebens  nicht  gewachsener  Mann,  der,  nachdem  seine  hochfliegenden  Plane 
gescheitert  waren,  sein  Leben  seit  1853  in  Fiinfkirchen  als  untergeordneter 
Beamter  der  Donau-Dampfschiffahrtgesellschaft  fristen  muBte.  Hier  hat 
August  F.  den  ersten  Unterricht  erhalten  und  sich  die  Kenntnis  der  un- 
garischen  Sprache  erworben,  die  ihm  spater  als  Geschichtsforscher  sehr  zu- 
statten  kam.  1862  iibersiedelte  die  Familie  nach  Wien.  F.  besuchte  die  Real- 
schule,  legte  1867  die  Reifepriifung  ab  und  wurde  dann,  dem  Wunsche  seines 
Vaters  entsprechend,  aber  ohne  innere  Neigung,  fiir  den  kaufmannischen 


528  1920 

Beruf  bestimmt,  Horer  der  Handelsakademie.  Doch  der  Drang  sich  ganz  der 
Wissenschaft  zu  widmen,  wurde  immer  starker.  Er  entschloB  sich,  alien  auBeren 
Widerstanden  zu  trotzen  und  sich  den  Weg  zur  Universitat  zu  bahnen:  sein 
Bemtihen  war  von  Erfolg  gekront.  Er  wahlte  das  Fach  der  Geschichte.  Zwei 
Manner,  Professoren  an  der  Wiener  Universitat,  haben  stark  auf  ihn  ge- 
wirkt:  Theodor  v.  Sickel  und  Ottokar  Lorenz.  In  der  Schule  des  ersteren 
als  Mitglied  des  Institutes  fur  osterreichische  Geschichte,  das  eigentlich  ein 
Institut  fiir  die  historischen  Hilfswissenschaften  war,  ist  er  1871 — 1873  zur 
Ubung  strengster  Wort-  und  Sachkritik  erzogen  worden.  Als  Frucht  dieser 
Studien  erschien  1875,  auf  Anregung  von  O.  Lorenz,  Fs.  erste  groBere  streng 
wissenschaftliche  Arbeit  »Abt  Johann  von  Victring  und  sein  Liber  certarum 
Mstoriarumn.  In  scharfsinniger  Weise  pruft  F.  die  Uberlieferung  und  die 
Quellen  dieses  wichtigen  Denkmals  der  mittelalterlichen  Historiographie 
und  verbreitet  so  helles  Licht  iiber  eine  bis  dahin  dunkel  gebliebene  Materie. 

Zur  Zeit,  da  F.  dieses  Buch  veroffentlichte,  das  ihm  den  Weg  zur  Dozentur 
an  der  Wiener  Universitat  ebnete,  hatte  er  sich  aber  bereits  innerlich  von  der 
Geschichte  des  Mittelalters  losgesagt  und  sich,  unter  dem  EinfluB  von  Ottokar 
Lorenz,  als  sein  kiinftiges  Arbeitsgebiet  die  neuere  Geschichte  gewahlt,  in 
deren  Erforschung  und  Darstellung  er  im  Laufe  einer  45jahrigen  Tatigkeit 
Hervorragendes  geleistet  hat.  Im  Sinn  der  Auffassung  von  Lorenz  hielt  F. 
1875  seine  Antrittsrede  als  akademischer  Lehrer  »  Uber  Auffassung  und  Methode 
der  Staatshistorie«,  in  der  er  die  Notwendigkeit,  den  Staat  in  den  Mittelpunkt 
historischer  Betrachtung  zu  stellen,  stark  betonte. 

Schon  vor  seiner  Habilitation  war  F.,  um  sich  ein  Existenzminimum  zu 
sichern,  als  Offizial  in  das  Archiv  des  Ministeriums  des  Innern  eingetreten  und 
blieb  hier,  seit  1878  mit  der  Leitung  des  Archives  betraut,  bis  zu  seiner  1883 
erfolgten  Berufung  als  ordentlicher  Professor  an  die  Deutsche  Universitat 
in  Prag.  Unter  des  war  er  —  1880  —  zum  auBerordentlichen  Professor  an  der 
Wiener  Universitat  ernannt  worden. 

Fiir  seine  nachste  wissenschaftliche  Betatigung  wurde  sein  Eintritt  in  den 
Archivsdienst  von  groBer  Bedeutung.  Als  einer  der  Ersten  konnte  er  in  die 
ungehobenen  Schatze,  die  dieses  Archiv  barg,  Einblick  gewinnen.  Hier  fand  F. 
den  Stoff  fiir  eine  groBere  Anzahl  von  Schriften,  die  seinen  Namen  in  weiteren 
Kreisen  bekannt  machten,  zumal  er  es  verstand,  die  Ergebnisse  seiner  For- 
schungen  in  anmutender  Form  mitzuteilen.  Zu  den  wichtigsten  dieser  Schriften 
gehort  der  in  Sybels  Historischer  Zeitschrift  1877  erschienene,  umfanglich 
beschrankte,  aber  inhaltsreiche  Aufsatz  »Zur  Entstehungsgeschichte  der 
pragmatischen  Sanktion  1703 — 1713*,  in  dem  F.  auf  Grund  der  von  ihm  ge- 
fundenen  Akten,  die  Zusammenhange  zwischen  dem  Pactum  mutuae  successionis 
von  1703  und  dem  Testamente  Leopolds  I.  von  1705  zum  ersten  Male  klar- 
legte  und  dadurch  AnlaB  zu  weiteren  Studien  iiber  diese  fiir  die  Dynastie 
und  die  Monarchic  so  wichtige  Frage  anregte.  Eine  zweite,  im  selben  Jahre 
in  den  Schriften  der  Wiener  Akademie  der  Wissenschaften  veroffentlichte 
Arbeit  betraf  »Gerrard  van  Swieten  als  Zensor«.  Das  Hauptverdienst  dieser 
Arbeit  lag  in  der  lichtvollen  Behandlung  der  Tatigkeit  des  hervorragenden 
Arztes  und  Politikers  der  Maria  Theresianischen  Zeit  bei  der  Organisation 
der  Zensur  und  in  der  eingehenden  Schilderung  des  Kampfes  van  Swietens 
gegen  die  am  Hofe  Maria  Theresias  sehr  einfluBreichen  Jesuiten,  der  aus- 


Fournier  529 

brach,  als  Swieten  die  Fordemng  stellte,  daB  nur  unvoreingenommene,  wissen- 
schaftlich  entsprechend  vorgebildete  Manner  zu  Mitgliedern  der  Zensur- 
behorde  ernannt  werden  sollten.  In  diesen  beiden,  wie  in  einer  Reihe  anderer 
kleiner  Schriften,  die  hier  nicht  aufgezahlt  werden  konnen,  zeigte  F.  seine 
Fahigkeit,  die  kritische  Methode,  die  anzuwenden  er  bei  Themen  aus  der 
mittelalterlichen  Geschichte  gelernt  hatte,  auf  solche  aus  dem  Gebiete  der 
neueren  Geschichte  zu  ubertragen. 

Als  die  reifste  Frucht  seiner  aus  archivalischen  Studien  hervorgegangenen 
Arbeiten  jener  Zeit  muB  sein  Buch  »Gentz  und  Cobenzl,  Geschichte  der 
osterreichischen  Diplomatic  1801 — i8o5«  (erschienen  1880)  bezeichnet  werden. 
Heute  ist  F.s  Werk  uberholt;  aber  fur  die  Zeit  seines  Erscheinens  war  es  ein 
grundlegendes  Buch  zur  Kenntnis  der  verwickelten  osterreichischen  Politik 
jener  ereignisreichen  Jahre  und  des  Einflusses,  den  der  groBe  Publizist  Fried- 
rich  v.  Gentz  auf  den  Gang  der  Ereignisse  genommen  hat.  Neben  diesem 
Hauptwerke  hat  F.  im  Laufe  der  80 er  Jahre  eine  stattliche  Reihe  groBerer 
und  kleinerer  Aufsatze,  zumeist  auf  der  Grundlage  der  Akten  des  Ministeriums 
des  Innern,  verfaBt,  die  zuerst  in  Zeitschriften  erschienen  und  1885  unter 
dem  Titel  »Historische  Studien  und  Skizzen«  in  Buchform  veroffentlicht 
wurden.  Neben  den  bereits  erwahnten  Schriften  mogen  hier  die  inhaltsreichen 
Studien  »IUuminaten  und  Patrioten«,  »Aus  Siiddeutschlands  Franzosenzeit«, 
»Zur  Geschichte  des  Tugendbundes«  hervorgehoben  werden.  1887  und  1888 
erschienen  im  »Archiv  fiir  osterreichische  Geschichte «  zwei  groBere  wertvolle 
Arbeiten  iiber  die  osterreichische  Handelspolitik  im  Zeitalter  Maria  Theresias. 
Die  Beschaftigung  mit  der  osterreichischen  Politik  im  ersten  Dezennium 
des  19.  Jahrhunderts  lenkte  F.s  Aufmerksamkeit  immer  intensiver  auf  den 
groBen  Widersacher  der  Monarchic,  auf  Napoleon  I.,  ein  Interesse,  das  von 
Jahr  zu  Jahr  zunahm  und  bis  an  F.s  I^ebensende  wuchs.  Schon  in  den  letzten 
Jahren  seines  Wiener  Aufenthaltes  begann  er  mit  den  Studien,  deren  Resultat 
eine  Lebensgeschichte  des  groBen  Korsen  sein  sollte.  Zur  Durchfuhrung  kam 
der  Plan  erst  in  Prag.  F.  war  sich  der  Schwierigkeit  seiner  Aufgabe  wohl 
bewuBt.  Es  gait  nicht  nur  einen  ungeheuren  Stoff  zu  beherrschen;  es  gait 
vor  allem  Stellung  zu  nehmen  in  dem  damals  wogenden  Streit  iiber  die  Wer- 
tungen  der  Leistungen  und  der  Charaktereigenschaften  Napoleons  I.,  da  die 
Ansichten  maBgebender  Geschichtschreiber  sich  schroff  gegeniiberstanden. 
Mit  dem  Mute  des  jiingeren  Mannes  schritt  F.  an  seine  groBe  Aufgabe.  Er 
selbst  hat  betont,  daB  er  dabei  in  erster  Linie  weniger  die  Bediirfnisse  der 
gelehrten  Forscher,  als  jene  der  weiten  Kreise  des  gebildeten  Publikums  im 
Auge  habe.  Diesen  eine  lichtvolle  Darstellung  des  Lebens  und  Wirkens  des 
franzosischen  Imperators  zu  bieten,  schien  ihm  eine  lohnende  Aufgabe.  In 
diesem  Sinne  auBerte  er  sich  im  Vorworte  zum  ersten  1896  erschienenen 
Bande  seiner  Napoleon-Biographie  »Erz  und  nur  Erz  zu  graben,  kann  des  Hi- 
storikers  Lebensmiihe  letztes  Ziel  nicht  sein ;  die  Welt  braucht  Schmuck  und 
Waffen  und  ihre  Schmiede  diirfen  nicht  feiern  .  .  .  Einem  groBeren  Kreise 
gebildeter  Leser  das  Werden,  Wagen  und  Wirken  eines  Mannes  von  unver- 
gleichlicher  historischer  Bedeutung  kurz  und  mit  schlichten  Worten  zu  er- 
zahlen,  ist  der  Zweck  der  folgenden  Blatter «. 

Nun  allzu  kurz  ist  das  Werk  nicht  geraten ;  aus  den  geplanten  zwei  Banden 
wurden  drei.  In  verhaltnismaBig  kurzer  Zeit  war  das  Werk  vollendet;  1889 

DBJ  34 


53°  lg2° 

erschien  der  letzte  Band.  In  klarer  und,  dort,  wo  der  Gegenstand  es  gestattet, 
schwungvoller  Sprache  schildert  F.  Leben  und  Wirken  seines  Helden,  dessen 
unvergleichliche  Geistesgaben  und  Willenskraft  er  preist,  ohne  die  Schatten- 
seiten  des  Charakters  zu  verschweigen.  In  seiner  Darstellung  erscheint  Na- 
poleon I.  —  und  darin  liegt  wohl  die  Bedeutung  der  Napoleon-Biographie 
F.s  fur  Laien  und  Gelehrte  —  als  Geschopf  und  zugleich  als  Vollender  und 
Uberwinder  der  Revolution,  aus  deren  Entwicklung  der  Imperator  und  seine 
Bedeutung  erst  recht  verstandlich  werden.  F.s  » Napoleon «  hat  im  Laufe  der 
vier  Dezennien,  die  seit  seinem  Erscheinen  verflossen  sind,  einen  immer  wei- 
teren  Kreis  von  Lesern  gefunden  und  gilt  heute,  auch  bei  den  Gelehrten  der 
Welt,  als  eine  der  besten  Biographien  des  Kaisers.  Das  Werk  hat  in  deutscher 
Sprache  vier  Auflagen  erlebt,  ist  ins  Franzosische,  Englische  und  Ungarische 
tibersetzt  worden.  Es  blieb  das  Hauptwerk  F.s,  an  dem  er  immer  weiter  arbei- 
tete,  das  er  durch  unermudlich  betriebene  Studien  zu  vervollkommnen  bestrebt 
war,  ohne  aber,  wie  er  in  der  dritten  deutschen  Ausgabe  mit  berechtigter 
Genugtuung   behaupten   konnte,   durch   die   von  ihm  sorgfaltig  verwertete 
umfassende  neuere  Literatur  zu  einer  wesentlichen  Korrektur  seiner  ursprung- 
lichen  Auffassung  vom  Geist,  Wirken  und  Charakter  seines  Helden  genotigt 
zu  sein.  DaB  es  an  Angriffen  gegen  seine  Darstellung  nicht  gefehlt  hat,  war 
vorauszusehen  und  iiberraschte    F.  nicht.    Er  trat    seinen  Gegnern  scharf 
und  energisch  entgegen,  verteidigte  seine  Auffassung  mit  groBem  Geschick.  Er 
fuhrte  eine  scharfe  Klinge  und  seine  Hiebe  safien  fest. 

In  Prag,  wo  er  sich  bald  nach  seiner  Ubersiedlung  mit  der  Tochter  des 
Schauspielerpaares  Gabillon  vermahlte,  hat  sich  F.,  an  das  reizyolle  gesell- 
schaftliche  Wiener  L,eben  gewohnt  —  das  er  in  seinen  Erinnerungen  eingehend 
geschildert  hat —  nie  recht  wohl  gefuhlt.  Er  reiste,  so  oft  er  konnte,  nach  Wien, 
um  hier  zu  arbeiten  und  zu  genieBen.  In  die  Prager  Zeit  fallt  auch  der  Be- 
ginn  seiner  politischen  Betatigung.  Er  wurde  1891  vom  bohmischen  Stadte- 
bezirk  Tetschen-Bodenbach  in  den  osterreichischen  Reichsrat  gewahlt, 
schloB  sich  dort  der  deutsch-fortschrittlichen  Partei  der  »Vereinigten  Deut- 
schen Linken«  an,  und  entfaltete,  von  E.  v.  Plener,  der  F.s  politische  Talente 
hoch  schatzte,  gefordert  und  unterstiitzt,  eine  ausgedehnte  Tatigkeit  im 
Hause  und  in  den  Ausschiissen.  Er  hat  die  Griinde,  die  es  ihm  nicht  ennog- 
lichten,  eine  seinen  Fahigkeiten  und  Aspirationen  entsprechende  Rolle  in  der 
Partei  und  im  offentlichen  Leben  zu  spielen,  mit  anerkennenswertem  Freimut 
in  seinen  Erinnerungen  erortert.  Im  bohmischen  I^andtag,  dem  er  seit  1892 
angehorte,  ist  er  ein  mannhafter  Vertreter  der  deutschen  Interessen  gewesen 
ohne  sich  jedoch  bedingungslos  den  Ansichten  der  extremen  Richtung  mancher 
Deutschbohmen  anzuschlieBen. 

Die  zeitraubende  politische  Betatigung  F.s  verhinderte  ihn  im  letzten 
Dezennium  des  19.  Jahrhunderts  seine  groBen  wissenschaftlichen  Plane  aus- 
zufiihren.  Er  muBte  sich  darauf  beschranken,  die  Resultate  seiner  Forschungen 
in  Abhandlungen  und  Aufsatzen  niederzulegen,  die  er  zum  guten  Teil  spater 
in  der  zweiten  und  dritten  Reihe  seiner  »Aufsatze  und  Studien «  veroffentlicht 
hat.  Die  Schwierigkeiten,  mit  denen  F.  in  Prag  zu  kampfen  hatte,  vor  allem 
das  Fehlen  des  groBen  Staatsarchives  und  personliche  Wiinsche,  veranlaBten 
ihn  mit  der  ihm  eigenen  Energie  seine  Riickberufung  an  die  Wiener  Univer- 
sitat  durchzusetzen,  die  ihm,  wie  er  behauptete,  vom  Ministerium  zur  Zeit 


Fournier  ^  I 

seiner  Berufung  an  die  deutsche  Universitat  in  Prag  versprochen  worden 
war.  Doch  scheiterten  anfanglich  alle  Versuche,  obgleich  er  in  seinen  Be- 
muhungen  von  einfluBreichen  Personlichkeiten  unterstiitzt  wurde,  an  der 
Opposition  seiner  Wiener  Kollegen.  Erst  im  Jahre  1900  wurde  er  an  Adolf 
Beers  Stelle  zum  Professor  der  Geschichte  an  die  Wiener  Technische  Hoch- 
schule  bernfen,  von  wo  er  1903  als  Nachfolger  Max  Budingers  zum  ordent- 
lichen  Professor  der  allgemeinen  Geschichte  an  der  Universitat  ernannt  wurde. 
An  dieser  Stelle  hat  er,  auch  mit  der  Leitung  des  historischen  Seminars 
betraut,  bis  an  seinen  Tod  im  Jahre  1920  gewirkt.  Seit  1909  war  er  korre- 
spondierendes  Mitglied  der  Wiener  Akademie  der  Wissenschaften. 

Die  wissenschaftliche  Betatigung  F.s  in  den  beiden  letzten  Dezennien  seines 
Lebens  war  eine  iiberaus  reiche  und  ihre  Resultate  lassen  erkennen,  daJ3  er 
einen  immer  strengeren  MaBstab  an  seine  Arbeiten  legte.  Sein  1900  ver- 
offentlichtes  Werk  »Der  KongreB  von  Chatillon  i8i4«,  auf  bis  dahin  zum  Teil 
unbekanntem  handschriftlichen  Material  des  Wiener  Staatsarchivs  aufgebaut, 
zeichnet  sich  durch  kritische  Beherrschung  des  Stoffes  aus  und  hat  das  richtige 
Verstandnis  fur  die  unablassig  wechselnde  Haltung  Napoleon  I.  in  jenen 
ereignisreichen  Wochen  wesentlich  gefordert.  In  einer  vortrefflichen  Schrift, 
1903  unter  dem  Titel  »Zur  Textkritik  der  Korrespondenz  Napoleon  I.«  er- 
schienen,  bewies  F.  an  der  Hand  der  Korrespondenz  des  Kaisers  mit  Talleyrand, 
wie  unvollkommen,  verderbt  und  zum  Teil  gefalscht  die  Texte  der  groBen 
» Correspondence  de  Napoleon  /.«  sind  und  wie  dringend  eine  Neuausgabe  ware. 

1907  veroffentlichte  F.  die  im  Wiener  Staatsarchive  aufbewahrten  Brief e 
Gentz'  an  den  osterreichischen  Staatsmann  Freiherrn  von  Wessenberg.  Im 
selben  Jahre  erschien  die  Studie  »Osterreich  und  PreuBen  im  19.  Jahrhundert*, 
eine  groBziigige,  lichtvolle  Darstellung  der  Wandlungen  in  den  Beziehungen 
der  zwei  um  die  Vorherrschaft  in  Deutschland  kampfenden  GroBmachte.  Im 
folgenden  Jahre  erschien  der  zweite  Band  der  »Studien  und  Skizzen«,  die 
sich  in  ihrer  Mehrzahl  auf  Napoleon  I.  und  dessen  Zeitgenossen  beziehen. 
Besonders  anziehend  ist  der  Aufsatz  der  die  Begegnung  Napoleons  I.  und 
Goethes  in  Erfurt  und  den  Eindruck  schildert,  den  der  Kaiser  auf  den  Dichter- 
fursten  gemacht  hat.  Die  Annexion  Bosniens  und  der  Herzegowina  im  Jahre 

1908  veranlaBte  F.,  den  Gang  der  Verhandlungen,  die  zur  Okkupation  im 
Jahre  1878/79  fuhrten,  im  Zusammenhange  mit  den  groBen  Fragen  der  inter- 
nationalen  Politik  zu  verfolgen  und  die  Resultate  seiner  Forschung,  die  seit- 
dem  allerdings  iiberholt  sind,  in  dem  1909  erschienenen  Bande  »Wie  wir  zu 
Bosnien  kamen«  niederzulegen.  Drei  Jahre  spater —  1912,  erschien  der  dritte 
Band  der  »Studien  und  Skizzen«,  eine  Sammlung  der  zahlreichen  Aufsatze 
politischen  und  kulturgeschichtlichen  Inhalts,  deren  Mehrzahl  F.  in  den  Jahren 
1908 — 19 1 2  verfaBt  und  in  verschiedenen  wissenschaftlichen  und  belle- 
tristischen  Zeitschriften  veroffentlicht  hatte.  Einige  dieser  Studien  beruhren 
Fragen,  die  Europas  Staatsmanner  vor  und  wahrend  des  Wiener  Kongresses 
beschaftigt  haben.  Sie  waren  als  Vorstudien  fur  ein  umfassendes  Werk  liber 
den  Wiener  KongreB  gedacht,  dessen  Geschichte  F.  die  besten  Krafte  seiner 
letzten  Lebensjahre  gewidmet  hat  und  das  eine  klaffende  L,iicke  in  unserer 
historischen  Literatur  ausfiillen  sollte.  Es  war  F.  nicht  vergonnt,  das  von  ihm 
aus  den  Staatsarchiven  Deutschlands,  Osterreichs,  Frankreichs  und  Englands 
sowie  aus  zahlreichen  Privatarchiven  mit  eisernem  FleiBe  zusammengetragene 


532  1920 

iiberreiche  Quellenmaterial  zu  verarbeiten.  Aber  eine  stattliche  Reihe  vor- 
trefflicher  Aufsatze  iiber  Personen  und  Ereignisse  jener  Tage  sowie  die  wert- 
volle  umf assende  Aktenpublikation  » Die  Geheimpolizei  auf  dem  Wiener  Kon- 
greB  i8i5«,  welche  ein  bis  dahin  unbekanntes  Material  der  Benutzungzufuhrte, 
beweisen  den  Eifer,  mit  dem  F.  an  seine  groBe  Aufgabe  herangetreten  ist. 

In  gleicher  Zeit  beschaftigte  ihn  ein  anderer  Plan.  Er  wollte  ein  Lebens- 
bild  von  Friedrich  Gentz  entwerfen,  iiber  dessen  Leben  und  Wirken  er  im  Laufe 
der  Jahrzehnte  mehrere  kleinere  und  groBere  Schriften  veroffentlicht  und 
dessen  Schicksal  er  seit  seiner  Jugend  mit  wachsendem  Interesse  verfolgt  hatte ; 
vielleicht  auch  weil  er  Ziige  seines  eigenen  Wesens  in  Gentz  zu  entdecken 
glaubte.  Auch  dieses  Werk  zu  vollenden,  war  F.  nicht  beschieden.  Doch 
konnte  er  noch  kurz  vor  seinem  Tode  die  letzte  Hand  an  die  Ausgabe  neuer 
Tagebiicher  Gentzens  aus  den  Jahren  1829 — 1831  legen. 

Die  letzte  groBere  darstellende  Arbeit,  die  F.  vollendete,  war  sein  1917 
erschienenes  Buch  »Osterreich-Ungarns  Neubau  unter  Kaiser  Franz  Josef  I.«. 
Es  berichtete  von  den  Umwalzungen  in  der  Donaumonarchie  vom  Regierungs- 
antritt  Franz  Joseph  I.  bis  zum  Abschlusse  des  osterreichisch-ungarischen  Aus- 
gleiches  von  1867  und  legte  ein  neues  Zeugnis  von  der  Gabe  F.s  ab,  einen 
Stoff  zu  beherrschen  und  ihn  kiinstlerisch  zu  gestalten. 

Nicht  minder  erfolgreich  als  die  literarische  Betatigung  F.s  war  die  des 
akademischen  Lehrers.  Sein  Vortrag  war  klar  und  lebendig;  er  verstand  das 
Interesse  seiner  Horer  dauernd  zu  fesseln.  Als  Leiter  des  historischen  Seminars 
hat  er  mehrere  Generationen  von  Studenten  in  die  historische  Forschung 
eingefuhrt  und  ihnen  immer  wieder  ans  Herz  gelegt,  in  ihren  Arbeiten  Wissen- 
schaft  und  Kunst  harmonisch  zusammenwirken  zu  lassen. 

In  der  Wiener  Gesellschaft  hat  sich  F.,  begiinstigt  durch  seine  vornehme 
Erscheinung,  durch  die  Heiterkeit  seines  Wesens,  durch  sein  Interesse  fur 
Literatur  und  Musik,  eine  angesehene  Stellung  errungen.  1913  befiel  ihn  eine 
schwere  Krankheit,  die  er  mit  staunenswerter  Energie  iiberwand.  Seine  Lebens- 
kraft  und  Lebenslust  wurden  erst  durch  die  Ereignisse  der  Kriegs-  und  Nach- 
kriegszeit  gebrochen.  Denn  F.  war  ein  aufrichtiger  Deutschosterreicher,  trotz 
seiner  franzosischen  Abstammung,  trotz  seiner  Schwarmerei  fiir  die  fran- 
zosische  Zivilisation,  als  deren  Zogling  er  sich  fuhlte,  trotz  aller  scharfen  Kritik, 
die  er  an  den  offentlichen  Zustanden  der  Donaumonarchie  iibte. 

Literatur:  Ein  Verzeichnis  der  Schriften  F.s  befindet  sich  im  Anhange  zu  einer  kurzen 
Biographie  F.s  im  Berichte  des  Rechtsrates  der  Wiener  Universitat  fiir  das  Studien- 
jahr  1920/21,  S.  30  ff.f  in  chronologischer  Reihenfolge  mitgeteilt.  Neu  hinzugekornmeii 
sind:  August  F.,  Erinnerungen.  Drei  Masken  Verlag,  Miinchen  1923,  mit  einem  Bild- 
nis  F.s. 

Wien.  Alfred    Francis    Pribram. 

Frey,  Adolf,  Professor  der  deutschen  Sprache  und  Literatur  an  der  Uni- 
versitat Zurich,  *  am  18.  Februar  1855  in  der  »Baumschule«  bei  Aarau,  f  am 
12.  Februar  1920  in  Zurich.  —  Adolf  F.,  der  Sohn  des  schweizerischen  Er- 
zahlers  Jakob  F.,  durchlief  die  Schulen  von  Aarau,  Basel  und  Bern,  bestand 
die  Maturitat  1875  in  Aarau  und  studierte  Germanistik  und  Kunstgeschichte 
in  Bern,  Zurich,  Leipzig  und  Berlin,  war  zugleich  Redakteur  an  Schorers 
Deutschem  Familienblatt  und  wirkte  dann  1882 — 1898  als  Professor  an  der 


Fournier.  Frey  533 

Kantonschule  in  Aarau,  1882 — 1891  zugleich  als  Privatdozent  in  Zurich. 
1898  wurde  er  als  Nachfolger  Jakob  Baechtolds  ordentlicher  Professor  fiir 
deutsche  Sprache  vind  Literatur  an  der  Universitat  Zurich. 

Der  Literarhistoriker  und  Dichter  F.  hat  die  bestimmende  Auffassung 
von  dem  Wesen  der  Dichtung  und  des  kiinstlerischen  Schaffens  einerseits 
durch  sein  Studium  bei  Zarncke  in  Leipzig  und  Scherer  in  Berlin,  anderseits 
durch  sein  nahes  Verhaltnis  zu  Gottfried  Keller  und  Conrad  Ferdinand  Meyer 
erhalten.  Es  ist  die  des  positivistischen  und  psychologischen  Realismus. 
Wie  in  Scherers  methodologischen,  literaturgeschichtlichen  und  kritischen 
Arbeiten,  entsprechend  der  ganzen  geistigen  Richtung  seiner  Zeit,  nirgends 
von  Idee-Erlebnis,  Bildung  der  dichterischen  Weltanschauung  und  ihrer  Aus- 
wirkung  in  der  inneren  und  auBeren  Form  des  Kunstwerks  die  Rede  ist,  so 
ist  auch  fiir  F.  die  Welt  als  sichtbare  Wirklichkeit  wie  als  sittliches  Geschehen 
etwas  Tatsachlich-Gegebenes,  Unproblematisches,  das  der  Kiinstler  nur  ab- 
zubilden  hat.  Um  die  Frage  der  Erkenntnis,  um  die  Bildung  des  religios- 
sittlichen  Urteils  hat  er  sich  nie  ernsthaft  gekummert.  Bestimmend  fiir  diese 
Haltung  war  dann  namentlich  das  groBe  Vorbild  Kellers  und  Meyers.  Da 
man  damals,  als  F.  in  ihrem  Lebenskreis  verkehrte,  von  1877  bis  zu  dem 
Tode  der  beiden  Dichter,  von  ihren  ringenden  Anfangen  und  Lehrjahren 
kaum  etwas  wuBte,  so  hielt  sich  auch  F.  naturgemaB  an  die  vollendeten  Werke 
und  die  Aussagen  der  beiden  fertigen  Meister.  Wie  Keller  als  Schiiler  Feuer- 
bachs  und  Hettners  sich  in  Heidelberg  mit  erkenntnistheoretischen  und 
theologisch-metaphysischen  Fragen  auseinandergesetzt,  ehe  er  den  Weg 
zum  epischen  Prosastil  gefunden,  wie  Meyer  vor  allem  durch  Pascal  die  Er- 
losung  in  der  Nervenkrise  der  fiinfziger  Jahre  und  die  Beruhigung  in  kal- 
vinischem  Bekenntnis  gefunden  —  davon  erfuhr  er  nichts.  Er  sah  die  beiden 
Dichter,  die,  wie  jeder  Kiinstler  im  Vollbesitze  seiner  Kunst,  nicht  mehr  oder 
gar  feindlich  von  theoretischen  Auseinandersetzungen  sprachen,  mit  sicherer 
Hand  in  ihren  Werken  menschliche  Gestalten  zeichnen  und  »psychologische« 
Konflikte  entwickeln.  Er  nahm  also  diese  Art  des  Schaffens,  der  er  von  auBen 
als  Zuschauer  gegeniiberstand,  als  die  eigentlich  kiinstlerische  und  schlecht- 
hin  wert voile. 

Die  Probleme,  die  sich  dem  Literarhistoriker  und  Kunstkritiker  aus  dieser 
allgemeinen  Stellung  ergeben,  sind  wesentlich  folgende:  1.  Erforschung  und 
Darstellung  der  Personlichkeit  des  Kiinstlers  nach  ihrer  physiologisch-psy- 
chologischen  Veranlagung  mit  starker  Betonung  der  »Originalitat«,  sowie 
Beschreibung  der  Umwelt  (des  Milieus),  in  der  er  sich  entwickelte  und  lebte. 
2.  Beleuchtung  des  Wesens  des  von  dem  Kiinstler  gefundenen  »Stoffes«, 
vor  allem  nach  der  in  ihm  liegenden  »Fruchtbarkeit«.  3.  Untersuchung  der 
Technik  (»Mache«)  eines  Kiinstlers. 

Nach  diesen  Gesichtspunkten  hat  F.  seine  Dichterbiographien,  die  von 
Joh.  G.  v.  Salis-Seewis  (1889),  die  seines  Vaters  Jakob  Frey  (1897),  die  Er- 
innerungen  an  Gottfried  Keller  (1892),  sein  Lebensbild  Conrad  Ferdinand 
Meyers  (1899)  und  seine  Monographiensammlung  Schweizer  Dichter  (19 14) 
aufgebaut,  wie  er  nach  ihnen  auch  seine  Schilderungen  von  Malern  wie  Bock- 
lin  (1903),  Koller  (1906),  Welti  (1919)  und  Hodler  (1922)  entworfen  hat.  Es 
zeigt  sich  in  ihnen  alien  eine  unermiidliche,  auch  auBerliche  Belanglosigkeiten 
nicht   verschmahende   Aufmerksamkeit   fiir   das   geschichtliche   Tatsachen- 


534  ^2° 

material  der  Biographie,  das  F.  mit  groBer  Findigkeit  zusammenzubringen 
weiB,  dazu  ein  eindringliches  Urteil  in  der  Erforschung  und  Analyse  seelischer 
Zustande.  Bei  der  Darstellung  des  Schaffens  wird  auf  den  Nachweis  der  Stoff- 
quellen  und  —  dies  tritt  hauptsachlich  in  den  Monographien  der  Maler  her- 
vor  —  anf  die  Beleuchtung  der  Technik  besonderes  Gewicht  gelegt.  Aus  dem 
starken  Interesse  fur  die  auBere  Form  erklart  sich  auch  die  Problemstellung 
in  dem  Buchlein  iiber  die  Kunstform  des  Lessingschen  Laokoon  (1905).  Nach 
diesen  Seiten  hin  betrachtet,  gehoren  F.s  wissenschaftliche  Biicher  zu  den 
hervorragendsten  Leistungen  seiner  Zeit;  eine  ausgepragte  Personlichkeit 
von  kiinstlerisch  feingebildetem  Urteil  und  einer  auBergewohnlichen  Plastik 
der  Sprache  gibt  sich  in  ihnen  kund.  Dagegen  versagt  seine  Kraft,  wenn  es 
sich  um  die  Erkenntnis  weltanschaulicher  Erlebnisse  in  ihrer  geistigen  und 
formschaffenden  Bedeutung  handelt:  in  seiner  Meyer-Biographie  z.  B.  liest 
man  nichts  von  Meyers  religiosen  Kampfen  und  philosophischen  Studien, 
und  der  eigentliche  Kern  von  Meyers  Wesen  und  Kunst  bleibt  verhullt.  Wo 
es  sich  um  die  Darstellung  groBerer  Zusammenhange,  um  eigentliche  Ge- 
schichte  handelt,  zerfallt  ihm  das  literarische  Leben  in  einzelne  Personlich- 
keiten,  die  nicht  durch  die  Stetigkeit  einer  geistigen  Bewegung  der  Zeiten 
innerlich  miteinander  verbunden  sind:  statt  Werdendes  zu  entwickeln, 
begniigt  er  sich  mit  der  Beschreibung  des  Tatsachlich-Wahrgenommenen. 
Damit  hangt  es  zusammen,  daB  er  die  von  ihm  lange  geplante  Literatur- 
geschichte  der  deutschen  Schweiz  nicht  zu  schreiben  vermochte :  es  ist  daraus 
die  kleine  Portratgalerie  der  Schweizer  Dichter  (19 14)  geworden. 

Aus  dem  positivistischem  Interesse  fur  das  menschliche  und  kunstlerische 
Dokument  sind  F.s  Ausgaben  von  Dichter-  und  Kiinstlerbriefen  sowie  von 
dichterischen  Bruchstiicken  und  ersten  Fassungen  literarischer  Werke  ent- 
standen:  so  hat  er  Briefe  Scheffels  an  Schweizer  Freunde  (1898),  eine  Faksi- 
mileausgabe  von  friihen  Gedichten  Kellers  (G.  Kellers  Friihlyrik,  1909), 
Briefe  und  Aufsatze  Meyers  (1916)  und  seine  unvollendeten  Prosadichtungen 
(1916),  endlich  Briefe  Albert  Weltis  (1916,  1920)  herausgegeben. 

In  seinem  dichterischen  Schaffen  suchte  sich  F.  zwischen  dem  naturbe- 
jahenden  Realismus  Kellers  und  der  calvinistischen  Stilkunst  Meyers  seinen 
eigenen  Weg,  der  ebenfalls  durch  die  Abwesenheit  alles  urspriingHchen  Idee- 
erlebens  und  jeder  gedanklichen  Problematik  bezeichnet  ist.  Seine  welt- 
anschauhche  Stellung  ist  die  durch  die  ublichen  Sittenbegriffe  des  freisinnigen 
Biirgertums  seiner  Zeit  gegebene.  Es  werden  weder  im  geistigen  Leben  neue 
Fragen  aufgeworfen  noch  im  seelischen  VorstoBe  in  unbekannte  Gebiete 
unternommen,  noch  neue  Stoffe  erobert.  Breiten  Raum  nimmt,  nach  alter  ein- 
heimischer  Uberlieferung,  die  Verherrlichung  schweizerischen  Heldentums 
ein:  in  dem  Trauerspiel  Erni  Winkelried  (1893),  den  Festspielen  zur  Bundes- 
feier  (1891),  den  Ziiricher  Festspielen  (1900)  und  in  balladenartigen  Gedichten, 
wie  iiberhaupt  F.  die  vaterlandische  Note  viel  starker  als  Meyer  und  kraftiger 
sogar  als  Keller  betont,  bei  dem  das  Volksgefiihl  mehr  als  etwas  Innerlich-Sitt- 
liches  wirkt,  weniger  als  etwas  AuBerlich-Stoffliches  beschrieben  wird.  Auch 
die  Stoffe  seiner  beiden  Romane  entstammen  der  schweizerischen  Geschichte : 
Die  JungfervonWattenwil  (1912)  stellt  die  Schicksale  einer  Berner  Patrizierin 
des  17.  Jahrhunderts  dar,  Bernhard  Hirzel  (19 18)  versucht  die  Gestalt  eines 
theologischen  Wirrkopfes  des  19.  Jahrhunderts  zu  beleuchten.  In  diesen  groBe- 


Frey.  Priedjung  535 

ren  Werken,  wo  es  sich  um  die  Aufrollung  der  Schicksalsfrage  im  Gewebe 

des  irdischen  Geschehens  und  um  die  Deutung  der  Geheimnisse  des  mensch- 

lichen  Herzens  handelte,  zeigt  sich  die  Schwache  von  F.s  Dichtung  am  deut- 

lichsten:  die  Personen  werden  auch  durch  die  reichste  kulturgeschichtliche 

Einzelmalerei  und   die  virtuoseste  Sprachkunst  in  der  Charakteristik  der 

aufleren  Welt  innerlich  nicht  lebendig.  Am  echtesten  erweist  sich  sein  Konnen 

in  dem  kleinen  lyrischen  Lied,  insbesondere  den  mundartlichen  Gedichten 

in  »DuB  und  underm  Rafe«  (1891):  hier  ist  ihm,  namentlich  in  der  schlichten 

Sprache  seiner  friiheren  Zeit,  manch  stimmungsvolles  Stuck  gelungen. 

Iviteratur:  F.  Enderlin,  A.  Frey  1913.  Adolf  Frey-Buch.  Herausgegeben  von  C.  F. 
Wiegand  1920.  —  L.  Frey,  A.  Frey.  Sein  I^eben  und  Schaffen.  2  Bde.,  1923/25  (mit  aus- 
fiihrlicher  Bibliographic  2.  Bd.,  S.  363  ff.).  —  Der  Nachlafi  ist  im  Besitze  von  Frau 
Professor  A.  Frey,  Zurich. 

Zurich.  Emil   Ermatinger. 

Friedjung,  Heinrich,  Historiker  und  Publizist,  *  am  18.  Januar  1851  zu 
Rostschin  in  Mahren,  f  am  14.  Juli  1920  in  Wien.  —  In  Heinrich  F.s  Leben 
waren  Geschichtswissenschaft  und  Politik  unlosbar  verbunden.  Die  Lebens- 
probleme  der  Gegenwart  des  deutschen  Volkes  und  seiner  osterreichischen 
Heimat  gaben  seinem  historiographischen  Werke  starke  Impulse  und  lieBen 
ihn  in  der  Geschichte  der  Franzisko-Josephinischen  Periode  Osterreichs  sein 
Lebenswerk  finden,  seine  wissenschaftliche  Forschung  hinwieder  wirkte  mit- 
bestimmend  auf  die  Richtlinien  seiner  praktisch-politischen  Betatigung.  Aus 
diesem  Nebeneinander  beider  Grundtendenzen  erwuchs  starker  Gewinn  fiir 
sein  Schaffen,  Lebensatem  durchweht  seine  Werke;  es  entstanden  aber  auch 
Spannungen,  die  sich  in  einem  mehrfachen  Wechsel  seines  bevorzugten  Ar- 
beitsfeldes,  in  manchen  tragischen  Erscheinungen  der  auBeren  Gestaltung 
seines  Schicksals  und  in  dem  Entwicklungsgang  seines  historisch-politi- 
schen  Denkens  widerspiegeln.  Zugleich  ist  dieser  Entwicklungsgang  und 
das  ihm  entsprechende  literarische  Schaffen  die  individuelle  Auspragung 
einer  bestimmten  politischen  Stromung  innerhalb  des  Staates,  dem  F. 
sein  L,eben  gewidmet  hat  und  der  sein  Gemiit  und  seinen  Geist  gefangen- 
nahm  bis  zum  Ende,  befruchtend  und  hemmend:  des  staatsbejahenden, 
von  starkstem  DeutschbewuBtsein  erfiillten,  zentralistischen  Liber alismus  in 
Osterreich.  In  alien  Phasen  des  F.schen  Lebens,  von  dem  liberalen  Deutsch- 
nationalismus  des  jungen  radikalen  Stunners  bis  zum  GroBosterreichertum 
und  bis  zu  dem  Tage,  da  er  dem  erschlagenen  Osterreich  die  erschiitternde 
Totenklage  schrieb,  ist  diese  Linie  einheitlich  geblieben.  Er  war  und  blieb 
der  Politiker  und  der  Historiker  eines  Osterreich,  das  er  deutsch-bestimmt, 
militarisch  kraftvoll  und  liberal-zentralistisch  regiert  wissen  wollte;  eines 
Osterreich,  das  kiinftig  in  eigener  Staatlichkeit  neben  Ungarn  in  der  Mon- 
archic stehen  und  mit  dem  Deutschen  Reiche  innig  verbunden  sein  sollte.  Er 
wuchs  trotz  der  gegenteiligen  Entwicklungsziige  seines  Staates  immer  enger 
an  diesen  heran,  bis  Osterreich  zerbrach,  bis  der  Tod  dieses  Staates  sein 
eigenes  Leben  knickte  und  bis  neue,  seiner  Welt-  und  Staatsanschauung 
wesensfremde  Krafte  die  Herrschaft  iiber  den  Tag  gewannen. 

F.s  Mutter  scheint  der  geistig  reichere  Teil  der  Eltern  gewesen  zu  sein. 
Historisches   Interesse   erwuchs   schwerlich   aus   der   kaufmannischen   Um- 


536  1920 

gebung,  in  der  er  als  Knabe  in  dem  mahrischen  Kleinstadtchen  und  seit  dem 
sechsten  Lebensjahre  in  Wien  heranwuchs;  eher  diirfte  in  seinen  Abstain  - 
mungs-  und  Milieuverhaltnissen  die  liberale  Uberzeugung  seines  spateren 
Lebens  wurzeln.  Als  Schuler  des  akademischen  Gymnasiums  in  Wien  trat  er 
unter  die  Einwirkung  des  Historikers  Heinrich  Ficker,  der  die  Liebe  und  den 
Entschlufi  zum  Studium  der  Geschichte  in  ihn  weckte;  am  Schottengymna- 
sitim  f  and  er  in  geistig  regsamen  Jtinglingen  wie  den  spateren  Nationalokonomen 
Friedrich  v.  Wieser  und  Eugen  v.  Bohm-Bawerk  und  den  spateren  bedeuten- 
den  Medizinern  Friedrich  Schauta  und  Ernst  Fuchs  gleichgestimmte  Kame- 
raden.  Zwei  Semester  des  Universitatsstudiums  in  Prag  fuhrten  ihn  in  die 
Vorlesungen  Konstantin  v.  Hoflers  und  Anton  Gindelys,  und  voll  Eifer  ver- 
tiefte  er  sich  in  Spinoza,  Kant  und  Fichte.  Hier  ist  der  Gedanke,  Karl  IV. 
als  geistige  Individuality  in  seine  Zeit  zu  stellen,  in  F.  erwacht,  hier  hat 
ihn  aber  auch  die  Politik,  die  zweite  Begleiterin  seines  Daseins,  zum  ersten- 
mal  ergriffen  und  mit  brennendem  Interesse  an  der  Geschichte  und  den 
Gegenwartskampfen  des  deutschen  Volksstammes  in  Bohmen  erfiillt.  Den 
exakten  kritischen  Sinn  belebten  dann  Theodor  v.  Sickels  Vorlesungen  iiber 
Palaographie  und  Chronologie  am  Institut  fur  osterreichische  Geschichts- 
forschung  in  Wien,  die  philosophische  Bildung  forderten  Theodor  Gomperz 
und  Robert  Zimmermann,  deutsche  Altertumskunde  horte  F.  bei  Wilhelm 
Scherer,  und  Ottokar  Lorenz  mag  im  personlichen  Verkehr,  mehr  als  durch 
seine  Vorlesungen,  auf  den  jungen  Historiker  gewirkt  haben.  In  Berlin  war 
es  ihm  hierauf  vergonnt,  bei  Leopold  v.  Ranke,  Theodor  Mommsen  und  Karl 
Mullenhoff ,  sowie  in  Karl  Wilhelm  Nitzsch'  Seminar  zu  horen  und  zu  arbeiten. 
Wix  wissen  nicht,  wie  weit  von  einem  EinfluB  Rankes  die  Rede  sein  kann. 
Fuhlte  sich  F.  von  der  Leidenschaftslosigkeit  des  greisen  Meisters  wenig  an- 
gezogen?  Er  schlug  die  Moglichkeit,  in  Hilfsdienste  bei  ihm  zu  treten,  aus 
und  wandte  sich  nach  dem  Erwerb  des  Doktorgrades  und  der  Ablegung  der 
Lehrbefahigungsprufung  dem  Mittelschullehramte  fur  Geschichte  und  deutsche 
Sprache  in  Wien  zu.  Von  1873  bis  1879  hot  mm  diese  Tatigkeit  an  der  Han- 
delsakademie  den  Lebensunterhalt. 

In  diesen  Tagen  tritt  die  Doppelgeleisigkeit  seines  Lebens  bereits  ganz 
scharf  in  Erscheinung.  1876  iibergab  F.  sein  Werk  » Kaiser  Karl  IV.  und  sein 
Anteil  am  geistigen  Leben  seiner  Zeit«  der  Offentlichkeit.  Es  war  der  erste 
groBe  Versuch,  die  Personlichkeit  des  Luxemburgers  in  die  geistigen  Stro- 
mungen  mitten  hineinzustellen,  seine  eigene  schriftstellerische  Tatigkeit,  seine 
Stellung  zum  kirchlichen  Leben,  zur  Mystik,  zur  Kunst,  zum  italienischen 
Humanismus  und  sein  Schaffen  als  Gesetzgeber  geistesgeschichtlich  zu  er- 
schliefien  und  seine  Regierung  als  »einen  letzten  Hohepunkt  der  versinkenden 
alten  Zeit«  zu  erweisen,  zugleich  aber  auch  zu  zeigen,  dafi  »der  immer  reg- 
same  Herrscher  nicht  unempfanglich  war  fiir  das  Herannahen  einer  neuen 
Epoche«.  Das  halbe  Jahrhundert,  das  seitdem  verflossen  ist,  hat  F.s  »  Karl  IV. « 
noch  keineswegs  entbehrlich  gemacht,  sein  Hauptproblem,  die  Zugehorigkeit 
des  Kaisers  zum  scholastischen  Gelehrtentum  mittelalterlicher  Art  oder  seine 
Spitzenstellung  im  neuen  Humanismus,  ist  in  j lingerer  Zeit  durch  Konrad 
Burdach  recht  lebendig  geworden  und  ist  doch  wohl,  abgesehen  vom  formalen 
EinfluB  des  Petrarca  und  Cola  di  Rienzo,  in  F.s  Sinne  zu  beantworten;  ein 
Beweis  fiir  den  Reichtum  dieses  formschonen  und  kritischen  Jugendwerks. 


Friedjung  537 

Ungeachtet  dieser  wissenschaftlichen  Leistung  erfuhr  das  Leben  des  Histo- 
rikers  eine  jane  Wendung,  deren  Ursache  in  jenem  starken  zeitpolitischen 
Trieb  des  Autors  lag.  Fur  Deutschtum  und  Freiheit  begeistert,  angewidert 
von  der  Mattheit,  dem  Doktrinarismus  und  den  materiellen  Interessen  in  der 
liberalen  Verfassungspartei  fand  sich  F.s  radikaler  Jugenddrang  auf  einer 
Ebene  mit  Georg  v.  Schonerer,  der  damals  den  Antisemitismus  noch  nicht 
als  ein  Hauptprinzip  vertrat  und  1879  nur  die  Beseitigung  der  »bisherigen 
semitischen  Herrschaft  des  Geldes  und  der  Phrase «  forderte.  Hiermit  konnte 
sich  auch  F.  einverstanden  erklaren,  der  auch  spater  noch  aus  tiefster  Uber- 
zeugung  fur  »die  Verschmelzung  des  jiidischen  Bevolkerungsbruchteiles  mit 
der  ihn  gastlich  beherbergenden  Nation «  eintrat,  sich  als  Deutscher  fiihlte 
und  stets  ein  bitterer  Feind  jeglicher  Korruption  und  Verfechter  der  streng- 
sten  Reinlichkeit  und  Auf  richtigkeit  war.  Als  Kampfer  gegen  den  Altliberalis- 
mus  hatte  er  1877  in  einer  Schrift  »Der  Ausgleich  mit  Ungarn«  seinen  An- 
schauungen  scharfen  Ausdruck  verliehen,  am  Dualismus  von  1867  barte  Kritik 
getibt  und  die  Ausgestaltung  der  staatsrechtlichen  Selbstandigkeit  der  im 
Reichsrate  vertretenen  Konigreiche  und  Lander,  ihre  Angleichung  und  poli- 
tische  wie  wirtschaftliche  Verbindung  mit  Deutschland  verlangt.  Die  Denun- 
ziation  eines  Amtskollegen  kam  hinzu,  —  der  Unterrichtsminister  Stremayr 
erzwang  seine  Entlassung  von  der  Handelsakademie  durch  die  Drohung,  der 
Schule  andernfalls  das  Offentlichkeitsrecht  zu  entziehen.  F.  wurde  ein  Opfer 
der  Ara  Taaffe,  die  im  inneren  Widerspruch  mit  dem  gleichzeitig  geschaffenen 
deutsch-osterreichischen  Biindnis  stand;  ein  Opfer  des  Ministeriums,  das  ein 
»echt  osterreichisches «  sein  und  »in  keiner  Weise  einen  nationalen  Stempel 
tragen«  wollte  und  das  »an  den  gesetzlich  gegebenen  Grundlagen  (Verfassung 
und  Dualismus)  festhalten«  wollte,  bald  aber  aus  einem  »Ministerium  xiber 
den  Parteien«  zu  einem  Rechtsministerium  wurde  und  zur  Zersetzung  Oster- 
reichs  UnermeBliches  beitrug.  Und  der  Minister,  der  den  deutschnationalen 
Liberalen  des  Amtes  beraubte,  gehorte  der  alten  deutschliberalen  Richtung 
an  und  dachte  kaum  noch  an  die  eigene  Sturm-  und  Drangzeit  der  Frankfurter 
Paulskirche  zuriick. 

Jahre  journalistischer  und  publizistisch-politischer  Tatigkeit  folgten,  wah- 
rend  deren  F.  der  wissenschaftlichen  Arbeit  nur  zu  sehr  entzogen  war.  Sie 
sind  gleichwohl  fiir  das  kiinftige  Schaffen  des  Historikers  von  Bedeutung  ge- 
wesen.  Im  Jahre  1880  entwarf  er  mit  anderen  ein  Programm  zur  Griindung 
einer  deutschen  Volkspartei.  Leitender  Gesichtspunkt  der  Partei  sollte  die 
Wahrung  der  nationalen  Interessen  der  Deutschosterreicher  sein.  Die  Haupt- 
forderungen  im  einzelnen  sind  auf  Schaffung  der  deutschen  Staatssprache, 
auf  Einheit  der  im  Reichsrat  vertretenen  Konigreiche  und  Lander  (Osterreichs), 
Sonderstellung  Galiziens,  selbstandige  staatsrechtliche  Stellung  Osterreichs 
innerhalb  der  Gesamtmonarchie  und  Abschaffung  der  Delegationen,  auf  Er- 
weiterung  des  Wahlrechts  und  voile  Durchfiihrung  der  Staatsgrundgesetze, 
besonders  ihrer  freiheitlichen  Bestimmungen,  gerichtet.  Mit  Berufung  auf  das 
Jahrtausend  politischer  Gemeinschaft,  die  erst  1866  abgeschnitten  worden, 
wird  die  Erhaltung  und  Befestigung  des  Biindnisses  mit  dem  Deutschen  Reich 
postuliert,  zugleich  aber  die  untrennbare  Verbundenheit  der  Deutschen  Oster- 
reichs mit  ihrer  Schopfung,  der  Osterreichisch-ungarischen  Monarchic,  betont. 
Durch  Grundgesetze  beider  Reiche  soil  die  Allianz  unlosbar  gekniipft  werden, 


538  1920 

»die  Kaiserreiche  deutscher  Nation  sollen  zum  festen  Bollwerk  des  europaischen 
Friedens  vereint  werden*,  ein  einheitlicher  Zollbund  beider,  gleiche  Grund- 
satze  der  Wanning  und  Miinze,  der  Monopole  und  indirekten  Steuern  sollen 
erzielt,  der  Anschlufl  der  Balkanstaaten  an  die  grofle  mitteleuropaische  Allianz 
soil  nach  Moglichkeit  befordert  werden.  In  idealer  Einheit  treten  in  diesem 
Programm  die  Hauptlinien  des  politischen  und  geschichtlichen  Denkens  F.s 
ans  Licht:  Deutschtum,  Freiheit,  die  Erkenntnis  historischer  Schicksals- 
verbundenheit  Osterreichs  mit  dem  gesamtdeutschen  Volk  und  der  unlos- 
baren  Gemeinschaft  der  Deutschosterreicher  und  ihres  Staates,  an  den  sie 
ein  natiirliches  und  geschichtliches  Anrecht  haben  und  der  ohne  sie  nicht 
leben  kann ;  die  mitteleuropaische  Idee  und  die  starke  Erinnerung  an  die  Zeit, 
da  es  zwei  »deutsche  GroBmachte«  im  Deutschen  Bunde  gab,  die  beide  zu- 
gleich  europaische  Machte  waren  und  da  die  Mitte  des  Kontinents  noch  eine 
politische  Einheit  war.  Von  dieser  gedanklichen  Basis  aus  ist  der  wesentliche 
Anteil  zu  verstehen,  den  F.  neben  Schonerer,  Viktor  Adler  und  Engelbert 
Pernerstorfer  an  der  Schopfung  des  »Linzer  Programms«  (1882)  nahm,  das 
die  Sonderstellung  Galiziens  und  Dalmatiens  und  den  engsten  Anschlufl  Oster- 
reichs an  Deutschland  herbeifuhren  wollte.  In  dieser  Denkrichtung  wurde  F. 
auch  einer  der  Griinder  des  deutschnationalen  Vereins. 

F.  trat  in  die  Redaktion  der  » Deutschen  Zeitung«  ein,  er  gab  1883  bis  1886 
die  »  Deutsche  Wochenschrift*  heraus  und  fuhrte  neun  Monate  lang,  1886  bis 
1887,  die  Chefredaktion  der  »Deutschen  Zeitung«,  als  dieses  Blatt  Eigentum 
und  Organ  der  Deutschnationalen  Partei  wurde.  Auch  in  dieser  Phase  ist  seine 
Einstellung  zu  den  Tagesfragen  als  deutschnationaler  Liberalismus  mit  star- 
kem  osterreichischem  Staatsgefuhl  zu  bezeichnen,  und  Opposition  gegen  den 
Altliberalismus  und  gegen  das  System  Taaffe  und  Abkehr  von  Schonerers 
wachsendem  Antisemitismus  und  seiner  wachsenden  Verleugnung  Osterreichs 
bestimmen  seine  publizistische  Haltung.  Er  sah  das  Tagesschriftstellertum 
stets  als  ein  Amt  am  Volke  und  Staate  an  und  diente  ihm  mit  unbestechlicher 
Reinheit  und  Festigkeit  und  erstaunlicher  Anspannung  aller  Krafte.  Er  lebte 
in  dem  Glauben,  dafl  »der  praktische  Politiker  es  in  erster  Linie  nicht  mit 
Lehrmeinungen,  nicht  mit  Gefuhlen  und  sozialen  Uberlieferungen  zu  tun  hat«, 
dafl  ihm  »vielmehr  das  Schaffen  und  Wirken  Hauptsache  ist«.  In  diesem 
Glauben  meinte  er,  die  deutschnationale  Sache  mit  seiner  jiidischen  Abstam- 
mung  in  vollen  Einklang  bringen  zu  konnen.  Die  bitterste  Ehttauschung 
wurde  sein  Los.  Nur  ein  Bruchteil  der  Partei  hielt  zu  dem  Chefredakteur,  der 
ihr  seine  grofle  Kraft  widmete,  ein  anderer  Teil  des  » Deutschen  Klubs*  be- 
kampfte  von  Anbeginn  die  Bestellung  eines  Juden  zum  Leiter  des  Partei- 
blattes,  eine  dritte  Richtung —  F.  nennt  sie  die  des  »geleugneten  Antisemitis- 
mus* —  stritt  verdeckter  gegen  seine  Person;  immer  tiefer  gingen  die  Risse 
im  » Deutschen  Klub«,  nach  »qual vollen  drei  Vierteln  des  Jahres,  in  welchem 
keine  Woche,  kaum  ein  Tag  verging,  an  welchem  nicht  irgendeine  unerwartete 
Schwierigkeit,  ein  Hemmnis  aus  der  Mitte  der  Partei  bereitet  wurde «,  legte 
F.  sein  Amt  nieder.  Er  hat  von  diesen  Vorgangen  in  der  Broschiire  »Ein  Stiick 
Zeitungsgeschichte«  (Wien  1887)  Rechenschaft  gegeben.  Seitdem  ist  er  nur 
als  Mitarbeiter  und  Korrespondent  reichsdeutscher  und  osterreichischer  Blatter 
tatig  gewesen.  Zum  zweiten  Male  war  sein  Leben  aus  der  Bahn  gedrangt:  wie 
einst  der  aus  Deutschland  hinausgewiesene  Staat  den  deutschnationalen  An- 


Fried  jung  53  g 

wait  Mitteleuropas  um  sein  Brot  gebracht  hatte,  so  hatte  nun  die  schroffe 
Abkehr  des  osterreichischen  Deutschnationalismus  vom  Liberalismus  den 
Liberalen  F.  von  sich  gestoBen.  Den  Gewinn  trug  die  Wissenschaft  da  von, 
der  Schiffbruch  des  Parteipublizisten  ist  der  Historie  zugute  gekommen,  und 
der  Erfolg,  der  dem  Politiker  versagt  war,  ist  in  reichstem  MaBe  dem  Ge- 
schichtschreiber  zuteil  geworden. 

Die  Gabe  zum  aktiv  wirkenden  Politiker  hatte  F.  wohl  iiberhaupt  nicht 
in  groBem  MaBe.  Er  war  zu  sehr  von  dem  Verlangen,  den  Werdegang  der 
Gegenwart  zu  erkennen,  beseelt,  als  daB  er  den  entschiedenen  Tatwillen  fiir 
politische  Ziele  hatte  aufbringen  konnen.  Wohl  lieB  ihn  die  Politik  nicht 
leicht  aus  ihren  Banden:  von  1891  bis  1895  war  er  Mitglied  des  Wiener  Ge- 
meinderats  und  trat  als  wirkungsvoller  Redner  auf.  EinfluB  auf  die  Masse 
konnte  der  innerlich  den  Massentrieben  stets  f remde,  kulturerfullte  Mann  nicht 
gewinnen,  dessen  geistigem  Wesen  nur  ein  kleinerer  bildungsgesattigter  Kreis 
homogen  war.  Die  zunehmende  Demokratisierung  der  deutschnationalen  Be- 
wegung,  die  sich  eines  Teils  der  Volksinstinkte  bemachtigte,  war  ihm  nicht 
nur  als  Juden  innerlich  fremd  geblieben.  Wir  begreifen  es,  daB  er  sich  dem  Alt- 
liberalismus,  gegen  den  er  durch  Jahre  gestritten  hatte,  naherte:  dieser 
Liberalismus  mit  seiner  Einschrankung  des  politischen  Rechtes  auf  die  Ge- 
bildeten  und  Besitzenden  entsprach  schlieBlich  F.s  innerer  Ablehnung  aller 
Nivellierung,  und  politische  Personlichkeiten  wie  Ernst  v.  Plener  und  der 
Burgermeister  Prix  standen  nun  der  Linie  des  vollgereif  ten  Mannes  nahe,  so  sehr 
er  seiner  stolzen  deutschen  Uberzeugung  treu  blieb  und  so  sehr  die  friihzeitig 
in  ihm  erwachte  Erkenntnis  der  Notwendigkeit  sozialpolitischer  Refonnen 
sein  festes  Bekenntnis  blieb.  Er  hat  sich  einer  politischen  Richtung,  der  kein 
Sieg  mehr  winken  konnte,  angeschlossen. 

Die  Entwicklung  seiner  geistigen  Personlichkeit  war  vollendet,  der  Histo- 
riker  der  Ara  Franz  Josephs  war  gereift.  Er  hatte  eine  Geschichte  des  Donau- 
handels  begonnen  und  nahm  diese  Arbeit  nicht  wieder  auf.  Den  fiinfzehn- 
jahrigen  Knaben  hatte  einst  die  Katastrophe  von  Koniggratz  erschiitternd 
ergriffen,  das  ganze  Leben  des  politisch  ringenden  Mannes  hatte  dann  die 
Geschicke  des  habsburgischen  Volkerstaates  unter  dem  Zeichen  des  Dualis- 
mus  von  1867  bis  in  die  Problematik  des  osterreichischen  Parlamentarismus 
und  der  Nationalitatenkampfe  der  neunziger  Jahre  beobachtend,  kritisierend 
und  mit  publizistischem  Schaffen  begleitet,  und  immer  waren  in  ihm  die 
Traditionen  des  endenden  Deutschen  Bundes,  seiner  Werte  und  seiner  Un- 
werte,  lebendig  geblieben.  Das  deutsche  Entscheidungsjahr  1866  stand  im 
Zentrum  seines  historisch-politischen  Denkens.  Sein  Plan  war  zunachst,  die 
Geschichte  Osterreichs  nach  1866  mit  all  seiner  groBen  Erfahrung,  seinem 
deutsch  und  osterreichisch  bestimmten  Urteil  zu  erforschen  und  zu  vergegen- 
wartigen,  im  besonderen  den  osterreichischen  Parlamentarismus  zu  seinem 
Objekt  zu  machen.  Dann  fesselte  ihn,  der  im  tiefsten  stets  Individualist  war, 
Benedeks  tragische  Gestalt  und  wies  ihn  noch  mehr  auf  das  Jahr  des  Deut- 
schen Krieges  hin.  Das  Kriegsarchiv  in  Wien  wurde  ihm  geoffnet,  er  konnte 
dem  Kriegsablauf  selbst  an  den  Quellen  nachgehen,  viele  Mitkampfer  und 
Staatsmanner  gaben  ihm  Aufschlusse,  die  ihm  iiber  ihre  Erlebnisse,  iiber  die 
» Motive  des  Handelns,  das  Werden  der  Entschlusse,  die  Charaktere  der  han- 
delnden  Personen«  neues  Licht  breiteten,  die  Briefe  des  unglucklichen  Feld- 


540  1920 

herrn  selbst  an  seine  Gattin  wurden  ihm  zuganglich.  Aus  dem  Plan  der  Nach- 
kriegsgeschichte  erwuchs  der  Gedanke,  die  deutsche  Frage  von  1859  bis  *866 
zu  durchforschen  und  ihre  Darstellung  mit  der  des  Krieges  zu  vereinen. 

F.s  »Kampf  urn  die  Vorherrschaft  in  Deutschland  «  hat  seit  dem  ersten 
Erseheinen  im  Jahre  1897  zehn  Auflagen  erlebt.  Noch  nie  hatte  das  Werk 
eines  Osterreichers  einen  so  riesenhaften  Erfolg  geerntet.  Liegt  die  Ursache 
in  der  oft  hinreiBenden,  Geist  und  Herz  ganz  gefangennehmenden,  glanzvollen 
Diktion,  in  der  Kraft  des  ungeheuren  Gemaldes  voll  Farbenpracht,  in  der 
Feinheit  der  Portrats,  der  Plastik  der  Schlachtenschilderungen,  dem  anschau- 
lichen  und  klaren  Auflosen  der  diplomatisch-politischen  Gewebe?  Liegt  sie 
in  dem  der  Gegenwart  so  lebensnahen,  an  das  Dasein  der  Leser  selbst  ruh- 
renden  Stoffe,  in  der  groBen  Sachkunde,  die  der  Verfasser  gegeniiber  den 
politischen  und  militarischen  Vorgangen  erweist,  und  an  der  Fiille  des  Neuen, 
das  zum  erstenmal  aus  den  Erinnerungen  eines  Moltke,  Blumenthal  und  spater 
Bismarcks  selbst,  um  nur  einige  zu  nennen,  vor  unser  Auge  trat  und  das  ein 
ganz  anderes  Leben  erstehen  lieB  als  Sybels  nuchterne  Aktenverarbeitung 
oder  die  Generalstabsdarstellungen  des  Deutschen  Krieges?  All  dies  wirkte 
zusammen;  nicht  minder  eindrucksvoll  aber  war  die  Erkenntnis,  daB  hier 
nicht  nur  ein  Kiinstler  und  Forscher  von  Rang,  sondern  auch  eine  menschlich 
offenbar  hochstehende  Personlichkeit  und  ein  Mann  von  heiBem  gesamtdeut- 
schem  Gefuhl,  ein  treuer  Sohn  des  besiegten  Staates  und  ein  Bewunderer  des 
Genius  der  siegreichen  Partei,  Bismarcks,  zum  ganzen  deutschen  Volke  sprach ; 
daB  dieses  Werk  nicht  alte  Wunden  aufreiBen,  nicht  trennen,  sondern  ver- 
sohnen  und  vereinen  wollte  im  Geiste  alter  Schicksalsgemeinschaft  und  im 
Geist  des  Biindnisses  der  einstmaligen  Feinde,  voll  Gerechtigkeitsstreben  gegen- 
iiber der  Heimat  und  ihrem  tapferen  Heere  und  voll  freier  Wiirdigung  des 
GroBen  im  Werden  eines  deutschen  Reiches.  F.s  Werk  ist  nicht  nur  ein  Gegen- 
stiick  zu  Sybels  Begriindung  des  deutschen  Reiches,  es  ist  ihm  iiberlegen. 
Mit  einem  Male  war  der  Ruhm  des  Verfassers  begriindet,  den  Besten  seines 
Faches  wurde  er  zugezahlt,  und  sein  Name  gewann  dariiber  hinaus  in  den 
weitesten  Kreisen  den  hellsten  Klang.  Allenthalben  erregte  es  Bewundening, 
welche  kriegsgeschichtliche  Fahigkeit  ein  Mann,  der  niemals  die  Uniform  ge- 
tragen  hatte,  entfaltete,  und  immer  wieder  wurde  anerkannt,  welche  Meister- 
schaft  gerade  dazu  gehorte,  den  Abstieg  und  das  Ende  einer  uralten  deutschen 
Machtstellung,  nicht  den  Aufstieg  zu  jungem,  hellem  Glanze  den  Herzen  der 
Leser  nahezubringen.  In  der  Tat:  wenn  Treitschke  der  Prophet  und  Weg- 
bereiter  des  neuen  Deutschland  genannt  wurde,  so  darf  man  sagen,  in  F. 
sei  dem  unterlegenen  Osterreich  der  groBe  Geschichtschreiber  erstanden. 

Sein  Werk  gehort  zu  den  bleibenden  Schopfungen  der  Historiographie.  Es 
wird  seinen  Platz  behaupten,  auch  wenn  einmal  die  Vorgeschichte  von  Konig- 
gratz,  die  deutsche  Politik  Osterreichs  von  Villafranca  bis  Nikolsburg  und 
Prag,  auf  Grund  des  osterreichischen  amtlichen  Materials  geschrieben  werden 
sollte,  das  F.  noch  nicht  benutzen  konnte.  Kleinliche  Kritik  darf  dem  aus 
einem  GuB  gestalteten  Monument  des  deutschen  Entscheidungskampfes  nicht 
zu  nahe  treten.  Literargeschichtliche  Pflicht  gebietet  doch  festzustellen,  daB 
sich  naturgemaB  die  weltanschauliche  Gebundenheit  F.s  in  diesen  beiden 
glanzvollen  Banden  auBert.  Seine  Geschichtschreibung  ist  wesentlich  den 
diplomatischen  und  kriegerischen  Aktionen  gewidmet  und  konzentriert  sich 


Friedjung  541 

auf  die  Personen,  die  Griinde  ihres  Tuns,  ihre  Schwachen  und  Begrenztheiten, 
ihre  GroBe,  ihr  menschliches  Schicksal;  auf  die  Verknotungen  der  Kabinetts- 
politik,  das  Widerspiel  der  Herrscher  und  der  Manner  der  Staatskanzleien 
und  des  Feldes ;  auf  Schwerf alligkeiten  und  Henrmungen  Osterreichs  und  die 
innere  tjberlegenheit  des  preuBischen  Gegners.  Wirtschaftliche  und  gesell- 
schaftliche  Momente  treten  in  den  Hintergrund  und  die  historisch-politischen 
Ideen  werden  von  Rankes  Schiiler  kaum  herausgehoben.  Die  Darstellung  ist 
Gegenstandlichkeit  groBen  Stils  und  beherrscht  den  Stof  f  in  geistig  und  mensch- 
lich  hoher  Art,  gedampfte  Leidenschaftlichkeit  gibt  ihm  Blut  und  Farbe, 
aber  der  MaBstab  ist  sehr  dem  politischen  Liberalismus  des  Autors  entnommen, 
und  der  Blick  auf  den  Kampfausgang  bestimmt  sehr  die  Anschauung  der 
osterreichischen  Vorkriegspolitik.  Den  absolutierenden  Werturteilen  iiber  die 
Innenstruktur  Osterreichs  kann  eine  bestimmte  Einseitigkeit  nicht  abge- 
sprochen  werden,  und  die  Ansicht,  daB  das  alte  Osterreich  in  dem  groBen 
Kampf  e  gegen  das  jugendkraftige  PreuBen  erliegen  muBte,  nimmt  eine 
Zwangslaufigkeit  der  Geschichte  an,  die  ebenso  zu  bezweifeln  ist,  wie  die 
Ansicht,  Osterreich  hatte  gegeniiber  Bismarcks  Forderungen  rechtzeitig  ein- 
lenken  miissen,  um  den  Kampf  zu  vermeiden,  die  Starke  politischer  Tradition 
unterschatzt  und  wie  das  Urteil  iiber  die  in  Osterreich  zur  Entscheidung  trei- 
benden  Krafte  die  Endzielrichtung  der  Bismarckschen  Politik  und  die  Un- 
moglichkeit  kaum  richtig  bewertet,  daB  die  deutsche  Prasidialmacht,  die 
Erbin  des  alten  Kaisertums,  freiwillig  die  deutsche  Vormachtstellung  aufgebe ; 
und  die  berechtigte  Bewunderung  der  gigantischen  GroBe  Bismarcks  ist  doch 
nicht  so  ganz  wissenschaftlich,  daB  das  Furchtbare  seiner  Kampf esweise  ganz 
zur  Geltung  kame.  Trotz  allem:  der  ist  kein  echter  Historiker,  der  vor  der 
GroBe  des  F.schen  Werkes  nicht  das  Haupt  beugt. 

Der  » Kampf  um  die  Vorherrschaf t «  ist  der  Hohepunkt  von  F.s  Schaffen; 
immer  neue  Quellen  sind  ihm  zugestromt,  immer  wieder  hat  er  an  der  Vervoll- 
kommnung  gearbeitet.  Nebenher  gab  er  1901  Benedeks  nachgelassene  Papiere 
heraus  und  riickte  das  ergreifende  Schicksal  des  schlichten  und  gottergebenen, 
tapferen  und  der  eigenen  Begrenztheit  bewuBten  Soldaten  ebenso  wie  die 
Harte  der  Staatsrason  und  ihrer  Vertreter  menschlich  und  wissenschaftlich 
in  schones  Licht.  Nie  hat  die  osterreichische  Armee  vergessen,  was  F.  ihr  an 
literarischen  Denkmalern  geschenkt  hat.  Gewann  schon  in  dem  » Kampf  um 
die  Vorherrschaft «  F.s  zeitpolitische  Einstellung  gelegentlich  zu  sehr  die 
Macht  in  seinem  historisch-politischen  Werten,  so  ist  dies  begreiflicherweise 
noch  weit  mehr  der  Fall  in  seinem  zweiten  groBen  Werke,  in  dem  er  nun,  zuriick- 
greifend  vor  die  Entscheidungsjahre  der  deutschen  Frage,  die  Erneuerung 
Osterreichs  nach  den  schweren  Einstiirzen  des  Jahres  1848,  seine  auBere 
Politik  und  seine  innere  Umformung  bis  zum  Beginn  des  Verfassungslebens 
zu  schildern  unternahm.  F.s  »Osterreich  von  1848  bis  i86o«  ist  leider  ein 
Torso  geblieben,  iiber  die  erste  Halfte  des  zweiten  Bandes  (1912)  ist  das  Werk 
nicht  hinausgediehen.  Es  verdankt  seinen  Ursprung  nicht  nur  der  Tatsache, 
daB  der  Verfasser  Alexander  Bachs  NachlaB  verwerten  konnte,  es  steht  auch 
in  einem  inneren  Zusammenhange  mit  dem  letzten  groBen  Wurfe.  Der  inneren 
Geschichte  sollte  es  vornehmlich  dienen,  das  Werden  der  absolutistischen 
Periode  aus  dem  Freiheitstaumel  der  Revolution  schildern  und  den  AnschluB 
an  die  Verfassungsauswirkung  des  Jahres  1859,  die  das  vorangegangene  Werk 


542  1920 

dargestellt  hatte,  gewinnen;  zugleich  diente  es  der  aufieren  Geschichte,  da  in 
ihm  die  Wechselwirkung  der  Innenlage  der  Monarchic  und  des  Einigungs- 
werkes  Deutschlands  und  Italiens  erstehen  sollte.  Das  Objekt  des  Werkes  hat 
nicht  die  grofie  dramatische  Kraft  des  vorangegangenen.  Glanzvolle  Partien 
zieren  auch  diese  Bande.  Der  Meister  der  militarischen  und  diplomatischen 
Geschichtschreibung  verleugnet  sich  nie  und  die  »  Deutsche  Politik  des  Fiirsten 
Schwarzenberg«  wie  die  »Zeit  des  Krimkrieges*  sind  vorbildliche  Leistungen 
kraftvoller  Forschung  und  Zusammenfassung.  F.  hat  denn  auch  1907  die  un- 
gliickliche  Politik  des  Graf  en  Buol-Schauenstein  in  einem  eigenen  Buch  »Der 
Krimkrieg  und  die  osterreichische  Politik  «  behandelt  und  die  weittragenden 
Folgen  dieser  Phase  klargestellt.  Nicht  ganz  auf  der  gleichen  Hohe  stehen  in 
»Osterreich  1848 — i86o«  jene  Teile,  die  den  Verfassungs-  und  Verwaltungs- 
verhaltnissen  Osterreichs  bis  1855,  den  sozialen  und  wirtschaftlichen  Fragen, 
dem  geistigen,  kirchlichen  und  kiinstlerischen  Leben  zugewandt  sind.  Nicht 
nur,  dafi  der  kritische  I<eser  oft  den  Eindruck  des  Auseinanderfallens  dieser 
Partien  gewinnt,  das  Auge  des  Verfassers  ist  fur  die  spezifische  Bedeutung 
konservativen  politischen  Denkens  nicht  frei  und  die  latenten  Massenstro- 
mungen  liegen  seinem  Liberalismus  etwa  so  feme  wie  katholisches  Fuhlen 
und  Wollen ;  die  Frage,  ob  rechtzeitige  nationale  Verwaltungsdezentralisation 
fiir  Osterreich  nicht  eine  Lebensnotwendigkeit  gewesen  ware,  tritt  an  den 
deutschen  Zentralismus  F.s  kaum  ernstlich  heran.  Es  fehlt  endlich  nicht  an 
Irrtumern  im  Tatsachlichen,  namentlich  der  Verwaltungsgeschichte,  und  von 
einer  dem  Verfasser  befreundeten  Seite  ist  mit  Recht  bemerkt  worden,  dafi 
seine  eigene  Wesensart  ihn  geeigneter  machte,  »Helden,  Biedermanner,  Kern- 
menschen  glaubhaft  hinzustellen  «  als  zwiespaltige  Naturen.  So  befriedigt  denn 
auch  das  Portrat  Felix  Schwarzenbergs  nicht  vollig ;  weniger  noch  das  Alexan- 
der Bachs.  Als  sehr  wesentliche  Bereicherung  unserer  Erkenntnis  einer  bis 
dahin  recht  dunklen  Periode,  als  eine  bedeutende  Fortf  uhrung  des  bedeutenden 
Werkes  Anton  Springers,  ohne  dessen  Mafilosigkeiten,  ist  doch  auch  diese 
Leistung  zu  bewerten. 

Wie  wir  geglaubt  haben,  von  einer  inneren  Annaherung  F.s  an  den  Alt- 
liberalismus  sprechen  zu  durfen,  so  konnen  wir  auch  von  wachsender  Starke 
des  osterreichischen  Staatsgefuhles  in  dem  Deutschnationalen  sprechen.  Nie- 
mals  aber  wird  man  den  Bruch  der  Entwicklungslinie,  den  manche  zu  sehen 
meinten,  finden  konnen.  Sein  Glaube  an  das  Lebensrecht  und  an  die  deutsche 
und  europaische  Notwendigkeit  Osterreichs  blieb  der  gleiche,  ob  er  als  junger 
Mann  gegen  Taaffe  kampfte  oder  ob  er  als  alternder  Mann  an  der  Seite  Ahren- 
thals  stritt.  Die  bestandige  Unterwuhlung  des  geliebten  Vaterlandes  emporte 
seine  ehrliche  Seele  und  raubte  ihm,  der  stets  einen  Rest  der  alten  Leiden  - 
schaftlichkeit  bewahrte,  den  ruhigen,  kritischen  Sinn,  als  ihm  serbische,  das 
Treiben  gegen  die  Monarchic  beleuchtende  Dokumente  —  nach  seiner  eigenen 
Aussage  vom  Ministerium  des  Aufieren  —  iibergeben  wurden.  Er  legte  sie  der 
Offentlichkeit  vor,  der  j>Friedjung-Prozefi«  des  Jahres  1909  aber  erwies,  dafi 
sie  zum  guten  Teil  gefalscht  waren.  An  seinem  guten  Glauben  darf  kein  Zweifel 
gehegt  werden,  aber  es  mag  ein  schwerer  Schlag  fiir  den  Historiker  gewesen 
sein,  als  er  erkannte,  dafi  er  sich  hatte  tauschen  lassen.  Er  erwies  wenig  spater, 
welche  Scharfe  der  Kritik  ihm  auf  seinem  vertrautesten  Gebiete  zu  eigen  war, 
als  der  Schriftsteller  Wilhelm  Alter,  von  krankhaftem  Ehrgeiz  getrieben,  mit 


Friedjung  543 

erfundenen  und  gefalschten  Bausteinen  aufsehenerregende  Schriften  iiber 
Deutschlands  Einigung  und  die  osterreichisehe  Politik,  iiber  Benedek  im  Feld- 
zug  von  1866  und  iiber  die  auswartige  Politik  der  ungarischen  Revolution 
anfertigte.  Nach  F.s  Sinn  war  die  Wiedererweckung  der  Monarchic  zu  auBen- 
politischer  Aktivitat  durch  Ahrenthal,  er  war  ein  Verfechter  auch  der  Abwehr, 
zu  der  sich  sein  Vaterland  endlich  nach  langer  Passivitat  gegeniiber  dem 
zerstorenden  Treiben  beuteliisterner  Nachbarn  erhob.  Der  Weltkrieg  fand  den 
Historiker  des  sterbenden  Deutschen  Bundes  und  des  werdenden  Deutschen 
Reiches,  den  Historiker  des  Osterreich  Franz  Josephs  fest  iiberzeugt  von  Oster- 
reichs  Recht  und  Pflicht  zum  Kampfe  und  fest  iiberzeugt  von  der  Tragkraft 
des  Biindnisses  beider  Kaiserreiche  gegeniiber  einer  feindlichen  Welt. 

Er  hatte  schon  zuvor,  einer  Anregung  des  Verlags  von  Schlossers  Welt- 
geschichte,  aber  auch  dem  inneren  Antrieb  erhohten  weltpolitischen  Interesses 
folgend,  die  Niederschrift  der  Geschichte  der  jiingsten  Weltperiode  begonnen, 
die  er  als  imperialistische  ansah.  F.  hat  die  Vollendung  seines  »Zeitalter  des 
Imperialismus  1884 — 1914*  nicht  mehr  erlebt;  der  Hand  A.  F.  Pribrams  ist 
die  Fertigstellung  und  Ausgabe  des  zweiten  und  dritten  Bandes  zu  danken. 
Der  groBe  Erfolg  hat  sich  nicht  eingestellt,  den  die  GroBe  der  Anlage  des 
Werkes  verdient  hatte.  Es  ist  der  erste  weitausgreifende  und  tiefreichende, 
streng  wissenschaftliche  Versuch  eines  Forschers,  der  stets  fiir  die  Bedeutung 
der  Macht  im  Leben  der  Volker  das  groBte  Verstandnis  hatte,  »die  zwischen- 
staatHchen  Beziehungen  auf  dem  ganzen  Erdenrundd  in  dem  jiingsten  Zeit- 
alter  wiederzugeben,  und  dieser  Versuch  ist  nicht  nur  als  kiihne,  sondern 
auch  als  gelungene  Tat  hoch  einzuschatzen.  Aber  —  so  wahr  es  ist,  daB  der 
Imperialismus  eine  wesentlichste  Signatur  dieses  Zeitalters  darstellt,  es  durfte 
doch  nicht  von  einer  Ablosung  des  Schwergewichtes  dreier  Tendenzen  des 
19.  Jahrhunderts,  der  liberalen,  nationalen  und  imperialistischen,  gesprochen 
werden,  sondern  das  Nacheinander  wird  auch  zum  Nebeneinander  und  zum 
Verflechten  der  drei  Strdmungen,  der  einheitliche  von  F.  gewahlte  Nenner 
der  Zeit  trifft  schwerlich  zu.  Und  auf  Englands  Weltherrschaftsstreben  liegt 
allzusehr  das  Schwergewicht.  Konnte  es  ferner  dem  seit  langem  anwachsenden 
Drange,  die  innere  Entwicklung  der  Nationen  und  das  politische  Aufstreben 
der  Massen  in  das  geschichtliche  Bild  aufzunehmen,  noch  entsprechen,  wenn 
F.  sich  wieder  »der  Hauptsache  nach  auf  das  wundervolle  Geflecht  der  auBeren 
Politik,  auf  das  Zusammen-  und  Gegenspiel  der  internationalen  Entwiirfe  und 
Handlungen  der  fiihrenden  Manner  beschrankte « ?  In  seiner  Bescheidenheit 
spricht  er  selbst  vom  BewuBtsein  der  Schranken  seines  Konnens,  das  ihn  zu 
diesem  Verzicht  bewogen  habe.  Hier  lag  in  der  Tat  die  Starke,  aber  auch  die 
Grenze  seiner  gewaltigen  Befahigung:  er  blieb  auch  als  Historiker  der,  der 
er  war.  Das  gewichtigste  Moment  aber,  das  diesem  Werk  den  Ruhmestitel 
vorenthalten  hat,  den  es  zehn  Jahre  friiher  gewiB  errungen  hatte,  war  wohl 
das,  daB  seine  Grundlage  in  einer  Zeit  der  unerhortesten  Zahl  neuer  Quellen- 
erschlieBungen,  Forschungen  und  Einzeldarstellungen  zur  Geschichte  der 
jiingsten  Vergangenheit  in  kiirzester  Frist  unzulanglich  geworden  ist.  Der 
hohe  historiographische  Rang  des  ausgezeichnet  gegliederten  Werkes  bleibt 
unerschiittert,  in  vielen  seiner  besonderen  Darlegungen  ist  es  friih  veraltet. 

Das  alte  Sehnen  des  Politikers  F.  ist  wahrend  des  groBen  Volkerringens 
wieder  lebendig  geworden,  der  furchtbare  Zusammenbruch  hat  ihn  als  ganzen 


544  l*2° 

Mann,  treu  seinen  Lebensuberzeugungen,  in  seinen  Grundsatzen  nicht  wanken 
lassen.  Mit  anderen  gleichgestimmten  Mannern  gab  er  19 15,  als  Manuskript 
gedruckt,  eine  »Denkschrift  aus  Deutsch-Osterreich«  heraus;  sie  wollte  die 
politischen  Folgerungen  aus  den  ungeheuren  Garungen  der  Zeit  ziehen  fur 
Mitteleuropa,  ftir  Osterreich,  fiir  Deutschland.  Der  alte  Dreiklang!  Ein  wahres 
Mitteleuropa  soil  endlich  durch  eine  enge  politische,  staatsrechtlich  durch  die 
Parlamente  gesicherte  Bundesgenossenschaft  der  beiden  Kaiserreiche  und 
durch  einen  militarischen  und  zoll-  und  handelspolitischen  Grundvertrag 
Deutschlands  und  Osterreich-Ungarns  entstehen.  Die  im  Reichsrat  vertretenen 
Konigreiche  und  Lander  bilden  eine  staatsrechtliche  Einheit  Osterreich, 
aus  der  die  polnisch-ukrainischen  Teile  ausgeschieden  werden  und  die  mit 
TJngarn  in  ein  festes  Verhaltnis  tritt,  mit  mechanischem  Schliissel  zur 
Aufteilung  der  Beitrage  beider  Staaten  fiir  die  gemeinsamen  Angelegenheiten. 
Die  Aufrechthaltung  der  Staatlichkeit  Ungarns  hat  die  GroBmachtstellung 
und  militarische  Schlagfertigkeit  der  Gesamtmonarchie  zu  wahren,  den  nicht- 
magyarischen  Volksstammen  Ungarns  wird  freie  Kulturentwicklung  gesichert, 
die  Sonderstellung  Kroatiens  und  Slawoniens  gewahrleistet.  In  Osterreich  ist 
die  deutsche  Sprache  als  Staatssprache  gesetzlich  festzulegen,  vor  Zusammen- 
tritt  der  gesetzgebenden  Korperschaften  erlaBt  die  kaiserliche  Regierung 
Sprachengesetze,  durch  die  den  Nationalitaten  ihre  kulturelle  Entwicklung 
nicht  verkummert,  die  leitende  Rolle  des  deutschen  Elementes  unter  der 
Fiihrung  einer  starken  Regierung  aber  verbiirgt  wird.  Die  polnischen  Landes- 
teile  werden  als  autonomes  Gemeinwesen  im  Rahmen  des  osterreichischen 
Staates  konstituiert,  sie  werden  in  Hinkunft  nur  noch  in  der  osterreichischen 
Delegation,  nicht  mehr  im  Reichsrat  vertreten  sein,  analog  ist  spater  mit  den 
ukrainischen  Landern  zu  verfahren,  in  Hinkunft  mag  ein  dritter  Staat  Polen 
neben  Osterreich  und  Ungarn  gebildet  werden.  Bosnien  und  Herzegowina 
bleiben  vorlaufig  in  militarischer  Verwaltung,  Serbien  wird  in  dem  Umfange, 
den  es  vor  1912  hatte,  mindestens  milit arisen  und  handelspolitisch  an  die 
Monarchic  angegliedert,  in  spaterer  Zeit  kann  vielleicht  der  ZusammenschluB 
der  Siidslawen  zu  einer  engeren  Verbindung  innerhalb  des  Habsburgerreiches 
erfolgen,  in  alien  serbokroatischen  Gebieten  der  Monarchic  ist  den  Katholiken 
und  Mohammedanern  gegenuber  der  orthodoxen  Mehrheit  Schutz  und  Sicher- 
heit  zu  gewahren. 

Das  war  F.s  letztes  grofles  politisches  Programm.  Der  Gleichklang  mit  der 
Denkschrift  von  1880  erweist  die  groBe  Einheitlichkeit  dieses  politischen 
Lebens.  Als  das  Ende  aller  der  stolzen  Traume  gekommen  war,  vereinigte  er 
seine  kleineren  Abhandlungen  in  dem  Bande  »Historische  Aufsatze«.  Noch 
einmal  iiberblicken  wir  hier  sein  literarisches  Schaffen:  die  osterreichische 
Bauernbefreiung,  der  kuhne  Denker  der  mitteleuropaischen  Zollunion,  Bruck, 
dann  Felix  Schwarzenberg  und  Alexander  Bach ;  der  Ausgleich  von  1867  und 
die  Donaumonarchie  als  einheitliches  Zollgebiet ;  die  drei  AuBenminister  Rech- 
berg,  Andrdssy  und  Kalnoky ;  die  deutsch-liberalen  und  zentralistischen  beiden 
Plener,  Adolf  Fischhof  und  Alexander  v.  Peez,  Grabmayr  und  Chlumecky, 
das  osterreichische  Sprachenrecht  und  die  Bedeutung  der  Deutschbohmen 
fiir  die  deutsche  Nation;  endlich  Osterreich-Ungarn  und  RuBland  1908  und 
die  Buchlauer  Zusammenkunft  Iswolskys  und  Ahrenthals  —  so  zieht  das 
innere  und  auflere  Geschick  des  Staates  Osterreich  von  1848  bis  an  die  Schwelle 


Friedjung.  Ganghofer  545 

des  Weltkrieges  noch  einmal  vor  unserem  geistigen  Auge  vorbei.  Das  altoster- 
reichische  Heer  wird  in  den  Schildernngen  der  Schlacht  von  Aspern  und  in 
den  Bildern  eines  Horst  und  Angeli  lebendig,  und  wie  ein  Symbol  stent  vorne 
in  der  Reihe  »Die  osterreichische  Kaiserkrone«  und  am  Schlufi  das  fein  ab- 
getonte  Portrat  des  letzten  Kaisers  im  wahren  Sinn,  Franz  Josephs.  Ein 
Denkmal  jenes  Osterreich,  das  er  geliebt  und  fur  das  er  gearbeitet  und  gelitten 
bat !  Der  Reihe  der  Geschichtschreiber  Anton  Springer,  Alfred  v.  Arneth  und 
Josef  Alexander  v.  Helfert,  deren  Biographien  er  in  diesem  Bande  seinen  Geist 
und  seine  Kunst  widmete,  schlieBt  sich  F.  selbst  als  der  bedeutendste  an. 

Wie  ein  Vermachtnis  am  Schlusse  des  eigenen  Erdendaseins  wirkt  es,  daB 
F.  diesem  seinem  letzten  Buch  die  tiefernsten  Worte  voraussandte :  » Dieses 
Buch  beschaftigt  sich  mit  einer  versunkenen  Welt.  Es  enthalt  Studien  iiber 
Osterreich,  die  im  Laufe  der  letzten  dreiBig  Jahre  entstanden,  von  dem  Ge- 
danken  der  Daseinsnotwendigkeit  des  Donaureiches  getragen  sind.  Die  Mon- 
archic ist  in  ihre  Teile  zerschlagen  und  durch  eine  Totenklage  nicht  zum 
Leben  zu  erwecken.  Wir  alten  Osterreicher  sind  besiegt,  aber  nicht  erschiittert 
in  unserer  Uberzeugung,  daB  dieses  Reich  seinen  unendlich  schweren  Beruf 
zwar  unvollkommen,  aber —  bis  zur  klaglichen  Selbstpreisgabe  im  Oktober  191 8 
—  in  Ehren  erfullt  hat.  Dies  zu  bekennen,  ist  mir  ein  Bedtirfnis :  gleichgultig, 
ob  neuer  Hohn  und  HaB  sich  zu  dem  gesellen,  was  die  Aufrechten  und  sich 
selbst  Getreuen  in  den  Tagen  des  Ungliicks  iiber  sich  muBten  ergehen  lassen. 
Die  zu  einer  verlorenen  Sache  gestanden  haben,  sind  nur  dann  gedemiitigt, 
wenn  sie  die  Reihen  verlassen,  nicht  wenn  die  Fahne  den  ermatteten  Ver- 
teidigern  im  Kampfe  entsunken  ist. «  Und  dann:  »Jetzt,  da  Osterreich  zer- 
fallen  ist,  drangt  sich  unsere  ganze  Empfindung  in  der  Liebe  zum  Kernvolke 
der  alten  Monarchic  und  damit  zur  groBen  deutschen  Nation  zusammen.  Wohl 
tiirmen  sich  gegenwartig  Widerstande  entgegen,  zuletzt  aber  werden  wir  doch 
zum  Mutterlande  zunickkehren,  von  dem  einer  der  besten  Stamme  zur  Er- 
fiillung  gewaltiger  Aufgaben  nach  Siidosten  ausgezogen  war.<(  —  »Auch  dem 
Garen  und  Drangen  unserer  Zeit  entringt  sich  ohne  Zweifel  ein  Neues  und 
GroBes.  Veranderte  Aufgaben  weisen  auf  hohere  Ziele  und  reichere  Ideale 
hin,  aber  beim  Ausblick  in  die  Zukunft  soil  die  Pflicht  nicht  vergessen  sein, 
dem  Vergangenen  Gerechtigkeit  widerfahren  zu  lassen. «  Im  nachsten  Jahre 
muBte  Heinrich  F.  die  Feder  fiir  immer  niederlegen.  Der  Historiker  und  Poli- 
tiker  hat  sich  mit  jenen  Zeilen,  ohne  es  zu  wollen,  die  edelste  Grabschrift 
geschrieben. 

I/iteratur:  F.soben  angefiihrte  Schriften.  —  Herwig  (Eduard  Pichl),  Georg  Schonerer, 
4  Bde.,  Wien  191 2 — 1923  (vgl.  Deutsches  Biogr.  Jahrbuch  1921,  S.  228/232).  —  P.  Molisch, 
Oeschichte  der  deutschnationalen  Bewegung  in  Osterreich,  Jena  1926.  —  A.  Bettelheim, 
Biographenwege,  Reden  und  Aufsatze,  Berlin  1923.  —  Nekrologe  in  verschiedenen  Tages- 
zeitungen  (ohne  sonderliche  Bedeutnng)  und  von  Oswald  Redlich  im  Alnianach  der  Aka- 
•demie  der  Wissenschaften  in  Wien  fiir  das  Jahr  1921,  71.  Jahrgang. 

Wien.  Heinrich  Ritter  v.  Srbik. 

Ganghofer,  Ludwig,  *  am  7.  Juli  1855  in  Kaufbeuren  in  Schwaben,  f  24.  Juli 
1920  in  Tegernsee.  —  G.  war  der  Sohn  des  Forstamtsaktuars  August  G.  in 
Kaufbeuren  und  seiner  Gattin  Charlotte,  geb.  Louis.  Er  besuchte  die  Schule 
in  Neuburg  a.  d.  Donau,  Augsburg  und  Regensburg,  studierte  in  Wiirzburg, 

DBJ  35 


546  1920 

Miinchen  und  Berlin  und  bestand  1879  in  Leipzig  seine  Doktorpriifung.  188 1 
bis  1893  war  er  als  Dramaturg,  Schriftsteller  und  Redakteur  in  Wien,  1893  ging 
er  wieder  nach  Miinchen  und  lebte  dort  im  Winter.  Die  Sommer  verbrachte  er 
auf  seinem  Jagdhaus  Hubertus  auf  der  TillfuBalm  bei  Mitten wald.  1919  siedelte 
G.  nach  Tegernsee  iiber.  An  seinem  70.  Geburtstag,  1925,  wurde  zu  seinem 
Andenken  in  Ber.chtesgaden  ein  schones  und  einfaches  Denkmal,  eine  Gang- 
hoferbank  enthullt,  eine  Gabe  der  Verehrer  und  Freunde. 

Verheiratet  war  G.  seit  1880  mit  Katinka,  geb.  Engel,  der  Ehe  entstammten 
ein  Sohn  und  zwei  Tdchter. 

Den  ersten  groBen  Erfolg  brachte  G.  1880  sein  Volksstiick  »Der  Herrgotts- 
schnitzer  von  Ammergau«.  Keines  seiner  spateren  Dramen  war  so  volkstiim- 
lich,  obwohl  unter  ihnen  manche  sind,  die  an  Originalitat  der  Einfalle,  an  der 
gliicklichen  Zeichnung  der  Charaktere  und  an  der  festen  Fiihrung  der  Hand- 
lung  das  Jugendstiick  weit  iibertreffen.  G.  wird  auf  Bauerntheatern,  besonders 
in  Oberbayern,  immer  noch  gern  und  gut  gespielt,  und  das  mit  Recht.  Seinen 
eigentlichen  Ruhm  aber  dankt  G.  seinen  Hochlandgeschichten.  Der  erste  in 
der  Reihe  seiner  Berchtesgadener  Romane,  »Der  Klosterjager*  1891  war  der 
Bahnbrecher.  Seitdem  sind  seine  Geschichten  in  Millionen  von  Exemplaren 
iiber  die  deutsche  Welt  verbreitet.  Sie  werden  heute,  sieben  Jahre  nach  seinem 
Tode,  ebenso  begehrt  und  gelesen  wie  zu  den  Lebzeiten  des  Dichters. 

G.  wird  von  der  ziinftigen  Literatur  oft  und  entschieden  abgelehnt;  auch 
viele  unserer  Jugendbildner  verwerfen  sein  ganzes  Werk  kurzerhand  als  Schund. 
»Die  mannliche  Marlitt«,  damit  glauben  sie  ihn  abgetan. 

Nun,  das  ist  richtig,  G.  schrieb  viel  und  rasch,  in  seiner  Darstellung  ist  er 
oft  breit,  weich,  etwas  trivial,  er  neigt  zu  Riihrseligkeiten  und  Sentimentali- 
taten  und  zu  falschen  Idealisierungen,  auch  laBt  er  sich  von  seinen  Empfin- 
dungen  zu  weit  fortreiBen  und  hat  gegeniiber  seinen  Einf alien  nicht  immer  die 
notige  Kritik.  Was  aber  weniger  bekannt  ist,  er  hat  seine  Werke,  wenn  sie  ihm 
nicht  geniigten,  in  spateren  Auflagen  stark  iiberarbeitet  und  war  fur  eine 
sachliche  Kritik  immer  dankbar  und  empfanglich.  Seine  Fehler  entspringen 
auch  nicht  einem  Mangel,  sondern  eher  einem  UberfluB,  einem  Zuviel  an  Gaben 
und  einer  zu  starken  Unbandigkeit.  Mit  gutem  Recht  gilt  G.  trotz  allem  als 
einer  unserer  besten  Volksdichter.  Eine  Gabe  des  Fabulierens  und  eine  erf  inde- 
rische  Kraft  der  Phantasie,  wie  er  sie  besafi,  werden  Dichtern  nicht  oft  ver- 
liehen.  Dazu  kam  eine  natiirliche  Herzlichkeit  und  Giite,  eine  siiddeutsche 
Anmut  der  Rede,  eine  iiberstromende  Liebe  zu  allem  Schonen,  starke  Freude 
am  Originellen  und  Naturgewachsenen  und  ein  sieghafter  Lebensmut.  Im 
Wald  und  in  der  Natur,  unter  einfachen  Menschen  war  er  aufgewachsen,  be- 
schiitzt  von  einem  giitigen  Vater  und  von  einer  heiteren  und  anmutigen  Mutter, 
die  Pracht  und  Majestat  der  Berge  war  der  erste  groBe  Eindruck  seines  Lebens, 
die  Leidenschaft  zur  Jagd  lag  ihm,  ein  vaterliches  Erbteil,  im  Blut.  Das  alles 
spiegelt  sich  in  seinen  Schriften  und  gibt  ihnen  etwas  von  ihrem  Reiz.  Dazu 
war  G.  stark  begabt  fur  alles  Technische,  er  verfolgte  lebhaft  interessiert  die 
Naturwissenschaften  und  war  aufgeschlossen  und  hellhorig  fiir  alle  Fortschritte 
der  Zeit  und  fiir  alles  Grofie.  Sein  liebster  Umgang  blieben  die  Kiinstler  und 
sein  groBtes  Gliick  Frau  und  Kinder  und  Enkel.  Ein  starker,  vielseitiger  Leser, 
ein  giitiger  und  fordernder  Beurteiler  aufstrebender  Talente,  ohne  jedenNeid, 
eine  ungewohnliche  Arbeitskraft,   die  an  sich  die  hochsten    Anforderungen 


Ganghofer.  Johann  Albrecht  547 

stellte,  und,  wenn  es  sein  muBte  und  wenn  ihn  die  Lust  packte,  ein  Regisseur 
und  Jotirnalist  ohnegleichen ;  —  alles,  was  er  trieb,  das  trieb  er  mit  ganzem 
Einsatz:  so  lebt  er  in  der  Erinnening  seiner  Freunde.  —  Man  darf  sagen, 
er  war  eine  der  liebenswiirdigsten  und  reichsten  Begabungen  axis  der  Zeit 
Wilhelms  II.,  ein  Dichter,  der  als  Bayer  PreuBens  und  Deutschlands  GroBe 
erkannte  und  pries  und  durch  seine  Schriften  fiir  die  deutsche  Einheit  manches 
Gute  bewirkt  hat,  und  ein  Dichter,  der  an  der  Reihe  seiner  Berchtesgadener 
Geschichten  sich  an  eine  neue  Aufgabe  wagte,  an  die  Darstellung  der  Ent- 
wicklung  eines  deutschen  Dorfes  durch  die  Kampfe  und  Schicksale  von  zwei 
Jahrtausenden. 

Iyiteratur:  Bin  Verzeichnis  der  Dramen  und  Romane  Ganghofers  findet  sich  im  Jahr- 
gang  1920  von  Kurschners  deutschem  Ljteraturkalender.  Die  Gesamtausgabe  erschien  in 
vier  Serien  bei  Bonz  in  Stuttgart  seit  1905.  Wir  verweisen  ferner  auf  die  ausgezeichneten 
Schilderungen,  die  Jager,  auf  seine  Selbstbiographie,  Lebenslauf  eines  Op  ti  mis  ten,  und 
auf  den  Band  aus  dem  Nachlafl:  Das  wilde  Jahr  (Berlin,  Grothe  1921);  vergleiche  ferner 
Vincenz  Chiavacci:  t,udwig  Ganghofer,  Stuttgart  1905. 

Koln.  Friedrich  von  der  Leyen. 


Johann  Albrecht,  Herzog  zu  Mecklenburg,  Prasident  der  Deutschen  Ko- 
lonialgesellschaft,  *  am  8.  Dezember  1857  in  Schwerin,  f  am  x6.  Februar 
1920  in  Willigrad.  —  Der  Herzog  wurde  als  dritter  Sohn  des  GroBherzogs 
Friedrich  Franz  II.  zu  Mecklenburg-Schwerin  geboren.  Der  fiir  die  jungeren 
Sonne  fiirstlicher  Hauser  geltenden  Ubung  entsprechend  trat  der  Herzog, 
nachdem  er  in  Dresden  das  Vitzthumsche  Gymnasium  absolviert  und  in 
Bonn  studiert  hatte,  in  die  Armee  ein,  und  zwar  in  das  Leibgarde-Husaren- 
regiment  in  Potsdam.  Aber  es  war  dem  Herzog  nicht  beschieden,  in  der  mili- 
tarischen  Laufbahn  einen  befriedigenden  Iyebensinhalt  zu  finden.  Schon  friih 
beschaftigten  ihn  Studien  iiber  fremde  Lander  und  Volker,  die  er  auf  Reisen 
zu  vervollstandigen  suchte.  Ende  1882  nahm  er  einen  zweijahrigen  Urlaub 
und  trat  eine  Reise  um  die  Welt  an.  Seine  Studien  fuhrten  ihn  in  die  Kolonial- 
politik,  ein  Gebiet,  das  anfangs  der  achtziger  Jahre  des  vorigen  Jahrhunderts 
mit  der  Erwerbung  der  deutschen  Schutzgebiete  in  Afrika  und  der  Siidsee 
in  den  Mittelpunkt  des  offentlichen  Interesses  getreten  war.  Bekannt  als 
eifriger  Vertreter  der  kolonialen  Bestrebungen  wurde  er,  als  der  erste  Pre- 
sident der  Deutschen  Kolonialgesellschaft,  Fiirst  Hermann  zu  Hohenlohe- 
Langenburg  infolge  seiner  Ernennung  zum  Statthalter  von  ElsaB-Lothringen 
sein  Amt  niederlegte,  am  15.  Januar  1895  zum  Prasidenten  der  Deutschen 
Kolonialgesellschaft  gewahlt.  Der  Herzog  trat  damals  gerade  von  Neapel 
aus  seine  zweite  groBe  Reise  an,  die  ihn,  begleitet  von  seiner  Gemahlin,  nach 
Ceylon  fuhrte.  Auf  der  Riickreise  besuchte  er  das  Schutzgebiet  von  Ost- 
afrika,  das  damals  im  Anfang  seiner  vielversprechenden  Entwicklung  stand. 

Zwei  Jahre  darauf ,  im  Jahre  1897,  wurde  er  nach  dem  Tode  seines  Bruders, 
des  GroBherzogs  Friedrich  Franz  III.  zur  Regentschaft  des  GroBherzogtums 
Mecklenburg-Schwerin  fiir  seinen  Neffen,  den  minder jahrigen  GroBherzog 
Friedrich  Franz  IV.  berufen.  Er  fuhrte  die  Regentschaft  bis  zur  Volljahrig- 
keit  seines  Neffen  im  Jahre  1901. 

Noch  einmal  trat  der  Herzog  spater  in  die  Reihe  der  deutschen  Bundes- 
fiirsten  ein.    Nach  dem  Tode  des  Prinzen  Albrecht  von    PreuBen   wurde 


548  1920 

er  durch  den  Braunschweiger  Landtag  einstimmig  zum  Regenten  des  Herzog- 
tums  Braunschweig  gewahlt.  Die  Regentschaft  endete,  als  nach  dem  Erbfolge- 
verzicht  des  Herzogs  von  Cumberland  dessen  Sohn  Ernst  August  mit  Zu- 
stimmung  des  Bundesrats  die  Regierung  in  Braunschweig  ubernahm,  am 
i.  November  1913. 

Es  ist  fur  die  ganze  I^ebensauffassung  des  Herzogs  bezeichnend,  daB  er 
das  Amt  des  Prasidenten  der  Deutschen  Kolonialgesellschaft  auch  wahrend 
seiner  beiden  Regentschaften  nicht  nur  formell  beibehielt,  sondern  tatsach- 
lich  in  der  intensivsten  Weise  verwaltet  hat.  Nur  seine  hohe  Auffassung 
von  den  Pflichten  gegentiber  Reich  und  Volk  konnte  den  Herzog  bewegen, 
neben  seiner  Stellung  als  Regent  und  Souveran  eines  Bundesstaats  das  Amt 
des  Prasidenten  der  Deutschen  Kolonialgesellschaft  beizubehalten.  Bequemer 
ware  es  fur  den  Herzog  sicher  gewesen,  sich  zum  Protektor  der  Deutschen 
Kolonialgesellschaft  ernennen  zu  lassen  und  sich  so  der  unmittelbaren  Be- 
ruhrung  mit  dem  politischen  Getriebe  zu  entziehen.  Nur  einem  iiberlegenen 
Geiste,  einem  Manne  von  auBerordentlichem  Takt  und  Geschick  konnte  es 
gelingen,  die  vielfachen  Klippen  einer  derartigen  Doppelstellung  glucklich 
zu  umschiffen.  Seine  Pflicht  als  Regent  erfullte  der  Herzog  in  der  gewissen- 
haftesten  Weise.  Aber  gerade  aus  seiner  Gewissenhaftigkeit  heraus,  in  dem 
BewuBtsein,  daB  er  die  Regierung  nur  fiir  einen  anderen  fuhrte,  mag  sich 
der  Herzog  bei  Ausubung  seiner  Regententatigkeit  gar  manche  Beschran- 
kung  auferlegt  haben.  Demgegeniiber  bot  seine  Stellung  als  Prasident  der 
Deutschen  Kolonialgesellschaft  seinem  Betatigungsdrang  ein  viel  freieres 
Feld.  Er  wollte  die  Wirksamkeit  der  Deutschen  Kolonialgesellschaft  nicht 
beschrankt  wissen  auf  die  deutschen  Kolonien,  sein  Programm  umspannte. 
wie  er  in  seiner  Eroffnungsrede  zum  Ersten  Deutschen  KolonialkongreB  aus- 
fuhrte,  die  gesamten  Interessen  des  Vaterlandes  jenseits  der  Meere.  Dabei 
gab  es  manchen  Kampf  auszufechten.  Nicht  nur  innerhalb  der  Kolonial- 
gesellschaft stieBen  die  verschiedenen  Richtungen  oft  stark  aufeinander,  auch 
mit  der  Kolonialverwaltung  gab  es  manche  Meinungsverschiedenheit  aus- 
zutragen.  Der  Herzog  war  durch  aus  nicht  der  Mann,  seine  tlberzeugung 
opportunistischen  Erwagungen  zu  opfern.  Er  hat  seine  Ansichten  innerhalb 
der  Gesellschaft,  wie  nach  auBen  hin  stets  mit  Energie  vertreten.  Ganz  zweifel- 
los  haben  die  vielen  neuen  Fragen,  die  dauernd  auf  dem  Gebiete  der  Kolonial- 
politik  auftraten,  auf  den  nie  rastenden  Geist  des  Herzogs  eine  besondere 
Anziehungskraft  ausgeiibt.  Jedenfalls  hat  er  seines  Amtes  als  Prasident  der 
Deutschen  Kolonialgesellschaft  von  Anfang  bis  zu  Ende,  auch  wahrend  seiner 
beiden  Regentenschaften,  in  vorbildlicher  Weise  gewaltet.  Er  hat  vom  Jahre 
1895  bis  zu  seinem  Tode  samtliche  Tagungen  der  Deutschen  Kolonialgesell- 
schaft geleitet  und  auf  den  groBen  deutschen  Kolonialkongressen  in  den 
Jahren  1902,  1905  und  1910  das  Prasidium  gefuhrt.  Dabei  kam  ihm  eine 
ausgesprochene  Begabung  zur  Leitung  groBer  Versammlungen  besonders  zu- 
statten.  Mit  Geist  und  Takt  verstand  es  der  Herzog,  auch  erregte  Debatten 
immer  wieder  in  sachliche  Bahnen  zu  lenken.  Zweimal  hat  der  Herzog  den 
Tagungen  des  Institut  Colonial  International,  dessen  Mitglied  er  war,  prasi- 
diert. 

Die  Beruhrungspunkte,  die  sich  aus  der  Kolonialpolitik  ergaben,  suchte 
der  Herzog  auszunutzen,  urn  unsere  Beziehungen  zu  Frankreich  zu  bessern. 


J  oh  arm  Albrecht  caq 

Gerade  die  Kolonialpolitik  ermoglichte  auf  den  verschiedensten  Gebieten  eine 
Erorterung  kultureller  und  wirtschaftlicher  Fragen,  bei  denen  die  alther- 
gebrachten  Gegensatze  zwischen  beiden  Nationen  von  vornherein  ausge- 
schaltet  waren  und  die  gerade  deshalb  geeignet  waren,  ein  besseres  gegen- 
seitiges  Verstandnis  anzubahnen.  Auf  die  Initiative  des  Herzogs  ist  es 
zuriickzufiihren,  daB  am  15.  Marz  1907  der  franzosische  Kolonialpolitiker 
Lucien  Hubert  in  Berlin  und  am  21.  Dezember  1907  der  friihere  Gouver- 
neur  von  Deutsch-Ostafrika,  Graf  Gotzen,  in  Paris  kolonialpolitische  Vor- 
trage  hielten. 

Auf  alien  Gebieten  der  Kolonialpolitik,  dem  rein  politischen,  dem  wirt- 
schaftlichen  und  wissenschaftlichen  war  der  Herzog  zu  Hause.  Alle  groBen 
Veranstaltungen  auf  kolonialpolitischem  Gebiet  waren  seiner  Forderung 
sicher,  ja  sie  gingen  haufig  aus  seiner  Anregung  hervor.  Von  ihm  ist  der  Ge- 
danke  der  groBen  deutschen  Kolonialkongresse  ausgegangen.  Seiner  An- 
regung verdanken  wir  eine  Reihe  groBer  wirtschaftlicher  Expeditionen,  er 
war  mit  das  treibende  Moment  bei  Veranstaltung  der  Wohlfahrtslotterie  fur 
die  Kolonien.  Dem  Kolonialrat  gehorte  der  Herzog  wahrend  der  ganzen  Zeit 
seines  Bestehens  an,  er  beteiligte  sich  an  alien  Beratungen  und  war  einer  der 
ersten,  der  im  Kolonialrat  immer  wieder  auf  die  bedenklichen  Seiten  der 
groBen  Land-  und  Minenkonzessionen  hinwies. 

Bezeichnend  fur  den  weiten  Blick  des  Herzogs  ist  es  auch,  daB  er  einer 
der  ersten  in  Deutschland  war,  der  die  Bedeutung  des  Auslanddeutschtums 
fur  unser  Volksleben  erkannte,  und  einsah,  wie  notwendig  es  war,  der  Plan- 
losigkeit  im  deutschen  Auswanderungswesen  ein  Ende  zu  machen.  Auf  seine 
Anregung  hin  wurde  die  im  Jahre  1902  gegriindete  Zentralauskunftsstelle 
fur  Auswanderer  der  Deutschen  Kolonialgesellschaft  angegliedert,  und  der 
Herzog  fiihrte  selbst  den  Vorsitz  im  Auskunftsbeirat. 

Auch  das  Protektorat  uber  den  Hauptverband  der  Deutschen  Flotten- 
vereine  im  Auslande  ubernahm  der  Herzog. 

Noch  einmal,  Ende  des  Jahres  1909,  unternahm  der  Herzog,  begleitet  von 
seiner  zweiten  Gemahlin,  eine  groBe  Reise  nach  dem  fernen  Osten,  auf  der 
er  auch  das  Schutzgebiet  Kiautschou  besuchte. 

Der  Herzog  war  in  erster  Ehe  vermahlt  mit  der  Prinzessin  Elisabeth  von 
Sachsen- Weimar.  Nach  dem  am  10.  Juli  1908  erfolgten  Tode  vermahlte  er 
sich  zum  zweiten  Male  am  15.  Dezember  1909  mit  der  Prinzessin  Elisabeth 
von  Stolberg-RoBla.  Er  hatte  das  Gliick,  in  seinen  beiden  Gemahlinnen  Lebens- 
gefahrtinnen  zu  finden,  die  nicht  nur  seinen  Bestrebungen  voiles  Verstand- 
nis entgegenbrachten,  sondern  als  Ehrenvorsitzende  und  Vorsitzende  des 
Deutschen  Frauenvereins  fur  die  Kolonien  praktisch  an  seiner  Arbeit  teil- 
nahmen. 

Bis  zu  seinem  Tode  war  der  Herzog  President  der  Deutschen  Kolonial- 
gesellschaft und  der  unbestrittene  Fiihrer  der  kolonialen  Bewegung  in  Deutsch- 
land. Sein  an  Arbeit  und  Erfolgen  reiches  Leben  fand  seinen  tragischen  Ab- 
schluB  durch  den  Weltkrieg.  Noch  wahrend  des  Krieges  hat  sich  der  Herzog 
mehrfach  in  politischen  Missionen  betatigt,  besonders  bei  dem  AnschluB 
Bulgariens  an  die  Mittelmachte.  Den  Zusammenbruch  Deutschlands  konnte 
der  stolze,  von  leidenschaftlicher  Vaterlandsliebe  beseelte  Mann  nicht  iiber- 
leben.  Er  starb  am  verlorenen  Krieg. 


550  iQ2o 

I/iteratur:  Johann  Albrecht,  Herzog  zu  Mecklenburg  im  Deutschen  Koloniallexikon, 
Bd.  II,  S.  130/131.  —  Jahrbuch  iiber  die  Deutschen  Kolonien,  herausgegeben  von  Dr.  Karl 
Schneider,  Essen,  Verlag  G.  D.  Baedeker,  1908,  1.  Jahrgang,  S.  1 — 5.  —  Verhandlungen 
der  Deutschen  Kolonialkongresse  von  1902,  1905  und  191  o,  Verlag  von  Dietr.  Reimer, 
Berlin.  —  Kolonialzeitung  vom  Jahre  1895,  1908,  1909,  1920. 

Berlin.  Theodor  Seitz. 


v,  Kapp  von  Gultstein,  Otto,  Geheimer  Oberbaurat,  Ingenieur,  *  am  1.  Au- 
gust 1853  in  Rottenburg  a.  N.,  f  am  19.  Oktober  1920  in  Stuttgart.  —  Otto  K. 
studierte  an  der  Technischen  Hochschule  in  Stuttgart.  Nach  Ableistung  seiner 
Dienstpflicht  als  Einjahrig-Freiwilliger  im  Infanterieregiment  125  bestand  er 
das  erste  Staatsexamen,  worauf  er  1875  als  Regierungsbaufuhrer  bei  den 
wiirttembergischen  Eisenbahnamtern  Herrenberg  und  Bornstetten  beschaftigt 
wurde.  Nach  Beforderung  zum  Reserveoffizier  war  K.  1875/77  als  Baufuhrer 
bei  den  Hafenbauten  in  Wilhelmshaven  tatig.  Nach  bestandener  zweiter 
Staatspriifung  1877  zum  Regierungsbaumeister  ernannt,  blieb  er  bis  1881 
weiter  in  Wilhelmshaven  beschaftigt.  Alsdann  trat  er  Studienreisen  nach 
Holland,  Belgien  und  Frankreich  an.  Noch  im  selben  Jahre  trat  er  in  Paris 
in  den  Dienst  der  Regie  generate  de  Chemins  de  fer  et  Travaux  publics.  In  ihrem 
Auftrage  leitete  er  den  Bau  der  serbischen  Eisenbahnstrecken  Belgrad- 
Welikaplana-Semendria,  Nisch-Piret-Zaribrod  und  Wranja-Sibeftsche,  mit 
einer  Gesamtlange  von  244  Kilometern.  Der  Bau  dieser  Strecken  war  im 
Jahre  1887  beendet.  Im  Jahre  1888  leitete  er  als  Chefingenieur  den  Bau  des 
Kanals  von  Korinth.  In  den  Jahren  1889  bis  1899  war  KaPP  fa  der  Tiirkei 
tatig.  Unter  seiner  Leitung  erfolgte  der  Bau  der  kleinasiatischen  Eisenbahnen 
von  Ismid  nach  Angora  und  von  Alaschehir  nach  Afionkarahissar,  sowie  in 
der  europaischen  Tiirkei  der  der  Linien  von  Salonik  nach  Monastir  und  von 
Salonik  nach  Dedeagatsch,  zusammen  1469  Kilometer. 

Wahrend  seines  Aufenthaltes  in  der  Tiirkei  forderte  K.  in  hervorragender 
Weise  die  Interessen  der  deutschen  Kolonie.  Aus  eigenen  Mitteln  ermoglichte 
er  dem  deutschen  Verein  »Teutonia«,  der  ein  gesellschaftlicher  Sammelpunkt 
der  in  Konstantinopel  ansassigen  Deutschen  war,  den  Bau  seines  Vereins- 
hauses.  Auch  erstand  unter  seiner  Leitung  das  Haus  der  deutschen  Schule  in 
Konstantinopel. 

K.  gehorte  als  technisches  Mitglied  der  Studienkommission  an,  die  in  den 
Jahren  1899  bis  1900  von  der  Deutschen  Bank  zur  Ermittlung  der  besten 
Trace  fur  die  Bagdadbahn  ausgesandt  wurde,  deren  Bau  anlafllich  des  Be- 
suches  des  Deutschen  Kaisers  beim  Sultan  Ende  1898  beschlossen  und  der 
deutschen  Finanz  zugesichert  war. 

In  den  folgenden  Jahren  betatigte  sich  K.  wieder  fur  die  franzosische  Regie 
generate ;  als  ihr  Administrateur-deUdgue*  und  Generalinspektor  leitete  er  den 
Ausbau  der  syrischen  Bahnen  von  Rajak  iiber  Horns  nach  Aleppo,  sowie 
von  Horns  nach  Tripolis.  Fur  die  ebenfalls  franzosische  Smyrna-Cassaba- 
Eisenbahngesellschaft  baute  er  die  Linie  von  Soma  nach  Panderma.  In  China 
war  er  oberster  Leiter  beim  Bau  der  Bahn  von  Laekai  iiber  Mengtse  nach 
Jiinnansen.  Auch  in  Chile  betatigte  er  sich,  und  zwar  stand  unter  seiner  Lei- 
tung  der  Bau  der  Bahn  von  Cabilde  nach  Copiace.  Die  von  ihm  von  1901 
bis  1913  gebauten  Bahnen  hatten  eine  Lange  von  insgesamt  1667  Kilometern. 


Johann  Albrecht.  Kapp  von  Giiltstein.  Keller  551 

Daneben  leitete  K.  in  den  Jahren  191 1  bis  1913  die  Vorarbeiten  fur  die  in 
Albanien  und  Mazedonien  geplanten  Bahnlinien :  Monastir — Ochrida — Geritza 
— Jannina — Gomenitza — Ochrida — Dibra — Prisren — Radeste — Pristina — Mer- 
dare  und  Radeste — Skutari,  deren  Lange  auf  1560  Kilometer  angenommen 
wurde.  Gleichzeitig  erfolgten  unter  seiner  Mitwirkung  Vorarbeiten  fur  den 
beabsichtigten  Ausbau  des  turkischen  Bahnnetzes,  der  in  Kleinasien  die  Er- 
stellung  der  Strecken  Samsun — Siwas — Tschatta — Charput  Tschatta — Er- 
sindschan — Pekiridsch — Erzerum  und  Pekiridsch — Trapezunt,  und  in  Syrien 
bzw.  Palastina  die  Strecke  von  Rajak  nach  Ramleh,  zusammen  1740  Kilo- 
meter, ins  Auge  faBte. 

Auch  an  der  Hedschasbahn,  deren  Bau  von  1901  bis  1906  auf  Befehl  des 
Sultans  Abdul  Hamid  aus  Sammlungen  in  der  turkischen  Bevolkerung  durch 
tiirkisches  Militar  ausgef uhrt  wurde,  f  war  K.  nicht  unbeteiligt.  Er  wirkte 
sowohl  bei  der  Organisation  des  Baues  wie  auch  bei  der  SchluBabnahme  mit. 

Insgesamt  sind  unter  der  Leitung  von  K.  Vorarbeiten  fur  5800  Kilometer 
Bahnlange  bewaltigt  worden,  von  denen  4100  Kilometer  mit  einem  Kosten- 
betrage  von  insgesamt  840  Millionen  Franken  gebaut  wurden. 

Die  hervorragenden  Leistungen,  die  K.  wahrend  seines  Lebens  vollbrachte, 
fanden  nicht  nur  die  Anerkennung  seiner  Fachgenossen,  wurden  vielmehr 
auch  von  anderer  Seite  hoch  bewertet.  Der  Deutsche  Kaiser  zeichnete  ihn  1901 
durch  die  Verleihung  des  Titels  Kaiserlicher  Geheimer  Baurat  und  1905  durch 
die  des  Titels  Kaiserlicher  Geheimer  Oberbaurat  aus.  1897  erhielt  er  den 
personlichen  und  1905  den  erblichen  Adel  (v.  Kapp  von  Giiltstein).  1914  ver- 
lieh  ihm  die  Universitat  Tubingen  den  Dr.  ing.  h.  c. 

Literatur:  Akten  der  Deutschen  Bank  (Orientbureau),  Berlin  (zum  groflten  Teil  auf 
Grand  eigener  Angaben  K.s) . 

Berlin.  Hans  Igen. 

Keller,  Albert  v.,  Maler,  *  am  27.  Mai  1844  (nicht  1845,  wie  gewohnlich 
angegeben  wird)  in  Gais  (Kan ton  Zurich),  f  am  14.  Juli  1920  in  Miinchen.  — 
Albert  v.  K.  stammte  aus  dem  alten  Schweizer  Geschlecht  der  Keller  von 
Steinbock,  das  seit  dem  13.  Jahrhundert  in  Zurich  ansassig  war.  Da  sein 
Vater  bald  nach  seiner  Geburt  starb,  ubernahm  die  Mutter  die  Erziehung 
des  einzigen  Sohnes,  der,  vielseitig  begabt  und  fruhreif,  von  ihr  verwohnt 
wurde  und  schon  friih  die  Annehmlichkeiten  des  Reichtums,  der  groBen 
Welt  und  des  Reisens  kennenlernte.  Mitte  der  funfziger  Jahre  tibersiedelten 
sie  nach  Miinchen.  Die  Talente  und  Interessen  des  Knaben  waren  sehr  mannig- 
faltig;  abgesehen  vom  Klavierspiel,  das  er  seit  seinem  sechsten  Jahre  trieb 
und  bald  vollendet  beherrschte,  und  von  der  Malerei,  die  er  schon  mit  zehn 
Jahren  pflegte,  trieb  er  auf  dem  Gymnasium  spezialisierte  Sprachstudien 
und  gelangte  auch  in  der  Mechanik  so  weit,  daB  ihm  auf  der  Baireuther 
Industrieausstellung  1863  eine  selbstkonstruierte  Ubersetzungsdrehbank 
pramiiert  wurde. 

Dieser  Zersplitterung  der  Krafte  machte  sein  Abiturium  1863  ein  Ende. 
Zwar  studierte  er  nominell  in  Miinchen  Rechtswissenschaft,  doch  ging  sein 
Leben  jetzt  wesentlich  in  glanzender  Geselligkeit  auf.  Er  wurde  bald  Senior 
seines  Korps  Isaria,  machte  groBe  Reisen  und  genoB  das  I<eben  in  der  Ge- 


552  I920 

sellschaft,  bis  er  1865  die  Universitat  verlieB  und  sich  endgiiltig  fur  die  Ma- 
lerei  entschied.  Er  experimentierte  weiter  auf  eigene  Faust  und  mietete  1867 
ein  Atelier,  wo  er  von  seinen  Freunden  Lenbach  und  vor  allem  Ludwig  v.  Hagn 
mit  Ratschlagen  unterstiitzt,  besonders  Kopf-  und  Aktmalerei  trieb.  Len- 
bach vermittelte  ihm  auch  die  maBgebliche  Bekanntschaft  mit  Arthur  v.  Ram- 
berg,  dessen  Forderung  von  starkstem  EinfluB  auf  K.  war;  namentlich,  weil 
er  ihn  nicht  als  Schuler  behandelte,  sondern  ihn  zu  gemeinschaftlicher  Ar- 
beit in  sein  Atelier  in  der  Akademie  lud.  (Am  22.  Mai  1868  zog  K.  dort  ein.) 
Hier  trat  er  mit  den  GroBen  der  vergangenen  Generation  in  personliche  Be- 
ziehung,  mit  Wilhelm  Kaulbach,  Piloty,  Schwind.  Vor  allem  aber  lernte  er 
Leibl  und  seinen  Kreis  kennen  und  erhielt  die  bedeutendsten  Anregungen 
fiir  seine  Malerei.  1869  kam  Courbet,  gelegentlich  der  Ersten  Internationalen 
Kunstausstellung,  nach  Miinchen  und  verkehrte  auch  im  Rambergschen 
Atelier  (doch  konnte  K.,  entgegen  seinen  Erwartungen,  wenig  von  ihm  pro- 
fitieren,  weil  jener  lieber  mit  Leibl  in  den  Bierhausern  saB).  Von  groBerem 
EinfluB  war  die  mit  Ramberg  im  Herbst  1869  unternommene  Reise  nach 
Venedig,  wo  er  sich  an  Veronese  und  Tizian  bildete.  Seine  Lehrjahre  waren 
damit  abgeschlossen.  Er  verlieB  im  Herbst  1869  Rambergs  Atelier  und  malte 
fortan  in  seinem  eigenen  weiter;  seine  Domane,  das  Gesellschaftsstiick  und 
das  Bildnis  der  modernen  Dame,  hatte  sich  in  diesen  Jahren  innerlich  fest 
gebildet  unter  dem  Eindruck  von  Ramberg,  Stevens  und  den  Hollandern 
vom  Schlage  Terborchs. 

Doch  zeigt  das  erste  Bild  des  selbstandig  Gewordenen,  das  1869  *n  jener 
Internationalen  ausgestellte  » Satyr  und  Nymphe«,  noch  starke  Einflusse 
von  Tizian  und  Bocklin.  Zu  seinen  mondanen  Gesellschaftsstiicken  kam  K. 
auf  dem  Umwege  iiber  das  Rokoko,  zu  dem  ihn  ohne  Zweifel  I,,  v.  Hagn  an- 
geregt  hat:  1869  noch  entstand  der  »Saal  im  SchleiBheimer  SchloB«,  1870 
das  »Festmahl  aus  dem  17.  Jahrhundert«,  1871  eine  » Parkszene «,  1872  das 
Hauptbild  »Die  Audienz«.  Wie  sensibel  er  war  und  von  welchem  AusmaiJ 
sein  urspriingliches  Talent,  beweist  die  Tatsache,  daB  er  im  gleichen  Jahr 
1872  das  vollig  manierfreie,  der  Natur  souveran  nachgeschriebene  »Seebad 
in  Wyk  auf  F6hr«  malte,  dessen  Pleinair  wohl  auf  Anregungen  des  (1869 
gleichfalls  in  Miinchen  ausgestellten)  Manet  zuriickgehen  muB,  und  1871 
die  »Dame  mit  dem  Rohrfacher«,  die  mit  ihrem  schwarzen  Gesamtton 
als  ein  sehr  legitimer  Abkommling  der  Leiblschen  »Pariserin<(  von  1869 
erscheint . 

Nach  solchen  Schwankungen  entschied  er  sich  fiir  das  Gebiet,  das  ihm 
seine  ganze  Natur,  seine  heitere  Lebensauffassung,  sein  menschliches  Aristo- 
kratentum  nahelegten:  1873  debiitierte  er  mit  seinem  beriihmtesten  Gesell- 
schaftsstiick, » Chopin «  genannt,  in  dem  er  ein  dem  Leibl-Kreise  verwandtes 
Konnen  und  Feinheit  des  Farbenempfindens  zur  Darstellung  vornehmer 
Damentypen  in  gepflegtem  Interieur  verwandte.  Dieses  Genre  feintoniger 
Bildchen  in  Kabinettform,  das  dem  des  Belgiers  Stevens  und  Terborch  am 
nachsten  steht,  fand  groBen  Beifall  neben  wenigen  AuBerungen  eines  grund- 
losen  MiBf aliens,  und  er  kultivierte  es  wahrend  des  nachsten  Jahrzehnts  als 
seine  eigentliche,  ihm  vollkommen  angemessene  Domane.  Hervorzuheben 
sind  davon:  Herodias  1873;  Dame  in  blauem  Fauteuil;  Fraulein  M.  Cramer 
1874;  Die  Erinnerung  1875;  Die  letzten  Stiche  1876;  Der  Portratmaler  1878; 


Keller 


553 


Die  Horcherin  1880;  Dame  am  Schreibtisch,  Der  japanische  Schauspieler 
(zwei  Damen  in  Betrachtung  einer  Kostiimfigur)  1882;  Eine  Tasse  Tee  1883; 
Dame  in  Rot  vor  einem  Wascheschrank  1886. 

Inzwischen  begann  er  auch  mit  Darstellung  von  weiblichen  Akten  in  leicht 
romantischer  Auffassung,  die  zwischen  Boudry  und  Bocklin  die  Mitte  halten : 
Am  Strande  liegender  Akt,  Andromeda,  Akt  mit  Maske  1875;  Musikunter- 
richt  (zwei  Akte  am  Wasser)  1880.  In  den  achtziger  Jahren  wandelte  er  das 
Thema  ins  Antikisierende  um,  Alma  Tadema  folgend,  aber  in  weniger  zu- 
gespitzter,  etwas  naiverer  Form  als  dieser:  vor  allem  Besuch  der  Kaiserin 
Faustina  im  Junotempel  zu  Prameste;  Romische  Villa  (mit  Badenden), 
Romerin  am  Wasser,  samtlich  1882;  Romisches  Idyll  1884. 

K.s  Umwandlung  aus  dem  Maler  kleinformatiger  Gesellschaftsbilder  in  den 
Darsteller  anspruchsvoller  Sensationsstiicke  und  groBfiguriger  Portrats  ge- 
schah  allmahlich  im  L,auf  der  achtziger  Jahre.  DaB  er  sein  feines  Talent  in 
dieser  Weise  iiberanstrengte  und  illusorisch  machte,  ist  im  wesentlichen  auf 
das  Konto  der  Miinchener  Atmosphare,  des  unkiinstlerischen  Betriebes  jener 
Zeit  zu  setzen.  1873  war  seine  Mutter  gestorben,  1878  (am  28.  September) 
heiratete  er  nach  einer  romantischen  Entfuhrung  die  glanzende  Erscheinung 
Irene  v.  Eichthals.  Erst  seit  dieser  Zeit  begann  er  sich  starker  der  vornehmen 
Gesellschaft  von  Munchen  zu  widmen  und  ein  glanzendes  Haus  zu  fiihren. 
Seine  ersten  Portrats  von  Damen  in  ganzer  Figur  und  groBer  Toilette  be- 
ginnen  kurz  danach:  seine  Frau  und  Mimi  v.  Ramberg  1879  und  1880.  Erst 
seit  der  Mitte  der  achtziger  Jahre  aber  wurde  er  mehr  und  mehr  zum  Mode- 
maler  der  »distinguierten  Dame«  in  mondaner  Aufmachung,  der  Miinchener 
Modeschonheiten,  meist  in  ganzer  Figur  und  in  raffinierten  Stellungen  ge- 
nommen:  vor  allem  und  haufig  seine  eigene  Frau,  dann  Frau  v.  Le  Suire 
(1887),  Else  Fleischer,  Frau  v.  Kuhlmann  (1889),  Amalie  B.,  die  Kaiserin 
von  RuBland  (1898)  und  andere;  Iyieblingsmodelle  aus  der  Gesellschaft  por- 
tratierte  er  bisweilen  Dutzende  von  Malen  (wie  die  Baronin  W.). 

Den  Umschwung  bezeichnet  am  sichtbarsten,  mit  symbolischem  Nachdruck, 
die  groBe  Komposition  »Auferweckung  einer  Toten«  (Jairi  Tochterlein)  in 
der  Miinchener  Neuen  Pinakothek,  die  seinen  Namen  wohl  am  bekanntesten 
gemacht  hat,  1885  vollendet,  im  ersten  Entwurf,  noch  ganz  im  Geiste  Vero- 
neses,  bis  1877  zuriickreichend.  Uber  100  Entwiirfe  und  Einzelstudien  hat 
er  zu  dieser  groBen  figurenreichen  Darstellung  des  »Wunderrabbi«  Jesus 
gemalt;  einen  Sommer  in  Rom  verwendete  er  zum  Studium  antiker  Archi- 
tektur,  zahlreiche  Fassungen  entstanden  und  wurden  verworfen;  den  aus- 
schlaggebenden  EinfluB  empfing  er  aber  von  Munkacsy,  der  ihn  von  der 
Notwendigkeit  archaologischer  Treue  bis  ins  letzte  Detail  iiberzeugte.  So 
entstand  ein  Bild,  das  fur  die  Kenntnis  antik-orientalischer  Sitten  sehr  auf- 
schluBreich  ist  (fiir  Menzel  freilich,  der  es  lobte,  noch  nicht  ausgefuhrt  genug 
war),  als  religiose  Darstellung  aber  ebensowenig  zwingend  erscheint  wie  die 
Christusbilder  von  Uhde,  weil  es  ohne  religioses  Bediirfnis  aus  kalten  Uber- 
legungen  heraus  entstanden  ist.  Noch  weniger  konnen  die  spateren  Gemalde 
der  Art  iiberzeugen:  Kreuzigung,  Martyrerin,  S.  Julia  von  1894.  »Die  gliick- 
liche  Schwester«  1893,  eine  von  Nonnen  im  Kerzenlicht  betrauerte  (und 
wegen  ihres  Todes  beneidete)  Schwester  gehort  mehr  in  die  Kategorie  seiner 
pathologischen  Erfindungen. 


554  J92° 

Spiritistische  und  okkulte  Phanomene  beschaftigten  um  die  Mitte  der 
achtziger  Jahre  lebhaft  das  geistige  Miinchen,  unter  Fuhrung  von  Schrenck- 
Notzing  und  Gabriel  Max.  K.  beteiligte  sich  daran  im  wesentlichen  nur  als 
Maler;  ihm  kam  es  auf  den  entriickten  und  geheimnisvollen  Ausdruck  der 
weiblichen  Medien  und  ihrer  Situationen  an,  aber  sein  malerisches  Interesse 
geniigte  nicht,  diese  Bilder  aus  dem  Stadium  experimenteller  Sensationen 
herauszuheben.  Der  Kenner  der  modernen  Frauenpsyche  war  kein  Gestalter 
dramatischer  Charaktere  und  Situationen,  in  die  er  sich  jetzt  verstrickte. 
1886  beginnen  diese  Darstellungen  mit  einer  »Somnambule«  und  der  ersten 
Fassung  des  »Hexenschlafs«,  dem  er  1888  die  fur  ihn  endgiiltige  Form  gab 
(hypnotische  Unempfindlichkeit  des  mittelalterlichen  Mediums  gegen  Schmerz). 
Immer  wieder  tauchen  okkultistische  Probleme  in  seinem  Werk  auf:  1893 
»Die  gliickliche  Schwester«,  1894  »Martyrerin  «,  1896  »Somnambule«,  1900  die 
Bildnisse  des  Mediums  E.  Palladino,  1904  die  zahllosen  Varianten  der  Traum- 
tanzerin  Marie  Madeleine  (die  er  32mal  gemalt  hat),  die  peinlich  wirken,  weil 
hier  dem  penetranten  Theaterausdruck  keinerlei  glaubhaftes  Motiv  entspricht. 

Auch  sein  Aktmotiv  nahm  K.  in  wirkungsvollerer  Aufmachung  wieder 
auf.  Jetzt  handelte  es  sich  um  die  doppeldeutigen  Reize  pikanter  Situationen  : 
im  »Landschaftsmaler«  um  iiberraschte  Badende,  in  der  »Mondnacht«  (beide 
1890),  um  die  nachtliche  Verfuhrung  von  Monchen  durch  Waldnixen  (1893 
und  1897  wiederholt);  im  Paris-Urteil  (1891  und  1904)  um  das  entkleidete 
moderne  Weib  mit  Schniirtaille  als  Objekt  der  Mythologie.  Die  Deformation 
des  Frauenkorpers  durch  das  Wespenkorsett  entziickte  K.  uberhaupt  in 
ausschweifendem  MaBe;  die  Zahl  der  Akte,  die  als  Eva,  Schlangenbeschwo- 
rerin,  Erschrecken,  Waldnymphe,  Herbst  und  dergleichen  Allegorien  ent- 
standen,  ist  grofl  und  bezeichnend  fur  das  Niveau  der  Miinchener  Sezession 
um  1900.  Selbst  seine  Portrats  nahmen  in  seinen  letzten  Jahrzehnten  einen 
Anflug  sensationeller  Kokettierwut  an,  der  sie  aus  ernster  Diskussion  aus- 
scheidet  (beginnend  mit  der  genrehaften  Ganzfigur  seiner  Frau  1892);  hier 
steigt  er  bisweilen  bis  zum  Kaulbachschen  Niveau  herab.  Die  Buhnenbild- 
nisse  der  Camilla  Eibenschiitz  als  Lysistrate  (1909)  gehoren  hierher,  ebenso 
das  (erstaunlicherweise  als  modernes  Gegenstiick  zu  Veroneses  Gastmahlern 
gedachte)  » Diner*  von  1890,  in  dem  das  Oberflachenwesen  der  sogenannten 
besten  Gesellschaft  ein  wenigstens  dokumentarisches  Denkmal  erhielt. 

Zu  den  malerisch  gelungenen  Werken  gehort  die  1889  entstandene  t)ber- 
fuhrung  der  Leiche  von  Latour  d'Auvergne  mit  ihrem  menzelhaften  Reiz 
von  Uniformen  und  feierlichen  Mannern  in  hellstem  Sonnenlicht;  wenigstens 
die  Studien  dazu.  Das  fertige  Bild  geht  kaum  iiber  eine  gemalte  Tagessensa- 
tion  hinaus. 

Das  lebensfrohe  Dasein  K.s  mit  seinen  jahrlichen  Reisen  (am  oftesten 
nach  Paris)  und  groBartig  gepflegter  Geselligkeit  nahm  mit  dem  Tode  seines 
einzigen  Sohnes  (1906)  und  dem  seiner  sehr  geliebten  Gattin  (1907)  ein  Ende. 
Der  vornehme  Mann,  der  eher  wie  ein  Diplomat  als  ein  Kiinstler  wirkte,  der 
vollendete  Weltmann,  dessen  Beitritt  zur  Miinchener  Sezession  (1892)  ihr 
einen  unschatzbaren  Vermittler  mit  der  groflen  Welt  bedeutete,  zog  sich  fast 
ganz  aus  dem  offentlichen  Leben  zuriick  und  fand  Freude  nur  noch  in  seiner 
Kunst,  im  Klavierspiel  und  im  Umgang  mit  wenigen  Freunden,  von  denen 
ihm  Hugo  v.  Habermann,  nach  dem  Tode  der  anderen,  am  meisten  bedeutete. 


Keller.  Klinger  555 

Anerkennung  seiner  Zeitgenossen  wurde  ihmy  neben  geringer  Ablehnung, 
von  Anf ang  an  zuteil.  Eine  Atelierausstellung  von  1886  machte  ihn  beruhmt ; 
1905  und  1908  fanden  groBe  Oeuvre-Ausstellungen  in  Miinchen  statt.  1898 
wurde  er  geadelt. 

K.  gehort  zu  den  unbezweifelbaren  Talenten,  die  in  der  zweiten  Halfte  des 
19.  Jahrhunderts  das  Gesicht  der  deutschen  Kunst  bestimmten.  Sein  Schick- 
sal  ist  typisch  fiir  das  der  deutschen  Malerei  in  jener  Zeit:  urspriinglich  male- 
risch  hochbegabt,  von  feinster  Sensibilitat  fiir  die  Tonwerte  im  Bilde,  fiir 
die  Stofflichkeit  des  Boudoirs  und  die  Reize  mufiiggangerischer  gepflegter 
Weiblichkeit,  stent  sein  Debiit  auf  der  Hohe  malerischer  Kultur.  Er  hatte, 
wie  Scheffler  sagt,  »das  Zeug  zu  einem  Kleinmeister  der  Gesellschaftsmalerei; 
in  seinen  friiheren  Bildern  ist  das  Anekdotische  iiberwunden  zugunsten  einer 
reinen  Malerei  des  Zustandlichen «.  Aber  der  Ehrgeiz  des  Gesellschaftsmalers, 
das  Kapua-Klima  Miincliens  und  »die  Erbannlichkeit  des  deutschen  Kunst- 
publikums«  trieben  ihn  weiter,  iiber  die  ihm  gesteckten  Grenzen  hinaus.  Dem 
forcierten  Format  der  Lebensgrofle  entsprach  der  inhaltliche  Drang  nach 
Sensationen  und  unbedingter  Modernitat :  Historien,  Okkultes,  Antikengenre, 
Aktallegorie  nehmen  die  gleichen  Formen  einer  unzulanglichen  Pretention 
an  wie  das  lebensgroBe  Portrat  der  Mondane  in  Ganzfigur.  DaB  sein  feines 
Talent  hier  vergewaltigt  wurde  und  Zureichendes  nicht  hergab,  bemerkte 
weder  die  begeisterte  Mitwelt  noch  leider  er  selbst;  und  so  erfullte  sich  sein 
Schicksal  wie  das  von  l^enbach,  Def  regger,  Habermann  und  so  vielen  Miinchener 
Beruhmtheiten.  Sein  Werk  steht  als  ein  Torso  da,  von  ihm  werden  nur  die 
kleinen  Gesellschaftsstiicke  des  ersten  Jahrzehnts  als  kiinstlerischer  Wert 
lebendig  bleiben. 

Gemalde  von  ihm  finden  sich  in  den  Museen  von  Basel  (Das  Bilderbuch, 

Urteil   des    Paris    1891),    Berlin,    National-Galerie    (Damenportrat,    Garten 

Villa   Albani,    Der   Portratmaler),    Bremen    (Studie   zu   Chopin),   Hamburg 

(Musikunterricht,  Das  rote  Zimmer),  I^eipzig  (Bildnis  von  Frau  I,e  Suire), 

Miinchen,  Neue    Pinakothek  und  Staatsgalerie   (zwanzig  Werke,   darunter: 

Chopin,  Auferweckung  einer  Toten,  Latour  d'Auvergne,  Bildnis  seiner  Gattin), 

Wien,  Belvedere  (Dame  im  Lehnstuhl).  | 

Literatur:  Quellenwerk  ist  die  weitschweifige  Kiinstlermonographie  von  H.  Rosen  - 
hagen  (Velhagen  &  Klasing  1912).  —  Muther,  Gesch.  d.  Malerei  im  19.  Jahrh.,  Bd.  Ill, 
und  Gesch.  der  Malerei  (1909),  Bd.  Ill,  S.  5 18  f.  —  Pecht,  Gesch.  d.  Miinchener  Kunst. 
—  Rosenberg,  Gesch.  d.  modernen  Kunst  III,  S.  88,  und  Miinchener  Malerschule  seit  187 1, 
S.  43  ff.  —  R.  Hamann,  Die  deutsche  Malerei,  1925,  S.  384  ff.  —  K.  Scheffler,  Gesch.  d. 
europ.  Malerei,  Bd.  I  (1926),  S.  400,  und  in  Kunst  und  Kiinstler  XIX  (192 1),  S.  34  f.  — 
W.  Hausenstein,  Die  bildende  Kunst  d.  Gegenwart  (1914),  S.  139  ff.,  161,  226.  —  J.  Elias 
in  Kunst  und  Kiinstler  X  (1912),  S.  315  ff.  —  Zils,  Das  geistige  und  kiinstlerische  Miin- 
chen (191 3),  S.  191  (Selbst biographie) .  —  G.  J.  Wolff,  Kunst  und  Kiinstler  in  Miinchen 
(1908),  S.  96  ff.  —  Thieme,  Kiinstlerlexikon,  Bd.  20  (1927). 

Berlin.  Paul  F.Schmidt. 


Klinger,  Max,  Maler,  Bildhauerund  Radierer,  *  am  18.  Februan857  in  Leipzig, 
t  am  5.  Juli  1920  in  GroBjena  bei  Naumburg.  —  Es  ist  das  Schicksal  des  Genies, 
meist  erst  nach  dem  Tode  als  solches  erkannt  zu  werden.  Auch  K.  hat  dieses 
Schicksal  erfahren.  Man  hat  ihn  bei  Lebzeiten  zwar  bestaunt,  wohl  auch  be- 
wundert,  aber  niemals  recht  begriffen,  dafl  er  einer  von  den  ganz  GroBen  war, 


556  iq2o 

einer,  der  alles  aus  sich  selbst  schopfte  und  die  Welt  mit  Kostbarkeiten  iiber- 
schiittete,  deren  Wert  sie  nicht  zu  schatzen  wuBte.  Hatte  er  nicht  selbst  dafiir 
gesorgt,  daB  seine  bedeutendsten  Schopfungen  in  das  Museum  seiner  Vater- 
stadt  gelangten  —  sie  waren  zum  Teil  auch  wohl  heut  noch  nicht  in  f esten 
Handen.  Was  ihn  seiner  Generation  so  unverstandlich  machte,  war,  daJ3  er 
nicht  nach  den  ihr  bekannten  Regeln  schuf ,  daJ3  er  weder  sich  noch  andere 
wiederholte,  daB  er  mit  jedem  neuen  Werke  ein  anderes,  immer  schwierigeres 
Problem  angriff.  Weil  er  so  ganz  ein  Mensch  aus  Eigenem  war,  weil  er  sich 
nicht  darum  zu  kiimmern  schien,  was  die  anderen  machten,  wuBte  man  nicht 
viel  mit  ihm  anzufangen,  lieB  inn  gewahren,  aber  lachelte  auch  iiber  inn,  als 
iiber  einen,  der  Unmogliches  wollte.  Erklaren  laBt  das  alles  sich  damit,  daB 
K.  als  Kunstler  recht  eigentlich  auBerhalb  seiner  Zeit  stand.  Was  hatte  dieser 
Mann  mit  einer  Kiinstlergeneration  zu  tun,  die  in  der  Beobachtung  der  Wirk- 
lichkeit  ihr  letztes  Ziel  sah,  die  lediglich  Augenerlebnissen  nachging  imd  be- 
miiht  war,  jegliche  Art  von  Gefiihl  auszuschalten,  um  in  der  Erkenntnis  des 
Wirklichen  nicht  beirrt  zu  werden  ?  Phantasie  zu  haben,  gait  dieser  Generation 
fast  als  Verbrechen,  und  Gestaltungskraft  konnte  man  entbehren,  weil  sie  bei 
der  Wiedergabe  naturlicher  Erscheinungen  durchaus  uberfliissig  schien.  Man 
identifizierte  Gestaltmigskraft  nur  zu  gern  mit  Historienmalerei,  vor  der  man 
schaudernd  gerade  zuriickgewichen  war.  Auf  diese  Weise  kam  es  dazu,  daB 
man  in  der  Form  die  Kunst  iiberhaupt  sah  und  deshalb  nur  um  jene  sich  be- 
miihte.  Erreicht  wurde  auf  diesem  Wege  zwar  eine  Verbreiterung  und  Er- 
hohung  des  allgemeinen  Niveaus,  zugleich  aber  auch  ein  Niedergang  der  Kunst 
herbeigefuhrt.  Die  Zahl  der  Talente  wuchs  ins  Ungemessene,  aber  es  gab  keine 
Genies  mehr,  keine  iiberragenden  Erscheinungen  unter  den  Kiinstlern ;  denn 
von  dem  Begriffe  des  Genies  untrennbar  ist  der  Inhalt.  Wiirde  man  Diirer  und 
Rembrandt,  Raffael  und  Michelangelo,  Mozart  und  Beethoven,  Dante  und 
Goethe  als  Genies  feiera,  wenn  nicht  das  Inhaltliche  ihrer  Kunst  so  iiber- 
waltigend  ware?  Ganz  gewiB  nicht.  Und  die  Form  ihrer  Schopfungen  wurde 
vom  Inhalt  geboren.  Die  Form  an  sich  aber  ist  unfruchtbar.  Sie  wird  gefunden 
und  iiberliefert  und  kann  gelehrt  werden.  Indem  man  die  Kunst  allein  auf  die 
Form  stellte,  machte  man  sie  zu  einer  alltaglichen  Angelegenheit,  was  ihrem 
Wesen  aufs  nachdriicklichste  widerspricht  und  nicht  ohne  EinfluB  auf  ihre 
Stellung  im  BewuBtsein  des  Volkes  bleiben  konnte. 

Max  K.  war  als  Kunstler  eine  viel  zu  komplizierte  Personlichkeit,  als  daB  es 
moglich  ware,  ihn  in  die  allgemeine  Kunstbewegung  seiner  Zeit  einzuordnen. 
Realist  und  Idealist  in  einer  Person,  Traumer  und  Wahrheitssucher,  Dichter 
und  Musiker,  laBt  er  sich  auch  als  Mensch  nicht  leicht  auf  eine  Formel  bringen. 
Vielen  Einfliissen  unterworfen,  ist  er  doch  in  jeder  Phase  seiner  Entwicklung 
er  selbst,  eine  schopferische  Natur  von  ausgesprochen  deutscher  Eigenart. 
Gleich  zu  Beginn  seiner  Kiinstlerlaufbahn  breitet  K.,  noch  unbeschwert  von 
dem  Gedanken  an  technische  Schwierigkeiten,  den  Reichtum  seiner  Phan- 
tasie aus,  unbekummert  der  Formensprache  der  Flaxman,  Diirer,  Schwind  und 
Rethel  sich  bedienend.  Dann  erwacht  der  Wirklichkeitssinn  in  ihm,  gesteuert 
von  seinem  Lehrer  Gussow  und  vor  alien  Dingen  von  Menzel.  Des  Daseins 
ganzer  Jammer  faBt  ihn  an.  Er  philosophiert  mit  der  Radiernadel  iiber  soziale 
Note,  iiber  die  Ratsel  des  Lebens  und  des  Todes,  iiber  das  Weib  und  dessen  zer- 
storende  Macht,  wobei  ihm  Goya  eine  Art  Fuhrer  wird.  Eine  andere  Wendung 


Klinger  557 

bringt  ihn  dazu,  mit  dem  Thema  Christus  sich  auseinanderzusetzen,  und  er 
endet,  von  dem  Zauber  der  Antike  immer  wieder  erfaBt,  mit  einem  »  Christus 
im  01ymp«f  einem  Werke,  das  unter  der  Last  des  gedanklichen  Inhalts  fast 
erliegt.  Endlich  hat  er  sein  Bestreben,  die  erstarrten  Formen  der  Kunst  durch 
seelischen  Inhalt  neu  zu  beleben,  noch  auf  die  Plastik  ausgedehnt  und  auch  auf 
diesem  Gebiete  Schopfungen  von  unerhorter  Originalitat  hervorgebracht,  die 
zuweilen  allerdings  unter  einer  Uberlast  von  Tiefsinnigkeit  leiden  und  da- 
durch  dem  allgemeinen  Verstandnis  schwer  zuganglich  sind.  Wie  alle  Genies 
hat  K.  das  Bediirfnis  gefuhlt,  moglichst  viel  von  seinem  Innenleben,  seiner 
Weltanschauung  und  seinem  Denken  in  seine  Schopfungen  hineinzulegen,  und 
diese  dadurch  vielfach  der  schlagenden  Wirkung  beraubt.  Das  wurde  ihm  von 
der  Mitwelt  als  Fehler  angerechnet.  Man  nahm  als  Reflexion,  was  doch  nur 
innerer  Reichtum  und  Fiille  der  Gesichte  war.  Weshalb  soil  ein  Ktinstler  nicht 
fabulieren  diirfen?  Freilich  hat  ein  mit  klassischer  Bildung  ausgestatteter 
Mensch  einen  hoheren  und  weiteren  Gesichtskreis  als  etwa  ein  einfacher  Ar- 
beiter,  und  diesem  wird  deshalb  nicht  klar,  was  jener  sagt.  Aber  darf  man  dem 
Ktinstler  das  zum  Vorwurf  machen  ?  Sind  der  groBen  Menge  nicht  auch  Diirers 
»Melancholie«,  Michelangelos  »Sixtinische  Decked,  Raffaels  »Farnesina«  und 
Loggiengrotesken  unverstandlich  ?  Von  anderen  mythologischen  und  allego- 
rischen  Meisterwerken  ganz  zu  schweigen.  Nicht  jedem  Schaffenden  ist  es  ge- 
geben,  volkstumlich  zu  sein  und  zu  werden.  Das  darf  der  Bewunderung  fur 
ihn  jedoch  keinen  Abbruch  tun,  und  man  hat  ein  groBes  Unrecht  gegen  K.  da- 
durch begangen,  daB  man  ihn  in  einen  Topf  warf  mit  Cornelius  und  Wilhelm 
von  Kaulbach,  die  auch  in  ihren  Malwerken  wirklich  nichts  anderes  waren 
als  Erzahler  und  denen  niemals  eine  so  tief  empfundene  und  zugleich  so  be- 
zwingende  Schopfung  gelungen  ware  wie  K.s  unvergleichliches  Blatt  »An  die 
Schonheit«,  die  niemals  sein  »Parisurteil«  oder  seine  Wheure  bleuen  hatten  her- 
vorbringen  konnen.  Einer  spateren  Zeit  wird  es  beschieden  sein,  festzustellen, 
wie  hoch  K.  trotz  aller  poetischen  und  philosophischen  in  sein  Werk  ver- 
schlungenen  Ideen  allein  schon  durch  sein  Naturgef  iihl  und  sein  kunstlerisches 
Vermogen  iiber  jenen  steht.  Und  wenn  gesagt  wird,  daB  K.  in  seinen  machtigsten 
Werken,  also  im  » Christus  im  01ymp«  oder  im  » Beethoven «  nicht  einfach  ge- 
nug  sei,  so  darf  auf  diesen  Vorwurf  erwidert  werden,  daB  in  beiden  Fallen 
andere  Forderungen  erf  ullt  werden  muBten,  daB  ein  groBer  Gedankenkomplex 
nicht  mit  einem  Schlagwort  abgetan  werden  kann,  und  daB  es  auch  einige 
geistige  Anstrengung  erfordert,  das  Inhaltliche  von  Raffaels  »Disputa«  und 
»Schule  von  Athen«  oder  Michelangelos  Decke  in  der  Sixtina  zu  ergriinden.  Es 
gibt  genug  Schopfungen  des  Kiinstlers  von  grandioser  Einfachheit,  durch  die 
bewiesen  wird,  daB  er  nicht  mit  Absicht  das  Verstandnis  fiir  manche  seiner 
Werke  schwierig  gemacht,  sondern  daB  diese  Schwierigkeit  im  Inhalt,  in  der 
Idee  selbst  liegt. 

Anstatt  mit  einem  Schaffenden  von  so  auBerordentlicher  Potenz  wie  K.  zu 
hadern,  sollte  man  sich  lieber  des  Goetheschen  Wortes  erinnern,  daB  ein  Kunst- 
werk,  das  mit  kuhnem  und  freiem  Geiste  gemacht  worden,  auch  womoglich  mit 
solchem  Geiste  angeschaut  und  genossen  werden  mochte.  Was  kann  man  denn 
den  machtigen  Schopfungen  des  Leipziger  Meisters  aus  der  Produktion  der 
letzten  fiinfzig  Jahre  entgegenstellen !  Vielleicht  ein  paar  Bilder  von  Bocklin; 
doch  an  GroBartigkeit  des  Inhalts  reichen  sie  langst  nicht  an  die  Werke  K.s 


558  i92o 

heran.  Dieser  hatte  eben  die  hohere  geistige  Bildung  voraus.  Sicher  hat  kein 
anderer  Kiinstler  sich  schwierigere  Aufgaben  gestellt,  und  wenn  in  ein  paar 
Fallen  ihm  die  Losung  nicht  vollig  gelang,  so  bleibt  an  dem  Erreichten  doch  so 
viel  zu  bewundern,  daB  ein  Tadel  nur  ganz  behutsam  geauBert  werden  sollte. 
Nicht  zufallig  hat  Max  K.  als  Graphiker  begonnen.  Er  fuhlte  von  Jugend 
an  das  Bedurfnis,  mit  Ansichten  und  Fragen,  die  inn  beschaftigten,  sich  aus- 
einanderzusetzen.  Zu  diesem  Zwecke  standen  ihm  zuerst  keine  anderen  Mittel 
zur  Verfiigung  als  Stift  und  Feder.  Es  ist  seltsam,  daB  in  seinen  Jugendzeich- 
nungen  bereits  alle  die  Themen  angeschlagen  werden,  die  den  Werken  seiner 
reifen  Zeit  zugrunde  liegen.  Der  kiinstlerische  Ausdruck  ist  freilich  zu  Anfang 
noch  recht  unbestimmt,  von  den  verschiedensten  Vorbildern  beeinfluBt ;  aber 
schon  in  den  acht  Federzeichnungen  »Ratschlage  zu  einer  Konkurrenz  iiber 
das  Thema  Christus«,  mit  denen  K.  1877/78  einem  Kollegen  zu  Hilfe  kommen 
wollte,  offenbart  der  Genius  des  Kiinstlers  sich  in  ganzer  Starke  und  Origi- 
nalitat.  Christus  als  wandernder  Prediger,  Lehrer  des  Volkes,  Wundertater, 
Opfer  der  Bosheit  und  Erloser  wird  in  diesen  Blattern  zwar  in  moderner  Auf- 
fassung,  aber  doch  mit  so  viel  starker  und  groBartiger  Empfindung  dargestellt, 
daB  man  den  tiefsten  Eindruck  von  dem  Innenleben  und  dem  Konnen  des 
jungen  Kiinstlers  empfangt.  Das  Blatt  »Nach  der  Bergpredigt*  bietet  eine  Fulle 
von  psychologischen  Beobachtungen,   die  niemand   einem  Zwanzigjahrigen 
zutrauen  mochte.  Der  Geist  Menzels  stand  hinter  K.,  als  er  diese  Arbeit  schuf . 
Um  einer  groBeren  Offentlichkeit  seine  Ideen  zuganglich  zu  machen,  erlernt 
der  junge  Kiinstler  jetzt  die  Technik  der  Radierung  und  bringt  die  ersten  Ver- 
suche,  die  er  nach  Jugendentwiirfen  zusammenhanglos  herstellt,  unter  dem 
Titel  »Radierte  Skizzen«  als  Opus  I  heraus.  Fast  gleichzeitig  mit  diesen  poesie- 
vollen  Schopfungen  entsteht  sein  erstes  Bild,  das  durch  seine  Realistik  Auf- 
sehen  erregte.  »Spazierganger«  benannt,  zeigt  es  einen  jungen  Mann,  der,  von 
Strolchen  iiberfallen,  vor  einer  langen  Backsteinwand  steht  und  die  unschliissig 
gewordenen  Angreifer  mit  einem  Revolver  in  Schach  halt.  1879  uberrascht  K. 
seine  Verehrer  mit  einer  Radierungsfolge  »Rettungen  Ovidischer  Opfer «,  in 
der  er  zur  Darstellung  bringt,  wie  es  den  Opfern  der  Metamorphosen  moglich 
gewesen  ware,  vor  den  Verwandlungen  sich  zu  schutzen.  Eine  hochst  geistvolle 
und  lustige,  von  attischer  Grazie  erfullte  Angelegenheit,  die  den  Kiinstler  be- 
reits auf  der  Hohe  der  Radiertechnik  zeigt  und  in  Landschaftsschilderungen 
ganz  AuBerordentliches  bietet.  Mit  den  46  Originalradierungen  zum  Marchen 
des  Apulejus  »Amor  und  Psyche «  erreicht  Klinger  den  Gipfel  dieser  Art  Be- 
schaftigung  mit  der  Antike.  Ohne  Spur  einer  Anlehnung  an  Raffaels  Meister- 
werk  offenbart  der  Kiinstler  in  dieser  Arbeit  ein  so  f eines  Gef uhl  f iir  die  Freude 
der  Antike  an  schonen  Formen  und  anmutiger  Sinnlichkeit,  daB  er  mit  dieser 
Gabe  alle  Welt  entziickte,  nachdem  man  iiber  die  realistische  Phantastik  seiner 
» Paraphrase  iiber  den  Fund  eines  Handschuhs«,  mit  der  er  sich  ein  Erlebnis 
von  der  Seele  gelost,  sich  entsetzt  hatte.  Dieser  Handschuh,  im  Skating-Ring 
von  einer  Dame  verloren,  fur  die  der  Kiinstler  in  Liebe  entbrennt,  ist  vielleicht 
der  starkste  Beweis  fiir  den  Dichter  in  K.  und  ohne  Frage  eine  seiner  originell- 
sten  Leistungen.  Immer  tiefer  schurft  nun  der  Kiinstler  im  Seelischen.  Als 
nachstes  Ergebnis  legt  er  das  frei  nach  Goya  entstandene  Capriccio  »Eva  und 
die  Zukunft«  vor.  Weniger  ein  Zyklus  als  ein  geistreiches  Spiel  von  These  und 
Antithese,  indem  K.  den  einzelnen  biblischen  Vorgangen  je  ein  Gegenstiick 


Klingcr  559 

als  Zukunft  zur  Seite  stellt,  dabei  die  Eitelkeit  und  Sinnlichkeit  des  Weibes  be- 
tonend.  Wieder  faBt  er  dann,  wie  in  den  radierten  Skizzen,  eine  Anzahl  friiherer 
Entwiirfe  als  » Intermezzi «  zusammen,  unter  denen  die  Blatter  »Bar  und  Elfe«, 
die  unter  Bocklins  EinfluB  entstandenen  Zentaurenszenen  und  die  beiden  an 
alte  deutsche  Meister  gemahnenden  kdstlichen  Simpliziusblatter  wohl  die  ge- 
lungensten  sind.  Einige  Gebrauchsgraphiken  schlieBen  sich  an,  wie  die  Radie- 
rungen  fiir  die  Festschrift  zur  Erdffnung  des  Berliner  Kunstgewerbemuseums 
und  ein  Katalog-Titelblatt  fiir  Fritz  Gurlitt  »Phantasie  und  Kiinstlerkind «  so- 
wie  ein  Ehrendiplom,  dem  hochstens  ein  paar  Arbeiten  Menzels  in  dieser  Rich- 
tung  an  die  Seite  gestellt  werden  konnen.  Zwischenein  entstehen  auch  einige 
Bilder,  wie  die  groteske  »Gesandtschaft«  mit  dem  die  begehrlichen  Wiinsche 
zweier  wiirdiger  Marabuherren  einer  im  Wiistensande  liegenden  Schonen  vor- 
tragenden  Flamingo  und  der  »  Abend  «,  eine  Spielszene  im  Renaissancege- 
schmack,  zum  SchluB  die  Wandmalereien  fiir  die  Villa  Albers  in  Steglitz  (jetzt 
Nationalgalerie  und  Hamburger  Kunsthalle),  Iyandschaften  und  Meeresstim- 
mungen  im  Charakter  der  Bocklinschen  Kunst:  der  erste  Auftrag,  der  K. 
zuteil  wurde. 

Mit  dem  Pariser  Aufenthalt  (1883 — 1886)  vollzieht  sich  in  K.s  Schaffen  eine 
oder  eigentlich  die  entscheidende  Entwicklung.  Was  er  bisher  gemacht  hatte, 
schien  ihm  Kleinkram,  und  er  faBte  den  EntschluB,  der  Welt  zu  zeigen,  daB 
man  von  Malerschopfungen  der  Renaissance  noch  etwas  anderes  lernen  konne 
als  die  Pariser  und  Berliner  Kunstler  davon  profitiert.  AuBerdem  fuhlte  er  das 
Bediirfnis,  sich  auch  einmal  mit  der  Plastik  auseinanderzusetzen  und  zu  versu- 
chen,  ihr  neues  Blut  zuzufuhren.  Die  kostbare  Frucht  des  Pariser  Auf enthalts  war 
zunachst  das  zuerst  in  Berlin  ausgestellte  Kolossalgemalde  »Das  Parisurteih,  mit 
dem  K.  f  reilich  eine  der  hartesten  Enttauschungen  erlebte.  So  heftig  wurde  es  von 
der  Kritik  und  dem  Publikum  abgelehnt,  daB  der  Kunstler  das  Werk  von  der  Aus- 
stellung  zuriickziehen  wollte.  Was  war  geschehen  ?  Der  Maler  hatte  gewagt,  in  aus- 
gezeichnet  geschildertem  Freilicht  auf  einer  Gartenterrasse,  hinter  der  eine  herr- 
liche  Landschaft  sich  dehnt,  drei  prachtvolle,  stehend  dargestellte  Weiblich- 
keiten  zu  zeigen,  die  einem  sitzenden  nacktenjungenManne  sich  prasentieren. 
Die  eine  vollig  unbekleidet,  die  anderen  im  Begriff ,  die  Kleider  zu  losen.  Hinter 
dem  jungen  Mann  ein  abgewendet  stehender  ebenfalls  nackter  J  tingling .  Aber 
nicht  allein,  daB  K.  es  den  Betrachtern  seines  Bildes  uberlassen  hatte,  zu  ent- 
scheiden,  welche  der  drei  Gestalten,  Hera,  Pallas  oder  Aphrodite  sei  —  er  hatte 
dem  Bild  auch  eine  teils  plastische,  teils  gemalte  Umrahmung  gegeben,  die 
von  der  Asthetik  fiir  unannehmbar  erklart  wurde,  zumal  dazu  noch  zwei  Fliigel- 
bilder  gehorten,  mit  denen  sie  nichts  anzufangen  wuBte.  DaB  das  Werk  diesen 
architektonischen  AbschluB  notig  hatte,  um  die  von  K.  gewiinschte  Wir- 
kung  zu  tun,  begriff  sie  einfach  nicht,  wie  sie  ja  auch  nicht  verstanden  hatte, 
daB  der  Kunstler  die  Antike  und  die  Fruhrenaissance  in  einem  sehr  viel  feineren 
Sinne  aufgefaBt  als  Carstens  und  die  Nazarener.  Anstatt  von  der  Freiheit  und 
Kuhnheit  des  Bildes  begeistert  zu  sein,  wurde  es  von  den  Wachtern  des  guten 
Geschmackes  in  Grund  und  Boden  verdammt. 

K.  hatte  in  Paris  auch  als  Zeichner  gewonnen,  war  breiter,  malerischer  und 
sicherer  geworden.  Das  zeigt  sich  in  seinen  Radierungen,  die  technisch  immer 
reicher  werden,  wofiir  besonders  die  Menzeladresse  von  1884  sehr  bezeichnend 
ist.  Und  seine  Radierungen  von  f  iinf  Bildern  nach  Bocklin  konnen  wahre  Wun- 


560  1920 

der  der  tjbersetzung  von  Malwerken  in  die  Sprache  der  Radiernadel  genannt 
werden.  Auf  das  Landschaftliche  in  Bocklins  Bildern  hatte  K.  durch  vier  frei- 
komponierte  Landschaftsradierungen  sich  vorbereitet,  von  denen  besonders 
»die  Chaussee«  sehr  eindrucksvoll  ist.  Noch  in  Berlin  hatte  den  Kiinstler  eine 
seltsam  pessimistische  Stimmung  erfaBt,  die  ihn  dazu  trieb,  mit  den  Schatten- 
seiten  des  GroBstadtlebens  sich  zu  befassen.  Vielleicht  auch  wollte  er  zeigen,  dafi 
er  der  Wirklichkeit  nicht  gar  so  fern  stehe,  wie  man  nach  seinen  Phantasie- 
schopfungen  bisher  angenommen.  Zola  spukte  damals  in  alien  Kopfen,  nnd  K. 
zahlte  dem  franzosischen  Autor  seinen  Tribut  mit  den  Radiemngsfolgen  »Ein 
Iveben«  und  »Dramen«.  In  jenem  zeichnet  er  das  Leben  eines  verfuhrten  Weibes, 
das  von  Stufe  zu  Stufe  sinkt,  in  diesen  den  Untergang  einer  verarmten  Familie 
und  die  Marztage  des  Jahres  1848  mit  erschiitternder  Kraft,  nicht  als  Moral- 
richter  wie  Hogarth,  sondern  als  Verstehender  und  Mitfuhlender.  Ein  drittes 
Werk,  aus  dieser  Stimmung  entstanden,  ist  das  Arnold  Bocklin  gewidmete 
»Eine  Liebe«  mit  dem  herrlichen  Titelblatt,  das  die  Bocklinsche  Fabelwelt  aus 
dem  Urgrund  der  Erscheinungen  aufrauschen  laBt,  um  sie  in  Gestalt  einer  in 
Gemeinschaft  mit  Eros  Pfeile  versendenden  Aphrodite  zusammenzufassen.  In 
diesem  Opus  X,  mit  dem  der  Kiinstler  fast  ein  Jahrzehnt  sich  beschaftigt  hat, 
kommen  die  Errungenschaften  der  Pariser  Studienjahre  im  Reintechnischen 
ebenso  vollkommen  zum  Ausdruck  wie  das  Reifwerden  K.s  zu  der  Erkenntnis, 
dafi  er  zur  Erreichung  der  Meisterschaft  sich  beschranken  miisse.  Das  Inhalt- 
liche  —  die  heimliche  Liebe  zweier  Menschen  aus  einer  hoheren  Gesellschaf ts- 
klasse  mit  ihren  Folgen  —  ist  viel  konzentrierter,  ohne  Abschwenkungen  ins 
Allegorische  und  Phantastische  gegeben  und  daher  viel  verstandlicher  und 
wirkungsvoller  als  in  den  beiden  vorhergehenden  Folgen. 

In  Rom,  das  K.  im  Jahre  1888  aufsucht,  und  in  dem  er  mit  kurzen  Unter- 
brechungen  durch  Reisen  bis  1893  weilt,  reift  der  Kiinstler  zur  vollkommenen 
Meisterschaft  heran.  Sein  Genosse  ist  Stauffer-Bern,  mit  dem  ihn  Freundschaft 
und  gleiches  Streben  verbinden.  Wie  Diirer,  Holbein,  Burgkmair  und  Rethel 
fuhlt  er  das  Verlangen,  auch  seinerseits  mit  dem  Thema  Tod  sich  auseinander- 
zusetzen.  An  Fiille  der  Gesichte  iibertrifft  K.  in  diesem  Zyklus  (Opus  XI)  » Vom 
Tode  I  <(  ebensosehr  alle  Vorganger  wie  an  Tiefe  des  gedanklichen  Inhalts.  Und 
er  weiB  diesen  Eindruck  zum  unerhort  Gewaltigen  zu  steigern  in  der  Folge 
»Vom  Tode  II «  (Opus  XIII),  die  zum  Bedeutendsten  gehort,  was  iiberhauptje 
ein  Kiinstler  geschaffen.  Er  beschaftigt  sich  in  den  einzelnen  Blattern  weniger 
mit  dem  Tode  selbst  als  mit  den  irdischen  Machten,  die  ihn  herbeifiihren,  wie 
Ruhmsucht  Elend,  Krieg,  Fronarbeit  und  Krankheit.  Er  laBt  das  Ganze  aus- 
klingen  mit  dem  mutigen  Bekenntnis  des  Menschen,  daB  es  sich  immerhin  lohne 
zu  leben  und  zu  kampfen,  in  dem  Blatte  »Und  doch«  und  in  der  unsaglich 
ergreifenden  Huldigung  »An  die  Schonheit«  der  unsterblichen  Natur,  dem 
Jenseits  von  Gut  und  Bose,  vonSchicksal  undVerganglichkeit.  Auch  die  Form 
und  Technik  der  Radierung  ist  in  diesen  Blattern  zu  einer  Vollkommenheit 
gediehen,  die  nicht  leicht  zu  iiberbieten  ist  und  seit  vierzig  Jahren  auch 
noch  nicht  iibertroffen  wurde.  K.  hat  fur  das,  was  er  zu  sagen  hatte,  die 
Technik  sich  selbst  erst  geschaffen,  auch  hier  in  ein  Neuland  genial  vorgehend. 

Rom,  die  Nahe  des  Meeres  und  Stauffer-Berns  Zureden  brachten  K.  trotz  des 
Berliner  MiBerfolges  mit  dem  »Parisurteil«  wieder  zum  Malen.  Ein  liegender 
weiblicher  Akt  »Am  Strande«  und  die  von  einem  Triton  brunstig  umarmte 


Klinger  56 1 

»Sirene«  entstehen,  sowie  jene  im  Spiel  von  kalten  und  warmen  Tonen  so 
eigenartige  »Blaue  Stunde*  mit  den  drei  Frauen  am  Strande,  die  in  der  Dam- 
merung  ein  Feuer  am  Meer  entziinden.  In  seiner  Art  auch  ein  Meisterstiick, 
wie  es  in  Deutschland  bisher  noch  nicht  vorhanden  war.  Ebenfalls  in  Rom  ent- 
stand  das  Freilichtbildnis  seiner  Schwester,  auf  dem  Dache  eines  italienischen 
Hauses  sitzend,  mit  dem  er  sich  Rechenschaft  gab  iiber  die  in  Paris  getriebenen 
Freilichtstudien.  K.s  wichtigste  Schopfungen  der  romischen  Zeit  sind  indessen 
seine  »Pieta«  und  die  »Kreuzigung«.  Vielleicht  mit  dem  Blick  auf  irgendwelchen 
alten  deutschen  Meister  entstanden,  hat  die  »Pieta«  doch  letzten  Endes  nichts 
Altertumliches,  sondern  ist,  bis  auf  die  zeitlose  Tracht  von  Maria  und  Jo- 
hannes, ein  ganz  modernes  Freilichtbild,  aber  eines  mit  vollem  seelischen  Gehalt 
und  ernster  religioser  Empfindung  und  darin  ganz  deutsch.  Auch  in  der  »Kreuzi- 
gung«  muB  man  den  Charakter  des  Andachtbildes  feststellen,  obwohl  der 
Nachdruck  hier  mehr  auf  die  Gruppe  der  Leidtragenden  als  auf  den  Gekreuzig- 
ten  gelegt  wurde.  Wieder  ruht  wie  bei  dem  Parisurteil  die  monumentale  Wir- 
kung  auf  der  Betonung  der  Horizontale  und  Vertikale.  Gibt  er  in  dem  ganz 
nach  rechts  geriickten,  am  Kreuze  hangenden  Christus,  iibrigens  eine  Ideal- 
gestalt  hochsten  Ranges,  in  dem  Johannes  mit  dem  Beethovenkopf ,  in  der  vor 
Schmerz  zusammenbrechenden  Magdalena  und  der  sie  stiitzenden  Salome,  der 
in  ihrem  Weh  erstarrten  Gottesmutter  als  Individualitaten  dargestellten  Men- 
schen,  so  beschrankt  er  bei  dem  zuschauenden  Volke  sich  darauf,  Typen  zu 
geben:  streitende  und  beobachtende  Juden  und  gleichgultig  zuschauende 
Heiden.  Von  wunderbarer  Wirkung  der  Blick,  den  der  wie  iiber  Schmerz  und 
Tod  triumphierende  Heiland  mit  seiner  ihn  verstehenden  Mutter  wechselt. 
Auch  in  diesem  erhabenen  Werke  offenbart  K.  sich  als  ein  Meister  der  Seelen- 
schilderung,  des  geistigen  Ausdrucks.  Mit  der  »  Quelle*,  einem  herrlichen,  in 
ganzer  Figur  hochaufgerichtet  stehenden  Madchenakt  mit  dem  Hintergrund 
der  sonnenuberglanzten,  bluhenden  Campagna  findet  der  romische  Aufenthalt 
den  anmutigsten  AbschluB.  K.  kehrt  in  seine  Heimatstadt  zuriick,  wo  er  sich 
auf  dem  vaterlichen  Grundsttick  in  der  Karl-Heine-StraBe  ein  Haus  und  dazu 
ein  Atelier  erbaut,  in  dem  er  nicht  nur  Bilder  malen  kann,  sondern  auch  die 
Moglichkeit  hat,  sich  als  Bildner  zu  betatigen;  denn  aus  der  Ewigen  Stadt 
hatte  er  die  Uberzeugung  mitgenommen,  daB  er  auch  in  der  plastischen 
Form  etwas  Eigenes  und  Neues  zu  sagen  habe.  Zudem  bildeten  die  Versuche 
Stauffer-Berns  auf  dem  Gebiete  der  Bildhauerei  einen  Anreiz  fur  ihn. 

Schon  in  Paris  hatte  er  begonnen  zu  modellieren.  Eine  Beethovenfigur  war 
dort  1886  angefangen  worden  und  die  kleine  Statuette  einer  Tanzerin  sogar 
in  Bronze  gegossen.  Nun  reizte  es  ihn,  die  von  wissenschaftlicher  Seite  auf- 
geworfene  Frage:  »Sollen  wir  unsere  Statuen  bemalen?«  praktisch  zu  beant- 
worten.  Er  vollendete  1893  die  schon  in  Rom  begonnene  Halbfigur  einer  » Sa- 
lome*, indem  er  den  weiBen  Marmor  bemalte  und  ihm  Augen  aus  Bernstein 
einsetzte.  Obgleich  diese  Halbfigur  den  Eindruck  eines  Portrats  macht,  lag 
bei  K.  doch  die  Absicht  vor,  den  Typus  des  durch  seine  Schonheit  und  Launen- 
haftigkeit  alle  Welt  betorenden  Weibes  zu  geben,  das,  liistern  und  grausam  zu- 
gleich,  zu  allem  f ahig  ist  und  alles  erreicht.  Urn  diesen  sphinxhaften  Zug  hervor- 
zuheben,  bringt  er  iiber  dem  Sockel  der  Figur  noch  zwei  zu  ihr  hinaufschauenden 
Mannerkopfe  an,  in  denen  die  vernichtende  Wirkung  dieses  Frauentyps  gekenn- 
zeichnet  wird.  Nur  ein  Seelendeuter,  nur  ein  Kiinstler  wie  K.,  dem  die  Form 

DBJ  36 


562  *92o 

nichts  ist  als  GefaB  fiir  einen  Inhalt,  konnte  diese  Salome  schaffen,  in  der  jede 
Miene,  jede  Bewegung  lebt  und  Bedeutung  hat.  In  der  1895  folgenden  »Kassan- 
dra«  gibt  der  Kiinstler  das  Gegenstiick  zu  diesem  Typ  der  Mannerverfuhrerin, 
das  sorgende,  ahnungsvolle,  edle  Weib.  Die  Darstellungsmittel,  getonter  weiBer 
und  f  arbiger  Marmor,  Alabaster  und  Bronze,  steigera  die  Wirkung  insUngeheure, 
und  der  geistige  Ausdruck  ist  bis  ins  letzte  herausgeholt ;  doch  bleibt  das  Werk 
bei  allem  scheinbaren  Naturalismus  doch  vollkommen  in  der  Sphare  des  Erhabe- 
nen.  Noch  einmal  versucht  er Ahnliches  mit  der  Biiste  der  Elsa  Asenjeff,  schwar- 
zes  Marmorgelock  liber  einem  leichtgetonten  weiBen  Marmorgesicht.  Dann  die 
aus  einer  in  Griechenland  gefundenen  und  durch  die  Schonheit  ihres  Marmors 
den  Kiinstler  verlockenden  Treppenstufe  gebildete  armlose  »Amphitrite«,  die 
er  ebenfalls  bemalte,  und  das  »badende  Madchen«,  das  er  mit  Absicht  ohne 
Farbe  lieB,  um  zu  beweisen,  daB  er  ein  reines  Bewegungsproblem  genau  so 
gut  zu  losen  verstehe  wie  alle  anderen  Bildhauer  auch  und  nicht  der  Farbe 
bediirfe,  um  sich  als  Plastiker  zur  Geltung  zu  bringen. 

Im  Jahre  1896  beschaftigen  den  Kiinstler  wieder  Malergedanken.  Er  schafft 
Entwiirfe  fiir  das  Treppenhaus  des  Leipziger  Museums,  die  leider  nicht  zur 
Ausfuhrung  kamen,  und  dazu  die  Marmorfigur  einer  schreitenden  Muse.  Ein 
Jahr  spater  bringt  er  ein  drittes  Kolossalgemalde  mit  teilweise  gemalter,  teil- 
weise  plastischer  Umrahmung,  den  vielumstrittenen  »Christus  im  Olymp*, 
wohl  das  eigenartigste  Werk  des  ganzen  19.  Jahrhunderts.  Heidnische  und 
christliche  Religion  oder  Kultur  in  Einklang  zu  bringen  —  dieser  Versuch  war 
schon  Goethe  in  seinem  Faust  miBgliickt,  und  auch  K.  ist  es  nur  in  bedingtem 
MaBe  gelungen,  die  beiden  Gegensatze  von  der  Hohe  des  freien  Menschentums 
her  zu  vereinigen.  Nicht,  daB  der  Gedanke  dem  Malwerk  als  solchem  Schaden 
getan  hatte ;  aber  die  Fulle  der  Ideen  K.s  ist  zu  gewaltig,  um  das  Bild  zu  voller 
Wirkung  kommen  zu  lassen,  ja  sie  lenkt  die  Aufmerksamkeit  des  Betrachtenden 
von  dem  rein  kiinstlerischen  Gehalt  der  Schopfung  mehr  ab,  als  der  Kiinstler 
vielleicht  selbst  geglaubt  hat.  Und  doch  drangt  gerade  vor  diesem  Werke  die 
Empfindung  von  der  Bedeutung  und  Genialitat  der  K.schen  Personlichkeit 
besonders  stark  sich  auf.  Wie  Goethe  im  Faust,  Beethoven  in  seiner  »Neunten«, 
sprengt  K.  mit  dieser  Schopfung  kuhn  die  hergebrachte  Form,  und  weil  fiir 
dieses  Vorgehen  auf  dem  Gebiete  der  Kunst  nur  wenige  und  fiir  K.s  besonderen 
Fall  gar  keine  Beispiele  und  Vergleichsmoglichkeiten  vorliegen,  ist  jede  kritische 
Betrachtung  unangebracht.  Der  umfassende  Geist  mag  genieBen,  der  unselb- 
standige  aber  sich  belehren  lassen  und  gegenwartig  halten,  daB  spatere  Zeiten 
zu  Werken  dieser  Art  als  zu  den  hochsten  Offenbarungen  des  Menschengeistes 
aufzuschauen  pflegen. 

Fast  ebensoviel  Widerspruch  wie  der  »Christus  im  01ymp«  fand  der  » Beet- 
hoven «  K.s,  an  dem  dieser  von  1899 — 1902  gearbeitet  hat.  Auch  in  dieser 
Plastik,  die  aus  den  verschiedensten  Materialien  zusammengesetzt  ist —  Marmor, 
Bronze,  Porphyr,  Onyx,  Elfenbein  — ,  kommen  alle  Wesensseiten  des  Kiinst- 
lers  voll  zum  Ausdruck,  vor  allem  seine  groBe  Empfindung  und  sein  Reichtum 
an  Phantasie.  Er  hat  den  Himmel,  Erde  und  Holle  durchmessenden  Tondichter 
als  Heros  auf  dem  Thron  des  Gottervaters,  mit  dem  vor  ihm  sitzenden,  seiner 
Befehle  harrenden  Adler  dargestellt.  Die  zu  Fausten  geballten  Hande  ruhen 
auf  dem  rechten  Knie  und  versinnbildlichen  mit  den  gespannten  Ziigen  des 
Gesichts  den  Augenblick  starkster  gedanklicher  Konzentration.  Im  Hirn  des 


Klinger  563 

Meisters  kreist  eine  neue  Schopfung  und  will  geboren  werden.  Engel,  deren 
elfenbeinerne  Kopfe  aus  der  Riicklehne  des  bronzenen,  zum  Teil  vergoldeten 
Thronsessels  hervorschauen,  beobachten  den  Schopferakt.  Der  Thron  ist  an 
seinen  drei  AuBenseiten  mit  Reliefs  geschmiickt,  die  den  Widerstreit  der  christ- 
lichen  und  antiken  Weltanschauung  und  die  menschlichen  Triebe  zum  Gegen- 
stande  haben.  Wundervoll  die  farbige  Wirkung  des  Ganzen,  trotzdem  der 
obere  Teil  des  bis  zur  Hufte  nackten  Beethoven  weiB  geblieben  ist !  Nur  der 
aus  schwarzem  Marmor  gestaltete,  auf  einer  ins  Violette  spielenden  Marraor- 
wolke  sitzende  Adler  will  sich  nicht  recht  in  den  Gesamtaufbau  des  Werkes 
fiigen.  Vielleicht  ein  Kompositionsfehler,  vielleicht  auch  Absicht;  aber  das 
sollte  niemand  hindern,  das  vom  Kiinstler  Erreichte,  die  unvergleichliche  Wir- 
kung und  den  hohen  seelischen  Gehalt  seiner  Schopfung  anzuerkennen.  Wem 
ist  auch  nur  annahernd  Ahnliches  gelungen?  Rodin  hatte  recht,  als  er  dem 
Verfasser  gegeniiber  einmal  auBerte:  »Ich  bewundere  K.,  er  arbeitet  anders  wie 
ich,  aber  auf  seine  eigene  Art,  und  das  will  schon  etwas  sagen.  Der  starke  Aus- 
druck,  den  er  in  seine  Arbeiten  zu  legen  weiB,  ist  erstaunlich  und  bezeugt,  daJJ 
er  Genie  hat.« 

Das  innige  Verhaltnis,  das  K.  zur  Musik  besaB,  kommt  vielleicht  noch  be- 
redter  als  in  seinem  Beethoven  in  seinem  Radierwerk  »Die  Brahmsphantasie* 
(Opus  XII)  zum  Ausdruck.  Eine  iiber  alle  Begriffe  herrliche  und  einzige  Schop- 
fung, entstanden  aus  Empfindungen  und  Gesichten,  die  der  Kiinstler  beim 
Horen  Brahmsscher  Musik  und  Lieder  hatte.  Wie  Idyllisches  und  Heroisches, 
Alltag  und  Festesfreude,  Ergriffenheit  und  Trotz,  Menschliches  und  Gottliches 
in  diesen  musikalischen  Phantasien  sich  mischen  und  Gestalt  gewinnen,  ist 
iiber  alle  MaBen  schon  und  ein  Zeugnis  fur  den  Menschen  K.,  wie  es  glanzender 
nicht  gedacht  werden  kann.  Wer  angesichts  dieses  Werkes,  vor  der  dEvo- 
kation«,  dem  »Schicksalslied«  und  dem  »Fest«  keine  Ruhrung,  sein  Herz  nicht 
hoher  schlagen  fuhlt,  steht  der  Kunst  sicherlich  fern.  Die  »Brahrnsphantasie« 
ist  neben  einzelnen  Blattern  »Vom  Tode«  die  hochste  L,eistung  K.s  auf  dem 
Gebiete  der  Radierung  und  auch  von  ihm  selbst  nicht  wieder  iibertroffen 
worden.  Jedenfalls  halt  sein  letzter  Radierungszyklus  »Das  Zelt«  (Opus  XIV), 
1916  entstanden,  keinen  Vergleich  damit  aus,  weder  in  technischer  Beziehung 
noch  in  der  Gestaltung  des  frei  erfundenen  orientalischen  Marchens.  K.  hat 
auBer  einer  Reihe  prachtiger  Exlibris  auch  eine  Anzahl  ausgezeichneter 
Bildnisradierungen  geschaffen,  von  denen  die  von  Louis  Meder,  Karl  Lam- 
precht,  Elsa  Asenjeff,  Bankier  Konig  auf  dem  Totenbett  und  verschiedene 
Selbstportrats  genannt  seien. 

Nach  dem  »Christus  im  01ymp«  schrankte  K.  seine  Tatigkeit  als  Maler  mehr 
und  mehr  ein.  Noch  einmal  beschwort  er  in  dem  fur  die  Aula  der  Leipziger 
Universitat  geschaffenen  Wandbild  »Die  Bliite  Griechenlands«  die  groBen 
Geister  der  Antike,  laBt  Homer,  hingerissen  durch  die  Erscheinung  Aphro- 
ditens,  dem  griechischen  Volke  seine  Gesange  vortragen,  zeigt  den  Hain  der 
Akademie  mit  den  Gestalten  von  Aristoteles,  Plato,  Sokrates  und  Alexander 
dem  GroBen  und  breitet  hinter  diesen  Szenen  das  griechische  Meer  mit  seinen 
Inseln  in  so  seliger  Schonheit  aus,  wie  nur  er  es  vermochte.  Dem  1909  entstan- 
denen  Werke  folgt  19 18  ein  weit  schwacheres  fur  den  Saal  der  Stadtverordneten 
im  Chemnitzer  Rathaus.  Als  Thema  hatte  K.  »Arbeit,  Wohlstand  und  Schon- 
heit«  gewahlt.  Er  zeigt  auf  dem  Bilde  eine  italienische  Hafenstadt,  auf  deren 


564  1920 

Reede  ein  groBer  Ozeandampfer  liegt,  mit  dem  dazu  gehorigen  bewegten, 
farbenbunten  Leben,  inmitten  dessen  ein  von  Madchen  ausgefuhrter  Reigen 
ohne  Frage  etwas  seltsam  anmutet. 

Immer  bewuBter  wendet  sich  K.  nach  der  Fertigstellung  seines  » Beethoven* 
der  Plastik  zu.  Fur  die  Sammlung  der  Ny-Carlsberg-Glyptothek  (Kopenhagen) 
entsteht  eine  von  Aktaon  belauschte  »  Diana*.  Inhaltlich  recht  unverstandlich, 
als  Wiedergabe  einer  heftigen,  afle  Muskeln  in  Betrieb  setzenden  Bewegung 
jedoch  ausgezeichnet  ist  seine  riesige  Gruppe  »  Drama*  mit  dem  Athleten,  der 
mit  einem  Baumstamm  Steine  aus  einem  Felsen  bricht,  zu  dessen  Seite  ein 
sterbendes  Weib  liegt.  Auch  an  Bildhauerkonkurrenzen  beteiligte  der  Kunstler 
sich.  In  seinem  Brahms-Denkmal  fur  Hamburg  klingen  Motive  von  Rodins 
Victor-Hugo-Denkmal  und  dessen  Balzac  an;  trotzdem  ist  es  als  Ganzes  ein 
durchaus  originelles  und  bedeutendes  Werk  geworden.  Ein  fur  Leipzig  ge- 
plantes  Richard- Wagner-Denkmal  blieb  leider  unvollendet.  Wie  berufen  K. 
fiir  derartige  Schopfungen  war,  bezeugen  wohl  am  deutlichsten  seine  Portrat- 
biisten,  die  immer  die  engste  personliche  Beziehung  des  Kiinstlers  zu  seinem 
Modell  erkennen  lassen.  Er  hat  niemals  jemand  portratiert,  zu  dem  er  kein 
innerliches  Verhaltnis  besaB,  der  inn  personlich  nicht  irgendwie  interessierte. 
Mit  dem  Blicke  eines  Dichters  sah  er  in  die  von  ihm  wiederzugebenden  Men- 
schen  hinein  und  holte  alles,  was  von  Individualitat  in  ihnen  steckte,  kuhn,  ja 
riicksichtslos  heraus.  Ganz  eigentiimlich,  wie  er,  der  in  der  intimen  Wiedergabe 
von  Einzelheiten  sich  nicht  genug  tun  konnte,  dabei  doch  zu  starken  monu- 
mentalen  Wirkungen  kommt !  Man  sehe  seinen  Liszt,  Nietzsche,  Reger,  Bran- 
des,  Richard  Wagner,  seinen  Wilhelm  Wundt,  Karl  Lamprecht,  Wilhelm  Stein- 
bach  und  Lingner,  wie  da  iiberall  das  Wesentliche  des  Menschen,  sein  Charakter 
im  groBen  intuitiv  getroffen  ist.  Nichts  von  sklavischer  Nachahmung  der 
Natur,  sondern  Freiheit  der  Auf f assung  und  starkes  Betonen  der  individuellen 
Ziige;  kein  Versuch  zu  stilisieren;  dafur  aber  der  Stil,  der  aus  dem  seelischen 
Zustand  und  Vermogen  des  Dargestellten  sich  ergab,  also  der  wahre,  aus  der 
Aufgabe  selbst  sich  entwickelnde  Stil.  So  sehr  unterschieden  die  einzelnen 
Biisten  K.s  voneinander  sind  — ■  immer  wird  man  sie  als  Werke  seiner  Hand 
erkennen,  und  das  ist  ein  Beweis  daf iir,  daB  er  auch  in  technischer  Beziehung 
individuell  arbeitete,  ein  originell  Schaffender  war.  Wenige  von  den  deutschen 
Bildhauern  konnten  sich  entschlieBen,  das  anzuerkennen.  Die  meisten  sahen 
in  K.  nicht  viel  mehr  als  einen  begabten  Dilettanten,  nicht  den  groBen  Men- 
schen, das  Genie,  das  hinter  dem  geringsten  seiner  Werke  stand  und  ihn  Schon- 
heiten  finden  HeB,  an  denen  sie  selbst  achtlos  voriiberzugehen  sich  gewohnt 
hatten. 


Max  K.  kam  in  Leipzig  am  18.  Februar  1857  zur  Welt.  Sein  Vater,  Heinrich 
Louis  K.,  war  der  wohlhabende  Besitzer  einer  groBen  Seifenfabrik,  der  selbst 
kiinstlerische  Neigungen  hatte  und  mit  Freude  sah,  daB  solche  auch  bei  seinem 
SproBling  von  fruh  an  sich  zeigten.  Als  Kind  bereits  beschaftigte  Max  K.  sich 
mit  Zeichnen  und  komponierte  im  zehnten  Jahr  ein  Bildchen,  das  den  An- 
gehorigen  die  t)berzeugung  beibrachte,  daB  der  Sohn  unter  alien  Umstanden 
Maler  werden  miisse.  Auf  der  Schule  eignete  K.  sich  jenen  Schatz  klassischer 
Bildung  an,  der  aus  seinen  spateren  Werken  so  laut  spricht,  daB  man  meinen 


Klinger  565 

mochte,  er  habe  ein  nicht  geringes  Privatstudium  daran  gewendet  und  sei  der 
Liebling  des  Lehrers  gewesen,  der  den  altsprachlichen  Unterricht  auf  dem 
Gymnasium  geleitet.  Mit  sechzehn  Jahren  verlieB  er  die  Schule,  urn  sogleich 
die  Karlsruher  Akademie  zu  beziehen  und  in  die  Klasse  Karl  Gussows,  dem 
damals  alle  Schuler  zuliefen,  einzutreten.  Als  Gussow  von  Anton  v.  Werner 
1875  an  die  Berliner  Akademie  berufen  wurde,  folgte  ihm  K.  ohne  weiteres 
dahin.  Gussow  verkorperte  fiir  die  malende  Jugend  jener  Zeit  die  unbedingte 
Ehrlichkeit  gegeniiber  der  Natur,  und  in  der  Tat  wuBte  er  den  jungen  Leuten 
Gefiihl  dafiir  beizubringen,  daB  man  sich  erst  ordentlich  die  Wirklichkeit  an- 
sehen  und  sie  als  Zeichner  und  Maler  studieren  miisse,  ehe  man  ans  Bildermalen 
gehen  diirfe.  Zu  seinem  Ruhme  soil  gesagt  werden,  daB  er  als  erster  das  Genie- 
hafte  an  dem  jungen  K.  vollkommen  erkannt  hat  und  den  Schuler  dement- 
sprechend  behandelte.  Wahrend  die  anderen  genau  das  tun  muBten,  was  er 
anordnete,  erfreute  K.  sich  jeglicher  Freiheit.  Nicht  nur,  daB  er  kommen  und 
gehen  konnte,  wann  und  wie  er  wollte,  er  durfte  auch  machen,  was  ihm  beliebte. 
Gussow  nahm  keinen  Anstand  daran,  daB  die  Studien,  die  der  junge 
Leipziger  bei  ihm  zeichnete,  mit  dem  Modell  wenig  Ahnlichkeit  hatten ;  er  sah 
in  ihm  nur  den  auBerordentlich  begabten  Menschen,  der  seiner  Meinung  nach 
sich  selbst  schon  zurechtfinden  wurde.  Nur  wo  dieser  ihn  um  Rat  anging,  er- 
wies  er  sich  ihm  behilflich.  Um  die  Studiengenossen  kummerte  K.  sich  so  gut 
wie  gar  nicht.  Er  hatte  seinen  eigenen  Kreis,  in  dem  philosophiert  und  Literatur 
getrieben  wurde.  Im  Jahre  1876/77  geniigte  er  seiner  Mihtarpflicht  als  Ein- 
jahriger  beim  8.  Sachsischen  Infanterieregiment  Nr.  7,  arbeitete  jedoch  nach- 
her  noch  bis  1879  in  Gussows  Atelier.  Dann  hielt  er  sich  einige  Zeit  in  Briissel 
und  Miinchen  auf,  kehrte  indessen  wieder  nach  Berlin  zuriick,  wo  er  1878  seinen 
»Spazierganger«  ausstellte.  In  dieser  Zeit  begeisterte  er  sich  besonders  fiir 
Menzel,  dessen  EinfluB  schon  in  den  Zeichnungen  zum  »Thema  Christus«  un- 
verkennbar  ist.  Von  1883  bis  1886  halt  ihn  Paris  fest.  Aufs  eifrigste  ist  er  dort 
bemuht,  die  neuen  Eindriicke,  die  er  von  der  franzosischen  Kunst  erhalt,  fiir 
seine  Zwecke  zu  verarbeiten.  Neue  Plane  reifen  ihm  heran,  und  als  eine  nun 
in  sich  gefestigte  Personlichkeit  kehrt  er  wieder  nach  Berlin  zuriick.  Er  lebt 
jetzt  in  einem  Kreise  junger  Kunstler,  die  in  ihm  ihr  geistiges  Oberhaupt  sehen 
und  von  denen  Stauffer-Bern  und  Ernst  Moritz  Geyer  ihm  personlich  am 
nachsten  standen.  Als  die  Freunde  nach  Italien  gehen,  halt  es  auch  K.  nicht 
mehr  in  der  Reichshauptstadt.  Er  trifft  mit  ihnen  1889  in  Rom  wieder  zu- 
sammen,  wo  sie,  gegenseitig  sich  anfeuernd,  fleiBig  arbeiten  und  mit  Inbrunst 
in  sich  aufnehmen,  was  die  Ewige  Stadt  an  Kunst  und  Natur  bietet.  In  dieser 
romischen  Zeit  findet  K.  das  Bediirfnis,  seine  Kunst  durch  eine  Schrift  »Malerei 
und  Zeichnung«  dem  Verstandnis  der  Mitwelt  naherzubringen  und  zu  erklaren. 
Kern  und  Mittelpunkt  aller  Kunst  ist  fiir  ihn  der  Mensch  und  der  menschliche 
Korper.  Nur  ihm  gegeniiber  vermoge  eine  selbstandige  Naturauffassung  sich 
zu  entwickeln.  Er  tritt  fiir  die  Darstellung  des  nackten  Korpers  ein,  weil  die 
Gelenke  es  seien,  die  das  Verstandnis  des  menschlichen  Korpers  vermitteln, 
seinen  Aufbau  und  seine  Bewegungen  erklaren.  Es  sei  daher  ein  Unding,  gerade 
jene  Gelenke,  in  denen  der  ganze  Oberkorper  sich  tragt,  mit  Stoffstreifen  zu 
verhangen.  Der  wahre  Kiinstler  wird  dem  Keim,  der  Seele,  der  Idee  im  Bilde 
groBen  Raum  gewahren  und  daher  am  besten  sich  Stoffe  suchen,  mit  denen  er 
und  die  Menge  von  friih  auf  vertraut  sind.  Er  fordert  Deutlichkeit  des  Aus- 


566  1920 

drucks  und  Einfachheit  des  rein  kiinstlerisch  zu  erfassenden  Gedankens  und 
spottet  iiber  die  Geschichtenerzahler,  die  die  natiirliche  ruhige  Form  des  Bildes 
zwecks  Unterhaltung  des  Publikums  vemichtet  hatten.  Wer  Geschichten  er- 
zahlen  wolle,  diirfe  sich  nur  der  Zeichnung  bedienen. 

K.  kehrt  1893  nach  Deutschland  zuriick  tind  laflt  sich  nunjnehr  in  Leipzig 
nieder.  Elsa  Asenjeff  wird  seine  Muse  aber  auch,  nachdem  die  Liebe  zu  ihr  kalt 
geworden,  in  gewissem  Sinne  sein  Verhangnis.  Unzufrieden  mit  ihr  und  sich 
selbst,  sucht  er  Betaubung,  die  seinem  durch  ununterbrochene  Arbeit  ohnehin 
geschwachten  Korper  nicht  gut  tut.  Als  kranker  Mann  zieht  er  sich  schlieBlich 
auf  einen  in  Thuringen  erworbenen  Landsitz  zuriick,  wo  er,  nachdem  er  kurz 
vor  seinem  Ende  noch  mit  der  treuen,  in  seiner  Pflege  sich  aufopfernden  Leiterin 
seines  Hauses  die  Ehe  geschlossen,  am  5.  Juli  1920  die  Augen  zu  dem  Schlafe 
auf  ewig  schlieBt. 

Es  ist  nicht  anzunehmen,  dafl  K.  es  je  zu  der  Volkstiimlichkeit  Schwinds, 
Ludwig  Richters,  Bocklins  oder  Hans  Thomas  bringen  wird.  Dazu  sind  seine 
Schopfungen  nicht  klar,  nicht  einfach  genug,  zuweilen  von  zu  viel  Schulgelehr- 
samkeit  beschwert.  Er  umfangt  die  von  ihm  dargestellte  Welt  nicht  immer  mit 
jenem  urspriinglichen  Gefuhl,  das  die  anderen  Menschen  mitreitft,  ihnen  eine 
Glucksempfindung  gibt.  Ohne  Zweifel  ist  er  eine  Schopfernatur;  doch  steht 
er  eine  Spur  iiber  seinen  Geschopfen,  sie  nicht  selten  kritisch  oder  ironisch  be- 
trachtend,  wodurch  seine  Kunst  zuweilen  den  Charakter  des  VerstandesgemaBen 
erhalt.  In  seinen  vorziiglichsten  Werken  indessen  steckt  so  viel  echtes  Leben, 
so  viel  Gefuhlswarme  und  innere  GroBe,  daB  eine  uberwaltigende  Wirkung  von 
ihnen  ausgeht,  der  auch  der  sich  nicht  entziehen  kann,  dem  ihr  Inhaltliches 
nicht  bis  ins  letzte  klar  wird.  Der  hohe  Schwung  seiner  Phantasie,  seine  tief- 
sinnigen  Deutungen  der  Weltratsel,  sein  Ringen  urn  das  Ideal  und  sein  Stre- 
ben  nach  Schonheit  kennzeichnen  K.  nicht  nur  als  echten  Deutschen,  sondern 
auch  als  einen  Kiinstler,  der  seiner  Gesinnung  und  seinen  Leistungen  nach  zu 
den  groBen  Meistern,  zu  den  Unsterblichen  gehort. 

Literatur:  Eigene  Schrift:  Malerei  und  Zeichnung,  Privatdruck,  Leipzig  1891,  spatere 
Auflage  Leipzig  1895.  —  Wilhelm  Bode,  Berlins  Malerradierer,  Graph.  Kunste  XIII  (1890), 
Wien.  —  Fr.  H.  Meiflner,  Westermanns  Monatshefte  LXXI  (1891/92.)  —  Cornelius  Gurlitt, 
Kunst  fur  Alle  X  (1894).  —  Emile  Michel,  Gazette  des  Beaux- Arts  (1894).  —  H.  W.  Singer, 
Studio  V  (1895).  —  Derselbe,  Grenzboten  IV  (1897).  —  Julius  Vogel,  M.  K.,  Leipzig  1895. 

—  F.  H.  MeiBner,  Das  Kiinstlerbuch  II,  1899.  —  B.  Haendcke,  M.  K.  als  Kiinstler  (Kunst 
der  Neuzeit),  StraBburg  1899.  —  Max  Schmid,  M.  K.,  Kunstlennonogr.,  Velhagen  &  Kla- 
sing,  Bielefeld  und  Leipzig  1899.  —  Georg  Treu,  M.  K.  als  Bildhauer,  Leipzig  1900.  —  L. 
Brieger-Wasservogel,  M.K.  (Manner  der  Zeit  12),  Leipzig-Berlin  1902.  —  Karl  Scheffler, 
M.  K.  (Der  Lotse  II),  1902.  —  W.  Gensel,  M.  K.  (Turmer-Jahrbuch,  1903.  —  Elsa  Asen- 
jeff, Das Musikalische  inK.sSchaffen.  Musik,  Wochenschrift  15  (1905). —  Eugen  Kalk- 
schmidt,  M.  K.  als  Bildhauer,  Westermanns  Monatshefte  L  (1905).  —  Paul  Kiihn,  M.  K., 
Leipzig  1907.  —  Franz  Servaes,  M.  K.,  Die  Kunst,  Bd.  4,  Berlin  1908.  —  Julius  Vogel, 
M.  K.,  Ein  Riickblick  und  ein  Ausblick  (Kunst  fur  Alle  XXIV.),  1909.  —  Max  Lehrs, 
Al.  Hummel  und  M.  K.  (Zeitschr.  f.  bild.  Kunst)  1915.  —  Willy  Pastor,  M.  K.,  Berlin 
19 18.  —  Zum6o.  Geburtstag:  Einil  Orlik,  Fritz  v.  Ostini,  Karl  Scheffler,  Franz  Servaes, 
Fritz  Stahl.  —  Zum  Tode:  C.  Meder,  C.  Bauer,  J.  Coulin,  Julius  Vogel,  L-  Grimm, 
Ferdinand  Avenarius,   E-  Delpy,  Curt  Glaser,  Julius  Meyer-Grafe,  Hans  Rosenhagen. 

—  Adolf  Rosenberg,  M.  K.s  Federzeichnungen  (Chronik  fur  vervielf.  Kunst),  Wien 
1888.  —  Max  I,ehrs,  M.  K.s  Brahmsphantasie  (Zeitschr.  fur  bild.  Kunst  N.  F.  VI),  1893. 

—  Paul  Kiihn,  Das  Dresd.  Kupferstichkabinett  und  die  Slg.  Klingerscher  Handzeich- 
nungen  (Deutsche  Kunst  und  Dek.),  1898  II.  —  W.  Gensel,  Wandgemalde  in  der  ehem. 
Villa  Albers  (Zeitschr.  f.  bild.  Kunst  N.  F.  XIII),   1902.  —  F.  Becker,  dasselbe  ebenda 


Klinger.  Korner  567 

N.  F.  XVI.,  1905. —  Paul  Schumann,  Christus  im  Olymp,  Dresden  1899. —  Derselbe, 
M.  K.s  Vom  Tode  (Kunst-Chron.  N.  F.  XVI),  1909.  —  H.  W.  Singer,  M.  K.,  Radie- 
rungen,  Stiche  und  Steindr.,  Wissensch.  Katalog,  1909,  Amsler  &  Ruthardt,  Berlin.  — 
Derselbe,  M.  K.s  Epithalamia  (Kunstchronik  N.  F.  XIX),  1909.  —  Josef  Strzygowski, 
K.sBrahmsphantasie  in  offentl.  Vorfuhrung  (D.  Kunst  XXXI,  1916).  — E.  Delpy,  M.  K.s 
neuer  Radierzykl.  Das  Zelt  (Velh.  &  Klas.  Monatsh.  191 7).  —  J.  Elias,  Dasselbe  (Kunst 
und  Kiinstler  XV),  191 7.  —  Julius  Vogel,  K.s  Kreuzigung  im  Mus.  der  bild.  Kiinste  zu 
Leipzig,  19 1 8.  —  Elsa  Asenjeff,  M.  K.s  Beethoven.  Eine  kunsthist.-techn.  Studie.  Leipzig 
1908.  —  Julius  Vogel,  K.s  Leipziger  Skulpturen,  Leipzig  1902.  —  Weitere  Literaturnach- 
weise  in  Thieme-Beckers  Kiinstlerlexikon,  Leipzig  1927. 

Berlin.  Hans  Rosenhagen. 

Korner,  Bernhard  Emil,  Divisionsgeneral  a.  D.  der  chilenischen  Armee, 
*  am  10.  Oktober  1846  in  Wegwitz  (Kreis  Merseburg),  f  am  20.  Marz  1920  in 
Berlin. 

Im  September  1924  berichteten  zahlreiche  deutsche  Zeitungen  von  im- 
posanten  Feierlichkeiten  in  Santiago,  der  Hauptstadt  Chiles,  gelegentlich 
der  Beisetzung  der  sterblichen  Reste  eines  gebiirtigen  Deutschen,  des  Generals 
Emilio  Korner.  In  Deutschland  selbst  wuftten  1924  nur  noch  wenige  von  dem 
Wirken  dieses  Mannes,  und  doch  verdient  sein  Name  fur  alle  Zeiten,  vor  allem 
auch  in  Deutschland,  der  Vergessenheit  entrissen  zu  werden. 

K.  war  der  Sohn  eines  L,andwirtes  in  der  Provinz  Sachsen.  Die  Grundlagen 
zu  seinem  spateren  umfassenden  Wissen  und  Wirken  erhielt  er  zu  Halle  a.  S. 
auf  der  Realschule  erster  Ordnung,  an  der  er  1866  die  Abiturientenpriifung 
bestand,  um  am  14.  Juli  1866  als  Offizieraspirant  in  das  Magdeburgische 
Festungsartillerieregiment  Nr.  4  einzutreten.  Er  besuchte  die  Kriegsschule 
Hannover  und  wurde  am  25.  Februar  1868  zum  Sekondeleutnant  ernannt. 
Nachdem  er  vom  1.  Oktober  1869  bis  30.  Juni  1870  zur  vereinigten  Artillerie- 
und  Ingenieurschule  kommandiert  gewesen  war,  nahm  er  am  Deutsch-Fran- 
zosischen  Kriege  1870/71  mit  Auszeichnung  teil.  Gelegentlich  der  Belagerung 
von  Paris  wurde  er  dem  Kommandeur  der  Artillerie  des  Ostangriffs  und  von 
diesem  der  mit  der  BeschieBung  der  Werke  und  Lager  auf  dem  Mont  Avron 
beauftragten  4.  Kompagnie  des  Pommerschen  Festungsartillerieregiments  Nr.  2 
zugeteilt.  Als  Fiihrer  der  von  dieser  Kompagnie  besetzten  Belagerungsbatterie6 
gab  er  am  27.  Dezember  1870  um  7  Uhr  45  vormittags  den  ersten  deutschen 
ArtillerieschuB  auf  Paris  ab  und  brachte  zusammen  mit  den  Batterien  5  und  7 
die  sich  kraftig  wehrende  franzosische  Artillerie  des  Mont  Avron  vollig  zum 
Schweigen,  wofiir  ihm  das  Eiserne  Kreuz  2.  Klasse  verliehen  wurde. 

Vom  1.  September  1871  bis  30.  Juni  1872  war  er  zur  Selekta  der  vereinigten 
Artillerie-  und  Ingenieurschule  kommandiert  und  bereits  mit  der  Fuhrung  der 
2.  provisorischen  Batterie  betraut.  Am  26.  Oktober  1872  in  das  Magdebur- 
gische Feldartillerieregiment  Nr.  4  versetzt,  besuchte  er  vom  1.  Oktober  1873 
bis  24.  Juli  1876  die  Kriegsakademie.  Wahrend  dieser  Zeit  war  er  zu  je  einem 
dreimonatigen  Zwischenkursus  zum  Infanterieregiment  Nr.  71  und  zum 
Dragonerregiment  Nr.  6  kommandiert.  Am  15.  Mai  1875  wurde  er  zum  Premier- 
leutnant  befordert  und  in  das  Thuringische  Feldartillerieregiment  Nr.  19  ver- 
setzt. Auf  der  Kriegsakademie  befand  er  sich  im  gleichen  Jahrgang  mit  den 
nachmaligen  Generalfeldmarschallen  v.  Hindenburg  und  Freiherr  v.  d.  Goltz 
und  dem  spateren  General  Meckel,  dem  Organisator  des  japanischen  Heeres. 


568  1920 

Mit  alien  drei  verband  ihn  auch  spater  eine  enge,  den  gleichen  Interessen  ent- 
springende  Freundschaft. 

Vom  i.  Februar  1879  aD  war  K.  zur  ArtillerieschieBschule  kommandiert, 
an  die  er  dann  am  23.  August  1881  als  Lehrer  der  Taktik  und  Kriegsgeschichte 
versetzt  wurde,  nachdem  er  bereits  am  22.  Marz  1881  zum  Hauptmann  und 
Batteriechef  befordert  worden  war. 

So  wissenschaftlich  und  militarisch  aufs  beste  vorbereitet  und  auBerdem 
durch  Reisen  nach  Italien,  Spanien  und  Afrika  umfassend  weitergebildet, 
wurde  er  vom  preuBischen  Kriegsministerium  der  chilenischen  Regierung  auf 
deren  Bitten  als  Instruktionsoffizier  namhaft  gemacht  und  nahm  am  18.  Au- 
gust 1885  seinen  Abschied  aus  dem  preuBischen  Heeresdienste. 

Am  17.  September  1885  wurde  K.  als  Major  in  das  chilenische  Heer  iiber- 
nommen  und  I^ehrer  der  militarischen  Dienstzweige  an  der  Militarschule  in 
Santiago  de  Chile.  Damit  begann  fur  ihn  eine  ebenso  rasche  und  glanzende, 
wie  wohlverdiente  Laufbahn.  Schon  am  9.  Marz  1886  wurde  er  zum  Oberst- 
leutnant  befordert  sowie  gleichzeitig  1.  Subdirektor  der  Militarschule,  und  am 
12.  Juli  1887  L,ehrer  der  militarischen  Dienstzweige  an  der  Kriegsakademie. 
In  dieser  Stellung  unterrichtete  er  fast  alle,  die  es  spater  im  chilenischen  Heere 
zu  Rang  und  Ansehen  gebracht  haben.  Leicht  ist  es  fur  K.  nicht  gewesen,  sich 
in  so  kurzer  Zeit  in  Chile  eine  derart  einfluBreiche  Stellung  zu  erringen ;  denn 
das  chilenische  Heer  blickte  damals  bereits  stolz  auf  eine  ruhmreiche,  in 
mehreren  siegreichen  Kriegen  aus  eigener  Kraft  geschaffene  Tradition  zuruck. 

Das  Jahr  1891  wurde  fur  K.s  weitere  Laufbahn  von  entscheidender  Bedeu- 
tung.  Der  damalige  Prasident  Chiles,  Balmaceda,  versuchte  mit  alien  Mitteln 
und  ungewohnlicher  Energie,  sich  unter  Ausschaltung  der  konstitutionellen 
Regierung  zum  Diktator  zu  machen.  In  Treue  und  Dankbarkeit  stellte  sich 
K.  auf  die  Seite  derjenigen,  die  ihn  ins  Land  berufen  und  angestellt  hatten, 
der  rechtmaBigen  chilenischen  Regierung  und  Volksvertretung.  Am  12. Mai  1891 
zum  Chef  des  Generalstabes  des  konstitutionellen  Heeres,  das  von  seinen 
Gegnern  und  der  Geschichte  falschlich  als  »Opositores«  bezeichnet  wurde, 
ernannt,  leitete  er  mit  dem  Oberstkommandierenden,  Coronel  Estanislao  del 
Canto,  den  Krieg  gegen  die  Anhanger  der  Diktatur  des  Prasidenten  Balma- 
ceda, der  in  der  Schlacht  bei  Concon  am  21.,  im  Gefecht  bei  Vina  del  Mar 
am  23.  sowie  in  der  Schlacht  von  Placilla  am  28.  August  1891  entscheidend 
geschlagen  wurde  und  sich  schlieBlich,  verfolgt  und  umstellt,  das  Leben  nahm. 
An  der  Seite  des  siegreichen  del  Canto  zog  der  am  18.  Juli  1891  ebenfalls 
zum  Coronel  beforderte  Stabschef  K.  in  Santiago  ein,  mit  einem  Schlage 
einer  der  popularsten  Manner  Chiles.  In  rascher  Folge  drangten  sich  fiir  ihn 
jetzt  Ehrungen  und  Beforderungen.  Bereits  am  21.  November  1891  wurde  er 
Brigadegeneral  und  am  13.  Februar  1892  L,ehrer  fiir  angewandte  Taktik  und 
Militargeographie  an  der  Kriegsakademie.  Seit  dem  1.  September  1892  war 
er  Vorsitzender  einer  Kommission  des  chilenischen  Kriegsministeriums  zur 
Reorganisation  der  Nationalgarde. 

Am  9.  April  1895  wurde  er  zum  Divisionsgeneral  befordert  und  am  1.  Ok- 
tober  des  gleichen  Jahres  zum  Chef  des  GroBen  Generalstabes  der  chilenischen 
Armee  ernannt.  Am  6.  April  1897  wurde  er  kommandierender  General  der 
Truppen  von  Santiago  und  am  28.  Juni  1902  Mitglied  einer  Kommission  zur 
Reorganisation  des  chilenischen  Heeres.  In  dieser  Kommission  gelang  es  ihm, 


Korner  569 

nicht  nur  die  Einfiihrung  der  allgemeinen  Wehrpflicht  in  Chile,  sondern  auch 
die  Organisation,  Ausbildung,  Bekleidung  und  Bewaffnung  des  chilenischen 
Heeres  ganz  nach  deutschem  Vorbild  durchzusetzen. 

Am  3.  Mai  1904  wurde  General  K.  Generalinspekteur  und  Oberstkomman- 
dierender  des  ganzen  chilenischen  Heeres,  er  vereinte  damit  und  mit  dem 
ihm  bereits  friiher  verliehenen  Titel  eines  1.  Divisionsgenerals  zum  ersten  und 
einzigsten  Male  die  drei  hochsten  Stellen  der  chilenischen  Armee  in  seiner 
Person.  In  diesen  Stellungen  verblieb  er  bis  zu  seiner  Verabschiedung  wegen 
Erreichung  der  gesetzmaBigen  Altersgrenze  am  19.  April  1910,  worauf  er 
seinen  Wohnsitz  wieder  in  Berlin  nahm. 

Neben  den  vorgenannten  Organisationskommissionen  hat  K.  seit  1892 
auch  noch  zahlreichen  anderen  Kommissionen  des  chilenischen  Staates 
und  Heeres  angehort,  unter  anderen  denen  fur  die  Ausarbeitung  der 
Reglements  fiir  die  verschiedenen  Waffengattungen,  fiir  die  Befestigung 
und  Bestiickung  der  chilenischen  Hafen  Valparaiso  und  Talcahuano,  fiir 
die  Umbewaffnung  der  chilenischen  Infanterie  mit  kleinkalibrigen  Mehr- 
ladegewehren  und  der  Artillerie  mit  Schnellfeuergeschiitzen.  Seine  ganz  be- 
sondere  Aufgabe,  die  ihn  seit  1892  jedes  zweite  Jahr,  zuweilen  noch  ofter^ 
nach  Europa  fuhrte,  war  die  Auswahl,  Erprobung  und  Beschaffung  modernen 
Kriegsmaterials.  Als  er  zu  diesem  Zwecke  auch  die  franzosische  Artillerie- 
schule  in  St.  Cyr  besuchen  sollte,  lehnte  die  damalige  franzosische  Regierung 
seine  Kommandierung  dorthin  unter  Berufung  auf  die  BeschieBung  des  Mont 
Avron  durch  ihn  im  Jahre  1870  ab.  Die  chilenische  Regierung  setzte  dann 
dieses  Kommando  doch  durch,  wobei  allerdings  auch  der  Wunsch  Frank- 
reichs,  sich  an  den  Waffenlieferungen  fiir  Chile  zu  beteiligen,  mitwirkte. 

Der  chilenischen  Waffenabnahmekommission  in  Deutschland  gehorte  Gene- 
ral K.  auch  nach  seiner  Verabschiedung  standig  noch  bis  zum  Weltkriege  an. 
Wahrend  dessen  Dauer  sammelte  er  in  Berlin  einen  Kreis  chilenischer  Offi- 
ziere  um  sich,  mit  denen  er  in  regelmaBigem  regen  Gedankenaustausch  die 
Kriegsereignisse  und  die  daraus  zu  ziehenden  Folgerungen  kritisch  erorterte. 
Den  Niederschlag  dieser  Besprechungen  hat  er  in  einem  umfangreichen  Ma- 
nuskript  niedergelegt,  an  dessen  Veroffentlichung  ihn  leider  die  ungiinstigen 
Nachkriegsverhaltnisse  in  Deutschland  und  sein  Tod  hinderten. 

Verheiratet  war  K.  seit  dem  10.  Juli  1887  mit  Mathilde  Junge,  der  Tochter 
des  damaligen  deutschen  Generalkonsuls  in  Santiago. 

Dem  letzten  Wunsche  des  Generals  entsprechend  wurde  seine  Leiche  im 
Jahre  1924  nach  Chile  iibergefuhrt,  um  in  der  Erde  des  Landes  die  letzte 
Ruhestatte  zu  finden,  dessen  Wohl  er  seine  ganze  Kraft  gewidmet  hatte, 
und  das  ihm  dadurch  zur  zweiten  Heimat  geworden  war. 

Die  chilenische  Regierung  ordnete  Ehrungen  an,  die  sonst  nur  den  im  Kriege 
gefallenen  hoheren  Offizieren  und  im  Dienste  todlich  verungliickten  Militar- 
fliegern  zustehen.  Nachdem  am  25.  Juli  1924  der  Sarg  in  Valparaiso  von  Ab- 
ordnungen  der  hochsten  Regierungs-,  Militar-  und  Marinebehorden,  sowie  der 
ganzen  Garnison  dieser  Hafenstadt  in  Empfang  genommen  worden  war,  wurde 
er  am  26.  im  Extrazuge  nach  Santiago  iibergefiihrt.  In  der  Militarschule 
hielten  die  Zoglinge  dieses  Instituts  an  den  sterblichen  Resten  des  einstigen 
Organisators  und  Direktors  die  letzte  Totenwache,  bis  dann  am  27.  die  end- 
gtiltige  Beisetzung  auf  dem  Zentralfriedhof  von  Santiago  in  der  »Gruft  der 


570  1920 

Armee<(  stattfand.  Diese  Beisetzung  ist  wohl  die  gewaltigste  Kundgebung  ge- 
wesen,  die  je  einem  Deutschen  fiir  seine  Verdienste  im  Auslande  zuteil  ge- 
worden  ist ;  sie  bewies  so  recht  erst,  was  General  K.  fiir  die  chilenische  Repu- 
blik  gewesen  war.  Auf  einer  Lafette  wurde  der  Sarg  von  Vertretern  der  obersten 
Behorden,  den  Zoglingen  der  Militarschule  und  ehemaligen  Schiilern  des 
Generals  personlich  den  mehr  als  eine  Stunde  langen  Weg  zum  Kirchhof  ge- 
zogen.  Die  ganze  Garnison  Santiagos  bildete  die  Trauerparade  in  ihren  glan- 
zenden,  der  deutschen  Friedensuniform  gleichenden  Paradeuniformen.  Noch 
einmal  erinnerten  Vertreter  aller  maflgebenden  Stellen  Chiles  an  die  unver- 
ganglichen  Verdienste  des  Verblichenen  fiir  Chile  und  im  Sinne  deutsch- 
chilenischer  Freundschaft,  die  selbst  alle  Verleumdungen  unserer  Feinde 
wahrend  des  Weltkrieges  iiberdauert  hat. 

Von  deutscher  Seite  waren  diese  Verdienste  des  Generals  K.  bereits  vor 
dem  Weltkriege  anerkannt  und  dadurch  gewiirdigt  worden,  daB  ihm  1893 
der  Rote-Adler-Orden  2.  Klasse  mit  Schwertern  und  190 1  der  Kronenorden 
1.  Klasse  verliehen  wurden.  Das  deutsche  Volk  hat  heute  mehr  denn  je  alien 
Grund,  auf  ein  derartiges  Wirken  eines  groCen  Deutschen  im  Auslande  fiir 
das  Deutschtum  stolz  zu  sein  und  seiner  dankbar  zu  gedenken. 

Literatur:  Personalbogen  b.  Reichsarchiv,  Abtlg.  Berlin.  —  Mil.  Wochenblatt  19 10, 
Nr.  161.  —  Deutsche  Zeitung  fiir  Chile  vom  25.,  26.,  27.  und  28.  Juli  1924.  —  Berliner 
Borsen-Zeitung  vom  21.  September  1924.  —  »Memoria  del  Ejercito  de  Chile«  vom  April 
1920.  —  Nachlafl  und  Familienpapiere im  Besitz  der  Witwe,  Frau  General  K.,  BerlinW  62, 
Keithstr.  20.  —  Personlich  e  Mitteilungen  des  Sohnes,  Ingenieur  Tito  Korner,  Santiago  de 
Chile. 

Potsdam.  Martin  Reymann. 


Legien,  Karl,  Vorsitzender  des  Allgemeinen  Deutschen  Gewerkschaftsbundes, 
*  am  1.  Dezember  1861  in  Marienburg  i.  Westpr.,  |  am  26.  Dezember  1920 
in  Berlin.  —  Nach  dem  friihen  Tode  beider  El  tern  war  L.  im  Stadtischen 
Waisenhaus  in  Thorn  erzogen  worden  und  erlernte  in  funfjahriger  Lehrzeit 
von  1875  bis  1880  in  Thorn  das  Drechslerhandwerk.  Als  Geselle  ging  er  188 1 
auf  die  Wanderschaft  und  arbeitete  in  verschiedenen  Stadten  Deutschlands, 
von  Oktober  1886  ab  in  Hamburg.  Hier  kam  er  bald  in  fiihrende  Stellung 
in  der  Arbeiterbewegung.  Vorwiegend  betatigte  er  sich  in  der  Gewerkschafts- 
bewegung.  Der  Sozialdemokratischen  Partei  war  er  schon  1885  in  Frank- 
furt a.  M.  beigetreten.  Auf  Anregung  des  Hamburger  Drechslerfachvereins 
wurde  1887  die  Vereinigung  der  Drechsler  Deutschlands  ins  Leben  gerufen 
und  L.  zu  ihrem  Zentralvorsitzenden  gewahlt.  In  dieser  Eigenschaft  bereiste 
er  zu  Propagandazwecken  alle  grofieren  Stadte  des  Reiches  und  wurde  so 
schon  fruhzeitig  als  Redner  und  Organisator  weit  bekannt.  Von  1889  an  wurde 
er  mit  700  Mark  Jahresgehalt  besoldet. 

Ende  der  achtziger  Jahre  bestanden  rund  60  Gewerkschaftsverbande  fiir 
die  verschiedenen  Berufe,  die  jedoch  untereinander  keine  organisatorische 
Verbindung  hatten.  Das  Sozialistengesetz  von  1878  und  die  darauf  begriin- 
deten  behordlichen  Verfolgungen  hatten  auch  die  Gewerkschaften  in  Deutsch- 
land  im  Anfang  zunachst  fast  vollig  vernichtet  und  nach  ihrem  spateren 
Wiederaufleben  in  ihrer  Entwicklung  und  organisatorischen  Ausgestaltung 
stark  gehemmt.  Als  im  Oktober  1890  das  Sozialistengesetz  fiel,  tagte  schon 


Korner.  Legien  571 

wenige  Wochen  darauf  die  Gewerkschaftskonferenz  in  Berlin,  die  die  General- 
kommission  der  Gewerkschaften  Deutschlands  einsetzte.  L.  wurde  zum  Vor- 
sitzenden  der  Generalkommission  gewahlt.  Er  hatte  der  Konferenz  einen  aus- 
gearbeiteten  Satzungsentwurf  vorgelegt,  der  den  Zweck  verfolgte,  die  be- 
stehenden  Zentralverbande  verwandter  Bernfe  untereinander  zu  verbinden, 
um  sie  »in  ihrem  Wirkungskreis  leistungsfahiger  zu  machen  und  besonders 
durch  die  Regelung  der  Unterstutzung  bei  Streiks  und  Aussperrungen  die 
Widerstandsfahigkeit  zu  heben«.  Die  Konferenz  hatte  sich  jedoch  darauf  be- 
schrankt,  die  Kommission  zu  wahlen  mit  dem  Auftrag,  einen  allgemeinen 
GewerkschaftskongreB  einzuberufen  und  diesem  einen  Entwurf  fiir  eine  Ver- 
bindung  der  Gewerkschaften  vorzulegen. 

Damals  bestand  noch  der  Streit  iiber  die  Frage,  ob  fiir  die  Gewerkschaften 
die  Lokalorganisation  oder  die  Zentralisation  die  bessere  Form  der  Organi- 
sation sei.  Die  Lokalisten  wollten  die  Gewerkschaften  gleichzeitig  als  Instru- 
mente  des  politischen  Kampfes  gebrauchen,  politischen  Vereinen  aber  war 
durch  die  Vereinsgesetze  verboten,  miteinander  in  Verbindung  zu  treten.  Die 
Zentralisten  hielten  nicht  nur  die  Zusammenfassung  der  Berufsorganisationen 
iiber  das  ganze  Reich  fiir  eine  unerlaBliche  Voraussetzung  dauernder  gewerk- 
schaftlicher  Erfolge,  sondern  betonten  auch  die  Notwendigkeit  politischer 
Neutralitat,  um  alle  Arbeiter  ohne  Riicksicht  auf  ihre  politische  Richtung  in 
den  Gewerkschaften  vereinigen  zu  konnen.  In  der  Generalkommission  war 
von  Anfang  an  nur  die  zentralistische  Richtung  vertreten,  die  von  L.  mit 
Energie  gefiihrt  wurde.  Sein  Organisationsplan,  den  er  schon  der  Berliner 
Konferenz  unterbreitet  hatte,  wurde  in  den  Grundzugen  in  die  KongreB- 
vorlage  der  Generalkommission  aufgenommen  und  fand  auch  die  Zustimmung 
einer  zweiten  Vorkonferenz,  die  im  September  1891  in  Halberstadt  tagte. 

Dieser  Organisationsplan  machte  den  Zentralverein  der  einzelnen  Berufe 
zur  Grundlage  der  gesamten  Gewerkschaftsorganisation.  Die  Zentralverbande 
verwandter  Berufe  sollten  sich  unter  gemeinsamer  Leitung  zu  Gruppen,  so- 
genannten  Unionen,  verbinden.  Die  Unionen  sollten  die  gemeinsamen  Auf- 
gaben  der  beteiligten  Berufsverbande  einheitlich  erledigen  und  besonders 
auch  eine  gegenseitige  Unterstutzung  bei  Iyohnkampfen  herbeifuhren.  Die 
Generalkommission  bildete  die  Spitzenorganisation,  die  alle  Unionen  mit- 
einander verband  und  in  bestimmten  Fallen  gleichfalls  mit  der  Unterstutzung 
von  Streiks  aus  einem  zu  schaffenden  Generalfonds  betraut  werden  sollte. 

Auf  dem  dann  folgenden  GewerkschaftskongreB  in  Halberstadt  1892  erhielt 
dieser  Plan  nicht  die  Mehrheit.  Dem  einen  Teil,  der  den  sofortigen  Zusammen- 
schluB  der  verwandten  Berufsorganisationen  zu  groBen  Industrieverbanden 
wollte,  ging  er  nicht  weit  genug,  der  andere  Teil  hielt  selbst  fiir  die  Bildung 
von  Unionen  die  Zeit  noch  nicht  fiir  gekommen  und  empfahl  zunachst  eine 
Annaherung  der  berufsverwandten  Zentralvereine  durch  Kartell vertrage.  Der 
KongreB  beschloB  in  letzterem  Sinne,  erklarte  sich  aber  auch  mit  groBer  Mehr- 
heit fiir  die  zentralistische  Organisationsform,  was  zur  Folge  hatte,  daB  zwolf 
Vertreter  der  Lokalisten  unter  Protest  den  KongreB  verlieBen.  Die  Frage,  ob 
Unionen  oder  Industrieverband,  sollte  der  zukiinftigen  Entwicklung  iiber- 
lassen  bleiben.  Immerhin  wurden  aber  fiir  die  zu  bildenden  Kartelle  ungefahr 
die  gleichen  Aufgaben  in  Aussicht  genommen,  wie  sie  L.  und  die  General- 
kommission den  Unionen  zugedacht  hatten.  Die  Generalkommission  wurde 


572  1920 

von  dem  KongreB  als  Zentralstelle  fiir  die  Gesamtverbindung  bestatigt,  die 
Bildnng  eines  Generalstreikfonds  jedoch  abgelehnt. 

Auch  die  Empfehlung  des  Halberstadter  Kongresses,  sich  durch  Kartell- 
vertrage  zu  verbinden,  ist  von  den  Berufsverbanden  im  allgemeinen  nicht 
befolgt  worden.  Selbst  nicht  von  den  Holzarbeitern,  die  durch  ihren  Antrag 
jenen  BeschluB  des  Kongresses  herbeigefiihrt  hatten.  Sie  vereinigten  sich 
vielmehr  schon  im  folgenden  Jahre  zum  Holzarbeiterverband  und  folgten 
damit  dem  Beispiel  der  Metallarbeiter,  die  als  erste  mit  der  Griindung  ihres 
Industrieverbandes  voraufgegangen  waren.  Auch  in  der  Folgezeit  hat  die 
unmittelbare  Verschmelzung  der  verwandten  Berufsorganisationen  immer 
weitere  Fortschritte  gemacht,  bis  auf  dem  GewerkschaftskongreB  in  Breslau 
1925  der  durch  die  Jahrzehnte  gefuhrte  Streit  um  die  Organisationsform 
grundsatzlich  zugunsten  des  Industrieverbandes  entschieden  worden  ist.  Eine 
Folge  dieser  Entwicklung  ist,  daB  die  Zahl  der  Einzelverbande  von  ehemals  60 
sich  jetzt  auf  40  verringert  hat.  Die  Starke  der  Gewerkschaften  ist  neben 
dem  gewaltigen  Aufstieg  der  Mitgliederzahlen  auch  durch  diese  Konzentration 
der  Krafte  wesentlich  gehoben  worden. 

Vom  Tage  ihrer  Griindung  an  hatte  die  Generalkommission  mit  zahlreichen 
Schwierigkeiten  im  eigenen  Lager  zu  kampfen.  Jahrelang  wiederholten  sich 
die  Antrage  aus  den  Kreisen  der  Gewerkschaften,  dieses  »totgeborene  Kind* 
wieder  zu  beseitigen.  Verschiedene  Verbande  verweigerten  die  Beitragszahlung 
oder  sonderten  sich  aus  anderen  Griinden  ab,  bis  erst  auf  dem  Berliner  Ge- 
werkschaftskongreB 1896  eine  dauernde  Einigung  erzielt  wurde.  Es  ist  im 
hohen  MaBe  gerade  L.s  Zahigkeit  und  Ausdauer  und  seiner  Weitsicht  zu 
danken,  daB  die  Generalkommission  sich  behauptet  und  alle  Widerstande 
iiberwunden  hat.  Zahlreiche  Fiihrer  der  Sozialdemokratischen  Partei  legten 
lange  Zeit  eine  offene  Abneigung  gegen  die  Gewerkschaften  und  besonders 
gegen  die  Generalkommission  an  den  Tag.  Man  wollte  vielfach  die  Gewerk- 
schaften nur  als  Rekrutenschule  fiir  die  politische  Bewegung  gelten  lassen 
und  erklarte  sie  deswegen  als  »notwendiges  t)bel«.  Auf  der  Gewerkschaftseite 
stand  L.  sowohl  in  Versammlungen  wie  in  der  Presse  dauernd  im  Vorder- 
treffen  des  Kampfes  gegen  diese  falsche  Auffassung.  Er  stellte  die  Bedeutung 
der  Gewerkschaften  sehr  hoch  und  vertraute  von  Anfang  an  auf  ihre  Ent- 
wicklung, wenn  er  auch  weit  entfernt  war,  die  politische  Aufklarung  und 
Betatigung  der  Arbeiterklasse  etwa  gering  zu  schatzen.  War  er  doch  sogar, 
wie  schon  erwahnt,  in  die  Sozialdemokratische  Partei  friiher  eingetreten  als 
in  die  Gewerkschaft.  Und  schon  bei  der  Reichstagswahl  1893  wurde  er  in 
Kiel  als  sozialdemokratischer  Abgeordneter  gewahlt.  Als  solcher  hat  er  mit 
einer  kurzen  Unterbrechung  dem  Reichstag  bis  zu  seinem  Tode  angehort. 
Aber  stets  hat  er  den  Standpunkt  vertreten,  daB  fiir  die  Arbeiterklasse  die 
politische  Freiheit  erst  dann  Wert  gewinne,  wenn  sie  auch  die  wirtschaftliche 
Gleichstellung  sich  errungen  habe.  Letztere  Auf gabe  hatten  die  Gewerkschaften 
zu  erfiillen. 

In  der  groBen  Auseinandersetzung  zwischen  L.  und  den  Parteifuhrern  auf 
dem  sozialdemokratischen  Parteitag  in  Koln  1893  traten  die  Gegensatze  be- 
sonders scharf  in  die  Erscheinung.  L.  muBte  nicht  nur  fiir  die  Generalkommis- 
sion um  die  Anerkennung  ihrer  Autoritat,  sondern  auch  gegen  den  Pessimis- 
mus  kampfen,  den  die  Parteifiihrer  gegen  die  Zukunftsmoglichkeiten  der  Ge- 


Legien  573 

werkschaften  iiberhaupt  auBerten.  Ihr  Wirkungskreis  werde  sich  immer  und 
immer  verkleinern,  wurde  damals  behauptet.  Die  Geschichte  hat  langst  er- 
wiesen,  daB  demgegeniiber  L.s  Zuversicht  begriindet  war.  Schon  lange  vor 
dem  Weltkriege  hatten  die  Gewerkschaften  unter  der  Fuhrung  der  General- 
kommission  sich  ihre  dominierende  Stellung  in  der  deutschen  Arbeiterbewegung 
errungen.  Von  der  einstmaligen  Rivalitat  zwischen  Partei  und  Gewerkschaften 
ist  langst  keine  Rede  mehr.  Wahrend  des  Krieges  vermehrten  die  Gewerk- 
schaften durch  ihre  praktische  Tatigkeit  im  sozialen  und  wirtschaftlichen 
Leben  ihr  Ansehen  und  ihren  EinfluB,  so  daB  jetzt  auch  die  bis  dahin  feind- 
lichen  Behorden  und  Regierungen  ihnen  die  Anerkennung  nicht  mehr  ver- 
sagen  konnten.  Nach  dem  Kriege,  als  mit  der  Staatsumwalzung  die  letzten 
polizeilichen  Hemmnisse  gef alien  waren,  konnte  sodann  die  lose  Form  der 
Verbindung  in  der  Generalkommission  umgewandelt  werden  in  den  fest- 
gegliederten  Gewerkschaftsbund,  dessen  Satzungen  auf  dem  KongreB  in 
Nurnberg  1919  beschlossen  wurden  und  dessen  Leitung  L.  noch  eineinhalb 
Jahre  bis  zu  seinem  Tode  in  Handen  hatte. 

Es  ware  unrichtig,  L.  etwa  als  den  Griinder  der  deutschen  Gewerkschaften 
zu  bezeichnen,  denn  ihre  Entstehungsgeschichte  liegt  viel  weiter,  bis  in  die 
Mitte  des  19.  Jahrhunderts,  zuriick.  Auch  fur  die  Grundgedanken  des  von  L. 
aufgestellten  Organisationsplanes  lag  bereits  ein  Beispiel  aus  der  Vergangen- 
heit  vor.  War  doch  schon  auf  dem  GewerkschaftskongreB  in  Erfurt  1872  die 
Griindung  einer  alle  damaligen  Gewerkschaften  umfassenden  Union  unter  der 
Leitung  von  Theodor  York  beschlossen  worden.  Das  groBe  Verdienst  von  L. 
ist,  daB  er,  als  nach  Ablauf  des  Sozialistengesetzes  die  Arbeiterbewegung  in 
Deutschland  sich  wieder  freier  entfalten  konnte,  der  Neuentwicklung  der 
Gewerkschaften  in  geistiger  und  organisatorischer  Hinsicht  Richtung  und  Ziel 
gewiesen  hat.  Daneben  hat  er  sehr  fruhzeitig  auch  den  Wert  und  die  Not- 
wendigkeit  der  internationalen  Verbindung  der  Gewerkschaften  erkannt  und 
fiir  ihre  Durchfuhrung  gewirkt.  Die  Griindung  des  Internationalen  Gewerk- 
schaftsbundes,  dessen  Leitung  er  bis  zur  Sitzverlegung  nach  Amsterdam  19 19 
in  Handen  hatte,  ist  auf  seine  Initiative  zuruckzufuhren.  Seine  Tatigkeit  fiir 
die  Internationale  hat  ihn  in  fast  alle  europaischen  Staaten  gefuhrt,  und  auch 
die  Vereinigten  Staaten  von  Amerika  hat  er  einmal  zu  einer  langeren  Vor- 
tragsreise  besucht. 

In  seinen  Reden  und  Schriften  legte  L.  die  groBte  Bedeutung  darauf,  daB 
•die  Gewerkschaften  eine  Schule  der  Geistesbildung  und  der  Aufklarung  fiir 
die  Arbeiter  sein  sollten.  In  seiner  Eroffnungsrede  auf  dem  Halberstadter 
KongreB  1892  erklarte  er,  daB  die  Gewerkschaften  » nicht  die  Losung  der 
sozialen  Frage  herbeifuhren  werden,  daB  sie  zur  Zeit  aber  wesentlich  die 
Emanzipationsbestrebungen  der  Arbeiterklasse  unterstiitzen  konnen.  Gleich 
den  Pionieren  haben  die  Gewerkschaften  den  Boden  zu  ebnen  fiir  eine  hohere 
geistige  Auffassung  und  durch  Erringung  besserer  Lohn-  und  Arbeitsbedin- 
gungen  die  Arbeiterklasse  vor  Verelendung  und  Versumpfung  zu  bewahren, 
um  so  die  Massen  der  Arbeiter  zu  befahigen,  die  geschichtliche  Aufgabe,  welche 
dem  Arbeiterstand  zufallt,  losen  zu  konnen «. 

Noch  scharfer  hat  er  nach  dem  KongreB  in  einem  Aufsatz  den  erzieherischen 
Charakter  der  Gewerkschaften  betont :  »  Die  gewerkschaf tlichen  Organisationen 
sind  gleichsam  als  eine  Schule  der  Arbeiter  zu  betrachten,  und  jede  Starkung 


574  l<*2° 

der  Organisation  muB  diese  erzieherische  Wirksamkeit  erhohen.  Der  Lohn- 
kampf  aber  erzeugt  und  starkt  die  Eigenschaften,  welche  dem  Arbeiter  eigen 
sein  mussen,  um  ihn  zu  befahigen,  eine  Umgestaltung  des  heutigen  Produk- 
tionsprozesses  herbeifuhren  zu  konnen.  So  werden  die  Gewerkschaftsorgani- 
sationen,  die  anscheinend  nnr  zu  dem  Zwecke  gebildet  worden  sind,  um  dem 
Arbeiter  bessere  Existenzbedingungen  zu  verschaffen,  gleichzeitig  zu  einer 
Schule  und  Bildungsstatte  des  Proletariats.* 

Hier  spricht  L.  also  bereits  von  einem  dreif achen  Zwecke  der  Gewerkschaften : 
Kampf  um  bessere  Existenzbedingungen,  Hebung  des  Bildungsniveaus  der 
Arbeiter  und  Umgestaltung  der  kapitalistischen  Produktionswirtschaft.  Den 
Hauptwert  legt  er  aber  auch  weiterhin  auf  die  geistige  Bildung  als  der  ersten 
Voraussetzung  fiir  den  Aufstieg  der  Arbeiterklasse.  Die  Stellung  der  Arbeiter 
in  der  Gesellschaft  soil  gehoben  werden,  sie  sollen  sich  durch  die  Gewerkschaften 
die  gleichberechtigte  Stellung  in  der  Gesellsclaaft  erkampfen.  Aber  die  Gewerk- 
schaften denken  hierbei  nicht  nur  an  das  Interesse  der  Arbeiter  allein,  sondern 
an  das  allgemeine  Volksinteresse,  an  die  Zukunft  des  deutschen  Volkes.  In 
der  Broschiire  iiber  das  Koalitionsrecht,  die  L.  1899  gegen  die  damaligen 
Angriffe  auf  die  Gewerkschaften  veroffentliehte,  schreibt  er  unter  anderem: 
»Ohne  die  Arbeiterkoalition  wurde  die  Arbeiterklasse  bei  der  modernen  Waren- 
erzeugung  auf  das  denkbar  tiefste  Niveau  der  Lebenshaltung  und  geistigen 
Entwicklung  herabgedriickt  und  ein  Zustand  geschaffen  werden,  welcher  eine 
Gef ahr  fiir  die  Kultur  darstellt. «  Die  Gewerkschaften  sollen  dem  Arbeiter  den 
Weg  ebnen,  zur  hochsten  Stufe  der  Kultur  zu  gelangen.  Den  Solidaritats- 
gedanken  in  den  Gewerkschaften  bezeichnet  L.  als  das  Mittel,  »die  krassen 
Auswiichse  im  Kampf e  urns  Dasein,  das  Streben  nach  eigenem  Vorteil  ohne 
jedwede  Rucksichtnahme  auf  den  Nebenmenschen*  zu  beseitigen.  Also  nicht 
nur  die  geistige,  sondern  auch  die  sittliche  Bildung  wollen  die  Gewerkschaften 
in  der  Arbeiterschaft  pflegen  und  auf  eine  hohere  Stufe  heben. 

Aber  selbstverstandlich  ist  das  nicht  der  alleinige  und  auch  nicht  der  Haupt- 
zweck  der  Gewerkschaften.  Ihre  groBe  Bedeutung  erlangen  sie  dadurch,  daB 
sie  »der  Arbeiterschaft  hohere  Lohne  und  damit  eine  bessere  Ernahrung  zur 
Erhohung  der  physischen  Krafte  verschaffen,  sowie  ihnen  durch  Verktirzung 
der  Arbeitszeit  eine  Schonung  der  physischen  Krafte  ermoglichen «.  Darin 
driickt  sich  der  Wert  der  Gewerkschaften  fiir  Staat  und  Wirtschaft  aus. 
Auf  dem  GewerkschaftskongreB  in  Hamburg  1908  betonte  L. :  »Wenn  Deutsch- 
land  heute  das  hervorragende  Industrieland  ist,  wenn  es  ihm  gelungen  ist, 
selbst  das  alteste  Industrieland  England  zum  Teil  auf  dem  Weltmarkt  zu 
verdrangen,  wenn  heute  deutsche  Produkte  auf  den  Markten  aller  Weltteile 
gern  gekauft  werden,  so  verdanken  wir  das  .  .  .  zum  groBten  Teile  der  Intelli- 
genz  der  deutschen  Arbeiter. «  DaB  die  Arbeiter  zu  dieser  Intelligenz  gekommen 
seien,  verdankten  sie  hauptsachlich  ihrer  eigenen  Erziehung  in  den  Gewerk- 
schaften. In  dem  modernen  ProduktionsprozeB  kann  nur  ein  geistig  hoch- 
stehender  Arbeiter  seinen  Platz  vollstandig  ausfullen,  weshalb  auch  die  geistige 
Aufwartsentwicklung  der  Arbeiterschaft  weiter  fortschreiten  muB.  Das  wird 
in  der  Folge  auch  zur  Erhohung  der  I^ebenshaltung  der  Arbeiterklasse  bei- 
tragen. 

Aber  die  Gewerkschaften  kampf  en  nicht  nur  im  Arbeiterinteresse  allein, 
sondern  ihre  Tatigkeit  ist  ein  Dienst  fiir  das  Wohl  des  ganzen  Volkes.  In 


Legien  575 

dem  1915  erschienenen  Buche  von  Thimme-Legien :  »Die  Arbeiterschaft  im 
neuen  Deutschland«  schreibt  deswegen  L.  iiber  die  Tatigkeit  der  Gewerk- 
schaften wahrend  des  Krieges:  »Die  Gewerkschaften  haben  keinen  Augenblick 
gezogert,  sich  in  dieser  schweren  Zeit  genau  so  in  den  Dienst  der  Allgemein- 
heit  zu  stellen,  wie  sie  bisher  den  Interessen  der  Masse  der  Arbeiter  zu  dienen 
bestrebt  waren.  Da  das,  was  von  ihnen  geleistet  werden  sollte,  dem  bisherigen 
Wesen  und  Wirken  der  Gewerkschaften  entsprach,  so  trat  mit  Ubernahme 
dieser  neuen  Aufgaben  weder  in  ihrer  Tendenz  noch  in  ihrer  Organisation 
eine  Anderung  ein.  Es  gait,  soziale  Arbeit  zu  leisten,  ein  Gebiet,  auf  dem  die 
Gewerkschaften  stets  tatig  waren,  das  ihren  eigentlichen  Arbeitskreis  bildet.« 
Und  in  einem  anderen  Aufsatze  fuhrte  er  aus,  daB  die  Arbeiterschaft  die  ihr 
wahrend  des  Krieges  auferlegten  L,asten  nicht  ertragen  haben  wiirde,  »  hatte 
nicht  durch  die  Schulung  in  den  Arbeiterorganisationen  der  Gedanke  in  den 
Arbeitermassen  Wurzel  gefaJSt,  daB  das  Interesse  der  Gesamtheit  jedem 
Sonderinteresse  voranzustellen  ist«.  Die  Erfahrungen  wahrend  des  Krieges 
hatten  deswegen  deutlich  gezeigt,  daB  die  Gewerkschaften  keine  »Fremd- 
korper  im  Wirtschaf tsleben «,  wie  ihre  alten  Feinde  immer  behaupteten,  seien, 
sie  hatten  sich  vielmehr  bei  der  Aufrechterhaltung  der  Volkswirtschaft  als 
ein  sehr  bedeutender  Faktor  zur  Forderung  derselben  erwiesen. 

Natiirlich  sind  die  sogenannten  freien  Gewerkschaften,  um  die  es  sich  hier 
handelt,  grundsatzliche  Gegner  der  privatkapitalistischen  Produktionswirt- 
schaft.  In  den  Richtlinien  fur  die  kunftige  Wirksamkeit  der  Gewerkschaften, 
die  der  Niirnberger  KongreB  1919  aufgestellt  hat,  heiBt  es :  »Die  Gewerkschaften 
erblicken  im  Sozialismus  gegenuber  der  kapitalistischen  Wirtschaft  die  hohere 
Form  der  volkswirtschaftlichen  Organisation.  Die  von  ihnen  erstrebte  Be- 
triebsdemokratie  und  Umwandlung  der  Einzelarbeitsvertrage  in  Kollektiv- 
vertrage  sind  wichtige  Vorarbeiten  fiir  die  Sozialisierung. «  Schon  1892  hatte 
L.  in  einem  Aufsatz  erklart,  daB  die  Gewerkschaftsbewegung  ein  Mittel  sei, 
um  die  Sozialisierung  der  Produktion  vorzubereiten.  In  spateren  Aufsatzen 
spricht  er  von  der  Demokratisierung  der  Produktion,  als  deren  Vorstufe  er 
die  Tarifgemeinschaften  bezeichnet.  »So  wenig«,  schreibt  er  1900,  »wie  im 
Staatsleben  der  Sprung  vom  volligen  Absolutismus  zur  Demokratie  moglich 
ist,  sondern  ein  Ubergangsstadium,  der  konstitutionelle  Staat,  erscheint,  so 
wenig  oder  noch  weniger  wird  in  der  Produktion  eine  radikale  Anderung  er- 
folgen,  ohne  daB  die  erforderlichen  Vorbedingungen  gegeben  sind.  Diese  zu 
schaffen,  sind  die  Gewerkschaften  bestrebt. «  Schon  1900  also  erkannte  L,. 
in  den  damaligen  Erfolgen  der  Gewerkschaften  die  Anfange  der  Wirtschafts- 
demokratie:  mit  Recht,  denn  mit  der  Einfiihrung  des  kollektiven  Arbeits- 
vertrages  erhielt  der  Absolutismus  im  Fabrikbetriebe  den  ersten  StoB.  L,.  hat 
die  weiteren  Erfolge  der  Arbeiterschaft  auf  diesem  Gebiete,  zum  Beispiel  das 
Betriebsrategesetz,  den  Reichswirtschaftsrat,  noch  mit  erlebt. 

Die  Nachkriegszeit  hob  die  Gewerkschaften  zu  einem  Machtfaktor  im  neuen 
Staate  empor.  Die  Verbindung  der  Gewerkschaften  mit  den  groBen  Unter- 
nehmerverbanden  zu  der  Zentralarbeitsgemeinschaft  nach  Kriegsende  1918 
hatte  wesentlich  dazu  beigetragen,  daB  die  Demobilmachung  sich  glatt  voll- 
ziehen  konnte  und  das  Wirtschaftsleben  vor  dem  Chaos  bewahrt  blieb.  Die 
rasche  Niederwerfung  des  Kapp-Putsches  1920  durch  den  von  den  Gewerk- 
schaften gefuhrten  Generalstreik  zeigte  L.  noch  einmal,  trotz  seiner  schweren 


576  1920 

Erkrankung,  als  den  umsichtigen  und  entschlossenen  groBen  Fiihrer.  Die 
hinter  ihm  stehenden  Massen  der  organisierten  Arbeiter,  die  bei  seinem  Amts- 
antritt  1890  rund  265000  zahlten,  waren  in  den  dreiBig  Jahren,  bis  der  Tod 
L.  1920  aus  seinem  arbeitsreichen  Leben  abberief ,  auf  annahernd  acht  Millionen 
angewachsen. 

Berlin.  Theodor  Leipart. 

Macco,  Heinrich,  Dr.-Ing.  e.  h.,  Zivilingenieur,  Geschaftsfuhrer  der  Handels- 
kammer  in  Siegen  i.  W.  und  Vorsitzender  und  Geschaftsfiinrer  des  Berg-  und 
Huttenmannischen  Vereins,  *  am  25.  Juni  1843  in  Siegen,  f  am  13.  August 
1920  in  Glucksburg  a.  d.  Ostsee.  —  Die  Bewohner  des  zwischen  Westerwald 
und  dem  Rothaargebirge,  von  dem  oberen  Lauf  der  Sieg  durchflossenen  so 
bezeichneten  Siegerlands  bilden  einen  Volksstamm  von  ausgesprochener  Eigen- 
art.  Bei  rauhem  Klima  und  schwierigem  Bergbau  und  ungunstiger  Lage  zum 
tibrigen  Industriebezirk  haben  sie  stets  in  harter  Arbeit  dem  heimischen  Boden 
seine  Schatze  abgewinnen  miissen,  und  gerade  durch  die  technischen  Fort- 
schritte,  durch  die  das  niederrheinisch-westfalische  Gebiet  hochgekommen  ist, 
ist  das  Siegerland  in  Bedrangnis  geraten.  In  diesen  schwierigen  Zeiten,  die 
mit  der  Erf indung  des  Entphosphorungsverfahrens  in  der  Eisenindustrie  ihren 
Anfang  nahmen,  ist  ihm  Heinrich  M.  als  Heifer  in  der  Not  erstanden.  Als 
Kind  der  Bergstadt  Siegen  verschrieb  er  sich  mit  Leib  und  Seele  seinem  engeren 
Heimatland,  verstand  dabei  aber  in  kluger  Weise  den  allgemeinen  Interessen 
zu  dienen,  so  daB  er  in  weiten  industriellen  Kreisen,  nicht  zum  mindesten 
denjenigen  seiner  engeren  Freunde  und  Fachgenossen  aus  dem  Eisenhiitten- 
fach,  hohes  Ansehen  genoB. 

Heinrich  M.  war  als  Sohn  des  Justizrats  M.  in  Siegen  geboren.  Er  besuchte 
die  Siegener  Realschule,  auf  der  er  im  Fruhjahr  1861  die  Abgangsprufung  be- 
stand,  arbeitete  praktisch  in  der  Maschinenfabrik  von  A.  und  H.  Oechelhauser 
und  studierte  auf  dem  Polytechnikum  in  Karlsruhe.  Bei  Borsig  &  Schwartz- 
kopf  in  Berlin  erhielt  er  seine  ersten  Anstellungen  als  Maschinenkonstrukteur, 
1869  lieB  er  sich  in  Siegen  als  Zivilingenieur  nieder  und  vertrat  Jahrzehnte  hin- 
durch  fiir  Westdeutschland  die  Firma  Adolf  Bleichert  in  Leipzig-Gohlis,  mit 
deren  Begriinder  ihn  langjahrige  Freundschaft  verband.  Mit  dem  Englander 
Whitwell  f uhrte  er  wohl  als  einer  der  ersten  die  Erhitzung  des  Hochof enwindes 
auf  deutschen  Eisenhutten  ein.  Auf  zahlreichen  Auslandsreisen,  insbesondere 
nach  den  Vereinigten  Staaten  von  Nordamerika,  hat  er  seinen  Blick  geweitet 
und  Anregungen  gesucht,  um  die  deutsche  Wirtschaft  zu  fordern. 

Wenn  M.  auch  nicht  einer  jener  »Industriekapitane«  gewesen  ist,  die  fuhrend 
in  der  Griindung  und  Ausdehnung  groBer  industrieller  Unternehmungen  vor- 
angegangen  sind,  so  war  er  doch  so  bestimmend  fiir  die  Entwicklung  der  Berg- 
werks-  und  Hiittenindustrie  seiner  Heimat,  daB  die  ausgleichende  und  voran- 
schreitende  Zeit  die  Erfolge  seiner  Lebenstatigkeit  so  bald  nicht  verwischen 
wird.  Im  besonderen  waren  die  Tarifangelegenheiten  fiir  Brennstoffe  und  Erze, 
die  alten  Sorgenfragen  der  Siegerlander  Industrie,  sowie  die  Herstellung  bes- 
serer  Eisenbahnverbindungen  des  Siegerlandes  mit  dem  rheinisch-westf  alischen 
Industriegebiet  und  dem  Siiden  des  Reiches  Sondergebiete,  auf  denen  er  jahr- 
zehntelang  unermiidlich  tatig  war  und  auf  denen  er  Erfolge  hatte  —  der  Bau  der 


Legien.  Macco  577 

Eisenbahn  Siegen-Haiger  beweist  es  — ,  die  ihn  tiberleben  und  seinen 
Namen  in  bleibender  Erinnerung  halten  werden.  Dariiber  hinaus  gait  Hein- 
rich  M.  als  FachgroBe  in  Eisenbahnangelegenheiten,  und  seit  1898  war  er 
regelmaBig  Redner  der  Nationalliberalen  Partei  im  PreuBischen  Abgeordneten- 
hause  bei  Beratung  des  Eisenbahnhaushalts  und  anderer  Angelegenheiten 
des  Eisenbahnwesens. 

In  der  Industrie  des  Siegerlandes  spielte  M.  mit  vollem  Recht  eine  fuhrende 
Rolle.  Das  war  ihm  vornehmlich  moglich  durch  seine  Tatigkeit  als  Geschafts- 
fuhrer  der  Siegener  Handelskammer  (seit  1879)  und  des  Berg-  und  Hutten- 
mannischen  Vereins  (seit  1876),  die  ihn  als  ihren  Vertreter  in  die  Bezirkseisen- 
bahnrate  entsandten,  sowie  durch  seine  Beteiligung  an  vielen  und  mancherlei 
industriellen  Unternehmungen  der  engeren  und  weiteren  Heimat.  Und  diese 
letzterwahnte  Tatigkeit  erstreckte  sich  nicht  etwa  nur  auf  Eisenindustrie  und 
Erzbergbau,  sondern  griff  weiter  auf  Braunkohlen-  und  Kalibergbau,  Ton- 
industrie  und  Miihlenwesen  iiber.  M.  war  Vorsitzender  oder  Mitglied  des  Auf- 
sichtsrates  zahlreicher  derartiger  Unternehmungen  nicht  nur  dem  Namen  nach, 
sondern  sie  unermiidlich  fordernd  und  ihnen  anregend  dienend  bis  in  seine 
letzten  Lebensstunden.  Besonders  der  Aktiengesellschaft  >>Charlottenhtitte« 
in  Niederschelden  war  in  seiner  letzten  I^ebenszeit  seine  schier  unerschopfliche 
Arbeitskraft  gewidmet,  seitdem  er  deren  Aufsichtsrat  als  Vorsitzender  ange- 
horte.  Den  schon  unter  dem  fruheren  Vorsitzenden  Adolf  Schleifenbaum  ein- 
geleiteten  Aufschwung  dieses  Werkes  wuBte  M.  mit  der  ihm  eigenen  Tatkraft 
und  mit  groBem  Erfolge  zu  erhohen,  und  die  gewaltige  Ausdehnung  der  Char- 
lottenhiitte  in  den  letzten  Jahren  ist  nicht  zum  wenigsten  mit  sein  Werk.  Es 
war  fur  seine  Freunde  und  Mitarbeiter  immer  wieder  aufs  neue  erstaunlich, 
mit  welcher  Lebendigkeit  und  Zahigkeit  noch  der  Siebzigjahrige  seinen 
Planen  nachging  und  mit  welcher  Geschicklichkeit  er  sie  durchzufuhren  ver- 
stand.  M.  war  dabei  keineswegs  ein  bequemer  Mitarbeiter;  er  setzte  bei 
anderen  voraus,  was  ihm  selbstverstandlich  war,  und  daB  er  dabei  auf 
manchen  harten  Widerstand  stieB,  ist  begreiflich.  Aber  nie  hat  ihn  ein  MiB- 
erfolg  entmutigt;  er  griff  immer  wieder  aufs  neue  zu,  und  da  er  die  seltene 
menschliche  Eigenschaft  hatte,  nichts  nachzutragen  und  ehrlich  einen  Irrtum 
einzugestehen,  so  schatzte  man  ihn  trotz  aller  Eigenheiten  eines  starken 
Charakters  hoch  und  sicherte  sich  seine  Mitarbeit  in  weitestem  AusmaBe. 

Dem  Verein  deutscher  Eisenhiittenleute,  zu  dessen  Neubegriindern  er  ge- 
horte,  widmete  er  als  Mitglied  des  Vorstandes  seine  Erfahrung  und  Sach- 
kenntnis,  namentlich  in  Eisenbahnfragen,  iiber  die  er  auf  den  Hauptversamm- 
lungen  des  Vereins  wiederholt  berichtete. 

Heinrich  M.  hat  es  natiirlich  an  Anerkennung  nicht  gefehlt,  um  so  weniger, 
als  er  auch  auf  anderen  offentlichen  Arbeitsgebieten  ehrenamtlich  tatig  war. 
So  gehorte  er  der  Stadtverordnetenversammlung  zu  Siegen  voile  45  Jahre  an. 
Seine  hohen  Verdienste  um  die  deutsche  Wirtschaft,  insbesondere  die  Forde- 
rung  des  Eisenbahnwesens,  erkannte  die  Technische  Hochschule  Breslau  da- 
durch  an,  daB  sie  M.  zum  Dr.-Ing.  ehrenhalber  ernannte.  Der  Berg-  und  Hiitten- 
mannische  Verein  zu  Siegen  ernannte  M.  19 18  am  SchluB  seiner  mehrere  Jahr- 
zehnte  umf assenden  Geschaftsf iihrertatigkeit  zu  seinem  Ehrenmitgliede.  Immer 
aber  blieb  er  der  schlichte,  einfache,  gerade  Siegerlander,  der  mit  groBer  Liebe 
und  vorbildlicher  Treue  an  seiner  Heimat  hing  und  deren  Wohl  forderte,  wo 
dbj  37 


578  i9*o 

er  nur  konnte.  Er  hat  in  seinem  Leben  dem  alten  westfalischen  Schoffen- 
spnich  nachgelebt: 

Ich  will  des  Landes  Bestes  raten 

Und  des  nicht  lassen  tun  Weib  noch  inn  Kind  .  .  . 

Noch  um  keinerlei  Gift  oder  Gabe,  noch  urn  Neid,  noch  um  Habe, 

Noch  um  Not,  noch  um  Furcht  vor  dem  Tod. 

Diese  Biographie  ist  auf  Grund  eines  Nachruf s in  Stahl und  Eisen,  1 920,  Nr.  40  S.  1 3 59/60) 
rnit  freundlicher  Beratung  durch  Herrn  Dipl.-Ing.  Schroedter,  dem  vor  aUem  das  nach- 
folgende  Literatur-Verzeichnis  verdankt  wird,  und  Herrn  Bergassessor  Macco  bearbeitet. 

Literatur:  Tiefbauanlagen  des  Siegener  Eisensteinbezirks.  —  Reiseskizzen  aus 
den  Vereinigten  Staaten  von  Nordamerika  mit  besonderer  Beriicksichtigung  der  Eisen- 
industrie,  zwei  Vortrage,  gehalten  am  22.  Okt.  1876.  —  Uber  die  Reise,  die  M.  1890  in 
die  Vereinigten  Staaten  machte,  veroffentlichte  er  mehrere  Aufsatze  in  der  »Rheinisch- 
Westfalischen  Zeitung«  1890  vom  25.  Sept.  (Nr.  266),  21.  Okt.  (Nr.  292),  4.  (Nr.  306), 
5.  (Nr.  307),  11.  (Nr.  313),  18.  Nov.  (Nr.  320),  18.  (Nr.  350)  und  20.  Dez.  (Nr.  352).  —  Die 
Einfiihrung  von  Giiterwagen  groBerer  Tragi  alii  gkeit  und  der  heutige  Oberbau  der  konigl. 
preuB.  Staatsbahnen,  Stahl  und  Eisen  Nr.  2,  1890.  —  Uber  amerikanisches  Eisenbahn- 
wesen.  ebd.  Nr.  2,  1891.  —  Die  amerikanischen  und  preuBischen  Eisenbahnen  und  die 
rheinisch-westfalische  Industrie,  ebd.  Nr.  16,  1899.  —  Die  Entwicklung  des  preuBischen 
Eisenbahnwesens,  Zeitschr.  d.  Ver.  deutscher  Ingenieure,  1901.  —  Rohmaterialien  und 
Frachtverhaltnisse  in  den  Vereinigten  Staaten,  Stahl  und  Eisen  Nr.  10,  1903.  —  Bericht 
iiber  eine  Studienreise  nach  den  Ver.  Staaten  von  Nordamerika,  ebd.  Nr.  2  und  3,  1904. 

—  Kohle  und  Koks  in  den  Vereinigten  Staaten,  ebd.  Nr.  10,  1904.  —  Die  Entwicklung 
des  Eisenbahnnetzes,  des  Betriebes,  der  finanziellen  Ertrage  und  die  Organisation  der 
Verwaltung  der  preuBischen  Staatsbahnen,  in  Tabellen  zusammengestellt,   Berlin  1908. 

—  Volkswirtschaftliche  Fragen  der  Gegenwart,  Stahl  und  Eisen  Nr.  50,  1909. —  Berg- 
akademie  und  Geologische  Landesanstalt  in  Berlin,  ebd.  Nr.  12,  1910.  —  Die  preuBische 
Eisenbahn  und  die  Staatsfinanzen,  Teclmik  und  Wirtschaft,  III.  Jahrg.,  19 10,  Heft  XI 
und  XII.  —  Der  Wagenmangel,  ebd.  V.  Jahrg.,  191 2,  Heft  III.  —  Die  preuBische  Staats- 
eisenbahn,  Stahl  und  Eisen  Nr.  18,  1915.  —  Die  Eisenbahnen  nach  dem  Kriege,  »Kol- 
nische  Zeitung*,  Sonderabdruck,  28.  Dezember  1915,  Nr.  131 1.  —  Die  preuBische  Staats- 
eisenbahn  im  Jahre  1916,  Stahl  und  Eisen  Nr.  22,  1916.  —  Nachruf  auf  Fritz  W.  Iyiirmann, 
ebd.  Nr.  40,  1920.  —  Bericht  der  Handelskammer  iiber  die  gewerbliche  Entwicklung  des 
Siegerlands  von  1849  bis  1899  sowie  Jahresbericht  fiir  1899.  —  Katalog  der  Siegerlander 
Kollektivausstellung,  Diisseldorf  1902.  —  »K61n.  Zeitung*  1899  Nr.  168,  169  und  172, 
1901   Nr.  67. —  »  Munch. -Augsb.  Abendzeitung*,    17.  Jan.  1917. 

Pfeffer,  Wilhelm  Friedrich  Philipp,  o.  Professor  der  Botanik,  *  am  9.  Marz  1845 
in  Grebenstein  bei  Kassel,  f  am  31.  Januar  1920  in  Leipzig.  —  Der  Vater  war, 
wie  der  Groflvater  und  Urgroft vater  vaterlicherseits,  Apotheker  in  Greben- 
stein; die  Mutter  Luise,  geborene  Theobald,  stammte  aus  einem  kurhessischen 
Pfarrhause;  ihre  Vorfahren  sollen  aus  Siidfrankreich  ausgewanderte  Huge- 
notten  gewesen  sein. 

Durch  den  geistig  sehr  regsamen,  kenntnisreichen  und  wissenschaftlich  leb- 
haft  interessierten  Vater  angeregt,  der  wert voile  Naturaliensammlungen  be- 
safi,  begann  der  friihreife  Knabe  schon  im  Alter  von  sechs  Jahren  Pflanzen 
zu  pressen,  Kafer-,  Schmetterlings-  und  Muschelsammlungen  anzulegen.  Mit 
der  Reife  fiir  Untersekunda  kam  er  als  Lehrling  in  die  vaterliche  Apotheke, 
wo  er  von  der  Pike  auf  dienen,  die  Geratschaften  reinigen,  Krauter  und 
Drogen  schneiden  und  pulvern  muBte.  Daneben  leitete  ihn  der  Vater  mit 
Hilfe  von  Schachts  »Mikroskop«  und  Hugo  von  Mohls  »Morphologie  und 
Physiologie    der    Pflanzenzelle«    zu    mikroskopischen    Untersuchungen    von 


Macco.  Pfeffer  57g 

Mehlen,  Fasern  und  Starkesorten  an;  auch  einfache  pflanzenphysiologische 
Versuche  machte  er  zusammen  mit  ihm.  In  botanischer  Richtung  erhielt  er 
auBer  vom  Vater  auch  mannigfaltige  wertvolle  Anregungen  von  einem  Ver- 
wandten  miitterlicherseits,  Onkel  Gottfried  Theobald,  Professor  an  der  Kanton- 
schule  in  Chur,  der  sich  urn  die  Kenntnis  der  Moosflora  in  den  rhatischen 
Alpen  bedeutende  Verdienste  erworben  hat.  Schon  im  Alter  von  zwolf  Jahren 
durfte  er  diesen  auf  seinen  botanischen  und  geologischen  Wanderungen  in 
den  Alpen  begleiten.  So  eignete  er  sich  bereits  in  jungen  Jahren,  auch  in  hohem 
MaBe  selbstandig,  eine  griindliche  Kenntnis  der  hoheren  Pflanzen  und  der 
Moose  Deutschlands  und  der  Schweiz  an.  Ferner  beschaftigte  er  sich  in  der 
Apotheke  schon  eingehend  mit  Chemie  und  chemischen  Analysen,  so  daJ3  er 
griindliche  wissenschaftliche  Kenntnisse  mitbrachte,  als  er  im  Alter  von 
1 8  Jahren  nach  Ablegung  der  Gehilfenprufung  die  Universitat  Gottingen 
bezog,  um  sich  wissenschaftlich  auf  den  Apothekerberuf  weiter  vorzubereiten, 
besonders  um  Chemie  zu  studieren.  Dem  Studium  daselbst  verdankt  er  denn 
auch  seine  griindlichen  Kenntnisse  in  Chemie  und  Physik.  Er  horte  bei  Wohler 
und  Fittig,  sowie  dem  Physiker  Wilhelm  Weber  Vorlesungen,  beschaftigte 
sich  daneben  aber  auch  weiter  eifrig  mit  Botanik,  vornehmlich  Kryptogamen- 
kunde.  Schon  wenige  Wochen  nach  Beginn  seines  Studiums  machte  er  sich 
unter  Fittigs  Leitung  an  eine  selbstandige  wissenschaftliche  Arbeit:  »t)ber 
einige  Derivate  des  Glyzerins  und  dessen  Uberfuhrung  in  Allylen«,  worin  er 
mit  gut  durchgefuhrten,  sauberen  und  kritischen  Versuchen  zeigte,  wie  man 
Glyzerin  in  den  Kohlenwasserstoff  Allylen  umwandeln  kann.  Mit  dieser  Disser- 
tation meldete  er  sich  nach  knapp  viersemestrigem  Studium,  nachdem  er  die 
Lucken  in  seinen  Schulkenntnissen  mit  eisernem  FleiB  ausgefullt  hatte,  zum 
Doktorexamen,  das  er  am  3.  Februar  1865  in  Gottingen  mit  Auszeichnung 
bestand. 

Im  Sommer  1865  setzte  er  sein  pharmazeutisches  Studium  in  Marburg  bei 
dem  Botaniker  Wigand  und  dem  Chemiker  Kolbe  fort.  Obwohl  ihm  dort  der 
Gedanke  nahegelegt  wurde,  sich  der  akademischen  Laufbahn  zuzuwenden, 
blieb  er  doch  zunachst  der  Pharmazie  treu.  Deshalb  trat  er  auch  nach  Ende 
des  Sommersemesters  seine  pharmazeutische  Gehilfenzeit  an,  zunachst  in  einer 
Apotheke  in  Augsburg,  sodann  vom  Juli  1866  in  Chur,  wo  ihm  mehr  Zeit 
fur  botanische,  namentlich  auch  literarische  Studien  blieb.  Ferner  konnte  er 
sich  hier,  wohl  auf  Anregung  seines  obengenannten  Onkels,  an  eine  eingehende 
Erforschung  der  Laubmoose  Graubiindens  machen,  deren  Ergebnisse  er  in 
mehreren  kleinen  Arbeiten  (1867,  1868),  vor  allem  aber  in  einer  groBeren 
Abhandlung  »Bryogeographische  Studien  aus  den  rhatischen  Alpen*  (1869) 
niederlegte.  Mit  Beginn  des  Wintersemesters  1868/69  kehrte  P.  wieder  nach 
Marburg  zuriick,  um  hier  das  pharmazeutische  Staatsexamen  abzulegen. 

Nunmehr  erst  ging  er  ganz  zur  Botanik  iibex.  Zunachst  arbeitete  er  dort 
weiter  unter  Wigand  und  schloB  die  von  diesem  angeregte  Arbeit  iiber  die 
Blutenentwicklung  der  Primulaceen  und  Ampelideen  (1872)  ab.  Ende  Au- 
gust 1869  ue^  er  s^cn  einen  der  damals  von  jungen  Botanikern  sehr  begehrten 
Arbeitsplatze  im  Privatlaboratorium  Pringsheims  in  Berlin  geben.  Bei  ihm 
entstand  die  bekannte,  treffliche  Untersuchung  iiber  die  Keimentwicklung 
von  Selaginella  (1871).  Im  Sommer  1870  siedelte  er  zu  dem  Pflanzenphysio- 
logen  Julius  Sachs  nach  Wurzburg  iiber,  dessen  EinfluB  neben  eigenen  Nei- 


58o  1920 

gungen  und  eigener  Begabung  fiir  seine  weitere  wissenschaftliche  Entwick- 
lnng  entscheidend  wurde.  Bei  ihm  begann  er  physiologisch  zu  arbeiten;  hier 
in  Wiirzburg,  wo  er  bis  in  den  Winter  1871  blieb,  machte  er  Untersuchungen 
tiber  die  Wirkung  des  farbigen  Lichtes  auf  die  Kohlensaureassimilation  (1871, 
1872)  und  die  hiibschen  Studien  tiber  Symmetric  und  spezifische  Wachstums- 
ursachen  (1871),  eine  der  altesten,  rein  entwicklungsphysiologischen  Arbeiten. 
Die  erstere  Arbeit  legte  er  im  Januar  1871  der  Marburger  Fakultat  zur  Habi- 
tation vor. 

Als  botanischer  Privatdozent  fiihrte  er  in  Marburg  umfassende  Unter- 
suchungen aus  tiber  Proteinkorner  und  die  Bedeutung  des  Asparagins  in  den 
Pflanzen  (1872),  ferner  iiber  Reizerscheinungen  bei  Pflanzen,  so  vor  allem 
iiber  die  Bewegungsmechanik  bei  den  Staubfadenhaaren  der  Cynareen  und 
der  Mimose  (1873),  iiber  die  Reizfortpflanzung  bei  der  letzteren  (1873)  und 
iiber  das  Offnen  und  SchlieBen  der  Bliiten  (1873).  Am  bedeutsamsten  von 
diesen  Forschungen  waren  zweifellos  die  Arbeiten  iiber  die  Reizbarkeit  der 
Pflanzen  und  die  Mechanik  der  Reizbewegungen :  P.  erkannte  hier  als  erster 
ganz  klar  das  Plasma  als  den  Sitz  der  Reizbarkeit  auch  bei  den  Pflanzen; 
ferner  fand  er,  dafl  die  Bewegungen  der  Staubfadenhaare  bei  den  Cynareen 
durch  iiberraschend  hohe,  physikalisch  damals  noch  vollig  unverstandliche 
Druckkrafte  zustande  kommen.  Daraus  erwuchs  ihm  die  Anregung,  sich  mit 
osmotischen  Problemen  zu  beschaftigen.  So  begann  er  noch  in  Marburg  im 
Alter  von  27  Jahren  seine  osmotischen  Untersuchungen. 

Inzwischen  hatte  ihn  im  Herbste  1873  die  preuBische  Staatsregierung  auf 
das  in  Bonn  neubegriindete  Extraordinariat  fiir  Pharmazie  und  Botanik  be- 
rufen.  Hier  schloB  er  sich  besonders  eng  an  den  Privatdozenten  der  Botanik 
Hermann  Vochting  an,  mit  dem  ihn  fernerhin  zeitlebens  enge  Freundschaft 
verband.  In  Bonn  wurden  eine  groBe  Arbeit  iiber  die  periodischen  Bewegungen 
der  Blattorgane  (1875)  und  vor  allem  die  erwahnten  » Osmotischen  Unter- 
suchungen* vollendet  (1877),  die  immer  zu  den  klassischen  Werken  der  natur- 
wissenschaftlichen  Weltliteratur  gerechnet  werden  miissen.  Nach  dem  Vor- 
bild  der  Pflanzenzelle  schuf  sich  P.  aus  einer  Tonzelle,  der  er  in  hochst  sinn- 
reicher  Weise  eine  der  zuvor  von  Traube  entdeckten  Niederschlagsmembranen 
aus  Ferrozyankupfer  widerstandsfahig  anlagerte,  seine  »Pfeffersche  Zelle«, 
womit  es  ihm,  dem  Pflanzenphysiologen,  zum  ersten  Male  gliickte,  exakt 
genaue  osmotische  Druckwerte  zu  bestimmen.  Auch  dem  Physiker  iiber- 
raschend war  der  Nachweis,  daB  bereits  sehr  schwach  konzentrierte  Elektrolyt- 
losungen  erstaunlich  hohe  solche  Drucke  entwickeln,  so  z.  B.  eine  einprozen- 
tige  Kalisalpeterlosung  nicht  weniger  als  drei  Atmospharen.  Die  von  P.  fiir 
den  Zucker  ermittelten  Drucke  haben  bekanntlich  bald  danach  van't  Hoff  die 
Grundlage  zu  seiner  beruhmten  Theorie  der  Losungen  gegeben. 

Im  Friihjahr  1877  folgte  P.  einem  Ruf  als  o.  Professor  nach  Basel  und  im 
Herbst  1878  einem  weiteren  nach  Tubingen ;  an  beiden  Orten  wurde  er  Nach- 
folger  von  Schwendener.  Dort  begann  er  eine  umfangreiche  Lehrtatigkeit. 
Schon  dorthin  kamen  namlich  zu  ihm  junge  Gelehrte  aus  vielen  Landern, 
um  von  ihm  Anregungen  zu  empfangen;  die  beiden  Bande  Untersuchungen 
aus  dem  Botanischen  Institut  Tubingen  (1881 — 1888)  enthalten  seine  eigenen 
und  seiner  Schuler  Arbeiten  aus  damaliger  Zeit.  Im  Jahre  1881  gab  er  ein 
Handbuch  der  Pflanzenphysiologie  in  zwei  Banden  heraus,  das,  wohl  zum 


Pfeffer  581 

ersten  Male,  versuchte,  den  damaligen  Tatbestand  dieses  Wissenschafts- 
gebietes  zu  einem  Ganzen  synthetisch  zu  verschmelzen.  Es  folgten  die  be- 
riihmt  gewordenen  Untersuchungen  iiber  lokomotorische  Richtungsbewe- 
gungen  durch  chemische  Reize  (1884  und  1888),  worin  er  iiber  seine  Ent- 
deckung  der  Chemotaxis  der  Spermien  und  Bakterien  eingehend  berichtete, 
umfangreiche  Arbeiten  iiber  intramolekulare  Atmung  (1885),  iiber  Aufnahme 
von  Anilinfarbstoffen  in  die  lebende  Zelle  (1886)  und  iiber  Reizbarkeit  der 
Ranken  (1885). 

Im  Herbste  1887  folgte  er  einem  Rufe  nach  Leipzig.  Noch  weit  umfang- 
reicher  als  bisher  entfaltete  sich  hier  seine  Unterrichtstatigkeit.  Um  ihn,  dem 
nunmehr  unbestritten  ersten  Pflanzenphysiologen  der  Welt,  scharte  sich  fast 
die  gesamte  jiingere  Generation  von  Pflanzenphysiologen  aus  alien  Landern 
der  Erde.  So  sind  fast  samtliche  lebenden  Pflanzenphysiologen  seine  Schuler 
geworden.  Die  Festschrift  zu  seinem  70.  Geburtstag  (Jahrb.  f.  wiss.  Bot., 
Bd.  56,  1915)  gibt  ein  vollstandiges  Verzeichnis  seiner  Schuler  (260  an  Zahl) 
und  deren  Arbeiten  bis  zum  Marz  19 15. 

Auch  die  Jahrzehnte  in  Leipzig  brachten  der  Wissenschaft  wieder  reichen 
Gewinn.  Untersuchungen  iiber  die  Oxydationsvorgange  in  den  lebenden 
Zellen  (1889),  zur  Kenntnis  der  Plasmahaut  (1890),  die  theoretisch  hoch- 
bedeutsamen  Studien  zur  Energetik  der  pflanze  (1892),  Forschungen  iiber 
Druck  und  Arbeitsleistungen  der  Pflanzen  (1893),  iiber  Elektion  organischer 
Nahrstoffe  (1895),  iiber  Schlafbewegungen  der  Pflanzen  (1907,  191 1,  1915), 
sowie  vor  allem  eine  zweite,  weit  umfangreicher  gewordene  Auflage  seiner 
Pflanzenphysiologie  (Bd.  I  1897,  Bd.  II  1901/1904)  folgten  einander  und 
brachten  eine  Fiille  wertvoller  neuer  Entdeckungen,  sowie  wichtige  theore- 
tische  Einsichten  und  Anregungen.  Im  Jahre  1895  iibernahm  er  ferner  die 
Redaktion  der  Jahrbucher  fiir  wissenschaftliche  Botanik  zusammen  mit 
Strasburger  in  Bonn,  nachdem  ihr  Begriinder  Pringsheim  gestorben  war. 

P.  war  neben  seinem  Lehrer  Sachs  zweifellos  der  bedeutendste  deutsche 
Pflanzenphysiologe,  iiberragend  in  gleicher  Weise  an  Tiefgriindigkeit  und 
Vielseitigkeit  der  Kenntnisse  in  den  Gebieten  der  Physiologie,  Physik  und 
Chemie,  wie  an  Umfang  und  Erfolg  seiner  Forschungen.  Mit  Recht  wurden 
ihm  alle  nur  irgend  erdenklichen  wissenschaftlichen  Ehrungen  zuteil;  er  wurde 
Mitglied  fast  aller  groBen  Akademien  der  Erde,  z.  B.  der  Berliner  Akademie 
schon  von  seinem  44.  Lebensjahre  an,  Ehrendoktor  von  fiinf  Universitaten 
des  In-  und  Auslandes,  Ritter  des  preuflischen  Ordens  pour  le  merite,  des 
bayrischen  Maximilian-Ordens  fiir  Kunst  und  Wissenschaft  und  des  schwe- 
dischen  Nordsternordens  I.  Klasse,  Ehrenmitglied  der  Deutschen  chemischen 
Gesellschaft,  um  nur  einiges  zu  nennen,  was  ihn  besonders  erfreute  und  be- 
gliickte.  Sein  EinfluB  auf  die  Entwicklung  der  Pflanzenphysiologie  war  un- 
gemein  groB ;  er  gab  ihr  die  so  f ruchtbar  gewordene  exakte  Methode  der  For- 
schung,  die  bei  der  vielfachen  Bedingtheit  der  Lebenserscheinungen,  wie 
zuerst  er  richtig  erkannte,  nur  die  der  vorsichtig  abwagenden  kritischen 
Analyse  sein  kann,  und  zugleich  schenkte  er  ihr  viele  neue  technische  Hilfs- 
mittel  fiir  Forschung  und  Lehre.  Auch  strebte  er,  als  hervorragender  Theo- 
retiker,  der  er  war,  zum  ersten  Male  eine  Synthese  der  Lebenserscheinungen 
an.  Die  Vorstellungen,  denen  er  zum  Siege  zu  verhelfen  suchte,  waren  die 
Ideen  der  Arbeitsverkniipfung  im  Organismus,  der  Selbststeuerung,  des  Strebens 


582  i9*o 

nach  Gleichgewicht,  der  Gleichgewichtsstorungen  durch  innere  und  auBere 
Einfliisse,  der  danach  wieder  zu  neuem  Gleichgewicht  fuhrenden  Gegen- 
reaktionen  und  des  Auslosungscharakters  vieler  und  gerade  der  bezeichnend- 
sten  Lebenserscheinungen,  sowie  endlich  neue  fruchtbare  Gedanken  iiber  die 
Herkunft  der  fur  die  Iyebensvorgange  der  Pflanzen  notwendigen  Energie- 
formen. 

Menschlich  war  P.  sympathisch,  schlicht  und  bescheiden,  liebevoll  und 
gtitig,  rastlos  arbeitsam,  peinlich  gewissenhaft  und  pflichteifrig,  vorsichtig 
abwagend  und  besonnen  in  seinem  Urteil,  ein  grofier  Naturfreund  und  in 
seiner  Jugend  ein  waghalsiger  Hochalpinist,  der  als  fiinfter  das  Matterhom 
bezwungen  hat,  aber  mit  einem  ausgesprochenen  Hang  zum  Pessimismus, 
ein  hervorragender,  geistvoller  und  stets  hilfsbereiter  Lehrer  im  Laboratorium. 

Literatur:  Vgl.  vor  allem  die  eingehende  Biographie  des  Unterzeichneten  in  den  Ber. 
d.  Deutsch.  botan.  Gesellschaft,  Bd.  38,  1920;  dort  auch  ein  vollstandiges  Verzeichnis  seiner 
Schriften;  ferner  die  Festnummer  der  Naturwissenschaften  zum  70.  Geburtstag,  Jahrg.  3. 
Heft  10,  191 5,  ebenfalls  mit  Bild,  sowie  die  Festschrift  zum  70.  Geburtstag,  J ahrb.  fiir 
wiss.  Botanik,  Bd.  56,  191  5.  —  Ferner  Ruhland,  W.,  Nachruf  auf  P.  in  den  Ber.  math, 
phys.  Kl.  sachs.  Akad.  d.  Wiss.,  Leipzig,  Bd.  75,  1923. 

Bonn.  Hans  Fitting. 

Raps,  August,  Dr.  phil.,  Dr.-Ing.  e.  h.,  Professor,  Direktor  der  Siemens 
&  Halske  A.-G.,  *  am  23.  Januar  1865  in  Koln,  f  am  20.  April  1920  in  Berlin.  — 
August  R.  war  der  Sohn  eines  Kunstmalers.  Wohl  aus  Griinden  sicherer 
Lebenshaltung  fiir  die  Familie  widmete  sich  der  Vater  spater  der  noch  jugend- 
lichen  Photographie,  starb  aber  fruh.  Es  ist,  als  ob  der  kurze  Lebenslauf  des 
Vaters  auch  des  Sohnes  Entwicklung  widerspiegelt :  die  breite  kunstlerische 
Grundlage,  auf  der  sich  alles  spatere  praktische  Schaffen  aufbaute. 

August  R.  besuchte  das  humanistische  Gymnasium  in  Koln.  Auch  bei  ihm 
hat  sich  gezeigt,  dafi  der  auf  die  alten  Sprachen  eingestellte  Unterricht  keines- 
falls  der  Entfaltung  anderer  Neigungen  abtraglich  ist.  R.  zeigte  dazu  eine 
ausgesprochene  Vorliebe  fiir  Handfertigkeit,  die  aber  nicht  ihrer  selbst  wegen 
betrieben  wurde,  sondern  als.  Mittel  zur  Erreichung  bestimmter  Zwecke, 
hier  der  Herstellung  physikalischer  Gerate  oder  kleiner  Nachbildungen  von 
Maschinen.  Die  Mutter  mufi  einen  tiefen  EinbUck  in  die  Empfindungen  ihres 
Sohnes  gehabt  haben,  wenn  sie  ihm  fur  seine  scheinbar  so  ganz  von  den 
Schulpflichten  abliegenden  Arbeiten  eine  Drehbank  erstand,  die  von  dem 
Beschenkten  fortwahrend  benutzt  und  bis  an  sein  Lebensende  in  Ehren 
gehalten  wurde.  Sie  ermoglichte  ihm,  seinem  Gestaltungsdrange  in  der  ihm 
gunstigsten  Richtung  zu  folgen  und  hat  ihm  gewifi  manche  Anregungen 
fiir  seine  Laufbahn  verschafft.  Zu  diesem,  zunachst  natiirlich  noch  halb 
spielerischen  Triebe,  gesellte  sich  bei  August  R.  mehr  und  mehr  das  Verlangen 
nach  Einblick  in  die  Naturvorgange.  Aus  diesem  Zusammenlaufen  der  Nei- 
gungen verschiedenen  Ursprunges  erklart  sich  auch  wohl  die  Wahl  der  Physik 
als  Studium,  das  den  J  tingling  nach  Erledigung  des  Gymnasiums  zuerst 
auf  die  Universitat  Bonn  ftihrte.  Die  gleichen  Anregungen  sind  auch  aus  der 
besonderen  Richtung  der  Studien  erkennbar.  Sie  wandten  sich  mit  Vorliebe 
technisch-physikalischen  Gegenstanden  zu,  bei  deren  Ausgestaltung  ein  dem 
kiinstlerischen  verwandter  Formensinn  zugleich  mit  dem  scharfsinnigen  Er- 


Pfeffer.  Raps  583 

forschen  und  Verfolgen  der  Erscheinungen  wirksam  wurde.  Von  Bonn  wandte 
sich  der  Student  zu  hdherer  Ausbildung  nach  Berlin  und  wurde  der  Schuler 
von  Helmholtz  und  Kundt.  Seine  besondere  Begabung  trug  ihm  schon  damals 
Helniholtz,  Anerkennung  fiir  ein  selbstgefertigtes  Spektroskop  ein.  Den 
nachsten  AnschluB  fand  er  aber  bei  dem  ahnlich  veranlagten  Professor  Kundt. 
Nach  Erwerbung  der  Doktorwiirde  war  er  fiir  langere  Zeit  dessen  Assistent 
und  lieB  sich  1893  als  Privatdozent  an  der  Berliner  Universitat  nieder. 

Hier  trat  nun  eine  Schicksalswende  ein,  die  ebenso  personlich  fiir  August  R. 
wie  fiir  den  ihm  eroffneten  Wirkungskreis  von  Bedeutung  wurde.  Wilhelm 
v.  Siemens  (siehe  oben,  S.  467  ff .)  suchte  damals  nach  einer  Personlichkeit,  die 
dem  Berliner  Werke  von  Siemens  &  Halske  einen  neuen  AnstoB  zu  kraf  tigerer 
Entwicklung  geben  sollte.  Diesem  Stammwerke  der  Firma  war  nach  I,os- 
losen  des  aufgebluhten  Starkstromes  die  Pflege  des  Telegraphen-  und  Telephon- 
wesens  verblieben,  dazu  die  Ausbildung  der  jetzt  gerade  von  der  Starkstrom- 
technik  dringend  benotigten  MeBgerate.  Diese  Hauptzweige  waren  nach  dem 
Tode  oder  dem  Abgange  der  friiher  fuhrenden  Manner,  Werner  Siemens, 
Carl  Frischen,  v.  Hefner-Alteneck,  nicht  mit  dem  notigen  Nachdrucke  den 
neuen  Zielen  gefolgt.  Namentlich  war  das  Telephongerat  nicht  aus  dem 
Gesichtspunkte  der  wirtschaftlichen  Massenerzeugung  zeitgemaB  weiter  ent- 
wickelt,  die  Formgebung  erfolgte  noch  in  den  gewohnten  Bahnen  der  Fein- 
mechanik,  die  Ausbildung  der  Fernsprechzentralen  stand  noch  ganz  zuriick. 
Ebenso  deutete  das  MeBgerat  mehr  hin  auf  den  Gebrauch  im  Laboratorium, 
als  in  den  nun  schon  umfangreichen  Starkstrombetrieben.  Wilhelm  v.  Sie- 
mens, selbst  von  Hause  aus  Physiker,  aber  durch  langjahrige  Anschauung 
und  verantwortliche  Leitung  mit  dem  Wesen  der  technischen  Erzeugung 
vertraut,  lieB  sich  bei  seinem  Suchen  nach  einem  neuen  Fuhrer  des  Berliner 
Werkes  nicht  von  irgendwelchen  uberkornmenen  Vorstellungen  leiten,  sondern 
folgte  seinem  freien  Empfinden.  Ihm  lag  am  nachsten,  sich  an  Kundt  wegen 
Empfehlung  einer  voraussichtlich  geeigneten  Personlichkeit  zu  wenden.  Auf 
diesem  Wege  wurde  er  mit  R.  bekannt.  Er  traf  ihn,  wie  man  erzahlt,  gerade 
bei  einer  Arbeit,  die  besondere  Handfertigkeit  erforderte.  R.  hatte  inzwischen 
seine  Fahigkeit  in  der  physikalisch-technischen  Richtung  an  einem  groBerem 
Gegenstande  erprobt,  einer  eigenartigen  Quecksilberluftpumpe,  die  fiir  die 
Gluhlampenherstellung  lange  in  Anwendung  geblieben  ist.  —  Die  Verhand- 
lungen  zwischen  den  beiden  Mannern  waren  nicht  lang,  sie  muBten  dem  per- 
sonlichen  Eindruck  vertrauen,  den  sie  aufeinander  machten.  So  nahm  R. 
1893  das  Anerbieten  von  Wilhelm  v.  Siemens  an,  in  das  Berliner  Werk  mit 
Aussicht  auf  spatere  Ubernahme  der  Fiihrung  einzutreten.  Seinem  guten 
Stern  folgend,  entsagte  er  auch  einige  Zeit  spater  dem  an  ihn  ergangenen  Ruf 
an  die  Technische  Hochschule  in  Dresden,  der  fiir  ihn  eine  weniger  ausgedehnte, 
aber  ebenso  ehrenvolle  wie  sichere  Stellung  auf  bekanntem  Gebiete  bedeutete. 

Beim  Eintritt  in  den  neuen,  vielversprechenden,  aber  noch  wenig  iiber- 
sichtlichen  Wirkungskreis  wahlte  sich  R.  ganz  natiirlich  einzelne  besondere 
Aufgaben  zur  Bearbeitung.  Zur  maBigen  Freude  der  damaligen  Leiter  des 
Berliner  Werkes  zeigte  er,  wie  selbst  an  jahrelang  bewahrtem  Gerat  immer 
noch  wichtige  Verbesserungen  vorgenommen  werden  konnen.  Ein  solcher 
und  besonders  kennzeichnender  Fall  trat  gleich  anfangs  ein  fiir  den  seit 
dreiBig  Jahren  gebauten  Drucktelegraphen  nach  Hughes,  der  vermeintlich 


584  !92o 

gar  nicht  mehr  verbessert  werden  konnte.  Der  tiichtige  Beamtenkdrper  im 
Werke  war  wohl  immer  noch  fahig,  einem  schopferischen  Fiihrer  zu  folgen, 
fand  aber  selbst  nicht  mehr  sicher  die  Bahnen,  die  unter  den  stark  veranderten 
gewerblichen  Verhaltnissen  einzuschlagen  waren.  Solange  der  Telegraph  den 
Inhalt  der  Schwachstromtechnik  bildete,  arbeitete  man  im  wesentlichen  fiir 
Behorden  und  konnte  nur  in  sehr  beschranktem  MaBe  zur  Massenfertigung 
iibergehen,  so  sehr  das  noch  Werner  Siemens  selbst  angestrebt  hatte.  Zu 
einer  umf assenden  Einfuhrung  dieser  Arbeitsweise  war  der  Bedarf  nicht  groB 
genug,  auch  muBte  den  vielfachen  Sonderwunschen  einzelner  Dienststellen 
geniigt  werden.  Mit  dem  Aufkommen  des  Telephones  bekam  der  Markt  aber 
bald  ein  anderes  Gesicht.  Weitere  Kreise  wurden  Abnehmer  der  neuen,  noch 
in  der  Ausbildung  befindlichen  Gerate.  Wie  ein  Ausblick  in  die  Zukunft  hatte 
schon  das  kleine,  iiberraschend  einfache  Bell-Telephon  gewirkt,  das  gleich 
nach  dem  ersten  Bekanntwerden  von  Siemens  &  Halske  hergestellt  wurde 
und  reiBenden  Absatz  fand.  Nu»  muBten  alle  Einzelheiten  des  Telephones 
selbst  und  des  Schaltgerates  durchgebildet  und  erprobt  werden.  NaturgemaB 
folgte  man  dabei  zunachst  in  der  Formgebung  und  Herstellung  den  Rich- 
tungen  und  Verfahren,  die  von  der  Telegraphentechnik  her  gewohnt  waren. 
Erst  spater  erkannte  man,  daB  die  neuen  Einrichtungen  auch  neue  Ferti- 
gungsverfahren  erlaubten.  Schon  mit  verhaltnismaBig  einfachen  Mitteln 
konnte  der  in  seiner  Wirkung  so  unendlich  feine  Fernsprecher  einigermaBen 
brauchbar  hergestellt  werden,  und  deshalb  entstand  schnell  mehr  oder  weniger 
bedeutender  Mitbewerb  auf  dem  neuen  Gebiete.  Er  wuchs  im  Inlande  und 
Auslande  in  einem  Grade,  den  die  Telegraphentechnik  nicht  gekannt  hatte. 
Dagegen  bildete  die  planmaBige  Ausbildung  der  zentralen  Vermittlungs- 
stellen  fiir  die  Teilnehmer  eine  Aufgabe,  die  ihres  Umfanges  wegen  wieder 
dem  GroBgewerbe  zufiel. 

Diesen  vielfachen  neuen  Anforderungen,  die  sich  allein  aus  dem  Telephon- 
bau  ergaben,  sollte  nun  das  Berliner  Werk  mit  weiterem  Blicke  und  geschick- 
terer  Anpassung  entsprechen.  Es  war  das  groBe  und  entscheidende  Verdienst 
von  R.,  fiir  das  Werk  wie  fiir  ihn  selbst,  nach  kurzem  Einarbeiten  die  Forde- 
rungen  der  Zeit  in  ihrem  Zusammenhange  erkannt  und  die  Leitung  des  Werkes 
im  ganzen  Umfange  als  eine  geschlossene  technische  Aufgabe  erfaBt  zu  haben. 
Von  ihm,  dem  Physiker,  konnte  man  zunachst  wohl  das  liebevolle  Versenken 
in  rein  technische  Einzelheiten  erwarten  und  gute  Leistungen  davon  erhoffen, 
die  organische  Verbindung  mit  den  wirtschaftlichen  Riicksichten,  die  erst 
den  Begriff  der  Technik  vollenden,  lag  ihm  aber  bei  seinem  Eintritte  noch 
ferner.  Er  hat  sie  vollkommen  bemeistert,  wie  sie  aus  der  Entwicklung  des 
Berliner  Werkes,  des  spateren  Werner- Werkes,  hervorgeht.  Fiir  die  Durch- 
bildung  zweckdienlicher  Arbeitsverfahren  gab  ihm  die  von  Jugend  auf  freudig 
gepflegte  Handfertigkeit  ein  lebendiges  Verstandnis.  Hier  waren  manche 
Vorurteile  zu  besiegen,  die  in  der  alten,  auf  ihr  Konnen  mit  Recht  stolzen 
»Prazisionsmechanik«  wurzelten.  Es  handelte  sich  hauptsachlich  um  die  aus- 
gedehnte  Umwandlung  solcher  Herstellungsverfahren,  bei  denen  die  End- 
form  nicht  durch  Wegnahme  von  Werkstoff  erzielt  wird,  wie  beim  Drehen 
und  Frasen,  sondern  durch  Stanzen,  Pragen  und  Driicken  von  flachem  Blech 
unter  bedeutender  Ersparnis  von  Werkstoff  und  Zeit.  Mit  dieser,  damals 
noch  wenig  gewiirdigten  Kunst  auch  lebenswichtige  Teile  der  Gerate  zuver- 


Raps  585 

lassig  herzustellen,  erforderte  natiirlich  ein  inniges  Zusammenarbeiten  von 
Zeichenstube  und  Werkstatt  nach  einheitlichen  Gesichtspunkten. 

Wie  bald  R.  verstanden  hat,  den  angedeuteten  Aufgaben  als  Leiter  des 
Werkes  gerecht  zu  werden,  zeigt  seine  schon  nach  drei  Jahren  erfolgende 
Erhebung  zum  Direktor,  und  im  folgenden  Jahre  zum  Vorstandsmitgliede 
der  damals  zur  Aktiengesellschaft  umgewandelten  Firma.  So  gleichmaBig 
er  aber  bei  seinem  Wirken  auch  das  Ganze  im  Auge  behielt,  so  entsagte  er 
doch  keineswegs  dem  eigenen  Schaffen  und  Ausbilden  wichtiger  Geratschaften, 
deren  Notwendigkeit  er  durch  lebendige  Fuhlung  mit  der  Kundschaft  erkannt 
hatte.  Diese  Vielseitigkeit  konnte  R.  aber  nur  fur  das  Ganze  ersprieBlich 
machen  durch  die  Auswahl  und  Forderung  seiner  Mitarbeiter.  Zu  seiner  Kunst 
des  zweckdienlichen  Leitens  geeigneter  Krafte  gesellte  sich  bei  ihm  in  seltenem 
Grade  die  neidlose  Anerkennung  der  Leistungen  anderer.  Kennzeichnend  ist 
fur  ihn  in  dieser  Hinsicht  sein  Verhaltnis  zu  seinem  Mitdirektor  Dr.  A.  Franke 
geworden,  den  er  noch  auf  der  Universitat  schatzen  gelernt  hatte,  dann  zu 
sich  an  das  Werner-Werk  zog  und  in  der  Folge  als  Gleichberechtigten  neben 
sich  treten  lieB.  Das  vorbildliche  Zusammenwirken  der  beiden  Manner  und 
wieder  ihr  nie  gestortes  Vertrauensverhaltnis  zu  Wilhelm  v.  Siemens  ist  ein 
greifbares  Beispiel  fur  die  sachliche  Auswirkung  seelischer  Werte  in  den  fur 
den  AuBenstehenden  so  niichternen  gewerblichen  Betrieben.  Dasselbe  erwies 
die  Fuhrerschaft  von  R.  gegeniiber  seinen  Untergebenen.  In  seiner  heiteren 
rheinischen  Gemtitsart  war  er  immer  bei  seinem  Planen  und  Tun  von  mit- 
reiBender  Zuversicht,  lieB  seinen  Mitarbeitern  weiten  Spielraum  und  griff 
nur  ein,  um  vor  Irrwegen  zu  bewahren,  wie  er  auch  seine  eigenen  schopferischen 
Ideen  rechtzeitig  zu  ziigeln  verstand.  Schaffensdrang  und  kritisches  MaB- 
halten  mit  Riicksicht  auf  den  wirtschaftlichen  Endzweck  hielten  sich  bei 
ihm  die  Wage. 

In  dieser  Weise  und  immer  mit  gleichem  Feuer  hat  August  R.  iiber  ein 
Vierteljahrhundert  in  seinem  geliebten  Werke  geschaffen.  Ein  fliichtiges 
Streifen  einiger  unter  seiner  Fuhrung,  zum  Teil  durch  ihn  personlich  ent- 
wickelten  Hauptgebiete  kann  den  Umfang  seiner  erfolgreichen  Arbeit  an- 
schaulicher  machen.  Noch  in  die  erste  Zeit  seiner  Zugehorigkeit  zu  Siemens 
&  Halske  fallen  seine  Bemuhungen  zur  Ausbildung  des  Telephones  als  Iyaut- 
sprecher  fiir  die  FuBartillerie.  Als  Reserveoffiziei  dieser  Truppe  hatte  er  den 
Wert  eines  solchen  Gerates  fiir  die  Feuerleitung  erkannt,  und  er  loste  die 
vielumworbene  Aufgabe  im  Verein  mit  dem  spateren  General  Sieger  in  einer 
dem  beabsichtigten  Zwecke  vollkommen  entsprechenden  Weise.  Sie  fuhrte 
ihn  auch  am  wirksamsten  in  das  Telephonwesen  uberhaupt  ein,  dessen  Be- 
diirfnisse  und  Entwicklungsmoglichkeiten  er  eindringlich  erforschte.  Die 
hohe  Ausbildung  des  Amterbaues  und  der  automatischen  Telephonie  bei 
Siemens  &  Halske  waren  die  Folge  dieser  Fiirsorge,  die  sich  in  dem  Ansetzen 
fahiger  und  fruchtbarer  Kopfe  zeigte.  In  ahnlicher  Weise  fuhrte  sich  R.  in 
das  Gebiet  der  MeBgerate  ein  durch  eine  personliche  Arbeit,  einen  Elektrizi- 
tatszahler  zum  Messen  des  Stromverbrauches  an  den  Abnahmestellen.  Zur 
vollkommenen  Ausbildung  dieser  besonderen  Art  ist  es  nicht  gekommen,  da 
bei  der  Bildung  der  Siemens-Schuckert-Werke  die  Zahlererzeugung  aus  be- 
sonderen Griinden  nach  den  Werkstatten  in  Niirnberg  verlegt  wurde.  Um  so 
fruchtbarer  erwies  sich  die  mit  dieser  Arbeit  eingeleitete  Forderung  der  immer 


586  1920 

zahlreicher  werdenden  elektrischen  MeBgerate  fur  den  Betrieb.  Nach  dem 
Hinscheiden  von  R.  war  audi  diese  Abteilung,  in  der  Friihzeit  der  Firma  ohne- 
hin  eines  ilirer  wichtigsten  Felder,  nach  einem  langeren  Stillstande  zu  einem 
Umfange  entwickelt,  der  nach  Art  und  Menge  alien  Anforderungen  der  Be- 
triebe  geniigte  und  seinerseits  fortlaufend  neue  Anregungen  geben  konnte.  — 
Einen  betrachtlichen  Teil  seiner  Kraft  hat  R.  immer  den  Geraten  fiir  unmittel- 
bar  militarischen  Gebrauch  gewidmet.  Ahnlich  wie  zu  dem  oben  erwahnten 
Lautsprecher  fiihlte  er  sich  durch  eifrige  Beobachtung  angeregt,  den  Minen- 
ziinder  zu  verbessern,  die  erste  Anwendung,  die  Werner  Siemens  1867  von 
seiner  eben  erfundenen  Dynamomaschine  gemacht  hatte.  Der  Zunder  in  der 
damaligen  Form  geniigte  nicht  mehr  den  gesteigerten  Anforderungen.  Er  wurde 
jetzt  unter  bedeutender  Erleichterung  fiir  Gluhziindung  in  Hintereinander- 
schaltung  der  Ziindstellen  mit  einer  durch  Federkraft  angetriebenen  kleinen 
Dynamomaschine  eingerichtet.  Diese  Ziindmaschine,  die  sich  dem  Feld- 
gebrauche  gut  anpaBte,  war  fiir  das  Werk  zunachst  nicht  von  groBer  Be- 
deutung, sie  kennzeichnete  aber  die  Fiirsorge  des  Urhebers,  denn  im  Kriege 
gingen  sie  in  vielen  Hunderten  an  die  Front.  Von  entscheidender  Bedeutung 
im  vollen  Sinne  des  Wortes  sollten  dagegen  die  Kommandogerate  fiir  den 
Schiffsdienst  werden,  denen  R.  sein  ganzes  reiches  Konnen  friihzeitig  zu- 
wandte.  Schon  Werner  Siemens  hatte  in  den  achtziger  Jahren  mit  diesen 
Einrichtungen  einen  ersten  Anfang  gemacht,  nach  ihrer  planmaBigen  Auf- 
nahme  in  steter  Zusammenarbeit  mit  den  Marinebehorden  erhielten  sie  nun 
eine  vorher  kaum  erwartete  Ausbildung  imd  Bedeutung.  Sie  dienten  durch 
tfbermittlung  von  Zeichen  der  seemannischen  Schiffsfiihrung  und  der  Feuer- 
leitung.  Namentlich  diese  zweite  Gattung  hat  R.  hingebend  in  langen  Jahren 
mit  ebensoviel  artilleristischem  Verstandnisse  wie  physikalisch-technischem 
Erfindungsgeiste  gepflegt.  Die  Messungen  in  der  Kommandozentrale  konnten 
schlieBlich  damit  so  schnell  und  genau  an  die  Geschiitze  iibertragen  werden, 
daB  trotz  aller  Schwankungen  des  Schiffes  die  Granaten  iiber  friiher  uner- 
horte  Entfernungen  ihr  Ziel  erreichten.  Keine  Marine  war  so  vollkommen 
ausgeriistet,  die  Englander  selbst  haben  die  Uberlegenheit  der  deutschen 
Gerate  eingestanden.  Die  Schlacht  am  Skagerrak  lieferte  den  Beweis.  Der 
Kaiser  lieB  dafiir  der  Firma  seinen  besonderen  Dank  aussprechen. 

Um  das  Bild  des  Wirkungsfeldes  von  August  R.  zu  vervollstandigen, 
diirfen  jahrelange  Arbeiten  nicht  unerwahnt  bleiben,  mit  denen  das  Werner- 
Werk  alte  Versuche  von  Werner  Siemens  bis  zur  umfangreichen  Einfiihrung 
in  den  offentlichen  Gebrauch  fortfiihrte.  Es  waren  dies  die  Sterilisierung  von 
Trinkwasser  durch  Ozon  und  die  noch  viel  wichtiger  gewordene  Bindung 
des  Stickstoffes  der  Luft  in  dem  Kalkstickstoff.  R.  hat  diesen  Arbeiten  mehr 
verwaltungsmaBig  nahe  gestanden,  aber  sie  haben  doch  die  Jahre  iiber  seine 
fachliche  Uberwachung  und  wirtschaftliche  zweckmaBige  Fiihrung  erfordert. 

Die  Bedeutung  eines  gewerblichen  Betriebes  pflegt  man  nach  der  Kopf- 
zahl  derer  einzuschatzen,  die  in  ihm  ihr  Brot  finden.  Mit  Vorsicht  angewendet 
kann  dieses  Verfahren  wenigstens  ein  auBerlichee  Bild  vom  Gange  der  Ent- 
wicklung  bieten,  in  diesem  Falle  von  dem  Aufstiege,  den  das  Werner-Werk 
imter  der  Fiihrung  von  R.  genommen  hat.  Bei  seinem  Eintritte  betrug  die 
Kopfzahl  rund  1300,  sie  nahm  dann  schnell  und  stetig  zu  und  erreichte  schon 
zur  Zeit  der  Verlegung  des  Werkes  von  Berlin  nach  Siemensstadt  im  Jahre 


Raps.  Riehn  587 

1905  iiber  4600.  Von  da  an  bis  zum  Kriegsausbruche  stieg  sie  auf  11  000, 
wahrend  des  Krieges  auf  16  000.  Die  in  den  Vorjahren  ausgebildete  Betati- 
gungsart  des  Werkes  hat  sich  seitdem  durch  weiteres  Anwachsen  ausgewirkt. 

Der  schopferische  Mann  mit  dem  heiteren  und  giitigen  Herzen  muBte 
notwendig  auch  eine  ausgepragte  Neigung  zur  Mitteilung  seiner  Erfahrungen 
und  Plane  an  andere  haben.  Er  konnte  oft  eine  Stunde  und  mehr  seiner  viel 
beanspruchten  Zeit  der  Belehrung  eines  jungeren  oder  alteren  Angestellten 
widmen,  ohne  dazu  durch  die  Sachlage  gezwungen  zu  sein.  Der  Verzicht  auf 
die  Wirkung  als  akademischer  Lehrer  wird  ihm  deshalb  nicht  leicht  geworden 
sein.  Einen  schwachen  Ersatz  daftir  suchte  er  in  der  beibehaltenen  Stellung 
als  Privatdozent,  die  ihm  auch  den  Titel  Professor  eintrug.  EindringHcher 
und  wirkungsvoller  waren  seine  Veroffentlichungen,  meist  urspriinglich  Vor- 
trage,  die  er  in  unregelmaBiger  Folge  bekanntgab.  Sie  zeugen  in  ihrer  statt- 
lichen  Anzahl  von  etwa  25  ebenso  von  der  Lehrfreude  des  Verfassers,  wie  von 
seiner  Lehrbegabung.  Sie  geben  auch  ein  zusammenhangendes  Bild  da  von, 
mit  welchen  Aufgaben  hauptsachlich  das  Werner-Werk  sich  in  der  Amts- 
zeit  von  R.  befafite. 

Der  erfolgreiche  Neugestalter  des  altesten  und  wichtigsten  Betriebes  von 
Siemens  &  Halske  ist  fruhzeitig  seinem  Wirkungskreise  und  seiner  Familie 
durch  den  Tod  entriickt.  Schwer  erschiittert  durch  den  Ausgang  des  Krieges 
und  den  bald  darauffolgenden  Tod  seines  Freundes  Wilhelm  v.  Siemens  erlag 
er  einem  alten,  nun  durch  die  unglucklichen  Umstande  verhangnisvoll  gewor- 
denen  Herzleiden. 

Literatur:  Adolf  Franke,  August  R.,  Wissenschaftliche  Veroffentlichungen  aus  dem 
Siemens- Konzern,  I.  Band,  2.  Heft,  Berlin  192 1.  —  Carl  Dietrich  Harries,  Nachruf  fiir 
Wilhelm  v.  Siemens,  Wissenschaftliche  Veroffentlichungen  aus  dem  Siemens-Konzern, 
I.  Band,  1.  Heft,  Berlin  1920.  —  August  Rotth,  Wilhelm  v.  Siemens,  Berlin  1922.  —  Der 
gedruckte  Nachlafl  von  August  R.  befindet  sich  im  Siemens- Archiv  in  Berlin-Siemens- 
stadt. 

Berlin-Siemensstadt.  August    Rotth. 

Riehn,  C.  Andreas  Wilhelm,  Professor  des  Maschinenbaues,  Geheimer  Re- 
gierungsrat,  Dr.-Ing.  E.  h.,  *  am  17.  Juni  1841  zuEstebriigge  im  Alten  Lande, 
Provinz  Hannover,  f  am  24.  Dezember  1920  in  Hannover.  —  Als  Sohn  des 
spater  in  Neuenfelde  bei  Harburg  wohnenden  praktischen  Arztes  Dr.  R.,  be- 
suchte  Wilhelm  R.  die  Realklassen  des  Gymnasiums  in  Stade.  Vom  Herbst  i860 
bis  1863  studierte  er  an  der  Polytechnischen  Schule  zu  Hannover  mit  aus- 
gezeichnetem  Erfolge.  Seine  Absicht  war,  sich  ganz  dem  Schiffbau  zu  widmen. 
Um  hierfur  nach  dem  Studium  die  notwendige  Weiterbildung  zu  finden,  trat 
er  in  das  Werk  Buckau  der  Vereinigten  Hamburg-Magdeburger  Dampfschiff- 
fahrts-Kompagnie  ein  und  fand  hier  Gelegenheit,  sich  bei  der  Ausfuhrung  von 
Maschinenentwtirfen  fiir  die  verschiedensten  Zweige  der  Industrie  und  be- 
sonders  beim  Bau  von  FluB-  und  Seeschiffen,  Schiffsmaschinen  und  -kesseln 
zu  betatigen.  Von  1868  bis  1872  finden  wir  ihn  als  Ingenieur  bei  der  koniglich 
preuBischen  Maschinen-  und  Bauverwaltung  des  Oberbergamtes  in  Clausthal. 
Hierauf  war  er  als  Zivilingenieur  tatig  und  griindete  im  Jahre  1874  in  Gorlitz 
die  selbstandige  Zivilingenieurfirma  » Riehn,  Meinicke  &  Wolf«,  zur  Bearbei- 
tung  industrieller  Aufgaben,  insbesondere  des  Berg-,  Hiitten-  und  Salinen- 


588  1920 

wesens.  In  alien  Stellungen  hat  R.  eine  Reihe  sehr  bedeutender  Anlagen,  so- 
wohl  fur  in-  wie  auslandische  Werke  entworfen  und  ausgefiihrt. 

Im  Jahre  1879  wurde  an  der  damaligen  Polytechnischen  Schule  zu  Han- 
nover der  EntschluB  gefaBt,  in  der  Abteilung  fiir  Maschinenbau  eine  weitere 
Professur  einzurichten,  die,  auBer  zur  Entlastung  der  iibrigen  Professoren, 
zur  Wahrnehmung  der  Vorlesung  iiber  Schiffbau  bestimmt  war.  Die  Wahl 
fiel  auf  den  bereits  in  weiten  Kreisen  bekannten  R.;  er  nahm  die  Berufting 
an.  Nachdem  R.  auf  einer  mehrmonatigen  Reise  den  deutschen  und  eng- 
lischen  Schiffsbau  studiert  hatte,  trat  er  im  Herbst  seine  Lehrtatigkeit  an 
und  sah  sich  sogleich  vor  die  Aufgabe  gestellt,  auBer  seinem  eigenen  Iyehr- 
gebiet  den  groBten  Teil  der  konstruktiven  Lehrfacher  des  Maschinenbaues  in 
Vertretung  fiir  den  nach  Berlin  berufenen  Professor  Grove  (s.  oben  S.  392  fF.) 
zu  ubernehmen.  Aber  auch  diese  schwierige  Aufgabe  wurde  gelost.  1880 
wurde  er  mit  der  Nachfolge  von  Grove  endgultig  beauftragt  und  erhielt 
auf  Wunsch  die  Lehrfacher  »Bau  und  Theorie  der  Kraftmaschinen*,  »Auf- 
zugmaschinen  und  Pumpen«  und  »Schiffbau  einschlieBlich  Schiffsmaschinen- 
bau«  iibertragen.  Dieses  umfangreiche  Lehrgebiet  wurde,  mit  Ausnahme  der 
Vortrage  iiber  »Aufzugmaschinen  und  Pumpen«,  in  vollem  Umfange  bis  zu 
seinem  wohlverdienten  tJbertritt  in  den  Ruhestand  am  1.  Oktober  1910  von 
ihm  wahrgenommen.  Die  groBe  Schaffenskraft  R.s  zeigt  sich  am  besten 
darin,  daB  sein  Lehrstuhl  in  zwei  Professuren  geteilt  wurde,  trotzdem  sein 
Hauptlehrgebiet  »  Schiffbau*  unbesetzt  blieb. 

R.  war  ein  Hochschullehrer  von  groBer  Bedeutung.  Nicht  nur  sein  theore- 
tisches  Wissen,  seine  umfangreiche  Erfahrung  und  seine  auBerordentliche 
praktische  Begabung  begriinden  diese  Bedeutung,  sondern  auch  die  Fahig- 
keit,  Wesentliches  hervorzuheben  und  Schwierigkeiten  klar  und  deutlich  zu 
klaren.  Von  seinen  ehemaligen  Schiilern  wird  ruhmlichst  hervorgehoben,  daB 
er  jede  Frage  mit  groBer  Griindlichkeit  und  Sachkenntnis  beantwortete.  Ge- 
wissenhaftigkeit  verlangte  er  nicht  nur  von  sich  selbst,  sondern  auch  von 
seinen  Horern.  Seine  scharfe  Kritik  wirkte  nie  verletzend  und  war  oft  von 
kostlichem  Humor  durchsetzt. 

Aber  auch  den  Ruhestand  gonnte  er  sich  nicht.  Als  der  Weltkrieg  das 
Kollegium  auseinanderriB,  stellte  er  seine  Arbeitskraft  wiederum  selbstlos 
zur  Verfiigung,  so  daB  der  Lehrbetrieb  an  der  Technischen  Hochschule  Han- 
nover aufrechterhalten  werden  konnte. 

Neben  der  bedeutsamen  Lehrtatigkeit  hat  sich  R.  auch  durch  Gutachten 
in  der  Praxis  einen  anerkannten  Namen  geschaffen.  Sein  Rat  wurde  gern  und 
oft  in  Anspruch  genommen. 

Die  schriftstellerische  Tatigkeit  R.s  war  infolge  weitgehender  dienstlicher 
und  privater  Inanspruchnahme  nicht  sehr  ausgedehnt  und  liegt  in  der  Haupt- 
sache  auf  dem  Gebiete  des  Schiffbaues.  Neben  Aufsatzen  in  der  Zeitschrift 
des  Vereins  deutscher  Ingenieure:  »l)ber  die  Wirkungsweise  der  Schaufel- 
rader  und  der  Schrauben  bei  Dampfschiffen«,  1884;  »Bemerkungen  iiber  das 
sogenannte  Gesetz  der  korrespondierenden  Geschwindigkeiten  und  die  An- 
wendung  desselben  zur  Bestimmung  des  Schiffswiderstandes  durch  Modeller, 
1887;  »Die  beweglichen  Wasserdruckkrane  des  Hafens  zu  Antwerpen*,  1887; 
j>Die  Wirkungsweise  der  Schiffsschraube*,  1888;  »Uber  die  mutmaBlichen 
Grenzen  der  Geschwindigkeit  im  Dampferverkehr  zwischen  Europa  und  Nord- 


Riehn.  Seuffert  589 

amerika*,  1891;  »Die  Berechnung  des  Schiffswiderstandes«,  1883;  »t)ber  die 
Beziehungen  zwischen  der  Reaktionsstrahltheorie  und  den  Fliigelblatt- 
theorien«,  1919,  erschienen  aus  seiner  Feder  Berichte  im  »Zivil-Ingenieur« 
und  der  Zeitschrift  fiir  das  »Berg-,  Hiitten-  und  Salinenwesen«  und  1882  ein 
Buch  »Die  Berechnung  des  Schiffswiderstandes«.  Die  in  diesem  Buche  von 
R.  aufgestellte  Formel  zur  Berechnung  fiir  Maschinenstarke  und  Feststellung 
des  Schiffswiderstandes  ergab  Werte,  die  sich  mit  den  bei  Probefahrten  er- 
reichten  Leistungen  deckten  und  war  lange  Zeit  eine  der  genauesten  Formeln. 
Sie  beruht  einesteils  auf  eingehenden  theoretischen  Untersuchungen,  andern- 
teils  auf  Angaben  und  Erfahrungen,  welche  der  Praxis  entnommen  waren. 
Obgleich  sie,  trotz  der  aufgestellten  Hilfstabellen,  recht  umfangreiche  Rech- 
nungen  erforderte,  so  hat  sie  doch  in  der  Zeit  um  1900,  besonders  bei  der 
Berechnung  der  FluBdampfer,  groBen  Anklang  gefunden. 

An  aufierer  Anerkennung  fehlte  es  R.  nicht.  Im  Jahre  1906  ernannte  ihn 
der  Hannoversche  Bezirksverein  des  Vereins  deutscher  Ingenieure  zu  seinem 
Ehrenmitgliede.  Zu  seinen  anderen  Orden  wurde  ihm  bei  seinem  Ubertritt 
in  den  Ruhestand  der  Kronenorden  II.  Klasse  verliehen.  Gelegentlich  seines 
72.  Geburtstages  eraannte  ihn  die  Technische  Hochschule  Hannover  in  Wiir- 
digung  seiner  hervorragenden  Verdienste  um  die  Hochschule  zum  Doktor- 
Ingenieur  ehrenhalber. 

Literatur:  Launhardt,  Die  Kgl.  Technische  Hochschule  zu  Hannover  von  1831  bis 
1 88 1.  —  Zeitschrift  des  Vereins  deutscher  Ingenieure  1921,  S.  297  (Professor  Frese).  — 
Riihlmann,  Allgemeine  Maschinenlehre.  —  Busley,  Die  Schiffsmaschine. 

Hannover.  Ludwig  Klein. 


Seuffert,  Lothar  v.,  Koniglich  Bayerischer  Geheimer  Rat,  o.  Professor  des 
Zivilprozesses  des  romischen  Rechts  und  des  deutschen  burgerlichen  Rechts 
an  der  Universitat  Miinchen,  *  am  15.  Juni  1843  in  Wurzburg,  f  am  25.  Marz 
1920  in  Miinchen.  —  L.  S.  hat  an  fiinf  deutschen  Universitaten  segensreich 
gewirkt.  Aber  sein  Leben  ist  auBerlich  so  schlicht  und  einfach  verlaufen,  wie 
es  seiner  ganzen  Personlichkeit  entsprach.  Er  war  der  Sohn  des  juristischen 
Direktors  am  Wurzburger  Julius-Hospital  Johann  Baptist  S.  In  Wurzburg  hat 
er  seine  gesamte  Schulbildung  genossen  und  nach  am  8.  August  1861  mit  Note  1 
vollendeter  Gymnasialbildung  bis  1865  die  Universitat  besucht,  wo  Albrecht, 
Dahn,  Edel,  Held,  Risch,  Wirsing  seine  hauptsachlichsten  Lehrer  waren.  Nach 
der  gleichfalls  mit  erster  Note  bestandenen  theoretischen  SchluBpriifung  hat 
er  auch  in  Wurzburg  den  Vorbereitungsdienst  als  Rechtspraktikant  abgeleistet. 
Bei  der  dortigen  juristischen  Fakultat  erlangte  er  am  23.  Juni  1866  den  Doktor- 
grad,  und  zwar  auf  Grund  der  der  iiblichen  Umarbeitung  unterzogenen  ge- 
kronten  Preisschrift :  »Die  Lehre  von  der  Genehmigung  (ratihabitio)  nach  ge- 
meinem  Zivilrecht  und  mit  Berucksichtigung  der  neueren  Gesetzgebung«.  Das 
Urteil  der  Fakultat  iiber  die  Preisaufgabe  hatte  zwar  die  Erganzung  von  Liicken 
und  die  Beseitigung  von  Mangeln  besonders  in  formaler  Hinsicht  verlangt, 
aber  die  Zuerkennung  des  Preises  damit  begriindet,  daB  die  Arbeit  unter  ge- 
wissenhafter  Benutzung  der  Quellen  und  der  Literatur  den  Gegenstand  nahe- 
bei  erschopft  und  durch  folgerecht  durchgefuhrte  Scheidung  der  einzelnen, 
bisher  meist  irrig  vermengten  Arten  der  Genehmigung  einen  Beitrag  zur  Forde- 


590  1920 

rung  der  Wissenschaft  geboten  habe.  Im  Staatskonkurs  (1868)  war  er  der  erste 
aller  Pniflinge  mit  Note  1 26/1 168.  Das  SchluBzeugnis  des  Vorbereitungs- 
dienstes  sagt,  daB  er  sofort  bei  seinem  Eintritt  in  die  Praxis  erkennen  lieB, 
daB  er  einen  reichen  Schatz  von  Kenntnissen  sich  erworben  habe  und  daB  er 
bei  entschiedener  Urteilskraft  diese  Kenntnisse  auch  mit  Sicherheit  praktisch 
zu  verwerten  verstanden  hatte.  Bei  seinem  unermudlichen  FleiB  und  seiner 
ausgezeichneten  Begabung  habe  er  in  kurzester  Frist  voile  Gewandtheit  in 
den  verschiedenen  Geschaftssparten  sich  erworben  und  viele  bedeutsame 
Referate  mit  Umsicht,  Gesetzeskenntnis  und  scharfem  Urteil  erledigt,  so  daB 
er  an  der  Forderung  des  richterlichen  Dienstes  nicht  unwesentlich  mitgewirkt 
habe.  Auch  in  Verteidigungen  und  Sekretariatsgeschaften  habe  er  die  gleiche 
Befahigung  an  den  Tag  gelegt.  Er  verspreche  Vorziigliches  zu  leisten.  S.  hat 
sich  dann  bis  Ende  1872  als  Anwaltskonzipient  in  Wurzburg  betatigt,  so  daB 
er  fast  30  Jahre  lang  in  seiner  Geburtsstadt  verblieben  ist.  Er  dachte  aber  schon 
1868  an  die  akademische  Laufbahn  und  richtete  ein  Habilitationsgesuch  an 
die  juristische  Fakultat  in  Bonn,  welches  er  aber,  hauptsachlich  wohl  mit  Riick- 
sicht  auf  die  inzwischen  erfolgte  Bekanntgabe  seiner  vorziiglichen  Note  im 
Bayerischen  Staatskonkurs,  zuriickgezogen  hat. 

Mit  dem  1.  Januar  1873  erlangte  er  seine  erste  Anstellung  im  Staatsdienst 
als  funktionierender  Staatsanwaltssubstitut  bei  dem  Bezirksgericht  Augsburg. 
Nunmehr  konnte  er  am  24.  September  1873  seine  Braut,  die  heute  noch  lebende 
Frau  Auguste,  Tochter  des  praktischen  Arztes  Dr.  Franz  Schierlinger  in  Wurz- 
burg, als  Gattin  heimfiihren.  Aus  dieser  gliicklichen  Ehe  sind  mehrere  Kinder 
her  vorgegangen . 

Den  Hauptwendepunkt  im  Leben  S.s  bildete  seine  am  9.  April  1875  auf  Vor- 
schlag  der  bayerischen  Regierung  erfolgte  Berufung  nach  Berlin  als  einer  der 
Protokollfuhrer,  welche  den  mit  der  Beratung  der  sogenannten  Reichsjustiz- 
gesetze  (Gerichtsverfassungsgesetz,  StrafprozeBordnung,  ZivilprozeBordnung, 
Konkursordnung)  beauftragten  und  uber  die  Tagungen  des  Gesamtreichstags 
hinaus  tatigen  Reichstagskommissionen  beigegeben  wurden.  Diese  Tatigkeit 
bot  ihm  Gelegenheit,  in  den  Geist  der  Neuordnung  des  Gerichtsverfahrens 
schon  bei  ihrem  Werdegange  einzudringen  und  selbst,  wenn  auch  in  einer  un- 
scheinbaren  Stellung,  einfluBreich  auf  die  Gestaltung  des  groBen  Werkes  ein- 
zuwirken.  Wahrend  dieser  Arbeit  wurde  er  unter  dem  16.  August  1875  von 
Augsburg  als  Assessor  extra  statum  an  das  Stadtgericht  Miinchen  versetzt, 
doch  ist  er  dort  niemals  tatig  geworden,  weil  er  in  Berlin  zu  verbleiben  hatte. 
Bevor  aber  noch  seine  Berliner  Wirksamkeit  abgeschlossen  war,  erhielt  er 
zwei  Angebote,  welche  ihn  an  den  Scheideweg  zwischen  Theorie  und  Praxis 
stellten.  Man  bot  ihm  einerseits  die  Stellung  als  Syndikus  bei  dem  Berliner 
Reichsbankdirektorium  an  und  rief  ihn  andererseits  in  die  durch  den  Abgang 
von  Wendt  erledigte  Pandektenprofessur  in  GieBen.  Zu  Ostern  1876  folgte  er 
dem  Rufe  nach  GieBen.  Damit  war  sein  Ausscheiden  aus  dem  praktischen 
Justizdienst  in  Bayern  und  zugleich  auch  die  vorzeitige  Beendigung  seiner 
Tatigkeit  bei  der  Justizgesetzgebungskommissionen  verbunden,  deren  Arbeiten 
iibrigens  in  der  Hauptsache  geleistet  waren  und  auch  noch  im  Jahre  1876  voll- 
standig  beendigt  wurden.  In  GieBen  trat  die  Versuchung,  in  die  Praxis  zuriick- 
zukehren,  noch  einmal  in  der  Form  eines  Antrags  auf  Ubernahme  einer  be- 
deutenden  Stellung  im  Reichskanzleramt  an  ihn  heran.  Er  lehnte  aber  ab. 


Seuffert  591 

Kurz  vorher  hatte  er  auch  einen  Ruf  an  die  Universitat  Wiirzburg  abgelehnt, 
wohl  weil  er  nicht  so  bald  schon  in  die  Vaterstadt  zuruckkehren  wollte.  Da- 
gegen  folgte  er  nacheinander  den  Benifungen  nach  Greifswald  (Herbst  1881), 
Erlangen  (Hersbt  1884),  Wiirzburg  (Ostern  1888)  und  Miinchen  (Herbst  1895). 
AmEnde  des  Sommersemesters  1916  wurde  er  in  Miinchen  von  der  Verpflichtung, 
Vorlesungen  abzuhalten,  befreit,  konnte  aber  noch  1918  sein  goldenes  Doktor- 
jubilaum  feiern.  In  die  Erlanger  Zeit  fielen  zwei  Fakultatsvorschlage,  einer 
an  erster  Stelle  nach  Bonn,  ein  anderer  fur  die  ZivilprozeBprofessur  in  Berlin. 
Beide  Vorschlage  f anden  aber  bei  Althof f ,  der  ihm  den  Weggang  von  Greifswald 
veriibelt  hatte,  kein  Gehor. 

Akademische  Amter,  namentlich  das  des  Dekans,  hat  er  wiederholt  versehen, 
Rektor  war  er  1879  in  GieBen  und  1890  in  Wiirzburg.  Seine  Wtirzburger  Rekto- 
ratsrede:  »  Konstantins  Gesetze  und  das  Christentum*  ist  1891  im  Druck  er- 
schienen.  Staatliche  Auszeichnungen  hat  er  in  reichem  MaBe  erhalten.  Mit  der 
am  29.  Dezember  1899  erfolgten  Verleihung  des  Verdienstordens  der  baye- 
rischen  Krone  war  die  Erlangung  des  personlichen  Adels  verbunden. 

S.  hat  zahlreiche  Buchbesprechungen  und  sonstige  Beitrage  in  verschiedenen 
Zeitschriften  veroffentlicht,  auf  die  hier  nicht  naher  eingegangen  werden  kann. 

Auf  dem  Gebiete  des  gemeinen  Zivilrechts  liegen  von  seinen  Schriften  auBer 
seiner  Doktordissertation  die  1888  unter  dem  Titel:  »Zur  Geschichte  der  obli- 
gatorischen  Vertrage«  veroffentlichten  dogmatischen  Untersuchungen  vor,  ein 
kleines  Werk,  aber  von  bleibendem  Werte.  Zum  ersten  Male  ist  die  fur  das 
Verstandnis  des  reinen  romischen  Rechts  wie  des  gemeinen  deutschen  Rechts 
hochst  bedeutsame  geschichtliche  Entwicklung  der  Formfreiheit  der  Schuld- 
vertrage  im  deutschen  gemeinen  Recht  in  ihren  Einzelheiten  dargelegt.  Das 
romische  Recht  hatte  das  Formerfordernis  grundsatzlich  festgehalten,  wenn 
es  auch  durch  die  Zulassung  der  benannten  und  unbenannten  Realvertrage 
und  durch  die  gesetzhche  Formbefreiung  der  sogenannten  Konsensualvertrage, 
vor  allem  fiir  Kauf  und  Miete,  stark  durchbrochen  war.  Weitere  zivilrechtliche 
Arbeiten  sind  eine  bereits  1873  erschienene  Studie  iiber  das  Autorrecht  an  lite- 
rarischen  Erzeugnissen  und  die  Darstellung  des  Obligationenrechts  in  dem 
ersten  Entwurf  des  Biirgerlichen  Gesetzbuchs  (1889).  Auch  seine  1907  er- 
schienene kleine  Schrift  iiber  den  Loskauf  der  Sklaven  mit  eigenem  Geld  f uhrte 
ihn  noch  einmal  ins  romische  Zivilrecht  zuriick. 

Dem  deutschen  Konkursrecht  ist  sein  1899  im  Bindingschen  Handbuche  der 
deutschen  Rechtswissenschaft  erschienenes  deutsches  KonkursprozeBrecht 
mit  seiner  Vorlauf erin,  der  1888  erschienenen  kleinen  Schrift :  »  Zur  Geschichte 
und  Dogmatik  des  deutschen  Konkursrechts,  I.  Abt.  Die  Rechtsverhaltnisse 
der  Aktivmasse«  gewidmet.  An  der  methodisch  anfechtbaren  Loslosung  der 
Darstellung  des  Konkursverfahrens  von  dem  materiellen  Konkursrecht  ist 
nicht  S.  schuld,  sondern  der  Plan  der  Sammlung,  in  welcher  das  Werk  er- 
schienen  ist.  S.  hat  auch  gar  nicht  umhin  gekonnt,  die  materiellen  Wirkungen 
des  Konkurses  in  weitem  Umfange  mit  zu  beriicksichtigen.  Der  konstruktive 
Grundgedanke  des  Handbuchs  ist  die  Annahme  eines  den  Konkursglaubigern 
als  Gemeinschaft  zur  gesamten  Hand  zustehenden  Pf andrechts  an  der  Konkurs- 
masse.  Fiir  die  Anerkennung  dieses  auch  heute  noch  dem  Streit  der  Meinungen 
nicht  entriickten  Ausgangspunktes  suchte  S.  namentlich  die  geschichtliche 
Entwicklung  zu  verwerten. 


592  1920 

Auf  dem  Gebiete  des  engeren  Zivilprozesses  ist  S.  auch  durch  eine  1913 
zum  zweitenmal  erschienene  kurze  Darstellung  des  ZivilprozeBrechts  in  Hinne- 
bergs  »Kultur  der  Gegenwart«  und  eine  seit  1876  herausgekommene  Textaus- 
gabe  mit  kurzen  Noten  tatig  gewesen.  Aber  das  Hauptwerk,  welches  ihn  an  die 
Spitze  der  zeitgenossischen  Zivilprozessualisten  gestellt  hat  und  seinem  Namen 
fur  alle  Zeiten  einen  ehrenvollen  Platz  unter  den  Zivilprozessualisten  sichern 
wird,  ist  sein  zuerst  im  Januar  1879  un^  X9I][  in  11.  Auflage  erschienener  Kom- 
mentar  zur  deutschen  ZivilprozeBordnung.  Er  ist  der  erste  wirklich  wissen- 
schaftliche  und  dabei  an  praktischer  Brauchbarkeit  in  keiner  Weise  zuriick- 
stehende  Kommentar  eines  ZivilprozeBwerks,  der  die  einst  nicht  besonders  ge- 
schatzte  wissenschaftliche  Betatigung  in  kommentatorischer  Form  zu  hoher 
Ehre  gebracht  und  auch  von  den  spater  erschienenen  wertvollen  Werken  gleicher 
Gattung  in  keiner  Weise  iibertroffen  wurde.  Seine  hervorragende  theoretische 
und  praktische  Durchbildung  in  Verbindung  mit  seiner  Arbeit  an  der  Her- 
stellung  des  Gesetzes  selbst  hatten  ihn  zu  diesem  Werke  gewissermaBen  vorher- 
bestimmt.  Es  zeigt  alle  Vorziige  der  S.schen  Jurisprudenz :  vollige  Beherrschung 
derTheorieeinschlieBlichder  auch  fur  die  Gesetzeskommentierung  unerlaBlichen 
Einsicht  in  die  geschichthche  Entwicklung,  voiles  Verstandnis  fiir  die  Be- 
durfnisse  der  Rechtspflege,  scharfes  und  sicheres  Urteil,  wohlgeordnete,  ein- 
f ache,  knappe  und  klare  Darlegung,  ergebnisreiche  und  maBvolle  Verwendung 
von  Literatur  und  Rechtsprechung.  Vor  allem  zeigt  der  Kommentar  auch, 
daB  eine  f ruchtbare  Pflege  des  ZivilprozeBrechts  nur  bei  voller  Beherrschung 
auch  des  biirgerlichen  Rechts  moglich  ist.  Es  gibt  wohl  kaum  eine  Frage  der 
Theorie  und  Kasuistik  des  ZivilprozeBrechts,  die  nicht  durch  den  S.  schen  Kom- 
mentar gefordert  worden  ware.  Durch  die  Novellengesetzgebung  seit  19 10 
ist  die  Veranstaltung  einer  12.  Auflage  durch  einen  geistesverwandten  Jiinge- 
ren  ein  dringendes  Bediirfnis  geworden,  um  dem  Werke  die  unmittelbare 
praktische  Brauchbarkeit  zu  erhalten.  Seinen  wissenschaftlichen  Wert  wurde 
es  allerdings  auch  nicht  in  der  gegenwartigen  Gestalt  verlieren. 

Der  Verfasser  dieser  Lebensbeschreibung  hat  seit  1881  S.  nahergestanden, 
da  er  als  kurz  vorher  in  Greifswald  habilitierter  Privatdozent  mit  dem  als 
Fachordinarius  dorthin  berufenen  S.  zusammentraf,  und  er  ist  mit  S.  in 
dauernder  Verbindung  geblieben,  als  er  im  Herbst  1884  Nachfolger  S.s  auf 
dem  I^hrstuhl  fiir  romisches  Recht  und  ZivilprozeBrecht  wurde.  Er  kann  des- 
halb  uber  die  Lehrtatigkeit  und  Personlichkeit  S.s  aus  eigener  Anschauung 
berichten.  S.  war  nicht  Rechtshistoriker,  sondern  Rechtsdogmatiker,  aber  ein 
Dogmatiker,  der  nicht  nur  seine  reiche  praktische  Erf ahrung  ausnutzen  konnte, 
sondern  vor  allem  auch  die  Bedeutung  der  Rechtsgeschichte  fiir  die  Erkenntnis 
des  geltenden,  auch  des  in  Gesetzesparagraphen  gekleideten  Rechts  erkannt 
hatte.  Allerdings  haftete  ihm  aus  der  Schule,  durch  welche  er  gegangen  war, 
noch  etwas  von  der  Gebundenheit  an  die  pandektistischen  Schranken  an.  So 
auBerte  er  mir  einmal,  daB  kein  Gesetz  rechtswirksam  bestimmen  konne,  daB 
der  Besitz  mit  dem  Tode  des  Erblassers  ohne  weiteres  auf  die  Erben  iibergehe. 
Doch  hat  diese  Gebundenheit  seine  Ergebnisse  kaum  nennenswert  beeinfluBt. 

Seine  Lehrtatigkeit  hat  sich  auf  alle  Zweige  des  romischen  Rechts,  das  ge- 
meine  Zivilrecht,  das  moderne  deutsche  biirgerliche  Recht,  aber  vor  allem 
auf  den  ZivilprozeB  einschlieBlich  des  Konkurses  erstreckt.  Besonders  ge- 
schatzt  waren  seine  exegetischen  Ubungen  im  romischen  Recht  und  seine 


Seuffert.  Weber 


593 


praktischen  Ubungen  im  Privatrecht  und  ProzeBrecht.  Aber  auch  seine  Vor- 
lesungen  wurden  von  den  besseren  Studenten  gem  und  regelmaBig  besucht. 
Sein  Vortrag  war  schlicht,  aber  gediegen  und  forderlich,  wenn  auch  nicht  auf 
rednerischen  Glanz  abgestellt.  So  war  seine  Lehrtatigkeit  das  Spiegelbild  seiner 
Personlichkeit.  Er  war  ein  gesinnungstreuer,  charakterfester,  schlichter, 
ernster,  aufrichtiger,  aber  etwas  zuriickhaltender  und  ruhig  abwagender, 
sparsamer,  aber  keineswegs  gewinnsiichtiger  Mann,  der  dabei  aber  vollen  Sinn 
fur  Frohlichkeit  besaB  und  seine  Menschenliebe  namentlich  auf  Familie,  Stu- 
dierende,  jiingere  und  altere  Amtsgenossen  weniger  in  schonen  Worten  als  in 
tatkraftiger  Forderung  erstreckte. 

Nicht  unerwahnt  bleibe  schlieBlich,  daB  S.  auch  als  Rechtsgutachter  und 
als  stellvertretender  Vorsitzender  der  Bayerischen  Sachverstandigenkammer 
fur  Werke  der  Literatur  fiir  die  Rechtswissenschaft  tatig  gewesen  ist. 

Literatur:  v.  d.  Pfordten  in  Jahrb.  fiir  Rechtspflege  in  Bayern  XVI,  Nr.  8  und  9 
(1920).  —  W.  Kisch  in  der  Miinchener  Universitatschronik  fiir  1920. 

Breslau.  Otto  Fischer. 


Weber,  Max,  Nationalokonom  und  Soziologe,  *  am  21.  April  1864  in  Erfurt, 
t  am  14.  Juli  1920  in  Miinchen.  —  Liegt  es  auch  im  Wesen  wissenschaftlicher 
Arbeit  begriindet,  daB  sie  nicht  nur  Zustimmung  findet,  sondern  auch  Kritik 
und  Ablehnung,  so  ist  beidesMax  W.  doch  in  ganz  ungewohnlichem  MaBe  zuteil 
geworden.  Er  ist  einerseits  das  »wichtigste  Kulturzentrum«  im  Geistesleben 
Deutschlands  von  etwa  1897  bis  1914  von  Robert  Michels  und  »der  groBte 
Vertreter  der  Wissenschaft  unserer  Tage«  von  Hermann  Kantorowicz  genannt 
worden;  und  von  anderer  Seite  wird  er  als  ein  Verderber  der  Wissenschaft 
angesehen,  dessen  eines  Hauptwerk  »eine  ungeheure  Sammlung  miBverstan- 
denen  Tatsachenstoffes«  und  dessen  Lehre  im  ganzen  »tote  Wissenschaft «  von 
Othmar  Spann  bezeichnet  worden  ist.  Dieser  schroffe  Widerspruch  wird  nicht 
aus  den  Schriften  W.s  allein  verstandlich ;  Lebenswerk  und  Lebensschicksal 
verwachsen  bei  ihm,  wie  bei  so  manchem  Kunstler,  zu  einer  untrennbaren  Ein- 
heit.  Erst  sie  gibt  voile  Erklarung. 

I. 

Max  W.  ist  am  21.  April  1864  a^s  Sohn  wohlhabender  Eltern  in  Erfurt  ge- 
boren.  Seine  Familie  stammte  vaterlicherseits  aus  Bielefeld,  wo  sein  GroB- 
vater,  ein  angesehener  Leinenhandler,  klugen  Kaufmannssinn  mit  strenger 
Glaubigkeit  verband,  und  mutterlicherseits  aus  Frankfurt  a.  M.,  wo  seine  einer 
Hugenottenfamilie  entstammende  GroBmutter  geboren  ist,  die  sich  mit  G.  S. 
Fallenstein  verheiratete,  der  einen  lebhaften  Abenteurergeist  mit  »hahne- 
biichener  Knorrigkeit«  des  Charakters  vereinigte.  Der  starke  personliche  Reiz 
seiner  Mutter  bestand  in  der  Verschmelzung  einer  ererbten  tiefen  Religiositat 
mit  einer  nie  versagenden  Kraft  menschlicher  Teilnahme  und  einer  freudigen 
Aufnahmefahigkeit  fiir  alles  Schone.  Im  Vergleich  zu  ihrem  verinnerlichten 
und  zartfiihlenden  Wesen,  iiber  dem  ein  leiser  Schleier  von  Schwermut  zu 
liegen  schien,  war  der  Vater  eine  kraftvolle  und  lebensfrohe  Natur.  Er  wurde 
besoldeter  Stadtrat  in  Berlin  und  nationalliberaler  Landtagsabgeordneter  und 
als  solcher  langjahriger  Berichterstatter  der  Budgetkommission.  Er  teilte  mit 

DBJ  38 


594  w0 

dem  gesamten  deutschen  Liberalismus  das  Schicksal,  daB  seine  Sehnsucht,  zu 
wirken,  im  wesentlichen  unerfiillt  blieb,  und  erhielt  dadurch  im  Laufe  der  Zeit 
einen  gewissen  Rentnerzug,  der  mit  seinem  eigentlichen  Wesen  nicht  ganz  im 
Einklang  stand.  Wie  die  Mutter  einen  Kreis  feingebildeter  Menschen  urn  sich 
zu  fesseln  wuBte,  so  liebte  es  der  Vater,  befreundete  Politiker  bei  sich  zu  sehen. 
Insbesondere  Mommsen  und  Rickert  gehorten  zu  seinem  Bekanntenkreis. 
Max  W.  wuchs  so,  als  altester  von  sechs  Geschwistern,  in  einem  Heim  auf ,  das 
von  der  Hetze  des  Berufslebens  wenig  beriihrt  wurde  und  an  geistigem  Reich- 
turn  und  politischer  Interessiertheit  nicht  mit  vielen  Hausern  in  Berlin  ver- 
glichen  werden  konnte. 

1882  zog  W.  auf  die  Universitat,  und  zwar  zunachst  nach  Heidelberg,  wo 
er  in  eine  farbentragende  Verbindung  eintrat,  und  dann  nach  StraBburg,  wo 
er  seiner  militarischen  Dienstpflicht  geniigte.  Trotz  ungewohnlicher  Vielseitig- 
keit  seiner  Interessen  entschied  er  sich  fur  das  Rechtsstudium,  das  damals  noch 
einseitiger  als  heute  der  Zugang  zu  offentlichem  Wirken  war  und  zugleich  weit 
unmittelbarer,  als  es  seit  dem  deutschen  Burgerlichen  Gesetzbuch  der  Fall  ist, 
mit  der  Welt  des  Altertums,  die  durch  Mommsen  fur  W.  lebendig  geworden 
war,  zusammenhing.  Gerade  die  hier  wurzelnden  starken  Interessen  er- 
schwerten  ihm  den  AbschluB  seines  juristischen  Studiums.  Schon  damals 
waren  die  Antriebe  zur  Arbeit,  die  ihm  aus  dem  eigenen  Innern  erwuchsen, 
kraftiger  als  auBere  Pflichten,  die  er  stets  als  Beengung  empfunden  hat. 

Unter  den  Juristen  der  Berliner  Universitat  gait  damals  lye  win  Goldschmidt, 
der  Vertreter  des  Handelsrechts,  als  der  scharfsinnigste.  Seine  Kunst  begriff- 
licher  Zerghederung  machte  auf  W.,  ahnlich  wie  die  Konstruktionen  der  romi- 
schen  Juristen,  starken  Eindruck,  was  auch  noch  in  manchen  seiner  spateren 
nicht  juristischen  Schriften  deutlich  zu  spiiren  ist.  Mehr  aber  fesselte  ihn  Gold- 
schmidt  als  der  Verfasser  der  » Universalgeschichte  des  Handelsrechts*.  Dieser 
kuhne  Versuch,  den  Entwicklungsgedanken  auf  das  ganze  internationale  Han- 
delsrecht  auszudehnen,  lockte  W.  zur  Mitarbeit.  Er  ubernahm  es,  auf  Grund 
der  in  Berlin  vorhandenen  gedruckten  italienischen  und  auch  spanischen 
Quellen,  zu  untersuchen,  wie  weit  die  neueren  Handelsgesellschaften,  die  sich, 
im  Gegensatz  zur  alten  Societas  des  romischen  Rechts,  im  friihen  Mittelalter 
herausbildeten,  zwar  aus  neuen  Bediirfnissen  des  Wirtschaftslebens  erwuchsen, 
aber  doch  an  alte  Rechtsinstitute  ankniipften,  und  bemuhte  sich  vor  allem, 
den  Gegensatz  zwischen  der  offenen  Handelsgesellschaft  und  der  Kommandit- 
gesellschaft  historisch  scharf  herauszuarbeiten.  Wie  das  Werk  des  Lehrers 
etwas  Fragmentarisches  hatte,  so  konnte  auch  diese  Arbeit,  der  W.  den  Titel 
gab:  »Zur  Geschichte  der  Handelsgesellschaften  im  Mittelalter «,  nicht  etwas 
Abgeschlossenes  werden.  W.  hat  immer  das  Gefuhl  gehabt,  daB  die  groBe  Muhe 
ihrer  Anfertigung  sich  kaum  gelohnt  habe.  Sie  verhalf  aber  dem  jungen  Re- 
ferendar  1889  zur  juristischen  Doktorwurde  an  der  Berliner  Universitat;  und 
die  Auf merksamkeit  weiterer  Kreise  wurde  zum  erstenmal  auf  W.  gelenkt,  als 
Mommsen  bei  der  offentlichen  Diskussion,  die  damals  noch  mit  der  Promotion 
verbunden  war,  auf  W.s  Wunsch  als  einer  seiner  Opponenten  auftrat  und  seine 
Ausfuhrungen  mit  der  Erklarung  schloB,  er  wiirde  niemand  lieber  seinerzeit 
als  seinen  Nachfolger  sehen  als  Max  W. 

Auf  die  geistige  Entwicklung  von  W.  hat  wohl  niemand  einen  so  nachhaltigen 
EinfluB  ausgeiibt  wie  Mommsen,  der  auch  seinerzeit  als  Jurist  seine  wissen- 


Weber 


595 


schaftliche  Laufbahn  begann.  Fur  W.  war  Mommsen  nicht  in  erster  Linie  der 
packende  Schriftsteller,  der  einst  in  jungen  Jahren  die  romische  Geschichte  in 
sturmischer  Schaffenskraft  geschrieben  hatte.  Dem  Geschichtschreiber 
Mommsen  stand  W.  vielmehr  mit  vielerlei  Zweifeln  gegeniiber.  Seine  starke 
j>Subjektivierung  des  Geschichtsbildes«machte  ihn  sogar  gegeniiber  aller  Ge- 
schichtschreibung  skeptisch.  Er  sab  gerade  bei  Mommsen,  dafi  sie  nicht  nur 
ein  kiinstliches  Abbild  der  Zeit,  die  sie  darstellte,  war,  sondern  auch  ein  natiir- 
liches  Spiegelbild  der  Zeitanschauungen,  die  bei  der  Niederschrift  herrschten 
tmd  den  Verfasser  bewegten.  Fiir  W.  war  Mommsen  in  erster  Linie  der  ge- 
reifte  Gelehrte,  der  sich  von  der  Geschichtschreibung  losgerissen  hatte  und 
als  Begriinder  des  Corpus  inscriptionum  eine  kritische  Sammelarbeit  ohne- 
gleichen  durchfiihrte,  von  der  er  immer  neue  Friichte  in  zahllosen  Abhand- 
lungen  und  soeben  in  den  drei  Banden  des  Romischen  Staatsrechts  der  ge- 
lehrten  Welt  vorlegte.  In  diesem  Sieg  muhsamer  Kleinarbeit  iiber  geniale 
Intuition  und  auBergewohnliche  Gestaltungskraft  erblickte  W.  einen  ent- 
sagungsvollen  LauterungsprozeB,  der  ihm  sein  Leben  lang  als  heroisches  Vor- 
bild  ernster  Wissenschaftlichkeit  vorschwebte.  Nicht  minder  machte  es  ihrn 
Eindruck,  daB  sich  mit  dem  strengen  Gelehrten  bis  ins  hohe  Greisenalter  ein 
leidenschaftlicher  Politiker  verband,  der  fiir  seine  Ideale,  so  wenig  aussichts- 
reich  sie  auch  waren,  unerschrocken  eintrat ;  auch  darin  sah  er  etwas  Helden- 
haftes,  dem  er  seine  Bewunderung  nicht  versagte. 

Wie  bei  Goldschmidt  lockte  W.  auch  bei  Mommsen  sachlich  vor  allem  der 
sich  immer  starker  herausbildende  universalgeschichtliche  Zug,  der  keine 
Schranken  der  Fachwissenschaften  kannte  und  schlieBlich  die  ganze  Welt  des 
Altertums  umspannte.  In  der  Riesenarbeit  Mommsens  glaubte  er  aber  hinsicht- 
lich  der  wirtschaftlichen  Gesichtspunkte  eine  gewisse  Liicke  zu  entdecken.  Ins- 
besondere  in  der  romischen  Agrargeschichte  vermiBte  er  eine  Ermittlung  der 
praktischen  Bedeutung  der  einzelnen  Rechtsbestimmungen  fiir  die  unmittel- 
bar  Interessierten,  wie  ihm  andererseits  die  apriorischen  Hypothesen  von  Rod- 
bertus  nicht  sorgfaltig  genug  begriindet  zu  sein  schienen.  Er  wollte  die  neuesten 
Ergebnisse  der  Agrarwissenschaft  mit  den  romischen  Quellenstudien  in  un- 
mittelbare  Verbindung  setzen.  Darum  trat  er  nach  seiner  Promotion  in  das 
Seminar  von  August  Meitzen,  der  gerade  damals  mit  den  Vorstudien  zu  seinem 
universalgeschichtlichen  Werk  »Siedlung  und  Agrarwesen  der  Westgermanen 
und  Ostgermanen,  der  Kelten,  Romer,  Finnen  und  Slawen«  beschaftigt  war. 
Hier  schlugen  W.s  wirtschafthche  Interessen  zuerst  tief  Wurzeln.  Die  agrar- 
geschichtlichen  Studien,  die  ihn  1892  zum  Berliner  Privatdozenten  fiir  romi- 
sches,  deutsches  und  Handelsrecht  machten,  haben  W.  sein  Leben  hindurch 
begleitet.  Nirgends  ist  er  so  sehr  Fachmann. 

Auf  dem  agrarischen  Gebiet  stehen  sich  Altertum  und  Gegenwart  naher  als 
anderswo,  und  beide  sollten  sich  bei  W.  die  Hand  reichen.  Denn  seine  Habili- 
tationsschrift  »Die  romische  Agrargeschichte  in  ihrer  Bedeutung  fiir  das  Staats- 
und  Privatrecht«  (Stuttgart  1891)  war  eben  fertig,  als  ihm  der  Verein  fiir  Sozial- 
politik  im  Rahm  en  einer  groBen  Enquete  iiber  die  landlichen  Arbeiterverhalt- 
nisse  Deutschlands  die  wichtigste  Teilaufgabe,  namlich  die  Bearbeitung  des 
ostlichen  Deutschlands,  iibertrug.  Mit  den  Verhaltnissen  der  preuBischen  Ost- 
provinzen  hatte  sich  W.  schon  vorher,  aus  AnlaB  einer  militarischen  tjbung 
in  Posen,  etwas  vertraut  gemacht.  Seine  geschichtliche  Bildung,  sein  wirt- 


596  1920 

schaftliches  Spezialstudium,  sein  politisches  Interesse  und  seine  lebendige 
Anschauung  machten  ihn  zur  tlbernahme  der  wichtigen  neuen  Arbeit  be- 
sonders  geeignet.  Er  hat  sich  ihr  mit  auflerster  Hingabe  gewidmet  und  in 
einem  Zuge  ein  Werk  von  mehr  als  800  Dnickseiten  geschaffen,  dessen  Reife, 
Geschlossenheit  und  Abgeklartheit  er  nicht  wieder  erreichen  sollte.  Es  erregte 
in  wissenschaftlichen,  politischen  und  wirtschaftlichen  Kreisen  gleich  starkes 
Aufsehen.  Der  beste  Kenner  der  deutschen  Agrargeschichte,  G.  Fr.  Knapp, 
erklarte  auf  der  Tagung  des  Vereins  fur  Sozialpolitik,  W.s  Werk  habe  ihm  die 
Empfindung  erweckt,  »dafl  es  mit  unserer  Kennerschaft  vorbei  ist,  daB  wir 
von  vorn  zu  lernen  anfangen  miissen«. 

Betrachtet  man  nur  die  Altertum,  Mittelalter  und  Gegenwart  behandelnden 
drei  Biicher,  die  W.  1889  bis  1893  erscheinen  lieB,  so  kann  man  glauben,  der 
Verfasser  hatte  sich  auf  raschem  Wege  zur  Spezialisierung  befunden.  Das  war 
aber  keineswegs  der  Fall.  Gerade  in  dieserZeit  entwickelteW.  eine  erstaunliche 
Universalitat.  Er  verfolgte  fast  alle  groBen  Probleme  der  Kulturwissenschaften 
mit  aktivstem  Interesse  und  nahm  zu  fast  alien  groCeren  Fragen  der  Zeit  wuch- 
tig  Stellung.  Das  zeigte  sich  in  der  sogenannten  jungeren  Staatswissenschaft- 
lichen  Vereinigung,  die  sich  damals  einer  besonderen  Bliite  erfreute.  Es  war 
fiir  jedes  Mitglied  ein  unvergeBliches  Erlebnis,  wie  W.  hier  durch  die  Weite 
seiner  Gesichtspunkte,  die  Scharfe  seiner  Analyse  und  die  Klarheit  seiner 
schlagfertigen  Rede  schnell  zu  einer  beherrschenden  Stellung  emporstieg. 
Konnte  man  auch  seinen  scharfen  Folgerungen  und  oft  unerbittlichen  Forde- 
rungen  nicht  immer  zustimmen,  so  ist  damals  doch  wohl  kein  Mitglied  ohne 
nachhaltige  Forderung  durch  W.  geblieben;  und  die  meisten  werden  damals 
fur  seine  Kraftnatur,  die  man  sich  auf  die  Dauer  in  den  Fesseln  strenger 
Wissenschaftlichkeit  kaum  denken  konnte,  eine  politische  Laufbahn  in  irgend- 
einer  Form  erwartet  haben.  Auch  er  selbst  schien  dies  zu  erstreben,  zumal  seit- 
dem  Miquel,  die  bedeutendste  Ministerpersonlichkeit  seit  Bismarck,  auf  ihn 
aufmerksam  geworden  war. 

GewiB  war  vieles  auch  durch  die  Zeit  gegeben.  Im  vorletzten  Jahrzehnt  des 
vorigen  Jahrhunderts  trat  Deutschland,  nach  der  vorbereitenden  Zeit  des 
Ausbaus  des  Reiches,  in  die  Periode  der  Reifekrisen.  Die  soziale  Frage  bewegte 
tief  die  akademische  Jugend ;  die  Frauenf rage  hatte  sich  in  die  Off entlichkeit 
hinausgewagt ;  der  Sozialismus  wuchs  zu  einer  Macht  heran;  die  Kirche  rang 
unter  den  veranderten  Verhaltnissen  um  EinfluB;  und  die  zunehmende  Ver- 
flechtung  Deutschlands  in  die  Weltwirtschaft  stellte  bisher  unbekannte 
Probleme.  Weithin  herrschte  das  Gefuhl,  aus  der  geistigen  Enge  des  Klein- 
biirgertums  sich  zu  freierer  Umschau  emporheben  zu  mussen.  Dieses  allgemeine 
Zeitstreben  gewann  in  Max  W.  seine  starkste  Verkorperung.  Er  hatte  in  Berlin 
unter  bevorzugten  Bedingungen  jene  Wandlung  miterlebt ;  er  hatte  das  Gliick, 
das  dritte  aufnahmefahigste  Jarhzehnt  seines  Lebens  noch  ganz  der  inneren 
Ausreifung  widmen  zu  konnen;  und  er  wucherte  mit  seinem  reichen  Pfunde. 
Eine  Intensitat  des  geistigen  Lebens  erfullte  ihn,  wie  sie  nicht  mehr  gesteigert 
werden  konnte.  Dabei  nichts  von  freudloser  Stubengelehrsamkeit,  nichts  Ge- 
qualtes  und  Erkiinsteltes ;  muhelos  schien  ein  unerschopflicher  Quell  zu 
sprudeln. 

Und  doch  verband  sich  mit  der  freudigen  Schopferkraft  ein  tiefes  Gefuhl 
des  Unbefriedigtseins,  das  seinem  Wesen  einen  befremdlichen  Zug  des  Unruh- 


Weber 


597 


vollen  aufpragte.  Schon  das  Referendariat  mit  seinem  Mangel  an  Initiative 
und  seinem  geschaftigen  MuBiggang  hatte  auf  dem  tatenf rohen  Mann  gelastet ; 
tind  bis  zum  30.  Jahre  verdienstlos  im  Elternhaus  zu  leben,  empfand  er  als 
unnatiirlich  und  unwiirdig.  »Eigenes  Brot  ist  fur  den  Mann  das  Fundament 
des  Gliicks. «  Auch  die  Wandlung  vom  abwartenden  unbesoldeten  Referendar 
und  Assessor  zum  ebenso  abwartenden  und  unbesoldeten  Privatdozenten  war 
noch  keine  Losung.  Es  fehlte  die  Geduld  zu  weiterem  Warten.  Darum  erwog 
W.  ernstlich  den  Ubergang  in  eine  praktische  Tatigkeit.  Er  bewarb  sich  ver- 
geblich  urn  die  freigewordene  Stelle  des  Syndikus  an  der  Handelskammer  in 
Bremen.  Er  vertrat  zeitweise  einen  der  hervorragendsten  Berliner  Rechts- 
anwalte,  Geheimrat  v.  Simson,  wovon  er  stets  mit  dankbarer  Befriedigung 
sprach.  Da  brachte  das  Jahr  1893  eine  erste  Wendung.  Professor  Goldschmidt 
erkrankte,  und  W.  wurde  zum  auBerordentlichen  Professor  ernannt  und  mit 
seiner  Stellvertretung  beauftragt.  Damit  gewann  er  plotzlich  die  langentbehrte 
Selbstandigkeit,  und  es  bot  sich  ihm  alsbald  eine  neue  groBe  Aufgabe  im  An- 
schluB  an  die  im  Jahr  vorher  vom  Reichskanzler  eingesetzte  Borsenenquete- 
kommission.  Es  war  fur  ihn  selbstverstandlich,  diesen  schwierigen  Problemen 
von  weittragender  politischer  Bedeutung  seine  ganze  Aufmerksamkeit  zuzu- 
wenden.  Sobald  die  Protokolle  der  Sachverstandigenvernehmungen  vorlagen, 
sturzte  er  sich  auf  ihr  Studium.  So  entstand  die  Auf satzreihe :  »Die  Ergebnisse 
der  deutschen  B6rsenenquete«,  die  er  in  Goldschmidts  Zeitschrift  fiir  das  ge- 
samte  Handelsrecht,  noch  ehe  sie  vollendet  waren,  zu  veroffentlichen  begann. 
Auch  hier  steckte  er  sich  die  Ziele  wieder  sehr  hoch.  Er  suchte  das  Borsenwesen 
von  seinen  Anfangen  bis  zur  Gegenwart  und  in  alien  L,andern  zu  umfassen. 
Sind  diese  Ziele  auch  aus  sogleich  zu  erwahnenden  Griinden  nicht  ganz  erreicht 
worden,  unzweifelhaft  sind  W.s  Arbeiten  das  Wertvollste,  das  im  AnschluB 
an  die  Enquete  veroffentlicht  worden  ist. 

Ehe  sich  W.  in  seine  neue  Tatigkeit  voll  eingelebt  hatte,  trat  eine  zweite 
Wendung  ein.  Es  wurde  ihm  der  Freiburger  Lehrstuhl  fiir  Nationalokonomie, 
der  durch  die  Berufungdes  bisherigen  Inhabers  v.  Philippovich  (s.  oben  S.  1195.) 
nach  Wien  frei  geworden  war,  angeboten.  Damit  stand  er  am  Scheideweg 
zwischen  Rechtswissenschaft  und  Volkswirtschaftslehre.  Die  Entscheidung  war 
eine  Entscheidung  fiir  das  I^eben.  Sie  scheint  ihm  trotzdem  nicht  sehr  schwer 
geworden  zu  sein. 

Wahrend  das  Handelsrecht  an  grofien  praktischen  Aufgaben,  wie  die  Re- 
form des  Borsenwesens  es  war,  damals  verhaltnismaBig  arm  zu  sein  schien 
und  fiir  W.  seit  seiner  Promotionsschrift  an  rechtsgeschichtlichem  Interesse 
viel  eingebuBt  hatte,  trat  die  Volkswirtschaftslehre  damals  in  die  engste  Ver- 
bindung  mit  den  wichtigsten  Fragen  der  inneren  und  auBeren  Politik  und  be- 
gann sich  international  zu  weiten.  War  daher  der  Ubergang  zur  Wirtschafts- 
wissenschaft  an  sich  leicht,  so  erfuhr  er  doch  durch  den  Fortgang  von  Berlin 
eine  auBere  Erschwerung.  Aber  W.,  der  sich  damals  mit  der  GroBnichte  seines 
Vaters,  Marianne  W.,  verheiratete,  spiirte  anscheinend  ein  gewisses  inneres 
Ruhebedurfnis.  Er  empfand  es  augenscheinlich  als  heilsam,  zeitweise  die 
politische  Streitluft  der  Reichshauptstadt  zu  meiden.  So  zog  er  froh  und  stolz 
nach  Freiburg  i.  Br. 

Dort  wartete  seiner  eine  schwierige  Aufgabe.  Er  muBte  ein  Fach,  dem  er 
zwar  ein  starkes  Interesse,  aber  nie  eine  systematische  Pflege  gewidmet  hatte, 


598  1920 

vertreten  und  stellte  dabei  in  gewohnter  Weise  sehr  hohe  Anforderungen  an 
sich  selbst.  Er  wollte  neue  Wege  wandeln  und  alle  Fragen  universalgeschicht- 
lich  f iir  alle  Zeiten  und  Volker  erf  assen.  So  begann  ein  gewaltiges  Ringen  mit 
den  Problemen  der  neuen  Wissenschaft.  Darin  wurzelte  die  starke  Anziehungs- 
kraft  seiner  Vorlesungen.  Sie  zeigten  trotz  groBer  Gelehrsamkeit  nie  totes 
Wissen.  Aber  wahrend  in  der  wissenschaftlichen  oder  politischen  Diskussion 
W.s  Wissen  und  Wesen  sich  frei  offenbarten,  legte  der  fachwissenschaftliche 
Zwang  einer  bestimmten  Themabehandlung  seinem  beweglichen  Geiste  auf 
dem  Katheder  schwer  empfundene  Fesseln  an.  Er  wurde  mit  den  selbst  ge- 
stellten  Aufgaben  nicht  fertig.  Mit  dem  Eindruck  einer  ungewohnlichen  Per- 
sonlichkeit  verband  sich  fiir  die  Studenten  der  Eindruck  des  Unfertigen  und 
Undurchsichtigen.  Es  fehlte  an  festem  systematischem  Ausbau  und  abgeklarter 
Form.  Statt  eines  fertigen  Baus  ein  Haufen  zahlloser,  reizvoll  behauener  Bau- 
steine. 

Natiirlich  geriet  auch  die  wissenschaftliche  Produktion  ins  Stocken.  Nur 
muhsam  wurden  die  Borsenstudien  zum  AbschluB  gebracht.  Die  Hauptarbeit 
in  der  Zeitschrift  fiir  das  gesamte  Handelsrecht  dehnte  sich  iiber  drei  Jahr- 
gange  (1894 — 1896)  aus  und  nahm  einen  ausgesprochen  fragmentarischen 
Charakter  an.  Nur  in  der  hubschen  kleinen  Zusammenfassung,  in  der  Gottinger 
Arbeiterbibliothek,  die  sich  auch  iiber  drei  Jahre  ausdehnte,  gelingt  es  noch, 
zu  etwas  Geschlossenem  zu  gelangen.  Es  waren  andere  Fragen,  die  W.  zu  be- 
schaftigen  begannen. 

II. 

Der  Ubergang  aus  der  juristischen  in  die  philosophische  Fakultat  zwang 
W.,  in  dem  methodologischen  Streit,  der  die  deutsche  Volkswirtschaftslehre 
damals  zerspaltete,  plotzlich  Stellung  zu  nehmen.  Einseitig  fiir  Schmoller  oder 
fiir  seine  Gegner  einzutreten,  hatte  mit  seiner  eigenen  Vergangenheit  und 
auch  mit  der  Tradition  seines  neuen  Lehrstuhls  in  Widerspruch  gestanden. 
Denn  so  sehr  auch  W.  sich  geschichtlichen  Studien  gewidmet  hatte,  er  hatte 
doch  dem  Wirken  des  Berliner  Vorkampfers  der  neuen  historischen  Schule 
der  Volkswirtschaftslehre  irnmer  mit  Kritik  gegeniibergestanden,  wie  er  seiner 
auch  in  seinen  Schriften  nur  ganz  selten  Erwahnung  tat ;  und  sein  Freiburger 
Vorganger  war  starker  als  ein  anderer  bestrebt  gewesen,  zwischen  den  beiden 
verfeindeten  Schulen  in  Berlin  und  Wien  zu  vermitteln.  So  drangte  sich  W. 
formlich  die  Frage  auf,  ob  denn  der  Gegensatz  zwischen  der  historischen  und 
theoretischen  Schule  in  der  Volkswirtschaftslehre  wirklich  so  grofl  sei,  wie  er 
in  dem  heftigen  Kampf  zwischen  Schmoller  und  Menger  erscheint. 

Unter  dem  Druck  der  neuen  Berufspflichten  ist  W.  in  Freiburg  auch  mit 
diesem  groBen  Problem,  dem  sein  fruherer  Schulkamerad  und  jetziger  Kollege 
Heinrich  Rickert  gerade  damals  sein  Hauptinteresse  zuzuwenden  begann,  noch 
nicht  fertig  geworden.  Erst  in  Heidelberg  vertiefte  er  sich  in  dasselbe. 

Hier  ubernahm  W.  1897  den  Lehrstuhl  von  Knies,  des  letzten  und  bedeutend- 
sten  Vertreters  der  alteren  historischen  Schule,  die  Geschichte  und  Theorie 
noch  keineswegs  als  einen  Gegensatz  empfunden  hatte.  Er  betrachtete  es  als 
Ehrenpflicht,  sich  iiber  die  wissenschaftliche  Stellung  seines  verstorbenen  Vor- 
gangers  aufs  grundlichste  klar  zu  werden,  und  gelangte  so  von  selbst  zu  den 
methodologischenSchriften  dieser  Schule,  die  langst  nicht  dieBeachtung  fanden, 


Weber  599 

die  ihnen  gebiihrte.  Zugleich  scheint  W.  erst  durch  seinen  neuen  Heidelberger 
Kollegen  Windelband  (s.  DBJ.  1914 — 16,  S.  182  ff.)  dazu  gekommen  zu  sein, 
dem  1896  erschienenenWerk  Rickerts»Die  Grenzen  der  naturwissenschaftlichen 
Begriffsbildung,  eine  logische  Einleitung  in  die  historische  Wissenschaft «  eine 
tiefere  Aufmerksamkeit  zu  widmen. 

Entscheidend  aber  wurde  eine  schwere  Erkrankung. 

Die  anstrengende  Einarbeitung  in  die  neue  Professur,  der  stete  Druck  noch 
immer  ungewohnter  Pflichten,  die  sturmische  Pflege  der  vielen  alten  Interessen 
in  Verbindung  mit  schweren  Gemutserschiitterungen,  die  mit  dem  unerwarteten 
Tod  des  Vaters  in  Verbindung  standen,  hatten  1897  einen  Zusammenbruch  zur 
Folge,  der  in  volliger  Erschopfung  sich  auBerte.  Mit  grausamer  Schroffheit  er- 
zwang  er  eine  Anderung  in  der  gesamten  Iyebensfuhrung.  War  bisher  an  W. 
das  Auffalligste  seine  fast  unbegreifliche  geistige  Konsumkraft  gewesen,  die 
nicht  nur  ein  ungeheures  Wissen  aufspeicherte,  sondern  aus  tiefer  Erfassung 
alles  kritisch  zu  neuen  Problemstellungen  verarbeitete,  so  wurde  jetzt  jedes 
eigentliche  Biicherstudium  fiir  Jahre  unmoglich.  Auf  alles,  was  in  ihm  zur  Tat 
drangte,  mui3te  verzichtet  werden.  Insbesondere  alle  Gedanken  an  eine  poli- 
tische  Laufbahn  wurden  aufgegeben  und  auch  alle  anderen  Hoffnungen  auf 
unmittelbares  personliches  Wirken  ins  Weite  begraben.  Selbst  auf  die  Lehrtatig- 
keit  glaubte  W.  verzichten  zu  miissen.  Er  legte  seine  Professur  nieder. 

Bisher  hatte  eine  unbegrenzt  scheinende  Lebenskraft  sich  gegen  die  Ent- 
sagung,  die  jede  Berufsspezialisierung  erfordert,  gestraubt  und  ein  reiches  all- 
seitiges  Menschentum  ermoglicht.  Jetzt  zwingt  das  Schicksal  auch  W.  zur 
Askese.  Er  kann  sich  nicht  mehr  an  den  immer  neuen  praktischen  Aufgaben 
der  Zeit  freudig  betatigen.  Er  muB  sich  zum  Forscher  wandeln.  Was  ihm  bisher 
in  erster  Linie  Mittel zum  Zweck  gewesen  war,  muB  fiir  ihn  jetzt  zum  Selbstzweck 
werden.  Und  auch  als  Forscher  muB  er  Entsagung  iiben.  Er  sieht  sich  zunachst 
zu  stiller  Selbstbesinnung  genotigt  und  wird  in  langem  Schweigen  sich  selbst 
zum  Objekt.  Er  fragt  sich,  warum  er  das  oder  jenes  fiir  wahr  halte,  warum  ihn 
das  oder  jenes  erfreue.  Aus  dem  Mann  des  sicheren  Instinkts,  der  genialen  In- 
tuition, der  das  Ziel  so  oft  klar  sah,  ohne  den  Weg  zu  kennen,  wird  ein  selbst- 
qualerischer  Skeptiker,  der  sich  iiber  jeden  noch  so  kleinen  Schritt  derErkennt- 
nis  aufs  genaueste  Rechenschaft  zu  geben  sucht  und  seine  Kraft  in  solcher 
Ergriindung  erschopft,  ohne  fiir  Gestaltung  und  Verbreitung  seiner  Erkenntnis 
besonderes  Interesse  zu  haben. 

Dieser  tragische  Umschwung  macht  W.  zunachst  zum  Methodologen.  Aber 
wenn  er  auch  die  beste  Kraft,  die  in  ihm  war,  nach  Regeln,  die  seiner  Natur 
urspriinglich  widersprachen,  zu  ziigeln  sucht,  schlieBlich  triumphiert  doch  die 
alte  Schaffenskraft  iiber  das  Schicksal.  Aus  sich  heraus  schafft  sich  W.  ein 
neues  Wirkungsfeld,  das  der  erzwungenen  Anderung  angepafit  ist,  und  die  Los- 
losung  von  alien  Berufspflichten  erhalt  ihm  in  neuen  Formen  jenes  reiche 
Menschentum,  fiir  das  alle  Schranken  der  Arbeitsteilung  ohne  zwingende  Be- 
deutung  sind.  Ohne  Krankheit  ware  W.  vielleicht  der  Wissenschaft  entiremdet 
worden,  oder  er  hatte  sich  wenigstens  nie  fiir  ihren  Dienst  und  insbesondere  fiir 
die  Bearbeitung  von  Problemen,  die  auBerhalb  des  akademischen  Lehrbetriebes 
lagen,  f reimachen  konnen ;  durch  die  Krankheit  ist  seinem  auf  die  Wissenschaft 
zuriickgedrangten  Schaffen  erst  das  Geprage  des  Einzigartigen  in  vollem  MaBe 
gegeben  worden. 


6oo  1920 

Und  doch  geht  ein  RiB  durch  seine  Entwicklung.  Bisher  waren  seine  Per- 
sonlichkeit  und  sein  Werk  eine  Einheit  gewesen.  Jetzt  spaltet  sie  sich.  Im  per- 
sonlichen  Verkehr  wirkt  noch  immer  die  Fiille  seiner  intuitiven  Natur.  Sobald 
er  aber  zurFeder  greift,  ergehtes  ihm  jetzt  wie  friiher  manchmal  auf  demKa- 
theder.  Er  richtet  den  ganzen  Scharfsinn  seines  Geistes  gegen  sich  selbst.  Zwar 
gelingt  ihm  das  nicht  immer.  Immer  wieder  spottet  die  urspriingliche  Natur 
aller  ergriibelten  Fesseln.  Aber  die  Frische  und  Freudigkeit  schwinden  aus 
seiner  Tatigkeit.  Es  iiberwiegt  mehr  und  mehr  der  Eindruck  des  Negativen,  des 
in  sich  Zerrissenen.  Der  personlichen  Resignation  iiber  sein  Geschick  tritt  in 
zunehmendem  MaBe  eine  allgemeine  Resignation  zur  Seite,  die  in  der  Wissen- 
schaft  nicht  mehr  eine  Offenbarung  der  Wahrheit  sieht,  sondern  nur  ein  Mittel 
zu  auBerwissenschaftlichen  Zielsetzungen  und  einen  Ausdruck  unserer  »gott- 
fernen«  Zeit.  Die  Begeisterung,  mit  der  sich  W.  einst  der  Wissenschaft  in  die 
Arme  geworfen  hatte,  machte  einer  aus  einem  inneren  Pflichtgef  tihl  erwachsen- 
den  Betatigung  der  »intellektuellen  Rechtschaffenheit«  Platz,  die  ein  viel  leid- 
volleres  inneres  Heldentum  erforderte,  als  er  es  einst  am  reifen  Mommsen  be- 
wundert  hatte. 

III. 

Erst  langsam,  nach  etwa  funf  Jahren,  von  denen  er  fast  zwei  in  Rom  ver- 
brachte,  erstarkte  W.s  Schaffenskraft  von  neuem.  1903  begann  er  eine  groBere 
Studie  »  Roscher  und  Knies  und  die  logischen  Probleme  der  historischen  Natio- 
nalokonomie«  in  Schmollers  Jahrbuch  zu  veroffentlichen.  Die  Miihsal  der 
Herstellung  dieses  »Seufzeraufsatzes«  kommt  schon  auBerlich  darin  zum  Aus- 
druck, daB  sich  die  Veroffentlichung,  obwohl  W.  frei  von  aller  Berufslast  war, 
iiber  vier  Jahrgange  (1903 — 1906)  hinzog,  und  teilt  sich  auch  dem  Leser  in 
qualvoller  Weise  mit.  Was  sich  in  den  Borsenaufsatzen  angekiindigt  hatte, 
erscheint  hier  in  krankh after  Steigerung.  Unzweifelhaft  hat  dabei  mitgewirkt, 
daB  diese  Arbeit,  deren  Veroffentlichung  noch  vor  ihrer  Beendigung  begonnen 
wurde,  als  termingebundene  Pflichtarbeit  auf  ihn  driickte. 

Es  war  deshalb  fur  W.  eine  Wohltat,  als  Edgar  Jaffe  (s.  DBJ.  1921,  S.  160  ff.) 
1904  das  bisher  von  Heinrich  Braun  herausgegebene  »Archiv  fiir  Sozialwissen- 
schaft  und  Sozialpolitik«  erwarb  und  W.  als  einem  der  drei  neuen  Herausgeber 
als  freien  Tummelplatz  fiir  seine  wissenschaftliche  Arbeit  zur  Verfugung  stellte. 
Damit  gewann  die  erzwungene  Verselbstandigung  der  Forscherarbeit  wieder 
wurdige  Ziele.  Blieb  unmittelbares  Wirken  auch  weiter  versagt,  so  bot  sich  in 
der  eigenen  Zeitschrift  doch  ein  dankbares  Feld  fiir  mittelbares  Wirken.  Erst 
damit  schien  das  Iyeben  neuen  Halt  und  Reiz  zu  gewinnen. 

Das  zeigt  sich  alsbald  in  W.s  Produktion.  Sie  beginnt  mit  zunehmender  Ge- 
sundung  wieder  aufzuleben,  schlagt  jetzt  aber  ganz  andere  Richtungen  ein 
als  vor  der  Erkrankung. 

Die  volkswirtschaftlichen  und  rechtsgeschichtlichen  Studien  treten  hinfort 
zuriick.  Nur  die  alten  agrarhistorischen  Arbeiten,  insbesondere  in  einem  in- 
haltreichen  Artikel  im  Handworterbuch  der  Staatswissenschaften,  klingen 
noch  vereinzelt  an.  Und  zu  ihnen  gesellen  sich  spater,  in  Verbindung  mit  einer 
Erhebung  des  Vereins  fiir  Sozialpolitik  iiber  »Auslese  und  Anpassung*  in  der 
industriellen  Arbeiterschaft,  vorbereitende  Arbeiten  »Zur  Psychophysik  der 
industriellen  Arbeit «,  in  denen  in  den  Fabriken  seiner  Bielefelder  Verwandten 


Weber  6oi 

gesammelte  personliche  Erfahrungen  mit  Anregungen  verschmelzen,  die  er 
seinem  Heidelberger  Kollegen  Kraepelin  und  den  Schriften  seiner  Schule  zu 
verdanken  hatte.  Auch  bei  diesen  Arbeiten  tritt  das  eigentliche  volkswirt- 
schaftliche  Interesse  viel  mehr  als  fruher  zuriick.  Sie  sind  gleichsam  nur  ver- 
spatete  Auslaufer  einer  uberwundenen  Arbeitsperiode.  Ganz  andere  Interessen 
stehen  jetzt  im  Vordergrund.  Das  zeigen  sogleich  aufs  deutlichste  die  beiden 
bedeutenden  Friichte  aus  der  stillen  I/eidenszeit,  die  1904  zur  Reife  gebracht 
werden.  Man  merkt  ihnen  an,  wie  ein  ungewohnliches  MaB  nachdenklichen 
Sinnens  auf  sie  verwandt  worden  ist.  Hier  fehlt  auch  die  Hast  in  der  Gedanken- 
fuhrung  und  Formulierung.  Der  sorgsam  gehegte  Gedanke  kleidet  sich  in  sorg- 
same  Form. 

Es  sind  die  beiden  Aufsatze,  die  mehr  als  alle  anderen  Arbeiten  den  Namen 
von  Max  W.  in  der  wissenschaftlichen  Welt  beruhmt  gemacht  haben.  Das  ist 
erstens  der  Eroffnungaufsatz  des  umgestalteten  Archivs  »tjber  die  Objektivitat 
sozialwissenschaftlicher  und  sozialpolitischer  Erkenntnisse«  und  zweitens  die 
Arbeit  »Uber  die  protestantische  Ethik  und  den  ,Geist'  des  Kapitalismus*. 
Beide  Aufsatze  bilden  gleichsam  eindrucksvolle  Ouvertiiren  zu  zwei  groBen 
Serien  wissenschaftlicher  Studien,  die  jetzt  zum  wissenschaftlichen  Hauptinhalt 
von  W.s  Leben  werden. 

Was  zunachst  die  methodologischen  Arbeiten  anlangt,  so  teilen  sie  sich  in 
zwei  Gruppen.  Die  erste  bezieht  sich  auf  die  individualisierende  Geschichts- 
wissenschaft.  In  ihr  vermiBte  W.,  wie  schon  bei  Mommsen,  so  jetzt  bei  Eduard 
Meyer  und  nicht  minder  auf  sozialwissenschaftlichem  Gebiet,  z.  B.  bei  Schmol- 
ler,  die  ihm  notig  erscheinende  Strenge  der  Begriffsbildung.  Darum  bemuht  er 
sich,  angeregt  durch  Windelband  und  Rickert,  dem  voll  entwickelten  »reinen 
Typus  der  naturwissenschaftlichen  Erkenntnis«  einen  ebenso  hoch  entwickelten 
»reinen  Typus  der  kulturwissenschaftlichen  Erkenntnis«  gegeniiberzustellen. 
In  diesem  Bestreben  unterscheidet  er  sich  nicht  unwesentlich  von  Rickert. 
Denn  wenn  er  auch,  wie  dieser,  zwischen  naturwissenschaftlicher  und  kultur- 
wissenschaftlicher  Erkenntnis  einen  tiefen  Unterschied  erblickt,  so  vertritt 
er  doch  den  Standpunkt,  daB  alien  Objekten  gegeniiber  eine  generalisierende 
Begriffsbildung  moglich  ist.  Denn  der  wissenschaftliche  Prozefi  ist  immer  der 
gleiche.  Immer  handelt  es  sich  darum,  »die  Welt  des  Empirisch-Tatsachlichen 
in  eine  Welt  gedanklicher  Zusammenhange  umzuformen«.  Immer  mufi  eine 
kunstliche»Vereinfachung«  erstrebt  werden.  Erst  mit  Hilfe  vereinfachender 
und  klar  abgegrenzter  Allgemeinheiten  kann  die  Bedeutung  des  Individuellen  voll 
erfaflt  werden.  Auf  diese  Weise  gelangt  W.  zu  der  Lehre  von  den  »Idealtypen«. 

Schon  bisher  hatte  es  an  Versuchen,  die  geschichtlichen  Tatsachen  zu  syste- 
matisieren,  nicht  gefehlt.  Sie  waren  insbesondere  von  Biicher  tief  in  den  Bereich 
der  allgemeinen  Geschichte  hineingetragen  worden  und  hatten  in  Eduard 
Meyer  und  Georg  v.  Below  (f  1927)  scharfe  Gegner  gefunden.  Ganz  besonders 
Eduard  Meyer  hatte  Buchers  Typisierung  schroff  abgelehnt.  Das  fuhrte  W. 
auf  die  Plattform.  Er  hielt  es  schon  lange  fur  unzulassig,  in  der  Geschichte  des 
Altertums  mit  wirtschaftlichen  Kategorien  zu  arbeiten,  die  der  Neuzeit  oder 
dem  Mittelalter  entnommen  waren.  Er  fragte  sich,  ob  man  sich  wirklich  das 
Altertum  »gar  nicht  modern  genug«  vorstellen  konne,  ob  man  bei  den  alten 
Griechen  z.  B.  von  »Kapitalismus«  reden  diirfe  und  worin  denn  schliefllich  der 
Unterschied  zwischen  Altertum  und  Neuzeit  wirtschaftlich  bestehe.  Und  er 


602  1920 

kam  zum  Ergebnis:  sollen  solche  Fragen  eine  befriedigende  Antwort  erhalten, 
so  muB  die  Geschichte  mit  klaren  Begriffsbildungen,  welche  »die  Eigenart  von 
Kulturerscheinungen  zum  BewuBtsein  bringen*,  arbeiten.  Sie  muB,  ahnlich 
wie  die  Volkswirtschaftslelire  z.  B.  in  der  Preislehre,  von  »Gedankenbildern«c 
ausgehen,  welche  »bestimmte  Beziehungen  und  Vorgange  des  historischen  Le- 
bens  zu  einem  in  sich  widerspruchslosen  Kosmos  gedachter  Zusammenhange 
vereinigen*.  Wie  in  der  Volkswirtschaftslehre  haben  sie  sich  zwar  an  Tatsachen, 
die  aus  der  Erfahrung  gewonnen  sind,  anzulehnen  —  je  wirksamer  das  ge- 
schieht,  um  so  brauchbarer  werden  sie — aber  es  hat  dann  eine  »einseitige 
Steigerung  einzelner  Gesichtspunkte«  stattzufinden.  Konnen  sie  sich  auch  auf 
den  verschiedensten  irrationalen  Wertvoraussetzungen  aufbauen,  sie  mussen 
in  sich  »zweckrational«  oder  »wertrational«  ausgebaut  sein.  Weil  fiir  sie  solche 
»Widerspruchslosigkeit«  oder  »Reinheit«  kennzeichnend  ist,  nennt  sie  W.,  wie 
es  Jellinek  schon  in  seiner  allgemeinen  Staatslehre  getan  hatte,  » Idealtypen  «. 
Nur  mit  ihrer  Hilfe  laBt  sich  das  Besondere  einer  konkreten  geschichtlichen 
Erscheinimg  klar  herausarbeiten.  Dieses  Besondere  besteht  also  in  irrationalen 
Abweichungen  vom  rationalen  »Idealtypus«.  Die  » Idealtypen*  sollen  also 
Mittel  wirksamer  Individualisierung  sein.  Sie  sollen  nicht  die  empirische  Wirk- 
lichkeit  abbilden,  sondern  sie  nur  »in  gultiger  Weise  denkend  ordnen«  helfen. 
Sie  sind  »Grenzbegriffe«,  an  denen  die  Wirklichkeit  »gemessen«,  mit  denen 
sie  »verglichen«  wird.  Sie  sollen  eine  »Sprache  der  Wissenschaft«  schaffen, 
deren  Mangel  bisher  den  wissenschaftlichen  Wert  der  geschichtlichen  Arbeit 
beeintrachtigt  hat. 

Diese  typisierende  Methode,  die  schon  unbewuBt  von  der  klassischen  Schule 
der  Volkswirtschaftslehre  angewendet  worden  und  die  Adolf  Wagner  be- 
reits  klar  zum  BewuBtsein  gekommen  war,  ist  fiir  die  wissenschaftlichen  Ar- 
beiten W.s  nach  seiner  Erkrankung  in  starkem  MaBe  kennzeichnend  geworden. 
Unzweifelhaft  hat  er  auch  mit  der  scharfen  theoretischen  und  praktischen  Her- 
ausarbeitung  dieser  Denkart  auf  die  Wissenschaft  seiner  Zeit  EinfluB  gewonnen. 
Auch  v.  Below  hat  die  Einfuhrung  dieser  Idealtypen  im  Sinne  von  W.  als  einen 
Fortschritt  fiir  die  Geschichtswissenschaft  begruBt. 

W.  hat  aber  diese  Methode  nicht  etwa  nur  auf  die  Wirtschaftsgeschichte  an- 
gewendet. Es  scheint  ihn  sogar  besonders  gereizt  zu  haben,  sie  in  ausgesproche- 
nen  Grenzfallen  zu  erproben.  Er  schrickt  nicht  davor  zuriick,  in  seinen  reli- 
gionswissenschaftlichen  Studien  solche  rationale  Idealtypen  von  Kirche,  Sekte 
und  Orden,  vom  Magier  und  Priester  zu  bilden.  Da  setzt  heute  begreiflicher 
Widerspruch  ein;  doch  wird  man  stets  anerkennen  mussen,  daB  sich  nur  mit 
idealtypischen  Gestaltungen  die  groBartigen  universalhistorischen  Vergleiche, 
die  W.  angestellt  hat,  durchfuhren  lieBen. 

Im  Laufe  der  Zeit  nahmen  W.s  methodologische  Arbeiten  noch  eine  zweite 
Richtung.  Den  Ubergang  zu  ihnen  bildete  eine  weitere  Polemik.  Stammler 
hatte  1906  die  zweite  Auflage  seines  Buches  iiber  »Wirtschaft  und  Recht* 
erscheinen  lassen,  also  iiber  ein  Thema,  das  gleichsam  zum  Lebensinhalt  von 
W.  geworden  war.  Es  beruhrte  ihn  schon  darum  in  der  Tiefe  seines  Wesens, 
und  das  wurde  noch  gesteigert,  weil  Stammler  mit  seinem  Buch  in  den  Kampf 
um  den  Sozialismus  entscheidend  einzugreifen  suchte.  Daraus  erklart  sich  die 
auch  fiir  W.  ungewohnliche  und  auch  spater  von  ihm  bedauerte  Scharfe,  mit 
der  er  1907  Stammler  in  einem  Archivaufsatz  »Stammlers  ,t)berwindung'  der 


Weber  603 

materialistischen  Geschichtsauffassung«  entgegentrat.  Er  sah  in  diesem  Buch 
eine  unzulassige  Vermengung  von  empirischer  Erkenntnis  und  normativer 
Wissenschaft  und  stellte  den  »rechtsdogmatischen  Verfalschungen  des  empi- 
rischen  Denkens«  tiefgriindige  kritische  Erorterungen  gegentiber;  insbesondere 
erblickte  er  in  der  materialistischen  Geschichtsauffassung  ein  heuristisches 
Mittel,  das  zwar  niemals  allein  angewandt  werden  diirfe,  aber  neben  anderen 
gute  Dienste  leisten  konne. 

W.  selbst  empfand  es  aber  als  notig,  dieser  Kritik,  die  in  juristischen  Kreisen 
mehr  Unwillen  als  Beachtung  hervorrief,  etwas  Positives  zur  Seite  zu  stellen. 
So  entstand  der  1913  im  »  Logos*  erschienene  Aufsatz  *t)ber  einige  Kategorien 
der  verstehenden  Soziologie  «,  der  zum  Teil  bestimmt  war,  zu  zeigen,  was 
Stammler  » hatte  meinen  sollen  «.  Dieser  Aufsatz  kann  als  der  eigentliche  tlber- 
gang  W.s  von  der  individualisierenden  Geschichtswissenschaft  zur  generali- 
sierenden  Geschichtssoziologie  bezeichnet  werden.  Den  Unterschied  zwischen 
beiden  erblickt  Max  W.  nicht,  wie  spater  sein  Bruder  Alfred,  in  sachlichen  Mo- 
menten,  in  einer  selbstandigen  Gesamtentwicklung  einerseits  und  in  person- 
lichem  Handeln  andererseits,  die  beide  in  mannigfaltigen  Wechselwirkungen 
zueinander  stehen.  Er  sieht  sie  ausschlieBlich  in  der  Betrachtungsweise.  Wah- 
rend  sich  die  eigentliche  Geschichtswissenschaft  auf  die  Erklarung  einmaliger 
Vorgange  beschranke,  suche  die  Soziologie  im  geschichtlichen  Geschehen  nach 
vgenerellen  Regeln«.  Will  man  dabei  nicht  in  vagen  Allgemeinheiten  stecken 
bleiben,  muB  man  in  der  Soziologie  noch  mehr  auf  die  Elemente  zuriickgehen 
als  in  der  eigentlichen  Geschichtswissenschaft.  Eine  Zerlegung  der  »Idealtypen« 
in  ihre  Bestandteile  wird  hier  zum  Bediirfnis. 

Was  insbesondere  die  Wirtschaftswissenschaft  anlangt,  so  hat  sie  nicht  nur 
♦  die  Gesamtheit  der  gesellschaftlichen  Erscheinungen  auf  die  Art  ihrer  Mit- 
bedingtheit  durch  okonomische  Ursachen  zu  untersuchen «,  sondern  auch  »die 
Bedingtheit  der  Wirtschafts vorgange  und  Wirtschaftsformen  durch  die  ge- 
sellschaftlichen Erscheinungen  zu  ermitteln«,  wie  Religion,  Recht,  Staat, 
Kunst,  Wissenschaft  usw.  Das  erste  liegt  innerhalb  der  Grenzen  der  eigent- 
lichen Volkswirtschaftslehre,  das  zweite  gehort  zur  Soziologie,  die  es  danach 
nicht  nur,  im  Simmelschen  Sinne,  mit  den  »Formen  der  Vergesellschaftung«, 
sondern  auch  mit  ihren  Kulturgehalten  selbst  zu  tun  hat.  Nur  durch  Einzel- 
analysen  der  Kulturgebilde  glaubt  W.  wissenschaftHch  vorankommen  zu  konnen. 
Als  erstem  wendet  er  sich  der  Religion  zu. 

W.  hatte  von  jeher  religiosen  Fragen  ein  Interesse  entgegengebracht.  Auch 
das  war  ihm  vom  Elternhause  uberkommen.  Denn  in  der  Familie  seines  Vaters 
war  der  Bielefelder  Pietismus  lebendig,  und  ein  warmes  werktatiges  Christen- 
tum  hat  stets  das  Herz  der  Mutter  erfiillt.  Ihre  Schwester,  die  Frau  des  Histo- 
rikers  Baumgarten,  hatte  W.  wahrend  seiner  Dienstzeit  in  StraBburg  mit  reli- 
gioser  Lektiire  versorgt;  und  ihr  Sohn,  der  bekannte  Theologe  Otto  Baum- 
garten, war  ihm  damals  so  nahe  getreten,  dafi  er  ihn  spater  zu  einem  seiner 
Opponenten  im  Doktorexamen  wahlte.  Vielleicht  sind  auch  durch  ihn  die 
Freundschaften  mit  Friedrich  Naumann  und  Paul  Gohre  entstanden.  Ins- 
besondere Naumann,  der  mit  seiner  1894  gegriindeten  »Hilfe<(einen  groBen  Teil 
der  deutschen  Jugend  erwarmte,  interessierte  W.  schon  darum  lebhaft,  weil 
W.  hoffte,  mit  Hilfe  des  Christentums  werde  der  Sozialismus  regierungsfahig 
und   zum  Bundesgenossen  des  aus  eigener  Kraft  unmachtigen  Liberalismus 


604  J920 

werden.  Nach  seiner  Krankheit  wurde  auch  hier  das  politische  Streben  durch 
wissenschaftliche  Fragestellungen  abgelost. 

W.  war  schon  bei  Verwandtenbesuchen  in  Bielefeld  die  »spezifische  Eignung 
pietistischer  Arbeitskrafte«  aufgef alien.  Als  er  dann  nach  Freiburg  kam,  fes- 
selten  ihn  die  charakteristischen  Unterschiede  der  christlichen  Religionssysteme, 
und  er  lieB  auf  Grund  der  besonders  eingehenden  badischen  Religionsstatistik 
eine  Schulerarbeit  iiber  Konfession  und  soziale  Schichtung  anfertigen.  Ent- 
scheidend  wurde  aber,  daB  wahrend  seiner  Krankheit  Sombart  1902  seinen 
»Modernen  Kapitalismus  «  erscheinen  lieB,  in  dem  er  die  Frage  nach  der 
» Genesis  des  Kapitalismus*  aufwarf.  Durch  seine  noch  im  Sinne  von  Karl 
Marx  gegebene  Antwort  erweckte  er  auf  den  verschiedensten  Seiten  starken 
Widerspruch.  Auch  fiir  diesen  Streit  erwarmte  sich  W.,  aber  es  anderte  sich 
ihm  die  Problemstellung.  Denn  seitdem  mit  der  Besetzung  Tsingtaus  die 
Probleme  Ostasiens  politisch  und  wissenschaftlich  in  seine  Kreise  hineinge- 
tragen  worden  waren,  hatte  sich  ihm  die  Frage:  Wie  entsteht  der  Kapitalis- 
mus?  in  die  Frage  gewandelt:  Warum  entsteht  der  Kapitalismus  in  Europa 
und  Amerika,  dagegen  nicht  in  Asien  und  Afrika?  Und  wahrend  Sombart 
noch  im  Banne  von  Marx  den  »Geist«  des  Kapitalismus  als  ein  Erzeugnis  wirt- 
schaftlicher  Verhaltnisse  auffaBte,  griibelte  W.  umgekehrt  dariiber,  wie  Ideo- 
logien  auf  das  Wirtschaftsleben  wirken. 

Schon  Sir  William  Petty  hatte  die  hollandische  Wirtschaftsmacht  des 
17.  Jahrhunderts  darauf  zuruckgefuhrt,  daB  in  Holland  besonders  viele 
»Dissenters«  seien,  welche  »  Arbeit  und  GewerbfleiB  als  ihre  Pflicht  gegen  Gott 
ansahen«,  ganz  ahnlich,  wie  es  auch  jetzt  die  Unternehmer  und  Arbeiter  in 
Bielefeld  vielfach  taten.  W.  fragt:  Wie  erklart  sich  das?  Und  er  findet  den  be- 
sonderen  Anreiz  fiir  die  ersten  Trager  des  »modernen  Kapitalismus «  nicht  in 
der  diesseitigen  Welt.  »Jenseitige  Pramien«  sind  es,  die  eine  Arbeitswilligkeit 
entstehen  lassen,  wie  sie  bisher  unbekannt  war,  und  zwar  ist  es  der  Protestan- 
tismus,  der  zuerst  die  Auffassung  der  Arbeit  als  Beruf  entstehen  laBt.  Er  lehrt : 
Man  dient  Gott,  indem  man  seine  Beruf spflichten  erfullt.  Er  laBt  damit  einen 
Geist  christlicher  Askese  entstehen,  welcher  der  modernen  Berufsarbeit  das 
Geprage  gibt.  Insbesondere  fiir  den  Kalvinismus  wird  das  Gewinnstreben  zu 
etwas  Gottgewolltem.  So  kommt  W.  in  seinem  angefuhrten  Aufsatz  iiber  den 
Protestantismus  und  den  » Geist «  des  Kapitalismus  zum  Ergebnis:  Die  kalvi- 
nistische  Iyebensauffassung  hat  den  Kapitalismus  geschaffen.  War  dieser  ein- 
mal  ausgebildet,  so  konnte  er  sich  auch  selbstandig  weiter  entwickeln. 

Keine  Arbeit  W.s  hat  etwas  so  Packendes.  Nur  wer  Ahnliches  durchlebt 
hatte,  konnte  die  »innerweltliche  Askese*  des  protestantischen  Beruf sgedankens 
in  ihrem  Entstehen  und  in  ihren  Folgen  so  lebensvoll  darstellen.  Der  materia- 
listischen  Geschichtsauffassung  in  AusschheBlichkeit,  die  noch  Sombart  im 
wesentlichen  verherrlicht  hatte,  wurde  hier  ein  Gegenstuck  entgegengestellt, 
wie  es  so  wirksam  noch  nicht  existierte.  Allerdings  war  der  Gedankengang  auch 
hier  einseitig  zugespitzt  worden.  Denn  so  sicher  der  kalvinistisch-puritanische 
Geist  fiir  die  Entwicklung  des  Kapitalismus  von  groBem  EinfluB  gewesen  ist, 
so  wenig  wahrscheinlich  ist  es,  daB  ohne  Kalvinismus  der  Kapitalismus  nie 
entstanden  ware.  W.  wollte  aber  auch  nur  bisher  vernachlassigte  Zusammen- 
hange  mit  Hilfe  der  isolierenden  Methode  hervorheben,  und  jede  straffe  Iso- 
lierung  wirkt  wie  Lvbertreibung. 


Weber  605 

Schon  darum  erntete  W.  neben  Zustimmung  und  Bewnnderung  auch  man- 
chen  Widerspruch.  Der  materialistische  Sozialismus  und  die  ihm  nahestehende 
Wissenschaft  hielt  sich  zwar  in  auffalliger  Scheu  zuriick;  aber  aus  der  neu- 
rankianischen  Schule  der  Historiker  erschallte  nnter  Fuhrung  Rachfahls  hef- 
tiger  Widerspruch.  Er  ist  es  in  erster  Linie  gewesen,  der  W.  auf  der  Bahn  seiner 
religionswissenschaftlichen  Studien  immer  weiter  trieb,  so  daB  sie  sich  schlieB- 
lich  iiber  alle  Lander  und  Zeiten  erstreckten.  Dabei  war  es  natiirlich  nicht  seine 
Absicht,  die  groBen  Religionssysteme  der  Welt  nach  alien  Seiten  zur  Darstel- 
lung  zu  bringen.  Er  interessierte  sich  nur  fiir  ihr  Verhaltnis  zum  gesellschaft- 
lichen  Leben  und  wollte  nur  ihre  Wirtschaftsethik  behandeln.  Zu  diesem  Zweck 
studierte  er  mit  wieder  erstarkender  geistiger  Konsumkraft  eine  Literatur  von 
fast  unfaBbarem  Umfang.  Kaum  wird  es  bisher  jemanden  gegeben  haben,  der 
dieses  die  ganze  Welt  umspannende  bunte  Material  in  sich  aufgenommen  hat. 
Schon  darum  ist  es  so  schwer,  zu  diesen  Studien  W.s  Stellung  zu  nehmen.  Es 
kommt  hinzu,  daB  auch  sie  Fragmente  sind.  Eigene  Klarung  war  ihr  Hauptziel. 
Eine  zusammenfassende  Veroffentlichung  in  Buchform  war  anfangs  nicht  be- 
absichtigt,  zumal  da  nur  wenig  aus  ersten  Quellen  hatte  geschopft  werden 
konnen.  Gerade  darum  hat  W.  seiner  Darstellung  manchmal  die  Ziigel  schieBen 
lassen.  Er  raubt  seinen  Gedanken  zwar  oft  nicht  die  ursprungliche  Frische, 
indem  er  sie  in  methodische  Zwangsjacken  zwangt;  aber  sie  drangen  sich  in 
solcher  Hast,  daB  sie  nur  stellenweise  zu  abgeklarter  Gestaltung  gelangen. 
Nach  der  guten  wie  bosen  Seite  macht  sich  die  Torsohaftigkeit  seines  Arbeitens 
auch  hier  geltend. 

Die  die  Welt  umspannende  geschichtssoziologische  Betrachtungsweise,  die 
im  Leser  der  religionswissenschaftlichen  Arbeiten  gleichzeitig  Gefuhle  der  Be- 
wunderung  und  der  Hilflosigkeit  hervorruft,  hat  W.  dann  auf  andere  Gebiete 
ubertragen.  Der  Gegensatz  zwischen  Orient  und  Okzident,  der  ihn  zuerst  in  der 
Religion  packte,  tritt  ihm  jetzt  auf  alien  Gebieten  des  Kulturlebens  entgegen. 
Uberall  sieht  er  im  Abendlande  einen  gleichartigen  RationalisierungsprozeB, 
den  das  Morgenland  nicht  kennt.  Er  findet  ihn  wie  in  der  Wissenschaft  in  der 
Religion  und  Musik,  im  Rechte,  in  der  staatlichen  Verwaltung  und  Verf assung, 
in  der  Wirtschaft.  Ihn  in  seiner  Gesamtheit  darzulegen,  empfand  er  immer  mehr 
als  eine  ihm  gestellte  Aufgabe.  Darum  zwingt  er  sich  gleichsam  selbst  zu  ihrer 
Losung. 

W.  hatte  sich  namlich  iiberreden  lassen,  die  Herausgabe  des  »Grundrisses 
der  Sozialokonomik«,  der  an  die  Stelle  des  iiberholten  Schonbergschen  Hand- 
buches  der  politischen  Okonomie  treten  sollte,  zu  iibernehmen.  Hier  konnte 
er  den  eigenen  Beitrag  im  ganzen  weiten  Bereich  der  Sozialokonomie  sich  frei 
wahlen,  und  es  ist  charakteristisch  fiir  seine  Entwicklung,  daB  er  sich  den 
Band  iiber  » Wirtschaft  und  Gesellschaf t «,  d.  h.  die  gesamte  Betrachtung  iiber 
die  Zusammenhange  der  Wirtschaft  mit  alien  Gebieten  der  Gesellschaft  vor- 
behielt.  Das  war  ein  Thema,  das  der  universalen  Art  seiner  Veranlagung  und 
seiner  bisherigen  Studien  am  meisten  entsprach.  Bei  seiner  Behandlung  lockte 
es  ihn  zugleich,  die  von  so  wenigen  erkannte  Einheit  in  seinen  Arbeiten  darzu- 
legen und  zu  zeigen,  wie  auch  soziologische  Studien  auf  einer  festen  Grundlage 
aufgebaut  werden  konnen. 

W.  tut  das  in  bewuBter  weitgehender  Beschrankung. 

Er  lehnt  erstens,  wie  Windelband  und  Rickert,  alien  »Naturalismus«  oder 


6o6  1920 

Positivismus,  der  mit  naturwissenschaftlichen  Mitteln  arbeitet,  ab.  Er  be- 
streitet  ihm  den  wissenschaftlichen  Charakter. 

Zweitens  lehnt  W.  die  Beschaftigung  mit  alien  der  Wirklichkeit  spekulativ 
iiberbauten  Gedankengebilden  ab.  Er  will  es  ausschlieBlich  mit  der  empirisch 
erfaBbaren  Wirklichkeit  zu  tmi  haben.  Naturlich  bestreitet  er  damit  nicht  die 
Berechtigung,  sich  mit  dogmatischen  Vorstellungen  wissenschaftlich  zu  be- 
f assen.  Aber  das  iiberlaBt  er  den  dogmatischen  Wissenschaften,  wie  der  Rechts- 
wissenschaft,  Ethik,  Asthetik.  Die  empirische  Wissenschaft  muB  sich,  wenn 
sie  ihre  eigenen  Ergebnisse  nicht  verfalschen  will,  von  alien  dogmatischen  Vor- 
stellungen sorgsam  fernhalten. 

Drittens  lehnt  er  alle  Kollektivbegriffe  ab.  Unter  den  vielen  »soziologischen 
Grundbegriffen*,  die  er  aufstellt,  fehlt  der  Begriff  »Gesellschaft«.  Aller dings 
bestreitet  er  nicht  die  grundsatzliche  Moglichkeit,  daJ3  man,  wie  vom  einzelnen 
Bestandteil,  auch  vom  Ganzen  ausgehen  kann.  Er  spricht  Versuchen  solcher 
Art  nicht  die  wissenschaftliche  Daseinsberechtigung  ab,  doch  fuhlt  man  deut- 
lich  heraus,  daB  er  den  bisherigen  Versuchen  auf  dieser  Bahn,  wie  auch  den 
ferneren,  skeptisch  gegeniibersteht.  Er  halt  diesen  Weg  anscheinend  fur  grund- 
satzlich  moglich,  aber  praktisch  nicht  wandelbar. 

W.  lehnt  viertens  alles  Handeln,  das  nicht  rational  ist,  ab.  Er  bestreitet  auch 
hier  nicht,  daB  solches  Handeln  vorkommt,  aber  er  scheidet  es  aus  seinen  Ar- 
beiten  aus.  Er  sucht  ohne  Psychologie  im  wissenschaftlichen  Sinne  dieses 
Wortes  auszukommen.  Auch  hier  hat  er  grundsatzlich  anscheinend  nichts  gegen 
eine  Sozialpsychologie,  die  das  unbewuBte  und  irrationale  Handeln  zu  erklaren 
sucht,  einzuwenden,  aber  er  betrachtet  das  nicht  als  seine  Aufgabe,  und  man 
hat  auch  hier  das  Gefuhl,  daB  er  den  Losungsversuchen  in  Vergangenheit  und 
Zukunft  nicht  ohne  gewichtige  Zweifel  gegeniibersteht. 

W.  wahlt  vielmehr  seinen  Ausgangspunkt  nach  dem  Vorbild  der  klassischen 
Schule  der  Volkswirtschaftslehre.  Wie  sie  geht  er  von  dem  oft  hervorgehobenen 
Hauptvorzug  aller  Kulturwissenschaften  aus,  daB  sie  in  das  Innere  der  kleinsten 
Teile,  mit  denen  sie  es  zu  tun  hat,  der  Individuen,  unmittelbar  hineinzublicken 
und  damit  die  Vorgange,  die  sie  behandelt,  selbst  nachzuerleben  vermag.  Er 
will  von  den  »sinnhaften«  Handlungen  der  einzelnen  Menschen  aus  das  gesell- 
schaftliche  Leben  erklaren,  was  naturlich  eine  Beschrankung  auf  rationales 
Handeln,  das  sich  verstehen  laBt,  zur  Folge  hat.  Auch  in  dieser  Beschrankung 
folgt  er  dem  Vorbild  der  klassischen  Schule  der  Volkswirtschaftslehre,  die 
ebenso  vom  rational  handelnden  homo  oeconomicus  ausgeht.  Er  schlieflt,  wie 
sie,  eigentliche  psychologische  Erklarungen  aus  und  sucht  »kalkulierbare« 
Wahrscheinlichkeiten,  »daB  ein  sinnentsprechendes  Handeln  stattf indet «,  die 
er  »Chancen«  nennt,  festzustellen. 

Diese  sich  bewuBt  auf  rationales  Handeln  der  Individuen  beschrankende 
Ivehre  nennt  W.  »verstehende  Soziologie«.  Die  Soziologie  wird  damit  zu  einer 
Darstellung  von  »Rationalisierungen«.  Der  RationalisierungsprozeB  hat  aber 
verschiedenen  Zwecken  gegeniiber  sehr  verschiedene  Bedeutung.  Stehen  ratio- 
nale Werte  im  Vordergrund,  so  erwachst  aus  der  Beschrankung  auf  das  Ver- 
stehbare  der  Darstellung  eine  zwingende  Kraft.  Im  selben  MaBe  aber,  wie  ir- 
rationale Werte  sich  beherrschend  vordrangen,  bedeutet  die  grundsatzliche 
Beschrankung  auf  rationales  Handeln  eine  Ignorierung  des  Wesentlichen.  Die 
dominierenden  Irrationalitaten  werden  zu  bloBen  »Abweichungen«  vom  Ratio- 


Weber  607 

nalen  herabgedriickt.  Dann  kann  man  zwar  nicht  sagen,  dafi  die  Darstellung 
an  sich  falsch  sei,  sie  gewinnt  aber  etwas  Befremdendes,  ftihrt  leicht  zu  Um- 
deutungen  von  Motiven  und  ist  unvermeidlich  MiBverstandnissen  ausgesetzt. 
Auch  der  isolierenden  Methode,  so  ertragreich  sie  sich  auch  im  ganzen  er- 
wiesen  hat,  sind  Grenzen  gesetzt.  Sie  wirkt  verzerrend,  wenn  sie  nicht  auf 
Wesentliches  beschrankt  bleibt.  Darauf  beruht  es,  daB  die  bedeutenden  reli- 
gionsgeschichtlichen  Studien  W.s  auf  so  manches  Kopfschutteln  stoBen,  dem 
sich  die  Berechtigung  nicht  ganz  versagen  laBt.  Das  wiirde  sogar  noch  starker  der 
Fall  sein,  wenn  W.  sich  streng  an  seine  eigene  Marschroute  gehalten  hatte.  In 
Wirklichkeit  sprengt  der  natiirliche  Reichtum  seiner  Natur  auch  hier  vielf  ach 
die  Fesseln.  So  wohltuend  das  vom  Leser  oft  empfunden  wird,  so  muB  man 
doch  sagen :  Was  dieses  letzte  Werk  zum  Bedeutendsten  und  Charakteristisch- 
sten.  das  W.  geschaffen  hat,  macht,  ist,  daB  er  sich  in  der  Hauptsache  doch 
auf  das  Verstehbare  beschrankt  hat.  Hier  hat  er,  wie  noch  keiner,  in  der  Sozial- 
wissenschaft  den  Weg  aus  dem  unfruchtbaren  Streit  um  Programme  zur 
schopferischen  Tat  gefunden.  Er  hat  neue  Wege  nicht  nur  gewiesen,  sondern 
mit  einem  Neuerungsmut  sondergleichen  beschritten.  Allerdings  kann  man 
bezweifeln,  ob  der  extreme  Individualismus  in  der  Soziologie  eine  ahnliche 
Rolle  je  spielen  wird,  wie  er  es  in  der  Volkswirtschaftslehre  getan  hat  und 
heute  noch  tut.  Jedenfalls  hat  die  heutige  Soziologie  ihre  Aufmerksamkeit  den 
groBen  Gesamtgebilden  so  einseitig  zugewendet,  daB  sie  Teilanalysen  nur  ein 
geringes  Interesse  entgegenbringt.  Die  von  W.  besonders  nahestehenden  Ge- 
lehrten  herausgegebene  »Erinnerungsgabe«,  in  der  sich  nach  Spranger  nicht 
»zwei  Autoren  finden,  die  unter  Soziologie  annahernd  dasselbe  verstiinden «, 
zeigt,  daB  W.  keine  Schiller  hinterlassen  hat,  die  in  seinen  Bahnen  weiter  zu 
wandern  entschlossen  sind.  Es  sieht  fast  so  aus,  als  fande  sich  nicht  einmal 
jemand,  dem  gewaltigen  Torso  seines  Werkes  die  notigen  Erganzungen  zuteil 
werden  zu  lassen.  Eher  scheint  es  dadurch  zu  wirken,  daB  es  zum  Widerspruch 
reizt.  Ist  doch  von  beachtenswerter  Seite  gesagt  worden,  die  bewuBte  Be- 
schrankung  auf  das  handelnde  Individuum  bedeute  eine  Absage  an  die  Sozio- 
logie. Ein  Vorwarts  auf  dem  von  ihm  eingeschlagenen  Wege  gebe  es  nicht;  er 
habe  die  »Wissenschaft  vielmehr  auf  den  Gipfel  und  eben  dadurch  an  die 
Schwelle  des  Abstiegs  gefiihrt«  (H.  Kantorowicz) .  Ja,  die  »Erinnerungsgabei 
ist  sogar  von  einem  ihrer  Mitarbeiter  selbst  »ein  tief  ernstes  Dokument  einer 
Zeit,  die  dahinsinken  muB«,  bezeichnet  worden  (Honigsheim).  Es  ist  nicht 
unwahrscheinlich,  daB  das  richtig  ist.  Trotzdem  wird  W.s  Werk  eine  auBer- 
ordentliche  Wirkung  ausiiben.  Sie  wird  sich  aber  mehr  als  in  der  eigentlichen 
Soziologie  in  den  vielen  Einzelwissenschaften,  die  er  beruhrt  hat,  zeigen.  Er  hat  in 
sie  so  mannigfaltige  neue  Fragestellungen  hineingebracht,  daB  man  vielf  ach 
die  bisher  iibliche  Behandlungsweise  nicht  ohne  weiteres  in  allem  wird  aufrecht- 
erhalten  konnen.  Wie  hat  W.  z.  B.  in  den  Fragen  der  Entwicklung  und  Politik 
der  Stadte,  denen  die  historische  Schule  der  Volkswirtschaftslehre  eine  bevor- 
zugte  Aufmerksamkeit  gewidmet  hatte,  das  Blickfeld  erweitert.  Niemand  wird 
hinfort  mit  Anspruch  auf  Wissenschaftlichkeit  iiber  die  Stadte  schreiben  oder 
reden  konnen,  ohne  zu  W.s  die  ganze  Welt  zum  erstenmal  umfassenden  Dar- 
legung  Stellung  zu  nehmen.  Gerade  weil  seine  Wirkung  sich  in  einem  MaBe, 
wie  es  kaum  erlebt  worden  ist,  zersplittern  wird,  ist  es  so  bedauerlich,  daB 
auch  dieses  letzte  Werk,  zumal  in  seinem  zweiten  Teil,  nicht  nur  in  der  Form, 


6o8  1920 

sondern  auch  im  Inhalt  die  Ziige  des  Unfertigen  so  stark  an  sich  tragt,  daB 
W.  es  ohne  Uberarbeitung  kaum  der  Offentlichkeit  iibergeben  hatte.  Auch 
hatte  W.  unzweifelhaft  noch  Erweiterungen  geplant.  So  interessierte  er  sich 
in  der  letzten  Zeit  vor  dem  Kriege  besonders  fur  die  Soziologie  der  Presse. 
Ein  inhaltreicher  Plan  fiir  ihre  Bearbeitung  war  von  ihm  bereits  in  der  Sozio- 
logischen  Gesellschaft  entworfen  worden. 

Wie  weit  sich  seine  Interessen  erstreckten,  zeigt  vielleicht  am  besten  ein 
der  zweiten  Auflage  des  soziologischen  Hauptwerkes  beigefiigter  Aufsatz  liber 
»die  rationalen  und  soziologischen  Grundlagen  der  Musik«.  Er  behandelt  zwar 
auch  einen  RationalisierungsprozeB  und  sucht  auch  einen  auffalligen  Unter- 
schied  zwischen  Abendland  und  Morgenland  zu  klaren ;  er  steht  aber  doch  mit 
dem  Hauptwerk  nur  in  losem  Zusammenhang.  Er  dtirfte  vielmehr  als  eine 
unmittelbare  Frucht  seiner  Leidenszeit  zu  betrachten  sein.  In  ihr  wurde  er 
regelmaBig  durch  das  Klavierspiel  einer  Freundin  erfreut,  und  das  Streben, 
sich  Klarheit  uber  diesen  GenuB  zu  verschaffen,  hat  diesen  merkwiirdigen, 
in  Musikerkreisen  viel  beachteten  Aufsatz  entstehen  lassen. 

IV. 

Mit  dem  Kriege  beginnt  in  der  Entwicklung  W.s  eine  dritte  Periode.  Er- 
forderte  die  Beschrankung  auf  die  reine  Gelehrtentatigkeit  schon  immer  viel 
Entsagung,  so  wird  sie  ihm  jetzt  unertraglich.  Irgendwie  muBte  auch  er  sich 
unmittelbar  dem  bedrohten  Vaterlande  nutzlich  machen.  Er  ist  daher  froh, 
zunachst  als  Organisator  und  Disziplinoffizier  der  Reservelazarette  im  Amts- 
bezirk  Heidelberg  tatig  sein  zu  konnen  und  sich  wenigstens  zeitweise  einmal 
wieder  des  starkenden  Gliickes  eines  festen  Pflichtenkreises  erfreuen  zu  diirfen. 
Mit  dem  fortschreitenden  Krieg  und  der  wachsenden  Not  drangt  ihn  dann 
sein  politisches  Interesse  immer  starker  zu  offentlicher  Betatigung.  Nach 
20jahrigem  Schweigen  greift  er  von  19 15  an  fast  bei  jeder  politischen  Frage 
ratend,  mahnend  und  warnend  zum  Worte.  Dazu  treibt  ihn  ein  tiefes  Pflicht- 
gefuhl;  er  denkt  zunachst  gar  nicht  an  eine  politische  Tatigkeit,  schon  weil  er 
sich  korperlich  ihr  nicht  gewachsen  fuhlt. 

Allerdings  hebt  sich  gegen  Ende  des  Krieges  seine  Leistungsfahigkeit.  Das 
zeigt  sich  auch  darin,  daB  seine  politischen  Schriften  frei  von  den  auBeren 
Mangeln  seiner  wissenschaftlichen  Arbeiten  sind  und  sogar  zum  Teil  stilistische 
Meisterwerke  darstellen.  Durch  ihre  Wucht  und  Klarheit  zogen  sie  bald  die 
Aufmerksamkeit  weiter  Kreise  so  stark  auf  sich,  daB  W.  zu  allerhand  Be- 
ratungen  zugezogen  wurde.  Vor  allem  wurde  er  zu  den  Friedensverhandlungen 
in  Versailles  zugezogen,  urn  mit  Hans  Delbriick,  Graf  Montgelas  und  Mendels- 
sohn-Bartholdy  die  Antwort  der  Reichsregierung  in  der  Schuldfrage  abzu- 
fassen.  Spater  nahm  er  auch  auf  Einladung  von  PreuB  an  den  vertraulichen 
Beratungen  tiber  die  neue  deutsche  Staatsform  teil.  Er  wirkte  dann  mit  seinem 
Bruder  bei  der  Begriindung  der  neuen  Deutschdembkratischen  Partei  mit, 
hielt  fiir  sie  eine  groBe  Reihe  politischer  Reden  und  sollte  auch  als  Kandidat 
fiir  die  National versammlung  aufgestellt  werden,  was  am  »Ehrgeiz  der  Durch- 
schnittlichen«  im  letzten  Augenblick  scheiterte. 

Im  ganzen  trat  in  dieser  Zeit  der  Gelehrte  hinter  den  Politiker  zuriick.  Aber 
beide  verschmolzen  doch  in  ihm  viel  starker,  als  man  nach  seinen  methodo- 
logischen  Arbeiten  annehmen  kann. 


Weber  609 

AuBerlich  hat  W.  als  Politiker  zwar  starke  Wandlungen  durchgemacht.  An- 
fangs  hatte  er  sich  von  dem  politischen  Iyiberalismus,  den  sein  Vater  vertrat, 
wegen  seines  wirtschaftlichen  Doktrinarismus  und  seiner  politischen  Schwache 
immer  mehr  abgewandt,  so  daB  er  seine  ersten  politischen  Artikel  —  auch 
wohl,  una  seine  Unabhangigkeit  zu  dokumentieren —  in  der  »Kreuzzeitung«  er- 
scheinen  lieB.  Als  er  dann  aber  durch  seine  umfassenden  Agrarstudien  zum 
scharfen  Gegner  des  ostpreuBischen  GroBgrundbesitzes  wurde,  in  der  neuen 
Politik  der  Junker  eine  einseitige  Politik  wirtschaftlicher  Interessenten  erblickte 
und  sich  immer  mehr  von  der  Regierungsweise  Wilhelms  II.  abwandte,  da 
entwickelte  er  sich  —  fern  vom  Elternhaus  —  in  Freiburg,  wo  im  Burgertum 
sich  eigentlich  nur  Katholizismus  und  Liberalismus  gegeniiberstanden,  schnell 
immer  weiter  nach  links,  so  daB  bald  nur  noch  die  »Frankfurter  Zeitung«  fur 
seine  Artikel  in  Betracht  kam. 

Es  wiirde  aber  grundfalsch  sein,  in  dieser  auBeren  Wandlung  einen  inneren 
Bruch  zu  sehen  und  W.s  politische  Stellungnahme  mit  irgendwelchen  Partei- 
programmen  zu  identifizieren.  Die  starke  Wirkung,  die  er  ausgeiibt  hat,  be- 
ruht  gerade  darauf,  daB  er  auch  hier  auf  der  Grundlage  eines  anschaulichen 
interaationalen  Wissens  von  seltener  Fulle  und  Tiefe  selbstandige  und  eigen- 
artige  Bahnen  mit  ungewohnlicher  geistiger  Energie  einschlug.  Obwohl  er  auch 
hier  seine  Gedanken  vielfach  bis  zu  Folgerungen  zuspitzte,  denen  mancher 
seine  Zustimmung  nicht  geben  kann,  wird  doch  wohl  eine  spatere  Zeit  in  W.s 
politischen  Streitschriften  das  Bedeutendste  erblicken,  das  das  wilhelminische 
Zeitalter  auf  diesem  Gebiet  hervorgebracht  hat. 

Er  wird  beherrscht  von  zwei  Gesichtspunkten. 

Erstens  geht  W.  davon  aus,  daB  ein  »  Chaos  von  Werten«  unsere  Zeit  kenn- 
zeichnet.  Welcher  von  alien  im  heiBen  Kampf  miteinander  liegenden  Werten 
muBte  f iir  den  Lehrer  der  Volkswirtschaftspolitik  maBgebend  sein  ?  Auf  diese 
Grundfrage  hatte  W.  schon  in  seiner  Freiburger  Antrittsrede  »Der  National- 
staat  und  die  Volkswirtschaftspolitik «  die  Antwort  gegeben:  »Der  WertmaB- 
stab  des  deutschen  volkswirtschaftlichen  Theoretikers  kann  nur  deutsch  sein. « 
Nur  als  »6konomischer  Nationalist*  kann  ein  deutscher  Professor  den  her- 
kommlichen  zweiten  Teil  der  Volkswirtschaftslehre  behandeln.  Wenn  man 
sich  aber  durch  den  Gesichtspunkt  des  deutschen  Nationalstaates  leiten  laBt, 
dann  tritt  der  machtpolitische  Gesichtspunkt  beherrschend  in  den  Vorder- 
grund.  W.  geht  in  dieser  Richtung  so  weit,  daB  er  » politische  Reife«  mit  dem 
»Verstandnis«  und  der  »Befahigung<<  identifiziert,  »die  dauernden  okonomi- 
schen  und  politischen  Machtinteressen  der  Nation  iiber  alle  anderen  Er- 
wagungen  zu  stellen«.  Er  tritt  daher  mit  aller  Wucht  fiir  eine  »Weltpolitik« 
ein.  Die  Griindung  des  Deutschen  Reiches  diirfe  nicht  ein  AbschluB  sein, 
sondern  »der  Ausgangspunkt  einer  deutschen  Weltmachtpolitik*.  Die  Nach- 
fahren  wiirden  uns  einst  verantwortlich  machen  »fiir  das  MaB  des  Ellbogen- 
raumes,  den  wir  ihnen  in  der  Welt  erringen  und  hinterlassen*.  Nur  als  »Vor- 
laufer  einer  groBeren  Zeit«  konnten  wir  dem  »harten  Schicksal  des  politischen 
Epigonentums  «  entgehen. 

W.  war  jedoch  voll  Zweifel,  ob  das  deutsche  Volk  dieser  Aufgabe  gewachsen 
sei.  Er  beklagte  tief  die  sachliche)>Bescheidenheit«der  deutschen  Weltpolitik 
und  ihre  trotzdem  so  eitle  und  gerauschvolle  Art.  Und  er  sprach  von  deutschen 
»  Kolonief ragmenten  «,  wenn  er  sich  vergegenwartigte,  was  andere  Staaten,  wie 
dbj  so 


6io  1920 

z.  B.  das  kleine  Belgien,  sich  gleichzeitig  erningen  hatten.  Immer  wieder 
fragte  er  sich  sorgenvoll,  ob  die  politische  Bildung  des  deutschen  Volkes  aus- 
reiche.  Die  Junker,  die  einst,  als  es  sich  noch  um  einfache  Aufgaben  handelte, 
politische  Bildung  besaBen,  lagen  jetzt  »im  okonomischen  Todeskampf «.  Die 
in  den  Stadten  aufsteigende  wirtschaftliche  Macht  war  noch  ohne  politische 
Bildung.  Insbesondere  die  Arbeiterschaft  war — im  Unterschied  von  Eng- 
land und  Frankreich — »ein  politisch  unerzogenes  Spie£burgertum«.  So  ist 
in  Deutschland  eine  Dungeheure  politische  Erziehungsarbeit«  zu  leisten,  und 
ihr  seine  Kraft  zu  widmen,  empfand  W.  ursprunglich  als  seine  Lebensaufgabe. 

Dabei  beunruhigte  ihn  aber  die  »ernste  Frage«,  ob  es  nicht  schon  zu  spat  sei. 
Schon  1894  beim  Einzug  Bismarcks  in  Berlin  glaubte  er  »den  kalten  Hauch 
geschichtlicher  Verganglichkeit  zu  spiiren«,  und  denKrieg  empfand  er  schlieB- 
lich  als  eine  erschiitternde  Bestatigung  seiner  triiben  Ahnungen.  Er  gab  ihm 
keine  Veranlassung,  seine  nationale  und  machtpolitische  Einstellung  zu  den 
Fragen  der  Politik  zu  andern,  so  sehr  sich  auch  die  Moglichkeiten  der  politi- 
schen  Betatigung  eingeengt  hatten.  Vor  wie  nach  dem  Zusammenbruch  war  er 
—  im  Gegensatz  zu  den  »lendenlahmen  Friedensfreunden«  und  den  »L,iteraten- 
kopfen* — bestrebt,  an  staatlicher  Macht  zu  retten  und  zu  erhalten,  was 
irgend  moglich  war. 

Die  Hauptgefahr  fiir  Deutschlands  Machtstellung  schien  ihm  immer  von 
RuBland  zu  drohen.  Darum  hat  er  schon  der  russischen  Revolution  von  1904 
und  ihren  Tragern  ein  so  starkes  sachliches  und  personliches  Interesse  ent- 
gegengebracht,  dafi  er  die  russische  Sprache  lernte  und  1906  in  zwei  Beiheften 
seines  »Archivs«  ein  tieferes  Verstandnis  fiir  die  Freiheitsbewegung  in  RuBland 
zu  wecken  suchte.  Auch  im  Kriege,  den  RuBland,  seiner  Befurchtung  ent- 
sprechend,  heraufbeschworen  hat,  hat  er  an  diesem  Gesichtspunkt  festge- 
halten.  Auch  ist  er,  was  das  Ausland  anlangt,  unzweifelhaft  iiber  RuBland 
stets  am  besten  unterrichtet  gewesen. 

Wie  aber  W.  in  seiner  Einstellung  zum  »Nationalstaat«  und  zur  »Welt- 
politik«  nur  verkorperte,  was  alle  selbstandigen  politischen  Kopfe  seiner  Gene- 
ration —  mit  verschwindenden  Ausnahmen  —  bewegte,  so  entbehren  auch 
seine  auBenpolitischen  Artikel  im  ganzen  des  nachhaltigen  star  ken  Reizes, 
wie  auch  von  seinen  mancherlei  Auslandsreisen  auffallend  wenige  Spuren  in 
seinen  Schriften  sich  finden  lassen. 

Etwas  Besonderes  war  dagegen  der  zweite  Gesichtspunkt,  der  W.  als  Poli- 
tiker  immer  starker  beherrschte.  Er  wurzelte  wieder  darin,  dafl  W.  An- 
schauungen  aus  der  Wirtschaftswissenschaft  auf  ein  anderes  Gebiet  ubertrug. 
Auch  im  Staate  erblickte  er  namlich  einen  »Betrieb«,  und  zwar  einen  GroB- 
betrieb,  in  dem  eine  Tendenz  lebt,  immer  weiter  um  sich  zu  greifen.  In  der 
rationalen  Ausgestaltung  dieses  Betriebes  hat  Deutschland  bis  zum  Kriege 
vorangestanden.  Es  besitzt  »die  an  Integritat,  Bildung,  Gewissenhaftigkeit 
und  Intelligenz  hochststehende  militarische  und  zivile  Bureaukratie*.  »Wir 
waren  darin  die  ersten  der  Welt.«  Darin  bestand  unsere  »t)berlegenheit  iiber 
die  anderen«.  Trotzdem  steht  W.  diesem  ProzeB  zunehmender  Bureaukrati- 
sierung  mit  innerem  Grausen  gegeniiber.  Er  sieht  in  der  Bureaukratie  »die 
einzige  ganz  sicher  unentfliehbare  Macht «.  Sie  bedroht  jede  Selbstandigkeit 
des  Individuums.  Ja,  sie  ist  »an  der  Arbeit,  das  Gehause  jener  Horigkeit 
der  Zukunft  herzustellen,  in  welche  vielleicht  dereinst  die  Menschen  sich,. 


Weber  6ll 

wie  die  Fellachen  im  altagyptischen  Staat,  ohnmachtig  zu  fiigen  ge- 
zwungen  sein  werden«.  Eine  solche  Macht  muB  in  ihrer  Eigenart  aufs 
sorgsamste  erfaBt  und  durch  kontrollierende  Gegenmachte  in  Schach  ge- 
halten  werden. 

Ihre  Eigenart  besteht,  wie  bei  jedem  GroBbetrieb,  in  der  »Trennung«  des 
Arbeiters  von  den  sachlichen  Betriebsmitteln.  Sie  hat  zwei  Folgen.  Erstens 
kann  der  einzelne  Beamte,  wie  der  einzelne  Fabrikarbeiter  oder  Angestellte, 
nicht  mehr  einen  Uberblick  iiber  das  Ganze  gewinnen,  und  zweitens  verlangt 
das  Ganze,  daB  sich  jeder  als  dienendes  Glied  gehorsam  ihm  einfiige.  So  ent- 
wickeln  sich  im  GroBbetrieb  nicht  die  Eigenschaften  und  Kenntnisse,  die  fiir 
einen  leitenden  Geist  notig  sind.  Die  Art  der  Verantwortung  ist  beim  Beamten 
ganz  anders  als  beim  Unternehmer  oder  Politiker.  Was  beim  Beamten  lobens- 
wert  ist,  ist  beim  Politiker  verachtlich. 

Daraus  folgert  W. :  Eine  Beamtenherrschaft  ist  fiir  den  Staat  gefahrlich. 
Darum  ist  von  groBter  Bedeutung,  welche  Faktoren  neben  dem  Beamtentum 
bei  der  staatlichen  Willensbildung  in  Betracht  kommen.  Es  sind  die  Monarchic 
und  das  Parlament. 

W.  war  zwar  vom  »Nutzen  monarchischer  Institutionen  in  GroBstaaten« 
iiberzeugt,  pries  die  Monarchic  in  England  als  die  » Starke  des  britischen  Parla- 
mentarismus«,  hielt  vor  allem  fiir  die  besondere  internationale  Lage  Deutsch- 
lands  »an  sich«  die  konstitutionelle  Monarchic  fiir  »die  gegebene  Staatsform« 
und  bezeichnete  das  Schlagwort  von  der  Befreiung  der  Deutschen  von  der 
Autarchie,  mit  dem  das  Ausland  arbeitete,  als  »heuchlerische  Phrase*;  aber 
in  der  Regierungsweise  Wilhelms  II.  sah  er  einen  gefahrlichen  »Dilettantis- 
mus«,  von  dem  er  schon  seit  1906  befurchtete,  daB  er  »unsere  ganze  Weltstel- 
lung«  bedrohe.  Deshalb  versagte  die  Monarchic  in  concreto  als  die  notige  sach- 
verstandige  Erganzung  und  Kontrolle.  Auch  sie  war  vielmehr  der  Erganzung 
und  Beschrankung  bediirftig.  Darum  hat  W.  aber  nicht  die  Monarchic  be- 
seitigen  wollen.  Nur  als  unvermeidliches  Ergebnis  des  Zusammenbruchs  hat 
er  die  Republik  hingenommen,  hielt  er  doch  uherhaupt  die  »technische  Frage« 
der  Staatsform  fiir  unwichtig  im  Vergleich  mit  der  Frage  der  Organisation  der 
Regierung. 

Fiir  diese  legte  er  auf  das  Parlament  das  Hauptgewicht.  Es  war  in  Deutsch- 
land  unter  dem  erdriickenden  EinfluB  von  »Bismarcks  riesenhafter  Gr6Be« 
nicht  nur  nicht  zur  Entwicklung  gelangt,  sondern  zu  einem  »widerwilhg  ge- 
duldeten  Bewilligungsapparat «  herabgesunken.  Aus  seiner  Mitte  wurden  nicht 
die  leitenden  Staatsmanner  genommen ;  der  Reichskanzler  konnte  sogar  nicht 
einmal  Mitglied  des  Reichstags  sein.  Damit  entbehrte  das  Parlament  der  An- 
ziehungskraft  fiir  Fiihrertalente.  Sie  wurden  in  die  Wirtschaft  abgedrangt. 

So  gelangte  W.  zum  Ergebnis,  daB  in  Deutschland  eine  gesunde  staatliche 
Willensbildung  nicht  moglich  sei,  zumal  da  es  auch  keine  aristokratischen 
Traditionen  hatte,  wie  sie  in  den  englischen  »Honoratiorenklubs«  somachtig 
sind. 

Wie  kann  in  dieser  schwierigen  Lage  geholfen  werden?  Darauf  antwortet 
W. :  Das  Parlament  bedarf  systematischer  Hebung,  schon  um  »ein  gewisses 
Minimum  von  innerer  Zustimmung  mindestens  der  sozialgewichtigen  Schichten 
der  Beherrschten «  zu  sichern,  ohne  das  keine  Herrschaft  heute  auf  die  Dauer 
bestehen  kann,  vor  allem  aber,  um  mit  seiner  Hilfe  die  fehlenden  politischen 


6l2  1920 

Fiihrer  zu  ziichten.  Um  dieses  wichtigste  Ziel  zu  erreichen,  ist  grundsatzliche 
Entnahme  der  politischen  Fiihrer  aus  dem  Parlament,  d.  h.  Parlamentarismus 
notig.  Nur  so  konnen  die  fiir  die  Politik  ungeeigneten  Beamten  politisch  kalt- 
gestellt  und  durch  Manner  verdrangt  werden,  die  sich  berufsmaBig  fiir  den 
Kampf  um  die  Macht  im  Staate  schulen.  Erfolgreich  kann  das  freilich  nur  ge- 
schehen,  wenn  das  Parlament,  damit  es  nicht  »zur  dilettantischen  Dummheit 
verurteilt  bleibe«,  das  Recht  zur  wirksamen  Verwaltungskontrolle  erhalt  und 
dadurch  aus  einem  nutzlosen  Redeparlament  zu  einem  »machtigen  Arbeits- 
parlament«  gemacht  wird. 

Heute  miissen  wir  sagen:  das  Problem  »Fuhrertum  und  Beamtentum«  ist 
in  Wirklichkeit  nicht  so  einfach,  wie  es  von  W.  dargestellt  worden  ist.  Ist  der 
gewiesene  Weg  der  Entwicklung  des  Berufspolitikertums  wirklich  so  sicher 
und  gefahrlos  ?  Was  spricht  dafiir,  daB  aus  dem  selbstischen  Kampf  um  eigene 
personliche  Macht  eine»Eigenverantwortung  fiir  eineSache«,  wie  W.  annimmt, 
erwachst?  Wird  wirklich  im  modernen  Parteibetrieb,  der  vom  Parlament 
unzertrennlich  ist,  die  Scharfung  der  Verantwortlichkeit  erreicht,  die  W.  selbst 
fiir  das  wichtigste  halt?  Besteht  nicht  vielmehr  die  Gefahr,  daB  in  einem 
Lande,  dem  die  erwahnten  aristokratischen  Traditionen  Englands  fehlen,  das 
Berufspolitikertum  im  standigen  selbstsiichtigen  Kampf  auf  das  Niveau  der 
verachteten  amerikanischen  »Maschine«  herabsinkt? 

Und  dieser  bedenklichen  Uberschatzung  des  Berufspolitikers,  die  sich  ge- 
schichtlich  kaum  rechtfertigen  laBt,  entspricht  erne  Beurteilung  des  Beamten- 
tums,  die  auch  zum  mindesten  einseitig  ist.  Warum  beschreitet  W.  nicht  auch 
hier  den  so  oft  von  ihm  sonst  eingeschlagenen  Weg  der  Analogie  aus  dem  Wirt- 
schaf tsleben  ?  In  der  Wirtschaft  hat  man — nicht  ohne  Erfolg — versucht, 
die  Bildung  der  Angestellten  zu  heben  und  damit  die  Auslese  fiir  Unternehmer- 
stellungen  zu  verbessern.  Sollte  sich  Ahnliches  nicht  mit  der  Ausbildung  des 
Beamtentums  erreichen  lassen  ?  W.  bestreitet  nicht,  daB  im  Beamtentum  »sich 
nicht  auch  Leute  mit  Fiihrerqualitaten  fanden«.  Ware  es  dann  nicht  richtiger 
und  einfacher,  den  Versuch  zu  machen,  sie  herauszufinden  und  zu  entwickeln? 
Dann  ware  es  auch  moglich,  die  von  W.  anerkannten  Vorziige  des  deutschen 
Beamtentums,  die  bei  seiner  Deklassierung  durch  ein  traditionsloses  Berufs- 
politikertum verschwinden  wiirden,  zu  erhalten.  Es  racht  sich  stets,  wenn  man 
die  geschichtliche  Eigenart  einer  Regierungsorganisation  ignoriert.  Wirklich 
Zukunftsreiches  ist  immer  nur  aus  geschichtlichem  Boden  erwachsen.  Im 
politischen  Leben,  in  dem  Irrationalitaten  eine  so  groBe  Rolle  spielen,  ist  Um- 
bau  meist  einfacher  als  Neubau.  Gesunde  Traditionen  lassen  sich  nicht  leicht 
kiinstlich  schaffen. 

Diese  Einwande  gegen  die  von  W.  befiirwortete  Rationalisierung  der  Re- 
gierungsorganisation liegen  so  sehr  auf  der  Hand,  daB  man  sich  wundert,  daB 
W.  sie  nicht  beachtet  hat.  Man  sucht  daher  unwillkiirlich  nach  einer  Erklarung. 
Vielleicht  hat  W.  geglaubt,  in  kritischer  Zeit  auf  alle  Vorschlage,  die,  wie  jede 
Erziehungsaufgabe,  viel  Zeit  erfordern,  verzichten  und  auf  schnell  durchfiihr- 
bare  auBere  Organisationsanderung  sich  beschranken  zu  miissen.  Vielleicht 
wollte  er  nur  ein  Ziel  aufrichten  und  der  spateren  Entwicklung  die  Anpassung 
an  geschichtliche  Gegebenheiten  uberlassen. 

Aber  mag  dem  sein,  wie  es  wolle,  immer  werden  die  politischen  Schriften 
W.s,  unter  denen  die  Aufsatzfolge  »  Parlament  und  Regierung  im  neugeordneten 


Weber  613 

Deutschland «  (1918)  an  gewichtigem  Inhalt  wohl  voranstehen,  als  eine  be- 
deutende  Leistung,  die  nichts  zu  tun  hat  mit  den  iiblichen  parteipolitischen 
Ideologien,  anerkannt  werden,  obwohl  sie  jedem  unbefangenen  Blick  die  Bruch- 
stelle,  wo  der  sorgfaltig  analysierende  Gelehrte  vom  einseitig  fordernden  Poli- 
tiker  abgelost  wird,  deutlich  offenbaren.  Durch  ihre  Begriindungen,  nicht  durch 
ihre  SchluBfolgerungen  werden  sie  zu  einer  vertieften  politischen  Bildung  des 
deutschen  Volkes  dauernd  beitragen  konnen. 

V. 

So  sehr  es  bei  W.  einem  inneren  Drang  entsprang,  in  die  politische  Erorte- 
rung  einzugreifen,  so  iibte  doch  die  nahere  Beriihrung  mit  der  Politik  eine  ab- 
stoBende  Wirkung  auf  ihn  aus.  Schon  vor  dem  Zusammenbruch  fliichtete  er 
sich  wieder  in  die  wissenschaftliche  Arbeit  und  betrat  sogar  im  Soramer  1918, 
nach  igjahriger  Pause,  wieder  die  Lehrkanzel,  und  zwar  an  der  Wiener  Uni- 
versitat.  Hier  gab  er  unter  dem  Titel  » Positive  Kritik  der  materialistischen 
Geschichtsauffassung«  einen  Uberblick  tiber  seine  religions-  und  staatssozio- 
logischen  Studien.  Aber  so  groB  auch  der  Erfolg  war,  wieder  griff  ihn  die  zwei- 
stiindige  Vorlesung  so  stark  an,  daB  er  auf  eine  Fortsetzung  verzichten  zu  miissen 
glaubte. 

Ebenso  brachten  nach  dem  Zusammenbruch  die  politischen  Erfahrungen  in 
Berlin  und  Versailles  ihn  zur  Uberzeugung,  daB  die  Politik  —  wie  er  selbst 
sagte —  jetzt  nicht  f ruchtbar  zu  betreiben  sei.  Gleichzeitig  schien  ihm  infolge  der 
Wirrnis  der  Zeit  die  Erziehung  der  Jugend  an  Bedeutung  auBerordentlich  ge- 
wonnen  zu  haben.  Sie  war  zu  einer  der  wichtigsten  Aufgaben  des  Wiederaufbaus 
geworden.  Jetzt  lohnte  es  sich,  ihr  die  Kraft  zu  widmen,  und  W.  glaubte  auch — 
im  Gegensatz  zu  Wien —  ihr  jetzt  korperlich  gewachsen  zu  sein.  Er  war  daher 
sehr  erfreut,  im  Sommer  1919  dem  Ruf  auf  Btentanos  Lehrstuhl  in  Munchen 
folgen  zu  konnen,  zumal  da  er  dort  nicht  volkswirtschaftliche  Themata,  sondern 
nur,  seinen  neuen  Studien  entsprechend,  soziologische  zu  behandeln  brauchte. 

Aber  die  fruheren  Erfahrungen  wiederholten  sich  auch  in  Munchen.  Seine 
Personlichkeit  machte  auf  die  Zuhorerschaft  noch  starkeren  Eindruck,  und 
er  gewann  als  personlicher  Berater  in  der  Studentenschaft  bald  EinfluB. 
Seine  Ausfuhrungen  iiber  die  »allgemeinsten  Kategorien  der  Gesellschafts- 
wissenschaf ten «,  die  er  erst  im  Juni  begann,  wurden  jedoch  so  wenig  verstan- 
den,  daB  er  im  Wintersemester  auf  Andringen  der  Studenten  eine  zweistiindige 
Vorlesung  »AbriB  einer  universalen  Sozial-  und  Wirtschaftsgeschichte «  hielt. 
Auch  empf  and  er  wieder  wie  einst  die  Vorlesungen  als  eine  so  schwer  driickende 
Last,  daB  er  sogar  einen  Antrag  einreichte,  sein  neues  Ordinariat  mit  einer 
auBerordentlichen  Professur  zu  vertauschen.  J  a,  man  wird  den  Eindruck  nicht 
los,  daB  sein  fruher  Tod  am  14.  Juli  1920  mit  dieser  groBen  »Strapazierung« 
durch  die  Vorlesungen  zusammenhangt. 

Der  Tod  riB  W.  mitten  aus  seiner  literarischen  Erntezeit. 

Seit  seiner  akademischen  Antrittsrede  im  Jahre  1895  hatte  er  keine  wissen- 
schaftliche Arbeit  in  selbstandiger  Form  erscheinen  lassen.  Die  Verstreutheit 
seiner  Studien  machte  es  fur  Fachgenossen  nicht  leicht,  fiir  Fernerstehende 
unmoglich,  ein  vollstandiges  Bild  von  W.s  Schaffen  zu  gewinnen.  Erst  nach 
dem  Kriege  plante  er  wieder  umfassende  Buchveroffentlichungen.  Den  Druck 
des  starken  Bandes  im  GrundriB  der  Sozialokonomik  »Wirtschaft  und  Ge- 


614  x92o 

sellschaft«  begann  er  1919  in  der  Hoffnung,  ihn  im  engen  AnschluB  an  seine 
Vorlesungen  zu  Ende  zu  fiihren.  Gleichzeitig  wollte  er  jetzt  auch  auf  vielf  aches 
Drangen  seine  religionsgeschichtlichen  Arbeiten,  und  zwar  als  »soziologische« 
Studien  in  drei  Banden  erscheinen  lassen ;  ihren  ersten  Band  hat  er  1920  noch 
korrigiert.  Beide  Werke  sind  aber  erst  nach  seinem  Tode  herausgekommen ;  der 
groBen  Veroffentlichung  im  GrundriB  standen  sogar  sehr  erhebliche  Schwierig- 
keiten  entgegen,  die  auch,  trotz  alien  Muhens,  nur  teilweise  iiberwunden  wer- 
den  konnten.  Dann  folgten  sich  in  wenigen  Jahren  die  Veroffentlichungen  in 
fast  erdriickender  Folge.  In  vier  starken  Banden  wurden  W.s  Aufsatze  zu- 
sammengefaBt,  und  die  Gattin  entschloB  sich  schlieBlich  auch  noch,  die 
Miinchener  Vorlesung  uber  Wirtschaftsgeschichte,  trotz  der  Mangelhaftigkeit 
ihrer  schriftlichen  Grundlagen,  herauszugeben.  Allen,  die  W.s  Wirken  bisher 
nur  geringe  Beachtung  geschenkt  hatten,  offenbarte  sich  erst  damit  seine  ge- 
waltige  Lebensarbeit.  Darum  gewann  er  nach  dem  Tode  im  groBen  einen  Ein- 
fluB,  wie  er  ihn  im  Leben  immer  nur  in  kleineren  Kreisen  genossen  hatte. 

Zugleich  offenbarte  sich  noch  zum  Schlusse  das  Hauptgeheimnis  und  die 
Tragik  dieses  Lebens.  Es  hat  sich  namlich  merkwiirdig  gefiigt,  daB  das  letzte, 
das  W.  selbst  veroffentlichte,  seine  Vortrage  »Wissenschaft  als  Beruf«  und 
»Politik  als  Beruf«  waren,  zugleich  seine  ersten  selbstandigen  nichtpolitischen 
Veroffentlichungen  im  20.  Jahrhundert.  Er  faBte  in  diesen  Vortragen  gewisser- 
maBen  das  menschliche  Ergebnis  seiner  griibelnden  wissenschaftlichen  Lebens- 
arbeit zusammen. 

Da  die  Wissenschaft,  die  sich  auf  Beweisbares  beschranken  muB,  es  nur 
mit  der  intellektuellen  Aufhellung  rationaler  Vorgange  zu  tun  hat,  demnach 
alle  Unklarheiten  und  alle  Illusionen  beseitigen  muB  und  somit  eine  »Ent- 
zauberung«  der  Welt  und  eine  Entfesselung  des  Kampfes  ihrer  Werte  zur 
Folge  hat,  kann  sie  nicht  lehren,  \vie  man  handeln  soil.  Sie  scharft  durch  die  von 
ihr  vermittelte  Klarheit  nur  das  Verantwortungsgefiihl  und  erschwert  damit 
sogar  noch  die  Wahl  im  » Chaos  der  Werte «.  Trotzdem  muB  der  Mensch  wahlen. 
Denn  nur  im  selbstlosen  Eintreten  fur  »Ideale,  Aufgaben,  Pflichten«  liegt  Sinn 
und  Wiirde  des  menschlichen  Daseins.  Jeder  Mensch  muB  sie  sich  selbst  schaffen. 
Er  muB  »den  Damon  finden  und  ihm  gehorchen,  der  seines  Lebens  Faden 
halt«.  Aber  wie  soil  er  ihn  finden  ?  Wie  soil  er  seinem  Leben  Sinn  geben,  wenn 
nicht  einmal  die  Wissenschaft  einen  Sinn  im  Geschehen  ermitteln  kann  ?  Wie 
soil  er  das  tun,  zumal  da  man  nicht  wissen  kann,  ob  die  getroffene  Wahl  wirklich 
Sinn  hat  ?  Wie  soil  man  den  Glauben  erringen,  der  zu  solcher  Wahl  not  tut  ? 

Die  GroBe  von  W.s  Personlichkeit  und  Leben  liegt  darin,  wie  er  diese  Wahl 
getroffen  hat  und  mit  einer  Illusionslosigkeit,  wie  es  sie  in  dieser  Art  vor  ihm 
noch  kaum  gegeben  hat,  ein  leidenschaftliches  Streben  verband.  Mit  solcher 
Leidenschaft  muB  man  »AugenmaB«,  d.  h.  die  »Fahigkeit,  die  Realitaten  mit 
innerer  Sammlung  und  Ruhe  auf  sich  wirken  zu  lassen «,  verbinden,  um  Poli- 
tiker  zu  werden.  Es  geniigt  aber  nicht  nur  »die  geschulte  Riicksichtslosigkeit 
des  Blickes  fur  die  Realitaten  des  Lebens «,  sondern  es  muB  auch  noch  die 
»Fahigkeit,  sie  zu  ertragen  und  ihnen  innerlich  gewachsen  zu  sein«,  hinzu- 
kommen.  Nur  wer  sicher  ist,  daB  er  daran  nicht  zerbricht,  wenn  die 
Welt,  von  seinem  Standpunkt  aus  gesehen,  zu  dumm  oder  zu  gemein  ist  fiii 
das,  was  er  ihr  leisten  soil,  daB  er  all  demgegeniiber  »dennoch!«  zu  sagen  ver- 
mag,    nur  der  hat  den  »Beruf  zur  Politik«.  Dieses  Gefiihl  der  Sicherheit  hat 


Weber  615 

sich  W.  seit  seinem  Zusam m enbruch  im  Jalire  1897  nicht  mehr  erringen 
konnen,  so  sehr  auch  leidenschaftlich  empfundenes  Pflichtgefuhl  ihn  zeitweise 
immer  wieder  drangte,  in  politische  Erorterungen  einzugreifen.  Aber  im  Innern 
hat  er  es  verstanden,  die  entgegengesetzten  hohen  Anforderungen,  die  er  an 
den  Wis^enschaftler  und  Politiker  stellte,  zu  vereinigen.  Freilich  fiel  fiir  ihn 
auch  eine  praktische  Hauptschwierigkeit  fort.  Seit  dem  Jahre  1897  hat  er  bis 
auf  wenige  Monate  nicht  als  Lehrer  auf  dem  Katheder,  wo  die  Unmoglichkeit 
des  Widerspruchs  den  Bekennermut  ausschliefien  sollte,  gestanden;  er  war 
vielmehr  ganz  auf  den  personlichen  Verkehr  von  Mensch  zu  Mensch,  in  dem 
nicht  nur  Kenntnisse  und  Denkmethoden,  sondern  auch  Uberzeugung  und 
Gesinnung  vermittelt  werden  durften,  angewiesen.  Darum  konnte  sich  seine 
Personlichkeit  auBerhalb  seiner  Schriften  freier  entfalten,  als  bei  einem  aka- 
demischen  Lehrer  auf  dem  Katheder  statthaft  und  moglich  war.  Solange  W. 
lebte,  stand  dieses  positive  Vorbild,  in  dem  die  entgegengesetzten  Anforde- 
rungen an  den  Wissenschaftler  und  Politiker  Erfullung  fanden,  und  damit  die 
anspornende  Kraft  seiner  Personlichkeit  im  Vordergrund.  Mit  seinem  Tode 
treten  das  Negative  und  Gegensatzliche  seiner  Schriften  und  damit  die  schwie- 
rige  Erfiillbarkeit  seiner  Forderungen  einseitig  und  gefahrlich  in  den  Vorder- 
grund. Was  er  noch  zu  leisten  vermochte,  wie  soil  das  ein  anderer  leisten  ? 

Diese  Zweif el  greif en  auch  auf  die  Lehre  iiber.  Sie  verdichten  sich  zur  Frage : 
Haben  die  irrationalen  Werte  wirklich  nur  individuelle  Bedeutung?  1st  nicht 
eine  objektive  Ordnung  der  Werte  moglich?  Es  sieht  heute  so  aus,  als  ob  diese 
Frage  die  weiteren  Erorterungen  in  der  Zukunft  beherrschen  wurde. 

Literatur:  Schon  heute  hat  die  kiihne  Eigenart  wie  die  Torsohaftigkeit  der  Haupt- 
schriften  W.s  eine  Literatur  iiber  W.  entstehen  lassen.  Es  seien  insbesondere  die  folgenden 
Veroffentlichungen  hervorgehoben :  v.  Schelting,  Die  logische  Theorie  der  historischen 
Kulturvvissenschaften  von  M.  W.  und  im  besonderen  sein  Begriff  des  Idealtypus,  Archiv 
fiir  Sozialwissenschaft,  1922.  —  Rothacker,  M.  W.s  Arbeiten  zur  Soziologie,  Vierteljahrs- 
schrift  fiir  Sozial-  und  Wirtschaftsgeschichte,  1922.  —  Othmar  Spann,  Bemerkungen  zu 
M.  W.s  Soziologie,  Zeitschrift  fiir  Volkswirtschaft  und  Sozialpolitik,  1923.  —  Hans  Oppen- 
heimer,  die  L,ogik  der  soziologischen  Begriff sbildung,  1925.  —  Andreas  Walter,  M.  W. 
als  Soziologe,  2.  Jahrbuch  fiir  Soziologie,  1926.  —  Koelreutter,  Staatspolitische  An- 
schauungen  M.  W.s  und  Oswald  Spenglers,  Zeitschrift  fiir  Politik,  1925.  —  Grab,  Der 
Begriff  des  Rationalen  in  der  Soziologie  M.  W.s,  1927.  —  v.  Kahler,  Der  Beruf  der  Wissen- 
schaft,   1920. 

Weil  aber  das  Werk  mit  der  Personlichkeit  bei  W.  so  eng  verbunden  ist,  gibt  es  auch 
iiber  das  Leben  und  den  Menschen  schon  eine  Reihe  von  Veroffentlichungen.  Voran  steht 
das  grofie  Werk  von  mehr  als  700  Druckseiten,  das  Marianne  Weber  1926  ihrem  verstor- 
benen  Gatten  gewidmet  hat.  Es  ist  nicht  nur  ein  schones  Denkmal  der  Iyiebe  und  Verehrung, 
sondern  auch  durch  die  umfassende  Verwertung  von  Briefen  und  Erinnerungen  eine  wert- 
volle  Quelle  und  ein  feinsinniges  Charakterbild.  J  a,  es  erweitert  sich  dadurch,  daB  sich  in 
vielem,  was  dieVerfasserin  rein  personlich  auffaBt,  die  ganze  Zeit  spiegelt,  zu  einem  Kultur- 
bild  des  letzten  halben  Jahrhunderts.  Natiirlich  stellt  sich  dem,  der  W.  ferner  stand, 
manches  etwas  anders  dar,  und  schon  heute  zeigt  sich,  daB  die  Nachwelt  Iyicht  und  Schatten 
etwas  anders  verteilen  wird. 

Von  Schriften,  die  der  Gesamtpersonlichkeit  W.s  gewidmet  sind,  verdienen  sonst  noch 
hervorgehoben  zu  werden:  die  schone  Gedenkrede  von  Karl  Jaspers,  die  1926  in  zweiter 
Auflage  erschienen  ist,  die  feinsinnige  Zeichnung,  die  Robert  Michels  in  seinem  Buch»Be- 
deutende  Manner*  1927  gegeben  hat,  die  Einfiihrung  von  Schulze-Gaevernitz  zu  der  von 
Palyi  1923  herausgegebenen  »Erinnerungsgabe«  und  der  Aufsatz  von  Honigsheim  »M.  W. 
als  Soziologe.  Ein  Wort  zum  Gedachtnis*  in  den  Kolner  Vierteljahrsheften  fiir  Sozial- 
wissenschaf  ten,   1 92 1 . 

Berlin-Steglitz.  Hermann  Schumacher. 


6i6  1920 

Willmann,  Otto,  Padagoge,  *  am  24.  April  1839  in  Lissa,  fami.  Juli  1920 
in  Leitmeritz.  —  W.  wurde  als  Sohn  des  Kreisgerichtsdirektors  in  Lissa 
geboren.  Michaelis  1857  bestand  er  am  Comeniusgymnasium  seiner  Vater- 
stadt  die  Reifepriifung  und  wandte  sich  zunachst  in  Breslau,  dann  in  Berlin 
klassisch-philologischen  und  mathematischen  Studien  zu,  die  er  1862  mit  der 
Promotion  und  1863  mit  dem  Staatsexamen  abschloB.  Neben  seinen  Fach- 
studien  beschaftigte  er  sich  mit  Philosophic  und  Padagogik.  Sein  I^ehrer 
Trendelenburg  hat  sich  ein  besonderes  Verdienst  dadurch  erworben,  daB  er 
als  einer  der  Ersten  zum  Studium  der  Werke  des  Aristoteles  anregte.  Doch 
hat  er  auf  W.  zunachst  in  dieser  Richtung  noch  nicht  eingewirkt ;  die  Friichte 
seiner  eindringenden  Aristoteles-Studien  legte  dieser  uns  erst  in  der  .letzten 
Periode  seines  Schaffens  vor,  in  dem  Buche,  das  uns  » Aristoteles  als  Padagog 
und  Didaktiker«  (1909)  nahe  brachte  und  dem  Andenken  an  seinen  Berliner 
Lehrer  gewidmet  ist. 

Bevor  er  sich  in  seinen  philosophischen  Anschauungen  enger  an  Herbart 
anschloB,  der  auf  Jahre  hinaus  fur  ihn  richtunggebend  wurde,  hatte  er  sich 
Kant,  Fichte,  Schelling  und  Hegel  genahert.  Doch  keiner  dieser  fuhrenden 
Philosophen  »schien  eine  endgiiltige  Einfriedigung  des  spekulativen  Denkens 
darzubieten;  wohl  aber  stellte  Herbart  eine  solche  in  Aussicht«  und  so  war 
der  Weg  zu  Herbart,  dem  Philosophen,  bald  gefunden,  den  ihn  iibrigens 
auch  sein  Lehrer  Steinthal  gewiesen  hatte,  der  seiner  Sprachphilosophie  die 
Psychologie  Herbarts  zugrunde  legte.  Zu  Herbart,  dem  Padagogen,  aber 
wurde  W.  durch  einen  Zufall  gefuhrt.  Bopp,  der  Vertreter  der  vergleichenden 
Sprachwissenschaft  an  der  Universitat  Berlin,  zu  dessen  Schulern  W.  gehorte, 
bot  W.  nach  glucklich  bestandener  Doktorprufung  eine  Hauslehrerstelle  an, 
auf  die  sich  W.  nicht  besser  vorbereiten  zu  konnen  glaubte,  als  durch  griind- 
liches  Studium  der  »Allgemeinen  Padagogik «  Herbarts. 

Leider  zerschlug  sich  die  Sache ;  aber  das  Interesse  fiir  Padagogik  in  Theorie 
wie  Praxis  war  in  W.  geweckt,  und  so  trat  er  schon  im  Herbst  1863  in  die 
Anstalten  Zillers  in  Leipzig  ein,  und  zwar  die  tjbungsschule  des  padagogischen 
Universitatsseminars  und  das  von  Barth  geleitete  Institut,  in  dem  ihm  u.  a. 
die  unmittelbar  an  Herbarts  Tatigkeit  im  Hause  des  Herrn  v.  Steiger  in 
Bern  erinnernde  Aufgabe  gestellt  wurde,  den  klassischen  Unterricht  mit  der 
Lektiire  der  Odyssee  zu  beginnen.  Seine  erste  groBere  padagogische  Schrift: 
»Die  Odyssee  im  erziehenden  Unterricht «  (1868)  versah  Ziller,  dessen  »Grund- 
legung  zur  Lehre  vom  erziehenden  Unterricht «  W.  nach  ihrem  Erscheinen 
1865  ausfuhrlich  besprochen  und  damit  in  die  padagogische  Literatur  ein- 
gefiihrt  hatte,  mit  einem  empfehlenden  Vorworte;  Lesebucher  aus  Homer 
und  Herodot,  die  mehrere  Auflagen  erlebten,  bewegten  sich  ganz  in  der  Rich- 
tung Zillerscher  Gedanken,  die  auch  in  einzelnen  Abschnitten  der  »Didaktik« 
W.s,  so  namentlich  dem  vierten  iiber  die  »Bildungsarbeit«,  noch  deutlich 
festzustellen  sind,  freilich  mehr  in  der  1.  Auflage,  wahrend  spater  Zillers 
EinfluB  auf  W.  immer  mehr  zuriickging,  wie  ja  iiberhaupt  in  der  padagogischen 
Welt  die  urspningliche  Begeisterung  fiir  Ziller  ziemlich  fruh  stark  abflaute. 

Im  allgemeinen  kann  man  wohl  sagen,  daB  die  Jahre,  die  W.  in  standigem, 
personlichem  Verkehr  mit  Ziller  verlebte,  und  die  seiner  Tatigkeit  am  Wiener 
Padagogium,  einer  Statte  der  Lehrerbildung  und  vor  allem  der  Fortbildung, 
die  die  Stadt  Wien  geschaffen  hatte  und  an  die  neben  W.  der  Gothaer  Schul- 


Willmann  6l7 

mann  Dittes  berufen  worden  war,  seine  eigentlichen  Lehrjahre  wurden  (1863 
bis  1872).  So  eng  die  Beziehungen  zwischen  Ziller  und  W.  waren,  so  ging  W. 
doch  nie  in  einem  einseitigen  »iurare  in  verba  magistri«  auf,  sondern  wahrte 
sich  in  steigendem  MaBe  die  Selbstandigkeit  seiner  Meinung.  Uberdies  hatte 
Ziller  den  maBgebenden  EinfluB  Herbarts  nie  ganz  verdrangt;  im  Gegenteil 
hatte  mancherlei  dazu  beigetragen,  ihn  noch  fester  an  Herbart  zu  binden, 
so  z.  B.  die  Bearbeitung  der  padagogischen  Schriften  Herbarts,  die  in  der  heute 
vorliegenden  3.  Anflage  —  I.  1913;  II.  1914;  III.  1919  —  urn  die  sich  neben 
W.  auch  Theodor  Fritzsch  bemtiht  hat,  zur  eigentlichen  Standard-  und 
Zitierausgabe  geworden  ist.  Anderseits  mehren  sich  auch  in  dieser  Zeit  schon 
die  Anzeichen  dafiir,  daB  W.  selbstandig  iiber  Herbart  hinausstrebte,  dem  er 
sich  in  vieler  Hinsicht  kritisch  gegeniiberstellte,  und  zwar  gilt  dies  sowohl 
von  seinen  padagogischen  wie  auch  seinen  philosophischen  Anschauungen. 
DaB  er  sich  vielfach  von  Herbart  abwandte,  ist  nicht  zuletzt  dem  eindringenden 
Studium  der  Schriften  auch  anderer  Padagogen  zuzuschreiben,  von  denen 
ich  hier  nur  Mager,  Waitz,  dessen  »Allgemeine  Padagogik«  W.  zuerst  1875 
und  dann  noch  dreimal  herausgab,  die  unter  dem  Einflusse  Schleiermachers 
stehendenprotestantischen  Theologen  Palmer  und  IJaur  nenne,  vor  allem  aber 
Schleiermacher  selbst.  Die  Beziehungen  zwischen  W.  und  Schleiermacher,  die 
ziemlich  weit  sich  zuriickverfolgen  lassen,  bediirfen  noch  naherer  Untersuchung. 
Schon  jetzt  aber  kann  man  sagen,  daB  die  fur  W.  so  auBerordentlich  charakteri- 
stische  Verschmelzung  des  individualen  und  des  sozialen  Faktors,  die  ihn  eine 
einseitige  Individualpadagogik  ebenso  schroff  ablehnen  lieB  wie  eine  ein 
seitige  Sozialpadagogik,  eine  Syn these,  die  heute  nahezu  padagogisches 
Gemeingut  geworden  ist,  in  ihren  Anfangen  auf  Schleiermacher  zuriickgeht. 
Noch  muB  ich  hier,  ehe  ich  mich  dem  Wandel  seiner  philosophischen  An- 
schauungen zuwende,  seine  Sammlung  » Padagogische  Vortrage  iiber  die 
Hebung  der  geistigen  Tatigkeit  durch  den  Unterricht«  (zuerst  1869,  5.  Auflage 
1916)  erwahnen,  mit  der  sich  W.  schnell  einen  geachteten  Namen  machte. 
Diese  Vortrage  waren  auf  »Elternabenden«  gehalten  worden,  die  Ziller  ein- 
gerichtet  hatte,  um  moglichst  enge  Beziehungen  zwischen  den  Eltern  seiner 
Schiller  und  den  I,ehrern  seiner  Anstalten  zu  kniipfen.  Die  Themen  sind  mit 
Geschick  ausgewahlt;  ihre  Behandlung  zeigt,  welch  reiche  Anregungen,  be- 
sonders  didaktischer  Art,  W.  bei  Ziller  empfangen  hatte ;  eine  autobiographische 
Skizze:  »Was  ich  bei  Ziller  fand«,  die  W.  1919  zum  hundertjahrigen  Geburts- 
tag  Zillers  veroffentlichte,  gibt  in  pietatvollem  Gedenken  hieriiber  naheren 
AufschluB.  Im  ubrigen  sei  noch  bemerkt,  daB  manche  der  in  der  Sammlung 
von  1869  vereinigten  Vortrage  ihrer  Zeit  weit  vorauseilen;  so  entwickelt  er 
iiber  die  Anforderungen,  die  man  an  eine  gute  Jugendschrift  stellen  muB, 
Ansichten,  die  erst  unseren  Tagen  —  ich  nenne  hier  nur  den  Namen  Wolgast  — 
anzugehoren  scheinen. 

Neben  der  Padagogik  gait  in  der  Leipziger  und  Wiener  Zeit  auch  der  Philo- 
sophic sein  voiles  Interesse.  Aber  die  Zeiten  waren  voriiber,  in  denen  Herbart 
die  einzige  Richtschnur  seines  Denkens  war.  Zum  Teil  waren  es  noch  dieselben 
Probleme,  an  denen  seine  Spekulation  sich  abmuhte.  Aber  er  blieb  nicht 
mehr  bei  den  Losungen  stehen,  die  Herbart  gefunden  hatte,  sondern  griff, 
indem  er  zugleich  den  historischen  Anregungen  Trendelenburgs  folgte,  auch 
auf  friihere  Versuche  zuriick,  wie  sie  namentlich  Aristoteles  und  vor  allem 


6i8  1920 

Leibniz  geboten  hatten;  durch  Leibniz  wurde  er  auch  zur  Philosophic  der 
Kirchenvater  und  der  Scholastik  hingefuhrt :  die  Forderung  einer  philosophia 
perennis  wurde  immer  raehr  das  Ziel  seiner  Spekulation,  das  in  den  Mittel- 
punkt  all  seines  Denkens  trat.  Bevor  er  aber  in  seiner  groB  angelegten  »Ge- 
schichte  des  Idealismus«  (I.  1894 — 1897;  2.  Auflage  1907)  den  neu  gewonnenen 
philosophischen  Standpunkt,  den  man  in  Kiirze  als  den  aristotelisch-thomi- 
stischen  bezeichnen  kann,  wissenschaftHch  begriindete,  liefi  er  zunachst  seine 
padagogischen  Gedanken  in  dem  Werke  ausreifen,  das  in  seinem  umfang- 
reichen  Schrifttum  wohl  immer  an  der  Spitze  stehen  wird:  »Didaktik  als 
Bildungslehre  nach  ihren  Beziehungen  zur  Sozialforschung  und  zur  Geschichte 
der  Bildung«  (1.  Auflage,  I.  1882,  II.  1889;  4.  Auflage  in  einem  Bande  1909; 
5.  Auflage  1923).  DasVerhaltnisW.s  zuDittes,  der  sich  offen  als  entschiedenen 
Gegner  Herbarts  in  Wort  und  Schrift  bekannte,  war  immer  unerfreulicher 
geworden,  so  daB  W.  gern  den  Ruf  annahm,  der  ihn  1872  als  auBerordentlichen 
Professor  der  Philosophic  und  Padagogik  an  die  deutsche  Karl-Ferdinands- 
Universitat  in  Prag  fuhrte;  er  nahm  seine  Vorlesungen  mit  dem  Sommer- 
semester  1872  auf  und  errichtete  1876  nach  dem  Vorbilde  Zillers  ein  mit  der 
Universitat  verbundenes  padagogisches  Seminar,  das  nach  Paragraph  1  des 
Statuts  seine  Mitglieder  »zu  selbstandigem  Eindringen  in  die  wissenschaftliche 
Padagogik  anleiten  und  dadurch  ihre  Befahigung  fiir  das  Lehramt  erhohen 
sollte«.  Mit  SchluB  des  Sommersemesters  1903  trat  er  in  den  Ruhestand, 
entfaltete  aber  auch  weiterhin  eine  auBerordentlich  rege  Tatigkeit;  es  sei 
hier  nur  auf  die  zahlreichen  Artikel  hinge wiesen,  die  er  zu  den  drei  pad- 
agogischen Nachschlagewerken  der  Gegenwart,  von  Rein,  von  Loos  und  von 
Roloff,  beisteuerte.  Er  lebte  nach  seinem  tjbertritt  in  den  Ruhestand  zunachst 
in  Salzburg,  siedelte  dann  aber  nach  Leitmeritz  iiber,  wo  er  1920  starb. 

Seine  »Didaktik«  ist  in  der  Hauptsache  aus  den  Vorlesungen  iiber  allge- 
meine  Padagogik  erwachsen,  die  er  in  Prag  hielt.  Unter  welchen  Gesichts- 
punkten  er  in  diesen  die  Probleme  der  Erziehung  behandelte,  zeigt  die  drei- 
fache  Fassung,  die  er  diesen  Vorlesungen  im  Index  lectionutn  gab:  1872  war 
das  Thema  Die  Erziehung  als  tJberlieferung  der  Kulturgiiter,  1873  als  Assi- 
milation des  Nachwuchses,  1875,  und  damit  riickte  er  noch  naher  an  die 
Grundgedanken  seiner  »Didaktik«  heran,  als  Erneuerung  der  Gesellschaft. 
Hieraus  erhellt,  nach  welchen  Richtungen  W.  inzwischen  iiber  Herbarts 
padagogische  Theorie  hinausgekommen  war,  vor  allem  durch  planmaBigen 
Ausbau  des  geschichtlichen  und  des  sozialen  Moments.  Nun  muB  aber  beson- 
ders  beachtet  werden,  daB  W.  in  seiner  Didaktik  keine  »Erziehungslehre« 
oder  gar  »allgemeine  Padagogik «  bieten  wollte,  sondern  ausdriicklich  eine 
» Bildungslehre «.  Mancherlei  Bemerkungen  lassen  darauf  schlieBen,  daB  W. 
als  AbschluB  seines  Lebenswerkes  noch  eine  allgemeine  Padagogik  plante: 
er  ist  sie  uns  schuldig  geblieben,  und  darum  ist,  wer  seine  Stellung  zu  ge- 
wissen  Grundfragen  der  Erziehung  kennenlernen  will,  auf  eine  Reihe  von 
Aufsatzen  aus  der  letzten  Periode  seines  Lebens  angewiesen,  vor  allem  in  den 
»Jahrbuchern«  des  unter  seiner  tatigen  Mitwirkung  gegriindeten  »Vereins 
fiir  christliche  Erziehungswissenschaft«,  z.  B.  I.  1908,  1 — 48:  » Fundamental- 
begriffe  der  Erziehungswissenschaft«.  Die  eigenartige  Stellung,  die  W.  der 
Didaktik  selbstandig  neben,  mitunter  sogar  iiber  der  Padagogik  anwies,  war 
anfangs  vielen  Angriffen  ausgesetzt;  sie  sind  mehr  und  mehr  verstummt, 


Willmann  619 

seitdem  von  den  Vertretern  der  Kulturpadagogik  unserer  Tage  »Bildung« 
als  der  zentrale  padagogische  Akt  aufgefaBt  wird;  es  mag  geniigen,  auf  Spran- 
gers  mehrfach  geformten  Begriff  der  Bildung  hinzuweisen.  Wenn  dieser 
einmal  sagt  (Kiihne,  Handbuch  fur  das  Berufs-  und  Fachschulwesen,  1923, 
24) :  » Bildung  ist  die  durch  Kultureinflusse  erworbene,  einheitliche  und  ge- 
gliederte,  entwicklungsfahige  Wesensformung  des  Individuums,  die  es  zu 
objektiv  wertvollen  Kulturleistungen  befahigt  und  fiir  objektive  Kulturwerte 
erlebnisfahig  (einsichtig)  macht«,  so  fallt  es  nicht  schwer,  Anfange  dieser  Auf- 
fassung  schon  bei  W.  nachzuweisen,  der  neben  Schleiermacher  unter  den 
»Ahnherren  der  Kulturpadagogik «  genannt  zu  werden  verdient.  Jedenfalls 
war  W.  einer  der  ersten,  die  scharf  Stellung  nahmen  gegen  jene  auBerliche 
Auf f assung,  fiir  die  Bildung  nicht  mehr  ist  als  eine  Summe  von  Kenntnissen ; 
seine  ganze  Didaktik  ist  auf  dem  Gedanken  aufgebaut,  dafl  Bildung  »Ge- 
staltung  des  ganzen  Menschen*  bedeutet;  Spranger  sagt:  » Wesensformung 
des  Individuums «.  —  Und  nun  noch  ein  Wort  zu  dem  ersten  Abschnitt  der 
» Didaktik «,  der  iiberschrieben  ist:  »Die  geschichtlichen  Typen  des  Bildungs- 
wesens«.  Zum  ersten  Male  ist  hier  ein  Versuch  gemacht  worden,  der  gerade 
in  unseren  Tagen  ofters  wiederholt  worden  ist,  in  denen  uns  auf  den  verschie- 
densten  Wissensgebieten  das  Streben  nach  Typenbildung  entgegentritt.  Ich 
erinnere  nur  an  den  letzten  derartigen  Versuch,  wie  er  in  dem  jtingst  er- 
schienenen  Buche  von  Krieck  vorliegt:  »Bildungssysteme  der  Kulturvolker* 
(1927).  Aus  mancherlei  Griinden  nahm,  abgesehen  von  einigen  um  so  gtinsti- 
geren  Beurteilungen,  wie  denen  von  Sallwiirk  und  Frick,  die  Kritik  anfangs 
der  » Didaktik «  gegeniiber  eine  etwas  zuriickhaltende  Stellung  ein.  Heute 
wird  man  das  Werk  im  Gesamtbereiche  der  padagogischen  Literatur  der 
Gegenwart,  auf  die  von  ihm  nach  den  verschiedensten  Richtungen  tiefgehende 
Wirkungen  ausgegangen  sind,  nicht  mehr  missen  wollen. 

Noch  starker  als  in  der  » Didaktik «  trat  der  katholische  Standpunkt  des 
Verfassers,  bei  allem  Streben  nach  Objektivitat,  in  seiner  »Geschichte  des 
Idealismus«  zutage,  die  in  der  Form  freilich  nicht  ganz  glucklich  war  und 
schon  deswegen  heftige  Angriffe  auf  W.  ausloste,  unter  denen  der  von  Paulsen : 
»Das  jiingste  Ketzergericht  iiber  die  moderne  Philosophic  «  in  dessen  *Philo- 
sophia  militans  —  Gegen  Klerikalismus  und  Naturalismus «  (1901)  wohl  am 
bekanntesten  ge worden  ist.  W.  hat  sich  aber  nicht  veranlaBt  gesehen,  den 
grundsatzlichen  Standpunkt  der  aristotelisch-scholastischen  Weltanschauung 
zu  verlassen,  zu  dem  er  sich  in  ehrlichem,  auch  von  seinen  Gegnern  aner- 
kannten  Streben  nach  Wahrheit  durchgerungen  hatte.  So  kam  es  denn,  daB 
W.  bald  die  fuhrende  Stellung  in  der  katholischen  Padagogik  unserer  Tage 
einnahm.  Auch  da,  wo  diese  mehr  erstrebte  als  nur  eine  Wiederholung  W.scher 
Gedanken,  ja,  wo  sie  auch  schon  an  W.  Kritik  tibte,  wie  bei  Ettlinger,  ist  doch 
sein  mafigebender  EinfluB  iiberall  zu  verspuren.  Dies  ist  aber  neuestens  viel- 
fach  auch  da  der  Fall,  wo  man  auf  dem  Boden  anderer  Weltanschauung  stent, 
als  W.  sie  vert  rat. 

Es  ware  ein  leichtes,  an  Beispielen  zu  zeigen,  wie  viele  der  Ansichten, 
in  denen  W.  von  seinem  Lehrer  Herbart  abriickte  oder  iiber  ihn  hinausging, 
inzwischen  padagogisches  Gemeingut  geworden  sind.  Ich  erinnere  hier  noch- 
mals  daran,  daB  nach  Schleiermacher  W.  der  erste  war,  der  Individual-  und 
Sozialpadagogik  als  zwei  Betrachtungsweisen  von  verschiedenem  Standpunkte 


620  1920 

aus —  dem  des  Individuums  und  dem  der  Gemeinschaf t —  auffassen  lehrte  und 
daB  W.  dies  namentlich  bereits  vor  Rein  getan  hat,  der  hierin  viel  mehr  unter 
dem  maBgebenden  Einflusse  von  W.  als  von  Schleiermacher  zu  stehen  scheint. 

Es  ist  nicht  moglich,  hier  naher  auf  die  zahlreichen  Veroffentlichungen 
W.s  einzugehen.  Einzelne  der  Aufsatze,  Vortrage  usw.  sind  von  W.  selbst  in 
besondere  Sammlungen  aufgenommen  worden,  so:  »Aus  Horsaal  tuid  Schul- 
stube*  (1904,  2.  Auflage,  1912),  »Aus  der  Werkstatt  der  philosophia  perennis* 
(1912),  j>Der  Lehrstand  im  Dienste  des  christlichen  Volks«  (1910). 

Man  tut  W.  Unrecht,  wenn  man  ihm  die  Meinung  unterstellt,  sein  Versuch , 
die  Fragen  der  Padagogik  vom  katholischen  Standpunkte  aus  zu  losen,  sei 
der  einzig  mdgliche.  Zunachst  muB  hier  noch  einmal  daran  erinnert  werden, 
daB  sein  Gesamtwerk  ein  Torso  geblieben  ist:  seiner  »Didaktik«  ist  keine 
» Padagogik «  erganzend  zur  Seite  getreten.  Wir  diirfen  es  aber  mit  Freuden 
begriiBen,  daB  W.  einerseits  nicht  miide  wurde,  durch  zahlreiche  Einzel- 
veroffentlichungen  zu  fast  alien  padagogischen  und  didaktischen  Fragen 
Stellung  zu  nehmen,  so  daB  iiber  seine  Ansichten  kaum  ein  Zweifel  bestehen 
kann,  auch  wenn  es  ihm  versagt  blieb,  ihnen  den  systematischen  AbschluB 
zu  geben;  daB  er  anderseits  jedem  Versuche  seiner  Schuler  fordernd  zur 
Seite  trat,  das  weiterzufuhren  und  zu  erganzen,  was  ihm  zu  vollenden  nicht 
mehr  gegonnt  war.  Gern  machte  er  selbst  auf  solche  Versuche  aufmerksam, 
und  so  empfahl  er  z.  B.  am  Schlusse  des  Vorwortes  zur  4.  Auflage  seiner  »Di- 
daktik*  das  Buch  seines  Schulers  Wendelin  Toischer:  »Theoretische  Padagogik 
und  allgemeine  Didaktik«  (1896,  2.  Auflage  1912)  (erschienen  in  dem  von 
A.  Baumeister  herausgegebenen  »Handbuch  der  Erziehungs-  und  Unterrichts- 
lehre  fiir  hohere  Schulen«),  »das  auf  den  Prinzipien  der  ,Didaktik*  weiterbaut, 
worin  er  zugleich  die  Lehre  von  der  Zucht  in  konformer  Weise  bearbeitet, 
womit  mehrfachen  Wiinschen  dankenswert  entsprochen  wird«.  Um  wenjge 
Padagogen  unserer  Tage  aber  hat  sich  ein  solch  groBer  Kreis  dankbarer 
Schuler  geschart  wie  um  W.,  von  dem  in  besonderem  MaBe  das  Wort  des 
Dichters  gait: 

»Warum  sucht'  ich  den  Weg  so  sehnsuchtsvoll, 
Wenn  ich  ihn  nicht  den  Briidern  zeigen  soll.U 

I,iteratur:  Mit  Recht  sagt  Ettlinger,  Die  philosophischen  Zusammenhange  in  der 
Padagogik  der  jiingsten  Vergangenheit  und  Gegenwart,  1925  (S,  36  ff .) :  »Eine  allseitig 
erschopfende  Wiirdigung  des  Geisteswerkes  von  Otto  Willmann  ist  trotz  der  verdienst- 
lichen  Beitrage  von  Seidenberger,  GeiBl,  Pohl  u.  a.  bisher  noch  nicht  gegeben  worden. « 
Dies  gilt  auch  heute  noch.  Unentbehrlich  fiir  jede  wissenschaftliche  Beschaftigung  mit 
W.  ist  die  Bibliographic  von  Wenzel  Pohl  (Jahrbuch  der  osterreichischen  Leo-Gesellschaft 
1924,  S.  135  ff.).  Von  neuester,  bei  Pohl  noch  nicht  beriicksichtigter  Literatur  iiber  W. 
verdienen  hier  Erwahnung,  neben  dem  ausfiihrlichen  Aufsatz  von  Pohl  selbst:  Otto  W.s 
Grundlegung  der  Erziehungswissenschaft  (ebd.  S.  91/134);  Willibald  Kammel:  Otto  W.s 
Stellung  zur  experimentellen  Psychologie  und  Padagogik  (Pharus,  Kath.  Monatsschrift 
fiir  Orientierung  in  der  gesamten  Padagogik  1926,  XVII.  Jahrgang,  Heft  7,  S.  1 — 17; 
Kammel :  Einfiihrung  in  die  padagogischeWertlehre  (Pharus  1927,  XVIII.,  Heft,  S.8, 97/1 1  o) ; 
Hermann  Pixberg:  Soziologie  und  Padagogik  bei  W.,  Barth,  Litt  und  Krieck,  1927 
(2.  Aufl.  im  Druck);  ebenfalls  im  Druck  ist  eine  Tiibinger  Dissertation  von  Franz  Kur- 
fefi:  Otto  W.  als  Sozialpadagoge;  Ettlinger,  a.  a.  O.;  Emil  Saupe:  Deutsche  Padagogen 
der  Neuzeit,  3.  und  4.  Aufl.,  1925,  S.  269;  Kurt  Kesseler:  Padagogische  Charakterkdpfe, 
3.  Aufl.,  1 92 1,  S.  24/32;  Willibald  Kammel:  Einfiihrung  in  die  padagogische  Wertlehre 
(Hausbucherei  der  Erziehungswissenschaft,  hrg.  von  Fr.  Schneider,  Bd.  17)  1927,  beson- 
ders  S.  85  fg.,  95,  139,   195;   Willy  Moog:   Grundfragen  der   Padagogik  der  Gegenwart, 


Willmann.  Woyrsch  62 1 

1923;  Max  Frischeisen-Kohler :  Bildung  und  Weltanschauung.  Eine  Einfiihrung  in  die 
padagogischen  Theorien,  1921;  Oskar  Vogelhuber:  Geschichte  der  neueren  Padagogik, 
1 926 ;  Georg  Grunwald :  Die  Padagogik  des  zwanzigsten  Jahrhunderts.  Ein  kritischer  Riick- 
blick  und  programmatischer  Ausblick,  1927. 

Koln  a.  Rh.  Wilhelm    Kahl. 


Woyrsch,  Remus  v.,  koniglich  preuBischer  Generalfeldmarschall,  *  am 
4.  Februar  1847  in  Pilsnitz  (Kreis  Breslau),  f  am  6.  August  1920  in  Pilsnitz. 
—  Die  altesten  Nachrichten  liber  die  Familie  v.  W.  weisen  nach  Bohmen 
hinuber.  Vollstandige  Unterlagen  iiber  die  SeBhaftwerdung  in  Schlesien  sind 
jedoch  trotz  eifriger  Nachforschungen  des  Generalfeldmarschalls  und  seines 
Vaters  nicht  vorhanden.  B.  Clemenz,  dem  das  gesammelte  Material  aus  der 
Geschlechtergeschichte  zur  Verf  iigung  gestanden  hat,  bezeichnet  Melchior  v.  W. 
(genannt  1688  bis  1708)  als  Stammvater  der  schlesischen  Linie.  Als  Herr 
von  Pilsnitz  wird  in  dieser  I^inie  zum  ersten  Male  genannt  Johann  Christian 
Georg  v.  W.,  f  12.  August  1814.  Dieser  ist  der  UrgroBvater  des  Feldmarschalls, 
er  hatte  den  Siebenjahrigen  Krieg  als  Ordonnanzoffizier  Friedrichs  des  GroBen 
mitgemacht.  »Das  Geschlecht  mit  dem  bohmischen  Namen  ist  mit  Schlesien 
kerndeutsch  geworden.  Zwei  Eigenschaften  leuchten  aus  den  wenigen  Mit- 
teilungen  grundstrichartig  hervor:  Konigstreue  und  Heimatliebe. « 

Remus  v.  W.  war  das  zweite  Kind  von  sechs  Geschwistern.  Sein  Vater, 
ebenfalls  Remus  mit  Vornamen,  war  damals  koniglicher  Regierungsassessor 
und  wohnte  auf  seinem  Gute  Pilsnitz.  Dieser,  spater,  wie  schon  sein  Vater, 
Kreis justizrat  des  Breslauer  Kreises,  sodann  Regierungsrat  in  Breslau,  nahm 
bereits  1850  seinen  Abschied  aus  dem  Staatsdienst,  um  sich  ganz  der  Bewirt- 
schaftung  seiner  Guter  zu  widmen.  Er  ist  im  86.  Lebensjahre  (31.  Dezem- 
ber  1899)  als  Wirklicher  Geheimer  Rat  hochangesehen  gestorben.  v.  W.s 
Mutter  Cacilie,  geborene  Websky  (f  1903),  stammte  aus  dem  Kreise  Walden- 
burg,  wo  ihr  Vater  als  GroBindustrieller  lebte;  in  einem  191 1  entstandenen 
LebensabriB  schildert  sie  der  Sohn  als  »eine  charakter-  und  temperament- 
voile  Frau  mit  scharfem  Verstande«. 

v.  W.  erhielt  seinen  ersten  Unterricht  durch  Hauslehrer  im  elterlichen 
Hause.  Im  Herbst  1858  kam  er  mit  seinem  jiingeren  Bruder  Edmund  (f  1911 
als  Oberst  a.  D.)  nach  Breslau  in  Pension  und  besuchte  dort  das  Friedrichs- 
Gymnasium.  Nach  bestandenem  Abiturientenexamen  trat  er  als  Dreijahrig- 
Freiwilliger  mit  Aussicht  auf  Beforderung  am  5.  April  1866  in  die  9.  Kompagnie 
des  1.  Garderegiments  zu  FuB  ein. 

Als  Unteroffizier  kampfte  er  in  den  Reihen  seines  Regiments  in  den  Ge- 
fechten  bei  Burkersdorf  und  Koniginhof.  In  der  Schlacht  von  Koniggratz 
geriet  v.  W.  bei  dem  Versuch,  seinen  verwundeten  Zugfiihrer,  den  Sekonde- 
leutnant  Prinz  Anton  von  Hohenzollern,  im  Dorfe  Rosberitz  zu  bergen,  in 
osterreichische  Gefangenschaft.  Seinem  Vater,  der  als  Johanniterritter  tatig 
war,  gelang  es,  sein  Los  zu  mildern.  Anfang  September  wurde  der  Portepee- 
fahnrich  ausgewechselt ;  mit  dem  Militarehrenzeichen  ausgezeichnet,  konnte 
v.  W.  noch  am  Truppeneinzug  in  Berlin  und  Potsdam  teilnehmen. 

Schon  am  19.  Oktober  1866  wurde  v.  W.  zum  Sekondeleutnant  befordert. 
»Der  Dienst  wurde  mir  anfanglich  sehr  schwer;  mirfehltedie  praktische  Frie- 
densausbildung  in  der  Front  und  die  theoretische  auf  der  Kriegsschule.  Mit 


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eisernem  FleiB  gelang  es  mir,  die  Liicken  auszuf ullen. «  Im  Herbste  1869 
wurde  v.  W.  zur  neuformierten  Unteroffizierschule  in  WeiBenfels  komman- 
diert,  wurde  auch  hier  bald  Adjutant.  Bei  der  Mobilmachung  1870  trat  er 
zu  seinem  Regiment  zuriick,  kampfte  bei  St.  Privat,  wo  er  leicht  verwundet 
wurde,  kehrte  jedoch  schon  im  Oktober  zur  Truppe  zuriick,  so  daB  er  noch 
die  Belagerung  von  Paris  mitmachen  konnte.  Ende  Dezember  erfolgte  seine 
Ernennung  zum  Adjutanten  des  1.  Bataillons.  Seit  dem  31.  Januar  1871 
schmiickte  ihn  das  Eiserne  Kreuz  II.  Klasse. 

Die  nach  dem  Kriege  folgende  erste  Friedenszeit  genoB  v.  W.  nach  seinem 
eigenen  Bericht  in  vollen  Zugen,  aber  trotz  alien  L,ebensgenusses  iiberschritt 
er  dabei  nie  die  Grenzen,  blieb  stets  ein  diensteifriger  und  pflichttreuer  Soldat, 
jedoch  kein  Spiel ver der ber,  immer  ein  guter  und  beliebter  Kamerad.  Am 
3.  Marz  1873  kam  v.  W.  in  die  bevorzugte  Stellung  eines  Regimentsadjutanten, 
eine  Stellung,  die  er  voll  und  ganz  mit  groBem  Takt  ausfullte.  Bereits  im 
Herbst  1872  hatte  sich  v.  W.  mit  seiner  Cousine  Thekla  v.  Massow,  Tochter 
des  damaligen  Oberforstmeisters  v.  Massow  in  Potsdam,  verlobt.  1873  schlossen 
sie  den  Bund  furs  Leben.  Ein  harmonisches  und  vorbildliches  Eheleben  haben 
die  beiden  Gatten  gefuhrt.  Nur  ausnahmsweise  lieB  v.  W.  in  den  Zeiten,  in 
denen  er  dienstlich  oder  aus  anderen  Griinden  abwesend  war,  einen  Tag  ver- 
streichen,  ohne  der  Gefahrtin  nicht  wenigstens  einen  schriftlichen  GruB  zu 
schicken.  Ihr  vortreffliches  Heim  hatte  stets  ein  gemiitliches  Geprage.  Zu 
beider  groBtem  Schmerz  blieben  ihnen  Kinder  versagt. 

Am  15.  Dezember  1873  wurde  v.  W.  Premierleutnant,  1876  Adjutant  der 
2.  Gardeinfanteriebrigade.  Ohne  auf  der  Kriegsakademie  gewesen  zu  sein, 
erfolgte  am  1.  Mai  1878  seine  Kommandierung  zur  Dienstleistung  beim 
GroBen  Generalstabe.  Nach  Ablauf  des  Kommandos  erhielt  Hauptmann  v.  W. 
(29.  April  1879)  am  18.  Oktober  die  Fuhrung  der  9.  Kompagnie  des  1.  Garde- 
regiments  zu  FuB.  »Mit  ungeteilter  Freude  denke  ich  noch  an  meine  Kom- 
pagniechefzeit  zuriick.  Noch  jetzt  erhalte  ich  Briefe,  Zeichnungen  und  Ge- 
dichte  von  meinen  fruheren  Fusilieren,  die  mich  abgottisch  liebten,«  schreibt 
er  191 1.  Mit  seiner  ganzen  Energie,  aber  wie  immer  auch  mit  warmem  Herzen 
widmete  sich  v.  W.  der  Erziehung  und  Ausbildung  seiner  Untergebenen . 
Diese  Zeit  brachte  ihn  ferner  in  enge  Beruhrung  mit  dem  Hohenzollernhause, 
Kaiser  Wilhelm  I.  muBte  er  von  dem  Tode  des  Prinzen  Anton  von  Hohen- 
zollern  berichten,  der  damalige  Prinz  Wilhelm,  der  als  Hauptmann  im  gleichen 
Regiment  Dienst  tat,  verabredete  mit  ihm  gemeinsame  Gelandeiibungen. 
»  Damals  ahnte  ich  noch  nicht,  daB  aus  dieser  Bekanntschaf t  sich  Beziehungen 
entwickeln  wiirden,  die  mein  Kaiser  und  Konig  bis  auf  den  heutigen  Tag 
aufrechterhalten  hat.« 

Nach  dreijahriger  Kompagniechefzeit  wird  v.  W.  in  den  Generalstab  ver- 
setzt,  wo  er  vom  6.  Juli  1882  an  in  dem  Generalstab  der  2.  Gardeinfanterie- 
division  Verwendung  findet;  nach  der  am  21.  Mai  1886  ausgesprochenen  Be- 
forderung  zum  Major  wird  er  am  2.  November  1886  in  den  GroBen  General- 
stab zuriickversetzt.  In  diesen  interessanten,  anregenden  und  arbeitsreichen 
Jahren  trat  v.  W.  in  nahere  Beziehung  zu  Personlichkeiten,  welche  bestimmt 
waren,  spater  in  der  deutschen  Armee  eine  fuhrende  Rolle  zu  spielen,  so  Graf 
Waldersee,  v.  Bronsart,  Graf  Schlieffen,  v.  Schlichting,  Graf  Haeseler.  Auch 
mit  bedeutenden  Mannern  der  Wissenschaft  wurde  er  im  Hause  seines  Onkels, 


Woyrsch  623 

Professor  Websky,  bekannt,  er  nennt  hier  Lepsius,  Mommsen,  Helmholtz, 
Richthofen. 

Zu  seiner  besonderen  Freude  wird  v.  W.  am  2.  September  1889  als  Bataillons- 
kommandeur  in  sein  altes  Regiment  zuriickversetzt ;  mit  vollem  Eifer  und 
Erfolg  tut  er  nach  siebenjahriger  Unterbrechung  wieder  Frontdienst.  Nach- 
dem  er  am  16.  Juli  1891  zum  Oberstleutnant  befordert  ist,  erhielt  er  im 
Marz  1892  seine  Ernennung  zum  Chef  des  Generalstabes  des  VII.  Armee- 
korps.  In  Miinster  i.  Westf.  war  General  der  KavaUerie  v.  Albedyll,  der  be- 
kannte  friihere  Chef  des  Militarkabinetts  unter  Wilhelm  I.,  Kommandierender 
General.  Kaisers  Geburtstag  1894  wird  v.  W.  in  gleicher  Eigenschaft  in  den 
Generalstab  des  Gardekorps  versetzt.  Am  14.  Mai  1894  zum  Oberst  befordert, 
ubernimmt  er  1896  das  Kommando  des  Gardeftisilierregiments,  1897  das  der 
4.  Gardeinf anteriebrigade ;  am  18.  November  1897  ist  v.  W.  zum  General- 
major  befordert. 

Den  Urlaub  hatte  v.  W.  wiederholt  zu  grofieren  Reisen  mit  seiner  Frau 
benutzt,  »in  der  Schweiz  und  Tirol  war  es  die  Natur,  in  Italien  die  Kunst, 
die  uns  lockten«.  Ausgang  Winter  1901  unternahm  das  Ehepaar  eine  Orient- 
reise,  fur  die  der  Kaiser  v.  W.  ein  Billett  auf  der  »Viktoria  Luise«  zur  Ver- 
fiigung  gestellt  hatte.  Von  dieser  Fahrt  hat  v.  W.  einen  interessanten  Bericht 
hinterlassen. 

Bei  seiner  Ruckkehr  wurde  v.  W.  mit  der  Fuhrung  der  12.  Division  in 
NeiJ3e  beauftragt,  einen  Monat  spater,  am  18.  Mai  1901,  unter  Beforderung 
als  Generalleutnant  zum  Kommandeur  dieser  Division  ernannt.  »Von  nun  an 
ist  sein  Schicksal  mit  dem  Schlesiens  unlosbar  verkniipft!«  Schon  das  erste 
Kommando  nach  34Jahriger  Dienstzeit  in  seine  Heimatprovinz  hatte  v.  W. 
dankbar  begrufit.  Bald  konnte  er  auch  in  Breslau,  das  er  als  Abiturient  1866 
verlassen  hatte,  seinen  Wohnsitz  nehmen,  denn  am  29.  Mai  1903  wurde  er  als 
Nachfolger  des  Erbprinzen  Bernhard  von  Sachsen-Meiningen  mit  der  Fuhrung 
des  VI.  Armeekorps  beauftragt,  am  1.  Mai  1904  zum  Kommandierenden 
General  ernannt,  am  24.  Dezember  1905  zum  General  der  Infanterie  befordert. 
Im  August  1908  zieht  v.  W.  dann  als  Vertreter  des  alten  und  befestigten 
Grundbesitzes  der  Furstentumer  Breslau  und  Brieg  in  das  Herrenhaus  ein, 
dem  auch  sein  Vater  fast  25  Jahre  angehort  hatte.  Am  Weihnachtsabend  des- 
selben  Jahres  erhielt  er  die  Kabinettsorder,  durch  die  er  d  la  suite  des  1.  Garde- 
regiments  zu  FuJ3  gestellt  wurde. 

Dem  VI.  Korps  wuBte  v.  W.  in  den  acht  Jahren  seiner  Tatigkeit  als  Kom- 
mandierender General  ganz  den  Stempel  seiner  kraftvollen  Personlichkeit 
aufzudriicken  und  die  Ausbildung  der  Truppen  auf  eine  hohe  Stufe  zu  bringen. 
Er  verband  die  Fahigkeiten  eines  Fuhrers,  die  besonders  in  dem  Kaisermanover 
1906  zum  Ausdruck  kamen,  eine  »verbluffende  Personen-  und  Menschen- 
kenntnis  mit  einer  geradezu  riihrenden  Kameradschaft  und  Liebe  fiir  den 
einfachen  Soldaten.  Zielbewufit  und  energisch,  konnte  er  deutlich  werden, 
ohne  zu  verletzen.  Lehrreich  waren  seine  Kritiken.  Stets  wuBte  er  zu  iiber- 
zeugen  und  zu  belehren,  gerade  weil  er  nie  etwas  Belehrendes  hatte.  Eigene 
Ansichten  seiner  Untergebenen  lieB  er  stets  gelten«.  Aus  eigenstem  EntschluB 
erbat  v.  W.  seinen  Abschied,  er  erhielt  ihn  am  9.  Februar  191 1,  noch  besonders 
ausgezeichnet  durch  die  Verleihung  des  Schwarzen-Adler-Ordens.  v.  W.  zog  sich 
dann,  korperlich  riistig  und  geistig  vollig  frisch,  auf  sein  Gut  Pilsnitz  zuriick. 


624  IQ2° 

Es  ist  aber  nicht  allein  seine  Personlichkeit,  seine  hervorragenden  Charakter- 
eigenschaften,  die  glanzvolle  Friedenslaufbahn,  welche  besondere  Beachtung 
verdienen,  im  Weltkriege  wurde  v.  W.  einer  der  volkstiimlichsten  Fuhrer. 
Als  solcher  wird  der  »alte  Woyrsch« —  einen  Namen,  den  ihm  seine  Soldaten 
gaben,  nicht  etwa  seines  Alters  wegen,  sondern  wie  wohl  ein  guter  Sohn  von 
seinem  alten  Herrn  spricht  —  in  der  Nachwelt  fortleben,  ganz  besonders  fur 
die  Schlesier,  denn  sie  »erblicken  in  dem  Generalfeldmarschall  ihren  Beschiitzer 
nnd  Befreier  aus  Kriegsnot«. 

Als  1914  der  Krieg  ausbrach,  stellte  ihn  der  Oberste  Kriegsherr  an  die 
Spitze  des  mobilen  schlesischen  Landwehrkorps.  Mit  Stolz  erfullte  v.  W.  der 
Auftrag,  Schlesien  gegen  einen  feindlichen  Einfall  zu  schiitzen  nnd  in  beschleu- 
nigtem  Vorwartsschreiten  gegen  die  mittlere  Weichsel  die  Deckung  der  von 
Krakau  vorgehenden  Osterreicher  zu  iibernelimen.  Am  15.  August  trat  v.  W. 
den  Vormarsck  von  Czenstochau  und  Kalisch  an,  sein  Korps  war  fur  einen 
solch'  weiten  Zug  in  Feindesland  und  vollends  fur  einen  Kampf  gegen  wohl- 
geriistete  aktive  Truppen  wenig  geeignet.  Aber  unbekummert  urn  die  russischen 
Krafte  in  der  ungedeckten  Nordflanke  und  ohne  Rucksicht  auf  die  zahlreiche 
feindliche  Kavallerie,  welche  die  beiden  Divisionen  wiederholt  belastigte, 
fiihrte  v.  W.  seine  Schlesier  ostwarts.  Die  Russen  lieBen  sich  durch  die  auBer- 
ordentlich  geschickte  Fuhrung  uber  die  wirkliche  Starke  des  Korps  W.  griind- 
lich  tauschen.  Anfang  September  wurde  die  Weichsel  uberschritten.  »Fast 
400  Kilometer  Marsch  hatten  die  braven  Wehrmanner  von  der  deutschen 
Grenze  her  in  24  Tagen  zuriickgelegt«,  als  sie  zur  Unterstiitzung  der  schwer 
bedrangten  osterreichischen  Armee  Dankl  eingesetzt  wurden.  Die  dreitagige 
Schlacht  bei  Tarnawka  kostete  dem  Korps  groBe  blutige  Verluste,  es  stand 
aber  »wie  ein  Fels«,  an  dem  alle  Angriffe  der  besten  russischen  Regimenter 
vom  Garde-  und  Grenadierkorps  zerschellten.  Das  Landwehrkorps  hatte 
unter  den  allerschwierigsten  Verhaltnissen  seine  Aufgabe  erfiillt  und  hier  den 
Riickzug  der  Osterreicher  ermoglicht. 

Diesem  ersten  VorstoB  zur  Sicherung  der  schlesischen  Grenze  folgte  Ende 
September  ein  zweiter  Vormarsch  des  Korps  W.,  dieses  Mai  im  Verbande 
der  Armee  Hindenburg,  tief  nach  Polen  hinein.  In  den  Kampf  en  bei  Opatow, 
vor  Iwangorod,  an  der  Pilica  bewahrte  es  sich  aufs  neue.  Beim  Riickzug 
der  9.  Armee  vor  dem  weit  iiberlegenen  Russen  fiel  dann  v.  W.  mit 
seiner  neugebildeten  Armeeabteilung  die  schwierige  Aufgabe  zu,  den  An- 
sturm  der  russischen  Dampfwalze  bei  Czenstochau  aufzuhalten  und  weiterhin 
den  Schutz  der  oberschlesischen  Grenze  zu  ubernehmen,  wahrend  die  Armee 
Mackensen  von  Thorn  aus  zu  einer  neuen  Operation  gegen  die  feindliche 
Flanke  angesetzt  wurde.  »Fiir  v.  W.  waren  diese  Herbsttage  kritisch  ernst. 
Als  Schlesier  empfand  er  es  als  besondere  Schicksalsprufung,  daB  jeder  Schritt 
riickwarts  der  unter  seiner  Fuhrung  stehenden  Truppen,  die  den  anriickenden 
Russen  weit  unterlegen  waren,  den  Krieg  in  die  bluhende  schlesische  Heimat 
tragen  muBte  .  .  .  DaB  die  schon  zur  Zerstorung  vorbereiteten  Gruben  nicht 
vorzeitig  vernichtet  wurden,  ist  ein  Verdienst  des  ihre  groBe  Wichtigkeit  er- 
kennenden  Generals  v.  W.  v.  W.  wurde  der  schwerste  EntschluB,  seine 
Heimat  preiszugeben,  erspart.  Seine  Truppen  hielten  prachtig  stand.  Der 
Oberste  Kriegsherr  brachte  ihnen  personlich  seinen  Dank  und  uberraschte 
v.  W.   mit  der  Beforderung  zum  Generaloberst. «   (3.  Dezember   1914.)   Am 


Woyrsch  625 

25.  Oktober  war  v.  W.  bereits  durch  die  Verleihung  des  Ordens  Pour  le  merite 
ausgezeichnet. 

Anfang  Mai  19 15  wurde  die  russische  Front  zwischen  Gorlice — Tarnow 
durchstoBen,  der  immer  sich  weiter  ausdehnende  Erfolg  brachte  auch  die 
anschlieBenden  feindlichen  Armeen  ins  Wanken.  v.  W.  konnte  nach  hart- 
nackigen  Kampfen  das  Kielcer  Bergland  gewinnen.  In  den  folgenden  Wochen 
des  Stellungskrieges  nahm  v.  W.  fur  Mitte  Juli  einen  Angriff  gegen  die  russische 
Front  vor  seinem  Abschnitt  in  Aussicht,  sein  Vorschlag  fand  Genehmigung. 
Am  17.  Juli  gelang  den  Sturmtruppen  der  Armeeabteilung  der  Durchbruch 
bei  Sienno,  in  den  nachsten  Tagen  wurden  weitere  feindliche  Stellungen  bei 
Kasanow  und  nordostlich  Zwolen  gerfbmmen.  Am  23.  Juli  erhielt  v.  W.  das 
Eichenlaub  zum  Pour  le  merite.  Ein  neues  Ruhmesblatt  bedeutete  der  schwie- 
rige  Weichselubergang  nordwestlich  der  russischen  Festung  Iwangorod  am 
29.  Juli,  ihm  schlossen  sich  schwere  Kampfe  an.  Den  ganzen  August  und  in 
den  ersten  Septembertagen  verfolgte  v.  W.  den  Feind  in  fast  taglichen  Ge- 
fechten  iiber  den  Bug  durch  Siimpfe  und  Urwald  bis  zum  oberen  Njemen 
und  der  Schtschara.  Im  Herbst  fand  der  Bewegungskrieg  hier  sein  Ende, 
die  Truppen  gruben  sich  zur  Verteidigung  ein. 

Als  die  Brussilow- Offensive  im  Juni  1916  begann,  verscharfte  sich  die  Lage 
bei  der  Armeeabteilung  W.  mehr  und  mehr.  Im  Juli  folgte  eine  Kette  schwerer 
VorstoBe  gegen  ihre  Front.  Das  Angriffsziel  der  Russen  war  der  wichtige 
Bahnknotenpunkt  Baranowitschi,  nordlich  Pinsk.  v.  W.  behauptete  sich 
aber  siegreich  und  ohne  EinbuBe  von  Stellungen  gegen  die  groBe  feindliche 
t)berlegenheit. 

Nachdem  Prinz  Leopold  von  Bayern  Oberbefehlshaber  Ost  geworden  war, 
wurde  am  29.  August  1916  die  Heeresgruppe  W.  durch  Umbenennung  aus 
der  Heeresgruppe  Prinz  Leopold  von  Bayern  gebildet.  v.  W.  befehligte  jetzt 
die  Truppen,  die  von  siidlich  Pinsk  bis  sudlich  Smorgon  in  Verteidigungs- 
stellungen  standen.  Das  Kommando  iiber  das  Landwehrkorps  gab  v.  W.  im 
nachsten  Monat  ab,  behielt  jedoch  noch  die  Fuhrung  der  nach  ihm  benannten 
Armeeabteilung  bei.  Nach  dem  Waffenstillstand  mit  RuBland  im  Dezem- 
ber  19 1 7  wurde  die  Heeresgruppe  W.  aufgelost,  gleichzeitig  die  Mobilmachungs- 
bestimmung  des  v.  W.  aufgehoben.  Die  Beforderung  zum  Generalfeldmarschall 
am  31.  Dezember  1917  bildete  die  Anerkennung  fur  seine  hervorragenden 
Verdienste. 

AuBer  vielen  hohen  Ordensauszeichnungen  sind  v.  W.  zahlreiche  sonstige 
Ehrungen  zuteil  geworden,  am  21.  November  1916  wurde  er  zum  Chef  des 
4.  Niederschlesischen  Infanterieregiments  Nr.  51  ernannt,  am  6.  Juni  1918 
Inhaber  des  k.  und  k.  Infanterieregiments  138.  Weiterhin  boten  hierfiir  AnlaB 
das  funfzigjahrige  Militarjubilaum  (5.  April  1916)  und  sein  70.  Geburtstag 
(4.  Februar  1917),  aber  auch  bei  anderen  Gelegenheiten  hat  die  Dankbarkeit 
der  Schlesier  gegeniiber  dem  Beschiitzer  ihrer  Heimat  lebendigen  Ausdruck 
gefunden.  Die  philosophische  Fakultat  der  schlesischen  Friedrich-Wilhelm- 
Universitat  ernannte  v.  W.  zum  Ehrendoktor,  die  Stadt  NeiBe,  bei  der  Riick- 
kehr  aus  dem  Felde  auch  Breslau,  verliehen  ihm  das  Ehrenbiirgerrecht. 

Die  letzten  Jahre  seines  Lebens,  das  »er  selber  immer  als  ein  besonders 
gliickliches  bezeichnet  hat«,  wurden  durch  die  politischen  Ereignisse  sehr 
getriibt.  Ein  Herzleiden  machte  sich  auBerdem  mehr  und  mehr  bemerkbar. 

DBJ  40 


626  1920 

Am  6.  August  1920  wurde  v.  W.  zur  groBen  Armee  abberufen.  Den  Spruch: 
»Sei  getreu  bis  in  den  Tod,  so  will  ich  dir  die  Krone  des  Lebens  geben«,  hatte 
der  Feldmarschall  als  Text  fur  seine  Grabrede  bestimmt.  »Wohl  selten  hat 
die  VerheiBung  des  Bibelwortes  offensichtlicher  sich  an  einem  Menschen  be- 
wahrheitet  als  bei  ihm.«  Treu  seinem  Gott,  treu  seinem  Konig  und  seinem 
Vaterlande,  treu  sich  selbst  ist  dieser  groBe  Schlesier  gestorben. 

Literatur:  Bredow-Wedel,  Historische  Rang-  und  Stainmliste  des  deutschen  Heeres, 
Berlin  o.  J.  —  Die  Schlachten  und  Gefechte  des  GroBen  Krieges  1914 — 1918,  zusammen- 
gestellt  vom  GroBen  Generalstabe,  Berlin  1919.  —  Reichsarchiv,  Der  Weltkrieg  19 14  bis 
1918,  Bd.  2,  Berlin  1925.  —  Der  GroBe  Krieg  1914 — 1918,  herausgegeben  von  M.  Schwarte 
(Der  deutsche  Landkrieg,  Bd.  I — III),  Berlin  1921  ff.  —  Volkmann,  E.  O.,  Der  GroBe 
Krieg  1 914 — 1 9 18  auf  Grund  der  amtlichen*Quellen,  Berlin  1922.  —  Foerster,  W.,  Graf 
Schlieffen  und  der  Weltkrieg,  Berlin  1925,  2.  Aufl.  —  Generalfeldmarschall  v.  Hindenburg. 
Aus  meinem  Leben.  Leipzig  1920.  —  Ludendorff,  E.,  Meine  Kriegserinnerungen  1914  bis 
1918,  Berlin  1919.  —  Falkenhayn,  E.  v..  Die  Oberste  Heeresleitung  1914 — 1916,  Ber- 
lin 1920.  —  Freytag-Loringhoven,  Freiherr  v.,  Menschen  und  Dinge,  wie  ich  sie  in  meinem 
Leben  sah,  Berlin  1923.  —  Wagner,  E.,  Das  4.  Niederschlesische  Infanterieregiment  Nr.  51 
im  Weltkriege,  T.  1 ,  Breslau- Berlin  1920.  —  Vogel,  W.,  Die  Kampfe  um  Baranowitschi  1916 
(Schlachten  des  Weltkrieges,  Bd.  2),  Oldenburg  1921.  —  Militar-Wochenblatt  1920,  Nr.  7. 
—  Heeres- Verordnungsblatt  1920,  Nr.  52.  —  Woyrsch-Gemeinschaft,  Nachrichtenblatt 
Nr.  2,  1920.  —  Schlesische  Zeitung  1918,  Nr.  622,  1920,  Nr.  402.  —  Gesammelte  Zeitungs- 
ausschnitte  und  Nachrichtenblatter  des  5ier  Bundes,  von  der  Offiziervereinigung  Inf.- 
Regts.  5 1  zur  Verfiigung  gestellt.  —  Generaloberst  v.  W.  Ein  kurzes  Lebensbild,  gewidmet 
den  Truppen  der  Armeeabteilung  Woyrsch,  Breslau  1915-  —  Generalfeldmarschall  v.  W. 
Sonderdr.  aus  »Deutsch.  Offizierblatt*  Nr.  28  vom  21.  August  1920  (General  Heye).  — 
Clemenz,  B.,  Generalfeldmarschall  v.  W.  und  seine  Schlesier.  Eigenhandige  Auszuge  aus 
seinem  Kriegstagebuch.  Lebensgeschichte  des  Feldherrn.  Berlin-Glogau  o.  J.  —  Mittei- 
lungen  von  Frau  Generalfeldmarschall  v.  W.;  des  Gen.  d.  Inf.  a.  D.  Brunsich  Edler  v.  Brun ; 
des  Maj.  a.  D.  Frhrn.  v.  Schuckmann. 

Potsdam.  Georg  Strutz. 


Wundt,  Wilhelm,  o.  Professor  der  Philosophic  in  Leipzig,  *  am  16.  Au- 
gust 1832  in  Neckarau  bei  Mannheim,  f  am  31.  August  1920  in  GroBbothen 
bei  Leipzig.  —  Die  Familie  W.  stammt  aus  Steiermark,  von  wo  sie  wahrend 
der  Gegenreformation  vertrieben  wurde.  Ein  Vorfahr  stand  in  schwedischen 
Kriegsdiensten,  dessen  Nachkommen  lebten  in  Kreuznach.  Der  Urgrofivater 
W.s,  Johann  Jacob  W.  war  Professor  der  reformierten  Theologie  an  der  Uni- 
versitat  und  Pfarrer  an  der  Peterskirche  in  Heidelberg.  Auch  seine  drei  Sohne 
waren  Professoren  an  der  Universitat  Heidelberg:  Daniel  Ludwig,  Lehrer  der 
ref .  Theologie ;  Friedrich  Peter,  der  GroBvater  W.s,  Professor  der  Landes- 
geschichte  und  zugleich  Pfarrer  in  Wieblingen;  Karl  Kasimir  W.,  wohl  der 
bedeutendste  von  ihnen,  Professor  der  Beredsamkeit  und  Kirchengeschichte. 
Neben  anderen  Schriften  veroffentlichte  dieser  im  Jahre  1774  eine  Schrift: 
»De  arctissimo  Philosophiae  artisque  medicae,  Physiologiae  imprimis  atque 
Psychologiae  connubio«,  ein  Titel,  in  dem  man  wohl  das  Programm  der  Philo- 
sophic seines  GroBneffen  sehen  kann.  Leider  scheint  die  Schrift  verloren. 

Ein  Sohn  Friedrich  Peter  W.s,  Maximilian,  war  der  Vater  von  W.,  er  war 
Pfarrer  in  Neckarau  und  spater  in  Heidelsheim,  einem  Stadtchen  bei  Bruchsal. 
W.  wurde  in  Neckerau  geboren,  kam  aber  schon  in  friiher  Jugend  nach  Hei- 
delsheim, wo  er  seine  Kindheit  verlebte.  Den  ersten  Unterricht  empfing  er 
von  dem  Hilfsgeistlichen  seines  Vaters,  Friedrich  Miiller,  an  dem  er  mit  groBer 


Woyrsch.  Wundt  627 

Liebe  hing.  Spater  kam  er  auf  das  Gymnasium  nach  Bruchsal.  Hier  atif  dem 
katholischen  Gymnasium  hatte  der  evangelische  Pfarrersohn,  der  obendrein 
noch  an  keinen  regelmaBigen  Schulunterricht  gewohnt  war,  einen  schweren 
Stand  und  mit  dem  Lernen  mancherlei  Schwierigkeiten.  Erst  als  ihn  seine 
Eltern  nach  einem  Jahre  auf  das  Gymnasium  nach  Heidelberg  gaben,  wurde 
es  besser  damit.  In  den  hoheren  Gymnasialklassen  hatte  er  ein  lebhaftes 
Interesse  fur  die  klassischen  Sprachen  und  ware  nicht  ungern  Philologe  ge- 
worden.  Ziemlich  auBerliche  Umstande  bestimmten  ihn  zum  Studium  der 
Medizin.  Sein  Vater  war  unterdessen  gestorben,  die  Mutter  konnte  ihm  nur 
geringe  Mittel  zum  Studium  zur  Verfugung  stellen,  er  war  aber  von  dem 
Wunsche  beseelt,  einmal  von  Heidelberg  fortzukommen.  So  lag  es  nahe,  daB 
er  die  Universitat  Tubingen  bezog,  da  dort  der  Bruder  seiner  Mutter,  Fried- 
rich  Arnold,  Anatom  und  Physiologe  war,  und  daB  er  bei  diesem  studierte. 
Er  horte  ziemlich  ungeregelt  die  verschiedensten  naturwissenschaftlichen 
Vorlesungen,  daneben  das  einzige  philosophische  Kolleg,  das  er  uberhaupt  in 
seinem  Leben  besucht  hat,  die  Asthetik  bei  Friedrich  Theodor  Vischer.  Der 
einzige  streng  wissenschaftliche  Gewinn  dieses  Tubinger  Jahres  war  schlieB- 
lich  ein  griindliches  Studium  der  Gehirnanatomie.  Es  existieren  noch  eine 
groBe  Anzahl  gehirnanatomischer  Zeichnungen,  die  er  in  dieser  Zeit  aus- 
gefuhrt  hat. 

Auf  der  Riickreise  nach  Heidelberg  wurde  es  W.  klar,  daB  er  sich  nun  einem 
streng  geregelten  Studium  widmen  miisse,  um  in  der  vorgesetzten  Zeit  zum 
Ziele  zu  kommen.  Er  holte  zunachst  in  Privatstunden  den  auf  dem  Gymna- 
sium versaumten  Mathematikunterricht  nach.  Im  iibrigen  wandte  er  sich 
dem  ziemlich  genau  vorgeschriebenen  Studium  der  Medizin  zu  und  machte 
nach  der  iiblichen  Zeit  das  Staatsexamen  in  den  drei  Fachern  der  inneren 
Medizin,  der  Chirurgie  und  der  Geburtshilfe.  Neben  den  medizinischen  Fachern 
horte  er  besonders  mit  groBem  Interesse  Chemie  bei  Bunsen  und  arbeitete  auch 
selbst  im  chemischen  Laboratorium.  Seine  erste  veroffentlichte  Arbeit  »Uber 
den  Kochsalzgehalt  des  Harns«,  erschien  1853  im  Journal  fur  praktische 
Chemie. 

Zu  seiner  ersten  selbstandigen  experimentalphysiologischen  Arbeit  wurde 
er  durch  ein  Preisausschreiben  der  Fakultat  »t)ber  den  EinfluB  der  Durch- 
schneidung  des  Lungenmagennerven  auf  die  Respirationsorgane «  angeregt. 
Er  loste  sie  in  seiner  Studierstube,  ohne  die  Hilfsmittel  eines  Instituts  — 
nur  seine  Mutter  diente  ihm  als  Assistent  —  und  reichte  sie,  zur  groBten  Uber- 
raschung  der  Fakultat,  in  deutscher  und  lateinischer  Sprache  ein.  Sie  wurde 
mit  der  Halfte  des  Preises  gekront  und  erschien  1855  in  Johannes  Mullers 
Archiv  fiir  Anatomie  und  Physiologie. 

Nach  bestandenem  Staatsexamen  lehnte  er  eine  Stellung  als  Badearzt  ab 
in  der  Erkenntnis,  daB  es  ihm  zur  Ausubung  der  arztlichen  Praxis  noch  an 
jeder  Erfahrung  fehle.  Um  diese  zu  erwerben,  trat  er  als  klinischer  Assistent 
bei  seinem  Lehrer  Hasse  ein.  Neben  vielem,  was  er  hier  auf  medizinischem 
und  besonders  auch  auf  pathologisch-anatomischem  Gebiet  lernte,  inter- 
essierten  ihn  vor  allem  Beobachtungen,  die  er  an  Patienten  machte,  die  an 
Lahmungen  der  Muskeln  und  der  Haut  und  dadurch  verursachten  eigentiim- 
lichen  Storungen  des  Tastsinnes  litten.  Er  wurde  durch  diese  Beobachtungen 
auf  die  Versuche  Ernst  Heinrich  Webers  liber  den  Tastsinn  gefuhrt,  suchte 


628  1920 

aber  im  Gegensatz  zu  diesem  schon  damals  eine  psychologische  Auffassung 
der  Erscheinungen  zu  gewinnen.  Diese  Versuche  hat  W.  in  der  ersten  Ab- 
handlung  der  »Beitrage  zur  Theorie  der  Sinneswahrnehmung«  beschrieben, 
die  1858  bis  1862  in  der  Zeitschrift  fiir  rationelle  Medizin  und  dann  gesammelt 
als  selbstandiges  Buch  erschienen. 

Im  Jahre  1856  promovierte  W.  »mit  hochstem  Lobe«;  seine  Doktorarbeit 
behandelte  »Das  Verhalten  der  Nerven  in  entziindeten  und  degenerierten 
Organen«.  Sie  wurde  spater  audi  als  Habilitationsschrift  anerkannt.  Zunachst 
bezog  er  aber  noch  fiir  ein  Semester  die  Universitat  Berlin,  wo  er  bei  Jo- 
hannes Miiller  und  Emil  Du  Bois  Reymond  arbeitete.  Diesem  ist  sein  erstes 
groBeres  Buch  »Die  L,ehre  von  der  Muskelbewegung«  gewidmet,  das  1858 
erschien. 

Nach  Heidelberg  zuriickgekehrt,  habilitierte  sich  W.  und  kiindigte  gleich 
fiir  sein  erstes  Semester,  im  Sommer  1857,  eine  sechsstiindige  Vorlesung  iiber 
Experimentalphysiologie  an.  Doch  hatte  er  sich  damit  zu  viel  zugemutet;  ein 
Blutsturz  unterbrach  jah  seine  Arbeiten  und  er  muBte  eine  lange  Krankheits- 
und  Rekonvaleszenzzeit  durchmachen.  Erst  im  folgenden  Wintersemester 
konnte  er  seine  Vorlesungen  wieder  aufnehmen.  Als  im  nachsten  Jahre,  1858, 
Helmholtz  nach  Heidelberg  berufen  wurde,  bewarb  sich  W.  um  die  Assistenten- 
stelle  des  neugegriindeten  physiologischen  Instituts,  die  er  auch  erhielt.  Hier 
beschaftigte  er  sich  vor  allem  mit  optischen  Untersuchungen,  aus  denen  die 
spateren  Abhandlungen  der  »Beitrage  zur  Theorie  der  Sinneswahrnehmung« 
hervorwuchsen.  Daneben  leitete  er  die  Praktika  der  Physiologie  fiir  angehende 
Arzte.  Aus  dieser  Tatigkeit  entstanden  sein  »Lehrbuch  der  Physiologie  des 
Menschen«  (1865),  das  vier  Auflagen  erlebte,  und  das  »Handbuch  der  medi- 
zinischen  Physik«  (1867). 

Die  Assistententatigkeit  bei  Helmholtz  gab  W.  nach  einigen  Jahren  wieder 
aui,  da  sie  zu  viel  Zeit  in  Anspruch  nahm.  Neben  Vorlesungen  aus  den  ver- 
schiedensten  Gebieten  (auBer  den  anatomischen  und  physiologischen  Fachern 
las  er  iiber  Anthropologie,  Ethnologie,  1862  zuerst  iiber  Psychologie  vom 
naturwissenschaftlichen  Standpunkte,  1867  iiber  philosophische  Ergebnisse 
der  Naturforschung)  hatte  er  vielfache  literarische  Interessen.  Vor  allem 
Shakespeare  hatte  er  fruh  gelesen  und  eine  ganze  Reihe  Betrachtungen  iiber 
verschiedene  Stiicke  dieses  Dichters  niedergeschrieben.  Daneben  verfaBte  er 
fiir  die  Volkszeitung  fiir  Siiddeutschland  mehrere  Theaterkritiken  und  war 
in  verschiedenen  wissenschaftlichen  Vereinen  tatig.  Besonders  im  natur- 
historisch-medizinischen  Verein  hielt  er  zahlreiche  Vortrage.  Er  selbst  begriin- 
dete  mit  seinen  Freunden,  den  Theologen  Hausrath  und  Holtzmann,  den 
historisch-philosophischen  Verein ;  auBerdem  war  er  langere  Zeit  Vorsitzender 
des  Heidelberger  Arbeiterbildungsvereins.  Auch  seine  politischen  Interessen 
waren  natiirlich  besonders  in  der  bewegten  Zeit  um  die  Mitte  der  sechziger 
Jahre  rege.  Er  trat  lebhaft  fiir  den  AnschluB  Badens  an  PreuBen  ein,  als  Vor- 
bereitung  fiir  die  politische  Einigung  Deutschlands.  Im  Jahre  1867  wurde 
er  selbst  in  den  badischen  Landtag  gewahlt,  dem  er  bis  1868  angehorte. 

Nach  diesem  mannigfach  bewegten  Leben  wandte  sich  W.  mehr  und  mehr 
streng  wissenschaftlicher  Arbeit  zu.  1864  hatte  er  den  Professortitel  erhalten, 
1872  hatte  ihm  eine  Gehaltserhohung  ermoglicht,  einen  eigenen  Hausstand 
zu  griinden.  Er  heiratete  Sophie  Mau,  die  Tochter  des  1850  gestorbenen  Pro- 


Wundt  629 

fessors  der  Theologie  Heinrich  Mau  in  Kiel.  Im  Jahre  1874  erhielt  er  einen 
Ruf  als  Professor  »fiir  induktive  Philosophic «  an  die  Universitat  Zurich.  Er 
wurde  hier  Nachfolger  Friedrich  Albert  Langes.  Aber  nur  ein  Jahr  lehrte  er 
an  der  Schweizer  Hochschule,  schon  im  Herbst  1875  folgte  er  einem  Ruf  nach 
Leipzig,  wo  er  nun  sein  ganzes  ubriges  Leben,  noch  45  Jahre,  zubringen 
sollte. 

Die  Universitat  Leipzig  war  seit  der  Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts,  dank 
der  Fiirsorge  der  sachsischen  Regierung,  in  raschem  Aufbliihen  begriffen.  So 
trat  W.  im  Laufe  der  Jahre  in  nahe  Beziehung  mit  einer  ganzen  Anzahl  her- 
vorragender  Personlichkeiten.  Fiir  eine  besondere  Gunst  des  Schicksals  hielt 
er  es  selbst,  daB  er  noch  Ernst  Heinrich  Weber  und  Theodor  Fechner  kennen- 
lernen  durfte.  Dazu  traten  der  Philosoph  Drobisch,  der  Nationalokonom 
Wilhelm  Roscher,  der  mit  ihm  gleichzeitig  berufene  Max  Heinze,  in  spateren 
Jahren  vor  allem  Binding  (s.  oben  S.  495  ff.),  Lamprecht  (s.  DBJ.  1914  bis 
1916,  S.  139 ff.),  Ratzel,  Brugmann,  Ostwald.  Er  selbst  fing  seine  Lehrtatigkeit 
allerdings  bescheiden  an;  im  ersten  Semester  fand  sich  nur  ein  kleiner  Kreis 
von  Zuhorern,  der  sich  dann  aber  von  Jahr  zu  Jahr  rasch  vermehrte.  W.  hatte 
von  Zurich  einige  psychophysische  Instrumente  mitgebracht,  fiir  deren  Unter- 
bringung  ihm  ein  kleines  Auditorium  angewiesen  wurde;  aus  ihm  sollte  sich 
das  spatere  psychologische  Institut  entwickeln.  Er  hielt  hier  zunachst  »Psycho- 
logische  Ubungen«,  und  als  die  Zahl  der  Teilnehmer  wuchs,  wurden  ihm  noch 
einige  weitere  Raume  bewilligt.  Zu  seinem  ersten  Assistenten  ernannte  sich 
selbst  der  Amerikaner  J.  Mac  Keen  Cattell.  Da  die  Universitat  schon  langst 
raumlich  ganzlich  unzulanglich  war,  wurde  in  den  neunziger  Jahren  zu  einem 
umfassenden  Neubau  geschritten.  In  der  Zwischenzeit  war  das  Institut  in 
einem  Interimsgebaude  untergebracht,  um  dann  im  Jahre  1897  eine  statt- 
liche  Reihe  von  Raumen  in  der  neuen  Universitat  zu  beziehen.  Vom  Jahre  1913 
an  wurde  diesen  noch  ein  oberes  Stockwerk  hinzugefiigt,  in  dem  vor  allem 
die  Abteilung  fiir  Volkerpsychologie  untergebracht  werden  sollte.  Eine  groBe 
Anzahl  von  Gelehrten  des  In-  und  Auslandes  ist  aus  dem  Institut  hervor- 
gewachsen,  u.  a.  Emil  Kraepelin,  Stanley  Hall,  Alfred  Lehmann  in  Kopen- 
hagen,  Oswald  Kulpe,  Ernst  Meumann,  Hugo  Eckener,  Felix  Krueger  und 
viele  andere.  Die  im  Institut  entstandenen  Arbeiten  wurden  in  den  20  Banden 
der  » Philosophischen  Studien«  und  spater  in  den  » Psychologischen  Studien« 
(10  Bande)  veroffentlicht. 

Auch  W.  hat  in  diesen  Zeitschriften  zahlreiche  Aufsatze  veroffentlicht,  die 
meist  spater  noch  in  seinen  groBeren  Schriften  verarbeitet  wurden.  Noch  in 
Heidelberg  hatte  er  die  »Grundziige  der  physiologischen  Psychologie«  ver- 
faBt  (1.  Auflage  1874).  Dazu  kamen  im  ersten  Jahrzehnt  seiner  Leipziger 
Tatigkeit  die  »Logik«  (1880),  die  »Ethik«  (1886).  Im  Jahre  1889  folgte  das 
» System  der  Philosophies  1896  der  »GrundriB  der  Psychologie «,  1901  die 
»Einleitung  in  die  Philosophic «.  Vom  Jahre  1900  an  erschien  dann  die  » Volker- 
psychologie «. 

Auch  an  dem  auBeren  und  inneren  Leben  der  Universitat  nahm  W.  jeder- 
zeit  regen  Anteil.  Die  ersten  Entwiirfe  fiir  den  Neubau,  fiir  den  er  sich  tat- 
kraftig  interessierte,  fielen  in  sein  Rektoratsjahr  (1889/90).  Als  im  Jahre  1909 
die  Universitat  ihr  500.  Stiftungsfest  feierte,  wurde  er  erwahlt,  die  Festrede 
zu  halten,  und  griff  in  ihr  zuriick  auf  Studien,  die  er  als  Rektor  in  den  ihm 


630  1920 

damals  zuganglichen  Akten  und  Urkundenbuchern  der  Universitat  gemacht 
hatte.  Auch  an  den  offentlichen  Feiern,  Antrittsvorlesungen  und  den  Sitzungen 
der  Gesellschaft  der  Wissenschaft  nahm  er  regelmaBig  teil.  Allerdings  wurde 
er  dabei  durch  ein  zunehmendes  Augenleiden  mehr  und  mehr  behindert. 

Als  im  Jahre  1914  der  Krieg  ausbrach,  erwachte  noch  einnial  sein  lebhaftes 
politisches  Interesse.  Er  nahm  an  alien  Ereignissen  den  warmsten  Anteil  und 
verfolgte  sie  bis  zuletzt  mit  unerschutterlichem  Glauben  an  die  deutsche  Sache. 
Auch  noch  nach  dem  Zusammenbruch  und  der  Revolution  verlieB  ihn  die  Hoff- 
nung  auf  eine  Wiederaufrichtung  Deutschlands  nicht. 

Im  Jahre  1917  hatte  W.  sein  Lehramt  niedergelegt.  Die  letzten  Jahre  ver- 
brachte  er  in  stiller  Zuriickgezogenheit.  Im  Jahre  1902  hatte  er  ein  Haus  in 
seiner  Heimatstadt  Heidelberg  erworben,  wo  er  regelmaBig  die  Ferien  ver- 
lebte.  In  seinem  letzten  Sommer  wohnte  er  in  GroBbothen  bei  Leipzig. 

Das  Lebenswerk  W.s  sollte  die  Begriindung  der  Psychologie  als  selbstandiger 
Wissenschaft  werden.  Diese  hatte  bisher  teils  zu  den  Naturwissenschaften, 
vor  allem  der  Physiologie,  gezahlt,  teils  zur  Philosophic,  in  der  auf  der  einen 
Seite  logische  Reflexionen  iiber  die  geistigen  Vorgange  angestellt  wurden, 
auf  der  anderen  Seite  man  sich  in  metaphysischen  Betrachtungen  iiber  die- 
selben  erging.  W.  lehnte  beides  schon  in  seiner  fruhesten  psychologischen 
Schrift,  den  Beitragen  zur  Theorie  der  Sinneswahrnehmung,  ab.  Es  war  ihm 
von  Anfang  an  klar,  daB  die  Psychologie,  um  zu  einer  exakten  Wissenschaft 
zu  werden,  das  Experiment  auf  naturwissenschaftlicher  Gfundlage  zu  Hilfe 
nehmen  miisse.  Sie  sollte  von  den  einfachen  Problemen  der  Sinneswahrneh- 
mung ausgehen;  mit  dieser  hatten  sich  auch  die  Physiologen  beschaftigt, 
und  es  hatten  sich  dabei  schon  Ubergange  von  der  physiologischen  zur  psycho- 
logischen Betrachtungsweise  angebahnt,  besonders  gekennzeichnet  durch  die 
Arbeiten  von  Johannes  Muller,  Ernst  Heinrich  Weber  und  Hermann  v.  Helm- 
holtz.  Nachdem  Johannes  Muller  in  seiner  Nervenphysik  sein  System  noch 
auf  rein  anatomische  Betrachtungen  gegriindet  hatte,  bildete  Weber  vor 
allem  die  physiologische  Theorie  weiter.  Er  untersuchte  besonders  den  Tast- 
sinn  und  den  diesem  zugeordneten  sogenannten  Raumsinn  und  fuhrte  zuin 
erstenmal  in  der  »Ubung«  einen  psychologischen  Begriff  ein.  Im  Jahre  i860 
erschienen  Fechners  »Elemente  der  Psychophysik « ;  dieser  suchte  hier  ein  fur 
die  Wechselwirkungen  von  Leib  und  Seele  gleicherweise  gultiges  mathema- 
tisches  Gesetz  aufzustellen  und  fand  als  solches  sein  beriihmtes  psychophysi- 
sches  Grundgesetz.  Wahrend  es  aber  fur  Fechner  selbst  noch  eine  liberwiegend 
metaphysische  Theorie  war,  gab  W.  ihm  eine  rein  psychologische  Deutung. 

Neben  diesen  physiologisch-psychologischen  Arbeiten  nahm  um  die  Mitte 
des  19.  Jahrhunderts  auch  die  Tierpsychologie  einen  neuen  Aufschwung,  vor 
allem  angeregt  durch  die  Forschungen  Darwins  und  deren  Nachfolger.  So 
war  fur  W.  der  Gedanke  naheliegend,  seine  erste  groBere  psychologische 
Schrift  auch  auf  die  Entwicklung  des  Seelenlebens  bei  den  Tieren  zu  erwei- 
tern.  Alle  diese  Anregungen  und  Arbeiten  wurden  zunachst  in  den  »Vor- 
lesungen  iiber  die  Menschen-  und  Tierseele«  (1863)  niedergelegt.  Zum  ersten- 
mal vereinten  sich  hier  exakte  experimen tell- psychologische  Betrachtungen 
mit  weittragenden  Entwicklungsgedanken.  Weiter  verarbeitet  wurden  sie  in 
den  »Grundztigen  der  physiologischen  Psychologie «  (1874).  Diese  konnten  in 
ihrer  ersten  Auflage  noch  nicht  viel  mehr  geben  als  eine  Obersicht  iiber  die 


Wundt  63 1 

bisher  gewonnenen  Kenntnisse  und  Beobachtungen  der  Sinnesphysiologie 
und  Assoziationspsychologie.  Indem  das  Werk  aber  von  dem  einen  Bande 
der  ersten  Auflage  allmahlich,  unterstiitzt  durch  die  Arbeiten  des  Leipziger 
Institute  und  mehr  und  mehr  auch  durch  die  auBerhalb  stehender  Forscher, 
zu  den  drei  umfangreichen  Banden  der  6.  Auflage  anwuchs,  zeigte  es  hierin 
zugleich  die  fortschreitende  Erweiterung  und  Vertiefung  der  Psychologic 
W.  hat  in  ihm  einen  groBen  Teil  seiner  Lebensarbeit  niedergelegt ;  er  suchte 
hier  die  gesamte  Psychologie  bis  zu  den  hoheren  Funktionen  und  verwickel- 
teren  Erscheinungen  des  menschlichen  BewuBtseins  in  eine  innere  Verbin- 
dung  zu  bringen.  Die  »Grundziige«  stellten  gleichzeitig  die  physiologischen 
Bedingungen  des  Seelenlebens  und  im  Zusammenhange  die  psychologische 
Methodik  dar. 

Fiir  die  Zwecke  des  Unterrichts  verfaBte  er  noch  seinen  »GrundriB  der 
Psychologie«  (1.  Auflage  1896)  und  die  mehr  populare  »Einfuhrung  in  die 
Psychologie  «  (191 1). 

W.  hat  in  seiner  Psychologie  dem  bisher  iiblichen  substantiellen  Seelen- 
begriff,  der  die  Seele  als  ein  vom  Korper  unabhangiges  Wesen  ansah,  den 
Aktualitatsbegriff  des  Seelischen  gegeniibergestellt.  Die  Seele  ist  das  Ganze 
der  I,ebensvorgange,  der  Gesamtinhalt  unseres  inneren  Erlebens  selbst,  des 
Vorstellens,  Fuhlens  und  Wollens,  ohne  da!3  eine  besondere  Substanz  als 
Substrat  dieser  Vorgange  angenommen  zu  werden  braucht.  Das  BewuBtseins- 
leben  gelangt,  von  den  Vorstellungen  und  Gefuhlen  ausgehend,  im  Willens- 
vorgang  zu  seiner  hochsten  Entwicklung.  Im  letzten  Grunde  fallt  der  Wille 
mit  unserem  »  Ich «  zusammen,  mit  ihm  kommt  in  das  Seelenleben  das  schop- 
ferische  Element.  Alles  Geistige  ist  Aktualitat.  Es  gibt  keine  BewuBtseins- 
vorgange,  die  nicht  an  physische  Vorgange  gebunden  sind;  hieraus  entwickelt 
W.  das  Prinzip  des  psychophysischen  Parallelismus,  nach  welchem  gewisse 
psychische  Vorgange  gewissen  physischen  regelmaBig  entsprechen,  bildhch 
gesprochen  gehen  beide  einander  parallel,  sind  aber  weder   identisch   noch 
konnen  sie  ineinander  ubergefuhrt  werden.  Aus  diesem  Prinzip  folgt  die  Lehre 
von  der  psychischen  Kausalitat :  seelische  Vorgange  konnen  nicht  aus  korper- 
lichen  abgeleitet  werden,  sondern  die  Zusammenhange  des  BewuBtseins  stehen 
unter  eigener  Kausalitat.  In  der  Untersuchung  iiber  die  psychische  Kausalitat 
werden  vier  Prinzipien  unterschieden :  das  Prinzip  der  schopferischen  Synthese 
oder  der  psychischen  Resultanten,  welches  besagt,  daB  das  Produkt  mehr 
ist  als  die  bloBe  Summe  seiner  Teile,  »es  ist  ein  neues,  nach  seinen  wesent- 
lichen  Eigenschaften  mit  den  Faktoren,  die  zu  seiner  Bildung  zusammen- 
wirkten,  schlechthin  unvergleichbares  Erzeugnis«.  Dieses  Gesetz  der  Resul- 
tanten erfahrt  eine  bedeutende  Abanderung,  wenn  in  einem  psychischen  Ver- 
lauf  Nebenwirkungen  hervortreten,  die  zu  selbstandigen  Bedingungen  neuer 
Wirkungen  werden,  wobei  gelegentlich  die  Nebenwirkungen  den  uberwie- 
genden  Wert  gewinnen  und  die  urspriinglichen  Resultanten  zu  Nebenwir- 
kungen herabsinken  oder  ganz  verschwinden.  Diese  Modifikation  des  Resul- 
tantenprinzips  bezeichnete  W.  als  das  Prinzip  der  Heterogonie  der  Zwecke; 
es  ist  besonders  unentbehrlich,  wo  es  gilt,  das  Zusammenleben  der  Menschen 
und  ihre  geistigen  Erzeugnisse  psychologisch  zu  begreifen.  Eine  Erganzung 
des  Resultantenprinzips  ist  das  Prinzip  der  beziehenden  Analyse  oder  der 
psychischen  Relationen:  wahrend  im  Organismus  die  Teile  in  einer  auBeren 


632  1920 

Relation  stehen,  beruhen  irn  Seelischen  alle  Eigenschaften  der  Synthese  wie 
der  Analyse  auf  inneren  Beziehungen.  Mit  diesen  inneren  Beziehungen,  in 
welchen  die  psychischen  Elemente  eines  Produktes  zueinander  stehen  und 
aus  denen  das  Produkt  mit  Notwendigkeit  hervorgeht,  hangt  zugleich  der 
alien  psychischen  Resultanten  eigene  Charakter  der  Neuschopfung  zusammen. 
Daraus  folgt,  daB  hier  die  Analyse  nicht,  wie  in  der  Naturwissenschaft,  die 
bloBe  Umkehrung  der  Synthese  ist:  sie  lost  das  synthetische  Erzeugnis  nicht 
restlos  auf,  sondern  hat  dessen  zunehmende  Bereicherung  mit  Inhalt,  Sinn 
und  Wert  anzuerkennen.  Dies  Prinzip  wird  seinerseits  erganzt  durch  das  der 
steigernden  Kontraste,  welches  auf  der  Tatsache  beruht,  daB  die  Gefiihle 
und  Vorstellungen  sich  durch  Gegensatze  steigern. 

W.  war  immer  mehr  bestrebt,  die  Psychologie  von  der  Physiologie  und  der 
Naturwissenschaft  scharf  zu  scheiden.  Er  betonte,  daB  das  psychologische 
Experiment  einen  durchaus  anderen  Zweck  und  oft  auch  andere  Methoden 
habe  als  das  physiologische.  Die  Psychologie  wurde  ihm  mehr  und  mehr  zu 
einer  Geisteswissenschaft. 

Fast  zur  selben  Zeit,  als  W.  in  der  Theorie  der  Sinneswahrnehmung  seine 
ersten  psychologischen  Beobachtungen  niederlegte,  faBte  er  auch  schon  den 
Plan,  dieser  Individualpsychologie  eine  Art  Oberbau  in  der  Volkerpsychologie 
zu  geben.  1859  erschien  der  erste  Band  von  Th.  Waitz'  Anthropologic  der 
Naturvolker,  i860  zuerst  Lazarus'  und  Steinthals  Zeitschrift  fur  Sprachwissen- 
schaft  und  Volkerpsychologie.  Es  regte  sich  also  gerade  in  jener  Zeit  ein 
groBes  Interesse  fiir  solche  Fragen,  und  so  fiigte  auch  W.  seinen  »Vorlesungen 
iiber  die  Menschen-  und  Tierseele«  einen  zweiten  Band  hinzu,  der  vorwiegend 
volkerpsychologische  Fragen  behandelte.  Allerdings  erkannte  er  bald,  daB  die 
Zeit  fiir  eine  umfassende  Darstellung  dieser  Wissenschaft  noch  nicht  reif  sei, 
und  als  das  Buch  im  Jahre  1892  eine  zweite  Auflage  erlebte,  lieB  er  diesen 
Teil  ganz  fort.  Doch  behielt  er  die  Volkerpsychologie  immer  im  Auge  und 
machte  sie  haufig  zum  Gegenstand  von  Vorlesungen,  bis  er  gegen  Ende  des 
vorigen  Jahrhunderts  an  die  Ausarbeitung  seiner  zehnbandigen  »V61ker- 
psychologie«  ging,  die  in  den  nachsten  20  Jahren  (1900 — 1920)  erschien.  Ur- 
spriinglich  hatte  W.  in  drei  Banden  Sprache,  Mythus  und  Sitte  behandeln 
wollen,  doch  wuchs  das  Werk  bedeutend  iiber  diesen  ersten  Plan  hinaus.  Im 
Untertitel  wurde  aber  die  Bezeichnung  einer  Untersuchung  der  Entwicklungs- 
gesetze  von  Sprache,  Mythus  und  Sitte  beibehalten  und  es  wurden  dabei 
Beziehungen  hergestellt  zwischen  diesen  Hauptteilen  und  gewissen  Er- 
scheinungen  des  EinzelbewuBtseins.  In  der  Sprache  spiegelt  sich  vornehmlich 
das  Leben  der  Vorstellungen,  in  der  am  Mythus  wirkenden  Phantasietatigkeit 
das  der  Gefiihle,  wahrend  die  Sitte  schlieBlich  die  gemeinsamen  Willens- 
richtungen  umfaBt.  Die  beiden  ersten  Bande  behandeln  die  Sprache,  in 
welcher  W.  das  beste  Material  fiir  eine  Psychologie  des  Denkens  erblickte: 
die  Formen  der  Sprache  reprasentieren  ebenso  viele  eigenartige  Formen  des 
Denkens.  Im  3.  Bande  wird  die  Entwicklung  der  Kunst  dargestellt,  in 
Band  4 — 6  Mythus  und  Religion.  Ausgehend  von  dem  primitivsten  Seelen- 
und  Geisterglauben  wird  die  Entwicklung  iiber  die  Stufe  der  Marchen 
und  Sagen  bis  zu  den  hochsten  Religionsformen  durchgefuhrt.  In  den  fol- 
genden  Banden  wird  in  ahnlicher  Weise  die  Gesellschaft  und  das  Recht  be- 
handelt.   In  der  Entwicklung  der  Gesellschaft  werden  drei  Stufen  unter- 


Wundt  633 

schieden:  die  primitive  Gesellschaft,  die  Stammes-  und  die  politische  Gesell- 
schaft.  Im  Recht  gibt  W.  eine  Geschichte  der  Rechtsnormen  und  behandelt 
dabei  in  erster  Linie  das  deutsche  Recht.  Im  10.  Band,  Kultur  und  Geschichte, 
werden  schlieBlich  die  Geschichte  und  die  einzelnen  Gebiete  der  Kultur  psycho- 
logisch  beleuchtet;  und  ein  Ausblick  in  die  »Zukunft  der  Kultur «  bildet  den 
AbschluB. 

Wahrend  also  die  Individualpsychologie  die  psychischen  Vorgange  im 
Individuum,  unter  Abstraktion  von  der  sozialen  Umwelt,  darstellt,  ist  es  die 
Aufgabe  der  Volkerpsychologie,  diejenigen  psychischen  Vorgange  zu  unter- 
suchen,  die  aus  der  geistigen  Wechselwirkung  einer  Vielheit  von  Einzel- 
menschen  entspringen.  Ihr  Gegenstand  ist  die  GesetzmaBigkeit  des  mensch- 
lichen  Gemeinschaftslebens  in  seiner  Entwicklung  vom  primitiven  Urzustand 
bis  zu  den  hochsten  Kulturen  der  Gegenwart.  Dabei  werden  die  genannten 
psychologischen  Prinzipien,  besonders  das  der  Heterogonie  der  Zwecke  und 
das  Kontrastprinzip,  iiber  das  individuelle  Leben  hinaus  auf  die  Gegenstande 
der  Volkerpsychologie  angewandt. 

Als  Erganzung  zu  dem  groBen  Werk  der  Volkerpsychologie,  das  nach  den 
einzelnen  Gebieten  der  menschlichen  Kultur  gegliedert  ist,  werden  in  den 
»Elementen  der  Volkerpsychologie «  (1912)  die  Probleme  in  ihrem  Neben- 
einander,  ihre  gemeinsamen  Bedingungen  und  wechselseitigen  Beziehungen 
untersucht  und  dabei  eine  allgemeine  Entwicklungsgeschichte  der  Menschheit 
gegeben.  W.  unterscheidet  hier  iiber  der  Unterstufe  des  primitiven  Menschen 
das  totemistische  Zeitalter,  das  Zeitalter  der  Helden  und  Gotter  und  das  Zeit- 
alter  der  Humanitat.  t)ber  die  Volkerpsychologie  hinaus  in  das  Gebiet  be- 
sonderer  Charakterologie  bestimmter  Volker  fuhrt  die  Schrift  »Die  Nationen 
und  ihre  Philosophic «  (1915),  in  welcher  die  Grundtypen  europaischer  Welt- 
anschauung als  Ausdruck  der  Geistesart  der  fuhrenden  europaischen  Volker 
dargestellt  werden. 

W.  sah  in  der  Psychologie  die  grundlegende  Disziplin  fiir  alle  Geisteswissen- 
schaften.  Mit  der  Erkenntnislehre  hangt  die  Individualpsychologie  schon 
durch  ihren  Gegenstand  eng  zusammen  und  in  der  Volkerpsychologie  mundet 
sie  mit  ihren  letzten  Problemen  in  die  Religionslehre,  die  Ethik  und  die  Meta- 
physik  ein.  So  war  der  Ubergang  von  der  Psychologie  zur  Philosophic  natiir- 
lich  und  erfolgte  schon  in  fruher  Zeit.  Nachdem  W.  seine  Assistentenstelle 
bei  Helmholtz  aufgegeben  hatte,  wandte  er  sich  zuerst  philosophischen  Pro- 
blemen zu,  und  zwar  besonders  logischen  und  naturphilosophischen.  Schon 
in  seiner  Privatdozentenzeit  hatte  er  mit  einem  Freunde  Kants  »Kritik  der 
reinen  Vernunft «  gelesen  und  hat  selbst  wiederholt  bezeugt,  daB  er  niemandem 
mehr  als  Kant  fiir  die  Ausbildung  seiner  eigenen  philosophischen  Ansichten 
verdanke.  1866  erschien  seine  erste  philosophische  Schrift  »Die  physikalischen 
Axiome  und  ihre  Beziehung  zum  Kausalgesetz«.  W.  stellte  hier  sechs  mecha- 
nische  Grundsatze  auf  und  suchte  die  ihnen  von  ihren  Entdeckern  zugeschrie- 
bene  Notwendigkeit  (Aprioritat)  auf  ihre  wahren  logischen  Motive  zuriick- 
zufuhren  und  den  geschichtlichen  Wandel  ihrer  Auffassung  nachzuweisen. 
Als  die  Schrift  19 10  in  zweiter  Auflage  stark  verandert  erschien  unter  dem  Titel 
» Prinzipien  der  mechanischen  Naturlehre*,  wurde  der  Ausdruck  Axiom  durch 
den  der  Hypothese  ersetzt.  So  gewann  W.  in  einer  Zeit  der  groBten  Entfrem- 
dung  zwischen  Wissenschaft  und  Philosophic  gerade  vom  Boden  der  exakten 


634  ig2° 

Wissenschaften  aus  wieder  einen  neuen  Zugang  zur  Philosophic  Dabei  brachte 
ihn  seine  philosophische  Entwicklung  mit  Stetigkeit  den  Grundgedanken 
Leibniz'  nahe,  und  sie  gipfelte  in  dem  Versuche,  die  neugewonnene  Meta- 
physik  mit  der  —  zu  jener  Zeit  noch  verkannten  —  des  klassischen  deutschen 
Idealismus  haltbar  zu  verbinden. 

In  seinem  zweiten  Semester  in  Zurich,  1875,  hielt  W.  eine  vierstiindige 
Vorlesung  iiber  Logik,  auch  in  Leipzig  wiederholte  er  sie  ofter,  meist  verbun- 
den  mit  wissenschaftlicher  Methodenlehre.  Im  Jahre  1880  erschien  das  da- 
mals  zweibandige,  spater  dreibandige  Werk  iiber  die  »  Logik  «.  Obwohl  W. 
von  der  Psychologie  herkam,  war  sein  besonderes  Augenmerk  darauf  ge- 
richtet,  die  Eigenart  des  Logischen  im  Unterschied  zu  den  bloB  psychologischen 
Vorgangen  des  Denkens  herauszuarbeiten.  Auf  der  anderen  Seite  suchte  er 
im  Gegensatz  zu  einer  bloB  formalen  Behandlung  der  logischen  Probleme 
planmaBig  den  AnschluB  an  das  in  den  Wissenschaften  wirklich  geubte  Ver- 
fahren.  Vielfach  kniipft  er  bei  seinen  logischen  Untersuchungen  an  die  Psycho- 
logie der  Sprache  an,  weil  diese  ein  lebendiges  Zeugnis  des  Denkens  gibt.  Der 
eigentliche  Zweck  der  Logik  muB  es  sein,  von  den  Normen  des  Denkens 
Rechenschaft  zu  geben,  die  jeder  wissenschaftlichen  Erfahrung  zugrunde 
liegen.  So  gipfelt  der  erste  Band  nach  einer  Untersuchung  der  Entwicklung 
und  der  Formen  des  Denkens  in  einer  Darlegung  der  Grundbegriffe  und  der 
Prinzipien  der  Erkenntnis.  Die  beiden  folgenden  Bande  sind  der  Methoden- 
lehre gewidmet,  wobei  es  besonders  bedeutsam  wurde,  daB  sich  W.  nicht 
mit  einer  bloBen  allgemeinen  Darlegung  der  wissenschaftlichen  Methoden 
iiberhaupt  begniigte,  sondern  davon  eine  Anwendung  auf  das  ganze  System 
der  Wissenschaften  machte.  Er  untersucht  und  kritisiert  das  Verfahren  und 
die  Grundbegriffe  der  einzelnen  Wissenschaften,  und  zwar  sowohl  der  exakten 
wie  der  Geisteswissenschaften. 

In  der  »Ethik«,  die  zuerst  1886  und  dann  mannigfach  umgearbeitet  noch 
in  vier  weiteren  Auflagen  erschien,  sucht  W.,  wie  in  der  Logik  die  Normen 
des  Denkens,  so  hier  die  Normen  des  sittlichen  Lebens  zu  entwickeln,  indem 
er  im  Unterschied  zu  der  in  der  Philosophie  sonst  oft  iiblichen  bloB  formalen 
Behandlung  abermals  seinen  Ausgang  von  der  ganzen  Breite  des  wirklichen 
sittlichen  Lebens  nimmt.  So  gewinnt  der  erste  Band  eine  Grundlage  fur  diese 
Untersuchung  in  einer  eingehenden  Darstellung  der  Tatsachen  des  sittlichen 
Lebens.  Indem  dabei  Sprache,  Religion,  Sitte  und  Kultur  auf  ihren  sittlichen 
Gehalt  hin  untersucht  werden,  erscheint  die  Volkerpsychologie  als  die  »Vor- 
halle  der  Ethik«.  Der  zweite  Band  bietet  dann  in  einer  Entwicklung  der  sitt- 
lichen Weltanschauungen  eine  Geschichte  der  Ethik,  bei  der  nicht  nur  die 
philosophischen  Systeme,  sondern  die  allgemeine  Geistesentwicklung  beriick- 
sichtigt  ist.  Der  dritte  Band  endlich  entwickelt  die  Prinzipien  der  Sittlichkeit, 
indem  er  die  psychologischen  Grundlagen  und  hierauf  die  Zwecke  und  Motive 
des  Sittlichen  untersucht,  um  von  da  zu  den  sittlichen  Normen  aufzusteigen. 
W.  unterscheidet  individuelle,  soziale  und  humane  Normen.  Den  BeschluB 
bildet  eine  Darstellung  der  sittlichen  Lebensgebiete  in  Personlichkeit,  Gesell- 
schaft,  Staat  und  Menschheit.  Wie  das  Geistige  iiberhaupt,  so  ist  auch  das 
Sittliche  seinem  Wesen  nach  Willensentwicklung ;  Hand  in  Hand  mit  der 
Bereicherung  an  sittlichen  Motiven  und  Zwecken  geht  die  Entfaltung  des 
Willens.    In   der   Entwicklung   der   sittlichen   Welt   treten   iiberindividuelle 


Wundt  635 

Willenseinheiten  dem  individuellen  Willen  entgegen,  und  in  dem  Gefiihl  der 
Hingabe  und  der  Verpflichtung  an  einen  iibergeordneten  Willen  wurzelt  das 
Prinzip  aller  Sittlichkeit,  das  in  dem  BewuBtsein  der  Zugehorigkeit  des  ein- 
zelnen  zur  Gemeinschaft  seinen  Ansdruck  findet.  In  dem  Gefiihl  der  Zu- 
gehorigkeit des  Menschen  zu  einer  iibersinnlichen  Welt,  in  der  er  sich  seine 
Ideale  verwirklicht  denkt,  liegt  zugleich  die  Quelle  der  Religion. 

An  die  Ethik  und  Logik  reiht  sich  als  das  abschlieBende  systematische 
Werk  das  ^System  der  Philosophies  (1.  Auflage  1889)  an.  Hier  hat  W.  seine 
Metaphysik  gegeben,  die  er  als  Prinzipienlehre  bezeichnet  und  der  er  die  Auf- 
gabe  zuweist,  die  allgemeinen  Ergebnisse  der  Einzelwissenschaften  in  ihreni 
systematischen  Zusammenhang  darzulegen  und  zu  einem  widerspruchslosen 
System  zu  verkniipfen.  Die  Grundlagen  hierftir  werden  gewonnen,  indem 
zunachst  die  Formen  des  Denkens  und  die  in  ihnen  zur  AuBerung  kommenden 
Denkgesetze  behandelt  werden,  hierauf  die  Erkenntnis  nicht  nach  ihren 
logischen  Formen,  sondern  in  ihrer  realen  Bedeutung  untersucht  wird,  und 
dann  in  den  Verstandesbegriffen  die  Grundprinzipien  der  Wissenschaften  ent- 
wickelt  werden,  um  zuletzt  zu  den  transzendenten  Ideen  aufzusteigen,  in 
denen  die  Erkenntnisse  der  Einzelwissenschaften  sich  zusammenfassen  und 
in  denen  sich  insofern  die  Metaphysik  vollendet.  Hier  entwickelt  W.  seine 
eigentumliche  metaphysische  Grundanschauung,  die  Lehre  von  den  indivi- 
duellen Willensmonaden.  In  dem  zweiten  Hauptteil  wird  dann  eine  Anwen- 
dung  von  den  so  gewonnenen  Prinzipien  auf  die  Hauptpunkte  der  Natur- 
philosophie  und  die  Philosophic  des  Geistes  gemacht.  Als  die  Aufgabe  der 
Philosophic  bezeichnete  es  W.,  eine  allgemeine  Welt-  und  Lebensanschauung 
zu  gewinnen,  welche  zugleich  die  Forderungen  der  Vernunft  wie  die  Bediirf- 
nisse  des  Gemiits  befriedigen  sollte.  In  diesem  Sinne  hat  er  die  in  dem  System 
der  Philosophic  entwickelten  Gedanken  noch  einmal  in  einer  mehr  popularen 
Gestalt  dargestellt  in  der  Schrift  »Sinnliche  und  ubersinnliche  Welt«  (1912). 
Er  sucht  hier  den  Aufstieg  des  Denkens  von  dem  naiven  Weltbilde  und  von  dem 
der  Naturwissenschaften  aus  bis  in  die  Hohen  der  Metaphysik  zu  schildern. 
In  der  Idee  des  Unendlichen  vereinigen  sich  ihm  die  sittlichen  und  die  reli- 
giosen  Motive,  wie  sich  AuBen-  und  Innenwelt,  Natur  und  Geist  in  ihr  ver- 
einigen. In  der  Wechselwirkung,  in  die  diese  Ideen  miteinander  treten,  wird 
die  Gottheit  aus  einer  auBeren  Macht  zu  einem  inneren  Erlebnis. 

W.  selbst  bekennt,  daB  ihm  das  liebste  aller  Vorlesungsthemen  die  »Ge- 
schichte  der  Philosophic «  gewesen  sei.  Er  sah  in  ihr  die  beste  Vorbereitung 
fur  das  Studium  der  allgemeinen  Philosophic  und  da  sich  in  dieser  der  ge- 
samte  wissenschaftliche  Zustand  eines  Zeitalters  spiegelt,  ist  sie  zugleich 
Stellvertreterin  einer  allgemeinen  Geschichte  des  wissenschaftlichen  Denkens 
iiberhaupt.  So  war  ihm  die  Darstellung  der  einzelnen  philosophischen  Systeme, 
besonders  der  von  Leibniz,  Fichte  und  Hegel,  eine  immer  erneute  Freude. 
Sein  Buch  »Einleitung  in  die  Philosophic «  ist  deshalb  auch  vorwiegend 
historisch. 

Die  fiir  W.s  Philosophic  und  Psychologie  besonders  bezeichnenden  Grund- 
gedanken  sind  diese  beiden:  der  Voluntarismus,  d.  h.  der  Gedanke,  daB, 
wie  im  Psychischen  die  Urform  aller  BewuBtseinsvorgange  der  Wille  ist,  so 
in  alien  Erscheinungen  Willenseinheiten  auf  hoherer  oder  niederer  Stufe  der 
BewuBtheit  den  wahren  Gehalt  der  Wirklichkeit  ausmachen,  und  der  Gedanke 


636  1920 

der  Aktualitat,  nach  welchem  die  Seele  nicht  eine  beharrende  Substanz 
ist,  sondern  ihre  Wirklichkeit  allein  in  den  lebendigen  Vorgangen  des  Be- 
wuBtseins  liegt,  und  wonach  auch  die  metaphysische  Erklarung  der  Wirk- 
lichkeit nicht  auf  eine  beharrende  Substanz,  sondern  auf  eine  lebendige  Ent- 
faltung  von  Willenskraften  als  ihren  letzten  Grund  gefuhrt  wird.  Beide  ver- 
einigen  sich  zu  einer  Weltanschauung  der  Tat.  Diese  Tat  soil  aber  nicht  dem 
Nutzen,  am  wenigsten  dem  egoistischen,  dienen.  W.  wendet  sich  immer 
wieder  aufs  scharfste  gegen  den  Utilitarismus,  den  vor  allem  englische  Ethiker 
vertreten.  Er  erkannte  in  ihm  eine  Quelle  jenes  Individualismus,  der  letzten 
Endes  auch  praktisch  allem  Gemeinschaftsempfinden  entgegengerichtet  ist. 
Der  einzelne  steht  aber  nach  W.  in  unaufhebbarer  Verbindung  mit  der  Ge- 
meinschaft,  in  der  er  lebt,  und  ihr  gelten  seine  hochsten  Pflichten.  Dem- 
gemaJ3  sah  er  in  dem  sittlichen  Idealismus,  wie  ihn  schon  Leibniz,  Kant, 
Fichte  und  Hegel  gelehrt  hatten,  die  der  deutschen  Philosophic  eigentiimliche 
Weltauffassung,  und  in  dieser  Weltauffassung  zugleich  die  Gewahr  sowie  die 
unentbehrliche  Sicherung  fiir  die  Zukunft  des  deutschen  Volkes. 

Literatur:  t)ber  die  Familie:  Magazin  fiir  die  Kirchen-  und  Gelehrtengeschichte  des 
Kurfurstentums  Pfalz,  herausgegeben  von  Dan.  Ludw.  Wundt,  I,  1789,  S.  185 — 216.  — 
Allgemeine  Deutsche  Biographie,  Bd.  55,  S.126 — 230.  —  W.  Wundt,  Erlebtes und  Erkanntes, 
1 91 2.  —  W.  W.s  Werk,  ein  Verzeichnis  seiner  samtlichen  Schriften,  herausgegeben  von 
Eleonore  Wundt,  1927.  —  P.  Petersen,  W.  W.  und  seine  Zeit  (Frommanns  Klassiker  der 
Philosophic),  1925.  —  W.  Nef,  Die  Philosophic  W.  W.s,  1923.  —  W.  W\,  eine  Wiirdigung, 
»Beitrage  zur  Philosophic  des  deutschen  Idealismus*,  Bd.II,  2.  Aufl.,  1924.  (Darin:  Felix 
Krueger,  W.  W.  als  deutscher  Denker;  Sander,  W.s  Prinzip  der  schopferischen  Synthese; 
Kirschmann,  W.  und  die  Relativitat;  Volkelt,  Die  Volkerpsychologie  in  W.s  Entwick- 
lungsgang;  Klemm,  Zur  Geschichte  des  Leipziger  psychologischen  Instituts;  Petersen, 
Die  Stellungder  Philosophic  W.s  im  19.  Jahrhundert;  Nef,  W.s  Aktualitatstheorie;  Lipsius, 
Die  mechanische  Naturerklarung  und  das  Naturgesetz;  Kiesow,  tTber  die  psychischen 
Elemente  und  ihre  Bedeutung  in  der  Lehre  W.s;  Schmied-Kowarzik,  Stellung  und  Auf- 
gabe  von  W.s  Volkerpsychologie  und  der  Begriff  des  Volkes.)  —  Weitere  Literatur  iiber  W. 
siehe  t)berweg,  GruudriB  der  Geschichte  der  Philosophic  IV,  12.  Aufl.  von  Osterreich, 
S.  708 — 709.  —  Der  Nach  la  13  befindet  sich  im  Wundt- Archiv  in  GroCbothen  bei  Leipzig. 

GroBbothen  bei  Leipzig.  Eleonore  Wundt. 

Zuntz,  Nathan,  Geheimer  Regierungsrat,  Professor  der  Physiologie  und  Vor- 
steher  des  tierphysiologischen  Instituts  an  der  Landwirtschaftlichen  Hoch- 
schule  in  Berlin,  *  in  Bonn  am  7.  Oktober  1847,  t m  Berlin  am  23.  Marz  1920.  — 
Einer  alten  Kaufmannsfamilie  entstammend,  wurde  Nathan  Z.  als  altester 
einer  zahlreichen  Geschwisterschar  in  Bonn  geboren.  Dort  verlebte  er  Jugend 
und  Studienzeit,  besuchte  zunachst  vier  Jahre  die  Volksschule,  dann  das  Gym- 
nasium,  das  er  schon  als  Siebzehnjahriger  mit  dem  Zeugnis  der  Reife  verlieB. 

Bonn  erfreute  sich  damals  einer  hervorragenden  medizinischen  und  natur- 
wissenschaftlichen  Fakultat,  und  Z.  hatte  das  Gluck,  in  den  vorbereitenden 
Fachern  ausgezeichnete  Lehrer  zu  horen,  in  deren  Iyaboratorien  er  zugleich 
arbeitete.  In  die  Chemie  fuhrte  ihn  Kekule\  in  die  Physik  Clausius  ein.  Ana- 
tomen  waren  La  Valette  und  Max  Schultze,  und  auch  in  des  letzteren  Institut 
war  Z.  wahrend  seiner  Studienzeit  tatig.  Physiologe  war  Pfliiger.  Dieser  zog 
ihn  am  meisten  an  und  war  fiir  seinen  weiteren  wissenschaftlichen  Lebensgang 
richtunggebend.  In  seinem  Laboratorium,  in  dem  er  als  Student  langere  Zeit 
tatig  gewesen  war,  fertigte  Z.  seine  Doktorarbeit :  »Beitrage  zur  Physiologie 


Wundt.  Zuntz  637 

des  Blutes«,  mit  der  er —  einundzwanzigjahrig —  im  Jahre  1868  promovierte. 
Die  in  ihr  niedergelegten  Untersuchungen  behandeln  die  Bindungsverhaltnisse 
der  Kohlensaure  im  Blute  und  zeigen  deren  Wanderung  zwischen  Blutzellen 
und  Blutplasma  unter  wechselnden  Bedingnngen.  Die  Ergebnisse  dieser  Dis- 
sertation waren  grundlegend,  wurden  aber  in  ihrer  Bedeutnng  erst  in  viel 
spaterer  Zeit  richtig  gewertet,  gelegentlich  der  zahlreichen  Untersuchungen 
iiber  die  Durchlassigkeit  der  Zellwandungen  fiir  Ionen. 

Zuerst  kurze  Zeit  als  Landarzt  (in  OberpleiB  am  Rhein)  tatig,  begab  sich  Z. 
1869  nach  Berlin,  wo  er  Frerichs,  Virchow,  Traube  horte,  von  denen  ihn  be- 
sonders  der  letztere  stark  fesselte.  Im  folgenden  Jahre  wurde  Z.  Assistent  bei 
Pfliiger,  wirkte  dabei  aber  wahrend  des  Krieges  als  freiwilliger  Arzt  in  Bonner 
Iyazaretten.  Im  gleichen  Jahre  als  Privatdozent  fiir  Physiologie  zugelassen, 
erhielt  er  1873  eine  Stellung  als  Hilfslehrer  der  Physiologie  an  der  Landwirt- 
schaftlichen  Akademie  in  Poppelsdorf.  Im  folgenden  Jahre  zum  Extraordi- 
narius  befordert,  ubernahm  Z.  zugleich  die  Prosektur  an  der  Bonner  Anatomie. 

Noch  sechs  Jahre  verblieb  Z.  in  Bonn,  wissenschaftlich  und  arztlich  tatig. 
Er  iibte  konsultative  Praxis  und  wurde  ein  gesuchter  Konsiliarius,  seine  Haupt- 
arbeit  aber  gait  dem  physiologischen  Forschen.  Er  arbeitete  mit  Pfliiger  iiber 
die  Wirkung  von  Sauren  auf  die  Bindung  des  Blutsauerstoffes,  mit  Rohrig  iiber 
Warmeregulation,  stellte  die  Reversibilitat  des  Kohlenoxydhamoglobins  fest 
und  zeigte  mit  v.  Mering  die  verschiedene  Wirkung,  die  die  Zufuhr  von  Nahr- 
material  auf  den  Stoffumsatz  ausiibt,  je  nachdem  es  in  den  Verdauungskanal 
oder  in  die  Blutbahn  gebracht  wird.  Diese  Untersuchungen  waren  die  Grund- 
lage  fiir  die  spater  sehr  vielseitig  bearbeitete  Lehre  von  der  Verdauungsarbeit 
und  fiir  diejenige  Erscheinung,  die  weiterhin  als  spezifisch-dynamische  Wirkung 
der  Nahrstoffe  bezeichnet  wurde. 

Nach  Errichtung  der  L,andwirtschaftlichen  Hochschule  in  Berlin  siedelte  Z. 
im  Jahre  1880  als  erster  Lehrer  der  Tierphysiologie  an  diese  iiber,  und  er  be- 
hielt  diese  Stellung  bis  an  sein  Lebensende. 

Die  Bedeutung  seiner  Stellung  wandelte  sich  allerdings  von  Jahrzehnt  zu 
Jahrzehnt,  sie  stieg  mehr  und  mehr,  entsprechend  den  Erfolgen,  die  das  Z.sche  In- 
stitut  aufzuweisen  hatte,  nicht  nur  fiir  die  physiologische  Wissenschaft  im  allge- 
meinen,  sondern  fiir  die  Landwirtschaft  im  besonderen.  Dementsprechend  wuchs 
das  zuerst  sehr  enge  und  unansehnliche  Iyaboratorium  auch  raumlich  immer 
mehr,  bis  im  Jahre  1909  ein  groBer  Neubau  nach  Z.'  Planen  errichtet  wurde,  in 
dem  Arbeitsmoglichkeiten  fiir  das  Gesamtgebiet  der  Physiologie  nicht  nur  des 
Menschen  und  der  kleinen  Laboratoriumstiere  vorhanden  waren,  sondern  auch 
fiir  die  Untersuchung  der  Lebensvorgange  an  den  groBen  landwirtschaftlichen 
Nutztieren.  Das  Institut  gliederte  sich  in  Raume  fiir  speziell  physiologische 
Zwecke,  fiir  chemische,  physikalische,  bakteriologische.  Dabei  zerfiel  es  nicht 
in  voneinander  unabhangige  Abteilungen,  vielmehr  wiinschte  und  verstand  Z. 
alle  zusammenzufassen  zur  Losung  groBerer,  auf  verschiedene  Wissensgebiete 
tibergreifender  Aufgaben,  und  er  wuBte  alle  Abteilungen  geistig  zu  befruchten. 

Das  konnte  nur  einem  umfassenden  Geiste  gelingen,  der  wie  Z.  nicht  speziali- 
siert  war  fiir  ein  Teilgebiet  der  Physiologie,  wenn  er  auch  mit  Vorliebe  auf 
einem  best imm ten  Gebiete  —  dem  des  Stoflwechsels  im  allgemeinsten  Sinne  — 
arbeitete,  vielmehr  die  Physiologie  in  ihrer  Gesamtheit  beherrschte.  Aber  Z.s 
Interessenkreis  erstreckte  sich  noch  iiber  sie  hinaus ;  auch  pathologische  sowie 


638  1920 

klinisch-medizinische  Fragen  beschaftigten  ihn  und  fanden  durch  ihn  oder 
Schiiler  ihre  Bearbeitung. 

Diese  Weite  des  Blickes,  die  Beherrschung  verschiedener  Wissengebiete  so- 
wie  das  Interesse  auch  an  fernerliegenden  Fragen  befahigten  Z.  auBerordentlich 
zur  Forderung  junger  Forscher,  die  von  uberallher  sein  Laboratorium  auf- 
suchten,  urn  sich  von  ihm  beraten  zu  lassen  und  methodisch  von  ihm  zu  lernen . 
Denn  gerade  im  Auffinden  geeigneter  Methoden  zur  Losung  bestimmter  Auf- 
gaben,  im  Bau  zweckentsprechender  Apparate  war  Z.  Meister.  Beweis  dafur 
sind  besonders  die  Einrichtungen,  die  er  in  seinem  Institut  zwecks  Unter- 
suchung  des  Stoffwechsels  des  Menschen,  kleiner  Saugetiere  und  groBer  land- 
wirtschaftlicher  Nutztiere  sowie  auch  von  Kaltblutern  (Fischen)  schuf ,  neben 
den  zahlreichen  Einzelfragen  dienenden  Spezialapparaten. 

Nur  wenige  Jahre  konnte  Z.  in  seinem  neuen  Institute  seiner  wissenschaft- 
lichen  Arbeit  obliegen.  Es  kam  der  Krieg,  und  damit  traten  neue,  mehr  prak- 
tischen  Zwecken  dienende  Auf gaben  an  ihn  heran.  Er  wurde  damit  betraut, 
Fragen  der  unter  dem  Druck  des  Krieges  erschwerten  menschlichen  und  tieri- 
schen  Ernahrung  zu  bearbeiten,  die  Grenzen  der  Moglichkeit  fiir  Mensch  und 
Tier,  mit  Ersatzmitteln  auszukommen,  festzusteUen.  Dazu  machte  ihn  seine 
Vertrautheit  mit  landwirtschafthchen  Dingen  besonders  geeignet. 

Nach  SchluB  des  Krieges  konnte  Z.  seine  gewohnte  Laboratoriumsarbeit 
nicht  mehr  in  vollem  MaBe  aufnehmen.  Sein  Gesundheitszustand  war  durch 
ein  Herzleiden,  dessen  erste  AuBerungen  auf  einer  seiner  vielfachen,  zu  wissen- 
schaftlichen  Zwecken  ausgefiihrten  Hochgebirgsexpeditionen  zutage  traten,  er- 
schuttert,  und  ihm  ist  er  schlieBlich  erlegen. 

Z.'  wissenschaftliche  Bedeutung  als  einer  der  Pfadfinder  der  moderaen 
Physiologie  wurde  schon  fruh  erkannt  und  anerkannt  und  seine  wissenschaft- 
liche Tatigkeit  vielfach  ausgezeichnet.  Er  wurde  Ehrenmitglied  mannigfacher 
Gesellschaften  und  Ehrendoktor  der  Tierarztlichen  Hochschule  in  Hannover 
sowie  der  Hochschule  fiir  Bodenkultur  in  Wien. 

Z.'  wissenschaftliche  Arbeiten  erstrecken  sich  auf  zahlreiche  Gebiete  der 
Physiologie,  wenn  sie  sich  auch  vorwiegend  auf  dem  der  Stoffwechsel-  und 
Ernahrungslehre  bewegen,  wobei  auch  der  pathologische  Stoffwechsel  des 
Menschen  und  der  Tiere  in  mehreren  Arbeiten  Klarung  erfuhr. 

Der  Umfang  seiner  wissenschaftlichen  Tatigkeit  driickt  sich  darin  aus,  daB 
bis  zu  seinem  71.  Geburtstage  aus  seinem  Laboratorium  430  Arbeiten  hervor- 
gegangen  waren,  die  fast  ausnahmslos  von  ihm  angeregt  oder  beeinfluBt  waren. 
Er  selbst  veroffentlichte  allein  oder  mit  Mitarbeitern  180  Arbeiten.  Die  Zahl 
allein  kennzeichnet  aber  nicht  die  Stellung,  die  Z.  sich  und  seiner  Schule  in 
der  Wissenschaf t  geschaff en  hat ;  das  Wesentliche  ist  der  innere  Wert  der  Ar- 
beiten, und  durch  sie  wurde  mannigfach  Grundlegendes  geschaffen. 

Erwahnt  wurde  schon  die  Feststellung  der  Riickbildung  des  Kohlenoxyd- 
hamoglobins,  welche  die  Grundlage  fiir  die  Wiederbelebung  an  Kohlenoxyd- 
vergiftung  (Leuchtgas,  Minengase  usw.)  Erkrankter  bildet,  erwahnt  auch  die 
Arbeit  mit  v.  Mering,  der  mehrere  auf  dem  gleichen  Gebiete  folgten,  durch 
welche  die  Lehre  von  den  Veranderungen  des  Stoffwechsels  durch  Nahrungs- 
zufuhr  begriindet  wurde.  Umwalzend  fiir  die  Kenntnis  des  Gesamtstoffwechsels 
war  der  mit  Geppert  vorgenommene  Bau  eines  neuen  Apparates,  der  durch 
gleichzeitige  Bestimmung  der  gebildeten  Kohlensaure  und  des  verbrauchten 


Zuntz  639 

Sauerstoffes  weit  mehr  zur  Bestimmung  des  Stoffwechsels  leistete,  als  die  bis 
dahin  gebrauchten  Kastenapparate  mit  alleiniger  Kohlensaurebestimmung. 
Er  war  der  erste,  der  exakt  gestattete,  den  Gaswechsel  in  ganz  kurzen  Zeit- 
raumen  zu  bestimmen  und  damit  den  EinfluB  kurzdauerader  Einwirkungen  zu 
ennitteln.  Mit  ihm  wurde  die  Wirkung  der  Muskeltatigkeit  am  Menschen,  am 
Hunde  und  am  Pferde,  die  von  Giften  und  Arzneimitteln  und  die  von  klimati- 
schen  Faktoren  zuerst  genau  ermittelt. 

Das  fiihrte  zur  Bearbeitung  weiterer  Gebiete.  Zunachst  zu  einer  wissenschaft- 
lichen  Untersuchung  der  sportlichen  Leistungen,  sodann  zur  Ennittlung  des 
Einflusses  verschiedener  Klimate  auf  den  Menschen.  In  letzterer  Hinsicht 
galten  die  Untersuchungen  von  Z.  und  seiner  Schule  vor  allem  dem  Hohen- 
klima,  dann  abe,r  auch  dem  Seeklima.  Der  Zuntz-Geppertsche  Atmungsapparat 
war  auch  der  erste,  der  in  die  medizinische  Klinik  eingefuhrt  wurde,  und  die 
grundlegenden  Kenntnisse  iiber  den  Stoflwechsel  in  Krankheiten  sind  mit  ihm 
gewonnen  worden.  Dabei  sind  besonders  die  Einfliisse,  welche  die  inkretorischen 
Driisen,  Schilddriise  und  Keimdriisen,  ausiiben,  theoretisch  und  praktisch 
wichtig  geworden. 

Im  Neubau  seines  Instituts  stellte  Z.  einen  groBen,  kastenartigen  Respira- 
tionsapparat  auf,  mittels  dessen  sowohl  nach  den  fruher  von  Regnault-Reiset 
wie  von  Pettenkofer  angegebenen  Grundsatzen  der  Gaswechsel  des  Menschen 
wie  auch  der  der  groBen  landwirtschaftlichen  Nutztiere  —  Pferde,  Rinder, 
Schweine  —  untersucht  werden  konnte.  Die  mit  ihm  durchgefuhrten  Unter- 
suchungen kamen  vor  allem  der  Landwirtschaft  zugute,  insbesondere  der 
Ernahrungs-  bzw.  Fiitterungslehre.  Unstimmigkeiten,  die  bis  dahin  zwischen 
der  praktischen  Erfahrung  iiber  den  Futterwert  mancher  Nahrungsgemische 
bei  Wiederkauern  und  den  experimentellen  Ergebnissen  bestanden,  wurden 
durch  Z.  beseitigt,  und  zwar  durch  Bestimmung  der  Garungsvorgange  im 
Vormagen,  die  die  praktisch  sehr  wichtige  Tatsache  eines  je  nach  den  Versuchs- 
bzw.  Fiitterungsbedingungen  wechselnden  Energieverlustes  der  zugefuhrten 
Nahrung  durch  den  wechselnden  Umfang  der  Garungen  im  Pansen  ergaben. 

Hingewiesen  sei  schlieBlich  auf  die  im  Laboratorium  wie  in  besonderen  Ver- 
suchsteichen  vorgenommenen  Untersuchungen  iiber  den  Stoflwechsel  und  da- 
mit iiber  den  Nahrungsbedarf  und  die  Aufzucht  der  Fische. 

Weite  Gebiete  der  Physiologie,  besonders  der  des  Stoffwechsels,  sind  durch 
Z.  und  seine  Schule  grundlegend  gefordert  worden,  und  diese  Forderung  ist 
nicht  nur  der  reinen  Wissenschaft  zugute  gekommen,  die  durch  die  Ergebnisse 
der  Z.schen  Arbeiten  mannigfache  Wandlungen  fruherer  Anschauungen  erfuhr, 
sondern  auch  dem  praktischen  Leben,  insofern  als  Frucht  der  L,aboratoriums- 
versuche  sich  eine  vertieftere  Kenntnis  iiber  die  Bediirfnisse  rationeller  Er- 
nahrung  des  einzelnen  wie  der  Massen,  des  Menschen  wie  der  ihm  dienenden 
Nutztiere  ableitete. 

Literatur:  AnlaBlich  des  70.  Geburtstages  ist  eine  ZusammensteUung  aUer  aus  der 
Feder  von  Z.  stammenden  und  der  von  ihm  angeregten  und  aus  seinem  Laboratorium 
erschienenen  Arbeiten  von  von  der  Heide  verfaBt  und  in  den  Landwirtschaftlichen  Jahr- 
biichern,  Band  51,  Heft  3  (Berlin  19 17),  veroffentlicht  worden.  Auf  diese  sei  hiermit  ver- 
wiesen.  —  A.  Loewy,  Dem  Andenken  an  Nathan  Z.  Gedachtnisrede.  Ptiiig.  Arch.,  Bd.  194, 
S.  1,  1922;  Derselbe,  Bcrl.  Klin.  Wochenschr.  1920,  Nr.  18,  S.  433.  —  Der  wissenschaft- 
liche  NachlaB  von  Z.  ging  in  die  Hande  seines  Sohnes:  Dr.  L.  Z.,  Berlin,  iiber. 

Davos  (Schweiz).  Adolf  Loewy. 


TOTENLISTEN 

1917    /    1918    /    1919    /    1920 


VerzeiAnis  der  Abkiirzungen 


Ein  Stem  (*)  vor  dem  Namen  bedeutet,  dafl  das  ^Deutsche  Biographische  Jahrbuch" 
dem  Toten  eine  eigene  Biographie  im  vorliegenden  Bande  gewidmet  hat,  auf  die  am 
Schlusse  des  Artikels  in  der  Totenliste  mit  DBJ  und  Angabe  der  Seitenzahl  und  des  Ver- 
fassers  hingewiesen  wird.  Die  angefiihrte  Literatur  weist  die  Quellen  des  Bearbeiters  nach 
und  verzeichnet  unter  Angabe  der  Herktmft  auch  aus  zweiter  Hand  geschopfte  Hinweise 
(BZ  42  [.-..]  o.  a.).  Sind  an  der  angefuhrten  Stelle  die  Werke  des  Toten  verzeichnet,  so 
ist  das  durch  (W)  kenntlich  gemacht,  weitere  Literaturangaben  durch  (L).  Portrats 
der  Toten  sind  durch  (P)  nachgewiesen.  Die  mit  einem  §j  kenntlich  gemachten  Toten 
sind  im  Weltkrieg  19 14/ 18  gef alien. 


RegelmaBig  gebrauchte  Abkiirzungen  sind  ferner: 


A    —    Abert,    IUustriertes 

Musiklexikon   (1927). 
A  A  =  Amtliche  Auskunft. 
AD    =     Das    akademische 

Deutschland. 
AdW  =  Akademie  der  Wis- 

senschaften. 
AMZ  =  Allgem.  Musikzei- 

tung. 
AT  =   Adeliges     Taschen- 

buch. 
B  =  Brockhaus,  Handbuch 

des  Wissens    6.  Auflage 

1923. 
BB  =  Buchhandler,  Borsen- 

blatt. 
BBl  =  BB. 
BBZ    =    Berliner    Borsen- 

zeitung. 
BKW  =  Berliner  Klinische 

Wochenschrift. 
BR  =    B rummer,  L,exikon 

der    deutschen    Dichter 

6.  Aufl.  (191 3). 
BT  =  Berliner  Tageblatt. 
BZ    =     Bibliographie    der 

deutschen  Zeitschriften- 

literatur. 
BZZ   =    Bibliographie  der 

deutschen    Zeitungslite- 

ratur   (Anhang  zu  BZ). 
ChZ  =  Chemiker-Zeitung. 
DAR   =    Deutsche   akade- 
mische Rundschau. 
DBJ  41* 


DAZ  =  Deutsche   Allgem. 

Zeitung. 
DBJ     =     Deutsches     Bio- 

graphisches  Jahrbuch. 
DBZ  =    Deutsche  Bauzei- 

tung. 
DGK     =     Deutscher    Ge- 

schichtskalender . 
DJZ  =  Deutsche  Juristen- 

zeitung. 
DKZ  =  Deutsche  Kolonial- 

zeitung. 
DMW  =  Deutsche  Medizi- 

nische  Wochenschrift. 
DRG    =    Deutsche    Rund- 
schau fur  Geographie  u. 

Stat  ist  ik. 
DSBZtg  =    Deutsche  San- 

gerbundes-Zeitung. 
DZL  =   Deutsches  Zeitge- 

nossen-Lexikon . 
E  =  Echo  (E.  v.  T.-Beilage, 

Echo  vom  Tage). 
EG    =    Eisenberg,    GroBes 

Biograph.    Lexikon    der 

deutschen  Biihnen. 
ELK  =   Allg.  evang.-luth. 

Kirchenzeitung . 
ERL  =  Ehrenrangliste  des 

ehemal.  deutschen  Hee- 

res  (1926). 
FAT    =     Frank- Altmann, 

Tonkiinstlerlexikon 

(1926). 


FT    =    Freiherrhches    Ta- 

schenbuch. 
FZ  =  Frankfurter  Zeitung. 
GA  =  Geographischer  An- 

zeiger. 
GdW    =    Gesellschaft    der 

Wissenschaf  ten . 
GH  =  Gothaischer    (Hof-) 

Kalender. 
GJN  =  Wissinger,  GroBe 

Jiidische      Nationalbio- 

graphie. 
GK  =  DGK. 
GT  =   Grafliches  Taschen- 

buch. 
H  =  Hochland. 
HA  =  Handbuch  des  preu- 

Bischen     Abgeordneten- 

hauses. 
HBL  =  Hirsch,  Biograph. 

Lexikon    der    hervorra- 

genden  Arzte. 
HFBl  =  Hamburger  Frem- 

denblatt. 
HK  =  Hannoverscher  Ku- 

rier. 
HN  =  Hamburger   Nach- 

richten. 
HNV    =     Handbuch    der 

Nationalversammlung. 
HPSt  =  Handbuch  fiir  den 

preuflischen  Staat  191 8. 
HV  =  Historische  Viertel- 

jahrsschrift. 


644 


Verzeichnis  der  Abkiirzungen 


J  A  W=]  ahresberichte  iiber 

die  Fortschritte  der  klas- 

sischenAltertumswissen- 

schaft. 
Jb  =  Jahrbuch. 
JB  =  Jahrbuch  der  deut- 

schen  Bibliotheken. 
JP  =  Jahrbuch  der  Musik- 

bibHothek  Peters. 
JSTG     =     Jahrbuch     der 

schiffsbautechn.  Gesell- 

schaft. 
1Z  =  niustrirte  Zeitung. 
K  =  Kukula,  Bibliograph. 

Jahrbuch  der  deutschen 

Hochschulen. 
Kchr  =  Kunstchronik. 
KJ  =  Kirchliches  J  ahrbuch . 
KL  i  j  =  Kurschner,  Deut- 

scher  Literaturkalender 

1917. 
#/?=Keiters  Katholischer 

Literaturkalender . 
KV  =  Kolnische  Volkszei- 

tung. 
KW  =   Kunstwart  (Deut- 

scher  Wille). 
KZ  =  Kolnische  Zeitung. 
L  =  Leopoldina. 
LA    =   Li  mans  Militar-Al- 

manach. 
LE  =  Literarisches  Echo. 
LJ  =  Lobells  J  ahresberichte. 
LNN  =  Leipziger  Neueste 

Nachrichten. 
LpZ  =  Leipziger  Zeitung. 
LZ  =  Literarisches  Zentral- 

blatt. 
MAR  =   (Miinchener)  All- 

gemeine  Rundschau. 
MAZ   =    Miinchener    All- 

gemeine  Zeitung. 
MdT  =  Manner  der  Tech- 

nik,  hrsg.v.  C.  Matschofi, 

VDI-Verlag  1925. 
MK  =  Medizinische  Klinik. 


MMK  =  Miinchener  Medi- 
zinische Klinik. 

MNN  =  Miinchner  Neueste 
Nachrichten. 

MMW  =  Miinchener  Medi- 
zinische Wochenschrift. 

MS  =  Muller-Singer,  AUg. 
Kiinstlerlexikon . 

MW  =  Militarwochenblatt. 

M1  =  Meyers  Lexikon, 
7.  Aufl. 

AT  =  Die  Naturwissenschaf- 
ten. 

NAZ  =  Norddeutsche  AU- 
gemeine  Zeitung. 

NFP  =  Neue  Freie  Presse. 

NML  =  Neues  Musik-Lexi- 
kon. 

NMZ= Neue  Musikzeitung. 

NPZ  =  Neue  Preuflische 
(Kreuz-)  Zeitung. 

NZ  =  Neue  Zeitschrift  fiir 
Musik. 

NZZ  =  Neue  Zurcher  Zei- 
tung. 

()i?=Osterreichische  Rund- 
schau. 

PBL  =  Pagel,  Biogr.  Lexi- 
kon hervorr.  Arzte. 

PF  =  Poggendorff,  Biogr.- 
literar.  Handworterbuch 
zur  Gesch.  der  exakten 
Naturwissenschaf  ten . 

PM  =  Petermanns  Mittei- 
lungen. 

PY  =  Pataky,  Lexikon 
deutscher  Frauen  der 
Feder. 

R  =  Riemann,  Musiklexi- 
kon8  (1922). 

RH=  Reichstagshandbuch. 

RMTZ  =  Rhein-Mainische 
Musik-  u  .Theaterzeitung. 

RWZ  =  Rheinisch-West- 
falische  Zeitung. 

SB  =  Sitzungsberichte. 


Sch  =  Schulthess  Europa- 

ischer   Geschichtskalen- 

der  (Totenliste) . 
SchK— Schwabisch .  Kronik . 
SchM  =  Schwabischer  Mer- 

kur. 
SchwM  —  SchM. 
SMH  =  Suddeutsche  Mo- 

natshefte. 
SozMH     =     Sozialistische 

Monatshefte. 
StE  =  Stahl  und  Eisen. 
TB  =  Thieme-Becker,  Allg. 

Lexikon   der   bildenden 

Kiinstler. 
ri?=Tagliche  Rundschau. 
U  =  Universum. 
UA  T  =  Uradliges  Taschen- 

buch. 
UK  =  Aschersons  Univer- 

sitatskalender. 
VDI  =  Zeitschrift  des  Ver- 

eins     Deutscher     Inge- 

nieure. 
VZ  =  Vossische  Zeitung. 
WI  =  Degeners  Wer  ist's  ? 
WJ  =   Wiirtternbergisches 

Jalirbuch. 
WKW  =  Wiener  KUnische 

Wochenschrift. 
WMW  =   Wiener  Medizi- 
nische  Wochenschrift. 
WN  =   Wiirttemberg.  Ne- 

krolog. 
WZ  =  Weser-Zeitung. 
ZB  (41  ff.)  =  BZ. 
ZBbl    =    Zentralblatt    fiir 

B  ibliothekswesen . 
ZBV    =    Zentralblatt    der 

Bauverwaltung . 
ZIB  =  Zeitschrift  fur  In- 

strumentenbau . 

*  =  geboren. 
f  =  gestorben. 
a  =  begraben. 


Totenliste   1917 


Abtl,  Heinrich  v.,  1864 — 97  Oberbiirger- 
meister  von  Ludwigsburg,  188 1 — 1900 
Mitgl.  d.  Wiirtt.  Landtags  (Gast  der 
Deutschen  Partei),  seit  1891  Mitgl.  des 
Disziplinarhofes  f .  Korperschaftsbeamte, 
Ehrenbiirger  von  Ludwigsburg;  *  Lud- 
wigsburg  8.  VI.  1825,  -f  ebenda  23.  I.  - 
WN  1— 10  (Belschner)  u.  S.  165. 

Aehelis,  Friedrich,  Prasident  des  Aufsichts- 
rats  des  Norddeutschen  Lloyd,  Konsul; 

*  Bremen  3.  III.  1840,  f  Bremen  20.  V.  — 
FZ  21.V.  (2.  M.-Bl.  S.  3) ;  IZ  3857  (Ehlers) 
(P);  JSTG  19  (1918),  96—98;  ZB  41 
[Universuin,  Weltrundschau  220  (Stetten- 
heim)]. 

Adam,  Alexander,  Professor,  Komponist 
u.    Musikdirektor    in    Freiburg    i.     B.; 

*  Bruchsal  24.  XI.  1853,  f  Freiburg  i.  B. 
10.  VI.  —  W.:  »Jos  Fritz*  (Oratorium), 
Te  Deum,  Sinfonie;  LpZ  15.  VI.;  J P  85; 
DSBZtg  316;  Signale  510;  RMTZ  246; 
Deutsche  Tonkiinstlerztg.  148;  NMZ  38, 
327;  FAT  6  (W). 

Albrecht,  Michael,  Dr.  phiL,  Geh.  Hofrat, 
o.  Prof.  d.  Tierheilkunde  und  Geburts- 
hilfe  a.  d.  Tierarztl.  Hochschule  Miinchen, 
Mitgl.d.Obermedizinalausschusses;  *Ret- 
tenburg  7.  V.  1843,  t  Miinchen  5.  VII.  — 
FZ  12.IX.  (A.-Bl.);L54(Juli  i9i8),S.54; 
MMW  1224;  LZ  910;  WI  8  1767;  ZB  41 
[Schweiz.  Archiv  fiir  Tierheilkunde  59, 
641];  AA. 

#  AJImenrdder,  Leutnant  und  Kampfflieger 
(39  Luftsiege) ,  Ritter  d.  »Pour  le  M£rite«; 

*  Wald  (Kr.  Solingen)  3.  V.  1896;  f  bei 
Zillebeke  so.  v.  Ypern  27.  VI.  [0  in 
Wald].  —  IZ  3866  (P);  E  1087  (P) ;  AA. 

AndUw-Homburg,  Kamill  Graf  v.,  badi- 
scher  Kammerherr  und  Obersthofmeister 
der     Groflherzogin    Luise    von     Baden; 

*  Freiburg  i.  B.  31.  XII.  1849;  f  Schlofi 
Mainau  27.  VIII.  —  FZ  28.  VIII.  (2.  M.- 
Bl.);  GT   1920. 

Arminius,  Wilhelm,  [urspriinglich :  Hermann 
Sehultie  11910  Namenwechsel !] ,  Dr .  phil. , 
Prof.,  Gymnasialoberlehrer,  Mitgl.  d.  Ge- 


meinniitz.  Ges.  der  Wiss.  in  Erfurt,  Ver- 
f  asser  vaterlandischer  Romane ;  *  Stendal 
20.  VIII.  1861;  t  Weimar  3.  V.  —  W.: 
Yorks  Offiziere  (Roman) ;  Altweimar 
(Buhnendichtung) ;  Luther  auf  der  Coburg 
( Buhnendichtung) ;  J  iigerblut  (6  1 9 1 7) ; 
Kunstlernovellen  (2i9i4);  Und  setzt  ihr 
nicht  das  Leben  ein  (Roman  8i9i4).  — 
LE  19,  u6i;BBl532(Nr.  105) ;  LpZ  7.  V.; 
LZ  493;  WI8  1767;  KL  17  (W);  BR  VI, 
342  f.  (W). 

*  Astor,  Robert,  Dr.  jur.  Mitinh.  der  Musi- 
kalienhandlung  Rieter-Biedermann  in 
Leipzig,  Vorsteher  des  Vereins  der  Deut- 
schen Musikalienhandler;  *  Leipzig 
31.  VIII.  1876;  f  La  Neuville  (Cham- 
pagne) 14.  IV.  Verleger  von  Brahms.  Der 
Verlag  ging  19 17  in  C.  F.  Peters-Leipzig 
auf.  —  BB1  399  (Nr.  93),  401  (94)  699 
(141).  77li.  (151).  1086  (215);  JP  85 
[AMZ  288;  NZ  148;  ZIB  17,  228;  Dt. 
Tonk.-Ztg.  94;  NMZ  38,  263;  Klavier- 
lehrer  89;  RMTZ  192];  FAT  32^;  A  387; 
AA. 

*  Baare,  Fritz,  Dr.-Ing.  e.  h.,  Geh.  Kommer- 
zienrat,  Generaldirektor  des  Bochumer 
Vereins  fiir  Bergbau  und  Gufistahlf abd- 
ication ;  *  Bochum  9 .  V.  1 8  5  5 ;  f  Oey nhausen 
10.  IV. —FZ  12.  IV.  (2.  M.-Bl.)  ;MdT  10; 
HPvSt.  i9i8;WI8  1767;  SozMH 649;  JSTG 
19  (1918).  98  f. ;  StE  37.  392  u.  417  *•  (P) ; 

*  VDI6i,4i7  (P);  DBJ  3/8  (E.  v.  Mutius). 
*  Back,  Karl  August  Albert  0 1 1  o ,  Dr.  med. 

h.  c,  D.  th.  h.  c.  Wirkl.  Geh.  Rat,  Exzell., 
Altbiirgermeister  von  Straflburg,  Kura- 
tor  der  Universitat  Straflburg;  *  Kirch- 
berg  i.  Hunsriick  30.  X.  1834;  f  Strafl- 
burgi.  E.  5.  I.  —  FZ6. 1.  (A.-Bl),  7.  I. 
(M.-Bl.) ;  WI 8  1 768 ;  DB J  8/1 3  (v.d.Goltz) . 
Bacquehem,  Oliver  Marquis  v.,  k.  u.  k. 
Kammerherr,  Geh.  Rat,  Minister  a.  D., 
1.  Prasident  des  osterreichischen  Ver- 
waltungsgerichtshofes,  Mitglied  des  oster- 
reich.  Herrenhauses ;  *  Troppau  25.  VIII. 
1847;  t  Wien  22.  IV.  —  DGK;  GT  1917; 
BZZ  9  [NFP  24,  28.  IV.]. 


646 


Totenliste  19 17:  Baeyer — Beck 


*  Baeyer,  Ritter  Adolf  v.,  Dr.  phil.,  med.  h.  c. , 
rer.  not.  h.  c,  Dr.-Ing.  e.  h.,  Geh.  Rat, 
Exzellenz,  o.  Prof.  d.  Chemie  a.  d.  Univ. 
Miinchen,  Nobelpreistrager  (1905) ;  *  Ber- 
lin 31.  X.  1835;  f  Miinchen  20.  VIII.  — 
W.:  Ges.  Werke,  2  Bde.  (1905).  —  FZ 
18.  IX  (1.  M.-BL);  BB1.  ion  (Nr.  197); 
WI8  1768;  JZ  3870  (P);  SozMH  899;  (P) ; 
E  1304  (P);  HPSt  1918;  GK;  L  54 
(Juli  1918),  54;  MdT  1  if  [Zeitschr.  f. 
angew.  Chemie  30  (1917).  229,  231,  443]; 
MMW  1 160  u.  133 if.  (Penzoldt);  Alma- 
nach  AdW  Wien  19 18,  248 — 255  (Weg- 
scheider);  Jb.  AdW  Miinchen  1918,  33 
bis  59  (Willstatter) ;  ZB  41  [Osterr.  Che- 
mikerztg.  216  u.  235 — 238  (Schleuk)  u. 
2 1 8  (Suida) ;  Prometheus  29,1—5  (Bugge) ] ; 
KL  05  (W);  AT  1917;  BZZ  9  [VZ  23. 
VIII. ;  TR  24.  VIII. ;  Diisseldorfer  Zeitung 
25.  VIII.];  PFV50  [N  III  191 5:  Zu  B.s 
80.Geb.-Tag  (Willstatter)  (P)];  DBJ  215/ 
218  (Schlenck). 

*  Baldamus,  Hartmuth,  Leutnant  und 
Kampfflieger,  Student  des  Maschinen- 
baus,  Ritter  des  Pour  le  mkrite  ;  *  Dresden 
10.  VIII.  1 891 ;  t  bei  St .  Marie  a  Py  14.  IV. 
—  GK;  BZ  42  [Ecce  du  Crucianer  1917, 
27];  AA. 

Barber,  Emil,  Leiter  des  Botanischen  Gar- 
tens in  Gorlitz;  •Thiemendorf  O.L.  14.  I. 
1857;  f  Gorlitz  26.  IV.  —  W.:  Flora  der 
Oberlausitz  (3  Tie.;  1897 — 19l7)-  — 
Jahresber.  der  Schles.  Ges.  95  (19 17),  1 
bis  2   (Pax). 

Barkhausen,  Carl  Georg,  Dr.  jur.,  Senats- 
prasident,  Biirgermeister  von  Bremen; 
*  Bremen  14.  II.  1848;  f  Bremen  5.  XI. — 
FZ  7.  XI.  (2.  A.-Bl.);  DGK;  WI  8  1767; 
DZL  50. 

*  Bassermann,  Ernst,  Rechtsanwalt  und 
Stadtrat  in  Mannheim,  M.  d.  R.,  Vor- 
sitzender  der  Nationalliberalen  Partei. 
Major  der  Landwehrkavallerie ;  *  Wolf- 
ach  i.  B.  26.  VII.  1854;  f  Baden-Baden 
24.  VII.  —  FZ  24.  VII.  (A.-Bl.),  25.  VII. 
(1  M.-BL),  26.  VII.  (2  M.-BL),  29.  VII. 
(2.M.-B1.);  Hamb.  Fremdenbl.,  Wochen- 
ausg.  19 17,  150,  S.  6;  IZ  3866  (Strese- 
mann)  (P) ;  WI  8  1768;  MWB1.  102,  Nr.  12; 
ZB  41  [Mannheimer  Geschichtsbl.  18,  7y, 
Deutsche  Corpsstudentenztg.  236 — 241 
(Buch) ;  Universum,  Weltrundschau  321 
(Stettenheim)];ZB42  [Stresemann.Macht 
und  Freiheit,S.  82 — 99] ;  ZB  43  [Univer- 
sum, Weltrundschau  191 8, 34, 2  (FrieC)]. — 
Elisabeth  v.  Roon,  geb.  Bassermann: 
E.  B.,  eine  politische  Skizze  (Berlin  1925) 
(P) ;  G.  Stresemann :  Red  en  und  Schriften 
I,  140 — 163;  Bassermannsche  Familien- 
nachrichten     VII,      118 — 124      (Kriegs- 


erinnerungen  B.s);  BZZ  19  [VZ  25.  VII. 
(May.) ;  BT  24.  VII.  (Dombrowsky) ;  HK 
27.  VII.  (Sierke);  Magdeb.  Zeitung 
25.  VII.;  Diisseldorfer  Zeitung  25.  VII.; 
RWZ  25.  VII.;  SchM  28.  VII.;  LNN 
25.  VII.];  RH  1912,  203;  R.  Eickhoff: 
Politische  Profile  (1927),  S.  121 — 126; 
Deutsche  Stimmen,  Jg.  39  (1927),  14, 
S.  417 — 419;  Mittelmann,  Ernst  B.s 
Reden  und  Aufsatze  I.Berlin  1914;  DBJ 
13/18  (Goldschmidt). 

Bauer,  Max  Hermann,  Dr.  phil.,  Geh.  Reg.- 
Rat,  o.  Prof,  der  Mineralogie  u.  Petro- 
graphie  a.  d.  Univ.  Marburg;  *  Gnaden- 
thal  b.  Schwab.-Hall  13.  IX.  1844; 
f  Marburg  4.  XI.—  FZ.  7.  XI.  (A.-Bl.)  ; 
DGK;  LZ  1 1 19;  Zentralbl.  f.  Mineral., 
Geol.  u.  Palaontol.  19 18,  73 — 79;  WN 
146 — 149  (Brauhauser) ;  L  53  (Nov. 
1917),  74;  PM  64,  30;  ZB  42;  KL  17; 
K  28  (W). 

Bauermeister,  Max,  Lustspieldichter ;  •  Ber- 
lin 25.  II.  1841;  f  Berlin  23.  I.  —  LpZ 
25.  I.;  Dtsch.  Biihnenjb.  29  (1918),  161; 
BR  I,   141  f  (W). 

Baumeister,  Reinhard,  Dr.  med.  h.  c,  Dr.- 
Ing.  e.  h.,  Geh.  Rat,  Prof.  d.  Ingenieur- 
wissenschaften  und  des  Stadtebaues  a. 
d.  Techn.  Hochschule  Karlsruhe;  *  Ham- 
burg 11.  XII.  1833;  f  Karlsruhe  11.  XII. 
—  FZ  12.  XII.  (A.-Bl.);  DGK;  LZ  1233 
BB1  1260  (Nr.  291);  ZB  42  [DBZ  52,  6 
S.    14    (Eiselen);    VDI   IX,    10    (Lang) 
Zeitschr.  d.  Verb,  dtsch.  Archit.  u.  Ing.- 
Vereine  VII,   5] ;  M7  I,    1598. 

Baumeister,  Bernhard,  s.  Baumuller. 

BaumQller  [Pseud.  Baumeister],  Bernhard. 
Regisseur  und  (seit  1852)  Hofschauspieler 
am  Wiener  Burgtheater,  Nestor  der  deut- 
schen  Schauspieler ;  *  Posen  28.  IX.  1828; 
f  Baden  b.  Wien  26.  X.  —  FZ  27.  X. 
(A.-Bl);  DGK;  WI  8  1768;  SozMH  1198; 
IZ  3880  (P) ;  Neue  osterr.  Biographie  Bd 
I.  195 — 203  (Wittmann) ;  ZB  41  [Schau- 
biihne  444 — 447  (David)];  ZB  42  (Jahrb. 
der  dtsch.  Shakespeare-Ges.  54,  74 — 89) ; 
EG6if. 

Bautz,  Josef,  Dr.  theol.,  a.o.  Prof.  d.  kathol. 
Dogmatik  u.  Apologetik  a.  d.  Univ. 
Munster;  •  Keeken  b.  Cleve  20.  XI.  1843; 
f  Munster  19.  III.  —  W.:  Grundziige  der 
kathol.  Dogmatik  (3  Tie.,  1880 — 90).  — 
FZ  21.  III.  (A.-BL);  HPSt;  DGK;  LZ 
361;  SozMH  550;  K  32   (W);  AA. 

•  Beck,  Theodor,  Dr.-Ing.  e.  h.,  Prof.  a.  D. 
der  Techn.  Hochschule  Darmstadt,  Histo- 
riker  der  Technik;  •  Darmstadt  3.  VI. 
1839;  f  Darmstadt  30.  VII.  —  W.:  Ber- 
trage  zur  Geschichte  des  Mascliinenbaues 
1899,    2.  Aufl.    1900.  —  FZ     14.    VIII. 


Totenliste  19 17:  Becker — Bettinger 


647 


(A.-Bl.) ;  WI*  1 768 ;  MdT  1 5  f .  (C.Walther) ; 
ZB  41  [Geschichtsbl.  fiir  Technik,  Ind. 
u.  Gewerbe  IV,  161  (Feldhaus);  VDI  61, 
772];  DBJ  18/21  (Meisel). 
Becker,  Hans,  Violinist,  Professor,  Lehrer 
am  Konservatorium  der  Musik  in  Leipzig ; 
•StraCburg  i.E  .  12.  V.  i860;  f  Leipzig 

1.  V.  —  AMZ  44,  317;  NMZ  38,  263; 
Deutsche  Tonkiinstlerzeitung  94;  Neue 
Zeitschr.  f.  Musik  164;  Der  Klavierlehrer 
89;  LpZ  2.  V. 

#  Behrens,  Wilhelm,  Dr.  phil.,  Privatdozent 
der  Mathematik  a.  d.  Univ.  Gottingen, 
Leutnant  d.  Res. ;  *  Hannover  9.  X.  1885 ; 
t  23.  VI.  —  LpZ  5.  VII.;  SozMH  847; 
HPSt  1918;  PF  V  85  (W);  AA. 

*  Bchring,  Emil  v.,  Dr.  med.,  Wirkl.  Geb. 
Rat,  Exzellenz,  o.  Prof.  d.  Hygiene  a.  d. 
Univ.  Marburg,  Begriinder  der  Serum- 
therapie;  •  Hansdorf  b.  Dt.-Eylau 
(Westpr.)  15.  III.  1854;  t  Marburg  31. 
III.  —  LpZ  2.  IV.;  FZ  31.  III.  (A.-Bl.), 

2.  IV.  (M.-Bl.  u.  A.-BL),  4.  IV.  (I.M.-B1.) 
und  28.  IV.  (A.-Bl.);  Hamb.  FBI., 
Wochenausg.  134  (9.  IV.);  BB1.  324 
(Nr.  78);  Aus  der  deutschen  Tages- 
presse  i9i7,Nr.  15;  LZ  392;  SozMH  446!. 
(Kraft);  IZ  3851  (Marcuse)  (P) ;  HPSt 
1918;  WI8  1768;  MMW  480  u.  585f. 
(Matthes),  1235—39  (v.  Gruber);  L  54 
(Juni  1918),  S.  51;  BZ  41  [Internat.  Zbl. 
furTuberkuloseforschung  XI,  282  (Much) ; 
Die  Irrenpflege  2 1 ,  j^ — 76  (Schottelius) ; 
WKW  483 — 486  (Joannovics) ;  Zeitschr. 
fiir  Tuberkulose  28,  196  (Much);  Uni- 
versuni  (Weltrundschau)  137  (Romer)]; 
In  memoriam  Paul  Ehrlich  und  E.  v. 
Behring,  Frankfurt  a.  M.  1924  (W) ; 
AT  1917;  PBL  125 f.  (P),  (W);  BZZ  9 
[BT  1.  IV.  (Friedemann) ;  SchM  2.  IV.; 
VZ  1.  IV.  (Morgenroth) ;  KZ  1.  IV.;  TR 
2.  IV.  (Weber);  Konigsb.  Hartungsche 
Ztg.  6.  IV.  (Gerber);  Pester  Lloyd 
29.  V.]  DBJ   21/26  (Dold). 

Benary,  Friedrich,  Kommerzienrat,  In- 
haber  der  Samenhandlung  E.  Benary  u. 
President  der  Handelskammer  in  Erfurt : 

♦  Erfurt  4.  I.  1850;  j  Erfurt  12.  VI.  — 
FZ  13.VI.  (1.  M.-Bl.);  DGK;  AA. 

Benecke,  Ernst  Wilhelm,  Dr.  phil.,  em.  o. 
Prof,  der  Geologie  u.  Mineralogie  a.  d. 
Universitat  Straflburg,  ehem.  Leiter  der 
geolog.  Landesuntersuchungsanstalt  fiir 
ElsaU-Lothringen,  korresp.  Mitglied  der 
AdW   Berlin  und  der  GdW  Gottingen; 

*  Berlin  16.  III.  1838;  |  StraBburg  i.  E. 
7.  III. —  LpZ  9.  III.;  SozMH  899;  FZ 
10.  III.  (A.-Bl.);  HPSt  1918;  GA  103; 
BB1  244  (Nr.  59) ;  DZL  82 ;  L  54,  ^  1  f . ;  K 
(W). 


Berger,  Josef,  Edler  v.  Weyerwald,  Hofrat, 
Sektionschef  im  osterreich.  Unterrichts- 
ministerium;  *  Weyer  11.  III.  1836; 
f  Wien  30.  VI.  —  Oberosterreichische 
Mannergestalten  (Linz  1926),  S.  74 
(Schenk)  (P)  [Festschrift  der  Linzer 
Bundes-Lehrer-  und  Lehrerinnen-Anstalt 
(1926),  S.  38f.  u.  5of.]. 

Bergmann,  Fritz,  Dr.  med.  h.  c,  Verlags- 
buchhandler  in  Fa.  I.  F.  Bergmann  und 
C.  W.  Kreidels  Nachf.  in  Wiesbaden. 
*  Wiesbaden  23.  XL  1849;  f  Konigstein 
22.  VIII.  —  FZ  26.  VIII.  (2.  M.-Bl.); 
BB1  1028  (Nr.  200);  MMW  1160;  AA. 

Berlage,  Carl  Franz,  Dr.  theol,  Dompropst 
der  Metropolitankirche  zu  Koln,  papstl. 
Protonotar  u.  Hauspralat;  *  Salzbergen 
(Kr.  Lingen)  20.  VIII.  1835 ;  f  Koln  a.Rh. 
27.I.— AA.;LpZ29.I.;HPStiqi8;  WI* 
1768;  ZB  41  [Mitteil.  d.  Ver.  f.  Gesch.  11. 
Landeskunde  v.  Osnabriick  40,  399]; 
ZB  42  [Alt-K61ner  Kalender   1918,  87]. 

#  Bemrelter,  Rudolf,  osterreich.  Dichter  u. 
Schriftsteller,  Leutnant;  *  Marburg  a. 
Drau   25.  III.  1895;   t   am  Isonzo   18. V. 

—  W.:  Kiiegsgedichte ;  Kriegserzah- 
lungen ;  O  du  mein  Volk  ( Versspiel  *  1 9 1 4) . 

—  LZ  589;  SozMH  806;  Osterr.  Rs.  63, 
237f.  (Kukula);  KL   17  (W). 

Bernstein,  Julius,  Dr.  med.,  Geh  Medizinal- 
rat,  em.  o.  Prof.  d.  Physiologie  u.  Direk- 
tor  des  Physiologischen  Instituts  der 
Universitat  Halle;  *  Berlin  8.  XII.  1839; 
f  Halle  6.  II.  —  W.:  Lehrbuch  der  Phy- 
siologie (1894).  —  FZ  9.  II.  (A.-Bl.); 
BB1  131  (Nr.  33/34);  M  201  u.  225; 
SozMH45i;MMW24o;LS3(Febr.  1917), 
S.  17;  HPSt  1918;  WI8  1768;  DZL  96; 
HBL  I  424;  PBL  153  (P)   (W);  K  (W). 

t&  Berrer.  Albert,  Kgl.  Wiirtt.  Generalleut- 
nant,  Fiihrer  des  Generalkommandos  51, 
GroBkreuz  des  Friedrichsordens  m.  Schw. , 
Ritter  des  Pour  le  mkriie ;  *  Unterkochen 
b.  Aalen  8.  IX.  1857:  f  San  Gotthardo  vor 
Udine  28.  X.  —  Schlacht  in  Lothringen 

1 9 14,  Somme  Herbst  19 14,  Masuren- 
schlacht  191 5,  Litauen  191 5,  Narodzsee 

191 5,  Durchbruchsschlacht  in  Ostgalizien 
19 1 7,  t)bergang  iiber  die  Diina  bei  Riga 
1917,  Schlacht  am  Isonzo  1917.  —  FZ 
4.  XI.  (1.  M.-Bl.);  ERL;  DGK;  WN  143 
bis  146  (v.  Muff);  Schw.  Merkur  559 
(v.  Muff). 

*  Bettinger,  Franz  Karl  v..  Dr.  theol.,  Kar- 
dinal,  Erzbischof  von  Munchen-Freising, 
kathol.  Feldpropst  der  bayerischen 
Armee;  *  Landstuhl  (Pfalz)  17.  IX.  i8«;o; 
t  Miinchen  12.  IV.  —  FZ  13.  IV.  (1.  M.- 
Bl.)  ;  DGK;  IZ  3852  (P) ;  ZB  44  [Zeitschr. 
f.  kathol.  Theol.  43,   371];  BZZ  9  [Ger- 


648 


Totenliste  191 7:  Bezzel — Blumenthal 


mania  13.  IV.;  MNN  1.  IV.;  KV  13.  u. 
16.  IV.];  M7  II  276;  Preysing,  Kard.  B., 
Regensburg  1 9 1 8 ;  DB  J  2  7/3 1  (Knecht)  (L) . 

*  Bezzel,  Hermann,  RHter  von.  Dr.  theol., 
President  des  Evangel.  Oberkonsistoriums 
in  M iinc hen,  Exzellenz;  *  Wald  bei  Gun- 
zenhausen  18.  V.  1861 ;  f  Miinchen  8.  VI.; 
begraben  Wald  b.  Gunzenhausen.  — 
W.:  Ges.  Aufsatze  (1918).  —  BB1  668 
(Nr.  133);  ELK  50,  24.  Sp.  5651.  u.  5731-. 
25,  598f.;  ELK  51,  Nr.  30,  34,  35,  36,  37, 
38,  39,  40,  41,  42  u.  44  (E.  Bezzel,  Gdtz 
u.  a.);  ZB  41  [Kirch  1.  Jahrb.  44,  428 
(Kropatschek)  u.  610  (Schneider);  Ev.- 
luth.  Missionsbl.  72,  172;  Vierteljahrschr. 
f.  innere  Mission  37,  261  (Ulbrich) ;  Pro- 
testantenblatt  479 ;  Neue  Kirchl.  Zeitschr . 
28,  481 — 494  (Engelhardt)] ;  ZB  42  [Allg. 
Rundschau  14,  401 ;  Studierstube  16,  44 
bis  48];  ZB.  43  [Protest.  Monatsh.  1918, 
345  (Schwerdtmann)] ;  Lebenslaufe  aus 
Franken  II,  29  ff.  (Sperl);  M7  II,  313; 
DBJ  31/35  (Rupprecht),  dort  S.  35  auch 
ein  Verzeichnis  der  iiber  B.  erschienenen 
Biicher  (L). 

Blreh-Hfrsohfeld,  Adolf,  Dr.  phil.t  Geh.  Hof- 
rat,  o.  Prof,  der  neueren  Sprachen  a.  d. 
Univ.  Leipzig,  o.  Mitgl.  d.  Kgl.  Sachs. 
Ges.  d.  Wiss. ;  *  Kiel  1 .  X.  1849;  t  Leipzig 
1 1 . 1.  —  W. :  Geschichte  der  franzdsischen 
Literatur  (mit  H.  Suchier)  (a  191 3).  — 
LpZ  12.  I.;  LZ8o;WI8  1769;  LE  19.  648; 
DGK ;  Ber.  Verh.  GdW  Leipzig,  Phil.-hist . 
Klasse  1917,  VIII,  1 — 14  (Forster); 
ZB  41  [Zeitschr.  fur  franz.  u.  engl.  Unter- 
richt  16,  195 — 199  (Frankel)];  KL  17 
(W) ;  GroBe  jiidische  Nationalbiogr.  I  378. 

#Bisehott(-Culm),  Ernst,  Maler,  Mitglied 
der  Berliner  Sezession;  *  Culm  a.  W. 
13.  III.  1870;  I  (Juli/Aug.)  191 7  in 
Frankreich.  —  W.:  Auf  dem  Wege  zur 
Kirche  (Museum,  Magdeburg);  Die 
Fluchtlinge  von  Memel;  Portrat  Hey- 
manns  im  Berliner  Rathaus;  Zeitschrif- 
tenillustrationen.  —  BB1  968  (Nr.  188); 
Kchr.  NF  28,  41,  Sp.  484;  SozMH  958; 
TB  IV,  57,  MS  VI,  27. 

*  Blssing,  Freiherr  Moritz  v.,  Generaloberst, 
Generalgouverneur  von  Belgien,  a  la  suite 
des  Regiments  der  Gardesdukorps ;  *  Bell- 
mannsdorf  (Schles.)  30.  I.  1844;  f  Trois- 
Fontaines  bei  Briissel  18.  IV.  —  FZ 
19.  IV.  (2.  M.-Bl.)  (A.-Bl.),  21.  IV.  (2.M.- 
Bl.);  HPSt  1918;  MWB1.  101,  Nr.  172; 
WI8  1769;  DGK;  ERL;  SozMH  429 
u.  491;  E  653  (P);  ZB  41  [Deutsch- 
lands  Erneuerung  381  (B.s  Politisches 
Testament);  Allgem.  Literaturbl.  353  bis 
358  (Neuwirth);  Deutsche  Revue  (Okt.) 
72—76];  ZB  42  [Allgem.  Rundschau  14, 


326];  ZB  43  [Nord  u.  Slid  5.  663—667 
(Lindequist)] ;  FT  1918;  Das  Echo,  Jahrg. 
36,  604;  BZZ  9  [NA  20.  IV.;  BT  19.  IV. 
(Michaelis);  Dresdner  Anz.  20.  IV.; 
Zuricher  Post  20.  IV.;  VZ  21.  IV.  (Rau- 
scher);  Schw  M  19.  IV,  25.  IV;  Ger- 
mania  23.  IV.;  NPZ  25.  IV.];  LA  (W); 
DBJ  35/54  (OBwald). 

Blankenburg,  E.,  s.  Gnauck-Kiihne. 

Blankenhorn,  Ernst,  Dr.  phil.,  Kommerzien- 
rat,  Weingutsbesitzer,  M.  d.  R.  und  des 
bad.  Landtags  (Nationallib.) ;  *  Mull- 
heim  (Baden)  14.  VI.  1853;  t  Miill- 
heim  19.  V.  —  FZ  20.  V.  (2.  M.-Bl.), 
22.  V.  (2.  M.-Bl.),  23.  V.  (A.-Bl.);  RH 
1912,  213. 

Bleichrfder,  Hans  v.,  Kommerzienrat,  Kon- 
sul,  Bankier,  Seniorchef  des  Bankhauses 
S.  Bleichrdder;  •  Berlin  13.  II.  1853; 
f  Berlin  1 1 .  I.  —  FZ  1 1 .  I.  (A.-Bl.) ;  WI8 
1769;  DGK;  Grofle  Jiidische  National- 
biographie,  I  387 f.;  AT  191 7. 

Blennerhasset,  Charlotte,  geb.  Grafin  v.  Ley- 
den,  Dr.  phil.  h.  c,  Schriftstellerin  und 
Geschichtschreiberin ;  •Miinchen  19.  II. 
1843;  f  Miinchen  11.  II.  —  W.:  Frau 
v.  Stael  (3  Bde.,  1887/89;  franz.  1890. 
engl.  1891);  Talleyrand  (1894,  engl. 
1894);  Maria  Stuart  (1907);  Streiflichter 
(Essays,  191 1,  engl.  1912).  —  FZ  13.  II. 
(2.  M.-Bl.);  BB1  144  (Nr.  37);  LZ  225; 
SozMH  264f.;  IZ  3844  (P) ;  WI8  1769;  HV 
18,  344;  H  14,  6.  Sp.  753f.;LE  19,  603 bis 
605  (Heilborn) ;  719 — 721  u.  777 f.  (v.  Bun- 
sen);  KL  17  (W);  BZZ9[NZZ  31.  XII. 
1916;  HN  27.  II.;  BT  26.  II.];  PY  I  77. 

Blumenthal,  Oskar,  Dr.  phil.,  Schriftsteller. 
Lustspieldichter,  Kritiker  des  Berliner 
Tageblatts,  Griinderu.  (1888 — 97)  Leiter 
des  Lessingtheaters;  •  Berlin  13.  III. 
1852;  f  Berlin  24.  IV.  —  W.:  Im  weifien 
RoBl  (Lustspiel,  mit  Kadelburg)  (1898). 
—  FZ  25.  IV.  (2.  M.-Bl.),  25.  IV.  (A.-Bl.), 

27.  IV.  (2.  M.-Bl.),  2.  V.  (A.-Bl.)  (Claar), 
11.  V.  (A.-Bl.);  HFBL,  Wochenausg.  137 
(29.  IV.);  BB1  424  (Nr.  97);  LZ  468; 
SozMH  555f.  (Zepler);  IZ  3854  (Claar) 
(P);  WI8  1769;  ZB  41  [Universum,  Welt- 
rundschau  175  (Kappstein)] ;  LE  19. 
io68f.  u.  1096  [N.  Wiener  Journal  8436; 
Zuricher  Post  193;  KZ  401;  Konigsb. 
Hartungsche  Ztg.  191 ;  Berl.  Tagebl.  208; 
Berl.  Borsen  -Courier  191];  Deutsches 
Biihnenjahrbuch  29  (1918),  1 67  f . ;  KL  17 
(W) ;  BR  1 266  f.  (W) ;  ZB  44  [Die  deutsche 
Buhne,  Jahrg.  IX  244] ;  BZZ  9  [Konigsb. 
Hartungsche  Ztg.  25.  IV.;  FZ  2.  V. 
(Claar);  VZ  25.  IV.  (Claar);  BT  25.  IV.; 
NFP  25.  u.  26.  IV.  u.  1.  V.  (Lindau);  BT 

28.  IV.  (Engel)]. 


Totenliste  1917:  Boch-Galhau — Brandt 


649 


#1  Boeh-Galhau,  Roger,  Dr.  rer.  pol.,  Gene- 
raldirektor  der  Firma  Villeroy  &  Boch 
in  Mettlach,  Herr  auf  Linslerhof,  Ritt- 
meister  d.  Res.  des  2.  Gardedragoner- 
xegiments;  *  Mettlach  10.  XII.  1873;  t 
22.  VII.  —  FZ  29.  VII.  (2.M.-BI.)  HPSt 
1918;  AT  jqio. 

Bftekenhoff,  Karl,  Dr.  theol.,  Dr.  jur.  can., 
o.  Prof.  d.  kathol.  Moraltheologie  a.  d. 
Univ.  Strafiburg;  •  Schermbeck  10.  VII. 
1870;  t  StraBburg  i.  E.  9.  V.  —  W.: 
Kathol.  Kirche  u.  moderner  Staat  (191 1) ; 
Reformehe  u.  christl.  Ehe  (191 2);  Das 
ubernaturliche  Leben  (1916).  —  FZ  16.  V. 
(A.-Bl.) ;  LpZ  1 1 .  V. ;  LZ  541 ;  KL  17  (W) ; 
Herders  Konvers.-Lex.  II.  Erg.-Bd. 

Bode,  Adolf,  Dr.  phil.,  Geh.  Reg.-Rat,  Pro- 
vinzialschulrat  in  Konigsberg,  Padagoge ; 

*  St.  Andreasberg  (Hannover)  13.  VI. 
1833;  |  Konigsberg  i.  Pr.  21.  IV.  —  LZ 
201;  HPSt  1918;  ZB  42  [Unterr.  f.  Ma- 
them.  u.  Naturwiss,  23,  2  und  30 
(Schwab)];  AA. 

Boos,  Heinrich,  Dr.  phil.,  o.  Prof,  der  mitt- 
leren  u.  neueren  Gesch.  a.  d.  Univ.  Basel. 
Erforscher  rheinischer  Stadtegeschichte ; 
•Cannstadt  14.  VI.  185 1.  f  Basel  VII.  — 
W.:  Gesch.  der  Stadt  Basel  im  Mittel- 
alter  (1877);  Urkundenbuch  der  Land- 
schaft  Basel  (3  Bde.,  1881/83);  Gesch. 
der  Rheinischen  Stadtekultur   (4  Bde., 

*  1 897/ 1 901);  Gesch.  der  Freimaurerei 
(*  1906).  —  LpZ  20.  VII.;  FZ  19.  VII. 
(A.-Bl.);  LZ  773;  SozMH  1007;  ZB  43 
[Anzeiger  fur  Schweiz.  Gesch.  49,  92]; 
KL  17  (W). 

Borehardt,  Hans  Genremaler;  *  Berlin 
11.  IV.  1865;  f  Munchen  8.  I.  —  W.: 
Der  Brief  (Neue  Pinakothek,  Munchen). 
—  FZ  10.  I.  (A.-Bl.);  DGK;  Kchr,  NF 
28,  17,  Sp.  164;  WI7  164.  8  1769;  BB1  32 
(Nr.8);MSV,  33  u.  VI,  32. 

Borekenhagen,  Ludwig,  Admiral  z.  D.,  zu- 
letzt  Inspekteur  des  Bildungswesens  der 
Kaiserl.  Marine,  Reichskommissar  beim 
Oberprisengericht ;  *  Minden  i.  W.  1 5 .  VII. 
1850;  f  Berlin  17.  VI.  —  MW  101, 
Nr.  200;  BB1  728  (Nr.  143);  AA. 

Bormann,  Eugen,  Dr.  phil.,  Hofrat,  em.  o 
Prof,  der  alten  Geschichte  u.  Epigraphik 
a.  d.  Univ.  Wien,  o.  Mitgl.  d.  AdW  Wien, 
korr.  Mitgl.  d.  AdW  Berlin;  *  Hilchen- 
bach  (Westfalen)  6.  X.  1842;  f  Kloster- 
neuburg  5.  III.  —  FZ  7.  III.  (A.-Bl.); 
LpZ  6.  III.;  BB1  232  (Nr.  56);  DGK; 
LZ  304;  SozMH  265;  LE  19.  843;  HPSt 
19 18;  HV  18,  344;  Almanach  AdW  Wien 
19 17,  454 — 466  (Kubitschek)  (P);  ZB  41 
[Mitteil.  d.  k.  k.Geogr.  Ges.  in  Wien  60, 
409  (Frankfurter)] ;  ZB  42  [Das  humanist. 


Gymnasium   1918,  24 — 27   (Griinwald)]; 
K  73  (W);  Pfortner-Ecce  1917.  16 — 19; 
M7  II  676. 
Bdrngen,  Viktor, Dr.  jur.,  President  desThu- 
ringischen   Oberlandesgerichts   in   Jena; 

*  Altenburg  (Thiir.)  19.  X.  1855;  t  Jena 
9.  III.— AA;  DGK;  HPSt  1918;  ZB  42 
[Bl.  fur  Rechtspflege  in  Thuringen  u.  An- 
halt  64,  81 — 109]. 

Bosch,  Ernst  Karl,  Portrat-  und  Genre- 
maler, Archivar  des  Kunstlervereins 
»Malkasten«;  *  Krefeld  23.  III.  1834; 
f  Diisseldorf  22.  III.  —  W.:  Bauernlrin- 
der  u.  Savoyardenknabe  (1869,  Bremen, 
Kunsthalle);  Savoyardenknabe  (1868, 
JIannover,  Provinzialmuseum) ;  Illustr. 
zu  »Werthers  Leiden*.  —  LpZ  24.  III.; 
DGK;  Kchr,  NF  28,  27  Sp.  280;  WI7 
170.8  1769;  TB  IV  386;  MSI  157,  VI  33. 

Boese,    Johannes,     Professor,     Bildhauer 

*  Ratibor  27.  XII.  1856;  f  Berlin  20.  IV 

—  W.:  Kriegerdenkmal  (Hasenheide) 
Denkmal  Albrechts  des  Baren  (Berlin) 
Kaiser  Wilhelm-Denkmal  (Liegnitz),  Kai 
ser  Friedrich- Denkmal  (Posen)  . —  Kchr 
NF  28,  30  Sp.  308;  DGK;  ZB  42  [Ober 
schlesien  16,  82];  WI8  1769;  TB  IV,  206 
(W);MSV3o,  VI3o(W). 

Bdttger,  Hermann  Julius,  Dr.  phil.,  Chel- 
redakteur  der  » Pharmazeutischen  Zei- 
tung«;  •  Strelno  (Posen)  28.  H.  1843; 
f  Berlin  2.  XI.  —  W.:  Die  preufi.  Apo- 
thek.-Gesetze  (5  191 3);  Die  reichsges. 
Bestimmungen  iiber  den  Verkehr  mit 
Arzneimitteln  (4  1902).  —  MMW  15 12; 
DGK;  WI8  1769;  ZB  41  [Berichte  der 
dtsch.  pharmaz.  Ges.  27,  421  (Arends) ; 
Pharmaz.  Post  785;  Pharmaz.  Zeitung 
607  (Urban)];  KL  17  (W) ;  M7  II  721. 

Braaseh,  August  Heinrich,  D.  theol.,  Ober- 
pfarrer  u.  Superintendent  in  Weimar, 
theol.  u.  philos.  Schrif tsteller ;  *  Liens- 
feld  b.  Eckernforde  4.  I.  1846;  f  Wei- 
mar 9.  XI.  —  W.:  Die  religiosen  Stro- 
mungen  der  Gegenwart  (2  1909).  —  LZ 
1164;  BB1  1223  (Nr.  272);  KL  17  (W) ; 
AA. 

Brandls,  Otto,  Dr.  jur.,  Prasident  des  han- 
seatischen  Oberlandesgerichts;  *  Liibeck 
7.  IX.  1856;  f  Hamburg  20.  VII.  —  W.: 
Dasdeutsche  Seerecht  (2  Bde.,  1908) ;  Her- 
ausgeber  der  »Hanseat.  Gerichtszeitung*. 

—  BB1  872  (Nr.  170);  DGK;    DZL  165. 
Brandt,   August,    Dr.    theol.,    o.    Prof,   der 

kathol.  Pastoraltheologie  a.  d.  Univ. 
Bonn;  •  Vaels  22.  VIII.  1866;  f  Bonn 
21.  I.  —  FZ  23.  I.  (A.-Bl.);  HPSt.  1918; 
LZ  143;  LpZ  24.  I.;  ZB  42  [Die  literar. 
Gesellschaft  IV,  217 — 227  (Himmel- 
heber)];  A  A. 


650 


Totenliste  191 7:  Brauer — Biilbring 


Brauer,  August,  Dr.  phiL,  Geh.  Reg.-Rat, 
o.  Prof.  d.  Zoologie  a.  d.  Univ.  Berlin, 
Direktor  des  Zoologischen  Museums; 
*  Oldenburg  3.  IV.  1863;  |  Berlin  10.  IX. 
—  FZ  14.  IX.  (2.  M.-Bl.);  BB1  1080  (Nr. 
215);  HPSt  1918;  L  54  (Juli  1918),  54f; 
LZ  933;  ZB  41  [SB  der  Ges.  naturforsch. 
Freunde  Berlin  497  (Heinroth)];  ZB  42 
[Zeitschr.  fur  Ethnol.  49,  206];  ZB  43 
[Abh.  der  AdW  Berlin,  Phys.  Kl.  1918. 
Beilage  3 — 6  (Waldeyer-Hartz) ;  Mitteil. 
des  Zoolog.  Museums  Berlin  X,  1 — 12 
(Vanhoffen)] ;  KL   17. 

*  Brentano,  Franz  v.,  Dr.  phiL,  vormals 
Prof,  der  Philosophic  a.  d.  Univ.  Wien, 
korresp.  Mitgl.  d.  AdW  Wien  und  Berljn, 
Philosoph  u.  Psycholog,  Verkiinder  der 
Idiogenetischen  Urteilslehre ;  *  Marien- 
berg  b.  Boppard  16.  I.  1838;  f  Zurich 
17.  III.  —  W.:  Uber  die  Zukunft  der 
Philosophic  (1893);  Untersuchungen  zur 
Sinnespsychologie  (1907);  Aristo  teles 
(1914)-  —  FZ  24.  III.  (A.-Bl.);  LpZ  19. 
III.;  BB1  280  (Nr.  68) ;  LE  19,  9<>7  u.  942 ; 
LZ  361 ;  SozMH  438  u.  65of .  (Nachman- 
sohn);  HPSt  1918;  ZB  41  [Kantstudien 
22,  217—242  (Utitz);  H  (Sept.)  760  (Ett- 
linger) ;  Zeitsclir.  fiir  Hochschulpadagogik 
VIII  2/3];  ZB  42  [A.  Marty,  Ges.  Schrif- 
ten  (19 1 8)  I  1,  95 — 104].  —  Almanach 
AdWr  Wien.  506—518  (Hofler);  Neue 
osterr.  Biogr.  Ill,  S.  102 — 1 18  (0.  Kraus) 
(P;  W);  [NFP  20./21.  IV  (Cloeter)  u. 
19./23.V.  1923  (v.  Winter);  SMH  (Marz- 
hef t)  ( Hofler) ;  Lebenslauf  e  aus  Fran- 
ken  II,  67fl  (1922)  (Stumpf) ;  Zeitschr.  fiir 
osterr.  Mittelschulen  II  3  (Schlogl,  mit 
Quellenangaben !) ;  Monatshefte  fiir  pad- 
agog.  Reform  (19 18;  Sonderheft,  dem 
Andenken  von  F.  B.  gewidmet);  Dora 
Stockert-Meynert,  Aus  meinem  Vater- 
hause,  Erinnerungen  an  F.  B.;  0.  Kraus, 
F.  B.  (Miinchen  19 19;  S.  1  Verz.  der  er- 
schienenen  Nekrologe!  m.  P) ;  M.  Puglisi, 
F.B.  (Rom  1921,  italienisch)];  KL17  (W) ; 
ZB  44  [V.  KrauB,  F.  B.  Miinchen  19 19 
(0.  Kraus  u.  a.)];  BZZ  9  [Leipziger 
Volkszeitung  5.  IV.;  NZZ  28.  III.  u. 
ff.;  K  V  5.  V.;  Frank.  Kurier  28.  IV. 
u.  ff .] ;  Neue  Osterr.  Biogr.  Ill  (0.  Kraus) 
1926;   DBJ  54/61    (Stumpf)  (L). 

Brode,Max,  Professor, Geigen virtuose,  Leiter 
der  Konigsberger  Singakademie,  Schopfer 
der  Konigsberger  Sinf oniekonzerte ;  ♦Ber- 
lin 25.  II.  1850.  f  Konigsberg  30.  XII.  — 
FZ  1.  I.  (2.  M.-Bl.);  SozMH  1912,  220 
(Schwarz);  JP  86  [AMZ  1918,  11;  NZ  f . 
Musik  1918,  12;  Signale  1918,  50;  DMZ 
1918,  10;  NMZ  39,  128;  Dt.  Tonk.-Ztg. 
1918,  11];  R    i65f;  FAT  q6;  A  72. 


Bruenneck,  Wilhelm  v.,  Dr.  jur.,  Dr.  phU. 
h.  c,  Geh.  Justizrat,  o.  Hon.-Prof.  des 
deutschen  biirgerl.  Rechts  u.  der  Rechts- 
geschichte  a.  d.  Univ.  Halle;  •  Berlin 
7.  III.  1839;  t  Halle  a.  S.  13.  IV.  —  W.: 
Siziliens  mittelalterl.  Stadtrecht  (1881); 
Zur  Gesch.  des  Grundeigen turns  in  Ost- 
u.  WestpreuBen  (3  Bde.,  1891/96);  Das 
Pfandbrief system  der  preuBischen  Land- 
schaften  (1910).  —  FZ  14.  IV  (A.-Bl.); 
BBL  376  (Nr.  88) ;  HV  18,  344^  :  LZ  445  ; 
ZB  43  [Zeitschr.  d.  Savigny-Stiftung. 
German.  Abt.  39.  V— XXIV  (Rehme)]; 
KL  17  (W);  K  89  (W). 

Buchka,  Karl  v.,  Dr.  phiL,  Wirkl.  Geh. 
Oberregierungsrat,  Prof.  d.  Chemie  a.  d. 
Techn.  HochschuleBerlinu.  a.o.  Prof.  a.  d. 
Univ.  Berlin,  Vortrag.  Rat  im  Reichs- 
schatzamt,  Vorsteher  der  Kaiserl.  techn. 
Priifungsstelle,  Vors.  der  Gesellschaft  fiir 
Geschichte  der  Medizin  und  Naturwissen- 
schaft;  *  Rostock  7.  V.  1856;  f  Basel 
16.  II.  —  Mitherausg.  des  Archiv  fiir  die 
Gesch.  der  Naturwiss.  u.  der  Technik  und 
der  Zeitschr.  fiir  Untersuchung  der  Nah- 
rungs-  u.  GenuBmittel.  —  W.:  Lehrbuch 
der  analyt.  Chemie  (a  1902);  Die  Nah- 
rungsmittelgesetzgebung  im  Dtsch.  Reich 
(*  1 9 1 2) ;  Die  Lebensmittelgewerbe  (4  Bde . , 
1916 — 17).  — LpZ  19.  II.;  LZ247;  HPSt 
1918;  BB1  172  (Nr.  43);  MMW  344;  WI7 
212;  8i77o;  KL  17  (W);  AT  1919;  PF 
V  182  (W). 

§j  Buchner,  Eduard,  Dr.  phiL,  Geh.  Reg.- 
Rat,  o.  Prof,  der  Chemie  a.  d.  Univ. 
Wiirzburg,  Nobelpreistrager,  Major  d. 
Reserve;  *  Miinchen  20.  V.  i860;  f  13. 
VIII.  in  einem  Feldlazarett  in  Fokschani 
(Rumanien).  —  FZ  26.  VIII.  (2.  M.-Bl.) ; 
LZ  861;  SozMH  1092;  L  53  (Okt.  1917). 
71;  BB1  1032  (Nr.  201);  MMW  1160; 
Jahrb.  d.  Schles.  Ges.  95  (191 7),  2 — 4 
(Biltz) ;  ZB  41  [Chem.-Ztg.  753  (Harries) ; 
Osterreich.  Chem.-Ztg.  228  (Jalowetz); 
Gesch.-Bl.  fiir  Technik,  Ind.  u.  Gew.  IV, 
160] ;KL  17;  PFV182  (W). 

Buhard,  Alfons,  Dr.  phiL,  Direktor  des 
stadtischen  chemischen  Untersuchungs- 
amts  in  Stuttgart,  Vors.  des  Wiirtt.  Be- 
zirksvereinsDeutscherChemiker;  •  Pforz- 
heim 18.  H.  1861;  f  Stuttgart  29.  V.  — 
W.:  Hilfsbuch  fiir  Nahrungsmittelche- 
miker  —  WN  172  (HaeuBermann) ;  ZB  4 1 
[Zeitschr.  f.  angew.  Chemie  500;  Zeitschr. 
f.  Untersuchung  der  Nahrungs-  u.  Ge- 
nuBmittel 34,  464]. 

Bfllbring,  Karl,  Dr.  phiL,  D.  theoL,  Geh. 
Reg. -Rat,  o.  Prof.  d.  englischen  Philo- 
logie  a.  d.  Univ.  Bonn;  *  Voerde  24.  VTI. 
1863;  f  Bonn  22.  III.  — BB1  308  (Nr.  74) ; 


Totenliste  191 7:  Bulle — Drager 


651 


HPSt  1918;  le  19,  970;  tz  392;  wr 

217,  8  1770;  KL  17. 
Bulle,  Oskar,  Dr.  phil.,  Professor,  General- 
sekretar  der  Deutschen  Schiller-Stiftung, 
Schriftsteller     u.     Dramatiker,     friiher 
Schriftleiter     von     »Die      Gegenwart«; 
*   Lehesten    14.   VIII.    1857;   f   Weimar 
24.  XII.  —  W.:  Handbuch  der  Archao- 
logie  (I9i3f.).  — FZ25.XII.  (2.M.-B1.), 
2.  I.  1918  (A.-Bl.);  BB1  1284  (Nr.  303); 
LZ  1918,  20;  SozMH  1918,  108;  WI7  222, 
8  1770;  LE  20,  559;  ZB  41  [IZ  26  (A.  Teu- 
tenberg)];  KL  17  (W);  BR  I  376  f.  (W). 
Buttner,  Richard,  Dr.  phil.,  Hofrat,   Pro- 
fessor, Shakespeare -Forscher ;  *  Gera  8.  II. 
1853;    |    Gera,   III.   —  W.:   Erlaut.   zu 
Shakespeares  Jul.  Casar  (1899) ;   Erl.   zu 
Koriolan  (1900),;  Erl.  zu  Macbeth  (1901). 
—  LZ  336;  BBI248  (Nr.60);  KL  17  (W). 
Call,  Friedrich  Freiherr  v.,  Dr.  jur.,  Gen. 
Rat,  Oberlandesgerichtsprasident,  Mitgl. 
des  osterreichischen  Herrenhauses,  Exzel- 
lenz;    *   St.   Pauls   (Tirol)    16.   X.    1854; 
f  Wien  27.  V.  —  DGK;  WI7  238,  8  1770; 
FT   1919. 
Casparl,  Otto,  Dr.  phil.,  a.o.  Prof,  der  Philo- 
sophic a.  d.  Univ.  Heidelberg  a.  D.,  philo- 
sophischer  Schriftsteller;  *  Berlin  24.  V. 
1841;    t   Heidelberg    28.  VIII.   —   W.: 
Freudvoll  und  leidvoll  (Ged.,  1866);  Ur- 
gesch.  der  Menschheit  (8  1877);  G.  Lotze 
(*  1&9S)  i  Die  Bedeutung  des  Freimaurer- 
tums   (8i9i6).  —  FZ    3.    IX.    (A.-Bl.); 
BB1 1056  (Nr.  207) ;  LE  20,  124;  WI7  244, 
8  1770;  LZ910;  KL  17  (W);  K  108  (W); 
AA. 
Constam,  Emil  Josef,   Dr.  phil.,    Prof,  der 
Chemie  a.  d.  Eidgenoss.  Techn.    Hoch- 
schule  in  Zurich,  Direktor  der  Eidgenoss. 
Priif ungsanstalt  f iir  Brennstoffe ;  *  New- 
York  19.  II.  1858;  f  Zurich  11.  II.  — 
FZ  26.  II.  (A.-BL);  LpZ  26.  II.;  ZB  41 
[Vschr.  der  Naturforsch.  Ges.  Zurich  62, 
697  (Schlager)];   BZZ   9   [NZZ   20.   II.]; 
K   119  (W);  AA. 
Cordes,  Johann  Wilhelm,  Schopfer  u.  Di- 
rektor des  Ohlsdorfer  Friedhofes;  •  Wil- 
helmsburg  3.  X.  1840;  f  Hamburg  1.  IX. 
—  FZ  2.  IX.  (1.  M.-Bl.);   Kchr,  NF  28, 
42  Sp.  499;  HF  1,  IX. 
Daxer,  Georg,  D.  theol.,  Dr.  phil.,  Prof.  a.  d. 
theologischen    Akademie    in     PreBburg; 
•  Pancsowa  (Ungarn)  20.  V.  187 1 ;  f  PreB- 
burg  11.  XII.  —  W.r  Die  Bergpredigt  11. 
der    Krieg    (1916);    Das    Kreuz   Christi 
1916).   —   ELK    51,    9   Sp.    197*-;    KL 
17   (W). 
Deahna,  August,  Dr.   med.,   Geh.   Hofrat, 
Vorsitzender   des  Wurttemb.    arztlichen 
Landesvereins,    Schriftleiter   des    Wurt- 


temb. Medizin.  Korrespondenzblattes, 
Herausgeberdes  Wurttemb.  Arztebuches ; 

*  Meiningen  9.  VIII.  1849;  f  Stuttgart 
21.  V.  —  FZ  24.  V.  (2.  M.-Bl.);  BB1  604 
(Nr.  121);  MMW  736;  LZ  566;  WN  170; 
Schw.  Merkur  Nr.  237  (GoBler) ;  L  54 
(Juli  1918),  S.  55;  AA. 

Deibel,  Franz,  Dr.  phil.,  Schriftsteller,  Mit- 
herausgeber  der  Jahresberichte  fur  neuert* 
deutsche  Literaturgeschichte,  Feuilleton- 
redakteur    der    Konigsberger    Zeitung; 

*  Mannheim  24.  VIII.  1879;  f  Konigs- 
bergi.  Pr.  10. 1.  —  LpZ  12.  I.;  LE  19,617 
und  648;  SozMH  168;  WI8  1771;  KL 
17  (W). 

Denhardt,  Gustav,  Af rikaf orscher ;  *  Zeitz 
13.  VI.  1856;  f  Leipzig  19.  VII.  D.  unter- 
suchte  1878/79  mit  seinem  B  ruder  Kle- 
mens  den  Tana  und  erwarb  vom  Sultan 
von  Witu  ein  Gebiet,  in  dem  er  Plantagen- 
bau  betrieb.  —  LpZ  23.  VII.;  LZ  753; 
SozMH  1 1 54;  M7  III  426. 

#  Deninger,  Karl,  Dr.  phil.,  a.o.  Prof,  der 
Geologie  u.  Palaontologie  a.  d.  Univ. 
Freiburg  i.  Br.,   Rittmeister  der    Res.; 

*  Mainz  18.  III.  1878;  f  in  Sudtirol 
15.  XII.  —  FZ  28.  XII.  (A.-Bl.);  LZ 
1918,  44;  SozMH  191S.  260;  PM  64,  82; 
ZB  42  [Centralbl.  f.  Miner alogie  19 18, 
167];  AA. 

Detmold,  Georg,  Dr.  jur.,  Geh.  Justizrat. 

0.  Prof,  des  ProzeBrechts  a.  d.  Univ. 
Gottingen;  *  Hannover  17.  XI.  1850; 
f  Gottingen  29.  XII.  —  Herausg.  von 
Jherings  Jurisprudenz  des  tagl.  Lebens 
(12./13.  Aufl.  1903/08).  —  FZ  3.  I.  1918 
(A.-Bl.);  LZ  1918,  44;  HPSt  1918;  KL 
17  (W). 

§j  Dossenbach,  Albert,  Leutnant  u.  Kampf- 
flieger  (15  Luftsiege),  Ritter  des  Pour  le 
mkriU',  *  St.  Blasien  i.  B.  5.  VI.  1891 ; 
f  bei  Frezenberg  3.  VII.  [  0  in  Frei- 
burg i.  Br.].— -.IZ  3866  (P);  AA. 

Drfiger,  Heinrich,  Industrieller,  begriindete 
1902  mit  seinem  Sohn  Bernhard  D.  (f  12. 

1.  1928)  das  »Driigerwerk  (Heinr.  &  Bernh. 
Drager) «  in  Liibeck,  Erfinder  auf  -dem 
Gebiet  der  Sauerstoff industrie  (Bierdruck- 
apparat ;  Sauerstoff  -  Wiederbelebungs- 
maschine  »Pulmotor«),  in  sozialem  Sinne 
tatig  (Drager-Lohnsystem,  Alkoholfrage, 
Bodenreform) ;  *  auf  der  Howe,  Kirch- 
spiel  Kirchwarder  ( Vierlanden) ,  29.  VII. 
1847;  t  Liibeck  29.  V.  —  W.:  Lebens- 
erinnerungen  (191 3;  als  Band  der  Ham- 
burgischen  Hausbibliothek  erschienen 
19 1 5);  Alte  Geschichten  aus  Vierlanden, 
19 16;  Drager  Lohnsystem  191 3  (Verlag 
Dragerwerk  Liibeck).  —  BT  1.  VI.;  VZ 
30.  V.;  TR  1.  VI.;   FZ  16.    VI.    (A.-Bl); 


652 


Totenliste  1917:  Diirrwachter — Eulenburg 


Liibeckische   Anzeigen  29.  V.  u.  3.  VI; 

Vaterstadt.  Blatter  3.  VI.  (P) ;  Liibecker 

Gen.-Anz.  29.  V.  u.  3.  VI.;  Von  Liibecks 

Tiirmen  10.  VI.  (P) ;  Lubecker  BU.  3.  VI. ; 

Feuerwehmmdschau  8.  VIII. ;  Hamburger 

Corresp.   30.   V.;    Weserzeitung    30.  V.; 

Kriegszeitung   der   4.    Armee    12.   VII.; 

KW  30,  IV,  S.  8 1  f .  (Avenarius) ;  Umschau 

7.  VII.;  Vortrupp  403 — 408  (Asmussen) ; 

Bodenreform  20.  VI.;    Meyer7  III   962; 

LE  19,  1225;  LZ  662;   BZ  41   [Das  Land 

25,    360   (Peschke)];    »Dragerhefte«  Nr. 

57/58    (1917)    u.  60  a    (Dem    Gedachtnis 

H.D.s)   (P). 
DttrTWftOhter,  Anton,   Dr.  phil.,   Prof,   am 

Lyzeum  in  Bamberg,  Historiker;  *  Og- 
gersheim  23.  X.  1862 ;  f  auf  dem  Ammer- 
see  27.  VIII.  —  LZ  910;  H  15,  8  S.  2191. 

(Brunner);  ZB  41  [Das  Bayerland  29,  69 

(Schottenloher) ;  Frankenland  IV  217]; 
ZB  42  u.  43  [Berichtu.  Jahrb.desHistor. 

Vereins  Bamberg  75,  1 — 67  (Hefl)];  KL 

17  (W). 
♦  Dyckerhott,  Rudolf,  Dr.-Ing.  e.  h.,  Pro- 
fessor, Mitbegrunderu.  wissenschaftlicher 
Leiter  der  Portlandzementf abrik  Dycker- 
hoff  &  Sonne  in  Biebrich;  *  Mannheim 
25.  III.  1842;  j  Biebrich  a.  Rh.  23.  II;  AA. 
—  FZ  24.  II.  (A.-BL);  VDI61,  14,  S.  305  f. 
(P);  WI7  349,  8  1772;  Nassauische  Hei- 
matbl.  23,  3/4,  S.  67;  ZB  43  [Armierter 
Beton  X  73];  DBJ  61/63  (E.  Probst). 
Elbo,    Bruno,      Baurat,    Schriftsteller  und 
Shakespeare-Forscher ;    *    Bremerhaven 
10.  X.   1853;  f  Weimar  17.  XI.  —  W.: 
Bacons    entdeckte    Urkunden,    3    Bde. 
(19 14 — 16);     Sonnige     Tage     (Gedichte 
'1904);  Ausgew.  Dichtungen  (191 1).  — 
BB1  1223    (Nr.  272);    Kchr,   NF   29,    11 
Sp.  115;  LE  20,  431 ;  BZ  42  [Neudeutsche 
Bauztg.  13,   193  (Haupt);  Buhne  u.  Welt 
20,  79 — 83  (Berger);    Niedersachsen    23, 
126   (Hohnk);   Das  freie  Wort    17,    507 
bis  510  (Volz)];  KL  17  (W) ;  BR  II  "107 
(W);  BZZ  9  [NPZ  28.  X.]. 
Effmann,   Wilhelm,   Dr.,   Dr.   phil.    h.    c, 
Prof,   der   Kunstgeschichte  a.  d.   Univ. 
Freiburg  i.  Schw.  a.  D.,  Kunsthistoriker ; 
*  Werden  a.  Rh.   14.  IX.  1847;  t  Bonn 
a.  Rh.  23.  V.  —  W.:  Die  vorchristlichen 
Altertiimer    im    Gaue   Siiderberge    (mit 
Jostes)    (1888).   —   FZ    1.   VI.    (A.-BL); 
LpZ  30.  V.;  LZ  589;  LE  19,  1226;  Kchr, 
NF    28,    35    Sp.    384   u.    36,    Sp.    3951- 
(Klapheck);  HV   18,  345;  BB1  668  (Nr. 
133);  KL   17   (W);  AA. 
Ehlers,  Otto,  Dr.,  Handelskammersyndikus 
in  Berlin,  M.  d.  preuB.  L. ;  *  Lemwerder 
i.  Oldenburg  4.  II.  18^5;  f  Berlin  27.  VI. 
—  AA;  FZ  28.  VI.  (A.-BL);  HPSt  1918. 


Eichfeld,  Hermann,  Landschaftsmaler,  Pro- 
fessor, Direktor  der  Groflherzogl.  Badi- 
schen  Gemaldegalerie ;  *  Karlsruhe  27.  II. 
1845 ;  t  Mannheim  26.  VIII.  —  W.:  Gru- 
ner  Tag  (Karlsruhe);  Marzsonne  (Mun- 
chen,  Sez.-GaL).  —  LZ  885;    Kchr.  NF 
28,43Sp.  5i9;DZL3<>9f-  (W);TBX4Q5 
(Beringer);  MS  VI  83. 
Einhorn,  Alfred,  Dr.  phil.,  Prof.  d.  Chemie, 
Entdecker    der    Synthese   des   Kokains 
und  von  dessen  Ersatzstoffen  Novokain, 
Orthoform,  Nirvanin  usw. ;  *  27.  II.  1857 ; 
f   MUnchen  21.  III.  —  MMW   440;  LZ 
392;  SozMH  804;  L  53  (April  19 17)  S.  $7 
u.  47;  BZ  41  [Zeitschr.  f.  angew.  Chemie 
B  301  (Uhlef elder)];  K  166 u.  Nachtrag6i 
(W);  PF  V  328  (W). 
El  ben,     Leopold,     Hauptschriftleiter     des 
»Schwabischen  Merkur ;«  *  Stuttgart  27.V. 
1862;  f  Stuttgart  16.  X.  —  FZ   17.  X. 
(1.  M.-Bl.) ;  LZ  1050;  ZB  41  [WN  203  bis 
208  (Denkel)];  SchM.   16.  X.  (A.-BL). 
Eleonore,    Konigin    von    Bulgarien,    geb. 
Prinzessin    Reufl    j.    L.;    *    Trebschen 
22.  VIII.  i860;  |  Euxinograd  12.  IX.  — 
Hamb.  FBI,  Wochenausg.    157  u.    158; 
IZ  3873    (P);     GH  1917,    1920;    BZZ  9 
[BT  13.  IX.;  DT  14.  IX.;  HF  13.  IX.]. 
Ernst,   Albert,    Obexlyzealdirektor    a.    D., 
Direktor  der  Kaiserin  Augusta- Viktoria- 
Schule  in  Schneidemuhl,  1898 — 191 7  M. 
d.  preuB.  Abg.-Hauses  (Fortschrittliche 
Volkspartei),     1898 — 1903     M.    d.     R.; 
*    Gorshagen    b.    Stolp    17.    XI.    1847; 
f   Charlottenburg    15.   I.   —   BT    16.   I. 
(Tews);  DGK;  ZB  43  [Volksbildung  47, 
19];  HA.;  AA. 
Eskuche,Gustav,  Dr.  phil.,  Direktor  desGym- 
nasiums  in  Stettin,  Altphilologe,  Jugend- 
schriftsteller,  t)bersetzer  klassischer  Biih- 
nenwerke;  *  Kassel  18.  IV.  1865;  f  Bad 
Nauheim  26.  V.  —  W. :  Hessische  Kinder- 
liedchen  (1891);  Siegerlander  Kinderlied- 
chen  (1896) ;  Griechische  Einakter  (191 3). 
—  BB16i2(Nr.  I23);FZ27.V.  (i.M.-BL); 
LE  19,  1226;  LZ  589;  ZB  41  [Hessenland 
31,  182;  Unser  Pommerland  4,  134];  KL 
17  (W). 
Ettoir,  Armand,  s.  R  i  o  1 1  e  ,  Hermann . 
Eulenburg,  Albert,  Dr.   med.,  Geh.  Med.- 
Rat,  o.  Prof,  der  Nervenheilkunde  a.  d. 
Univ.    Berlin,    Herausgeber    der    Real- 
enzyklopadie  der  ges.  Heilkunde  (*  1908 
bis    19 1 3),    Schriftleiter   der    Deutschen 
Med.  Wochenschrif t ;  *  Berlin  10.  VIII. 
1840;  f  Berlin  3.  VII.  —  W.:  Lehrbuch 
der  Nervenkrankheiten   (a   1878);  Lehr- 
buch der  allgem.  Therapie  und  therapeut. 
Methodik   (3   Bde,  1898);   Lehrbuch  der 
klin.    Untersuchungsmethoden    (2    Bde., 


Totenliste  191 7:  Falkenstein — Forster 


653 


1904/05).  —  FZ  6.  VII.  (A.-Bl.) ;  BB1  796 
(Nr.  155);  LZ  709;  LpZ  4.  VII.;  MMW 
932;  SozMH  1244;  WI7  395,  8  1772;  IZ 
3864  (P) ;  ZB  41  [Med.  Klinik  774  (Bloch) ; 
Zeitschr.  f.  Sexualwiss.  IV  121  (Bloch) 
11.  240—243  (Bloch)];  HPSt  191 8;  KL 
17  (W);  HBL  II  313  (W);  PBL  477f- 
(P)  (W) ;  BZZ  9  [BT  4-  VII.)  Hirschfeld) ; 
Nationalztg.  7.  VII  (Kienzl)]. 
Falkenstein,  Julius,  Dr.  med.,  Geh.  San- 
Rat,  Afrikaforscher,  Mitglied  der  deut- 
schen  Loango-Expedition ;  *  Berlin  1 .  VII. 
1842 ;  f  Berlin  1 .  VII.  —  W. :  Die  Loango- 
Expedition  1879;  Arztl.  Ratgeber  fur 
Seeleute,  Kolonistenu.  Reisende  (w  1893)  ; 
Afrikas  Westkiiste  (1884).  —  WI7  404, 
8  1772;  ZB  42  [Zeitschr.  f.  Ethnol.  49, 
206];  KL  17  (W);  PBL  485  (W) ;  M7  IV 

433- 

Flnsch,  Otto,  Dr.  phil.  h.  c,  Professor,  Di- 
rektor  des  Ethnographischen  Museums 
in  Berlin,  Sudseeforscher,  Entdecker  des 
Finsch-Hafens  auf  Neuguinea;  *  Warm- 
brunn  8.  VIII.  1839;  f  Braunschweig 
31.  I.  —  Verz.  seiner  Reisen  u.  Werke 
(185  9 — 99)  erschien  1 899,  f erner :  Siidsee- 
arbeiten  (1914).  —  FZ  2.  II.  (A.-Bl.); 
LpZ  1.  II.;  Hamb.  FBI,  Wochenausg.  125 
(4.  II.) ;  IZ  3842  (P) ;  GA  41  (Oppermann) 
(W) ;  PM  63,  S.  26  (Kramer)  (P) ;  BB1  1 12 
(Nr.  27);  L  53  (Mai  1917).  vS.  47f.;  LZ 
176;  SozMH  338;  DtKolZtg  34,  2S.  28; 
WI8  1773;  ZB  41  [Braunschw.  Magazin 
1917,  21  (Cunze);  Mitteil.  zur  Gesch.  der 
Medizin  u.  Naturwiss.  263 — 265  (Wol- 
kenhauer)];  ZB  42  [Aquila,  Zeitschr.  fur 
Ornithologie  23,  593 — 597  (Charnel)]; 
ZB  43  [Berichte  aus  dem  Knopfmuseum 
(Prag)  II  26;  Mitteil.  der  Anthropol.  Ges. 
Wien  47,  109  (Heger)];  Kl  17  (W);  BZZ  9 
[KV  9.  II.;  KZ  9.  II.;  Dresdener  Anz. 
18.  II.]. 

#  Fischer,  Bernhard,  Dr.  med.,  Geh.  Med.- 
Rat,  o.  Prof,  der  Hygiene  a.  d.  Univ. 
Kiel.  *  Koburg  19.  II.  1852;  f  bei 
Ypern2.  VIII.  —  HPSt  1918;  PBL  509^ 
(P)   (W);  K  199  (W). 

Fischer,  Eugen,  Dr.  phil.,  Dr.-Ing.  e.  h., 
Direktorder  Anilinfabrik  von  KaUe&Co., 
Biebrich  a.  Rh.,  Senator  der  Kaiser- Wil- 
helm-Gesellschaft  der  Wissenschaften, 
Mitglied  des  Verwaltungsrates  des  Kaiser- 
Wilhelm-Inst.  fur  Chemie,  Erfinder  ver- 
schiedener  Arbeitsverfahren,  bes.  zur 
Erzeugung  von  kiinstlichem  Indigoblau 
auf  der  Baumwollfaser;  *  Wiblingen 
13.  VII.  1854;  f  (in  den  Alpen,  Unfall) 
2.  VUI.-WN  174  (HaeuBermann) ;  ZB 
41  [Chem.Ztg.  737  (Bodewig) ;  Zeitschr.  f . 
angew.  Chemie,  C  476];   VDI  63,    715. 


Fischer- Dflokelmann,  Anna,  Dr.  med.,  prakt. 
Arztin,  Verf.  des  popularwissenschaft- 
lichen  Handbuchs  »Die  Frau  als  Haus 
arztin*;  f  Ascona.  —  W.:  Die  Frau  als 
Hausarztin  (Millionenausgabe  191 3;  in 
12  Sprachen);  Das  Geschlechtsleben  des 
Weibes  (16  1912).  —  MMW  1918,  32; 
ZB  42  [Vegetar.  Warte  51,  1];  KL  17 
(W);  PY  I  216. 

Fltger,  Emil,  langjahriger  Hauptschrift- 
leiter  der  Weserzeitung,  Wirtschaftspoli- 
tiker;  *  Delmenhorst  15.  XII.  1848; 
f  Bremen  9.  IV.  —  LZ  420;  LE  19,  1034; 
IZ  3852  (P) ;  WI7  429.8  1773;  KL  17  (W) ; 
BZZ  9  [Weserzeitung  10.  IV,  24.  IV. 
(v.  Bippen),  27.  IV.  (Schroder)]. 

*  tgj  Flex,  Walther,  Dr.  phil.,  Schriftsteller 
und  Dichter;  *  Eisenach  6.  VI.  1887; 
t  Insel  Osel  16.  X.  —  W. :  Der  Wanderer 
zwischen  beiden  Welten  (19 17);  Klaus 
v.  Bismarck,  eine  Kanzlertragodie  (19 1 3) ; 
Der  Kanzler  Klaus  v.  Bismarck  (Erz., 
19 14);  Gesammelte  Werke,  2  Bde.,  Mun- 
chen  1926;  Briefe,  hrsg.  von  W.  Eggers- 
Windegg  (mit  Konrad  Flex),  Munchen 
1927.  —  LZ  1097;  SozMH  1247;  BB1 
1 176  (Nr.  253);  LE  20,  286f.  [Kreuzztg. 
552;  Dt.  Kur.  299];  Zeitwende  3,  4  (April 
1927),  S.  375 — 380  (Schramm);  Bur- 
schenschaftl.  Bl.  40,  7  (Marz  1926:  Son- 
derheft!);  ZB  41  [Die  schone  Literatur 
18,  345;  Der  Turmer  378];  ZB  42 
[Zeitschr.  f.  d.  dt.  Unterricht  1918,  116 
(Nicolai);  Literar.  Handw.  54,  118 — 121 
(Zerkaulen)] ;  ZB  43  [Der  Volkserzieher 

22,  185—188;  Die  Wartburg  1918,  197 
(Haun);  Niedersachsen  24,  21  (Lingens)]. 

—  R.  Kaulitz-Niedeck :  Das  Dichtergrab 
auf  Osel.  Ein  Buch  fur  Freunde  und  Ver- 
ehrer  von  W.  F.  Mit  einem  Feldpostbrief 
von  W.  F.  (Heilbronn  1926) ;  KL  17  (W) ; 
BR  II  231  (W);  ZB  44  [Jahrb.  des  Thur 
Ver.  f.  Heimatpflege,  191 5/18.  S.  68 — 7^ 
(Leute)] ;  Die  Unvergessenen  ( 1 928) ,  S .  7  5 
bis  84  (Lafl)  (P).  —  Zum  10.  Todestag: 
TR  1927,  244  (16.  X.)  (H.  Lohrisch-Wer- 
nigerode);  Daheim,  Jahrg.  64,  3  (15.  X. 
1927),  S.  1  if.  (Ostwald) ;  Lehrproben  und 
Lehrgange  1927,  2,  S.i — 24  (Thamhayn). 

—  W.  Thamhayn :  W.  F.  Eine  Einf uhrang 
in  Leben,  Werke  u.  Wesen  des  Dichters 
(8i927);  DBJ  63/68   (Millack). 

Flintzer,  Hugo,  Professor,  Direktor  der 
GroBherzogl.  Zeichenschule  in  Weimar; 
*  Eisenach  4.  V.  1862;  f  Weimar  23.  VI. 

—  LpZ  27.  VI.;  Kchr,  NF  28,  29,  Sp. 
448;  AA. 

Forster,  Joseph,  Komponist;  *  Trofaiach 
(Steiermark)   10.    VIII.    1845;    t    WJen 

23.  IV.  Opern:  Die  Wailfahrt  der  K6- 


654 


Totenliste  191 7:  Freeh — Frobofl 


nigin  (Wien  1878);  Die  Rose  von  Ponte- 
vedra  (Gotha  1893);  C-moll-Sinfonie. — 
JP  87  [NZ  f.  M.  148  u.  164;  AMZ  246; 
Dt.Tonk.-Ztg.  94;  NMZ  38,  246;  RMTZ 
133];  LpZ  30.  in.;  R  375;  FAT  108;  A 
146. 

•  Freeh,  Fritz,  Dr.  phil.,  Geh.  Bergrat,  o. 
Prof,  der  Geologie  a.  d.  Univ.  Breslau, 
Direktor  des  Geologisch-palaontol.  In- 
stituts  und  Museums,  Kriegsgeologe  bei 
einem  Armeeoberkommando ;  *  Berlin 
16.  III.  1861;  f  Aleppo  28.  XI.  —  FZ 
3.  X.  (A.-Bl.);  BB1  1 128  (Nr.  232) ;  LZ 
1001;  SozMH  1144;  WI7  452,  8  1773; 
HPSt  1918;  PM64,  29  (Obst);  I,  53  (Nov. 
1917).  S.  75;  Jahrb.  d.  Schles.  Ges.  95 
(1917),  S.6— 15  (Volz);DZI^385;ZB4i; 
ZB  42;  ZB  44  [Neues  Jahrb.  f.  Mineral., 
Geol.  u.  Palaontol.  1919,  I— XXXVIII]; 
PFV  39of.  (W);  DBJ  69/74  (Bubnoff). 

Freand,  Wilhelm,  Dr.  med.,  Geh.  Med.-Rat, 
em.  o.  Prof,  der  Frauenheilkunde  und 
Direktor  der  Frauenklinik  a.  d.  Univ. 
StraBburgi.  E.  (1878— 1901);  *  Krappitz 
(O.-S.)  26.  VIII.  1833;  f  Berlin  24.  XII. 
—  F.  fuhrte  1878  die  Methode  der  abdomi- 
nalen  Ausschalung  der  krebsigen  Gebar- 
mutter  ein.  —  W.:  Die  gynakologische 
Klinik  (1885).  —  FZ  27.  XII.  (A.-BL), 
11.  I.  1918  (A.-BL);  MMW  65,  32  u.  190 
(v.  Hausmann);  LZ  19 18,  42;  SozMII 
1918,  169;  WI  7  458,  8  1773;  ^  54  (Juli 
1918),  S.  55f.;  ZB  42  [DMW  44,  102 
(Mullerheim) ;  Cbl.  f.  Gynakol.  42,  73 — 81 
(Bayer)];  KL  17;  PBL  545  MW)  (P). 

Frey,  Karl,  Dr.  phil.,  Geh.  Reg.-Rat,  a.o. 
Prof,  der  Kunstgeschichte  a.  d.  Univ. 
Berlin;  *  Berlin  26.  XI.  1857;  f  Berlin 
n.  III.  —  BBI256  (Nr.  62);  HPSt  1918; 
Kchr,  NF  28,  27,  Sp.  279  u.  30,  Sp.  305 
bis  308  (Gronau);  KL  17;  K  (W);  AA. 

$  Freytag  [Pseud.:  Frey  tag-  Besser],  Otto 
Rudolf,  Prof,  am  Kgl.  Konservatorium 
fur  Musik  in  Stuttgart,  Oratorien-  und 
Konzertsanger,  Vorstand  des  Wurttemb. 
Bachvereins,  Leutnant  der  Res.  u.  Komp.- 
Fiihrer;  *  Gotha  5.  V.  1871 ;  gef.  vor  Ver- 
dun 20.  VIII.  —  WN  175;  WI7  460, 
«  1773;  AMZ  44.  548;  JP  87  [NMZ  38, 
390;  Dt.  Tonk.-Ztg.  149;  Klavierlehrer 
155;  NZ  328]. 

Frledlander-Fuld,  Friedrich  v.,  niederland. 
Generalkonsul,  Geh.  Kommerzienrat, 
Mitglied  des  preufl.  Herrenhauses,  Mit- 
glied des  Zentralausschusses  der  Reichs- 
bank,  oberschlesischer  Kohlenmagnat; 
*  Gleiwitz  30.  VIII.  1858;  f  Lanke  b. 
Bernau  16.  VII.  —  FZ  16.  VII.  (A.-BL); 
B1119;  HPSt  1918;  WI7464,  8i773; 
ZB  42  [Oberschlesien  16, 222] ;  BZ  43  [Auf 


Vorposten  5,  406 — 411];  AT  191 7;  StE 
37.  748. 
Friedmann,  Sigismund,  Dr.  phil.,  o.  Prof, 
der  deutschen  Sprache  u.  Literatur  a.  d. 
Univ.  Mailand;  •  Jassy  7.  VIII.  1852; 
f  Mailand  29.  I.  —  W.:  Das  deutsche 
Drama  des  19.  Jahrhunderts  (2  Bde., 
1900/03).  —  FZ  1.  H.  (A.-BL);  LZ  176; 
LpZ  1.  II.;  BB1  108  (Nr.  26);  LE  19,  714; 
KL  17  (W). 

*  Friedrich,  Johann,  D.  theol.,  Dr.  phil.  h.  c, 
o.  Prof  der  Kirchengeschichte  a.  d.  Univ. 
Munchen,  o.  Mitglied  der  Kgl.  bayer. 
AdW  Munchen,  Mitbegrunder  des  Alt- 
katholizismus;  *  Poxdorf  5.  V.  1836; 
t  Munchen  19.  VIII.  —  W.:  Geschichte 
desVatikan.  Konzils  (3  Bde.,  1877 — 87); 
Ignaz  v.  Dollinger  (3  Bde.,  1899  bis 
1901).—  FZ 24. VIII.  (A.-BL);  BB1 1004 
(Nr.  196);  LZ  861;  LE  20,  59;  Jahrb. 
der  AdW  Munchen,  1918, 60--78  (Prutz) ; 
WI 7  466;  KL  17  (W) ;  K  (W) ;  M 7 IV  1214; 
Hist.  Zeitschr.  138,  Heft  2  (W.  Goetz. 
Die  bairische  Geschichtsforschung  im 
19.  Jahrhundert,  bes.S.306).  DBJ  74/81 
(Schnitzerm.  L). 

#  Friedrich  Karl,  Prinz  von  PreuCen,  Ritt- 
meister  im  Leibhusarenregiment  Nr.  1 
und  Fuhrer  einer  Fliegerab  teilung ; 
*  Klein-GUenicke  6.  IV.  1893;  t  (m 
engl.  Gefangenschaft  in  Rouen)  6.  IV. 
(beigesetzt    1927    in    Potsdam).    —    FZ 

25.  III.  (1.  M.-BL).  10.  IV.  (A.-BL); 
Hamb.  FremdenbL,  Wochenausg.  139 
(13.  V.);  IZ  3849  (P);  HPSt  1918;  GHK. 

Frisch,  Ritter  Anton  v.,  Dr.  med.,  Hofrat, 
a.o.  Prof,  der  Chirurgie  u.  Vorsteher  der 
Poliklinik  der  Univ.  Wien;  *  Wien  16.  H. 
1849;  f  Wien  24.  V.  —  FZ  29.  V.  (A.-BL) ; 
LZ  589;  BB1  612  (Nr.  123);  L  54  (Juli 
1918) ;  S.  56;  ZB  41  [Dermatol.  Wochen- 
schrift  703];  PBL  5551.  (W);  K  (W). 

Frltsch,  Marta,  geb.  Fontane,  Professors- 
witwe,  Tochter  des  Dichters  Theodor 
Fontane;  *  Berlin  21.  III.  i860;  f  Waren 
in  Mecklenburg  10. 1.  —  AA;  LpZ  13.  I. 

Frobenlus,  Georg,  Dr.  phil.,  Geh.  Reg.-Rat, 
o.  Prof,  der  Mathematik  a.  d.  Univ.  Ber- 
lin, o.  Mitgl.  der  AdW  Berlin;  •  Berlin 

26.  X.  1849;  f  Charlottenburg  3.  VIII.  — 
FZ  7.  VIII.  (A.-BL);  BB1  944  (182); 
LpZ  6.  VIII.;  SozMH  1238;  HPSt  1918; 
L  53  (Sept.  1917),  S.  66;  ZB  42  [Viertelj.- 
Schr.d.  Naturforsch.  Ges.  Zurich  62,  719] ; 
KLi7;K(W);PFV399(W). 

FrobdB,  Georg,  Kirchenrat,  Direktor  des 
Oberkirchenkollegiums  in  Breslau ;  *  Bres- 
lau 22.  IV.  1854;  f  Breslau  26.  III.  — W.: 
E.  G.  Kallnen  ("1905);  Die  deutschen 
Freikirchen    (*  1914).   —   ELK    50,    14, 


Totenliste  191 7:  Froriep— Gnauck-Kiihne 


655 


Sp.  333f.;  Jahrb.d.Schles.Ges.  95  (191 7), 
18—20;  KL  17  (W). 
•  Froriep,  August  v.,  Dr.  med.,  em.  o.  Prof, 
der  Anatomie  a.  d.  Univ.  Tubingen  (1895 
bis  191 7),  langjahriger  Vorstand  der  Ana- 
tomischen  Gesellschaft,  Inh.  des  Ehren- 
kreuzes  der  Wurttemb.  Krone  (person! . 
Adel);  korresp.  Mitgl.  der  AdW  Berlin; 
•Weimar  10.  IX.  1849;  fT^"1^11  ".X. 

—  W.:  Anatomie  fiir  Kiinstler  (4i9i3); 
Der  Schadel  Schillers  und  des  Dichters 
Begrabnisstatte  (191 3).  —  FZ  16.  X. 
(A.-Bl.);  BB1  1 1 52  (Nr.  243);  LE  20, 
242;  LZ  1024;  MMW  1384;  SozMH  1918. 
169;  HPSt  1918;  I,  53  (Nov.  1917),  75; 
WN  134—140  (Miffler)  [Hellauf  Nr.  1 1/12 
(Pfleiderer)];  Jahrb.  d.  bayer.  AdW  19 19; 
47 — 57  (Rtickert);  Arthur  B.  Schmidt. 
Konigsgeburtstagsrede  1 9 1 8  [im  Anhang] ; 
ZB  41  [Anatom.  Anz.  50,  410 — 419  (Hei- 
denhain)  und  419—424  (W);  Corresp.-Bl. 
des  wurttemb,  arztl.  Landesvereins  483 
(Miiller)];  ZB  42  [Internat.  Monatsschr. 
zur  Erforsch.  d.  Alkoholismus  27,  256 
bis  260  (Holitscher)];  KL  17  (W)  PBL 
563  f.  (W);  K(W);  DBJ  81/83  (Heiden- 
hain). 

FQrst,  Hermann  v..  Dr.  oec.  publ.,  Ober- 
forstrat,  1878 — 1909  Direktor  der  forst- 
lichen    Hochschule    in    Aschaff enburg ; 

*  Ansbach  29.  III.  1837;  f  Aschaffen- 
burg  11.  II.  —  W.:  Die  Pflanzenzucht 
im  Walde  (4i907);  Lehre  vom  Wald- 
schutz  (7  1 91 2);  Illustr.  Forst-  u.  Jagd- 
lexikon  (a  1903);  Herausgeber  des  Forst- 
wissenschaftl.  Zentralblatts  (seit  1897). — 
LZ  22  5 ;  ZB  41  (X  5  3, 7 1 ;  Mitteil.  d.  deutsch. 
Forstver.  1 ;  Centralbl.  f.  d.  ges.  Forstw. 
43»  3°3  (Sedlaczek)] ;  Lebenslaufe  aus 
Franken  I,  ioiff.  (Wappes) ;  KL  17  (W); 
M7  IV  1300;  L  53,  71 ;  BB1  148  (Nr.  38). 

FneB,  Rudolf,  Feinmechaniker,  Hersteller 
wissenschaftlicher  Instrumente,  Mitglied 
des  Kuratoriums  der  physikal.-techn. 
Reichsanstalt ;  *  Moringen  28.  IX.  1838; 
f  Berlin  21.  XI ;  Mitbegriinder  der  Zeit- 
9Chrift  fiir  Inst  rumen  ten  kunde.  —  LZ 
1 183;  SozMH  191 8,  i62;ZB42  [Meteorol. 
Zeitschr.   35,  93   (Siiring)];   M7  IV  1262. 

Gdbhardt,  Karl,  Professor,  Historienmaler ; 

*  Miinchen  23.  III.  i860;  f  Miinchen 
8.  V.  —  W.:  Tod  der  Virginia  (1883); 
Eva  vor  der  Leiche  Abels  (1883).  —  LpZ 
10.  V.;  BB1  552  (Nr.  109);  DGK;  Kchr, 
NF  28,  33.  Sp.  355;  WI8  1774;  TB  XIII 
314;  MS  II,  20. 

Gebler,  Friedrich  Otto,  Professor,  Tiermaler ; 

*  Dresden  18.  IX.  1838;  |  Miinchen  30  I. 

—  W.:  Kunstkritiker  im  Stalle  (1873, 
Berlin,  Nationalgalerie) ;  Zwei  Wilderer 


1879)  und  Siebenschlafer  (1884)  (Dres- 
den, Galerie);  Reineckes  Ende  (1883) 
(Miinchen,  Neue  Pinakothek).  —  LpZ 
2.  II.;  DGK;  BB1  120  (Nr.  29);  Kchr., 
NF  28.  20.  Sp.  196;  MS  II  2of.;  MS  VI 
107;  TB  XIII  316  (Sigismund). 

Gerhauser,  Emil,  Hofrat,  Oberspielleiter 
der  Stuttgarter  Hofoper,  friiher  Helden- 
tenor;  •  Krumbach  (Bayern)  29.  IV. 
1868;  t  Stuttgart  5.I.  —  Schw.  M.  6.  u. 
8.  I.;  LpZ  8.  I.;  DGK;  WN  164;  EG  3  18. 

Gesterdlng,  Konrad,  Dr.  jur.t  Dr.  med.  h.  c, 
Geh.  Reg.-Rat,  Polizeiprasident  a.  D.,Uni- 
versitatsrichter,  Mitgl.  despreuB.  Herren- 
hauses;  *  Greifswald  16.VI.1848;  f  Stettin 
11.  X.  —  AA;  FZ  15.  X.;  WI 8  1774; 
LZ80;  DZL  443. 

Giesecke,  Wilhelm,  Bildhauer,  Lehrer  a.  d. 
Barmer  Kunstgewerbeschule ;  *  Altona 
2.  IV.  1854;  t  Barmen  21.  X.  —  W.: 
Heinrich  III.  (Hamburg,  Rathaus) ;  Fries 
(Barmen,  Ruhmeshalle) .  —  DGK;  Kchr, 
NF29,  5,  Sp.  52;  MS  VI,  iii;TBXIV6. 

Gllle,  Karl,  Hofkapellmeister  am  Kgl. 
Theater  in  Hannover;  *  Eldagsen  (Han- 
nover) 30.  IX.  1861;  t  Hannover  14.  VI. 

—  LpZ    15.  VI.;    DGK;    AMZ  44,  25, 

5.  454;  WI8  1774;  R  433;  FAT  123. 

*  Glllhausen,  Gisbert,  Dr.-Ing.,  Geh.  Baurat, 

Mitglied    des    Direktoriums    der    Firma 

Krupp;    *    Sterkrade    28.    VII.     1856; 

t  Essen  16.  III.  —  VDI  61,  20,  S.  425  f. 

(P);   MdT  Sgf.;  JSTG    1918,    103—106; 

vStE  37.  320—323,  392;  MdT  89;  DBJ 

83/85    (Berdrow). 
Gluth,  Viktor,  Opernkomponist,  Prof.  a.  d. 

Kgl.  Akademie  fiir  Tonkunst;  *   Pilsen 

6.  V.  1852;  f  Miinchen  17.  I.  —  W.;  Der 
Trentajager  (Miinchen  1885);  Horand 
und  Hilde  (Miinchen).  —  FZ  24.  I. 
(A.-Bl.);  LpZ  19.  I.;  DGK;  JP  87  [AMZ 
60;  DTZ  36;  Klavierlehrer  26;  NZ  fiir 
Musik  32;  NMZ  38,  145;  R  443  (W); 
FAT  125;  A  169]. 

Gnauck-Kllhne  [Gnauck,  geb.  Kuhne],  Eli- 
sabeth, Schriftstellerin,  Fuhrerin  der 
katholischen  Frauenbewegung  [Pseudo- 
nym: E.  Blankenburg] ;  *  Vechelde  2.  I. 
1850;  t  Blankenburg  12.  IV.  —  W.:  Leit- 
faden  der  Volkswirtschaftslehre  u.  Biir- 
gerkunde  (14i9i2);  Das  Universitats- 
studium  der  Frau  (8  1 890) ,  Ursachen  und 
Ziele  der  Frauenbewegung  (1892);  Gol- 
dene  Friichte  aus  Marchenland  (15.  Tsd., 
191 1);  Die  deutsche  Frau  um  die  Jahr- 
hundertwende  (8I9I4);  Die  Arbeite- 
rinnenfrage  (f  1907) ;  Das  soziale  Gemein- 
schaftsleben  im  Dtsch.  Reiche  (a0  19 14). 

—  FZ  13.  IV.,  (1.  M.-Bl.);  19.  IV.  2.  M.- 
Bl.)  (Lauer);  LE  19,  1007  u.  1034;  KW 


656 


Totenliste  19 17:  Goeldi — Gutjahr 


30  III,  S.  i83f.;  SozMH  jg6l.  (Lande) ; 
\VI7  530,  8  1774;  ZB  41  [Madchenbildung 
auf  christ l.Grundl.  241 — 244  (E.Muller)]; 
ZB  42  [Neue  Balincn  52,  60] ;  KL  17  (W) ; 
BR  II  386  f.  (W);  DZL  454*-:  fiZZ  0 
[KV  13.  IV.  11.  9.  V.;  KZ  29.  IV.;  Magdeb. 
Ztg.  24.  IV.;  FZ  19.  IV.];  PY  I  263; 
Staatslexikon  5  II,  770 — jjt,  (Sacher). 

Goeldi,  Emil  August,  Dr.  phil.,  a.o.  Prof, 
der  Tiergeographie  u.  Tierbiologie  a.  d. 
Univ.  Bern;  *  Ennetbiihl  (Obertoggen- 
burg)  28.  VIII.  1859;  f  Bern  5.  VII.  — 
W.:  AsavesdoBrasil(2Bde.,  1884/1900); 
Album  de  aves  amaz6nicas  (1  gooff.).  — 
NZZ  14.  VII.;  LpZ  9-  VII.;  FZ  7.  VII. 
(A.-Bl.);  19.  VII.  (1.  M.-BL.  Bluntschli); 
DGK;  WI8  1774;  M7  V  370. 

Goltz,  Konrad  Freiherr  v.  d.,  Legationsrat 
a.D.,  1902 — 03  deutscher  Geschaftsfiihrer 
in  Peking;  *  Koprieve  (WestpreuBen) 
7.  III.  1855;  f  Dresden  22.  IV.  — DGK; 
ZB  41  [China-Archiv  II,  I  109];  DZL, 
461  f.;   WI7269. 

#  Gontermann,  Heinrich,  Leutnant  und 
Fiihrereiner  Jagdstaffel,  Ritter  des  Pour 
le  mkrite;  *  Siegen  25.  II.  1896;  f  Marie 
3.XI.(0inSiegen).  —  FZ5.XI.  (M.-Bl.); 
AA. 

Gottschalk,  Fritz,  Gutsbesitzer,  M.  d.  R. 
(konservativ) ;  *  Berkelen  15.  X.  1853; 
f  Sauerwalde  16.  XI.  —  DGK;  A  A. 

Grftbner,  Julius,  Baurat,  Architekt  i.  Fa. 
Schilling  &  Grabner,  Dresden ;  *  Durlach 
1 1.  I.  1858;  f  Konstantinopel  25.  VII.  — 
W.:  Erbauer  der  Ortskrankenkasse  Dres- 
den, der  Landesvers.-Anstalt  Gottleuba, 
der  Kreuzkirche  in  Dresden,  des  Sana- 
toriums  Lahmann  in  WeiBer  Hirsch.  — 
FZ  1 .  VIII.  (A.-Bl.) ;  LpZ.  30.  VII. ;  ZB  42 
[Christl.  Kunstblatt  60.  12—23  (Koch); 
DBZ  51,  327 — 329  (Hofmann);  Die 
Kirche  15,  27];  TB  XIV  474;  MS  VI 
116  f  (W). 

Graef,  Botho,  Dr.  phil.,  a.o.  Prof.  d.  Archao- 
logie  u.  Kunstgeschichte  a.  d.  Univ.  Jena ; 
*  Berlin  12.  X.  1857;  f  Konigstein  i.  T. 
9.  IV.  —  W.:  Die  antiken  Vasen  von  der 
Akropolis  zu  A  then  (3  Bde.,  1909 — 14). — 
FZ16.  IV.  (A.-Bl.)  (Waetzoldt);  LZ  420; 
Kchr,  NF28,  29,  S.  299;  BB1  367  (Nr.86) : 
WI8  1774;  ZB  41  [Archaol.  Anz.  I  43]: 
ZB  43  [Das  Kunstblatt  1918,  344  (Fehr)] ; 
KL  17  (W);  K  (W);  AA. 

Graesel,  Arnim,  Dr.  phil.,  Professor,  2.  Di- 
rektor  der  Universitatsbibiiothek  Got- 
tingen  a.  D.;  *  Saalburg  a.  S.  13.  VII 
1849;  f  Gottingen  27.  V.  —  W.:  Grund- 
ziige  des  Bibliothekswesens  ( 1 890 ;  2  Hand 
buch  der  Bibliothekslehre,  1902);  Fiihrer 
fiir  Bibliotheksbenutzer  (fi9i3);   Hrsg. 


(1890 — 1903)  der  Bl.  fiir  Volksbibl.  und 
Lesehallen.  —  LZ  589;  BB1 648  (Nr.  129) ; 
WI8  1774;    KL  17    (W);  JB   1920,  179. 

GnB,  Leo  v.,  Wirkl.  Geh.  Rat,  Exzellenz. 
Rittergutsbesitzer  auf  Klamin  u.  Starzin. 
Mitgl.  des  preufl.  Herrenhauses ;  *  Danzig 
20.  in.  1832;  f  Klamin  2.  X.  —  HPSt 
1918;  AT   1919. 

&  Gregory,  Caspar  Rene,  D.  theol.,  Dr.  phil., 
o.  Hon.-Prof.  der  neutestamentl.  Theo- 
logie  a.  d.  Univ.  Leipzig,  Leutnant  d. 
Res.  in  einem  Inf. -Reg.;  *  Philadelphia 
6.  XI.  1846;  f  (als  Freiwilliger  [71  Jahre]) 
in  Frankreich  9.  IV. — \V.:  Prolegomena 
in  Novum  Testamentum;  Tischendorf- 
fianum  (3  Bde.,  1884/94);  Textkritik 
des  N.  Test.  (3  Bde.,  1900 — 1909).  — 
FZ  16.  V.  (1.  M.-Bl.)  (Barge);  ELK  50, 
i5»  Sp.  377— 379U.  17,  Sp.  406;  BB1  360 
(Nr.  85),  403  (Nr.  94);  SozMH  550;  LZ 
420;  E  622  (P);  KL  17  (W);  ZB  41 
[Neue  Bahnen  289  (Fortunatus) ;  Kirchl. 
Jahrb.  44,  612  (Schneider)];  ZB  43 
[Evangelisch-Sozial  19 17/18,  S.  36 
(Harnack)  u.  33  (Liebster) ;  Die  deutsche 
Schule  1918,  377  (Pabst);  Vegetarische 
Warte  51,  211  (Friedrich)] ;  WI8  1774; 
H17,  121 — 123.  —  K.I.  Friedrich:  Volks- 
freund  Gregory  (Gotha  19 19);  BZZ  9 
[Pester  Lloyd  19-  IV.;  LNN  17.  IV. 
(Scheuermann);  NZZ  7.  VII.].  — Die  Un- 
vergessenen  (Berlin  1928),  S.  117 — 131 
(J linger)  (P);  Eckart.  Jg.4.3  S.  103—108 
(J  linger) .  —  Denkmal  in  Leipzig. 

Grlmus  von  Grlmburg,  Ritter  Rudolf  v., 
bis  1875  Professor  fiir  Maschinenbau  a.  d. 
Technischen  Hochschule  Wien,  1800  bis 
1908  Generaldirektor  der  osterr.-ungar. 
Staatseisenbahngesellschaf t ;  *  Cremona 
12.  III.  1839;  f  Wien  14.  II.  —  MdT  06 
[Zeitschr.  des  osterr.-ungar.  Ingenieur-  u. 
Arch.-Ver.  69,  392]. 

GroBhelm,  Karl,  Dr.  med.,  Obergeneralarzt. 
stellvertr.  Subdirektor  der  Kaiser-Wil- 
helms-Akademie ;  *  Schonlanke  11.  VIII. 
1843;  t  Berlin  27.  VIII.  —  MWB1  102. 
31;  SozMH  1244;  DZL487f. 

Gruner,  Hans,  Dr.  phil.,  Geh.  Reg. -Rat. 
a.o.  Prof,  der  Geologie  a.  d.  Landw. 
Hochschule  in  Berlin;  *  Dresden  29.  IX. 
184 1 ;  f  Potsdam  9.  I.  —  LpZ  24.  I.; 
DGK;  L  53  (Marz  1917),  S.  35;  PM  63. 
Tafel  17  (>);  ZB  41  [Intern.  Mitt.  f.  Bo- 
denkunde  VII  104];  AA. 

Gutjahr,  Emil,  Dr.  phil.,  em.  Rektor  des 
Realgymnasiums  in  Leipzig- Linden au, 
Altphilologe  u.  Germanist;  *  Cdlleda 
22.  VII.  1856;  f  Leipzig  28.  I.  —  W.: 
Zur  Lehre  vom  Verbum,  (2  Bde.  1883) ; 
Zur  Lehre  von  den    Partikeln   (3  Bde., 


Totenliste  1917:  Guttenberg — Hegar 


657 


1883);  Der  Kanzleistil  Karls  IV.  (1906).— 
LpZ  28.  I.  u.  1.  II.;  LZ  143;  BB1  100 
(Nr.  24);  KL  17  (W). 
Guttenberg,  Adolf,  Ritter  v.,  Dr.  phiL,  Hof- 
rat,  em.  Prof.  a.  d.  Hochschule  f.  Boden- 
kultur,  Redakteur  der  Osterr.  Viertel- 
jahrsschrif t  f .  Forstwesen ;  *  Tamsweg  in 
Salzburg  18.  X.  1839;  f  Wien  23.  III.  — 
W. :  Die  Forstbetriebseinrichtung  (•igi  1). 

—  LZ  392;  ZB  41  [Centralbl.  f.  d.  ges. 
Forstwesen  43,  129 — 132  (Micklitz); 
Forstw.  Centralbl.  39,  385 — 393  (Petra- 
schek)];  KL  17  (W) ;  AA. 

G tithe,  Georg,  Dr.  jur.,  Geh.  Justizrat,  Vor- 
tragender  Rat  im  preuBischen  Justiz- 
ministerium,  Verfasser  juristischer  Kom- 
mentare;  *  Schubin  (Prov.  Posen)  15.  VI. 
1868;  f  Berlin  6.  III.  —  W.:  Kommentar 
zur    Grundbuchordnung,    2    Bde.  —  LZ 

304;  HPSt  1918;  wi  8 1775 ;  Bfil  240 

(Nr.  58);  AA. 
G Winner,  Wilhelm  v.,  Dr.  phiL,  Geh.  Reg.- 
Rat,  President  des  ev.-luth.  Konsisto- 
riums  in  Frankfurt  a.  M.  a.  D.,  Schopen- 
hauer-Forscher ;  *  Frankfurt  a.  M.  17.  X. 
1825;  t  Frankfurt  a.  M.  27.  I.  —  W.: 
Schopenhauer  aus  personlichem  Urngang 
dargestellt  (1861)  [*  Schop.s  Leben  1910]. 

—  FZ  30.  I.  (1.  u.  2.  Bl.);  LB  19,  714; 
BB1  104  (Nr.  25);  LpZ  30.  I.;  LZ  176; 
SozMH  257;  AT  1919;  ZB  44  Qahrb.  d. 
Schopenhauer-Ges.  VII  3]. 

Hahn,  Friedrich,  Dr.  phil.,  Geh.  Reg.-Rat, 
o.  Prof.  d.  Geographie  a.  d.  Univ.Konigs- 
berg;  *  Glauzig  (Anh.)  3.  III.  1852; 
f  Konigsberg  5.  II.  —  W. :  Topographi- 
scher  Fiihrer  durch  Nordwestdeutschland 
(1895).  —  FZ  7.  II.  (A.-Bl.);  BB1  140 
(Nr.  36);  PM  63.  58  (Wagner)  (P);  L  54 
(Juli  1918),  56;  HV  18,  343;  HPSt  1918; 

"  LZ  201;  ZB  41  [Mitteil.  zur  Gesch.  der 
Med.  u.  Naturw.  265  (Wollenhauer) ; 
Geogr.  Zeitschr.  t>^7 — 341  (Braun)];  GA 
141    (Oppermann)    (P;W);  KL  17;   DZL 

514- 

$1  Hake,  Bruno,  Dr.  phil.,  Herausgeber  der 
Deutschen  Rundschau;  *  Leer  (Ostfries- 
land)  18.  III.  1883;  f  m  Frankreich 
25.  X.  —  LZ  1 1 19;  BB1  1 186  (Nr.  260); 
Deutsche  Rundschau,  Jan.  19 18,  1 — 5 
(Pechel);  KL  17. 

Hanau,  Heinrich  Fiirst,  v.,  letzter  Sohn  des 
Kurfiirsten  Friedrich  Wilhelm  v.  Hessen 
und  der  Furstin  Gertrude  von  Hanau; 
*  Kassel  8.  XII.  1842;  f  Prag  15.  VII.  — 
FZ  18.VII  (i.M.-Bl.);DGK;GHKi9i7. 

Hanfstaengl,  Marie,  s.  Schroder-Hanf- 
s  t  aengl. 

Hardt,  Ernst,  Landschaf tsmaler ;  *  Koln 
7.  XII.  1869;  t  Godesberg  18.  IX.  —  W.: 

DBJ  42 


Landschaftsbilder  in  den  Museen  Diissel- 
dorf ,     Koln,     Elberfeld,     Mannheim.  — 
KZ  29.  IX.  u.  26.   X.;  DGK;   Kchr,  NF 
29,  1  Sp.  11;  TB  XVI  31;  MSV  126. 
Harck,  Fritz  v.,  Dr.  phil.,  Kunstsammler ; 

*  29.  IV.  1857;  f  Leipzig  26.  III. — 
LNN  29.  III.;  Kchr.,  NF  28,  28,  S.  282, 
29,  S.  289—292  (Lehrs),  34,  361—364 
(v.  Bode);  AA. 

Harland,  Heinrich,  Generaldirektor,  Vor- 
steher  der  Korporation  der  Kaufmann- 
schaft  in  Stettin;  *  2.  VIII.  1873;  t 
Stettin  9.  I. —  HPSt  1918;  AA. 

Hartmann,  Angelika,  Vertreterin  der  Fro- 
belschen  Padagogik;  *  Kothen  12.  VII. 
1829;  t  Leipzig  22.  III.  —  LZ  361 ;  ZB  41 
[Leipziger  Lehrer-Zeitung  24,  373  u.  389 
(Hanig)] .  —  Der  von  ihr  gegriindete  Leip- 
ziger Frobelverein  stiftete  1904  das 
Angelika  -  Hartmann  -  Haus  in  Leipzig 
(M7V,  1 1 49). 

Hartmann,  August,  Dr.  phil.,  Oberbibiio- 
thekar  der  Hofbibliothek  Miinchen  a.  D., 
bayr.  Volkskunden-  u.  Volksdichtungs- 
forscher;  *  Miinchen  25.  I.  1846;  f  Miin- 
chen 23.  III.  —  W.:  Historische  Volks- 
liederu.  Zeitgedichte    (3  Bde.  1907 — 13). 

—  LZ  392;  SozMH  751;  LE  19,  969^; 
KL  17  (W);  JB  1920,  179. 

Hartwich,  Karl,  Dr.  phil.t  Dr.  med.  h.  c, 
Prof.  d.  pharmakologischen  Chemie  a.  d. 
Eidgen.     Techn.     Hochschule     Zurich; 

*  Tangermunde  185 1 ;  f  Zurich  25.  II.  — 
W.:  Kommentar  zum  Arzneibuch  f.  d. 
Deutsche  Reich  (4  1901).  Hersg.  vom 
Handbuch  der  pharmazeut.  Praxis 
C1913).  —  LpZ  3.  III.;  LZ  280;  ZB  42 
[Vschr.  der  naturforsch.  Ges.  Zurich  62, 
702 — 708  (Schroter)];  Hist.-biogr.  Lex. 
der  Schweiz,  Heft  30,  S.  83  [Neue  ZZ 
Nr.  347  u.  374]. 

Haus,  Anton,  k.  u.  k.  Grofiadmiral, 
Dr.-Ing.  e.  h.  (Techn.  Hochsch.  Wien), 
Ehrenburger  von  Fiume,  Grofikreuz  des 
Maria-Theresien-Ordens  usw. ;  *  Tolmein 
13.  V.  1 851;  |  Auf  dem  Flaggschiff 
»Viribi4s  unitis*  im  Hafen  von Triest8. II. 

—  NFrPr  Nr.  1884/85  (8-/9.  II);  LpZ 
8.  II.  u.  9.  II.;  FZ  9-  II.  (1.  M.-Bl.);  IZ 
3842  (P);  Neue  osterr.  Biogr.  I,  126 — 131 
(Braun);  ZB  41  [Parlamentar.  Chronik 
191 7,  29;  Polit.  u.  volksw.  Chronik  der 
osterr.-ung.  Monarchic  1917,  131];  BZZ 
9  [Pester  Lloyd  8.  II.;  NZZ  10.  II]. 

Haymerle,  Franz  Freiherr  v.,  Dr.  jur.,  k.  u. 
k.  a.o.  Gesandter  u.  bevollm.  Minister, 
fruher  osterr.-ungar.  Botschaftsrat  in 
Berlin;  *  im  Haag  15.  IX.  1874;  f  Wien 
1.  III.  —  DGK;  FT  1919. 

Hegar,  Julius,  Konzertmeister  im  Orchester 


658 


Totenliste  1917:  Heinrich — Hirzel 


der  Ziiricher  Tonhalle,  Bruder  Friedrich 
Hegars;  *  Basel  27.  XII.  1848;  f  Zurich 
25.  IV.  —  JP  88  [NMZ  38,  263;  NZ  fiir 
Musik  164];  R  520. 
Heinrich,  Reinhold,  Dr.  phil.,  Geh.  Okono- 
mierat,  a.o.  Prof,  der  Agrikulturchemie 
u.  -physiologie  a.  d.  Universitat  Rostock; 

*  Tharandt  1 3.  IV.  1845 ',  t  Rostock  14.V  II. 

—  FZ  20.  VII.  (A.-BL):  LZ  753;  LpZ 
16.  VII.;  I,  54  (Juli  1918),  S.  57;  ZB  41 
[Die  landw.  Versuchsstationen  90,  443 
(Honcamp)]. 

Helfft,  Edmund,  Geh.  Kommerzienrat, 
Vizeprasident  des  Altestenkollegiums  der 
Kaufmannschaft   von    Berlin;    *    Berlin 

14.  II.  1836;  f  Berlin  9.  I.  —  VZ9.I.; 
FZ  10.  I.  (A.-Bl.);  Apt,  25  Jahre  im 
Dienste  der  Berliner  Kaufmannschaft 
(Berlin  1927),  S.  8,  48,  199,  206;  HPSt 
1918;  AA. 

Heller,  Kainill,  Dr.  phil.,  em.  o.  Prof,  der 
Zoologie  a.  d.  Univ.  Innsbruck,  korresp. 
Mitgl.  der  AdW  Wien;  *  Sobochleben  b. 
Teplitz  26.  IX.  1823;  f  Innsbruck  25.  II. 

—  Almanach  AdW  Wien  1917,  368 — 370 
(Grobben);  K  (W);  AA. 

Helmert,  Friedrich  Robert,  Dr.  phil.,  Dr.- 
Ing.  e.  h.,  Geh.  Oberreg.-Rat,  o.  Prof,  der 
hoheren  Geodasie  a.  d.  Univ.  Berlin, 
Direktor  des  Geodatischen  Instituts  in 
Potsdam  u.  des  Zentralbureaus  der  inter- 
nal Erdmessung,  Mitgl.  der  AdW  Berlin; 

*  Freiberg  i.  Sa.  31.  VII.  1843;  t  Potsdam 

15.  VI.  —  W.:  Mathem.  u.  physikal. 
Theorie  der  hoheren  Geodasie  (2  Bde., 
1880/84);  Die  Ausgleichung  nach  der 
Methode  der  kleinsten  Quadrate  (2  1907). 

—  LpZ  18.  VI.;  BB1  696  (Nr.  140);  FZ 
18.  VI.  (A.-BL);  PM 63,  312  (Schweydar); 
LZ  662;  SozMH  899;  HPSt  1918;  N  5, 
646—648  (Schweydar);  WI  8  1775;  ZB41 
[Der  Landmesser  V  175  (Wolff);  Astro- 
nom.  Nachr.  204,  397  (Kriiher)];  ZB  42 
[Zeitschr.  f.  math.  u.  naturw.  Unterricht 
49,  105  (Wolff)];  ZB  43  [Beitr.  z.  Geo- 
physik  XIV,  H.  4  (Hecker) ;  Vschr. 
Astron.  Ges.  53,  2  (Wanach)];  Jahrb.  d. 
AdW  Miinchen  19 17,  53 — 58  (Schmidt); 
KL  17  (W);  PF  V  516  (W). 

Herfurth,  Rudolph,  Professor,  General- 
musikdirektor  a.  D.  der  fiirstlichen  Hof- 
kapelle  in  Rudolstadt;  *  Eisenberg  9.  II. 
1844;  t  Rudolstadt  21.  XI.  —  AMZ  44, 
47  S.  743;  JP  88  [DMZ  348  u.  350;  NZ  f. 
Musik  351;  DtTonkZtg  183];  AA. 

Hernsheim,  Eduard,  Begriinder  der  Im-  u. 
Bxportfirma  Hernsheim  &  Co.,  Mitbe- 
griinder  der  deutschen  Kolonialbestre- 
bungen  in  der  Sudsee;  *  Mainz  22.  V. 
1847;    f   Hamburg    13.   IV.  —  HamFBl, 


Wochenausg.    135    (15.  IV.);    DtKZ    34, 

5  S.  78;  ZB  42  [Siidseebote  2,  55  u.  69 — 74 
(Weyhmann)] ;  M7  V  1448;  Franz  Herns- 
heim: Sudsee-Erinnerungen  1875 — !88o 
(1883). 

Herter,  Ernst,  Professor,  Bildhauer,  Leiter 
des  Bildhauersaales  a.  d.  Hochschule  fiir 
bildende  Kunste  in  Berlin,  Mitglied  der 
Akademie  der  Kunste,  Berlin ;  *  Berlin 
14.  V.  1846;  f  Berlin  21.  XII.  —  W.:  Der 
ruhende  Alexander  (1878,  Berlin,  Natio- 
nalgalerie) ;  Der  sterbende  Achill  (ebenda 
u.  Korfu,  Achilleion).  —  FZ  22.  XII. 
(A.-BL);  BB1  1284  (Nr.  303);  Kchr,  NF 
29,  13,  Sp  139;  WI8  1776;  ZB  41  [IZ  41 
(Malkowsky)];  HPSt  1918;  DZL  581  f.; 
TB  XVI  554  f.  (W);  MS  II  169,  V  136, 
VI  136. 

Herzog,  Bernhard,  Geh.  Reg. -Rat,  Direktor 
im  Kaiserl.  Statist.  Amt  (1903 — 1904); 
*  Mannheim  25.  VII.  1842;  f  Ratzeburg 
9.  IX.  —  WN  129— 131   (W.Koch). 

Hesse,  Oswald,  Dr.  phil.,  Hofrat,  Direktor 
der  Vereinigten  Chininfabriken  Zimmer 

6  Co.  in  Feuerbach,  Chininforscher,  Inh. 
der  wiirttemb.  goldenen  Med.  f.  Kunst  u. 
Wissenschaft,  Ehrenbiirger  von  Feuer- 
bach; *  Obereula  (Sa.)  17.  V.  1835; 
f  Feuerbach  b.  Stuttgart  10.  II.  —  W.: 
Geschichte  von  Feuerbach.  —  LZ  247; 
L  S3  (Pebr.  1917).  S.  17;  ChZ  1918,  29 
(Weller);  WN  19 — 23  (Haeufiermann) 
PF  V532  (W)  [DCGB,  50  (1917)  (Weller)] 

Heufiner,  Friedrich,  Dr.  phil.,  Geh.  Reg 
Rat,    Gymnasialdirektor   a.    D.,    Lehrer 
Kaiser  Wilhelms  II.;  *  Fulda  1.  I.  1842 
f   Kassel  2.   IX.  —  FZ   3.  IX.   (M.-Bl.) 
DGK ;  ZB  42  [Monatsschr.  f .  hoh.  Schulen 
1 9 18,  129 — 134  (Loeber)];  AA. 

Heyden-Rynsch,  Hermann  Freiherr  v.  d., 
Wirkl.  Geh.  Rat,  Exzellenz,  Oberberg- 
hauptmann  a.  D.;  *  Dortmund  23.  II. 
1829;  f  Berlin  29.  III.  —  HPSt  1918; 
FT  1918. 

Hirn,  Josef,  Dr.  phil.,  Hofrat,  o.  Prof,  der 
osterreich.  Geschichte  a.  d.  Univ.  Wien, 
korresp.  Mitglied  der  AdW  Wien;  *  Ster- 
zing  10.  VII.  1848 ;  f  Bregenz  7.  II.  —  W. : 
Erzherzog  Ferdinand  II.  von  Tirol 
(2  Bde.  1885/88);  Tiroler  Erhebung  i.  J. 
1809  (1909).  Rudolf  v.  Habsburg  (1873). 
—  BB1  131  (Nr.  33/34);  LZ  201;  SozMH 
265;  HV18,  344;  WI8  i776;ZB4i;ZB43 
[Carinthia  108(1918),  64  (v.  Jaksch); 
Forschungen  u.  Mitteil.  zur  Gesch.  Tirols 
14,  195 — 202  (Straganz)];  Almanach 
AdW  Wien  470—476  (Voltelini) ;  KL  17 
(W);K  (W). 

Hirzel,  Rudolf,  Dr.  phil.,  Geh.  Hofrat,  o. 
Prof,   der    klassischen    Philologie    a.    d. 


Totenliste  191 7:  Hocheder — Jager 


659 


Univ.  Jena,  Mitglied  der  GdW  Leipzig; 
*  Leipzig  20.  III.  1846;  t  Jena  30.  XII. — 
W.:  Untersuchungen  zu  Ciceros  philos. 
Schriften  (3  Bde.  1871— 1883).  —  FZ 
3  I.  1918;  LB  20,  622;  LpZ  3.  I.  1918; 
Hist.-biogr.  Lex.  der  Schweiz,  H.  31,  S. 
234;  IAW  181 IV  [39],  56— 8o(v.Hagen); 
Berichte  Verh.  GdW  Leipzig,  phil.-histor. 
Kl.  1918,  3*— 16«  (Korte)  (W);  Jahrb. 
AdW  Miinchen  1918,  29 — 31  (Rehm); 
KL  17  (W);  K  (W). 

*'  Hocheder,  Karl,  Prof.  a.  d.  Technischen 
Hochschule  Miinchen,  Architekt,  Ehren- 
mitglied  der  Akademie  der  bild.  Kiinste, 
Miinchen;  ♦  Weiherhammer  i.  B.  7.  III. 
1854;  f  Miinchen  21.  I.  —  MNN  24.  I.; 
LpZ  23.  I.;  LZ  143;  DGK;  WI8  1776; 
ZB  42  [DtBZ  51,  41  (Hofmann);  neu- 
deutsche  BZ  13,  87  (Jager)];  DZL  619 
(W);  DBJ  86/90  (Th.  Fischer). 

Hoeftmann,  Dr.  tned.,  Geh.  San.-Rat,  Prof, 
d.  Orthopadie  a.  d.  Univ.  Konigsberg, 
Griinder  der  Deutschen  Gesellschaft 
fiir  orthopadische  Chirurgie;  *  (1850); 
t  Konigsberg  i.  Pr.  17.  IX.  —  MMW 
1288;  BB1,  1 104  (Nr.  222);  LZ  954; 
SozMH  1918,  168;  L  54  (August  1918), 
S.  63;  ZB  41  [WKW  1433];  ZB  42  [Zeit- 
schr.  f.  orthop.  Chirurgie  37,  III — XIV 
(Schanz)];  ZB  44  [Aus  dem  Ostlande  13, 
Beil.  40]. 

Hofmann,  Rudolf,  D.  theol.,  Dr.  phil.,  Geh. 
Rat,  Domherr,  o.  Prof,  der  Homiletik  u. 
Liturgie  a.  d.  Univ.  Leipzig;  *  Kreischa 
3.  I.  1825;  f  Leipzig  19.  II.  —  W.:  Leben 
Jesu  nach  den  Apokryphen  (185 1) ;  Sym- 
bolik  (1856);  Lehre  von  dem  Gewissen 
(1866);  Predigten  (1869).— LpZ  21.  II.; 
LZ  247;  FZ  23.  II.  (A.-Bl.);  BB1  188 
(Nr.  47);  ELK  50,  9Sp.  214;  SozMH  330; 
WI8  1776;  ZB  41  [Ecce  MeiBen  44,  613 
(Schneider)];  KL  17  (W) ;  K  (W). 

Holzapfel,  Ludwig,  Dr.  phil.,  Professor, 
1879 — 1890  Privatdozent  der  alten  Ge- 
schichte  a.  d.  Univ.  Leipzig,  Privat- 
gelehrter;  *  Gieflen  20.  VI.  1852;  f 
Gieflen  15  IV.  —  W.:  Romische  Chrono- 
logic (1885);  Beitrage  zur  griech.  fGe- 
schichte  (1888).  —  LZ  445 ;  JAW  181  IV 
[39],  17—36  (Soltau)  (W);  HV  18,  344; 
KL  17  (W);  K  (W). 

Hfirnes,  Moritz,  Dr.  phil.,  Prof.  d.  prahisto- 
rischen  Archaologie  a.  d.  Univ.  Wien, 
korresp.  Mitgl.  der  AdW  Wien;  *  Wien 
29.  I.  1852;  f  Wien  11.  VII.  — W.:  Ur- 
geschichte  der  bildenden  Kunst  in  Eu- 
ropa  (2  191 5),  Urgeschichte  der  Mensch- 
heit  (*  19 1 2),  Natur-  u.  Urgeschichte  der 
Menschen  (2  Bde.,  1909),  Kultur  der  Ur- 
zeit  (3  Bde.,  1912).  —  FZ  19.  VII  (A.-Bl.); 


BB1  848  (Nr.  166);  LZ  729;  SozMH  1003; 
Almanach  AdW  Wien  191 8,  426 — 432 
(Much);  ZB  41  [Deutsche  Gcschichtsbl. 
18,  219 — 225  (Motefindt);  Zeitschr.  fiir 
Ethnol.  49,  201;  Zeitschr.  fiir  osterr. 
Volkskunde  23,  45 — 48  (Haberlandt) ; 
ZB  42  [Mitteil.  der  anthropol.  Ges.  Wien 
47,  144  (Szombathy) ;  Prahistor.  Zeit- 
schr. IX,  140  (Szombathy);  Zeitschr.  fur 
Asthetik  12,  359  (Dessoir)];  ZB  43  [Ar- 
chiv  fiir  Anthropologic,  NF  16,  H.  1,  4 
(Menghin) ;  Berichte  des  Knopfmuseums 
(Prag),  2,  58;  Wiener  Prahistor.  Zeitschr. 

4,  1—23  (Menghin)];  KL  17  (W);  ZB  44 
[Carinthia  109,  52]. 

Ihne>  Ernst  v.,  Wirkl.  Geh.  Oberhofbaurat, 
Exzellenz,  kaiserlicher  Hof architekt;  * 
Elberfeld  23.  V.  1848;  f  Berlin  21.  IV.  — 
W.:  Konigliche  Bibliothek,  Kaiser  Fried- 
rich-Museum,  WeiBer  Saal  im  Kgl. 
SchloB  zu  Berlin,  Villa  Falconieri  in  Rom, 
SchloB  Friedrichshof,  SchloB  Hummels- 
hain.  — FZ  25.  IV.  (A.-BL);  Hamb. 
FBI.,  Wochenausg.  137,  7;  Kchr.,  NF  28, 
31  Sp.  328;  DBZ  51,  168  u.  174;  HPSt 
1 9 1 8 ;  LZ  468 ;  SozMH  66 1  ( Westheim) ;  AT 
1917;  ZB  44  [ZBV  Z7,  242];  TB  XVIH 
555  f.  (W);MSV  150. 

Immelmann,  Johannes,  Dr.  phil.,  Professor, 
Geh.  Reg.-Rat,  Lehrer  am  Joachimstal- 
schen  Gymnasium  u.  Dozent  a.  d.  Kriegs- 
akademie  in  Berlin;  *  Berlin  13.  XII. 
1842;  t  Berlin  3.  II.  —  W.:  Abrifl  der 
deutschen  Grammatik  (n  19 10).  —  BB1 
124  (Nr.  30);  SozMH  322;  ZB  41  [Kant- 
studien  22,  192 — 195  (Schneidewin)] ; 
KL  17  (W);  BZZ  9  [BT  8.  II.  (Geiger)]. 

*  Jakobi,  Hugo,  Kommerzienrat,  Dr.-Ing. 
e.  h.,  Oberingenieur,  Vorstandsmitgl.  und 
nach  seinem  Ausscheiden  Aufsichtsrats- 
mitglied  der  Gute-Hoffnungshiitte,  *  St. 
Antony hiitte  b.  Sterkrade  28.  X.  1834, 
t  Dusseldorf  17.  X.  —  MdT  129  (Froh- 
lich);    VDI  62,  231;    StE  1918.    Nr.n, 

5.  231 ;  DBJ  90/94  (Elbers). 

Jacoby,  Hermann,  D.,  Geh.  Kons.-Rat, 
Prof.  d.  Theologie  a.  d.  Univ.  Konigs- 
berg i.  Pr.;  *  Berlin  30.  XII.  1836;  f 
Konigsberg  i.  Pr.  18.  V.  —  W.:  Neu- 
testamentliche  Ethik  (1899);  Die  Auto- 
ritat  11.  der  Protestantismus  (19 12).  — 
FZ  19.  V.  (A.-Bl.);  LpZ  19.  V.;  LZ  541; 
BB1  588  (Nr.  117);  ELK  50,  21  Sp.  501; 
SozMH  755;  ZB  41  [Kirchl.  Jahrb.  44, 
613  (Schneider)];  KL  17  (W);  K  (W). 

Jager,  Gustav,  Dr.  tned.,  (bis  1884)  Prof, 
der  Zoologie  u.  Physiologie  a.  d.  Tech- 
nischen Hochschule  Stuttgart,  der  Tier- 
arztlichen  Hochschule  Stuttgart  u.  a.  d. 
Landw.  Hochschule  Hohenheim,  Hygie- 


66o 


Totenliste  191 7:  Jahn — Kampmann 


niker,  Erfinder  der  Normalkleidung 
(Jagerhemd);  *  Biirg  a.  Kocher  23.  VI. 
1832;  f  Stuttgart  13.  V.  — W.:  Jugend- 
erinnerungen  eines  85jahrigen  Natur- 
forschers  [Maschinenschrift;  von  J.  Hart  - 
mann  (WN)  benutzt];  Entdeckung  der 
Seele  (4  19 12) ;  Ges.  altere  Aufsatze  (1880; 
'1885);  Lehrb.  der  allgem.  Zoologie 
(2  Bde.  1871/78);  Die  Normalkleidung  als 
Gesundheitsschutz  (1880) .  —  SchM  1 5  .V. ; 
Hamb.  FBI,  Wochenausg.  140,  7;  BB1  572 
(U3);MMW704;  WI8  1777;  L  54  (Ju*i 
i9i8),S.  52;  LZ  541;  WN  81— 101  (J. 
Hartmann);  SozMH  748;  IZ  3857  (Wid- 
mann)  (P);  LpZ  15.  V.;  Prof.  Gustav 
Jagers  Monatsbl.,  21.  Jahrg.  (1902).  Nr.  6, 
7,  9  (Abh.  zu  G.  J.'s  70.  Geburtstag 
von  Seuffer);  KL  17  (W). 
Jahn,  Gustav,  Dr.  phil.t  em.  o.  Prof,  der 
semit.  Philologie  a.  d.  Univ.  Konigsberg; 

*  Drossen  (Neumark)  1 1 .  VI.  1837;  t  Ber- 
lin, IX.— FZ  18.  IX.  (A.-Bl.);  HPSti9i8; 
LZ933;KI,i7;K(W);  AA. 

Janson,  August  v.,  Gen.  d.  Inf.  z.  D.,  Mili- 
tarschriftsteller;  •  Dothen  (Kr.  Heiligen- 
beil)  27.  IV.  1844;  f  Berlin  1.  XII.  —  W.: 
Geschichte  des  Feldzugs  18 14  in  Frank- 
reich  (2  Bde.  1903/05) ;  Das  Zusammen- 
wirken  von  Heer  und  Flotte  im  Russ.- 
Japan.  Kriege  (1905).  —  MWB1  102,  68; 
LZ  1208;  WI8  1777;  ZB  41  [Der  neue 
Orient  II  229] ;  ZB  42  [Mitteil.  aus  der 
histor.  Lit.,  NF  6,  H.  1  Anh.  S.  4—6]; 
KL  17  (W);  AT  1917;  LA  (W). 

Jentsch,  Karl,  Dr.  phil.  h.  c,  Schriftsteller, 
friiher  kathol.,  dann  altkathol.  Geist- 
licher,  Mitarbeiter  der  Grenzboten,  der 
Zukunft  u.  a.;  *  Landshut  28.  II.  1833; 
t  Ziegenhals  (Schlesien)  28.  VII.  — W.: 
Carl  Jentsch.  Von  ihm  selbst  nach  seinen 
Werken.  Hersg.  v.  A.  Miihlen  u.  A.  H. 
Rose  (19 18);  Grundbegriffe  u.  Grund- 
satze  der  Volkswirtschaft  (s  1912) ;  Wand- 
lungen  (2  Bde.;  1 896/1 905  rSelbstbiogr.]) ; 
Friedrich  List(Geisteshelden,Bd.4i ,  1901 ) . 
—  KV  8.  VIII.;  FZ  30.  VII.  (M.-Bl.) 
3.  VIII.  (i.M.-Bl.) ;  LpZ  30.  VII.;  LZ797; 
SozMH  1090;  IZ  3867  (P);  WI7  777, 
8  1777;  H  17,  5  S.  551—657  (Honig);  LE 
19,  1482;  Aus  der  deutschen  Tagespresse 
1 91 7,  32  S.  2;  ZB  41  [Das  neue  Deutschl. 
605;  Die  Grenzboten  32  (Rose);  Ober- 
schlesien  XVI,  233  (Grieger) ;  Neue  Rund- 
schau 1435  (Rose);  Die  Wartburg  266 
(Hochstetter)] ;  ZB  42  [Die  Grenzboten 
1918  Nr.  6  (Rose)];  ZB  43  [Das  neue 
Deutschland  19 18.  518  (Rose)];  KL  17 
(W). 

Jtssen,  Karl  Ludwig,  nordfriesischer  Maler; 

*  Deezbull  b.  Tondern  22.  II.    1833;  f 


Deezbiill  4. 1.  —  W.:  Sonntagmorgen  vor 
der  Kirche  ( 1 878,  Hamburger  Kunsthalle) . 
—  LpZ  9.  I.;  DGK;  ZB  42  [Schleswig- 
Holstein.  Jahrb.  19 18/19,  44 — 54  (Sauer- 
mann)] ;  TB  XVIII  540  f .  ( W) ;  Friesische 
Heimatkunst  (24  Tafeln  u.  12  Textabb., 
Text  von  Momme  Nissen,  19 13);  MS  II 
271. 

#  Jordis,  Eduard,  Dr.  phil.,  a.o.  Prof,  der 
anorgan.  Chemie  a.  d.  Universitat  Er- 
langen.  Major  d.  Res.  u.  Bataillonskom- 
mandeur;  *  Paris  11.  VIII.  1868;  f  am 
Chemin  des  Dames  31.  X. —  FZ  3.  XI. 
(A.-BL);  SozMH  1918,  161;  ZB  41. 
[ChemZtg.  869  (Henrich)];  ZB  42  [Zeit- 
schr.  fiir  angew.  Chemie  31,  i3];ZB43 
[Kolloidzeitschr.  1918,  49 — 56  (Hoff- 
mann)]; PF  V  596  (W)  [Ber.  d.  dtsch. 
Chem.  Ges.  50  (Wichelhaus)] ;  AA. 

Jurisch,  Konrad,  Dr.  phil.,  em.  Prof,  der 
Chemie  u.  Hiittenkunde  a.  d.  Techn. 
Hochschule  Berlin;  *  J  am  mi  26.  XI. 
1846;  f  Berlin  15.  X.  —  W.:  Philosophic 
der  Kultur  (1890).  —  FZ  25.  X.  (A.-Bl.) ; 
L  54  (Juli  1918),  S.  57;  BB1  1 156  (Nr 
245);  LZ  1050;  SozMH  1 311;  ZB  41 
[ChemZtg.  841  (Grofimann);  Die  chem. 
Industrie  40,  313];  KL  17  (W);  K  (W). 

Kaiser,  Paul,  D.  theol.,  Pfarrer  anSt.Matthai 
in  Leipzig,  theologischer  Erbauungs-  u. 
Unterhaltungsschriftsteller;  *  Zullichau 
19.  XII.  1852;  f  Leipzig  17.  XII.  — W.: 
Gustav  Adolf  (Festspiel,  •  1903);  Griitt 
Gott  (Gedichte  4  1915);  Die  Bergpredigt 
des  Herrn,  ausgelegt  in  Predigten  (4  Bde., 
8  1 91 2);  Herausg.  von  Paul  Gerhard ts 
samtl.  Liedern  (1906).  —  BB1  1268  (Nr. 
295);  ELK  50,  52  Sp.  1224;  KL  17  (W); 
BR  III  398  (W). 

Kaemmel,  Otto,  Dr.  phil.,  Geh.  Stud.-Rat. 
Prof.,  em.  Rektor  der  Nikolaischule  in 
Leipzig,  Geschichtschreiber;  •  Zittau 
25.  IX.  1843;  t  Loschwitz  13.  IX.  —  W.: 
Spamers  IUustr.  Gesch.  d.  neueren  Zeit 
(3  Bde.,  4i9i4);  Deutsche  Geschichte 
(8i9ii);  Grundziige  der  Sachs.  Gesch. 
(8i9i2);  Kritische  Stud,  zu  Bismarcks 
Ged.  u.  Erinner.  (1899) ;  Rom  u.  die  Cam- 
pagna  (8  1913)-  —  ^z  933:  Bfil  "00 
(Nr.  219);  KL  17  (W). 

Kampmann,  Gustav,  Professor,  Land- 
schaftsmaler,  Radierer  und  Lithograph; 
•  Boppard  30.  IX.  1859;  f  Grotzingen  b. 
Karlsruhe  12.  VIII.  —  W.:  Dorf  im 
Schnee  (Rad.);  Schoner  Wintertag 
(Lithogr.) ;  Abend  im  Winter  (Gem.  1909, 
Staatsgal.  Wien).  —  BBI980  (Nr.  191): 
KW  31.  I.  S.  27  (Avenarius);  Kchr,  NF 
28,  41  Sp.  484;  SozMH  958;  DZL 
702  f . ;  TB  XIX,  509 — 5 1 1  (W)  [Cicerone 


Totenliste  1917:  Kayser — Kohnstamm 


661 


IX  323;  Katalog  der  Origin  al-Lithogr. 
usw.  des  Kunstlerbund  Karlsruhe  (W);] 
MS  V  158,  VI  154. 
Kayser,  Heinrich,  Dr.-Ing.  e.  h.,  Geh.  Bau- 
rat,  Professor,  Begriinder  der  Firma 
Kayser  u.  v.  Groflheim,  Architekt,  Mit- 
glied  des  Senats  der  Akademie  der 
Kiinste  11.  der  Akademie  des  Bauwesens; 

*  Duisburg  28.  II.  1842;  f  Berlin  11.  V. 
—  W.:  2.  Preis  bei  der  Konkurrenz  fur 
das  Reichstagsgebaude,  —  LpZ  12.  V.; 
DGK;  HPSt  1918;  Kchr,  NF  28,  33  Sp. 
355;  ZB  41  [Der  Baumeister  XV  43]; 
MS  II  316;  TB  XX  43  (W). 

Keeser,  Karl,  Pralat  und  Generalsuperinten- 
dent  in  Heilbronn,  fiihrender  Mann  der 
protestantischen  Kirche  Wiirttembergs ; 

•  Billingsbach  14.  IX.  1858;  f  Heil" 
bronn  22.  II.  —  SchwMerkur  Nr.  88,  89, 
93;  Evangel.  Gemeindebl.  fiir  Stuttgart 
XIII,  9;  \VN  31—39  (Lempp);  ZB  41 
[Kirchl.  Jahrbuch  44,  613   (Schneider)]. 

Kern,  Heinrich,  Dr.  phil.,  Dr.  h.  c.  (Leipzig), 
em.  Prof,  des  Sanskrit  der  Univ.  Leiden, 
Bhrenmitglied  der  phil.-histor.  Klasse  d. 
AdW  Wien,  Mitgl.  der  niederland.  AdVV 
Amsterdam,  Ritter  des  Ordens  Pour  le 
mkrite;  *  Purworadjo  (Niederl.-Indien) 
6.  IV.  1833;  f  Utrecht  4.  VII.  —  LpZ  14. 
VII.  ;LZ  729;  Almanach  AdW  Wien  1918, 
419 — 422  (v.  Schroeder);  ZB41  [Zeitschr. 
f.  Ethnologie  49,  201];  ZB  43  [Internat. 
Archiv  fiir  Ethnogr.  24,    169  bis  173]. 

Klauwell,  Otto,  Dr.  phil.,  Professor,  stellv. 
Direktor  u.  Lehrer  am  Konservatorium 
der  Musik  in  Koln,  Komponist;  *  Langen- 
salza  7.  IV.  1851;  t  Koln  n.  V.  —  W.: 
Musikalische  Bekenntnisse  (2  1892);  Die 
Formen  der  Instrumentalmusik  (a  19 18); 
Studien  u.  Erinnerungen  (1904);  Ge- 
schichte  der  Programmusik  (19 10). — 
FZ  15.  V.  (A.-BL);  BB1  1086  (Nr.  215); 
LpZ  15.  V.;  Deutsches  Biihnen jahrbuch 
1918/19,  S.  169;  JP  88  [RMTZ  187;  Dt. 
TonkZtg.  114;  Signale  404;  AMZ  330; 
Klavierlehrer  89;  NMZ  38,  279;  NZ  fiir 
Musik  204];  ZB  42  [Ecce  Pforta,  S.  30]; 
R641  f.  (W);  FAT  189  (W);  A  237  (W). 

Klein,  Johannes,  Kommerzienrat,  Griinder 
u.  Vorsitzender  des  Aufsichtsrats  der 
Maschinen-  u.  Armaturenfabrik  vorm. 
Klein,  Schanzlin  &  Becker  A.-G.  in 
Frankenthal  (Rheinpfalz) ;  *  Klingen- 
miinster  8.  XII.  1845;  t  Frankenthal 
(Pfalz)  23.  X.  —  E  1696  (P);  IZ  3881(F); 
VDI  62,  13— 15  (P) ;  ZB  41  [Gesundheits- 
ingenieur  40,  470;  Fordertechnik  10,  165; 
Die  GieCerei  IV  221;  Zeitschr.  f.  d.  ges. 
Turbinenwesen  14,  340];  ZB  44  [Eis-  u. 
Kalteindustrie  19,  123]. 


Klett,  Gertrud,  Dichterin  u.  Schrif tstellerin ; 
♦  Stuttgart  4.  VII.  1871;  t  Miinchen  16. 
VI.  —  W. :  Aus  jungen  Jahren  (Gedichte ; 
1906) ;  Kinderbucher ;  "Qbersetzungen  von 
Ibsen,  Geijerstam  u.  Madelung  (bei 
Langen  u.  S.  Fischer).  —  SchwMerkur 
28;  WN  104—106  (Kostlin);  BR  IV  16 
(W). 

Knodt,  Karl  Ernst,  Pfarrer  u.  Schriftsteller 
(der  Waldpfarrer) ;  *  Eppelsheim  6.  VI. 
1856;  t  Bernsheim  30.  IX.  —  W.:  Aus 
meiner  Waldecke  (Gedichte  3  1904);  Aus 
alien  Augenblicken  meines  Lebens  (Ged. 

8  1914).  Bin  Ton  vom  Tode  u.  ein  Lied 
vom  Leben  (Ged.  8  1914).  —  H  15,  3 
S.  372 — 374  (Knies);  LE  20,  217  u.  24 if.; 
WI8  1778;  Bernsheimer  Geschichtsbl.  II, 

9  S.  129 — 134  (Glaser)  (P) ;  ELK  50,  44 
Sp.  1038;  ZB  41  [Deutschland  8,  766; 
Hannoversche  Schulzeitung  385  (Bate); 
Der  Tiirmer,  Nov.  234];  ZB  42  [Vegeta- 
rische  Warte  51,  16];  ZB  43  [Die  Wart- 
burg  1918,  173  (Haun)];  KL  17  (W); 
BR  IV  32  (W). 

Kocher,  Emil  Theodor,  Dr.  med.,  o.  Prof, 
der  Chirurgie  a.  d.  Univ.  Bern,  Schopfer 
der  neuen  Kropf operation,  Nobel- Preis- 
trager  (1909);  *  Bern  25.  VIII.  1841; 
f  Bern  27.  VII.  —  FZ  28.  VII.  (2.  M.-Bl.), 
31.  VII.  (A.-Bl.);  LpZ  28.  VII.;  BB1  924 
(Nr.  177);  LZ  797;  SozMH  1244;  MMW 
1032  u.  1918,  78 — 80  (Sauerbruch) ;  WI7 
869,  8  1778;  IZ  3867  (P) ;  ZB  41  [Korresp.- 
Bl.  fiir  Schweiz.  Arzte  12 17 — 26;  MK  13, 
955  (Haberlin);  Ziiricher  Wschr.  277; 
BKW  859  (Hildebrandt) ;  DMW  43, 
1 1 1 1  (Garre) ;  Deutsche  Zeitschr.  fur 
Chirurgie  142,  I — VIII  (de  Quervain)]; 
ZB  42  [Schweiz.  Archiv  fiir  Tierheilkde. 
60,  38 — 44  (P) ;  Mitteil.  aus  den  Grenzgeb. 
der  Med.  u.  Chirurgie  30,  III  Eiselsberg)] ; 
ZB  43  [Ergebn.  der  Chir.  u.  O^hop.  10, 
S.  V];  PBL  878 f.  (W)  (P) ;  BZZ  9  [Berner 
Bund  28-/29.  u.  31.  VII.;NZZ3i.  VII]. 

Kohl,  Horst,  Dr.  phil.,  Professor,  Konrektor 
am  Konigin-Karola-Gymnasium  in  Leip- 
zig, Bismarck-Forscher  u.  Geschicht- 
schreiber;  *  Waldheim  19.  V.  1855; 
t  Leipzig  2.  V.  —  W.:  Annalen  zur 
deutschen  Geschichte  (1887 — 98);  Bis- 
marck-Regesten  (2  Bde.,  1891 — 92); 
Politische  Reden  des  Fiirsten  Bismarck 
(14  Bde.;  1892 — 1905).  —  FZ  4.  V. 
(A.-Bl.),  7.  V.  (A.-Bl.)";  IZ  3855  (F) ;  LZ 
493;  SozMH  751;  BB1  528  (Nr.  104); 
HV  18,  345;  LE  19.   1 161;  KL  17  (W). 

Kohnstamm,  Oskar,  Dr.  med.,  Sanitatsrat, 
Nervenarzt  und  Besitzer  eines  Sanato- 
riums  in  Konigstein  i.  T.,  Mazen ;  *  Pfung- 
stadt  b.  Darmstadt  13.  IV.  1871;  t  K5- 


662 


Totenliste  19 17:  Kohut — Krosigk 


nigstein  i.  X.  6.  XI.  —  FZ  8.  XI.  (A.-Bl.) 
(Edinger);  L  54  (Juli  1918);  S.  $7^1 
Kchr,  NF  29,  13,  Sp.  139;  LZ  1141; 
MMW  1512;  AA. 

Kohut,  Adolph.  Dr.  phil.,  Kgl.  Rat,  Schrift- 
steller;  *  Mindszent  (Ungarn)  10.  XI. 
1848;  f  Berlin  22.  IX.  —  W.:  Natur- 
geschichte  der  Berlinerin  (7  1887) ;  Bis- 
marck als  Humorist  (1899) ;  Gustav  Frey- 
tag  als  Patriot  und  Politiker  (1916).  — 
BBI1112  (Nr.  225);  SozMH  1918,  108; 
WI7  865,  8  1778;  LZ  954;  JP  89  [Klavier- 
lehrer  155;  RMTZ  328;  Signale  679; 
NMZ  39,  32];  KL  17  (W);  BR  IV  s8f. 

Kolberg,  Josef,  Dr.,  o.  Prof,  der  Kirchen- 
geschichte  a.  d.  Akademie  in  Brauns- 
berg;  *  Elbing  6.  VIII.  1859;  f  Brauns- 
berg  23.  XII.  —  LZ  1918,  42;  DGK; 
HPSt  1918;  KL  17  (W). 

Koeppel,  Emil,  Dr.  phil.,  em.  o.  Prof,  der 
engl.  Philologie  a.  d.  Univ.  Strafiburg; 

*  Nurnberg  20.  IX.  1852 ;  f  Straflburgi.E. 
9.  VI.  —  LpZ  11.  VI.;BB1676(Nr.  135); 
FZ  11.  VI.  (A.-Bl.);  ZB  42  [Englische 
Studien  51,  467—472  (Brie)];  KL  17  (W). 

Kdrto,  Gustav,  Dr.  phil.,  Geh.  Reg.-Rat, 
o.  Prof,  der  klassischen  Archaologie  a.  d. 
Univ.  Gottingen;  *  Berlin  8.  II.  1852; 
f  Gottingen  15.  VIII.  —  W. :  Etruskische 
Spiegel  (5  Bde.,  1884— 97).  — FZ  18.  VIII. 
(A.-BL),  21.  VIII.  (A.-Bl.),  10.  IX. 
(M.-BL);  Kchr.,  NF  28,  41  Sp.  483 f. 
(Maas);  BB1  996  (Nr.  195);  HPSt  1918; 
Nachr.  d.  GdW  Gottingen  19 18,  74 — 86 
(Pohlenz) ;  ZB  41  [Archaol.  Anz.  191 7,  1] ; 
JAW  177  IV,  99—130  (Alfr.  Korte)]; 
KL  17  (W). 

Kotze,  Ludolf  v.,  Rittergutsbesitzer,  Mitgl. 
despreufi.  Abg.-Hauses;  *  Klein-Oschers- 
leben  15.  X.  1840;  f  Magdeburg  20.  X.  — 
DGK;  HPSt  1918;  UAT  1917;  HA. 

Krause,  Jduard,  Konservator  am  Museum 
fur  Volkerkunde  in  Berlin;  Altmeister 
prahistorisch-technischer  Forschung,  ur- 
spriinglich  Maurer;  *  Berlin  13.  VI.  1847; 
f  Berlin  30.  X.  —  W. :  Die  Kulturlander 
des  Alten  Amerika  (3  Bde.,  mit  A. 
Bastian,  1888) ;  tJber  die  Herstellung  vor- 
geschichtlicher  Tongef afle  ( 1 902  f .) .  —  B Bl 
1223  (Nr.  272);  L  54  (Juli  1918),  S.  58; 
HPSt  1918;  KL  17  (W).  — VZ  10.  VI. 
(Heilborn:  Zum  70.  Geburtstag) ;  HA. 

Kreibig,  Josef  Klemens,  Dr.  phil.,  Hofrat, 
a.o.  Prof,  der  Philosophic  a.  d.  Universitat 
Wien,  Inspektor  fiir  das  kommerzieUe 
Bildungswesen  im  osterreich.Unterrichts- 
ministerium  (Pseudon:Dr.Laurentius). 

*  Wien  18.  XII.  1863;  f  Wien  8.  XI.  — 
W.:  Geschichte  undKritik  derethischen 
Skeptizismus     (1887);      Psychologische 


Grundlegung  eines  Systems  der  Wert- 
theorie(i9o8).  —  FZ  15.  XI.  (A.-Bl.); 
BB1  121 1  (Nr.  266);  LZ  1164;  ZB  43 
(Kantstudien  23,150-155  [Schmidkunz]) ; 
KL  i7(W);M7VH  115. 
Kreuser,  Heinrich,  Obermedizinalrat  und 
Direktor    der     Heilanstalt     Winnental; 

*  Stuttgart  5.  I.  1855;  f  Winnental 
19.  XH.  —  W.:  Krankheit  und  Cha- 
rakter.  —  WN  160—163  (Buder)  [Schw. 
Merkur  607;  Wurttemb.  Med.  Corresp.- 
Bl.  1918,  19  (Buder);  Allgem.  Zeitschr. 
fiir  Psychiatrie  74  (Kreuser);  Volks-  u. 
Anzeigebl.  fiir  Winnental  19 18,  Nr.  10; 
Worte  des  Gedachtnisses  von  Dr.  H. 
Kreuser  u.  Pfarrer  Ziemssen] ;  ZB  42  [Die 
Irrenpflege  22,  11 — 14  (Buder);  Psych.- 
neurol.  Wschr.  20,  11 — 14,  Allgem. 
Zeitschr.  fiir  Psych,  u.  psych. -gerichtl. 
Med.  74,  260  (Kreuser)]. 

Kroemer,  Paul,  Dr.  med.,  o.  Prof,  der 
Frauenheilkunde  u.  Geburtshilfe  a.  d. 
Univ.  Greifswald,  Direktor  der  Frauen- 
klinik     und     des     Hebammeninstituts ; 

*  J^eobschiitz  18.  X.  1874;  f  Greifswald 
3.  XI.  —  LZ  1119;  MMW  1512;  HPSt 
1918;  ZB  41  [MSchr.  fiir  Geburtshilfe 
u.  Gynakol.  46,  482  (Schweder)  und  485  f . 
(Martin)  (W)];  ZB  42  [Cbl.  fiir  Gynako- 
logie  41,  1 145 — 51  (Stephan) ;  DMW  44, 
23  (Kiister)];  AA. 

Kroenig,  Bernhard,  Dr.  med.,  Geh.  Hofrat, 
o.  Prof,  der  Frauenheilkunde  u.  Direktor 
der  Frauenklinika.d.  Univ.  Freiburg  i.  Br.; 

*  Bielefeld  27.  I.  1863;  |  Freiburg  \.  Br. 
29.  X.  —  MMW  65,  162  (Gaufi);  L  54 
(Juli  1918).  S.  58;  LZ  1 1 19;  ZB  41  [Cbl 
fiir  Gynakol.  41,  ii2c« — 35  (Menge); 
MSchr.  fiir  Geburtshilfe  u.  Gynakol.  46, 
467  (Pankow),  471  (Siegel),  473  (Doder- 
lein)  u.  476 — 481  (W)];  ZB  42  [Archiv 
fiir  Gynakol.  108.  V— XX  (GauB);  DMW 
44,  77  (Sellheim) ;  Fortschr.  auf  dem  Geb. 
der  Rontgenstrahlen  25,  25,  S.  367 — 369 
(GauB);  MK  14.  77  (Gaufi)];  KL  17; 
ZB  44  [Strahlentherapie  IX  1—9  (Gaufi)]. 

Kropatschek,  Friedrich,  D.  theol.,  Dr.  phil.. 
o.  Prof,  der  evangel.-systematischen 
Theologie  u.  Dogmatik,  Herausgeber  der 
Biblischen  Zeit-  u.  Streitfragen  (seit 
!9°5);  *  Wismar  25.  I.  1875;  t  Breslau 
22.  I.  —  W. :  Occam  und  Luther  (1900); 
Die  Trinitat  (19 10).  —  FZ  28.  I.  (2.  M.- 
BL);  LZ  143;  SozMH  330;  ELK  50. 
5Sp.  ii7f-;  BBI84  (Nr.  2o);HPSt  1918; 
ZB  41  [Kirchl.  Jahrb.  44,  614  (Schnei- 
der)]; ZB  42  [Evangel.  Kirchen-Ztg. 
1918,  23  (Walter)];  KL  17  (W). 

Krosigk,  Erich  v.,  Wirkl.  Geh.  Rat,  Exzel- 
lenz,  langjahriger  Prasident  des  anhalti- 


Totenliste  1917:  Kudlich — Leiningen-Westerburg 


663 


schen  Landtags,  SchloBhauptniann  von 
Ballenstedt,  herzogl.  an  halt.  Kammer- 
herr;  *  Rathmannsdorf  26.  IX.  1829; 
f  Rathmannsdorf  20.  II.  —  DGK;  UAT 
1918. 

Kudlich,  Hans,  Befreier  der  osterreichischen 
Bauernschaft;  *  Lobenstein  b.  Jagern- 
dorf  (Schles.)  25.  X.  1823;  f  Hoboken 
10.  XL  —  HambFBl,  Wochenausg., 
168,  S.  7;  Otto  Wenzelides,  Hans  Kud- 
lich. Ein  Leben  fiir  Freiheit  u.  Recht 
(Warnsdorf  1925). 

Kuhn,  Bemhard,  Geh.  Baurat,  em.  Prof, 
a.  d.  Techn.  Hochschule  Berlin,  Archi- 
tekt;  •  Falkenhein  (Schles.)  26.  IX. 
1838;  t  Berlin  12.  II.  —  W.:  Kultus- 
ministerium,  Berlin.  —  FZ  16.  II. 
(2.  M.-Bl.),  17.  II.  (A.-Bl.);  LZ  225;  LpZ 
16.  II.;  Kchr,  NF28,  23  S.  233;  K  (W) ; 
AA. 

Kill  than,  Erich,  Landschaftsmaler,  Litho- 
graph u.  Zeichner,  Professor,  friiher 
Lehrer  a.  d.  Berliner  Kunstschule; 
•  Bielefeld  24.  X.  1875 ;  t  Jena  30.  XII.— 
W. :  Traume  und  Erinnerungen  der  Kind- 
heit  (1901).  —  FZ  3.  I.  1918  (A.-BL); 
DGK;  LpZ  2.  I.  1918;  Kchr,  NF  29,  155; 
DZL  821  (W);  MS  V  175. 

Kurzwelly,  Albrecht,  Dr.  phil.,  Professor, 
Direktor  des  Stadtgeschichtlichen  Mu- 
seums in  Leipzig;  *  Leipzig  20.  I.  1868; 
t  Leipzig  8.  I.  —  LpZ  9.  I.  u.  13.  I.;  FZ 
n.  I.  (A.-Bl.);  LE  19.  649;  IZ  3839  (P): 
LZ8o;BBl28  (Nr.  7) ;  HV  18,343;  Kchr, 
NF  28,  17,  S.  i6sf.;  WI  8  1779;  ZB  41 
[Mitteil.  des  Erzherzog-Rainer-Museums 
46];  AA. 

Kuster,  Friedrich  Wilhelm,  Dr.  phil.,  (1899 
bis  1905)  Prof,  der  Chemie  a.  d.  Berg- 
akademie  Clausthal  a.  D.,  chemischer 
Schriftsteller;  *  Falkenberg  n.  IV.  1861; 
f  Frankfurt  a.  O.  22.  VI.  —  W.:  Loga- 
rithmen-Rechentafel  fiir  Chemiker,  Phar- 
mazeuten,  Mediziner  u.  Physiker  (al  19 19) ; 
Lehrbuch  der  allgem.  physikalischen  u. 
theoret.  Chemie  (191 3).  —  WI7  931, 
8  1779;  ZB  41  [ChemZtg.  805  (Dahmer) ; 
Zeitschr.  f.  angew.  Chemie  30,  261 
(Munch)];  ZB  43  [Ber.  d.  dtsch.  Chem. 
Ges.,  1017 — 24  (Schaum)];  PF  V  690 
(W). 

Laffert, Maximilian  v.,  Generald.  Kavallerie 
u.  Kommandierender  General  des  XIX. 
(2.  kgl.  sachs.)  Armeekorps,  a  la  suite 
des  18.  Husarenregiments;  *  Lindau 
(Bayern)  10.  V.  1855;  f  Frankfurt  a.  M. 
20.  VII.  —  ERL;  MWB1.  102,  11;  WI8 
1779;  AA. 

Lange,  Ernst,  Dr.  phil.,  Geh.  Rat  u.  Vor- 
trag.  Rat  im  sachs.  Kultusministerium, 


verdient  um  das  Realschuiwesen ;  •  Rjesa 
20.  XL  1859;  f  Dresden  16.  I.  —  LZ  113; 
LpZ  17,  18  u.  20.  I.;  ZB  41  [Zeitschr.  fiir 
lateinlose  hohere  Schulen  29,  179  (Eber- 
hardt)]. 
*  Lange,  Friedrich,  Dr.  phil.,  Philologe  u. 
Publizist,  Begriinder  des  Vereins  fur 
Schulreform,  friiher  Herausgeber  der 
Taglichen  Rundschau,  Griinder  und 
Hauptschriftleiter  derDeutschen  Zeitung ; 

*  Goslar  10.  I.  1852;  f  Detmold  26.  XII. 
0  Berlin- Lichterfelde.  —  FZ  27.  XII. 
(A.-Bl.);  LZ  1918,  44;  ZB  43  [Der  Volks- 
wart  III,  54—6i  (Lange)];  KL  17  (W); 
DBJ  94/99  (Craemer). 

Lass  on,  Adolf,  D.  theol.,  Dr.  phil..  Dr.  jur. 
h.  c,  Geh.  Reg.-Rat,  o.  Hon.-Prof.  der 
Philosophic  a.  d.  Univ.  Berlin,  Hegel- 
Forscher;  •  Alt-Strelitz  12.  III.  1832; 
f  Berlin  20.  XII.  —  W.:  System  der 
Rechtsphilosophie  (1882).  —  FZ  21.  XII. 
(A.-Bl.)  u.  30.  XII.  (1.  M.-Bl.)  (Schmidt); 
LZ  1918,  20;  BB1  1284  (Nr.  303);  LE  20, 
560;  HPSt  1918;  SozMH  1918,  358;  ELK 
51,  1  Sp.  23  f.;  WI8  1779;  ZB  42  [Mhefte 
der  Commeniusges.,  NF  X  18  (Schmidt)] ; 
ZB  43  [Archiv  fiir  Rechts-  u.  Wirtschafts- 
philos.  11,  293  u.  12,  1 — xo  (Lasson); 
Kantstudien  23.  10 1 — 123  (Siebert)]; 
KL  17  (W);  ZB  44  [Das  humanist.  Gym- 
nasium 1919,  147 — 150  (Stalmann); 
Mecklenburg.  Heimat  XI,  131 — 134 
(Winkel)];  K  (W). 

Lauter,  W.  H.,  Dr.-Ing.,  Geh.  Baurat,  Mit- 
glied  der  Akademie  des  Bauwesens, 
Briickenerbauer;  *  3.  I.  1847;  t  Berlin 
23.  VII.  —  HPSt  1918;  DGK;  ZB  44 
[ZBV  n,  508  (Kemmann)];  AA. 

Laurentius  s.  Kreibig. 

Leber,  Theodor,  Dr.  mtd.,  Geh.  Rat,  em. 
o.  Prof.  d.  Augenheilkunde  u.  Direktor 
der  Augenklinik  der  Univ.  Heidelberg; 

*  Karlsruhe  29.  II.  1840;  f  Heidelberg 
7.  IV.  — FZ  11.  IV.  (A.-Bl.),  18.  IV. 
(1.  M.-Bl.)  (Schnaudigel) ;  MMW  544; 
L  53  (M*i  1917).  S.  48;  LZ  420;  BB1  360 
(Nr.  85);  SozMH  804;  ZB  41  [Cbl.  fiir 
prakt.  Augenheilkunde  41,  129 — 139 
(Hirschberg) ;  Klin.  Mbl.  fiir  Augenheil- 
kunde 58,  545 — 565  (v.  Hippel)  (P); 
Zeitschr.  f.  Augenheilkunde  256  (Seidel)] ; 
KL  17  (W);  PBL  9691-  (W)  (P);  K  (W). 

Leiningen-Westerburg,  Josephine  Graf  in  zu, 
geb.  Spruner  von  Mertz,  Schrif tstellerin ; 

*  Bamberg  8.  IV.  1835;  f  Kassel  5.  XI; 
—  W\:  Lebenserinnerungen,  Erlebtes  u. 
Fabuliertes  (2  Bde.,  1899).  —  KL  17 
(W);  GHK  1920;  AT  1918  [Artikel: 
Spruner  von  Mertz]:  BR  IV  220  (W) ; 
PY  I  489. 


664 


Totenliste  191 7:  Levy — Matthias 


Levy,  Alphonse,  [Pseudon.:  Ernst  Maurer], 
Schriftsteller,  Herausgeber  der  judischen 
Zeitschrift  Im  Deutschen  Reich ;  *  Dres- 
den 19.  XL  1838;  t  Berlin  25.  I.  —  W.: 
Erlebt  (Erzln.,  a  1914);  Gesch.  der  Juden 
inrSachsen  (1900).  —  LZ  176;  BB1  96 
(N   .23);KL  17  (W). 

Levy,  Emil,  Dr.  phil.,  o.  Hon.-Prof.  der 
romanischen  Philologie  a.  d.  Univ.  Frei- 
burg i.  Br.;  *  Hamburg  23.  X.  1855; 
f  Freiburg  i.  Br.  28.  XI.  —  W.:  Proven- 
zalisches  Supplement- Worterbuch  (1892 
bis  191 5,  7  Bde.;  A — S;  T — Z,  hersg.  von 
Appel,  1  Bd..  1924).  —  BB1  1256  (Nr. 
289);  LZ1209;  DGK;  KL  17;  M7  VII 
918. 

Lewy,  Israel,  Dr.  phil.,  Professor,  Rabbiner, 
Vorsitzender  des  Lehrerkollegiums  am 
jiidisch-theologischen  Seminar  in  Bres- 
lau,  Talmudforscher;  *  Hohensalza  7.  I. 
1841;  f  Breslau  8.  IX.—  BB1  1076  (Nr. 
212);  LZ  933;  SozMH  1 100;  ZB  41  [All- 
gem.  Ztg.  des  Judentums  81,  460  (El- 
bogen)] ;  M7  VII  922  f . 

Ller,  Leonhard,  Dr.  phil.,  Professor,  Haupt- 
schriftleiter  des  Dresdner  Anzeiger,  Vor- 
sitzender des  Landesverbandes  der  Sach- 
sischen  Presse,  Vorstandsmitglied  des 
Reichsverbandes  der  deutschen  Presse; 
*  Herrnhut  22.  III.  1864;  f  Dresden  4.  I. 

—  Dresdner  Anz  5. 1.;  LpZ  4.  I.  u.  6.  I.; 
LZ  57;  BB1  20  (Nr.  5;)  LE  19.  649; 
WI7  1002,  8  1780;  KL  17. 

Lincke,  Felix,  Geh.  Baurat,  Professor  der 
Maschinenbaukunde  a.  d.  Techn.  Hoch- 
schule  Darmstadt  ;*  Leipzig  14.  XI.  1840; 
t  Darmstadt  23.  VIII.  —  Herausgeber 
des  Handbuchs  der  Ingenieurwissen- 
schaften.  —  VDI  61,  38  S.  778  f.  (P);  K 
(W). 

Lindner,  Felix,  Dr.  phil.,  a.o.  Professor  der 
englischen  Philologie  a.  d.  Univ.  Rostock; 
*01si.Schl.4.V.  1849;  t  Rostock  1.  VIII. 

—  FZ  4.  VIII.  (A.-Bl.);  LpZ  3.  VIII.; 
WI8  1780;  ZB  42  [Engl.  Studien  51,  476 
(Glode)];  KL17;  K  (W). 

Livonius,  Otto,  Vizeadmiral  a.  D.,  Marine- 
schriftstelleru.  Kolonialpolitiker;  *  Wol- 
gast  1.  IV.  1829;  f  Berlin  9.  II.  —  LpZ 
10.  u.  13.  II.;  LZ  201;  DKZ  34,  2  S.  28; 
DGK ;  ZB  4 1  [Archiv  f iir  Rettungswesen 
3,  522  (Schroder)].;  A  A. 

Lobmeyr,  Ludwig,  ,,Altmeister  der  oster- 
reichischen  Glasindustrie"  (Inschrift  an 
seinem Monument  im  Osterreich.  Museum 
in  Wien),  Parlamentarier ;  *  2.  VIII. 
1829;  f  Wien,  25.  III.  —  Neue  osterreich. 
Biogr.  I,  132 — 145  (Leisching)  (P);  WI8 
1780;  BZZ  9  (NFP  26727.  III.  [Bettel- 
heim];  VZ  4.  IV.). 


London,  Franz,  Dr.  phil.,  Geh.  Reg.-Rat, 
o.  Prof,  der  Mathematik  a.  d.  Univ.  Bonn ; 

•  Liegnitz  6.  IV.  1863;  f  Bonn  27.  II.  — 
LpZ  1.  III.;  FZ  2.  III.  (2.  M.-Bl.);  LZ 
280;  L  53  (Nov.  I9I7);S.  75;  SozMH  438; 
WI7  1029,  8  1780;  ZB  41  [Jahrb.  d.  dt. 
Mathematikervereinigung  26,  153 — 157 
(Study)];  K  (W);  PF  V  760. 

Loewenthal,  Eduard,  Dr.  phil.,  philoso- 
phischer  Schriftsteller  u.  Sozialpolitiker, 
Organisator  der  Friedensbewegung;  * 
Ernsbach  12.  III.  1836;  f  Berlin  26.  III. 

—  W.:  System  u.  Geschichte  des  Natu- 
ralismus  (8  1897)  i  Geschichte  der  Philo- 
sophic im  Umrifl  (*  191 1) ;  Neues  System 
der  Soziologie  (1908);  Mein  Lebenswerk 
(19 10);  System  des  naturalist.  Transzen- 
dentalismus  (6  1916). —  LZ  329;  SozMH 
438;  LE  19,  97o;  BB1  316  (Nr.  761);  KL 
17  (W). 

Lueg,  Heinnch,  Geh.  Kommerzienrat. 
Groflindustrieller,  Mitglied  des  preu- 
Bischen  Herrenhauses,  Griinder  der 
Maschinenfabrik  Haniel  &  Lueg,  Vor- 
sitzender der  Rheinischen  Bahn-Gesell- 
schaft;  *  Sterkrade  14.  IX.  1840;  | 
Dusseldorf  7.  IV.  —  FZ  30.  XH.  (2.  M.- 
Bl.) ;  HPSt  1918;  WI7  1041,  8  1780;  Soz 
MH  649;  DGK;  StE  37.  392. 

Luerssen,  Arthur,  Dr.  med.,  Sozialhygie- 
niker,  Mitschopfer  der  Dresdner  Hygiene- 
ausstellung  191 1,  Begriinder  u.  Leiter  der 
Volksborngesellschaf t ;  *  Kleinzschocher 
b.  Leipzig  18.  III.  1877;  f  Dresden  1.  XI. 

—  MMW  1512;  LZ  1141;  ZB41  [Ber.  der 
bayr.  botan.  Ges.  XVI  13  (Toepffer)]; 
ZB  42  [Intemat.  Mschr.  zur  Erforschg. 
des  Alkoholismus  27,  283];  AA. 

Mann,  Oskar,  Dr.  phil.,  Professor,  Ober- 
bibliothekar  an  der  Koniglichen  Biblio- 
thek  in  Berlin;  *  Berlin  18.  IX.  1867; 
t  Berlin  5.  XII.  — W.:  Kurdisch-per- 
sische  Forschungen  (1906 — 10).  —  BB1 
1256  (Nr.  289),  LZ  1209,  WI8  1780; 
HPSt  1918 ;  ZB  4 1  [Der  christliche  Orient 
1917  II,  229];  KL  17  (W);  JB  1920,  179; 
AA. 

Mathis,  Karl,  Geh.  Oberjustizrat,  Land- 
gerichtsprasident  in  Frankfurt  a.  O.,  Mit- 
glied   des    preufiischen     Herrenhauses; 

*  Rittergut  Denkwitz  b.  Glogau  19.  XI. 
1845;  t  Frankfurt  a.  O.  13.  IV.  —  HPSt 
1918;  DGK;  WI8  1781;  AA. 

*  Matthias,  Adolf,  Dr.  phil.,  Wirkl.  Geh. 
Oberreg.-Rat,  friiher  Vortrag.  Rat  im 
preuBischen  Kultusininisterium.Padagog, 
Hrsg.  der  Monatsschrift  fiir  das  hohere 
Schulwesen  u.  des  Handbuchs  fiir  den 
deutschen  Unterricht;  •  Hannover  1.  VI. 
1847;  f  Dusseldorf  8.  VI.  —  W. :  Wie  er- 


Totenliste  191 7:  Maurer — Michael 


665 


ziehe  ich  meinen  Sohn  Benjamin  ? 
(10  1 9 1 5 );  Das  deutsche  Volkslied  (4  1913) ; 
Hilf  sbuch  fiir  den  deutschen  Sprachunter- 
richt  (8  19 1 2);  Erlebtes  und  Zukunfts- 
fragen  (1913);  Bismarck  1915.  —  FZ  20. 
VI.  (Ziehen);  LZ 613;  LE  19,  1920;  DGK; 
WI8  1781;  ZB  41  [Mschr.  f.  d.  hohere 
Schulw.  529 — 540  (Biese);  Pharos  8, 
105 — 112  (Lurz);  Zeitschr.  f.  d.  dtsch. 
Unterricht  494;  Zschr.  fiir  lateinlose  hoh. 
Schulen  29,  145;  Zeitschr.  f.  d.  Reform 
der  hoh.  Schulen  29,  33  (Eickhoff) ; 
Zeitschr.  fiir  Schulgesundheitspflege  30, 
417  (Gohde)];  KL  17  (W);  BZZ  9  [KZ 
31.  V.  (Zum  70.  Geburtstag);  BT  30.  V. 
(dass.);  BT  10.  VI.;  HK  10.  VI.];  DBJ 
98/103  (Norrenberg  m.  L.). 

Maurer,  Ernst*'  s.  Levy,  Alphonse. 

Mauthner,  Julius,  Dr.  med.,  Obersanitats- 
rat,  o.  Professor  der  med.  Chemie  a.  d. 
Univ.  Wien;  *  Wien  26.  IX.  1852; 
t  Wien  28.  XII.  — FZ  31.  XII.  (M.-Bl.) ; 
MMW  65,  60;  L  54  (Jan.  1918),  S.  2;  LZ 
1918,  44;  SozMH  1918,  161;  ZB  42 
[Osterr.  Ch.-Ztg.,  NF  21,  43  (Zcynek) ; 
WKW  31,  57];  ZB  43  [Ber.  der  dtsch. 
Chem.  Ges.  51,  1025  (Suida)];  KL  17; 
PF  V,  822  (W). 

Mayr,  Karl,  Dr.  phil.,  o.  Hon.-Prof.  der 
Geschichte  a.  d.  Univ.  Miinchen;  *Krum- 
bach  28.  III.  1864;  t  Miinchen  24.  X.  — 
Herausgeber  der  Brief e  u.  Akten  zur 
Gesch.  des  Dreifligjahrigen  Krieges, 
Bd.  7  u.  8  (1905/08).  —  LZ  1097;  SozMH 
1918,  57;  DGK;  ZB  42  [Sudd.  MH,  Mai 
1918,  vS.  144—152  (v.  Miiller)];  KL  17 
(W). 

#  Meding,  Hans  v.,  Landwirt,  Klosterguts- 
pachter  in  Wulfrode  (Kreis  t)lzen),  Wel- 
fenfiihrer,  M.  d.  R.  (Deutsch-hannov. 
Partei);  *  Sclinellenberg  b.  Liineburg 
K.  X.  1868;  f  bei  Mitau  5.  I.  —  FZ 
14.  I.  (1.  M.-Bl.);  LpZ  13.  I.;  UAT  1917 
u.   1918;  RH  1912,  319;  AA. 

*  Mehrtens,  Georg  Christoph,  Geh.  Hofrat, 
(1895 — *9l$)  °-  Prof,  der  Briickenbau- 
technik  a.  d.  Technischen  Hochschule 
Dresden  a.  D..  *  Bremerhaven  31.  V. 
1843  i  t  Dresden  9. 1.  —  W. :  Der  deutsche 
Briickenbau  im  19.  Jahrhundert  (1900); 
Vorlesungen  tiber  Ingenieur  -Wissen- 
schaften  (3  Bde.  2  1909 — 16).  —  FZ  12. 1. 
(A.-Bl.);  BBI40  (Nr.  10);  LZ80;  SozMH 
278;  LpZ  1 1.  I.;  DGK;  VDI61,  6S.  H3f. 
(Foerster)  (P) ;  KL  17  (W) ;  StE  37,  i°<> 
u.  124;  DBJ  103/106  (Beyer). 

Mellinger,  Karl,  Dr.  med.,  o.  Prof,  der 
Augenheilkunde  u.  Direktor  der  Augen- 
klinik  a.  d.  Universitat  Basel;  *  Mainz 
26.  XI.  1858;  fBasel2i.V.  —  LpZ6.VL; 


LZ  566;  MMW'  768;  L  54  (Juli  1918), 
S.  58;  ZB  41  [Cbl.  fiir  prakt.  Augenheil- 
kunde 41,  978 — 981  (Hallauer)];  BZZ*9 
[Basler  Nachr.  24.  V.];  K  (W);  AA. 

Mendelssohn,  Robert  v.,  Generalkonsul, 
Chef  des  Bankhauses;  Mitglied  des 
preufiischen  Herrenhauses;  *  Berlin 
13.  XII.  1857;  t  Berlin  21.  VIII.  —  BT 
21.  VIII.;  VZ  21.  VIII.;  FZ  22.  VIII. 
(1.  M.-Bl.);  SozMH  1080;  LpZ  21.  VIII.; 
WI8  1 781 ;  ZB  41  [Auf  Vorposten  V  358]; 
AT  1 9 19;  ZB  44  [Heimatschutz  in 
Brandenburg  IX  155];  AA. 

t&  Mennicke,  Carl,  Dr.  phil.,  Kapellmeister 
u.  Musikhistoriker,  zuletzt  Dirigent  in 
Helsingfors,  Leutnant  d.  Res.  u.  Kom- 
pagnief iihrer ;  *  Reichenbach  i.  V.  12.  V. 
1880;  f  in  RuBland,  EndeVI.  —  W.: 
Guvertiire  zu  einem  Schauspiel  (1918). — 
LpZ  2.  VII.;  BBl776(Nr.  151);  AMZ44, 
27  S.  480;  JP  89  [Signale  509;  NZ  fiir 
Musik  228;  Klavierlehrer  122;  NMZ  38, 
327;  Stimme  11,  332;  Dtsch.  Tonk.-Ztg. 
148];  SozMH  854;  NML417  (W);  A  295; 
FAT  249. 

Meyer,  Bernhard,  Kommerzienrat,  Verlags- 
buchhandlerin  Leipzig,  Groflindustrieller, 
Pionier  der  deutschen  Flugzeugindustrie; 
*  Fraureuth  b.  Werdau  i.  S.  5.  X.  i860; 
f  Leipzig  19.  IV.  —  BB1  396  (Nr.  92); 
IZ  3853  (P),  3865,  S.  155—159  (Bischoff) 
(P);  WI  7  1 113,  s  1781;  AA. 

Meyer,  Bruno,  Dr.  phil.,  Kunstschriftsteller 
u.  Padagog,  Prof.  a.  d .  Technischen  Hoch- 
schule Karlsruhe  a.  D. ;  *  Kempen  28.  VI. 
1840;  f  Berlin  12.  XI.  —  W.:  Photogra- 
phische  Kunstblatter  (1899 — 1906).  — 
LZ  1 141;  DGK;  LE  20,  431;  BB1  1223 
(Nr.  272);  ZB  42  [Zeitschr.  fiir  Hoch- 
schulpad.  9,  7 — 13];  KL  17  (W). 

*  Meyer  (aus  Speyer),  Wilhelrn,  Dr.  phil., 
o.  Prof,  der  mittellatein.  Philologie;  * 
Speyer  1 .  IV.  1845;  t  Gottingen  9.  III.  — 
W.:  Ges.  Abhandlungen  zur  mittellatein. 
Rhythmik  (3  Bde.  1905).  — FZ  23.  III. 
(A.-Bl.) ;  LpZi  1 .  III. ;  LZ  361 ;  HPSt  1918 ; 
WI8  1781  ;ZB  43;  J ahrb.AdW  Miinchen 
20—23  (Vollmer);  Nachr.  GdW  Got- 
tingen 76—84  (Schroder);  KL  17  (W)'» 
W.  Behrens,  Gesch.  der  deutschen  Philo- 
logie in  Bildern  (1927).  S.  7*  (P)i  DBJ 
1 06/1 10  (Edw.  Schroder). 

Michael,  Emil,  Dr.  theol.,  Dr.  phil.,  SJ,  o. 
Prof,  der  Kirchen-  u.  kirchl.  Kunst- 
geschichte  a.  d.  Univ.  Innsbruck;  * 
Reichenbach  i.  Schl.  20.  IX.  1852;  f 
Miinchen  12.  III.  —  W.:  I.  v.  Dollinger 
(8  1894);  Geschichte  der  deutschen  V61- 
ker  vom  13.  Jahrh.  bis  zum  Ausgang  des 
Mittelalters    (6    Bde.;     1897 — 1915)-  — 


666 


Totenliste  1917:  Milan — Noerdlinger 


LZ  336;  SozMH  446;  HV  18,  344;  KL  17, 
(W);  AA. 

Milan,  Emil,  Dr.  phU.,  Professor,  Rezitator, 
Lektor  der  Vortragskunst  a.  d.  Univ. 
Berlin;  *  Frankfurt  a.  M.  12.  IV.  1859; 
f  Berlin  13.  III.  —  FZ  14.  III.  (2.  M.-Bl., 
A.-Bl.)  u.  16.  III.  (2.  M.-BL);  HPSt  1918; 
SozMH  334;  Dtsch.  Biihnenjahrb.  29 
(1918)  S.  164;  KW  30,  III  S.  81  f.  (Schu- 
mann) ;  KL  1 7  ( W) ;  BZZ  9  [NZZ  20.  III. ; 
VZ  13.  III.;  BT  26.  HI.;  TR  31.  III.]. 

Mlquel,  Hans  v.,  deutscher  Gesandterz.D., 
Generalkonsul  in  Kairo;  *  Berlin  2.  XII. 
1871;  t  Berlin  17.  III.  — LpZ  20.  III.; 
HPSt  1918;  DGK;  AT  1919. 

Mlttermaler,  Karl,  Dr.  mod.,  Geh.  Medizinal- 
rat,  Ehrenburger  von  Heidelberg,  Ehren- 
vorsitzender  der  Fortschrittlichen  Volks- 
partei  in  Heidelberg;  *  Heidelberg  20. 
VII.  1823;  f  Heidelberg  27.  XII.  —  FZ 
28.  XII.  (2.  M.-Bl.)  u.  4.  I.  1918  (A.-Bl.; 
Leser);  DGK;  MMW  1918,  116;  AA. 

Mu  linen,  Wolfgang  Friedrich  Graf  v., 
Dr.  phil.,  a.o.  Prof,  der  Geschichte  a.  d. 
Univ.  Bern,  Oberbibliothekar  der  Berner 
Stadt-  u.  Hochschulbibliothek,  Erfor- 
scher  der  Berner  Landesgeschichte;  * 
Bern  25.  XII.  1863;  f  Bern  15.  I.  —  LpZ 
18.  L;  LZ  17;  SozMH  265 ;  BB1  56  (Nr.  14) 
HV  18,  343;  ZB  43  [Anz.  fur  schweiz. 
Gesch.  49,  87];  KL  17;  GT  1917;  BZZ  9 
[Berner  Bund  16.  I.;  Basler  Nachr.  24. 
I.];K(W). 

Muller,  Georg,  Grunder  (1903)  u.  Inhaber 
des  Verlags  Georg  Miiller  in  Miinchen; 
*  Mainz  29.  XII.  1877;  f  Miinchen  29. 
XII.  —  LZ  1918,  42;  SozMH  1918,  108 
(Hochdorf);  ZB  41  [IZ  19 18,  26  (Wolf)]; 
M7  VIII  829. 

Mailer,  I  wan  Ritter  v.,  Dr.  phil.  et  jur.,  Geh. 
Rat,  o.  Prof,  der  klass.  Philologie  a.  d. 
Univ.  Miinchen,  o.  Mitglied  der  AdW 
Miinchen,  Herausgeber  des  Handbuchs 
der  klassischen  Altertumswissenschaf t ; 
(9  Bde.  1885 — 191 1);  *  Wunsiedel  20.  V. 
1830;  |  Miinchen  20.  VII.  —  FZ  25.  VII. 
(A.-Bl.)  (Maas);  LpZ  23.  VII.;  ELK  50, 
31  Sp.  742;  LZ  753;  DGK;  BB1  872 
(Nr.  i7o);WI8  1782;  ZB  43;  Jahrb.  AdW 
Miinchen  19 18,  16 — 25  (Rehm);  KL  17 
(W);K(W). 

MUnzel,  Robert,  Dr.  phil.,  Professor,  Direk- 
tor  der  Hamburger  Stadtbibliothek;  * 
Wiesbaden  12.  IX.  1859;  f  Hamburg 
1 1 .  VII.  (im  Heeresdienst  als  Haupt- 
mann  d.  L.).  —  LpZ  14.  VII.;  FZ  12.  VII. 
(A.-Bl.);  LE  19,  1417;  DGK;  LZ  729; 
WI7  1166;  W8  1782;  KL  17  (W);  Anz. 
Phil.  Wo.  41  (1921),  U42f.  (Ziehen); 
ZB  43  [Zeitschr.  f.  Biicherfreunde,  NF 


10,  II  254  (Warburg)].  —  R.  M.  zum  Ge- 
dachtnis  (Koster  u.  a.)  (W) ;  JB  1920,  180. 

Neubaur,  Leonhard,  Dr.  phil.,  Professor, 
1877 — 191 1  Oberlehrer  am  Realgym- 
nasium  zu  Elbing,  1882 — 191 3  Biblio- 
thekar  der  Stadtbibliothek,  1893 — l9l7 
Stadtarchivar  in  Elbing;  *  Danzkehmen 
i.  Kr.  Stalluponen  (Ostpr.)  6.  XI.  1847; 
t  Elbing  27.  VIII.  — W.:  Die  Sage  vom 
Ewigen  Juden  (2 1893);  Katalog  der 
Stadt bibl.  zu  Elbing,  2  Bde.  1893 — *894; 
Aus  d.  Geschichte  d.  Elbinger  Gym- 
nasiums, Elbinger  Programm  1897;  Beitr. 
z.  alt.  Gesch.  d.  Gymn.  z.  Elbing. 
Elbinger  Progr.  1899;  Aufsatze  in  d.  Alt- 
preuBischen  Monatsschrift.  —  Mitt.  d. 
WestpreuB.  Geschichtsver.  Nr.  3  vom 
1.  Jufi  1919  (Th.  Lockemann  m.  Bibl.  s. 
Schriften). 

*  Neumann,  Karl  Johannes,  Dr.  phil.. 
Dr.  h.  c.  (Briissel),  o.  Prof,  der  alten  Ge- 
schichte a.  d.  Univ.  StraBburg;  •  Glo- 
gowo  9.  IX.  1857;  f  Miinchen  12.  X. — 
W.:  AbriB  der  rom.  Staatsaltertumer 
(a  1 9 14);  Der  romische  Staat  u.  die  all- 
gem.  Kirche  bis  auf  Diocletian  (Bd.  I. 
1890;)  Entw.  u.  Aufgaben  der  alten 
Gesch.  (1909).—  FZ  15.  X.  (A.-Bl.);  LZ 
1050;  BB1  1156  (Nr.  245);  WI8I782; 
KL  17  (W);  K  (W);  DBJ  110/114 
(Laqueur) . 

*  Niemann,  Albert,  kgl.  preuB.  Kammer- 
sanger,  Tenorist,  1866 — 87  a.  d.  Konigl. 
Oper  in  Berlin;  *  Erxleben  15.  I.  1831; 
f  Berlin  13. 1.  —  Brief wechsel R.  Wagners 
mit  A.  N.,  hrsg.  v.  W.  Altmann  (1924). — 
LNN  14.  I.;  BT  13.  I.;  LpZ  15.  u.  16.  I.; 
SozMH  114  (Zepler);  NMZ  38,  139  f.  (v. 
Wolzogen);  BB1  393  (Nr.  92);  IZ  3839 
(P);  HPSt  1918;  Dtsch.  Biihnenjahrb.  29 
(19 18),  57 — 60  (Reimerder)  (P) ;  JP  90 
[AMZ  ^y,  Dtsch.  Tonk.  Ztg.  36;  Stimme 

11,  139;  NZf.  Musik  24;  Musik.  Rund- 
schau (Dusseldorf)  58;  Signale  62];  EG 
725  f.;  BZZ  9  [NFP  14.  u.  16.  I.  (Korn- 
gold) ;  Der  Tag  16. 1.  (Krebs) ;  NAZ  16. 1. 
(Altmann);  TR  15.  I.  (Zabel);  Frank. 
Kurier  17.  I.;  Vorwarts  17.  I.;  BT  17. 
u.  18. 1. ;  Weserzeitung  17.  I.];  NML  451 ; 
A  324  (P) ;  FAT  275 ;  R  894.  —  R.  Stern- 
feld,  A.N.  (1904);  DBJ  114/116  (Gol- 
ther). 

Niemann,  Johanna;  Romanschriftstellerin; 
*  Danzig  18.  IV.  1844;  |  Oliva  b.  Dan- 
zig —  W. :  Die  beiden  Republiken  (7  1901) ; 
Rubezahl  (1888);  Die  Seelen  des  Ari- 
stoteles  (*  1889).  —  BB1  348  (Nr.  83); 
KL  17  (W);  BR  V  133  f.;  PY  II  89. 

Noerdlinger,  Hugo,  Dr.  phil.,  Chemiker, 
Inhaber    einer    chemischen    Fabrik    in 


Totenliste  1917:  Oechsler — Philippovich  von  Philippsberg 


667 


Florsheiin,  verdient  uin  Brfindung  u. 
Einfiihrung  von  Desinfektionsmitteln, 
besonders  von  Saprol;  *  Stuttgart  13.  II. 
1862;  f  Florsheim  4.  III.  —  WN  166  f. 
(HaeuBermann) ;  ZB  4 1  [Zeitschr.  fur  an- 
gew.  Chemie,  B.  301];  AA. 

Oechsler,  Blias,  Professor,  Universitats- 
Musikdirektor,  Komponist  (24  op.);  * 
Spielberg  (Oberfranken)  19.  III.  1850; 
f  Erlangen  15.  IX.  —  FZ  20.  IX.  (A.- 
Bl.) ;  AMZ  44,  594;  ELK  50,  40  Sp.  942; 
JP  90  [Dtsch.  Tonk.-Ztg.  162];  FAT280; 
R  910. 

Ohneialsch-Richter,  Max,  Dr.  phil.,  Alter- 
tumsforscher,  Erforscher  der  kyprischen 
Geschichte;  *  Sohland  a.  Rothstein  7.  IV. 
1850;  f  Berlin  6.  II.  —  W.:  Die  antiken 
Kultusstatten  auf  Kypros  (189 1). — 
BB1  148  (Nr.  38);  LpZ  16.  II.;  LZ  225; 
DGK;  SozMH  265;  HV  18,  343;  KL  17 
(W).    ' 

*  Olde,  Hans  (Johann  Wilhelm),  Professor, 
Maler,  Direktor  der  Kasseler  Kunst- 
akademie;  *  Siiderau  (Holstein)  27.  IV. 
1855;  f  Kassel  25.  X.  — W.:  Holstei- 
nischer  Stier  (Dresden,  Galerie);  Klaus 
Groth  (Kunsthalle,  Bremen) .  —  FZ  27.  X. 
(1.  M.-Bl.);  BB1  1 184  (255);  Kchr,  NF 
29,  6  Sp.  59  f.  u.  9,  81 — 84  (Gronau); 
SozMH  1308U.  1918,  268;  ZB41  [Hessen- 
land  31,  347];  I>ZL  1043  (W) ;  MS  III 
334,  V225,  VI  211  (W);  DBJ  117/119 
(Vollmer). 

Oelwein,  Artur,  Hofrat,  Professor,  em. 
Honorardozent  der  Bauingenieurwiss.  a. 
d.  Hochschule  fiir  Bodenkultur,  Vor- 
kampfer  des  Donau-Oder-Kanals,  Vize- 
prasident  des  Zentralvereins  fiir  FluB-  u. 
Kanalschiffahrt  in  Osterreich;  *  Karls- 
hiitte  2.  IV.  1837;  f  Wien  19.  III.  —  LZ 
420;  SozMH  562;  ZB  42  [Cbl.  f.  d.  ges. 
Forstwesen  43,  317  (Marchet)] ;  K  (W) ; 
WI7  1211  f.;  AA. 

Oeri(-Sarasln),  Rudolf,  Dr.  med.,  Verfasser 
kleiner  historischer  Schriften;  *  1839; 
f  Basel  I.  —  Basler  Nachr  -.15.1.  (Barth) ; 
LZ  143;  ZB  42  [Basler  Jalirb.  1918, 
214 — 230;  Corresp.-Bl.  f.  Schweiz.  Arzte 
47,    1203   (Barth)]. 

Oesten,  Max,  Musikdirektor,  Komponist  u. 
Organist;  *  Berlin  20.  XI.  1843;  fKonigs- 
berg  i.  Pr.  12.  XII.  —  W.:  Der  Pilot  (fur 
Bariton,  Mannerchor  u.  Orch.).  —  JP  90 
[Sangerhalle  191 8,  12;  Dtsch.  Tonk.-Ztg. 
1918,  11;  DMZ  1918.  28];  R  911;  FAT 
280. 

Osterhaus,  Peter  Josef,  ehemals  preuBischer 
Offizier,  amerikan.  General  im  Kriege 
1861/65,  spater  amerikan.  Konsul  in 
Lyon;  *  Koblenz  1823;  t  Duisburg  2.  I. 


—  AA;   FZ    10.   I.    (A.-Bl.);    Weserztg. 
17.  I.  (Tepel). 

Pauli,  Moriz,  Professor,  em.  Gyinnasial- 
professor  in  Eberswalde,  ehemal.  Mitglied 
des  preuBischen  Landtages,  1883 — 1911 
M.  d.  R.  (Reichspartei) ;  *  Ottendorf  24. 
XII.  1838;  |  Eberswalde  7.  IV.  —  WI 7 
1246;  DGK. 

Petersen,  Hermann,  schwarzburgisch-son- 
dershauser  Staatsminister  a  .D .,  Exzellenz, 
Mitglied  des  Vorstandes  der  allgemeinen 
ev.-luth.  Konferenz;  *  Oldenburg  (Hol- 
stein) 5.  X.  1844;  t  Hamburg  1.  V. — 
ELK  50,  19  Sp.  453  u.  20,  Sp.  477;  LZ 
493;  ZB  41  [Kirchl.  Jahrb.  44,  616 
(Schneider)];  AA. 

Pfaff,  Friedrich,  Dr.  phil.,  Professor,  Hof- 
rat, erster  Bibliothekar  a.  d.  Univ.  Frei- 
burg i.  Br.,  Herausgeber  der  heimat- 
kundl.  Zeitschr.  Alemannia;  *  Darm- 
stadt 21.  XI.  1855;  t  Freiburg  i.  B.  18. 
IV.  —  GA  (P) ;  LZ  468;  FZ  5.  V.  (A.-Bl.) ; 
HV  18,  345;  DGK;  SozMH  751;  ZB  41 
[Zeitschr.  fiir  Gesch.  des  Oberrheins  468 
(Wolf)];  KL  17  (W). 

Pfleiderer,  Rudolf  Immanuel  Gottlob,  em. 
Stadtpfarrer  am  Miinster  zu  Ulm  (1883 
bis  19 1 2),  Herausgeber  der  Literarischen 
Rundschau  des  Evangelischen  Bundes; 
•  Nagold  25.  VII.  1 841;  t  Stuttgart 
11.  XI.  —  W.:  Bibel  in  Bildern  (3  Bde. 
1892  bis  1895);  Das  Miinster  in  Ulm 
u.  seine  Kunstdenkmale  (1905);  Inneres 
Leben.  Predigten  (19 12).  —  WN  149 — 151 
(Koch);  KL  17  (W). 

Pfuhl,  Eduard,  Dr.  med.,  Generaloberarzt 
a.  D.,  langjahriger  Mitarbeiter  Robert 
Kochs,  friiher  Vorstand  des  hygienisch- 
chemischen  Laboratoriums  der  Kaiser  - 
Wilhelm- Akademie ;  *  Berflienen  (Ostpr.) 
28.  VI.  1852;  f  Berlin  21.  VII.  — LpZ 
26.  VII. ;  BB1  888  (Nr.  1 72) ;  MMW  1032 ; 
DZL  1098. 

Philip p,  Herzog  von  Wiirttemberg,  Konigl. 
Hoheit,  Generaloberst,  Oberstleutnant 
des  k.  k.  Infanterieregiments  Nr.  77, 
nachster  Anwarter  am  wiirttembergischen 
Thron;  *  Neuilly  30.  VII.  1838;  f  Stutt- 
gart 11.  X.  —  FZ  12.  X.  (A.-Bl.);  WI  8 
1783;  WN  140 — 142  (v.  Muff). 

*  Philippovich  von  Philippsberg,  Eugen. 
Dr.  phil.,  Hofrat,  o.  Prof,  der  National- 
okonomie  a.  d.  Univ.  Wien,  Mitglied  des 
osterreich.  Herrenhauses,  Herausgeber 
der  Wiener  staatswissenschaftlichen  Stu- 
dien  u.  der  Zeitschr.  fiir  Volksw.,  Sozial- 
politik  u.  Verwaltung;  *  Wien  15.  III. 
1858;  f  Wien  4.  VI.  —  W.:  GrundriB 
der  politischen  Okonomie  (I10  191 3,  IIj8 
1912,    IIj4i9i2);    Die   Entwicklung  der 


668 


Totenliste  19 17:  Pringsheim — Rehm 


volkswirtschaftl.  Ideen  im  19.  Jahrh. 
(1910).  — TR  5.  VI.;  Vorwarts  5.  VI.; 
KV  28.  VI.;  LpZ  6.  VI.;  BB1  652  (Nr. 
130);  LZ  613;  SozMH  565  f.  (Schmidt); 
Almanach  AdW  Wien  191 8,  424 — 426 
(Menger);  ZB  41  [Zeitschr.  des  Verb, 
dtsch.  Dipl.-Ing.  VIII  94  (Lang);  Zeit- 
schr. fur  Volksw.,  Sozialp.  11.  Verw.  26,  1 
S.  I;  Osterr.  Rs.  52,  59  (Hainisch)];  Neue 
osterr.  Biogr.  Ill  3  S.  53 — 62  (Mises)  (P) 
[Handwtb.  der  Staatswiss.  VI4  865; 
Jahrb.  fur  Nationalok.  u.  Statistik  III  54 
S.  158 — 163  (Amon);  Schriften  des  Ver. 
fiir  Sozialpol.  159,  25 — 29  (Hainisch)]; 
KL  17  (W);  DBJ  1 19/120  (Somary). 

Pringsheim,  Ernst,  Dr.  phil.,  o.  Prof,  der 
theoretischen  Physik  a.  d.  Univ.  Bres- 
lau,  Strahlungsf orscher ;  *  Breslau  11. 
VII.  1859;  f  Breslau  28.  VI.  — W.:  Vor- 
lesungen  iiber  die  Physik  der  Sonne 
(1910).  —  LpZ  29.  VI.;  BB1  776  (Nr.  151) ; 
HPSt  1918;  LZ  684;  SozMH  899;  WI7 
1308,  8  1784;  Jahrb.  der  Schles.  Ges.  95 
(191 7),  S.  32—36  (Schaefer);  KL  17  (W) ; 
PF  V  1006  (W). 

Prlttwitz  und  Gaffron,  Max  v.,  Dr.  h.  c, 
Generaloberst  z.  D.,  ehemal.  General- 
inspekteur  der  1.  Armeeinspektion,  Au- 
gust— September  19 14  Fuhrer  der  8. 
Armee,  &  la  suite  des  Grenadierregimentes 
6;  *  Bornstedt  (Schles.)  27.  XI.  1848; 
t  Berlin  29.  III.  —  ERL;  MWB1  101, 
Nr.  163/164  u.  165;  HPSt  191 8. 

*  Puttkamer,  Jesco  v.,  1891 — 95  Landes- 
hauptmann  von  Togo,  1895 — 19°6  Gou- 
verneur  von  Deutsch-Kamerun ;  *  Berlin 
2.  VII.  1855;  f  Berlin  23. 1.  —  W.:  Gou- 
verneursjahre  in  Kamerun  (19 12).  — 
LpZ  25. 1.;  FZ  26.  I.  (1.  M.-Bl.) ;  SozMH 
170;  DKZ  34,  2,  S.  27f.;  UAT  1918  (S. 
693);  DBJ   120/124  (Seitz). 

Rabl,  Karl,  Dr.  med.,  Geh.  Med.-Rat, 
o.  Prof,  der  Anatomie  a.  d.  Univ.  Leipzig, 
o.  Mitgl.  der  GdW  Leipzig,  korresp. 
Mitgl.  der  AdW  Wien;  *  Wels  (O.-O.) 
2.  V.  1853;  f  Leipzig  24.  XII.  —  W.:  Uber 
Zellteilung  (1884).  — FZ  27.  XII.  (A.-Bl.) ; 
BB1  1284  (Nr.  303);  MMW  65,  2i6f. 
(Held);  L  54  (Juli  1918),  S.  58;  LZ  1918, 
20;  WI8  1784;  Berichte  Verh.  d.  GdW 
Leipzig,  Math.-phys.  Kl.  1918,  365 — 380 
(Held)  (W);  Almanach  AdW  Wien  1918, 
260 — 274  (Hochstetter)  (W);  ZB  42 
[Anatom.  Anz.  51,  54 — 79  (Fischel); 
WK1W  31,  196  (Hochstetter)];  KL  17; 
ZB  44  [Mitteil.  der  Anthropol.  Ges.  in 
Wien,  Bd.  48,  Anh.  S.  14] 

Radolin-RadOlinskl,  Hugo,  Fiirst  v.,  Deut- 
scher  Botschafter  (1900 — 1910  in  Paris) 
a.  D.,  erbl.  Mitgl.   des  preuB.   Herren- 


hauses,  Kgl.  preuB.  Kammerherr  u.  Ober- 
truchseB,  Durchlaucht,  Wirkl.  Geh.  Reg.- 
Rat,  Exzellenz,  Oberhofmarschall  des  f 
Kaisers  Friedrich,  Ritter  des  Schw.  A.-O. ; 

*  Posen  1 .  IV.  1 84 1 ;  f  SchloB  Jarotschin 
b.  Posen  20.  VII.  —  FZ  25.  VII.;  DGK; 
E  1 163  (P);  GH  191 7/1920. 

Raehlmann,  Bduard,  Dr.  med.,  Wirkl.  Geh. 
Staatsrat,  Exzellenz,  o.  Prof,  der  Augen- 
heilkunde  a.  d.  Univ.  Dorpat  a.  D.,  Vor- 
sitzender  des  Geschaftsfiihr.  Ausschusses 
der  Goethe-Gesellschaf  t ;  *  Ibbenbiihren 
(Westf.)  19.  HI-  1848;  t  Weimar  1.  XI. 
—  W.:  Vergleichende  Physiol,  des  Ge- 
sichtssinnes  (1907).  —  BB1 1056  (Nr.  207) ; 
LZ  885;  MMW  1224;  L  53  (Nov.  1917). 
S.  75;  Kchr,  NF  28,  42  Sp.  499;  ZB  41 
[Correspondenzbl.  des  Allgem.  arztl.  Ver- 
eins  fiir  Thiir.  46,  167];  KL  17  (W). 

Ranke,  Frieduhelm  v.,  Generalmajor  z.  D., 
Sohn  Leopold  v.  Rankes;  *  Berlin  17.  XII. 
1847;  t  Jena  22.  VI.  —  DGK;  F.  H.  Hel- 
molt,  Leopold  Rankes  Leben  und  Werke 
(Leipzig  192 1),  S.  ioif.,  115,  118,  207, 
214  AT  1917. 

Rantzau,  Kuno,  Graf  v.,  Wirkl.  Geh.  Rat, 
Exzellenz,  Kaiserl.  deutscher  a.o.  Ge- 
sandter  u.  bevollm.  Minister  a.  D.r 
Schwiegersohn  Bismarcks;  •  Wiesbaden 
10.  III.  1843;  t  Dobersdorf  b.  Schon- 
kirchen  26.  XI.  —  DGK;  WI  81784; 
GT  1920. 

Rauschen,  Gerhard,  Dr.  thiol,  et  phil., 
o.  Honorarprof.  der  kathol.  Kirchen- 
geschichte  a.  d.  Univ.  Bonn,  Gymnasial- 
oberlehrer;  *  Heinsberg  13.  X.  1854; 
f  Bonn  a.  Rh.  14.  IV.  —  W.:  GrundriB 
der  Patrologie  mit  bes.  Beriicksichtigung 
der  Dogmengesch.  (5  1913);  Florilegium 
patristicum  (11  Bde,  1904 — 16,  I — VII 
1  19 14);  Lehrbuch  der  kathol.  Religion 
(10I9I4).  — FZ  13.  IV.  (1.  M.-Bl.);  DGK; 
LZ445;  HV  18.  344;  KL  17  (W). 

Reden,  Erich  v..  Geh.  Oberjustizrat,  Senats- 
president  a.  D.,  1874 — 81  M.  d.  R.  (natio- 
naUiberal) ,  FideikommiBherr  auf  Hameln ; 

*  Hameln  3.  XII.  1840;  f  Hannover 
2.  II.  —  DGK;  UAT  1917. 

Retard t,  Friedrich  Karl,  GroBkaufmann  in 
Hamburg,  altestes  Mitglied  des  Senats, 
f ruber  langjahr.  Vorsitzender  der  Han- 
delskammer  in  Hamburg  u.  des  deutschen 
Handelstages;  *  Hamburg  2.  I.  1843; 
t  Hamburg  23.  XI.  —  FZ  27.  XI. 
(2.  M.-BL);  DGK;  DZL  1153. 

Rehm,  Hermann,  Dr.  jur.,  o.  Prof,  des 
Staats-,  Verwaltungs-,  Kirchen-  und 
Handelsrechts   a.    d.    Univ.    StraBburg; 

*  Augsburg  19.  IV.  1862 ;  |  StraBburg  i.E. 
15.  VIII.  —  W.:  Staatslehre  (1899);  Po- 


Totenliste  191 7:  Rellstab — Schaefer 


669 


litisches  Wesen  der  deutschen  Monarchic 
(1916).  —  FZ  16.  VIII.  (A.-BL);  LpZ 
r7.  VIII.;  WI7  1341,  8I784;  LZ  842; 
ZB  42  [Zeitsclir.  f.  d.  ges.  Handelsrecht 
81  287  (Lehmann)];  KL  17  (W);  K  (W). 
Rellstab,  Ludwig,  Dr.  phiL,  Geh.  Reg.-Rat, 
Prof.,  Dozent  der  Physik  u.  Chemie  a.  d. 
Marineakademie  Kiel;  *  Kiel  14.  VII. 
1873 ;  f  K*e*  3-  v-  —  w- :  Das  Fernsprech- 
wesen    (1902);    Die    elektr.    Telegraphie 

(1903).  — DGK;LZ493;Iv53(Okt.  1917). 
S.72;  KL  17  (W). 

Riedinger,  Jakob  Ferdinand,  Dr.  med.,  a.o. 
Prof,  der  Orthopadie  u.  Mechanotherapie 
a.  d.  Univ.  Wurzburg,  Begr.  u.  Herausg. 
des  Archivs  fiir  Orthopadie,  Mechano- 
therapie u.  Unf allchirurgie ;  *  Schwan- 
heim  19.  IX.  1844;  f  Wurzburg  17.  II.  — 
LpZ  19.  II.;  LZ  247;  MMW  304;  ZB  41 
[Archiv  fiir  Orthopadie  15,  87 — 90 
(Hoeftmann)  (W) ;  Zeitschr.  fiirorthopad. 
Chirurgie  37,  XI  (F.  Lange)  u.  XIX  (W)] ; 
ZB  42  [Zbl.  fiir  chirurg.  u.  mechan. 
Orthopadie  XI  73  (Gutmann)];  PBL 
i384f.  (W);  K  (W). 

Rlehl,  Josef,  Dr.-Ing.  e.  h.,  Oberbaurat,  In- 
genieur,  Erbauer  der  tiroler  u.  vorarl- 
berger  Bergbahnen,  Ehrenbiirger  von 
Innsbruck;  *  Bozen  31.  VIII.  1842; 
f  Innsbruck  17.  II.  —  LpZ  24.  II.; 
SozMH  562;  Tiroler  Ehrenkranz,  S.  239 
bis  241  (Innereber)  (P) ;  ZB  41  (Rdschau 
fiir  Technik  u.  Wirtsch.  10,  73]. 

Rjotte,  Hermann,  Schriftsteller  [Pseud.: 
Armand  Ettoir];  *  ^lberfeld4.  VII.  1846; 
f  in  Wahren  b.  Leipzig  14.  V.  —  W.: 
Logan  (Drama,  si9i4);  Konigsmark 
(Drama,    aiS92);    Vater    Klaus    (Idyll, 

*  1894),  Lebenswogen  (2  Bde.,  1912); 
Im  goldenen  Dreieck  (Roman,  %  19 10).  — 
Dtsch.  Buhnenjahrb.  19 18/ 19,  S.  169; 
KL  (W);  BR  VI  478. 

#  Roch,  Wolfgang,  Dr.  phiL,  Kunsthisto- 
riker,  Direktor  des  Stadtmuseums  in 
Bautzen.  —  *  Freibergsdorf  b.  Freiberg 
30.  VI.  1884;  t  in  Mazedonien  18.  III. 
—  LZ  392;  SozMH  503;  HV  18,  342; 
Kchr,  NF  28,  29,  S.  299;  ZB  41  [Neues 
Laus.  Mag.  93,   187  (Arras)];  AA. 

Ro land- Lu eke,  Ludwig,  Gutsbesitzer,  M.  d. 
R.  (nationallib.) ;  *  Nieder-Sickte  in 
Braunschw.  21.  II.  1853;  t  im  D-Zug 
Berlin—Heidelberg  13.  II.  —  FZ  15.  II. 
(2.  M.-Bl.)  u.  17.  II.  (A.-BL);  DGK; 
AA. 

Roman,  Rudolf  Freiherr  v.,  Dr.  jur.,  Re- 
gierungsprasident  von  Oberfranken  a.D., 
Exzellenz,     Kgl.    bayer.     Kammerherr; 

*  Leider  1.  XII.  1836;  f  Wurzburg 8. 1.— 
FZ  9.  I.  (1.  M.-Bl.);  DGK;  FT  1917- 


gi  Rosenfeld,  Felix,  Dr.  phiL,  Archivrat  am 
Staatsarchiv  in  Magdeburg;  *  Bromberg 
22.  IV.  1872;  f  Lazarett  Koln-Ehrenfeld 
5.  VII.  —  LZ  773;  SozMH  1007;  HPSt 
1918;  ZB  41  [Hessenland  31,  219 
(Knetsch)];  ZB  42  [Gesch.-Bl.  fiir  Stadt 
u.  Land  Magdeburg  51/52,  283  (Mollen- 
berg]);  ZB  43  [Zeitschr.  d.  Ver.  fiir  hess. 
Gesch.  u.  Lkde.  51,  I-— VIII  (Kuch)];  AA. 

Rosenthal,     Toby     Edward,     Genremaler; 

•  New  Haven  (Connect.,  USA.)  15.  III. 
1848 ;  f  Miinchen  23.  XII.  —  W. :  Morgen- 
andacht  in  der  Familie  Bachs  (Leipzig, 
Stadtisches  Museum).  —  Kchr  ,  NF  29, 
13.  Sp.  139;  DGK;  MS  IV  109,  VI  239. 

ROgheimer,  Leopold,  Dr.  phiL,  Geh.  Reg.- 
Rat,  a.o.  Prof,  der  Chemie  a.  d.  Univ. 
Kiel;  *  Walldorf  b.  Meiningen  4.  V.  1850, 
f  Kiel  24.  V.  —  FZ  1.  VI.  (A.-Bl.);  LpZ 
31.  V.  u.  15.  VIII.;  LZ  589;  L  53  (Sept. 
1917),  S.  66;  HPSt  1918;  K  (W) ;  PF  V 
1076  (W);  AA. 

RQmelin,  Christian  Adolf,  Dr.  phil  h.  c. 
(Univ.  Tubingen),  Geh.  Reg.-Rat  und 
Oberschulrat,  President  a.  D.  der  anhal- 
tischen  Schulbehorde,  Organisator  des 
anhaltischen  Volksschulwesens,  Prasident 
der  anhaltischen  Synode;  •  Ellwangen 
5.  III.  1839;  f  Dessau  8.  VIII.— GA  307; 
WN  120—123  (G.  Riimelin).  —  Fest- 
artikel  der  Cothener  Zeitung  u .  des  Anhalt . 
Staatsanzeigers  zu  R.s  5ojahr.  Dienst- 
jubil.  (10.  XI.  191 1). 

Sachs,  Melchior  Ernst,  em.  Prof,  der  Kgl. 
Akademie  der  Tonkunst  in  Miinchen, 
Komponist;  *  Mittelsinn  (Unterfranken) 
28.  II.  1843;  t  Miinchen  18.  V.  —  W.: 
Das  Tal  des  Espingo  (Cliorballade) ; 
Kains  Schuld  und  Siihne  (Oratorium); 
Palestrina  (Oper).  —  Die  Klangerschei- 
nung  der  Ober-  und  Untertonbildung 
(1910).  —  LZ  566;  JP  91  (Dtsch.  Tonk.- 
Ztg.  114;  AMZ  406;  Klavierl.  89;  NMZ 
38.  294];  R  1 109  (W);  A  402  (W);  FAT 
336. 

Sachsse,  Eugen,  D.  theol.,  Geh.  Konsistorial- 
rat,  o.  Prof,  der  evang.  Theologie  a.  d. 
Univ.  Bonn;  *  Koln  20.  VIII.  1839; 
t  Bonn  a.  Rh.  20.  XII.  —  W.:  Ursprung 
und  Wesen  des  Pietismus  (1884);  D*e 
ewige  Erlosung.  Predigten  (1885,  1898). — 
LZ  1918,  20;  SozMH  1918,  645;  HPSt 
1918;  ELK  51,  Nr.6,  Sp.  135;  WF1428; 
BBI1284  (Nr.  303);  KL  17  (W);  K  (W). 

*  Schaefer,  Emil,  Leutnant  und  Jagd- 
flieger,  Ritter  des  Ordens  Pour  le  mkrite; 

*  Crefeld-Bockum  17.  XII.  1891;  |  bei 
Zansvorde,  siidostl.  Ypern  [0  in  Cre- 
feld].  —  Hamb.FBl.,  Wochenausg.  14^ 
(10.  VI.),  S.  7;  DGK;  AA. 


670 


Totenliste  1917:  Scbaiheitlin — Schmoller 


Sohafheitlin,  Adolf,  Dichter;  *  Pernambuco 
31.  III.  1852;  f  Capri  Okt.  —  W.:  Ge- 
dichte  eines  Lebendig-Begrabenen  (3 
Bde.,  19 10);  Ausgewahlte  Lyrik  (19 12); 
So  ward  ich  (Tagebuchbl.,  3  Bde.,  1903); 
Lehrbuch  des  Lacbens  (191 5).  —  BB1 
1 196  (Nr.  260);  LE  20,  371;  ZB  43  (Bo- 
denseebuch  1919,  113 — 118  (Franke)]; 
KLi7(W);BRVIi38f.;DZIri24if.(W). 

Sehardinger,  Franz,  medizin.  Chemiker, 
osterr.  MHitarafzt,  Mitherausg.  des  Codex 
alimentarius  austriacus;  *  Reutte  8.  I. 
1853;  t  wien  27728.  IX.  —  Tiroler 
Ehrenkranz,  S.   225 — 226   (Zehenter). 

Scharwenka,  Philipp,  Professor  der  Musik, 
Komponist  von  Kammermusikwerken, 
Senator  der  Akademie  der  Kiinste,  Ber- 
lin; *  Samter  (Posen)  16.  II.  1847;  t  Bad 
Nauheim  16.  VII.  —  W.:  Arkadische 
Suite;  Dramatische  Phantasie;  Sym- 
phonia  brevis;  Sakuntala  (dramatische 
Legende).  —  BB1  864  (Nr.  168);  HPSt 
191 8;  AMZ  44,  Nr.  29/30,  S.  503  f.  (Mers- 
mann)  (P);  NMZ  38,  i68f.  (autobiogr. 
Skizze  (P);  ZB  41;  SozMH  854;  JP  91 
[Klavierlehrer  503;  Dtsch.  Tonk.-Ztg.; 
148;  N.  Zeitschr.  fiir  Musik  252;  Signale 
540;  MitteiT.  von  Breitkopf  &  Hartel 
5006];  DZL  1245  f.  (W);  BZZ  9  [Der  Tag 
25.II.  (Renner);Hamb.Nachr.  18.  VII.]; 
R  1 130  (W);  A  409;  NML  561  f.  (W) ; 
FAT  343  *• 

Scheldt,  Julius,  Prof,  der  Musik,  Lehrer  am 
GroBh.  Konservatorium  in  Karlsruhe; 
•  Kitzingen  a.  M.  12.  XI.  1863;  t  Karls- 
ruhe 26.  VIII.  —  JP  91  [AMZ  550;  NMZ 
39,  18];  R  1133;  FAT  345- 

Seherrer,  Hans,  Dr.  phil.  et  jur.,  a.o.  Prof, 
der  NationalSkonomie  a.  d.  Univ.  Heidel- 
berg; *  Speyerdorf  b.  Neustadt  a.  Haardt 
30.  XII.  1828;  f  Heidelberg  19.  II.  — W.: 
Soziologie  u .  Entwicklungsgeschichte  der 
Menschheit  (2  Bde.,  1905 — 08);  Die  Se- 
miten  (3  Bde.,  1910);  Ges.  u.  Grundsatze 
der  Soziologie  (1914).  —  LpZ  23.  II.; 
FZ  22.  II.  (A.-Bl.);  BB1  192  (Nr.  48); 
LZ  247;  DGK;  KL  17  (W) ;  K  (W). 

Sohlrmer,  Otto,  Dr.  med.,  o.  Professor  der 
Augenheilkunde  a.  d.  Universitat  StraB- 
burg;  *  Greifswald  13.  XII.  1864;  f  New 
York  6.  V.  —  »  Mikroskopische  Anatomie 
u.  Physiologie  derTranenorgane«;  iSym- 
pathische  Augenerkrankung*.  —  LpZ 
6.  VII.;  FZ6.  VII.  (2.MBI.);  L  54  (Juli 
1918).  S.  59;  LZ  709;  WI«  1306  (W); 
DZL  1265  f.  (W);  PBL  isoof.  (W);  AA. 

Sehlicht,  Joseph,  Geistlicher  Rat,  nieder- 
bayerischer  Dichter  u.  Volksschrift- 
steller;  •  Geroldshausen  18.  III.  1832; 
f  Steinach  b.  Straubing  18.  IV.  —  W.: 


Niederbayern  in  Land,  Gesch.  u.  Volk 
(1898);  Altbayernland  u.  Altbayernvolk 
(»  1886) ;  Zehnheitere  Volksspiele  («  191 2). 
—  LE  19. 1096;  BR  VI  2oof.;  Das  Bayern- 
land  38,  14  S.  438 — 443  (Schrotter);  AA. 

Schliehting,  Maximilian,  Freiherr  v.,  Land- 
tagsmarschall,  Mitgl.  des  preuB.  Herren- 
hauses,  Kammerherr,  Majoratsherr  auf 
Gurschen;  *  Gurschen  16.  VII.  1845; 
f  Gurschen  in  Posen  16.  II.  —  DGK; 
HPSt  1918;  FT  1917. 

Schmid  (-Platzhof),  Rudolf,  Okonomierat, 
Gutspach  ter  auf  dem  Platzhof  b  .Ohringen , 
Vorsitzender  des  Bundes  der  Landwirte, 
Mitglied  der  I.  Kammer  des  wurttemb. 
Landtags;  *  Schonau  bei Ohringen  23.  III. 
1852;  t  Stuttgart  11.  IV.  —  DGK;  WN 
71 — 75  (v.  Kraut). 

Schmidt,  Adolf,  Dr.  phil.,  o.  Honorarpro- 
fessor  der  Geologie  a.  d.  Universitat  Hei- 
delberg; *  27.  II.  1836;  |  Heidelberg 
30.  I.  —  LpZ  6.  II.;  LZ  201;  SozMH 
326;  DGK;KL  17;  K(W). 

Schmidt,  Bern  hard,  Dr.  phil.,  Geh.  Rat, 
em.  o.  Prof,  der  klassischen  Philologie 
a.  d.  Univ.  Freiburg  i.  B.;  *  Jena  30.  I. 
1837;  f  Freiburg  i.  B.  18.  II.  —  W.: 
Griechische  Marchen,  Sagen  u.  Volks- 
lieder  (1877).  —  LZ  247;  Kl  17  (W);  K 
(W);  WI7  1488;  AA. 

Schmidt,  Paul  Wilhelm,  D.  theol.,  Dr.  phil., 
o.  Prof,  der  neutestamentlichen  Exe- 
gese  a.  d.  Univ.  Basel;  *  Berlin  25.  XH. 
1845;  t  Basel  12.  VI.  —  W.:  Geschichte 
Jesu  (2  Bde.,  4i904).  —  FZ  15.  VI. 
(A.-Bl.);  ELK  50,  25,  Sp.  600;  LZ  622; 
SozMH  1 1 00;  ZB  42  [Protestant.  Mon.- 
Hefte  246;  Kirchl.  Jahrb.  44,  617 
(Schneider)];  KL  17  (W);  K  (W). 

*  Schmoller,  Gustav  v.,  Dr.  phil.,  jur.  et  oec. 
publ.,  Wirkl.  Geh.  Rat,  Exzellenz,  o.  Prof, 
der  Staatswissenschaften  a.  d.  Univ.  Ber- 
lin, o.  Mitgl.  AdW  Berlin,  korr.  Mitgl.  <L 
AdW  Wien ;  Mitbegr.  u .  Leiter  des  Vereins 
fiir  Sozialpolitik,  Mitgl.  des  PreuB.  Staats- 
rates  u.  des  Herrenhauses,  Historiograph 
der  Brandenburg.  Geschichte,  Heraus- 
geber  des  Jahrbuchs  fiir  Gesetzgebung, 
Verwaltung  und  Volkswirtschaft  (seit 
188 1);  *  Heilbronn  24.  VI.  1838;  f  Harz- 
burg  27.  VI.  —  W.:  Acta  Borrussica, 
Denkmaler  der  preuB.  Staatsverw.-  im 
18.  Jahrh.  (25  Bde.,  1892 — 1910);  Grund- 
riB  der  allgem.  Volkswirtschaftslehre 
(2  Bde.,  i2.Tsd.  191 9);  Charakterbilder 
(i9i3);DiesozialeFragei9i8).  —  G.Sch., 
Meine  Heilbronner  Jugendjahre  (In:  Von 
Schwab.  Scholle,  1918) ;  Reden  u.  Anspr., 
geh.  am  24.  VI.  1908  bei  der  Feier  von 
G.  Sch.s  70.  Geburtstage  (1908);  R.  Wil- 


Totenliste  1917:  Schneider — Schottlaender 


671 


brandt:  G.  Sch.  —  FZ28.  VI.  (2.M.-BL), 
1.  VII.  (2.  M.-B1.),  2.  VII.  (A.-Bl.), 
6.  VII.  (1.  M.-Bl.)  (Knapp);  Hamb.FBl, 
Wochenausg.  146  (i.VII.),  S.  2;  NFrP 
28.  VI.  (Griinberg);  Der  Tag  30.  VI. 
(Herkner);  VZ  27.  VI.  (Oppenheimer) ; 
Vorwarts  28.  VI.  (Stauipfer) ;  Frankf. 
Nachr.  29.  VI.  (A.  Wirth);  KZ  27.  VI.; 
SozMH  848  (C.  Schmidt);  IZ  3862; 
LZ684;  HPSt  i9i8;WI8  1786;  Almanach 
AdW  Wien  1918,  449 — 451  (Menger) ; 
WN  106 — 116  (Fuchs)  [Technik  u.  Wirt- 
schaft,  Jahrg.  10,  8,  S.  197  (Schu- 
macher); Der  Tiirmer,  August  191 7 
(Bahr) ;  Neues  Tagbl.,  Stuttgart,  28.  VI. 
(Bahr);  Plutus  4.  VII.  (G.  Bemhard) ; 
Die  Neue  Zeit  20.  VII.  (A.  Braun);  Der 
Tag  1./3.  VII.  (Breysig);  Soziale  Praxis, 
Nr.  44  (Francke) ;  Schw.  Merkur  30.  VI. 
(Skalweit);  Von  Schwab.  Scholle  1918 
(G.  F.  Knapp);  FZ  6.  VII.  (Knapp)]; 
Abh.  AdW  Berlin  191 8  (Hintze);  Schmol- 
lersJahrb.42,S.i  1  ff .  (Spiethoff)  ;Schriften 
d.  Vereins  fiir  Sozialpolitik  1 59  (Herkner) ; 
R.  Michels,  Bedeutende  Manner  (1927), 
S.  90 — 108;  Herre,  Polit.  Handwb.  ,11, 
550  (v.  d.  Borght);  Jahrb.  f.  Nat.  u.  Stat. 
118,  17  f.  (Herkner);  R.  Bahr,  Q.Schm. 
(1908);  F.  Oppenheimer:  Soziologische 
Streifziige,  II,  3 1 5 — 3 1 9 ;  ZB  41  [Auf  Vor- 
posten  IV,  220 — 230;  Daheim  53,  Nr.  41 ; 
Export  120  (Stamper);  Neue  Rundschau 
1407 — 141 2  (Wilbrandt) ;  Universum 
(Weltrundschau)  274  (Kappstein) ;  Histor. 
Zeitschr.  118,  477 — 483  (Hintze);  Der 
Vortrupp  503 — 507  (NauB)];  ZB  42,  43; 
Jahrb.  der  AdW  Munchen  1918,  86 — 88 
(Marcks);  KL  17  (W);  ZB  44  [Forsch. 
zur  brandenburg.  u.  preui3.  Geschichte 
3i .  375—399  (Hintze)];  BZZ  9  [TR  26. 
VI.;  VZ  27.  VI.;  Tag  30.  VI.  u.  1.  VII.; 
SchwM  30.  VI.;  Dusseld.  Ztg.  28.  VI.; 
Leipz.  Tagebl.  28.  VI.;  NFrP  28.  VI.; 
Basler  Nachr.  4.  VII.].  DBJ  124/134 
(Hintze  m.  L). 

#  Schneider,  Rudolf,  Kapitanleutnant  u. 
Kommandant  des  Unterseebootes  U  87 
(versenkte  am  1.  I.  191 5  mit  d.  U  24  das 
engl.  Linienschiff  » Formidable «  u.  spater 
im  U-Bootkrieg  131  000  Tonnen  feind- 
lichen  Schiffsraum) ;  *  Zittau  (Sa.)  13.  II. 
1882;  f  in  der  Nordsee  13.  X.  [auf 
»U  87*  ertrunken].  —  FZ  2.  XI.  (A.-Bl.) ; 
AA. 

Sfohnedermann,  Georg  Hermann,  D.  theol., 
a.o.  Prof,  der  neutestamentlichen  Theo- 
logie  a.  d.  Univ.  Leipzig;  *  Chemnitz 
3.  VII.  1852;  f  Leipzig  14.  I.  —  W.:  Das 
Judentum  in  den  Evangelien  (2i9oo); 
Modernes  Christentum  (a  1890).  —  LpZ 


15.  u.  16.  I.;  LZ  113;  LE  19,  649;  ELK 
50,  3,  Sp.  72;  SozMH  164;  WI8  1786; 
ZB  41  [Kirchl.  Jahrb.  44,  617  (Schnei- 
der)] ;  ZB  42  [Ecce  der  Cruzianer  19 17,  7] ; 
KL  17  (W);  K  (W). 

Schdn,  Wilhelm,  Dr.  med.,  a.o.  Prof,  der 
Augenheilkunde  a.  d.  Univ.  Leipzig; 
*  Minden  29.  III.  1848;  f  Leipzig  29.  IV. 
—  W.:  Die  Funktionskrankheiten  des 
Auges  (2  Bde.,  1893 — 95)-  —  BB1  4°4 
(Nr.  94);  LZ445;  L  53  (Okt.  1917),  S.  72; 
MMW  808;  KL  17  (W);  PBL  1520  (W) ; 
K  (W). 

*  Schdnleber,  Gustav,  Prof.  a.  d.  Kunst- 
akademie  Karlsruhe,  Landschaftsmaler, 
Mitgl.  der  Akademie  der  Kiinste  in  Berlin ; 
•Bietigheim  3.  XII.  1851;  f  Karlsruhe 
1.  II. — Eigeiie  Aufzeichnungen  iiber  sein 
Leben  im  Auszug  in:  Rheinlande  (Jan. 
1906).— FZ 2, II. (A.-Bl.)  u.  28.II.  (A.-Bl). 
(Widener) ;  BB1  120  (Nr.  29) ;  HPSt  1918; 
Kchr,  NF  28,  20,  S.  195 f.;  WI8  1787; 
IZ  3842  (P);  WN  10 — 19  (Hermann 
Schonleber);  ZB  41  [Kunst  und  Deko- 
ration  39,  201 — 212  (Beringer) ;  Deutsche 
Volkskunst,  Febr.  19 17,  S.  31  (Ebner) ; 
ZB  43  [Schwab.  Heimatbuch  VI  41]; 
Katalog  der  Gedachtnisausstellung  191 7 
von  M.  Dietz  u.  des  Kunsthauses  Schaller 
in  Stuttgart  191 8  von  Th.  Heufi.  — 
Friihere  Aufsatze  iiber  G.  Sch.  siehe  in: 
WN  19;  BZZ  9  [MNN  3.  II.;  SchwM 
3.  II.].  DBJ  134/138  (Beringer). 

Schott,  Karl,  Rechtsanwalt  in  Stuttgart, 
seit  1888  Mitgl.  des  wurttemb.  Staats- 
gerichtshofes,  fiihrender  Nationallibe- 
raler  Wurttembergs ;  *  Ulm  26.  XI.  1834; 
t  Stuttgart  15.  VII.  —  WN  117— 120 
(Holder)  [SchK  1917,  327  u.  331,  u. 
19 1 8,  369  (Veroffentlichung  von  Nach- 
lafipapieren) ;  Schneider,  Wurttemb.  Ge- 
schichte, S.  546f. ;  Rapp,  Die  Wiirttem- 
berger  u.  die  nationale  Frage,  S.  39  u. 
171];  AA. 

Schott  von  Schottensteln,  Max  Freiherr; 
General  der  Infanterie  (1896),  z.D.  (1901), 
1892 — 1 90 1  wurttemberg.  Kriegsmini- 
ster,  d,  la  suite  des  Grenad.-Reg.  Konigin 
OlgaNr.i  19;  *  Ulm  22.  XI.1836;  f  SchloB 
Schottenstein  (Franken)  10.  VIII.  — 
WN  123—128  (v.  Muff);  ScliM  375; 
DGK;  FT   1916. 

Schottlaender,  Julius,  Dr.  med.,  a.o.  Prof, 
der  Frauenheilkunde  u.  Geburtshilfe  a.  d. 
Univ.  Wien,  k.  k.  Marineoberstabsarzt 
a.  D.;  *  St.  Petersburg  12.  IV.  i860; 
t  Kiel  29.  V.  —  FZ  4.  VI.  (A.-Bl.) ;  MMW 
768;  L  54  (Juni  1918),  Sp.  52;  LZ  613; 
ZB  41  [CB1  fiir  Gynakol.  41,  713  (Holz- 
apfel);  Monatsschr.  fiir  Geburtshilfe  u. 


672 


Totenliste  19 17:  Schroder — Simroth 


Gynakol.  46,  268  (Wertheim);  Gynakol. 
Rundsch.  XI,  175  (Kennauner)] ;  PBL 
1527  (W). 
*  Schrider,  Richard,  Dr.  jur.,  Dr.  phil.  h.c. 
et  rer.  pol.  h.  c,  Geh.  Rat,  o.  Prof,  des 
deutschen  u.  Handelsrechts  a.  d.  Univ. 
Heidelberg,  Herausgeber  der  Zeitschrift 
der  Savigny-Stiftung;  *  Treptow  in 
Pomm.  19.  VI.  1838;  f  Heidelberg  3.  I. 
—  W. :  Lehrbuch  der  deutschen  Rechts- 
geschichte  (•  1 922)  [mit  P] .  —  VZ  4. 1. ;  FZ 
3.  I.  (A.-Bl.),  4.  I.  (A.-Bl.);  LpZ  4.  I.; 
BB1  20  (Nr.  5.);  LZ  57;  HPSt  1918;  HV 

18,  347—351  (Wretschko);  WI7  1528, 
8  l7&7\  Jahrb.  AdW  Munchen  19 17,  80 
(Amira) ;  ZB  41  [Mbl.  der  Ges.  fur  pomm. 
Gesch.,  1917,8. 24;Zeitschr.  derSavigny- 
Stiftung,  Germ.  Abt.  38,  VII— LVIII 
(Stutz)] ;  KL  17  (W) ;  Behrend,  Geschichte 
der  deutschen  Philologie  in  Bildern  (1927), 
S.72(P);  DBJ  138/147  (K.Beyerlem.L). 

Schrtder-Hanfstaengl,  (Hanfstaengl  geb. 
Schroder),  Marie,  Kgl.  wiirttemb.  Kam- 
mersangerin,  langjahrige  Opernsangerin 
in  Stuttgart  (187 1 — 82)  u.  Frankfurt 
(1882— 1897);  *  Breslau  30.  IV.  1848; 
|  Munchen  5.  IX.  —  W.:  Meine  Lehr- 
weise  der  Gesangskunst  (1902).  —  FZ 
8.  IX.  (A.-Bl.) ;  NMZ  38,  17 i.  (Cannstatt) 
(P);  SozMH  1115;  FG  925f.;  R  502; 
A  188;  NML  258;  FAT  359. 

Schubert,  Hermann,  Professor,  Hofbild- 
hauer;  •  Dessau  12.  VI.  183 1;  f  Dresden 
23.I.  —  W.:  Die  Grablegung  Christi  [von 
Bocklin  bemalt]  (Hamburg,  Petrikirche 
u.  Rom,  S.  Alfonso  dei  Liguori);  Jakob 
ringt  mit  dem  Engel  (Dresden,  Sophien- 
kirche).  —  LpZ  25.  I.;  BB1  96  (Nr.  23); 
Kchr,  NF  28,  19,  Sp.  189;  MS  V  257,  VI 
258  (W). 

SchQddekopf,  Carl,  Dr.  phil.,  Professor, 
Direktorialassistent  am  Goethe-Schiller- 
Archiv,  Goethe-Forscher,  Mitherausgeber 
der  Zeitschrift  fiir  Biicherfreunde,  Sekre- 
tar   der   Gesellschaft   der    Bibliophilen ; 

*  Halle  a.  d.  Weser  25.  XI.  1861 ;  f  Wei- 
mar 30.  III.  —  Mitherausgeber  der  Wei- 
marer  Goethe- Ausgabe,  Herausgeber  von 
HeinesSamtl.  Werken  (12  Bde.,  I90iff.), 
des  Jahrbuchs  der  Ges.  der  Bibliophilen 
(Bd.  Hlff.),  Brentanos  Werke  (18  Bde., 
1909  ff.)-  —  Hamb.  Nachr.  11.  IV.;  LpZ 
31.  III.;  BB1  324  (Nr.  78);  LZ  392;  LE 

19,  969  u.  ioo7f.;  WI7  1536,  8  1787; 
SozMH  611  (Doppner);  KL  17  (W) ;  JB 
1920,  18 1 ;  ZB  44  [Antiquitatenrundschau 
17,   165]. 

SehultheB,   Wilhelm,  Dr.  med.,   Professor, 

*  1885;  tZurich6.III.  —  DGK;  ZB  41 
(Correspondenzbl.  fiir    Schweizer   Arzte 


47,  873  [Hoessly];  Zschr.  fiir  orthop. 
Chirurgie  37,  XVIII— XIX  [Lange]  u. 
XXI— XXIV  [W]);  ZB  42  (Jahrb.  der 
Schweiz.  Ges.  fiir  Schulgesundheitspflege 
18,  180 — 205  [Luning J;  Vschr.  der  na- 
turf.  Ges. Zurich 62,  709 — 718  (Xuning]); 
BZZ9  (Berner  Bund  13.  III.;  NZZ  13. 
III.);  K  (W). 

Schultze,  Hermann,  s.Arminius,  Wilhelm. 

Schulz,  Arthur,  Dr.  phil.,  Rechtsanwalt  u. 
Landwirt,  Sozialist,  verdient  um  die  Or- 
ganisation   des    Landarbeiterverbandes ; 

*  Joneiten  (Ostr.)  24.  XI.  1878;  f  Konigs- 
berg  22.  XI.  —  W.:  Kornzoll,  Kornpreis, 
Arbeitslohn  (1902).  —  SozMH  1268 — 73 
(Kranold),  12 oof.  (Severing)  u.  19 18, 
922f.  (Adelmann);  ZB  41  [Glocke  3.  II., 
S.  396 — 399  (Saenger)];  WI7  1545. 

Schuster,  Oskar,  Dr.  med.,  Kaukasusfor- 
scher;  •  Dresden  1.  X.  1873;  t  [als  Zivil- 
gefangener]  Astrachan  8.  VI.  —  FZ 
18.  VIII.  A.-Bl.;  Hamb.  FBI,  Wochen- 
ausg.  154,  S.  7;  ZB  41  [Mitteil.  desdtsch.- 
osterr.  Alpenvereins  19 17,  90  (Dreyer)]; 
ZB  42  (Osterr.  Alpenztg.  39,  137 — 152 
(Pfreimbtner) ;  Ecce  der  Crucianer  191 7, 
10];  AA. 

Schwaba,  Willmar.  Dr.  phil.,  Geh.  Hofrat, 
Homoopath,  Besitzer  der  homoopath. 
Zentralapotheke  in  Leipzig;  *  Auerbach 
i.  V.  15.  VI.  1839;  t  Leipzig  8.  I.  —  W.: 
Pharmacopaea  homoeopathica  polyglotta. 
—  Herausgeber  der  Allgem.  Homoopath. 
Zeitschr.  u.  der  Popularen  Zeitschx.  fiir 
Homoopathie.  —  FZ  1 1 .  I.  (A.-Bl.) ;  LpZ 
9.,  10.  u.  i2.I.;BBl28(Nr.  7);  WI8  1787; 
DZL  I335f. 

Schwartzkoppen,  Max  v.,  General  der  In- 
fanterie  z.  D.,  Exzellenz,  Kommandeur 
der  202.  Inf .-Div.,  d  la  suite  des  Kaiser- 
Franz-Garde-Gren.-Regts.  (1898  deut- 
scher  Deputierter  zur  Haager  Friedens- 
konferenz);  *  Potsdam  24.  II.  1850; 
f  Berlin  8.  I.  —  MWB1  101,  Nr.  124  u. 
125;  LpZ  11.  u.  17.  I.;  WI8i787;  AT 
1920;  ERL. 

Siegen,  Karl  Franz,  Dr.  phil.,  Professor. 
Schriftsteller;  *  Weimar  12.  IX.  185 1; 
|  Leipzig  28.  II.  —  Herausg.  von:  Kleists 
samtl.  Werken  (8  Bde.,  *  1914),  Gaudys 
Werken  («  1000)  u.  a.  —  LpZ  1.  III.;  LZ 
280;  WI7  1591,  8i788;  BBI212  (Nr.  52); 
Dtsch.  Buhnenjahrb.  29  (1918),  S.  164; 
KL  17  (W);  BR  VI  427  (W). 

Simroth,  Heinrich  Rudolf  Dr.  phil.,  a.o. 
Prof,  der  Zoologie  a.  d.  Univ.  Leipzig,  Ur- 
heber  der  Pendulationstheorie  der  Erde ; 

*  Riestedt  10.  V.  1851 ;  f  Leipzig  31.  VIII- 
W. :  Abrifi  der  Biologie  der  Tiere  (s  191 3) ; 
Die  Pendulationstheorie  (*  19 14).  —  FZ 


Totenliste  191 7:  Simson — StandfuC 


673 


2.  IX.  (2.M.-B1.);  LZ885;  SozMH  1 144; 
GA  335;  ZB  42  [Nachr.-Bl.  der  dtsch. 
Malakozool.  Ges.  50,  1 — 24  (Ehrmann); 
Ecce  Pforta  191 7,  19];  ZB  43  [SB  der 
naturforsch.  Ges.  Leipzig  43/44,  47 — 81 
(Ehrmann)  (W)];  L  53  (Sept.  I9I7),S.66; 
KL  17  (W);  K  (W);  Pfortner  Ecce  1917. 
19 — 21. 

*  Simson,  Paul,  Dr.  phil.,  Professor,  Ober- 
lehrer  a.  d.  Petri-  u.  Paul-Oberrealschule 
in  Danzig,  preuBischer  Geschichtsfor- 
scher;  *Elbing5.  II.  1869;  f  Danzig6.I. 

—  W.:  Geschichte  der  Stadt  Danzig 
(Bd.  I,  II,  IV,  1903— 16).  — HV  18,  343; 
Mitteil.  des  westpreuB.  Geschichtsvereins 
16  (1917).  S.  18—28  (P)  (Kaufmann)  u. 
29 — 36  (W);  Hans.  Geschichtsbl.  23 
(1917),  3*— 12*  (Freytag)  (P);  ZB  43 
[Zeitschr.  f .  Liibeckische  Gesch.  XIX  267 
(Freytag)];  GA  27;  KL  17  (W).  DBJ 
147/150  (Kaufmann). 

Sinzneimer,  Siegfried,  Hauptschriftleiter  der 
Jugend;  *  Worms  3.  VIII.  1865;  f  Miin- 
chen  22.  XI.  —  FZ  30.  XI.  (2.  M.-Bl.); 
LE  20,  431. 

Smith,  Carl  Frithjof ,  Prof.  a.  d.  Kunstschule 
in  Weimar,  Portrat-  u.  Genremaler; 
♦Christiania5.IV.  1859;  f  Weimar  11.  X. 

—  W.:  In  der  Dorfkirche  (1885  ;  Museum 
Leipzig) ;  Bildnis  von  Ibsen  (Weimarer 
Galerie).  —  Kchr,  NF  29,  4,  Sp.  46; 
DLZ   i377f.  (W);  MS  IV,  294,  V  263. 

*  Sohm,  Rudolf,  D.  theol.,  Dr.  jur.  et  phit., 
Geh.  Rat,  o.  Prof,  des  deutschen  u.  Kir- 
chenrechts  a.  d.  Univ.  Leipzig,  o.  Mitgl. 
der  GdW  Leipzig,  korresp.  Mitgl.  der 
AdW  Munchen,  Mitbegriinder  der  natio- 
nalsozialen  Partei;  *  Rostock  29.  X, 
1841 ;  f  Leipzig  16.  V.  —  W.:  Das  Ver- 
haltnis  von  Staat  und  Kirche  (1873); 
Institutionen     des     Roinischen     Rechts 

•  (l4  191 1);  Kirchengeschichte  im  Grund- 
riB  (**  1913) ;  Wesen  u.  Ursprung  des 
Katholiztsmus  (1909,  Neudr.  191 2).  — 
LpZ  16.  V.;  FZ  17.  V.  (1.  M.-Bl.),  22.  V. 
(1.  M.-Bl.)  (E.  Foerster),  1.  VII.  (1.  M.- 
Bl.)  (Binding);  BB1  580  (Nr.  115);  E  838 
(P);  ELK  ;o,  21,  Sp.  501;  WI7  1606  f., 
8  1788;  LZ  541;  SozMH  706;  IZ  3857 
(Stettenheim)  (P) ;  Ber.  Verh.  GdW  Leip- 
zig, Phil.-hist.  Kl.  1917,  VIII,  15—34 
(R.  Schmidt);  ZB  41.  [Kirchl  Jahrb.  44, 
618  (Schneider);  Saat  u.  Hoffnung  19 17, 
67 ;  Zeitschr.  der  Savigny-Stiftung,  Germ. 
Abt.  38,  LIX— LXXVIII  (Fehr);  Rudolf 
Sohm,Gedenkworte,  Leipzig  1917  (19  S.) 
(Rendtorf ,  Schmidt,  Hauck,  Ehrenberg) ; 
Christl.  Welt  587];  ZB  43  [Evangelisch- 
Sozial  1917/18,  33  (Liebster);  Jahrb.  der 
AdW  Munchen  1918,  81—86  (Amira)]; 
DBJ  43 


KL  17  (W);  ZB.  45  [Universum  35,  45, 
S.  233];  BZZ  9  [TR  19.  V.;  Bund  30.  V.; 
Basler  Nachr.  26.  VIII.  (Henrici)];  DBJ 
150 — 156  (Fehr,  W  u.  L). 
Sonne,  Eduard,  Dr.-Ing.  e.  h.,  Geh.  Bau- 
rat,  em.  o.  Prof.  a.  d.  Technischen  Hoch- 
schule  Darmstadt,  Mitherausgeber  des 
Handbuchs  der  Ingenieurwissenschaf ten ; 

*  Ilfeld  13.  IX.  1828;  |  Darmstadt 
25.  II.  —  FZ  2.  III.  (A.-Bl.);  BB1  212 
(Nr.  52);  LpZ  28.  II.;  LZ  361;  SozMH 
510;  KL  17  (W);  K  (W);  AA. 

Spielmann,  Christian,  Dr.  phil.,  Hofrat, 
Stadtarchivdirektor  in  Wiesbaden,  Ro- 
manschriftsteller  u.  Literarhistoriker. 
Herausgeber  u.  Redakteur  der  Nassovia; 

♦  Neuwied  12.  X.  1861;  f  Wiesbaden 
25.  II.  —  W.:  Geschichte  der  Stadt  und 
Herrschaft  Weilburg  (1896);  Die  Meister 
der  Padagogik  (12  Bde.,  1904/05);  Ge- 
schichte von  Nassau  (Bd.  I  u.  Ill 
1909/11).  —  LpZ  1.  III.;  FZ  26.  II. 
(M.-Bl.);  LZ  280;  GA  82;  HV  18,  343; 
ZB  41  [Mitteil.  des  Ver.  fur  nassauische 
Altertumskunde  21,  43  (Donges)];  BB1 
204  (Nr.  51);  KL  17  (W);  BR  VI  478L 
(W). 

*  Stadler,  Toni  v.,  Professor,  stellver- 
tretender  Leiter  der  Miinchener  Staats- 
galerie,  Landschaf  tsmaler ;  *  Gollers- 
dorf  (N.-O.)  9.  VII.  1850;  f  Munchen 
18.  IX.  —  W.:  Heidelandschaft  (Prag, 
Rudolf inum);  Abend  (Munchen,  Neue 
Pinakothek);  Landschaft  (Dresden,  Ga- 
lerie). —  FZ19.  IX.  (2.  M.-BL),  22.  IX. 
(A.-Bl.)  (Bredt);  BB1  1104  (Nr.  222); 
KW  31  I,  S.  65  f.  (Avenarius);  Kchr, 
NF  28,  44,  Sp.  525f.;  SozMH  1103; 
ZB  41/42  [Die  Kunst  fiir  Alle  33,  68 
(Bredt)  u.  225 — 230  (Mayer)];  DZL  1398 
(W);  MS  IV  325,  V  265,VI  269.  DBJ 
156/160  (P.  F.  Schmidt). 

Stadthagen,  Arthur,  Sozialist,  M.  d.  R.  (Un- 
abh.  sozialdem.  Partei);  *  Berlin  23.  V. 
1857;  f  Berlin  5.  XII.  —  FZ  6.  XII. 
(2.  M.-Bl.),  n.  XII.  (A.-Bl.);  SozMH 
1291   (Severing);  WI 7  1627. 

Staender,  Josef.  Dr.  phil.,  Professor,  Geh. 
Reg. -Rat,  em.  Direktor  der  Universitats- 
bibliothek  in  Bonn;  *  Bonn  6.  X.  1842; 
f  Godesberg  10.  XI.  —  FZ  14.  XI. 
(A.-Bl.);  LE  20,  371;  LZ  1141;  KL  17; 
JB   1920,   181. 

SUndfuB,  Max,  Dr.  phil.,  Prof,  der  Ento- 
mologie  a.  d.  Univ.  Zurich,  Direktor  des 
Entomologischen  Instituts,  Insekten-  u. 
Vererbungsf orscher ;  •  Schreiberhau  (Rie- 
sengeb.)  6.  VI.  1854;  f  Zurich  22.  I.  — 
NZZ  31.  I.;  FZ  28.  I.  (2.  M.-Bl.);  BB1  96 
(Nr.  23) ;  LZ  143;  SozMH  326;  LpZ  26. 1.; 


674 


Totenliste  1917:  Stark  von  Rungsberg  —  Tottmann 


ZB  41  [Dtsch.  entomolog.  Zeitschx.  191 7. 

325];  L  S3,  Febr.  1917.  S.  28;  ZB  42  [Ecce 

Pforta  1917,  21;  Vschr.  d.  naturw.  Ges. 

Zurich  62,  690  (Ris)];  AA. 
Stark  von  Rungsberg,  Franz,  Dr.  phil.,  Hof- 

rat,  em.  Prof,  der  techn.  Mechanik  a.  d. 

deutschen  techn.  Hochschule  Prag;  *  Prag 

9.  XII.  1840;  t  Prag  1 1.  VIII.  —  LpZ 

20.  VIII. ;  FZ  16.  VII.  (A.-BL);  LZ  842; 

SozMH  1312;  AA. 
SUudt,  Wilhelm  v.,  General  d.  Inf.  z.  D., 

1888 — 93  Chef  des  Generalstabs  d.  bayer. 

Armee;     *    Ungelstetten    b.    Ntirnberg 

22.  IX.  1825 ;  f  Munchen  5.  II.  —  MWB1 
101,  141;  WI7  1788;  DGK;  Lebenslaufe 
aus  Franken  I,  437ff.  (Heller);  AT  1918. 

Stelger,  Ernst,  deutsch  -  amerikanischer 
Buchhandler  u.  Zeitschriftenverleger  in 
Amerika;  *  Gastewitz  b.  Oschatz  1832; 
f  New  York  5.  VIII.  —  W.:  »Steigers 
Zeitschriften-Liste*  (1872);  ^53  Jahre 
Buchhandler  in  Deutschland  und  Ameri- 
ka. Erzahlungen  und  Plaudereien« 
(1901).  —  G,  Menz,  Deutsche  Buchhand- 
ler (1925).  S.  245— 256  (P);  BB1  1919, 
S.  688  u.  768. 

*  Steinhausen,  Heinrich,  Dr.  phil.,  Dichter 
und  Romanschriftsteller,  em.  Pfarrer  von 
Podelzig  b.  Frankfurt  a.  O.;  •  Sorau 
27.  VII.  1836;  f  Schoneiche  b.  Friedrichs- 
hagen  26.  V.  —  W.:  Irmela  (R.,  1880, 
28  1916);  GevatterTod  (Nov.,  1882);  Der 
Korrektor  (•  191 1).  —  FZ  29.  V.  (A.-Bl.) ; 
BB1  616  (Nr.  124);  LpZ  29.  V.;  ELK  50, 

23,  Sp.  550;  IZ  3859  (Mendheim)  (P); 
SozMH  806;  KW  30  III,  S.  267  (Avena- 
rius);  LE  19,  1225;  ZB  43  [Volksbildung 
47,  204  (Pretzel)];  KL  17  (W)  (P);  BR 
VII  47f.  (W).  DBJ  160/162  (H.  Spiero). 

Strelch,Karlv.,  Reichsgerichtsrat  a.  D.,  1871 
M.  d.  R.  fiir  EUwangen,  lebenslangl.  Mit- 
glied  des  wiirttemb.  Staatsgerichtshofes; 
*  Ellwangen  19.  VI.  1826;  f  Stuttgart  21. 
IV.  —  Handschriftliche  Aufzeichnungen 
(Stammtafeln  u.  a.)  im  Besitz  von  Ar- 
chivar  Dr.  K.  Otto  Miiller.  —  WN  75 — 79 
(v.  Kiene  u.  K.  O.  Miiller) ;  LZ  468 ;  DGK; 
Zum  19.  Juni  1906  (11  S.);  Dtsch.  Volks- 
blatt  17.  VI.  I9i6und  23.  IV.  1917;  Jpf- 
u.  Jagstztg.  23.  IV. 

Strnadt,  Julius,  Oberlandesgerichtsrat,  oster- 
reichischer  Landeshistoriker,  korresp. 
Mitgl.  der  AdW  Wien;  *  Schwertberg 
(O.-O.)  23.  Xn.  1833;  t  Graz  5.  XI.  — 
W.:  Geschichte  Oberdsterreichs  (1888); 
Der  Bauernkrieg  in  Oberosterreich 
(4i9i2);  Histor.  Atlas  von  Oberoster- 
reich (VI  Bde.,  1905 — 15).  —  Almanach 
AdW  Wien  1918,  432 — 437  (Dopsch); 
KL  17  (W). 


Stryowski,  Wilhelm  August,  Professor* 
Maler,  Lehrer  an  der  Kunstschule  und 
Kustos  des  Stadtmuseums  in   Danzig; 

*  Danzig  23.  XII.  1834;  f  Essen  (Ruhr) 
3.  II.  —  W.:  Sommerfaden  (Koln,  Mu- 
seum) ;  Judenhochzeit  (Pest,  Museum). — 
LpZ  7.  II.;  Kchr,  NF  28,  23.  Sp.  234; 
MS  IV  359,  VI  275;  AA. 

Sturm,  Heinrich,  Dr.  jur.,  Oberbiirger- 
meister  von  Chemnitz,  Mitgl.  d.  I.  Kam- 
mer  des  sachsischen  Landtags;  *  Kostritz 
2.  IV.  i860;  |  Chemnitz  4.  III.  —  Chem- 
nitzer  Tageblatt  5 .  III. ;  WI 7  1 682 ,  8  1 789 ; 
IZ  3846  (P). 

StUtz,  Ludwig,  Maler  u.  Zeichner;  •  Hohen- 
eck  8.  XI.  1865;  f  Ulenau  i.  B.  6.  in.  — 
W.:  Markt  in  Freiburg;  Karikaturen  im 

*  Kladderadatsch*.  —  BB1  376  (Nr.  88); 
Kchr,  NF  28,  28,  Sp.  282;  MS  V  269. 
VI  275f. 

Suse,  Theodor,  Dr.  jur.,  Rechtsanwalt  in 
Hamburg,  Dichter;  *  Hamburg  28.  XII. 
1857;  t  Konigssee  16.  VIII.  —  W.:  Verse 
(1891);  Neue  Verse  (1893);  Garten  der 
Traume  (1900);  Lieder  aus  dem  Rosen- 
hag  (1904).  —  LE20,  S.  32f.;  Hamb.FBl 
29.  VIII.;  KL  17  (W);  AA. 

SQtterlin,  Ludwig,  Kunstgewerbler,  Maler 
u.  Zeichner;  *  Lahr  (Baden)  23.  VII. 
1865;  j  Berlin  20.  XI.  —  SozMH  1918, 
112;  Archiv  fiir  Buchgew.  54,  239 
(Wieynck);  MS  IV  365. 

Tesch,  Albert,  Dr.  phil.,  Oberrealschulober- 
lehrer,  Sprachforscher,  Herausgeber  der 
Sprachecken  des  Allgem.  deutschen 
Sprachvereins;  *  Spandau  n.  XI.  1864; 
t  Koln  a.  Rh.  1.  V.  —  W:  Fremdwort  u. 
Verdeutschung  (Wortb.  191 5).  —  DGK; 
BB1  532  (Nr.  105);  KL  17  (W). 

Thlele,  Georg,  Dr.  phil.,  a.o.  Prof,  der  klassi- 
schen  Philologie  a.  d.  Univ.  Greifswald; 

*  Ueckermiinde  22. 1 .  1866;  t  Greifswald 
6.  IV.  —  FZ  12.  IV.  (A.-Bl.);  LZ  420; 
KL  17  (W). 

Thiem,  Karl,  Dr.  med.,  Professor,  Geh.  San.- 
Rat,  Herausgeber  der  Monatsschrift  fiir 
Unf allheilkunde ;  *  Nicolschmiede  (Kr. 
Sagan)  10.  X.  1850;  f  Kottbus  7.  IX.  — 
W.:  Handbuch  fiir  Unfallerkrankungen 
auf  Grund  arztl.  Erfahrungen  (1898).  — 
LZ933;  BB1  1088  (Nr.  215);  MMW  1256; 
ZB  41  [Monatsschr.  fiir  Unf  allheilkunde 
28,  193  (Kiihne)];  L  54  (Juli  1918),  S.  60; 
PBL  1702  f.  (W). 

Tippel,  Georg,  Professor  am  Kunstgewerbe- 
museum  in  Berlin,  Illustrator;  •  Stettin 
18.  II.  1875;  f  Berlin  4.  XI.  —  SozMH 
1250;  HPSt  1918;  MS  V  273. 

Tottmann,  Albert,  Professor,  Musikpad- 
agoge,  Komponist  u.  Musikschriftsteller ; 


Totenliste  191 7:  Triibner — Vogel 


675 


•  Zittau  31.  VII.  1837;  t  Leipzig  26.  II.— 
W.:  Fiihrer  durch  die  Violinliteratur 
(4  1900) ;  AbriB  der  Musikgeschichte 
(1 883) .  —  BB1 248  (Nr.  60) ;  J  P  92  [Dtsch. 
Tonk.-Ztg  75 ;  AMZ  180;  NZ  f .  Musik  92 ; 
Signale  232;  Stimme  11,  251;  Klavier- 
lehrer  57;  NMZ  38,  212];  R  1314L  (W) ; 
A  478;  FAT  416. 

*  Trttbner,  Wilhelm,  Professor,  Maler,  Be- 
griinder  des  deutschen  Impressionismus, 
Direktor  der  Akademie  der  bildenden 
Kiinste,  Karlsruhe;  *  Heidelberg  3.  II. 
185 1 ;  t  Karlsruhe 2 1 . XII. — W. :  Casaram 
Rubikon  (Karlsruhe,  Kunsthalle);  Junge 
Dame  auf  dem  Kanapee  (Berlin,  Natio- 
nalgalerie);  Schlofi  auf  Herrenchiemsee 
(ebenda) ;  Zimmermannsplatz  (Hamburg, 
Kunsthalle).  —  Das  Kunstverstand- 
nis  von  heute  (1892);  Die  Verwirrung 
der  Kunstbegriffe  (a  1900).  —  FZ 
22.  XII.  (2.M.-B1.);  28.  XII.  (A.-Bl.); 
29.  XII.  (1.  M.-BL);  BB1  1284  (Nr.  303); 
Kchr,  NF  29,  13,  Sp.  129 — 137  (Schu- 
mann); LZ  1918,  20;  SozMH  1918,  265 f. 
(Stern);  WI8  1789;  B  1918,  13  (P);  H  15, 
5,  S.  606 — 608;  ZB  41  [Cicerone  X  22]; 
ZB  42  [Dtsch.  Kunst  fur  Alle  33,  160; 
Dtsch.  Kunst  u.  Dekoration  41,  323 
(Widmer);  KW,  Jan.  1918,  37;  SMH, 
Febr.  1918,  472  (Uhde-Benays) ;  Neue 
Rdschau  274—280  (Elias) ;  Velh.  &  Kl. 
Mhe.,  April  1918,  353 — 360  (Rosenhagen) ; 
IZ  191 8,  17  (Dobsky);  Protestantenbl. 
268  (Kiihner);  Kunstmarkt  15,  227 
(Kurth)];  Rosenhagen,  W.T.,  Kiinstler- 
monogr.,  Bd.  98;  Triibner.  Des  Meisters 
Gemalde  in  450  Abb.,  hrsg.  von  J.  A. 
Beringer  (Klassiker  der  Kunst  in  Ge- 
samtausgaben) ;  DZL  1478  (W) ;  MS  IV 
449  f.f  VI  283.  DBJ  162/169  (Rosenhagen 
m.  L). 

Velt,  Johann,  Dr.  med.,  Geh.  Med. -Rat,  o. 
Prof,  der  Frauenheilkunde  u.  Geburts- 
hilfe  a.  d.  Univ.  Halle,  Herausgeber  des 
Handbuchs  der  Gynakologie  (a  1907 — 10). 

*  Berlin  17.  II.  1852;  |  Schierke  a.  Harz 
3.  III.  —  W. :  Gynakologische  Diagnostik 
(5  1902) ;  Mitherausg.  des  Handbuchs  der 
Gynakologie  (a  1915/16).  —  FZ  5.  VI. 
(A.-Bl.);  BB1  648  (Nr.  129);  LpZ  4.  VI.; 
LZ613;  HPSt  1918;  MMW  1203— 1205 
(Anton) ;  ZB  41  [Hoppe-Seylers  Zeitschr. 
f.physiol.  Chemie,  Bd.  101,  S.  1 ;  Gynakol. 
Rdschau  XI,  199 — 205  (Aschner);  Cbl. 
f.  Gynakol.  41,  649 — 657  (Stoeckel) ;  Der 
Frauenarzt  32,  242;  Jahrb.  f.  Kinderheil- 
kunde  86,  79  (Thiemich);  Mschr.  f.  Ge- 
burtshilfe  46,  87  (Schaeffer) ;  91  (Franz), 
94  (Lindemann)  185  (Martin);  BKW  715 
Hofmeier),  856  (Franz)];  ZB  43  [Mitteil. 


d.  naturf.  Ges.  Halle  1918  (Haeker)]; 
KL  17  (W);  PBL  i75<5f.  (W);  K  (W). 

*  Veith, Rudolph,  Dr.-Ing.  e.  h.,  Wirkl.  Geh. 
Marineoberbaurat,  Abteilungschef  im 
Reichsmarineaint ;  *  Bobischau  1.  VI. 
1846;  t  Berlin-Wilmersdorf  13.  III.  — 
MWB1  101,  154;  LpZ  15.  III.;  SozMH 
510;  IZ  3848  (P);  JSTG  19  (1918),  116 
bis  120  (P);  MdT  281;  VDI  61,  21,  S.445 
bis  447  (P);  ZB  41  [Geschichtsbl.  fur 
Technik,  Ind.  u.  Gew.  IV  (191 7),  171]; 
DBJ   169/173  (W.  Laudahn). 

Vierhaus,  Felix,  Dr.  jur.,  Professor,  Wirkl. 
Geh.  Rat,  Bxzellenz,  President  des  Ober- 
landesgerichts  in  Breslau,  Mitherausgeber 
der  Zeitschr.  fur  deutschen  ZivilprozeB, 
friiher  o.  Prof  a.  d.  Univ.  Berlin;  *  Koln 
10.II.  1850;  f  Breslau  14.  X.  —  BB1  1 152 
(Nr.  243);  LZ  1024;  HPSt  1918;  Jahrb. 
der  Schles.  Ges.  95  (19 17),  43 — 45  (Leon- 
hard)  ;  ZB  42  [Beitr.  zur  Erliiuterung  des 
dtsch.  Rechts  62,  145 — 158  (Fischer); 
Zeitschr.  f.  dtsch.  ZivilprozeB  47,  199  bis 
206  (Schultzen stein)]. 

Vlllinger,  Hermine,  Schriftstellerin  [Pseudo- 
nym: H.  Willfried];  *  Freiburg  i.  B. 
6.  II.  1849;  t  Karlsruhe  4.  III.  —  W.: 
Schwarzwaldgeschichten  (1892) ;  Ausdem 
Kleinleben  (6  191 1) ;  Schulmadelgeschich- 
ten  (1892).  — LpZ  5.  III.;  LZ304;LE  19, 
842;  SozMH  395  f.;  IZ  3847  (Weick)  (P) ; 
BB1  220  (Nr.  54) ;  WI8  1790;  KL  17  (W) ; 
BR  VII  262f.;   PY  II  391  f. 

Vitzthum  v.  Eckstadt,  Otto  Graf,  D.  theol., 
Wirkl.  Geh.  Rat,  Exzellenz,  langj.  I.  Vor- 
sitzender  der  ev.-luth.  Konferenz;  *  Dres- 
den 6.  X.  1829;  |  Dresden  16.  XII.  — 
ELK  50,  52,  Sp.  1200  f.  u.  1221  f.,  51,  2, 
Sp46f.;  ZB  42  [Saat  auf  Hoffnung  1918, 
1  u.  3.;  Jahrb.  d.  Sachs.  Mission skonf. 
191 7,  106  (Kleinpaul)] ;  GT   1920. 

Vochting,  Hermann  v.,  Dr.  phil.,  Dr.  med. 
h.  c.  (Leipzig).  Dr.  h.  c.  (Cambridge),  o. 
Prof,  der  Botanik  a.  d.  Univ.  Tubingen, 
korresp.  Mitgl.  d.  AdW  Berlin  und  der 
GdW  Gottingen,  Begriinder  der  experi- 
mentellen  Morphologie;  *  Blomberg  i.  L. 
8.  II.  1847;  f  Tubingen  24.  XI.  —  W.: 
Uber  Organbildung  im  Pflanzenreich 
(2  Bde.,  1878 — -84);  Untersuchungen  zur 
experimentellen  Pathologie  des  Pflanzen- 
korpers  ( 1 908).— MMW  1596; HPSt  1918; 
LZ  1 183;  WN  151  — i6o(Lehmann);  Soz- 
MH 191*8,  50-52  (Koelsch) ;  KL  17 ;  K  (W) . 

Vogel,  Hermann  Wilhelm,  Geh.  Kommer- 
zienrat,  GroBindustrieller,  Vorsitzender 
des  Verbandes  der  Textilindustriellen, 
Ehrenbiirger  von  Chemnitz;  *  Chemnitz 
8.  II.  1841;  t  Chemnitz  23.  XII.  —  FZ 
30.  XII.  (2.  M.-Bl);  DGK;  AA. 


676 


Totenliste  1917 :  Vogel  von  palckenstein— Wallaschek 


Vogel  von  Falckenstein,  Maximilian,  General 
d.  Inf.  z.  D.,  Chef  des  2.  Elsafl.  Pionier- 
Bataillons  19,  zuletzt  Chef  des  Ingenieur- 
u.  Pionierkorps,  Mitgl.  des  preufl.  Herren- 
hauses;  *  Berlin  29.  IV.  1839;  f  Dolzig 
7.  XII.  —  DGK;  HPSt  1918;  MWB1  102, 
73.  75  u.76;  AT  1918. 

Volkens,  Georg,  Dr.  phil.,  Professor,  Kustos 
am  Botanischen  Zentralinstitut  fiir  die 
Kolonien;  *  Berlin  13.  VII.  1855 ;  f  Berlin 
11.  I.  —  LpZ  12.  I.;  LZ  113;  PM  63,  • 
Tafel  2  (P) ;  L  53  (Marz  1917),  S.  36;  BB1 
44  (Nr.  11);  ZB  42  [Verh.  d.  botan.  Ver- 
einsd.  Prov.  Brandenburg  59.  1 — 23  (Vol- 
kens u.  Harms)];  KL  17  (W). 

YOU,  Karl,  Dr.  phil.,  o.  Prof,  der  Kunstgesch. 
a.  d.  Techn.  Hochschule  u.  o.  Honorar- 
prof.  a.  d.  Univ.  Munchen;  *  Wurzburg 
18.  VII.  1867;  f  Munchen  25.  XII.  — W.: 
Vergleichende  Gemaldestudien  (2  Bde. 
*  1908 — 10);  Memlings  Gemalde  in  197 
Abbildungen  (1909);  Entwicklungsgesch. 
der  Malerei in  Einzeldarstellungen  (3  Bde. , 
1912 — 15).  —  FZ  15.  I.  1918  (A.-BL); 
LE  20,  560;  Kchr,  NF  29,  13,  Sp.  137 
bis  139;  WI8  1790;  ZB  41  [Cicerone 
X,  18  (Uhde-Bernays)] ;  ZB  42  [Allgem. 
Ztg.  1918,  15  (Lill);  SMH,  Febr.  1918. 
475 — 480  (Busching)];  ZB  43  [Franken- 
land  5,  137];  KL  17  (W).  P  vonSlevogt. 

Volquardsen,  Christian  August,  Dr.  phil., 
Geh.  Reg.-Rat,  em.  o.  Prof,  der  alten 
Geschichte  a.  d.  Univ.  Kiel;  *  Haders- 
leben  6.  X.  1840;  Kiel  6.  VIII.;  AA. 
—  FZ  4.  VIII.  (A.-BL);  LpZ  6.  VIII.; 
LZ  817;  K. 

#  Vofi,  Werner,  Leutnant  u.  Kampfflieger, 
Sieger  in  50  Luftkampfen,  Bitter  des  Or- 
dens  Pour  le  mkrite\  *  Krefeld  13.  IV. 
1897;  t  23.  IX.  [iiber  den  englischen 
Linien].  —  Hamb.FBl.,  Wochenausg. 
159.  S.  7;  E  1485;  Daheim  54,  1;  AA. 

Waal,  Anton  de,  D.  theol.,  papstl.  Haus- 
pralat  u.  apostol.  Protonotar,  Rektor  des 
deutschen  Priesterkollegiums  am  Campo 
Santo  Teutonico,  Grunder  des  Museums 
christl.  Altertiimer,  Mitherausgeber  der 
Romischen  Quartalsschrift  fiir  christl. 
Altertumskunde  u.  Geschichte,  Archao- 
log  u.  Kunsthistoriker;  *  Emerich  4.  V. 
1836;  f  Rom  23.  II.  —  W.:  Roma  sacra. 
Die  Ewige  Stadt  in  ihren  christl.  Denk- 
malern  u .  Erinnerungen  alter  u .  neuer  Zeit 
(*  191 1);  Rompilger  (9  191 1);  Katakom- 
benbilder  (3  Bde.,  1891—94).  —  KZ 
28.  II.;  FZ  8.  III.;  BB1  204  (Nr.  51);  LZ 
280;  SozMH  330;  ZB  41  [Internat. 
kirchl.  Zeitschr.  VII,  287 — 297  (Nippold) ; 
Allgem.  Rdschau  XIV  152  (Baumgarten) ; 
Die  Wartburg   282    (Nippold)];    KL    17 


(W);  ZB  44  [Zeitschr.  f.  kathol.  Theo- 
logie  43,  371];  BZZ  9  [NZZ  1.  III.;  KV 
10.  III.;  Germania  1.  III.];  AA. 
*  Wagner,  Adolf,  D.  theol.  h.  c,  Dr.  phil., 
jur.,  leg.,  pol.,  Wirkl.  Geh.  Rat,  Exzellenz, 
o.  Prof,  der  Staatswissenschaften  a.  d. 
Univ.  Berlin,  o.  Mitgl.  der  AdW  Berlin ; 
korresp.  M.  d.  AdW  Wien,  Mitgl.  des  preufl . 
Herrenhauses ;  *  Erlangen  25.  III.  1835; 
f  Berlin  8.  XI.  —  W. :  Lehr-  u.  Handbuch 
der  politischen  Okonomie  (4i907) ;  Agrar- 
u.  Industriestaat  (a  1902) ;  Theoret.  Sozial- 
okonomie  (2  Bde.,  1907 — 09).  —  FZ9.XI. 
(2.  M.-Bl.),  13.  XI.  (2.  M.-Bl.).  14.  XI. 
(1.  M.-Bl.)  (Wilbrandt);  BB1  1204  (Nr. 
264)  ;LZ  1 1 19;  IZ3881  (P);  SozMH  1918, 
i62f.  (Conr.  Schmidt);  ELK  50.  47,  Sp. 
noif.;  WI7  1782,  *  1790;  HPSt  1918; 
B  1737  (P) ;  v.  Arnim-v.  Below,  Deutscher 
Aufstieg,  S.  307 — 314  (Diehl);  Almanach 
der  AdW  Wien  1918,  4231*.  (Menger) ; 
ZB  41  [Daheim  54,  8;  Die  Hilfe  703 
(Rohrbach);  Konserv.  Monatsschr.  VII, 
224 — 229  (Bornhak);  Plutus  47/48.  S.493 
bis  496;  Technik  u.  Wirtschaft  X  590; 
Bodenreform  567 — 573  (Damaschke) ; 
Zentralbl.  der  christl.  Gewerksch.  17, 
200];  ZB  42  [Export  2  (Stamper) ;  Jahrb. 
f.  Gesetzgeb.,  Verw.  u.  Volksw.  1,  31 — 46 
(Schumacher);  Die  Reformation  45,  102 
(Seeberg);  Dtsch.  Rdschau,  Jan.  19 18. 
107 — 116;  Staats-  u.  Wirtschaftsztg  3, 
84 — 88  (Oppenheimer) ;  Studierstube  16, 
90  (Grabowsky);  Westermanns  Mhe., 
Febr.  1918,  677—681  (Tillmann) ;  Frankf. 
Univ.-Ztg  4,  4  (Tillmann)];  ZB  43 
[Evangelisch-Sozial  19 17/18,  39  (Schnee- 
melcher)] ;  KL  17  (W) ;  Deutsche  Akadem. 
Rundschau,  Jahrg.  8,  15  (1.  V.  1927), 
S.  1 — 5  (Westphal);  F.  Oppenheimer: 
Soziologische  Streifziige  II,  302 — 314; 
DBJ  173/193  (Schumacher). 

Wagner  von  Frommenhausen,  Ludwig, 
Generalleutnant  z.  D.,  bis  1886  Komman- 
deur  der  2.  Kavalleriebrigade  in  Ulm,  1870 
bei  Villiers  u.  Champigny  verdienter 
Artillerieoffizier,  Inh.  des  Eis.  Kreuzes 
1.  KL  u.  d.  Ritterkr.  der  wiirtt.  Krone 
von  1870;  *  Ludwig  25.  IX.  1828; 
t  Stuttgart  25.  III.  —  WN  67—71 
(Muff);  Schw.  Merkur  27.  III.;  Dorsch, 
Noch  ein  Schwabenbuch. 

Wallaschek,  Richard,  Dr.  phil.  et.  jur.,  a.o. 
Prof,  der  Asthetik  u.  Psychologie  der 
Tonkunst  a.  d.  Univ.  Wien;  *  Briinn 
16.  XI.  i860;  f  Wien  24.  IV.  —  W.: 
Asthetik  der  Tonkunst  (1886) ;  Geschichte 
der  Wiener  Hofoper  (1907 — 09).  —  FZ 
1.  IV.  (A.-BL);  BB1  520  (Nr.  102);  JP  92 
[Signale  374;  NZ  fiir  Musik  156;  Klavier- 


Totenliste  1917:  Walter — Weyrauch 


677 


lehrer  106;  NMZ  38,  263;  Dtsch.  Tonk.- 
Ztg.  114];  L  53  (Mai  1917).  S.  45;  ZB  42 
[Zeitschr.  fifar  Asthetik  12,  352 — 359 
(Lach)];  ZB  43  [Mitteil.  der  anthropol. 
Ges.  Wien  47.  112  (Pdch)];  KL  17  (W); 
K  (W). 
Walter,  Raoul,  Dr.  />A*7.,  Kainmersanger 
u.  Oberregisseur  an  der  Kgl.  Oper  in 
Miinchen,     Wagner-    u.     Mozartsanger; 

*  Wien  16.  VIII.  1865;  f  Miinchen 
21.  VIII.  —  FZ  23.  VIII.  (1.  M.-Bl.); 
JP  92  [AMZ  550;  RMTZ  299;  NMZ  38, 
374;  Dtsch.  Tonk.-Ztg.  149;  Signale  567]; 
EG  I093f.;  WI7  1795.  AA. 

Wansleben,  Arthur,  Landschaftsmaler; 

*  Krefeld   19.  Xn.  1861;  f  Dusseldorf 

20.  VI.  —  W.:  Niederungslandschaft 
(Krefeld,  Galerie) ;  Marzschnee  (Aachen) . 

—  KChr,  NF  28,  38,  Sp.  424;  MS  V  56, 
VI  293. 

Waenting,  Karl  Heinrich  Moritz,  Dr.  phil. 
h.  c.  Dr.  jur.,  Wirkl.  Geh.  Rat,  Exzellenz, 
Ministerialdirektor  im  sachsischen  Kultus- 
ministerium  a.  D. ;  *  Leipzig  13.  III.  1843 » 
t  Dresden  19.  IV.  —  DGK;  WI8  1790; 
ZB  41   [Ecce  MeiBen  22,  89];  AA. 

Weinhold,  Adolf  Ferdinand,  Dr.  phil.,  Prof., 
Oberreg.-Rat,  Lehrer  der  Physik  und 
Elektrotechnik  a.  d.  technischen  Lehr- 
anstalten  in  Chemnitz;  *  Zwenkau  19.  V. 
185 1 ;  |  Chemnitz  2.  VII.  —  W.:  Vor- 
schule  der  Experiinentalphysik  (5  1907); 
Physikalische  Demonstrationen  (•  192 1). 

—  BB1  812  (Nr.  159);  LZ  729;  ZB  41 
[Zeitschr.  fiir  mathemat.  u.  naturwiss. 
Unterricht  48,  329  (0.  Miiller)];  KL  17 
(W);  PF  V  1349  (W). 

Weismann,  Jakob,  Dr.  jur.,  Geh.  Justizrat, 
o.  Prof,  des  Strafrechts  u.  der  Prozesse 
a,  d.  Univ.  Greifswald;  *  Mainz  4.  IV. 
1854;  f  Greifswald  24.  VIII.  —  W.:  Lehr- 
buch  desdeutschen  Zivilprozesses  (2  Bde., 
1903 — 1905).  —  LZ  861;  HPSt  1918; 
KL   17  (W);  K  (W). 

WelB,  Edmund,  Dr.  phil.,  Hofrat,  em.  Di- 
rektor  der  Sternwarte  u.  o.  Prof,  der 
Astronomie  a.  d.  Univ.  Wien,  President 
der  osterreich.  Gradmessungskommission ; 

*  Freiwaldau   26.   VIII.    1837;    f   Wien 

21.  VI.  —  W.:  Annalen  der  Sternwarte 
in  Wien  (1883 — 19°8) »  Wunder  des  Him- 
mels  (i  888);  Bilderatlas  der  Sternwelt 
(a  1892);  Mitherausgeber  der  Astronom. 
Arbeiten  des  k.  k.  Gradmessungsbureaus 
(14  Bde.,  1887 — 1907  u.  NF  I,  1914).  — 
FZ  26.  VI.  (A.-Bl.);  L  53  (Jul*  W7). 
S.  53;  LZ  662;  BB1  756  (Nr.  146);  Al- 
manach  AdW  Wien  19 18,  243 — 248  (P) ; 
ZB  41  [Astronom.  Nachr.  204,  431 
(v.    Hepperger)];    ZB    43    [Vschr.    der 


astronom.  Ges.  53,  6 — 14  (Hepperger)]; 
KL  17  (W);  K  (W);  PF  V  i35of.  (W). 

Wibser,  Paul  Albert  v.,  1898 — i9o6Senats- 
prasident  am  Oberlandesgericht  Stutt- 
gart, Vorstand  des  Strafanstaltskol- 
legiums,  Mitgl.  des  Staatsgerichts-  u.  des 
Disziplinarhofs;  *  Stuttgart  29.  XII. 
1832 ;  f  Stuttgart  6.  III.  —  Schw.  Merkur 
7.  III.;  WN  39—41  (Weisser) ;  WI 7  1826. 

Welzsicker,  Paul,  Dr.  phil.,  Rektor  des 
Realgymnasiums  zu  Calw  a.  D.,  Archao- 
loge  u.  Kulturhistoriker ;  *  Kloster  Adel- 
berg4.  VIII.  1850;  f  Ludwigsburg  1 1.  III. 
Herausgeber  von  H.  Meyer,  Klein  e 
Schriften  zur  Kunst  (1886).  —  BB1  256 
(Nr.  62);  LZ  336;  HV  18.  344;  WN  63 
bis  67  (Belschner) ;  [Human.  Gymnasium 
I9I7»  3/4  (Fischer) ;  Calwer  Tagbl.,  Jahrg. 
92,  Nr.  60];  KL  17  (W);  —  Eigenhand. 
Auf zeichnungen  erwahnt  Belschner  (a.O) . 

Welczek,  Bernhard  Graf  v.,  Legationssekre- 
tar  a.  D.,  Majoratsherr  auf  Laband,  Mitgl. 
des  preuB.  Herrenhauses;  *  Laband  29.  I. 
1844;  t  Laband  16. 1.  —  WI8  1791 ;  HPSt 
191 8;    ZB   41    [Oberschlesische   Heimat 

13.  32];  GT  1920. 

Wellstein,  Georg,  Geh.  Oberjustizrat, 
Senatsprasident  am  Oberlandesgericht  in 
Hamm,  M.  d.  R.  (Zentrum);  •  Oberbiel 
12.  V.  1849;  t  Hamm  i.W.  16.  X.  —DGK; 
HPSt  1918;  WI7   1828. 

Wendt,  Adolf  v.,  Wirkl.  Geh.  Rat,  Exzellenz, 
Ministerialdirektor  im  preuB.  Handels- 
ministerium  a.  D. ;  *  Hannover  9. 1.  1825; 
f  Berlin  19.  H.  —  DGK;  HPSt  191 8;  AT 

1917- 

#  Wenninger,  Karl  Ritter  v.,  Kgl.  bayer. 
Generalleutnant  u.  Fiihrer  des  XVIII. 
Res.-Korps,  zuvor  bayer.  Militarbevoll- 
machtigter  u.  stellv.  Mitgl.  des  Bundes- 
rats,  Ritter  des  Ordens  Pour  le  mkriie  u. 
des  bayer.  Max-Joseph-Ordens;  *  Berg 
(Niederbayern)  13.  VIII.  1861;  t  bei 
Seculut  an  der  Susita  (Rumanien)  8.  IX. 
—  ERL;  E  1412  (P);  MWB1  102,  31,  33 
u.34;  FZ  11.  IX.  (A.-Bl.);  HPSt  1918; 
ZB  43  [Das  Bayerland  30,  82] ;  WI 7  1833; 
AA. 

Westmeyer,  Friedrich,  Sozialdemokrati- 
scher  Parteisekretar  u.  Redakteur,  Griin- 
der  11.  Fiihrer  der  wiirttemb.  sozialisti- 
schen  Vereinigung,  191 3 — 17  Mitgl.  des 
wiirttemberg.    Landtags;    *    Osnabriick 

14.  I.  1873;  t  a*s  Arbeitssoldat  im  Felde 

15.  XI.  —  FZ  16.  XI.  (2.M.-Bl.);SozMH 
1293;  DGK;  WN   177. 

Weyerwald,  Edler  von,  s.Berger,  Josef. 

Weyrauch,  Johann  Jakob  v.,  Dr.  phil.,  em. 
o.  Prof,  der  Ingenieurmechanik,  Elastizi- 
tatslehre  u.  Warmetheorie  a.  d.  Techn. 


678 


Totenliste  19 17:  Wiedenmann — Zupitza 


Hochschule  Stuttgart;  *  Frankfurt  a.M. 
8.  X.  1845;  t  Stuttgart  13.  II.  —  W.: 
Die  Festigkeitseigenschaften  u.  Me- 
thoden  der  Dimensionenberechnung  der 
Eisen-  u.  Stahlkonstruktion  (*  1888,  auch 
engl.,  ital.,  franz.) ;  Theorie  elastischer 
Bogentrager  (■1911);  Grundrifl  der 
Warmetheorie  (1905 — 07).  —  BB1  160 
(Nr.  41);  LZ  247;  ZB  V  3.  III.;  SchwM 
15.  II.;  L  53  (Sept-  1917).  S.  68;  KL  17 
(W);K(W). 

Wiedenmann,  Peter  Freiherr  v..  Kgl.  bayer. 
General  der  Artillerie,  friiher  General- 
adjutant  des  Prinzregenten  Luitpold  von 
Bayern;  *  Munchen  11.  V.  1847;  t  Miin- 
chen  8.  VII.  —  DGK;  ERL;  WI  7  1849. 

Wilmanns,  August,  Dr.  phil.,  Wirkl.  Geh. 
Oberregierungsrat,  em.  Generaldirektor 
der  Kgl.  Bibliothek  in  Berlin;  *  Vegesack 
25.  III.  1833;  f  Berlin  27.  X.  —  LZ  1097; 
BBln88(Nr.  257)  ;KL  17  (W);  JB  1920, 
181. 

Willfried,  H.,  s.  Villinger. 

Wlnternlti,  Wilhelm,  Dr.  med.,  Hofrat,  o. 
Professor  der  inneren  Medizin  a.  d.  Univ. 
Wien,  Begriinder  der  Hydrotherapie, 
Abteilungsvorstand  an  der  Allgem.  Poli- 
klinik;  *  Josefstedt  (Bohmen)  1.  III. 
1835;  t  Wien  22.  II.  —  W.:  Die  Hydro- 
therapie auf  physiol.  u.  klinischer  Grund- 
lage  (3  Bde.,  2  1890)  (auch  russ.,  engl., 
franz.,  ital.,  span.)  —  FZ  24.  II.  (A.-Bl.). 
aa.  III.  (2.  M.-Bl.)  (Ratner);  MMW  344 
u.  38s  (Marcuse);  LZ  247;  IZ  3846  (P); 
WI8i79i;  SozMH  451;  KL  17;  PBL 
18671.  (W);K(W). 

Wohlenberg,  Gustav,  D.  theol.,  o.  Prof,  der 
neutestamentl.  Theologie  a.  d.  Univ. 
Erlangen;  *  Ahrensburg  1.  X.  1862; 
f  Erlangen  20.  III.  —  W.:  Der  1.  u. 
2.Thessalonicherbrief  (*  1908);  Der  i.u. 
2.  Tim.-  u.  Titusbrief  (*i9ii).  —  LpZ 
23.  III.;  FZ  22.  III.  (A.-Bl.) ;  ELK  50,  13, 
Sp.  309  f.  u.  14,  Sp.  334;  LZ  392;  WI7 
1880,  8  1791;  ZB  41  [Kirchl.  Jahrb.  44, 
619  (Schneider) ;  Soziale  Rdschau  17,  69; 
Saat  auf  Hoffnung  17,  68];  LE  19,  970; 
KL  17  (W). 

W&lfler,  Anton,  Dr.  med.  et  chir.,  Hofrat, 
em.  o.  Prof,  der  Chirurgie  an  der  deut- 
schen  Univ.  Prag;  *  Kopetzen  12. 1.  1850; 
f  Wien  1 .  II.  —  W. :  Die  chirurg.  Behand- 
lung  desKropfes  (1887).  —  NFP  4.  II.; 
FZ  6.  II.  (A.-Bl.);  BB1  140  (Nr.  36); 
LZ  201;  MMW  240;  ZB  42  [Deutsche 
Arbeit  in  Osterreich  17,  215  (Schlosser) ; 
Mitteil.  aus  den  Grenzgeb.  der  Med.  u. 
Chirurgie  30  I  (Eiselsberg)] ;  KL  17  (W) ; 
PBL  i87of.  (W)  (P);  K  (W). 


Zanleck,  Paul,  D.  theol.,  em.  Pastor,  Her- 
ausgeber  der  theol.  Zeitschriften :  Fur 
unsere  Kinder,  Kindergottesdienst  und 
Niedersachs.  Gustav-Adolf-Bote,  Neu- 
gestalterdesKindergottesdienstes;  •  Ber- 
lin 12.  III.  1849;  f  Bremen  3.  VI.  —  LZ 
638;  ELK  50,  27,  Sp.  646;  Kirchl.  Jahrb. 
44,  619  (Schneider);  KL  17  (W). 

*  Zeppelin,  Ferdinand  Graf  v.,  Dr.-Ing.  e.  h.. 

General  der  Kavallerie  z.  D.,  General 
a  la  suite  des  Konigs  von  Wiirttemberg, 
Erfinder  des  starren  Lenkluf tschiffes ; 
*  Konstanz  8.  VII.  1838 ;  f  Berlin  8.  III.  — 
FZ9.  III.,  10.  HI.,  11.  III.,  13.  III.;  BB1 
364  (Nr.  86) ;  IZ  3846  (P)  u.  3847.  395  bis 
408  (Feldhaus  u.  a.) ;  SchwM  Nr.  1 16 
(10.  III.)  (Freiherr  v.  Gemmingen) ; 
SozMH  260  u.  274f.  (Lux);  WI8  1792; 
MdT  304f.  [Glasers  Annalen  80,  139]; 
VDI6i,485;MWBl  101,  151,  152  (Nach- 
ruf  Hindenburgs),  153;  ELK  50,  17, 
Sp.  396 — 400  (K.  Hoffmann) ;  KW  30  III. 
S.  29  f.  (Avenarius);  ERL;  Hamb.FBl. 
Wochenausg.  130  u.  131  (P);  WN  41  bis 
63  (K.  Hoffmann) ;  ZB  43  [Volksbildung 
47,  83;  Schr.  d.  Ver.  f.  d.  Gesch.  des  Bo- 
densees46,  3 — 56] ;  Grabrede  von  K.  Hoff- 
mann (Stuttgart  191 7);  A.  Vomel,  Graf 
F.  v.  Z.  (4  1913);  Das  Werk  Z.s  (1913); 
A.  Wasner,  Graf  F.  v.  Z.  (1917).  —  Der 
Deutschen-Spiegel,  Jahrg.  4  (1927),  11 
S.  509 — 513  [u.  a.  Zeitschriften  des  Marz 
1927  zur  iojahr.  Wiederkehr  des  Todes- 
tages];  R.  Eickhoff:  Politische  Profile 
(1927),  S.  141— 148;  DBJ  193/202 
(Gossow). 

*  Zlese,  Karl,  Dr.-Ing.  e.  h.,  Geh.  Kom- 
merzienrat,  Inhaber  der  Schichauwerf ten 
in  Danzig  u.  Elbing ;  *  Moskau  2 .VII.  1 848 ; 
t  Elbing  15.  XII.  —  FZ  30.  XII.  (2.  M.- 
BL);  E  1918,  S.  9  (P);  IZ  3892  (P);  WI7 
1915,  8I792;  MdT  305f.;  VDI  62,  109 
bis  in  (Krause)  (P);  Daheim  Nr.  14; 
JSTG  20  (1919),  S.  178 — 183  (P);  ZB  42 
[Schiffbau  19,  113 — 115  (Krainer);  tJber- 
all  20,  347 — 352];  ZB  44  [Aus  dem  Ost- 
lande  XIII  Beil.  1,  H.  2.];  DBJ  202/206 
(Krainer). 

Zunker,  Dr.  med.,  Geh.  Med.-Rat,  Exzel- 
lenz,  Generalarzt  a  la  suite  des  Sanitats- 
korps,  Leibarzt  der  Kaiserin ;  f  Potsdam 
22.  X.—  ERL;  HPSt  1918;  MMW  1448; 
DGK. 

Zupitza,  Emil,  Dr.  phil.,  a.o.  Prof,  der  indo- 
germanischen  Sprachwissenschaft  a.  d. 
Univ.  Greifswald;  •  Oppeln  17.  III.  1874; 
t  Greifswald  16.  X.  —  FZ  17.  X.  (1.  M.- 
Bl.);  LZ  1050;  HPSt  iqi8;  BB1  iis2 
(Nr.  241?);  WI7  192;. 


Totenlistc  1918 


Adler,  Viktor,  Dr.  med.,  osterreichischer 
Staatssekretar  des  Auswartigen,  Fuhrer 
der   osterreichischen   sozialdem.    Partei; 

*  Prag  24.  VI.  1852;  f  Wien  n.  XI.  — 
W:  Aufsatze,  Reden  u.  Briefe,  (5  Bde., 
1922—25).  —    FZ    12.  XI.    (1.   M.-BL). 

19.  XI.  (A.-BL),  (Ganz);  IZ  3935  (P)  \ 
SozMH  1 1 1 2  (Schippel) ;  Neue  osterreich. 
Biogr.  1,3,  S.  152  bis  172  (Briigel),  (P) ; 
WI  8  1 767 ;  ZB  42  [Parlamentar.  Chronik, 
Mai  1918,  297  (Grofi)];  ZB  43  [Polit.  u. 
volksw.  Chronik  d.  osterr.-ung.  Monarchic 
1918,  579;  Friede,  Bd.  II,  1918,  389 
(Karpeles) ;  Weltbiihne  529,  406  (Viertel) ; 
Die  neue  Zeit  t>7,    i.  S-  169];  M  7 1,  126. 

Adolf  Friedrich  VI.,  Groflherzog  von  fcleck- 
lenburg-Strelitz ;  *  Neustrelitz  17.  VI. 
1882;  f  Neustrelitz  24.  II.  (Selbstmord) . 
—  HambFBl,  Wochenausg.  181  u.  182; 
E  276  (P) ;  IZ  3897  (P) ;  ZB  43  [Heimat 
(Mecklenburg),  Jahrg.  11,  33 — 38];  GH 
1918;  M7  I,  131. 

Alberti[-Sittenfeld],  Konrad,  [Deckname  fiir 
Konrad  Sittenfeld],  Schriftsteller,  Haupt- 
fiihrer  der   naturalistischen    Bewegung; 

*  Breslau  9.  VII.  1862;  f  Berlin  24.  VI. 
W,:  Herr  L'Arronge  und  das  deutsche 
Theater  (1884);  Was  erwartet  die  Kunst 
von  Wilhelm  II.  (1888);  Der  inoderne 
Realismus  in  der  deutschen  Literatur 
(1889);  Der  Weg  der  Menschheit  (4  Tie., 
1906— 1912).  —  FZ  26.  VI.  (A.-BL);  LE 

20,  1 301  u.  1329;  SozMH  1228;  M  7  I,  294 
(W);  KL  17;  BR*  VI,  444  (W) ;  DZL 
1373  (W). 

Alexander,  Conrad,  Dr.  med.,  Professor, 
Geh.  Sanitatsrat,  Privatdozent  f.  innere 
Medizin  a.  d.  Universitat  Breslau;  *  Lieg- 
nitz  15.  IV.  1856;  |  Breslau  20.  VIII.  — 
LpZ  26.  VIII.;  MMW  65,  982;  Jahrb.  d. 
Schles.  Ges.  fiir  vaterl.  Kultur  96,  1 — 2 
(Rosenfeld);  PBL  27;  AA. 

#  Am  Ende,  Hans,  Landschaftsmaler  in 
Worpswede,  Hauptmann  der  Landwehr 
a.  D.  ini  Inf.  -  Reg.  162;  *  Trier  31.  XII. 
1864;  f  Stettin  9.  VII.  [an  den  Folgen 
einer  Kriegsverwundung].  —  W.:  Moor- 


landschaft  (Museum  Braunschweig) ;  Er- 
ster  Schnee  (Museum  Weimar) ;  Radie- 
rungen.  —  FZ  12.  VII.  (1.  M.-BL),  15.VII. 
(A.-Bl.);  Kchr,  NF  29,  39,  Sp.  431; 
SozMH  920;  IZ  3917  (P);  LpZ  12.  VII.; 
M7  I,  472;  TB  X,  511  (W),  [Meister  der 
FarbeIV(i907),  248];  AA.  —  Vgl.  Bethge. 
Worpswede  (1904). 

Andresen,  Hugo,  Dr.  phil.,  Geh.  Reg.-Rat, 
em.  o.  Professor  der  roman.  Philologie  an 
der  Universitat  Miinster;  *  Altona  4.  X. 
1844;  |  Miinster  i.  W.  17.  VIII.  —  Her- 
ausgeber  von  K.  G.  Andresen,  Uber 
deutsche  Volksetymologie  (6  1899).  —  FZ 
21.  VIII.  (A.-Bl.);  LE  21,  57;  LZ  696; 
LpZ  20.  VIII.;  KL,  17;  AA. 

Angerer,  Ottmar  Ritter  v.,  Dr.  med.,  Geh. 
Rat,  Exzellenz,  o.  Professor  d.  Chirurgie 
a.  d.  Universitat  Miinchen,  Leibarzt  des 
Prinzregenten  Luitpold  von  Bayern, 
Generalarzt  A  la  suite;  •  Geisfeld  i.  Bayern 
17.  IX.  1850;  |  Miinchen  12.  I.  —  LpZ 
14.  I.;  MMW  65,  87  11.  245  f.  (Schmitt)  u. 
1 104;  SozMH  1 165;  IZ  3891  (P);  LZ  65; 
WI  •  1767;  ZB  42  [Zentralbl.  fiir  Chir.  45, 
113  (Lexer);  MK  14,  255  (Schmitt);  Mit- 
teilg.  aus  den  Grenzgeb.  der  Med.  u.  Chir. 
30,  4,  S.  I  (Eischberg);  BKW  55,  151 
(Ach)];  ZB  43  [Frankenland  5,  138]; 
PBL  38  (W);  L54.  54- 

Anna,  Landgrafin  von  Hessen,  geb.  Prin- 
zessin  von  Preufien,  Kgl.  Hoheit,  das 
iilteste  Mitglied  des  Hauses  Hohenzollern 
[seit  9.  X.  1 90 1  katholisch];  *  Berlin 
17.  V.  1836;  f  Frankfurt  a.  M.  12.  VI.  — 
Bekannt  durch  ihren  Konflikt  mit  Kaiser 
Wilhelm  II.  wegen  ihres  Ubertritts  zur 
katholischen  Kirche.  —  DGK;  ZB  43 
[Hessenland  32,  115];  GH  1918. 

ABmann,  Richard,  Dr.  med.  et  phil.,  Geh. 
Oberreg.-Rat,  o.  Honorarprofessor  der 
Meteorologie  an  der  Universitat  GieBen, 
friiher  Direktordes  Aeronautischen  Obser- 
vatoriums  in  Lindenberg  (Brandenburg) , 
Begrunder  der  wissenschaftlichen  Luft- 
fahrt,  Erfinder  des  Aspirationspsychro- 
meters;    *    Magdeburg    13.    IV.     1845; 


68o 


Totenliste  1918:  Atzberger — Bardeleben 


f  Gieflen  28.  V.  —  W.:  Wissenschaft- 
liche  Luftfahrt  (3  Bde.,  1899 — 1900); 
Hrsg.  d.  Zschr.  »Das  Wetter*  (seit  1884), 
der  »  Beitrage  zur  Physik  der  f  reien  Atmo- 
sphare*  (seit  1904)  und  der  »Brgebnisse 
der  Arbeiten  am  Aeronaut.  Observato- 
rium«(iooo — 1913).  —  FZ5.  VI.  (A.-Bl.), 
8.  VI.  (1.  M.-Bl.),  Peppier);  IZ  3912  (P) ; 
SozMH  628;  WI8  1767;  ZB  42  [Dtsch. 
Luftfahrzeitschr.  Nr.  11/12,  S.  18  (Pepp- 
ier); Zschr.  fur  Flugtechnik  9,  62  (Ber- 
son)] ;  ZB  43  [Annalen  der  Hydrographie 
u.  maritim.  Meteorol.  46,  248;  Meteorol. 
Zschr.  35,  191  (Hergesell)] ;  L  54  (Dez. 
1915),  S.  83;  PM  64,  130;  M7I,  1000; 
Kir  17;  PFV,  38. 

Atlberger,  Leonhard,  D.  theol.,  Geh.  Hofrat, 
Pralat,  o.  Professor  der  Dogmatik  a.  d. 
Universitat  Miinchen;  *  Velden  23.  VI. 
1854;  t  Miinchen  10.  III.  —  W.:  Gesch. 
derchristl  Eschatologie  (1896);  Handb. 
der  kathol.  Dogmatik  (4  Bde.,  1898  bis 
1903);  Der  Glaube.  Apologetische  Vor- 
trage  (1891)— LpZ  13.  HI.;  FZ  18.  III. 
(A.-Bl.) ;  SozMH  645 ;  LZ  265 ;  KL  17  (W) . 

Aliersperg,  Leopold  Graf  v.,  Geh.  Rat,  ehe- 
mal.  osterreichischer  Ackerbauminister ; 
*  Budapest  16.  V.  1855 ;  f  Baden  b.  Wien 
23.  II.  —  DGK;  GT  1920. 

*Baehem,  Julius,  Dr.  jur.  h.  c,  Justizrat, 
Rechtsanwalt,  Mitbegriinder  der  K61- 
nischen  Volkszeitung,  Zentrumsfiihrer, 
1876 — 1 89 1  Mitglied  des  Preufl.  Abg.- 
Hauses;  *  Miilheim  a.  Rh.  2.  VII.  1845; 
t  Koln  22.  I.  —  W.:  Preuflen  und  die 
kathol.  Kirche  (6  1887);  Die  Paritat  in 
PreuBen  ('  1899) ;  Herausgeber  der  2.  Aufl. 
von  Gorres'  Staatslexikon  (1900  ff .) ;  Lose 
Blatter  aus  meinem  Leben  (1910);  Er- 
mnerungen  eines  alten  Publizisten  und 
Politikers  (191 3).—  FZ  23. 1.  (1.  M.-Bl.) ; 
LpZ  23.  I.;  LZ  108;  Soz  MH  619; 
IZ  3893  (P).  (Steiger);  Deutsche  Presse, 
Jahrg.  16,  21,  S.  48 — 50  (Hober);  LE  20, 
688;  H  15,  7,  S.  17—21  (Spahn) ; 
WI«i767;  ZB  42  [Soziale  Kultur  117 
(Hitze);  Sudd.  Monatsh.,  Febr.  1918. 
S.  467  (FaBbender);  Die  neue  Zeit  46  I, 
447  (Meersfeld);  Allgem.  Rundschau  15, 
55  (Cardauns);  Zentralbl.  der  christl.  Ge- 
werksch.  18,  35];  ZB  43  [Alt-Koln,  Ka- 
lender  1918  (VII),  75];  M7 1,  1290;  KL  17 
(W).  —  Cardauns,  J.  B.  und  die  Gorres- 
Gesellschaf t  (1919);  DB  J  207/2 1  o  (Hober) . 

Blginsky,  Adolf,  Dr.  med.,  Geh.  Med.-Rat, 
a.O;  Professor  der  Kinderheilkunde,  em. 
Direktor  des  Kaiser  und  Kaiserin  Fried- 
rich-Krankenhauses,  Mitbegr.  u.  Heraus- 
geber des  Archivs  fur  Kinderheilkunde 
(1880  ff.);  *  Ratibor22.  V.  1843;  t  Berlin 


1 5 .  V.  —  W. :  Lehrbuch  der  Kinderkrank- 
heiten  (8i9o8);  Handbuch  der  Schul- 
hygiene  (8  1899).  —  LZ  453,  IZ  3909  (P) ; 
SozMH  1165  f.;  MMW  65,  606  [vgl. 
ebenda,  1913,  Nr.  20  (P)];  ZB42;  [Jahrb. 
f.  Kinderheilkunde  87,  532  (Czerny) ;  MK 
14,  579  (E.  Muller)];  ZB  43  [Archiv  fur 
Kinderheilkunde  tj,  i — 6  (Schloflmann) ; 
Zschr.  fur  Schulgesundheitspflege  31, 
145  f.  (Kemisies)];  M 7  I,  1333;  KL  17 
(W) ;  PBL  77  f.  (W).  (P) ;  GJN  220;  Fest- 
schrift, A.  B.  gewidmet  (191 3). 

Bailer,  Julius  v.,  Dr.  ing.  e.  h.,  General- 
major  z.  D.,  1902 — 1907  Inspekteur  der 
8.  Festungsinspektion,  seitdem  General- 
bevollmachtigter  der  Eisenbetonfirma 
Wayfl  &  Freytag,  19 14 — 19 15  General  d. 
Ing.-  und  Pionierkorps  beim  General- 
gouvernement  Belgien,  2.  Vorsitzender  d. 
Jungdeutschlandbundes;  *  Stuttgart 8. II. 
1853;  f  Berlin  12.  V.  —  WN  35  f. 
(v.  Muff),  [SchwM  222;  Jungdeutsch- 
land;  Turnbl.  aus  Schwaben  1918,  Bei- 
lage  11]. 

*Ballin,  Albert,  Dr.  ing.  e.  h.,  Generaldirek- 
tor  der  Hamburg- Amerika-Linie ;  *  Ham- 
burg 15.  VIII.  1857;  f  Hamburg  9.  XI. 
—  FZ  1 1 .  XL  (M.-BL),  13.  XI.  (2.  M.-Bl.) ; 
Hajnb.FBl,  Wochenausg.  218,  S.  2;  IZ 
3933  (P)»  SozMH  1077  f.  (Kalisky)  und 
1210;  JSTG  20  (1919),  S.  145 — 148; 
G.  Stresemann,  Reden  u.  Schriften  I,  206 
bis  211;  ZB  43  [Dtsch.  AuBenhandel  18, 
174;  Wirtschaftsdienst  3,  1033  (Singer)]; 
M 7 1,  1400.  —  Huldennann,  A.  B. 
P1922);  P.  Stubmann,  Ballin.  (1926); 
Goetz,  B.,  ein  koniglicher  Kaufmann 
(*  I9°7)l  T>er  Morgen,  Jahrg.  3,  2,  S.  179 
bis  187  (Carlebach);  DBJ  210/215  (Stub- 
mann). 

Bandell,  Eugenie,  Malerin  und  Radiererin; 
*  Frankfurt  a.  M.  21 .  XII.  1863 ;  f  Frank- 
furt a.  M.  2.  IV.  —  W. :  Figurenbilder  u. 
Landschaften.  —  FZ  5.  IV.  (2.  M.-Bl.); 
Kchr,  NF  29,  27,  Sp.  292;  SozMH  566; 
MS  VI,  12;  TB  II,  438  [Drefllers  Kunst- 
jahrbuch  1908;  Hirsch,  Kunstlerinnen 
der  Neuzeit,  S.  30;  Kunst  fiir  AUe  XVIII ; 
Weizsacker,  Kunst  u.  Kstl.  in  Frankfurt, 

S.  99]. 

Bardeleben,  Karl  v..  Dr.  med.,  o.  Hon. -Prof, 
der  Anatomie  an  der  Universitat  Jena, 
Generalarzt  h  la  suite  des  Sachs.  Sanitats- 
korps,  standiger  Schriftfuhrer  der  Anat. 
Ges.,  Mitherausgeber  der  Weimarer 
Goethe-Ausgabe ;  *  Gieflen  7.  III.  1849; 
t  Jena  19.  XII.  —  W.:  Atlas  der  topo- 
graphischen  Anatomie  4  (1908) ;  Herausg. 
d.  Verhandl.  der  Anat.  Ges.  u.  des  Handb . 
d.  Anat.  d.  Menschen  (1896  ff.;   unvoll- 


Totenliste  1918:  Baumeister — Blaschnik 


68l 


endet).  —  FZ  20.  XII.  (2.  M.-Bl.) ;  DGK  ; 
SozMH  51,  WI7  59,;  M7  I,  i473f.;KLi7 
(W);  PBL  88—90  (P),  (W). 
Baumeister,  Reinhard,  Dr.  med.  h.  c,  Dr. 
ing.  e.  A.,  Geh.  Rat,  Prof,  der  Ing.-Wissen- 
schaften  und  des  Stiidtebaues  a.  d.  Techn. 
Hochschule  Karlsruhe  i.  R. ;  *  Hamburg 
19.  III.  1833;  f  Karlsruhe  11.  XII.  — 
W.:  Erbauer  der  Murgtalbahn  (1868), 
der  Bahn  Freiburg- Breisach  (1870/71), 
der  Renchtalbahn  (1876),  der  Kranken- 
hauser  der  Diakonissenanstalt  Karlsruhe 
(1888— 1908).  —  SozMH  424;  WI775; 
ZB  42  [DBZ  52,  6,  14  (Biseler) ;  Zschr.  d. 
Verb,  dtsch.  Dipl.-Ing.  9,  10  (Lang); 
Zschr.  d.  Verb,  dtsch.  Archit.  u.  Ing.  7,  5 
(Ammann)];  M  7  I,  1598. 

*  Beck,  Ludwig,  Dr.  phil.,  Dr.  ing.  e.h.,  Pro- 

fessor, Direktor  der  Rheinhiitte  L.  Beck 
&  Co.  in  Biebrich,  Ehrenbiirger  von 
Biebrich;  •  Darmstadt  10.  VII.  1841 ; 
t  Biebrich  23.  VII.  —  W. :  Geschichte  des 
Eisens  (5  Bde.,  1884 — 1903).  —  DGK; 
LZ625;  VDI62,62i  (P);MdT  is;ZB43 
[Die  GieCerei  V,  117 — 120  (Borchardt) ; 
WI78i;  StE  38,  744  u.  789 — 792  (Schu- 
bert), (P);  M7  II,  2;  DBJ  218/221  (Jo- 
fa  annsen). 

Beck,  Karl  v.,  deutscher  Kolonialpionier, 
Leiter  des  Direktionsbureaus  der  Neu- 
guinea-Gesellschaf t ;  *  Baden-Baden  7.X. 
1851;!  Baden-Baden  28.  VI.—  DKZ  35, 
97;  PM  64,  227;  Briefadl.  Tb.  1916. 

Beckmann,  Fritz,  Geh.  Kommerzienrat, 
Seniorchef  der  Stahlwarenfirma  J.  A. 
Henckels,  Solingen,  Prasident  der  Han- 
delskammer  in  Solingen,  Mitgl.  des  Pro- 
vinziallandtags;  *  Solingen  10.  VIII. 
1850;  f  Solingen  25.  VII.  —  FZ  27.  VII. 
(2.  M.-BL);  WI786;  StE  38,  744;  AA. 

*  Below,  Fritz  v.,  General  d.  Inf.  z.  D.,  h  la 

suite  des  3.  Gardegrenadierregiments, 
1912 — 191 5  Komm.  General  des  XXI.  A.- 
Korps,  1 9 1 5 —  1 9 1 6  Oberbef ehlshaber  der 
2.  Armee,  1916 — 1918  der  1.  und  Juni  bis 
August  1 918  der  9.  Armee,  Ritter  des 
Ordens  Pour  le  mirite;  *  Danzig  23.  IX. 
1853;  f  Weimar  23.  XI.  —  FZ  28.  XI. 
(A.-Bl.);  ERL;  MWB1  103,  68;  DGK; 
WI794,  8i768;  M 7  II,  92;  DBJ  221/ 
225    (Zipfel). 

Bernewitz,  Friedrich  Alexander  Freiherr  v., 
Prasident  des  sachsischen  Oberverwal- 
tungsgerichts  i.  R.;  *  Zwickau  17.  VIII. 
1840;  f  Dresden  3.  IV.  —  DGK;  ZB  43 
[BcceGrimma  39,  80 — 85];  Grimmenser- 
Stammbuch,  Jahrg.  1855. 

Bernheimer,  Stefan,  Dr.  med.,  o.  Professor 
der  Augenheilkunde  a.  d.  Universitat 
Wien;    *    Triest    17.    I.    1861;    |    Wien 


19.  III.  —  LpZ  21.  III.;  LZ  289;  MMW 
65,  362;  L  54  (August  1918),  S.  62;  ZB  42 
[Zentralbl.  f.  prakt.  Augenheilkunde  42, 
89—91 ;  WKW  31,  368  (Dimmer)] ;  ZB  43 
[Klin.  Monatsbl.  fiir  Augenheilkunde  60, 
814];  AA. 
Bertling,  Karl,  Historien-  u.  Portratmaler; 

*  Dahlinghausen  (Hannover)  7.  IX.  1835  ; 
f  Wachau  b.  Radeberg  23.  II.  —  W.: 
Hagar  und  Ismael;  Kain  und  Abel  (im 
Schwurgerichtsgebaude  in  Naumburg) . 
—  LpZ  14.  III.;  WI7  112  (W);  TB  III. 
502  (W);  MS  I,   117  (W),  VI,  23;  AA. 

Berwerth,    Friedrich,    Dr.    phil.,     Hofrat, 

0.  Professor  der  Petrographie  an  der  Uni- 
versitat Wien,  Direktor  am  naturhisto- 
rischen  Hof museum,  korresp.  Mitglied  d. 
AdW  Wien;  *  Schaflburg  16.  XI.  1850; 
t  Wien  22.  IX.  —  LpZ  26.  IX. ;  LZ  801 ; 
PM  64,  271;  L  54,  83;  Almanach  AdW 
Wien  1919,  135—138;  M7  II,  236;  PF  V, 
T04  (W). 

Beth,  Ignaz,  Dr.  jur.  et  phil.,  Kunsthisto- 
riker,  Herausgeber  der  Internationalen 
Bibliographic     der     Kunstwissenschaf  t ; 

*  Przibram  i.  B.  9.  VIII.  1877;  |  Berlin 

1.  IV.  —  LE  20,  1008;  LZ  308;  ZB  42 
[Cicerone  X,  141;  Jahrb.  d.  kgl.  preufl. 
Kunstsamml.  39,  184];  Kchr,  NF  29,  26, 
vSp.  277  f.  (Vofi). 

Bienerth,  Richard  Freiherr  v.,  Dr.  jur., 
Statthalter  im  Erzherzogtum  Osterreich 
u.  d.  Enns  (191 1 — 191 5),  k.  u.  k.  Geh. 
Rat,  Exzellenz,  osterr.  Ministerprasident 
a.  D.  (19 10),  Mitgl.  des  osterr.  Herren- 
hauses;  *  Verona  2.  III.   1863;  |  Wien 

2.  VI.  —  FZ  4.  VI.  (A.-Bl.);  DGK; 
WI7  122,  8  1769;  ZB  43  [Polit.  u.  volksw. 
Chronik  d.  osterr. -ungar.  Monarchic  1918, 
312];  M7  II,  352. 

&  Blenstock,    Heinrich,    Opernkomponist ; 

*  Miilhausen  i.  E.  13.  VII.  1894;  t  (an 
Kriegsleiden)  Tubingen  17.  XII.  —  W.: 
Zuleima  (Oper  191 2);  Sandro  der  Narr 
(Oper  1 916);  Die  Bezwinger  des  Lebens 
(vieraktige  Pantomime).  —  FZ  21.  XII. 
(A.-Bl.);  JP  81  [RMTZ  1919,  22;  NMZ 
40,94;  NZ  336];  SozMH  221;  AMZ  572 
u.  1 919,  6;  Dtsch.  Biihnenjahrb.  31 
(1920),  S.  147;  R  10  124;  FAT  42;  A  56; 

NML55. 
Bittner,  Maximilian,  Dr.  phil.,  o.  Professor 
der  orient alischen  Sprachen  a.  d.  Univer- 
sitat Wien,  o.  Mitglied  der  AdW  Wien; 

*  Wien  1  2.  IV.  1869;  f  Modling  bei  Wien 
7.  IV.  — DGK;  LZ  349;  PM  64,  130;  AA. 

Blaschnik,  Arthur,  Landschaftsmaler,  Ehr.- 
Mitglied  d.  Schlesischen  Gesellschaft  fiir 
vaterlandische  Kultur ;  *  Strehlen  8.  XII. 
1823;    f    Berlin   ro.  X.  —  W.:  Ansicht 


682 


Totenliste  19 18:  Blecher — Braunbehrens 


des  Forums  (1865).  —  Jahrb.  d.  Schles. 
Ges.  96  (19 1 8),  6 — 13  (R.  Foerster); 
Schles.  Ztg.  1919,  Nr.  151,  158  u.  160; 
TB  IV,  102  (W). 

Blecher,  Hermann,  Ingenieur  u.  Fabrikbes. 
i.  Fa.  Rittershaus  und  Blecher,  Ma- 
schinenfabrik  und  EisengieBerei  »Auer- 
hiitte«  zu  Unterbarmen,  verdient  um 
(  den  deutschen  Dampfmasch.-Bau,  1889 
bis  1890  Erster  Vorsitz.  d.  VDI,  Ehren- 
mitglied  des  Bergischen  Bez.-Vereins  d. 
VDI;  *  Barmen  8.  II.  1841;  j  Barmen 
20.  XI.  —  VDI  63,  277  f .  (P) ;  Genealog. 
Handb.  biirgerl.  Familien  (Deutsches  Ge- 
schlechterbuch)  35.  Bd.  (=  Bergisches 
Geschlechterbuch  II.  Bd.)  1922,  S.  22 
m.  P. 

Bdcking,  Rudolf,  Geh.  Kommerzienrat, 
Griinder  u.  Chef  der  Huttenwerke  Rudolf 
Bocking  &  Co.  in  Brebaeh,  AusschuC- 
mitglied  des  Zentralverb.  Deutscher  In- 
dustrieller;  *  Asbacherhiitte  18.  IV.  1843; 
f  Brebaeh  (Halbergerhiitte)  15.  I.  — 
JSTG  1919.  152  f.;  WI7  147;  StE  38,  84. 

Bodenhausen-Degener,  Eberhard  Freih.  v., 
Dr.  jur.,  Industrieller,  ehem.  Abteilungs- 
direktor,  dann  Mitglied  des  Aufsichtsrats 
der  Firma  Krupp,  Kunsthistoriker  und 
Schriftsteller;  *  Wiesbaden  12.  VI.  1868; 
f  Meineweh  b.  Weiflenfeld  7.  V.  —  FZ 
11.  V.  (2.  M.-Bl.),  15.  V.  (1.  M.-Bl.), 
(Schwabacher) ;  JSTG  20  (1919),  150  bis 
152;  Kchr,  NF  29.  31.  Sp.  336;  StE  38. 
505 — 507;  FrhT  1918. 

B6hmert,  Viktor,  Dr.,  Geh.  Rat,  em.  Pro- 
fessor a.  d.  Technischen  Hochschule 
Dresden  (1895 — 19°3)  u-  O875 — 1885) 
Direktor  des  Sachsischen  Statistischen 
Landesamtes,  Sozialpolitiker ;  •  Quesitz 
23.  VIII.  1829;  f  Dresden  12.  II.  —  W.: 
Beitrage  zur  Geschichte  des  Zunf twesens 
( 1 86 1 ) ;  Handelshochschulen  (*  1897); 
Deutschland  am  Scheidewege  seiner 
Wirtschaftspolitik  (2  Bde.,  1901/02); 
Ruckblicke  und  Ausblicke  eines  Sieb- 
zigers  (1899);  Lebenserinnerungen  eines 
Achtzigers  (1909).  —  Herausgeber  des 
»Arbeiterfreund«  (1873 — J9X4)  u-  ^es 
»Volkswohl«  (1877 — 1914).  —  FZ  13.  II. 
(A.-Bl.);  PM  64,  82;  IZ  3896  (P),  (Doen- 
ges) ;  SozMH  428 ;  LZ  1 77 ;  Aus  der  dtsch. 
Tagespresse  1918,  7;  ZB  42  [Bausteine  50, 
64  (Schurer);  Zeitschr.  fiir  Armenwesen 
19,  1  (Schlosser);  Concordia  25,  57 
(P.  Schmidt)];  ZB  43  [Ecce  MeiBen  23, 
32;  Volksbildung  48,  42];  Hdwtb.  der 
Staatswiss.  *  (1923),  (W) ;  M7  II,  602  f.; 
KLi7(W). 

Boeke,  Hendrik  Enno,  Dr.  phil.,  o.  Professor 
der  Mineralogie  a.  d.  Universitat  Frank- 


furt; *  Wormerveer  (Holland)  12.  IX. 
1881;  f  Frankfurt  a.  M.  6.  XII.  —  W.: 
Grundlagen  der  physikal.-chemischen 
Petrographie  (1915)-  —  FZ  10.  XII. 
(A.-Bl.);  DGK;  SozMH  48;  KL  17  (W). 

Boelitz,  Martin,  Lyriker;  *  Wesel  10.  V. 
1874;  f  Niirnberg  5.  XII.  —  W.:  Aus 
Traum  und  Leben  (Ged.,  *  1902);  Frohe 
Ernte  (Ged.,  1905) ;  Ausgew.  Ged.  (1908) ; 
London.  Soziale  Gedichte  (8  1902);  100 
Ged.  (1922);  Hrsg.  von  lyrischen  Antho- 
logien. —  DGK;  LE  21,  507;  M7  II,  619; 
KL  17  (W);  BR6  I,  289  (W). 

Borne,  Georg  v.  d.,  Dr.  phil.,  Professor,  Let- 
ter der  Erdbebenwarte  Krietern,  Privat- 
dozent  an  der  Universitat  und  Dozent 
a.  d.  Technischen  Hochschule  Breslau; 

*  Werneuchen  (Neumark)  28.  V.  1867; 
f  Breslau  7.  XI.  —  PM  65,  24;  Jahrb.  d. 
Schles.  Ges.  f.  vaterl.  Kultur  96,  13 — 15 
(Milch);  PF  V,  1320  (W). 

Boettlcher,  Georg  [Pseudonym:  v.  Verse- 
witz],  sachsischer  Dialektdichter ;  •  Jena 
20.  V.  1849;  f  Leipzig  15. 1.  —  W.:  Allo- 
tria  (Ged.,  1893);  Lyr.  Tageb.  d.  Leutn. 
v.  Versewitz  (3  Bde.,  1901 — 1905).  — 
LpZ  14.  I.;  LZ  88;  FZ  18.  I.  (A.-Bl.); 
LE20,  688;  WI7i55  (W),8  1769;  KL  17 
(W);BR«I,  314  (W). 

Braun,  Ferdinand,  Dr.  phil.,  o.  Professor  d . 
Physik  u.  Direktor  des  physikal.  Instituts 
an  der  Universitat  StraBburg,  Nobel- 
preistrager,  Forderer  der  drahtlosen  Tele- 
graphie,  Erfinder  d.  »Braunschen  Rohret; 

•  Fulda  6.  VI.  1850;  f  Neuyork  20.  IV. 
[als  Kriegsinternierter] .  —  W. :  Drahtlose 
Telegraphic  (1901).  —  B.  fuhrte  den  ge- 
schlossenen  Schwingungskreis  ein.  —  FZ 
6.  V.  (A.-Bl.),  12.  V.  (2.  M.-Bl.),  14.  V. 
(1.  M.-BL),  (Deguisne);  LZ  408  u.  429; 
SozMH  628  u.  1919,  48;  WI7  183  (W); 
ZB  42  [Hessenland  32,  98];  ZB  43 
[Elektrotech.  Zschr.  39,  269  (Franke) ; 
Jahrb.  d.  drahtlos.  Telegr.  13,  98 — 108 
(Graf  Arco);  Physik.  Zschr.  19,  537]; 
M7II,  801;  PF  V,  159  (W). 

#  Braun,  Otto,  Sohn  von  Heinrich  und  Lily 
Braun,  Leutnant;  •  Berlin  27.  I.  1897; 
gef.  Marcelcave  29.  IV.  —  W.:  Aus  dem 
Tagebuch  eines  Friihvollendeten,  hrsg.  v. 
Julie  Vogelstein  (1920).  —  LZ  408;  KW, 
33  II,  S.  107—  in  (Fischer);  SuddMH 
Okt.  1920,  S.  32—39  (Hofmiller);  M7  II. 
802 ;  Die  Unvergessenen  (1928),  S.  29 — 36 
(Jiinger)  (P). 

Braunbehrens,  Otto  v.,  Dr.  jur.  h.  c.  (Ber- 
lin), Wirkl.  Geh.  Rat,  Exzellenz,  Unter- 
staatssekretar  im  preuBischen  Ministe- 
rium  des  Innern  a.  D.,  Vorsitzender  der 
Berliner  Hypotliekenbank  A.-G.;  •  Bern- 


Totenliste  19 18:  Brawe — Cohen 


683 


burg  27.  I.  1833;  f  Berlin  10.  II.  — 
W. :  Die  neuen  preuBischen  Verwaltungs- 
gesetze  (6  Bde.,  1884— 1889).  —  DGK; 
WI7  185,  8  1769;  AT  1927. 

Brawe,  v.,  s.  Dincklage-Campe. 

#Breuer,  Hans,  Dr.  tncd.,  praktischer  Arzt, 
Oberarzt  u.  Bataillonsarzt  im  Sachsischen 
Ersatz-Inf  .-Regt.  32,  Fiihrer  der  Wander- 
vogelbewegung,  Herausgeber  des  »Zupf- 
geigenhansU  (Liederbuch  der  deutschen 
Jugendbewegung;  iiber  eine  Million  Auf- 
lage!),  *  Grobers  b.  Halle  30.  IV.  1883, 
f  Merles  vor  Verdun  20.  IV.  —  Die  Un- 
vergessenen  (1928),   S.  t>7 — -42  (Techow) 

(p>- 

Broizem,  Georg  Hermann  v.,  General  der 
Kavallerie  a.  D.,  stellv.  Komm.  Gen.  des 
XII.  A.-Korpsin  Dresden;  *  Leipzig  5.X. 
1850;  f  Dresden  11.  III.  —  LpZ  n.  III.; 
IZ  3900  (P);  WI7  200,  8  1770;  M7II, 
907. 

Bronsart  ?.  Schellendorf,  Fritz,  Schriftstel- 
ler;  *  Hannover  12.  XI.  1868;  f  Berlin 
24.  XII.  —  W. :  Novellen  aus  der  afrika- 
nischen  Tierwelt  (4  Bde  .,191 2 —  1 9 1 6) .  - — 
PM  65,  24;  UAT  1924;  M7II,  915. 

§1  Buddecke,  Hans  Joachim,  Hauptmann  u. 
Kampfflieger,  Ritter  des  Ordens  Pour  le 
mirite;  *  Berlin  20.  VIII.  1890;  gef.  bei 
Lille  10.  III.  —  LpZ  10.  III.;  MMW  102, 
1 1 7 — 118;  Grabinschrif t  im  In  validen- 
friedhof,  Berlin. 

Bunz,  Karl,  Dr.,  Generalvertreter  der  Ham- 
burg-Arnerika-Linie  in  Neuyork,  Forde- 
rer  deutscher  Interessen  in  Amerika; 
*  Marne  (Holstein)  25.  VII.  1843;  t  Ge- 
fangnisspital  Atlanta  (als  Zivilgefange- 
ner)  15.  IX.— DGK;  E  ii43f.;FZ  i.X. 
(2.M.-B1.). 

Bnrckhard,  Hugo  Ritter  v.,  Dr.  jur.,  Geh. 
Rat,  o.  Professor  des  romischen  u.  deut- 
schen biirgerlichen  Rechts;  *  Weida 
30.  X.  1838;  |  Wurzburg  29.  I.  —  W.: 
Stellung  der  Schenkung  im  Rechtssystem 
(1891).—  LpZ  31.  I.,  LZ  133;  WI7  224, 
(W)8i77o;  vSozMH265;FZ3i.I.(A.-Bl.); 
KLi7(W). 

BOrstenbinder,  Elise  [Pseudonym :  E.  Wer- 
ner], Schrif tstellerin ;  *  Berlin  25.  XI. 
1838 ;  f  Meran  9.  VIII.  —  W. :  Am  Altar 
(6  1891);  Gliick  auf!  (&  1891);  Gesprengte 
Fesseln  (4  1891);  Vineta  (4  1891).  —  LZ 
842;  WI7  220  (W),8  1770;  KL  1922,  S.7; 
M7II,  1 134;  KL  17  (W);  BR«  I.  392  f. 
(W);  PY  I,  114;  DZL  210  f. 

Bussche-Streithorst,  Hilmar  Freiherr  v.  d., 
Oberhofmarschall  des  Konigs  von  Sach- 
sen,  Exzellenz,  Major  z.  D.;  *  Hannover 
<>.  VIII.  1851;  |  Dresden  20.  X.  — DGK; 
WI7  232,  8  1770;  FT  1918. 


Busse,  Carl,  Dr.  phil.,  Lyriker  u.  Novellist, 
Literarhistoriker ;  *  Lindens  tadt-Birn- 
baum  (Posen)  12.  XI.  1872;  f  Berlin 
3.  XII.  —  W.:  Gedichte  (1892,  7  1909); 
Neue  Gedichte  (1895,  4  1909) '.  Die  Schuler 
von  Polajewo  (Nov.  1901,  4  191 2) ;  Gesch. 
derdtsch.  Dichtungim  19.  Jahrh.  (1900) ; 
Gesch.  der  Weltlit.,  2  Bde.  (1909 — 1912) ; 
Heilige  Not  (Ged.,  1910,  *  1911).  — -  FZ 
13.  XII.  (A.-Bl.),  (Benzmann);  IZ  3938 
(P);  LZ  976;  WI7  233  (W),  8  1770;  LE 
21,  443  u.  485.  [Tagl.  Rundschau  620]; 
ZB  42  [PreuB.  Jahrb.  Bd.  172,  122 
(Drews)];  M7II,  114s  (W) ;  KL  17  (W) ; 
BR  •  I,  396. 

*Buz,  Heinrich  Ritter  v.,  Geh.  Kommer- 
zienrat,  Direktor  der  Maschinenfabrik 
Augsburg-N  urn  berg;  *  Eichstatt  17.  IX. 
1833;  f  Augsburg  8.  I.  —  VDI  62,  34, 
S.  561  f.  (P);DGK;  WI8;  MdT35  [Beitr. 
zur  Gesch.  d.  Technik  5,  244];  DBJ  225/ 
230  (Lossow). 

Campe,  s.  Dincklage-Campe. 

Cantor,  Georg,  Dr.  phil.,  Geh.  Reg.-Rat, 
o.  Professor  der  Mathematik  a.  d.  Uni- 
versitat  Halle,  Begrunder  der  Mengen- 
lehre;  *  St.  Petersburg  3.  III.  1845; 
f  Halle  6.  I.  —  W. :  Grundlagen  einer  all- 
gemeinen  Mannigfaltigkeitslehre   (1883). 

—  LpZ  9.  I-;  FZ  8.  I.  (A.-Bl.);  IZ  3891 
(Gutzmer),  (P) ;  LZ  65;  SozMH  359; 
HPSt  1918;  L  54.  S.  10 — 13  (Wangerin), 
(P)u.32(W);ZB42;M7II,  1244;  KL17; 
PF  V,  200  ( W) ;  Mitteldeutsche  Lebens- 
bilder  III,  S.  548—563  (Schoenflies)  (P). 

Cauer,  Hugo,  Professor,  Bildhauer ;  *  Kreuz- 
nach  5.x.  1864;  f  BadKreuznach3i.  VII. 

—  W.:  Hutten-Sickingen-Denkmal  auf 
der  Ebernburg  bei  Kreuznach  (mit  seinen 
Briidern  Ludwig  und  Emil  C.) ;  Bismarck- 
Denkmal  (Kreuznach,  Rummelsburg) .  — 
LpZ  2.  VIII.;  SozMH  921 ;  DGK;  IZ  3920 
(Delphy);  M  7  II,  13 19;  MS  VI,  491  TB 
VI,  199  [DreOlers  Kunstjahrbuch  19 10, 
S.  43;  Kat.  des  Museums  in  Erfurt  1909, 
Nr.  190]. 

Chiari,  Ottokar  v.,  Dr.  med.,  Hofrat,  o.  Pro- 
fessor der  Laryngologie  u.  Direktor  der 
Universitatsklinik  fur  Kehlkopf-  und 
Nasenkrankheiten  a.  d.  Universitat  Wien, 
President  der  Laryngologischen  Gesell- 
schaft;  *  Prag  1.  II.  1853;  f  Wien  12.  V. 

—  W. :  Die  Krankheit  des  Kehlkopf s  und 
der  Luftrohre  (190s)-  —  FZ  16.  V. 
(A.-Bl.) ;  LZ  429;  SozMH  1 166;  MMW  65. 
606;  ZB  42  [Archiv  fur  Laryngol.  und 
Rhinol.  31,  649;  WKW  31,  577  (Hofer)]; 
ZB  43  [Internat.  Zentralbl.  fiir  Laryngol. 
34,  151 — 160  (Hanszel)];  PBL  322;  AA. 

*  Cohen,  Hermann,  Dr.  phil.,  Geh.  Reg-Rat, 


684 


Totenliste  1918:  Cohn — Dauthendey 


ot  Professor  der  Philosophic  an  der  Uni- 
versity t  Marburg  (bis  191 3),  seitdem  an 
der  Lehranstalt  fur  die  Wissenschaft  des 
Judentums  (Berlin),  Begriinder  der  iMar- 
bnrger  Schulet,  Neukantianer ;  •  Koswig 
(Anhalt)  4.  VII.  1842;  f  Berlin  4.  IV.  — 
W.:  Kants  Theorie  der  Brfahrung  (1871, 
.  4i924);  Kants  Begr.  der  Ethik  (1877); 
System  der  Philosophic  (3  Teile,  1 902  bis 
1904,  *—  4i923) ;  Die  Bedeutung  desjuden- 
tums  fiir  den  religiosen  Fortschritt  der 
Menschheit  (1910).  —  LZ  308;  WI 7  262. 
8  1770;  IZ  1903  (P) ;  SozMH  359  u.  640  f . 
(Kiihnert),  LE  20,  1008;  Grofle  jiidische 
Nationalbiographie  I,  565 — 567[MKL2i ; 
AUg.  Zeit.  d.  Indent.  1918,  169  (Geiger)  u. 
222  (Steinthal);  OuW  1912];  ZB  42  [KC- 
Blatter  1085  (Kellermann) ;  Ethische 
Kultur  41  (Koester);  Monatsh.  f.  Kunst- 
wiss.  347 — 352  (Cassirer);  Neue  jiidische 
Monatsh.  II,  358 — 385  (Klatzkin  u.  a), 
(W);  Protestantenbl.  213  (Schlemmer)] ; 
ZB  43  [Auf  Vorposten  6,  36 — 44 ;  Volker- 
friede  80  (Koester);  Monatsbl.  d.  Com- 
menius- Ges.  27,  52 — 61  (Schlemmer); 
Monatsschr.  f.  Gesch.  u.  Wiss.  d.  Juden- 
tums 62,  1 — 4  (Lewkowitz)];  Jacob 
Klatzkin,  H.  C. »  (1921) ;  Walther  Kinkel, 
H.  C,  eine  Einfuhrung  in  sein  Werk  (m. 
Bibl.  d.  W)  (1924) ;  Lindheimer,  H.  C.  (in : 
BernerStudien  zur  Philos.  u.  ihrer  Gesch. ; 
1900);  Der  Jude,  1918,  H.  1  (Klatzkin); 
Osterr.Morgenzeitung  20.  VIII,  1924  (Bei- 
lage),  (Bernhard) ;  M7  II,  1665 ;  KL17  (W) ; 
R.  A.  Fritzsche:  H.  Caus  personl.  Er- 
innerung  (1922);  Judaica,  Festschrift  zu 
H.  Cs.  70.  Geb  -Tage  (1922);  P.  Natorp: 
H.  C.  als  Mensch,  Lehrer  und  Forscher 
(1918);  ders.,  H.  Cs.  philos.  Leistung 
(1918);  L.  Stein,  Die  Juden  in  der  neuen 
Philosophic  unter  bes.  Ber.  H.  Cs.  (1919); 
DBJ  230/237  (Kinkel  m.Wu.L). 

Cohn,  Georg,  Dr.  jur.,  Professor  des  deut- 
schen  Privat-  u.  Handelsrechts,  der  dtsch. 
u.  schweiz.  Rechtsgeschichte  a.  d.  Uni- 
versitat  Zurich,  Mitbegr.  u.  (bis  1877) 
Mitherausg.  der  Zschr.  fiir  vergleich. 
Rechtswissenschaf t ;  *  Breslau  19.  IX. 
1845;  t  Zurich  17.  II.  —  W.:  Das  neue 
burgerliche  Recht  in  Spriichen  (4  Bde., 
1896  ff.,  I*  1899).  —  FZ  19.  II.  (A.-Bl.); 
LZ  221 ;  Grofle  jiidische  Nationalbiogr.  I, 
579;  KX  17  (W);  AA. 

Cohn,  Gustav,  Dr.  phil.,  o.  Professor  der 
Staatswissenschaften  u.  Direktor  des 
staatswissensch.  Seminars  an  der  Univer- 
sitat  Gottingen;  *  Marienwerder  12.  XII. 
1840;  f  Gottingen  20.  IX.  —  W.:  System 
der  Nationalokonomie  (1885 — 1898).  — 
DGK;  WI726i;  M  7  II,   1666. 


Cranaeh,  Wilhelm  Lucas  v.,  Professor,  Maler 
u.  Kunstgewerbler;  •  Stargard  i.  P. 
27.  IX.  1861;  f  Berlin  31.  III.  —  W.: 
Portrats  von  Li  Hung  Chang,  von  Lie- 
bert,  von  Tirpitz.  —  FZ  2.  IV.  (M.-Bl.) ; 
SozMH  566;  WI  7  273;  Werke  mod.Gold- 
schmiedekunst  von  W.  L.  v.  C.  (eingel. 
von  W.  v.  Bode);  MS  VI,  58;  TB  VIII, 
58  f.  [Kunst  u.  Kunsthandw.  VI  (1903) 
54;  Kleines  Journal  (Berlin)  4.  III.  1898]. 

•Crusius,  Otto,  Dr.  phil..  Dr.  h.  c.  (Dublin 
u.  Athen),  Geh.  Hofrat,  o.  Professor  der 
klassischen  Philologie  a.  d.  Universitat 
Miinchen,  o.  Mitglied  u.  President  der 
AdW  Miinchen,  Mitglied  des  bayrischen 
Obersten  Schulrats,  korr.  Mitglied  der 
AdW  Wien,  Hrsg.  des  »Philologus«; 
*  Hannover  20.  XII.  1857;  f  Miinchen 
29.  XII.  —  W.:  Beitr.  zur  griech.  Re- 
ligionsgesch.  (1886);  ErwinRohde,  Biogr. 
(1902);  Hrsg.:  Die  Mimen  der  Herondas 
(4I904);  Anthologia  lyrica  (1897  ff.).  — 
FZ  30.  XII.  (A.-Bl.);  WI7276f.  (W), 
8  1771;  JAW  40,  1 — 57  (Preisendanz) ; 
Jahrbuch  AdW  Miinchen  191 9,  8 — 16 
(Rehm)  und  128  (W) ;  Almanach  AdW 
Wien  1919,  205  ff.  (W)  u.  231 — 236  (Ra- 
dermacher);  Berichte  AdW  Wien,  phil.- 
hist.  Kl.  19 19,  47 — 52  (Radermacher) ; 
Korrespondenzbl.  d.  hoh.  Schulen  Wiirt- 
temb.  XXV  (1918),  186  ff.  (W.  Schmid); 
WN  65 — 70  (Nestle) ;  —  Progr.  der  Tho- 
masschule  Leipzig  1884/85  (Autobiogr. 
Skizze);  W.  Zils,  Geistiges  u.  kiinstl. 
Miinchen  in  Selbstbiogr.  (1913),  S.  50  ff.; 
Alfred  Grafs  Schiilerjahre  (1912),  S.  65  ff. 
—  [Pyramide  (Karlsruher  Tagebl.)  191 9, 
Nr.  2  (Preisendanz)];  ZB  43  [Das  Bayer- 
land  30,  176].  KW  32  II,  53  f.  (Schu- 
mann); M7III,  108;  KL  17  (W);  DBJ 
237/243  (Pfeiffer). 

Dam  US,  Rudolf,  Stadtschulrat  in  Danzig, 
Vorsitzender  des  Westpreuflischen  Ge- 
schichtsvereins ;  *  Elbing  6.  I.  1849; 
f  Danzig  25.  III.  —  W.:  Die  Slawen- 
chronik  Arnolds  von  Liibeck ;  Festschrift 
zur  ioojahrigen  Gedenkfeier  der  Vereini- 
gung  Danzigs  mit  dem  Konigreich  Preu- 
flen.  —  Mittln.  des  Westpreufl.  Gesch. - 
Vereins  17  (19 18),  34 — 41  (Giinther) ; 
ZB  42. 

Dauthendey,  Maximilian,  Dichter;  *  Wiirz- 
burg  25.  VII.  1867;  f  Malang  Tosari 
(auf  Java)  4.  IX.  —  W.:  Ges.  Werke 
(6  Bde.,  1925);  Reliquien  (Gedichte, 
1899);  Lieder  der  Ian  gen  Nachte  (1908); 
Asiat.  Novellen  (1909);  Die  Spielereien 
einer  Kaiserin  (Drama,  1910);  Gedan- 
kengut  aus  meinen  Wanderjahren  (Erz., 
2  Bde.,   1913);  Des  groflen  Krieges  Not 


Totejiliste  19 18:  Dehmel — Eichhorn 


685 


(Ged.,  191 5);  Geschichten  aus  den  vier 
Winden  (1915)-  —  FZ  12.,  14.,  18.  IX. 
(Benzmann) ;  HFB1,  Wochenausg.  (191 8), 
210,  229;  LpZ  12.  IX.;  IZ  3927  (P);  LZ 
1918,  761;  SozMH  1918,  1032 — 1033 
(Hochdorf);  KW  32  I,  22—23  (Schu- 
mann); H  17,  5,  S.  615  (Herwig);  Der 
Schatzgraber  5,  8,  S.  7 — 11  (Frobenius); 
Roland  23,  26,  S.  31 — 33  (Blei),  (P);  Der 
kleine  Bund  VI,  39  (27.  IX.  1925),  Seite 
308  f.;  Alpenland.  Monatsh.  1926,  5, 
S.  293  f .  (Papesch) ;  Frankische  Heimat  6 
(1927),  3,  S.  65—67  (Schoeller),  (P);  Die 
literarische  Welt  3  (1927),  29  (Seidel,  (P) ; 
ZB  42  [Geogr.  Awz  1918,  317 — 322 
(Ebner)] ;  ZB  43  [Das  Bayerland  30,  65 ; 
Berichte  des  Akadem.  Vereins  Gabels- 
berger  19 19,  258  (Riefl) ;  PreuBische  Jahr- 
bucher,  Nov.  1918,  263 — 270  (Drews); 
Neue  Rundschau  1918,  1488  (Loecke)]; 
Lebenslaufe  aus  Franken  III,  53 — 68 
(Gebhardt);  KL  17  (W);  LE  21,  100 
[Heidelb.  Ztg.  214;  Berl.  Bors.-Cour.  429; 
Berl.  Neuest.  Nachr.  466;  Neues  Wiener 
Journal  8931],  23,  579 — 585  (W.  Fischer: 
Der  letzte  GruB  an  die  Heimat) ;  M  7  III, 
325 ;  KL  1 7  (W) ;  BR  •  I,  464;  KZ,  Woch.- 
Ausg.  1927,  Nr.  32  (Elster);  Deutscher 
Journalistenspiegel  3,  21,  S.  648  f.  (Rost). 
Dehmel,  Paula,  geb.  Oppenheimer,  Mar- 
chendichterin,  Gattin  Richard  Dehmels; 

•  Berlin  3 1 .  X.  1862 ;  f  Steglitz  9.  VII.  — 
W.:  Fitzebutze  (Kinderbuch);  Rumpel- 
pumpel  (Kinderbuch).  —  LpZ  10.  VII.; 
SozMH  1228  f.;  LE  20,  1393;  (vgl.  DBJ 
5  1 3  ff .  Richard  D.). 

Dincklage-Campe,  Friedrich  Freiherr  v., 
[Pseud.:  Hans  Nagel  v.  Brawe],  General- 
leutnant     z.     D.,     Militarschrif  tsteller ; 

*  Campe  25.  VII.  1839;  f  Berlin  21.  II. 
—  W.:  Falsch  gespielt  (Novelle,  7  1896); 
Deutsche  Reiter  in  Siidwest  (1908).  — 
LpZ  28.  II. ;  IZ  3899  (P) ;  ZB  42  [Nieder- 
sachsen  23,  191  (Schonhoff)] ;  LE  20,  816; 
FT  1918;  KL  17  (W);  BR  •  II,  31  f.  (W). 

Dobernig,  Josef  Wolfgang,  Journalist,  Vor- 
standsmitglied  des  deutschen  National- 
verbandes,  Mitglied  des  osterreichischen 
Reichsrates,  President  der  osterreich.  De- 
legation, Fiihrer  der  deutschen  alpenlan- 
dischen  Abgeordneten,  Karntner  Land- 
tagsabgeordneter ;  *  10.  IX.  1862; 
tKlagenfurt23.  VII.— DGK;  WI7322, 
8  1 771;    ZB  43    [Deutschland  IX,   466]; 

KL  17- 
Dore,  Adele,  vereh.  Milan,  Schauspielerin, 
Heroine  am  Deutschen  Schauspielhaus  in 
Hamburg;  •  Wien  9.  IV.  1869;  f  Berlin 
Febr.  —  HambFBl,  Wochenausg.  179,7; 
vSozMH  314  f. 


Doutrelepont,  Josef,  Dr.  med.,  Geh.  Med.- 
Rat,  em.  o.  Hon. -Professor  der  Dermato- 
logie  an  der  Universitat  Bonn;  *  Mal- 
medy  3.  VI.  1834;  f  Bonn  a.  Rh.  1.  V. — 
W.:  Beitr.  zur  Lehre  v.  d.  Hautkrank- 
heiten.  —  FZ  3.  V.  (2.  M.-Bl.) ;  MMW  322 ; 
LZ  386;  DGK;  SozMH  1166;  ZB  42 
[Dermatol.  Wschr.  66,  404  (Fabry) ;  Der- 
matol. Zschr.  25,  397]  ;KL  17;  PBL415  i. 
(W).(P). 

Dralle,  Robert,  Ingenieur  u.  Dichter,  Be- 
griinder  zahlreicher  Glasf abriken ;  *  Al- 
feld  a.  Leine  10.  IV.  1851;  |  Hameln 
15.  IX.  —  W.:  Aus  der  Wandermappe 
eines  Ingenieurs;  Zwischen  Weser  und 
Leine;  Die  Glasf abrikation  (*  1926).  — 
MdT  59  f.;  LE  21,  316. 

Drueki-Lubecki,  Xaver  Fiirst,  Dr.  jur.,  Mit- 
glied des  preuBischen  Herrenhauses; 
*  Czerlona  16.  IV.  i860;  f  Dlonic  (Kreis 
Rawitsch)  16.  X.  —  DGK;  GH  1914. 

Ecclus,  Max,  Wirkl.  Geh.  Rat,  Exzellenz, 
Oberlandesgerichtsprasident  von  Kassel 
1887 — 19°5»  Prasident  der  Justizprii- 
f ungskommission ;  *  Frankfurt  a.  O.  21. 
III.  1835;  f  Berlin  20.  IV.  —  W.:  Be- 
arbeiter  der  neueren  Auflagen  von 
Forsters    PreuB.     Privatrecht    (4   Bde., 

7  1896),  1892 — 19 14  Mitherausg.  der  Bei- 
trage  zur  Erlauterung  des  deutschen 
Rechts.  —  FZ  22.  IV.  (M.-BL);  LZ  368; 
DGK;  SozMH  811;  HPSt  1918;  M  7  HI. 
n63f. 

Edlnger,  Ludwig,  Dr.  med.,  Geh.  Med  .-Rat, 
o.  Professor  der  Nervenheilkunde  u.  Di- 
rektor  des  Neurologischen  Instituts  a.  d . 
Universitat  Frankfurt  a.  M.;  *  Worms 
13.  IV.  1855;  f  Frankfurt  a.  M.  25.  I. — 
W. :  Vorlesungen  uber  den  Bau  der  ner- 
vosen  Zentralorgane  des  Menschen  u.  der 
Tiere  (1 8  191 1,  II 1908) ;  Einf .  in  den  Bau 
u.  die  Verrichtungen  des  Nervensystems 
(»  1921).  —  FZ  26.  I.  (A.-Bl.),  27.  I. 
(2.  M.-Bl.).  29.I.  (1.  M.-Bl.),  (Goldstein); 
MMW  65,  172  u.  272 — 275  (Dreyfus),  (P); 
SozMH 63 1  u.i  101  (Kraft),  (W) ;  WI7  358, 

8  1772;  L  54,  62;  LZ  133;  ZB  42  [Archiv 
fur  Ohren-,  Nasen-  u.  Kehlkopfheilkunde 
7,  102  (Hirsch);  AZdJudentums  173 
(Goldstein) ;  DMW  44,  302  (Oppenheim)] ; 
ZB  43  [Zschr.  f.  d.  ges.  Neurol,  u.  Psych. 
44,114 — 158  (Goldstein)].  M7IIIt  1199; 
KL  17  (W);  PBL443f- (P),  (W). 

Edn&rd,  Herzog  von  Anhalt,  Generalmajor 
&  la  suite  der  Armee;  *  Dessau  18.  IV. 
1 861;  f  Berchtesgaden  13.  IX.  —  LpZ 
13.  IX.;  FZ  13.  IX.  (A.-Bl.);  ERL;  GH 
1920;  M7  III,  1204. 

*  #  Eichhorn,  Hermann  v.,  Generalfeldmar- 
schall,   Exzellenz,  a  la  suite  des  Leib- 


686 


Totenliste  1918:  Eisner — Fischer[-Gurig] 


Gren.-Regts.  Nr.  8,  19 12 — 191 4  General- 
inspekteur  der  8.  Armeeinspektion,  191 5 
bis  5.  Marz  191 8  Oberbefehlshaber   der 

10.  Armee,  seit  10.  Juli  1916  zugleich 
Fiihrer  einer  Heeresgruppe ;  *  Breslau 
13.  II.  1848;  t  Kiew  30.  VII.  (ermordet). 

—  FZ  31.  VII.  (A.-BL),  5.  u.  6.  VIII. 
(M.-Bl.);  ERL;  MWB1  103,  16—20;  IZ 
3919  (P),  (v.  Schreibershofen) ;  WI7  366, 
8  1772;  Grabinschrift,  Invalidenfriedhof 
(Berlin);  M7III,  1259;  Die  Unvergesse- 
nen  (1928),  S.  54 — 61  (Limpach)  [Zeitung 
der  10.  Armee,  Nr.  492  (Bley);  Hell,  Das 
2.  Garde-Regiment  z.  F..  Nr.  2  (1925); 
Jahrb.  des  Hist  or.  Ver.  Alt-Wertheim 
1 9 18  (Sittmann)];  DBJ  244/250  (Strutz). 

Eisner,  Heinrich,  Kommerzienrat,  Senior- 
chef  der  Firma  Albert  Hahn,  Rohrenwalz- 
werk,  Vors.  d.  Aufsichtsrats  der  Firma 
Hahnsche  Werke  A.-G.  —  *  Berlin  30. IX. 
1850;   j  Berlin  12.  VIII.  —  StE  38.  1052 

(P). 
Elsenhans,  Theodor,  Dr.  phil.,  Geh.  Hofrat, 

o.  Professor  der  Philosophic  a.  d.  Tech- 

nischen  Hochschule  in  Dresden,  19 16/17 

Rektor  der  Hochschule ;  *  Stuttgart  7.  III. 

1862 ;  f  Dresden  23. 1.  —  W. :  Psychologie 

u.  Logik  (6  1914);  Fries  u.  Kant  (2  Bde., 

1906) ;  Lehrbuch  der  Psychologie  (*  1920) ; 

Charakterbildung  (8  1920).  —  LpZ  24.  I.; 

LZ   108;  WN  6 — 14  (Paul  Elsenhans); 

WI»375;KL  17  (W). 

Ende,  s.  Am  Ende. 

Engelhardt,  Hermann,  Dr.  phil.,  Hofrat, 
Professor,  em.  Oberlehrer  der  Dreikonigs- 
schule    in    Dresden,    Phytopalaontolog; 

•  Oberlehndorf  b.  Zwickau  10.  III.  1839; 
t  Dresden  24.  I.  —  W.:  Zahlreiche  Ar- 
beiten  iiber  die  Tertiarflora.  —  L  5 5,  S.  64 
bis  68,  70 — 72  u.  77 — 80  (Deichmuller), 
(W);  WI738o  (W),  8  1772. 

#Engelke,  Gerrit,  Dichter;  *  Hannover 
31.  X.  1882;  gef.  bei  Cambrai  13.  X.  — 
W.:  Brief e  der  Liebe  (1926);  Rhythmus 
des  neuen  Europa  (1921);  Gesang  der 
Welt  (Gedichte,  Tagebuchblatter)  (1927). 

—  cf.  LZ  1926,  143;  Deutsche  Republik, 
Jahrg.   2,  6,  S.   181 — 183  (Orchilewski). 

Essig,  Hermann,  dramatischer  Dichter, 
zweimaliger   Trager  des   Kleist-Preises; 

*  Truchtelfingen  28.  VIII.  1878;  f  Berlin 
20.  VI.  —  W. :  Der  Held  vom  Wald  (Sen., 
191 2);  Die  Weiber  von  Weinsberg  (Lust- 
spiel,  1909)  u.  a.  [13  Dramen  u.  4  nachgel. 
Werke].  —  FZ  22.  VI.  (A.-Bl.);  LE  20, 
1300,  1328  u.  1431  [BT  312;  BBZ  289]; 
LZ  529;  WN  42—47  (Kraufl)  (W);  BRf 

11,  165 ;  Von  schwab.  Scholle  191 9,  80  bis 
82  (Selbstbiogr.) ;  Schaubiihne  6,  37 
(Blei);    Heilbronner   Unterhaltungsblatt 


1914,  1  (Maurer) ;  Masken  12,  13  (Franck) ; 
MAZ  1 91 8,  48  (Franck) ;  Schwabenspiegel 
1918,  42  (Franck);  Lese  1917,  52  (Behne), 
(P);  SMH  1918,  1/2  (Behne)  (P);  SozMH 
694  f .  (Nadel)  u.  744  f.  (Anna  Essig) ;  ZB 

42  [Das  dtsch.  Drama  1,  148  (Franck); 
Die  liter.  Gesellsch.  4,  40 — 45  u.  90 — 93 
(Graetzer)];  ZB  43  [Allgem.  Ztg.  1918, 
541  (Franck) ;  Nord  u.  Slid,  August  19 18, 
175 — 185  (Graetzer);  Die  Tat  X,  341  bis 
349  (Behne)];  M  7  IV,  250  f.;  KL  17  (W) ; 
BR6  II,  165. 

FaUot[-Landsman],  Eugen,  [Pseudonym: 
Landsman],  elsassischer  Dialektdichter ; 

♦  Mulhausen  i.  E.  27.  VIII.  1837;  f  Mul- 
hausen  i.  E.  8.  X.  —  W.:  Gesange  der 
Abendstunde  (1898) ;  Ungemalte  Gemald- 
chen  (1906).  —  FZ  10.  X.  (2.  M.-BL); 
DGK;  WI74os;  BR  •  II,  185  (W)- 

Fastlinger,  Max,  Dr.  phil.,  Kanonikus  am 
Hofstift  St.  Cajetan,  erzbischoflicher 
Bibliothekar  u.  Archivar  in  Miinchen. 
bayrischer    Historiker    und    Folklorist; 

*  Miinchen  25.  IX.  1866;  f  Miinchen 
29.  IV.  —  W. :  Karolingische  Pfalzen  in 
Altbayern  (1904).  —  FZ  16.  V.  (A.-BL); 
WI74o6,  8  1772;  ZB  43  [Das  Bayerland 
29,  353  (Riezler)];  KL  17  (W);  AA. 

Feddersen,  Wilhelm,  Dr.  phil.,  Geh.  Hofrat, 
Professor,  Mitglied  d.  Sachs.  Gesellschaft 
d.  Wissenschaften  in  Leipzig,  Ehrenmitgl. 
der  med.-phys.  Soc.  in  Erlangen,  Privat- 
gelehrter,  Elektrizitatsforscher,  stiftete 
1 00  000  Mk.  zur  Hrsg.  von  Poggendorrls 
Lexikon ;  *Schlesw.  26.  III.  1832 ;  f  Leipzig 
2.  VII.  —  W.:  Hrsg.  von  Bd.  Ill  von 
Poggendorffs  Lexikon  zur  Gesch.  der 
exakt.Naturwiss.  —  FZ4.  VII.  (A.-BL); 
LZ573;  SozMH  1025;  WI  7  408,  8  1772; 
ZB  43  [Jahrb.  der  drahtlosen  Telegr.  13, 
345  (Eichhorn);  Physikal.  Zschr.  19,  393 
(Des  Coudres)] ;  PF  V,  358;  Ber.  Verh. 
GdW  Leipzig,  Math.-phy.  Kl.  19 18,  355 
bis  361  (v.  Oettingen);  DZL  349;  BZ44 
[Weltall  19,  44  (Archenhold)]. 

Fischer,  Franz  v.,  kgl.  bayr.  Generalmusik- 
direktor  u.  Hofkapellmeister  (1879  bis 
1 91 2)  i.  R.,  1882 — 1899  wiederholt  Diri- 
gent  des  Parsifal  in  Bayreuth;  •  Miin- 
chen 29.  VII.  1849;  J  Miinchen  8.  VI.  — 
FZ  9.  VI.  (2.  M.-BL);  AMZ  45,  303;  ZB 

43  [NMZ  39,  278 — 280  (Krienitz)  (P)]; 
JP  82  [Signale  444;  Klavierl.  105;  NZfM 
152;  DMZ  183;  DTonkZtg  70];  WI  7  424; 
M7IV,  77^. 

Fischer[-Gurig],  Adolf,  Maler;  *  Obergurig 
b.  Bautzen  2.  VI.  i860;  f  Dresden  23.  V. 
—  W. :  Kurbrandenburgische  Schiffs- 
werft  in  Emden  (Galleria  narionale  in 
Rom);  Blick  auf  Emden  (Dresden,  Ge- 


Totenliste  1918:  Fischhof — Galen 


687 


maldegalerie) .  —  SozMH  920;  DGK; 
Kchr,  NF  29,  33,  S.  356;  WI7428,  MS 
XII,  14  (W),  [DreBlers  Kunstjahrb.  VII 
(1913),  622;  Kchr,  NF  I,  25;  Die  Kunst 
XI,  30;  XVII,  549]. 

Fischhof,  Robert,  Pianist  u.  Tonsetzer,  Pro- 
fessor am  Konservatorium  der  Musik; 
*  Wien  31.  XII.  1856;  f  Wien  2.  IV.  — 
W. :  Der  Bergkonig  (Oper,  1906) .  —  AMZ 
45,  202;  JP  82  [NZfM  91;  Klavierl.  75]; 
ZB  43  [Friede  I,  444  (Charmatz)] ;  A  143 ; 
FAT  105;  R  364. 

*  Fitting,  Hermann,  Dr.  jut.  et  phil.,  Geh. 
Justizrat,  o.  Professor  des  romischen 
Rechts  und  des  Zivilprozesses  an  der  Uni- 
versitat  Halle;  *  Mauchenheim  (Rhein- 
pfalz)  27.  VIII.  1831;!  Halle  a.  S.  3.  XII. 

—  W.:  Der  ReichszivilprozeB  (18i907); 
Das  Reichskonkursrecht  (8  1904).  —  FZ 
6.  XII.  (i.M.-Bl.);  IZ  3938  (P);  SozMH 
1 226 ;  LZ  976;  WI 7  429  (W) ;  M 7 IV,  793 ; 
KL  17  (W);  AA;  DBJ  1922  (Nachtr.). 

Flex,  Rudolf,  Dr.  phil.,  Professor,  Gymna- 
sialoberlehrer  u.  Schriftsteller,  Vater  des 
Dichters  Walter  Flex;  •  Jena  12.  XI. 
1855;  f  Eisenach  22.  VII.  —  W.:  Ele- 
mente  der  lateinischen  Fonnenlehre 
('1903);  Heimat  und  Vaterland  (Ged., 
1910).  —  LZ  62:;;  LE  20,  1452  f.;  KL  17 
(W);  DBJ  63fiM64). 

Flodatto,  s.  Ott,  Adolf. 

Foeke,  Rudolf,  Dr.  phil.,  Geh.  Reg.-Rat, 
Direktor  der  Kaiser-Wilhelm-Bibliothek 
und  Professor  an  der  Kgl.  Bibliothek  in 
Posen;  *  Itzehoe  5.  IV.  1852;  f  Posen 
27.  I.  —  FZ  6.  II.  (A.-Bl.);  LpZ  30.  I.; 
HPSt  1918;  LE  20,  688;  LZ  133;  WI  7 
437  (W).  8  1773;  JB  1920,  178;  KL  17 
(W). 

Frank  [richtig:  FrankI],  Katharina  [Kathi], 
Tragodin  (Burgtheater  Wien,  Frank- 
furt a.  M. ;  Gastspiele) ;  *  Bosing  b.  PreB- 
burg  1 1 .  X.  1852 ;  f  Wien  1 .  I.  —  Haupt- 
rollen:  Iphigenie,  Sappho,  Lady  Macbeth. 

—  LpZ  3.  I.  1918;  SozMH  1918,  173; 
EG  278;  AA. 

Franke,  Johannes,  Dr.  med.,  Geh.  Reg.-Rat, 

Professor,     Direktor    der     Universitats- 

bibliothek  Berlin;  *  Berlin  20.  XII.  1848; 

t  Berlin  25.  III.  —  LZ  308;  LE  20,  1008; 

WI7448  (W);  JB  1920,  178;  KL  17  (W). 
Freymond,  Emil,  Dr.  phil.,  o.  Professor  der 

roman.  Philologie  an  der  deutschen  Uni- 

versitat  in  Prag;  *  Breslau  9.  VII.  1855; 

t  Prag  7.  V.  —  LE  20,   1136;  LZ  429; 

WI7  460  (W);  ZB  43  [Archiv  f.  d.  Stud. 

d.  neuer.  Spr.  u.  Lit.  137,  218  (Jaberg)]; 

KL  17  (W). 
Frledel,  Ernst,  Geh.  Reg.-Rat,  Stadtaltester 

von  Berlin  a.  D.,  markischer  Geschichts- 


und  Heimatforscher,  Griinder  des  Mar- 
kischen  Museums,  der  »Brandenburgia« 
und  des  Vereins  fiir  die  Geschichte  Ber- 
lins;   *    Berlin   23.   VI.    1837;    f    Berlin 

10.  III.  —  W:  Herausg.  der  Landeskunde 
der  Provinz  Brandenburg  (19 16). —  PM 
64,82^265;  WI7  461  f;ZB  42  [Mark, 
ill.  Zschr.  f.  Touristik  14,  19;  Alt-Berlin 
35,  21;  Mbl.  der  Ges.  f.  pomm.  Gesch. 
32;  Zschr.  d.  Ver.  f.  Volkskunde  27,  196]; 
ZB  43  [Brandenburgia  26,  49 — 62;  Nie- 
derlausitzer  Mittlg.  14,  I];  KL  17  (W); 
Festschrift  zur  Feier  des  70,  Geb.-Tages 
von  E.  F.  (1907). 

Friedrich  II.,  Herzog  von  Anhalt,  Kunst- 
freund  u.  Komponist;  *  Dessau  19.  VIII. 
1856;  t  Ballenstedt  21.  IV.  —  FZ  22.  IV. 
(M.-Bl.);  HPSt  1918;  JP  82  [NMZ  39, 
233;  DMZ  134];  GH  1914;  M7  IV,  1195. 

Friese,  Richard,  Professor,  Tier-  und  Jagd- 
maler,  Mitglied  der  Akademie  der  Kunste 
in  Berlin;  *  Gumbinnen  15.  XII.  1854; 
I  Zwischenahn  (Oldenburg)  13.  VIII.  — 
W.:  Lowenpaar,  eine  Karawane  beschlei- 
chend  (1884,  Dresden) ;  Auf  der  Walstatt 
(1890,  Berlin);  Im  Bredszeller  Moor 
(1895,  Konigsberg);  Kampfende  Elche 
(Berlin,  Nationalgal.).  —  DGK;  SozMH 
920;  IZ  3916  (Dobsky)  (P) ;  WI 7  467 
(W);  M7IV,  1219  (W);  MS  I,  482  (W), 
VI,  102;  TB  XII,  485  [Das  geistige 
Deutschland,  1898  (Selbstbiogr.) ;  The 
Art  Journal  1886,  161  ff.]. 

Funck,  Carl  Ludwig,  Dr.  jur.  h.  c,  Kaufm., 
1.  Vorsitzender  des  Zentralausschusses 
der  Fortschrittlichen  Volkspartei,  M.  d. 
PreuB.  Abg.-Hauses;  *  Frankfurt  a.  M. 

11.  VII.  1852;  f  Frankfurt  a.  M.  2 5.  VIII. 
—  FZ  26.  VIII.  (M.-Bl.),  27.  VIII.  (2.  M.- 
Bl.  u.  A.-Bl.),  28.  VIII.  (2.  M.-Bl.) ;  DGK; 
WI  7  48 1 . 

Gaffky,  Georg,  Dr.  med.,  Geh.  Obermedizi- 
nalrat,  Professor,  Direktor  des  Instituts 
fiir  Infektionskrankheiten  (1904 — 191 3) 
a.  D.,  Generalarzt  d.  Res.  a.  D.,  o.  Hono- 
rarprof.  a.  d.  Universitat  Berlin,  Fiihrer 
der  deutschen  Reichspestkommission  in 
Indien  1897,  Entdecker  des  Typhus- 
bazillus;  *  Hannover  17.  II.  1850;  f  Han- 
nover 23 .  IX.  —  LpZ  26.  IX. ;  FZ  27.  IX. 
(A.-Bl.);  MMW  6s,  1118  u.  1191;  L  54, 
83;  LZ  801;  SozMH  361  (Wolff);  ZB  43 
[KorrespBl  d.  arztl.  Ver.  d.  GroBh.  Hes- 
sen  68;  BKW  55,  1062  (Neufeld) ;  DMW 
65,  1 191  (Kossel);  Zschr.  f.  arztl.  Fort- 
bildung  15,614  (Kirchner)] ;  M  7  IV,  1338; 
PBL  577—579  (W),  (P). 

Galen,  Friedrich  Graf  v.,  Erbkammerer  im 
Fiirstentuin  Munster,  Mitglied  des  Reichs- 
tags   (Zentr.)    und   des   preuB.    Herren- 


688 


Totenliste  19 18:  Gamp — Hahn 


hauses,  Besitzer  des  Graflich  v.  Galen  - 
schen  Familienf  ideikommisses ;  *  Minister 
i.  W.  20.  V.  1865;  f  Burg  Dinklage  (Ol- 
denburg) 10.  XI.  —  FZ  14.  XI.  (A.-BL); 
WI74868  1773;  GT  1920. 

Gamp,  Karl  Freiherr  v.,  Wirkl.  Geh.  Ober- 
reg.-Rat,  ehem.  Vortrag.  Rat  ira  preufi. 
Handelsministerium,  FideikoiumiB  be- 
sitzer, Schriftsteller,  Mitgl.  d.  R.  u.  des 
preufi.  Abg. -Hauses.,  Fiihrer  der  Reichs- 
partei;  *  Massaunen  24.  XI.  1846;  f  Ber- 
lin 13.  XI. —  W.:  Die  wirtschaftlich- 
sozialen  Aufgaben  unserer  Zeit  (1880); 
Der  landwirtschaftliche  Kredit  und  seine 
Befriedigung  (1883).  — DGK;  WI7488. 
8  1773;  IZ  3935  (P);  v.  Arnim-  v.  Below, 
Deutscher  Aufstieg,  S.  329 — 332  (O. 
Arendt);  RH  1912,  249!  (P);  FT  1927; 
M7IV,  1401;  KL  17  (W). 

Gast,  Peter,  s.  Koeselitz,  Heinrich. 

Gaupp,  Gustav,  Professor,  Genre-  u.  Bild- 
nismaler;  *  Markgroningen  19.  IX.  1844; 
f  Oberturkheim  24.  III.  —  W.:  Brand- 
schatzung  eines  Klosters  (Museum  Strafi- 
burg);  Bildnis  des  Malers  v.  Riedmiiller 
(1877).  —  WI 7  495  (W) ;  WN  188 ;  MS  II, 
17;  TB  XIII,  281  (W);  [Kchr  XI,  703]. 

Gautseh,  Paul,  Freiherr  v.  Frankenthurn, 
Dr.  jur.,  k.  u.  k.  Geh.  Rat,  Exzellenz, 
osterreich.  Ministerprasident  a.  D.  (1897 
bis  1898  u.  1904 — 1906),  Ehrenmitgl.  der 
AdW  Wien;  ♦  Dobling  bei  Wien  26.  II. 
185  1 ;  f  Wien  20.  IV.  —  FZ  22.  IV.  (M.- 
Bl.);  DGK;  WI74o6,  8  1774;  Almanach 
AdW  Wien  1918,  241 — 243;  FT  1919; 
M7IV,   1497. 

Gebhardt,  Friedrich,  Oberbaurat,  o.  Prof, 
der  Baukonstruktionslehre  a.  d.  Techn. 
Hochschule  Stuttgart;  *  Ellwangen 
21.  XI.  1852;  f  Stuttgart  22.  V.  —  LZ 
472;  WN  },7 — 39  (Fiechter):  Schw  M 
26.  V. 

Geistbeck,  Michael,  Dr.  phil.,  Oberstudien- 
rat,  Seminardirektor  i.  R.,  Schulgeo- 
graph;  *  Friedberg  bei  Augsburg  1.  III. 
1846;  t  Freising  30.  III.  —  W.:  Leit- 
faden  der  mathem.-physikal.  Geographic 
(«°  1920) .  —  LZ  328 ;  PM  64,  82 ;  WI  7  503  ; 
M7.IV,  1603;  KL  17  (W);  AA. 

Georgi,  Otto  Robert,  Dr.  jur.,  Dr.  med.  h.c, 
Geh.  Rat,  Oberbiirgermeister  von  Leip- 
zig a.  D.,  Ehrenbiirger  von  Leipzig, 
Mylau  und  Johanngeorgenstadt;  *  Mylau 
i.  V.  22.  XI.  183 1 ;  f  Leipzig  1.  IV.  — 
FZ  2.  IV.  (A.-BL);  DGK;  WI75o7f.; 
8  1774;  ZB  42  [Siidseebote  2,  78]. 

Gerhard,  Gustav  Adolf,  Dr.  phil.,  a.o.  Prof, 
des  Griechischen  a.  d.  Univ.  Czernowitz; 
•  Konstanz  14.  IV.  1878;  f  Wien  24.  X  — 
JAW  41,  45—  54  (F.Gerhard)   (W). 


Gerlach,  Leo,  Dr.  med.,  o.  Prof,  der  Ana- 
tomie  u.  Direktor  des  Anatom.  Institute 
d.  Univ.  Erlangen;  *  Mainz  23.  I.  1851; 
f  Erlangen  20.  X.  —  LpZ  22.  X.;  FZ 
24.  X.  (A.-Bl.);  MMW  65,  1256;  LZ  877; 
SozMH  1 1 54;  PBL  595. 

Gletl,  Heinrich  Maria.  Dr.  theoL,  Geistlicher 
Rat,  o.  Prof,  des  Kirchenrechts  a.  d. 
Univ.  Miinchen;  *  Miinchen  1.  IX.  185 1; 
|  Miinchen  6.  I.  —  LpZ  8.  u.  11.  I.;  FZ 
9.  I.  (A.-BL);  LZ  65;  WI  7  520,  8  1774; 
KL  17  (W). 

Gfrardi,  Alexander,  Schauspieler  (Gesangs- 
und  Sprechkomiker,  bes.  in  Wiener 
Stiicken);  •  Graz  5.  XII.  1850;  f  Wien 
20.  IV.  —  FZ  22.  IV.  (M.-BL);  KW 
31.  III.,  86  f.  (Gregori);  Csterr.  Rdschau 
55,  130 — 132  (Antropp);  Hamb.  FBI, 
Wochenausg.  189,  S.  6f.;  IZ  3906  (P); 
WI7  522,  8  1774;  SozMH  500  (Zepler)  u. 
1 105;  Neue  osterr.  Biogr.  I,  204 — 213 
(Wittmann);  ZB  42  [Gegenwart  118 
(Kienzl) ;  Schaubiihne337(Kuh) ;  Zwinger, 
Dresden  233 — 236  (Holzer);  Donauland 
I,  934];  ZB  43  [Friede  I.  335  (Kuh) ; 
WestermMH  125,  59 — 63  (Holzer);  Vein. 
u.KlasingsMH,  Juli  19T8,  299  (Servaes)]; 
M7V,  226. 

Goens,  Georg,  D.  theoL,  Geh.  Konsistorial- 
rat,  evangel.  Feldoberpfarrer  des  West- 
heeres,  Seelsorger  im  kaiserl.  Haupt- 
quartier;  *  Goldenstedt  (Oldenburg) 
15.  IV.  1859;  t  Berlin  26.  VII.  —  W:  Gott 
mJtuns!(Feldpredigten,  191  5). — E883f.; 
ELK  51,  702;  KJ  1919,  566. 

Graefe,  Friedrich,  Dr.  phil.,  em.  o.  Prof, 
der  Mathematik  a.  d.  Techn.  Hochschule 
Darmstadt;  *  Wiesbaden  10.  XII.  1855; 
t  Darmstadt  2.  XII.  — WI7  581.  8  1774; 
KL  17  (W);  PF  V,  442;  AA. 

Grohmann,  Wilhelm,  Kupferstecher  und 
Bibliothekar  der  Akademie  der  Kiinste 
und  der  Hochschule  f  iir  bildende  Kiinste ; 

*  Berlin  20.  V.  1835;  t  Berlin  19.  V.  — 
Kchr,  NF  29,  33.  Sp.  356;  DGK;  SozMH 
920;  WI 7  565. 

Haas,  Wilhelm,  Dr.  phil.,  Hofrat,  Direktor 
der  Wiener  Universitatsbibliothek  i.  R.; 

*  Neutitschein  25.  V.  1842;  f  Wien  24.  I. 
—  LpZ  t.  II.;  LZ  133;  ZB  42  [Mbl.  des 
Ver.  fur  Landeskunde  in  Niederosterr. 
17,  45   (Schnerich)] ;  A  A. 

*  Hahn,  Diederich,  Dr.  phil.,  Direktor  des 
Bundes  der  Landwirte,  Mitgl.  des  preufi. 
A.-H.,  1893 — 1903  und  1907 — i9i2MdR. 
(bis  1908  Nationallib.,  seith.  konservativ, 
Agrarier) ;  *  Ostedeich  bei  Osten  (Han- 
nover) 12.  X.  1859;  f  Hamburg  24.  II. — 
FZ  25.  II.  (A.-BL),  26.  II.  (A.-BL);  IZ 
3899  (P)I  HPSt  1918;  WI76o4,  8  1775; 


Totenliste  1918:  Hand — Hering 


689 


M  7  V,  923;  v.  Arnim -v.  Below,  Deut- 
sche! Aufstieg,  S.  357 — 360  (v.  Volk- 
mann)   (P).  DBJ   250/253  (Boetticher) . 

Hanel,  Albert,  Dr.  jur.,  Dr.  phil.  h.  c,  Geh. 
Justizrat,  em.  o.  Prof,  des  deutschen 
Staats-  und  des  Volkerrechts  a.  d.  Univ. 
Kiel,  Ehrenbiirger  von  Kiel,  1867 — 1893 
und  1898 — i903M.d.R.  (Freis.  Vereinig.), 
1867— 1882  Mitgl.  des  preufi.  A.-H., 
Stifter  des  »Hanel-Hauses«  (Jurist.  Se- 
minar) der  Univ.  Kiel,  1866  Mitbegriin- 
der  liberalen  Partei  in  Schleswig-Hol- 
stein;  *  Leipzig  10.  VI.  1833;  f  Kiel  12.  V. 
— W:  Studien  zum  deutschen  Staatsrecht 
(i873 — 1888).— FZ  13.,  14.,  16.  u.  17.  V.; 
LE  20,  1136;  LZ  429;  WI7  598,  8  1775; 
SozMH  1225;  IZ  3909  (P);  M7V,  1072 
(W);  KL  17.  —  A.  H.,  3  ak.  Reden  zum 
Ged.  (von  O.  Baumgarten,  M.  Liepmann, 
W.  Jellinek  1919)- 

Hartmann,  Martin,  Dr.  phil.,  Prof,  des 
Arabischen  am  Orientalischen  Seminar 
in  Berlin ;  *  Breslau  9.  XII.  1851;!  Berlin 
5.  XII.  —  \V.:  Arabischer  Sprachfiihrer 
(1880);  Der  Islam.  Orient  (3  Bde..  1899 
bis  1909);  Reisebriefe  aus  Syrien  (191 3). 
—  FZ  13.  XII.  (A.-Bl.) ;  LZ  996;  WI  7  625 
(W);  KL   17  (W);  AA. 

*  Hauck,  Albert,  D.  theol.,  Dr.  phil  et  jur., 
Geh.  Rat,  o.  Prof,  der  Theologie  a.  d. 
Univ.  Leipzig,  Mitglied  der  GdW  Leipzig, 
korresp.  Mitglied  der  AdW  Berlin,  Miin- 
chen,  GdW  Gottingen.  —  Wassertrii- 
dingen  9.  XII.  1845  >  t  Leipzig  7. IV. — W.: 
Kirchengeschichte  Deutschlands  (5  Bde., 
I.,  II.,  IV.  4  1912— 1914,  I.  •  1922,  III.  6 
1920) ;  Herausg.  der  Realenzyklopadie  fur 
protestant. Theol.  u .  Kirche  (24  Bde,8 1  896 
bis  1913).  —  FZ  9.  IV.  (2.  M.-Bl.)  und 
12.  IV.  (1.  M.-Bl.)  (Kriiger);  HPSt  1918; 
LZ  328;  WI7632,  8  I775;  ELK  51,  317 
bis  319,  492 — 495  (Ihmels),  514 — 520 
(Bonwetsch),  668—673  (Caspari);  LE  20, 
1008;  Geschichtsbiichlein  1925,  S.  65 — 74 
(Kirn);  IZ  3005  (Bohmer)  (P) ;  Berichte 
Verh.  d.  GdW  Leipzig,  Phil.-hist.  Kl. 
1918,  S.  17—30  (Seeliger)  (W);  Jahrb. 
AdW  Miinchen  1919,  90 — 98  (v.  Grauert) ; 
Beitr.  zur  sachs.  Kirchengesch.  ^^ 
(Boehmer) ;  ZB  42  [Neues  sachs.  Kirchen- 
blatt  201  (Bohmer  u.  a.) ;  Sachs.  Kirchen- 
u.Schulblatt32  2];KL  17  (W) ;  KJ  1918, 
61 5  ;  G.Seeliger:  A.  H.  (1918) ;  Geschichtl. 
Studien,  A .  H .  zum  7o.Geburtstage(i  9 1 6) ; 
DBJ   253/258   (Mirbt). 

HaeuBermann,  Karl,  Dr.  phil.  (1896 — 1906) 
Prof,  der  Chemie  a.  d.  Techn.  Hochschule 
Stuttgart,  Sprengstofforscher,  Entdecker 
des  Trinitrotoluols  und  des  Hexanitro- 
diphenylamins;  *  Stuttgart  24.  VII.  1853; 

DBJ   44 


f  Ludwigsburg  9.  VII.  —  WN  47 — 51 
(Belschner)  [Ludwigsburger  Ztg.  210 
(Belschner) ;  Zeitschr.  f .  angew.  Chemie 
31,  413—415  (v.  Hell);  ChemZtg  42,  397 
(Schweitzer)  (P) ;  Zeitschr.  f .  d.ges.Schiefl- 
u.  Sprengstoffwesen  18  (P)];  ZB  43;  PF 
V,  481  f.  (W). 

Helntze-WeiBenrode,  Heinrich  Freiherr  v., 
kaiserl.  Oberjagermeister  void  Dienste 
m.  d.  R.  der  Wirkl.  Geh.  Rate,  Chef  des 
Hof  jagdamtes,  Mitglied  des  preuB.  H.-H.. 
Ritter  des  Schw.-A.-O.;  *  Schleswig 
27.  IX.  1834;  t  Berlin  5.  X.  —  IZ  3292 
(P);  DGK;  \VI7655;  FT  1919. 

Henneberg,  Gustav,  Industrieller  u.  Chef 
des  Seidenhauses  Henneberg  in  Zurich, 
Schopf  er  der  Galerie  Henneberg  in  Zurich ; 

*  Gorlitz  19.  XI.  1847;  f  Zurich  16.  XII. 
—  Histor.-biogr.  Lexikon  d .  Schweiz,  Heft 
31,  S.  184  [NZZNr.  i679;ZWChrp.403]. 

Hentsch,  Richard,  Kgl.  sachs.  Oberst  und 
Chef  des  Generalstabs  der  Militarverwal- 
tung  in  Rumanien,  in  der  Marneschlacht 
1 91 4  Abteilungschef  des  GroCen  General- 
stabs,  Ritter  des  Ordens  Pour  le  me'rite; 

*  Koln  18.  II.  1869;  f  Bukarest  13.  II.— 
H.  leitete  19 14  als  Bevollmachtigter 
Moltkes  die  Marneschlacht.  —  LpZ 
15.  II.;  IZ3899(P);ERL;  MWB1 102,  98 
(Nachruf  Hindenburgs) ,  99  (Nachruf  des 
sachs.  Kriegsministers  v.  Wilsdorf),  100 
(Nachruf  Mackensens) ;  M  7  V,  1402  f.  — 
W.  Miiller-Loebnitz :  Die  Sendung  des 
Oberstleutnants   H.    (1922). 

*  Hering,  Ewald.  Dr.  phil  et  med.,  Geh.  Rat. 
em.  o.  Professor  der  Physiologie  a.  d. 
Univ.  Leipzig,  Ehrenmitglied  der  math.- 
phys.  Kl.  der  AdW  Wien,  M.  der  GdW 
Leipzig,  Ritter  des  Ordens  Pour  le  mirite, 
Ehrendoktor  Gottingen  u.  Prag,  korresp. 
Mitgl.  der  GdW  Gottingen;  *  Alt-Gers- 
dorf  5.  VIII.  1834;  f  Leipzig  26. 1.  —  W. : 
Grundziige  der  Lehre  vom  Lichtsinn 
(1920);  Fiinf  Reden  E.  Herings  (1922). — 
LpZ28. 1.;  FZ  28. 1.  (A.-BL);  LZ  108;  IZ 
3893  (P);  HPSt  1918;  MMW  200  u.  539 
bis  542  (Hofmann)  (P),  (W) ;  WI7672, 
8  1776;  SozMH  559  f.;  N  6,  305—308 
(HeB);  L  54.  57;  Berichte  Verh.  GdW 
Leipzig,  math.-phys.  Kl.  191 8,  381 — 402 
(Garten);  Jahrb.  d.  Schles.  Ges.  96 
(191 8),  21  f.  (Hurthle);  Almanach  AdW 
Wien  19 18,  255 — 259  (Exner);  ZB  42 
[Zbl  f.  prakt.  Augenheilkunde  42,  61; 
DMW  44,  215;  Zeitschr.  fur  arztl.  Fort- 
bildungi5,  165  (Briicke)];  ZB  43  [Archiv 
fur  Augenheilkunde  83,  89 — 97  (Hefi) ; 
Pfliigers  Archiv  fur  die  ges.  Physiolog. 
172,  501 — 522  (Garten);  Klin.  Mbl.  fur 
Augenheilkunde     60,     818 — 825      (Biel- 


090 


Totenliste  19 18:  Hesekiel — Hodler 


schowsky);  Fortschr.  d.  Psychol.  V,  143 
172  (Henning)];  M7V,  1430;  PBL  723  f. 
(W),  (P);  PF  V,  524  (W);  F.  Hillebrand: 
E.  H.,  ein  Gedenkwort  (1918);  DBJ  258/ 
263  (Briicke  m.  W). 

Hesekiel,  Johannes,  D.  theol.,  Wirkl.  Geh. 
Oberkonsistorialrat,  Generalsuperinten- 
dent  a.  D.  von  Posen,  Mitglied  des  preufi. 
H.-H.;  *  Altenburg  31.  V.  1835  I  t  Werni- 
gerode  2 1 .  VII.  —  FZ  23.  VII.  (2.  M.-Bl.) ; 
DGK;  ELK  50,  702;  ZB  43  [Bausteine 
50,  112  (Hickmann);  Evangel.  Kirchen- 
ztg.  299  (Klar);  KJ  1919,  567. 

HeB,  Wilhelni,  Dr.  phil.,  Geh.  Reg.-Rat, 
o.  Prof,  der  Botanik  u.  der  Zoologie  a.  d. 
Techn.  Hochschule  Hannover;  *  Verden 
3,  XI.  1841;  |  Hannover  6.  VI.  —  W.: 
Schadliche und  niitzliche  Insekten  (3  Bde., 
1872 — 1882);  Tierwelt  Deutschlands 
(2  Bde.,  1888— 1890).  —  FZ  12.  VI. 
(A.-Bl.);  LZ  509;  L  54.  61;  \VI7683; 
KL  17  (W). 

Hesse- Wartegg,  Ernst  v.,  Geh.  Hofrat, 
Generalkonsul  a.  D.,  Weltreisender  und 
Reiseschriftsteller;  *  Wien  21.  V.  1854; 
t  Tribschen  bei  Luzern  18.  V.  —  W.: 
Zwischen  Anden  und  Amazonen  (19 14); 
Nordamerika  (*  1896);  1001  Tage  im 
Okzident  (*i896);  China  und  Japan 
(a  1900).  —  LZ  453;  DGK;  vSozMH  1097; 
PM  64,  130;  LE  20,  1198;  WI758«J, 
8  1776;  M7  V,  1502;  KL  17  (W). 

Hessing,  Friedrich  v.,  Geh.  Hofrat,  Besitzer 
der  orthopadischen  Heilanstalt  bei  Gog- 
gingen,  Erfinder  des  Schienenhulsen- 
apparates,  Orthopade;  *  Schonbronn  bei 
Rothenburg  19.  VI.  1838;  f  Rothenburg 
o.  T.  16.  III.  —  LpZ  18.  III.;  FZ  17.  III. 
(1.  M.-BL),  26.  III.  (1.  M.-Bl.)  (HaBlauer), 
28.  III.  (1.  M.-BL);  MMW  338  u.  461  f. 
(Stein) ;  LZ  265  u.  289;  IZ  3900  (P) ;  SozMH 
1 166;  L  54,  62  f.;  ZB  42  [WKW  31,  428 
(Lorenz)];  ZB  43  [Chir.-techn.  Cbl.  fur 
Chir.-Mechaniker  39,  127;  Zeitschr.  fur 
Kinderforschung  23,  311 — 315  (Kirmsa); 
Zeitschr.  fur  Kruppelfiirsorge  n,  184 
bis  189  (Wurtz);  Dtsch.  Biihnenjahrbuch 
1918  (29)  (P)];  M7  V,  1502;  AA.—  [H. 
ist  das  Urbild  von  Wilbrandts  »Rothen- 
burgerf). 

Hildebrand,  Richard,  Dr.  phil.,  Hofrat,  em. 
o.  Prof,  der  Nationalokonomie  u.  Finanz- 
wissenschaft  a.  d.  Univ.  Graz;  •  Breslau 
17.  V.  1840;  f  Graz  9.  V.  —  LZ472;  AA. 

Hildebrandt,  Adolf  Matthias,  Professor, 
Heraldiker;  *  Mieste  (Altmark)  16.  VI. 
1844;  f  Berlin  30.  III.  —  W.:  Wappen- 
fibel  (**  1923) ;  Heraldische  Biicherzeichen 
(3  SammL,  1893 — 1898).  —  LZ  308; 
SozMH  449  u.  1097;  ZB  42  [Der  Deutsche 


Herold  49,  97;  Roland  19,  153  (Roick)] ; 
ZB  43  [Roland  19,  53—56  (Treier)];  M  7 
V,  1549;  KL  17  (W). 

Hlller,  Fritz  v.,  char.  General  d.  Inf.  z.  D.. 
1899 — 1902  Kommandeur  der  27.  Inf.- 
Div.  in  Ulm;  *  Welzheim  10.  XI.  1844: 
f  Stuttgart  23.  II.  —  W.:  Geschichte  des 
Feldzuges  18 14  gegen  Frankreich  mit 
bes.  Beriicksichtigung  des  Anteils  der 
kgl.  wurttemb.  Truppen.  —  WN  25 — 27 
(v.  Muff);  SchwM  Nr.  95. 

Hirsch,  Wilhelm,  Syndikus  der  Handels- 
kamnier  Essen,  M.  d.  R.  und  des  preuB. 
A.-H.  (Nat.-lib.) ;  •  Goslar  a.  H.  22.  VIII. 
1861;  f  Essen  1.  X.  —  FZ  2.  X.  (1.  M.- 
BL)  ;  DGK;  WI 7  703  *• ;  StE  38,  952  (P) ; 
RH   1612  (Nachtrag,  S.  16)  (P) ;  AA. 

Hltzig,  Hermann,  Dr.  phil.,  o.  Professor  der 
klassischen  Philologie  an  der  Universitat 
Zurich;  *  Zurich  9.  V.  1843;  t  Zurich 
27.  VIII.  —  LpZ  2.  IX. ;  JAW  42,  1 1—2  s 
(Waser)  (W),  [Ziircher  Post,  30.  VIII. 
(Vetter) ;  NZZ  28.  u.  30.  VIII.,  2.  u.  3.  IX . 
(Blumner);  Bund  30.  VIII.  (Tobler) ; 
Jahrb.  der  Univ.  Zurich  1918/19,  55 — 58 
(Schwyzer)  (P);  Die  Schweiz,  Jahrg.  22, 
525  f.;  Ziircher  W.-Chronik  1918,  275]; 
Hist.-biogr.  Lex.  der  Schweiz,  Teil   ^2, 

S.25I(P). 

Hoehenburger,  Victor  Ritter  v.,  k.  k.  Justiz- 
minister  a.  D.;  *  Graz  23.  VI.  1857; 
t  Graz  9.  VIII.  —  FZ  n.  VIII.  (2.  M.- 
BL)  ;  ZB  43  [Allgem.  osterr.  Gerichtsztg. 
1918,  247];  AA. 

Hodler,  Ferdinand,  Dr.  phil.  h.  c,  Kunst- 
maler;  *  Bern  14.  III.  1853 ;  t  Genf  19.  V. 
—  W.:  Die  Schlacht  bei  Nafels  (1897, 
Basel);  Der  Riickzug  der  Schweizer  bei 
Marignano  (1900,  Zurich);  Auszug  der 
Studenten  181 3  (Jena,  Universitat).  — 
FZ  21.  V.  (M.-BL),  26.  V.  (1.  M.-BL), 
(v.  Bendemann);  LZ  454;  IZ  3909  (P); 
SozMH  763 — 770  (Stern,  Lewinsohn); 
WI77io,  8  1776;  Hist.-biogr.  Lex.  der 
Schweiz,  H.  32,  S.  255  (W),  (P),  (Loosli); 
Kchr,  NF  29,  34,  Sp.  361 — 363;  H.  15, 
521—525  (K.  WeiB);  KW  31  III,  129  bis 
132  (Avenarius);  ZB  42  [Chronik  des 
Wiener  Goethe- Vereins  X,  175  (Friede- 
berger);  Die  Hilfe  279  (Baumer);  Deut- 
scher  Wille  31,  129 — 132;  Die  Kunst  fur 
Alle  ^^,  H.  19/20  [Beilage];  Der  Tiirmer, 
265 — 269  (Storck);  Schaubiihne  541 
(Hausenstein)] ;  ZB  43  [Friede  I,  503 
(Osterreicher) ;  Dtsch.  Kunst  u.  Deko- 
ration42,  175 — 182  (Hausenstein) ;  Kunst 
u.  Kunstler  16,  403  (Scheffler),  465 — 474 
(Bulle);  Christl.  Kbl.  f.  Kirche,  Schule 
u.  Haus  60,  174;  O  mein  Heimatland, 
Kal.   f.   d.  Schweizervolk    19 19,   44 — 53 


Totenliste  1918:  Hoebel — Jiricek 


69I 


(Steinberg);  Die  Rheinlande  1918,  160 
(Poeschel);  Christl.  Kunst  191 8,  264  bis 
271  (Doering);  Das  Kunstbl.  1918,  206 
(Muhlestein) ;  M 7  V,  1641;  MS  V,  140, 
VI,  139;  TB  XVII,  176—179  [mit  aus- 
fiihrl.  Lit.-Verz.];  F.  Widmann,  Erinne- 
rungen  an  F.  H.  (1918);  H.  Trog,  F.  H., 
Erinnerungen  an  die  H.-Ausstellg.  im 
Ziircher  Kunsthaus  1917;  Godet,  F.  H. 
(1921);  W.B[arth]:F.H.  (urn  1920);  E. 
Bender:  Die  Kunst  F.Hs.  (1923);  ders., 
DasLebenF.  Hs.  (1921);  ders.,  Cezanne 
und  H.  (6i923);  A.  Frey,  F.  H.  (1922); 
H.  Friedrich :  H.,  dieSchweizu.  Deutsch- 
land  (6  1913);  C.  A.  Loosli:  F.  H.,  4  Bde., 
(191 9 — 1923) ;  A  .Meyer:  F.H.(Gedachtnis- 
feier,  1918);  Th.  Roffler:  F.H.  (1926); 
M  .Waser :  Wege  zu  H .  ( 1 926) ;  J .  Widmer : 
Von  Hs.  letztem  Lebensjahr  (19 19). 

Hoebel,  Ernst  Karl,  Dr.  phil.,  Oberreal- 
schulprofessor  und  Lehrer  am  Konser- 
vatorium,  Musikschrifts  teller,  Kritiker 
u.  Komponist;  *  Teinlah  b.  Hildesheim 
28.  XII.  185 1 ;  t  Kassel  28.  IV.  —  W.: 
Die  Hertnannsschlacht  (patriot.  Chor- 
werk) .  —  J  P  83  [DTonkZtg  46 ;  AMZ  226 ; 
NMZ  39,  233;  NZfM  114;  Klavierlehrer 
87];  FAT  163;  AA. 

Hfifer  ?on  Feldsturm,  Franz,  k.  u.  k.  Feld- 
marschalleutnant,  Sektionschef  im  oster- 
reich.  Kriegsministerium,  zuvor  Stell- 
vertreter  des  Chefs  des  Generalstabs ; 
*  Komotau  9.  VII.  1861 ;  t  Wien  22. 1.  — 
FZ  24.  I.  (2.  M.-Bl.);  LpZ  24.  I.;  IZ  3892 
(P);  E  127  (P);  ZB  42  [Polit.  11.  volksw. 
Chronik  d.  osterr.-ung.  Mon.  18,  54]; 
M7  V,  1649. 

Hofmann,  Max,  General  der  Infanterie,  191 5 
bis  1918  Fiihrer  des  XXXVIII.  Reserve- 
korps  (Beskidenkorps),  Ritter  des  Ord. 
Pour  le  mirite  mit  Eichenlaub;  *  Mei- 
ningen  9.  III.  1854;  f  Osnabriick  28.  XI. 
-DGK;  ERL;MWB1  103,  61711.683;  AA. 

Hofmann,  Richard,  Professor,  Komponist, 
Lehrer  fiir  Instrumentation  am  Leipziger 
Konservatorium  der  Musik;  *  Delitzsch 
30.  IV.  1844;  t  Leipzig  11.  XL  —  W.: 
Prakt.  Instrumentationslehre  (8  1 907) ; 
Katechism.  d.Musikinstrumente  (6  1903) ; 
GroBe  Violin technik  (op.  93 — 95).  — 
AMZ  45,  515;  LZ  936;  NZfM  303; 
DTonkZtg  97;  RMTZ  306;  A  204;  R  550; 
FAT  165;  AA. 

Hohenlohe-Schilllngsfurst,  Konrad  Prinz  zu. 
Prinz  von  Ratibor  u .  Corvey,  k.  u .  k.  Geh . 
Rat  u.  Kammerherr,  Exzellenz,  Statt- 
halter  in  Triest  u.  im  Kiistenland,  k.  u.  k. 
Ministerprasident  a.  D.;  *  Wien  16.  XII. 
1863;  f  Leoben  21.  XII.  —  DGK;  GH 
1920. 


Holland,  Hyazinth,  Dr.  phil.,  Professor, 
Literar-  u.  Kunsthistoriker,  Mitarbeiter 
an  der  »AUg.  deutschen  Biographies  und 
an  Bettelheims  »  Biographischem  Jahr- 
buch  und  deutschem  Nekrolog«;  *  Mun- 
chen  16.  VIII.  1827;  f  Miinchen  6.  I.  — 
W.:  Moritz  v.  Schwind  (3  191 2);  Gesch. 
der  deutschen  Literatur  (1853);  Lebens- 
erinnerungen  eines  neunzigjahrigen  Alt- 
miinchners,  hrsg.  v.  A.  Dreyer  mit  biogr. 
Einleitung,  1921. —  FZ  23.  I.  (A.-Bl.), 
(Wenck);  LE  20,  623;  Kchr.  NF  29,  15, 
Sp.  166;  LZ  44;  SozMH  268;  WI773o; 
ZB  42  [Das  Bayerland  29,  154  (Dreyer); 
Histor.-pol.  Bl.  f.  d.  kathol.  Dtschld.  161, 
137;  Allgem.  Rdsch.  14,555  (Doering)]; 
ZB  43  [Frankenland  5,  137];  KL  17  (W); 
Zils,  Geistiges  und  kiinstler.  Miinchen. 

Honlgmann,  Moritz,  Gninder  der  ersten 
deutschen  Ammoniak-Soda-Fabrik  bei 
Aachen;  *  Duren  27.  VI.  1844;  t  Aachen 
2.  V.  —  MdT  122;  VDI  62,  656;  M7  V, 
1764;  AA. 

Jacoby,  Daniel,  Dr.  phil.,  Gymnasialprof., 
Literarhistoriker;  *  Johannisburg  (Ost- 
preufien)  2.  I.  1844;  t  Berlin  16.  I.  — 
LZ  108;  LE  20,  688;  ZB  43  [Allg.  Ztg.  d. 
Judent.  82,  65  (Geiger)];  KL  17  (W). 

Jacoby,  Louis,  Professor  an  der  Akademie 
der  Kiinste  in  Berlin,  Kupferstecher, 
Ehrenmitglied  der  Miinchner  Akademie ; 

*  Havelberg  7.  VI.  1828 ;  f  Berlin  1 1 .  XI. 

—  W. :  Raffaels  Schule  von  Athen  (1882) . 

—  Kchr,  NF  30,  153  f .  (Kurth) ;  WI  7  765 
(W);  SozMH  1919.  60;  MS  II,  246  (W), 
VI,  147;  TB  XVIII,  260  (W),  [Dtsch. 
Rdsch.  19,  H.  4  (Grimm)]. 

tgi  Jaschke,  Emil,  Dr.  phil.,  Direktor  d .  stadt . 
Biicher-    u.    Lesehallen    in    Diisseldorf; 

*  GroBwartenberg  29.  X.  1874;  f  (m 
Frankreich)  27.  V.  —  W.:  Volksbiblio- 
theken,  ihre  Einr.  u.  Verw.  (1907);  Leit- 
faden  fiir  die  Einrichtung  mittl.  u.  kleiner 
Volksbibl.  (1913).  —  LZ  573;  LE  20, 
1  ^29 ;  Kchr,  NF  29,  407 ;  WI  7  768 ;  KL  1 7 
(W);  AA. 

Jiricek,  Josef  Konstantin,  Dr.  phil.,  Hofrat, 
o.  Professor  der  slawischen  Philologie  u. 
Altertumskunde  an  der  Universitat  Wien, 
Wirkl.  Mitgl.  der  AdW  Wien,  1 881— 1882 
bulgarischer  Unterrichtsminister ;  *  Wien 
24.  VII.  1854;  f  Wien  10.  I.  —  W. :  Ge- 
schichte  der  Bulgaren  (1876) ;  Geschichte 
der  Serben  (2  Bde.  [bis  1557],  1911/18); 
Die  Romanen  in  den  Stiidten  Dalmatiens 
wahrend  des  Mittelalters  (3  Bde.,  1901 
bis  1904) ;  Staat  u.  Gesellschaft  im  mittel- 
alterl.  Serbien  (3  Bde.,  191 3/14).  —  LpZ 
19.  I.;  LZ  108;  SozMH  448;  PM  64,  83; 
Jahrb.   AdW   Miinchen    1918,    31    (Ber- 


692 


Totenliste  19 18:  Imhoff-Pascha — Kappesser 


necker) ;  Alinanach  AdW  Wien  19 18,  353 
bis  41 9  (Jagic),  (P) ;  ZB  42  [Zschr.  f.  oster- 
reich.  Volkskunde  27,  53];  M7  VI,  346; 
KL  17  (W). 

Imhoff-Pascha,Carl,kgl.preuB.char.General- 
leutnant  z.  D.,  kaiserl.  osinan.  General- 
leu  tn.  a.  D.,  Vorsitzender  der  Deutsch- 
Asiatischen  Gesellschaft,  Ehrenmitglied 
der  Vorderasiengesellschaft,  Militargeo- 
graph,  Forderer  der  deutsch-tiirkischen 
Beziehungen ;  *  Kreuznach  20.  II.  1854; 
f  Berlin  27.  II.  —  MWB1  102,  Nr.  104, 
no  u.  112;  PM  64,  82;  DGK;  ZB  42 
[Asien  XV  91] ;  ZB  43  [Welt  des  Islam  9, 
19];  AA. 

•  JQngst,  Carl,  Geheimer  Bergrat,  Dr.  ing. 
e.  h.,  Hiittendirektor  des  kgl.  preuB. 
Hiittenamtes  in  Gleiwitz;  *  Lingen  a.  d. 
Ems  7.  VI.  1831 ;  f  Gleiwitz  (OS.)  25.  IX. 

—  W.:  Beitrag  zur  Untersuchung  des 
GuBeisens(*9i3).  —  StE  1918,  S.  1001; 
DBJ.  263/266  (Geilenkirchen). 

Jung,  Philipp,  Dr.  med.,  Geh.  Med. -Rat, 
o.  Professor  der  Gynakologie  an  der  Uni- 
versitat  Gottingen;  *  Frankfurt  a.  M. 
22.  IV.  1870;  f  Gottingen  28.  VI.  —  FZ 
30.  VI.  (2.  M.-Bl.) ;  MMW  65,  776;  ZB  43 
[Zentralbl.  fur  Gynakol.  42,  52 1  (Stockel) ; 
Mschr.  fur  Geburtshilfe  u.  Gynakol.  48, 
157  (Zoeppritz)  u.  159  (Martin)];  LZ  573; 
SozMH  1101  (Kraft);  WI7790. 

Jungnitz,  Joseph,  Dr.  theol.  et  phil.  h.  c, 
o.  Honorarprofessor  der  kathol. -theol. 
Fakultat  der  Universitat  Breslau,  Geist- 
licher  Rat,  Ehrendomherr,  Direktor  des 
Fiirstbischoflichen  Diozesanarchivs  und 
Museums;  •  Nieder-Mois  17.  V.  1844; 
f  Breslau  21.  I.  —  W.:  Kleine  Kirchen- 
geschichte  (10  1916) ;  Legende  der  Heiligen 
(u  1 9 10);  Visitationsberichte  der  Diozese 
Breslau  (4  Bde.,  1902- — 1908);  Verzeich- 
nis  der  Breslauer  Bischofe  (1910).  —  LpZ 
25.  I.;  FZ  25.  I.  (A.-Bl.);  HPSt  1918; 
Schles.  Gesch.-Bl.  1918,  25;  Jahrb.  d. 
Schles.  Ges.  96,  28 — 31  (Bretschneider) ; 
Zschr.  d.  Ver.  f .  d.  Gesch.  Schlesiens  III 
(1918),  (W);  LZ  108;  ZB  42  [Dtsch.  Ge- 
schichtsbl.  19,  46  (Loewe) ;  Oberschles. 
Heimat  14,  32;  HeiinatgriiBe  der  kathol. - 
theol.  Fakultat  Breslau  a.  d.  Studenten 
im  Felde  41 — 46];  ZB  43  [Oberschlesien 
17,  246;  Zschr.  d.  Ver.f.  Gesch.  Schles.  52, 
171  (Bertram)  u.  172—188  (Konig)];  JB 
1920,  179;  KL  17  (W). 

Kaiser,  Georg,  Dr.  phil.,  Musikkritiker  u. 
Musikschrif tsteller ;  *  Hartmannsdorf  b. 
Limbach  1.  III.  1883;  f  Leipzig  17.  VIII. 

—  Hrsg.  d.  krit.  Ausg.  von  Webers  samtl. 
Schriften  (1908)  u.  der  Brief e  Webers  an 
Graf  Bruhl  (191  \).  —  LpZ  18.  VIII.;  LZ 


676;  WI7798;  JP  676  [Signale  558; 
Klavierlehrer  138;  Zschr.  f.  Musikwiss. 
88;  NMZ  39.  317;  AMZ  375;  NZfM  208; 
DTonkZtg  70];  SozMH  986;  ZB  42  [Allg. 
Ztg.  Miinchen  30  (Bromse) ;  Das  deutsche 
Drama  I,  4 — 12  (Plotke) ;  Die  literar.  Ge- 
sellsch.  IV,  249 — 256  (Knudsen) ;  Schau- 
biihne  83  (D.  Koralle)];  KL  17  (W);  R 
605;  A  223;  FAT  181;  NML  315. 

Kaltner,  Balthasar,  Dr.,  Fiirstbischof  von 
Gurk-Klagenf urt ;  *  Goldegg  12.  IV.  1844; 
f  Gurk  6.  VII.  —  DGK;  LpZ  8.  VII.; 
WI78oi. 

Kaempf,  Johannes,  Dr.  jur.  h.  c,  Wirkl. 
Geh.  Rat,  Exzellenz,  President  des  Deut- 
schen  Reichstags  und  der  Altesten  der 
Kaufmannschaft  von  Berlin,  stellv.  Pre- 
sident der  Berliner  Hypothekenbank, 
stellv.  Vors.  der  Siiddeutschen  Immobi- 
lien-Gesellschaft,  M.  d.  R.  (Freisinn.), 
President  des  Deutschen  Handelstages ; 
*  Neuruppin  18.  II.  1842;  f  Berlin  25.  V. 
—  W.:  Reden  und  Aufsatze  (1912).  — 
FZ  26.  V.  (2.  M.-Bl),  28.  V.  (2.  M.-Bl.  u. 
A.-Bl.),  29.  V.  (i.u.  2.  M.-BL);  WI  7  795, 
8  1777;  IZ  3910  (P);  SozMH  702;  E  633; 
ZB  43  [Friede  I,  476  (Burger)];  Apt, 
25  Jahre  im  Dienste  der  Berliner  Kauf- 
mannschaft (1927),  S.  6  u.  69 — 79;  Fest- 
gabe  der  Altesten  der  Kaufmannschaft 
zu  K.s  70.  Geburtstag  (Berlin  1912);  RH 
1912,  287  (P);  M7VI,  916;  Max  Apt: 
J.  K.,  Gedenkrede  (1918). 

Kalfier,  Bernhard,  Professor,  bis  1901  Se- 
minarhauptlehrer  in  Gmiind,  1880 — 1904 
Schrif  tleiter  des»  Magazin  f  iir  Padagogik  «, 
padagog.  Schrif  tsteller  und  Geschichts- 
forscher,  *  Waschenbeuren  11.  I.  1834, 
f  Schwabisch-Gmiind  17. IV.  W.  » Gesch. 
Wiirttembergs  in  Charakterbildem* 
(*  1 89 1 ) ;  Die  nationale  Auf gabe  der  Volks- 
schule  (1874);  Gesch.  des  Volksschul- 
wesens  in  Wiirttemberg  (2  Bde..  1895/97). 
WN  188  f  (Bundschuh);  Magazin  fur 
Padag.  1918,  Nr.  16  u.  17.  Heyd,  Bibliogr 
der  Wurttemb.  Gesch.  (W);  KL  17  (W) ; 
WI7798  (W). 

Kandt,  Richard,  Droned.,  Geh.  Reg.-Rat, 
kaiserl.  Resident  in  Ruanda,  Stabsarzt, 
Entdecker  der  Quellen  des  Nils ;  *  Posen 
17.  XII.  1867;  f  Nurnberg  29.  IV.  — 
W. :  Caput  Nili.  Eine  empfindsame  Reise 
zu  den  Quellen  des  Nils  (1904,  •  1925).  — 
FZ  10.  V.  (A.-Bl.);  PM  64,  130;  DKZ 
35,  ;,  S.  74  f.  (Stuhlmann)  (P) ;  L  54>  67; 
MMW  636  (Stockmeier) ;  LZ  408 ;  SozMH 
992;  IZ  3912  (P);  ZB  42  [Koloniale 
Rundschau  1918,  45  (Roehl)];  M  7  VI. 
94 1 ;  A  A . 

Kappesser,    Otto,    Dr.    med.,    Generalarzt 


Totenliste  1918:  Karabacek — Klebs 


693 


a.  D.,  Erfinder  der  Schmierseifeneinrei- 
bung  gegen  Skrofulose;  *  Jugenheim 
4.  VI.  1830;  f  Darmstadt  3.  III.  —  W.: 
Methodische  Schmierseifeneinreibungen 
gegen  Skrofulose  und  Tuberkulose  (1899). 
—  MMW  65,  310;  PBL841. 

Karabacek,  Josef  Ritter  von,  Dr.  phil.,  Hof- 
rat,  Direktor  der  k.  u.  k.  Hofbibliothek, 
Wirkl.  Mitglied  und  Sekretar  der  phil.- 
hist.  Kl.  der  AdW  Wien,  em.  o.  Professor 
der  Geschichte,  Papyrusf orscher ;  *  Graz 
20.  IX.  1845;  t  Wien  9.  X.  —  W.:  Der 
Papyrusf  und  von  El-Fajum  (1882).  — 
FZ  15.  X.  (A.-Bl.);  LE  21,  316;  LZ  857; 
SozMH  1 9 19,  55;  Almanach  AdW  Wien 
19 1 9,  187 — 198  (Rhodokanakis)  (P); 
Jahrb.  d.  AdW  Miinchen  1919,  25  f. 
(Kuhn),  [Mbl.  d.  Numismat.  Ges.  Wien 
425,  74—77];  M'VI.  994;  KL  17  (W). 

♦Kawerau,  Gustav,  D.  theol.,  Dr.  phil.,  Geh. 
Oberkonsistorialrat,  o.  Honorarprofessor 
a.  d.  Universitat  Berlin,  Propst  an  St. 
Petri,  Mitglied  des  evangel.  Oberkirchen- 
rats,  Mitherausgeber  d.  Weimarer  Luther- 
Ausgabe  (Bd.  3,  4,  8  u.  12);  *  Bunzlau 
25.II.  1847;  t  Berlin  i.XII.  — W.:  Pre- 
digten  auf  die  Sonn-  u.  Festtage  des  Kir- 
chenjahres  (2  Bde.,  1897 — J899);  W.M61- 
ler,  Lehrbuch  der  Kirchengesch.,  Bd.  Ill 
(3  1 907) ;  Reformation  und  Gegenref or- 
mation  (3  1907).  —  FZ  12.  XII.  (A.-Bl.); 
ELK  51,  1102;  LZ  976;  SozMH  199  f.; 
WI78i3;  ZB  43  [Preufl.  Kirchenztg. 
1918,401  (Schian)];  Jahrb.  d.Schles.  Ges. 
96,  31 — 34  (Decke);  M  7  VI,  1173;  KL  17 
(W);  KJ  1919,  568  (W);  Siegfried  Ka- 
werau:  Familie  Kawerau  durch  333  Jahre 
(1916);  DBJ  266/272  (Schian). 

Kelm,  Franz,  Gymnasialprofessor  i.  R., 
Schriftsteller  u.  Dramatiker;  *  Alt-Lam- 
bach  (O.-O.)  28.  XII.  1840;  f  Brunn 
a.  Geb.  27.  VI.  —  W.:  Ges.  Werke  in 
5  Bd.  (1912/13).— •  LZ  573;LE2o,  1329; 
ZB  43  fDeutsch-Ungarn  VII,  3/4,  7 
(Steiner)];  Oberosterreich.  Mannergestal- 
ten  (1926);  S.  147 — 151  (Anschober)  (P), 
[Linzer  Tagespost  1920,  52];  WI78i6, 
8  1777;  M7  VI,  1193;  KL  17  (W);  BR6 
III,  429  f  • 

Kempter,  Lothar,  Dr.  phil.  h.  c,  Kapell- 
meister am  Stadttheater  Zurich  u.  Kom- 
ponist,  Lehrer  fiir  Theorie  u.  Kom position 
an  der  Musikschule ;  *  Lauingen  5.  II. 
1844;  t  Vitznau  14.  VII.  —  W.:  Das  Fest 
der  Jugend  (Oper,  1895);  Die  Sans- 
culottes (Oper,  1900);  Mannerchore  mit 
Orchester.  —  LpZ  16.  VII.;  JP  84  [DMZ 
246 ;  AMZ  351;  NZf M  1 84 ;  NMZ  39,293; 
DTonkZtg.  71];  WI7823;  A  230;  R  621 
(W);  FAT  i8«;  (W). 


Kessel,  Gustav  v.,  Generaloberst,  General- 
adjutant,  Oberbefehlshaber  in  den  Mar- 
ken,  Gouverneur  von  Berlin,  a  la  suite 
des  1 .  Garde-Regts.  z.  F.,  Chef  des  20.  In- 
fant.-Regts.,  Domherr  von  Brandenburg, 
Ritter  des  Schw.  A.-O. ;  *  Potsdam  6.  IV. 
1846;  t  Berlin  27.  V.  —  W.:  Geschichte 
des  1.  Garderegiments  z.  F.  1857 — 1871 
(1881).  —  FZ  29.  V.  (1.  M.-BL);  ERL; 
E  625;  WI7826,  8i777;  MWB1  102, 
Nr.  145  u.  151;  ZB  43  [Friede  I  476 
(Burger)];  M  7  VI   1242. 

Keudell,  Marie  v.,  Landschaf  tsmalerin ; 
•  Launincken  b.  Darkehmen  16.  VII. 
1838;  f  Berlin  6.  II.  —  W.:  Markische 
u.  Phantasielandschaften.  —  LpZ  7.  II.; 
Kchr,  NF  29,  19,  Sp.  203;  WI7828; 
MS  II,  330,  VI,  156;  TB  XX,  224  (W), 
[WestermannsMonatsh.,  Jahrg.  60  (19 16) 
I,  172  ff.  (mit  Abb.)]. 

Keyserling,  Eduard  Graf  v.,  kurlandischer 
Dichter  u.  Schriftsteller;  *  Tels-Paddern 
14.  V.  1855;  t  Miinchen  28.  IX.  —  W.: 
Ges.  Erzahlungen  (4  Bde.,  hrsg.  von 
E.  Heilborn,  1922).  —  LpZ  30.  IX.;  FZ 
29.  IX.  (2.  M.-BL),  30.  IX.  (A.-Bl.),  15.  X. 
(1.  M.-BL),  (Th.  Mann);  LE  21,  187  u. 
163  f.  [BT  500;  Nationalztg.  228;  Berl. 
Volksztg.  499;  Mannh.  Gen.-Anz.  455; 
Bayr.  Staatsztg.  230;  Dtsch.  Kurier  272; 
TR,  Unt.-Beil.  229;  Straflb.  Post  544]; 
Dtsch.  Buhnenjahrb.  31  (1920),  141; 
SozMH  1033  (Kochdorf);  IZ  3928  (P) ; 
LZ  801 ;  WI 7  830,  s  1778;  KW  32  I,  52  f . 
(Schumann);  ZB  43  [Baltische  Bl.  fiir 
Theat.  u.Kst.  1918,  35 — 45  (v.Schrenk)]; 
GT  1917;  M7VI,  1258;  KL  17  (W); 
BR  Mil,  453  (W). 

Kisch,  Enoch  Heinrich,  Dr.  tned.,  Reg.-Rat, 
em.  a.o.  Professor  der  Balneologie  a.  d. 
deutschen  Universitat  Prag,  Badearzt  in 
Marienbad;  *  Prag  6.  V.  1841 ;  f  Marien- 
bad  24.  VIII.  —  W. :  Handb.  der  allgem. 
u.  spez.  Balneotherapie  (a  1875);  Balneo- 
therap.  Lexikon  (1897,  *)• —  MMW  1010; 
L  54,  84;  SozMH  1 166;  WI784o;  PBL 
859  f.  (P),  (W). 

Klebs,  Georg,  Dr.  phil.,  Geh.  Hofrat,  o.  Pro- 
fessor der  Botanik  a.  d.  Universitat  Hei- 
delberg, Direktor  des  Botan.  Instituts  u. 
des  Botan.  Gartens;  *  Neidenburg  23.  X. 
1857;  t  Heidelberg  15.  X.  —  W.:  Will- 
kiirliche  Entwicklungsanderungen  bei 
Pflanzen  (1903);  t)ber  die  Rhythmik  in 
der  Entwicklung  der  Pflanzen  ( 1 9 1 1 ) ; 
Erinnerungen  an  Jakob  Burckhardt  (1 91 9). 
—  FZ  17.X.  (A.-Bl.) ;  LpZ  20.  X.;LZ  857; 
SozMH  1 1 54;  L  55,  35  f.  (Kuster);  N  6, 
681—683  (Kuster) ;  Jahrb.  AdW  Miinchen 
19 19,  72  f.(Goebel);  M  7  VI,  1389  f. 


694 


Totenliste  19 18:  Kleinpaul — Koeselitz 


Kleinpaul,  Rudolf,  Dr.  phil.,  Reiseschrift- 
steller  u.  Ethnograph;  *  Grottgrabe  bei 
Kamenz  9.  III.  1845;  t  Leipzig  18.  VII. 

—  W.:  Rom  in  Wort  u.  Bild  (2  Bde., 
1882/83);  Neapel  u.  Umgebung  (*  1884); 
Ital.  Sprachfuhrer  (*  1901);  Fremdwort 
im  Deutschen  (8  1905) ;  Deutsches  Fremd- 
worterbuch  (*  1911);  Die  deutschen  Per- 
sonennamen  (1909).  —  LpZ  25.  VII.; 
LE  20,  1453;  LZ  608;  PM  64,  227;  Ecce 
Meiflen  23,  84;  M 7  VI,  1404  (W);  KL  17 
(W). 

Klimt,  Gustav,  Kunstmaler,  Vorsitzender 
der  Wiener  Sezession;  *  Baumgarten  be! 
Wien  14.  VII.  1862;  f  Wien  6.  U.  — 
W.:  Deckengemalde  fiir  die  Aula  der 
Wiener  Universitat  (1903;  wurde  zu- 
riickgewiesen).  —  FZ  11.  II.  (A.-Bl.) ; 
MS  II,  356,  VI,  159;  WI'850;  LZ  153; 
SozMH  266  u.  268;  IZ  3895  (P);  Kchr, 
NF  29,  31,  Sp.  217 — 220  (Tietze) ;  Osterr. 
Rdsch.  54,  187 — 189;  ZB  42  [Cicerone  X, 
85  (Gluck);  Die  Kunst  fur  Alle  33,  230; 
Dtsch.  Kunst  u.  Dekoration  41,  390 
(Lux);  Dtsch.  Wille,  112;  Der  Turmer 
678  (Storck);  Velh.  &  Klas.  Monatsh., 
Mai  1918,  21 — 32  (Servaes);  Wieland 
1918,  2,  H.  8  (Zoff);  Donauland2  (1918), 
90  (RoBler)];  Neue  osterr.  Biogr.  I,  3, 
S.  82 — 89  (Tietze),  (P)  [Max  Eisler, 
Gustav  Klimt  (1920);  G.  Gluck,  G.  K. 
(192 1) ;  Das  Werk  von  G.  K.,  60  Kunstbl. 
(1918);  G.  K.,  25  Handzeichn.,  Vorw.  v. 
H.  Bahr;  Faistauer,  Neue  Malerei  in 
Osterreich;  Die  bildenden  Kiinste  II,  1/2 ; 
Die  graphischen  Kiinste  191 2,  49];  ZB  42 
[Friede  I,  114];  Max  Rofller,  In  memo- 
riant  G.  K.  (1926);  M  7  VI,  1421 ;  TB  XX, 
504 — 506  (Tietze),  (W),  [Ausfuhrl.  Lite- 
raturiibersicht !] ;  Kchr  29,  217;  Die  bil- 
denden Kiinste  II,  1/2 . 

Klupfel,  Gustav  v..  Dr.,  President  d.  Wiirt- 
tembergischen  Bergrats  u.  Munzamts 
a.  D.,  Oberbergrat;  *  Tubingen  13.  VII. 
1842;  f  Stuttgart  25.  VII.  —  W.:  Die 
Gold-  u.  Silberproduktion  u.  ihr  Einflufi 
auf  die  Wahrung  (1895).  —  FZ  26.  VII. 
(A.-Bl.);  WN  192;  DGK. 

t&Knapp,  Ludwig,  Dichter;  *  Tubingen 
20.  V.  1889;  gef.  in  Frankreich  29.  III. 

—  W.:  Nachgel.  Gedichte,  Geleitw.  v. 
H.  Hesse  (1918).  —  WN  27 — 30  (Marie 
Knapp);  SchwM,  Wochenausg.  1928,  16 
(Planck). 

Robert,  Rudolf,  Dr.  nted.,  Geh.  Med.-Rat, 
o.  Prof,  der  Phannakologie,  Direktor  des 
Instituts  fiir  Phannakologie  und  physik. 
Chemie  a.  d.  Univ.  Rostock,  a.o.  Mitglied 
des  MedizinalkoUegiums  im  Groflherzogt. 
Mecklenburg.-Schw. ;    •   Bitterfeld   3.   I. 


1854;  f  Rostock  27.  XII.  —  W.:  Kom- 
pendium  der  Toxikologie  (6  19 1 2) ;  Arznei- 
verordnungslehre  (4  1913) ;  Lehrbuch  der 
Pharmakotherapie  (*i9o8);  Lehrbuch 
der  Intoxikationen  (II,  95/97*  02/13); 
Uber  die  Verwendung  von  Blut  zur  Nah- 
rung  (*  1916).  —  DGK;  SozMH  362; 
WI786s;  Univ.-Kal.  1919/20;  M7VI, 
1400;  KL  17  (W);  PF  V,  647  (W);  PBL 
873  f-  (P).  (W). 

Kolb,  Wilhelm,  Sozialist,  Mitglied  des  bad. 
Landtags;  *  Karlsruhe  21.  VIII.  1870; 
f  Karlsruhe  18.  IV.  — FZ  19.  IV.  (A.-Bl.) ; 
SozMH  434  u.  437;  ZB  42  [Glocke  4,  123 
bis  126  (Haenisch)]. 

K811e,  Konrad  v.,  wurttemb.  Wirkl.  Staats- 
rat  u.  o.  Mitglied  des  Geh.  Rats,  ExzeUenz, 
Mitglied  des  Verwaltungsgerichtshofs  u. 
des  Disziplinarhofs;  *  Ulm  25.  I.  1825; 
f  Stuttgart  14.  IX.  —  FZ  15.  IX.; 
SchwM.,  Nr.  433  u.  434;  WN  193. 

Kollmann,  Julius,  Dr.  nted.  et  phil.,  em. 
o.  Prof,  der  Anatomie  a.  d.  Univ.  Basel; 
*  Holzheim  (Pfalz)  24.  II.  1834;  f  Basel 
23.  VI.  —  W. :  Lehrb.  der  Entwicklungs- 
geschichte  des  Menschen  (1898);  Pla- 
stische  Anatomie  des  menschl.  Korpers 
fiir  Kunstler  (»  1901).  —  LpZ  2.  VII.; 
FZ  25.  VI.;  LZ  573;  IZ  3916  (P);  MMW 
748;  ZB  43  [Corresp.-Bl.  fur  schweiz. 
Arzte48,  1685  (Corning)];  M7VI,  1534 
(W);  KL  17  (W);  PBL  896  f.  (P),  (W). 

Kollsko,  Alexander,  Dr.  phil.,  Hofrat,  o. 
Prof,  der  patholog.  Anatomie  a.  d.  Univ. 
Wien;  •Wien,6.XI.  1857;  f  Wien23.II. 

—  FZ  6.  III.  (A.-Bl.);  LpZ  1.  III.; 
SozMH  631;  MMW  65,  282;  L  $4,  63; 
ZB  42  [WKW  31,  265];  AA. 

Korenber,  Paul,  Geh.  Oberreg.-Rat,  Vor- 
trag.  Rat  im  Reichsschatzamt,  Presi- 
dent der  Oberzolldirektion ;  *  Belzig 
8.  II.  1856;  f  Berlin  28.  VIII.  —  DGK; 
WI7890,  8  1778. 

Koeselitz,  Heinrich  [Pseudonym:  Peter 
Gast],  Komponist,  Philosoph,  Nietzsche- 
Forscher;  *  Annaberg  10. 1. 1854;  f  Anna- 
berg  16.  VIII.  —  W.:  Scherz,  List  und 
Rache  (Oper);  Der  Lowe  von  Venedig 
(Oper);  Helle  Nachte  (Sinfonie);  Ein- 
fiihrungen  in  Nietzsches  Werke ;  Herausg. 
von  Nietzsches  Brief  en  an  Peter  Gast 
(1908) ;  Die  Briefe  P.  G.s  an  Fr.  Nietzsche, 
herausg.  von  A.  Wendt,  2  Bde.  (1925  f.). 

—  LpZ.  19.  VIII.;  HambFBl,  Wochen- 
ausg. 203;  LZ  676;  SozMH  986;  IZ  3922 
(P);  LE  21,  57;  AMZ  45,  394—396 
(Schiinemann) ;  WI7494,  8  1774;  JP  83 
[NMZ  39,  317  und  40,  129;  NZfM  208; 
Klavierlehrer  138;  DTonkZtg  68;  RMTZ 
220];  ZB  43  [Monogr.  modern.  Musiker 


Totenliste  19 18:  Kraft — Kunsemiiller 


695 


I  (1906),  75 — 80  (Brieger-Wasservogel) ; 
Der  Turmer,  Sept.  1918,  558 — 561 
[Storch)];  M  7  IV  1477;  KL  17  (W);  Der 
Turmer,  H.  27,  12  (Sept.  1925),  S.  547  bis 
550  (Oehler);  AA. 

Kraft,  Max,  Dr.,  em.  o.  Prof,  der  chemischen 
Technologie  a.  d.  Techn.  Hochschule 
Graz;  *  Eisenerz  10.  X.  1844;  f  Wien 
im  I.  —  W.:  Grundrifi  der  mechan. 
Technologie  (4i903);  Das  System  der 
techn.  Arbeit  (1902).  —  LpZ  1.  II.;  LZ 
133;  SozMH  661;  ZB  42  [Technik  und 
Wirtschaft  11,  90  (Sinner)];  KL  17  (W). 

*Krauel,  Richard,  Dr./'wr.,kaiserl.  Gesandter 
(1894— 1898  in  Rio)  a.  D.,  Wirkl.  Geh. 
Rat,  Exzellenz,  Honorarprofessor  des 
Staatsrechts  a.  d.  Univ.  Berlin;  *  Liibeck 
12.  I.  1848;  |  Freiburg  i.  B.  2.  XII.  — 
W.:  Prinz  Heinrich  von  Preuften  als 
Politiker  (1902)  u.  a.  —  DGK;  WI6; 
M7VII,  94;  KL  17  (W);  DBJ  273/277 
(Michael). 

Kraus,  Karl,  Dr.  phil.,  Geh.  Hofrat,  o.  Prof, 
der  Land  wirtschaft  an  der  Techn.  Hoch- 
schule Miinchen.  *  Stadtamhof  (Ober- 
pfalz)  5 . 1.  185 1 ;  f  Miinchen  1 5.  X.  —  FZ 
2 1  .X.  (A.-Bl.) ;  LZ  857 ;  SozMH  1236.  AA. 

Krause,  Martin,  Professor,  Pianist  und 
Musikgelehrter,  Lehrer  am  Sternschen 
Konservatorium  in  Berlin;  *  Lobstadt 
17.  VII.  1853;  f  Plattling  (Niederbayern) 
2.  VIII.  —  LpZ  5.  u.  6.  VIII;  DGK;  JP 
84  [Klavierlehrer  129;  AMZ  363  u.  463; 
Signale  548;  Zeitschr.  f.  Instr.-Bau  38, 
352;  RMTZ  210;  Dtsch.  Tonk. -Zeitschr. 
70];  LZ  657;  SozMH  986;  ZB  43  [Musik- 
padag.  Blatter  129  (Frey)];  R  678; 
FAT  200. 

Krause,  Max,  Geh.  Baurat,  Direktor  der 
A.  Borsig  Berg-  und  Hiittenverwaltung 
Borsigwerke  (Oberschlesien) ;  *  Breslau 
21.  V.  1853;  |  Berlin  1 1.  VII.  —  VDI  62, 
583  f  (Fehlert)  (P) ;  JSTG  1919,  158—163 
(Fehlert);  ZB  43  [Schillings  Journal  fur 
Gasbeleuchtung  61,  395;  Verh.  d.  Ver.  z. 
Forderung  des  GewerbefleiCes  19 18,  109 
bis  1 12];  DGK;  StE  38,  742  f.  (P). 

Kretschmer,  Otto,  Geh.  Marineoberbaurat, 
Professor  fiir  praktischen  Schiffbau  a.  d. 
Techn.  Hochschule  in  Charlottenburg; 
*  Frankfurt  a.  0.  28.  III.  1849;  t  Berlin 
6.  XII.  —  JSTG  20  (1919),  163  f. 

*Kr6cher,  Jordan  v.,  Wirkl.  Geh.  Rat,  Ex- 
zellenz, Rittergutsbesitzer,  Kur-  u.  neu- 
mark.  Hauptritterschaftsdirektor,  1898 
bis  191 2  Prasident  des  preuBischen  Ab- 
geordnetenhauses,  1898 — 191 3  M.  d.  R. 
(Konserv.) ;  *  Isenschnibbe  (Altmark) 
23.  V.  1846;  f  Vinzelberg  (Altmark) 
10.  I.  —  LpZ  13.  I.;  IZ  3891  (P);  WI7 


913.  8  1779;  MWB1  102,  Nr.  S3;  RH  1912., 
301  f.  (P);  UAT  1924;  M7VII  225; 
DBJ  277/279  (v.  Gerlach). 

Krfiger,  Timm,  Justizrat,  Rechtsanwalt  u. 
Notar  a.  D..  holstein.  Heimatdichter ; 
•  Haale  (Holstein)  29.  XI.  1844;  Kiel 
29.  III.  —  W.:  Gesamtausgabe  seiner 
Novellen  (6  Bde.,  1916)  (Neuausgabe 
1918).  — FZ  31.  III.  (2.M.-B1.)  u.  3.  IV. 
(A.-Bl.) ;  LE  20,  944  u.  913  f.  [Kieler  Ztg. 
151;  LNN  93 ;  Weserztg.  228 ;  TR.,  Unt.- 
Beil.  78;  Altonaer  Nachr.  156];  KW  31. 
III.,  54;  LZ  308;  WI  7  913, 8  1779;  SozMH 
653;  IZ  3903  (Wolff)  (P);  ZB  42  [Das 
Land  26,  165  (Dohse) ;  Konserv.  Mschr. 
75.  59°  (Benzmann) ;  Westerm.  Mhe.  335 
his  339  (Boedewadt);  Dtsch.  Schrifttum 
III,  134;  Mitteil.  aus  dem  Quickborn 
1 1 ,  83] ;  ZB  43  [Die  liter.  Ges.  4,  281—284 
(Gerhard);  Volksbildung  48,  86  (H.  v. 
Zobeltitz);  Die  Heimat  1918,  161 — 165; 
Westerm.  Mhe.  19 18/19,  Sept.  bis  Dez., 
S-  33—38,  189—196.  371—378];  M7  VII, 
226  (W);  KL  17  (W).  G.  Falke:  Timm 
K.  (1908);  Boedewadt:  T.  K.,  Ein  deut- 
scher  Dichter  eigner  Art  (19 16);  ders. : 
T.  K.-Gedenkbuch  (1920);  Schriewer: 
T.  K.  als  Dichter  fiir  die  Heimat  (1924). 

Kuckuok,  Paul,  Dr.  phil.,  Professor,  Kustos 
fiir  Botanik  an  der  Biolog.  Anstalt  auf 
Helgoland;  •  Petricken  (Ostpr.)  24.  V. 
1866;  f  Berlin  14.  V.  —  W. :  Der  Strand- 
wanderer  (8  1922);  Der  Nordseelotse 
(1924);  Beitr.  zur  Kenntnis  der  Meeres- 
algen  (1897 — J9i 2).  —  LZ  429;  DGK; 
SozMH  976;  WI7925. 

Ktthl,  Ernst,  Dr.  phil.,  Geh.  Konsistorial- 
rat,  o.  Prof,  der  neutestamentl.  Exegese 
a.  d.  Univ.  Gottingen;  *  Wisbuhr  bei 
Koslin  29.  IV.  1861;  f  Arosa  9.  VI.  — 
FZ  14.  VI.  (A.-BL);  ELK  51,  5501".;  LZ 
509;  WI7927;  KJ   1918,  616  f. 

Kummer,  Karl  Ferdinand  Edler  v.,  Dr. 
phil.,  Hofrat,  Landesschulinspektor  in 
Wien ;  *  Linz  3 1 .  V.  1848 ;  f  Wien  2.  VIII. 
—  W. :  Dtsch.  Leseb.  fiir  osterreich.  Gym- 
nas.  (9  Bde.,  8  1903);  Dtsch.  Schulgram- 
matik  (8  191 1);  Einf.  in  die  Gesch.  der 
dtsch.  Lit.  (u  1913).  —  WI7935,  8  l779, 
KL  17   (W). 

igi  Kunsemuller,  Ernst,  Dr.  phil.,  akadem. 
Musikdirektor  a.  d.  Univ.  Kiel;  *  Rehme 
(Westfalen)  24.  VI.  1885;  |  (an  Ver- 
wundung  gest.)  Diisseldorf  25.  IV.  — 
W. :  Klavierstiicke  und  Lieder.  —  LZ 
368;  JP84  [RMTZ  109  u.  282;  AMZ  214; 
Signale  372;  Stimme  12,  337;  NMZ  39, 
233;  NZfM  114;  Klavierlehrer  75; 
DTonkZtg  55];  A  254;  R  692  (W) ; 
NML  357  f.  (W);  FAT  207;  A  A. 


696 


Totenliste  19 18:  Laband — Listen 


Laband,  Paul,  Dr.  jut.,  Dr.  jur.  h.  c,  Wirkl. 
Geh.  Rat,  Exzellenz,  o.  Prof,  des  Staats- 
rechts  a.  d.  Univ.  Strafiburg,  Mitglied  der 
AdW  Bologna,  Mitglied  der  I.  Kammer 
und  des  Staatsrats  von  Elsafl-Lothringen, 
Begr.  und  Mitherausgeber  der  Deutschen 
Juristenzeitung,  Herausgeber  d.  Jahr- 
buchs  des  of f entl.  Rechts  und  des  Archivs 
fur  offentl.  Recht;  *  Breslau  24.  V.  1838; 
t  StraBburg  i.  E.  23.  III.  —  W.:  Das 
Staatsrecht  des  Dtsch.  Reichs  (4  Bde., 
5  191 1 — 1914).—  LpZ  25.  III.;  SozMH 
495  f.  (Heinemann)  u.  1225;  LZ  289; 
WI7  942,  8  1779;  Dtsch.  Juristenzeitung 
265  (Anschutz);  M7VII,  415;  KL  17 
(W). 

Laemmer,  Hugo,  Dr.  theol.  et  phil.,  Pralat, 
Geh.  Reg.-Rat,  o.  Prof,  der  Kirchenge- 
schichte  und  des  Kirchenrechts  a.  d. 
Univ.  Breslau,  Senior  der  kathol. -theol. 
Fakultat,  apostol.  Protonotar;  *  Allen- 
stein  25.  I.  1835;  t  Breslau  6.  I.  —  W.: 
Institutionen  des  kathol.  Kirchenrechts 
(*i892).  —  LpZ.  8.  I.;  LZ  65;  HPSt 
1918;  FZ  9. 1.  (A.-Bl.) ;  Jahrb.  der  Schles. 
Ges.  96  (1 9 1 8),  S.  45— 49  (Rosier);  WI  7 
943;  KL  17  (W). 

Lampe,  Emil,  Dr.  phil.,  Dr.-Ing.  e.h.,  Geh. 
Reg.-Rat,  o.  Prof,  der  Mathematik  a.  d. 
Techn.  Hochschule  Berlin,  Redakteur 
der  Jahrbucher  iiber  die  Fortschritte  der 
Mathematik;  *  Gollwitz  23.  XII.  1840; 
1 4.  IX.  (ira  Eisenbahnzuge  Braunschweig 
—  Berlin) .  —  W. :  Die  reine  Mathematik 
1884— 1899  (1899).  —  LpZ  9.  IX.; 
SozMH  1919,  64;  L  54,  66 — 68;  ZB  43 
[Universum  24,  96];  WI7946;  KL  17 
(W);  PF  V,  702  f.  (W). 

Lamport,  Kurt,  Dr.  phil.,  Professor,  Ober- 
studienrat,  Vorstand  des  Kgl.  Naturalien- 
kabinetts  (seit  1892) ;  *  Ippesheim  30.  III. 
1859;  t  Stuttgart  21. 1.  —  W. :  Das  Leben 
der  Binnengewasser  (1899,  8  1925); 
Herausg.  des  Naturwissenschaftl.  Weg- 
weisers  (seit  1908).  —  FZ.  22.  I.  (2.  M.- 
Bl.);  SozMH  260;  GA  199  (Pfeiffer);  LZ 
108;  WN  1 — 6  (Eichler) ;  Jahreshefte  des 
Ver.  fiir  vaterl.  Naturk.  in  Wurttemberg 
74,  S.  X— XXII  (Eichler);  ZB  43;  M7 
VII,  495  f-:  KL  17  (W). 

Landerer,  August,  Landgerichtsprasident 
in  Stuttgart,  1894 — 1906  Prasident  der 
wiirttemb.  Synode,  lebenslangl.  Mitglied 
der  wiirttemb.  I.  Kammer;  *  Biberach 
2. 1.  1829;  j  Stuttgart  26.  XI.  —  WN  58 
bis  64  (Klett). 

Landsman,  s.  Fallot-Landsman . 

Laske,  Friedrich,  Geh.  Baurat,  o.  Prof,  der 
Architektur  a.  d.  Techn.  Hochschule 
Berlin;    *    Konigsberg    25.    III.    1854; 


t  Berlin  19.  II.  —  FZ  26.  II.  (A.-Bl.) 
LpZ  29.  II. ;  LZ  22 1 ;  WI  7  960. 

*  Launhardt,  Wilhelm,  Dr.-Ing.  e.  h.,  Geh. 
Reg.-Rat,  Prof,  des  Ingenieur-Bauwesens 
a.  d.  Techn.  Hochschule  Hannover,  Mit- 
glied der  Akademie  des  Bauwesens,  le- 
benslangl. Mitglied  des  preuB.  Herren- 
hauses;  •  Hannover  7.  IV.  1832;  f  Han- 
nover 14.  V.  —  W. :  Am  sausenden  Web- 
stuhl  der  Zeit  (8  1917).  —  LZ  453; 
SozMH  1240;  MdT  151;  VDI  62,  337; 
ZBV,  38,  218;  KL  17  (W);  DBJ  279/282 
(Hoyer)   (W). 

Lautenburg,  Siegmund.  Geh.  Intendanzrat, 
bis  1904  Theaterdirektor  (Residenz- 
theater  in  Berlin,  Raimundtheater  in 
Wien);  •  Budapest  11.  IX.  185 1;  f  Ma- 
rienbad  22.  VII.  —  FZ  23.  VII.  (1.  M- 
Bl.),  24.  VII.  (A.-BL);  LpZ  23.  VII.;  IZ 
3918  (P) ;  SozMH  861  f .  (Zepler)  u.  1 105  ; 
ZB  43  [Allgem.  Zt.  d.  Judentums  1918, 
366  (Landau)];  WI796s. 

Lauterbach,  Johann(es)  Christoph,  Hofrat, 
Kgl.  Konzertmeister  und  Lehrer  am 
Konservatorium  (bis  1877)  a.  D.,  Violin- 
spieler;  *  Kulmbach  24.  VII.  1832; 
t  Dresden  28.  III.  —  W.:  Konzertpolo- 
nase;  R6verie;  Tarantella.  —  JP  84 
[NZfM  91;  DTonkZtg  38;  AMZ  166; 
NMZ  39,  213;  Stimme  12,  190;  Klavier- 
lehrer  75];  M 7  VII,  681;  R  717  (W); 
A  263;  FAT  216. 

Lehmann,  Karl,  Dr.  jur.,  Geh.  Justizrat, 
o.  Prof,  des  Handels-  und  deutschen 
Rechts  a.  d.  Univ.  Gottingen,  Heraus- 
geber der  Zeitschr.  fiir  das  ges.  Handels- 
recht;  *  Tuchel  (Westpr.)  11.  X.  1858; 
t  Bonn  a.  Rh.  5.  IV.  —  W. :  Lehrbuch  des 
Handelsrechts  ('1921);  Abhandlungen 
z.  germanischen  Rechtsgeschichte  (1888). 

—  FZ  11.  IV  (A.-BL);  LZ  328;  SozMH 
1225;  HPSt  1918;  WI7973;  KL  17  (W). 

—  W.  Golther:    Gedenkworte   an  K.  L. 
(1918). 

Lehmkuhl,    Augustinus,    kathol.    Priester 
S.J.,Schriftsteller;  *Hagen23.IX.  1834 
t  Valkenburg  (Niederl.)  23.  VI.  —  W. 
Theologia  moralis  (2  Bde,  la  1905);  Me- 
dulla  pietatis   (10  1908);   Der  christliche 
Arbeiter   (4  1904).  —  WI7976,   8  1779; 
ZB  43  [Stimmen  der  Zeit  95,  417];  M7 
VII,   766;  KL   17   (W);  KR   14  (1914) 
365  f.  (W). 

Leist,  Alexander,  Dr.  jur.,  Geh.  Justiz- 
rat, o.  Prof,  des  rom.  u.  deutsch.  burgerl. 
Rechts;  *  Jena  17.  X.  1862;  f  Gottingen 
3.  XII.  —  FZ  9.  XII.  (A.-BL);  LZ  976; 
WI7979. 

Leisten  Jakob  (us),  Prosessor,  Kunstmaler; 
•  Diisseldorf  25.  III.  1845;  t  Dusseldorf 


Totenliste  1918:  Leonhard — Mandl 


697 


21.  XI.  —  Kchr,  NF  30,  140;  WI  7  979 
(W);  MS  II.  488  (W).  V,  185,  VI,  175- 

gj  Leonhard,  Carl,  Architekt  in  Frankfurt 
a.  M.;  *  Frankfurt  a.  M.  24.  VIII.  1881; 
gef.  in  Frankreich  16.  V.  —  Kchr,  NF29, 
472  u.  117  f.  (Hoebers  Gedachtnisaus- 
stellung  im  Kunstgewerbemuseum  in 
Frankfurt  a.  M.);  AA. 

Lesser,  Edmund,  Dr.  med.,  Geh.  Med.-Rat, 
o.  Prof,  der  Dermatologie  und  Direktor 
der  Poliklinik  fiix  Haut-  und  Geschlechts- 
krankheiten  a.  d.  Univ.  Berlin,  Begriinder 
der  modernen  Dermatologie  und  Syphi- 
lidologie;  *  Neifle  12.  V.  1852;  f  Berlin 
7.  VI.  —  W.:  Lehrbuch  der  Haut-  und 
Geschlechtskrankheiten  [2  Teile,  14  1927]. 
—  FZ  8.  VI.  (2.  M.-Bl.) ;  MMW  664  und 
682  (Zumbusch);  ZB  42  [Med.  Kl.  14, 
608];  SozMH  1 166;  ZB  43  [Correspon- 
denzbl.  f.  Schweizer  Arzte  48,  1284 
(Bloch) ;  Dermatol.  Wochenschr.  19 18, 
520—523  (Buschko);  BKW  55,  655 
(Bruhns);  DMW  44,  751  (Blaschko); 
Zeitschr.  f.  arztl.  Fortbildung  15,  358 
(Pulvermacher) ;  Dermatolog.  Zeitschr. 
26,  65—70];  \VI7989;  M'VII.  878; 
KL17;  PBL993MP)-(W). 

Lefimann,  Otto,  Musikschriftsteller,  lang- 
jahr.  Herausgeber  der  Allgem.  Musik- 
Zeitung;  *  Riidersdorfer  Kalkberge 
30.  I.  1844;  f  Jena  27.  IV.  —  W. :  Franz 
Liszt  (1881).  —  AMZ45,  207  (P),u.  219  f. 
(Raabe)  u.  225;  LE  20,  1071;  JP  84 
[DTonkZtg  46;  Sign  ale  ^77,;  Klavierlehrer 
75;  NMZ  39,  233;  Musikal.  Rdschau 
(Diisseldorf)  51];  ZB42;  SozMH  657;  KL 
17;  R  731;  A  268;  NML376f.;  FAT  220. 

Leszcynski,  Paul  v.,  General  d.  Inf.  z.  D., 
Exzellenz,  Mitglied  des  preuflischen 
Herrenhauses,  Gutsherr  auf  Repten; 
♦Stettin  29.  XI.  1830;  f  Repten  (N-L) 
12.  II.  —  MWB1  102,  112;  HPSt  1918; 
DGK; AA. 

Lewandowsky,  Max,  Dr.  med.,  Professor, 
Privatdozent  der  Nervenheilkunde  an  der 
Universitat  Berlin,  Herausgeber  d.  Hand- 
buches  der  Neurologie  u.  der  Zeitschrift 
fiir  Neurologie  u.  Psychiatrie;  *  Berlin 
28.  VI.  1876;  t  Berlin  4.  IV.  —  FZ  11.  IV. 
(A.-Bl.) ;  MMW  65,  444 ;  L  54,  62 ;  LZ  328 ; 
SozMH  1 165 ;  ZB  42  [Mschr.  fiir  Psych,  u. 
Neurol.  44,  270;  DMW  44,  607  (Henne- 
berg) ;  Zschr.  f.  d.  ges.  Neurol,  u.  Psych. 
15,  Ref.  7,  H.  1   (Gaupp)];  AA. 

Liebenam,  Wilhelm  (Willy),  Dr.  phil.,  a.o. 
Professor  der  alten  Geschichte  a.  d.  Uni- 
versitat Jena,  Gymnasialoberlehrer  in 
Gotha;  •  Eisleben  15.  VII.  1859;  f  Gotha 
19.  IX.  —  FZ  25.  IX.  (A.-BL);  LpZ 
24.  IX.;  LZ  801;  KL  17  (W). 


Lieber,  Max,  Professor,  Landschaftsmaler; 

*  Kolberg  29. 1.  185 1 ;  |  Karlsruhe  3 1 . 1. 

—  LpZ  4.  II.;  WI7999  (W);MS  V,  188, 
VI,  178;  AA. 

Under,   Gottfried,    Professor,    1867 — 19 12 
Lehrer    des    Klavierspiels    am   Konser- 
vatorium  der  Musik  in  Stuttgart,  Ton- 
dichter;  *  Ehingen  22.  VII.  1842 ;  f  Stutt- 
gart 29.  I.  —  W.:  Dornroschen  (Oper 
1872);  Konradin  von  Schwaben   (Oper 
1879);  Waldlegende  (fiir  Orchester).  — 
LpZ  2.  II.;  JP  85  [AMZ  63 ;  NMZ  39,  16 
NZfM  36;  DTonkZtg  30;  RMTZ  45;  WN 
186 ;  SchwM  49] ;  SozMH  657 ;  R  744  ( W) 
A  271;  FAT  223;  AA. 

Loga,  Vabrian  v.,  Dr.  phil.,  Professor,  Ku 
stos  am  Kgl.  Kupferstichkabinett,  Kunst 
historiker;  *  Wichorsee  ( West preu  Ben) 
28.I.  1861;  f  Berlin  24.  VI.  —  Kchr, 
NF  29, 41 1— 417  (Fischel) ;  DGK;  LZ  549; 
ZB  43  [Cicerone  X,  220;  Jahrb.  der  Kgl. 
Preufi.  Kunstsammlungen,  Beibl.  39, 
237];  WI7  1028;  AA. 

Lottmann,  Fritz  Gerhard,  Dr.  phil.,  frie- 
sischer  Dichter;  *  Emden  7.  X.  1830; 
f  Oldenburg  2.  IX.  —  W :  Das  Hus  siinner 
Licht  (1919)-  —  LZ  782;  LE;  ZB  43 
[Weserland37]. 

&L6wenhardt,  Erich,  Oberleutnant  und 
Kampfflieger,  Ritter  des  Ordens  Pour  le 
mirite,  Sieger  in  53  Luftkampfen;  *  Bres- 
lau  7.  IV.  1897;  tuberChaulnes  10.  VIII. 

—  LpZ  13.  VIII.;  HambFBl,  Wochen- 
ausg.  205;  FZ  12.  VIII.  (A.-Bl.). 

Loewit,  Moritz,  Dr.  med.,  Hofrat,  o.  Pro- 
fessor der  experimentellen  Pathologie  an 
der  Universitat  Innsbruck;  *  Prag  27.  X. 
185 1 ;  f  Innsbruck  8.  X.  —  W.:  Pro- 
blem e  der  patholog.  Physiologie  (1916); 
Infektion  u.  Immunitat  (192 1).  —  LpZ 
20.  X.;  FZ  17.  X.  (A.-Bl.);  LZ  857; 
SozMH  1154;  WI  7  1027  (W);  ZB  43 
[WKW  31.  1357  (Bayer)];  KL  17  (W) ; 
PBLio39(W). 

Mack  ay,  Benjamin  Karl  [Ben  Lawrence] 
Freiherr    v.,    politischer    Schrif  tsteller ; 

*  Koln  a.  Rh.  2.  IX.  1870;  |  am  Kar- 
wendel  18.  VII.  —  W.:  Die  moderne 
Diplomatic  (1915).  —  LpZ  19.  VII.;  FZ 
18.  VII.  (A.-Bl.);  LE  20,  1452;  DKZ  35, 
i25;KLi7  (W). 

Mandl,  Richard,  Komponist;  *  Proflnitz 
(Mahren)  9.  V.  1859;  f  Wien  1.  IV.  — 
W. :  Griseldis  (symphon.  Dichtung,  1909) ; 
Gesang  der  Elf  en  (Frauenchor  mit  Orche- 
ster,  19 10);  Rencontre  imprivue  (Oper). 

—  SozMH  657;  NMZ  38,  289  (Hoffmann) 
(P);  JP  85  [AMZ  172;  NZfM  91;  Signale 
300;  RMTZ  no;  DTonkZtg  47];  ZB  43; 


698 


TotenHste  19 18:  Mannkopf — Mitscherlig 


R  777  (W);  A  283  (W);  NML  402  (W); 
FAT  237. 
Mannkopf,  Emil  Wilhelm,  Dr.  tned.,  Geh. 
Med. -Rat,  o.  Professor  der  speziellen 
Pathologie  an  der  Universitat  Marburg; 
*  Pasewalk  5.  VI.  1836;  |  Marburg  15.  I. 

—  LpZ  18.  I.;  LZ  89;  SozMH  1165; 
DGK;  MMW  6s,  144;  HPSt  1918;  L  54,2  ; 
KL  17;  PBL  1086  f.  (W).  (P). 

Marenzeller,  Emil  Edler  v.,  Dr.  med.,  Pro- 
fessor a.  d.  Technischen  Hochschule, 
Kustos  der  Zool.  Abteilung  am  Natur- 
histor.  Hofmuseum  i.  R.,  korresp.  Mit- 
glied  der  AdW  Wien;  *  Oberdobling  b. 
Wien  18.  VIII.  1845  ;  t  Wien  6.  XII.  — 
SozMH  1919,  51;  WI7  1069;  Almanach 
AdW  Wien  1 919,  138  f.   (Grobben);  AA. 

Marie  Therwe,  Konigin  von  Bayern,  geb. 
Erzherzogin  von  Osterreich-Este;  •Briinn 
2.  VII.  1849;  t  Wildenwarth  13.  XI.  — 
DGK;  GH  1920. 

MaBlow,  Oskar,  Dr.,  Professor,  Oberbiblio- 
thekar  a.  d.  Universitatsbibliothek  Bonn, 
Bearbeiter  der  Bibliographic  der  deut- 
schen  Geschichte;  *  Hannover 8.  V.  1855  ; 
t  Bonn  20.  V.  —  DGK;  LZ  472;  SozMH 
1097;  JB  1920,  179. 

Materna,  Amalie,  verehel.  Friedrich,  Wag- 
ner-Sangerin,  1869 — 1894  Primadonna 
der  Wiener  Hofoper;  *  St.  Georgen 
(Steiermark)  10.  VII.  1845;  t  w*en  18. 1. 

—  Briinhilde  der  ersten  Bavreuther  Fest- 
spiele,  1882  Kundry.  —  LpZ  19.  I.;  IZ 
3892  (Chop)  (P);  SozMH  220;  JP  85 
[NMZ  39,  161  u.  180;  Signale  191;  Kla- 
vierlehrer  25 ;  RMTZ  31 ;  NZfM  24  u.  36; 
Musikal.  Rdsch.  (Diisseldorf)  V,  42; 
DTonkZtg  2 1] ;  R  794 ;  A  289 ;  NML  411; 
FAT  243. 

Matthiafi,  Bernhard,  Dr.  jur.,  Geh.  Justiz- 
rat,  em.  o.  Professor  des  rom.  u.  biirgerl. 
Rechts  a.  d.  Universitat  Rostock;  *  Lop- 
pow  b.  Landsberg  a.  W.  26.  V.  1855; 
f  Dessau  21.  IV.  —  W.:  Lehrbuch  des 
biirgerl.  Rechts  (2  Bde.,  7  1914);  Rechts- 
falleund  Rechtsfragen  (2  Bde.,  1910/12). 

—  LZ  368;  SozMH  1226;  WI  7io8^; 
KL17  (W);  AA. 

Matthleu,  Theodor,  Wirkl.  Geh.  Legations- 
rat,  Direktor  der  Konsularabteilung  des 
Auswartigen  Amtes ;  *  Rotenburg  an  der 
Fulda  3.  VIII.  1861 ;  f  Berlin  15.  VII.— 
LpZ  15.  VII.;  FZ  18.  VII.;  WI*i78i; 
DGK;  AA. 

Maurer,  Heinrich,  D.  theol.,  Wirkl.  Geh. 
Oberkons.-Rat,  Generalsuperintendentd. 
nassauischen  Landeskirche  a.  D.;  *  Bad 
Schwalbach  1834;  f  Wiesbaden22.  I.  — 
W. :  Handb.  zum  evang.  Katechismus 
(1896.  *  1901).  —  KJ  1918,  618. 


Meinardus,  Otto,  Dr.  phil.,  Geh.  Archivrat, 
Archivdirektor  des  Staatsarchivs  in  Bres- 
lau;  *  J  ever  4.  V.  1854;  f  Bad  Kissingen 
24.  V.  —  W.:  Protokolle  des  Branden- 
burg. Geh.  Rats  aus  der  Zeit  des  Gr.  Kur- 
fursten  (6  Bde.,  1889/97) ;  *>er  Katzeneln- 
bogische  Erbfolgestreit  (2  Bde.,  1889  bis 
1 901).  —  LZ  472;  Schles.  Geschichtsbl. 
1918,  49;  Jahrb.  d.  Schles.  Ges.  96  (1918), 
53—55  (Loewe);  WI7  1096;  KL  17  (W). 

Mentor,  Sophie,  geschiedene  Popper,  Pro- 
fessorin,  Klaviervirtuosin ;  *  Munchen 
29.  VII.  1846;  Stockdorf  b.  Munchen 
23.  II.  —  W.:  Zigeunerweisen  (fiir  Kla- 
vier  u.  Orchester).  —  FZ  27.  II.  (A.-Bl.) ; 
JP  85  [NMZ  39,  217;  AMZ  103  (Alt- 
mann);  Signale  201;  DTonkZtg  29; 
NZfM  60;  Klavierlehrer  42;  RMTZ  69]; 
SozMH  657;  ZB  42;  R  814;  A  296;  NML 
417;  FAT  249. 

Merensky,  Alexander,  D.  theol..  Dr.  med.. 
Missionssuperintendent  und  Missiona- 
inspektor  a.  D.,  Ehrenmitglied  der  Deut- 
schen  Kolonialgesellschaft;  *  Pan  ten  bei 
Liegnitz  8.  VI.  1837;  f  Berlin  22.  V.  — 
PM  64.  179;  L  54.  68;  DKZ  35,  109; 
E628;  WI7  1106,8  i78i;ZB43  [Allgem. 
Missionsztg.  45,  177];  KJ  1918,  618. 

Mez,  Adam,  Dr.  phil.,  o.  Professor  d.  orien- 
talischen  Sprachen  a.  d.  Universitat 
Basel ;  f  Basel  im  I .  -  W :  Die  Renaissance 
des  Islam  (1922).  —  LpZ  4. 1.;  FZ  3. 1.; 
LZ  65;  SozMH  448. 

Mlelke,  Hellmuth,  Dr.  phil.,  Chefredakteur 
der  Banner  Zeitung;  *  Stettin  23.  VIII. 
1859;  t  Barmen  12.  VII.  —  W.:  Der 
deutsche  Roman  (4  1912) ;  Geschichte  des 
deutschen  Romans  (8i9i2).  —  DGK; 
WI7ii26  (W);  KL  17  (W). 

Milan,  s.  Dore. 

Mirbach-Harff,  Wilhelm  Graf  v.,  kaiserl. 
Gesandter  des  Deutschen  Reiches,  Mit- 
glied  des  preuBischen  Herrenhauses ; 
•  Ischl  3.  VII.  1871;  f  Moskau  6.  VII. 
(ermordet).  —  FZ  7.  VII.  (2.  M.-Bl.), 
8.  VII.  (A.-Bl.),  9.  VII.  (2.  M.-Bl.); 
HambFBl,  Wochenausg.  200  u.  201 ; 
IZ  3916  (P);  E  802  (P);  SozMH  702  f.; 
DGK;  ZB  43  [Polit.  u.  Volksw.  Chronik 
d.  osterr.-ung.  Monarchie  191 8,  318]; 
GT  1920. 

Mitscherlig,  Alexander,  Dr.  phil.,  Professor. 
Chemiker,  Begriinder  der  Sulf it-Zellulose- 
Industrie,  Erfinder  des  Sulfit-Zellulose- 
Verf  ahrens,  Mitbegriinder  d.  Dtsch.  Chem. 
Gesellschaft;  *  Berlin  28.  V.  i836;|Obers- 
dorf  31.  V.  —  DGK;  IZ  3912  (P);  SozMH 
661;  MdT  [Chem.-Ztg.  40,  457;  Zschr.  f. 
angew.  Chemie  29,  229];  PF  V,  863  f. 
(W):  Ber.  d.  Dtsch.  Chem.  Ges.  51  (1918). 


Totenli9te  1918:  Mohtv— Nippold 


099 


Mohr,  Leo,  Dr.  med.,  o.  Professor  der  inne- 
ren  Medizin  an  der  Universitat  Halle, 
Direktordermed.Univ.-Klinik;  •Lustadt 
(Rhpf.)i2.VII.  1874;!  Halle  a.  S.31. XII. 

—  DGK;  LZ  58;  MMW66,  i33f.  (Volhard) 
(P) ;  ZB  44  [Zentralbl.  fiir  innere  Medizin 
40.  57  (v-  Noorden)];  AA. 

*  Mohr,  Otto,  Dr.  Ing.  e.  h.,  Wirkl.  Geh.  Rat, 
Exzellenz,  em.  o.  Professor  der  Mechanik 
a.  d.  Technischen  Hochschule  Dresden, 
Eisenbahn-     und     Wasserbauingenieur ; 

*  Wesselburen  18.  X.  1835;  f  Dresden 
2.  X.  —  W.:  Abhandl.  auf  dem  Gebiete 
d.  techn.  Mechanik  (3  1928) .  —  FZ  7.  X. ; 
VDI  62,  757  (Gehler)  (P) ;  MdT  178; 
DBZ  52,  381;  LZ  842;  SozMH  1109; 
PF  V,  868  (W);  E.Bahr:  O.M.  zum  80. 
Geb.-Tag(i9i6);  DBJ  282/285  (Gehler). 

Moraht,  Ernst,  Major  a.  D.,  Militarschrift- 
steller,  milit.  Mitarbeiter  des  Berliner 
Tageblatts,  der  Neuen  Freien  Presse,  des 
Pester  Lloyd  und  der  Blatter  der  ameri- 
kanischen  Hearst-Presse ;  t  Berlin  22.  III. 

—  W. :  Tage  des  Krieges  (2  Bde.,  1916). 

—  FZ  25.  III.  (M.-Bl.);  LE20,  944;  IZ 

3903   (P). 
Morris,  Max,  Dr.  med.,  Dr.  phil.  h.  c,  Lite- 
rarhistorischer  Schriftsteller   und   Arzt; 

*  Berlin  18.  X.  1859;  t  Berlin  26.  VIII. 

—  W.:  Goethe-Studien  (2  Bde.,  *  1902); 
Goethes  u.  Herders  Anteil  an  den  Frank- 
furter Gel.Anzeigen  (8  191  <;).  —  FZ6.IX. 
(1.  M.-Bl.)  (Witkowski) ;  LpZ  27.  VIII.; 
DGK ;  LE  2 1 ,  5  7 ;  LZ  720 ;  ZB  43  [Allgein . 
Ztg.  d.  Judentums  19 18,  536];  KL  17 
(W) ;  Behrend,  Gesch.  der  deutsch.  Philol. 
in  Bildern  (1927),  S.  66  (P). 

Moser,  Koloman,  Professor,  Maler,  Lehrer 
an  der  Kunstgewerbeschule  in  Wien, 
Mitbegriinder  der  Sezession  u.  der  Wiener 
Werkstatten;  *  Wien  30.  III.  1868; 
t  Wien  19.  X.  — W.H.  Bahr:  Das  Prin- 
zip;  mit  Dekorationsskizzen  von  K.  M. 
(*  191 2).—  FZ  20.  X.  (2.  M.-Bl.) ;  Oster- 
reich.  Rdsch.  57,  i44(Holzer)  ;LpZ24.X. ; 
SozMH  mi  u.  1 170;  Kchr,  NF  30,  62; 
WI7  1148,  8  1781. 

MOller,  Felix  v.,  Kaiserl.  Deutscher  Ge- 
sandter  a.  D.  (zuletzt  itn  Haag),  Wirkl. 
Geh.  Rat,  Exzellenz;  *  Paris  10.  I.  1857; 
f  Miinchen  20.  V.  —  FZ  23.  V.;  DGK; 
WI7  1 1 55  ;  AT  1917. 

MQller,  Johann,  Dr.  phil.,  Hofrat,  ein.  o. 
Professor  der  klass.  Philologie  a.  d.  Uni- 
versitat Innsbruck,  korresp.  Mitglied  der 
AdW  Wien;  *  Irmtraut  (Nassau)  12.  I. 
1832;  t  Innsbruck  20.  XI.  —  Almanach 
AdW  Wien  1919,  228 — 231   (Hauter). 

«gj  MOller,  Max,  kgl.  bayrischer  Leutnant 
u.  Kampfflieger,  Ritter  des  Ordens  Pour 


le  mirite,  Sieger  in  38  Luftsiegen;  *  Rot* 
tenburg  a.  L.  1.  I.  1887;   f  De*  Mooslede 
9.   I.  —  FZ  14.  I.  (A.-Bl.);   AA. 
Nagel,  Paul  Arthur,  Dr.  jur.,  sachsischer 
Justizminister,     Exzellenz;     *     Dresden 

14.  VIII.  1856;  f  Dresden  12.  V.  —  FZ 
13.  V.  (A.-Bl.) ;  LZ  408;  WI  7  1  i7q,8  1782  ; 
DGK;AA. 

Nagel  v.  Brawe,  Hans,  s.  Dincklage-Campe. 

Nelle,  Wilhelm,  D.  theol.,  o.  Professor  der 
protestantischen  Theologie  a.  d.  Univer- 
sitat   Minister,  Superintendent     a.     D.; 

*  Schwobber  (Hannover)  9.  V.  1849; 
f  Miinster  15.  X.  —  W.:  Aus  dem  evang. 
Melodienschatz  (*I904);  Geschichte  des 
deutschen  evangel.  Kirchenliedes  (6.Tsd., 
1909).  —  LpZ  20.  X.;  ELK  51,  990  und 
1052  f.;  WI7n8i;  ZB  43  [Mschr.  fiir 
Gottesd.  u.  kirchl.  Kunst  255 — 258 
(Spitta);  Die  Reformation  395  (Eick- 
hoff)];  KL  17  (W);  AA. 

Neufeld,  Karl,  Forschungsreisender,  der 
»Gefangene  des  Mahdit;  *  Dombrowken 
(Kr.Kulm)  4.  VII.  1856;  f  BeeHtzb.  Ber- 
lin 2.  VII.  —  W. :  In  Ketten  des  Kalifen. 

—  LpZ  9.  VII.;  DGK;  DKZ  35,109; 
ZB  43  [Derneue  Orient  III,  391];  AA. 

Neumann,  Ernst,  Dr.  med.,  Geh.  Med. -Rat, 
em.  o.  Professor  der  pathologischen 
Anatomie  an  der  Universitat  Konigs- 
berg,  Begrunder  der  modernen  Blut- 
lehre,  Entdecker  der  blutbild.  Funktion 
des  Knochenmarks  (1868)  und  des  myolo- 
genen  Ursprungs  der  Leukamie  (1869) ; 

*  Konigsberg  i.  Pr.  30. 1.  1834;  f  Konigs- 
berg  6.  III.  —  W.:  Blut  u.  Pigmente 
(191 7).  —  LpZ  10.  III.;  LZ  240;  SozMH 
631  u.  n66;ZB42[BKW  55,  364  (Baum- 
garten)];  HPSt  1918;  WI  7  1186,  8  1782; 
MMW  310;  ZB  43  [Zentralbl.  f.  allgem. 
Pathol,  u.  pathol.  Anatomie  29,  409  bis 
421];  L  54,  34  u.  58;  PBL  1202. 

NIppold,  Friedrich,  D.  theol.,  Dr.  phil., 
o.  Professor  der  Kirchengeschichte  der 
Universitat  Jena,  Mitbegriinder  des 
Evangelischen  Bundes,  Vorstandsmitgl. 
des  Gusta v- Adolf- Vereins;   *  Emmerich 

15.  IX.  1838;  t  Oberursel  (Taunus) 
4.  VIII.  —  W.:  Handbuch  der  neuesten 
Kirchengeschichte  (85  Bde.,  1880 — 1903). 

—  LpZ  6.  VIII.;  SozMH  11 58;  DGK; 
ELK  51,  727;  FZ  7.  VIII.  (2.  M.-Bl.)  u. 
8.  VIII.  (A.-Bl.);  LE  20,  15 16;  IZ  3921 
(P) ;  LZ  657 ;  WI 7  1 196  (W),  8  1782 ;  ZB43 
[Mhe.  f.  rhein.  Kirchen gesch.  XII,  318; 
Schweizer  Reformbl.  1918,  274;  Internat. 
kirchl.  Zschr.  VIII,  297 — 302  (Kurz) ; 
Die  Wartburg  191 8,  164  (Frey) ;  Schweiz. 
theol.  Zschr.  35,  112 — 118  (Miiller)]; 
KL  17  (W);  KJ  1919.  57o  f.  (W). 


700 


Totenliste  1918:  Oberbreyer — Philippi 


Oberbreyer,  Max,  Dr.  phil.,  Schrif tsteller ; 
*  Magdeburg  24.  VI.  1851;  f  Dresden 
1 1 .  XI.  —  W. :  Furstliche  Charakterziige 
(2i893).  —  LZ  915;  LE  21,  444;  WI7 
1206  (W);  KL  17  (W);  BR  •  V,  163  f. 
(W). 

Oehlmann,  Ernst,  Dr.  phil.,  Professor,  Real- 
gymnasialdirektor  a.  D.,  Vorsitzender  der 
Geographischen  Gesellschaft  in  Han- 
nover; *  Stade  21.  I.  1849;  f  Hannover 
23.  III.  —  Herausgeber  der  v.  Seydlitz- 
schen  Geographie  (26i9i4).  —  PM  64, 
82;  WI7  1211  (W),  81782;  ZB  42  [GA 
85 — 88  (Rohrmann) ;  Hannov.Geschichts- 
blatter  243];  KL  17  (W). 

Oesterlen,  Otto  v.,  Dr.  med.,  Medizinalrat, 
1897 — 19°^  °.  Hon.-Prof.  der  gerichtl. 
Medizin  a.  d.  Univ.  Tubingen,  Oberamts- 
arzt  i.  R.;  *  Murrhardt  14.  III.  1840; 
f  Tubingen  28.  V.  —  FZ  4.  VI.;  MMW 
636;  LZ  493;  WN  190;  WI7  1213;  PBL 
1224  f.   (W);  AA. 

#  Ostermayer,  Ernst  Ludwig,  Professor, 
Kunstmaler  und  Schrif  tsteller ;  Weil- 
heim  a.  d.  Teck  3.  XII.  1868;  |  (im  Felde 
als  Kriegsmaler)  19.  V.  —  WN  189; 
SchwM.373;  WI7  1227  (W);  MSV,  226, 
VI,  212. 

Oetker,  August,  Dr.,  Kommerzienrat,  Be- 
griinder  und  Inhaber  der  Backpulver- 
fabrik  Dr.  Oetker,  Mitglied  des  Kaiser- 
Wilhelm-Instituts ;  *  Obernkirchen  (Gf. 
Sehaumburg)  6.  I.  1862;  f  Bielefeld  11. 1. 

—  FZ  12.  I.  (2.  M.-Bl.);  IZ  3893  (P); 
AA. 

Ott,  Adolf  [Pseudonym:  Flodatto],  Kgl. 
bayer.  Oberst  z.  D.,  Verfasser  bayerischer 
Hochgebirgsromane ;  *  Lindau  10.  III. 
1842;  |  Puchheim  13.  I.  —  W.:  Die 
Hexe  von  Garmisch  (2  1904).  —  LZ  89; 
WI7i229f.   (W);  KL  17  (W);  AA. 

Papperitz,  Georg,  Professor,  Maler;  *  Dres- 
den 3.  VIII.  1846;  t  Miinchen  26.  II.  — 
W.:  In  der  Danimerung  (Gedichte).  — 
LpZ  28;  DGK;  LE  20,  816;  Kchr,  NF  29, 
236  f.;  WI7  1247;  MS  III,  370,  V,  214. 

Penz,  Ludwig,  Tiroler  Bildsehnitzer;  *  Lui- 
mes  13.  VIII.  1876;  tSchwaz  4.  XI. — 
Tyroler  Ehrenkranz,  S.  160  f.  (Garber) 
(P);  Alex.  Heilmeyer;  L.  P.,  ein  Tiroler 
Bildsehnitzer  (1925). 

Pernerstorfer,  Engelbert,  Sozialist,  Vize- 
prasident  des  osterreich.  Abgeordneten- 
hauses;  *  Wien  27.  IV.  1850;  f  Wien  6.  I. 

—  FZ  8.  I.  (2.  M.-Bl.),  11.  I.  (2.  M.-Bl.); 
LE  20,  593  f.  [VZ  14];  Osterr.  Rdschau 
54,  124 — 126  (Zweybriick);  E  157  f. 
(Frankel);  SozMH  87 — 92  (Leuthner) 
(P),  149  (Severing),  152  (Zepler)  u.  155  f. 
(Quessel),    139 — 141    [Nachgel.  Aufsatz: 


Von  der  Liebe  zum  Buch] ;  ZB  42  [Glocke 
3.  II.  598 — 603  (Groflmann);  Das  freie 
Wort  17,  523;  Polit.  u.  volksw.  Chronik 
der  osterr.-ung.  Mon.  19 18,  61;  Zeitschr. 
fur  Biicherfreunde,  NF  9.  II..  568] ;  ZB  43 
jjahrbuch  der  Biblioph.  VI  58 — 63; 
Friede  I,  5];  WI 7  1254;  Neue  osterreich. 
Biographie  II,  97 — 116  (Arthaber). 

Perthes,  Rudolf  v..  General  d.  Inf.  z.  D., 
stellv.  Militarinspekteur  der  freiwill. 
Krankenpflege ;  *  Bonn  a.  Rh.  22.  X. 
1843;  t  Berlin  28.  V.  —  MWB1  102,  147; 
DGK;  AT  1923. 

♦Peters,  Carl,  Dr.  phil.,  Schrif  tsteller,  Afrika- 
forscher  und  Kolonialpolitiker,  e hem  als 
Kaiserl.  Reichskommissar  in  Ostafrika; 

*  Neuhaus  a.  E.  27.  IX.  1856;  f  Woltorf 
b.  Peine  11.  IX.  —  W.:  Die  deutsche 
Emin-Pascha-Expedition  (1891,  u  1907; 
in  9  Sprachen) ;  Das  deutsch-westafrikan . 
Schutzgebiet  (1895);  Die  Griindung  von 
Deutsch-Ostafrika  (1906);  Die  deutsch- 
ostafrikanische  Kolonie  in  ihrer  Ent- 
stehungsgesch.  u.  wirtschaftl.  Eigenart 
(ai889);  England  und  die  Englander 
(6i9i8);  Lebenserinnerungen  (1918). — 
LpZ  12.  IX.;  HambFBl,  Wochenausg. 
209  u.  214;  E  1055  (P);  GA  249;  PM  64, 
227  f.;  SozMH  987—992  (Kranold);  IZ 
3925  (P);  FZ  12.  IX.  (2.  M.-BL);  ZB  43 
[Akadem.  Bl.  33,  78  (v.  Petersdorff) ; 
Deutschland  IX,  846  (v.  Schrenck) ;  Gar- 
tenlaube  521  (Leutwein) ;  DtschKZ  35, 
146  (Zache);  Kol.  Rdschau  1918,  297  bis 
301;  Velh.  u.  Klas.  Mhe  1918,  270 
(Arendt)];  WIM256  (W);KL  17  (W) ; 
H.T.  Schorn:  C.  P.,  ein  Lebensbild  (1920) ; 
DBJ  285/298    (Schneem.  W). 

♦  Petri,  Emil,  Dr.  jur.,  Wirkl.  Geh.  Rat,  Ex- 
zellenz,  Unterstaatssekretar  fiir  Justiz 
u.    Kultus   in   ElsaB-Lothringen   a.    D.; 

*  Buchsweiler  3.  IV.  1852;  f  Kehl  11. 
XII.  —  FZ  13.  XII.  (2.  M.-Bl.);  DGK; 
ElsaB-lothr.  Jahrb.  I  (1922),  183  f. 
(Spahn);  DBJ  298/307  (Goetz)  (L). 

Pfordten,  Otto  Freiherr  von  der,  Dr.  phil.. 
Prof.,  Privatdozent  der  Philosophic  a.  d. 
Univ.  Strafiburg;  *  Frankfurt  a.  M. 
23.  V.  1861;  f  Brussel28.II.  —  W.:Kon- 
formismus.  Eine  Philosophic  der  norma- 
tiven  Werte  (1910);  18 12,  Historisches 
Drama  (2  1900).  —  FZ  6.  III.  (A.-Bl.) ; 
LpZ  7.  III.;  LZ  240;  WIM269  (W), 
8  1783;  SozMH  3S9;  FT  1919;  KL  17  (W). 

Philippi,  Adolf,  Dr.  phil.,  Geh.  Hofrat. 
em.  o.  Prof,  der  klass.  Altertumswissen- 
schaft  a.  d.  Univ.  GieBen,  Schrif  tsteller, 
Direktor  der  Gehestiftung  in   Dresden; 

*  Osterholz    (Hannover)    11.    I.    1843; 
t  Dresden  5.  V.  —  \V.:  Die  Kunst  der 


Totenliste  1918:   Pilgrim- Baltazzi — Rein 


701 


Renaissance  in  Italien  (2  Bde.,  *  1905); 
Florenz  (4igi5).  —  Herausg.  von 
Springers  Hand  buch  der  Kunstgeschichte 
Bd.  3  (*~9  1896— 1912).  —  FZ  11.  V. 
(A.-Bl.),  24.  V.  (2.  M.-Bl.);  LZ  408;  WI 
'1271,  81783;  Kchr,  NF  29,  335 — 33^ 
(Eisenmann);  KL  17   (W). 

Pilgrim-Baltazzi,  Gisbert  v.,  kaiserl.  deut- 
scher  a.o.  Gesandter  u.  bevollmachtigter 
Minister  in  Cettinje  a.  D.;  *  Bochum 
17.  XI.  1864;  f  Passau  10.  XII.  — DGK; 
WI7  1275,  8  1783;  AT  1927. 

Pommer,  Josef,  Dr.  phil.,  Reg.-Rat,  Gym- 
nasialprofessor  i.  R.,  Volksliedforscher, 
Schriftleiter  der  Monatsschrift  Das  dtsch. 
Volkslied,  Mitglied  des  osterreich.  Reichs- 
rats;  *  Miirzzuschlag  7.  II.  1845;  t  Grob- 
ming  (Steiermark)  25.  XI.  —  Heraus- 
geber  einer  groBen  Reihe  von  Volkslied- 
sammlungen. —  JP85  [Sangerhalle  19 19, 
51;  Zsch.  f.  Musikwiss.  375];  WI7  1294; 
KL  17  (W);  R  994  (W);  A  361  (W) ; 
FAT  300  (W) ;  Das  deutsche  Volkslied 
1919,  Nr.  1  (J.-P.-Nummer). 

Prager,  Robert,  Buchhandler  in  Berlin, 
Herausgeber  der  Bibliothek  der  Volks- 
wirtschaftslehre  und  Gesellschaftswissen- 
schaft  (20  Bde.)  und  der  Berichte  iiber 
Neuerscheinungen  und  Antiquaria  aus 
dem  Gesamtgebiet  der  Rechts-  u.  Staats- 
wissenschaften  (I— XXXI,  1886 — 1916); 

*  Berlin  10.  VIII.  1844;  |  Berlin  31.  XII. 
—  W.:  Bibliographic  u.  Bibliophilie 
(1909).  —  SozMH  1919,  658;  KL  17 
(W). 

Preuschen-Telmann,  Hermione  Baronin  v., 
Malerin  u.  Schrif tstellerin ;  *  Darmstadt 
7.  VIII.  1857;  t  Lichtenrade  b.  Berlin 
12.  XII.  —  W. :  Wie  meine  symbolischen 
B  ilder  entstanden  ( 1 9 1 1 ) ;  Perlenkron- 
lein.  Autoanthologie  (1912) ;  Konrad  Tel- 
manns  Brief e  an  Hermione  v.  P.  (191 1) . — 
Mors  Imperator  (Gemalde) .  —  FZ  1 9.  XII. 
(A.-Bl.);  LE  21,  507;  SozMH  1229  und 
1919,  60;  WI7  1304,  •  I784;  KL  17  (W); 
MS  III,  489,  V  235;  PY  II,  153  (W). 

Rabe  v.  Pappenheim,  Karl,  Ritterguts- 
besitzer,  stellvertr.  Vorsitzender  der  kon- 
servat.  Fraktion  des  preufi.  Abgeord- 
netenhauses,  Prasident  des  Provinzial- 
u.  Kommunallandtags  von  Hessen- 
Nassau;  *  Hannover  19.  VIII.  1847; 
t  Kassel  28.  III.  —  DGK;  WI 7  1320, 
8  1784;  UAT   1920. 

Radloff,  Wilhelm,  Dr.  phil.,  Professor,  Di- 
rektor  des  ethnograph.-anthropolog.  Mu- 
seums in  St.  Petersburg,  Mitglied  der 
Akademie  der  Wissenschaf t  in  St.  Peters- 
burg, Ritter  des  Ordens  Pour  le  mirite; 

*  Berlin   17.   I.    1837;   f  St.  Petersburg. 


—  LZ761;  ZB43  [Der  neue  Orient  III, 
546]. 

Raupp,  Karl,  Professor,  Landschaftsmaler, 
Ehrenmitglied  der  Akademie  der  Kiinste 
in  Miinchen;  *  Darmstadt  2.  III.  1837; 
f  Miinchen  14.  VI.  —  W.:  Friede  (Natio- 
nalgalerie  Berlin) ;  Abschied  (Galerie 
Darmstadt);  Ernste  Begegnung  (Neue 
Pinakothek,  Miinchen) .  —  Die  Kiinstler- 
chronik  von  Frauenchiemsee  (2  1924).  — 
LZ  529;  DGK;  WI7  1332;  Kchr,  NF  29, 
407  f.;  MS  IV.  20,  V  238. 

Reohberg  u.  Rothenlowen,  Otto  Graf  v., 
Erbl.  Mitglied  u.  (1898 — 19 10)  Prasident 
der  wiirttemberg.  I.  Kammer;  *  Donz- 
dorf  23.  VIII.  1833;  f  Donzdorf  30.  III.— 
FZ  3.  IV  (1.  M.-Bl.);  WN  30—34  (Ha- 
ring);  GH  1919;  WI 7  1335  f. 

ReckensehuB,  Robert  Ritter  v.,  Dr.  rer. 
techn.  Dipl.-Ing.,  0.6.  Prof,  des  Eisen- 
bahnbaus  a.  d.  Techn.  Hochschule  Wien; 
*  Wien  14.  IX.  1863;  |  Wien  28.  I.  — 
FZ  8.  II.  (A.-BL);  LpZ  8.  II.;  LZ  177; 

WI7i337.  8i784- 
R6e,  Paul  Johannes,  Dr.  phil.,  Professor, 
Kunsthistoriker,  Bibliothekar  u.  Sekre- 
tar  der  bayer.  Landesgewerbeanstalt  in 
Niirnberg;  *  Hamburg  13.  III.  1858; 
t  Niirnberg  23.  XI.  —  W.:  »Niirnberg« 
(Samral.BeriihmteKunststatten)  (8  1907). 

—  LZ  976 ;  SozMH  424 ;  LE  2 1 ,  444 ;  Kchr 
NF  30,  202  f.  (Hampe);  KL  17  (W). 

Rehm,  Hermann,  Dr.  jur.,  o  Prof,  des  Kir- 
chen-  u.  Handelsrechts  a.  d.  Univ.  StraB- 
burg;  *  Augsburg  19.  IV.  1862;  f  Strafl- 
burg  14.  II.  —  W. :  Geschichte  der  Staats- 
wissenschaft  (1896);  Allgem.  Staatslehre 
(!899);  Kommentar  zum  Borsengesetz 
( 1 908) ;  Deutschlands  politische  Parteien 
(1912).  —  DGK;  ZB  42  [Zeitschr.  f.  d. 
ges.  Handelsrecht  81,  287  (Lehmann)]; 
WI7i34i   (W);  KL  17  (W). 

Rehbaum,  Theobald,  Professor,  Opern-  u. 
Liederkomponist ;  *  Berlin  7.  VIII.  1835; 
t  Berlin  2.  II.  —  W.:  Don  Pablo  (Oper, 
1880);  Das  steinerne  Herz  (Oper,  1885); 
Turandot  (Oper,  1888)  —  LpZ  14.  III.; 
JP  86  [DTonkZtg.  38;  NMZ  39,  213; 
Signale  253;  NZfM  71;  Stimme  12,  215]; 

R  1044  (W);  A  377. 
Rein,  Johann  Justus,  Dr.  phil.,  Geh.  Reg.- 
Rat,  em.  o.  Prof,  der  Geographie  a.  d. 
Univ.  Bonn;  *  Raunheim  a.  M.  27.  I. 
1835 ;  |  Bonn  a.  Rh.  24.  I.  —  W. :  Japan, 
nach  Reisen  und  Studien  (1*1905, 
II  1886).  —  FZ  25.  I.  (A.-Bl.);  26.  I. 
(2.  M.-Bl.) ;  LZ  108;  SozMH  260;  49.  Ber. 
der  Senckenberg.  Na turf.  Ges.  1919,  130 
bis  142  (Ziegler);  HPSt  1918;  GA  31 
(Oppermann)  (W) ;   PM  64,  80  (Philipp- 


702 


Tot  enlist  e  1918:  Reventlow — Rothpletz 


son);  h  54,  59;  ZB  42;  ZB  43  [Geograph. 
Zeitschr.  331 — 342  (Kerp)];  WI?i347; 
KL  17  (W). 

Reventlow,  Franziska  (richtig:  Fanny) 
Grafin  v.,  verehel.  Freiin  v.  Rechenberg, 
Romanschrif tstellerin ;  *  Husum  18.  V. 
1871;!  Ifocamo  25.  VII.  —  W. :  Kloster- 
jnngen  (Humoresken,  1897);  Ges.  Werke 
in  1  Bd.  (1925). —  LpZ  31.  VII.;  FZ31. 
VII.  (A.-BL),  1.  VIII.  (A.-BL);  LE  20, 
837  (Graetzer)  u.  1452 ;  LZ641 ;  GT  1924; 
PY  II,  187. 

*  #  Richthofen,  Manfred  Freiherr  v.,  Ritt- 
meister  nnd  Fiihrer  des  J  agdgesch waders 
•Freiherr  v.  Richthofen*,  Ritter  des  Or- 
dens  Pour  le  mirite\  •  Breslau  2.  V.  1892 ; 
gef.  bei  Corbie  21.  IV.  —  FZ  24.  IV. 
(A.-BL),  25.  IV.  (2.  M.-Bl.);  MWB1  102, 
135;  HambFBl,  Wochenausg.  189;  IZ 
3905  (P);  E  487  (P);  ZB  42  (Daheim  54, 
33  (Salzmann)];  ZB  43  [Schweiz.  Mschr. 
fiir  Offiz.  aller  Waffen  1918,  287];  FT 
1919;  Die  Unvergessenen  (1928),  S.  279 
bis  286)  (P) ( Junger) ;  M.  v. R.,  ein Helden- 
leben  (1920);  M.  Frh.  v.  R.,  der  rote 
Kampfflieger  (19 17);  A.  Wasner,  Rittm. 
M.Frh.  v.R.  (1918);  DBJ  307/309  (Dahl- 
mann). 

Rledinger,  Ferdinand,  Dr.  med.,  Hofrat, 
a.o.  Prof,  der  Chirurgie  a.  d.  Univ.  Wiirz- 
burg,  Generalarzt  a  la  suite  des  Sanitats- 
korps;  *  Schwanheim  19.  IX.  1844; 
f  Wiirzburg  30.  III.  —  FZ  3 1 .  III.  (2.  M.- 
Bl.);  MMW  416;  LZ  308;  L  54.  63  f.; 
WIM371;  PBL  1384  f.(W). 

Roedig,  Moritz,  Bildn is-  und  Historienmaler, 
Schiiler  Schnorr  v.  Carolsfelds;  *  Dresden 
6.  V.  1844;  t  Dresden  14. 1.  —  LpZ  14. 1. ; 
Kchr,  NF  29,  203;  MS  IV,  91  (W). 

Roediger,  Max,  Dr.  phil.,  Geh.  Reg.-Rat, 
a.o.  Prof,  der  deutschen  Literaturgesch. 
a.  d.  Univ.  Berlin,  Vorsitzender  des  Ver- 
eins  fur  Volkskunde;  *  Berlin  28.  X.  1850; 
f  Berlin  26.  II.  —  W.:  Altsachsische 
Paradigmata  (a  1893).  —  ^pZ  2.  III.; 
HPSt  1 918;  ZB  42  [Zeitschr.  des  Vereins 
fur  Volkskunde  27,  185 — 106  (Bolte)]; 
KL  17  (W);  Behrend,  Gesch.  d.  dsch. 
Philol.  in  Bildern  (1927),  S.  41  (P). 

Roese,  Wilhelm,  Professor,  Geh.  Reg.-Rat, 
Vorstand  der  chalkographischen  Abtei- 
lung  der  Reichsdruckerei ;  *  Franken- 
berg  (Hessen-N.)  n.  X.  1835;  f  Berlin 
2.  IV.  —  WI7  1392,  8  1785. 

*  Rosegger,  Peter,  Dr.  phil.  h.  c.  (Heidelberg 
u.  Wien),  Schrif tsteller ;  *  Alpelb.  Krieg- 
lach  31.  VII.  1843;  t  Krieglach  26.  VI. — 
W.:  Ges.  Werke,  40  Bde.  (1922  f.);  Brief- 
wechsel zwischen  P.  R.  u.  F.  v.  Hausegger 
(1924).  —  FZ  27.  VI.  (A.-Bl.),  29.  VI. 


(1.  M.-BL),  (Kienzl),  30.  VI.  (1.  M.-BL), 
26.  VII.  (Lothar);  LE  20,  1298 — 1300  u. 
1328  [TR,  U.-B.  148;  Munchen-Augsb. 
Abendztg.  320;  BT  323 ;  Bayer.  Staatsztg. 
147;  Konigsb.  Hart.  Ztg.  296;  LZ  147; 
Grazer  Tagespost  174;  NFP  27.  VI.; 
DresdNN  173 ;  Magdeb.  Ztg.  470] ;  Hamb. 
FrBl,  Wochenausg.  198  u.  199;  WI 7  1404 
(W),  8  1785;  E  750  (P);  Taschenbuch  fiir 
Biicherfreunde  V,  13 — 29  (H.  Mobius); 
Neue  osterr.  Biographie  I,  158 — 177 
(Nadler)  (P),  (W);  IZ  3914  (Platten- 
steiner),  (P);  PreuBische  Volksschul- 
lehrerzeitung  29,  H7f.  (Strietzel);  Der 
Turmer  29,  491 — 493  (Ungedr.  Brief e  R.s 
an  E.  Dopper] ;  KW  3 1  IV,  38 — 40  (Ave- 
narius);  Osterreich.  Rdschau  (Bettel- 
heim-Gabillon) ;  Die  Dorfkirche  18,  S.673 
bis  678  (Mahr) ;  Hans  Ludwig  Rosegger : 
P.  R.s  Vorfahren  (Mhe.  fiir  dtsch.  Sprache 
u.  Padagogik  1924,  8 — 13);  P.  R.  u.  sein 
Heimatland,  die  griine  Steiermark,  hrsg. 
von  H.  I4.  Rosegger  (1925).  —  ZB  43 
[Daheim  13.  VII.  (Hoffner);  Konservat. 
Monatsschrift  1918,  774 — 779  (Bartels); 
Der  Tiirmer,  Sept.  19 18,  501 — 506  (He- 
dina) ;  Velh.  u.  Klasings  Mhe.,  Okt.  1918, 
142  (Kienzl);  Der  Vortrupp,  7.  Jahrg. 
276  (Platzer) ;  Donauland,  2.  Jahrg.,  I, 
703  (Pirker);  Bonifazius-Korrespondenz, 
Jahrg.  12,  155  (Albrecht);  Jahrb.  der 
Bergstadt  1919,  17 — 24  (P.  Keller); 
Preufl.  Kirchenztg.  19 18,  406  (Kunze); 
Deutscher  Wille  [Kunstwart],  Jahrg.  31, 
Juli  19 18,  S.  38  (Avenarius);  Osterreich. 
Rundschau,  Bd.  56,  77  (Bettelheim-Ga- 
billon)];  ZB  46  [Die  Propylaen,  Jahrg. 
r6,  244  (R.s  Testament)];  DBJ  309/317 
(Enzinger)  (L),  (W). 

Roth,  Ernst,  Dr.  phil.,  Professor,  Oberbiblio- 
thekar  der  Universitatsbibliothek  u.  der 
Leopoldinisch-Carolinischen  Akademie  in 
Halle,  Herausgeber  der  Bibliographic  der 
deutschen  Zeitschrif tenliteratur ;  *  Berlin 
13.  VIII.  1857;  |  Halle  5.  IX.  —  W.: 
Bibliographic  der  ges.  Krankenpflege 
(1902);  Bibliographic  des  ges.  Sports 
(191 1).  —  LpZ  10.  IX.;  LZ  741  u.  746; 
PM  64,  271;  L  54.  66  u.  68;  WI  7  1411; 
KL  17  (W). 

*  Rothpletz,  August,  Dr.  phil.,  o.  Prof,  der 
Geologie  u.  Palaontologie  a.  d.  Univ.  u. 
birektor  der  geol.-palaontol.  Sammlung 
in  Munchen;  Neustadt  a.  H.  28.  IV.  1853 ; 
t  Oberstdorf  27. 1.  —  W. :  Geotektonische 
Probleme  (1894);  Geologische  Alpen- 
forschungen  (3  Bde.,  1900 — 1908);  Geo- 
log.  Fiihrer  durch  die  Alpen  (1902).  — 
FZ  31.  I.  (A.-BL);  L  54.  52;  PM  64.  83; 
GA  T59  (Reindl);  ZB  42  [D.  Bayerland 


Totenliste  1918:  Riidisuhli— Schober 


703 


29,  191  (Dreyer);  Deutschland  IX,  98; 
Mitteilgn.  d.  dtsch.  u.  osterr.  Alpenver. 
19];  ZB  43  [H.  d.  bair.  AdW  $9— 65 
(Broili)];  KL  17  (W);  PFV,  1072  (W); 
The  anniversary  address  of  the  president 
quart,  u.  J.  Geol.  Soc.  75  (1920),  Nr.  297 
(Lamplugh);  DBJ  317/319  (Salomon)  (L). 

Rttdlsuhll,  Jakob  Lorenz,  Schweizerischer 
Landschaftsmaler  *  Sennwald  (St.  Gal- 
len)  13.  X.  1835;  t  Basel  22.  XI.  —  W.: 
Landschaften.  —  IZ  3937  (P);  MS  VI, 
241. 

Sandt,  Maximilian  v.,  Dr.  jur.,  Wirkl.  Geh. 
Oberreg.-Rat,  Exzellenz,  Verwaltungs- 
chef  beim  Generalgouvernement  War- 
schau,  Regierungsprasident  in  Aachen ; 

*  Bonn  23.  XII.  1861 ;  f  Berlin  29.  I.  — 
FZ  30.  I.  (2.  M.-Bl.);  TR  30.  I.;  E  183 
(P);  DGK;  AT  1917. 

Saner,  Oskar,  Schauspieler,  Teilhaber  des 
deutschen  Kunstlertheaters  in  Berlin, 
Ibsen-Darsteller;  •  Berlin  5.  XII.  1856; 
t  Berlin  2.  IV.  —  FZ  4.  IV.  (A.-Bl.);  IZ 
3903  (P),  (Delphy) ;  SozMH  500  f .  (Zepler) 
u.  1 105;  ZB  42  [Gegenwart  104  (Kienzl); 
Schaubuhne  416  (Kahn)];  ZB  43  [Friede 
I,  290]. 

Sehalch,  Ferdinand,  Dr.  phil.,  Geh.  Bergrat, 
em.  Landesgeologe  von  Baden,  an  der 
geolog.  Aufnahme  von  Sachsen,  Baden 
und    der    Schweiz    fuhrend    beteiligt; 

*  SchafFhausen  1 1.  I.  1848;  Kiisnacht  b. 
Zurich  19.  XI.  —  LZ  976;  Verh.  der 
Schweiz.  Naturforsch.-Ges.,  100.  Jahres- 
versamml.  (1919),  25 — 30  (Peyer)  (W); 
SozMH  51;  AA. 

Sehenek,  Dedo  v.,  General  d.  Inf.  z.  D.  u. 
Generaladjutant,  1912 — 1917  Kommand. 
General  des  XVII.  A.-Korps,  Ritter  des 
Ordens  Pour  le  mdrite,  a  la  suite  des  Kai- 
ser- Alexander-Gardegrenadierregts  Nr.  1 ; 
•Mansfeld  11.  II.  1853;  f  Wiesbaden 
28.  IV.  —  FZ  29.  IV.  (M.-Bl.)  u.  2.  V. 
(2.M.-B1.);MWB1 102,  Nr.  135.  136,  142; 
HPSt  i9i8;WI7  1463,  8  I786;ERL;AA. 

Sehennls,  Friedrich  v.,  Maler  u.  Radierer; 

*  Elberfeld  17.  VI.  1854;  t  Charlotten- 
burg  5.  IV.  —  W.:  Park  von  Versailles 
(Nat. -Gal.,  Berlin).  —  FZ  9.  IV.  (A.-Bl.) ; 
SozMH  566;  Kchr,  NF  29,  292;  MS  V, 
250,  VI,  248;  AA. 

Scherer,  Rudolf  Ritter  v.,  D.  theol.,  Dr.  jur., 
Dr.  h.  c,  Hofrat,  em.  o.  Prof,  der  Theo- 
logie  u.  des  Kirchenrechts  an  der  Uni- 
versitat Wien,  Wirkl.  Mitglied  der  AdW 
Wien;  *  Graz  11.  VIII.  1845;  t  Wien 
21.  XII.  —  W.:  Handbuch  des  Kirchen- 
rechts (2  Bde.,  1886/98).  —  Almanach 
AdW  Wien  19 19,  198—210  (Voltelini) 
(P);  WI7  1465;  KL  17  (W);  AA. 


Sehill,  Otto,  Dr.  jur.,  Geh.  Justizrat,  Rechts- 
anwalt  u.  Notar  a.  D.,  nationallib.  Poli- 
tiker,  bis  1908  I.  Vizeprasident  der  Sach- 
sischen  II.  Kammer;  *  Schneeberg  9.  XII. 
1 838 ;  t  Leipzig  1 .  III.  -  LpZ  3 .  III. ;  DGK . 

Sehleslnger,  Siegmund,  Journalist  u.  Lust- 
spieldichter  (Feuilletonredakteur  des 
Neuen  Wiener  Tageblatts);  *  Waag- 
Neustadtl  (Ungarn)  15.  VI.  1832;  |  Wien 
8.  III.  —  W. :  Die  Gustel  von  Blasewitz 
(Lustspiel,  1863);  Wiener  Tageblatter 
(1880).  —  FZ  9.  HI.  (A.-Bl.);  LE  20, 
880 f.;  LpZ  9.  HI-;  BR8  VI,  198  (W). 

Schmid,  Julius,  Dr.  med.,  Professor  der 
inneren  Medizin  a.  d.  Universitat  Bres- 
lau;  *  Rottweil  11.  IX.  1874;  f  Breslau 
6.  VII.  —  LpZ  11.  u.  18.  VII.;  DGK; 
WN  191;  SchwM  326;  MMW  65,  804. 

Schmidt,  Adolf,  Dr.  med.,  Geh.  Med. -Rat, 

0.  Professor  der  inneren  Medizin  an  der 
Universitat  Bonn  a.  Rh.,  Direktor  der 
Medizin.  Klinik;  *  Bremen  7.  III.  1865; 
f  Bonn  a.  Rh.  1 1 .  XI.  —  LZ  936;  SozMH 
362;  L  54,  84;  MMW  65,  1334  u.  1412  f. 
(Strasburger)  (P);  ZB  43  [Zentralbl.  f. 
innere  Med.  39,  49,  Beilage  (Grote)]; 
KL  17;  PBL  15101.  (W). 

Schneider,  Hermann,  Professor,  Historien- 
maler,  Chefredakteur  der  Fliegenden 
Blatter;  *  Miinchen  15.  VI.  1846;  f  Mun- 
chen  24.  VII.  —  W. :  Venus  mit  Liebes- 
gottern  (Museum,  Leipzig).  —  LpZ 
26.  VII.;  LZ  625;  IZ  3920  (P);  SozMH 
920;  WI7i504,  8  1786;  MS  V,  2i4f., 
VI,  254;  AA. 

♦Schnutgen,  Alexander,1)  Dr.  theol.  etphil.h. 
c.,Domkapitular,geistlicherRat,Honorar- 
professor  a.  d.  Universitat  Bonn,  Ehren- 
burger  der  Stadt  Koln,  Herausgeber 
der  Zeitschr.  fiir  christl.  Kunst  (seit 
1888);  •  Steele  22.  II.  1843;  t  Kom 
24.  XI.  —  FZ  29.  XI.  (1.  M.-Bl.), 
(Liithgen);  Kchr,  NF  30,  165 — 172 
(Clemen)  (P);  H  16,  328—331  (Weifl); 
A.  S.  zum  Gedachtnis  (SA  der  Zschr.  f. 
christl.  Kunst);  LZ  957;  SozMH  60; 
IZ  3937  (P);  ZB  42  [DBZ  52,  458];  WI ' 
1508;  ZB  43  [Cicerone  X,  379  (Bier- 
mann);  Die  Denkmalpflege  20,  116  (Hei- 
mann);  Niedersachsen  24,  71  (Schon- 
hoff);  Heimatschutzchronik  19 18,  24]; 
KL  17  (W);  DBJ  319/322  (Schaefer). 

Schober,  Ildefons,  resign.  Erzabt  von  Klo- 
ster  Beuron;  *  Pfullendorf  i.  B.  23.  II. 
1849;    f   Kloster  Beuron  28.  II.  —  FZ 

1.  III.  (1.  M.-BL);  LpZ  1.  III.;  AA. 

x)  Der  Artikel  Schnutgen  in  der  Toten- 
liste 1914  des  DBJ  1914 — 16,  S.  310, 
2 .  Spalte  ist  zu  streichen. 


704 


Totenliste  1918:  Schoeler — Semon 


Schoeler,  Heinrich,  Dr.  med.,  Geh.  Med.- 
Rat,  a.o.  Professor  der  Augenheilkunde 
an  der  Universitat  u.  Inhaber  einer  Au- 
genklinik  in  Berlin;  *  Fellin  (Livland) 
5.  VIII.  1844;  t  Berlin  24.  XI.  —  W.: 
Jahresberichte  der  Augenklinik  (1874  bis 
1882).  —  MMW  1394;  ZB  43  [DMW  44, 
145 1  (Uhthoff)] ;  SozMH  1919,  362;  KL 
17;  PBL  1518  f. 

Schoene,  Alfred,  Dr.  phil.,  D.  theol.  h.  c, 
Geh.  Reg.-Rat,  em.  o.  Professor  der  klas- 
sischen  Philologie  an  der  Universitat 
Kiel;  ♦  Dresden  16.  X.  1836;  f  Kiel  8.  I. 

—  FZ  10.  I.  (A.-Bl.);  LE  20,  622;  LpZ 
12.  I.;  JAW  39,  87—112  (Ehwald)  (W); 
WI7  1512,  8  1787;  LZ  65;  KL  17  (W); 
O.  Baumgarten,  Rede  zum  lojahr.  Todes- 
tag  A.  Sens.  (1928). 

Scholtz,  Hermann,  Professor,  kgl.  Kammer- 
virtuos,  Pianist;  *  Breslau  9.  VI.  1845; 
f  Dresden  13.  VII.  —  W. :  Klavierkonzert 
(C-moll) ;  Trio  (F-moll) ;  Herausgeber  der 
Chopin- Ausgabe  in  der  Edition  Peters.  — 
LpZis.VII.;DGK;  JP86[AMZ45,346; 
NZfM  182 ;  NMZ39, 293  u.  305 ;  DTonkZtg 
70];  R  1 157  (W);  A4i9;NMI,575  (W) ; 
FAT  357. 

Scholz,  Ernst,  Dr.  jur.,  Oberburgermeister 
von  Charlottenburg,  Mitglied  des  preufl. 
Herrenhauses ;  *  Wiesbaden  3.  V.  1874; 
t  Danzig  9.  X.  —  FZ  10.  X.  (2.  M.-Bl.) ; 
WI7  1518;  DGK;  SozMH  1085. 

Schreck,  Gustav,  Dr.  phil.  h.  c.  Professor, 
Kantor  zu  St.  Thomae  in  Leipzig,  Lehrer 
u.  Mitglied  des  Direktoriums  am  Kon- 
servatorium  der  Musik;  *  Zeulenroda 
8.  IX.  1849;  t  Leipzig  22. 1.  —  W. :  Fest- 
kantate  zum  Leipziger  Universitats- 
jubilaum  1909;  Manner-  u.  gemischte 
Chore.  —  LpZ  24.  I.;  FZ  26.  I.  (A.-BL); 
NMZ38,  261  f.  (Niemann)  (P);  LZ  108; 
SozMH  221;  JP  86  [NMZ  39,  261  u.  40, 
165;  AMZ  44;  NZfM  29;  DTonkZtg  21; 
RMTZ  31];  ZB  42  [Die  Stimme  XII,  138 
(Lobmann)];  R  1160;  A  421;  FAT  358. 

Stahrimpf,  Marie,  s.  Uhden,  Marie. 

Schrutka,  Emil  Edler  v.  Rechtenstamm, 
Dr.  jur.,  Hofrat,  o.  Professor  des  osterr. 
Zivilprozeflrechts  a.  d.  Universitat  Wien; 

*  Briinn  1.  VI.  1852;  f  Kollerwerk  i.  d. 
Ramsau  4.  I.  —  FZ  7.  I.  (A.-Bl.) ;  LpZ 
7.  I.;  LZ  65;  WI  7  1531.  •  1787;  ZB  42 
[Allgem.  Osterr.  Gerichtsztg.  17  (Sperl)]; 
KL  17  (W);  AA. 

Schuch,  Werner,  Professor,  Historienmaler; 

*  Hildesheim  2.  X.  1843;  t  Berlin  24.  IV. 

—  W. :  Die  Schlacht  bei  Leipzig  (Ruhmes- 
halle,  Berlin);  Landschaft  mit  Raub- 
ritterstaffage  (Nat.-Gal.,  Berlin).  —  IZ 
3906  (P);  SozMH  566;  FZ  25.  IV.  (2.  M.- 


Bl.)  u.  29.  IV.  (A.-Bl.) ;  Kchr.  NF  29,  310; 

WI  7  1534  (W) ;  MS  IV,  250  (W).  VI,  259. 

SehQck,  Albert,  Kapitan,  KompaBforscher; 

•  Brieg  18.  XI.  1833;  t  Hamburg  15.  X. 
— W. :  Der  Kompafl  (3  Bde.,  191 1 — 1918). 
—  PM66,  235;  PFV,  1 135  (W). 

Schuh,  Georg  Ritter  v.,  Dr.  jur.,  Dr.  med. 
h.  c,  Oberburgermeister  von  Nurnberg 
i.  R.,  Geh.  Rat,  Exzellenz,  langj.  Vors. 
d.  bayr.  Kanalvereins;  *  Fiirth  17.  XI. 
1846;  f  Starnberg  2.  VII.  —  FZ  5.  VII. 
(2.  M.-Bl.  u.  A.-Bl.);  WI7  1537;  ZB  43 
[Die  freie  Donau  III,  425  (Steller)]. 

Schultze,  August  Sigismund,  Dr.  jur.,  em. 
o.  Professor  der  Rechte  a.  d.  Universitat 
StraBburg,  Senior  der  Juristenfakultat; 

*  Greifswald  28.  IV.  1833;  f  Straflburg 
i.  XI.  —  W.:  Das  deutsche  Konkurs- 
recht  (1880);  Privatrecht  u.  Prozefl  in 
ihren  Wechselbez.  (1883);  Zur  neuen 
deutschen  Zivilprozeflordnung  (1901).  — 
FZ  21.  XI.  (A.-Bl.);  LZ  957;  SozMH 
1226;  WI7  1542  (W);  KL  17  (W). 

Schulze, Ludwig Theodor,  D.  theol.,  Dr. phil.. 
Geh.  Konsistorialrat,  em.  o.  Professor  der 
Theologie    a.    d.    Universitat    Rostock; 

•  Berlin  27.  II.  1833;  t  Rostock  26. 1.  — 
W.:  Heilsgeschichte  des  Neuen  Testa- 
ments nach  den  Quellen  (1883,*  1889). — 
FZ  31.  I.  (A.-Bl.);  ELK  51,  135  f.;  LpZ 
29.  I.;  SozMH  645;  ZB  42  [Allgem.  ev. 
Kirchenztg.  249  (Hashagen)];  ZB  43 
[Mecklenburg.  Heimat  XI,  29];  WI 7 
1548;  KL  17  (W);  KJ  1918,  620  f. 

Schweinltz  und  Krain,  Hans-Hermann, 
Graf  v.,  Frhr.  v.  Kauder,  Afrikareisender 
u.  Schriftsteller,  Griinder  u.  1.  Vorsitzen- 
der    der    deutsch-bulgar.    Gesellschaft; 

*  Liegnitz  21.  II.  1865;  f  Charlottenburg 
9.  II.  —  W.:  Deutsch-Ostafrika  in  Krieg 
u.  Frieden  (1894);  Oriental.  Wanderun- 
gen  in  Turkestan  und  im  nordostl.  Per- 
sien  (1910).  —  DKZ  35,  17;  PM  64,  83; 
WI7  1560,  8  I787;  GT  1920;  KL  17  (W). 

*Sehwerln-L6witz,  Hans  Graf  v.,  D.  theol. h.c. 
Dr.  phil.  h.  c,  Wirkl.  Geh.  Rat,  Exzellenz, 
Prasident  d.  Deutschen  Landwirtschafts- 
rates  u.  d.  PreuBischen  Landesokonomie- 
kollegiums,  19 10 — 19 11  Prasident  des 
Deutschen  Reichstags,  M.  d.  R.  (deutsch- 
konservativ) ;  *  Schwerinsburg  (Kreis 
Anklam)  19.  V.  1847;  t  Berlin  4.  XI.  — 
FZ  5.  XI.  (2.  M.-Bl.) ;  IZ  3933  (P) '.  v.  Ar- 
nim-v.  Below,  Deutscher  Aufstieg  S.  333 
bis  336  (Kaiser);  SozMH  1237;  DGK; 
E  1278;  WI7i562,  8  1787;  RH  1912. 
371  f.  (P);  GT  1920;  DBJ  32V325 
(v.  Schwerln)(W). 

Semon,  Richard,  Dr.  phil.  et  med.,  Professor 
d.  Anatomie  a.  d.  Univ.  Jena  a.  D.,  Na. 


Totenliste  19 18:  Siemens — Steinaecker 


705 


turforscher  u.  Forschungsreisender  (1891 
bis  1893  Australien  u.  Malayischer  Ar- 
chipel);  *  Berlin  22.  VIII.  1859;  f  Miin- 
chen  27.  XII.  — ■  W.:  Ini  austral.  Busch 
und  a.  d.  Kiisten  des  Korallennieeres 
(*  1903);  Die  Mneme  (8  191 1);  Das  Pro- 
blem der  Vererbung  erworbener  Eigen- 
schaften  (1912).  —  MMW  66,  60  u.  302; 
SozMH  291  u.  354;  WI7i58i,  8  1788; 
KL  17. 

Siemens,  Arnold  v.,  Ingenieur,  GroBindu- 
strieller,  Vorsitzender  des  Aufsichtsrates 
der  Firma  Siemens  &  Halske,  Mitglied 
des  preuB.  Herrenhauses  auf  Lebenszeit; 
♦  Berlin  13.  XI.  1853;  f  Berlin  29.  IV.— 
FZ  30.  IV.  (2.  M.-BL),  2.  V.  (2.  M.-Bl.), 
3.  V.  (2.  M.-Bl.);  AT  1927;  P.Conrad: 
A.  v.  S.  zum  Gedachtnis  (19 18). 

Sievers,  Heinrich,  Dr.  jur.,  Senatsprasident 
am  Reichsgericht,  Fiihrer  der  sachsischen 
Nation alliberalen ;  *  Hildesheim  27.  II. 
1848;  f  Leipzig  4.  X.  —  LpZ  5.  X.;  LZ 
822;  DGK. 

Simm,  Franz,  Professor,  Maler;  *  Wien 
24.  VI.  1853;  t  Miinchen  21.  II.  —  W.: 
Liebhaberkonzert  (Weimar) ;  Malstunde 
(Miinchen).  —  LpZ  23.  II.;  L,Z  196  und 
221;  Kchr,  NF29,  221;  WI7  1596,8  1788; 
MS  IV,  280,  VI,  265  (W). 

*Sinrmel,  Georg,  Dr.  phil.,  Dr.  ret.  pol.  h.  c, 
o.  Professor  der  Philosophic  a.  d.  Uni- 
versity StraBburg ;  *  Berlin  1.  III.  1858; 
t  StraBburg  27.  IX.  — -  W. :  Soziale  Diffe- 
renzierung  (4i9io);  Einleitung  in  die 
Moralwissenschaft  (3  191 1);  Kant,  Vor- 
lesungen  (4i9i8);  Soziologie  (1908); 
Hauptprobleme  der  Philosophic  (3  191 3) ; 
Goethe  (19 12);  Rembrandt  (19 16);  Frag- 
mented Aufsatze  aus  dem  Nachl.  (1923); 
Soziologie  (2  1922).  —  LpZ  28.  IX.;  FZ 
28.  IX.  (2.  M.-Bl.,  A.-Bl.),  5.  X.  (1.  M.- 
Bl.)  (Lewinsohn),  9.  X.  (1.  M.-Bl.), 
(Tonnies);  LZ  801;  IZ  3928  (P) ;  SozMH 
1919,  283 — 288  (Schmalenbach) ;  LE21, 
162  f.  u.  188  [Berl.  Morgenztg.  226;  TR, 
Unterh.-Beil.  28.  IX. ;  BT  497] ;  K\V  32  I, 
43 — 47  (Fischer);  PreuB.  Jahrb.  207,  3, 
S.  292— 316  (Cron);  ZB  43  [JAW  1918, 
475 — 477  (Hoeber);  Die  Umschau  593 
(Hoeber)];  WI 7  1596  (W);  KL  17  (W); 
M.  Adler:  G.  Ss.  Bed.  fur  die  Geistes- 
gesch.  (19 1 9);  W.  Fabian:  Kritik  der 
Lebensphilosophie  G.  S.s  (1926);  W. 
Knevels:  Ss.  Religionstheorie  (1920); 
DBJ  326/333  (Colin). 

Sim  mors  bach,  Oskar,  o.  Professor  a.  d.Tech- 
nischen  Hochschule  Breslau;  *  Bad 
Rothenfelde  1.  VI.  1872;  f  Breslau 
14.  XII.  —  FZ  20.  XII.  (A.-Bl.) ;  StE  39, 
28  u.   i39f.  (P). 

DBJ   45 


Simon,  Hermann  Theodor,  Dr.  phil.,  o.  Pro- 
fessor der  Physik  an  der  Universitiit  Got- 
tingen,  Redakteur  der  Physikalischen 
Zeitschrift;  •  Kirn  a.  N.  1.  I.  1870; 
t  Gottingen  22.  XII.  —  FZ  31.  XII. 
(A.-Bl.) ;  SozMH  1919,  352;  DGK;  Physi- 
cal. Zschr.  20,  19  (P),  (Des  Coudres) ; 
PF  V,  1 167  (W);  AA. 

Simon,  Max,  Dr.  phil.,  o.  Honorarprofessor 
der  Geschichte  der  Mathematik  an  der 
Universitat  StraBburg;  *  Koiberg  S.  VI. 
1844;  t  StraBburg  15.  I.  —  W. :  Didaktik 
u.  Methodik  des  Rechnens  u.  der  Mathe- 
matik (ai9o8);  Geschichte  der  Mathe- 
matik im  Altertum  in  Verbindung  mit 
antiker  Kulturgeschichte  (1909).  —  I,pZ 
17.  I.;  FZ  17.  I.  (A.-Bl.);  L  54,  31—32 
(Lorey);  LZ  108;  SozMH  359;  ZB  43 
[Zschr.  f.  mathem.  u.  naturw.  Unterr.  49, 
268—271  (Lorey)];  KL  17  (W);  PF  V, 
1 167  (W). 

Sittenfeld,  Konrad,  s.  Alberti. 

Spangenberf,      Paul,      Professor,     Maler; 

*  Giistrow  i.  M.  6.  VII.  1843;  t  Berlin 
22.  VI. —  Kchr,  NF  29,  431;  WIM615; 
MS  IV,  314,  VI,  268. 

Spiegelberg,  Hanns  v.,  s.  Zobeltitz. 
Spinner,  Wilfrid,  D.  theol.,  Geh.  Kirchenrat, 

Generalsuperintendent  u.  Oberhofpredi- 

ger  in  Weimar,  Mitglied  des  Groflherzogl. 

Kirchenrats  in  Weimar;  *  Zurich  12.  X. 

1854;  t  Weimar  31.  VIII.  —  FZ  2.  IX. 

(A.-Bl.) ;  LZ  741 ;  SozMH  1 1 58 ;  WI 7  1622, 

8  1788. 
Splitgerber,     August,      Landschaftsmaler; 

*  Steingaden  27.  VIII.  1844;  f  Miinchen 
30.  V.  —  W. :  Abend  (Neue  Pinakothek, 
Miinchen).  —  Kchr,  NF  29,  381;  DGK; 
MS  IV,  325,  VI,  269. 

SUrkloff,  Gustav  Freiherr  v.,  General  der 
Kavallerie  u.  diensttuender  General- 
adjutant  des  Konigs  von  Wiirttemberg 
(der  letzte  seines  Geschlechts) ;  *  Stutt- 
gart 24.  I.  1853;  f  Oberstdorf  i.  Allgau 
11.  VI.  —  SchwM  Nr.  272;  WN  40—42 
(v.  Muff);  DGK;  WI 7  163 1,  8  1788;  FT 
1919. 

Steig,  Reinhold,  Dr.  phil.,  Professor,  Lite- 
rarhistoriker,    Forscher   der    Romantik; 

*  Woldenberg  1.  XII.  1857;  t  Berlin 
11.  III.  —  Mitherausgeber  von  Suphans 
Herder- Ausgabe  (Bd.  5,  9,  16,  ^Z)  unc* 
von  E.  Schmidts  Kleist- Ausgabe  (4.  Bd.), 
Herausg.  von  Arnims  Werken  (3  Bde., 
1 910).  —  W.:  (mit  Grimm)  Achim  v.  Ar- 
nim  und  die  ihm  nahestanden  ( 1 .  Bd.  1 894, 
3 .  Bd.  1 904) ;  H.  v.Kleists Berliner  Kampfe 
(1901).  —  LE  20,  881;  LpZ  13.  III.;  LZ 
265;  WI7  1638  (W);  KL  17  (W). 

Steinaecker,  Fritz  Freiherr  v.,  Ritterguts- 


706 


Totenliste  1918:  Stern — Unger 


besitzer,  Generallandschaftsdirektor  von 
Pommern,  Mitglied  des  Preuflischen  Ab- 
geordnetenhauses,  M.  d.  R.  (bis  1 918 )  (kon- 
serv.) ;  *  Rosenfelde  17.  II.  1849;  f  Rosen- 
felde  16.  IV.  —  HPSt  1918;  DGK;  WI7 
1640  f.;  FT  1919. 
Stem,  Wilhelm,  Dr.  med.,  Sanitatsrat, 
praktischer  Arzt  und  philosophischer 
Schriftsteller       (kritischer      Positivist); 

*  Sandberg  (Prov.  Posen)  11.  VIII.  1844; 
f  Berlin  18.  X.  —  W.:  ttber  tief  e  Lage 
der  Nieren  ( 1 869) ;  Kritische  Grundlegung 
der  Ethik  als  positiver  Wissenschaft 
(1897);  Bi*  allg.  Prinzipien  d.  Ethik  auf 
naturwiss.  Basis  (1901);  DasWesen  des 
Mitleids  ( 1 903) .  —  BT  Nr .  5  50 ;  VZ  20.  X. ; 
WI7  1649  (W).  8  1788;  B  14  XVII,  918; 
M6  XVIII,  950;  Eisler,  Philosophen- 
lexikon  l  716;  Kant-Studien  23,  506  f.; 
tJberweg,  Grundrifl  d.  Gesch.  d.  Philos. 
"IV,  655 ;  ZB  43  [Die  dtsch.  Schule,  1918, 
349—358  (Ostermann)];  KL  17  (W). 

Stieda,  Ludwig,  Dr.  med.,  Dr.  phil.  h.  c, 
Geh.  Med. -Rat,  em.  o.  Professor  der 
Anatomie    an   der   Universitat   GieBen; 

*  Riga  19.  (7)  XI.  1837;  f  Gieflen  19.  XI. 

—  W.:  Archaologisch-anatomische  Stu- 
dien  (3  Bde.,  1901/02).  —  FZ  25.  XI. 
(A.-Bl.),  29.  XI.  (A.-Bl.) ;  MMW  65,  1422 ; 
L  55,  21 — 24  (Eisler);  PM  65,  24;  WI  7 
16S2;  KL  17  (W);  PBL  1652  f.  (P),  (W). 

Stdhr,  Ernst,  Maler;  *  i860;  1 17.  VI.— -W.: 
Kreuzigung  (Wien.  Staatsgalerie).  — 
Osterr.  Rdschau  57,  45  f.;  (Holzer); 
MS  VI,  273. 

ftStrasser,  Peter,  Fregattenkapitan  und 
Kommandant  der  deutschen  Marineluft- 
schifflotte;  *  Hannover  1.  IV.  1876;  gef. 
iiber  England  5.  VIII. —  MOV;  IZ  3920 
(P) ;  E  910  (P) ;  AA. —  Die  Unvergessenen 
(1928),  S.  335— 36o  (P)  (R.  Frey). 

StrauB,  Otto,  D.  theol.,  Geh.  Kons.-Rat, 
Feldoberpfarrer  des  deutschen  Ostheeres; 
t  Kiew  24.  XI.  —  MWB1  103,  616;  AA. 

*  Posen  27.  I.  1861. 

Strupp,  Gustav,  Dr.  jur.,  Geh.  Komm.-Rat, 
Griinder     der     Bank     fiir     Thuringen; 

*  9.  VII.  1851;  |  Meiningen  4.  XII. — 
FZ  7.  XII.  (2.  M.-BL);  DGK;  AA. 

Tafel,  Julius,  Dr.  phil.,  em.  o.  Prof,  der 
Chemie  a.  d.  Univ.  Wurzburg;  *  Choindez 
(Schweiz)  2.  VI.  1862;  |  Miinchen  2.  IX. 

—  LpZ  «;.  IX.;  LZ761;  ZB  43  [ChZ  42, 
481  (Emmer)];  PF  V,  1238  (W)  [Ber.  der 
Dtsch.  Chem.Ges.  51,  18];  AA. 

Taege,  August,  Historiker;  *  Alt-Kusthof 
bei  Dorpat  3.  X.  1839;  f  Berlin  19.  VIII. 

—  Mitherausgeber  der  Politischen  Kor- 
respondenz  Friedrichs  d.  Gr.  —  LZ  741 ; 
SozMH  1097;  LpZ  27.  VIII.;  KL  17. 


Thlel,  Hugo,  Wirkl.  Geh.  Rat,  Exzellenz, 
Ministerialdirektor  der  Domanenabtei- 
lung  des  preufl.  Landwirtschaftsmini- 
steriums  a.  D.;  *  Bonn  2.  VI.  1839; 
t  Berlin  15.  I.  —  FZ  16.  I.  (A.-BL); 
HPSt  1918;  WIM704,  8  1789;  SozMH 
927;  ZB  43  [Jahrb.  der  Landw.-Ges.  ^jt 
5—8   (Schmidt)]. 

Thiele,  Johannes,  Dr.  phil.,  o.  Prof,  der 
Chemie  a.  d.  Univ.  Strafiburg;  *  Ratibor 
13.  V.  1865;  |  Strafiburg  i.  E.  17.  IV. — 
FZ  19.  IV.  (A.-Bl.);  DGK;  LZ  349; 
L  54,  49;  ZB  42  [ChZ.  42,  217  (Wede- 
kind);  Zeitschr.  fiir  angew.  Chemie  31, 
117];  WI7  1705;  PF  V,  1249  f.  (W), 
[Ber.  d.  dtsch.  Chem.  Ges.  51.  19 18]. 

Thurau,  Gustav,  Dr.  phil.,  o.  Prof,  der  ro- 
manischen  Philologie  a.  d.  Univ.  Greifs- 
wald,  Mitherausg.  der  Zeitschr.  fur 
franzos.  u.  engl.  Unterricht;  •  3.  Ill, 
1863;  f  Greifswald  im  VII.  —  W.:  Hi- 
storische  Syntax  der  franzos.  Sprache 
(1896 — 1910).  —  LpZ  11.  VII.;  FZ  12. 
VII.  (A.-BL);  LZ  588;  SozMH  11.  VII. 
KL  17  (W). 

Tollens,  Bernhard,  Dr.  phil.,  Geh.  Reg.- 
Rat,  o.  Honorarprof.  der  Agrikultur- 
chemie  a.  d.  Univ.  Gottingen,  Herausg. 
des  Journals  fiir  Landwirtschaf t ;  *  Ham- 
burg 30.  VII.  1841 ;  |  Gottingen  31. 1.  — 
W.:  Kurzes  Handbuch  der  Kohlen- 
hydrate  (1  *  1897,  II  *  1914).  —  FZ  6.  II. 
(A.-Bl.) ;  LpZ  6.  II.;  LZ  153;  SozMH  927; 
HPSt  1918;  WI7  1720;  ZB  42  [ChZ. 
42,  109  (Ehrenberg);  Journal  fur  Land- 
w.  66,  1 — 6  (v.  Seelhorst)];  ZB  43  (Be- 
richt  d.  dtsch.  Chem.  Ges.  51,  1539 
bis  1555  (Wallach)];  KL  17  (W);  PF  V, 
1262  (W). 

i&Tutschek,  Ritter  v.,  Kgl.  bayer.  Haupt- 
mann,  Fuhrer  der  Jagdfliegerstaffel  12, 
Ritter  des  Ordens  Pour  le  mirite,  Sieger 
in  27  Luftkampfen;  *  Ingolstadt  16.  V. 
1 891;  f  °ei  Brancourt  15.  III.  —  FZ 
18.  III.  (M.-BL);  LpZ  18.  III.;  MW  102, 
Nr.  116;  E  351;  IZ  3900  (P);  AA. 

Uhden,  Marie,  verehel.  Schrimpf,  Malerin, 
Expressionistin  aus  dem  » Sturm  «-Kreis; 
Gattin  des  Malers  Georg  Schrimpf; 
*  Coburg  6.  VIII.  1892;  f  Miinchen  14. 
VIII.—  SozMH  1 171 ;  Kchr,  NF  30,  81 ; 
ZB  43  [Das  Kunstblatt  1918,  II,  326]; 
MS  VI,  285;  AA. 

Unger,  Max  Alexander  Wilhelm,  Professor, 
Bildhauer;  •  Berlin  26.  I.  1854;  f  Kis- 
singen  31.  V.  —  W.:  Prinz  Friedrich- 
Karl-Denkmal  (Frankfurt  a.  M.);  Fried- 
rich  Wilhelm  IV.  (Berlin,  WeiBer  Saal 
im  Schlofi).  —  DGK;  WIM743  (W). 
8  1789;  MS  IV,  465;  VI,  285. 


Totenliste  1918:  Versewitz — Wedekind 


707 


Versewitz,  s.  Boetticher. 

Vifitor,  Wilhelm,  Dr.  phil.t  o.  Prof,  der  engl. 
Philologie  a.  d.  Univ.  Marburg,  Heraus- 
geber  der  Zeitschrif  t  Die  neuen  Sprachen ; 
*  Cleeberg  (Nassau)  25.  XII.  1850; 
f  Marburg  23.  IX.  —  W.:  Englische 
Schulgrammatik  (4igo6);  Eleniente  der 
Phonetik  des  Deutschen,  Engl.  u.  Fran- 
zos.  (•  191 5;  Aussprache  des  Schrift- 
deutschen  (•1914);  Engl.  Lesebuch, 
Unterstuf e  (8  1 9 1 1 ) ;  Einf  iihrung  in  das 
Studium  der  engl.  Philologie  (4i9io); 
Elemente  der  Phonetik  (7  1923). —  LpZ 
25.  IX.;  FZ  24.  IX.  (i.M.-Bl.);  LE21, 
i88;LZ8oi;WI7  i759(W);KL  17  (W) ; 
Festschrift,  W.  V.  dargeboten  (1910): 
W.  V.  Nachrufe  v.  F.  Doerr  u.  A.  Schroer 

{1919). 

tgiVogt,  Ernst,  Dr.  phil.,  a.o.  Prof,  der 
Geschichte  a.  d.  Univ.  GieCen;  *  Kaisers- 
lautern  22.  IX.  1877;  gef.  (im  Westen) 
5.X.  —  W. :  Die  hessische  Politik  in  der 
Zeit  der  Reichsgrundung  (1863 — 1871), 
(1914).  —  FZ  10.  X.  (A.-Bl.).  11.  X. 
(A.-Bl.);  SozMH  1097;  KL  17  (W). 

•VoB,  Richard,  Bibliothekar  der  Wart- 
burg,  Schrif tsteller ;  *  Neugrape  i.  Pom- 
mern  2.  IX.  185 1;  f  Berchtesgaden  10. 
VI.  —  W.:  Ausgew.  W.  (4  Bde.,  1922); 
Auseinem  phantastischen  Leben  (1920); 
Vision  en  eines  deutschen  Patrioten  ( 1 87 1 ) ; 
Romische  Dorfgeschichten  (1884);  Jiirg 
Jenatsch  (1893)  I  Erlebtesund  Geschautes 
(1893);  Villa  Falconieri  (1896);  Aus 
meinem  romischen  Skizzenbuch  (1896); 
Romeo  und  Julia  ini  Albanergebirge 
(19 10);  Zwei  Menschen  (191 1).  —  FZ  12. 
VI.  (2.  M.-Bl.),  20.  VI.  (1.  M.-Bl.),  (Con- 
rad); HFB1,  Wochenausg.  196;  IZ  3912 
(P);  SozMH  1228;  WIM776,  8  1790; 
LE  20,  1223,  1263  u.  1403 — 1405  (v.  Bnu- 
sen);  ZB  42  [Das  Bayerland  29,  273; 
Allgem.  Ztg.  des  Judentums  82,  46 
(Cohn)];  ZB  43  [Der  Hochweg  6,  230  bis 
234;  Sudd.  Mhe,  Juli  1918,  S.  287];  KL 
17  (W);  BR6  VII,  289  f.;  DBJ  334/336 
(v.  d.  Leyen). 

Wagner,  Christian,  schwabischer  Bauern- 
dichter;  *  Warnibronn  5.  VIII.  1835; 
f  Warmbronn  15.  II.  —  W.:  Sonntags- 
gange  (I  8  1890,  II*  1887,  III  1890);  Ein 
BlumenstrauB  (Gedichte,  1906,  4i909); 
Eigenbrotler,  kleine  Geschichten  aus 
meiner  J ugendzeit  (191 5).  —  LpZ  1 6.  II. ; 
LZ  177;  WN  15 — 25  (Finkelbeiner) ;  IZ 
3896  (Hamecher)  (P) ;  LE  20,  816;  Pad- 
agog.  Warte  33,  24,  S.  1231— 1239  (Rutz) ; 
KW  31,  II,  144  f.  (Avenarius);  SchwM, 
Wochenausg.  v.  18.  IX.,  1925,  S.  5  (Ge- 
denktafel  in  Warmbronn);  ZB  42   [Der 


Tunner,  676  (Storck);  Westermanns 
Monatsh.,  April  1918,  S.  192];  ZB  43 
[Bl.  d.  Schwab.  Albvereins  30,  41  (Heim) ; 
Mitteilgn.  d.  Dtsch.  Monistenbundes  III, 
175;  Die  Rheinlande  19 18,  61  (Schafer)]; 
KL  17  (W). 
Wagner,  Heinrich  Oswald,  Werkzeugma- 
schinenfabrikant  i.  Fa.  Wagner  &  Co. 
in  Dortmund,  Stadtrat  a.  D.,  Nestor 
der  deutschen  Werkzeugmaschinenbauer ; 

*  Kassel  22.  VI.  1836;  t'Dortmund  28.  V. 

—  VDI  62,  620  (P) ;  AA. 

Wagner,  Otto,  Hofrat,  Oberbaurat,  Archi- 
tekt,  1894 — r912  Professor  an  der  Aka- 
demie  der  bildenden  Kiinste  in  Wien; 

*  Wien  13.  VII.  1841;  f  Wien  11.  IV. — 
FZ  12.  IV.  (A.-Bl.),  19.  IV.  (A.-BL);  LZ 
328;  SozMH  505  (Westheim);  IZ  3906 
(P);  WIM785  (W),  8  1790;  Kchr,  NF 
29»  3°5 — 3°8  (Tietze) ;  Neue  osterr.  Biogr. 
178—187  (Frey),  (W);  Die  k.  k.  Akade- 
miederbild.  Kiinste  in  Wien  (19 17),  (W) ; 
ZB  42  [Donauland  42,  354  (Roefiler) ; 
Cicerone  X,  141];  ZB  43  [Dtsch.  Kunst 
u.  Dekoration  42,  198  (Lux);  Histor.- 
polit.  Bl.  f.  d.  kathol.  Deutschl.  162,  263 
bis  268  (Schmitt)]. 

&  Waldburg  zu  Zeil,  Georg  Fiirst  von,  Durch- 
laucht,  erbl.  Mitglied  der  bayer.  Kammer 
der  Reichsrate  und  der  wiirttemb.  Kam- 
mer der  Standesherren,  Bataillonskom- 
mandeur  im  Inf. -Reg.  479;  •  SchloB  Zeil 
28.  V.  1867;  gef.  Allaines  b.  Peronne 
2.  IX.  —  WN  192  f.;  WIM788;  GH 
1920. 

Waltz,  Otto,  Dr.  phil.,  kaiserl.  russ.  Wirkl. 
Staatsrat,  Exzellenz,  em.  o.  Prof,  der 
allgemeinen  Geschichte  a.  d.  Univ.  Dor- 
pat;  *  Heidelberg  10.  II.  1844;  f  Heidel- 
berg 3.  III.  —  W. :  Der  Wormser  Reichs- 
tag 1 52 1  (1868);  Die  Denkwiirdigkeiten 
Kaiser  Karls  V.  (1901).  —  LpZ.  8.  III.; 
FZ  6.  III.  (A.-Bl.);  S0ZMH449;  LZ  240; 
KL  17  (W). 

Warth,  Otto,  Dr.  phil.  h.  c,  Geh.  Rat,  em. 
o.  Prof.  a.  d.  Techn.  Hochschule  in  Karls- 
ruhe; *  Limbach  (Rheinpfalz)  21.  XI. 
1845;  t  Karlsruhe  s.  XI.  —  FZ  21.  XI. 
(A.-Bl.);  LZ  915;  LpZ  23.  I.;  WI 7  1801, 
8  1790;  Kchr,  NF.  30,  1 18;  ZB  43  [Bayer. 
Heimatschutz  16,  33]. 

•  Wedekind,  Frank,  Buhnenschriftsteller; 
Hannover  24. VII.  1864;  f  Miinchen  9.  III. 

—  W.:  Gesammelte  Werke  (1912 — 19); 
Ges.  Briefe  (2  Bde.,  1924,  P).  —  LpZ 
n.  11.  13.  III.;  FZ  10.  III.  (2.  M.-Bl.), 
12.  III.  (1.  M.-Bl.),  (Diebold),  8.  IV. 
(A.-Bl.);  HFbl,  Wochenausg.  183,8.7.; 
IZ  3899  (Delphy),  (P);  E  329  (P)  I  WI  7 
1810  (W).  8  1790;  SozMH  451  f.  (Hoch- 


708 


Totenliste  1918:  Weileu — Wilms 


dorf);  LZ  240;  LE  20,  850  f.  und  879 
(Bahr)  [VZ  127  u.  140;  Altonaer  Nachr. 
118;  BT  127;  Nordd.  Allg.  Ztg.  130; 
BBZ  1 19;  BBCourier  1  i9;Mannh.Tagebl. 
69;  Weser-Ztg.  177;  Konigsb.  Allg.  Ztg. 
121;  Tag  67;  KZ  237;  BB  in];  H  15, 
102—105;  KW  31,  III,  7—8  (Nidden); 
Dtsch.  Buhnenjahrbuch  31  (1920),  (P); 
ZB  42  [Die  neue  Generation  97;  Preufi. 
Jahrb.  171,  335 — 348  (Heine);  Schau- 
biihne  269 — 275  (Kohn);  Der  Tiirmer, 
April  1918,  73—76  (Storck);  Velh.  u. 
Klas.  Monatsh.,  Mai  1918,  S.  96 — 102 
(Rath);  Die  neue  Zeit  36,  II,  129—136 
(Steiger) ;  Osterr.  Rdschau  55,  38  (Pirker) ; 
Donauland  II  (19 18),  236  (Kliiger);  Ge- 
genwart  74  (Kienzl);  Glocke  41,  126  bis 
132  (Groflmann);  Dtsch.  Wille  31,  April 
1918  (Nidden)];  ZB  43  [Praktische  Dra- 
maturgic I  (1918),  193 — 201  (Zielesch); 
Friede  I,  191  (Polgar)];  KL  17  (W) ;  Neue 
Rundschau,  April  1924,  S.  366 — 393 
Holischer) ;  Blatter  der  Biicherstube  am 
Museum  Wiesbaden,  Juli  1924,  S.  50  bis 
54  (Diinnwald) ;  E.  Vieweger :  F.  W.  u.  s. 
Werk  (1919);  H.  Stobbe,  Bibliogr.  der 
Erstausgaben  F.  Ws.  (1921);  H.  Lauten- 
sack:  F.  Ws.  Grablegung  (19 19);  A.  Kut- 
scher,  F.  W.  (19225.);  P.  Fechter:  F.  W. 
(T920);  F.Dehnow:  F.  W.  (1922):  DBJ 
336/340  (Kutscher)  (L). 

Weilen,  Alexander  v.,  Dr.  phil.,  a.o.  Prof, 
der  Literaturgeschichte  a.  d.  Univ.  Wien, 
stellv.  Vorsitzender  der  Gesellschaft  fur 
Theatergeschichte,  Kustos  an  der  Hof- 
bibliothek,  Theaterreferent  der  Wiener 
Zeitung;  *  Wien  4.  I.  1863;  f  Bockstein 
b.  Salzburg  23.  VII.  —  W.:  Wiener 
Theatergeschichte  (1901);  Geschichte  des 
k.  k.  Hofburgtheaters  (1902).  —  LZ  625; 
JP  87;  ZMW  88;  SozMH  1105;  Osterr. 
Rdschau  56,  135;  Dtsch.  Biihnenjahr- 
buch 31  (1920),  144;  ZB  43  [Das  dtsch. 
Drama  II  343  (Feld)];  KL  17  (W);  AA. 

Weinstein,  Bernhard,  Dr.  phil.,  Geh.  Reg.- 
Rat,  Professor,  Privatdozent  fiir  Physik 
u.  Geographie  a.  d.  Univ.  Berlin; 
•Kowno  1.  IX.  1852;  |  Berlin  25.  III. — 
W.:  Elektrochemie  (1908);  Die  Physik 
der  bewegten  Materie  u.  die  Relativitats- 
theorie(i9i3).— FZ 28. III.  (A.-Bl.);  LpZ 
30.  III.;  SozMH  628;  L  54,  64;  PF  V, 
1350  (W);  WI  7i82i  (W). 

Weiss,  Bernhard,  D.theol.,  Dr.  phil.,  Wirkl. 
Geh.  Rat,  Exzellenz,  o.  Prof,  der  Theo- 
logie  a.  d.  Univ.  Berlin,  Mitglied  des  Kon- 
sistoriums;  *  Konigsberg  20.  VI.  1827; 
f  Berlin  14.  I.  —  W.:  Lehrbuch  der  bibl. 
Theologie  des  Neuen  Testaments  (*  1903) ; 
Jesus  von  Nazareth  (*  1913) ;  Das  Neue 


Testament  (Ia  1902.  II  f  1902,  HI  *  1905). 

—  FZ  17.  I.  (A.-Bl.);  LpZ  18.  I.;  ELK 
51,  86;  KL  17  (W);  LZ  88;  SozMH  645; 
ZB  42  [Studierstube  16,  193 — 204  (Gron- 
nicke);  Daheim  54,  Nr.  18];  KJ  1918, 
622  f.;  Theol.  Blatter,  Jahrg.  6,  9  (Sept. 
1927,  Sp.  241 — 251  (Deiflmann).  — Zum 
Ged.  Bernh.  W.s  (Berlin  1918),  (Dryander 
u.  a.).  —  B.W.  Aus  neunzig  Jahren  1827 
bis  19 1 8  (hersg.  von  Hansgerhard  WeiB. 
1927.  Mit  10  Bildern). 

WelB,  Max,  stellv.  Vorsteher  des  steno- 
graph. Bureaus  des  Deutschen  Reichs- 
tags,   bekannt   als   »Kaiserstenograph«; 

*  Drengfurt  (Ostpr.)  8.  VII.  1849;  f  Ber- 
lin 21.  VII.  —  IZ  3918  (P);  WI7  1825. 

*  Wellhausen,  Julius,  D  theol.,  Dr.  phil., 
Dr.  jur.  h.  c,  Geh.  Reg. -Rat,  o.  Professor 
der  semitischen  Philologie  a.  d.  Univ. 
Gottingen,  Mitglied  d.  AdW  Berlin, 
Ritter  des  Ordens  Pour  le  mirite,  •  Ha- 
meln  17.  V.  1844;  f  Gottingen  7.  I.;  — 
W.:  Skizzen  und  Vorarbeiten  (5  Bde.. 
1884/92);  Prologomena  zur  Gesch.  Is- 
raels, 6.  Aufl.  1905 ;  Das  arabische  Reich 
und  sein  Sturz  1902;  Israelitische  und 
jiidische Geschichte,  7.  Aufl.  19 14;  Hand- 
schr.  Tagebuch  im  Bes.  von  Professor 
Ed.  Schwarz,  Gottingen.  —  FZ  15.  I. 
(1.  M.-Bl.),  (Gunkel);  LpZ  9.  I.;  LZ65; 
SozMH  359  f.  (Kiihnert);  IZ  3891 
(P);  ELK  51,  62  u.  no;  HPSt  1918; 
IE  20,  622;  H  15,  705 — 708  (Goetts- 
berger);  Nachr.  d.  GdW  Gottingen  1918. 
43—73  (Schwartz);  WI7  1828  (W);  ZB42 
[Neues  Sachs.  Kirchenbl.  89  (Giithe); 
Neue  jiid.  Mhe.,  II,  178 — 181  (Cohen); 
Protestantenbl.  75  (Graflmann);  Christl. 
Welt  32,  72  (Jiilicher) ;  Allg.  Ztg.d.Juden- 
tums  162  (Jampel);  Dtsch.  Rdschau, 
Juni  19 1 8,  407 — 412  (Willrich)];  ZB  43 
(Der  Islam  IX,  95  (Becker) ;  Protestant. 
Mhe.  1918,  145 — 153  (Jiilicher)];  KL  17 
(W);  KJ  1 918,  623  f.;  M.  Kegel:  Los  von 
W.!(i923);E.K6nig:  Der  doppelte  Well- 
hauseniarismus(i927);  J.  W.:Trauerfeier 
(i9i8);DBJ  341/344  (Sellin). 

Wendling,  Carl,  Professor,  Hofpianist, 
Lehrer  am  Konservatorium  der  Musik 
in  Leipzig;  *  Frankenthal  (Rheinpfalz) 
14.  XI.  1857;  f  Leipzig  20.  VI.  —  FZ 
26.  VI.  (A.-Bl.);  WI8  1791;  JP88  [AmZ 
320;  NZfM  159;  Klavierlehrer  18,  105; 
NMZ  39,  273;  DTonkZtg.  70];  R  1410; 
FAT  445- 

Werner,  E..  s.  Biirstenbinder. 

Wiethaus,     Otto,     Geh.     Kommerzienrat ; 

*  Hohenlimburg  (1843);  t  Bonn  27.  V. 

—  StE  38,  422  u.  475  f  (P);  AA. 

*  Wilms,  Max,  Dr.  med. ,  o.  Prof,  der  Chirurgie 


Totenliste  1918:  Windisch — Zimmerer 


709 


a.  d.  Univ.  Heidelberg;  *  Hunshoven 
(Rhld.)  5.  XI.  1867;  f  Heidelberg  14.  V. 
—  FZ  16.  V.  (1.  M.-BL);  MMW  578  u. 
709 — 711  (Rost)  (P);LZ  453;  SozMH 
361  f.;  ZB  42  [Med.  Klinik  14,  555  (Per- 
thes)]; ZB  43  (Dtsch.  Zeitschr.  f.  Chirur- 
gie  145,  S.  I.  (Trendelenburg);  Zeitschr. 
fiir  Urologie  XII,  24!  (Rost)];  DBJ  344/ 
346  (Enderlen). 
Windisch,  Ernst,  D.  theol.  h.  c,  Dr.  phil.$ 
Geh.  Rat,  o.  Prof.  d.  Sanskrit  a.  d.  Univ. 
Leipzig,  Sekretar  der  phil.-hist.  Klasse 
der  GdW  Leipzig,  korr.  Mitglied  der 
AdW  Miinchen;  *  Dresden  4.  IX.  1844; 
t  Leipzig  30.  X.  —  W.:  Syntaktische 
Forschungen  (1871);  Irische  Grammatik 
(1879);  Buddhas  Geburt  und  die  Lehre 
von  der  Seelenwanderung  (1908).  —  FZ 
31.  X.  (A.-BL);  ELK  51,  990  f.;  SozMH 
55;  J ahrb.d.  AdW  Miinchen  1919,27 — 28 
(Kuhn) ;  [Zeitschr.  d.  Morgenland.  Ges. 
73.   l%3 — 188   (W);  Ecce  der  Crucianer 

1 918,  14;  Journal  of  the  Royal  Aiiat.  Soc. 

1 919,  299 — 306;  Festschrift  fiir  E.  W. 
(1914)  (W)];  ZB  43  [Der  neue  Orient  4, 
135];  WI7  1866  (W);  KL  17  (W);  Fest- 
schrift E.  W.  zum  70.  Geb.-Tage  (1914). 

Winnefeld,  Hermann,  Dr.  phil.,  2.  Direktor 
der  Antikensammlung  der  Kgl.  Museen 
in  Berlin,  Privatdozent  der  klass.  Archao- 
logie  a.  d.  Univ.  Berlin;  *  Uberlingen 

4.  IX.  1862;  t  Berlin  30.  IV.  —  FZ  7.  V. 
(A.-BL);  LE  20,  1 136;  LZ  408;  SozMH 
1097;  ZB  43  [Jahrb.  d.  kaiserl.  Archaolog. 
Instituts,  Beilage:  Archaolog.  Anz.  1918, 
Bd.  33,  87  (Noack);  Museumskunde  14, 
113  (Wiegand)];  KL  17  (W);AA. 

Wltz-Oberlin,  C.  Alphonse,  D.  theol.,  Ober- 
kirchenrat,  Professor  der  Theologie  a.  d. 
Univ.  Wien,  Pfarrer  der  ev. -reform.  Ge- 
meinde  in  Wien,  Mitglied  des  Oberkirchen- 
rats,  Vorsitzender  des  osterreich.  Haupt- 
vereins  der  Gustav- Adolf -Stiftung,  Griin- 
der  u.  President  der  Gesellschaft  fiir  die 
Geschichte  des  Protestantismus  in  Oster- 
reich; *  Diedendorf  (Elsafl)  8.  XI.  184s; 
f  Wien  13.  XII.  —  W.:  Franz  Josef  I. 
und  die  evangel.  Kirche  (1889) ;  Wahrend 
des  Krieges,  12  Predigten  (191 5).  — 
ELK  52,  64;  W  7  1877  (W);  KL  17 
(W). 

Wiethaus,  Carl,  Geh.  Kommerzienrat,  1894 
bis  1 9 10  Generaldirektor  der  westf&l. 
Stahlindustrie ;  *  Limburg  a.  L.  29.  VII. 
1842;     f  Bonn.    —    JSTG    20    (1919). 

5.  177  f- 

Woerl,  Leo,  Hofbuchhandler,  Griinder  und 
Inhaber  von  Woerls  Reisebiicherverlag  in 
Leipzig,  Herausgeber  von  Woerls  Reise- 
handbiichern  u.  Stadtef iihrern ;   *  Frei- 


burg i.  B.  23.  V.  1843;  t  Leipzig  1.  VII. — 
FZ2.  VII.  (x.  M.-BL);  LZ573;  KL  17 
(W). 
Wyss,  Oskar,  Dr.  med.,  em.  o.  Prof,  der 
Hygiene  a.  d.  Univ.  Zurich;  *  Dietikon 
(Kanton  Zurich)  17.  VIII.  1840;  f  Zurich 

1 .  V.  —  FZ  3.  V.  (2.  M.-Bl.) ;  MMW  606; 
LZ  408;  ZB  43  [Correspondenzblatt  fiir 
schweiz.  Arzte  48,  1014;  Jahrb.  fiir  Kin- 
der heilkunde  u.  phys.  Erziehung  88, 
231  (Feer);  PBL  1885  f. 

Zander,  Richard,  Dr.  med.,  o.  Honorarprof. 
der  Anatomie  a.  d.  Univ.  Konigsberg; 

•  Konigsberg  18.  VII.  1855;  f  Konigsberg 
23.  X.  —  W.:  Die  Leibesubungen  und 
ihre  Bedeutung  fiir  die  Gesundheit 
(•1911).  —  LpZ  25.  X.;  FZ  26.  X. 
(A.-B1.);MMW  1256;  LZ  877;  WI  7  1903; 
KL  17  (W);  PBL  1889  f.(W). 

Zepler,  Bogumil,  Dr.  med.,  Komponist, 
Redakteur  der  Zeitschr.  Musik  fiir  Alle; 

*  Breslau  6.  V.  1858;  |  Krummhiibeli.R. 
17.  VIII.  —  W.:  Der  Brautmarkt  zu 
Hira  (kom.  Oper,  1892);  Die  Bader  von 
Lucca  (kom.  Oper,  1905);  Cavalleria 
Berolina  (1891,  Parodie).  —  LpZ  19.  VIII; 
HFB1,  Wochenausg.  206;  WI7  1909  (W), 
8  1892;  JP  88  [AM  Z375;  NMZ  39.  317; 
Signale  563;  DTonkZtg  70;  RMTZ  220; 
SozMH  986];  IZ  3922  (P);  KL  17  (W); 
R  1458  (W);  A  530;  NMZ  725  (W); 
FAT  465- 

*  Zlegler,  Theobald,  Dr.  phil.,  em.  o.  Prof, 
der  Padagogik  a.  d.  Univ.  StraBburg, 
Dekan  in  Herrenberg;  *  Goppingen  9.  II. 
1846;  f  (*m  Feldlazarett  zu  Sierenz  im 
Oberelsam  1.  IX.  —  W.:  Der  deutsche 
Student  ("  191 2);  Die  geistigen  u.  sozia- 
len  Stromungen  des  19.  Jahrhunderts 
(7i92i);  Individualismus  und  Sozialis- 
mus  im  19.  Jahrh.  (1899);  Die  soziale 
Frage  (€i899);  Das  Gefiihl  (5  1912); 
Geschichte  der  Padagogik  (8i909); 
AUgem.  Padagogik  (4  191 3).  —  FZ  3.  IX. 

2.  M.-BL),  7.  IX  (2.  M.-Bl.);  IZ  3925 
(P);  E  1022  (P);  ELK  51,  928;  LE21, 
57 ;  LZ  741 ;  WN  5 1—58  (Binder),  [Staats- 
anz.  f.  Wiirttbg.,  bes.  Beilage  1.  X. 
(Bacmeister);  Schwab.  Bund,  Nov  19 19 
(Binder) ;  Siiddtsch.  Ztg..  Nr.  245  (Egel- 
haaf)];  SozMH  1919,  291;  ZB  43  (Zeit- 
schr. fiir  Kinderforschung  24,  48 — 52 
(J.Meyer)];  KL  17  (W);  DBJ  346/349 
(Liermann). 

Zimmerer,  Eugen  Ritter  v.,  Wirkl.  Geh. 
Rat,  Exzellenz,  a.o.  Gesandter  u.  bevoll- 
machtigter  Minister  i.  R.,  friiher  Gouver- 
neur  von  Togo  u.  Kamerun ;  •  Gardelegen 
22.  IX.  1855 ;  f  Frankfurt  a.  M.  19.  HI.— 
DGK;  WI6  1830. 


7io 


Totenliste  19 18:  Zluhan — Zopke 


Zluhan,  Gustav  v.,  President  der  General- 
direktion  der  Staatsbahnen  in  Stuttgart 
a.  D.,  Vorsitzender  der  Finanzabteilung 
des  Wurtt.  Roten  Kreuzes;  *  Schontal 
(OA.  Backnang)  22.  VII.  1846;  f  Stutt- 
gart 22.  III.  —  WN  188  [SchwM., 
Nr.  146]. 

Zobeltitz,  Hanns  v.,  Schriftsteller,  Haupt- 
mann  a.  D.,  Herausgeber  des  »Daheim« 
u.  von  »Velhagen  u.  Klasings  Monats- 
hefte«  [Pseudonym:  Hanns  v.  Spiegel- 
berg];  *  Spiegelberg  (Neum.)  9.  IX.  1853; 
f  Bad  Oeynhausen  4.  IV.  —  W.:  Die 
ewige  Braut  (9i904);  Im  Knodelland- 
chen  und  anderswo ;  I^ebenserinnerungen 


(1916).  —  FZ  7.  IV.  (2.  M.-Bl.);  L,E  20, 
979  f.  u.  1007  [Kreuzztg.,  Nr.  175; 
Reichsbote,  Unterhaltungsbeilage  52 ; 
Norddtsch.  Allgem.  Ztg.,  Nr.  172;  VZ. 
Nr.  172];  WI7  19201".  (W),  8i792;  LZ 
308;  SozMH  654;  IZ  3903  (Hamacher) 
(P);  UAT  1924;  KX  17  (W);  BR  •  VIII, 
108  f.  (W).  —  Zum  Gedachtnis  H.  v.  Z. 

(1919). 
Zopke,  Johannes,  Professor,  Direktor  der 
Staatl.  Technischen  Lehranstalten  in 
Hamburg;  *  Berlin  11.  VII.  1866; 
|  Hamburg  25.  VIII.  —  LpZ  25.  VIII.; 
FZ  29.  VIII.  (A.-Bl.);  JSTG  20  (1919), 
183  f.;  LZ  720;  SozMH  1 109;  A  A. 


Totcnlistc  1919 


Abeken,  geb.  v.  Olfers,  Hedwig,  Schrift- 
stellerin,  Witwe  des  Gen.  Legationsrates 
Heinrich  A.;  *  Berlin  31.  V.  1830;  f  Ber- 
lin 21.  IV.  —  W.:  Heinrich  Abeken 
(*  1909).  —  DerTag27.  IV.;  TR23.IV.; 
VZ  24.  IV.;  Sen.;  LE;  AT  1907;  PY  II 
103;  Velh.  &  Klasings  Monatshefte,  Ja- 
nuar  1928,  S.  530 — 535  (Brief e  H.Grimms 
an  Hedwig  v.  Olfers) . 

Ahlefeld,  Hunold  v.,  Vizeadmiral  a.  D., 
Direktor  der  Werft  der  A.-G.  »Weser«; 

•  Kiel  5.  III.  1851;  f  Bremen  5.  IX.  — 
TR  7.  IX.;  UAT  1919. 

Altenberg,  Peter,  [Ps.  fur  Rich.  Englander] 
SchriftsteUer;  *  Wien  9.  III.  1859;  f 
Wien  8. 1.  —  W. :  Wie  ich  es  sehe  (1896) ; 
Was  der  Tag  zu  mir  tragt  (1900);  Mar- 
chen  des  Lebens  (1908) ;  Vita  ipsa  (19 18) ; 
Mein  Lebensabend  (1919).  —  Nachlafl, 
hersg.  v.  A.  Polgar  (Berlin,  S.  Fischer 
1925).  —  LZ  58;  Sen;  LE  21,  636  und 
608— -610  [VZ  22;  Mannh.  Gen.-Anz.  17; 
Heidelb.  Ztg.  10;  Berl.  Bors.-Cour.  13]; 
SozMH  297  (Hochdorf);  KW  32,  II, 
75  f.;  WI7  15,  8  1767;  M7  I  421 ;  KL  17 
(W);  GJN  1 14 f.;  BR  I  52  (W).  —  Frie- 
dell,  Ecce  poeta  (19 12);  Friedell,  Das 
Altenberg-Buch  (1922).  —  BZ  44  [Die 
Propylaen  114  (Mell);  Neue  Rundschau 
329 — 342  (Kerr);  Weltbiihne  S.  64]; 
BZZ  XI  [Dresdner  Neuest.  Nachr.  10. 1.; 
NZZ  9.  und  15.  I.;  BT  30. 1.;  FZ  21.  I.; 
NFP  11.  I.;  Konigsb.  Hartungsche  Ztg. 
11.  V.].  —  E.  Darmstaedter:  P.  A.  zum 
Gedachtnis(i927);K.Kraus:P.A.(i9T9). 

Amann,  Joseph  Albert,  Dr.  med.,  Geh.Hof- 
rat,  a.o.  Professor  der  Frauenheilkunde 
und  Geburtshilfe  an  der  Universitat 
Miinchen,   Vorst.   d.   2.  gynakol.  Klinik; 

*  Miinchen  1.  VII.  1866;  f  Konstanz 
.17.  X.  —  W. :  Lehrbuch  der  mikroskop. 
gynakol.  Diagnostik  (1897).  —  MNN 
5.  XL;  TR  20.  X.;  MMW  66,  1250  und 
1355  f.  (Albrecht);  Sch;  LZ  861;  SozMH 
1256;  KL  17  (W);  ZB  45  [Monatsschr. 
fur  Geburtshilfe  und  Gynakologie  50,  461 
bis  468  (Albrecht)]. 


Ardenne,  Armand  Baron  v.,  Generalleut- 
nant  z.  D.,  Militarschriftsteller;  •  Leipzig 
26.  VIII.  1848;  t  Grofl-Lichterfelde20.IV. 

—  Sch;  LZ  465;  WI7  28;  FT  1919. 
Arnim-Muskau,  Traugott  Hermann  Graf  v., 

Wirkl.  Geh.  Rat,  Exzellenz,  Legationsrat 
a.  D.,  Mitglied  des  preufl.  Herrenhauses, 
letzter  lebender  Teilnehmer  der  Frank- 
furter Friedenskonferenz  von  1871,  1872 
bis  1874  Sekretar  beim  Fursten  Bis- 
marck; *  Merseburg  20.  VI.  1839;  f  Mus- 
kau  22. 1.  —  DGK;  DKZ  36,  13;  WI7  31, 
8  1767;  M7  I  886  f.;  GT  1920. 

Arons,  Leo,  Dr.  phil.,  Physiker  [gab  dem 
preuflischen  »Aronsgesetz«  den  Namen], 
Sozialist.  Vorkampfer  fiir  Volksbildung 
und  Bodenreform;  *  Berlin  15.  II.  i860; 
f  Berlin  10.  X.  —  VZ  11.  X.;  Vorwarts 
n.X.;TRu.  X.;  BB1  15.X.;  M  7 1  895; 
Sch;  LZ  841 ;  SozMH  949 — 952  u.  1082  f. 
(Zepler),  1096  f.  (Peus),  1099  f.  (Koch), 
1055  f.  (Einstein),  1056 — 1062  (Schippel), 
1062 — 1064  (Hirsch),  1064 — 1066  (Le- 
gien),  1066— 1069  (Miiller),  1069 — 1071 
u.  no4f.  (Berchardt),  1072 — 1074  (Meh- 
ner),  1090  f.  (Schippel) ;  GJN  149;  PF  IV 
35 ;  ZB  45  [DieGleichheit  29, 306 (Zepler)]. 

Baginsky,  Benno,  Dr.  med.,  Professor.  Pri- 
vatdozent  fiir  Hals-,  Nieren-  und  Ohren- 
krankheiten  an  der  Universitat  Berlin; 
•  Ratibor  24.  V.  1848;  f  Berlin  1.  XII. 

—  TR5.XII.;MMW66,  1456;  LZ  ion; 
WI7  51;  GJN  220  f.;  PBL  78  f.  (P). 

Bahnsen,  Wilhelm,  Oberkonsistorialrat, 
Generalsuperintendent  des  Herzogtums 
Koburg;  *  Tondern  31.  I.  1851;!  Koburg 
16.  V.  —  W.:  Passionspredigten  (1880); 
Evangelienpredigten  (2  Bde.,  1893/99); 
Zwei  Weihetage  meines  Lebens  (1895)  •  — ■ 
DGK;  WI7  52,  8  1768;  KL  17. 

Baer,  Fritz,  Professor,  Landschaf tsmaler ; 
•Miinchen  18.  VIII.  1850;  f  Pasing20.II. 
— .  W.:  Vorfriihlingsabend  (Bremen, 
Kunsthalle),  SDnnenuntergang  (Weimar, 
Museum).  —  MNN  6.  VIII.;  DGK; 
WI7  49,  8  1768;  SozMH  296;  Kchr,  NF 
30,455;  MSV  11  (W),  VI  10;  TB  II  342 


712 


Totenliste  19 19:  Bartenwerffer — Blume 


(W)  [Abb.  seiner  W.  in:  Katal.  der  Miin- 
chener  Glaspalast-Ausstellungen  1 896, 
1898,  1900 — 1907];  M7  I  1462;  BZ  44 
Per  Cicerone  XI  147].  —  H.F.Eggler: 
F.B.(i927). 

Bartenwerffer,  Konrad  v..  General  d.  Inf. 
2.  D.,  zuletzt  Chef  d.  Gen.-Stabs  des 
I.  AK.;  *  Danzig  16.  XII.  1835;  f  Mar- 
burg a.  L.  23.  III.  —  MWB1  103,  842; 
DGK;  AT  1927. 

Bartsch,  Robert  v.,  D.  theol.,  Dr.  jut.,  preu- 
Bischer  Unt erst aatssekre tar  a.  D.,  Wirkl. 
Geh.  Rat,  Exzellenz;  *  Oderberg  i.  M. 
31.  VII.  1833;  f  Badern  8.  XI.  —  KJ 
1920,  577;  AT  1921. 

Bauer,  Adolf,  Dr.  phil.,  o.  Professor  der 
alten  Geschichte  an  der  Universitat 
Wien,  Wirkl.  Mitglied  der  AdW  Wien; 
•Prag5.HI.  1855;  f  Wien  13. 1.  —  W.: 
Die  griech.  Kriegsaltertiimer  (in  Mullers 
Hb.  der  klass.  Altertumswissenschaft, 
•1892);  Themistokles  (1881);  Die  For- 
schungen  zur  griechischen  Geschichte 
(1899).  —  Sch;  LZ  93;  SozMH  748;  Al- 
manach  AdW  Wien  1919,  210 — 227 
(Kubitschek)  (W);  M7  I  1576;  KL  17 
(W);  Klio  16,208;  AA. 

Bauer,  Hermann  Theodor,  Bischof  der 
Evangelischen  Bruderkirche  und  Vor- 
sitzender  der  deutschen  Unitatsdirektion ; 
•    Rixdorf    1.    XI.    1850;     |     Herrnhut 

20.  XII.  —  KJ   1920,  577;  AA. 

Beck,  Karl  Richard,  Dr.  phil.,  Dr.  ing.  e.  h., 
LLD.,  Dr.  mont.  h.  c,  Geh.  Bergrat,  Pro- 
fessor der  Geologie  an  der  Bergakademie 
Freiberg;  *  Niederpfannstiel  b.  Aue 
24.  XI.  1858;  f  Freiberg  i.  Sa.  18.  VIII. 

—  W.:  Lehre  von  den  Erzlagerstatten 
(2  Bde.,  1900/03,  *  191 1),  [auch  franz.  u. 
engl.].  —  LZ  681;  PM  65,  190;  SozMH 
932;  MdT  15  [Zsch.  f.  prakt.  Geol.  149 
(Stutzer)  (W) ;  Jahrb.  f .  d.  Berg-  u.  Hut- 
tenw.  in  Sachsen  19 19,  9  (Schreiber)]; 
Ber.  Verh.  d.  GdW  Leipzig,  Math.-phys. 
Kl.  1919.  347—364  (Kosmat)  (W);  WI7 
82;  KL  17  (W);  ZB  45  [Tonindustrie- 
zeitung  27,  149  (Stutzer)]. 

Bentheim  und  Stelnfurt,  Alexis  Fiirst  zu, 
Graf  zu  Tecklenburg  und  Limburg,  Herr 
zu  Rheda  usw.,  Durchlaucht,  General- 
leutnant  A  la  suite  der  Armee;  •  Burg- 
steinfurt   17.  XI.  1845;   t   Burgsteinfurt 

21.  I.  —  DGK;  ERL;  WI7  99;  GHK 
1920. 

Berger,  Ernst,  Professor  an  der  Kunst- 
akademie  Miinchen,  Hersg.  der  Munche- 
ner  Kunsttechnischen  Blatter;  *  Wien 
3. 1.  1857;  f  (erschossen)  Miinchen  4.  V. 

—  W.:  Beitrage  zur  Entwicklungs- 
geschichte  der  Maltechnik  (191 1 — 19 12); 


Rebekkas  Abschied  (188 1).  —  Kchr; 
NF  30,  645;  MS  I  109  (W),  VI  21 ;  TB  III 
395  (W)  [Meyer,  Kiinstlerlexikon  III; 
Kunst  unserer  Zeit  II  (1893)  5^;  Kat.  der 
Miinchener  Glaspalast-Ausstellungen 
1883,  1886,  1889,  1893,  1900.  1906.  1907]. 

Bernatzik,  Edmund,  Dr.  jur.,  Hofrat,  o. 
Professor  der  Rechte  an  der  Universitat 
Wien,  Mitherausgeber  der  Ostr.  Zsch.  fur 
offentl.  Recht;  *  Mistelbach  28.  IX.  1854; 
f  Wien  30.  III.  —  W. :  Republik  und  Mon- 
archic (1892);  Die  osterreich.  Verfass.- 
Gesetze  (*i9ii);  tJber  nationale  Ma- 
triken  (1910);  Systematische  Rechts- 
wissenschaft  (2i9i3);  Rechtsstaat  und 
Kulturstaat  (191 2).  —  Herausgeber  der 
Wiener  staatswissenschaftlichen  Studien 
(1898  ff.).  —  WI7io6.  8i768;  Sch; 
Osterr.  Rundschau  59,  116 — 120  (Garr); 
KL  17  (W);  BZ  44  (Juristische  Blatter 
1 919,  109  (Wittmayer);  BZ  45  [Osterr. 
Zeitschr.  fiir  offentl.  Recht  I,  S.  VII  bis 
IX]. 

Berr,  Georg  v.,  (1872 — 1877)  bayrischer 
Finanzminister  a.  D. ;  *  Pottenstein  b. 
Pegnitz  7.  VIII.  1830;  f  14.  I.  —  DGK; 
Sch;  ZB  44  [Forstwissensch.  Zentral- 
blatt  1919,  155];  AA. 

Bierling,  Ernst,  D.  theol..  Dr.  jur.,  Geh. 
Justizrat,  em.  o.  Professor  des  Kirchen- 
und  Strafrechts  an  der  Universitat  Greifs- 
wald,  Mitgl.  des  ehemal.  preuttischen 
Herrenhauses;  *  Zittau  7.  I.  184 1;  f 
Greifswald  8.  XI.  —  W.:  Juristische 
Prinzipienlehre  (4  Bde.,  1894 — 1905).  — 
TR  13.  XL;  Sch;  KJ  1920,  577;  KL  17 
(W). 

Bilflnger,  Hermann  Freiherr  v.,  General  d. 
Inf.  z.  D.,  Exzellenz,  diensttuender  Gene- 
raladjutant  des  Konigs  von  Wurttem- 
berg  a.  D.,  ehem.  Mitglied  der  Wurttemb. 
Ersten  Kammer;  *  Friolzheim  i.IH. 
1843;  t  Stuttgart  14.  III.  —  SchwM 
16.  III.;  DGK;  WI7  125;  FT  1919;  WN 
79—82  (v.  Muff);  SchwM  126. 

Blume,  Wilhelm  v.,  General  der  Inf.  z.  D., 
Chef  des  Inf  .-Regts.  Herwarth  v.  Bitten- 
feld  (i.Westfal.)  Nr.  13,  Dr.  phil.  h.  c. 
Militarschriftsteller,  friiher  Mitglied  des 
Staatsrats,  des  Bundesrats,  des  Reichs- 
disziplinarhofs,  Ehrenmitglied  der  schwe- 
dischen  Akademie  der  Kriegswissenschai  t 
in  Stockholm,  1888 — 1 896  Komm.  Gene- 
ral des  15.  Armeekorps;  *  Potsdam  10.  V. 
1835;  f  Nikolassee  20.  V.  —  W.:  Die 
Operationen  des  deutschen  Heeres  von 
der  Schlacht  bei  Sedan  bis  zum  Ende  des 
Krieges  1871  ('1872);  Strategic  eine 
Studie  (f  1886);  Kaiser  Wilhelm  I.  und 
Roon  (1906);  Moltke  (1907);  Militarpoli- 


Totenliste  1919:  Blumner — Brieger 


713 


tische  Aufsatze  (1906).  —  TR  21.  V.; 
MWB1  103,  Nr.  138  und  S.  972,  978,  984; 
Sch;  WI7  141  (W);  M  7  II.  512;  KL  17 
(W);  AT  192 1,  LA  9  f.  (W). 

Blumner,  Hugo,  Dr.  phil.,  o.  Professor  der 
Archaologie  an  der  Universitat  Zurich; 
•  Berlin  9.  VIII.  1844;  |  Zurich  1.  I.  — 
W.:  Technologie  und  Terminologie  der 
Gewerbe  und  Kiinste  bei  Griechen  und 
Romern  (4  Bde.,  1875—1887,  "1912); 
Handbuch  der  rornischen  Privatalter- 
tiimer  (1881);  Pausaniae  graecae  descrip- 
tiones  (3  Bde.,  1896 — 1910).  —  NZZ  13. 1., 
14.  I.;  Sch;  DGK;  SozMH  748;  Kchr, 
NF  30,  307  f.  (Maas);  JAW  41,  1 — 44 
(Waser)  (W) ;  [Die  Schweiz  18  (1914). 
362  f.  (Waser),  (P)  u.  23  (1918),  115  f. 
(P);  NZZ  2.,  3.,  6.,  12.— 14.,  17.  I.;  Ge- 
dachtnisblatt  v.  Otto  Busse;  Jahresb.  d. 
Univ.  Zurich  191 8/1 9,  S.  55 — 58  (Schwy- 
zer)] ;  Jahrb.  AdW  Miinchen  1919,  29 — 30 
(Rehm);  LE  21,  637;  WIM40  (W); 
M7II,  517  (W);  KL  17  (W);  ZB  44 
[DBZ  53,  52;  Klio  16,  208.  —  Festgabe, 
H.  B.  uberreicht  (1914)]. 

Bode,  Hedwig  Baronin  v.,  geb.  Harnisch, 
gesch.  Schobert  [Schriftstellername],  Ro- 
manschriftstellerin ;  *  Barniraskunow 
(Pommern)   19.  IV.  1858;  f  Berlin  21.  I. 

—  W.:  Madame  Diane  (*  1905);  Treib- 
holz  (1916).  —  WIM45  (W),  8i769; 
KL  17  (W);  PY  II,  263  (W). 

Bonhdffer,  Adolf,  Dr.  phil..  Professor,  Di- 
rektor  der  Wiirttembergischen  Landes- 
bibliothek  in  Stuttgart;  *  Eschelbach 
19.  VI.  1859;  t  Stuttgart  14.  VIII.  — 
W.:  Neubearb.  von  Windelbands  Gesch. 
der  alten  Philos.  (8i9i2).  —  JAW  42, 
74—83  (Const.  Ritter) ;  LZ  681;  SozMH 
1920,  203;  WI7  160  f.  (W);  JB  1920,  178; 
KL  17  (W);  WN  104— 112  (Ritter). 

Bossert,  Otto  Richard,  Graphiker,  Lehrer 
an  der  Leipziger  Kunstgew.-Akademie; 
*  Heidelberg  23.  IV.  1874;  f  Leipzig  14. 1. 

—  W.:  Land  (8  Blatt) ;  Meer  (Zyklus).  — 
LNN  16.  I.;  Kchr.  NF  30.  303;  MS  VI, 
33  (W);  TB  IV,  404;  M7  II,  707;  ZB  44 
[Archiv  f.  Buchgew.  1919,  18  (VoB); 
Die  Kunst  fin*  Alle  34,  221  (Grimm); 
Kunsthandel  18  (VoB);  IZ  3944  (VoB)]; 
AA. 

Boetticher,  Gotthold,  Dr.  phil.,  Professor, 
Geh.  Studienrat,  Direktor  des  Konig- 
stadtischen  Realgymnasiums,  Vorsitzen- 
der  der  Gesellschaft  fur  deutsche  Philo- 
logie;  *  Wahlhausen  (Kr.  Heiligenstadt) 
26.  V.  1850;  t  (beim  Kommunistenauf- 
stand  erschossen)  Berlin  19.  III.  —  AA; 
Behrend,  Gesch.  der  dtsch.  Philologie  in 
Bildern  (1927),  S  VII  (P).  —  TR  7.  III.; 


KJ  1919,    564;  ZB  44  [Zsch.  f.  d.  dtsch- 
Unterricht  262 — 270  (Kinzel)]. 

Bfittner,  Johannes,  Okonomierat,  Garten  - 
bauschrif tsteller ;  *  GreuBen  (Thiir.)  3.  IX. 
1861;  t  Frankfurt  a.  O.  28.  IV.  —  W.: 
Gartenbau  fur  Anf anger  (ll  1916);  Lehr- 
buch  des  Obstbaus  (6  1914).  —  DGK; 
WI7  156  (W);  KL  17  (W). 

Bradl,  Jakob,  Professor,  Bildhauer  und 
Maler,  Leiter  der  Oberammergauer 
Schnitzerschule ;  *  Miinchen  14.  XII. 
1864;  f  Ettal  16.  IX.  —  W.:  Tympanon 
in  Kulmbach;  Madonna  in  der  Lieb- 
frauenkirche,  Bamberg;  Wittelsbach- 
Brunnen  in  Passau.  —  LNN  18.  IX.; 
WI7i75  (W);  H  17.  240—242  (Lang); 
MS  VI,  36  (W);  TB  IV,  506;  BZ  45 
[Christl.  Kunst  XVI,  Beibl.  1]. 

Brandenburg,  Martin,  Maler,  Mitglied  der 
Berliner  Sezession;  *  Posen  8.  III.  1870; 
t  Berlin  19.  II.  —  W.:  Das  Herz;  Der 
schwarze  Wahn;  Parsifal;  Sommertag. 
—  WIM77  (W),  8i769J  SozMH  296; 
KW  32,  II  178  f.  (Avenarius);  Kchr, 
NF  30,  441  f.;  TB  IV,  529  (W)  [Kchr, 
NF  18,  396  ff.];  MS  V,  37  (W),  VI,  36; 
M7II,  774- 

Brandt,  Gustav,  Dr.  phil.,  Professor,  Direk- 
tor des  Thaulow-Museums ;  *  Kiel  13.  II. 
1865;  f  Voorde  b.  Kiel  20.  IV.  —  AA; 
LZ  384;  Kchr;  NF  30,  620  f.  (K.Schae- 
fer) ;  SozMH  595  ;  BZ  44  [Gartenlaube  193 
(Warncke)];  BZ  45  [Die  Heimat  177  bis 
1 8 1     (Deneken) ;    Heimatschutz-Chronik 

HI.  9]- 

Bremen,  Egon  v.,  Dr.  h.  c,  Wirkl.  Geh.  Rat, 
Exzellenz,  Ministerialdirektor  im  preu- 
Bischen  Kultusministerium  a.  D.,  Vor- 
sitzender  des  Gerichtshofes  zur  Entschei- 
dung  von  Kompetenzen;  *  Bergen  auf 
Riigen  21.  V.  1852;  |  Berlin  9.  VII.  — 
W. :  Das  Volksschulwesen  im  preuBischen 
Staat  (3  Bde.,  1886).  —  DGK;  WI  7  189. 

Breuer,  Josef  v.,  Generaldirektor  der  Skoda- 
werke;  *  Ozd  (Ungarn)  6.  V.1871 ;  f  Pilsen 
4.  VII.  —  StE  39.  828  u.  992  (Mann),  (P). 

Brfeger,  Ludwig,  Dr.  med.,  Geh.  Med. -Rat, 
a.o.  Professor  der  inneren  Medizin  an  der 
Universitat  Berlin,  Leiter  der  Hydro- 
therapeuth.  Anstalt,  Vorsitzender  der 
Balneolog.  Gesellschaft,  Prasident  der 
Deutschen  Gesellschaft  fiir  Volksbader; 
•  Glatz  26.  VII.  1849;  t  Berlin  19.  X.  — 
W.:  Uber  Ptomaine  (3  Bde.,  1885/86); 
GrundriB  der  Hydrotherapie  (1909).  — 
TR20.  X.;  IZ  (P);  WIM95  (W),8i77o; 
KL  17  (W);  PBL  240—243  (P),  (W); 
BZ 45  [ChZ  43, 769  (Neuberg) ;  Med.  Klinik 
15.757  (Laqueur);  DMW45,  831  (Kolle) 
u.  1335  (Blumenthal) ;  MMW  384]- 


7i4 


Totenliste  19 19:  Brockhusen — Dallwitz 


Brockhusen,  Theo  v.,  Maler,  President  der 
freien  Sezession;  *  Margrabowa  16.  VII. 
1882;  f  Berlin  20.  IV.  —  W.:  Markische 
Landschaft  (Berlin,  Cassirer);  Gutshof 
in  Seelow  (1910).  —  DAZ  22.  IV.;  FZ 
25.  IV.;  VZ  20.  IV.;  Sen;  Kchr,  NF  30, 
5971;  SozMH  581;  WI7  198;  MS  V,  40; 
TB  V,  39  f .  (W) ;  M  7  II,  904;  Cicerone  XI, 
260. 

Brugmann,  Karl,  Dr.  phil.,  LLD.,  Dr.  h.  c, 
Geh.  Rat,  o.  Professor  der  indogermani- 
schen  Sprachwissenschaft  an  der  Univer- 
sitat Leipzig,  Mitglied  der  GdW  Leipzig, 
korresp.  Mitglied  der  AdW  Wien,  Miin- 
chen,  Upsala,  Kopenbagen,  Budapest, 
Gothenburg,  Helsingfors  [Rom,  Peters- 
burg, Turin];  *  Wiesbaden  16.  III.  1849; 
t  Leipzig  29.  VI.  —  W.:  GrundriB  der 
vergleich.  Grammatik  der  indogerman. 
Sprachen  (1886 — 1892,  "1897 — 1913); 
Hersg.  der  Indogerman.  Forschungen.  — 
LNN  30.  VI.;  Sch;  LZ  509;  M*  III,  491; 
Almanach  AdW  Wien  70,  256 — 261 
(Kretschmar) ;  SBGdW  Leipzig  71  (1921), 
25 — 40  (Streitberg) ;  Indog.  Jahrb.  VII 
(1921),  143—152  (Streitberg),  (W);  Jahr- 
buch  AdW  Miinchen  1919,  3 1 — 36  (Streit- 
berg) ;  KL  17  (W) ;  WI  7  206;  KW  32,  IV, 
80  f.  (Fischer);  LE  21,  1402;  M7II,  959 
(W);  BZZ  XI  [FZ  18.  III.;  Dresdner 
Neuest.  Nachr.  1.  VII.;  LNN  1.  VII.; 
NZZ  9.  VII.]. 

Brans,  Heinrich,  Dr.  phil.,  Geh.  Hofrat, 
o.  Professor  der  Astronomie  und  Mathe- 
matik  an  der  Universitat  Leipzig,  Direk- 
tor  der  Sternwarte,  Mitgl.  der  GdW  Leip- 
zig, korresp.  Mitgl.  der  AdW  Miinchen, 
Berlin,  Stockholm,  der  GdW  Gdttingen; 
*  Berlin  4.  IX.  1848;  f  Leipzig  23.  IX. 

—  W.:  Die  Figur  der  Erde  (1878);  t)ber 
die  Integrale  des  Vielkorperprobl.  (1887) ; 
Grundlinien  des  wiss.  Rechnens   (1903). 

—  LNN  25.  IX.;  Sch;  LZ  777;  PM  65, 
190;  Astronom.  Jahrb.  23  (1921),  23; 
Vierteljahrsschrift  der  Astronom.  Ges. 
Leipzig  56,  59 — 69  (Bauschinger),  (P), 
(W);  Jahrb.  d.  AdW  Miinchen  1919,  67 
bis  72  (Seeliger);  Ber.  Verh.  GdW  Leip- 
zig, Math.-phys.  Kl.  1919.  3^5—374 
(Herglotz),  (W);  WI72o9  (W);  M7II, 
973:KLi7(W);  PF  IV,  i79(W);BZ45 
[Astronom.  Nachr.  210,  15  (Hayn)]. 

•Bubendey,  Johann  Friedrich,  Baurat, 
Wasserbaudirektor,  Schopfer  der  Ham- 
burger Hafenanlagen,  1895 — x9°3  Pro~ 
fessor  fiir  Wasserbau  a.  d.  Technischen 
Hochschule  Charlottenburg ;  *  Hamburg 
4.  VII.  1848;  f  Hamburg  10.  V.  —  Ham- 
burger Fremdenbl.  1 1 .  V. ;  SozMH  772; 
VDI  63.   573—575   (Thierry),   (P) ;  MdT 


33  f.  (U.  Lohse);  M7  II,  990;  BZ44  [DBZ 
53,  222  (Eiselen);  Zschr.  d.  Verb,  dtsch. 
Dipl.-Ing.10.61  (Baritsch)];  BZ  45  [Zschr. 
fur  Binnenschiffahrt  155  (Hoch)],  DBJ 
350/355  (Hoch)  (W). 
Buttner  Pfanner  zu  Thai,  Franz,  Dr.  phil. . 
Geh.  Hofrat,  Professor  an  der  Miinchner 
Kunstakademie;  •  Halle  9.  VI.  1859; 
t  Schlofl  UnterUuter  b.  Koburg  20.  VIII. 

—  W.:  Anhalts  Bau-  und  Kunstdenk- 
maler  (1891 — 1895);  Anleitung  zur  Re- 
staur, u.  Konserv.  d.Olbilder  (1896); 
Herausgeber  von  Buttners  Handbiicher 
(4Bde.).  — TR26.  VIII.;  WI722i  (W); 
MS  V  45.  VI  43;  KL  17  (W);  BZ  45 
[Antiquitaten-Rundschau  17,  148]. 

Charlotte,  Herzogin  von  Sachsen-Meiningen, 
geb.  Prinzessin  von  Preufien,  Kgl.  Ho- 
heit,  alteste  Schwester  Kaiser  Wil- 
helms  II.;  •  Potsdam  24.  VII.  i860; 
t  Baden-Baden  8.  X.  —  Sch;  GHK  1920. 

Cohn,  Gustav,  Dr.  phil.,  o.  Professor  der 
Staatswissenschaften  an  der  Universitat 
Gdttingen,  Direktor  des  Staatswissensch. 
Seminars;  *  Marienwerder  12.  XII.  1840; 
f  Gdttingen  20.  IX.  —  W.:  System  der 
Nationalokonomie  (188  5 —  1 898) ;  Die 
deutsche  Frauenbewegung  (1897).  — 
Sch;  LZ  797;  SozMH  1246;  WI  7  263  (W), 
•1771;  M7II,  1666;  GJN  579  f-  (W); 
BZ  45  [Bankarchiv  19,  S.  1]. 

Cornu,  Julius  (Jules),  Dr.  phil.,  em.  o.  Pro- 
fessor der  romanischen  Philologie  an  der 
Universitat  Graz;  *  Villers-Mendraz 
(Schweiz)  24.  II.  1849;  f  Leoben  27.  XI. 

—  W.:  Grammatik  der  portugiesischen 
Sprache  (in  Grobers  GrundriB  der  ger- 
man.  Philol.  I).  —  BBI31.  XII. ;  LZ  1920, 
21;  LE  22,  504;  M7III,  37- 

Creizenach,  Wilhelm,  Dr.  phil.,  Hofrat,  em. 
o.  Professor  der  deutschen  Sprache  und 
Liter atur  an  der  Universitat  Krakau. 
Mitglied  der  AdW  Krakau;  •  Frankfurt 
a.M.  4.  VI.  1851;  f  Dresden  15.  V.  — 
W.:  Geschichte  des  neueren  Dramas 
(4  Bde.,  1893 — 19°9)'  —  Fz  24-  V.;  Sch; 
DGK;  LZ  404;  WI 7  274  (W) ;  M  7  III,  86; 
KL  17  (W);  BZ  45  [Mittlg.  aus  dem  ges. 
Gebiete  der  engl.  Sprache  u.  Lit.  30 
(1919),  281  (Fehr)];  Behrend,  Gesch.  der 
dtsch.  Philologie  in  Bildern  (1927), 
S.61  (P). 

Dallwitz,  Johann  v.,  Wirklicher  Geh.  Rat, 
Exzellenz,  (1914 — 19 18)  Statthalter  von 
ElsaB-Lothringen  a.  D.  (1903 — 1909  an- 
halt.  Staatsminister,  1909 — 1910  Ober- 
prasident  von  Schlesien,  19 10 — 19 14 
preuflischer  Minister  d.  I.);  *  Breslau 
29.  IX.  1855;  |  Bossee  b.  Weitensee 
(Holstein)  2.  VIII.  —  BT  6.  VIII.;  TR 


Totenliste  19 19:  Dammer — Dolivo-Dobrowolski 


715 


6.  VIII.;  LNN  7.  VIII.;  Sch;  WI  7  284, 
8  1771;  M7III,   178;  UAT  1921. 

Dammer,  Udo,  Dr.  phil..  Professor,  Kustos 
des  Botanischen  Gartens  in  Berlin; 
*  Apolda  8. 1,  i860;  t  Grofirambin  bei 
Kolberg  20.  XI.  —  W. :  Handbuch  fiir 
Pflanzensammler  (1891);  Unsere  Blumen 
und  Pflanzen  im  Garten  (19 12),  Unsere 
Blumen  und  Pflanzen  im  Zimmer  (19 14). 
—  WI7286  (W),8  I77U  KL  17  (W). 

Danckelman,  Freiherr  v.,  Alexander,  Dr. 
phil..  Professor,  Gen.  Regierungsrat, 
1886/90  Generalsekretar  der  Gesellschaft 
fiir  Erdkunde  in  Berlin,  dann  bis  191 1 
als  Geograph  im  Reichskolonialamt,  Geo- 
graph  u.  Meteorolog,  1888 — 191 1  Schrift- 
leiter  der  »Mitteilungen  aus  den  deut- 
schen  Schutzgebieten*;  *  Gordemitz  b. 
Eilenburg  24.  XI.  1855;  |  Schwerin  30. 
XII.  —  PM  66,  61;  WI7287;  M  7  III 
229. 

*  Delbrttck,  Max,  Dr.  phil.t  Geh.  Reg.-Rat, 
o.  Professor  d.  technischen  Chemie  an  der 
Landwirtsch.  Hochschule  Berlin,  Direk- 
tor  des  Instituts  fiir  Garungsgewerbe, 
Herausgeber  der  Wochenschrift  fur 
Brauerei  u.  d.  Zschr.  fiir  Spiritusindu- 
strie;  *  Bergen  a.  Rugen  16.  VI.  1850; 
f  Berlin  4.  V.  —  W. :  Handbuch  der  Spiri- 
tusfabrikation  (8  1908).  —  DGK;  LZ  359; 
WI7298,  •  1771:  SozMH  592;  M7III, 
391 ;  KL  17  (W);  ZB  44  [Dtsche.  Landw. 
Presse  285  (Hayduck) ;  Dtsche.  Tierarztl. 
Wschr.  190  (Paechtner) ;  AUgem.  Zschr.  f . 
Bierbrauerei  149,  155  (Clufl) ;  VDI  63, 
469];  BZ  45  [Die  dtsche.  Essigindustrie 
23,  199 — 204  (Hayduck);  Mittlg.  zur 
Gesch.  der  Med.  u.  Naturwiss.  18,  264; 
Wochenschr.  fiir  Brauerei  195 — 200; 
Zschr.  fiir  Spiritusind.  231;  Zschr.  fiir  das 
ges.  Brauwesen,  NF  42,  r  75] ;  F.  Hayduck, 
M.  D.  zum  Gedachtn.  Berlin  19 19;  DBJ 
355/36o  (Hayduck). 

Detten,  Georg  v.,  Geh.  Justizrat,  Land- 
gerichtsrat  a.  D.,  westfalischer  Ge- 
schichtsforscher,  Ehrenmitgl.  des  Ver.  f. 
Gesch.  u.  Altertumskunde  Westfalens; 
♦Werne  a.  L.  9.  VI.  1837;  f  Paderborn 
30.  III.  —  W.:  Die  Hansa  der  West- 
falen  (1897);  Westfal.  Wirtschaftsleben 
im  Mittelalter  (1902).  —  LE  21,  10 19; 
WI7305  (W);  KL  17  (W);  UAT  1925; 
ZB  44  [Niedersachsen  24,  216]. 

•Deussen,  Paul,  Dr.  phil.,  Geh.  Reg-Rat, 
o.  Professor  der  Philosophic  a.  d.  Univer- 
sitat  Kiel,  korresp.  Mitglied  der  AdW 
Wien;  *  Oberdreis  (Kr.  Neuwied)  7.  I. 
1845;  t  Kiel  6.  VII.  — W.:  Elemente  der 
Metaphysik  (1877,  6l9T9)i  Allgemeine 
Geschichte  der  Philosophic  (1894 — 191 7)  \ 


Mein  Leben  (1922).  —  BT  9.  VII.;  VZ 
8.  VII.;  LNN  9.  VII.;  Sch;  LZ  552; 
SozMH  832;  Almanach  AdW  Wien  1920, 
242 — 254  (Meinong);  M  7  III,  485  (W); 
Kant-Studien  24.  3  (H.  Scholz:  P.  D.); 
KL  17  (W);  BZ  45  [Bayreuther  Blatter 
42,  288  (Gotthelf) ;  Der  neue  Orient  V, 
244;  Weltall  19,  196  (Engelhard t) ;  Der 
Vortrupp  8,  481 — 487  (Biernatzki)];  BZZ 
XI  [TR  11.  VII.;  Tag  17.  VII.;  NZZ 
17.  VII.;FZ23.  VII.;  KZ  15.— 17.  VII.]; 
DBJ  360/367  (StrauB). 
Diethe,  Alfred,  Historienmaler,  1885 — J904 
Professor  an  der  Kunstakademie  Dres- 
den; *  Dresden  13.  II.  1836;   f   Dresden 

7.  VI.  —  W.:  Christ  us  mit  den  Jiingern 
in  Emmaus  (i860,  Dresdener  Galerie) ; 
Auferstehung  Christi  (1861) ;  Zwei  Wand- 
bilder  im  Bankettsaal  der  Albrechtsburg 
zuMeiflen.—  WI7  313  (W),8  1771;  Kchr, 
NF  30,  797 ;  MS  I,  343  ( W) ,  VI,  69 ;  TB  IX, 
255  (W)  [mit  Lit.-Angaben] ;  A  A. 

Dietrich,  Christian,  Rektor  a.  D.,  Fiihrer  der 
Gemeinschaftsbewegung,  Herausgeber  d. 
Gemeindebl.  » Philadelphia*;  *  Gschwend 

8.  IV.  1844;  t  Stuttgart  22.  II.  —  KJ 
1919.  565 ;  WN  75—79  (Jehle) ;  G.Schmid, 
Von  Kraft  zu  Kraft;  Rektor  D.s  Lebens- 
gang  und  Lebenswerk  (191 9). 

Dittrich,  Rudolf,  Komponist,  Orgelprofessor 
a.  d.  Akademie  der  Tonkunst,  1888  bis 
1894  artistischer  Direktor  an  der  kaiser- 
lich  japanischen  Musikakademie  in  Tokio ; 
•Biala  (Galizien)  25.IV.  1861;  f  Wien 
16.  II.  —  W.:  Beitrage  zur  Kenntnis  der 
japan.  Musik.  —  JP  74.  [NMZ  40,  123; 
AMZ  75];  A  117;  NML  153;  R  292; 
FAT  84. 

Dohm,  Hedwig,  Witwe  Ernst  Dohms, 
Schriftstellerin,  Frauenrechtlerin ;  *  Ber- 
lin 20.  IX.  1833;  f  Berlin  4.  VI.  —  W.: 
Der  Frauen  Natur  und  Recht  (a  1893).  — 
TR  5.  VI.;  DGK;  Sch;  WI 7  327  (W), 
8  1771 ;  LZ  444;  SozMH  570  u.  595  f. 
(Zepler),  677  f.  (Hochdorf) ;  LE  21,  1274; 
M7III,  876;  KL  17  (W);  PY  I,  162  f. 
(W);  ZB  44  [Die  Frau  26,  3iof.  (Bau- 
mer)];  BZ  45  [Schlesischer  Musenalma- 
nach,  5.  Jahrg.,  IV.  73  (Rieger)];  BZZ  XI 
[VZ  20.  IX.  1918;  Tag  31.XII.  1918; 
Dresdener  Neueste  Nachr.  6.  VI.;  BT 
8.  VI.;  VZ  5.  VI.;  FZ  27.  VI.]. 

♦Dolivo-Dobrowolski, Michael,  Dr.  Ing.  e.h.. 
Direktor  der  AEG,  Pionier  des  Dreh- 
stroms,  Erfinder  (1888)  des  Drehstrom- 
motors;  *  St.  Petersburg  2.  I.  1862; 
f  Darmstadt  15.  XI.  —  BT  14.  XII.;  TR 
25.  XI.;  MdT  58  f.  [Elektrotechn.  Zschr. 
41,  722];  VDI  64,  137;  WI7  328;  M7III, 
886;  DBJ  367/368  (J.  Birnholz). 


yi6 


Totenliste  1919:  Doemming — Fischer 


Doemming,  Alfred  v.,  D.  theol.,  President 
des  Konsistoriums  der  Provinz  Sachsen; 

*  Falkenberg  (Pommern)  15.  II.  1862; 
t  Magdeburg  1.  X. —  KJ  1920,  579;  AT 
1927. 

Door,  Anton,  Professor,  Pianist,  1869  bis 
1 90 1  Lehrer  am  Konservatorium  der  Ge- 
sellschaft    der    Musikfreunde    in    Wien; 

*  Wien  20.  VI.  1833;  t  Wien  .  XI.  — 
JP75  [NMZ4I.79;  DTZ  18,  10;  FAT 85; 
R  297;  A  1 19. 

Dofi,  Bruno,  Dr.  pkil.,  Professor  der  Geolo- 
gie  a.  d.  Bergakademie  Freiberg;  *  1.  I. 
1861;  f  Dresden  28.  V.  —  LZ  489; 
SozMH  662;  Zentralbl.  fiir  Mineralogie 
1 9 19,  257—268  (Beck),  (P),  (W);  PF  IV, 

3<>3  *• 
Dorm,  Joseph,  Dr.  phil.  h.  c,  Dr.  Ing.e.h., 

Geh.  Rat,    Oberbaudirektor,    Leiter   des 

badischen  Hochbauwesens,   Professor  a. 

d.  Techn.  Hochschule  Karlsruhe,   Archi- 

tekt,      Ehrenbiirger     von      Heidelberg; 

*  Karlsruhe  14.  II.  1837;  f  Karlsruhe 
4.  IV.  —  Bauw. :  Erbgrofih.  Palais,  Karls- 
ruhe; Kunstgewerbeschule,  Mannheim; 
Neue  Bibliothek,  Heidelberg.  —  W. :  Aus- 
gefiihrte  Bauten  (2  Bde.,  1876);  Bau- 
kunst  der  Griechen  ("1910);  Baukunst 
der  Etrusker  und  Romer  (2  1905) ;  Hand- 
buch  der  Architektur  (1881  ff.).  —  FZ 
17.  IV.;  DGK;  SozMH  424;  Kchr,  NF  30, 
559;  WI '  348  (W) ;  MS  I.  376  (W),  VI,  79; 
TB  X,  2i8f.  (W);  M'lII,  1121  (W); 
KL  17  (W);  DBZ  169. 

Eeearius-Sieber,  Artur,  Musikschriftsteller 
und  Klavierpadagoge;  *  Gotha  25.  V. 
1864;  f  Berlin  30.  VI.  1919.  —  W.:  [Vio- 
lin]-Sonaten  (2  Bde.);  Viol.-Etiiden- 
Album  (3  Bde.) ;  Handbuch  der  Klavier- 
unterrichtslehre ;  Die  musikalische  Ge- 
horsbildung  (1898,  1902);  Fiihrer  durch 
die  Violinliteratur.  —  JP  75  [NMZ  40, 
262;  Signale  469;  DTZ  77  \  AMZ  430; 
NZ  f.  Mus.  188];  FAT  91 ;  NML  163  (W); 
R  319  (W);  A  127  (W). 

Eck,  Samuel,  D.  theol. ,  Dr.  phil.  h.  c,  Geh. 
Kirchenrat,  Professor  der  systematischen 
Theologie  a.  d.  Universitat  Gieflen;  *  St. 
Petersburg  28.  XII.  1856;  f  Gieflen 
3 1 .  XII.  —  W. :  Goethes  Lebensanschau- 
ung  (1902);  Gedanke  und  Personlichkeit 
(1914).  —  KJ  1920,  579  f.;  KL  17  (W); 
LZ  1920,  92;  SozMH  1920,  204;  WI  7  354 
(W);  AA. 

Ef  eh  berg,  Richard,  Musikpadagoge  u.  Kora- 
ponist;  *  Berlin  13.  V.  1855;  f  Berlin 
16.  XII.  —  W.:  Padagogik  fiir  Musik- 
lehrer  (19 14);  Methodik  der  Klavier- 
spieler  (19 14);  Madchenlieder.  —  JP  75 
[DTZ  18,  3;  Die  Stimme   14,  96;  AMZ 


1920,  31;  NMZ  41.   147];  FAT  93  (W): 
R  324  (W);  A  128. 

♦Eisner,    Kurt,    bayrischer    Ministerprasi- 
dent,   Schriftsteller,   Sozialist;    •    Berlin 
14.  V.  1867;  |  (ermordet)  Miinchen  21.  II. 
—    W.:    Gesammelte    Schriften     (1919, 
2  Bde.);  Wachsen  und  Werden.  Aphoris- 
men,  Ged.,  Tagebuchbl.  (1926).  —  DGK; 
Sch;  WI7  371,  8  1772;  SozMH  916,  LE 
2 1 ,  826 ;  H  1 7 ,  1 695—704  (Prilip) ;  M  7 III. 
1404;  KL,  17  (W);  ZB  44  [Weltbiihne  29 
bis   34   (Fischart),    243    (Natonek),    403 
(E.Eisner);  Der  Sozialist  129  (Strobel); 
Der  neue  Merkur,    April    19 19,    56 — 5$ 
Hausenstein) ;  SM,  Juni   1919,    210;  Jii- 
dische   Rundschau    14    (Meisl)];    BZ  45 
[Der  Zwiebelfisch    1919,     75    (v.  Weber) 
"•    77—83];    BZZ    XI     [Basler    Nachr. 
23.II.;    VZ    23.II.;    Vorwarts    24.  II.; 
BT    21.  II.;    FZ    20.  II.;    MNN    i.III; 
NZZ  1.  III.];  Unserm  K.  E.  zu  Ehren  u. 
Gedachtnis  (hrsg.  v.  W.  Thomas,  1920); 
A.  Hepner:  Zum  Jahrestag  der  Griindung 
der    bayer.    Republik,    Wriirdigung    der 
Politik    Eisners   (1919);     DBJ     368/37$ 
(Graflmann)    (W),   (L). 

Englander,  Richard,  s.  Altenberg.  Peter. 

Erhard,  Theodor,  Dr.  phil.,  Geh.  Bergrat, 
em.  o.  Professor  der  Physik  il.  Elektro 
technik  a.  d.  Bergakademie  Freiberg; 
•  Dresden  28.  X.  1839;  t  Freiberg  (Sa.) 
6.  IV.  —  W.:  Einfiihrung  in  die  Elektro- 
technik  (*  1903);  Der  elektrische  Betrieb 
im  Bergbau  (1902).  —  LZ  924;  KL  17 
(W);  PFIV,  344. 

Ernst,  Heinrich,  Kammersanger,  1875  bis 
1890  an  der  Berliner  Hofoper,  Wagner- 
San  ger  (Siegfried,  Lohengrin) ;  *  Dresden 
19.  IX.  1846;  f  Wannsee  11.  VIII.  — 
TR  13.  VIII.;  Dtsch.  Buhnenjahrbuch  31 
(1920),  162  f. 

•Fischer, Emil,  Dr.  phil.,  med.,  ing.,  sch.  c. 
Wirkl.  Geh.  Rat,  Exzellenz.  o.  Professor 
der  Chemie  an  der  Universitat  Berlin, 
Direktor  des  chem.  Institutes,  2.  Vize- 
prasident  der  AdW  Berlin,  a.o.  Mitgl.  des 
Senates  der  Kaiser-Wilhelm-Akademie, 
korresp.  Mitgl.  d.  AdW  Miinchen  u.  Wien. 
Entdecker  des  Veronals,  Sajodins,  Nobel- 
preistrager  (1902),  Ritter  des  Ordens 
Pour  It  miritc,  *  Euskirchen  9.  X.  1852; 
f  Wannsee  b.  Berlin  15.  VII.  —  W. :  An- 
leitung  zur  Darstellung  organischer  Pra- 
parate  (1901);  Aus  meinem  Leben  ( 1922). 
—  TR  15.  VII.;  IZ  (P);  MWB1  104.  7<?; 
MMW  66,  938  f  •  (Abderhalden) ;  WI 1  423 
(W).  '1773:  KL  17  (W);  LZ577;  N7. 
843 — 882  (Harries,  Abderhalden  u.  a.), 
(P);  SB  AdW  Berlin  1920,  698 — 703 
(Beckmann) ;  Jahrb.  AdW  Miinchen  1920, 


Totenliste  19 19:  Fischer— Geisler 


717 


17 — 24  (Willstatter) ;  Almanach  AdW 
Wien  1920,  123 — 127  (Schlenk);  M  7  IV, 
774;  PF  IV.  366—368  (W);  E.  Beck- 
mann:  Gedachtnisrede  auf  E.  F.  (1920); 
VDJ  63,  715;  ZB45  [Chem.-Ztg.  43,  565 
(Jacobsen);  Med.  Klinik  15,  756  (Abder- 
halden) ;  Die  Umschau  609  (Harries) ; 
Hoppe-Seylers  Zschr.  fur  physiol.  Chemie 
108,  1;  Pharmaz.  Ztg.  64,  427  (Saba- 
litschka) ;  Die  chem.  Industrie  42,  269 
bis  276  (Wohl),  Therapie  der  Gegenwart 
1919.  317 — 32o  (Klemperer) ;  WKlinW 
828  (Fiirth);  DMW  45  (Bergmann), 
BKlinW  56,  958  (Schmidt-Rund) ;  Chem.- 
Ztg.  43,  757  [Gedachtnisfeier] ;  Osterr. 
Chem.-Ztg.  22,  173  (Pollak);  N  7,  843  bis 
860  (Harries),  860 — 868  (Abderhalden) , 
868—873  (v.  Weinberg),  873—878  (Tren- 
delenburg), 878  (Lewin)];  BZ  46  [Archiv 
fur  physik.-therap.  Therapie  21,  169; 
Ber.  d.  dtsch.  pharmaz.  Ges.  29,  533 
(Rosenmund) ;  Zschr.  fur  angew.  Chemie 
32,  360  u.  744  f.  (Wichelhaus  u.  a.)];  BZ 
47  [SB  der  AdW  Berlin  1920,  698 — 703 
(Beckmann)];  BZZ  XI  [BT  16.  VII.;  VZ 
16.  VII.;  Deutsche  Ztg.  22.  VII.;  MNN 
18.  VII.;  DAZ  17.  VII.;  NFP  17.  VII., 
29.  VII.;  Germania  18.  VII.;  TR  17.  VII.; 
Vorwarts  17.  VII.];  K.  Hoesch:  E.  F., 
sein  Leben  u.  sein  Werk  ( 1921  =  Ber.  d. 
dsch.  Chem.  Ges.,  54,  Sonderheft  1 — 480); 
Journ.  Chem.  Soc.  London  117,  1 157  bis 
1291  (M.  O.  Forster);  A.Harnack:  Grab- 
rede  fur  E.  F.  (1919);  DBJ  378/385  (Hel- 
ferich) . 

Fischer,  Hermann  Eberhard,  Dr.  med.,  Geh. 
Med. -Rat,  em.  o.  Professor  der  Chirurgie 
a.  d.  Universitat  Breslau;  *  Ziesar  14.  X. 
1830;  |  Berlin  1.  II.  —  DGK;  LZ  131; 
MMW  66,  172;  L  55.  13;  PBL  512 — 514 
(P).  (W). 

Franke,  Hermann,  Kantor  in  Sorau,  Pro- 
fessor und  Musikdirektor,  Komponist; 
*  Neusalz  a.  O.  9.  II.  1834;  j  Sorau 
18.  X.  —  W.:  Isaaks  Opferung  (Ora- 
torium) ;  Handbuch  der  Musik  (1867).  — 
JP  76  [RMTZ  350];  FAT  109  (W);  R  379 
(W);  A  148  (W);  AA. 

Freiesleben,  Georg,  Dr.  jur.,  Wirkl.  Geh. 
Rat,  Exzellenz,  em.  Senatsprasident  beim 
Reichsgericht ;  *  Dresden  6.  II.  1839; 
|  Leipzig  25.  IV.  —  LZ  318. 

Fries,  Wilhelm  de,  Ingenieur,  Mitbegriinder 
und  Mitinhaber  der  Firma  Wilhelm  de 
Fries  &  Co.,  friiher  Direktor  der  Bern- 
rather  Maschinenf abrik ;  *  Orsoy  11.  II. 
1856;  f  Diisseldorf  2 1 .  II.  —  StE  39.  647. 

Frimberger,  Georg  Johann,  Schriftsteller, 
niederosterreichischer  mundartl.  Dichter, 
Eisenbahnoberbeamter    i.  R.;    *    GroB- 


Inzersdorf  (N.-O.)  16.  XII.  1851;  f  Wien 
23.  XI.  —  W.:  Wia  die  Leut'  san  und 
wia  's  sein  solln  (Ged.,  1895);  Pfeffert 
und  gsalzn  (Vortragsstiicke,  1892) ;  Wein- 
landler.  Gesch.,  Gestalten  u.  Bilder  aus 
Niederosterr.  (1901).  —  WI7468  (W), 
8  1773;  KL  17  (W);  BR  II,  291  (W). 

Fritze,  Hans  v..  Dr.  phil.,  Professor,  wiss. 
Beamterder  AdW  Berlin;  *  Berlin  23.  IX. 
1869;  f  Berlin  10.  VII.  —  JAW  40,  58 
bis  75  (Kirchner),  (W) ;  AT  1927. 

•Fritzen,  Adolf,  Dr.theol.  et  phil.,  ehem. 
Bischof  von  Straflburg;  *  Cleve  30.  VII. 
1838;  f  Straflburg  7.  VIII.  —  Sch;  WIT 
470,  8  1773;  E  1047  (P);  ElsaB.-Lothr. 
Jbl(i922),  S.  184  f.;  DBJ  386/388  (L. 
Pfleger). 

Funck,  Theodor,  Maler;  *  Elberfeld  10.  III. 
1863;  f  Diisseldorf  5.  II.  —  W. :  Bei  der 
Witwe  Prins  (Diisseldorf) .  —  Kchr,  NF 
30,  398;  MS  VI,  103;  TB  XII,  592  f.; 
ZB  44  [Die  Kunst  fur  Alle  34,  1 1/12,  Bei- 
lage  V]. 

Gasser,  Emil,  Dr.  med.,  Geh.  Med. -Rat,  o. 
Professor  der  Anatomie  a.  d.  Universitat 
Marburg,  Direktor  des  Anatom.  Instituts ; 
♦  Idstein  (Nassau)  8.  XII.  1847;  t  Mar- 
burg 13.  IV.  —  LZ  295;  MMW  66,  578; 
WI7493;  PfiI<  584  (W);  AA. 

Geiger,  Ludwig,  Dr.  phil.,  Geh.  Reg.-Rat, 
a.o.  Professor  der  neueren  Literatur- 
geschichte  an  der  Universitat  Berlin, 
Griinder  der  Gesellschaft  fur  Theater- 
geschichte;  *  Breslau  5.  VI.  1848;  t  Ber- 
lin 9.  II.  —  W.:  Geschichte  der  Juden  in 
Berlin  (2  Bde.,  1871);  Goethes  Leben 
und  Schaffen  (1909);  Herausgeber  von: 
Goethe-Jahrbuch  (34  Bde.,  1880 — 1913); 
Vierteljahrsschrift  fiir  Kultur  u.  Lit.  der 
Renaissance  (2  Bde.,  1885/86) ;  Zschr.  fiir 
vergleichende  Lit.-Geschichte  und  Re- 
naissanceliteratur  (1887 — 1891);  Zschr. 
fiir  die  Gesch.  der  Juden  in  Deutschland 
(1886— 1891.  5  Bde.).  —  BT  (12.  II.); 
Weser-Ztg.  13.  II.;  FZ  18.  III.;  TR  10.IL; 
IZ  (P);  SozMH  371;  WI  7  500  (W). 
8  1774;  LZ  132;  LE  21,  764;  Dtsch.  Biih- 
nenjahrb.  31  (1920),  150;  M  7  IV,  I5941"- 
(W) ;  KL  17  (W) ;  ZB  44  [Der  Friede  III, 
443  (Ullrich);  Alt-Berlin  36,  17;  AUgem. 
ZeitR.  d.  Judent.  61  (Katz)  u.  77— 80]; 
Mittln  des  Gesamtarchivs  der  dsch.  Juden 
6,  104 — 106  (Elbogen). 

Geisler,  Paul,  Komponist,  Dirigent  der  Po- 
sener  Symphoniekonzerte,  Griinder  des 
Posener  Konservatoriums;  *  Stolp 
10.  VIII.  1856;  f  Posen  3.  IV.  —  W.: 
4  Symphonien,  Opera  (Friedericus  Rex 
u.  a.),  Chorwerke.  —  JP  76  [NZ  f.  Musik 
96;  AMZ  206,  212;  NMZ  40,   195;  DTZ 


7i8 


Totenliste  1919:  Gerber — Grutzmacher 


52];  FAT  119  (W);  NML220  (W);  R412 
(W) ;  A  160;  ZB  44  [A.  d.  Ostlande  14,  14]. 
Gerber,  Paul,  Dr.  med.,  Geh.  Med. -Rat,  o. 
Professor  der  Hals-  u.  Nasenkrankheiten 
an  der  Universitat  Konigsberg,  Direktor 
der  Poliklinik  fiir  Hals-  u.  Nasenkranke; 

*  Konigsberg  i.  Pr.  14.  V.  1863;  f  Konigs- 
berg i.  Pr.  1.  X.  —  W.:  Die  Syphilis  des 
Halses  und  der  Nase  (2  1910);  Atlas  der 
Nasenkrankheiten  (1901);  Aus  der  Ju- 
gendzeit.  Lieder  u.  Gedichte  (1895).  — 
TR  i5.X.;MMW66,  1250;  WI7  508  (W); 
KL  17  (W);  PBL  593  (W). 

Gerhardt,  M.,  s.  Maul. 

Gerland,  Georg,  Dr.phiL,  Geh.  Reg.-Rat, 
em.  o.  Professor  der  Geographieu.  Ethno- 
logie  an  der  Universitat  StraBburg,  Di- 
rektor der  kaiserl.  Hauptstation  fiir  Erd- 
bebenforschung  in  Straflburg  i.  E.  i.  R.; 

*  Kassel  29.  I.  1833;  |  Jena  19.  II.  — 
W. :  Atlas  der  Volkerkunde  (1886 — 1893) ; 
Hrsg.  der  Beitrage  zur  Geophysik  (1887 
bis  1910).  —  Magdeb.  Ztg.  6.  III.;  DGK; 
LZ  193;  PM  65,  22  f.  (L.Neumann); 
WI75n  (W);  M'lV,  1774  (W);  KL  17 
(W);  PF  IV,  421;  ZB  44/45  [Hessenland 
33,  59  u.  127]. 

GJellerup,  Karl,  danischer  und  deutscher 
Dichter,  Nobelpreistrager ;  *  Roholte 
(Seeland)  2.  VI.  1857;  f  Klotzsche  bei 
Dresden  1 1 .  X.  —  W. :  Minna  (R.,  1889) ; 
Die  Hiigelmuhle  (R.,  1896);  Reif  fur  das 
Leben  (R.,  1916);  Die  Gottesfreundin 
(R.,  1918);  Die  Opferfeuer  (1903);  Der 
goldene  Zweig  (Novellenkranz,  1 9 1 7) ; 
Das  heiligste  Tier  (1920).  —  Karl  Gj., 
der  Dichter  und  Denker,  sein  Leben  in 
Selbstzeugnissen  (2  Bde.,  192 1 — 1923). — 
Sch;  LZ  841;  LNN  15.X.;  TR  14.  X.; 
SozMH  1 186;  E  1381  (P);  LE  22,  25a  u. 
285  f.  [Dresdner  Nachr.  285;  TR,  Unter- 
haltungsb.  225;  Dresdner  NN  281;  VZ 
524;  NZZ  1599];  KW  33,  I  in  (Avena- 
rius) ;  WI 7  523  (W) ;  M  7  V,  185  (W) ;  KL 
17  (W);  BR  II,  375  f-  (W);  BZ  45  [Uni- 
versum  36,  H.  4,  S.  319  (Dittrich)]. 

Goecke,  Theodor,  Geh.  Baurat,  Professor  a. 
d.  Technischen  Hochschule  Berlin,  Pro- 
vinzialkonservator  der  Kunstdenkmaler 
der  Provinz  Brandenburg,  Leiter  der 
Provinzial-Bauberatungsstelle,  Heraus- 
geber  der  Zeitschrift  »Der  Stadtebauf  u. 
der  » Kunstdenkmaler  der  Provinz  Bran- 
denburg*; *  Emmerich  a.  Rh.  19.  V. 
1850;  f  Berlin  15.  VI.  —  TR  21.  VI.; 
DGK;  Kchr,  NF  30,  797;  WI 7  533  (W), 
8  1774;  SozMH  1 121;  DBZ  286;  BZ  45 
[Neudeutsche  Bauzeitung  15,  170  (Leh- 
weB);  Stadtebau  16,  1 — 3  (Lasne)];  BZ 
46    [Zentralbl.   der   Bauverw.   191 9,    321 


(Siedler);  Heimatschutz  in  Brandenburg 
9/10,  S.  88;  Zschr.  fiir  Hochschulpadago- 
gik  10,  65]. 

Greving,  Joseph,  Dr.  theol.,  o.  Professor  der 
katholischen  Kirchengeschichte  an  der 
Universitat  Bonn;  •  Aachen  24.XII.186S; 
t  Bonn  a.  Rh.  6.  V.  —  W.:  Geschichte 
der  deutschen  Reformation  (1904).  — 
LZ  404;  WI7  560  (W);  ZB  45  [Histor- 
polit.  Blatter  fiir  das  kathol.  Deutsch- 
land  164,  129 — 140  (Schlecht)];  AA. 

Grill,  Leo,  Professor  der  Musik,  1871  bis 
1907  Lehrer  fiir  Theorie  am  Konserva- 
torium  der  Musik  in  Leipzig,  Komponist 
(Klavierstiicke,  Kammermusik,  Chore, 
Lieder);  •  Budapest  24.  II.  1846;  f  Ehr- 
wald  (Tirol)  12.  V.  —  JP  76  [NZfM  140; 
NMZ  40,  250];  FAT  134;  R  473- 

•Grdber,  Adolf,  Staatssekretar  (Okt.-Nov. 
19 1 8)  a.  D.,  Mitglied  der  National ver- 
sammlung,  Vorsitzender  (seit  191 7)  der 
Zentrumsfraktion,  1887 — 1918  M.  d.  R., 
1889 — 1918  Mitgl.  der  Wiirtt.  II.  Kam- 
mer,  Mitglied  des  Zentralkomitees  der 
General  versamml.  d.  Katholiken  Deutsch- 
lands;  *  Riedlingen  11.  II.  1854;  f  Berlin 

19.  XI.  —  KV  20.  u.  28.  XI.;  Germania 

20.  u.  26.  XI.;  BT  20.  XI.;  VZ  20.  XL; 
Tag  11.  XII.;  Schwab.  Merkur  20.  XI  ; 
Sch;  E  1612;  WI7564,  8  1774;  SozMH 
1920,  348;  DGK  1919  II,  S.  630  f.  [Zus.- 
Stellung  der  Nachrufe] ;  M  7  V,  650;  HNV 
169  (P);  H.  Cardauns:  A.G.  (1921);  WN 
168 — 180  (Schermann)  [Augsburger  Post- 
zeitung  21.  u.  28.  XI.;  Germania  20.  XI; 
Schw.  Kronik  20.  XI. ;  Allgem.  Rund- 
schau Nr.  49  u.  50;  KVZ  24.  u.  28.  XI.]; 
BZ  46  [Akadem.  Monatsbl.  14  (Maxell); 
Das  Echo,  S.  161 2;  Allgem.  Rundschau 
16,  745  (GrieBer);  Stimmen  der  Zeit  98, 
524  (Noppel)] ;  Staatslexikon  6  II,  844  bis 
846  (K.Hofmann);  DBJ  388/392  (J.  Ba- 
chem) . 

♦Grove,  Otto  v.,  Dr.  ing.  e.  h.t  Geh.  Rat, 
em.  o.  Professor  des  Maschinenbaus  an 
der  Technischen  Hochschule  Munchen; 
*  Goslar  6.  II.  1836;  t  Munchen  19.  V.— 
LZ  42 1 ;  VDI  63,  1 105 — 1 107  (v.  Lossow) 
(P) ;  MdT  96  f .  (C.  Walther) ;  DBJ  392/397 
(v.  Lossow  u.  G.  Lotter). 

Grunmach,  Emil,  Dr.  med.,  Geh.  Med. -Rat, 
a.o.  Professor  der  inneren  Medizin  an  der 
Universitat  Berlin,  Direktor  des  Ront- 
gen-Instituts ;  •  Schwetz4.V.  1849;  |  Ber- 
lin 1.  VIII.  —  TR8.  VIII.;  SozMHi2>6; 
WI7577  (W);  MMW  66.  950;  LZ  6^; 
PBL  6451.  (W);  AA. 

GrQtimacher,  Friedrich,  Professor  der  Mu- 
sik, Cellosolist  der  Giirzenich-Konzerte, 
Lehrer    am   Konservatorium    in    Koln; 


Totenliste  19 19:  Griitzner — Hagen 


719 


•  Meiningen  20.  VII.  1866;  f  Koln  a.Rh. 
25.  VII.  —  JP  76  [AMZ  454;  DMZ  514; 
NZfM  216];  FAT  136;  R  478;  A  181. 

Griitzner,  Paul  v.,  Dr.  med.,  em.  (1884  bis 
191 7)  o.  Professor  der  Physiologie  an  der 
Universitat  Tubingen;  *  Festenberg 
(Schles.)  30.  IV.  1847;  t  Bern  29.  VII.  — 
W. :  Physiologie  der  Stimme  u.  Sprache 
(1879).  —  Berner  Bund  8.  VIII.;  TR 
1.  VIII.;  MMW  66,  920;  Sch;  LZ  637; 
SozMH  932;  WI'575  (W);  KL  17  (W); 
WN  199;  PBL  644  f-  (P),  (W). 

Guglia,  Eugen,  Dr.  phil.,  Hofrat,  ehem. 
Chefredakteur  der  Wiener  Zeitung,  Pri- 
vatdozent,  Schriftleiter  der  Wochen- 
schrift  Urania;  *  Wien  24.  VIII.  1857; 
t  Graz  8.  VII.  —  W.:  Geschichte  Wiens 
(1892);  Leopold  v.Ranke  (1898);  Frhr. 
v.  Gentz  (1901);  Fiihrer  von  Wien  und 
Umgebung  (1908);  Maria  Theresia  (zwei 
Bande,  1917).  —  Sch;  WI7582  (W); 
KLi7(W). 

Gunzburger,  Bernhard,  Kammersanger,  Pro- 
fessor an  der  Akademie  der  Tonkunst; 

•  Kriegshaber  b.  Augsburg  3.  II.  1846; 
f  Munchen  21.  III.  —  Dtsch.  Btihnen- 
jahrb.  31  (1920),  153;  JP  76  [DTZ  52; 
AMZ  171;  NZfM  79;  NMZ  40,  158]. 

Gutjahr,  Louis,  Generaldirektor  der  Badi- 
schen  AG  fur  Binnenschiffahrt  u.  See- 
transport,  Kommerzienrat,  Ehrenbiirger 
von  Gernsheim ;  *  Gernsheim  a.  Rh.  6.  III. 
1847.  t  Alsbach  m.VIL—  JSTG  21 
(1920). 

Haase,  Hugo,  Rechtsanwalt,  Sozialist,  M. 
d.  National versammlung,  Vorsitzender  d. 
Unabhang.  Sozialdem.  Partei,  9.  Nov.  bis 
29.  Dez.  19 18  Mitglied  der  Regierung  der 
Volksbeauftragten ;  •  Allenstein  29.  IX. 
1863;  f  Berlin  17.  XI.  (an  den  Folgen 
eines  Attentates) .  —  Sch ;  WI 7  593, 
8  1775;  Sch;  SozMH  1083 — 1085  (Zepler), 
1 163  f .  (Kranold) ;  DGK  1919,  II  542  [Zu- 
sammenstellung  der  Nachrufe] ;  M  7  V, 
878;  HNV  172  (P);  BZ  45  [Weltbuhne 
1919,  617 — 621  (Strobel)];  BZ  46  [Der 
Kampf  1919,  757  (Kautsky)];  BZZ  XII 
[VZ  7.  XI.;  DAZ  7.  XI.;  FZ  7.  XI.;  BT 
7.  XL;  Dtsche.  Ztg.  8.  XL]. 

'Haeckel,  Ernst,  Dr.  phil.,  med.  et  jur.  h.  c, 
Wirkl.  Geh.  Rat,  Exzellenz,  em.  o.  Pro- 
fessor der  Zoologie  an  der  Universitat 
Jena;  *Potsdam  16.  II.  1834;  f  Jena 
9.  VIII.  —  W.:  Die  Radiolarien,  eine 
Monographic  (1862 — 1888,  4  Tie.);  Gene- 
relle  Morphologie  der  Organismen  (2  Bde., 
1866);  Natiirliche  Schopfungsgeschichte 
(10i9O2);  Anthropogenic  (6i9<>3);  Der 
Monismus  (10 1000) ;  Die  Weltratsel  (1900) ; 
Kunstformen  der  Natur  (1899 — 1904) ;  — 


Indische    Reisebriefe    (4i9X>3);    Italien- 
f  ahrt     ( 1 92 1 ) ;     Entwicklungsgeschichte 
einer  Jugend.  Briefe  1852 — 1856  (1921); 
—  Franziska  v.  Altenhausen.  Ein  Roman 
aus  dem  Leben  eines  beriihmten  Mannes 
in  Brief  en,   1898 — 1903  (1927).  —  Sch; 
LZ  637 ;  M  7  V,  890  f .  (W) ;  TR  9.  VIII. ; 
SozMH    929—93 1     (Koelsch) ;    WI  7  596 
(W),8  1775;  MMW  66,  950;  LE21,  1531; 
PM  65,  190;  N  VII,  Heft  50  [dem  An- 
denken  von  E.  H.  gew.;  mit  Beitr.  von 
K.  Heider  u.  a.]  (P),  (W);  L  55.  84—88, 
90 — 96  u.  100 — 104,  u.  56,  9  (Taschen- 
berg);  KW  32,   IV  217  f.;  Jahrb.  AdW 
Munchen  191 9,  61 — 67  (Hertwig);  Alma- 
nach  AdW  Wien  1920,  159 — 163  (Grob- 
ben) ;  H.  Schmidt,  E.  H.,  Leben  u.  Werke 
(1927);  W.  Haeckel,  Das  E.-H.-Museum 
in  Jena  (1927);  W.  Boelsche,  E.  H.,  ein 
Lebensbild  (1900);  W.May,  E.  H..  Ver- 
such  einer  Chronik  seines  Lebens  u.  Wir- 
kens  (1909);  —  BZ  45  [Archiv  fur  Pro- 
tistenkunde  1919,  97 — 100  (Hirsch),  AU- 
gem.  Zeitung,  Munchen,  Nr.  32,  S.  362; 
Kosmos  225  (Stehli);  Naturwiss.Monats- 
hefte    265 — 269    (v.  Hanstein) ;    Allgem. 
Rundschau  16,  683  (Hoffmann) ;  Die  Um- 
schau  665  (Maurer);  BKW  791  (Posner); 
DMW  45,    1031    (Posner);   Pharmazeut. 
Zeitung  467;  Das  freie  Wort  19,  318  bis 
326  (Huschke)  u.  270 — 284  [Autobiogr.] ; 
Mathem.-naturw.     Blatter     16,     ^^ — 38 
(Hubschmann) ;  Nord  u.  Sud,  Dezember, 
294 — 304    (Benedikt);     Universum     35, 
Heft  19,  25  (Neumann) ;  Die  neue  Zeit  37, 
488—496    (Quist);    IZ    3982];    BZ    46 
[WKW  32,  991  (Fischel);  Jenaische  Zeit- 
schrift  fur  Naturwissenschaft  56,  225  bis 
252  (Maurer);  Nord  u.  Slid,  Januar  1920, 
S.  75 — 82    (Benedikt) ;    Naturwissensch. 
Wochenschrift  35,  49];  BZ  47  [WKW  37, 
612  (Wasmann)];   BZZ  XI  [VZ  9.  u.  10. 
VIII. ;  LpZ  10.  VIII. ;  KZ  10.  VIII. ;  LNN 
9.VIII.;KV  u.VIIL;  Vorwarts9.VIII.; 
Hann.  Kurier  12.  VIII.;  TR  11.  VIII.; 
DAZ  15.  VIIL;  NFP  9/10.  VIIL;  NZZ 
13.  VIIL;  BT  17.  VIIL;    Staatslexikon 
6 II 965—968  (Baron);  W.  Haeckel:  E.  H. 
im  Bilde  (1914);  K.  Hauser:  E.  H.,  sein 
Leben  u  Wirken  u.  s.  Bedeutung  fur  den 
Geisteskampf  der  Gegenwart  (1920);  A. 
Heilborn:     Die   Lear-Tragodie    E.    H.s 
(1920);  F.  Maurer:   E.  H.  u.  die  Biologie 
(1914);  F.  Maurer:   E.  H.,  Rede  bei  der 
Totenf eier  ( 1 9 1 9) ;  F.  Maurer :  Das  Gehirn 
E.  H.s  (1924);  W.  Ostwald:  E.  H.    Fest- 
rede(i9i4);  H.Schmidt:  E.  H.  (1926); 
H.  Schmidt:   E.  H.,   Rede  (1914);  DBJ 
397/412  (R.  Hertwig)   (L). 
Hagen,  Bernhard,  Dr.  med.  et  phil.  h.  c, 


720 


Totenliste  19 19:  Hagen — Henning 


Hofrat,  Professor,  Leiter  des  Stadtischen 
Volkermuseums  und  Dozent  fur  Volker- 
kunde  an  der  Universitat  Frankfurt, 
Forschungsreisender,  Erforscher  Nieder 
landisch-Indiens;  *Germersheim  23.  XI. 
1853;  f  Frankfurt  a.  M.  3.  V.  —  W.: 
Anthropologische  Studien  aus  Insulinde 
(1 891);  Unter  den  Papuas  (1899).  —  FZ 
7.  V.;  DGK;  PM  65,  66;  WI 7  601  f.  (W). 
81775;  Sch;  M7V,  916;  KL  17  (W). 

Hagen,  Theodor,  Professor,  Landschafts- 
maler,  ehem.  Lehrer  an  der  Weimarer 
Kuns takademie ;  *  Diisseldorf  24.  V.  1842; 
f  Weimar  12.  II.  —  W.:  Ein  niederrhei- 
nisches  Stadtchen  in  Abendbeleuchtung 
(1879,  Dresdner  Galerie) ;  Friihlingswetter 
(1872,  Breslauer  Museum) .  —  TR  14.  II. 
(Pastor);  DGK;  SozMH  296;  Kchr,  NF 
30,  396—398  (Redslob);  MS  II,  118  (W). 
VI.  124;  TB  XV,  4641-  [Velh.  &  Klas. 
Mke.  33  (19 19)  II,  Heft  9;  Die  Kunst  40, 
Heft  7;  Cicerone  XI  (1919),  96];  M7  V, 
916;  BZ  44  [Weimarer  Blatter  163 — 166 
(Redslob),  167 — 173  (Frede) ;  Cicerone 
XI,  96  (Corwegh);  IZ  3950];  BZ  45  [Uni- 
versum  35,  Heft  43,  698  (Krummacher)] ; 
Th.  H.,  8  f  arb.  Wiedergaben  seiner  Werke 
(Einf.  v.  E.  Redslob,  1921). 

Hahn,  Traugott,  D.  theol.,  Professor  der 
Theologie   an   der   Universitat   Dorpat; 

*  Pastorat  Rauge  1.  II.  1875;  t  (ermor- 
det)  Dorpat  14.  I.  —  ELK  52,  109  f.; 
0.  Schabert,  Baltisches  Martyrerbuch 
(1926),  S.  76—85;  KJ  1919,  566  f. 

Hartmann,  Felix  v.,  Kardinal,  Erzbischof 
von  Koln,  19 16 — 19 18  Mitglied  des  preu- 
Cischen  Herrenhauses ;  *  Miinster  i.  W. 
15.  XII.  1851;  f  Koln  11.  XI.  —  KZ 
11.  XI.;  KV  11.  XL;  23.  XL,  2.  XIL, 
9.  XIL;  TR  12.  XL;  WI7624,  8i775; 
Sch;  E  1612;  M7  V,  11 501.;  BZ  46  [Das 
Echo  1919,  S.  1612;  Heimatblatterl.2  59; 
Allgem.  Rundschau  16,  715  und  743 
(Schultz)] ;  BZ 47  [Priester  u.  Mission  3,2, 
S.  44 — 47  (Louis)] ;  L.  Berg:  Ein  Kirchen- 
fiirst  im  Felde(i9i4);  J.  Dieninghoff :  F. 
v.H.(*i9i4);F.  v.H.,  e.Lebensbild  (1913). 

Harttung,  J.  v.,  s.  Pflugk-Harttung. 

Hartung,  Bruno,  D.  theol.,  Dr.phil.,  Geh. 
Kirchenrat,  Superintendent  der  Ephorie 
Leipzig  II;  *  Bernstadt  (Lausitz)  1846; 
t  Leipzig  30.  VIII.  —  KJ  1920,  581; 
BZ  45  [Monatshefte  des  Gustav- Adolf  - 
Vereins  I,  163 — 166  (Rendtorff)];  Ecce 
Grimma  40,  97 — 106. 

•Haeseler,  Gottlieb  Graf  v.,  Generalfeld- 
marschall,  Exzellenz,  ehem.  Mitglied  des 
preuOischen  Herrenhauses,  Ritter  des 
Schw.  Adler-Ordensund  desPour  le  nitrite ; 

*  Potsdam  19.  I.  1836;  f  Harnecop  25.  X  . 


—  LNN  27.  X.;  E  1503  (P) ;  WI  7  599, 
8  1775;  Sch;  MWB1  104,  Nr.  53,  57,  58, 
59,  63  u.  S.  312  u.  369;  Dtsch.  Wille  VI 
(1926),  S.  21  f.  (v.  Trotha);  GT  1920; 
BZ45;  BZZ  XII  [DAZ  27.  X.;  Berl.  Lo- 
kalanz.  30.  X.  (v.  Deimling) ;  Hamb. 
Fremdenbl.  27.  X.;  TR  29.  X.  u.  4.  XL; 
FZ  31.  X.  (Loffler)];  J.  H.  Schultz: 
Feldm.  Gf.  H.  in  Wahrh.  u.  Dicht.  ( 1914); 
F.Sporleder:  Neue  u.  alte  Gf .  H.-Anek- 
doten  (1913);  DBJ  412/416  (Mafi). 

Heinemann,  Hugo,  Dr.  jur.,  Rechtsanwalt 
am  Kammergericht,  Unterstaatssekretar 
im  preufiischen  Justizministerium,  Mit- 
glied der  preufiischen  verfassunggeben- 
den  Landesversammlung  (Sozialdem.) ; 
*  Berlin  18.  II.  1863;  t  Berlin  2.  VIII.  — 
VZ  4-  VIII.  (Eyck) ;  SozMH  829  f .  und 
1 179 — 1 181  (Loewenfeld) ;  BZ  45  [Dtsch. 
Arbeit  4,  470;  Glocke  5,  605;  Soziale 
Praxis  28,  785 ;  Jurist.  Wochenschrift  48, 
622  (Heine);  Die  neue  Zeit  37,  II,  459]. 

Heiner,  Franz  Xaver,  Dr.  theol.  et  jur.  can., 
Pralat,  papstl.  Protonotar,  o.  Professor 
des  Kirchenrechts  an  der  Universitat 
Freiburg  i.  B.  a.  D.,  Mitglied  des  Vati- 
kanischen  Gerichtshof s  in  Rom ;  •  Atteln 
28.  VIII.  1849;  t  Buldern  (Westfalen) 
13.  VII.  —  W.:  Grundrifl  des  kathol. 
Eherechts  (•  1909) ;  Kathol.  Kirchenrecht 
(2  Bde.,  6  1912/1913);  Der  Jesuitismus 
(*  1902).  —  Germania  18.  VII. ;  LZ  601 ; 
WI7652f.  (W);  KL  17  (W);  BZ  45 
[Caritas  25,  37];  Zschr.  d.  Savigny- 
Stiftung;  Kanon.  Abt.  40,  375]. 

Heltmuller,  Franz  Ferdinand,  Dr.  phil.,  Li- 
terarhistoriker,  Mitherausgeber  der  Wei- 
marer Goethe-Ausgabe ;  *  Hamburg 
16.  III.  1864;  f  Berlin  30.  III.  —  W.: 
Herausgeber  von  0.  E.  Hartlebens  aus- 
gew.  Werken  (1909)  u.  Brief  en  (1908/12). 

—  Sch;  LZ272;  LE21,  ioi8f.;  WI  7  656 
(W);  KL  17  (W). 

Hellmer,  Hermann,  Theaterarchitekt,  i.Fa. 
Fellner  &  Hellmer,  Wien,  Erbauer  von 
mehr  als  60  Theatern ;  *  Harburg  13.  VII. 
1849;  f  Wien  2.  IV.  —  W.:  Deutsches 
Theater,  Prag;  Deutsches  Volkstheater, 
Wien;  Kunsthalle,  Agram;  Musikakade- 
mie,  Wien;  Tonhalle,  Zurich.  —  SozMH 
684;  MS  V,  133,  VI,  132  t.  (W);TBXVI, 
348  f.  [Der  Architekt  22,  Beiblatt  S.  I 
(W);  ZBV  39.  207  (Deininger)]. 

Helmholtz,  Otto,  ehem.  Leiter  der  Rheini- 
schen  St ahl werke;  *  Potsdam  27. 1.  1834; 
f  Hagen  30.  VI.  —  StE  39,  958 — 960  (P). 

Henning,  Theodor,  Dr.  ing.e.h.,  Kommer- 
zienrat,  Griinder  u.  Inh.  der  Signalbau- 
anstalt  Schnabel  &  Henning,  Bruchsal, 
Erfinder   von   Stellwerken;    •   Mengede 


Totenliste  19 19:  Hentschel — Holtzendorff 


721 


12.  IV.  1841;  f  Karlsruhe  8.  I.  —  VDI 
63.  301  (P);  WI7667;  MdT  113;  ZB  44 
[Verkehrstechnische  Woche  13,  y$]. 

Hentschel,  Leopold  Ritter  v.  Gilgenheimb, 
General  d.  Inf.  z.  D.,  Exzellenz  a  la  suite 
des  westfal.  Inf. -Reg.  13  Herwarth  von 
Bittenfeld,  .1903 — 19 10  Komm.  General 
des  XV.  A.-Korps,  bis  1918  Mitglied  der 
Ersten  Kamtner  fiir  ElsaB-Lothringen; 
*  Posen  24.  XII.  1845;  t  Breslau  31.  V. 
—  TR  11.  VI.;  DGK;  WI 7  521,  8  1774; 
MMW  103,  S.  1009,  1016,  1028  u.  1042; 
M7  V,  1403;  AT  1925. 

*Hertling,  Georg  Graf  v.,  Dr.  phil.,  Dr.  rer. 
pol.  h.  c.t  Reichskanzler  a.  D.,  bayr.Mini- 
sterprasident  a.  D.,  President  der  Gorres- 
Gesellschaft,  em.  o.  Professor  der  Philo- 
sophic an  der  Universitat  Munch  en ,  o.  Mit- 
glied der  AdW  Munchen;  *  Darmstadt 

31.  VIII.  1843;  t  Ruhpolding  4.  I.  — 
W.:  Kleine  Schriften  zur  Zeitgeschichte 
und  Politik  (1897);  Da$  Prinzip  des  Ka- 
tholizismus  und  die  Wissenschaft  (1899)  \ 
Recht,  Staat  und  Gesellschaft  (1906) ;  Er- 
innerungen  aus  meinem  Leben  (2  Bde., 
1 9 19).  —  Hersg.  der  Beitrage  zur  Gesch. 
der  Philos.  des  Mittelalters  (1891  ff.).  — 
FZ  9.  I. ;  KV  6.  I.,  23.  u.  27.  II.,  29.  III., 
1.  IV.;  LZ  58;  SozMH  916;  H  16,  597 
bis  609  (Aus  meiner  Jugendzeit)  (P) ;  Jb. 
d.  AdW  Miinchen  19 19,  16 — 25  (Baeum- 
ker) ;  Familiengesch.  Blatter  1927,  Heft  9 
(Ahnentafel  H.s  von  P.  v.  Gebhardt) ; 
Festschrift,  G.  v.  H.  zum  70.  Geb.-Tag 
am  31.8.  19 1 3  v.  d.  Gorres-Gesellschaft 
(P);  WI 7  677  f.  (W);  M7  V,  1466;  K.  v. 
Hertling:  Ein  Jahr  in  der  Reichskanzlei 
(1919);  BZ  44  [Das  Echo,  Nr.  1898; 
Philosoph.  Jahrb.    der   Gorres-Gesellsch. 

32,  105 — 108  (Schreiber);  Christl.  Kunst 
15,  109  (Staudhamer)] ;  BZ  45  [Allgem. 
Rundschau  16,  428  u.444 — 458  (Grauert)] ; 
BZ  46  [Die  Bucherwelt  191 9,  180  (Car- 
dauns) ;  Die  Grenzboten  287 — 294,  344, 
372  (v.  Stockhammern) ;  Hessische  Hei- 
mat  I,  162 — 183];  BZ  47  [Histor.  Jahrb. 
der  Gorres-Gesellsch.  39,  423 — 432]; 
Staatslexikon  5 II  1 168—75  (P)  ( W)  (Ler- 
chenfeld);  Grauert:  G.  v.  H.  (1920);  Der 
Wachter  1918,  44  ff.  (Baeumker);  Abh. 
aus  dem  Geb.  der  Philos.  u.  ihrer  Gesch., 
Festgabe  zum  70.  Feb.-Tage  G.  Frh.  v, 
H.gew.  (1913);  Festschrift  G.  v.  H.,  dar- 
gebr.  von  der  Gorrergesellschaft  (1913); 
Grauert:  Gedachtnisrede  auf  H.  (19 19); 
DBJ  416/426  (K.  Bachem). 

Herz-Pascha,  Max,  Architekt,  ehemal.  Chef- 
konservator  der  arabischen  Baudenkmale 
im  agyptischen  Wakuf-Ministerium  und 
Direktor    des    arabischen    Museums    in 

DBJ    46 


Kairo;  f  Zurich  im  Mai.  —  LZ  404  u.  465 ; 
Kchr,  NF  30,  775  f .  (Sarre) ;  BZ  45 
[Deutsche  Bauzeitung  53,  334;  Derneue 
Orient  V,  244]. 

Heyn,  Immanuel,  Pfarrer  an  der  Kaiser- 
Wilhelm-Gedachtniskirche  in  Berlin,  M. 
d.  R.  (Fortschr.  Volksp.) ;  *  Cantreck  1.  V. 
1859;  t  Greifswald  18.  VIII.  —  W.:  Der 
Heir  ist  der  Geist.  Predigten  (1900); 
Jesus  im  Lichte  moderner  Theologie 
(1907).  —  WI7693,  8  1776'.  RH  1912, 
273f.  (P);  KL  17  (W);  KJ  1920.  583; 
BZ  45  [Studierstube  17,  325  (Mayer)]; 
BZ46  [Christl.  Freiheit  1919, 730  (Mayer)]. 

Himmelbaur,  Isidor,  Hofrat,  Direktor  der 
Universitatsbibliothek  Wien;  *  Tarvis 
6.  II.  1858;  |  Wien  im  April.  —  LZ  341; 
LE  21,  1084;  WI7700. 

Hirschel,  Otto,  Direktor  der  Landwirt- 
schaftlichen  Hauptgenossenschaft  fiir 
Oberhessen,  1893 — 1898  M.  d.  R.  (Bauern- 
bund),  Mitbegr.  des  Hessischen  Bauern- 
bundes;  *  Frankfurt  a.  M.  2.  VII.  1862; 
|  Friedberg  i.  H.  22.  IX.  — -  WI7704. 
8  1776. 

Hobblng,  Reimar,  Verlagsbuchhandler,  Inh. 
der  Firma  R.  Hobbing  in  Berlin;  *  Em- 
den  1874;  f  Berlin  14.  XII.  —  DAZ 
15.  XII.;  TA;  Sch;  LZ  1920,  21;  SozMH 
1228;   BB1  1919,  Nr.  279,  Seite   n63f.; 

IZ  3993  (P). 

Hoffaoker,  Karl,  Professor,  Architekt  und 
Bildhauer,  Direktor  der  Kunstgewerbe- 
schule  und  des  Kunstgewerbemuseums 
in  Karlsruhe,  1895 — r9°5  Redakteur  des 
Kunstgewerbeblatts ;  *  Darmstadt  1 .  VII. 
1856;  f  Karlsruhe  26.  V.  —  W.:  Rats- 
keller,  Danzig;  Schiller-Denkmal,  Jena; 
Kirche,  Ludwigsfelde ;  Haus  des  Vereins 
der  Berliner  Kunstler.  —  DGK;  WI  7  718 
(W),  8  1776;  Kchr,  NF  30,  734;  MS  VI. 
141  (W);  M7V,  1650;  BZ  45  [Christl. 
Kunst  15,  Beibl.  53  (Mayer)]. 

HoldeflelB,  Friedrich,  Dr.  phil.,  Geh.  Reg.- 
Rat,  o.  Professor  der  I^andwirtschaft  a. 
d.  Universitat  Breslau  u.  Direktor  des 
Instituts  fiir  landw.  Tierproduktions- 
lehre;  •  Bennstedt  7.  X.  1846;  f  Breslau 
25.  X.  —  W.:  Das  Knochenmehl,  seine 
Beurteilung  und  Verwendung  (1890).  — 
TR  28.X.;  SozMH  1920,  211;  LZ  880; 
M  7  V,  1703;  BZ  45  [Deutsche  Landw. 
Tierzucht  23,  314  (Zorn)];  BZ  46  [Dtsch. 
Landw.  Presse  191 9,  683  (Zorn)]. 

Holtzendorff,  Henning  v.,  GroBadmiral, 
ehem.  Chef  des  Admiralstabs  der  Marine, 
Ritter  des  Schwarzen-Adler-Ordens; 
•  Berlin  9. 1.  1853;  t  Prenzlau  7.  VI.  — 
DGK;  Sch;  WI7  734.  8  1776;  M7  V,  17x7; 
UAT  1920. 


722 


Totenliste  1919:  Hoering — Kiesekamp 


Hoering,  Baptist,  Bildhauer,  Schopfer  von 
Portratbusten ;  *  Riesbaeh-Ziirich  i.XII. 
1850;  f  Hauptwil  (Thurgau)  28.  X.  — 
Hist.-biogr.  Lex.  der  Schweiz,  Heft  32 
(1927),  S.  260. 

Hoering,  Paul,  Dr.,  Professor,  Faserstoff- 
forscher;  *  1868;  f  Chariot tenburg  29. 1. 

—  Schw.  Merkur  1 1 .  II. ;  LZ  1 3 1 ;  Ber.  d. 
Dsch.  Chem.  Ges.  52  (Simonis);  PF  IV 
548  (W);  ZB  44  [Chemikerztg.  43,  245 
(Baum);  Neue  Faserstoffe  101  (Baum)]. 

Hummel,  Joseph  Friedrich,  Komponist, 
seit  1880  Direktor  des  Mozarteums  in 
Salzburg;  *  Innsbruck  14.  VIII.  1841  ; 
f  Salzburg  29.  VIII.  —  W. :  Mannerchore. 

—  Dtsch.  Biihnenjahrb.  31  (1920),  164; 
JP  77  [AMZ  477 ;  NMZ 40,  307 ;  DTZ  iqi]  ; 
R  566;  FAT  170. 

Hurwitz,  Adolf,  Dr.  phil.,  o.  Professor  der 
hoheren  Mathematik  a.  d.  Eidgen.  Tech- 
nischen  Hochschule  Zurich,  korresp.  Mit- 
glied  d.  GdW  Gottingen;  *  Hildesheim 
26.  III.  1859;  f  Zurich  21.  XI.  —  Konigs- 
berger  Hart.  Ztg.  25. 1.  1920;  LZ  ion; 
SozMH  1920,  203;  Nachr.  d.  GdW  Got- 
tingen 1920,  75—83  (Hilbert);  WI7753; 
PFIV,  566  (W);  L.  56,  43  f. 

Jacobi,  Albano  v.,  General  d.  Inf.  a.  D., 
Exzellenz,  ehemal.  Generaladjutant  des 
Kaisers  u.  Prases  der  Generalordenskom- 
mission,  1905 — 1908  Militarbevollmach- 
tigterin  Petersburg;  *  Koln  a.  Rh.  16.  X. 
1854;  t  Stralsund  23.  V.  —  DGK;  ERL; 
WI7  763,  8  1777. 

Jacobi,  Martin,  Dr.  phil.,  Komponist; 
*  Schwetz  (Westpr.)  17.  V.  1864;  f  Miin- 
chen  24.  X.  —  JP  77  [DTZ  18,  9;  AMZ 
1920,  31;  NMZ  41,  147];  FAT  171. 

Jacobs,  Eduard,  Dr.  theol.  et  phil.,  furstlich 
stolbergischer  Archivrat  i.  R.,  Erforscher 
der  Geschichte  des  Harzes;  *  Krefeld 
20.  V.  1833;  f  Wernigerode  25.  X.  — 
W. :  Der  Brocken  und  sein  Gebiet  (187 1) ; 
Geschichtl.  Text  zu  den  Kunstdenk- 
malern  Wernigerodes  (2  191 3) ;  Urkunden- 
buch  der  Stadt  Wernigerode  bis  1460 
(1891).  —  Magdeb.  Ztg.  9-  XL;  AA;  LZ 
880;  PM  65,  231;  LE  22,  376;  WI7764 
(W);  JB  1920,  179;  KL  17  (W);  Mittel- 
deutsche  Lebensbilder  II,  S.  390 — 400 
(Herse)  (P)  [Zsch.  des  Harzvereins  53, 
S.I— VIII  (Burger)  u.  IX— XVI  (W)]; 
Neues  Archiv  fiir  Sachs.  Gesch.  41,  190L 
(Ermisch);  Korrespondenzblatt  19 19, 
Nr.  11/12  (Friedensburg);  Dsch.  Ge- 
schichtsbll.  Bd.  20,  82 — 86  (Moetefindt). 

Jacobsen,  Friedrich,  Dr.  jur.,  Geh.  Justiz- 
rat,  Landgerichtsdirektor,  Romanschrift- 
steller;  *  Emmelsbull  15.  XI.  1853; 
|  Flensburg  1.  I.  —  W. :  Morituri  te  salu- 


tant  (1890);  Prinzessin  Use  (1901);  Das 
Auge  des  Buddha  (1919).  —  LE  21,  636; 
M7VI,  186  (W);  KL  17  (W). 
Jannasch,  Paul,  Dr.  phil.,  a.o.  Professor  der 
Chemie  an  der  Universitat  Heidelberg. 
Mitgl.  der  AdW  Heidelberg;  *  Deutsch- 
Ossig  b.  Gorlitz  2.  X.  1841 ;  f  Heidelberg 

20.  III.  —  W. :  Praktischer  Leitf aden  der 
Gewichtsanalyse  (2  Bde.,  1896/ 1903).  — 
DGK;  WI7  771  (W);KL  17  (W);  PF  IV, 
584;  Ber.  d.  dtsch.  Chem.-Ges.  55  (1922), 
(Strecker). 

Jannasch,  Robert,  Dr.  phil.,  Professor,  Mit- 
begr.  u.  Direktor  der  Deutschen  Export- 
bank,  Vorsitzender  des  Zentralvereins 
fiir  Handelsgeographie,  Griinder  des 
Deutschen  Schulvereins  (1880),  Heraus- 
geber  des  » Export «;  *  Kothen  30.  IV. 
1845;  t  Berlin  25.  IV.  —  Sch;  LZ  341; 
PM  65,  66;  DKZ  36,  55  ;  BZ  44  [Export  50 
(EraB,  Stamper)] ;  Westermanns  Monats- 
hefte,  Oktober  19 19,  177 — 181  (Stam- 
per)]; BZ  46  [Zschr.  fiir  Ethnologie  51, 
189  (Schuchhardt)]. 

Karl  Anton,  Prinz  von  Hohenzollern,  preu- 
Bischer  Generalleutnant  z.  D.;  *  Sig- 
maringen  1.  IX.  1868;  f  SchloB  Namedy 

21.  II.  —  DGK;  Sch;  WI  8  1777;  GHK 
1920. 

Kaufmann,  Hugo,  Professor,  Architekt  und 
Bildhauer;  *  Schotten  (Oberhessen) 
29.  VI.  1868;  t  Berlin  14.  V.  —  W.: 
Schmuckbrunnen  (Maximilianspl.,  Miin- 
chen) ;  St.  Georg  (Nat.-Gal.) ;  Einheits- 
denkmal  (Frankfurt  a.  M) ;  Samariter- 
brunnen  (Bad  Homburg).  —  DGK; 
\VI78u  (W),  8i777;  MS  V,  i<?9  (W), 
VI,  155  (W);  TB  XIX,  8f.  (W),  [mit 
Literaturangaben !] ;  ZB  44  [Allgem.  Ztg. 
d.  Judentums  259  (Lederer)]. 

Kesselring,  Heinrich,  D.  theol.,  em.  o.  Pro- 
fessor der  neutestamentl.  Exegese  und 
prakt.  Theologie  an  der  Universitat 
Zurich;  *  Frauenfeld  (Schweiz)  1832; 
f  Zurich  22.XII.  — NZZ  30.  XII.  u.  4. 1. 
1920;  LZ  1920,  69;  WI7 827  (W);KJ  1920, 
582  f. 

Kiene,  Hans  v.,  Dr.  jur.,  wurttembergischer 
Justizminister,  Fiihrer  der  Zentrums- 
partei  in  Wiirttemberg;  *  Langenargen 
a.  Bodensee22.  I.  1852;  t  Wangen  2«;.IX. 
—  Schw.  Merkur  26.  IX.;  Sch;  WI7  832 
(W);  WN  116 — 135  (Miiller),  [Deutsches 
Volksblatt  Nr.  222.  224,  231 ;  Staatsanz. 
fiir  Wiirttemberg  Nr.  223;  Schw.  Merkur 
Nr.  444;  Wiirttemb.  Zeitung.  Nr.  225; 
Neues  Tagblatt,  Nr.  486]. 

Kiesekamp,  Hedwig,  geb.  Bracht,  Schrift- 
stellerin  [Pseudonym:  R.  Rafael] ;  *  Haus 
Henrichenburg  21.  VII.  1846;  f  Miinster 


Totenliste  1919:  Kleinschmidt — Kundmann 


723 


i.  W.  2.  III.  —  W.:  Gedichte  (3i9oi); 
Vom  alten  Sachsenstamme  (Novellen, 
1905).  —  KV  6.  III.;  IyZ  215 ;  WI  7  832  f. 
(W);  KX  17  (W);  PY  I,  425  *•;  ZB  44 
[Allgem.  Rundschau  16,  209  (Herbst); 
Westmiinsterland  VI,  33 — 35  (Bette)]; 
BZ  45  [Deutscher  Hausschatz  45,  555 
(Hamann) ;  Heimatblatter  fiir  das  nieder- 
rhein.-westfal.  Land  I.  22]. 

Kleinschmidt,  Arthur,  Dr.  phil.,  Hofrat, 
anhalt.  Hofbibliothekar  a.  D.,  a.o.  Prof, 
der  Geschichte  an  der  Univ.  Heidel- 
berg a.  D.;  *  Wiesbaden  8.  IV.  1848; 
f  Starnberg  5.  VIII.  —  W.:  Die  Eltern 
und  Geschwister  Napoleons  I.  (2  1886); 
Geschichte  des  Konigreichs  Westfalen 
(1893);  Bayern  und  Hessen  1799 — 18 16 
(ai902).  —  TR  7.  VIII.;  LE  21,  1532; 
Sch.;LZ637;KI,  17  (W). 

KlUber,  Robert  v.,  Oberstleutnant,  im 
Kriege  Chef  des  Generalstabes  der  1. 
Armee,  der  Armeeabteilung  A  und  der 
17.  Armee,    Ritter  des   Pour  le   mhite\ 

♦  Berlin  15.  IX.  1873;  t  (ennordet)  Halle 

2.  III.  —  Sch;  Grabstein,  Invalidenfried- 
hof  (Berlin);  AT  1921. 

Knoblauch,  August,  Dr.  med.,  Geh.  Med.- 
Rat,  o.  Prof,  der  Neurologie  a.  d.  Univ. 
Frankfurt,  Direktor  der  neurologischen 
Universitatsklinik,  langjahr.  Vorsitzen- 
der  der  Senckenbergischen  Naturf  orschen- 
den  Gesellschaf  t ;  *  Heidelberg  4.  II.  1 888 ; 
f  Frankfurt  a.  M.  24.  VIII.  —  TR  28. 
VIII.;  IZ  24.  VIII.  (P);  SozMH  1256; 
MMW  66,  I324f.  (R.  Koch);  LZ  718; 
BZ  45  [Frankfurter  Universitatszeitung 
V,  104  (Drevermann)] ;  AA. 

Koeks,  Josef,  Dr.  med.,  Professor,  Frauen- 
arzt,  Privatdoz.  a.  d.  Univ.  Bonn  a.  Rh.; 

*  Vaals,  (Holl.-Limburg)  1.  X.  1846; 
t  Bonn  a.  Rh.  4.  III.  —  DGK;  MMW  66, 
3 1 2 ;  PBL  880  ( W) ;  ZB  44  [Das  freie  Wort 
19.  93   (Gothe)]. 

Kolb,  Christian,  Dr.  phil.,  Gymnasialprof. 

u.  Geschichtsforscher,  Herausgeber  der 

Geschichtsquellen  der  Stadt  Hall;  *  Da- 

gersheim  16.  III.  1843;  t  Tubingen  10.  V. 

—  WN  100 — 103  (Knapp)  [Schw.  Kronik 

Nr.  211]. 
Kohler,  Josef,  Dr.  jur.,  LLD.,  Geh.  Justiz- 

rat,  o.  Prof,  des  Strafrechts  a.  d.  Univ. 

Berlin;  *  Offenburgg.  III.  1849;  t  Berlin 

3.  VIII.  —  W. :  Einfiihrung  in  die  Rechts- 
wissenschaft  (*  1905);  Handb.  d.  dtsch. 
Patentrechts  (1901);  Ges.  Beitrage  zum 
Zivilprozefi  (1894);  Studien  aus  dem 
Strafrecht  (6  Tie..  1890 — 1897);  Hersg. 
von  Holtzendorffs  Enzyklopadie  der 
Rechtswissenschaft  f  1914).  —  TR  3. 
VIII.;  Sch;  L,Z  621;  SozMH  1184;  LE 


21.  1531;  WI'883  (W);H  17,232—235 
(Hipp);  Dtsch.  Buhnenjahrb.  31  (1920), 
162;  M  7  VI,  1525  (W);  KL  17  (W); 
BZ  45  [Archiv  fiir  Rechts-  u.  Wirt- 
schaftsphilosophie  13,  3 — 5  (Berolz- 
heimer);  Universum  35,  H.  22,  49  (Leon- 
hard);  Zeitschr.  f.  dtsch.  Zivilprozefl  48, 
309 — 318  (Kriickmann) ;  Badische  No- 
tarszeitschr.  19 19,  140  (Harrer)];  BZ  46 
[Archiv  fiir  Strafrecht  und  Strafprozefi 
69,  196 — 206  (Klee);  Zeitschr.  f.  d.  ges. 
Handelsrecht  82,  499  (Seligsohn);  Rhein. 
Zeitschr.  f.  Zivil-  u.  Prozeflrecht  io,  123 
bis  133  (Rabel)];  BZ  47  [Nord  u.  Slid, 
August  1920,  205  (Strupp);  Deutsche 
Revue,  August  1920,  182 — 187  (Kapp- 
stein);  Westermanns  Monatshefte,  Au- 
gust 1920,  647 — 650  (Eckstein);  Zeitschr. 
f.  vergleich.  Rechtswissensch.  38,  1 — 30 
(Adam);  Zeitschr.  f.  Volkerrecht  11,  4, 
S.I— XXIII  (Fleischmann)];  BZZ  XI 
[Schwab.  Merkur  5.  VIII.;  LNN  5.  VIII.; 
LZ  4.  VHI.;  BT  4.  VIII.;  VZ  4.  VIII.; 
TR  4.  VIII.;  Hannov.  Kurier  7.  VIII.; 
FZ  18.  VIII.;  VZ  23.  VIII.]  —  J.K.  zum 
Gedachtnis  (1920);  Festgabe  fiir  J.K. 
(19 1 9);  A.  Meszleny:  J.  K.  alsMensch  u. 
Gelehrter  (1925);  A.  Osterrieth:  J.K., 
ein  Lebensbild  (1920). 

*  Koerber,  Ernst  v.,  Dr.  jur.,  Geh.  Rat. 
Exzellenz,  1897 — 1898  Handelsminister, 
1899 — 1904  osterreich.  Ministerprasident 
und  Minister  des  Innern,  191 5 — 1916  ge- 
meinsamer  Finanzminister,  19 16  osterr. 
Ministerprasident,  Ehrenmitglied  der 
AdW  Wien;  *  Trient  6.  XI.  1850;  f  Ba- 
den bei  Wien  5.  III.  —  NFP  5.  III.; 
VZ  8.  III.;  E  326  (P);  Sch;  WI7878, 
8  1778;  Almanach  AdW  Wien  19 19,  139 
bis  149  (Friedjung)  (P) ;  Neue  osterreich. 
Biogr.  23-^43  (Friedjung);  M  7  VI,  1754; 
AT  1922 ;  ZB  44  [Das  freie  Wort  19,  1 1 1 
bis  114  (Janisch)];  DBJ  426/434  (Sieg- 
hart). 

Kdrte,  Siegfried,  Dr.  phil.  h.  c,  Oberburger- 
meister  von  Konigsberg;  *  Berlin  23.  XI. 
1 86 1 ;  f  Konigsberg  i.  Pr.  4.  III.  —  K6- 
nigsb.  Hartungsche  Ztg.  16.  III.;  DGK; 
Sch;  WI 7  880,  a  1778;  Altpreufiische  Mo- 
natshefte  57,  145 — 169  (P);  ZB  44  [Aus 
dem  Ostlande  14,  12]. 

Kubler,  Wilhelm,  o.  Prof,  des  Elektroma- 
schinenbaus  a.  d.  Techn.  Hochschule 
Dresden;  *  Berlin  8.  V.  1873;  t  Dresden 
4.  VI.  —  IZ  465 ;  WI 7  926  (W) ;  BZ  45 
[Elektrische  Kraftbetriebe  und  Bahnen 
1919,  145  (Gorges);  Elektrochem.  Ztschr. 
4°»  354]'.  BZ  46  [Der  prakt.  Maschinen- 
konstrukteur  1919,  Nr.  $7];  AA. 

Kundmann,  Karl,  Professor  a.  d.  Kunst- 


724 


Totenliste  19 19:  Kukula — Lietz 


akademie  Wien,  Bildhauer,  a.o.  Mitglied 
der  Akademie  der  Kiinste,  Berlin ;  *  Wien 
15. VII.  1838;  f  Wien 9. VI.— W.:Teget- 
hoff-Denkmal  (Wien),Schubert-Denkmal 
(Wien).  —  DGK;  WI  7  935  *•  (W).  8  i779\ 
Sch;  Kchr,  NF  30,  796  f.;  MS  II,  407  f., 
VI  168  (W);  M'VII,  314. 
Kukula,     Richard    Cornelius,    Dr.    phil., 
o.  Prof,  der  klassischen  Philologie  a.  d. 
Univ.  Graz,  korresp.  Mitglied  des  dsterr. 
Archaolog.  Instituts;  *  Laibach  25.  III. 
1862;  f  Graz  6.  IV.  —  Herausgeber  der 
Meisterwerke  der  Griechen  und  Romer 
in  komment.  Ausgabe  (1901  ff.;  mit  H. 
Schenkl) .  —  DGK ;  LZ  3 18 ;  WI  7  934  ( W) . 
8  1779;    JAW    51,    Bd.    206  B,    10 — 24 
(Prinz)  (W);  KL  17  (W);  S.  Frankfurter: 
R.  Kukulas  Lebenserinnerungen  (1926). 
Kupelwieser,  Paul,  Dr.  h.  c,  Forderer  der 
osterreichischen  Metallindustrie,  Schop- 
fer    der    neuerstandenen    Insel    Brioni; 
*  1834 ;  t  Wien  2 1 .  III.  —  W. :  Aus  den 
Erinnerungen   eines   alten  Osterreichers 
(1918).  —  FZ  28.  VI.;  Sch;  Osterreich. 
Rdschau    59,  39 — 41;   BZ   45    [Bergbau 
und  Hutte  5,  250  und  269]. 
Landauer,  Gustav,  Dr.  phil.,  Schriftsteller, 
Sozialist,   Fuhrer  im  Munchener   Rate- 
aufstand;  *  Karlsruhe  7.  IV.  1870;  f  (er- 
schossen)  Munchen  2.  V.  —  W.:  Shake- 
speare (2  Bde.,  1920);  Der  Todesprediger 
(Roman,  1893);  Aufruf  zum  Sozialismus, 
191 1) ;  Herausg.  der  Zeitschr.  Masken.  — 
VZ  6.  V.;  BT  16.  V.;  FZ  15.  V.;  Konigsb. 
Hartungsche  Ztg.  3.  VIII.;  Sch;  SozMIJ 
646  f.  (Zepler);  LE  21,  1095 — 98  (Heufl) , 
1 1 19  [VZ  228],  1 146;  KW  32,  III,  I56f . 
(Friedrich);  M  7  VII,  504;  J.  Bab:  G.  L.. 
Gedachtnisrede   (19 19,    *  1924);    KL    17 
(W);   BR  IV  167  (W);  BZ  44  [Literar. 
Rundschau  fiir  das  evangel.  Deutschland 
294;  Der  Spiegel  I,  5/6,  S.  34-36  (Prechtl)] ; 
W.  Michel:  Essays  iiber  G.  L.  (1920). 
Lang,  Heinrich,  Professor,  stellv.  Direktor 
des  Konservatoriums  in  Stuttgart,  Vor- 
stand  der  Konsistorialorgelschule,  Stifts- 
organist,      Komponist;      *    Laichingen 
(Wiirttbg.)  17.  II.  1858;   |  Stuttgart  14. 
XI.  —  W. :  Geistliche  Lieder,  Motetten, 
Volksliedersatze,     Mannerchore,    Orgel- 
werke.  —  Schwab.  Merkur  15.  XI.;  TR 
21.  XI.;  KJ  1920,  583;  JP  77  [AMZ  690; 
NMZ4i,79u.  141;  NZf.Musik322;  DTZ 
18,  10];  FAT  212;  NML365  (W);  R706; 
WN  158—168  (Mezger);  G.  Lang:  H.  L.. 
Ein    Leben    im    Dienste    gottgeweihter 
Kunst  (1920)   (W);    BZ  45  [Wurttemb. 
Schulwochenbl.    369];    BZ  46  [Monats- 
schr.  fiir  Gottesdienst  und  kirchl.  Kunst 
1920,  57 — 62  (Bopp)]. 


Lautensach,  Otto,  Dr.  phil.,  Gymnasialpro- 
fessor  in  Gotha,  griechischer  Gramma- 
tiker;  *  Stralsund  20.  IX.  185 1 ;  |  Gotha 
18.  II.  —  JAW  39,  81—86  (Meltzer)  (W). 

*  Lehmbruck,    Wilhelm,    Professor,    Bild- 
hauer; *  Duisburg-Meiderich,  4.  I.  1881 ; 
t  Berlin    25.  III.    (Selbstmord).  —  W.: 
»Kniende«  in  Duisburg  [191 3].  —  FZ 
4.  IV.;  VZ  31.  III.;  NZZ  8.  VI.;  DGK; 
Sch;  WI  7  976;  8  1779;  Kchr,  NF  30,  538; 
SozMH  580  f.  (Stern);  MS  VI,   175;  M7 
VII,  766;  P.  Wertheim:  W.  h.  (1919); 
ZB  44  [Cicerone  n,   191;  Die  Kunst  f  iir 
Alle  34,  300 ;  Das Kunstblatt  3,129;  Kunst 
und  Kiinstler  17,  329  (Bethge)];    BZ45 
[Deutsche  Kunst  und  Dekoration  45,  43 
bis  49  (Schwarz) ;  Das  Kunstblatt  III  193 
bis  200  (Westheim)  und  200 — 204];  BZ 
46  [Freie  deutsche  Biihne  1920,  662 — 66 
(Schacht);  Die  Kunst  fiir  Alle  35,   145] 
H.  Bethge:  W.  L.  zum  Gedachtnis  ( 1 920) 
Das  Werk  W.Ls(i925);  P.  Westheim 
W.L.  (1919);  DBJ  435/437  (Kuhn). 

Liebknecht,  Karl,  Dr.  jur.  etrer.  pol.,  Rechts- 
anwalt,  Fuhrer  des  Spartakusbundes ; 
*  Leipzig  13.  VIII.  1871;  f  (erschossen) 
Berlin  15.  I. —  W.:  Briefe  aus  dem 
Felde,  aus  der  Untersuchungshaft  und 
ausdemZuchthaus  (i9i9);K.  L.  [RedenJ, 
Einl.  von  W.  Miinzenberg  (1926).  • — 
Sch;  WI7  1000,  •  1780;  E  101  f.;  DGK 
(Sonderband:  Die  deutsche  Revolution 
L417,  II,  350  f.);  Max  Adler:  K.  L.  u. 
Rosa  Luxemburg,  Gedenkr.  (1919);  H. 
Lauf  enberg :  K .  L.  zum  Gedachtnis  ( 1 9 1 9 ) ; 
K.  Radek:  Rosa  Luxemburg,  K.  L.,  Leo 
J  ogiches  ( 1 92 1 ) ;  Sinowj  ew  u .  Trotzki : 
K.  L.  u.  Rosa  Luxemburg,  Reden  (1919); 
Max  Adler,  Helden  der  sozialen  Revo- 
lution (1926),  S.  31 — 53;  M7  VII,  971; 
H.  Schumann,  K.  L-,  ein  unpolitisches 
Bild  seiner  Personlichkeit  (10  1923).  — 
BZ  44  [Der  Kampf  74 — 86  (Adler) ;  Das 
Echo,  Nr.  1899];  BZ  45  [Zeitschr.  fiir 
Staats-  u.  Volkswirtschaft  30,  3] ;  BZZ 
XI  [Tag  22.  I.  (Leusch);  NZZ  17.  I. 
(Neurath);  Nationalztg.  18. 1.;  BT  16. 1.; 
Vorwarts  2 1 .  II. ;  VZ  1 5 .  V.  (Groflmann)] : 
H  21,  2,  S.  460  (Bauer). 
Lletz,  Hermann,  Dr.  phil.,  Lie.  theoL, 
Grander  der  Landerziehungsheime  Usen- 
burg,  Haubinda,  Bieberstein,  Grander 
des  Landwaisenhauses  in  Veckenstedt; 
•  Dumgenewitz  a.  Riigen  28.  IV.  1868; 
f  Haubinda  12.  VI.  —  W. :  Die  deutsche 
Nationalschule  (191 1);  Jahrbucher  der 
Landerziehungsheime  (1899 — I9I4)l  Vom 
Leben  u.  Arbeit  eines  dsch.  Erziehers 
(»  1922);  FZ  2.  VII.;  Tag  19.  VII.;  TR  30. 
VII.  (Eucken);  SozMH  1230;  WI  T  1003; 


Totenliste  19 19:  Lindau — Loening 


725 


KW  32,  IV,  47  (Hoffmann) ;  M7  VII,  979; 
E.  Mei  finer,  Von  Leben  nnd  Arbeit  eines 
deutschen  Erziehers  (3  1922);  BZ  45 
[Freie  Bildung  und  Erziehung  V,  101  bis 
105  (Andreesen);  Vierteljahrsschrift  des 
Vereins  fiir  philos.  Padagogik  3,  281 — 283 
(Rein);  Deutsches  Philologenblatt  360 
(Hildebrandt) ;  Sachs.  Schulzeitung  294 
(Schreiter) ;  Padagog.  Warte  439 — 443 
(Eberhard);  Der  junge  Deutsche  1,  124 
bis  1 26  (Andreesen-Bieberstein) ;  Deutsche 
Blatter  fiir  erzieh.  Unterricht  317  (An- 
dreesen) ;  Deutsche  Schulpraxis  345 
(Schreiter);  Zeitschr.  fiir  Schulgesund- 
heitspflege  32,401 — 406  (Fischer-Defoy)] ; 
BZ  46  [Blatter  fiir  Fortbildung  des  Leh- 
rers  und  der  Lehrerin  12,  448 — 453  (Eber- 
hard);  Die  freie  Schulgemeinde  10,  75 
(Wyneken) ;  Korperliche  Erziehung  1 5 , 
85  (Pimmer);  Korper  und  Geist  28,  147. 
(K  ell  wig)];  Jb.  der  deutsch.  Universitat 
Prag,  1924/25,  Philos.  Fak.  (A.  Seifert); 
Der  Pestalozzi  des  Deutschen  H.  L. 
(1924);  E.  Meiflner,  H.  L.  (1920);  M. 
Specht:  H.  L.,  Gedachtnisrede  (1919). 
♦Lindau,  Paul,  Dr.  phil.,  Schriftsteller, 
Dramaturg  und  Literarhistoriker,  1895 
bis  1899  Intendant  des  Meininger  Hof- 
theaters,  1899 — 1902  Leiter  des  Berliner, 
1904 — 1905  des  Deutschen  Theaters  in 
Berlin;  *  Magdeburg  3.  VI.  1839;  f  Berlin 

3 1 .  I.  —  W. :  Harmlose  Briefe  eines  deut- 
schen Kleinstadters  (2  Bde.,  1870);  Nur 
Erinnerungen  (2  Bde.,  191 7 — 191 8).  — 
Griinder  und  Herausgeber  der  Zeitschrif- 
ten  Die  Gegenwart  (1878 — 1904)  und 
Nord  und  Slid  (1878 — 1904).  —  Ham- 
burger Nachr.  3.  II.;  VZ  1.  II.;  BT  i.II.; 
KZ  1.  II.;  LNN  2.  II.;  FZ  15.  II.;  DGK; 
LZ  113;  Sch;  WI7  1006  (W),8i78o;  KW 

32,  II,  129  f.  (Avenarius);  SozMH  300 
(Hochdorf);  E  189  f.  (P);  LE  21,  699 
und  y^$ — 735  [Neues  Wiener  Journal 
9072;  Lokal-Anz.  1.  II.;  Mannh.  General- 
Anz.  54;  FZ  86  A;  Magdeb.  Ztg.  107]; 
Dtsch.  Biihnenjahrb.  31  (1920)  148  (IP); 
M7  VII  100^  (W);  KL  17  (W);  BR  IV, 
266  f.  (W);  Hadlich:  P.  L.  als  dramati- 
scher  Dichter  (1876);  V.  Klemperer, 
P.  L.  (1909) ;  BZ  44  [Die  Bergstadt  7,  123 
(Eckardt),  Die  deutsche  Buhne  9,  443 
( Wolff -Frank) ;  Das  Echo,  Nr.  1902]; 
BZ  45  [Universum  35,  H  19,  37  (Klaar)]; 
DBJ  437/442    (Knudsen). 

Lindner,  Theodor,  Dr.  phil.,  Dr.  phil  h.c.et 
jur  h.  c,  Geh.  Reg. -Rat,  em.  o.  Prof,  der 
Geschichte  a.  d.  Univ.  Halle;  *  Breslau 
29.  V.  1843;  t  Halle  a.  S.  25.  XI.  — W.: 
Geschichte  des  deutschen  Reiches  vom 
Ende  des  14.  Jahrh.  bis  zur  Reformation 


(2  Bde.,  1875— 1880);  Deutsche  Ge- 
schichte unter  den  Habsburgern  und 
Luxemburgern  (2  Bde.,  1890 — 1893);  Ge- 
schichte des  deutschen  Volkes  (2  Bde., 
1894)  i  Die  deutsche  Hansa  (4  191 1) ;  Welt- 
geschichte  seit  der  Volkervvanderung 
(9  Bde.,  1 901— 1916).  —  TR26.  XI.;  LE 
22,  437;  Sch;  LZ  964;  WI7  1010  (W), 
8  1780;  M7VII,  ion  (W);  KL  17  (W). 
Liszt,  Franz  v.,  Dr.  jur.,  Dr.  rer.  pol  h.  c, 
Geh.  Justizrat,  o.  Prof,  des  Strafrechts 
und  der  Prozesse  a.  d.  Univ.  Berlin,  MdR 
und  des  preufl.  Abg.-Hauses  (Fortschr. 
Volkspartei) ;  *  Wien  2.  III.  1851 ;  f  See- 
heim  a.  d.  BergstraBe  21.  VI.  —  W.: 
Lehrbuch  des  deutschen  Strafrechts 
(24i922);  Das  Volkerrecht,  systemat. 
dargestellt  (10  191 5) ;  Strafrechtliche  Auf- 
satze  und  Vortrage  (2  Bde.,  1905);  Griin- 
der (1881)  der  Zeitschr.  fiir  die  gesamte 
Strafrechtswissenschaft.  —  FZ  9.  VII.; 
LNN  24.  VI.;  NZZ  26.  VI.;  NFP  23.  VI.; 
DGK;  Sch;  LZ  509;  SozMH  1 18411.  1920, 
295  (Loewenfeld);  WI7ioi6f.  (W), 
8  1780;  M7  VII,  1059  f.  (W);  KL  17  (W); 
BZ  44  [Jurist.  Blatter  1919,  206];  BZ  45 
[Jurist.  Blatter  222  (Loffler) ;  Die  Hilfe 
360  (Eyck);  Volkswohl  48,  545  (Heine- 
mann);  Zeitschr.  f.  d.  ges.  Strafrechts- 
wiss.  529—534  (v.  Hippel),  535— 543 
(v.  Lilienthal) ;  Leipziger  Zeitschr.  fiir 
deutsches  Recht  13.  737;  Allgem.  Zeitung 
des  Judentums  303;  Deutsche  Straf- 
rechtszeitung  289  (Lindenau) ;  Die  neue 
Zeit  38,  I,  79 — 86  (Hurwicz)];  BZ  46 
[Das  neue  Europa  5,  10/1 1  (Hurwicz) ;  Ju- 
gendfiirsorgei4, 61  (Friedeberg) ;  Zeitschr. 
fiir  Sexualwiss.  VI,  177  (Mittermaier) ; 
Zeitschr.    fiir    Hochschulpadagogik    10, 

64). 
Lofi,  Paulus  [Ludwig]  v.,  P.,  O.  P.,  Herausg. 
der  Quellen  und  Forschungen  zur  Gesch. 
des  Dominikanerordens  in  Deutschland; 
*  SchloC  Wissen  (Kr.  Geldern)  31.  III. 
1866;  f  Diisseldorf  19.  VI.  —  Kolnische 
Volksztg.  21.  VI.;  H.  Wilm:  P.  P.  v.  L. 
und  seine  Verdienste  um  die  Geschichte 
des  Dominikanerordens  (=  Quellen  und 
Forschungen  z.  Gesch.  des  Dom.-Ordens 

18   [1923]). 
Lohmann,  Alfred,  Dr.  sc.  pol.  h.  c,  Chef  der 

Exportfirma    L.    &    Co.,    Schopfer    des 

Handelsunterseeboots  verkehrs         1 9 1 6 ; 

t  Timmendorfer  Strand  (Ostsee)  4.  IX. 

—  TR  5.  IX.;  E.  1047  (P);  SozMH  1228; 

Sch. 
Loening,  Edgar,  D.  th.  h.  c,  Dr.  jur.,  Geh. 

Justizrat,   o.    Prof,   des   Kirchen-,   Ver- 

fassungs-  und    Verwaltungsrechts  a.  d. 

Univ.  Halle,  Mitherausgeber  des  Hand- 


726 


Totenliste  19 19:  Lowenfeld — Metzdorff 


worterbuchs  der  Staatswissenschaften 
(1888/96,  3i9o8/i  1);  *  Paris  14.  VI.  1843; 
t  Halle  a.  S.  19.  II.  —  W.:  Geschichte 
des  deutschen  Kirehenrechts  (2  Bde., 
1878);  Grundziige  der  deutschen  Reichs- 
verfassung  (4  1913). —  TR20.II.;  BB1; 
UK;  S0ZMH1183;  DGK;  LZ  169;  Sch; 
WI7  1023;  KL  17  (W);  BZ45  [Preu- 
Bisches  Verwaltungsblatt  40,  281  (Schul- 
tzenstein)] ;  BZ  46  [Zeitschr.  der  Savigny- 
Stiftung,  Kanonist.  Abt.  40   $73]. 

Ldwenfeld,  Theodor,  Dr.  jut.,  Geh.  Justiz- 
rat,  Rechtsanwalt  und  o.  Honorarprof. 
a.  d.  Univ.  Munchen,  zivilistischer  Mit- 
arbeiter  an  Staudingers  Kommentar 
zum  BGB.;  *  Munchen  31.  VII.  1848; 
t  Munchen  18.  I.  —  SozMH  206;  WI7 
1025;  ZB  44  [Jut.  Wochenschr.  48,  65 
(Buhmann)]. 

Lad  wig  Viktor,  Erzherzog  von  Osterreich, 
jiingster  Bruder  Kaiser  Franz  Josephs, 
vormaliger  osterr.-ungar.  General  d.  Inf. ; 
*  Wien  15.  V.  1842;  f  Schlofl  Klesheim  b. 
Salzburg  18. 1.  —  DGK;  Sch;  GH  1920; 
ZB  44  [Polit.  u.  volkswirtsch.  Chronik 
1919,   19]. 

Lutz,  Gottlob,  Volksschulrektor  und  Natur- 
f orscher ;  *  Musberg  1  o .  VI .  1855;!  Stutt- 
gart 20.  IV.  —  W.:  Lehrbuch  der  prakt. 
Pflanzenkunde  (1886);  Wanderungen  in 
Begleitung  eines  Naturkundigen  (8  1914). 
—  WN  90—93  (W)  (Wittmann)  [Die 
Volksschule  19 19,  10;  Lehrerverein  1919, 
17;  Wiirttemberg.  Staatsanzeiger  1919, 
89;  Aus  der  Heimat  19 19,  Heft  2 — -6 
(Sandherr)]. 

*  Lurmann,  Fritz  W.,  Dr.  ing.  e.  h.,  Er- 
finder  der  Hochofen-Schlaekenform, 
Ehrenmitglied  des  Vereins  Deutscher 
Ingenieure;  •  Alexanderhohe  b.  Iserlohn 
31.  V.  1834;  f  Osnabriick  24.  VI.  —  Sch; 
StE  828  u.  897 — 000  (Macco)  (P) ;  VDI 
63,  642;  MdT  163  (E.  Gossow);  DBJ  442/ 
446  (Dickmann)  (L). 

Luxemburg,  verehel.  Liibeck,  Rosa,  Dr., 
Schriftstellerin,  Sozialistin,  Fiihrerin  des 
Spartakusbundes;  *  Zamosc  (Polen)  25. 
XII.  1870;  f  (durch  Totschlag)  Berlin 
15.  I.  —  W.:  Die  Krise  der  Sozialdemo- 
kratie  (1919,  f  1919);  Einfuhrung  in  die 
Nationalokonomie  (1924);  Ges.  Werke, 
Bd.  3 — 4(1925/26);  Briefe  aus  demGe- 
fangnis  (1927). —  Sch;  E  99  (P)  und 
101;  SozMH  180;  M.  Adler,  Helden  der 
sozialen  Revolution  (1926),  S.  31 — 53; 
M7  VII,  1 381;  K.  Radek:  R.  L..  Karl 
Liebknecht,  L.  Jogiches  (192 1).  —  BZ44 
[Das  Echo,  Nr.  1899;  Glocke  4,  1333 — 42 
(Lensch);  Weltbuhne  59  (Fischart)];  BZ 
45    [Freie  Jugend  I,  7 — 9  (Jenssen)];  C. 


Zetkin:  Um  R.  L.s  Stellung  zur  wiss.  Re- 
volution (1922).  —  S.  a.  Liebknecht,  K. 

Mann,  s.  Wothe. 

Marie  Therese,  Konigin  von  Bayern,  geb. 
Erzherzogin  von  Osterreich-Este ;  •  Wien 
2.  VII.  1849;  t  Schlofl  Wildenwarth  3.  II. 

—  DGK;  Sch;  GHK  1920;  ZB  44  [Das 
Bayerland  30,  188;  Polit.  u.  volksw. 
Chronik   191 9,  47]. 

Maul,  Anna,  Schriftstellerin  [Pseudonym: 
M.  Gerhardt];  *  SauBienen  (Ostpr.) 
8.  III.  1838;  f  Berlin  13.  II.  —  LE;  WI 7 
1084  (W);  PY  II,  24,  I.  253  f.  (W). 

Mehlhorn,  Paul,  D.  theol..  Dr.  phil..  Kirchen- 
rat,  Pfarrer  an  der  Refonnierten  Ge- 
meinde  in  Leipzig,  theol.  Schrif tsteller ; 
*  Gauern  3.  I.  185 1 ;  f  Leipzig  5.  XII.  — 
W.:  Aus  den  Quellen  der  Kirchenge- 
schichte  (2  Bde.,  1894/99);  Rechenschaft 
von  unserm  Christen  turn  (4  19 10).  — 
LZ988;  WI7io94(W);KJ  1920.  583  f.; 
KL  17  (W). 

•  Mehrlng,  Franz,  Dr.  phil.,  Schriftsteller 
und  sozialdemokr.  Politiker;  *  Schlawe 

27.  II.  1846;  f  Berlin  28.  I.  —  W.:  Ge- 
schichte der  deutschen  Sozialdemokratie 
(1897).  —  VZ  29.  I.;  Weser-Ztg.  30.  I.; 
BT  28.  I.;  DGK;  SozMH  H9f-  (C. 
Schmidt);  LE  21,  700;  LZ  113;  Sch; 
WI7io95  (W),  8i78i;  KL  17  (W): 
ZP  44  [Glocke  4,  1397 — 1409  (Lensch): 
Weltbuhne  149  (Lurisch) ;  Die  neue  Zeit 
37.  433];  BZ  46  [Der  Kampf  1919,  464 
(Jenssen)];  DBJ  446/453   (Joelson). 

Meier,  Max,  Dr.  ing.  e.h.,  Generaldirektor 
der  Bismarckhutte;  *  Resisca  in  Ungarn 
2.X.  1863;  f  Bismarckhutte  4.  III.  — 
StE  39.  284  u.  463  f.  (P). 

Merkel,  Friedrich,  Dr.  med.,  Geh.  Med.-Rat, 
o.  Professor  der  Anatomie  a.  d.  Univer- 
sity t  Gottingen;  •  Niirnberg  5.  IV.  1845 
f  Gottingen  28.  V.  —  W. :  Handbuch  der 
topographischen  Anatomie  (1885);  Die 
Anatomie  des  Menschen  (2  Bde.,  191 3). 

—  UK  1919/20;  Nachr.  GdW  Gottingen 
1920,  64 — 74  (Jensen) ;  LZ  444;  MMW  66, 
907  (Voit);  WI7  uo6(W).8  1781;  KL  17 
(W);  PBL  ii2of.  (P),  (W). 

Mortens,  Eduard,  Dr.,  Erfinder  des  Ro- 
tationskupf ertief druckes ; ;  f  Freiburg  i. 
Br.  24.  II. —  Sch;  IZ,  Nr.  3953  (Gersten- 
berg) ;  BZ  45  [Zschr.  fiir  Reproduktions- 
technik  18  (Eder)]. 

Metternlch,  s.  Wolff  gen.  Metternich. 

Metzdorff,  Richard,  Komponist;  *  Danzig 

28.  VI.  1844;  f  Berlin  26.  IV.  —  W.:Zwci 
Sinfonien  F-Dur  op.  16;  Tragische  Sin- 
fonie  op.  17  D-Moll;  Ouvertiire  zu  Konig 
Lear;  Oper  Rosamunde  (1875,  Weimar). 

—  Hann.Kurier27.  V.;  JP78  [AMZ  250; 


Totenliste  19 19:  Metzner — Naumann 


727 


RMTZ   131;  NMZ  40,   223;  NZfM   126; 
DTZ  77];  FAT  252  (W) ;  NML  419  (W) ; 
R  823;  A  299;  SozMH  680. 
Metzner,  Franz,  Professor,  Bildhauer,  Vor- 
standsmitglied    der    Berliner    Sezession; 

*  Wascherau  in  Bohmen  18.  XI.  1870; 
f  Berlin  24.  III.  —  W.:  Plastiken  am 
Volkerschlachtdenkmal  (Leipzig),  Nibe- 
lungenbrunnen  (Prag).  —  VZ  22.  und 
25.  III.;  Deutsche  Ztg.  25.  III.;  TR 
24.  III.;  IZ;  E  388  (P);  Kchr,  NF  30, 
516  f.;  SozMH  580  (Stern);  Osterreich. 
Rdsch.  59,  186  (Volz) ;  MS  VI,  195 ;  BZ  44 
[Deutsche  Arbeit  4,  265 — 269  (Servaes) ; 
Der  Cicerone  XI,  192;  Gartenlaube  221 
(Hartmann) ;  Die  Kunst  fur  Alle  34,  300; 
IZ,  Nr.  3956  (Delphy)];  BZ  45  [Dtsche. 
Kunst  und  Dekoration  44,  315 — 324 
(Kurth)];  BZ  46  [Heimdall  24,  59;  Der 
Architekt  21  II,  93 — 108  (Servaes)];  O. 
Riedrich:  Der  Bildhauer  F.  M.  (1925) 

*  Meyer,  Kuno,  Dr.  phil.,  o.  Professor  der 
keltischen  Philologie  an  der  Universitat 
Berlin,  friiher  an  der  Universitat  Liver- 
pool, Ehrenbiirger  von  Dublin  und  Cork, 
Dr.  h.  c.  Oxford,  Wales  und  St.  Andrews; 

*  Hamburg  20.  XII.  1858;  f  Leipzig 
11.  X.  —  W.:  Herausg.  der  Zeitschrift 
fur  keltische  Philologie.  —  VZ  14.  X.; 
LNN  15.  X.;  TR  14.  X.;  E  1388;  Sch; 
LZ  880;  LE  22,  251;  PM  65,  231  f.;  SB 
der  AdW  Berlin  1920,  703 — 709  (Schulze). 
Ztschr.  f .  Kelt.  Philologie  13,  283  (Po- 
korny  15  (Best,  Bibliogr.  d.  W).  DBJ 
453/455  (Muhlhausen)  (L) . 

Milchsack,  Gustav,  Dr.  phil.,  Professor, 
Oberbibliothekar  und  Vorstand  der  Lan- 
desbibliothek  Wolfenbiittel;  *  Niim- 
brecht  (Rhpf.)  7.  I.  1850;  f  Wolfenbuttel 

29.  XII.  —  W.:  Gutenberg.  Leben  und 
Erfindung  (1900).  —  LZ  1920,  116; 
WI'  1 127  (W);KLi7(W);  JB  1920,  180; 
E  22,  636. 

Mock,  Fritz,  Maler  und  Graphiker,  •  Bob- 
lingen    (Wttbg.)    13.  IX.  1867;    f    Basel 

30.  IX.  —  WI7  1133  f.,8  i78i;MSV,209. 
Morgenstern,    Friedrich    Ernst,    Professor, 

Maler;  *  Frankfurt  a.  M.  17.  I.  1853; 
f  Frankfurt  a.  M.  29.  V.  —  W.:  Insel 
Walcheren  (Frankfurt  a.  M.,  Stadt.  Ga- 
lerie);  Olbild  von  Frankfurt  (Frankfurt 
a.  M.,  Histor.  Museum).  —  DGK  ;  Kchr, 
NF  30,  713  f.;  WIM145  (W),  8i78i; 
MS  III,  247  (W),  VI  200. 
MOhldorfer,  Wilhelm  Karl,  Komponist, 
1 88 1 — 1 909  Stadttheater-Kapellmeister 
in  Koln;  *  Graz  6.  III.  1837;  t  Koln 
a.  Rh.  .  III.  —  W. :  Kyffhauser  (Oper) ; 
Der  Goldmacher  von  StraiJburg  (Oper); 
Iolanthe  (Oper) ;  Aschenbrodel  (Ballett) . 


—  JP  78  [DTZ  39;  RMTZ  88;  NMZ  40, 
158  u.  182];  FAT  264;  R  860. 
M tiller,  Eduard,  Mitglied  des  Bundesrats 
der  Schweizerischen   Eidgenossenschaft, 
Chef  des  Justiz-  u.  Polizeidepartements, 
1887 — 1895    Staatsprasident   von    Bern, 
1899,    1907    u.    191 3    Bundesprasident; 
*  Dresden  12.  XI.  1848;  f  Bern  9.  XI. — 
DGK;  WI7  U54;Sch;  Berner  Bund   10. 
u.   n.  XI.;  NZZ   10.  XI.;  AA;  M7VIII 
819. 
M tiller,  Johannes,  Dr.  phil.,  Professor,  Geh. 
Reg. -Rat,  Direktor  d.  Reichstagsbiblio- 
thek    (1906 — 19 1 3)  i.  R.;    *  Kleinsilber 
(Kreis  Aj-nswalde)  24.  II.  1850;  f  Berlin 
1 4. VII. —  W. :  Theologische  Bibliographie 
(1885  ff.) ;   Katalog  des  Reichstags  (Bd. 
Ill  ff ,  1896  ff.).—  LE21,  i468;WI7  u;8 
(W);   LZ  601;   KL   17    (W);    JB    1920, 
180. 
MQller-Reuter,  Theodor,  Professor,  Lehrer 
am  Konservatorium  der  Musik  Leipzig, 
Dirigent    und    Komponist;    *    Dresden 
1.  IX.  1858;    f    Gautzsch  b.  Leipzig    11. 
VIII.  —  W. :    Lexikon    der    deutschen 
Konzertliteratur     (Bd.  I,     1909);     Ruth 
(Chorwerk) .  —  LNN  1 7.  VIII. ;  WI 7  1 163 
(W);  SozMH  126s;  JP78  [RMTZ  254; 
AMZ  466;  DTZ  89;  NZfM  228;  NMZ  40, 
290];    FAT   266   (W);    NxML   436    (W) ; 
R864  (W);  A  315. 
Myrbach,  v.  Rheinfeld,  Franz  Freiherr,  Dr. 
jur.t  Hofrat,  em.  o.  Professor  der  poli- 
tischen    Okonomie    an    der    Universitat 
Innsbruck;      *     Zaleszczyki     (Galizien) 
3.  XII.  1850;  f  Innsbruck  n.  II.  —  W.: 
GrundriB    des    osterreich.    Finanzrechts 
(2  1915).  —  SozMH  495;  WI7  1172;  LZ 
193;  KL  17  (W);  FT  1925. 
Naaf,   Anton   August,    Schriftsteller,    viel- 
komponierter  Dichter,  Hersg.  (1882  bis 
1909)  der  Musikzeitschrif  t »  Lyra «;  *  Wei- 
ten  trebetitsch    (Bohmen)     28.  XI.  1850; 
|  Wien  27.  XII.  —  W.:  Von  stiller  Insel 
(Gedichte,    1881);   Aus  dem  Dornbusch 
(Lieder,    1890);   Der  Sonne  zu    (Lieder, 
*  190s).  —  LE;  WI7  1173  (W);  JP  78 
[NZfM   11];   FAT  268;   R  874;   BR   V, 
94  f-  (W). 
Nahmer,   Ernst  v.  d.,   Dr.  phil.,   langjahr. 
Vertreter  der  Koln.  Zeitung  in  Konstan- 
tinopel,  Vorkampfer  des  deutschen  Schul- 
wesens  in  der  Tiirkei;  •    10.  VII.  1862; 
f  24.  XI.  —  W. :  Vom  Mittelmeer  zum 
Pontus  (1904).  —    Unvollendetes  Werk 
iiber  die  Geschichte  des  Deutschtums  im 
Orient.  —  SozMH;  KL  17. 
Naumann,  Friedrich,  D.  theol.,  Pfarrer  a.  D., 
Sozialpolitiker,  M.  d.  National versamml., 
Vorsitzender  der  Demokratischen  Partei, 


728 


Totenliste  19 19:  Nebe — Niessen 


Hrsg.  der  »Hilfe«;  *  Stormthal  b.  Leipzig 
25.  III.  i860;  f  Travemiinde  24.  VIII.  — 
W.:  Das  soziale  Programm  der  evangel. 
Kirche  1891);  Was  heiBt  christlich- 
sozial?  (2  Bde.,  1894/96);  Gotteshilfe 
(8  1907);  Asia  (8  191 1);  Demokratie  und 
Kaisertum  (4  1905) ;  Das  blaue  Buch  von 
Vaterland  und  Freiheit  (19 14);  Mittel- 
europa  (1915,  100.  Tsd.  1916).  —  LNN 
25.  VIII.;  Sch;  LZ  681;  E  991;  SozMH 
1920,  347 ;  LE  22,  59  f • ;  WI 7  1 177  f.  (W) ; 
ELK  52,  766;  KW  32,  IV  227 — 230 
(Schairer,  Avenarius);  Die  Hilfe  1921, 
373  u.  1924,  431 — 435;  Stresemann,  Von 
der  Revolution  bis  zum  Frieden  von  Ver- 
sailles, S.  212 — 220;  Stresemann,  Reden 
und  Schriften  I,  241 — 251 ;  KZ  1920,  584 ; 
KL  17  (W);  HNV  222  (P);  BZ  45  [Aka- 
dem.  Blatter  34,  143  (Oflwald);  Christen- 
tum  und  Gegenwart  10,  158;  Die  Hilfe 
465  (Heile),  483 — 494;  Plutus  289;  So- 
ziale Praxis  28,  847;  Universum  35,  H.49, 
259  (Bousset);  Deutsches  Volkstum  262 
bis  267  (Damaschke);  Die  Wartburg  196 
(Pankow);  Christl.  Welt  33,  746;  Glocke 
V,  Nr.  23,  274 — 281  (Gohre);  Neues 
Sachs.  Kirchenblatt  577  (Naumann) ; 
Evangel.  Freiheit  298 — 302  (Naumann) ; 
Deutsche  Politik  291  (Rohrbach);  Das 
freie  Wort  19,  308 — 311  (Kohler);  Pro- 
testantenblatt  426  (Schubring);  Dtsche. 
Stimmen  595  (Stresemann);  Christl. Welt 
33,  751  (Schlosser)] ;  BZ46  [Histor.-polit. 
Blatter  fur  das  kathol.  Deutschl.  165, 
549 — 554;  EcceMeiflen,  Heft  24,  81 ;  Die 
Frau  27,  16 — 23  (Treuge) ;  MonatFSchrif t 
fur  Pastoral theologie  16,  30  (Eytel) ; 
Christl.  Freiheit  1919,  566  u.  790  (Nack 
u.  Kulemann) ;  Der  unsichtbare  Tern  pel 
I9I9.  318  (Horneffer);  Die  Hilfe  1920,  177 
(Baumer) ;  Christl.  Kunstblatt  61 ,  1 59  bis 
174;  Die  Propyl  aen  16,  322  (Schubring); 
Dtsche.  Lehrerzeitung  1920,  45  (Franke) ; 
Christl.  Welt  34,  193—206] ;  BZ  47  [Die 
Hilfe  1920,  482  (Baumer)  u.  487  (Momm- 
sen)] ;  BZZ  XI  [VZ  25 .  VIII. ;  MNN  26.  u . 
30.  VIII.;  VZ  26.  VIII.;  Tag  10.  IX;  FZ 
25.  VIII.  ff.;  Germania  25.VIIL;  FZ 
12.  IX.;  Konigsb.  Hartungsche  Ztg. 
4.  IX. ;  Kieler  Ztg.  27.  VIII. ;  FZ  26.  VIII. 
—  Margarete  Naumann :  F.  N.s  Kindheit 
u.  Jugend  ( 1 928)  (P) ;  A.  Naumann :  F.  N.s 
christl.  Sozialismus  (1927);  H.  Barge: 
F.  N.,  Vortrag  (1920);  W.  Bousset,  F.  N., 
Gedachtnisworte  ( 1 9 1 9 ) ;  Zum  Gedachtnis 
an  F.  N.  (hrsg.  v.  J.  Herz,  19 19);  Th. 
HeuB:  F.N.  zumGed.(i92o);M.  Wenck: 
F.N.  (1920);  DBJ  1922  (Nachtrag). 
Hebe,  Gustav,  D.  theol.,  Wirkl.  Oberkonsi- 
storialrat,     Generalsuperintendent     von 


Westfalen  a.  D.,  theol.  u.  sozialpolit. 
Schriftsteller;  *  RoBleben  21.  IX.  1835; 
|  Eisenach  6.  XI.  —  TR  7.  XI.;  LZ  924; 
KJ  1920,  585;  DZL. 
Netto,  Eugen,  Dr.  phil.,  em.  o.  Professor  der 
Mathematik  an  der  Universitat  Gieflen; 

*  Halle  a.  S.  30.  VI.  1846;  f  GieBen  13.  V. 

—  W.:  Substitutionentheorie  (1882);  Al- 
gebra (1896 — 1900).  —  SozMH  832; 
WI7u83;  LZ404;  KL  17  (W);  PFV, 
897  f-  (W). 

Neukamp,  Ernst,  Dr.  jur.,  Reichsgerichts- 
rat,  juristischer  Schriftsteller;  *  Soest 
8.  IX.  1852;  f  Leipzig  6.  II.  —  W.:  Ge- 
werbeordnung,  erlautert  (10i9i2);  Kom- 
mentar  zur  ZPO  (f  1 9 1 1 ) ;  Die  gewerbe- 
rechtl.  Nebengesetze  (1914).  —  LZ  132; 
WI7u85;  KL  17  (W) ;  ZB  44  [Bank- 
archiv  18,  91]. 

Neumann,  Wilhelm,  Dr.  phil.,  Direktor  de.s 
Rigaer  Stadtmuseums ;  *  5.  X.  1849; 
t  Riga  6.  III.  —  W.:  Schriften  zur 
baltischen  Kunstgeschichte.  —  LZ  552; 
SozMH  1 175;  BB1  12.  VII.;  Kchr,NF 
30,  796  (v.  Seidlitz);  KL  17. 

Neumann,  Wilhelm  Anton,  D.  theol.,  Hof- 
rat,  Geistlicher  Rat,  em.  o.  Professor  der 
semitischen  Sprachen  und  alttestament- 
lichen  Exegese  an  der  Universitat  Wien, 
Zisterzienser    des    Stifts    Heiligenkreuz; 

*  Wien  4.  VII.  1837;  f  Modling  im  Okt. 

—  W.:  Baugeschichte  von  St.  Stephan 
in  Wien  (1906).  — TR  13.  X.;  WI7  1188; 
LZ  841;  KL  17  (W). 

Neuring,  Gustav,  sachsischer  Kriegsmini- 
ster;  *  Harburg  a.  E.  14.  IX.  1879; 
f  Dresden  12.  IV.  (ermordet).  —  Sch; 
Dtsch.  Ztg.  19.  IV.;  KV  22.  IV  ;  Dtsch. 
Ztg.  22.IV.;LZ28.VII;JZ4oo9(P);AA. 

Nicodt,  Jean  Louis,  Professor,  Komponist, 
Mitglied  der  Akademie  der  Kiinste  in 
Berlin;  *  Jersitz  (Posen)  12.  VIII.  1853; 
f  Langebriick  b.  Dresden  4.  X.  —  W.: 
Das  Meer  (Chorsymphonie) .  —  SozMH 
1265;  IZ 4.  X.  (P);Sch;  JP78[AMZ  ^69; 
NZfM  258;  RMTZ  ^15;  DTZ  113;  NMZ 
41,  31];  FAT  274  (W);  R  891  f.  (W); 
A  323;  NML  449  f.  (W);  Th.  Schafer: 
J.L.N.  (1907). 

Niemann,  August,  Schriftsteller,  1868  bis 
1888  Hauptschriftleiter  des  Gothaer  Hof- 
kalenders,  Romanschriftsteller;  *  Han- 
nover 27.  VI.  1839;  f  Klotzsche  b.  Dres- 
den 17.  IX.  —  W.:  Lebenserinnerungen 
(1909).  —  LNN  19.  IX.;  PM  66.  61 ;  IZ 
(P);  SozMH  1 186;  LE  22,  188;  Sch;  LZ 
758;  WI7ii92f.  (W);  KL  17  (W). 

Niessen,  Wilhelm,  Dr.  phil.,  Universitats- 
musikdirektor  u.  em.  Lektor  des  Musik- 
unterrichts   a.    d.    Universitat   Miinster 


Totenliste  191 9:  Nissl — Petersen 


729 


i.  W.;  *  Koln  a.  Rh.  1.  XI.  1867;  f  Heil- 
anstalt  Warstein  15.  III.  —  W.:  Sesos- 
tris  (Oper).  —  LZ  234;  SozMH  365;  JP 
78  [NMZ  40,  195;  RMTZ  100;  DTZ  52]; 
R895  (W);  FAT  275;  AA. 

Nissl,  Franz,  Dr.  med..  Geh.  Rat,  o.  Pro- 
fessor der  Psychiatrie  a.  d.  Universitat 
Munchen,  Vorsteher  der  histo-patholog. 
Abteilung  der  Deutschen  Forschungs- 
anstalt  fur  Psychiatrie;  *  Frankenthal 
(Rhpf.)  9.  IX.  i860;  f  Munchen  11.  VIII. 
—  MNN  22.  VIII.;  TR  14.  VIII.;  BB1 
18.  VIII.;  UK  1919/20;  MMW  66,  1058 
bis  60  (Kraepelin) ;  LZ  660;  WI7  1197 
(W),  8i782;  BZ  45  [BKW  56,  1006 
(Spatz);  DMW  45,  1087  (Jakob);  Psych.- 
neurol.  Wochenschr.  21,  209 — 212  (Bres- 
ler)] ;  BZ  46  [Archiv  fiir  Psychiatrie  und 
Nervenkrankh.  61,  751 — 759  (Jahnel); 
Mschr.  fiir  Psychiatrie  u.  Neurologie  46, 
294 — 308  (Schroder);  Zschr.  f.  d.  ges. 
Neurol,  u.  Psychiatrie  51,  S.  I  (Gaupfcp)]. 

Niessl,  v.  Mayendorf,  Gustav,  Hofrat,  em.  o. 
Professor  der  Astronomie  u.  Geodasie  a.  d. 
Techn.  Hochschule  Brvinn,  korresp.  Mit- 
glied  AdW  Wien;  *  Verona  26.  I.  1839; 
j  Wien  1.  IX.  —  Almanach  AdW  Wien 
1920,  120 — 1.23  (Hepperger);  WI  7  1194, 
8  1782;  PF  V,  906. 

Ochs,  Traugott,  Hofkapellmeister,  Pro- 
fessor, Leiter  des  Ochsschen  Konservato- 
riums,  Musikpadagoge  und  Chordirigent ; 

*  Altenfeld  i.  Th.  19.  X.  1854;  f  Berlin 
27.  VIII.  —  W. :  Deutsches  Aufgebot  (fiir 
Mannerchor  u.  Orchester) ;  Requiem.  — 
TR  29.  VIII.;  BB1  i.IX.;  WI7i209, 
8  1782;  Sch;  JP  78  [AMZ  479;  DTZ  89; 
NZfM  237;  RMTZ  28<];  FAT  280  (W); 
NML  460  (W);  R  909;  A  329. 

*Oechsli,  Wilhelm,  Dr.  phil.,  o.  Professor  der 
Schweizer  Geschichte  an  der  Universitat 
u.   Eidgen.   Teclm.   Hochschule   Zurich; 

*  Riesbach  bei  Zurich  6.  X.  185 1 ;  | Weggis 
26 .  IV.  -  W. :  Bilder  aus  d .  Weltgeschichte 
(3  Bde.,  6  191 3) ;  Quellenbuch  zur  Schwei- 
zergeschichte  (3iqo9);  Geschichte  der 
Schweiz  im  19.  Jahrh.  (2  Bde.,  1904  bis 
1913).  —  Berner  Bund  30.  IV.;  Berner 
Nachr.  4.  V.;  LZ  359;  SozMH  749; 
WI  7  i  2  10;  KL  17  (W) ;  Anz.  fiir  Schweiz. 
Gesch.  50,  84 — 86;  BZ  45  [Die  Schweiz 
III,  290  (Greyerz) ;  Wisscn  und  Leben  12, 
513  (Gagliardi)] ;  DBJ  456/458  (Stern). 

Ohly,  Karl,  D.  theoi.,  Generalsuperintendent 
von  Wiesbaden;  *  Haiger  8.  VIII.  i860; 
f  Nassau  27.  II.  —  ELK  52,  248;  KJ 
!9!9»  571;  BZ  45  [Missionsblatt  des 
Frauenvereins  fiir  christl.  Bildung  55, 
Nr.  3— 4,  S.  10—13]. 

Ohnesorg,  Karl,  Kapellmeister  und  Kom- 


ponist;  *  Mannheim  29.  VI.  1867;  f  Han- 
nover 15.  XI.  —  W.:  Die  Bettlerin  von 
Pont  des  Arts  (Oper,  1899) ;  Zauber  einer 
Polarnacht  (Ballett).  —  JP  78  [NMZ  41, 
99];  FAT  281;  R  912  (W). 

Oppenheim,  Hermann,  Dr.  med.,  Dr.  h.  c. 
(Birmingham),  Professor,  Nervenarzt, 
Prasident  der  Gesellschaft  Deutscher 
Nervenarzte;  *  Warburg  1.  I.  1858; 
f  Berlin  22.  V.  —  FZ  28.  V.;  VZ  22.  V., 
27.  V.;  DGK;  Sch;  SozMH  553;  WI  7 
1221,8  1 782  ;LZ  404;  MMW  66,  608;  PBL 
1232  f.  (P),  (W);  BZ  44  [Med.  Klinik  15, 
575  (Henneberg);  WMW  1296  (Mar- 
burg)]; BZ  45  [Neurol.  Zentralbl.  38,  386 
(Nonne);  Archiv  fiir  Psych,  u.  Nerven- 
krankh. 61,  471 — 475  (Finkelnburg) ; 
BKW  669  (Cassirer);  DMW  45,  830 
(Saenger);  Zschr.  fiir  arztl.  Fortbildung 
16,  381  (Simons);  Zeitschr.  fiir  Psycho- 
therapie  u.  medizin.  Psychol.  7,  382 
(Moll)];  BZ  46  [Zschr.  f.  d.  ges.  Neurol. 
11.  Psychiatrie  52,  1 — 6  (Liepmann)]. 

Osel,  Heinrich,  Zollinspektor  a.  D.,  M.  des 
bayr.  Landtags  und  (1903 — 1906)  M.  d. 
R.  (Ztr.),  zweiter  Direktor  der  landw. 
Zentralgen.  der  Bayr.  Bauernvereini- 
gung;  *  Hallstadt  10.  V.  1863;  |  (im 
Landtag  erschossen)  Munchen  2 1 .  II.  — 
WI7  1226.  8  1783. 

Paar,  Eduard  Graf  v.,  Generaloberst,  ehem. 
Generaladjutant  Kaiser  Franz  Josephs, 
Geh.  Rat  und  Kammerherr,  Ritter  des 
Schwarzen-Adler-Ordens  und  des  oster- 
reichischen  Ordens  vom  Goldenen  Vlies; 
*  Wien  5.  XII.  1837;  f  Wien  1.  II.  — 
Sch;  WI7  1233;  GH   1920. 

Passow,  Hermann,  Dr.  chem.,  Leiter  der 
zementtechnischen  Versuchsstation,  ver- 
dient  urn  die  Gewinnung  von  Zement 
aus  Hochof enschlacke ;  *  Halberstadt 
5.III.186S;  |  Blankenese  1.  III.  — 
MdT  1 99 ;  StE  39,  1 364 ;  WI 7  1 243 ;  BZ  45 
[Cement  8,  475;  Chem.-Ztg.  43,  725 
(Griin);  Tonindustrie-Ztg.   1010  (Griin)]. 

Pawel-Ramingen,  Rudolf  v.,  Wirkl.  Geh. 
Rat,  Exzellenz,  sachsen-weimarischer 
Staatsminister  und  Prasident  des  Landes- 
kirchenamtes  a.  D.;  *  Holzminden  6.  VI. 
1846;  f  Braunschweig  26.  XII.  —  WI  7 
1248,  8  1783;  AT  1925. 

Perthes,  Bernhard,  Geh.  Hofrat,  Seniorchef 
der  Verlagsbuchhandlung  Justus  Perthes 
in  Gotha;  *  Gotha  16.  VI.  1858;  f  Gotha 
18.  XII.  —  TR  19.  XII.;  PM  66,  27 
(Langhans) ;  WI 7  1255;  BB1  1919,  Nr. 
283,  S.  1 188. 

Petersen,  Eugen,  Professor,  erster  Sekretar 
des  Deutschen  Archaologischen  InstitUts 
in     Rom;     *     Heiligenhafen     (Holstein) 


730 


Totenliste  19 19:  Pfaff — Rech 


16.  VIII.  1836;  *  Rom  14.  XII.  —  W.: 
Vom  alten  Rom  (4  191 1).  —  WI7  1258 
(W),8i;83;  KL  17  (W). 

Pfaff,  Wilhelm  v.,  wiirttemb.  General  d.  Inf. 
z.  D.,  Exzellenz,  zuletzt  (1895 — 1&97) 
Kommandeur  der  27.  (2.  wiirttemberg.) 
Division;  *  Ulm  4.  I.  1840;  f  Berlin 
22.IX.  — Schw.Merkur26.IX.u.  i.XL; 
TR  26.  IX.;  MWB1  104,  250;  WI 7  1263. 
8  1783;  WN  112— 115  (v.Muff);  Schw. 
Merkur  Nr.  444. 

Pfeiffer,  Berthold,  Dr.  phil.,  Professor, 
Gymnasialoberlehrer  a.  D.,  Kunsthisto- 
riker;  *  Stuttgart  24.  VI.  1854;  f  Stutt- 
gart 8.  XII.  —  W. :  Die  bildenden  Kiinste 
in  Wurttemberg  unter  Herzog  Karl 
Eugen  (1907).  —  Schw.  Merkur  12.  XII.; 
TR  i3.XII.;Kchr,  NF  31,  251 ;  LZ  1920, 
21;  KL  17  (W);  WN  181— 185  (Grad- 
mann);  Schw.  Merkur  Nr.  573. 

Pfeiffer,  Jacob,  Kommerzienrat,  Inh.  der 
Maschinenfabrik  Gebriider  Pfeiffer  in 
Kaiserslautern,  fiihrte  die  sogen.  unga- 
rische  Walzenmullerei  in  Deutschland 
ein;  *  Kaiserslautern  25.  II.  1842;  f  Kai- 
serslautern 27.  X.    —   VDI  63,    1273  f. 

(P)- 

Pflugk-Harttung,  Julius  v.,  Dr.  phil.,  Geh. 
Archivrat  am  Geh.  Staatsarchiv  in  Berlin 
a.  D.,  Geschichtsforscher,  Univ. -Prof ess. 
a.  D.;  *  Wernikow  (Kreis  Brandenburg) 
8.  XI.  1848;  f  Berlin  5.  XI.  —  W.:  Acta 
Pontificum  Rom.  (1879 — 1883)  I  Iter  Itali- 
cum  (1883— 1884);  Allgem.  Weltgesch. 
(1885— 1888);  Napoleon  I.,  Republik  u. 
Kaisertum  (I,  1900);  (Ullsteins)  Welt- 
geschichte  (6  Bde.,  1907 — 1910);  Illustr. 
Geschichte  der  Befreiungskriege  (191 2). 
—  VZ  7.  XI.;  TR  8.  XI.,  12.  XII.;  Sch; 
LZ  902;  LE  22,  375  f.;  WI7  1268  (W), 
8  1783;  KL  17  (W);  AT  1921. 

Pintsch,  Richard,  Dr.  ing.  e.h.,  Geh.  Kom- 
merzienrat, Chef  der  Firma  J  ulius  Pintsch 
A.-G.,  Konstrukteur  der  Eisenbahn- 
wagen-Gasbeleuchtung  (Pintsch-Gas),  M. 
d.  Akad.  des  Bauwesens;  *  Berlin  19.  II. 
1840;  f  Berlin  6.  IX.  —  WI  7  1277, 
8 1 789;  S0ZMH1228;  MdT  204(Schulz); 
BZ  45  [Annalen  fur  Gewerbe-  und  Bau- 
wesen  85,  57;  Dinglers  polytechn.  Jour- 
nal 100,  221;  Licht  und  Lampe  ^7$; 
Organ  fur  die  Fortschritte  d.  Eisenbahn- 
wesens  334;  Zschr.  fiir  Beleuchtungs- 
wesen  101 ;  VDI  63,  967] ;  BZ  46  [Zentral- 
blatt  d.  Bauverw.  1919,  465;  Verh.  d. 
Ver.  zur  Beforderung  des  Gewerbefleifles 
1920,  1—4;  VDI  63,  1 187]. 

Platen-Hallermund,  Carl  Graf  v.,  Erlaucht, 
General-Erbpostmeister,  Landeshauptm . , 
FideikommiBbesitzer ;  *  Liibeck  18.  IX. 


1870;  f  Roggendorf  i.  M.  4.  V.  —  WI  7 
1280,  8  1783;  DGK. 

Poppelreuter,  Joseph,  Dr.  phil.,  Professor. 
Direktor  des  Wallraf-Richartz-Museums 
in  Koln;  *  Laach  (Rhld.)  30.  VIII.  1867; 
f  Koln  5.  II.  —  LZ  131;  Kchr,  NF  30, 
398  u.  418  (Luise  Straufi-Ernst) ;  KL  17 
(W);  Cicerone  11,  96. 

Possehl,  Emil,  Senator,  Chef  der  Weltfirma 
L.  Possehl  &  Co.,  Liibeck ;  * Liibeck  r3.II. 
1850;  f  Liibeck  4.  II..  —  AA;  DGK; 
Sch;  StE  39,  236;  Mittlg.  d.  Ver.  fiir  Lti- 
beckische  Gesch.  u.  Altertumskunde, 
Heft  14,  Nr.  10  (Nov.  1926),  183 — 213 
(Curtius). 

Pliehat,  Max,  Professor,  Leiter  des  Schle- 
sischen  Konservatoriums  in  Breslau; 
*  Breslau  8.  I.  1859;  f  im  Karwendel- 
gebirge  (Unfall)  12.  VIII.  —  W.:  Eupho- 
rion;  Leben  und  Ideal  (symphon.  Dich- 
tungen).  —  JP  79  [AMZ  466;  NMZ  40. 
307;  DTZ  89;  NZfM  237];  FAT  305  (W); 
NML  508  (W);  R  1017;  A  368;  TR 
12.  VIII.;  SozMH  1265. 
Queri,  Georg,  Schrif tsteller ;  *  Frieding 
(Oberbayern)  30.  IV.  1879;  f  Miinchen 
21.  XI.  —  W.:  Die  weltlichen  Gesange 
des  Egidius  Pflanzelter  (*  19 10);  Bayern- 
buch  (mit  Ludwig  Thoma;  191 3).  —  Tag 
25.  XII.  (Rosner);  BB1  26.  XI.;  WI 7 
1318  (W);  LE22,437;Sch;LZ945;  KL 
17  (W). 

Rafael,  R..  s.  Kiesekamp,  Hedwig. 

Rah  t]  en,  Carl,  Kunstmaler;  *  Bremen  12. 
XII.  1855;  f  23.  XII.  —  W.:  Bilder- 
zyklus  zu  Lenaus  Postilion  (Berlin, 
Reichspostmuseum).  —  WIM324  (W), 
8  1784;  MS  IV  8,  VI  228. 

Reber,  Franz  v.,  Dr.  phil.  et  rer.  techn.,  Geh. 
Rat,  Direktor  der  bayrischen  Staats- 
galerie  a.  D.,  Professor  der  Kunst- 
geschichte  a.  d.  Universitatu.  a.  d.  Techn. 
Hochschule  Miinchen;  *  Cham  (bayr. 
Oberpfalz)  10.  XI.  1834;  f  Pockting  bei 
Miinchen  4.  IX.  —  W.:  Kunstgeschichte 
des  Altertums  (187 1);  Kunstgesch.  des 
Mittelalters  (1886);  Geschichte  der  neue- 
ren  deutschen  Kunst  (3  Bde.,  '1884); 
Gesch.  der  Malerei  vom  Anfang  des  14. 
bis  zum  Ende  des  18.  Jahrh.  (1894).  — 
TR  8.  IX.;  Sch;  LZ  739;  SozMH  1260; 
Kchr,  NF  30,  999;  Jahrb.  AdW  Miinchen 
1919,  89 — 90  (Wolters);  LE  22,  123; 
WI7i334f.  (W);  KL  17  (W);  BZ  45 
[Allgem.  Zeitung  Nr.  36,  S.  41 5  f .] ;  BZ  46 
[Zentralbl.  d.  Bauverw.  40,  93]. 

Rech,  Joseph,  Dr.  phil.,  Geh.  Studienrat. 
Direktor  des  bischofl.  Gymnasiums  in 
Metz,  Ehrenburgermeister  von  Sablon 
b.  Metz,  ehem.  Mitglied  der  I.  Kammer 


Totenliste  19 19:  Rein — Roon 


731 


von  ElsaB-Lothringen ;  *  Humes  (Kreis 
Ottweiler)  2.  III.  1856;  t  Koln-Linden- 
thal  im  Okt.  —  TR  7.  X.;  WI 7  1335. 
Rein,  Johann  Justus,  Dr.  phil.,  Geh.  Reg.- 
Rat,  o.  Professor  der  Geographic  a.  d. 
Universitat  Bonn  i.  R.;  *  Nemenheim 
(Hessen)  27.  I.  1835;  f  Bonn  a.  Rh.  24. 1. 

—  W. :  Japan  nach  Reisen  und  Studien 
(I2  1905,  II  1886).  — DGK;  WIM347; 
KL  17  (W);  DZL. 

Reinisch,  Leo,  Dr.  phil.,  Hofrat,  em.  o.  Pro- 
fessor der  agyptischen  Sprache  und  Alter- 
tumskunde  an  der  Universitat  Wien  i.  R. ; 
*  Osterwitz  (Steiermark)  26.  X.  1832; 
t  Lankowitz  (Steiermark)  24.  XII.  — 
BB1  3.  I.  1920;  LZ  1920,  92 ;  PM  66,  28 ; 
Almanach  AdW  Wien  1920,  210 — 220 
(Junker);  WI  6. 

Reitz,  Theodor,  Dr.  ing.  e.  h.,  Geh.  Ober- 
baurat,  Chef  der  Technischen  Abteilung 
der  Admiralitat;  *  Hamburg  12.  II.  1866; 
t  Berlin  13.  XII.  —  VDI  64,  77  (P) ; 
JSTG  1 92 1,  78—80. 

Reye,  Karl  Theodor,  Dr.  phil.,  o.  Professor 
der  Mathematik  an  der  Universitat  StraB- 
burg  a.  D.;  *  Cuxhaven  20.  VI.  1838; 
f  Wiirzburg  2.  VII.  —  W.:  Geometrie 
der  Lage  (I  5  1909,  II  4  1907,  III  4  19 10). 

—  BB1  12.  VII.;  SozMH  832;  LZ  552; 
KL  17  (W);  PFV  1042  (W)  [Jahresber. 
des  Dsch.  Math.- Verb.  31,  22];  BZ  45 
[Metereol.  Zschr.  36,  271  (Siiring)] ;  BZ  46 
[Vierteljahrsschrift  d.  Naturforsch.-Ges. 
in  Zurich  64,  837]. 

Richter,  Alfred  Friedrich,  Musikschrift- 
steller  und  Komponist;  *  Leipzig  1.  IV. 
1846;  t  Berlin  1.  III.  —  W. :  Das  Klavier- 
spiel  (2i9i2);  Allgem.  Musiklehre.  — 
Opern,  Lieder,  Chore.  —  LZ  234;  LE; 
SozMH  365;  JP  79  [AMZ  159;  NMZ  40, 
i58];FAT32of.;NML528  (W) ;  R  1066; 
A  385. 

Riedel,  Louis,  Hofrat,  vogtlandischer  Hei- 
matdichter;  *  Gelenau  29.  IV.  1847; 
t  Plauen  i.  V.  21.  III.  —  W.:  Derham 
is  derham  f7  1912);  In  der  Hutzenstum 
C  19 1 2);  Volksausgabe  (14  Bde.,  1897). — 
LZ  234;  KL  17  (W);  BR  V,  465  (W) ;  BZ 
44  [Sachs.  Heimatschutznachr.  19 19,  7, 
S.  6];  BZ  45  [Die  Heimat  (Vogtland)  III, 
26  (Rodiger) ;  Mittlg.  d.  Ver.  fiir  sachs. 
Volkskunde  8,  330  (Gerbet);  Unser  Eger- 
land  23,  32]. 

Riem&nn,  Hugo,  Dr.  phil.  et  mus.,  o.  Hono- 
rarprofessor  der  Musikwissenschaft  a.  d. 
Universitat  Leipzig;  *  GroB-Mehlra 
(Schwarzburg-Sondersh .)  18.  VII.  1849; 
t  Leipzig  10.  VII.  —  W.:  Musiklexikon 
(10i922);  Lehrbuch  der  musikalischen 
Phrasierung;  Opern-Handbuch ;  Musika- 


lische  Katechismen;  Geschichte  d.  Musik 
seit  Beethoven;  Handbuch  der  Musik- 
geschichte.  —  LNN  1 1 .  VII. ;  SozMH 841 ; 
NMZ  40,  260 — 262  (Unger) ;  Sch;  LZ  552 ; 
WI7  1373  (W),  8  1785;  Dtsch.  Biihnen- 
jahrbuch  31  (1920),  160;  KW  32  IV,  I34f. 
(Brandes);  JP  79  [.AMZ  436;  NMZ  40, 
260;  DMZ  448;  NZfM  177;  RMTZ  207; 
KW  32,  21;  Zschr.  fiir  Musikwiss.  734]; 
FAT  322  (W);  NML  530  f.  (W);  R  1068 
bis  1069  (W) ;  A  386  f.  (W),  (P) ;  Riemann- 
Festschrift  (Mennicke),  (1909);  Zschr.  f. 
Musik  I,  569  ff.  (R.-Heft);  KL  17  (W) ; 
BZ  45  [SM  17,  H.  2,  165  (Moser) ;  Monats- 
schrift  fiir  Schulgesang  14,  73 — 84  [zu 
R.s  70.  Geburtstag];  Zschr.  f.  Musikwiss. 
569—628];  BZ  46  [Musica  sacra  52,  141 ; 
Das  deutsche  Volkslied  21,  79] ;  BZZ  XI 
[LNN  11.  VII.  (Steinitzer) ;  FZ  17.  VII.; 
VZ  11.  VII.;  DAZ  11.  VII.;  Tag  13.  VII.; 
TR  11.  VII.;  BT  11.  VII.;  LpZ  11.  VII.; 
MNN  15.  VII.L 

Rlmpau,  Hans,  Okonomierat,  Ritterguts- 
besitzer,  M.  d.  R.  u.  d.  preuB.  Abgeordn.- 
Hauses  (Nation allib.) ;  *  Schlanstedt  (Kr. 
Oschersleben)  23.  V.  1854;  f  Emersleben 
17.  II.  —  DGK;  WI7  1377. 

Rogge,  Bernhard,  D.  theol.,  kaiserl.  Hofpre- 
diger  a.  D.;  *  GroBtinz  (Kr.  Liegnitz) 
22.X.  183 1 ;  f  Scharbeutz  bei'  Liibeck 
9.  VIII.  —  W. :  Aus  sieben  Jahrzehnten. 
Erinnerungen  aus  meinem  Leben  (1897 
bis  1899,  2  Bde.).  — TR  10.  u.  18.  VIII.; 
IZ  (P);LE2i,  1532;  ELK  52,  742;  WI 7 
1394  (W),8  1785;  Sch;  SozMH  1252;  KJ 
1920.  585;  KL  17  (W);  BZ  45  [Evangel. 
Kirchenztg.  217 — 224  (Grassow) ;  PreuB. 
Kirchenzeitung  229  (Scholz) ;  Monats- 
hefte  des  Gustav- Adolf- Vereins  I,  166  bis 
169  (Geifller)]. 

Rohloff,  Otto,  Professor,  Bildhauer  und 
Ziseleur,  Lehrer  am  Berliner  Kunst- 
gewerbemuseum;  *  Berlin  20.  I.  1863; 
f  Berlin  18.  IV.  —  SozMH  594;  Kchr. 
NF  30,  598;  WI7  1395  (W);  MS  V,  243; 
ZB  44  [Antiquitaten-Rundschau  17,  7^]. 

Rdhmann,  Franz,  Dr.  med.,  o.  Honorar- 
professor  der  physiologischen  Chemie  an 
der  Universitat  Breslau;  *  Berlin  24.  III. 
1856;  |  Breslau  9.  VI.  —  W.:  Lehrbuch 
der  Biochemie  (1908).  —  DGK;  LZ  465  ; 
UK  1919/20;  WI7  1389  (W),8  1785;  KL 
i7  (W). 

•Romberg,  Friedrich,  Geh.  Reg.-Rat,  Direk- 
tor  der  gewerblichen  Lehranstalten  der 
Stadt  Koln;  Ehrenmitgl.  des  Vereins 
dsch.  Ing.;  *  Duisburg  5.  III.  1846;  f  Bad 
Bertrich  29.  VII.  —  VDI  64,  29;  DBJ 
458/461  (Wille). 

Roon,  Waldemar  Graf  v.,  Generalleutnant 


732 


Totenliste  19 19:  Ropp — Schimpff 


z.  D.,  Mitglied  des  fruheren  preuB.  H.-H., 
FideikommiBherr  auf  Krobnitz;  *  Berlin 

4.  VII.  1837;  f  Krobnitz  (O.-L.)  27.  III. 
—  Sch;  WI7  1401,  4u68f.;  GT  1920. 

Ropp,  Goswin  Freiherr  v.  d.,  Dr.  phil.,  Geh. 
Reg.-Rat,  o.  Professor  der  mittleren  und 
neueren  Geschichte  an  der  Universitat 
Marburg.Griinder  u.  Vors.  der  historischen 
Kommission  f.  Hessen  und  Waldeck 
(1897 — I9I9)i    *    Goldingen    (Kurland) 

5.  VI.  1850;  f  Marburg  17.  XL  —  W.: 
Hanse-Rezesse  von  143 1 — 1476  (7  Bde., 
1875 — 1892) ;  Erzbischof  Werner  v.  Mainz 
(1872);  Zur  deutsch-skandinavischen  Ge- 
schichte des  15.  Jahrh.  (1876);  Deutsche 
Kolonien  im  12.  u.  13.  Jahrh.  (1886); 
Sozialpol.  Bewegungen  im  Bauernstande 
vor  dem  Bauernkrieg  ( 1 898 ) ;  Kauf  manns- 
leben  z.  Zeit  der  Hanse  (1907). —  TR 
18.XI.;  HV20,  122—128  (Vigener) ;  Han- 
sische  Geschichtsbl.,  46.  Jahrg.  1920/21 
(Bd.  26),  S.  1/8  (D.  Schafer  m.  P);  LZ 
945;  WI7i4oi;KLi7(W). 

Rttfer,  Philippe  Bartholomew  Professor, 
Komponist  und  Pianist,  Senator  der  Aka- 
demie  der  Kiinste;  *  Liittich  (Belgien) 
7.  VI.  1844;  f  Berlin  15.  IX.  — W.:  Sym- 
phonic F-Dur  op.  23;  Violinkonzert  D- 
Moll.  —  TR  19.  IX.;  IZ  (P) ;  BB1  22.  IX. ; 
WI7  I4I9(W),8I78S;  JP79[AMZ  513; 
NZfM  246;  NMZ  41,  15;  DTZ  100];  FAT 
334;  NML  546  (W);  R  1103  (W) ;  A  399. 

Ruge,  Georg,  Dr.  med.,  o.  Professor  der  Ana- 
tomie  a.  d.  Universitat  Zurich;  *  Berlin 
19.  VI.  1852;  f  Zurich  21.  I.  —  NZZ  3. 
II.;  DGK;  LZ  113;  SozMH  354f.;  MMW 
66,  144^;  PBL  1448  (W);  ZB  44  [Jahrb. 
der  Univ.  Zurich  1918/19,  S.  58—61]. 

Sachs,  Joseph,  Dr.  theol.,  bischofl.  geistlicher 
Rat,  Rektor  des  bayrischen  Lyzeums  in 
Regensburg,  o.  Hochschulprofessor  der 
Dogmatik      und      Religionsphilosophie ; 

*  Kraiburg  17.  III.  1854;  f  Mallersdorf  im 
Juni —  W. :  Die  ewige  Dauer  der  Hollen- 
strafen  (1900).  —  LZ  532;  KL  17  (W). 

Sander,  Paul,  s.  S.  738. 

Saner,  Bruno,  Dr.  phil.,  Geh.  Reg.-Rat, 
o.  Professor  der  Archaologie  an  der  Uni- 
versitat Kiel;  *  Leipzig  19.  I.  1861 ;  f  Kiel 
1 1.  V.  W:  Der  Anfang  des  Christentums 
und  die  Kirche  in  B  aden  ( 1 9 1 1 ) ;  Symbolik 
des  Kirchengebaudes  und  seiner  Ausstat- 
tung  (1902)  —  BB1  101;  LE  21,  1210; 
Kchr,  NF30,  713  (Maas);  WI7  1442;  Sch; 
LZ  384;  KL  17  (W);  Cicerone  XI,  344. 

Sella,  Rudolf  v..  Dr.  phil.,  o.  Professor  der 
alten  Geschichte  an  der  Universitat  Graz ; 

•  Wien  11.  VII.  i860;  f  Graz  19.  XII.  — 
W. :  Staatsvertrage  des  Altertums  (II  a 
19 1 4) ;  Entwicklung  des  griechischen  Vol- 


kes(i9i5).  —  TR20.  XII.;  Sch;  LZ  1920, 
21;  LE22,  571;  KL  17  (W). 

Schallmeyer,  Wilhelm,  Dr.  med.,  Arzt,  So- 
zialhygieniker,  Schriftsteller;  *  Mindel- 
heim  (bayr.  Schwaben)  10.  II.  1857; 
t  Krailling  b.  Munchen  26.  X.  —  W.: 
Vererbung  und  Auslese  im  Lebenslauf  der 
Volker  (8  1910).  —  TR  4.  XI.;  SozMH 
1234;  MMW  66,  1294 — 1296  (Lenz);  Sch; 
LZ902;  WI7  1452  (W);KL  17  (W);  BZ- 
45  [Der  praktische  Arzt  59,  271  (Jan- 
kau)];  BZ  46  [Familiengesch.  Blatter  i<S, 
46;  Polit.-anthropol.  Monatsschr.  18,  46^ 
(Schemann);  DMW  46,  78  (Ziegler) ; 
Zschr.  fur  Sexualwiss.  6,  304  (Marcuse)]. 

♦Schaper,  Fritz,  Professor,  Bildhauer,  Mit- 
glied des  Senates  der  Akademie  der 
Kiinste,  Mitglied  der  Akademie  des  Bau- 
wesens,  Kanzler  des  Ordens  Pour  Ic 
mirite,  Ehrenmitglied  des  Vereins  Ber- 
liner Kiinstler;  *  Alsleben  31.  VII.  1841 ; 
t  Berlin  29.  XI.  —  W. :  Goethe- Denkmal 
(Berlin);  Luther  (Erfurt),  Lessing  (Ham- 
burg) ;  Liebig  (GieBen) ;  Krupp  (Essen) ; 
Bliicher  (Caub) ;  Kaiserin  Augusta  (Ber- 
lin); Gr.  Kurfiirst  (Berlin) ;  Ludwig  IV. 
von  Hessen  (Darmstadt) ;  GauB  (Braun- 
schweig) ;  Moltke  (Koln) ;  Wilhelm  I. 
(Aachen).  —  TR  30.  XI.;  LNN  30.  XI.; 
SozMH  1920,  207;  Kchr,  NF  31,  251; 
Sch;  WI7  14S3  (W).  8  1786;  MS  IV,  i8q; 
DBJ  461/465  (Vollmer)  (L). 

Schauta,  Friedrich,  Dr.  med.,  Hofrat,  o.  Pro- 
fessor der  Frauenheilkunde  an  der  Uni- 
versitat Wien;  *  Wien  15.  VII.  1849; 
t  Wien  1 1 .  I.  —  DGK ;  LZ  76;  MMW  66, 
1 16;  PBL  1485  f.  (P).  (W) ;  ZB  44  [Medi- 
zin.  Blatter  41,  29;  Zentralbl.  fur  Gynak. 
43,  129  (Halban) ;  Wiener  Klin.  Wschr.  9K 
(Adler) ;  DMW7  246  (Martin) ;  WMW  185] ; 
BZ  45  [Archiv  fur  Gynakol.  Ill,  S.  XXI 
bis  XXIX  (Thaler)] ;  BZ  46  per  Frauen- 
arzt  35,  6 — 9  (Ekstein)]. 

Schenkl,  Heinrich,  Dr.  phil.,  o.  Professor  der 
klassischen  Philologie  an  der  Universitat 
Wien;  *  Innsbruck  29.  I.  1859;  f  Wien 
3.  XII.  —  TR  13.  XII.;  LZ  1920,  21; 
Almanach  AdW  Wien  1920,  240 — 242 
(Radermacher) ;  WI 7  1464  (W). 

Soberer,  Rudolf,  Ritter  v.,  Dr.  theol.  etjur., 
Dr.  h.  c,  Hofrat,  em.  o.  Professor  des  Kir- 
chenrechts  an  der  Universitat  Wien, 
Wirkl.  Mitglied  der  AdW  Wien;  *  Graz 
1 1.  VIII.  1845 :  t  Wien  i.Jan.— W. :  Hand- 
buch des  Kirchenrechts  (2  Bde.,  1886/98). 
—  Reichspost  (Wien)  27.  XII.;  LZ  58; 
WI7  1465  (W);  KL  17  (W). 

Schimpff,  Gustav,  o.  Professor  fur  Eisen- 
bahnwesen  a.  d.  Technischen  Hochscbule 
Aachen;  *  Berlin  24.  IX.  1871 ;  f  Aachen 


Totenliste  19 19:  Schliiter — Seeber 


733 


20.  XI.  —  TR  25.  XI.;  WI  7  1472. 
8  1786. 
Schlttter,  Wolfgang,  Dr.  phil.,  russischer 
Staatsrat,  friiher  Oberbibliothekar  und 
Privatdozent  der  vergleichenden  und  der 
deutschen  Philologie  an  der  Universitat 
Dorpat,  1 899 —  1 9 1 2  Direktor  des  Zentral- 
museums     vaterlandischer     Altertiimer ; 

*  Hannover  9.  VIII.  1848;  f  Konigsberg 
i.  Pr.  im  Jan.  —  LZ  113;  WI  7  1482  (W). 

Schmidt  gen.  Waldschmidt,  Maximilian, 
Hofrat,     bayrischer    Volksschrif  tsteller ; 

*  Eschlkam  (Niederbayern)  25.  II.  1832; 
t  Miinchen  8.  XII.  —  W.:  Christkindl- 
sucherin  (1863);  Brigitta  (1867");  Glas- 
macherleut  (1869  18);  Das  zehnte  Gebot 
(3  Bde.,  1879 8);  Die  Wanderung  zum 
Achtziger  (191 2);  Neue  Volksausg.  der 
Ges.  Werke  (34  Bde.).  —  Sch;  LZ  ion  ; 
LE  22,  503;  WI7  1497,  8  1786;  KL  17 
(W);  BR  VI,  233—235  (W). 

Sehoell,  Fritz.  Dr.  phil.,  Geh.  Rat,  em.  o. 
Professor  der-  klassischen  Philologie  an 
der  Universitat  Heidelberg;  *  Weimar 
8.  II.  1850;  f  Rottweil  a.  N.  14.  IX.  — 
LZ  777 \  WI7  1509  (W),  8  1786;  JAW  50, 
84—102  (Goetz);  KL  17  (W). 

Scholtz,  Max,  Dr.,  a.o.  Professor  d.  pharmaz. 
Chemie  an  der  Universitat  Rostock,  des. 
o.  Prof.  d.  pharmaz.  Chemie  an  d.  Univ. 
Breslau;  *  Breslau  7.  VI.  1861 ;  |  Rostock 
31.  III.  —  W.:  Lehrbuch  der  pharma- 
zeutischen  Chemie  (2  Bde.,  1910/12). — 
LZ272;  KLi7(W);  PFV,  ii24f.  (W); 
Ber.  d.  Dtsch.  Chem.-Ges.  52,  19  (Meisen- 
heimer);  ZB  44  [Chem.-Ztg.  209  (Herz)]. 

Sehrader,  Otto,  Dr.  phil.,  Dr.  jur.  h.  c, 
o.  Professor  der  vergleichenden  Sprach- 
wissenschaf t ;  *  WTeimar  28.  III.  1855; 
■f  Breslau  21.  III.  —  W.:  Sprachverglei- 
chung  und  Urgeschichte  (s  1907);  Real- 
lexikon  der  indogerman.  Altertumskunde 
(1901).  —  FZ  1 1.  IV.  (Streitberg) ;  DGK; 
vSch;  LZ253;  WI7  1521  f.  (W);  KL  17  (W). 

Schram,  Aloys  Hanns,  Professor,  Historien- 
Genremaler;  *  Wien  20.  VIII.  1864; 
t  Wien  §.  IV.  —  W.:  Maximilian  I.  bei 
Guinegate  1479;  Deckengemalde  im 
Wiener  Parlament.  —  Kchr,  NF  30,  714; 
MS  IV,  225(W),VI,  257;  Cicerone  XI,  300. 

Schuckmann,  Bruno  v.,  Geh.  Legationsrat 
z.  D.,  1907 — 1 9 10  Gouverneur  von 
Deutsch-Siidwestafrika,  Mitgl.  d.  PreuB. 
Abg.-Hauses      1912 — 18      (konservativ) ; 

*  Rohrbeck  3.  XII.  1857;  |  Stettin  6.  VI. 
—  TR  10.  VI.;  DGK;  Sch;  SozMH  848; 
WI7  1534,  8  1787;  AT  1925. 

Schlllte,  Lambert  us  (Wilhelm),  Dr.  phil., 
Geh.  Reg.-Rat,  Professor,  Gymnasial- 
direktor  in  Beuthen,  O.-S.,  i.  R.,  OSF, 


schlesischer  Historiker;  *  Minister  i.  W. 
26.  VIII.  1843;  t  Scheibe  b.  Glatz  9.  IV. 

—  Schlesische  Ztg.  11.  IV.;  DGK;  LZ 
295;  WI7i539,  8i787;  ZB  44  [Ober- 
schlesien  18,  55]. 

Schultze,  Bernhard  Sigmund,  Dr.  med., 
Wirkl.  Geh.  Rat,  Exzellenz,  em.  o.  Pro- 
fessor der  Gynakologie  an  der  Universitat 
Jena;  *  Freiburg  i.  Br.  29.  XII.  1827; 
|  Jena  17.  IV.  —  W.:  Lehrbuch  der 
Hebammenkunst  (15i9i4);  Pathologieu. 
Therapie  der  Lageveranderungen  der  Ge- 
barmutter(i88i,franzos.i884,engl.i888). 

—  Sch;  LZ  295 ;  MMW  66,  691  f-  (Engel- 
horn) ;  KL  17  (W) ;  PBL  1552— 1554  (W), 
(P);  ZB  44  [Zentralbl.  fur  Gynakol.  43, 
393 — 398  (Kiistner);  Monatsschr.  f iir  Ge- 
burtshilfe  und  Gynakol.  48,  377 — 087 
(Skutsch);DMW69i  (Engelhorn) ;  WMW 
69,  957]  i  BZ  45  [Archiv  fiir  Gynakol.  Ill, 
V— XII  (Henkel);  Korresp.-Bliitter  des 
allgem.  arztl.  Ver.  fiir  Thiiringen  48,  123 
bis  127  (Engelhorn)]. 

Schwally,  Friedrich,  Dr.  phil.,  Lie.  theol., 
o.  Professor  der  orientalischen  Sprachen 
an  der  Universitat  GieBen;  *  Butzbach 
(Oberhessen)  10.  VIII.  1863;  f  Konigs- 
berg i.  Pr.  6.  II.  —  W. :  Ibrahim  ibn  Mu- 
hamtned  al-Baihagi  (3  Bde.,  1900/02).  — 
LZ  1  S3;  SozMH  748;  WI7  1554;  KL  17 
(W);  BZ  44  (Hessenland  3^,  38];  BZ  45 
[Aus  dem  Ostlande  XIV,  Beilage  17]. 

Schwendener,  Simon,  Dr.  phil.,  Dr.  med.  et 
rer.  nat.  h.c,  Geh.  Reg.-Rat,  o.  Professor 
der  Botanik  und  Direktor  des  Botanischen 
Gartens  i.  R.,  Mitglied  der  AdW  Berlin, 
korresp.  Mitglied  des  AdW  Miinchen  und 
Wien,  Inhaber  der  Helmholtz-Medaille, 
Ritter  des  Ordens  Pour  le  mirite  und  des 
bayr.  Maximilian-Ordens,  1896 — 1899 
President  d.  dtsch.  Botan.Ges.;  *  Buchs 
(St.  Gallen)  10.  II.  1829;  |  Berlin  27.  V.— 
VZ  1.  VI.;  Sch;  LZ  444;  SozMH  660  f. 
(Koelsch);  UK  1919/20;  WI7  1561  (W). 
8  1787;  Almanach  AdW  Wien  1920,  149 
bis  155  (Haberlandt) ;  Jahrb.  bayr.  AdW 
1919,  57—6i  (Goebel);  KL  17;  PF  V. 
1 145  ;  BZ  44  [Gartenflora  135  (Claussen)] ; 
BZ  45  [Abh.  d.  AdW  Berlin,  phil.-hist. 
KL,  1919.  1— 12  (Haberlandt) ;  Med.  Kli- 
nik  15,  725  (Saul);  Naturwiss.  Wochen- 
schrift  417  (Haberlandt)];  BZ  46  [Abh. 
d.  AdW  Berlin,  Physikal.  KL,  1919, 1— 12 
(Haberlandt) ;  SB  d.  Ges.  naturforsch. 
Freunde  in  Berlin  191 9,  207  (Claussen)]. 

Seeber,  Joseph,  kathol.  Geistlicher,  ehemal. 
Professor  an  der  Militarakademie  in  Mod- 
ling,  Schrif tsteller;  *  Bruneck  4.  III. 
1856;  f  Erms  in  O.-Osterr.  19.  IV.  — 
W.:  St.  Elisabeth,  ep.  Ged.  (•  191 5);  Der 


734 


Totenliste  1919:   Seidl — Steiger 


ewige  Jude  (ep.  Ged.,  ll  19 10).  —  Reichs- 
post  (Wien)  29.  IV. ;  Tiroler  Ehrenkranz 
92  f.  (Willram),  (P) ;  LE  21,  1147;  KL  17 
(W) ;  KR  598;  BZ  44  [Allgem.  Rundschau 
16,  354  (Wogme)];  BZ  45  [Volkslesehalle 
9,  75   (Neumair)]. 

•Seidl,  Emanuel  v.,  Professor,  Architekt; 
*  Miinchen  22.  VIII.  1856;  f  Miinchen 
24.  XII.  —  W.:  Schlofl  Sigmaringen; 
Villa  Merck  in  Darmstadt;  eigenes  Haus 
in  Murnau;  SchloB  Stumm  in  Ramholz. 

-  —  MNN  3 1 .  XII. ;  Magdeb.  Ztg.  27.  XII. ; 
Sch;LZ  1920,44;  WI7  1574  (W).8  1787; 
Kchr,  NF  31,  328;  MS  IV,  255,  V,  260, 
VI,  263;  DBJ  465/467  (Schmitz). 

Semon,  Richard,  Dr.  phil.  et  med..  Professor 
der  Anatomie  an  der  Universitat  Jena 
a.  D.,  Zoogeograph;  *  Berlin  22.  VIII. 
1859;  f  Miinchen  27.  XII.  —  W.:  Die 
Mneme  (3  191 1);  Das  Problem  der  Ver- 
erbung  erworbener  Eigenschaften  (19 12). 
— -WI7  is8i  (W);  PM6<;,  24;  SozMH  291 
u.   354   (Koelsch);   KL    17   (W) ;   BZ    45 

4  [Journal  fur  Psychol,  u.  Neurologie  25, 
49—52  (Forel)]. 

•Siemens,  Wilhelm  v.,Dr.tng.,  Dr.phil.h.c, 
Geh.  Reg-Rat,  GroBindustrieller,  Mit- 
glied  des  preuflischen  Herrenhauses,  Vor- 
sitzender  des  Aufsichtsrats  des  Siemens- 
Konzerns;  *  Berlin  30.  VII.  18;  5; 
t  Arosa  (Schweiz)  14.  X.  —  TR  15.  X.; 
WI8  1788;  Sch;  LZ  841;  SozMH*iii9; 
MdT  252;  A.  Rotth,  W.  v.  S.  (1922); 
BZ  45  [Licht  u.  Lampe  388;  Elektro- 
techn.' Zschr.  40,  609  (Budde) ;  K.  Helffe- 
rich,  Reden  u.  Aufsatze  aus  dem  Kriege 
(191 7),  S.  327—330];  BZ  46  [Zentralbl. 
d.  Hiitten-  u.  Walzwerke  23,  976;  Ding- 
lers  Polytechn.  Journal  100,  257 — 260 
(Rotth);  Nord  u.  Siid,  Febr.  1920,  131 
bis  138  (Fellinger) ;  Zschr.  fiir  Elektro- 
chemie  26,  84  (Erlwein) ;  Elektrochem. 
Zschr.  40,  609  (Budde);  VDI  63,  1075  u. 

.  1 301  (P),  (Rieppel) ;  Zschr.  fiir  techn. 
Physik  I,  29 — 36  (Gerdien) ;  Zschr.  fiir 
Binnenschiffahrt  1919,  410;  Prometheus 
31,  113  (Buchholtz)] ;  BZ  47  [Geschichts- 
blatter  fiir  Technik,  Ind.  u.  Gewerbe  6, 
219  (Feldhaus) ;  Wissenschaftl.  Veroff. 
aus  dem  Siemens-Konzern  I,  1 — 18 
(Harries)];  JSTG  21  (1920),  S.  1  r 7  f . ; 
P.  Conrad:  W.  v.  S.  zum  Gedachtnis 
(19 19);  A.  Rotth:  W.  v.  S.,  Ein  Lebens- 
bild  (1922);    DBJ  467/475   (Rotth). 

Soennecken,  Friedrich,  Kommerzienrat, 
Griinder  und  Seniorchef  der  Schreib- 
federn-  und  Schreibwarenfabrik  F.  Soen- 
necken, Bonn;  *  Droschede  b.  Iserlohn 
20.  IX.  1848;  f  Bonn  a.  Rh.  30.  VI.  — 
Sch;  WI7  1606,  8  1788. 


Spohn,  Julius,  Geh.  Kommerzienrat,  Inh.d. 
Zementfabrik  Gebr.  Spohn  in  Ravens- 
burg,  Blaubeuren  und  Neckarsulm;  •  Ra- 
vensburg  31.  VII.  1841  ;  f  Ravensburg 
16.  X.  —  WN  135 — 140  (Georg  Spohn). 

Stackel,  Paul,  Dr.  phil.,  Geh.  Hofrat,  o.  Prtv 
fessor  der  Mathematik  a.  d.  Universitat 
Heidelberg;  *  Berlin  20.  VIII.  1862; 
j  Heidelberg  12.  XII.  —  W. :  Leben  und 
Schriften  der  beiden  Bolyai  (2  Bde,, 
1913).  —  LZ  1920,  21  ;  SozMH  1920,  20?; 
WIM627,  8i788;  KL  17  (W) ;  PF  V, 
H94f-  (W). 

Staedel,  Wilhelm,  Dr.  rer.  nat.,  Geh.  Hofrat, 
o.  Professor  der  Chemie  an  der  Techn. 
Hochschule  Darmstadt;  *  Darmstadt 
18.  III.  1843;  t  Darmstadt  14.  V.  — 
W. :  J ahresbericht  fiir  reine  Chemie,  187; 
bis  1881.  —  DGK;  WI7  1627,  8  178S*; 
PF  V,  1 195  (W);  Ber.  d.  dtsch.  Chem - 
Ges.  52,  19  (Wohler):  ZB  44  [Chem. -Ztg. 
43.   393  (Wohler)]. 

SUhl,  Ernst,  Dr.  phil.,  o.  Professor  der  Bo- 
tanik  und  Direktor  des  Botanischen  In- 
stituts  und  Gartens  an  der  Universitat 
Jena,  Mitglied  der  GdW  Leipzig,  korresp. 
Mitglied  der  AdW  Miinchen,  Wien, 
Upsala;  •  Schiltigheim  (Elsafl)  21.  VI. 
1848;  f  Jena  3.  XII.  —  TR  3.  XII.; 
SozMH  1234;  N  8,  141  — 146  (Goebel); 
L  56,  44;  Berichte  Verh.  GdW  Leipzig, 
math.-phys.  Klasse  1920,  129 — 138  (Mei- 
senheimer) ;  Almanach  AdW  Wien  1920, 
163 — 167  (Molisch);  Jahrb.  AdW  Miin- 
chen 1 919,  74 — 82  (Goebel);  WI7i62$ 
(W);  KL  17  (W);  BZ  46  [Naturwiss. 
Wochensch.  35,  145 — 149  (Gerhardt)]; 
BZ  47  [Ber.  der  dsch.  Bot.  Ges.  ^7,  Beil. 
85—104  (Kniep)];  BZ  49  [Verh.  d.  GdW 
Leipzig,  Math.-physikal.  Kl.  72,  129 — 138 
(Meisenheimer)];  LZ  988. 

Stamm,  Karl,  schweizerischer  Lyriker; 
f  Neumiinster  21 .  III.  —  W. :  Das  Hohe- 
lied  (Ged.,  191 3);  Aus  dem  Tornister 
(Ged.) ;  Der  Aufbruch  des  Herzens  (Ged. 
1919);  Dichtungen  (Gesamtausg.,  IQ20). 
—  NZZ  23.  III.;  LE  21.  954;  BZ  44 
[Schweiz.  Lehrer-Zeitg.  129];  BZ  45  [Die 
Schweiz  III  (Steffen) ;  Wissen  u.  Leben 
XII,  459(Huber)];  BZ  46  [Die  junge 
Schweiz  1919,  59 — 64  (Banninger)]. 

Star  OSS  on,  Franz,  mecklenburgisch-schweri- 
nischer  Staatsminister  (seit  9.  XI.  191 8), 
sozialdem.  Vorkampfer  in  Mecklenburg, 
Mitglied  der  Nationalversamml.  (Soz.); 
*  Berlin  3.  V.  1874;  f  Schwerin  4.  VII.  — 
Sch;  HNV  268  (P). 

Steiger,  Edgar,  Schriftsteller,  Novellist  und 
Kritiker;  *  Egelshofen  (Schweiz)  13.  XI. 
1858;    t   Miinchen  24.   X.   —  W.:   Der 


Totenliste  19 19:  Steinbach — Trinius 


735 


Kampf  um  die  neuc  Dichtung  (2  1 89 1 ) .  — 
Sch;  LZ  861;  SozMH  n86f.;  IZ  24.  X.; 
KL17  (W);  BZ45  [DieneueZeit38,  S.I]. 

Steinbach,  Emil,  Komponist  und  Dirigent, 
hervorragender  Wagner-Interpret ;  *  Len- 
genrieden  i.  Baden  14.  XI.  1849;  f  Mainz 
6.XII.  — JP8o[NMZ4i,  115;  DMZ886; 
DTZ  18,  10;  AMZ  1920,  31];  FAT  392; 
NML  619;  R  1239;  A  454. 

Steindachner,  Franz,  Dr.  phil.,  Hofrat,  em. 
Intendant  des  Naturhistorischen  (Hof-) 
Museums  in  Wien,  Wirkl.  Mitglied  der 
AdW  Wien;  *  Wien  1 1 .  XI.  1834;  f  Wien 
10.  XI.  —  LZ  1920,  21 ;  Almanach  AdW 
WTien  1920,  114 — 117  (Grobben). 

Stengel,  Hermann  Freiherr  v.,  Dr.  jur.,  Dr. 
rer.  pol.  h.c,  Wirkl.  Geh.  Rat,  Exzellenz, 
Staatssekretar  des  Reichsschatzamtes 
a.  D.,  vormals  bayr.  Staatsrat  in  a.o.  D.; 

*  Speier  19.  VII.  1837;  |  Miinehen  5.  V. 

—  DGK;  Sch;  TR  6.  V.;  WIM647. 
8  1788;  FT  1919. 

Stdlzel,  Adolf,  Dr.  jur.  h.  c,  Dr.  phil.  h.  c, 
Wirkl.  Geh.  Rat,  Exzellenz,  Prasidentder 
preuBischen  Justizpriifungskommission 
a.  D.,  o.  Honorarprofessor  des  Zivilrechts 
und  der  Rechtsgeschichte  a.  d.  Universi- 
tat  Berlin,  ehem.  konigl.  preuBischer 
Kronsyndikus  iind  Mitglied  des  Herrenh. ; 

*  Gotha  28.  VI.  1831;   j  Berlin  20.  IV. 

—  W.:  Deutsehes  EheschlieBungsrecht 
(3i876);  Uber  Proberelationen  (4i902); 
Schuluug  fiir  die  zivilistische  Praxis 
(1*1913,  II5i9i4);  Urkundl.  Material 
aus  den  brandenburg.  Schoppenstuhls- 
akten  (4  Bde.,  1901).  —  DAZ  23.  IV. 
(Heilfron);  LZ  318;  SozMH  11 83;  WI 7 
1659;  KL  17  (W);  ZB  44  [Alt-Berlin  36, 
29  (Holtze) ;  Gesetz  und  Recht  20,  Heft  9; 
Hessenland  33,  86  u.  117  (Gerland)]. 

Straufi,  Edmund  v.,  Kapellmeister,  am  vor- 
mal.  Kgl.  Opernhaus;  *  Olmiitz  12.  VIII. 
1869;  t  Berlin  13.  IX.  —  TR  19.  IX.; 
WI7  1668  f.,8  1788;  SozMH  1265;  JP  80 
[AMZ  502;  DTZ  200;  NZfM  246;  NMZ 
41,  15];  FAT  398;  NML  626;  R  1255. 

Straufi  U.  Torney,  Carl  Clemens  Hugo  v., 
Dr.  jur.,  Dr.  tned.  h.  c,  D.theol.k.c,  Wirkl. 
Geh.  Oberreg.-Rat,  Senatsprasident  am 
PreuB.  Oberverwaltungsgericht,  Vorsitz. 
der  Internationalen  Vereinigung  und  des 
Deutschen  Vereins  gegen  den  MiBbrauch 
geistiger  Getriinke;  *  Biickeburg  13.  I. 
1838;  f  Berlin  28.  VIII.  —  TR  29.  VIII.; 
Sch;  WI7  1669,  8  1788;  KJ  1920,  587  f.; 
BZ  45  [Zschr.  fiir  Sexualwiss.  VI,  240; 
Das  Land  27,  248  (Gonser)];  BZ  46  [Ge- 
setz und  Recht  20,  360;  Gewerbe-Archiv 
fiir  das  Deutsche  Reich  19,  I;  PreuB.  Ver- 
waltungsblatt  40,  621]. 


Struckmann,  Gustav,  Dr.  jur.,  Dr.  k.  c, 
Oberbiirgermeister  a.  D.  und  Ehrenbiir- 
ger  von  Hildesheim,  1879 — 1909  Mitglied 
des  preuBischen  Herrenhauses ;  *  Osna- 
briick  21.  I.  1837;  f  Hildesheim  20.  X. — 
TR  29.  X.;  WI7  1674. 

Sturm,  Rudolf,  Dr.  phil.,  Geh.  Reg.-Rat, 
o.  Professor  der  Mathematik  an  der  Uni- 
versity t  Breslau;  *  Breslau  6.  I.  1841 ; 
t  Breslau  12.  IV.  —  W.:  Elemente  der 
darstellenden  Geometrie  (2  1900) ;  Die  Ge- 
bilde  ersten  und  zweiten  Grades  der 
Liniengeometrie  (2  Bde.,  1892 — 1896); 
Lehre  von  der  geometrischen  Verwandt- 
schaft  (4  Bde.,  1908/09).  —  SozMH  832; 
WI7  1682  (W);KL  i7(W);PFV,  1227  f. 
( W) ;  BZ  45  [Zschr.  fiir  mathem.  u.  natur- 
wiss.  Unterricht  50,  289 — 293  (Lorey)]. 

Tann-Rathsamhausen,  Luitpold  Freiherr 
von  und  zu  der.  General  d.  Infant,  z.  D., 
Exzellenz,  1905 — 1910  kommand.  Gene- 
ral des  III.  bayr.  A.-Korps,  1914 — 1918 
stellv.  komm.  General  des  I.  bayr.  Armee- 
korps,  a  la  suite  des  2.  u.  11.  Inf.-Regts., 
Dr.  ing.  e.  h.\  *  Miinehen  19.  IV.  1847; 
f  Weisendorf  b.  Erlangen  5.  VIII.  —  Sch; 
WI7  1693;  FT  1920. 

Tempeltey,  Eduard  v.,  Wirkl.  Geh.  Rat, 
Exzellenz,  Schriftsteller  u.  Buhnendich- 
ter,  Ehrenmitglied  des  Deutschen  Biih- 
nenvereins;  *  Berlin  13.  X.  1832;  f  Ko- 
burg  3.  VI.  —  W. :  Herzog  Ernst  II.  von 
Koburg  und  das  Jahr  1866  (1898);  Her- 
ausgeber  von  Gustav  Freytag  und  Herzog 
Ernst  von  Koburg  im  Brief  wechsel  ( 1 904) . 
—  BB1.  113;  Sch;  LZ  444;  LE  21,  1210; 
Dtsch.  Biihnenjahrbuch  31  (1920),  158; 
WI7  1697  (W);KLi7(W);  BR  VII,  166; 
BZ  45  [Die  deutsche  Biihne  11,  344 
(Felisch)]. 

Tettenborn,  Otto  v.,  General  der  Infanterie 
a.  D.  und  ehem.  Generaladjutant  des 
Konigs  von  Sachsen;  *  Festung  Kdnig- 
stein  21.  VI.  1856;  f  Dresden  28.  XI.  — 
MWB1  104,  392;  WTI7  1700;  UTA  1 92 1. 

Toeche-Mittler,  Theodor,  Dr.  phil.,  Hof- 
buchhandler,  Inhaber  der  Verlagsbuch- 
handlung  Mittler  &  Sohn,  Berlin;  *  Ber- 
lin 8.  IX.  1837;  |  Berlin  24.  XI.  —  W. : 
Einhundert  Jahre  des  Geschaftshauses 
Ernst  Siegfried  Mittler  &  Sohn  (1889); 
Stimmungsgedanken  iiber  Raum  u.  Zeit 
(1907).  —  MWB1  104,  Nr.  64  u.  S.  ^72; 
Sch;  LZ  964;  WI7i7i8  (W),  8  1789; 
BB1  1919.  Nr.  263,  S.  1083. 

Trinius,  August,  Geh.  Hofrat,  Sclirif tsteller ; 
*  Schkeuditz  b.  Leipzig  31.  VII.  185 1; 
t  Waltershausen  2.  IV.  —  W.:  Thuringer 
Wanderbuch  (8  Bde.,  1886 — 1892);  Mar- 
kische  Streifzuge  (2  1887).  —  TR  8.  IV.; 


736 


Totenliste  191 9:  Trollmann — Wedel 


LE  2if  1019;  WIM728  (W),  8  1789; 
DGK;  Sch;  LZ  272;  KL  17  (W);  DZL; 
BR  VII,  219  (W);  BZ  44  [Deutschland 
10,  146  (Greiner);  Thiiringer  Monats- 
blatter  19,  9  (Lorenzen)];  BZ  45  [Mark 
15,  140  u.  151  (Kitzler);  Alt-Berlin  36, 
44];  BZ  46  [Frankenland  VI/VII,  60 
(Sieghard)];  BZ  47  [Die  Propylaen  17, 
290  (Schaffer)]. 
Trollmann,  Ignaz,  Freiherr  v.  Lovcenberg, 
osterreichischer  General  d.  Infant,  a.  D., 
(1916)  Erstiirmer  des  Lovcen;  *  Steyr 
25.  XI.  i860;  f  Graz23.  II.  —  Sch;Ober- 
osterreichische  Mannergestalten  (1926), 
S.  11 — 14    (Straflmeyer),    [Steyrer    Ztg. 

1919,  17]. 

Tuaillon,  Louis  (Ludwig),  Professor.  Bild- 
hauer,  Lehrer  an  der  Berliner  Kunst- 
akademie,  Ritter  des  Ordens  Pour  le 
mirite;  •  Berlin  7.  IX.  1862;  f  Berlin 
21.  II.  —  W.:  Amazone  (vor  der  Natio- 
nalgalerie,  Berlin);  Rosselenker  (Bre- 
men) ;  Standbild  Kaiser  Friedrichs  (Bre- 
men).—TR  23.  II.;  Deutsche  Ztg.  18.V.; 
Sch;  WIM733,  •  1789;  Kchr.  NF  30, 
455;  KW  32,  II  179  (Avenarius) ;  MS  IV, 
452  (W).  VI  284;  BZ  44  [Cicerone  XI. 
148;  Daheim  54,  I  47  (Pastor)];  BZ  45 
[Ganymed  91 ;  Universum  35,  Heft  25/26, 
S.  74] ;  BZ  46  [Velh.  &  Klasings  Monatsh. 

1920,  296 — 306  (Weiglin)]. 

Vogel,  Eduard,  Dr.  med.  vet..  Professor  an 
der  ehemal.  K.  Tierarztl.  Hochschule 
Stuttgart;  •  3.  V.  1831 ;  f  Stuttgart  29.  I. 
—  WN  71—74  (v.  Sufldorf),  [SchwM 
Nr.  50] ;  ZB  44  [Dtsch.  Tierarztl.  Wochen- 
schr.  88  (v.  SuBdorf)]. 

Vohsen,  Ernst,  Konsul  a.  D.,  Verlagsbuch- 
handler  (Inh.  der  Firma  D.  Reimer,  Ber- 
lin) u.  Kolonialpolitiker;  Schriftfuhrer  d. 
Landeskundlichen  Kommission  des  Deut- 
schen  Kolonialrates,  Herausgeber  der 
Kolonialen  Rundschau;  *  Mainz  1853; 
|  Nauheim  20.  VI.  —  Sch;  LZ  509; 
SozMH  848;  DKZ  36,  7yt  LE  21,  1339; 
PM  65,  66;  Mittlg.  aus  den  deutschen 
Schutzgebieten  33  (1925),  2,  S.  V — VII 
(Staudinger),  (P);  BZ  45  [Koloniale 
Rundschau  67 — 128  (Johlinger  u.  a.)]; 
BZ  46  [Hessische  Heimat  I,  106 — 109 
(Johlinger)];  BB1  1919,  Nr.  131,  S.  524. 

Voigt,  Woldemar,  Dr.  phil.,  Dr.  phil.  nat. 
h.  c,  LLD,  Dr.  scient.  h.  c,  o.  Professor 
der  Physik  an  der  Universitat  Gottingen, 
Mitglied  d.  GdW  Gottingen,  korresp.Mit- 
glied  d.  AdW  Miinchen,  Berlin,  Amster- 
dam, Kopenhagen;  *  Leipzig  2.  IX.  1850; 
t  Gieflen  13.  XII.  —  W.:  Kompendium 
der  theoretischen  Physik  (1895,  1896); 
Thermodynamik  (1903,   1904);  Kristall- 


physik  (1910).  —  TR  19.  XII.;  LZ  1920, 
21;  Nachr.  GdW  Gottingen  1920,  46 
bis  52  (Runge);  Jahrb.  AdW  Miinchen 
1919,  83  f.  (Sommerfeld) ;  WI 7  1768  (W)» 
»  1790;  KL  17  (W);  PF  V.  i3i6f.  (W). 
[Physikal.  Zschr.  21,  20;  London  Roy. 
Soc.  Proc.  99,  21]. 
Waechtler,  August,  D.  theol.  h.c.t  Oberpfar- 
rer  u.  Stadtsuperintendent  von  Halle  a.  S. 
a.  D.,  Vorsitzender  des  Evangelischen 
Bundes,  theol.  Schrif tsteller ;  •  Essen 
(Ruhr)  30.  IX.  1846;  f  Halle  a.  S.  22.  X. 

—  W. :  Evangelische  Pfarramtskunde 
(1905);  1880 — 1906  Herausgeber  der 
Sonntagsklange  fur  evangelische  Ge- 
meinden.  —  LZ  861;  WIM780  (W); 
KJ  1920,  588;  KL  17  (W). 

Wagner,  Alexander  v.,  Professor,  Tier-  u. 
Genremaler;  *  Budapest  16.  IV.  1838; 
f  Miinchen  19.  I.  —  W.:  Geschichtliche 
Fresken  (Altes  Nationalmus. ,  Miinchen), 
Romischer  Zirkus.  —  DGK;  Kchr,  NF 
30,  329;  WI 7  1782  (W) ;  MS  V,  49  u.  279, 
VI,  291;  ZB  44  [Chronik  des  Wiener 
Goethe- Vereins  20,  58;  Die  Kunst  fiir 
Alle  34,  11/12,  Beil.  V]. 

Waldmann,  Ludolf,  Komponist;  *  Ham- 
burg 30.  VI.  1840;  |  Berlin  7.  II.  —  W. : 
Fischerin,  du  kleine,  und  andere  popu- 
lare  Lieder.  —  DGK;  SozMH  365  ;  Dtsch. 
Buhnenjahrbuch  31  (1920),  150;  JP  80 
[AMZ  99;  NZfM  34;  DTZ  25 ;  RMTZ  48 ; 
KW  32.  12;  NMZ  40,  135];  FAT  436. 

Waldschmidt,  s.  Schmidt,  gen.  Wald- 
schmidt. 

Walser,  Hermann,  Dr.  phil.,  o.  Professor 
der  Geographie  an  der  Universitat  Bern ; 

•  Biel  11.  XII.  1870;  f  Bern  1.  V.  — 
W.:  Landeskunde  der  Schweiz  (2  1914). 

—  Berner  Bund  7.  V.;  SozMH  662;  PM 
65,  65  (Zeller);  KL  17  (W). 

Weber,  Leonhard,  Dr.  phil.,  Geh.  Reg.-Rat, 
o.  Professor  der  theoretischen  Physik  u. 
Meteorologie   an   der   Universitat   Kiel; 

•  Rostock  30.  IV.  1848;  f  Kiel  28.  IV.  — 
W.:  Repetitorium  der  Experimental- 
physik  (1895);  Wind  und  Wetter  (1904. 

•  1910).  —  DGK;  WI 7  1806  (W),  8  1790; 
LZ341;  UK  1919/20;  KL  17  (W);  PFV, 
1339;  BZ  44  [Zschr.  fiir  Beleuchtungs- 
wesen  50];  BZ  45  [Meteorol.  Zschr.  36. 
269]. 

♦Wedel,  Karl  Fiirst  v.,  (1907— 1914)  Statt- 
halter  von  ElsaB-Lothringen  a.  D.,  Gene- 
ral der  Kavallerie  z.  D.,  ehemal.  General- 
adjutant  des  Kaisers,  1899 — r9Q2  Bot- 
schafter  in  Rom,   1902 — 1907  in  Wien; 

•  Oldenburg  5.  II.  1842;  f  Stockholm 
30.  XII.  —  FZ  2.  I.  1920;  Sch;  WI7  8. 

•  1790;  ERL;  E  1920,  148  (P);  S01MH 


Totenliste  1919:  Wegelin — Zedlitz 


737 


1920,  348;  ElsaB-Lothring.  Jahrbuch  I 
(1922),  184  f.  (Spahn);  UAT  1920;  BZ  46 
[Roland  20,  71  f.  (Schultze)];  JZ  3994 
(P);  DBJ  475/484  (Stahlin). 

Wegelin,  Karl  v.,  Dr.  med.,  Obergeneralarzt 
und  Sanitatsinspekteur  a.  D.,  Exzellenz; 
♦  Biidingen  n.  XI.  1847;  t  1919-  — 
WN  203  f .  (v.  Muff),  [SchwM  Nr.  556  u. 
562]. 

Wenglein,  Joseph,  Professor,  Landschafts- 
maler;  *  Miinchen  5.  X.  1845;  t  Bad  Tolz 
18.  I.  —  W. :  Winter  arn  Isarufer  (Berlin, 
Nationalgalerie) ;  Bauernhauser  unter 
Baumen  (Dresdner  Galerie);  Kalkstein- 
sammler  im  Isarbett  (Miinchen,  Neue 
Pinakothek).  — DGK;  Kchr,  NF  30,  329; 
KW  32,  II  102  (Avenarius);  WI  7  1832  f. 
(W);  MS  V,  78  (W),  VI,  296;  ZB  44  [Die 
Kunst  fur  Alle  34,  11/ 12,  Beilage]. 

Werdelmann,  Wilhelm,  Professor,  Direktor 
der  Handwerker-  und  Kunstgewerbe- 
schulein  Barmen,  Architekt;  *  Leopolds- 
hohe  (Lippe)  21.  III.  1865;  f  Barmen 
28.  IV.  —  W.:  Hallenschwimmbad  Bres- 
lau;  Militarkurhaus  Bad  Landeck;  Mit- 
arbeiter  am  Reichsgerichtsgebaude  Leip- 
zig. —  Kchr,  NF  30,  624;  WI 7  1834  f. 
(W);  MS  VI,  297  (W). 

*  Werner,Alfred,  Dr. phil.,  Dr.h.c,  o.  Prof, 
der  Chemie  an  der  Universitat  u.  Eid- 
genoss.  Technischen  Hochschule  Zurich, 
Begriinder  einer  Koordinationslehre.No- 
belpreistrager,  korresp.  Mitgl.  der  GdW 
Gottingen;  •  Mulhausen  i.  E.  12.  XII. 
1866;  f  Zurich  15.  XI.  —  W.:  Neuere 
Anschauungen  auf  dem  Gebiete  der  an- 
organischen  Chemie  (*i909);  Lehrbuch 
der  Stereochemie  (1904).  —  TR  21.  XI.; 
MdT  290  f .  [Zschr.  fiir  Elektrochemie  26, 
514;  Zschr.  f.  angew.  Chemie  33,  37]  Hel- 
vetica chimica  acta  3,  196  u.  225  (Bibliogr. 
d.  W);  Sch;  LZ  945 ;  WI 7  1835  f.  (W) ; 
KL17;  PFV,  1355  f.  (W).  [Ber.d.dtsch. 
Chem.-Ges.  53,  20;  London,  Chem.  Soc. 
Journal  117,  20;  Americ.  Chem.  Soc. 
Journal  42,  20];   DBJ  484/489  (Pfeiffer). 

Werner,  Jakob,  D.  theol.,  Generalsuper- 
intendent  von  Hessen-Kassel  a.  D.; 
♦Marburg  17.  X.  1835;  f  Marburg  3.  XII. 
—  ELK  52,  1 102  (Bohmer);  KJ  1920, 
589. 

Wette,  Hermann,  Dr.  med.,  Geh.  San. -Rat, 
Spezialarzt  fiir  Ohren-,  Hals-  und  Nasen- 
krankheiten,  Romanschrif tsteller ;  *  Her- 
bern  (Miinsterland)  16.  V.  1857;  f  Wies- 
loch  i.  B.  10.  VIII.  —  W.:  Westfiilische 
Gedichte  (s  1896) ;  Krauskopf,  R.  (3  Bde., 
1903 — 1905,  '1909);  Widukind  (Dr., 
1893,  2  1903)-  —  TR  22.  VIII.;  BB1 
8.IX.;LE22,  59;  WI7  1842  (W);KL  17 

DBJ  47 


(W);  BZ  45  [Heimatblatter  I,  153;  Nie- 
dersachsen  24,  340  (Schdnhoff) ;  Weser- 
land  XI.  24] ;  BZ  46  [Niedersachsenbuch 
IV,  117;  Mittlg.  aus  dem  Quick  born 
XIII,  14]. 

Wohltmann,  Ferdinand,  Dr.  phil.,  Geh.  Re- 
gier.-Rat,  o.  Professor  der  Landwirtsch. 
u.  Direktor  des  Landwirtschaftl.  Institute 
der  Universitat  Halle;  •  Hitzacker  a.  E. 
20.  X.  1857;  f  HaUe  10.  IV.  —  W. :  Hand- 
buch  der  tropischen  Agrikultur  (1892).  — 
LZ  295;  DKZ  36,  46  u.  54  f.  (Golf);  PM 
65.  24;  WI 7  1880  (W) ;  KL  17  (W) ;  ZB  44 
[Dtsche.  Landw.  Presse  224  (Frolich)]. 

Wolff,  genannt  Metternich,  Ferdinand  Frei- 
herr  v.,  Forstmeister,  (1903 — 18)  M.  d. 
R.  u.  des  Preufl.  Abg.-Hauses  (Zentrum) ; 

*  Benrath  3.  II.  1855;  f  Xanten  12.  VII. 
—  DGK;  WI7  1886;  FT  1920. 

Wolf  rum,  Philipp,  D.  theol.  h.  c.  Dr.  phil., 
Generalmusikdirektor,  Professor  der  Mu- 
sikwissenschaft  und  Universitatsmusik- 
direktor   a.   d.    Universitat   Heidelberg; 

*  Schwarzenbach  am  Wald  17.  XII.  1855; 
t  Samaden  8.  V.  —  W.:  Orgelwerke, 
Kammermusikwerke ;  J.  S.  Bach  (2  Bde., 

*  1910/11).  —  DGK;  LZ  384;  WI  7  1887 
(W),  8  1 79 1 ;  SozMH  680;  NMZ  40,  205  f. 
(Poppen)  u.  41,  6 — 9  (Frommel);  KJ 
1919.  573;  JP  81  [NMZ  40,  205  u.  41,  6; 
Zschr.  fiir  Musikwiss.  II,  54;  RMTZ  144; 
DTZ  64;  KW  32,  19];  FAT  458;  NMI, 
712  (W);  Zschr.  fiir  Musikwiss.  I,  12 
(Hasse);  R  1436  (W);  A  523;  ZB  44 
[Siona  68];  BZZ  XI  [Schwab.  Merkur 
17.  V.;  Badische  Landesztg.  22.  V.;  FZ 
3.  VII.];  KW  32  III,  S.  200  (Brandes). 

Wdllwarth-Lauterburg,  Georg  Freiherr  v., 
ehemal.  M.  d.  R.  (Reichspartei)  und  Abg. 
des  Wurttemb.  Land  tags;  •  Essingen 
12.  VI.  1836;  f  Essingen  16.  III.  —  W.: 
Erinnerungen  aus  meinem  Leben  (1920); 
WN  83—90  (Egelhaaf);  SchwM  18.  III. 
(Egelhaaf ) . 

Wothe-Mahn  [Mahn,  geb.  Wothe],  Anny, 
Romanschriftstellerin,  Begriinderin  der 
Familienzeitschrif t :  Von  Haus  zu  Haus; 

*  Berlin  30.  I.  1858;  f  Leipzig  30.  VII. — 
LNN  31.  VII.;  L,E  21,  1531;  LZ  637; 
WI7  1891,  8  1791;  PY  II.  452. 

Zedlitz  u.  Neukirch,  Oktavio  Freiherr  v., 
Wirkl.  Geh.  Rat,  Exzellenz,  Prasident 
der  preuBischen  Seehandlung  a.  D., 
(187 1 — 74)  M.  d.  R.  (freikonservativ)  und 
(1876 — 19 1 8)  des  Preufl.  Abg.-Hauses, 
ehemal.  Vorsitzender  der  freikonserva- 
tiven    Fraktion    im    Preufl.  Abg. -Haus; 

*  Glatz  6.  XII.  1840;  t  Berlin  31.  III.  — 
W.:  Dreiflig  Jahre  preuflischer  Finanz- 
und  Steuerpolitik  (1901).  —  BT  1.  IV.; 


738 


Totenliste  1919:  Zeysing — Zimroermann 


VZ  1.  IV.;  FZ  1.  IV.;  TR  2.  IV.;  E  405 
(W);  W'I'igos,  81792;  DGK;  Sch; 
SozMH  916;  v.  Arnim- Below,  Deutscher 
Aufstieg  361 — 365  (Merbach),  (P) ;  FT 
1920;  BZ  44  [Das  Echo,  Nr.  19 10];  BZ 
45  [Aus  dem  Ostlande  14,  Beil.  17]. 
Zeysing,  Theodor,  Geh.  Baurat,  1869 — 1880 
kaiserl.  Marine-Schiffbaudirektor  in  Kiel, 
1880 — 1 90 1  in  Danzig;  *  Wittstock  a.  d. 
Dosse    15.  VI.  1830;    |   Stettin   4.   I.  — 


WP  191 


1792. 


Zlese,  Elisabeth,  geb.  Schichau,  leitete  die 
Schichauwerft  in  Danzig  und  Elbing  nach 
dem  Tode  ihres  Gatten  C.  H.  Ziese 
(f  1917);   |  Elbing  2.  VII.  —  DBJ  206. 

Zimmer,  Friedrieh,  D.  theol.,  Dr.  phil.,  a.o. 
Professor  der  Theologie  an  der  Universi- 
tat  Konigsberg  a.  D.,  Begriinder  u.  Direk- 
tor  (1894 — 1906)  des  Diakonievereins, 
Begriinder  der  Zimmerschen  Tochter- 
heime;  *  Gardelegen  22.  IX.  1855;  t  Gie- 
Ben  5.  XII.  —  W.:  Die  Zimmerschen 
Tochterheime  (1909);  Deutsche  Biirger- 
kunde  (*  1914).  —  TR  6.  XII.;  LZ  1920, 
21;  EUt  52,  1152;  WI7i9i5f.  (W); 
KJ   1920,  589;  KL  17  (W). 


Zimmermann,  Georg,  sachsischer  Dialekt- 
dichter;  *  Wermsdorf  12. 1.  1855  ;  fLosch- 
witz  b.  Dresden  21.  IX.  —  W.:  Von  Der- 
heeme,  Dialektdichtungen  (1899).  —  Sch; 
LZ  777;  BB1  24.  IX.;  Kh  17  (W) ;  BR 
VIII,  96  (W). 

Zimmermann,  Max  Georg,  Dr.  phil.,  Geh. 
Reg.-Rat,  Professor  der  Kunstgeschichte 
an  der  Technischen  Hochschule  Berlin 
und  Direktor  des  Beuth-Schinkel-Mu- 
seums;  *  Elbing  1.  VI.  1861;  f  Berlin 
10.  VII.  —  W.:  Allgemeine  Kunst- 
geschichte (3  Bde.,  *  1913) ;  Sizilien 
(2Bde.,  1904).  — TR  11.  VII. ;WI7  1917 
(W),  8  1792;  LE  2i,  1401 ;  Kchr,  NF  30, 
844  u.  871;  KL  17  (W). 

Sander,  Paul,  Dr.  phil.,  ao.  Prov.  d.  Wirt- 
schaftsgesch.  a.  d.  dtsch.  Univ.  Prag; 
f  2.  V.  Welkershausen  b.  Meiningen  (53  J . 
alt).  —  W.:  Feudalstaat  u.  biirg.  Ver- 
fassung  (1906);  Gesch.  d.  dtsch.  Stadte- 
wesens  (1922).  —  S.  vermachte  seinen 
schriftl.  NachlaB  und  seine  Bibliothek 
dem  Hist.  Seminar  d.  Univ  Berlin.  — 
LZ  359. 


Totenliste  1920 


Adler,  Sigmund,  Dr.  phil.,  Hofrat,  o.  Pro- 
fessor der  osterreichischen  Rechtsgesch. 
an  der  Universitat  Wien;  *  Prag  26.  XI. 
1853;  f  Wien  18.  VIII.  —  W.:  Die  Orga- 
nisation der  Zentralverwaltung  unter 
Kaiser  Maximilian  I.  (1886).  —  LZ  702; 
Sch  1920;  SozMH  1 92 1,  55;  HV  20,  122; 
WI77.  *  U67'.  M  7  I,  126;  KL  17  (W); 
GJNB  I,  72;  BZ  48  [Zschr.  d.  Savigny- 
Stiftung,  Germ.  Abt.  41,  531]. 

Alsberg,  Mdritz,  Dr.  med.,  Sanitatsrat, 
Anthropolog;  *  Kassel  6.  II.  1840; 
t  Kassel  VII.  —  W.:  Anthropologic 
mit  Berucksichtigung  der  Urgeschichte 
des  Menschen  (a  1892).  —  \VI  6;  LZ  597; 
PBL  30  (W);  BZ  47  [Hessenland,  H.  34, 

95]. 
Andorff,  Paul,  Professor,  Maler;  *  Weimar 

2.  IV.  1849;  t  Frankfurt  a.  M.  XII. 
(Gasvergiftung) .  —  W.:  Berliner  Spittel- 
markt.  —  Kchr  32,  15,  S.  287;  TB  I.  442; 
MS  V,  5  (W),  VI,  5. 

Bachmann,  Hermann,  Chefredakteur  der 
Vossischen  Zeitung;  *  Elbogen  21.  XII. 
1856;  f  Berlin  16.  XI.  —  LNN  18.  XL; 
WI745.8  1767;  Sch;  KL  17  (W) ;  BZZ  13 
[VZ   16.  XL]. 

Bahrdt,  Waldemar,  Direktor  der  Staats- 
bibliothekin  Krefeld;  *  Lauenburg  14  I. 
1863;  |  Krefeld  25.  XII.—  LZ  1921,62; 
JB  15,  132;  AA. 

Balst,  Gottfried,  Dr.  phil.,  Geh.  Hofrat, 
o.  Honorarprof.  der  romanischen  Philo- 
logie  an  der  Universitat  Freiburg  i.  Br.; 
*  Ulfa  (Hessen)  28.  II.  1853;  f  Freiburg 
i.Br.  22.X.  —  W.:  Die  arabisehen Hauch- 
lauteim  Spanischen  (1890);  Parzival  und 
der  Gral  (1909).  —  TR  27.  X.;  Sch;  LZ 
878;  LE  23,  376;  M7I,  1364;  WI753; 
KL  17  (W) ;  BZ  48  [Die  neueren  Sprachen 
28,    435    (Hestermann)];    BZZ    13    [Tag 

3.  XL  (Mulert)]. 

Bayer,  Friedrich,  Geh.  Kommerzienrat,  Di- 
rektor der  Farbenwerke  vorm.  Friedr. 
Bayer  &  Co.,  Elberfeld;  *  Barmen  13.X. 
185 1 ;  *  Wiesdort-Leverkusen  21.  VI.  — 
WJ  778;  AA. 


Bayern,  Ludwig  Herzog  in,  Senior  des  Hau- 
ses  Wittelsbach ;  *  Miinchen  2 1 .  VI.  183 1 ; 
f  Miinchen  6.  XL  —  Sch;  TR  9-  XL; 
E  2790;  GH. 

*  Beck-Rzikowsky,  Friedrich  Graf,  k.  u.  k. 
Generaloberst  z.  D.,  1881 — 1906  Chef  des 
k.  u.  k.  Generalstabs,  ehemal.  General- 
adjutant  Kaiser  Franz  Josephs,  Kapitan 
der  Arcieren-Leibgarde ;  *  Freiburg  i.  Br. 
21.  III.  1830;  f  Wien  9.  II.—  TR10.  IL; 
Sch;  GK;  M 7  II,  2;  Streffleurs  Milit. 
Zschr.  1906,  H.  6  (v.  Hoen) ;  Osterr. 
Wehr-Zeitung  1920,  H.  14  (Hoen);  Neue 
osterreich.  Biogr.1, 1 16 — 125  (Hoen);  GT 
1 92 1,  S.  78;  BZ  46  [Polit.  u.  volksw. 
Chronik  der  ostcrr.-ung.  Monarchic  XI, 
72];  DBJ  490/495  (v.  Auffenberg-Koma- 
row). 

Benedikt,  Moritz,  Dr.  med.,  o.  Honorar- 
professor  der  Nervenheilkunde  an  der 
Universitat  Wien  a.  D.,  Mitglied  der 
AdW  Rom,  Neapel,  Paris;  •  Eisenstadt 
(Ungarn)  6.  VII.  1835;  f  Wien  14.  IV.  — 
W. :  Nervenpathologie  u.  Elektrotherapie 
(1874/75);  Psychophysik  der  Moral 
(1874);  Anthropologic  der  Verbrecher 
(187s).  —  TR  17.  IV.;  LZ  342;  SozMH 
iiogf.  (Chaym);  WI 7  97,  8  1768;  M7II, 
103  f.;  KL  i7(W);PBL  130  f.  (P),  (W) ; 
GJNB  I,  304  (W). 

Benedikt,  Moritz,  Herausgeber  der  Neuen 
Freien  Presse,  Mitglied  des  ehemal.  oster- 
reichischen Herrenhauses ;  *  Quatschitz 
(Mahren)  27.  V.  1849;  t  Wien  18.  III.  — 
NFP22.III.;Sch;  BBI25.IIL;  WI798, 
8  1768;  M7II,  104;  KL  17  (W);  GJNB  I, 
304  f.;  IZ  4006  (P). 

Berberich,  Adolf,  Dr.  phil.,  Professor,  Obser- 
vator  am  Astronomischen  Recheninsti- 
tut,  .  .  .  Herausgeber  der  Astronom.  Jah- 
resberichte;  *  t)berlingen  i.  B.  16.  XL 
1861 ;  |  Berlin-Tempelhof  27.  IV.  —  TR 
9.  V.;  LZ  420;  BZ47  [Astronom.  Nachr. 
211,  270  (Cohn) ;  Weltall  20,  1 79  (Archen- 
hold)];  AA. 

Berendt,  Gottlieb,  Dr.  phil.,  Geh.  Bergrat, 
a.o.  Professor  der  Geologie  an  der  Uni- 


740 


Totenliste  1920:  (Berger-Hohenfels) — Bod  man  n 


versitat  Berlin,  1874 — 1901  Landes- 
geologe  in  Berlin,  Vorkampfer  d.  Glazial- 
theorie;  *  Berlin  4.  I.  1836;  f  Schreiber- 
hau27.  L  — TR  15.II.jLZ  198;  PM  66, 
6i;M7II,  134;  KL  17  (W). 

Berger(-Hohenfels),  Stella  Freiin  v.,  geb. 
Hohenfels,  ehemal.  k.  u.  k.  Hofburg- 
schauspielerin  (Liebhaberin  u.  jugend- 
liche  Heldin),  Gattin  Alfred  Frhr.  v.  Ber- 
gers;  *  Florenz  16.  IV.  1852;  f  Wien 
2 1 .  II.  —  LNN  23 .  II. ;  Sch ;  M  7  V,  1670 ; 
WI7  726;  SozMH  307;  EG  444  f.I  FT 
1 92 1,  62;  BZZ  12  [Konigsb.  Hartungsche 
Ztg.  27.  II. ;  VZ  23.  II. ;  NFP  22.  u.  25.  II. 
(Thiemig)] ;  BZ  46  [Osterr.  Rundschau  62, 
238];  IZ4001  (P). 

Berolzheimer,  Fritz,  Dr.  jur.,  rechtsphilo- 
sophischer  Schriftsteller;  *  Bamberg  3.  I. 
1869;  f  Berlin  1.  X.  —  W.:  System  der 
Rechts-  u.  Wirtschaftsphilosophie,  5  Bde. 
(1904— 1907).— BBI9.  X.;  Sch;  LZ  797; 
WI  7  1 1 1 ;  ZB  48  [Archiv  fiir  Rechts-  u. 
Wirtschaftsphilos.  14,  238 — 250  (Las- 
son)]. 

Bertelmann,  Heinrich,  hessischer  Heimat- 
dichter  u.  Romanschrif  tsteller ;  t  Kassel 
1.  VI.  —  W.:  Hessische  Hohenluft;  Der 
Siebenbach;  Unter  den  Linden.  —  LZ 
476;  GK;  Heimatschollen  1926,  10  (W. 
Scheller);  Hessenland  34,  75  u.  82 — 84 
(Heidelbach). 

Berthold,  Rudolf,  Fliegerhauptmann,  im 
Weltkrieg  Sieger  in  44  Luftkampfen, 
Ritter  des  Ordens  Pour  le  mirite,  Fiihrer 
des  J  agdgesch waders  II  und  der  »Eiser- 
nen  Schar  Berthold «;  *  Ditterswind  b. 
Bamberg  24.  III.  1891 ;  f  (ermordet)  Har- 
burg  a.  E.  15.  Ill;  0  Berlin  (Invaliden- 
friedhof.  —  (Inschrift:  Geehrt  vom 
Feinde,  erschlagen  von  deutschen  Brii- 
dern);  IZ  4006/4007  (P);  Die  Unver- 
gessenen  (1928),  S.  15 — 23  (Balla). 

*  Binding,  Karl,  Dr.  jur.,  Wirkl.  Geh.  Rat, 
Exzellenz,  o.  Professor  des  Strafrechts 
an  der  Uni versitat  Leipzig  a.  D.,  Ehren- 
biirger  der  Stadt  Leipzig;  *  Frankfurt 
a.  M.  4.  VI.  1 841 ;  f  Freiburg  i.  Br.  7.  IV. 
—  W. :  Das  burgundisch-roman.  Konig- 
reich  (1868);  Die  Normen  u.  ihre  "Ober- 
tretung  (4  Bde.,  *  1916 — 1919);  GrundriB 
des  allgem.  dtsch.  Strafrechts  (2  Tie., 
'1907);  GrundriB  des  allgem.  dtsch. 
Straf  prozeBrechts  (4  1904);  Die  Freigabe 
der  Vernichtung  lebensunwerten  Lebens 
(1920).  —  LNN  9.  IV.;  Sch;  LZ  319; 
GK;  SozMH  819  (Loewenfeld) ;  WI§, 
8  1769;  M  7  II,  391 ;  KL  17  (W) ;  BZZ  12 
[VZ  9.  IV.;  FZ  24.  IV.  (Lobe)];  BZ  46 
[Leipz.  Zschr.  fiir  dtsch.  Recht  14,  495a 
(v.  Miltner)];  BZ  47  [Jurist.  Blatter  126; 


Schweiz.  Zschr.  fiir  Straf recht  33,  187 
(Baumgarten) ;  Osterreich.  Zschr.  fiir 
Strafrecht  8,  423  (Ldffler)];  BZ  48 
[Rechtsgang  III,  1 13];  IZ  4007  (P);  DBJ 
495/499  (Beling)  (L). 

Birkmeyer,  Karl  v.,  Dr.  jur.,  Geh.  Rat,  em. 
o.  Professor  des  Strafrechts  an  der  Uni- 
versitat  Munchen,  Mitglied  der  Straf  - 
rechtsreformkommission,  Vertreter  der 
klassischen  Straf rechtsschule  u.  der  Ver- 
geltungstheorie ;  *  Niirnberg27.  VI.  1847; 
f  Munchen  29.  II.  —  W.:  GrundriB  zu 
Vorlesungen  iiber  das  deutsche  Straf- 
recht C1908);  Deutsches  Straf  prozeB- 
recht  (1898);  Beitrage  zur  Kritik  des 
Vorentwurfs  zu  einem  deutschen  StGB. 
(3  Tie.,  1910);  Hrsg.  d.  Enzyklopadie  der 
Rechtswissenschaft  (*  1904).  —  LNN 
2.  III.;  Sch;  WI7  128,8  1769;  M  7 II,  410; 
LZ  259  u.  302;  SozMH  818  f.  (Loewen- 
feld); BZ  47  [Osterr.  Zschr.  fiir  Straf- 
recht 8,  419  (Loffler)];  IZ  4002  (P). 

Blsohoff,  Josef,  Pralat,  Wirkl.  Geh.  papstl. 
Kammerherr,  klerikaler  Tendenzroman- 
schriftsteller  [Pseudonym :  Konrad  v.  Bo- 
landen];  *  Niedergailbach  9.  VIII.  1828; 
t  Speyer  6.  VI.  —  W. :  Luthers  Braut- 
fahrt  (1857);  Franz  v.  Sickingen  (1857). 

—  Sch;  LZ  539;  LE  22,  1275;  M7  VI, 
1681;  KR  (1914).  S.  54  f. 

BlOCh,  Emil,  Dr.  med.,  em.  a.o.  Professor 
der  Ohrenheilkunde  und  Direktor  der 
Ohrenklinik  a.  d.  Universitat  Freiburg 
i.  Br.;  *  Emmendingen  n.  XII.  1847; 
f  Freiburg  i.  Br.  26.  X.  —  W. :  Pathologie 
und  Therapie  der  Mundatmung  (1889); 
Ohrenheilkunde  im  Kreise  der  modernen 
Wissenschaft  (1900).  —  LZ  894;  MMW 
67.  1308;  WI7  137. 8  1769;  PBL  194  (W); 
BZ  48  [Archiv  fiir  Ohren-,  Nasen-  und 
Kehlkopfheilkunde  107.  S.  V— VII  (Schil- 
ling)] ;  BZ  49  [Zschr.  fiir  Ohrenheilkunde 
81,  259  (Kahler)]. 

Blochmann,  Reinhart,  Dr.  phil.,  Geh.  Reg.- 
Rat,  o.  Professor  der  Chemie  a.  d.  Uni- 
versitat Konigsberg;  *  14.  IV.  1848; 
t  Konigsberg  i.  Pr.  29.  II.  —  L  56,  71 ; 
ChZ  44,  613  (Saar);  WI7i38;  BZ  48 
[Ecce  der  Crucianer  1920,  9]. 

Bluthgen,  Viktor,  Dichter  u.  Schriftsteller; 
*  Zorbigb.  Halle 4. 1. 1844;  f  Berlin  2.  IV. 

—  W.:  Jugendschriften  u.  Marchen.  — 
TR  3.  IV.;  LNN  4.  IV.;  Sch;  LZ  319; 
LE  22,  1017;  WI7i40,  81769;  M7II. 
534;  KL  17  (W) ;  BR  I,  269  f.  (W) ;  BZ  46 
[Daheim  55,  31 ;  Die  Mark  16,  52;  IZ4007 
(Gafken)];"lZ  4009  (P).  —  B.-Gedenk- 
buch  (1913)- 

Bodmann,  Johann  Ferdinand  Freiherr  v., 
Geh.  Rat,  Exzellenz,  Kammerherr  und 


Totenliste  1920:  Bohm — Brede 


741 


Major  a.  D.,  badischer  a.o.  Gesandter  u. 
bevollm.  Minister  in  Munchen  u.  Karls- 
ruhe a.  D.;  *  Karlsruhe  31.  I.  1839; 
Freiburg  i.  Br.  4.  II.  —  GK;  WI 7  146, 
8 1769. 
Bohm,   Carl,    Professor,    Liederkomponist ; 

•  Berlin  11.  IX.  1844;  |  Berlin  4.  IV. 
—  W.:  Hansel  u.  Gretel  (Chorwerk).  — 
AMZ277;  JP61  [Signale4i2;  DTZ  18, 
59;  NMZ  41,  258];  FAT  48. 

Bdhmler,    Emil,    Dr.    ing.   e.   h.,    Baurat; 

*  Stuttgart  15.  VI.  1874;  f  Mannheim 
7.  XII.  —  AA;  ZBV  40,  639  (Neuffer) ; 
Bauingenieur,  Bd.  2  (192 1),  S.  ^$  (Probst) 
(P);  DBZ  1920,  Nr.  104;  Der  Eisenbau, 
Jahrg.  12,  Nr.  2;  Vereinsmittlg.  des  Sud- 
westdtsch.  Kanalvereins  1921,  Nr.  13. 

Bolanden,  Konrad  v.,  s.  Bischoff ,  Joseph. 

Bolau,  Heinrich  (bis  1909),  Direktor  des 
Zool.  Gartens  in  Hamburg,  zoologischer 
Schriftsteller,  Mitglied  der  Kaiserlichen 
Leopold. -Carolin.-Akademie;  *  Hamburg 
17.  IX.  1836;  f  Hamburg  i.  V.  —  TR 
28.  V.;  LZ462;  WI7  158;  KL  17  (W). 

Boner,  Max,  Zivilingenieur,  Vorsitzender 
des  deutschen  Hilfsvereins  in   Rostow; 

•  Recklinghausen  17.  V.  1833;  t  Rostow 

22.  X.  —  BZ  49  [VDI  65,  651]. 
Boroevi6  von  Bojna,  Svetozar  Freiherr  v., 

k.  u.  k.  Generalfeldmarschall,  Fiihrer  der 
osterreich.  3.  Armee  in  Galizien  1 914/15 
und  der  5.  Armee  am  Isonzo  191 5 — 1918; 

*  Umetic   13.  XII.   1856;    f  Klagenfurt 

23.  V.  —  W.:  Durch  Bosnien.  —  TR 
27.  V.;  E  1270;  PM  66,  95;  M  7 II.  683; 
PZZ  12  [Reichspost  (Wien)  20.  VI. 
(Dnie)];  PZ  46  [NFP  26.  V.]. 

*  Boettinger,  Heinrich  (Henry)  Theodor, 
Dr.  phil.,  Dr.  ing.  e.  h.,  Geh.  Reg.-Rat, 
Rittergutsbesitzer,  Mitgl.  des  ehemal. 
preuBischen  Herrenhauses,  Vorsitzender 
des  Aufsichtsrats  der  Farbenfabriken 
vorm.  F.  Bayer  &  Co.  A.-G.,  bis  1882 
Eigentiimer  des  Wurzburger  Hofbrau- 
hauses,  Forderer  der  Naturwissenschaft 
u.  Technik,  Griinder  des  Boettinger- 
Studienhauses  in  Berlin  (anfangs  Got- 
tingen) ;  *  Burton-on-Trent  (England) 
10.  VII.  1848;  f  Arensdorf  (Neumark) 
9.  VI. —  TR  it.  VI.;  GK;  VDI  64,  448; 
Sch;  LZ  498;  M7II,  723;  WI7  156;  AT 
1927 ;  BZ  46  [Die  Chemische  Industrie  43, 
279];  BZ  47  [Gewerbl.  Rechtsschutz  und 
Urheberrecht  25,  98  (Kloeppel) ;  Zschr.  d. 
Verb,  dtsch.  Diploming.  11,  89  (Lang)]; 
BZ  48  [Zschr.  fur  angew.  Chemie  t,^,  161 
(Duisberg  u.  Kloeppel)];  IZ  4017  (P); 
DBJ  500/501  (Duisberg). 

Bouche,  Carl  de,  Kommerzienrat,  Pro- 
fessor,  Glasmaler,   Leiter  des    1873   ge- 


griindeten  Ateliers  fiir  Glasmalerei  in 
Munchen;  *  Munchen  16.  VII.  1845; 
t  Munchen  2.  III.  —  W. :  Chorfenster  im 
Augsburger  Dom.  —  Sch;  Kchr,  NF  31, 
24,  S.  488;  M7II,  724;  W7  172;  TB  IV, 
427;  MS  I,  161,  V,  84  (W),  VI,  34;  Der 
deutsche  Herold  52,  19  (Rheude). 

•Bousset.Wilhelm,  D.  theol.,  Dr.  phil.,  o.  Pro- 
fessor der  neutestamentlichen  Exegese  a. 
der  Universitat  Gieflen;  *  Liibeck  3.  IX. 
1865;  f  GieBen  8.  III.  —  W.:  Die  Re- 
ligion des  Judentums  im  neutestament- 
lichen Zeitalter  (*i9o6);  Jesus  (4i922); 
Kyrios  Christos  (2  1921);  Apophtegmata 
Patrum  (aus  dem  Nachlafl,  1923).  —  HK 
29.  III.;  TR  12.  III.  u.  1.  IV.  (H.  Bous- 
set);Sch;LZ3o2;KJ  578  (W) ;  ELK  53, 
16,  Sp.  334;  LE  22,  957;  M7II.  73&: 
Nachr.  der  GdW  Gottingen  1920,  84 — 96 
(Reitzenstein) ;  \VI7i73;  KL  17  (W) ; 
BZ  46  [Jungdeutsche  Stimmen  II,  218 
(Falckner) ;  Evangel.  Freiheit  141 — 162 
(Gunkel)];  BZ  48  [Die  Hilfe  1921,  121 
(Titius)];  IZ4006  (P) ;  H.  Gunkel:  \V.  B., 
Gedachtnisrede  (1920);  DBJ  501/505 
(Gunkel). 

Brandt,  Max  v.,  Wirkl.  Geh.  Rat,  Exzellenz, 
1875 — ^93  a.o.  Gesandter  u.  bevollm. 
Minister  d.  Deutschen  Reiches  in  Peking, 
Schriftsteller;  *  Berlin  8.  X.  1835;  t  Wei- 
mar 24.  III.  —  W. :  Sittenbilder  aus  China 
(ai90o);  ^2  Jahre  in  Ostasien,  Erinne- 
rungen  eines  deutschen  Diplomaten 
(1902);  China,  Japan  und  Korea  (in: 
Helmolts  Weltgeschichte,  Bd.  I,  2  191 3). 
—  Sch;GK;WI7  180, 8  1769;  PM  66,  61; 
KL  17  (W). 

Braun,  Marcus,  Dr.  phil.,  Professor,  Dozent 
u.  Bibliothekar  des  judisch-theologischen 
Seminars,  jiidischer  Gelehrter  und  Ge- 
schichtsforscher,  Herausgeber  d.  Gesamt- 
archivs  fiir  Geschichte  u.  Wissenschaft  d. 
Judentums;  *  Rawitsch  9.  VII.  1849; 
f  Breslau  26.  IX.  —  W.:  Geschichte 
der  Juden  und  ihrer  Literatur  (3  Bde., 
s  191 1 — 1 91 3);  Lehrb.  d.  jiid.  Geschichte 
(4  Bde.,  I  8  1910,  II *  1906).  —  LZ  774; 
LE  23,  249;  Mittlg.  des  Gesamtarchivs 
der  deutschen  Juden  6,  io6f.  (Elbogen) ; 
Monatsschr.  fiir  Gesch.  u.  Wissensch.  des 
Judentums  1919  (Freimann)  (W) ;  M7  II, 
782 ;  WI 7  1 8 1 ;  KL  1 7  ( W) ;  BZ  47  [Allgem. 
Ztg.  des  Judentums  84,  385  (Lowen- 
stamm)];  BZ  48  (Mschr.  fiir  Gesch.  und 
Wiss.  d.  Judentums  63,  241 — 249  (El- 
bogen); Jahresber.  des  jiid. -theol.  Semi- 
nars 1920,  S.  Ill— VII]. 

Brede,  Albrecht,  Musikdirekt.,  Oratoriums- 
komponist;  *  Besse  (Hessen)  19.  XII. 
1834;  f  Kassel  15.  I.  —  W.:  Der  zwolf- 


742 


Totenliste  1920:  Breinbaur — Buths 


jahrige  Jesus  im  Tempel  (Oratorium).  — 
LZ  116;  JP  61  [NMZ  41.  178;  AMZ  78; 
DTZ  XVIII,  21];  FAT  55;  R  10  160. 
Breinbaur,  Leopold,  Orgelbaumeister;  *  Ot- 
tensheim  11.  I.  1859;  f  ebenda  15.  V. — 
Oberosterreich.  Mannergestalten  (1926), 
S.  114 — 117  (Neuhofer)  (P). 
Brenner,  Oskar,  D.  theol.,  Dr.  phil.,  Geh. 
Hofrat,  em.  o.  Professor  der  deutschen 
Philologie  u.  Volkskunde  an  der  Universi- 
tat Wiirzburg   (1892 — 1919);   *   Winds- 
heim  13.  VI.  1854;  f  Dirlewang  (Schwa- 
.   ben)  15.  VI.  —  W.:  Mittelhochdeutsche 
Grammatik  (4 1 90 1 ) ;  Altnordisches  Hand- 
buch   (1882);   Mitherausgeber  der  Wei- 
marer  Luther- Ausgabe.  —  LNN  17.  VI.; 
PM66,  167;  M7  II,  848;  W7  190,  8  1770; 
LZ  499;  Sen;  GK;  KL  17  (W). 
Brisker,  Karl.  Ingenieur,  o.  Professor  u.  h.c, 
Rektor    magnifiers    der    Montan-Hoch- 
schule  in  Leoben;  *  Konigshiitte  18.  IV. 
1875;  t  Leoben  16.  V.  —  StE  40,  931 
(Reitbock)  (P) ;  BZ  46  [Montanist.  Rund- 
schau 19 1 9,  564]. 
*  Brnch,  Max,  D.  theol.  h.  c,  Dr.  phil.,   Pro- 
fessor, Ehrensenator  der  Akademie  der 
Kiinste,  Mitglied  des  Direktoriums  der 
Hochschule  fur  Musik,  Ritter  des  Ordens 
Pourle  mirite;  *  Koln  a.  Rh.  6.  I.  1838; 
f  Berlin  2.  X.  —  W.:  Violinkonzert  in 
G-moll;  Normannenzug  (Mannerchor  m. 
Orchester).  —  TR  3.  X.;  E  2386;  WI  7 
202,  8  1770;  Sen;  LZ  797;  M  7 II,  935; 
JP  62  [AMZ  611;  Signale  932;  RMTZ 
344;  NMZ  42,   36;   NZfM  377;  DTZ  18, 
139];  A  73  (W);  FAT  57  (W);  NML  79 
(W);  R  167  f.  (W);  BZZ  13  [NPZ  17.  X. 
(Cornelius) ;  Schles.  Ztg.  1 3.II.2 1  (Haase) j> 
KZ  13.  III.  (Cronert)];    BZ  48  [Nieder- 
rhein.  111.  Mschr.  1920,    173 — 176  (Bur- 
chard);    Westermanns  Mhe.  Jan.   1921, 
528 — 531      (Altmann);     Die   Westmark 
577 — 581  (Wolff) ;  Wege  u.  Ziele  II,  221]  ; 
IZ4033  (P);  F.  Gyse:  M.  B.  (1922);  DBJ 
505/509  (Blume). 
Buchsel,  Johannes,  D.  theol.,  Generalsuper- 
intendent  a.  D.;  *  Berlin  19.  IX.  1849; 
f  Stettin  21.  II.  —  KJ  578;  Unser  Pom- 
merland  5,  84. 
Bttchsel,  Wilhelm,  Admiral  z.  D.,  Exzellenz, 
friiher  a  la  suite  des  Seeoffizierkorps,  1902 
bis  1908  Chef  des  Admiralstabs ;  *  Stral- 
sund  12.  IV.  1848;  f  ebenda  7.  IV.  — 
TR9.  IV.;  GK;  WI72i6,  8  1770;  M7II, 
1031. 
Buchwald,  Gustav  v.,  Dr.  phil.,  Bibliothe- 
kar  u.  Archivar,  Vorsteher  der  mecklenb.- 
strelitzschen  Bibliothek  u.  des  mecklenb. 
Hauptarchivs ;  *  Schwerin  1.  IX.  1850; 
f  Jena  13.  III.  —  WI 7  214. 


Buhler,  Anton,  Dr.  phil.,  o.  Professor  der 
Forstwissenschaft  an  der  Universitat  Tu- 
bingen; *  Hauerz  2.  I.  1848;  |  Tubingen 
1.  I.  —  W.:  Der  Waldbau  (2  Bde.. 
1818/22).  —  LZ  116;  WI72I7,  8i77o; 
M7II,  1056;  BZ  47  [Forstwissensch. 
Zentralbl.  42,  201]. 

Billow,  Paula  [Pauline  Wilhelmine]  v.,  geb. 
Grafin  v.  Linden,  lyrische  Dichterin 
[Pseudonym:  G.  v.  d.  Elda],  friihere 
mecklenburgisch-schwerinsche  Oberhof- 
meisterin;  *  Berlin  30.  IX.  1833;  f  Dres- 
den 7.  VI.  —  W. :  Lieder  u.  Worte  (1893)  i 
Plaudereien  u.  Gedichte  in  Prosa  (19 13); 
Aus  verklungenen  Zeiten  (Lebenserinne- 
rungen,  1924).  —  GT  192 1. 

Bunau,  Margarete  Henriette,  Grafin  v.,  geb. 
Freiin  v.  Meerheimb,  Schrif tstellerin ; 
*  Schmagerow  i.  P.  28.  VII.  1859;  f  Wei- 
mar 30.  I.  —  W. :  Allerseelen  (Nov.) ;  Die 
Vorleserin  Ihrer  Majestat.  —  TR  31.  I.; 
WI72i9,  81770;  LZ  181;  Sen;  LE  22. 
764;  KL  17  (W);  PY  II,  28  (W);  GT 
1 921;  IZ  3998  (P). 

Bunge,  Gustav  v.,  Dr.  med.  et  chetn.,  o.  Pro- 
fessor der  physikal.  Chemie  an  der  Uni- 
versitat Basel;  •  Dorpat  19.  I.  1844; 
t  Basel  5.  XI.  —  W.:  Lehrbuch  der 
Physiologie  d.  Menschen  (2  Bde.,  *  1905) ; 
Lehrbuch  der  physiol.  u.  pathalog.  Che- 
mie (1889).  — LZ  894;  WI7223,  8  1770; 
MMW  67,  1368;  Sch;  SozMH  1921,  48  u. 
262;  M'll.  1089;  CI1Z44,  889  (Kossel); 
KL  17  (W);  PF  V,  187;  BZZ  13  [NZZ  11. 
XI.];  BZ  47  [Med.  Klinik  16,  1247; 
Schweiz.  Med.  Wschr.  1 192] ;  BZ  48  [Tier- 
arztl.  Rundschau  25,  762  (Perl);  Der  Vor- 
trupp  9,  14 — 20  (Ponickau);  Vegetar. 
Warte  53,  206];  IZ  4036  (P). 

Bunte,  August,  Professor,  Musikdirektor, 
Komponist;  *  Baize  b.  Nienburg  a.  W. 

1.  V.  1836;  j  Hannover  6.  V.  —  W.iPrin- 
zeB  Ilse  (Kantate).  —  JP  62  [AMZ  337; 
DTZ  18,  73;  NMZ  41,  291];  FAT  60 
(W). 

Busolt,  Georg,  Dr.  phil.,  Geh.  Reg.-Rat, 
o.  Professor  der  alten  Geschichte  an  der 
Universitat  Gottingen;  *  Keppurren  bei 
Insterburg   13.   XI.    1850;    |   Gottingen 

2.  IX.  —  W. :  Griechische  Geschichte  bis 
zur  Schlacht  bei  Chaironeia  (1885 — 1904) . 
—  Sch;  LZ  725;  WI7233  (W);  M7II, 
1 142;  HV  20,  122;  KL  17  (W). 

Buths,  Julius,  Professor,  stadt.  Musik- 
direktor u.  Direktor  des  Konservatoriums 
in  Diisseldorf;  *  Wiesbaden  7.  V.  185 1; 
f  Diisseldorf  12.  III.  —  WI  7  234;  JP  62 
[AMZ  214;  Signale  291 ;  DMZ  120;  NZfM 
63;  DTZ  18,  46;  NMZ  41.  243];  A  79  (W). 
FAT  63;  NML  93  (W);  R  10  183. 


Totenliste  1920:  Biitschli — Dehtnel 


743 


Btttschli,  Otto,  Dr.  phil.,  Wirkl.  Geh.  Rat, 
Exzellenz,  o.  Professor  der  Zoologie  u. 
Palaontologie  an  der  Universitat  Heidel- 
berg, korresp.  Mitglied  der  AdW  Wien; 
•  Frankfurt  a.  M.  3.  V.  1848;  f  Heidel- 
berg 3.  II.  —  W. :  Studien  iiber  die  Zell- 
teilung  (1876);  Protozoen  (1880 — 1889); 
Mechanismus  u.  Vitalismus  (1901).  — 
LNN  5.  II.;  N  8,  28  (Goldschmidt  u.  a.) 
(W,  P);  Ahnanach  der  AdW  Wien  1920, 
174—176  (Grobben);  WI7220  (W). 
8  1770;  M7II,  1 1 50  (W);  I4Z  159;  GK; 
Sch;  SozMH  414—416  (Koelsch);  PP  V, 
185;  BZZ  12  [NZZ  11.  II.];  BZ  47;  IZ 
4001  [Biiste  von  G.  Mahr].  —  Das 
Lebenswerk  O.  B.s  (herausg.  A.  Kossel, 
1920). 

Cahn,  Wilhelm,  Dr.  jur.,  Geh.  legations- 
rat  z.  D.,  Schriftsteller;  •  Mainz  15.  III. 
1839;  t  Berlin  13.  VIII.  —  W.:  Pariser 
Gedenkblatter,  Tagebuchaufzeichnungen 
(1898);  Aus  dem  Nachlafl  Ed.  Maskers 
(1902).  —  Sch;  WI7  237;  Kh  17  (W). 

*  Cantor,  Moritz.  Dr.  phil.,  Geh.  Hofrat,  em. 
o.  Hon.-Professor  der  Geschichte  der 
Mathematik  an  der  Universitat  Heidel- 
berg; *  Mannheim  23.  VIII.  1829;  f  Hei- 
delberg 10.  IV.  —  W. :  Vorlesungen  iiber 
Geschichte  der  Mathematik  (3  Bde.,  1894 
bis  1901);  1859 — 1901  Mithrsg.  d.  Zschr. 
fur  Mathematik  u.  Physik.  —  DAZ 
16.  IV.;  WP240  (W),  8  1770;  M7II, 
1244;  M  341;  KL  17  (W);  PP  V,  201  f. 
( W) ;  IZ  4008  (P) ;  BZ  48  [Mittlg.  z.  Gesch. 
der  Mech.  u.  Naturwiss.  9,  222  (Giin- 
ther)];  K.  Bopp:  M.  C,  Gedachtnisrede 
(1920);  DBJ  509/513  (Bopp)  (L  und  Bi- 
bliogr.  d.  Vortrage). 

Cardinal  v.  Widdern,  Georg,  Militarschrift- 
steller,  Oberst  a.  D.;  *  Wollstein  (Posen) 
12.  IV.  1841 ;  t  Berlin  21.  VII.  — W.:  Der 
Krieg  an  den  ruckwartigen  Verbiadungen 
der  deutschen  Heere  1870/71  (5  Teile, 
1893 — 1899).  —  hZ  612;  M7II,  1260; 
WP241  (W);  KL  17  (W);  LA  16  (W). 

Conze,  Georg,  D.  theol.,  Geh.  Kommerzien- 
rat,  Ehrenvorsitzender  des  Rheinischen 
Provinzialausschusses  f  iir  innere  Mission, 
Mitglied  der  Provinzial-  und  General- 
synode,  Ehrenbiirger  von  Langenberg; 
f  Langenberg  (Rhld.)  15.  II.  —  KJ  1920, 
578  f.;  Die  innere  Mission  ira  evangel. 
Deutschland  17,49. 

Comill,  Karl  Heinrich,  D.  theol.,  Dr.  phil., 
Geh.  Koasistorialrat,  o.  Professor  der  alt- 
testamentlichen  Exegese  an  der  Univer- 
sitat Halle;  *  Heidelberg  26.  IV.  1854: 
f  Halle  10.  VI.  —  W.:  Einleitung  in  das 
Alte  Testament  (7  19 13);  Der  israelitische 
Prophetismus  (18  1920).  —  Sch;  \,Z  499; 


KJ  1920,  579  (Wj;  WI727o.  8  1770; 
M  7  III.  36. 
♦Dahmel,  Richard,  Dr.  phil.,  Dichter,  1914 
bis  19 1 8  Kriegsfreiwilliger;  *  Wendisch- 
Hermsdorf  18.  XI.  1863;  f  Blankenese 
bei  Hamburg  8.  II.  —  W.:  Zwei  Men- 
schen  (Roman,  1903,  79.  Tsd.  1925); 
Zwischen  Krieg  u.  Menschheit  (Kriegs- 
tagebuch  1920) ;  Erlosungen  (Ged.,  1891) ; 
Kriegsbrevier  (Ged.,  1920);  Ges.  Werke 
(10  Bde.,  1906  ff.);  Ausgew.  Briefe 
1922/23,  2  Bde.);  Mein  Leben  (1922). 
—  WI7  (W),  8  i77i;M7III,  367;  BB1 
12.  II.;  E  369  (P);  SozMH  370  f.  (Hoch- 
dorf);  I*E  22,  763  f.  u.  800—303  [Ber- 
liner Borsen-Courier  69;  NZZ  235; 
VZ  79  (G.  Hauptmann);  Vorwiirts  71 
(Stampfer);  FZ  126  (1.  M.-Bl.);  TR. 
Unt.-Beil.  32  (Strecker) ;  Tag  46  (Ser- 
vaes);  BT  74  (Kerr);  DAZ  73  (Reen- 
ter); MNN  57  (Martens);  NFP  11.  II.; 
KZ  136;  Konigsb.  Hartungsche  Ztg.  66; 
Dresdner  Nachr.  41;  Miinchen-Augsbur- 
gerAbendztg.  57;  VZ  100;  Vorwartsgi]; 
KW  33  II,  202 — 207  (Nidden);  Osterr. 
Rundschau  63,  29 — 33  (F.  Braun);  Gei- 
steskultur  35,  10/11,  S.  424 — 444  (Harry 
Slochower);  KI*  17  (W);  IZ  3999  (P); 
BZZ  12  [Magdeb.  Ztg.  9  II.;  KZ  11.  II.; 
Kieler  Ztg.  n.  II.;  Schles.  Ztg.  10.  II.; 
Hamb.  Nachr.  9.  II.;  Koln.  VZ  15.  II. 
(Berning);  DAZ  9.  II.  (Fechter);  I<pZ 
10.  II.  (Herrmann);  BT  10.  II.  (Kerr); 
MNN  9.  II.  (Martens);  Nationalztg. 
10.  II.;TR9-  II.  (Strecker);  HPB1  10. II. 
(Wagner) ;  KHZ  9.  II.  (Hiia) ;  Dresdner 
Anzeigerg.  II.;  Vorwiirts  19.  II.  (Haupt- 
mann) ;  Tag  24.  II.  (Sarvaes) ;  Dtsch.  Ztg. 
16.  II.;  FZ  17.  II.  (Kuckhoff);  NZZ 
9.  III.;  KVZ  29.  IV.  (Froberger);  Vor- 
warts  8.  V.];  BZ  46  [Gegenwart  49.  87 
(Kienzl);  Die  literar.  Gas.  6,  57—60 
(S^hiefler)  u.  88—33  (Franck);  Uterar. 
Handw.  56, 97—100  (Flaskamp) ;  Konser- 
vat.  Mschr.  77,  344 — 349  (Bsnzmann) ; 
Allgem.  Rundschau  VII,  141  (Klein); 
Neue  Rundschau  324  (Heimann);  Vein. 
&  Klas.  Mhe.  284—288  (Hart) ;  Die  Frau 

27,  175  (Baumer);  Die  Hilfe  123  (HeuB) ; 
Die    I«ese    200    (Vogt);   Das    Tagebuch 

28.  II.,  292 — 302  (Schleich);  Die  neue 
Zeit  38,  510 — 516  (Lessen);  Zschr.  fiir 
Deutschkunde  113 — -133  (Bojunga); 
Osterr.  Rdsch.  63,  29 — 33  (Braun)];  BZ 
47  [Allgem.  Ztg.  636  (Lion) ;  Die  Pfo- 
pylaen  17,  169  (Adelt)  u.  171  (Frank); 
Neue  Rundschau  1 3761 389;  Wissen  u. 
I^eben  13,  H.  9/10];  BZ48  ff.  —  E.  Lud- 
wig,  R.  D.  (1913);  K.  Kunze,  Die 
Dichtung  R.  D.s  als  Ausdruck  der  Zeit- 


744 


Totenliste  1920:  Dernjac — Eisele 


seele  (1914) ;  J .  Bab,  R.  D.,  die  Geschichte 
eines  Lebenswerkes  (1926) ;  H.  Slochower, 
R.  D.  (1927);  Die  Unvergessenen  (1928), 
S.43-53(Dury)(P);DBj5i3/52o(SPiero) 
(L). 

Dern]ac,  Josef,  Dr.  phil.,  em.  Direktor  der 
Bitoliothek  der  Akademie  der  bildenden 
Kiinste  u.  Direktor  der  graflich  Harrach- 
schen  Galerie;  *  Heilenstein  (Steiermark) 
8.  III.  1851;  f  Wien  31.  III.  —  LZ  420; 
TR  16.  V.;  Kchr,  NF  31,  34,8.655;  AA. 

Dickel,  Karl,  Dr.  jut.,  Geh.  Justizrat,  a.o. 
Professor  des  burgerlichen  Rechts  a.  d. 
Universitat  Berlin  u.  a.  d.  Forstakademie 
Eberswalde;  *  Paulsgiund  (Kr.  Wittgen- 
stein) 28.  II.  1853;  t  Berlin  30.  XII.  — 
TR  21.  XII.;  LZ  1921,  62;  KL  17  (W) ; 
AA. 

•  Dlerauer,  Johannes,  Dr.  phil.,  Direktor  der 
Vadiana     in     St.     Gallen,     Historiker; 

*  Bernegg  (St.  Gallen)  20.  III.  1842; 
t  St.  Gallen  14.  III.  —  W.:  Geschichte 
der  schweiz.  Eidgenossenschaft  (4  Bde., 
2.-3.  I9Ig — 1922).  —  Berner  Bund 
16.  III.;  WI73i2;  M7III,  776;  KL  17 
(W);  BZ  47  [Wissen  u.  Leben  13,  H.  13 
(Greyerz)];  DBJ  520/522  (Stern)  (L). 

Dieterich,  Karl,  Dr.  phil.,  wissenschaftl. 
Direktor  der  chem.  Fabrik  Helfenberg 
A.-G.,  Privatdozent  der  Pharmakochemie 
a.  d.  Tierarztl.  Hochschule  in  Dresden. 

*  Dresden  30.  VII.  1869;  f  Dresden  4.  Ill; 

—  W.:  Helfenberger  Annalen  (1906  ff.). 

—  WI73i3,  8  1771;  M'lII,  779;  MMW 
67,  364;  LZ  319;  Pharm.-Ztg.  65,  195; 
PF  V,  292 ;  Berichte  d.  Dtsch.  Chem.  Ges. 
53;  BZ  46  [Pharmaz.  Zentralhalle  fiir 
Deutschl.  175;  Pharmazeut.  Zeitung  65, 
195;  Weltmarkt  8,  183];  BZ  48  [Ber.  d. 
Dtsch.  Pharmaz.  Ges.  31,  113 — 115 
(Thorns) ;  Zschr.  fiir  angew.  Ch.  23  A,  93 
(Rassow)]. 

Dolezalek,  Friedr.,  Dr.  phil.,  o.  Professor  der 
physikal.  u.  Elektrochemie  an  der  Tech- 
nischen  Hochschule  Berlin;  *  Szigeth 
(Ungarn)  5.  II.  1873;-  t  Berlin  10.  XII. 

—  LZ  1921,  21;  SozMH  1921,  570;  WI7 
328;  KL  17;  MdT  58  [Zschr.  fiir  physikal. 
Chemie  1908,6;  1910,  2;  191 5,  5;  1920,  1 ; 
192 1,  5];  ChZ.  45,  85  (Arndt);  Zschr.  fiir 
Elektrochemie  27,  89 — 92  (Schulze) ;  Be- 
richte der  dtsch.  Chem.  Ges.  54  A,  21 — 25 
(Hofmann) ;  Zschr.  fiir  Fernmeldetechnik 
2,  18,  Nr.  i;KLi7(W);  PFV,  3oi(W); 
AA. 

Dorner,  August,  D.  theol..  Dr.  phil.,  Wirkl. 
Oberkonsistorialrat,  em.  o.  Professor  der 
systemat.  Theologie  an  der  Universitat 
Konigsberg;  •  Schiltach  (Baden)  13.  V. 
1846;  t  Hannover  17.  IV.  —  W.:  Grund- 


riB  der  Dogmengeschichte  (1899) ;  Grund- 
rifl  der  Enzyklopadie  der  Theologie 
(1901);  Dem  Andenken  von  J.  A.  Dorner 
(1885).  —  LE  22,  1085;  ELK  53.  19. 
Sp.  398;  GK;  WI7  333  (W),  a  1771 ;  LZ 
357;  KJ  1920,  579  (W);  M7III,  937; 
KL  17  (W);  BZ  47  [Zschr.  fiir  Religions- 
kunde  u.  Missionswiss.  193 — 203  (Pott); 
Protestant.  Monatsh.  121  (Hoffmann); 
Protestantenblatt  366  u.  375  (Rust)]. 

Dressel,  Heinrich,  Dr.  phil.,  Direktor  des 
Miinzkabinetts  der  staatlichen  Museen 
in  Berlin;  •  Rom  16.  VI.  1845;  t  Teisen- 
dorf  i.  Oberbayern  17.  VII.  —  W. :  Hrsg. 
vcn  Corpus  inscriptionum  latinorum, 
Bd.  15  (1891 — 1899).  —  HV  20,  122; 
LZ  670;  M  7  III,  1006;  SB  der  AdW  Ber- 
lin 1 92 1,  487 — 491  (Dragendorff ) ;  Zschr. 
fiir  Numismatik  33  (192 1),  1 — 18  (Reg- 
ling),  (W);  Jahrb.  der  preuB.  Kunst- 
samml.,  Amtl.  Berichte  41,  235 — 240 
(Nutzel). 

Ecke,  Gustav,  D.  theol.,  Geh.  Konsistorial- 
rat,  o.  Professor  der  protestantischen 
systemat.  u.  praktischen  Theologie  an 
der  Universitat  Bonn;  *  Erfurt  8. 1.  1855 ; 
|  Bonn  a.  Rh.  9.  XI.  —  W.:  Die  theol. 
Schule  Alb.  Ritschls  u.  die  evangel.  Kirche 
der  Gegenwart  (2  Bde.,  1897/1904);  Un- 
verruckbare  Grenzsteine  (6  19 10).  —  LZ 
941;  ELK  53,  870;  WI7  355  (W);  KL  17 
(W). 

Eggellng,  Albert,  Dr.,  Geh.  Reg.-Rat.  Pro- 
fessor an  der  Tierarztl.  Hochschule  Ber- 
lin; *  Lochtum(Kr.  Liebenburg)  16. VIII. 
1848;  f  Bad  Harzburg  1.  IV.  —  AA; 
LZ  319. 

Ehrenberg,  Hermann,  Dr.  phil.,  Geh.  Reg.- 
Rat,  o.  Professor  der  Kunstgeschichte  an 
der  Universitat  Minister;  *  Halle  7.  III. 
1858 ;  f  Munster  28.  IV.  —  W. :  Die  Kunst 
am  Hofe  der  Herzoge  von  Preuflen 
(1899);  Handbuch  der  Kunstgeschichte 
(1906);  GrundriB  der  Kunstgeschichte 
(1909).  —  TR  29.  IV.;  LE  22,  ii47f.; 
Kchr.  NF  31,  32,  S.  620;  WI 7  361  (W) ; 
HV20,  121;  LZ  381;  KL  17  (W);ZB49 
[Soziale  Praxis  30,  1337]. 

Eisele,  Hermann  Fridolin,  Dr.  jur.,  Geh. 
Rat,  em.  o.  Professor  des  rom.  u.  deut- 
schen  burgerl.  Rechts  an  der  Universitat 
Freiburg  i.  Br. ;  *  Sigmaringen  2.  V.  1837 ; 
j  Freiburg  i.  Br.  6.  II.  —  W. :  Abh.  zum 
rom.  Zivilprozefl  (1889);  Beitr.  zur  rom. 
Rechtsgeschichte  (1896);  Studien  zur 
rom.  Rechtsgesch.  (19 12).  —  TR  11.  II.; 
BB1  12.  II.;  LZ  181;  WI7369  (W);  KL 
17  (W);  ZB  47  [Zschr.  der  Savigny- 
Stiftung,  Romanist.  Abt.  41,  V— XIV 
(Lenel)];  AA. 


Totenliste  1920:  Elda — Flaischlen 


745 


Elda,  G.  von  der,  s.  v.  Bulow,  Paula. 

Elster,  Julius,  Dr.  phil.,  Geh.  Hofrat,  Pro- 
fessor am  Gymnasium  Wolfenbiittel, 
Geophysiker,  ausw.  Mitglied  der  GdW 
Gottingen  u.  der  Leopold. -Carol.  Aka- 
demie  in  Halle;  *  Blankenburg  a.  H. 
24.  XII.  1854;  f  Wolfenbiittel  6.  IV.  — 
LZ  341;  PM  66,  235;  WI7375;  PF  IV, 
378  f.  (W);  PFV,  334  (W);  Nachr.  der 
GdW  Gottingen  1921,5  3 — 60  ( Wiechert .) ; 
ChZ  457  (Bergwitz);  ZB  47  [Astronom. 
Nachr.,  211,  B  205];  ZB  49  [Sirius  20, 

H3]. 

Engelhard,  Emil,  Geh.  Kommerzienrat, 
President  der  Mannheimer  Handelskam- 
mer,  ehemal.  Mitglied  der  Nationalvers. 
(demokrat.  Partei);  •  Mannheim  24.  V. 
1854;  f  Mannheim  21.  XI.  —  Sch;  HNV. 

Eschenburg,  Johann  Hermann,  Kaufmann, 
Senator  u.  (1911/12  u.  1915/16)  Biirger- 
meister  von  Liibeck;  *  Liibeck  19.  VIII. 
1844;  t  Liibeck  1.  I.  —  WI7  389;  Feh- 
ling,  Liibecker  Ratslinie  (1925),  S.   166. 

Estorff,  Otto  v.,  Oberjagermeister  des  Fur- 
sten  zu  Waldeck,  Kammerprasident  a.D., 
Exzellenz;  *  Celle  6.  II.  1845;  t  Arolsen 
i.I.  —  ELK  53,4,  Sp.  94;  KJ  1920,  580; 
UAT  1924. 

Fabricius,  Wilhelm,  Dr.  phil.,  Professor  der 
alten  Geschichte,  Vorsitzender  d.  Reichs- 
limeskommission,      Historiokartograph ; 

*  Darmstadt  9.  I.  1861;  f  Darmstadt 
24.  X.  —  PM  66,  269;  KL  17  (W);  KZ 
3.  XI.;  BZ  48  [Monatsh.  fiir  rhein.  Kir- 
chengesch.  15,  232 — 234  (Tuckermann) ; 
Zschr.  der  Savigny-Stiftung,  German. 
Abt.  41,  530]. 

Falckenberg,  Richard,  Dr.  phil.,  Geh.  Hof- 
rat, o.  Professor  der  Philosophic  an  der 
Universitat  Erlangen;  *  Magdeburg 
23.  XII.  1851;  f  Jena  28.  IX.  — W.:  Ge- 
schichte der  neueren  Philosophic  f  191 3) ; 
Hermann  Letze  (1901) ;  Hrsg.  von  From- 
manns  Klassikern  der  Philosophic  — 
Sch;  LZ  774;  LE  23,  248  f.;  WI 7  402 
(W),  8  1772;  M  7  IV,  424  f.;  Kant-Studien 
26  (192 1).  (H.  Leser);  KL  17  (W). 

Fall- Fein,  Friedrich  v.,  Groflgrundbesitzer 
u.  Begriinder  des  Tierparks  Askania- 
Nowa  (Taurien);  (57  Jahre  alt);  f  Kis- 
singen,  Anfang  August  1920.  —  E  1886; 
VZ  n.  VIII.  (Heck);  BZ  47  [Die  gefie- 
derte  Welt  49,  146  u.  154  (Kracht)]. 

FaBbaeoder,  Peter,  Komponist  u.  Dirigent; 

•  Aachen  28.  I.  1869;  |  Ziirich  27.  II.  — 
JP62[AMZ  198;  DTZ  18,  3i;RMTZi2i; 
NMZ41,  210];  A  138;  FAT  101 ;  R  10  349; 
NML  185;  BZ  46  [Schweiz.  Musikpad. 
Blatter  81—84  (Vogler)]. 

Finsier,  Georg,  D.  Dr.,  Pfarreru.  Religions- 


lehrer  in  Basel,  Zwingli-Forscher  u. 
Zwingli-Biograph,  Mitherausgeber  der 
Zwingli-Ausg ;  *  Zurich  1860;  f  Basel 
18.  XI.  —  W.:  Zwingli- Bibliographic 
1897.—  LE  23,437;  KL17  (W);  NZZ 
21.  XI.;  BZ  48  [Jahrb.  des  Ver.  schweiz. 
Gymnasiallehrer  45,5];  BZ  49  [Zwingliana 
IV,  1—4  (Kohler)];  Huldreich  Zwinglis 
Samtl.  Werke  Bd.  IX  (Corp.  Reform,  vol. 
XCVI)  8.  I/II  (W.  Kohler  m.  P). 

♦Fischer,  Hermann  v.,  Dr.  phil.,  o.  Pro- 
fessor der  Germanistik  an  der  Universitat 
Tubingen;  *  Stuttgart  12.  X.  1851; 
f  Tubingen  30.  X.  —  W. :  Geographic  der 
schwabischen  Mundart  (1895);  Schwab. 
Worterbuch  (5  Bde.,  1904 — 1920,  unvoll- 
endet).  —  TR  2.  XI.;  LE  23,  396;  Sch; 
LZ  879;  KW  34  I,  175  *•  (Fischer);  WI7 
425  ( W) ;  M  7  IV,  77 1 ;  KL  1 7  (W) ;  BZZ  1 3 
[SchwM  2.  XI.;  Dresd.  Neuest.  Nachr. 
3.  XI.  (Hoffmann)];  BZ48  [Oberdeutsch- 
land,  Febr.  1921,  359];  Behrend,  Gesch. 
der  dsch.  Philol.  in  Bildern  (1927),  S.  54 
(P);  DBJ    522/527  (Pfleiderer)  (L). 

Fischer,  Paul  David,  Dr.  jur.,  Wirkl.  Geh. 
Rat,  Exzellenz,  Unterstaatssekretar a.D. 
im  Reichspostministerium ;  *  Berlin  2.  IV. 
1836;  f  Berlin  13.  III.  — AA  ;Archiv  fin- 
Post  u.  Telegr.  48,  125  (Giercke). 

Flaischlen,  Casar,  Dr.  phil.,  Dichter  und 
Schriftsteller;  *  Stuttgart  12.  V.  1864; 
f  Gundelsheim  (Wiirttemb.)  16.  X.  — 
W.:  Von  Alltag  und  Sonne  (Gedichte, 
1898,  252.  Tsd.  1925);  Jost  Seyfried 
(autobiogr.  Roman,  1905);  Gesamm. 
Dichtungen  (6 Bde.,  1921).  — TR  18.  X.; 
E  2522;  LZ845;  Sch.;  SozMH  1921,  514; 
LE  23,  310  f.  u.  289 — 291  [Stuttgarter 
N.  Tagbl.  500;  NPK  494;  TR,  Unt.-Beil. 
228  u.  231;  VZ  512;  BT  477;  KZ  885; 
FZ  785  A  (HeuB);  Berliner  Lokalanz. 
479;  Hamb.  Nachr.  503;  Berliner  Volks- 
ztg.  478;  Mannheimer  Generalanz.  470; 
Schles.  Ztg.  536;  LNN  287;  Frank. 
Kurier  31];  KW  34,  I,  107;  Ostdeutsche 
Monatshefte  6,  10,  S.  1029 — 1038  (Lange: 
Erinnerungen  an  C.  F.);  WI  7  430  (W); 
M7IV,  815;  KL  17  (W);  IZ  4034  (P); 
BZZU  [VZ  18.  X.;  Dresdner  Anzeiger 
18.  X. ;  Schw.  M  18.  X.  u.  23.  X.  (Giintter) 
NPZ  20.  X.  (Elster);  FZ  22.  X.  (Heufl) ; 
BT  18.  X.  (Block) ;  Tag  19.  X.  (Heynen) ; 
TR  20.  X.  (Strecker),  4.  XI.  (Fuhrmann) ; 
23.  X.  (Schliepmann),  28.  X.  (Kurtz)]; 
BZ  47  [Freie  deutsche  Biihne  298  (ThieB) ; 
Die  deutsche  Biihne  12,  689;  Die  schone 
Literatur  21,  281  (Kochmann);  Mark 
16,  155;  Nord  u.  Siid,  Juli  1920,  79 
(Kochmann);  Der  Tiirmer,  Dez.,  214  bis 
217  (Elster);  Gegenwart  49,  398  (Benz- 


746 


Totenliste  1920:  Fleischmann — -Friedjung 


mann),  Die  Hilfe  666  (Gerhard);  Welt- 
rundschau  321  (Kopp)];  BZ  48  [Allgein. 
Ztg.  3  (Elster);  Die  Propylaen  18,  171 
(Schaff);  Padagog.  Zentralbl.  II,  58 
(Pallat)];  BZ  49  [Deutschl.  Eraeuerung 
5,  437 — 444  (Schaeff-Hallwangen)].  — 
E.  Geisser:  C.  F.  zum  Gedachtnis  (1920); 

E.  Rotth:  Erinnerungen  an  C.  F.  (1924); 
G.  Stecher:  C.  F.,  Kunst  u.  Leben  (1924); 

F.  ThieB:  C  F.,  ein  Essay  (1914). 
Fleischmann,  Wilhelm,  Dr.  phil..  Gen.  Reg.- 

Rat,  o.  Prof,  der  Landwirtschaft  und 
Direktor  des  landwirtsch.  Instituts  a.  d. 
Univ.  Gottingen;  *  Er  Ian  gen  31.  XII. 
1837;  t  Gottingen  13.  I.  —  W.:  Lehr- 
buch  der  Milchwirtschaft  ('1901).  — 
TR  20.  I.;  LZ  140;  WI 7  433  (W), 8  1773; 
M  7  IV,  846;  IZ  3997  (P) ;  BZ  46  [Wiener 
Landw.  Zeitung  131  (Albrecht)];  BZ  47 
[Journal  f.  Landw.  68,  1 — 4  (v.  Seel- 
horst);  Dtsch.  Landw.  Presse  51  (Mar- 
tiny)];  BZ  48  [Die  landw.  Versuchs- 
stationen  97,  261 — 292  (Wiegner)]. 

Fdrster,  Richard,  Dr.  phil.,  Geh.  Reg.-Rat, 
o.  Prof,  der  klassischen  Philologie  a.  d- 
Univ.  Breslau,  Direktor  des  Archaolog. 
Museums  der  Universitat;  *  Gorlitz 
2.  III.  1843;  t  Breslau  7.  VIII.  —  W.: 
Das  Erbe  der  Antike,  Festreden  (191 1); 
Herausg.  der  Scriptores  Physiognomici 
(2  Bde.,  1893).  —  WI 7  439  (W) ;  M  7 IV, 
956;  Jahrb.  der  Schles.  Ges.  97,  1 — 4 
(Kroll)   (P). 

•Founder,  August,  Dr.  phil.,  Hofrat, 
o.  Prof,  der  Geschichte  a.  d.  Univ.  Wien, 
1 89 1 — 1899  Reichsrats-  u.  Landtagsab- 
geordneter;  *  Wien  19.  VI.  1850;  f  Wien 
18.  V.  —  W. :  Napoleon  I.  (3  Bde.,  8  191 3  ; 
franzos.  Ausg.  1890 — 1892);  Historische 
Studien  u.  Skizzen  (3  Bde.,  1908 — 1912) ; 
Osterreich-Ungarns  Neubau  unter  Kaiser 
Franz  Joseph  I.  (191 7);  Erinnerungen 
[bis  i883reichend;  1923].  —  NFP4.  VI.; 
LZ  437;  WI7443.  8I773;  M  7  IV,  981; 
LE  22,  1208;  HV  20,  2,  S.  254 — 256 
(Bauer) ;  Almanach  der  AdW  Wien  1920, 
273—284  (Pribram);  KL  17  (W);  IZ 
4015  (P);  DBJ  527/532  (Pribram). 

Frauberger,  Heinrich,  Direktor  des  Kunst- 
gewerbemuseums  in  Dusseldorf ;  *  Obern- 
dorf  (N.Oe.)  18.  VII.  1845;  t  Hinterstein 
(AUgau)  12.  VII.  —  TR  26.  VII.; 
LZ  631;  Kchr,  NF  31,  43/44,  S.  846; 
WI  7  452  (W) ;  KL  17  (W) ;  BZ47  [Allgem. 
Zeitung  des  Judentums  84,  377];  BZ  48 
[Monatsschr.  fiir  Gesch.  u.  Wiss.  des 
Judent.  1921,  235  (Toeplitz)]. 

Fresenius,  Heinrich,  Dr.  phil.,  Professor, 
Reg.-Rat,  Leiter  des  chemischen  Labo- 
ratoriums    Fresenius    u.    Vorstand    der 


agrikulturchem.  Versuchsstation  Wies- 
baden; *  Wiesbaden  14.  XI.  1847; 
|  Wiesbaden  14.  II.  —  W.:  Geschichte 
des  chem.  Instituts  zu  Wiesbaden  (1898) ; 
Herausg.  der  Zeitschr.  fiir  analytische 
Chemie(seit  1882).  —  AA;  WI7455  (W), 
8  1773;  LZ  198;  Zeitschr.  fiir  analytische 
Chemie  59,  III — IX  (W.  Fresenius); 
KL  17  (W);  PF  V,  393  (W);  IZ4001  (P); 
BZ  48  [Zeitschr.  fiir  angew.  Chemie  33, 
A  81  (Czapski)];  BZ  49  [Jahrb.  des 
nassauisch.  Ver.  fiir  Naturkunde  73, 
XIV  (Heineck)]. 
Fretmd,  Martin,  Dr.  phil.,  Geh.  Reg.-Rat, 
Prof,  der  Chemie  a.  d.  Univ.  Frankfurt; 
*  NeiBe  18.  III.  1863;  f  Frankfurt  a.  M. 
13.  III.  ~-  FZ  18.  III.  (Mayer);  GK; 
WI7  457,  8  1773;  Sch;  LZ  302;  Berichte 
der  dtsch.  Chem.  Ges,  54  A,  53 — 7$ 
(Spiegel) ;  PF  V,  394  (W) ;  GJNB  II.  317 ; 
BZ  48  [Zeitschr.  fiir  angew.  Chemie 
33  A  121   (Speyer)]. 

*  Frey,   Adolf,  Dr.  phil.,  o.  Prof,  der  deut- 

schen  Literaturgeschichte  a.  d.  Univ. 
Zurich,  Dichter;  *  Aarau  18.  II.  1855; 
t  Zurich  12.  II.  —  W.:  Gedichte  (1886) ; 
Neue  Gedichte  (191 3);  Bernhard  Hirzel 
(Roman  1918);  DuB  und  underm  Rafe, 
50  Schwizerliedli  (1891).  —  NZZ  18.  II. 
u.  ff.  (Enderlin);  Sch;  LZ  181;  WI  7458 
(W).  8  1773;  LB  22,  803  f.  u.  824  [Basler 
Nachr.  72;  NZZ  245,  281,  303,  305; 
Leipz.  Tagebl.  (Michael)];  Kchr,  NF  31, 
22,  S.  452;  KW  33,  II,  231  u.  Ill,  20 — 23 
(Schumann);  Jahrb.  der  literar.  Vereini- 
gung  Winterthur  1925,  21 — 28  (Erma- 
tinger);  M  7  IV,  1166;  KL  17  (W) ;  BR 
II,  267  f.;  BZ  46  [Schweiz.  Lehrerztg.  53 
(Zollinger)] ;  BZ  47  [Wissen  u.  Leben  XIII, 
H.  9/10  (Trog)];  L.  Frey:  A.  F.,  sein 
Leben  u.  Schaff  en  erzahlt  (2  Bde.,  1923/ 
1925);  C.  F.  Wiegand:  Das  A.-F.-Buch 
(1920);  DBJ  532/535  (Ermatinger). 
Frledberg,  Robert,  Dr.  phil.,  (1917 — 1918) 
Vizeprasident  des  preuB.  Staatsmini- 
steriums  u.  preuB.  Staatsminister  a.  D., 
Mitglied  der  preufl.  Nation alversamm- 
lung,  1 886 —  1 9 1 8  Mitglied  und  Vorsitzen- 
der  der  demokrat.  Fraktion  des  preuB. 
Abgeordnetenhauses,  1893 — 1^98  M.  d. 
R.,  1894 — 1917  o.  Prof,  der  Staatswissen- 
schaften  a.  d.  Univ.  Halle;  *  Berlin  28. 
VII.  185 1 ;  f  Berlin  20.  VI.  —  TR  2 1 .  VI. ; 
GK;  E  1506;  LZ  515;  WI746i,8  1773: 
Sch;  M7IV;  KLi7(W);  IZ40i8(P); 
BZZ  12  [Nationalztg.  22.  VI.  (Oeser) ; 
Magdeb.  Ztg.  22.  VI.]. 

*  Friedjung,   Heinrich,   Dr.  phil.,  Dr.  jur. 

h.  c.  (Heidelberg),  Prof.  a.  d.  Wiener  Han- 
delsakademie  (1873 — 1879)  a.  D.,histori- 


Totenliste  1920:  Fiirbringer — Goldschmidt 


747 


scher  Schrif tsteller ;  *  Rostschin  i.  Mahren 
18.  I.  1851;  f  Wien  14.  VII.  —  W.:  Der 
Kampf  um  die  Vorherrschaft  in  Deutsch- 
land  1859 — 1866  (2  Bde.,  8  1912/13); 
Benedeks  nachgel.  Papiere  (1901);  Der 
Krimkrieg  und  die  osterr.  Politik  (1907) ; 
Das  Zeitalter  des  Imperialismus  (3  Bde., 
1 91 9 — 1923) ;  Histor.  Aufsatze  (1919).  — 
KVZ  22.  VII.  (v.  Sosnosky);  NFP  14. 
VII. ;  NZZ  20.  VII.  (v.  Sosnosky) ;  Sch ;  WI 
7  463  (W),  8  1773;  LB  22,  1468;  KW  33, 
III,  430  f.  (E.  H.);  SozMH  704  (Koch); 
M  7  IV,  1 187;  HV  20,  122;  Osterreich. 
Rundschau  64,  137 — 140  (Zweybriick) ; 
Almanach  der  AdW  Wien  71  (192 1),  22$ 
bis  232  (Redlich) ;  KL  17  (W) ;  IZ4022  (P) ; 
Histor.  Zeitschr.  123,  187  (Schiifller) ; 
DBJ   535/545    (Srbik). 

Fiirbringer,  Max,  Dr.  med.  et  phil.,  Geh. 
Rat,  em.  o.  Prof,  der  Anatomie  und  Di- 
rektor  des  Anatomischen  Instituts  a.  d. 
Univ.  Heidelberg;  *  Wittenberg  30.  I. 
1846;  t  Heidelberg  6.  III.  —  W.:  v.  Ge- 
genbaur-Fiirbringer,  Anatomie  des  Men- 
schen  (umgearb.  Aufl.,  I  1909);  Unter- 
suchungen  zur  Morphologie  u.  Syste- 
matik  der  Vogel  (2  Teile,  1888). —  Sch; 
LZ  259;  WI7477  (W),  8  1773;  M7IV. 
I294;MMW67,  337;  N  8,  3,  S.  357—  359 
(Braus);  PBL  566  f.  (W) ;  IZ  4003  (P) ; 
DMW  46,  470  (Braus).  — Festschrift  fiir 
M.  F. 

*  Ganghofer,  Ludwig,  Dr.  phil.,  Schrift- 
steller;  *  Kaufbeuren  7.  VII.  1855; 
f  Tegernsee  24.  VII.  —  W.:  EdelweiB- 

.  konig  (R.,  1886);  Die  Trutze  von  Trutz- 
berg  (R.,  191 5);  Der  Herrgottschnitzer 
von  Ammergau  (Volksstiick,  1880);  Le- 
benslauf  eines  Optimisten  (3  Bde., 
1909  ff.);  Ges.  Schriften  (40  Bde.,  1910 
bis  1921).  —  MNN  26.  VII.;  NFP  26. 
VII. ;  Sch;  SozMH  986 ;WI  7  488,  8  1773; 
LZ  612;  M7IV,  1408;  E  1750;  LE  22, 
1467  u.  1507  [LpZ  171;  VZ  368;  MNN 
301 ;  NZZ  1 247 ;  NFP  20095  ;  LNN  203] ; 
KL  1 7  ( W) ;  BR  II,  3 1 7  f  • ;  BZ  47  [Allgem . 
Ztg.  299  (Scharrer-Santen) ;  Gartenlaube 
533  (Miihling);  Allgem.  Rundschau  17, 
425];  Zdenko  v.  Kraft:  L.  G.  als  Dichter 
des  Berchtesgadener  Landes  (1925); 
Chiavacci:  L.  G.  (2  1920);  B.Rost:  Der 
Dichter  L.  G.  u.  s.  Vaterstadt  Kaufbeuren 
(1925);  DBJ  545/547  (v.  d.  Leyen)  (L). 

Gattermann,  Ludwig,  Dr.  phil.,  o.  Prof,  der 
Chemie  a.  d.  Univ.  Freiburg  i.  B.;  *  Gos- 
lar  24.  IV.  i860;  f  Freiburg  i.  B.  20.  VI. 
—  W.:  Die  Praxis  des  organischen  Che- 
mikers  (1894.  19  1925).  —  LNN  25.  VI.; 
LZ  515;  WI7494,  8  1774;  M7  IV,  i486; 
PF  IV,  480  f . ;  Zeitschr.  f .  angew.  Chemie 


33,  A  185;  Berichte  der  dtsch.  Chem. 
Ges.  54,  A  115 — 141  (Jacobsohn).  PF 
V,  413  f.   (W). 

Geib,  Otto,  Dr.  jur.,  o.  Prof,  des  rom. 
Rechts  a.  d.  Univ.  Tubingen;  *  Tubingen 
12. 1.  1859;  f  Tubingen  3.  VIII.  —  LZ 
652;  TR  6.  VIII.;  BZ47  [Archiv  fiir 
zivilist.  Praxis  1 19,  286 — 292  (Riimelin)]; 
AA. 

Gemmingen-Guttenberg,  Wilhelm  Frhr.  v., 
D.  theol.,  Prasident  des  Wurttembergi- 
schen  Konsistoriums  (1885 — 1905)  a.  D.; 
•  Stuttgart  12.  X.  1827;  f  Stuttgart 
6. 1.  — SchwM  10. 1.;  AA;  ELK  53,  4,  Sp. 
94;  GK;  FT  1926. 

Genest,  Werner,  Baurat,  Ingenieur,  Be- 
griinder  u.  Generaldirektor  der  Firm  a 
Mix  &  Genest  A.-G.,  Telephon-  u.  Tele- 
graphenwerke ;  *  Jerichow  18. VIII.  1850; 
t  Berlin  13.  III..  —  AA;  SozMH  563; 
WI75o5;  VDI  64,  335. 

GeBmann,  Albert,  Dr.  phil.,  k.  u.  k.  Arbeits- 
minister  a.  D.,  Exzellenz,  Mitbegriinder 
der  christlich-sozialen  Partei;  "f  Prein  b. 
Reichenau  7.  VII.  —  Sch;  WI 7  514; 
NFP  7,  VII. 

Gleim,  C.  O.,  Dr.  ing.  e.  h.,  Eisenbahninge- 
nieur,  Erbauer  der  groflen  Elbbrucken 
bei  Hamburg;  *  1843;  f  Hamburg  i.XI. 
—  IZ  4036  (P);  VDI  64,  1063;  BZ47 
[DBZ  54,  443  (Faulwasser) ;  ZB V  40,  588]. 

Goldschmidt,  Henriette,  geb.  Benas,  Pad- 
agogin  u.  Frauenrechtlerin,  Mitbegriinde- 
rin  des  Allgem.  Deutschen  Frauenvereins 
(1865),  des  Vereins  fiir  Familien-u.  Volks- 
erziehung  (1871),  des  Leipziger  Seminars 
fiir  Kindergartnerinnen  u.  der  Frauen- 
hochschule  Leipzig  (191 1);  *  Krotoschin 
23.  XI.  1825;  t  Leipzig  30.  I.  —  W.: 
Was  ich  von  Frobel  lernte  u .  lehrte  ( 1 909) ; 
Ideen  iiber  weibliche  Erziehung  (1882). — 
FZ.  7.  II.  (Beck);  Dresdner  Neueste 
Nachr.  1.  II.  (Stritt) ;  VZ  3.  II.  (Cauer); 
Sch;    SozMH   410  f    (Lande) ;    WI  7  540, 

8  1774;  LZ  140;  KW  30,  II,  235  f.  (Brun- 
nemann);  M  7  V,  377;  PY  I,  269  (W) ; 
IZ  3998  (P);  BZ  46  [Soz.  Kultur  214 
(Erlbeck);  Die  Lehrerin  37,  188  (Lange)  ; 
Allgemeine  Zeitung  des  Judentums  84, 
j j  (Neifler)];  BZ  47  [Neue  Bahnen  55, 

9  (Lange);  Frauenbildung  227 — 230 
(Mayer)];  Priifer-Siebe,  H.G.  (1922). 

Goldschmidt,  Hugo,  Dr.  jur.,  Professor, 
Musikgelehrter,  1893 — *9<>5  Mitdirektor 
des  Klindworth-Scharwenka-Konserva- 
toriumsin  Berlin;  *  Breslau  19.  IX  1859; 

.  j  Wiesbaden  26.  XII.  —  W. :  Studien  zur 
Geschichte  der  it  alien.  Operim  17.  Jahrh. 
(2  Bde.,  1901/04);  Geschichte  der  Musik- 
asthetikim  18.  Jahrh.  (19 15);  Handbuch 


748 


Totenliste  1920:  Grienberger — Herff 


der  deutschen  Gesangspadagogik  (1896). 

—  Sch;  SozMH  1921,  323;  LE  23,  638; 
M7  V,  378;  AMZ  1921,  17;  Zeitschr.  f. 

Musikwiss.  3,  255;  JP  63  [NMZ  42,  131; 
NZfM  1921,  45];  FAT  128  (W);  R10448 
(W);  NML232  (W);  A  171  (W);  BZ  49 
[Zeitschr.  f.  Asthetik  1 5,454—456  (Wolf)]. 
Grienberger,  Julius,  Reichsritter  v.,  Archi- 
tekt,  Professor,  Direktor  der  kunstge- 
werblichen    Fachschule   in    Hall   i.    T.; 

•  Salzburg  8.  III.  i860;  f  Linz  14.  IV.  — 
WI7  561,81774;  LZ341. 

Grotthuss,  Jeanott,  Freiherr  v.,  Schriftstel- 
ler,  Herausgeber  der  Zeitschrift  Der  Tur- 
mer;  *  Riga  5.  IV.  1865 ;  f  Berlin  30.  VIII. 

—  W.:  Probleme  und  Charakterkopfe 
(1897).  —  LE  23,  124;  ELK  53,  38,  Sp. 
731?;  Sch;  LZ  725;  M7  V,  720;  WI7  570; 
KL  17  (W);  BR  II,  465  f.  (W);  IZ  4030 
(P) ;  BZZ  12  [NPZ  7.  IX.  (Elster) ;  Schles. 
Ztg.  9.  IX.];  BZ  47  (Akadem.  Bl.  35,  151 
(Pusch);  Der  Tiirmer,  Okt.  1920,  2 — 6 
(Koch)]. 

GUfifeld,  Paul,  Dr.  phil.,  Professor,  Geh.  Reg.- 
Rat,  Forschungsreisender,  Generalsekre- 
tar  der  Ges.   fur   Erdkunde  in   Berlin; 

•  Berlin  14.  X.  1840;  f  Berlin  17. 1.  —  W.: 
Die  Loan  go-Expedition  (1879 — 1882); 
In  den  Hochalpen  {•  1893).  —  LNN 
20.  I. ;  LE  22,  699 ;  GK ;  M  7  V,  822  ( W) ; 
PM    66,    27     (Marquardsen) ;    WI758i, 

•  1775;  LZ  116;  KL  17  (W);  IZ  3997  (P). 
Hamburger,  Paul,  Dr.  phil.,  Generalsekre- 

tar  des  Reichsverbandes  der  deutschen 
Presse;  *  Breslau  18.  X.  1859;  f  Berlin 
6.  VI.  —  Sch;  GK;  LE  22,  1275;  KL 
17   (W). 

Hamm,  Oskar,  Dr.  jur.,  Wirkl.  Geh.  Rat, 
Exzellenz,  Oberlandesgerichtsprasident 
von  Koln  a.  D.  (1899 — 1905),  vorher 
(1896 — 1899)  Oberreichsanwalt,  ehemals 
preuflischer  Kronsyndikus,  Mitglied  des 
preuO.  Staatsratsu.  Herrenhauses,  Ehren- 
mitglied  der  Deutschen  Kolonialgesell- 
schaft;  *  Ratingen  24.  VI.  1839;  |  Bonn 
a.  Rh.28.X.  —  Sch;DKZ37,  n,S.  121  f. 
(Clemens) ;  WI  7  61 1 ;  IZ  4036  (P) ;  BZ  47 
[DJZ  857  (Rasch-O.  Liebmann)]. 

Hansemann,  David  v.,  Dr.  med.t  Geh.  Med.- 
Rat,  o.  Honorarprofessor  der  Anatomie 
a.  d.  Univ.  Berlin,  Prosektor  am  R.-Vir- 
chow-Krankenhaus ;  •  Eupen  5.  IX.  1858; 
t  Berlin  28.  VIII.  —  AA;  Sch;  WI76i5 
(W),  8  1775;  LZ  742;  MMW  67,  1056; 
KL  17  (W);  PBL  586  (W);  IZ  4028  (P); 
BZ  47  [Zeitschr.  fur  Krebsforschung  17, 1 
(Orth  u.  Blumenthal);  Med.  Klinik  16, 
067  (Hart);  BKW  57,  891  (Hart);  DMW 
46,  1088  (Benda);  Zeitschr.  fur  arztl. 
Fortbildung,  Beibl.  542  (Hart)];  BZ  49 


[Zentralbl.  fur  allgem.  Pathol,  u.  pathol. 
Anatomie  31,  113  (Hart)]. 
Hansen,    Adolf,    Dr.    phil.,    Geh.    Hofrat, 
o.  Prof,  der  Botanik  a.  d.  Univ.  Giefien; 

•  Altona  10.  V.  185 1 ;  f  Gieflen  24.  VI.  — 
W.:  Ernahrung  der  Pflanzen  (1885); 
Repetitorium  der  Botanik  ("1921); 
Pflanzenphysiologie  (*  1898);  Kerners 
Pflanzenleben  (3  Bde.,  '191 3/16);  Die 
Pflanzendecke  der  Erde  (1920).  —  LZ 
539;  WI76i5  (W),  8  1775;  Berichte  der 
deutschen  Botan.  Ges.  38,  66 — 77 
(Kuster)    (W);    M 7  V,    1098    (W);    KL 

17  (W). 

Harrassowitz,  Otto,  Hofrat,  Antiquariats- 
buchhandler;   *  La  Guayra  (Venezuela) 

18  XII.  1845;  t  Gaschwitz  bei  Leipzig 
24.  VI.  —  WI7622,  8  1775;  LZ  516;  Sch; 
BB1  696  (Nr.  141)  u.  706  (Nr.  145). 

Hasbach,  Wilhelm,  Dr.  phil.,  em.  o.  Pro- 
fessor der  Volkswirtschaftslehre  an  der 
Universitat  Kiel;  *  Venauen  b.  Mulheim 
a.  R.  25.  VIII.  1849;  f  Karlsruhe  30.  IV. 

—  W.:  Giiterverzehrung  u.  Giiterhervor- 
bringung  (1906);  Die  moderne  Demo- 
kratie  (19 12).  —  LZ  498;  SozMH  548 
(Schmidt);  HV  20,  121;  M  7  V,  1162. 

Hauser,  Kaspar,  Dr.  phil.  h.  c.  (Zurich). 
Lehrer,  schweizerischer  Geschichtsfor- 
scher,  Herausgeber  der  Neujahrsblatter 
der  Staatsbibliothek  Winterthur;  •  Wa- 
denswil6. 1.  1845;  f  Winterthur  16.  V. — 
LE  22,  1208;  Historisch-biogr.  Lex.  der 
Schweiz,  H.  30,  S.  93  (P)  [Landbote 
1920,  14;  NZZ  1920,  831]. 

Heinroth,  Elisabeth,  geborene  Rindfleisch, 
Schriftstellerin  [Pseudonym :  Klaus  Ritt- 
land];  *  Dessau  18.  III.  1861 ;  f  Berlin 
5.  XII.  —  DAZ  12.  XII.  (Frobenius); 
HK  12. 1.  1921  (B6hmer);Sch;  WI7654; 
M7  V,  1333;  LE  1921.  8;  KL  17  (W). 

Helm,  Theodor,  Dr.  phil..  Professor,  Musik- 
schriftsteller,  Vorkampfer  fiir  Bruckner; 

•  Wien  9.  IV.  1843;  t  Wien  23.  XII.  — 
W. :  Beethovens  Streichquartette  (*  1910) ; 
Die  grofie  Sonatenform  seit  Beethoven. 

—  AMZ  1921,45;  WI7  662  (W);  FAT  153 
(W);  R  l0525  (W);  A  196. 

Hennlg,  Martin,  D.  theol.,  Direktor  u.  Vor- 
stand  des  Rauhen  Hauses  in  Hamburg; 

•  Loslau  (O.-S.)  28.  XI.  1864;  f  Bad  Tolz 
27.  VIII.  —  W.:  Quellenbuch  zur  Ge- 
schichte  der  inneren  Mission  (191 2); 
J.  H.  Wichern  (200.  Tsd.,  1908).—  ELK 
53.  37.  Sp.  719;  WI7666;  KL  17  (W); 
BZ  47  [Bausteine  52,  109;  Die  innere 
Missionis,  145  (Pfeiffer)].  — Erica Hennig: 
M.  H.,  ein  deutscher  Erzieher  (1927)  (P). 

Herff,  Franz  v.,  Generalkonsul,  deutscher 
Geschaftstrager  beim  Quirinal  in  Rom; 


Totenliste  1920:  Hering — Imhoof-Blumer 


749 


•Toluca  (Mexiko)  27.  IX.  1857;  f  Rom 
29.  V.  —  LNN  1.  VI.;  WI767i. 

Bering,  Hermann,  D.  theol.,  Geh.  Konsi- 
storialrat,  em.  o.  Professor  der  prakti- 
schen  Theologie  an  der  Universitat  Halle , 
Herausgeber  der  Sammlung  von  Lehr- 
biichern  der  praktischen  Theologie; 
•  Dallmin  26.  II.  1838;  f  Halle  6.  IV.  — 
LNN  9.  IV.;  Sch;  GK;  WI 7  672  (W). 
«  1776;  KJ  1920,  581  f.(W);  ELK  53,  16. 
Sp.  334;  LZ  319;  IZ  4008  (P). 

HeB,  Otto,  Opernkapellmeister  (seit  191 3) 
an  der  Staatsoper  in  Munchen;  *  Miin- 
chen  16.  X.  1871 ;  f  Planegg  b.  Munchen 
8.  XI.  —  MNN  9.  u.  12.  XI.  (Ehlers); 
LNN  10.  XI.;  SozMH  1921,  212;  FAT 
158;  NML  273;  R  10  536;  BZ  47  [Allgem. 
Rdsch.  17,  612]. 

Heyden(-Cadow),  Wilhelm  v.,  preuBischer 
Landwirtschaftsminister  (1890 — 1894)  a. 
D.,  1877 — J889  Mitglied  des  PreuBischen 
Abg.-Hauses  (konserv.);  *  Stettin  16. III. 
1839;  t  Plotz  b.  Volchow  20.  VI.  —  GK; 
M7  V,  1526. 

Hinz,  Wilhelm,  Kirchenrat,  Direktor  des 
Oberkirchenkollegiums  der  lutherischen 
Freikirche  in  Preuflen  (73  Jahre  alt); 
t  Breslau  27.  XI.  —  TR  30.  XL;  ELK 

53>  5i.  Sp.  951  *• 

Hirsch,  Franz,  Dr.  phil.,  Schriftsteller  und 
Redakteur;  *  Thorn  2.  V.  1844;  t  Berlin 
18.  VII.  —  W.:  Gesch.  der  dtsch.  Lite- 
ratur  (1883  *•)  I  Vagantensang  u.  Schwer- 
terklang  (1889);  Annchen  von  Tharau 
(E..  18  1908).  —  TR  20.  VII.;  WI7  703; 
KL  17  (W);  BR  III,  222. 

Hoffmann,  Eduard,  Dr.  jur.,  Wirkl.  Geh. 
Rat,  Exzellenz,  Direktor  im  Reichsjustiz- 
amt  a.  D.,  President  des  Oberprisen- 
gerichts;  *  Frankfurt  a.  M.  21.  I.  1848; 
t  Berlin  21.  VIII.  —  AA. 

Hoffmeister,  Eduard  v.,  preuBischer  Gene- 
ralleutnant  z.  D.,  Xenophon-Forscher, 
Sieger  in  dem  Gefecht  bei  Kwangtschang 
20.  II.  1 90 1  uber  die  Chinesen;  *  Karls- 
ruhe 7.  VII.  1852;  f  Heidelberg  19.  V.  — 
W.:  Eine  Chinafahrt  1900 — 1901  (1907); 
Durch  Armenien.  Zug  Xenophons  (191 1) . 
—  GK;  PM66,94;M7  V,  1657;  WI  7  723, 
8  1776;  Sch;  AT  1923. 

Hofmann,  Franz,  Dr.  med.,  Geh.  Rat,  em. 
o.  Prof,  der  experimentellen  Hygiene  a. 
d.  Uni  versitat  Leipzig,  Mitglied  des 
Reichsgesundheitsamtes ;  *  Munchen 
14.  VI.  1843;  t  Giechkrottendorf  (Ober- 
franken)  15.  IX.  — LZ7  724  (W),8  1776; 
LZ  742;  MMW  67,  1 162  u.  68,  114 
(Poetter)  (P) ;  BZ  47  [DMW  46,  1173 
(Flugge)]. 

Hohenfels,  Stella,  s.  Berger,  Freiin  v. 


Hohenlohe-Schillingsfttrst,  Fiirstin  zu,  Maria, 
geb.  Prinzessin  zu  Say n -Wittgenstein, 
Freundin  F.  Liszts  u.  F.  v.  Saars ;  *  Woro- 
nince  b.  Odessa  19.  II.  1837;  t  21,  I.  — 
Neue  osterr.  Biographie  IV.  58 — 72  (P) 
(Bettelheim)  [mit  Literaturangaben!] 

Hohnel,  Franz  v.,  Dr.  phil.,  Hofrat,  o.  Pro- 
fessor der  Botanik  an  der  Techn.  Hoch- 
schule  in  Wien,  korresp.  Mitglied  der 
AdW  Wien;  *  Zombor  (Ungarn)  24.  IX. 
1852;  f  Wien  11.  XI.  —  TR  20.  XI.; 
L  57,  4;  Osterreich.  Chemikerztg.,  NF  24, 
1 — 2  (Pabisch);  LZ  941;  Almanach  der 
AdW  Wien  71,  171— 173;  BZ  49  [Ber. 
der  dtsch.  Bot.  Ges.  39,  Beil.  [103]  bis 
[126],  (Weese)  (W)]. 

Holl,  Moritz,  Dr.  med.,  Hofrat,  o.  Professor 
der  Anatomie  an  der  Universitat  Graz; 
•  Wien  28.  VI.  1852;  f  Graz  11.  XII.— 
W.:  Operationen  an  der  Leiche  (1883). — 
TR  15.  XII.;  LZ  1921,  21;  WI7729, 
8  1777;  MMW  67,  1516;  Almanach  der 
AdW  Wien  71,  173  f.;  PBL  770  (W);  AA. 

Hoyer,  Egbert  v.,  Geh.  Rat,  Professor  der 
mechanischen  Technologie  an  der  Uni- 
versitat Munchen;  *  Oldersum  (Ostfries- 
land)  9.  IX.  1836;  f  Munchen  6.  XII.  — 
W.:  Lehrbuch  der  vergleichenden  mech. 
Technologie  (3  Bde.,  3i90o);  Technolo- 
gisches  Worterbuch  in  dtsch.,  engl.  und 
franz.  Sprache  (3  Bde.,  5  1904).  —  M7  VI, 
31  (W);  WI7742  (W),  8  1777;  LZ  1921- 
21;  Sch;  Bayrisches  Ind.-  u.  Gewerbebl. 
106,  261;  KL  17  (W);  BZ47  [Bayr.  Ind.- 
u.  Gewerbebl.  261]. 

Hubner, Max,  Oberst  z.  D.,  militargeograph. 
Schriftsteller;  *  Oschatz  13.  VII.  1854; 
t  Buhlau  b.  Dresden  24.  XI.  —  W.:  Mili- 
tarische  u.  militargeogr.  Betrachtungen 
iiber  Marokko  (1905);  Militarpolitik 
(1908).  — WI7  746  (W),8  1777;  LZ  941; 
M7  VII,  40  (W);  LA43*- 

Hunzinger,  August  Wilhelm,  D.  theol.,  Dr. 
phil.,  Hauptpastor  an  der  Michaelskirche 
in  Hamburg,  1909 — 191 2  o.  Professor  der 
systemat.  Theologie  an  der  Universitat 
Erlangen;  *  Dreiliitzow  27.  III.  1871; 
t  Hamburg  13.  XI.  -—  HN  13.  XI.  und 
26.  III.  192 1 ;  TR  14.  XI.;  Sch;  LZ  924; 
WI7752.  8  1777.  —  M.Jaeger:  H.,  ein 
Portrat  (1923). 

Imhoof-Blumer,  Friedrich,  Dr.  phil.,  Numis- 
matiker,  korresp.  Mitglied  der  AdW  Ber- 
lin, Wien,  Paris,  Herausgeber  des  Ber- 
liner akademischen  Miinzwerkes  (1899 
bis  1 91 3);  Ritter  des  Ordens  Pour  le 
me'rite;  •  Winterthur  11.  V.  1838; 
f  Winterthur  26.  IV.  —  W.:  Monnaies 
Grecques  (1883).  —  NZZ  26.  IV.;  Berner 
Bund  30.  IV.;  TR  1.  V.;  Sch;  LZ  476; 


750 


Totenliste  1920:  Jaffe — Keller 


LE  22,  1 148;  Zschr.  fur  Numismatik 
33,  134—139  (Regling);  JAW  50,  103 
bis  122  (Waser)  (W);  Almanach  der 
AdW  Wien  70,  261—273  (W);  Kchr,  NF 
3 1 ,  32,  S.  620 ;  M  7  VI,  367 ;  BZ  46  [Anti- 
quitatenrundschau  18,  no;  B.  Bick : 
Fr.  I.  (W)  (1921);  Histor.-biogr.  Lexikon 
der  Schweiz,  Heft  33,  S.  338  f.  (P). — 
A.  Engeli:  F.J.  (1924). 

Jaff6,  Richard,  Dr.  jur.,  Justizrat,  Dra- 
matiker  u.  Schrif tsteller ;  *  Posen  15.  II. 
1861;  t  Berlin  2.  VII.  —  W.:  Bild  der 
Signorelli  (1890);  ohne  Ideale  (1891).  — 
LZ557;KL  17  (W);  BR  III,  333  (W). 

Jarno,  Georg,  Operettenkomponist;  *  Buda- 
pest 3.  VI.  1868;  f  Breslau25.  V.  —  W.: 
Die  Forster-Christel  (1907).  —  LNN 
26.  V.;  Sch;  JP  63  [AMZ  433;  DTZ  18, 
94;  NMZ  41,  307];  M7  VI,  265;  FAT  174 
(W) ;  NML  305  i .  (W) ;  R  u  591  (W) . 

Jenner,  Gustav,  Dr.  phil.  k.  c,  Universitats- 
musikdirektor  in  Marburg,  Komponist 
(der  einzige  Schiiler  Brahms') ;  *  Keitum 
3.  XII.  1865;  f  Marburg  29.  VIII.  — 
W. :  Sonaten,  Lieder,  Terzette;  J .  Brahms 
als  Mensch,  Lehrer  u.  Kiinstler  (1905).  — 
LZ  725;  LE  23,  124  f.;  JP  63  [Zschr.  fiir 
Musikw.  II,  743  (Moser);  AMZ  546; 
NMZ  41,  387  u.  42,  59;  NZ328;  RMTZ 
317];  FAT  174;  NML  306  f.  (W) ;  R  10593 
(W);  A  219. 

Johann  Albrecht,  Herzog  zu  Mecklenburg, 
s.  Mecklenburg,  Johann  Albrecht. 

Jonas,  Fritz,  Dr.  phil.,  Schulrat,  Stadt-  u. 
Kreisschulinspektor  a.  D.,  Literarhisto- 
riker;  *  Berlin  24.  VI.  1845;  t  Berlin 
21.  VII.  —  W.:  200  Jahre  preufiische 
Geschichte  (1900).  —  LZ  612;  WI  7  784; 
KL  17  (W). 

Junghann,  Otto,  Geh.  Bergrat,  General- 
direktor  a.  D.  u.  Aufsichtsrat  der  Berliner 
Elektrizitatswerke ;  *  Drakenstedt  5.  IX. 
1836;  |  Charlottenburg  6.  X.  —  StE  43, 
1472;  WI779i. 

Junghans,  Arthur,  Dr.  ing.  e.  h.,  Geh.  Kom- 
merzienrat,  Direktor  der  Vereinigten 
Uhrenfabriken  Gebr.  Junghans  A.-G., 
Grander  des  Museums  fiir  Zeitmeflkunde 
in  Stuttgart;  f  Schramberg  (Wiirttb.) 
imjan.  —  SozMH  1026;  WI779i;  IZ 
4001    (P). 

Kahle,  Anna  v.,  Bildhauerin,  Schulerin 
Schapers;  *  Bellin  (Neumark)  17.  II. 
1853;  t  Berlin  im  Juni  —  W.:  Fontane 
(Mark.  Museum,  Berlin);  Mutter  u.  Kind 
(Brunnen  in  Brandenburg).  —  SozMH  . 
1921,  115;  Kchr,  NF  31,  38,  S.  739; 
WI  7  796;  TB  XIX,  435;  MS  II,  301  (W). 

vi,  153. 

Kanzow,Karl,  Geh.  Justizrat,  Landgerichts- 


direktor  a.  D.,  Syndikus  des  Vereins  Ber- 
liner Kiinstler,  Vors.  des  Vereins  der 
Kunstfreunde,  Mitglied  der  preuB.  Lan- 
desversammlung  (Demokrat) ;  *  Stettin 
22.  IX.  1858;  f  Berlin  29.  I.  —  Sch; 
Konigsberger  Hartungsche  Ztg.  31.  I.; 
AA. 

Kanzow,  Max,  Dr.  med.,  Obergeneralarzt, 
Generalsekretar  der  Inspektion  der  frei- 
willigen  Krankenpflege ;  *  1851;  f  Plauen 
i.  V.  31.  XII.  —  Sch;  TR  31.  XII. 

*v.  Kapp  v.  Gultstein,  Otto,  Dr.  ing.  e.  k.. 
Geh.  und  Oberbaurat,  Erbauer  der  Ana- 
tolischen  Eisenbahn,  von  Eisenbahnen  in 
China,  Chile,  auf  dem  Balkan  usw.,  Ehr.- 
Mitglied  des  Wurttemb.  Vereins  fiir  Han- 
delsgeographie ;  *  Rottenburg  1.  VIII. 
1853;  fStuttgart  19.  X.  —  SchwM23.X.; 
Sch;  SMH  192 1,  10;  SozMH  192 1,  472; 
AT  1927;  BZ  47  [ZBV  40,  580];  DBJ 
55o/55i  (Igen). 

Kaufmann,  Franz,  Dr.  jur.,  Stiftspropst, 
Kunsthistoriker,  Restaurator  des  Aache- 
ner  Domes,  Mitglied  des  Preuflischen  Ab- 
geordnetenhauses ;  *  Bonn  15.  III.  1862; 
t  Burg  Burboslar  25.  VIII.  —  W.:  Er- 
innerungen  an  Hettinger  (1891);  Leop. 
Kaufmann,  Oberbiirgermeister  von  Bonn 
(1903).  — KVZ  27.  VIII.  (HeB)  u.4.  IX. 
(P.  Kaufmann) ;  Kchr,  NF  31,  49,  Sp.958; 
LE  23,  54;  KL  17  (W);  BZ  48  [Akadem. 
Monatsbl.  1921,  53  (P.  Kaufmann)]. 

Kaufmann,  Wilhelm,  Zeitungs-  und  Korre- 
spondenzgriinder,  fiihrender  Deutsch- 
amerikaner;  *  24.  IX.  1847;  t  Dresden 
18.  V.  —  W.:  Der  Deutsche  im  ameri- 
kan.  Biirgerkriege  (191 1).  —  Der  Aus- 
landdeutsche  3,  19,  S.  578 — 582  (G.  Kauf- 
mann); SozMH  752;  HV  20,  383  f. 

Kaulbach,  Friedrich  August  v.,  Wirkl.  Geh. 
Rat,  Exzellenz,  Professor,  Maler,  Direk- 
tor der  Akademie  der  bildenden  Kiinste 
in  Munchen;  •  Miinchen  2.  VI.  1850; 
t  Ohlstadt  b.  Murnau  26.  I.  —  W.:  Ein 
Maitag  (1879,  Dresden);  Lautenschla- 
gerin  (1882,  Wien).  —  TR  27.  I.;  HK 
8.  II.;  MNN  29.  I.  (Uhde-Bernays);  Sch; 
LZ  140;  SozMH  207;  Kchr,  NF  31,  19. 
S.  385  f.  (Mayer);  GK;  WI7  812;  M  7  VI, 
1160;  TB  XX,  20  f.;  MS  II,  314  (W), 
VI,  155 ;  Graul,  F.  A.  v.  K.  (1890) ;  A.  Ro- 
senberg, F.  A.  v.  K.  (1900) ;  Westermanns 
Monatsh.  1895,  Bd-  7$,  S.  45 — 48  (Graul) ; 
IZ  3997  (P) ;  BZ  46  [Die  Kunst  fiir  Alle 
35,  210  (Wolf)].  —  Seemanns  Kiinstler- 
mappen  23  (1919). 

•Keller,  Albert  v.,  Professor,  Maler;  *  Gais 
b-Ziirich27.lv.  1844;  f  Munchen  14.  VII. 
—  W. :  Auferweckung  von  Jairi  Tochter- 
lein  (1886,  Munchen,  Neue  Pinakothek); 


Totenliste  1920:  Keller — KnaufT 


751 


Somnambule  ( 1 89 1 ) ;  Das  Urteil  des  Paris 
(1898);  Die  Gattin  des  Kiinstlers  (Miin- 
chen, Neue  Pinakothek).  —  FZ  20.  VII. 
(Liibbecke);  TR  17.  VII.;  E  1750;  Sch; 
SozMH  1921,  115;  WI7  818,8  i777;Kchr, 
NF  31,  45,  S.  870;  Der  Tiirmer,  Sept. 
1920,  511 — 514  (Stolzing);  M  7  VI,  1204 
(W);  TB  XX,  92  f.  (W);  MS  II,  319, 
VI,  155;  IZ4022  (P);  BZ47  [Daheim  55, 
•Nr.  46/47  (H.  v.  Zobeltitz);  Die  Kunst 
fiir  Alle  35,  423;  Kunst  u.  Kunstler  19, 
34];  Psych.  Studien  1921,  193 — 214 
(v.  Schrenck-Notzing)] ;  H.  Rosenhagen, 
A.  v.  K.  (1912);  DBJ  551/555  (Schmidt). 
Keller(-Reutlingen),  Paul  Wilhelm,  Maler; 

*  Reutlingen  2.  II.  1854;  f  Miinchen  10. 1. 

—  W.:  Im  Dachauer  Moos  (Neue  Pina- 
kothek) ;  Abendlandschaf ten  (Museen  in 
Leipzig,  Dresden,  Kiel).  —  LNN  15.  I.; 
GK;  Kchr,  NF  31,  17,  S.  346;  TB  XX, 
114  (W);  MS  II,  321   (W),  VI,   156;  IZ 

3997  (P). 

Kempi,  Paul,  Dr.  phil.,  Professor,  Geh. 
Reg. -Rat,  Hauptobservator  am  astro- 
physikalischen  Observatorium ;  *  Berlin 
2.  VI.  1856;  f  Potsdam  17.  II.  —  LZ  198; 
GK;  AA. 

Khaynach,  Friedrich  Frhr.  v.,  Kunstmaler; 

*  Hamm  10.  XII.  1867;  |  Berlin  16.  XI. 

—  W. :  Toskanischer  Friihling;  Idylle; 
Elegie;  Symphonic  —  TR  16.  XI.;  MS 
VI,  156;  TB  XX,  244  (W). 

Kirste,  Johann,  Dr.  phil.,  o.  Professor  der 
orientalischen  Philologie  an  der  Univer- 
sity Graz;  *  Graz  i.X.  1851;  |  Graz2.V. 

—  LZ  420;  Almanach  AdW  Wien  254 
bis  256  (Rhodokanakis). 

Klein,  Gustav,  Dr.  med.,  a.o.  Professor  der 
Gynakologie  u.  Vorstand  der  gynakol. 
Polyklinik   a.   d.   Universitat  Miinchen; 

*  Villach  (Karnten)  4.  I.  1862;  |  Miinchen 
15.  VI.  — LZ  5i5;MMW67,  740  u.  845  f. 
(Treber) ;  BZ  47  [Zentralbl.  fiir  Gynakol. 
44.  873  (Hengge)];  AA. 

Kleinert,  Paul,  D.  theoL,  Dr.  phil.,  Wirkl. 
Geh.  Oberkonsistorialrat,  em.  o.  Prof, 
der  Theologie  a.  d.  Univ.  Berlin,  Mitglied 
des  evangel.  Oberkirchenrats ;  *  Vielguth 
b.Oels  25.  IX.  1837;  |  Berlin  29.  VII. — 
W.:  AbriB  der  Einleitung  zum  Alten 
Testament  (4i878);  Homiletik  (1907); 
Selbstgesprache  am  Kranken-  u.  Sterbe- 
lager  (1896).  —  Philotesia,  P.  K.  darge- 
bracht,  1907.  —  TR  30.  VII.  u.  3.  VIII. 
(Holl);  WI7847  (W),  8  1778;  LZ  631; 
ELK  53,  36,  Sp.  703;  KL  17  (W);  BZ  48 
[Monatsschr.  fiir  Pastoraltheol.  17,  224 
bis  229  (v.  d.  Goltz)]. 

*  Klinger,  Max,  Dr.  med.  h.  c,  Geh.  Hofrat, 
Maler  u.  Bildhauer;  *  Plagwitz  b.  Leipzig 


18.  II.  1857;  f  GroBjena  5.  VII.  —  W.: 
Brahms- Phantasie  (41  Blatter,  1894) ;  Das 
Urteil  des  Paris  (1887,  Wien) ;  Die  Quelle 
(1892,  Dresden);  Kreuzigung  Christi 
(Leipzig,  Museum) ;  Die  blaue  Stunde 
(Leipzig);  Christus  im  Olymp  (Wien, 
1  897) ;  Salome  ( 1 893,  Leipzig) ;  Kassandra 
(ebd.) ;  Beethoven  (1902,  Leipzig).  —  Ma- 
lerei  u.  Zeichnung  (8 1899) ;  Brief e  1874 bis 
1 919  (1924);  Gedanken  u.  Bilder  (1925). 
—  LNN  6.  VII.  (Delphy);  Borsencour. 
6.  VII.  (Glaser) ;  Weserztg.  6.  VII.  (Lan- 
dau); MNN  14.  VII.  (v.  Ostini);  LZ  557; 
SozMH  911  f.  (Hilberseimer) ;  E  1631 
(P);  WI785i  f  (W);  H  17,  II,  709—722 
(Klein-Diepold);  MS  II,  352,  VI  159; 
Christi.  Kunst  1921,  XVII,  Beibl.  21 
(Doering) ;  Ganymed  (Beibl.  der  Maree- 
Gesellschaft)  II,  1920,  130 — 135  (Meier- 
Graefe) ;  Geisteskampf  der  Gegenwart 
1 92 1,  77—86  (Ruling);  KW  33,  III.  339 
bis  342   (Avenarius);  Kchr,  NF  31,  41, 

5.  795  f-;  M7VI,  1423  f.  (W);  TB  XX, 
513 — 519  (W)  [Verzeichnis  der  Nekro- 
loge!];MSII,  352  f.;  H  17,  2,  S.  709 — 722 
(Klein-Diepold) ;  Tiirmer  22,  2,  S.  424 
bis  426  (Esch) ;  Konserv.  Mtsschr.  1920, 
660  (v.  Khaynach);  Kunst  u.  Kunstler 
18,  517—519  (Scheffler);  Die  Hilfe  15. 
VII.  (Schubring) ;  Archiv  fiir  Buchge- 
werbe  57  (1920)  (Zeitler) ;  IZ  4020 
(Heyne)  (P). —  F.  Avenarius:  M.  K.  als 
Poet  (1916).  —  M.  K.,  Radierungen, 
Zeichnungen,  Bilder  u.  Skulpturen  (190 1) ; 
J.  Vogel;  M.  K.  (1897);  Brieger-Wasser- 
vogel:  M.  K.  (1902);  Avenarius:  K.s 
Griffelkunst  (1895);  Treu:  K.  als  Bild- 
hauer (1900);  J.  Vogel:  M.  K.s  Leipziger 
Skulpturen  (2  1902);  M.  Schmid:  M.  K. 
(6ig26);  Verzeichnis  von  K.s  Radie- 
rungen von  H.  W.  Singer  (1909).  —  BZZ 
12  [NFP  6.  VII.  (Salten);  BT  6.  VII. 
(Stahl);  Dresdner  Anz.  6.  VII.  (Schu- 
mann) ;  DAZ  6.  VII.  (Flechter) ;  Dresdnef 
N.  Nachr.  6.  VII.  (Giinther) ;  FZ  6.  VII. 
(Schwabacher) ;    Germania  6.  VII.;  HN 

6.  VII.  (Piper) ;  KZ  6.  VII.;  Tag  6.  VII.; 
MNN6.VII.  NPZ6.VII.;  SchM.  6.  VII.; 
TR  6.  VII.;  Vorwarts6.  VII.;  VZ  5.  VII.; 
WZ  6.  VII.;  LNN  9.  VI.;  LpZ  10.  VII.; 
HK  6.  VII.  ] ;  BZ  47  [Die  Bergstadt  9.  I. 
84  (Eckardt);  Cicerone  12,  556USW.];  BZ 
48  [Geisteskampf  der  Gegenwart  1921, 
77 — 86  (Ruling);  Christi.  Kunst  1921,  21 
(Doering)] ;  Leipziger  Kalender,  Jahrg.  12 

(i925),S.5i— 58  (J.  Vogel);  DBJ  555/567 
(Rosenhagen);  (L),  (P). 
Knauff,  Franz,  Dr.  med.,  Geh.  Rat,  em.  o. 
Prof,  der  Hygiene  u.  gerichtl.  Medizin; 
*  Karlsruhe  1835  ;  t  Heidelberg  12.  IV.  — 


752 


Totenliste  1920:  Kniep— Kiibler 


TR  12.  IV;  MM  W  62,  472;  LZ  342  u.  380; 
PBL  871. 

Kniep,  Ferdinand,  Dr.  jur.,  Geh.  Justizrat, 
o.  Honorarprof.  des  rdmischen  Rechts 
a.  d.  Univ.  Jena;  *  Wismar  30.  III.  1830; 
f  Jena  18.  XII.  —  TR  19.  XII.;  LZ 
1921,  21;  WI7859  (W),  8i778;  KL 
17  (W). 

Knoke,  Karl,  D.  theol.,  Geh.  Kons.-Rat, 
em.  o.  Professor  der  praktischen  Theo- 
logie,  Abt  zu  Bursfelde;  *  Schmedenstedt 
15.  X.  1841;  f  Gottingen  22.  X.  —  W.: 
Praktisch-theol.  Kommentar  zu  dem 
Pastoralbrief  des  Apostels  Paulus  (2  Bde., 
1887--1889).  —  TR  27.  X.;  WI7862 
(W);  ELK  53.  46.  Sp.  856;  KL  17  (W); 
AA. 

Knollmann,  Friedrich,  Arbeitersekretar, 
Mitglied  der  deutschen  National  versamm- 
lung  (Deutschnat.  Volksp.);  *  AUstaden 
(Ruhr)  15.  III.  1880;  f  Berlin  i<5.  IV.  — 
Sch;  GK;  HNV. 

Knopf,  Rudolf,  Dr.  theol.,  Dr.  phil.t  o.  6. 
Prof,  der  neu  test  amen  tlichen  Theologie 
a.  d.  Univ.  Bonn;  *  Biala  (Galizien) 
26.  X.  1874;  f  Bonn  a.  Rh.  19.  I.  — 
W. :  Ausgewahlte  Marty rerakten  (*  191 3) ; 
Die  Apostelgeschichte  ubersetzt  und  er- 
klart  (ai907).  —  BB1  27.  I.;  WI7862 
(W),  8  1778;  ELK  $3,  6,  Sp.  134;  KJ  583]; 
BZ  46  [Evangel.  Kirchenztg.  fiir  Osterr. 
37  (Loerche)  u.  70]. 

Knorr,  Eduard  v.,  Admiral  a.  D.,  1895  ^ls 
1899  kommandierender  Admiral  der 
Hochseeflotte,  seit  1906  Vorsitzender  des 
antiultramontanen  Reichs  -Verbandes ; 
*  Saarlouis  8.  III.  1840; f  Berlin  17.  II.— 
TR  17.  II.;  Sch;  GK;  E  498;  M7VI. 
1473;  IZ  4001   (P). 

Koch,  David,  D.  theol.,  Stadtpfarrer  a.  D., 
Kunsthistoriker,  Herausgeber  des  Christl. 
Kunstblattes,  Griinder  (1910)  des  Bun- 
des  der  Freunde  fiir  Volkskunst;  *  Ulm 
6.  IV.  1869;  f  Stuttgart  19.  V.  —  TR 
21.  V.;  LNN28.  V.;  BBI20.  V.;KJ  583; 
Sch;  ELK  53,  28,  Sp.  568;  LE  22,  1208; 
Kchr,  NF31,  35,  Sp.  674;  WI7867  (W); 
KL  17  (W);  BZ  47  [Christl.  Kunstblatt 
61,  321]. 

Konig,  Otto,  em.  Prof.  a.  d.  Kunstgewerbe- 
schule  Wien,  Bildhauer;  *  MeiBen  28.  I. 
1838;  f  Wien  30.  XII.  —  W.:  Konigin- 
Olga-Brunnen  (Stuttgart).  —  DBZ  1921, 
12;  WI7875f.  (W);  Kchr  56,  309;  MS 

II.  327. 
Kdnnecke,  Gustav.  Dr.  phil.,  Archivrat, 
em.  Direktor  des  Staatsarchivs  Marburg, 
Privatdozent ;  *  Croppenstedt  27.  X. 
1 845 ;  f  Marburg  24.  X. ;  AA.  —  W. :  Bilder- 
atlas    zur    deutschen    Nationalliteratur 


(*i895).  —  TR  29.  X.;  HV  20,  254; 
WI7876;  Sch;  SozMH  1921,  158;  LZ 
879;  KL  17  (W);  BZ  48  (Hessenland  34. 
188  (Heusohn)] ;  Behrend,  Gesch.  derdsch. 
Philol.  in  Bildern  (1927),  S.  76  (P). 

Koppel-Ellfeld,  Franz,  Dr.  jur.,  Professor, 
Hoftheaterintendanzrat  a.  D.,  Dram  a - 
tiker  u.  Schriftsteller;  •  Eltville  a.  Rh. 
7.  XII.  1838;  |  Dresden  16.  XII.  —  LZ 
92;  GK;  WI7889  (W).  8  1778;  M7VI, 
1743;  KL  17  (W);  IZ3997  (P). 

Kornbeck,  Julius,  Professor,  Landschafts- 
maler ;  *  Winnenden  ( Wiirttemberg)  2 1 . 
VII.  1839;  f  Oberensingen  3.  V.  —  W.: 
Rhonegletscher;  Schafherde  im  Gebirge. 
—  Kchr,  NF31,  32,  S.  643;  GK;MSII. 
381   (W),  VI.   161. 

•  Kdrner,  Emilio,  General,  Reorganisator 
(1885 — 1 9 10)  u.  ehemal.  Oberstkomman- 
dierender  (1894)  u.  Generalinspekteur 
(seit  1904)  des  chilenischen  Heeres ;  *Weg- 
witz  Kr.  Merseburg  10.  X.  1846;  f  Berlin 
20.  III.  —  Sch;  GK;  WI7878;  M7V. 
1777;  DBJ  567/570  (Reymann). 

Krabbes,  Hermann,  Professor,  Maler  1874 
bis  191 1  Zeichenlehrer  an  der  Technischen 
Hochschule  Karlsruhe;  *  Leipzig  17.  V. 
1840;  f  Illenau  b.  Achern  30.  V.  —  W.: 
Garten  in  der  Villa  d'Este  (Leipziger 
Museum);  Kalvarienberg  bei  Bozen.  — 
TR  12.  VI.;  Kchr,  NF  31,  39.  Sp.  762; 
WI7896,8I778;  MS  II,  385,  VI,  164;  AA. 

Krause,  Martin,  Geh.  Rat,  o.  Prof,  der 
Mathematik  a.  d.  Techn.  Hochschule 
Dresden ;  •  185 1 ;  f  Dresden  2.  III.  —  W. : 
Theorie  der  elliptischen  Funktionen  (mit 
E.  Naetsch,  19 12).  —  LNN  5.  III.;  Ber. 
der  Verh.  d.  GdW  Leipzig,  Math.-phys. 
Kl.  1920,  103 — 106  (Herglotz);  LZ  238; 
PF  V,  678  (W);  IZ4003  (P). 

Krause,  Max,  Bildhauer;  *  Filehne  5.  X. 
1875 ;  t  Berlin  13.  XI.  —  W.:  Springende 
Antilope  (Essen,  Museum).  —  Kchr,  NF 
32,  9,  S.  174;  SozMH  1042  (Behne)  und 
ii24f.  (Hilberseimer) ;  MS  VI,   165. 

Kreowski,  Ernst,  proletarischer  Tendenz- 
lyriker;  *  Rossi tten  12.  VI.  1859;  f  Britz 
14.  I.  —  W. :  Schlagende  Wetter  (sozial- 
dem.  Gedichte,  1898);  Ausgew.  Werke 
(1912).  — LE22,698;Sch;WI79o8(W); 
KL  17  (W);  BR  IV,  no  (W);  BZ  46 
[IZ  3996  (Ploch)]. 

Kttbler,  Wilhelm,  Ingenieur,  o.  Prof,  fiir 
Elektromaschinenbau  a.  d.  Techn.  Hoch- 
schule Dresden;  •  Berlin  8.  V.  1873; 
t  Dresden  4.  VI.  —  JSTG  192 1,  68—70; 
WI7926;  KL  17  (W) ;  BZ  46  [Elektr. 
Kraftbetriebe  und  Bahnen  1919.  M5; 
Der  prakt.  Maschinenkonstrukteur  1919, 

37]- 


Totenliste  1920:  Kuhlenbeck — Legien 


753 


Kuhlenbeck,  Ludwig,  Dr.  jur.,  Justizrat, 
Rechtsanwalt,  1903 — 1908  o.  Prof,  des 
deutschen  Privatrechts  a.  d.  Univ.  Lau- 
sanne; *  Osnabriick  25.  IV.  1857;  |  Jena 
13.  V.  —  W.:  BGB,  erlautert  (*  1903); 
Die  Entwicklungsgeschichte  des  Rom. 
Rechts  (2  Bde.,  1910);  Eros  u.  Psyche 
(Ged.,  *  1890).  —  LNN  15.  V.;  Sch;  LZ 
420;  KL  17  (W);  BZ  47  [Jurist.  Wo- 
chenschr.  49,  675]. 

Kuhn,  Ernst,  Dr.  phil.,  o.  Prof,  der  arisch- 
indogennanischen  Philologie  a.  d.  Univ. 
Miinchen,  Mitglied  der  AdW  Munchen; 
*  Berlin  7.  II.  1846;  f  Munchen  20.  VIII. 
—  W.:  Beitrage  zur  Pali-Grammatik 
(1875);  Beitrage  zur  Sprachenkunde 
Hinterindiens  ( 1 889)  Herausg.  d.  Oriental. 
Bibliographic  (Bd.  6),  (1892)  u.  des  Grund- 
risses  der  iranischen  Philol.  u.  Altertums- 
kunde  (2  Bde.,  1895/1904).  —  MNN  25. 
VIII.  (Scherman);  Sch;  LZ686;  TR  25. 
VIII. ;  WI 7  933  (W),  8  1779;  M  7  VII,  289; 
BZ  47  per  neue  Orient  7,  201];  BZ  48 
[Ostasiat.  Zeitschr.  7,  272]. 

Kuhn,  Daniel,  pfalzischer  Dialektdichter, 
Rechnungskommissar ;  *  Horingen  2 8. III. 
1859;  t  Speyer  14.  V.  —  W.:  Pfalzer 
Schnitzer  ("io/h);  Aus  der  Hamet 
(2i9io).  —  LE  22,  1208;  Sch;  KL  17 
(W);  BR  IV,  134;  BZ  47  [Pfalzische 
Heimatkunde  16,  107];  BZ  48  [Das 
Bayerland  32,   158   (Frankel)]. 

Laffert,  Maximilian  v.,  General  der  Ka- 
valleriea.D.,  1913 — 19 1 8  Komm. General 
des  19.  Armeekorps,  Ritter  des  Ordens 
Pour  le  nterite;  *  Lindau  (Bayern)  10.V. 
1855;  f  Dresden  8.  IX.  —  TR9-IX.;Sch. 

Lammasch,  Heinrich,  Dr.  jur.,  o.  Prof,  des 
offentlichen  Rechts  a.  d.  Univ.  Wien, 
1899 — 1 91 8  Mitglied  des  osterreichischen 
Herrenhauses,  seit  1900  Mitglied  des 
Internat .  Schiedsgerichtshof  s,  1 9 1 8  osterr. 
Ministerprasident,  191 9  osterr.  Friedens- 
delegierter  in  St.  Germain;  •  Seiten- 
stetten  (N.-O.)  21.  V.  1853;  f  Salzburg 
6.  I.  —  W. :  Auslieferungspflicht  u.  Asyl- 
recht  (1887);  GrundriB  des  (osterreich.) 
Straf rechts  (5  1926).  —  VZ  8.  I.;  Reichs- 
post  (Wien)  8. 1.  (Seipel)  u.  3.  II.  (Sperl) ; 
LNN  9.  I.;  E  1920,  141  (P);  Sch;  LZ69; 
WI7945,  8I779;  M'VII,  493l  H  17,  5, 
S.  607 — 610  (Rittler) ;  SozMH  600  u.  818 
(Loewenfeld) ;  Neue  osterreich.  Biogr. 
I,  44—54  (Sperl);  KL  17  (W);  BZZ  12 
[NZZ  8.  u.  n.  I.;  Berner  Bund  8.  I.;  BT 
20.  I.  (Zweig)];  BZ  46  [Gerichtszeitung 
Wien  1920,  116 — 120  (Schwind)];  BZ  47 
[Juristische  Blatter  1920,  29;  Zeitschr. 
fur  offentl.  Recht  1,  V— VIII  (Hold); 
Schweiz.  Zeitschr.  fur  Straf  recht  33,  185 

DBJ  48 


(Stoofl) ;  Osterr.  Zeitschr.  fur  Strafrecht 
8,  415  (Gleispach)].  —  H.  L.,  seine  Auf- 
zeichnungen,  sein  Wirken  und  seine  Poli- 
tik  (herausg.  von  M.  Lammasch  und  H. 
Sperl,  1922);  Gedachtnisreden  auf  H.  L. 
von  Redlich,  Renner,  Schwind  u.  Seipel 
(1920). 

Landau,  Leopold,  Dr.  med.,  Geh.  Med. -Rat, 
a.o.  Prof,  der  Geburtshilfeu.  Gynakologie 
a.  d.  Univ.  Berlin;  *  Warschau  16.  VII. 
1848;  |  Berlin  28.  XII.  —  W.:  Anatomie 
u.  klinische  Beitrage  zur  Lehre  von  den 
Myomen  am  weiblichen  Sexualapparat 
(1888).  —  VZ  29.  XII.  (Lennhoff);  LZ 
1921;  Sch  1920;  TR  30.  XII.;  WI  7  947 
(W);  M7VII,  504;  PBL  942—944  (P). 
(W) ;  BZ  47  [BKW  57,  723  (Pick)];  BZ  48 
[Allgem.  Zeitung  des  Judentums  85,  7]. 

Landgraf,  Wilhelm,  Dr.  med.,  Obergeneral- 
arzt  u.  Sanitatsinspekteur  a.  D.,  Exzel- 
lenz,  Mitglied  des  Wissenschaftlichen 
Senats    fiir     das    Heeressanitatswesen ; 

•  Genthin  3.  VII.  1850;  f  Berlin  28.  XII. 
—  TR  30.  XII.;  WI7948.  8  1779; 
PBL  946. 

Landsberg,  Hans,  Dr.  phil.,  Schrif tsteller ; 

*  Breslau  1.  XII.  1875;  f  Berlin  10.  II. — 
W.:  H.  Sudermann  (2  1905);  A.  Schnitz- 
ler  (1904) ;  Hartleben  (1905).  —  WI 7  949 
(W),  8i779;  Sch;  KL  17  (W);  BZ  46 
[Freie  deutsche  Buhne  1920,  769 — 772 
(Eulenberg)]. 

Langert,  Johann  August,  Hof kapellmeister 
von  Gotha  (1873 — 1%97)  a-  ^-»  Kompo- 
nist;  *  Koburg  26.  XI.  1836;  Koburg 
28.  XII.  —  W. :  Die  Fabier  (Oper,  1866) ; 
Dornroschen  1871).  —  AMZ  1921,  17; 
R86u  (W);  JP63PDMZ  1921,  11;  NMZ 
42,  131];  R107o7  (W);  FAT  213  (W); 
A  260. 

Lazarus,  Gustav,  Professor,  Pianist  u.  Kom- 
ponist;  *  Koln  a.  Rh.  19.  VII.  1861 ; 
f  Berlin  24.  V.  —  W.:  Opern,  Chore, 
Klaviersachen.  —  WI7  967  (W),  8  1779; 
JP  63  [AMZ  433;  DTonk  Ztg.  18,  94; 
NMZ  41,  324];  NML  369  (W);  FAT  216; 
R107i8  (W);  A  264. 

•  Legien,  Karl,  Vorsitzender  des  Allgem. 
Deutschen  Gewerkschaftsbundes,  M.  d.  R. 
(Sozialdem.);  *  Marienburg  1.  XII.  1861 ; 
f  Berlin  26.  XII.  —  W. :  Das  Koalitions- 
recht  der  deutschen  Arbeiter  in  Theorie 
u.  Praxis  (1809).  —  Sch;  WI7972, 
8  1779;  M7  VII,  751;  SozMH  1921,  1 — 8 
(Severing  u.  Sassenbach),  33,  37,  150  f. 
(Zepler) ;  Echo  192 1,  1 ;  HNV  (P) ;  BZZ  12 
[BT  27.  XII.;  LNN  28.  XII.;  Vorwarts 

27.  u.  28  XII.;  MNN  27.  XII.;  KZ  27. 
XII.;    VZ    27.    XII.    (Bernhard);    NZZ 

28.  XII.;  HF  27.  XII.;  DAZ  1.  I.  21 


A 


754 


Totenliste  1920:  Lentze — Martius 


(Aug.  Miiller)];  BZ  47  [Soziale  Praxis  29, 
1556  (Heyde)];  BZ  48  [Firn,  192 1,  193; 
Die  Hilfe  1921,  7  (Erkelenz);  Korresp.- 
Bl.  des  Allgem.  Deutschen  Gewerkschafts- 
bundes  1921/  1 — 4  (Umbreit);  Soziale 
Praxis  1921,  40  (Wissell);  Die  neue  Zeit 
39,  I,  345];  DBJ  570/576  (Leipart). 

Lentze,  August  v.,  General  d.  Inf.  z.  D.; 
Exzellenz,  Chef  des  ehem.  Inf.-Regts  141 , 
1 890 —  1 902  kommand .  General  in  Danzig , 
*  Soest  22.  VI.  1832;  f  Wernigerode  25. 
XI.  —  TR  27.  XI.;  WI8;  M7  VII,  840; 
BZ  49  [Monatsch.  fur  Pobtik  u.  Wehr- 
macht  ;o,  235 — 245  und  278 — 286 
(v.  Zwehl)]. 

Lerno,  Franz  Xaver,  Senatsprasident  am 

'bayerischen  Oberlandesgericht,  General- 

staatsanwalt  a.  D.,  M.  d.  R.  u.  des  bayer. 

Landtags  (Zentrum);  *  Straubing  13.  II. 

1849;   t  Miinchen    18.  I.  —  Sch;   GK ; 

WI7987- 

LeuB,  Hans,  politischer  Schriftsteller,  Pre- 
sident der  mecklenburg-strelitzer  Lan- 
desversammlung,  Landdrost  des  Kreises 
Stargard;  *  Spiekeroog  10.  XII.  1861; 
f  Neustrelitz  28.  IX.  —  W.:  Aus  dem 
Zuchthause  (1902).  —  Sch;  LZ  774; 
SozMH  1019;  LE  23,  248;  KL  17  (W); 
BR  IV,  241  (W);  HFB1  19.  X. 

Liechtenstein,  Aloys  Prinz  von  u.  zu,  1906 
bis  191 8  Landmarschall  von  Niederoster- 
reich,  Fiihrer  der  christlich-sozialen 
Partei,  1878 — 1918  Mitglied  des  osterr. 
Abgeordnetenhauses  (stellte  1888  im 
Reichsrat  den  Liechtensteinschen  Schul- 
antrag);  *  Prag  18.  XI.  1846;  f  Wien 
25.  III.  —  Sch;  GK;  WI7  1001,  8  1780; 
M  7  VII,  971;  Gerniania  t.  IV.;  Reichs- 
post  (Wien)  26.  III. 

LIpsius,  Hermann  Justus,  Dr.  phil.,  Dr. 
jur.  h.  c,  Geh.  Hofrat  u.  Prof,  der  klassi- 
schen  Philologie  u.  Direktor  desphilolog. 
Seminars  a.  d.  Univ.  Leipzig;  *  Leipzig 
9.  V.  1834;  t  Leipzig  5.  IX.  —  W.:  Atti- 
sches  Recht  u.  Rechtsverfahren  (3  Bde., 
1005—1915).  —  LNN  7.  IX.;  WI7  1015 
(W),  8  1780;  SB  der  GdW  Leipzig  73 
(1921),  41—^0  (Korte),  63  f.  u.  75—94 
(Mistriotes) ;  M  7  VII,  1047;  KL  17  (W) ; 
IZ  4030  (P);  BZ  47  [Ecce  MeiBen  25,  5; 
Ecce  Grimma  41,  20 — 27]. 

Ludwich,  Artur,  Dr.  phil.,  Geh.  Reg.-Rat, 
em.  o.  Prof,  der  klassischen  Philologie 
a.  d.  Univ.  Konigsberg;  *  Lyck  18.  V. 
1840;  f  Konigsberg  i.  Pr.  12.  XI.  —  W.: 
Aristarchs  homerische  Textkritik  (2  Bde., 
1884  f.)  —  TR  16.  XL;  M7VII.  1257; 
IAW  42,  4^—73  (Tolkiehn)  (W);  KL 
17  (W). 

Ludwig,  Herzog  in  Bayern,  s.  Bayern. 


Lynen,  Wilhelm,  o.  Prof,  der  Maschinen- 
baukunde  u.  Kinematik  a.  d.  Techn. 
Hochschule  in  Miinchen;  •  Stolberg  b. 
Aachen  6.  XL  1861;  f  Miinchen  23.  VII. 

—  TR  29.  VII.;  LZ  670;  SozMH  1921. 
1 20 ;  BZ  47  [Bayer.  Industrie-  u.  Gewerbe- 
blatt   1921,    171]. 

*  Macco,  Heinrich,  Dr.  ing.  e.  h.,  Geschafts- 
fiihrer  der  Handelskammer  Siegen,  Eisen- 
bahnbauer,  Mitgl.  d.  preuB.  A.-H.  (Na- 
tionallib.) ;  *  Siegen  25.  VI.  1843 1 1  Gliicks- 
burg  13.  VIII. —  StE4o,  1192U.  1 359  f- 
(P) ;  WI 7  1052 ;  VDI 64,  865  (P) ;  E  2008 ; 
BZ  47;  DBJ   576/578. 

Mallinger,  Mathilde,  preuBische  Kammer- 
sangerin,  1866 — 1869  an  der  Miinchner, 
1869 — 1882  an  der  Berliner  Hofoper,  seit- 
dem  Gesanglehrerin ;  *  Agram  17,  II. 
1847;  f  Berlin  19.  IV.  —  (1868)  das  erste 
Evchen  in  Wagners  Meistersingern.  — 
BT  20.  IV.;  Germania  27.  IV.;  WI 7  1061, 
8  1780;  M7  VI,  1 581;  Sch;  SozMH  481; 
FAT  236  f ;  NML  402;  R  10  776;  A  283; 
EG  634  f . ;  IZ  4009  (P) ;  BZ  47  [Zeitschr. 
fiir  Musik  87,  98  (Reimerdes)]. 

Mannchen,  Adolf,  Professor,  Maler;  *  Ru- 
dolstadt  7 .  IX .  1 860 ;  f  Diisseldorf  3 1 .  Ill . 

—  W.:  Friede  (Leipzig  1892);  Abend - 
friede  (Darmstadt  1895)  >  Stein eklopfende 
Frauen  (Leipzig  1897).  —  Kchr,  NF  31, 
30,  S.  574;  WI7  1057  (W);M7VI,  1637; 
MS  V,  196  (W).  VI  185. 

March taler,  Otto  v.,  Generaloberst  a.  D., 
Chef  des  friiheren  Inf. -Reg.  180,  &  la  suite 
des  friiheren  F.-A.-Reg.  122,  wiirttemb. 
Kriegsminister  u.  Generaladjutant  a.  D. 

—  *  Wiblingen  9.  VI.  1854;  f  Stuttgart 
11.  I.  —  SchwM  13.  I.;  ERL;  GK; 
WI7  1067  f.,8  1780;  Sch. 

Marquardsen,  Hugo,  Dr.,  Geh.  Reg.-Rat. 
Vortragender  Rat  im  Reichsministeriun? 
fiir  Wiederaufbau,  Hauptmann  a.  D., 
seit  191 1  Herausgeber  der  Mitteilungen 
aus  den  deutschen  Schutzgebieten ;  *  Porto 
Alegre  2.  II.  1869;  f  Berlin  17.  V.  — 
PM  66,  95- 

Mar  quart,  Richard  Anton  Felix,  Berufs- 
verbandsbeamter,  M.  d.  R.  (1912 — 1918, 
Nationalliberal) ;  *  Leipzig  14.  X.  1858; 
f  Leipzig  17.  VII.  —  WI  7  1070,  8  1781. 

Marschall  v.  Bieberstein,  Freiherr  Adolf, 
1908 — 191 1  badischer  Minister  des  Aus- 
wartigen  u.  des  GroBh.  Hauses,  Exzellenz; 
*  Karlsruhe  n.  I.  1848;  f  Freiburg  i.  B. 
13.  XI.  —  Sch;  WI7  1071,  8  1781. 

Martius,  Karl  Alexander  v.,  Dr.  phil.,  Che- 
miker,  Begriinder  der  A.-G.  fiir  Anilin- 
fabrikation  in  Berlin,  der  Deutschen 
Chemischen  Gesellschaft  (1867),  Mitbegr. 
der  Kaiser- WTilhelm-Gesellschaft  zur  For- 


Totenliste  1920:  Mayer-Homberg — Neitzel 


755 


derung  der  Wissenschaf ten ;  *  Miinchen 
19.  I.  1838;  |  Stauffenhof  b.  Reichenhall 
26.  II.  —  Sch;  LZ  259;  SozMH  563;  M7 
VII,  1 786 ;  PF  V,  8 1 3 ;  IZ  4002  (P) ;  BZ  46 
[ChZ  44,  317  (Groflmann) ;  Verh.  des  Ver- 
eins  zur  Forderung  des  GewerbefleiBes 
1920,  105 — 109];  BZ47[Gewerbl.  Rechts- 
schutz  u.  Urheberrecht,  25,  65]. 

Mayer-Homberg,  Dr.  jur.,  o.  Prof,  des  deut- 
schen  Rechts  a.  d.  Univ.  Marburg; 
*  Eupen  29.  XII.  1 88 1 ;  f  Marburg  17. 1. 
—  W.:  Die  frankischen  Volksrechte  ini 
Mittelalterl  (191 2).  —  LZ  140;  HV  20, 
253;  BZ  48  [Zeitschr.  der  Savigny- 
Stiftung,  German.  Abt.  41,  526];  AA. 

*  Mecklenburg,  Johann  Albrecht  Herzog  zu, 
Priisident  der  Deutschen  Kolonialgesell- 
schaft;  Mitglied  des  Kolonialrats,  1897 — 
1 90 1  Regent  in  Mecklenburg-Schwerin 
u.  1907 — 13  in  Braunschweig;  *  Schwerin 
8.  XII.  1857;  t  Schlofl  Wiligrad  16.  II  — 
LNN  17.  II.;  Sch;  PM  66,  61;  DKZ  37, 
25;  Mecklenburger  Ztg.  16.  II.;  IZ  4001 
(P);M7VI,  ^40;  Kolonialzeitung  1920; 
DBJ  547/550  (Seitz). 

Meerheimb,  Henriette  v.,  s.  Biinau,  Hen- 
riette  Griifin  v. 

Meinong  von  Handschuchsheim,  Alexius,  *) 
Dr.  phil.,  Hofrat,  Professor  der  Philo- 
sophic an  der  Universitat  Graz,  Begriin- 
der  der  »Gegenstandstheorie«  (» Grazer 
Schule«);  *  Lemberg  17.  VII.  1853;  fGraz 
27.  XI.  [  1 920,  nicht  1 92 1 !]  — W. :  » Unter- 
suchungen  zur  Gegenstandstheorie  und 
Psychologie  «  ( 1 904) ;  »  Hume-Studien  « 
(2Bde.,  1877/82);  BeitragezurPadagogik, 
Ed.  Martinak  dargebr.  von  A.  M.  191 9; 
Grundlegung  der  allg.  Werttheorie 
(2.  Aufl.  m.  Vorwort  von  Doris  M.  1923). 
—  TR  5.  XII.;  WI  7  1097;  VZ  n.  XII. 
(Allesch);  LE  23,  509;  LZ  1921  21 ;  Sch; 
WI7io97(W);  SozMH  i92i,258(Chaym); 
Almanach  71  (1921)  der  AdW  Wien  232 
bis  241  [Autobiogr.];  KL  17  (W);  BZ  49 
[Zsch.  fur  padagog.  Psychologie  22,  399 
(Tumlirz)].  —  »Die  dsch.  Philosophic  in 
Selbstdarstellungent,  Bd.  I  (2  1923);  M7 
VIII  181  f.;  B  •III,  213;  Archivf.  Gesch. 
d  Philos.  34,  41/46  (Frankl);  Beitrage  fiir 
Philosophic  d.  dsch.  Idealismus  II,  31 
bis  37  (M.s  philos.  Arbeiten). 

Meyn,Georg,  Professor,  Portratmaler.Lehrer 
an  der  Kunstakademie  in  Berlin ;  •  Berlin 
19.  XII.  1859;  t  Berlin  2.  II.— W.;  Por- 
trats  von  Hartleben,  Flaischlen,  Hegeler, 
Tovote,  Wolzogen.  —  Kch,  NF  3 1 ,  2 1 ,  Sp 
423;  WI7  11 21  f(W);  MS  III.  194,  VI,  196*. 


l)  Der  Artikel  Meinong  in  der  Totenliste 
des  DBJ  1921,  S.  308,  2.Sp.,istzustreichen. 

DBJ  48* 


Miltner,  Ferdinand  Ritter  v.,  bayerischer 
Justizminister  a.  D.,  Exzellenz;  *  Fiirth 
5.  VII.  1856;  f  Miinchen  18.  VI.  —  TR 
21.  I.;  WI7  1129,  8  1781;  Sch;  GK;  AT 
1927;  BZ  47  [Jur.  Wochenschr.  49,  587; 
Deutsch-osterr.  Notariatsztg.  1920,  193 
(H.  Schmidt);  Leipziger  Zeitschr.  fiir 
deutsches  Recht  14,  585  (Ebermayer) ; 
Zeitschr.  fiir  Rechtspflege  in  Bay  era  16, 
185  (v.  d.  Pfordten)]. 

Mitzschke,  Paul,  Dr.  phil.,  groflherzoglich 
sachs.  Archivrat  i.  R.,  thiiringischer  Ge- 
schichtsf orscher ;  *  Naumburg  19.  VIII. 
1853 ;  f  Weimar  24.  IX.  —  W.:  Familie 
Mitzschke  (1877)-  —  TR  29.  IX.;  PM 
66,  235;  WI7  1 133  (W);  LZ774;  LE23, 
250;  KL   17  (W). 

Mdskes,  Karl,  Pianist  u.  Komponist,  Lehrer 
am  Konservatorium  in  Stuttgart ;  *  Kem- 
pen(Rhl.)4.  V.  1868;  f  Stuttgart  20.  VII. 

—  JP  64  [NMZ  41,  354  und  371;  NZfM 
280;  DTonkZtg  18,  105];  AA. 

Mosse,  Rudolf,  Dr.  h.  c,  Begriinder  und 
Seniorchef  des  Verlagshauses  Rudolf  M. 
in  Berlin,  Verleger  dos  Berliner  Tage- 
blattes,  Rittergutsbesitzer,  *  Griitz  8.  V. 
1843;  t  Gut  Schenkendorf  (Mark)  8.  IX. 

—  BT  9.  IX.,  13.  IX  (Wolff);  Konigsb. 
Hartungsche  Ztg.  13.  IX.  (Kappstein) ; 
Sch;  SozMH  1019;  WI7ii48,  81782; 
BB1  1088  (Nr.  205);  BZ  47  [Pirn  1920, 
633  (Franke);  Die  Wage,  NF  1,  23 
(Block);  Allgem.  Ztg.  des  Judentums  84, 
361  (Katz)  u.  403  (Gedachtnisfeier)].  — 
R.  M.  zum  70.  Geb.-Tage  (191 3). 

Milnsterberg,  Oskar,  Dr.  phil.,  Fabrikdirek- 
tor  der  W.  Hegelberg  A.-G..  Berlin, 
Kunsthistoriker;  *  Danzig  23.  VII.  1865 ; 
t  Berlin  12.  IV.  —  W.:  Japan.  Kunst- 
geschichte  (3  Bde.,  1904 — 1907);  Chines. 
Kunstgeschichte  (2  Bde.,  1910/11).  — 
Sch;  LZ  341;  Kchr,  NF  31,  30,  S.  574; 
GK;  WI7  1 165  (W);  Ostasiat.  Zeitschr. 
7,  272. 

Neitzel,  Otto,  Dr.  phil.,  Professor,  Musik- 
schriftsteller  u.  Komponist,  Mitglied  der 
Berliner  Akademie  der  Kiinste;  *  Fal- 
kenburg  (Pommern)  6.  VII.  1852;  f  Koln 

10.  III.  —  W.:  Fiihrer  durch  die  Oper 
(3  Bde.) ;  Der  alte  Dessauer  (Oper) ;  Aus 
meiner  Musikantenmappe  (191 3).  —  KZ 

11.  III.  (Wolff)  u.  20.  III.;  TR  11.  III.; 
WI7ii8i  (W).  •  1181;  Sch;  JP  64 
[RMTZ  118;  NZfM  63;  DTonkZtg  18. 
46;  AMZ  220  u.  221  (Schwers);  NMZ  41, 
228];  FAT  271  (W);  NML  443  (W);  R 
10  884;  A  320;  IZ  4005  (P);  BZ  47  [Die 
deutsche  Biihne  12,  256].  —  A.  Dette: 
O.  N.,  Die  Barberina;  Einfuhrung 
(1914). 


756 


Totenliste  1920:  Neumann — Pfeffer 


Neumann,  Adam,  Vorsitzender  des  Holz- 
arbeiterverbandes;  *  Rengen  22. 1.  1868; 
j  Hamburg  27.  I.  —  SozMH  275;  AA. 

NIeber,  Stephan  v.,  Generalleutnant  a.  D., 
Exzellenz,  im  Kriege  Etappeninspekteur 
der  2.  Armee;  *  Oldenburg  10.  V.  1855; 
f  Neustrelitz  25.  III.  —  TR  31.  III. 
JSTG  22  (1921).  74;  WI7  1191. 

Niedner,  Johannes,  D.  theol.,  Dr.  jur.,  Geh. 
Justizrat,  o.  Prof,  des  offentlichen  Rechts 
a.  d.  Univ.  Jena,  Oberverwaltungsge- 
richtsrat;  *  Riidersdorf  b.  Berlin  10.  V. 
1868;  f  Jena  18.  I.  —  W.:  Grundziige 
der  Verwaltungsorganisation  der  alt- 
preuflischen  Landeskirche  (1902).  —  TR 
19.  L;  LZ  116;  WI7  1192,  8  1782;  Sch; 
GK;  KL  17  (W);  Zeitschr.  der  Savigny- 
Stiftung,  Kanonist.  Abt.  336  (Schultze)]. 

Ndrber,  Thomas,  Dr.  h.  c,  Erzbischof  von 
Freiburg  i.  B.,  Eminenz;  *  Waldstetten 
bei  Walldiirn  19.  XII.  1846;  f  Frei- 
burg i.  B.  27.  VII.  —  Sch;  WI7  1199, 
8  1782;  ZB  47  [Caritas  25,  144 — 150 
(Werthmann)].  —  G.  Stezenbach:  Th.  N. 
(1920). 

Oldenberg,  Hermann,  Dr.  phil.  et  theol., 
Geh.  Rat,  o.  Prof,  der  vergleichenden 
Sprachforschung  und  des  Sanskrit  a.  d. 
Univ.  Gottingen;  *  31.  X.  1864;  f  Got- 
tingen  27.  III.  —  W.:  Die  Literatur  des 
alten  Indien  (1903).  —  FZ  26.  III.  (H. 
Lommel);  TR  27.  III.;  Sch;  LZ  302; 
LE  22,  957;  Nachr.  der  GdW  Gottingen 
1920,  53—63  (Berthold);  KL  17  (W); 
Ostasiat.  Zeitschr.  7,  272. 

Ortloff,  Fr.  Hermann,  Dr.  jur.,  Landge- 
richtsrat  a.  D.,  juristisch-nationalokono- 
mischer  Schriftsteller,  a.o.  Prof,  der 
Rechte  a.  d.  Univ.  Jena  a.  D.;  *  Jena 
17.  IX.  1828;  t  Weimar  im  XII.  —  TR 
8.  XII.;  LZ  1921,  21;  WI7i225  (W), 
81782;  XL  17  (W). 

Oesterheld,  Erich,  Verlagsbuchhandler  u. 
Dramatiker;  *  Berlin  6. 1.  1883;  f  Berlin 
8.  XI.  —  W.:  Schattenspiele  der  Seele 
(1904);  Die  Hochzeitsreise  (Sch.).  —  LE 
23,  376;  LZ  894  u.  192 1,  47;  Liter.  Hand- 
weiser  1921,  1;  Sch;  WI7  12 12;  KL  17 
(W);  BR  V,  202;  BBL  1368  (Nr.  255); 
BZ  47  u.  48  [Die  deutsche  Buhne  12,  715 
u.   13,  26]. 

Oettingen,  Artur  v.,  Dr.  phys.,  em.  o.  Hono- 
rarprofessor  der  Physik  a.  d.  Univ.  Leip- 
zig, russischer  Wirkl.  Staatsrat,  Musik- 
gelehrter,  Herausgeber  der  Klassiker  der 
exakten  Wissenschaften,  Mitarbeiter  an 
PF,  Begriinder  der  dualen  Harmonie- 
lehre;  *  Dorpat  16./28.  III.  1836;  f  Bens- 
heim  a.  B.  5.  IX.  —  W.:  Poggendorfs 
Biograph.-literar.  Handworterbuch,  Bd. 


Ill  u.  IV.  —  LNN  6.  IX.;  LZ  725; 
WI7  1214  (W),  8  1782;  L  56,  73'.  JP  64 
[Zeitschr.  f .  Musikw.  2,  743 ;  NMZ  42,  47 ; 
NZfM  350];  PM  66,  235;  ChZ  144  (1920), 
797  (Ostwald) ;  Ber.  der  GdW  Leipzig, 
math.-phys.  Kl.  71,  281 — 291  (Ostwald); 
KL  17  (W) ;  PF  V,  920  (W) ;  IZ  4029  (P) ; 
BZ  47  [Die  Stimme  15,  16  (Seydel)]. 

Oswald,  E.  s.  Schulze-Smidt. 

Otto,  Ludwig,  Professor,  Geschichts-  und 
Bildnismaler ;  *  Born  a  21.  VII.  1850; 
t  Dresden  iq.  VI.  —  TR  18.  VI.J  Kchr, 
NF  31.  40,  S.  784;  MS  III,  351  (W), 
VI,  213;  BZ  47  [Antiquitatenrundschau 
18,   162;  Bausteine  52,  90  (Lotichius)], 

Paasche,  Hans,  Kapitanleutnant  a.  D., 
Pazifist;  *  Rostock  3.  IV.  1881;  f  (er- 
schossen)  Waldfrieden  (Neumark)  21.  V. 
—  W.:  Im  Morgenlicht  (Jagd-  u.  Kriegs- 
erlebnisse  in  Ostafrika).  —  FZ  3.  VI. 
(Hammer);  Sch;  KW  n,  III,  432  (Ave- 
narius);  BZ  46  [Der  Vortrupp  9,  293 
(Popert)].;  BZ  47  [Lebenskunst  15,  90  u. 
134  (Ebert)];  WI7i234. 

Pape,  Wilhelm,  Geschichts-  u.  Portrat- 
maler  in  Berlin;  *  Carlshiitte  bei  Rends- 
burg  3.  IX.  1859;  f  Stockholm  14.  XII. — 
W.:  Luthers  letztes  Bekenntnis  (Luther- 
haus,  Eisleben) ;  Portrats  von  Graf  Balle- 
strem,  Fiirst  Bulow,  Tirpitz.  —  Kchr, 
NF  32,  13,  S.  245;  WI7  1210  (W);  MS 
III,  369  (W).  VI,  214. 

Pattai,  Robert,  Dr.  jur.,  1909 — 1 1  President 
desosterreich.  Abgeordnetenhauses,  Mit- 
glied  des  ehem.  osterreich.  Herrenhauses 
(christlich-sozial) ;  *  Graz  9.  VIII.  1846; 
t  Wien  30.  IX.  —  Sch;  AA. 

Pfaundler  v.  Hadermur,  Leopold,  Dr.  phil., 
Hofrat,  em.  o.  Prof,  der  Physik  a.  d. 
Univ.  Graz,  Gletscherforscher,  wirkliches 
Mitglied  der  AdW  Wien;  •  Innsbruck 
14.  II.  1839;  t  Graz  6.  V.  —  W.:  Lehr- 
buch  der  Physik  u.  Meteorologie  (4  Bde., 
10  1905 — 1909);  Chronik  der  Familie 
Pfaundler  i486— 191 5  (191 5).  —  Sch; 
LZ  420;  TR  11.  V.;  PM  1921,  131; 
Tyroler  Ehrenkranz,  S.  213 — 215  (Ham- 
med) (P);  WI7  1264  (W);  KL  17  (W); 
PF  V,  966  (W) ;  Almanach  AdW  Wien 
1920,  117 — 120. 

*  Pfeffer,  Wilhelm,  Dr.  phil.,  Dr.  phil.  h.  c, 
rer.  nat.  h.  c.  u.  of  scient.,  Geh.  Rat, 
o.  Prof,  der  Botanik  und  Direktor  des 
Botanischen  Instituts  a.  d.  Univ.  Leipzig, 
Mitglied  der  GdW  Leipzig,  AdW  Berlin, 
Miinchen,  Wien  [Petersburg,  Rom,  Paris, 
London],  Ritter  des  Ordens  Pour  le  mirite 
u.  des  bayer.  Maximiliansordens;  *  Gre- 
benstein  b.  Kassel  9.  III.  1845;  f'Leipzig 
31.    I.    —    W.:    Physiologische    Unter- 


Totenliste  1920:  Piepho — Rath 


757 


suchungen  (1873);  Pflanzenphysiologie 
(2  Bde.,  2  1897  (x904);  Herausgeber  der 
Jahrbiicher  fiir  wissensch.  Botanik  (Bd. 
27  ff.).  —  BT  (Pringsheim) ;  VZ  14.  II. 
(v.  Guttenberg);  WI 7  1264  (W),  8  1783; 
LZ  181;  M  fl  XV,  694  (W);  ChZ  44,  145 
(Ostwald);  Ber.  d.  Dtsch.  Bot.  Ges.  38, 
30—63  (Fitting)  (W);  Jahrb.  AdWMiin- 
chen  1920,  24  f .  (Goebel) ;  Almanach  AdW 
Wien  1920,  167 — 173  (Czapek);  KL  17 
(W) ;  PF  V,  966;  IZ  3998  (P) ;  BZ  46  [Ber. 
d.  dtsch.  Chem.  Ges.  53,  36—39  (Prings- 
heim);  Hessenland  34,  29;  Pharmazeut. 
Zeitung  65,  105].  —  Pfeffer-Festschrift 
(Jahrb.  f.  wissensch.  Botanik  56,  (191 5); 
NIII.Heftio,  1915;  DB J  578/582  (Fit- 
ting) (L). 

Piepho,  Karl,  Maler;  *  Frankfurt  a.  M. 
25.  III.  1869;  f  Munchen  23.  V.  —  W.: 
Erwartung  (Stilleben).  —  LNN  28.  V.; 
Kchr,  NF  31,  36,  S.  699;  MS  III,  435, 
V,  232,  VI,  220. 

Pitreich,  Heinrich  Freiherr  v.,  k.  u.  k.  Gene- 
ral d.  Inf.  i.  P.,  Geh.  Rat,  osterreich.-ung. 
Reichskriegsminister  a.  D.;  *  Laibach 
10.  VII.  1841;  tWien  13.L  — WI7  1278, 
8  1783;  FT  192 1. 

Plehwe,  Karl  v.,  Dr.  jur.,  D.  theol.  h.  c, 
Wirkl.  Geh.  Oberjustizrat,  Exzellenz, 
Prasident  des  Oberlandesgerichts  in 
Konigsberg  u.  ehemal.  kgl.  preuBischer 
Kronsyndikus,  Mitglied  des  ehemal.  preu- 
Bischen  Herrenhauses;  *  Dwarischken 
24.  IX.  1834;  f  Konigsberg  6.  XII.  — 
TR  8.  XII.;  Sch;  WI7  1283. 

Pochhammer,  Leo,  Dr.  phil.,  Geh.  Reg.-Rat, 
o.  Professor  der  Mathematik  an  der  Uni- 
versitat Kiel;  *  Stendal  25.  VIII.  1841; 
t  Kiel  24.  III.  —  W.:  Untersuchungen 
iiber  das  Gleichgewicht  eines  elast.  Stabes 
(1879);  Zum  Problem  der  Willensfreiheit 
(1908).  —  TR  29.  III.;  LZ  319;  WI7 
1285;  PF  V,  987. 

Politzer,  Adam,  Dr.  med.,  Hofrat,  o.  Pro- 
fessor der  Ohrenheilkunde  an  der  Uni- 
versitat Wien;  *  Alberti  (Ungarn)  1.  X. 
1835;  t  Wien  10.  VIII.  —  W\:  Lehrbuch 
der  Ohrenheilkunde  (5  1908);  Geschichte 
der  Ohrenheilkunde  (2  Bde.,  1907/13). — 
NFP  17.  VIII.  (Neumann) ;  TR  12.  VIII.; 
Sch;  MMW  67,  1004  u.  1056;  WI 7  1292; 
PBL  1309  (P),  (W);  BZ  47  [Monatsschr. 
fiir  Ohrenheilk.  u.  Laryngo-Rhinol.   54, 

-  769  (Urbantschitsch) ;  Intern.  Zentralbl. 
fiir  Ohrenheilk.  18,  47;  BKW  57,  1037 
(Brtihl);  WKW  33,  767  (Neumann)];  BZ 
48  [Msch.  fiir  Ohrenheilk.  u.  Laryngo- 
Rhinol.  55,  57 — 65  (Gomperz),  65 — 70 
(Briihl);  Zschr .  fiir  Ohrenheilk.  80,  314 
bis  318  (Siebenmann)]. 


Prem,  Siegmund  M.,  Dr.  phil.,  Professor. 
Literarhistoriker ;  *  Niederau  (Tirol) 
27.  X.  1853;  f  Innsbruck  25.  IV.  —  W.: 
Goethe  ('1900);  Martin  Greif  (8i90i); 
Hermann  v.  Gilen  (a  1897).  —  TR  16.  V.; 
LZ  381;  LB  22,  1 148;  WI7i3o3  (W); 
KLi7(W). 

Preusehen,  Erwin,  D.  theol.,  Dr.  phil.,  a.o. 
Professor  der  neutestamentl.  Exegese  u. 
der  Kirchengeschichte  an  der  Universitat 
GieBen,  Pfarrer;  *  LiBberg  (Oberhessen) 
8.  I.  1867;  t  Hausen  b.  GieBen  25.  V.  — 
W.:  Monchtum  u.  Serapiskult  (2i903); 
Kirchengeschichte  fiir  das  christliche 
Haus  (6  191 3) ;  Herausgeber  der  Zeitschr. 
fiir  neutestamentliche  Theologie.  —  TR 
29.  V.;  LZ  476;  ELK  53,  28,  Sp.  568; 
WI7  1304  (W);  KJ  1920,  585  (W);  KL  17 
(W);  BZ  47  [Zschr.  fiir  neutestamentl. 
Wissensch.  u.  Kunde  des  Urchris  ten  turns 
19,  49  (Topelmann)  u.  97 — 102  (Kriiger) ; 
BZ  48  [Quartalsblatter  des  histor.  Ver. 
fiir  das  GroBh.  Hessen,  NF  6,  293 — 295 
(Herrmann)];  AA. 

PreuBen,  Joachim  Prinz  von,  jiingster  Sohn 
Kaiser  Wilhelms  II.;  *  Berlin  17.  XII. 
1890;  J  (Selbstmord)  Villa  Liegnitz 
18.  VII.  —  E  1750;  WI7  1777;  Sch;  HK 
1 92 1 ;  IZ  4022  (P). 

Radecke,  Ernst,  Dr.  phil.,  Professor,  Musik- 
direktor  in  Winterthur,  Privatdozent  an 
der  Universitat  Zurich;  *  Berlin  8.  XII. 
1866;  f  Winterthur  8.  X.  — WI7  1321  f.; 
J  P  64  [ AMZ  642 ;  NZfM  400 ;  NMZ  42,47; 
RMTZ  378;  Zschr.  f.  Musik  III,  63]; 
FAT  308;  NML  5101.  (W);  R  10  1028. 

*Raps,  August,  Dr.  phil.,  Dr.  ing.  e.  h.t  Pro- 
fessor, Direktor  der  Siemens  &  Halske 
A.-G.,  Erfinder  der  Quecksilberpumpe, 
Schopfer  der  modernen  Signalgerate  der 
Kriegsmarine;  *  Koln  a.  Rh.  23.  I.  1865; 
t  Berlin  20.  IV.  —  TR  21.  IV.  u.  5.  V.; 
JSTG22  (i92i),S.78;MdT2i5  (Franke); 
WI7  1328,  8  1784;  LZ  357,  SozMH  1921, 
nof.;  IZ  4010  (P);  VDI  64,  385;  BZ  47 
[Dinglers  Polytechn.  Journal  10 1,  95 
(Rotth) ;  Zschr.  des  Osterr.  Ing.-  u.  Arch.- 
Ver.  72,  237  (Petritsch);  Internat.  Mo- 
natsschr. 14,  755  (Ebeling)];  BZ  48  [Fort- 
schritte  auf  d.  Geb.  der  Rontgenstrahlen 
27,  560  (Gocht) ;  Zschr.  fiir  techn.  Physik 
2,  57  (Schmidt)].  Wiss.  Veroffentl.  a.  d. 
Siemens-Konzern  I.  Bd,  2.  Heft  (Franke) ; 
DBJ  582/587  (Rotth). 

Rath,  Heine  (Heinrich),  Professor  an  der 
Kunstakademie  Stuttgart,  Graphiker  u. 
Maler;  •  Berlin  17.  VIII.  1873;  f  Stutt- 
gart 5.  V.  —  W. :  Deutsche  Stadte  (Farb- 
holzschnitte,  zwei  Reihen).  —  TR  6.  V.; 
Kchr,  NF  31,  32,  S.  643;  GK;  MS  V,  239, 


758 


Totenliste  1920:  Reckleben — Riimelin 


VI,  229;  BZ  49  [Die  Kunst  fiir  Alle  37, 
47—52  (Lehrs)]. 
Reckleben,  Hans,  Dr.  phil.,  Hofrat,  Ober- 
assistent  am  Laboratorium  fiir  angew. 
Chemie    an    der    Universitat    Leipzig; 

*  Langenweddingen  (Pr.)  6.  I.  1864; 
f  (erschossen)  Leipzig  19.  III.  —  LNN 
20.  III.;  LZ  277;  WI7i337;  Ber.  der 
Dtsch.  Chem.  Ges.  53  (1920),  (Schreiber); 
PF  V,  1029  (W). 

Recknagel,  Georg,  Dr.  phil..  Professor  u. 
Rektor  des  Realgymnasiums  in  Augs- 
burg, i.  R.,  Physiker;  *  Gersdorf  a.  Rhon 
14.  IV.  1835 ;  f  Westheim  22.  V.  —  Jahrb. 
AdW  Miinchen  1920,  26 — 29  (Giinther); 
PF  V,  1029  f. 

Reclam,  Hans  Heinrich,  Geh.  Kommerzien- 
rat,  Verlagsbuchhandler,  Mitbegriinder 
von  Reclams  Universalbibliothek  (1867); 

*  Leipzig  18.  V.  1840;  |  Leipzig  30.  III. 
—  LNN  1.  IV.;  WI7  1337,  8  1784;  LZ 
302;  SozMH  752  f.;  GK;  Sch;  BB1  303 
(Nr.  71);  IZ  4006  (P);  BZ  46  [Ernte  79 
bis  83  (Dreesen) ;  LE  902 — 907] ;  BZ  47 
[Dtsch.  Arbeit  5,  407].  —  K.  Bonhoff : 
H.  H.  R.,  Worte  am  Sarge  (1920). 

Relnhard,  Richard,  Dr.  jur.,  ehemal.  badi- 
scher  Forst-  u.  Domanendirekter,  *  Frei- 
burg i.  B.  29  IV.  1846;  f  Freiburg  i.  Br. 
1.  VI. —  Sch;  GK. 

Blbbert,  Hugo,  Dr.  med.,  Geh.  Med.-Rat, 
o.  Professor  der  pathol.  Anatomie  u.  der 
a  11  gem.  Pathologie  an  der  Universitat 
Bonn;  *  Hohenlimburg  (Westf.)  1.  III. 
1855;  t  Bonn  a.  Rh.  10  XI.  —  W.:  Ge- 
schwulstlehre  (2i9i4);  Lehrbuch  der 
allgem.  Pathologie  u.  spez.  pathol.  Ana- 
tomie (10  1 928) .  —  TR  1 1 .  XI. ;  WI 7  1 363 
(W),  8  1784;  LZ  924;  KL  17  (W);  PBL 
1372  f.;  BZ  48  [Beitr.  zur  pathol.  Ana- 
tomie u.  zur  allgem.  Pathol.  68,  III 
(Aschoff) ;  Zentralbl.  fiir  allgem.  Patho- 
logie u.  pathol.  Anatomie  32,  281  (J ores) ; 
Medizin.  Klinik  16,  1304  (Aschoff) ;  DMW 
47,  22  (Pryne) ;  MMW  67,  1476  (Fischer)]. 

Richarz,  Franz,  Dr.  phil.,  Geh.  Reg.-Rat, 
o.  Professor  der  Physik  a.  d.  Universitat 
Marburg;  *  Endenich  b.  Bonn  15.  X. 
i860;  f  Marburg  10.  VI.  —  W.:  Fort- 
schritte  auf  dem  Geb.  der  Elektrizitat 
(»  1902).  — LNN  18.  VI.;  WI7  1364  (W), 

*  1784;  LZ  499;  KL  17;  PF  IV,  1244; 
Physikal.  Zschr.  22,  33 — 36  (Schulze); 
PM  66,  167;  KL  17  (W);  PF  V,  1047  f. 
(W);  BZ  47  [Hessenland  34,  94]. 

*  Riehn,  Wilhelm,  Dr.  ing.,  Geh.  Reg.-Rat, 
o.  Professor  des  Kraftmaschinen-  und 
Schiffbaus  an  der  Techn.  Hochschule 
Hannover;  *  Estebriigge  17.  VI.  1841; 
t  Hannover  24.  XII.  —  W.:  Uber  die 


Berechnung  des  Schiffswiderstandes.  — 
LZ  1921,62;  JSTG  1922,98  f.;MdT225f; 
VDI  65,  297  (Frese);  WI  7  1372;  DBJ 
587/589  (L.Klein). 

Rittland,  Klaus,  s.  Heinroth,  Elisabeth. 

RGchllng,  Karl,  Professor,  Geschichts-  und 
Landschaftsmaler;  *  Saarbriicken  18.  X. 
1855;  t  Berlin  6.  V.  —  W.:  Einzug  der 
Preuflen  in  Danzig  (Danzig,  Rathaus); 
Germans  to  the  front.  —  Kchr,  NF  31,  32, 
S.  643 :  TR  5.  V. ;  GK ;  WI  7  1 387.  8  1785  \ 
Sch;  MS  IV,  90,  VI,  237  (W) ;  IZ  4012  (P) . 

Rohn,  Karl,  Dr.  phil.,  Geh.  Hofrat,  o.  Pro- 
fessor der  Mathematik  an  der  Universitat 
Leipzig,  Erfinder  des  Ellipsenzirkels; 
*  Schwanheim  28.  I.  1855;  f  Leipzig 
4.  VIII.  —  LNN  5.  VIII.;  LZ  631 ;  Ber. 
iiber  die  Verh.  der  GdW  Leipzig,  Math.- 
phys.  Kl.  1920,  107 — 127  (Holder),  (W) ; 
PF  V,  1061  (W). 

Roeren,  Hermann,  Geh.  Justizrat,  Ober- 
landesgerichtsrat  i.  R.,  bis  191 2  M.  d.  R. 
(Zentrum);  *  Riithen  (Kr.  Lippstadt) 
29.  III.  1844;  f  Koln-Lindenthal  23.  XII. 
—  W.:  Gesetz  zur  Bekampfung  des  un- 
lauteren  Wettbewerbs  (8iooi);  Lex 
Heinze,  Kunst  u.  Literatur  (1901);  Die 
offentliche  Unsittlichkeit  u.  ihre  Bekamp- 
fung (4I904).  —  KVZ  27.  XII.;  Sch; 
WI7  1391  (W),8  1785^1921,  i;Literar. 
Handw.  1921,  2;  KL  17  (W);  BZ  48 
[Volkswart  1921,   17  (Lennartz)]. 

Roscher,  Karl,  Dr.,  Wirkl.  Geh.  Rat,  Exzel- 
lenz,  Ministerialdirektor  im  sachsischen 
Ministerium  d.  I.  a.  D.,  volkswirtschaftl . 
Schriftsteller;  *  Gottingen  18.  VII.  1846; 
t  Loschwitz  b.  Dresden  8.  XI.  —  LZ  894 ; 
WI7  1402  (W),8  1785;  LZ  894;  HV  1920. 
254;  BZ  47  [Bausteine  52,  121 — 126 
(Hickmann,  v.  d.  Trenck) ;  Sachs.  Indu- 
strie 17,  133;  Mittlg.  der  Handelskammer 
Dresden  9,  369]. 

Rubiner,  Ludwig,  Schriftsteller  u.  Drama- 
tiker,  Ftihrer  der  Aktivisten;  •  1882; 
f  Berlin  26.  II.  —  BT  Nr.  122  (Hollan- 
der); BB1  3.  III.;  LZ  238;  Sch;  SozMH 
539  f.  (Koch);  LE  22,  824  u.  856  [NZZ 
353  (Korrodi);  BZZ  12  [BT  23.  V.;  DAZ 

25.  V.;  FZ  26.  V.;  KZ  27.  V. ;  Nationalztg. 

26.  V.;  Tag  23.  V.u.  26.  V.;  VZ23.V.]; 
BZ  47  [LE  1920,  1 183];  BZ  48  [Freie 
Deutsche  Biihne  192 1,  585]. 

Rudell,  Alexander,  Dr.  ing.  e.  h.,  Wirkl.  Geh. 

Oberbaurat,  VortragenderRatim  Reichs- 

verkehrsministerium ;  *  Trier  6.  IX.  1852 ; 

|  Berlin  14.  XII. —  DBZ498U.  1921,80; 

ZBV  41  (1921).  3  (P),  (Cornelius);  DBZ 

55,80. 
Rflmelln,    Theodor,    Dr.    ing.,    Reg.-Bau- 

meister   a.    D.,    Zivilingenieur,   Waaser- 


Totenliste  1920:  Rusch — Schroeder 


759 


kraftingenieur;  *  Besigheim  a.  N.  20.  V. 
1877;  t  Miinchen  9.  XI.  —  W.:  Wasser- 
kraftanlagen  (3  Tie.,  Samml.  Goschen). 
—  TR  11.  XI.;  DBZ  448  u.  1921,  46; 
SozMH  1921,  1012;  MdT  234  f.  [VDI64, 
1063;  ZBV  40.  612];  WI7  1420;  DBZ  54, 
448;  BZ  48  [Dinglers  Polytechn.  Journal 
336,  23  (Eisner)]. 

Rusch,  Gustav,  Dr.  phil.,  Reg.-Rat,  Schul- 
geograph,  em.  Professor  der  Geographic 
u.  Geschichte  an  der  Staatslehrerbild.- 
Anstalt,  Direktor  des  offentlichen  Mad- 
chenlyzeums  in  Wien;  *  Bielitz  15.  \r. 
185 1 ;  t  Wien  16.  I.  —  W. :  Lehrbuch  der 
Geographie  (•  1914);  Landeskunde  von 
Niederosterreich. —  PM  66,  61 ;  GA  100  f. 
(Pabisch);  BZ  47  [Geog.  Anz.  1920,  101 
(Pabisch);  Monatsh.  fur  padag.  Reform 
141 — 146  (Sommert)]. 

Ruseler,  Georg,  Rektor,  Schriftsteller  und 
Liter arhistoriker ;  *  Obenstrohe  11.  I. 
1866;  f  Oldenburg  6.  III.  —  W.:  Die 
Stedinger  (Trauerspiel,  4  1891) ;  Gedichte 
(1895).  —  Sch;  LZ  259;  GK;  LE  1920, 
Heft  14;  WIM425  (W);  KL  17  (W); 
BR  VI,  88  (W);  IZ  4003  (P);  BZZ  12 
[KielerZtg.  10.  III.;  TR  12.  III.;  Weser- 
Ztg.  8.  III.];  BZ  46  [Niedersachsen  25, 
352  (Scharrelmann) ;  Niedersachsenbuch 
IV,  131;  Die  Tide  III,  600  bis  603 
(v.  Busch);  Mittlg.  aus  dem  Quickborn 
13,  66 — 68];  BZ  47  [Niedersachsenbuch 
5,  135  (Schwarz);  Der  Schiitting  1921,  15 
(Theilmann)]. 

RuB,  Viktor,  langj.  Abg.  des  osterreich. 
Abg.-Hauses,  Mitglied  des  ehemal.  osterr. 
Herrenhauses,  Prasident  des  Wiener 
Goethe- Vereins;  •  28.  V.  1840;  f  Wien 
17.  VII.  —  LE  22,  1468;  NFP)  28.  V. 
(Plener);  ZBV  40,  492  (Schneller].) 

Sauberzweig,  Traugott,  Generalleutnant 
a.  D.,  Ritter  des  Ordens  Pour  le  mirite 
mit  Eichenlaub,  im  Kriege  Chef  des  Gene- 
ralstabs  der  8.  u.  (191 8)  der  18.  Armee; 
f  Kassel  14.  IV.  —  AA;  Ludendorff, 
Meine  Kriegserinnerungen,  S.  120,  386, 

474- 
Scharf,  Felix,  Hiittendirektor  a.  D.,  tech- 
nischer  Direktor  des  Bochumer  Vereins; 
*   Seegraben  b.   Leoben   5.   XII.    1858; 
t  Bochum  6.  II.  —  StE  40,  418  f.  (Grosse) 

(P). 
Schatz,  Friedrich,  Dr.  med.,  Geh.  Med.-Rat, 
em.  o.  Professor  der  Gynakologie  an  der 
Universitat  Rostock;  *  Plauen  i.  V. 
17.  XI.  1841;  f  Rostock  21.  V.  —  W.: 
Klinische  Beitrage  zur  Physiologie  des 
Fotus  (3  Bde.) ;  Klin.  Beitrage  zur  Physio- 
logie der  Geburt  (2  Bde.).  —  TR  22.  V.; 
MMW  67,  680;  WI7  1455   (W),  8  1786; 


LZ  462;  PBL  1483  f-  (W),  (P);  BZ  47 
[Zentralbl.   fiir   Gynakol.   44,    745 — 749 
(Buttner)]. 
Schauer,  Hugo,  Dr.  jur.,  osterreich.  Justiz- 
minister  a.  D.;  *  1862 ;  f  Voitsberg  2.  IV. 

—  Sch;  GK;  BZ  46  [Gerichtszeitung, 
Wien  1920,  113];  BZ47  [Polit.  u.  Volks- 
wirtsch.  Chronik  1920,  XI,  172]. 

Scherer,  Valentin,  Dr.  phil.,  Kunsthistori- 
ker;  *  Bammenthal  b.  Heidelberg  4.  VII. 
1878;  f  Potsdam  2.  XII.  — W.:  Albrecht 
Durer  (8  1908).  —  TR  6.  XII.;  Sch;  LZ 
1921,  21  u.  44;  LE  23,  509;  Kchr,  NF  32, 
12,  S.  230  u.  16,  S.  307—309  (O.  F.); 
KL  17  (W). 

Schldsser,  Rudolf,  Dr.  phil.,  Professor, 
Direktor  des  Goethe-  u .  Schiller- Archivs ; 

*  Elberfeld  1 1 .  VI.  1867 ;  |  Weimar  26.  II. 

—  W.:  F.  W.  Gotters  Leben  u.  Werke 
(1894).  —  TR  26.  II.  u.  2.  III.  (Wiede- 
mann); LE  22,  824;  WI7  1481  (W);  LZ 
220;  KL  17  (W). 

Schmidt,  Georg,  Dr.  phil.,  Pastor  a.  D., 
Genealogeu.  Heraldiker;  *  Halle  22.  III. 
1838;  |  Halle  6.  XI.  —  W.:  Urkunden- 
buch  der  Familie  v.  Klitzing  (3  Bde., 
1 89 1 — 1908);  Schonhausen  u.  die  v.  Bis- 
marck (*  1898);  Stammtafeln  u.  Wappen 
der  v.  d.  Schulenburg  (3  Bde.,  1897  bis 
1908).  — LZ  924;  WI7  1490  (W),8  1786; 
HV  20,  254. 

Schdnaich-Carolath,  Heinrich  Prinz  zu, 
ehemal.  M.  d.  R.  (nationallib.)  u.  des 
preufl.  Herrenh.,  Mitbegriinder  d.Goethe- 
Gesellschaft,  Prasident  der  Gesellschaft 
fiir  Volksbildung;  •  Amtitz  24.  IV.  1852; 
f  Berlin  20.  VI.  —  VZ  21.  VI.  (v.  Bunsen 
u.  G.  Bernhard);  LZ  515;  WI7i5ii, 
8  1787;  ERL;  E  1506;  Sch;  IZ4018  (P); 
BZ  48  [Niederlausitzer  Mittlg.  15,  1]. 

Sehottlaender,  Salo,  Verlagsbuchhandler  in 
Fa.   S.   Sehottlaender    &   Co.,    Konsul; 

*  Miinsterberg  i.  Schles.  19.  VI.  1844; 
t  Breslau  2.  IV.  —  LE  22,  1018;  WI  7 
1521,  8  1787;  LZ  319;  Sch;  GK;  BB1  319 

(Nr.74). 
Schroeder,  Leopold  v.,  Dr.  phil.,  Staatsrat, 
o.  Professor  der  indischen  Philologie  u. 
Altertumskunde  an  der  Universitat  Wien ; 

*  Dorpat  12.  XII.  1851;!  Wien  8.  II.  — 
W.:  Indiens  Literatur  u.  Kultur  (1887); 
Konig  Sundara  (Trauersp.,  *  1889);  Bal- 
tische  Heimat-,  Trust-  u.  Trostlieder 
(1906).  —  Reichspost  (Wien)  21.  II.; 
Schles.  Ztg.  4.  IX.;  LZ  181 ;  KJ  587  (W) ; 
BB1  12.  II.;  LE  22,  764;  Almanach  der 
AdW  Wien  1920,  228 — 239  (Rader- 
macher);  KL  17  (W);  BZ  46  [Deutsche 
Arbeit  19,  279  (Neubauer)];  BZ  47  [Bay- 
reuther  Blatter  43,    168   (Hofler);   Der 


760 


Totenliste  1920:  Schubert — Seligmann 


neue  Orient  6,  179];  BZ  48  [Ostasiat. 
Zschr.  7,  272]. 

Schubert,  Johann  Baptist,  Schulrat,  Vor- 
sitzender  d.  bayrischen  Volksschullehrer- 
vereins,  Herausg.  der  padagogischen  Mo- 
natsschrift  »Repertorium  der  Padagogik« 
friiher  Mitgl.  des  Bayr.  Landtags  (libe- 
ral) ;  t  Augsburg  27.  VI.  —  Sch;  LZ  579; 
GK;  WI7i532. 

Sehultze,  August,  Geh.  Kommerzienrat, 
Direktor  d. Oldenburg- Portugies.  Dampf- 
schif f s-Reederei  A.-G. ;  *  Varel  5 .  IV.  1 848 ; 
t  Oldenburg  24.  I.  —  JSTG  22  (192 1), 
80 — 82;  WI7i542;BZ46[Hansa57, 102]. 

Sohultze,  Oskar,  Dr.  med.,  Hofrat,  Professor 
der  Anatomie  an  der  Universitat  Wiirz- 
burg;  *  Bonn  10.  VIII.  1859;  f  Wtirz- 
burg  30.  VI.  —  W.:  GrundriB  u.  Atlas 
der  topogr.  Anatomie  (2i9o8);  Stohr, 
Handbuch  der  Histologic  (15i9i2).  — 
LZ  557;  MMW  67,  830;  KL  17  (W); 
PBL  1554;  BZ  49  [Anatom.  Anzeiger  54, 
411 — 428  (Lubosch)]. 

Schulze,  Adolf,  Professor,  Musikpadagoge, 
ehemal.  Direktor  der  Gesangschule  der 
Gesangsklasse  an  der  Hochschule  f .  Musik 
in  Berlin,  Mitglied  der  Akademie  der 
Kiinste;  *  Mannhagen  b.  Molln  13.  IV. 
1835;  f  Jena  9.  IV.  —  LZ  341;  JP  65 
[AMZ  262;  RMTZ  167;  NZfM  in;  DTZ 

18,  59;  NMZ  41,  258];  FAT  364;  R  10 
1 174;  A  425. 

Sehulze-Smidt,  Bernhardine,  Romanschrift- 
stellerin  [Pseudon.:  E.  Oswald];  *  Gut 
Dunge  19.  VIII.  1846;  f  Bremen  17.  II. 
■ —  W. :  Inge  von  Rantum  (Nov.,  a  1902) ; 
Er  lebt  (Nov.,  8  1907);  Eiserne  Zeit  (Ro- 
man, *  1902).  — TR  24.  II.;  BBI23.  II.; 
Sch;  WI7  1549  (W);  KL  17  (W) ;  PY  II, 
283  (W) ;  IZ  4005  (P) ;  Weser-Zeitung  16., 
23.  III.  u.  ff .  (Reisetagebuch  der  B.  S-S.) ; 
BZ  46  [Niedersachsen  25,  330  (Kropp); 
Daheim  55,  Nr.  23  (Schanz)]. 

Sehunke,  Hugo,  Geh.  Reg.-Rat,  Direktor 
des  Schiffsvermessungsamtes  (bis  19 18) 
a.  D.;  •  Berlin  8.  III.  1845;  t  Weimar 
9.  XI.  —  JSTG  1922,  100. 

Schflte,  Wilhelm,  Dr.,  Geh.  Reg.-Rat,  Pro- 
fessor u.  Direktor  des  Anatom.-patholog. 
Institute  der  Tierarztl.  Hochschule  Ber- 
lin, Entdecker  des  Rotzbazillus ;  *  Berlin 

19.  IX.  1839;  f  Berlin  7.  XI.  —  TR  11. 
XL;  MMW  67,  1368;  LZ  924;  KL  17 
(W);  IZ  4036  (P);  BZ  47  [Berliner 
Tierarztl.  Wochenschr.  36,  624 — 527 
(Schmaltz)] ;  BZ  49  [Archiv  f iir  wissensch. 
u.  prakt.  Tierheilkunde  47,  1 — 5  (Neu- 
mann)]; A  A. 

Schwahn,  Paul,  Dr.  phil.,  Professor,  wissen- 
schaftl.  Direktor  der  Berliner  »Urania«, 


Herausgeber   von    *Himmel   u.    Erde«; 

*  Schwerin  1859;  f  Berlin  20.  IV.  — 
AA;  PM  66,  61;  Sch;  LZ  357;  BZ  48 
[Sirius  1920,  152]. 

Schwalbe,  Ernst,  Dr.  med.,  o.  Professor  der 
patholog.  Anatomie  u.  Direktor  des 
pathologischen  Instituts  der  Universitat 
Rostock;  *  Berlin  26. 1. 1871 ;  gef. Rostock 
17.  III.  1 920  als  Zeitfreiwilliger.  —  MMW 
67,  830;  LZ  319;  KL  17;  IZ  4<x>7  (P); 
BZ  47  [Zentralbl.  fur  allgem.  Pathol,  u. 
pathol.  Anatomie  30,  673 — 675];  BZ  48 
[Beitrage  zur  patholog.  Anat.  u.  zur  all- 
gem.  Pathol.  67,  I — IV]. 

Schwiening,  Heinrich,  Dr.  med.,  Professor, 
Abteilungsdirigent  im  Reichsarbeitsmini- 
sterium,  Oberstabsarzt  a.  D.;  •  1870; 
f  Berlin  19.  II.  —  LZ  220;  MMW 67,  278; 
TR  20.  II.;  BZ  46  [DMW  46,  247 
(J.  Schwalbe)  u.  271  (Martineck)]. 

Seemuller,  Josef,  Dr.  phil.,  Hofrat,  o.  Pro- 
fessor der  deutschen  Spracheu.  Literatur 
an  der  Universitat  Wien;  *  Wien  15.  X. 
1855 ;  f  St.  Martin  20. 1.  —  W. :  Deutsche 
Laut-  und  Formenlehre  (2  Bande, 
1885/1911);  Deutsche  Mundarten  (3  Bde., 
1 908/1 1);  Deutsche  Sprachlehre  (2  Bde., 
191 1) ;  Handschr .  Nachlafl  im  Germanist . 
Sem.  der  Univ.  Wien.  —  Sch;  LZ  140; 
WI7i57i  (W),  *  1787;  GK;  LE  22,  764; 
Jahrb.  der  bayr.  AdW  19 19,  41 — 46 
(Kraus) ;  Almanach  der  AdW  Wien  1920, 
220—228  (Brecht);  KL  17  (W);  BZ  48 
[Neues  Archiv  der  Ges.  fur  altere  dtsch. 
Geschichtskunde  43,  402 — 406  (v.  Stein  - 
meyer);  Das  dtsch.  Volkslied  22,  33]; 
Neue  osterr.  Biogr.  IV,  128 — 140  (Pfalz) 
(P)  (W) ;  Behrend,  Gesch.  der  dsch.  Philol. 
in  Bildern  (1927),  S.42  (P). 

Seliger,  Josef,  Vorsitzender  der  deutsch- 
sozialen  Partei  in  der  Tschechoslowakei  ; 

*  1869;  f  Teplitz-Schonau  18.  X.  —  Sch; 
SozMH  967  (Zepler) ;  BZ  47  [Der  Kampf 
*3»  393  (Ellenbogen)]. 

Seliger,  Max,  Geh.  Hofrat,  Professor,  Direk- 
tor der  Akademie  fur  graphische  Kiinste 
u.  Buchgewerbe  in  Leipzig,  der  erste  An- 
reger  der  Leipziger  Ausstellung  fur  Buch- 
gewerbe und  Graphik  (19 14);  *  Bublitz 
(Pommern)  12.  V.  1865;  f  Leipzig  10.  V. 
-—  LNN  1 1 .  V.  (Delphy) ;  Sch;  WI  7  1 578 
(W),  8  1788;  LZ  397;  GK;  Kchr,  NF  31, 
32,  S.  643  f.;  MS  IV,  257,  V,  261,  VL263 ; 
IZ  401 2  (P) ;  Archiv  fiir  Buchgewerbe  57, 
105  (Zeitler). 

Seligmann,  Gustav,  Dr.,  Geh.  Kommerzien- 
rat, Bankier,  Mineralog  u.  Miner  alien* 
sammler;  •  1849;  f  Koblenz  28.  VI.  — 
GK;  Zentralbl.  fiir  Mineral,  u.  Geol.  1920, 
366 — 368  (Brauns). 


Totenliste  1920:  Selling — Stein 


761 


Selling,  Eduard,  Dr.  phil.,  a.o.  Professor  der 
Mathematik  an  der  Universitat  Wiirz- 
burg  a.  D.  u.  Konservator  des  Astrono- 
mischen  Kabinetts  in  Wurzburg,  Erfinder 
von  Rechenmaschinen ;  *  Ansbach  1834; 
f  Munchen  31.  I.  —  LZ  198;  WI  7  1580; 
PFV,  1 153. 

Semper,  Hans,  Dr.  pkil.,  Hofrat,  em.  o.  Pro- 
fessor der  Kunstgeschichte  an  der  Uni- 
versitat Innsbruck;  *  Dresden  12.  III. 
1845;  t  Innsbruck  24.  V.  —  W.:  Dona- 
tello,  s.  Zeit  u.  Schule  (2  Bde.,  1875).  — 
TR29.  V.;  WI7  1581  (W);Kchr.  NF31, 
37,  S.  717;  Sch;  LZ  462;  KL  17  (W). 

Sepp,  Bernhard,  Dr.  phil.,  Professor  der 
Weltgeschichte  am  Lyzeum  Regensburg; 
*  Koblenz  3.  IX.  1853;  f  Regensburg 
8.  III.  —  W.:  Maria  Stuart  u.  ihre  An- 
klager  (1884);  Tabula  paschalis  ann. 
300 — 2200.  —  LZ  319;  WI7  1582  (W); 
HV  20,  121;  AA. 

Serno,  Heinrich,  General  der  Artillerie  a.D., 
191 2 — 1 914  Direktor  der  Militartech- 
nischen  Akademie;  *  Bromberg  11.  III. 
1856;  f  Konigswusterhausen  29.  IX.  — 
TR  30.  IX.;  WI7  1583. 

♦Seuffert,  Lothar  v.,  Dr.  jur.,  Geh.  Rat, 
o.  Professor  des  deutschen  u.  romischen 
Zivilrechts  u.  Zivilprozesses  an  der  Uni- 
versitat Munchen;  *  Wurzburg  15.  VI. 
1843  :  t  Munchen  25.  III.  —  LNN  2.  IV.; 
LZ  319;  GK;  BZ  46  [Zschr.  fur  Rechts- 
pflege  in  Bayern  16,  Nr.  8/9  (v.d.Pford- 
ten)];  AA;  DBJ  589/593  (Fischer). 

Slebeck,  Hermann,  Dr.  phil.,  D.  theol.  h.  c, 
Geh.  Hofrat,  em.  o.  Professor  der  Philo- 
sophic u.  Padagogik  an  der  Universitat 
GieBen;  *  Eisleben  28.  IX.  1842;  f  GieBen 
22.  II.  —  W. :  Untersuchungen  zur  Philo- 
sophic der  Griechen  (2  1888);  Geschichte 
der  Psychologie  (I,  1884);  Lehrbuch  der 
Religionsphilosophie  (1893);  Aristoteles 
(8i9io);  "Qber  musikalische  Einfuhlung 
(1906).  —  Sch;  LZ  238;  WI7  1589  (W), 
8  1788;  SozMH  202  f.;  LE22,  825;  JP65 
[DTZ  18,  59];  KL  17  (W). 

Siebeek,  Paul,  D.  theol..  Dr.  phil.,  Verlags- 
buchhandler,  Inh.  der  Lauppschen  Buch- 
handl.  u.  des  Verlags  J.  C.  B.  Mohr, 
Tubingen;  *  Tubingen .  7.  III.  1855; 
f  Tubingen  20.  XI.  —  LZ  986;  SozMH 
1921,625;  WI7  1589;  BB1  1417  (Nr.  268) 
u.  1424  (Nr.  268). 

Siefert,  Xaver,  Geh.  Oberforstrat,  em.  o. 
Professor  der  Forstwissenschaft  an  der 
Techn.  Hochschule  Karlsruhe;  *  Freiburg 
i.B.  14. 1.  1849;  |  Karlsruhe  9.  XI.  — 
TR  12.XI.;  LZ924;  BZ48  [Allgem.  Forst- 
u.  Jagdzeitung  97,  142] ;  BZ  49  [Zentralbl. 
fur  das  ges,  Forstwesen  47,  100]    AA. 


Siegfried,  Max,  Dr.  phil.  et  med.  h.  c,  o.  Pro- 
fessor der  physiologischen  Chemie  und 
Direktor  des  physiol.-chemischen  Insti- 
tuts  an  der  Universitat  Leipzig;  *  Leip- 
zig 6.  IV.  1864;  f  Leipzig  22.  II.  —  LZ 
220;  WI7  1592  (W),  8  1788;  MMW  67, 
308;  PF  V,  1 163  (W);  Ber.  d.  dtsch. 
Chem.  Ges.  53,  20;  SB  der  GdW  Leipzig 
74,  22;  BZ  46  [Biochem.  Zschr.  Bd.  105, 
S.  I];  BZ  49  [Zschr.  fur  angew.  Chemie 
3$,  85  (Rassow)]. 

Solereder,  Hans,  Dr.  phil.,  o.  Professor  der 
Botanik  u.  Direktor  des  Botanischen 
Gartens  an  der  Universitat  Erlangen; 
*  Munchen  11.  IX.  i860;  |  Erlangen 
8.  XI.—  TR13.  XL;  LZ  941;  ^  57,  41 
Ber.  d.  dtsch.  Bot.  Ges.  38,  [92] — [102] 
(Radlkofer)  (W)];  AA. 

Solms-Baruth,  Friedrich  Fiirst  zu,  19 14  bis 
1918  Militarinspekteur  der  Freiwilligen 
Krankenpflege  im  Felde,  Generalleutnant 
a  la  suite  a.  D.,  Kanzler  des  Schwarzen- 
Adler-Ordens,  friiher  kgl.  preuBischer 
Oberstkammerer,  Mitglied  des  ehemal. 
preuBischen  Herrenhauses ;  *  Berlin 
24.  VI.  1853;  t  Klitschdorf  (Schlesien) 
31.  XII.  —  HK  1922;  WI7  1607;  ERL; 
Sch. 

Solms-Hohensolms-Lich,  Karl  Fiirst  zu, 
Major  a  la  suite  der  Armee  a.  D.,  Mitglied 
des  ehemal.  preuBischen  Herrenhauses, 
President  der  f riiheren  Ersten  Hessischen 
Standekammer;  *  Lien  27.  VI.  1866; 
t  Lich  26.  VII.  —  Sch ;  ERL ;  TR  4.  VIII. ; 
WI7i6o8. 

Spanuth,  August,  Musikkritiker,  Heraus- 
geber  der  »Signale  fur  die  musikalische 
Welt«;  *  Brinkum  (Hannover)  15.  III. 
1857;  t  Berlin  9.  I.  —  W.:  Methodik  des 
Klavierspiels  (mit  X.  Scharwenka,  1907). 
—  TR  17.  I.;  LE  22,  636;  NML  611; 
FAT  384;  R10  1220  f.;  A  44*  f-;  IZ  3996 
(P) ;  BZ  46  [Signale  fur  die  musikal.  Welt 
1920,  30]. 

Spatz,  Wilhelm,  Dr.  phil.,  Professor,  Ge- 
schichtsforscher  Berlins,  Griinder  der 
Deutsch  -  Schwedischen  Vereinigung  ; 
t  Wernigerode  20.  XI.  —  LZ  963 ;  LE  23, 
436;  HV  20,  254;  BZ  48  [Padagog.  Zen- 
tralbl. 2,  14]. 

Stein,  August,  Journalist,  Vertreter  der 
Frankfurter  Zeitung  in  Berlin  [Pseu- 
donym: Irenaeus];  *  Breslau  185 1; 
|  Berlin  12.  X.  —  W.:  Es  war  alles  ganz 
anders  (1921).  —  FZ  759;  NZZ  18.  X.; 
Sch;  LE  23,  291  u.  311  u.  329 — 331 
(Meyerfeld) ;  SozMH  10 19. 

Stein,  Walther,  Dr.  phil.,  o.  Prof,  der  mitt- 
leren  und  neueren  Geschichte  a.  d.  Univ. 
Gottingen;  *  Langenberg  (Rhld.)  9.  II. 


762 


Totenliste  1920:  Steinlechner — Thode 


1864;  f  Gottingen  29.  IX.  —  Mitarbeiter 
und  Mitherausgeber  der  Hansischcn  Ge- 
schichtsblatter,  Herausgeber  der  Akten 
zur  Geschichte  der  Verfassung  und  Ver- 
waltung  der  Stadt  Koln,  2  Bde.,  1893 
bis  1895;  Beitrage  zur  Geschichte  vor- 
nehmlich  Kolns  und  der  Rheinlande, 
1895;  Herausgeber  des  Hansischen  Ur- 
kundenbuches,  Bd.  8 — 11;  Deutsche 
Verkehrsgeschichte  in  der  Kaiserzeit, 
1924.  —  TR  2.  X.;  Sch;  LZ  797;  H  20, 
253;  Hans.  Geschichtsbl.  XXVI  (46. 
Jahrg.),  S.  9/13  (D.  Schafer)  m.  (P);  AA. 

Steinlechner,  Paul,  Dr.  jur.,  Hofrat,  em.  o. 
Professor  des  osterr.  Zivilrechts  an  der 
Universitat  Graz;  *  23.  XII.  184 1 ;  f  Graz 
12. 1.  —  TR  12. 1.;LZ  i8i;BZ47  [Jurist. 
Blatter  1920,  30  (Ehrenzweig)] ;  AA. 

Stelnmetz,  Hermann,  Wirkl.  Geh.  Ober- 
konsistorialrat,  President  des  Landes- 
konsistoriums  Hannover,  Kurator  des 
Klosters  Loccum;  *  Gottingen  16.  II. 
1 866 ;  f  Hannover  1 1 .  V.  —  K J  1 920,  587 ; 
ELK  53,  21,  Sp.  438  f- 

Stembeis,  Otto  v.,  Dr.  ing.  e.  h.,  Gch.  Kom- 
merzienrat,  GroBindustrieller,  Pionier  d. 
bayrischen  Holzindustrie,  Erbauer  der 
Wendelsteinbahn ;  f  Brannenburg27.XII. 

—  IZ4039(P);  DBZ  21,  8. 

Storck,  Karl,  Dr.  phil.,  Musikschriftsteller, 
Schriftleiter  der  Zeitschrift  »Der  Tur- 
mer«;  *  Durmenach  (ElsaB)  23.  IV.  1873; 
t  Alsberg  i.  W.  12.  V.  —  W.:  Deutsche 
Literaturgeschichte  (7i9i2);  Opernbuch 
(10I9I2);  Musikgeschichte  (f  19 10).  — 
Deutsche  Zeitung  12.  V.;  Sch;  LZ  420; 
WI7  1663  (W);  JP  65  [AMZ  326  u.  331 
(Schwers);  NZfM  159;  RMTZ  196;  DTZ 
18,  7s:  NMZ  41,  291;  Zschr.  fur  Musik 
2,  615];  KL  17  (W);  FAT  397  (W);  NML 
624  (W);  R  10  125 1  (W);  A  457  *  I  ™  4013 
(P);  BZ  46  [Der  Tiirnier,  Juni  1920,  245 
(v.  GrotthuB)]. 

Strahl,  Hans,  Dr.  med.,  Geh.  Med. -Rat, 
o.  Professor  der  Anatomie  an  der  Uni- 
versitat GieCen;  *  Berlin  28.  III.  1857; 
t  Gieflen  13.  III.  —  TR  24.  III.;  LZ  277; 
WI7  1665,  8  1788;  MMW  67,  416;  KL  17 
(W);  PBL  1665;  AA. 

Stroof,  Ignaz,  Dr.  phil.  h.  c.  (Berlin),  Dr.  ing. 
e.  h.  (Karlsruhe),  Chemiker,  technischer 
Leiter  der  chemischen  Fabrik  Griesheim ; 
•  Koln  5.  IV.  1838;  t  Griesheim  12.  XI. 

—  ChZ  45,  57;  MdT  264  [(Pistor, 
Chem.  Industrie  43,  495;  Enz.  Chemie  3, 
406];  Zschr.  fur  Elektrochemie  27,  92  bis 
94  (Lepsius);  BZ  47  [Die  chemische  In- 
dustrie 43,  495  (Pistor)];  BZ  48  [Zschr. 
fur  Elektrochemie  u.  angew.  physikal. 
Chemie  27,  92  (Lepsius)]. 


Strove,  Hermann,  Dr.  phil.,  Geh.  Reg.-Rat, 
o.  Professor  der  Astronomie  an  der  Uni- 
versitat Berlin  u.  Direktor  der  Stern  - 
warte  in  Babelsberg,  Mitglied  der  AdW 
Berlin,  korresp.  Mitglied  der  AdW  Mun- 
chen;  *  Pulkowa  bei  St.  Petersburg  3.  X. 
1854;  f  Herrenalb  12.  VIII.  —  TR 
13.  VIII.;  E  2008;  Sch;  PM  66,  235; 
WI7  1676  (W);  Astronom.  Jahrb.  23,  24 
[mit  Verzeichnis  der  Nekrologe !] ;  Viertel- 
jahrsschr.  der  Astronom.  Ges.  Leipzig 
56,  4—12  (P);  SB  d.  AdW  Berlin  1921, 
491—496  (G.  Muller);  Jahrb.  der  AdW 
Miinchen  1920,  29  f.  (Seeliger);  Month- 
ley  Notices  81,  271 — 272;  Popular 
Astronomy  29,  536—541;  PF  V,  1225 
( W) ;  Astronom.  Nachr.  212,21;  Viertelj .- 
Schr.  der  Astronom.  Ges.  56,  21;  BZ  4S 
[Sirius  1920,  203  (Kritzinger) ;  Weltwirt- 
schaft  192 1,  35]. 

Supan,  Alexander,  Dr.  phil.,  Geh.  Reg.-Rat, 
o.  Professor  der  Geographic  an  der  Uni- 
versitat Breslau;  *  Innichen  (Tirol)  3. III. 
1847;  |  Breslau  7.  VII.  —  W.:  Lehrbuch 
der  Geogr.  fur  osterreich.  Mittelschulen 
(u  1904);  Grundziige  der  phys.  Erd- 
kunde  (6  1911);  Die  Bevolkerung  der 
Erde  (1891 — 1909);  Deutsche  Schul- 
geographie  (u  19 12).  —  Sch;  E  1630; 
LE  22,  1402;  LZ  597;  WI7  1686  (W); 
SozMH  1 131  f.  (Naphtali);  Geogr.  Zschr. 
27»  J93 — T98  (Dietrich);  PM  66,  139  bis 
146  (Wagner);  KL  17  (W);  IZ  4021  (P) ; 

BZ47. 
Sury,  Max    Joseph  v.,    Landschaftsmaler; 

*  Solothurn  11.  VIII.  1842;  f  Kreuz- 
lingen  i.  Okt.  —  W :  Gemalde  im  Museum 
Solothurn.  —  K  Chr  56,  88;  MS  IV  367, 
V27  1,  VI  276. 

Thode,  Henry,  Dr.  phil.,  Geh.  Rat,  em.  o. 
Professor  der  Kunstgeschichte  an  der 
Universitat     Heidelberg     ( 1 894 — 191 1) ; 

*  Dresden  13.  I.  1857;  f  Kopenhagen 
9.  XI.  —  W.:  Michelangelo  (2  Bde., 
1902/03,  *  1908,  III  1912);  Bocklin  und 
Thoma  (1905).  —  Sch;  LZ  894;  SozMH 
1921,  115;  BB1  18.  XI.;  LE  23,  436; 
E  2790;  HV  20,  384;  WI7i7o8  (W); 
Kchr,  NF  32,  8,  S.  150  u.  q,  S.  165  f . 
(W.  v.  Seidlite);  JP  65  [AMZ  702;  NMZ 
42,  1 13;  NZfM  447];  KL  17  (W);IZ4036 
(P);  BZZ  13  [MNN  11.  XI.;  NPZ  13.  XI.; 
Nationalztg.  12.  XI.;  NZZ  1.  XII.; 
SchwM  15.  XI.];  BZ  47  [DBZ  54,  444]; 
BZ  48  [Bayreuther  Blatter  44,  5  (Bruck) ; 
Die  Kunst  fur  Alle  36,  122  (Beringer) ; 
Kunst  u.  Kunstler  19,  154  (Waldmann) ; 
Der  Tiirmer,  Jan.  192 1,  S.  292  (Priifer)]  ; 
BZ  49  [Repertorium  der  Kunstwissen- 
schaft  43,  55 — 61  (Storck)]. 


Totenliste  1920:  Thoinsen — Wagner 


763 


Thomson,  August  v.,  Admiral  a  la  suite  des 
Seeoffizierkorps  a.  D.,  1899 — 1903  Chef 
der  Marinestation  der  Nordsee ;  *  Oldens- 
wort  (Schleswig)  6.  VIII.  1846;  t  Kiel 
27.IX.  — TR30.  IX.;WI7  1710,8  1789; 
Sch. 

Toldt,  Karl,  Dr.  med.,  Hofrat,  em.  o.  Pro- 
fessor der  Anatomie  an  der  Universitat 
Wien,  Mitglied  der  AdW  Wien,  lebens- 
langl.  Mitgl.  des  ehemal.  osterreich. 
Herrenhauses ;  *  Bruneck  3.  V.  1840; 
f  Wien  13.  XI.  —  W.:  Anatomischer 
AUas  (1900).  —  NFPi8.XI.;TR  15.  XI.; 
WTI  7  1 720,  8  1 789 ;  MMW  67,  1 368 ;  PM  60 
11 .  94 ;  1 92 1 ,  28 ;  L  56,  71;  Almanach  der 
AdW  Wien  71  (192 1),  155 — 171  (Hoch- 
stetter);  Tiroler  Ehrenkranz,  S.  2i6f. 
(v.  Klebelsberg) ;  KL  17  (W) ;  PBL  17 16 
(W);  BZ  48  [Anatom.  Anzeiger  54,  82 
bis  91  (Schumacher);  Mittlg.  d.  Ver.  d. 
Freunde  des  human.  Gymnasiums  20,  21 
bis  26  u.  42 — 52  (Hauler,  Frankfurter); 
WKW  33,  1041   (Poch)]. 

Toula,  Franz  (v.),  Dr.  phil.,  Hofrat,  em.  o. 
Professor  der  Geologie  u.  Mineralogie  an 
der  Techn.  Hochschule  Wien,  Ehren- 
mitgl.  der  Geolog.  Ges.  in  Wien  u.  Berlin ; 

*  Wien  20.  XII.  1845;  t  Wien  3.  I.  — 
W.:  Lehrbuch  der  Geologie  (3  19 18).  — 
LZ  181;  PM  66,  28;  Verh.  der  Geolog. 
Reichsanstalt  1920,  41 — 49  (Rosiwal) ; 
KL  17  (W);  PF  V,  1265  (W);  BZ  48 
[Verh.  d.  Geolog.  Reichsanstalt  1920,  41]. 

Trautmann,  Moritz,  Dr.  phil.,  Geh.  Reg.- 
Rat,  em.  o.  Professor  der  englischen  Phi- 
lologie  an  der  Universitat  Bonn;  *  Kloden 
(Prov.  Sachsen)  24.  III.  1842;  f  Frank- 
furt a.  M.  23.  IV.  —  W.:  Lautlehre  des 
Deutschen,  Franzosischen  u.  Englischen 
(1901).  — TR  23.  IV.;  BB1  28.  IV.;  Sch; 
LZ  357;  GK;  WTI7i723  (W),  8  1789; 
LE  22,  1085 ;  KL  17  (W) ;  BZ  47  [Nieder- 
sachsen  25,  119]. 

Trotha,  Lothar  v.,  Gen.  d.  Inf.  a.  D.,  Exzel- 
lenz,  1904 — 1906  Kommandeur  d.Schutz- 
truppe  u.  Gouverneur  in  Deutsch-Siid- 
westafrika,  Ritter  des  Ordens  Pour  le 
mirite,  Teilnehmer  an  der  Chinaexpedi- 
tion  1900/01  u.  Fiihrer  des  Feldzugs  in 
Siidwestafrika  1904/06;  *  Magdeburg 
3.  VII.  1848;  f  Bonn  a.  Rh.  31.  III.  — 
GK;  WI7  1729  f.,8  1789. 

Twele,  Adrian,  Wirkl.  Geh.  Rat,  Exzellenz, 
1905 — 1 9 10  Unterstaatssekret.  i.  Reichs- 
schatzamt;  *  Hildesheim  23.  IX.  1853; 
t  Goslara.  H.  18.  I.  — WI7  1736,  8  1789; 
A.  Wermuth,  Ein  Beamtenleben  (1922), 
S.  274. 

Ungerer,     Jakob,     Professor,     Bildhauer; 

*  Miinchen    13.   VI.    1840;    f   Miinchen 


im  April .  —  W . :  Mendebrunnen  (Leipzig) . 
—  LNN  1.  V.;  WI7  1744;  MS  IV,  465 
(W),  VI,  285. 

Uthmann,  Adolf,  Komponist  und  Dirigent 
von  sozialistisch-tendenziosen  Arbeiter- 
choren;  •  Barmen  29.  VI.  1867;  f  Bar- 
men 22.  VI.  —  W.:  Internationale 
(Mannerchor) ;  Der  Arbeit  Lied  (Manner- 
chor) ;  Tord  Foleson  (Mannerchor) .  — 
R.  Kotzschke,  Geschichte  des  deutschen 
Mannergesangs  (1927),  S.  217  f.;  FAT 
422;  NML  661  f.;  R  10  1337. 

Vogelsang,  Karl,  Dr.  phil.,  Bergrat,  Ober- 
berg-  u.  Hiittendirektor  der  Mansfeldi- 
schen  Kupferschieferbauenden  Gesell- 
schaft  in  Eisleben;  *  Bonn  a.  Rh.  1866; 
|  (erschossen)  Eisleben  16.  III.  —  WI 7 
1765,  8  1790;  PM  66,  61;  BZ  46  [Metall 
und  Erz  17,  161];  BZ  48  [Mansfelder 
Blatter  ^t>,  ioi — 105  (Kutzke)]. 

Voigt,  Johann  Friedrich,  Dr.  phil.,  Pro- 
fessor, Hamburger  Geschichtsforscher ; 
*  1833;  t  Hamburg  14.  II.  —  Sch;  BB1 
20.  II.;  LZ  198;  BZ  46  [Mittlg.  des  dtsch. 
Seef ischvereins  66 ;  Zschr .  der  Zentralstellc 
fur  Niedersachs.  Familiengesch.  1920,  19 
(Holler)]. 

Voigts,  Bodo,  D.  theol.,  Wirkl.  Geh.  Rat, 
Exzellenz,  President  des  Evang.  Ober- 
kirchenrats  a.  D.;  *  Liichow  (Hannover) 
9.  VIII.  1844;  f  Berlin  29.  I.  —  Sch; 
GK;  WI7  1768,  8  1790;  ELK  53,  6,  Sp. 
134;  KJ  1920,  588;  IZ  4001  (P). 

VoB,  Ernst,  Griinder  u .  Teilhaber  der  Schiff s- 
werft  Blohm  &  VoB;  *  Fockbeck  bei 
Rendsburg  12.  I.  1842;  f  Hamburg 
1.  VIII.  —  Hamburger  Nachr.  3.  VIII.; 
StE  40,  1 191  (P);  VDI  64,  651. 

Wackernell,  Josef  Eduard,  Dr.  phil.,  Hof- 
rat, em.  o.  Prof,  der  deutschen  Philologie 
a.  d.  Univ.  Innsbruck;  *  Goflan  22.  XI. 
1850;  f  Innsbruck  6.  X.  —  W.:  Das 
deutsche  Volkslied  (1890);  Gilmstudien 
(1908  f.) ;  Herausgeber  der  Sammlung  der 
Volkslieder  aus  Tirol  u.  Vorarlberg.  — 
TR  6.X. ;  LZ  797;  LB  23,  250;  WI7 17791. 
(W) ;  KL  17  (W) ;  BZ  47  [Literar.  Handw. 
56,  621 — 624  (Dorrer)];  BZ  48  [Das 
deutsche  Volkslied  23,  16]. 

Wagner,  Ernst,  Dr.  phil.,  Wirkl.  Geh.  Rat, 
Exzellenz,  Direktor  der  Vereinigten  Badi- 
schen  Sammlungen  fur  Altertumskunde 
u.  Volkerkunde  a.  D.;  *  Karlsruhe  5.  IV. 
1832;  f  Karlsruhe  7.  III.  —  W.:  Fund- 
statten  u.  Funde  aus  vorgesch.,  rom.  u. 
alemann.  Zeit  im  GroBh.  Baden  (2  Bde., 
1908/n).  —  Schw  M.  10.  Ill,;  LZ  277; 
PM  66,  61;  WIM783  (W);  BZ  47 
[Zeitschr.  f.  d.  Gesch.  des  Oberrheins^ 
NF35,446(Krieger)];  AA. 


764 


Totenliste  1920:  Warnekros — Willmann 


Warnekros,  Ludwig,  Dr.  med.,  Geh.  Med.- 
Rat,  a.o.  Prof,  der  Zahnheilkunde  und 
Direktor  des  zahnarztl.  Instituts  a.  d. 
Univ.  Berlin;  *  Gefell  (Kr.  Ziegenriick) 
21.  X.  1855;  t  Berlin  29.  VI.  —  LZ498; 
WI7  1800  (W),  8  1790;  BZ  47  [Zahnartl. 
Rundschau  29,  267  (Schramm)];  AA. 

*  Weber,  Max,  Dr.  jur.,  o.  Prof,  der  Natio- 
nalokonomie  a.  d.  Univ.  Miinchen,  Mit- 
glied  der  AdW  Miinchen  u.  Heidelberg; 
♦  Erfurt  ai.  IV.  1864;  f  Miinchen  14.  VI. 
—  W. :  Ges.  Aufsatze  zur  Religionssozio- 
logie  (3  Bde.,  a  1922/23);  Ges.  Aufsatze 
zur  Wissenschaftslehre  (1922);  Ges.  Auf- 
satze zur  Sozial-  u.  Wirtschaftsgesch. 
(1924);  Ges.  Aufsatze  zur  Soziologie  und 
Sozialpolitik  (1924);  Wirtschaft  und  Ge- 
sellschaft  (a  2  Bde.,  1925).  —  Vorwarts 
19.  VI.,  FZ  19.  VI.  u.  15.  I.  1921;  Sch; 
LZ  499;  KL  17  (W) ;  SozMH  541  (Schmidt) 
u.  704  (Koch);  WI7  1807,  8  1790;  LE  22. 
1339;  KW  33,  III,  288  f.  (Schumann); 
Die  Gesellschaft,  Jahrg.  3,  2  S.  131 — 153 
(Salomon) ;  Jahrbuch  der  AdW  Miinchen 
1919,  31— 34(Lotz);  IZ  4017  (P).  K.Jas- 
pers: M.  W.,  eine  Gedenkrede  (192 1); 
Nachruf  von  E.  Troeltsch  in:  J.  C.  B. 
Mohrs  Griinem  Heft  1926,  1 ;  R.  Michels, 
Bedeutende  Manner  (1927),  S.  118;  Ma- 
rianne Weber:  M.  W.,  ein  Lebensbild 
(1926),  (W).  BZZ  12  [MNN  16.  VI.;  VZ 
19.  VI.;  FZ  7.  VII.;  BT  1.  VII.];  BZ  46 
[Die  Hilfe  1920,  386  (Baumer)];  BZ  47 
[Deutsche  Arbeit  5,  407;  Archiv  fur  So- 
zialwiss.  u.  Sozialpolitik  48,  I — IV; 
Deutsche  Politik  1920  I,  791  (Heufl)]; 
BZ  49  [Die  Hochschule  4,  97 — 100  (Cor- 
rell);  Osterreich.  Rundschau  17,  11 29  bis 
1 1 34  (Kapherr)];  Preufl.  Jbb.  210,  3, 
S.  304 — 320  'Liebert) ;  Zeitwende,  Jhg.4, 
2,  S.  139 — 152  (Gerhardt);  Logos,  Jhg. 

15,  2,  S.  222 — 237  (Rickert);  Zsch.  fur 
Politik,  Bd.  16,  5,  S.  513 — 517  (Hintze) ; 
Dsche.  Vschr.  fiir  Literaturwiss.  und 
Geistesgesch.  Ill,  2,  S.  177 — 193  (Voege- 
lin);  H.  J.  Grab:  Der  Begriff  des  Ratio- 
nalen  in  der  Soziologie  M.  W.s  (1927  = 
Sozialwiss.  Abh.  3) ;  Die  Gesellschaft  Jg  3 
(1926),  2  S.  131 — 153  (A.Salomon);  DBJ 
593/6i5  (Schumacher)  (L). 

Wegner,  Marie,  Frauenrechtlerin,  Ehren- 
vorsitzende  des  Schlesischen  Frauenver- 
bandes,  Herausgeberin  der  Zeitschrift 
Die  Frau  der  Gegenwart;  *  Bogdanowo 

16.  IX.  1859;  fRostock  12.  I.  —  W.: 
Merkbuch  der  Frauenbewegung  (1908). — 
Sch;  LE  22,  699;  SozMH  413  f.;  KL 
17   (W). 

Weiehselbaum,  Anton,  Dr.  med.,  Hof-  und 
Obersanitatsrat,  o.  Prof,  der  patholog. 


Anatomie  a.  d.  Univ.  Wien,  Mitglied  der 
AdW  Wien,  Entdecker  des  Erregers  der 
Genickstarre  {Meningococcus) ;  *  Schiltern 
8.  II.  1845;  t  Wien  i.  Okt.  —  W.:  Epi- 
demiologic (1908);  Parasitologic  (1899). 

—  NFP  24.  X.;  TR  23.  X.;  MMW  67, 
1280;  WI7i8i6  (W);  LZ  863;  SozMH 
192 1,  510;  L  56,  71 ;  Almanach  der  AdW 
Wien  71  (1921),  152 — 155  (Exner);  KL 
17  (W);  PBL  1824  (P),  (W);  IZ4034  (P); 
BZ  47  [WKW  33,  979  (Wiesner)];  BZ  48 
[Beitr.  zur  pathol.  Anat.  u.  zur  allgem. 
Pathologie  68,  I  (Aschoff);  Centralbl.  fur 
allgem.  Pathologie  u.  pathol.  Anatomie 
31,  337  (Stoerk)];  WMW  1920,  1869  bis 
1872  (Miloslavisch)]. 

Welntraud,  Wilhelm,  Dr.  med.,  Professor, 
Direktor  der  inneren  Abteilung  des  Kran- 
kenhauses  Wiesbaden,  Sekretar  des 
Kongresses  der  Inneren  Medizin,  medizin. 
Schriftsteller;  *  Offenbach  13.  VIII. 
1866;  f  Wiesbaden  7.  IX.  —  TR  7.  IX.; 
LZ  742;  SozMH  1921,  510;  MMW  67, 
1 1 08  u.  1 151  (Prussian);  PBL  1827  (W); 
BZ  47  [Mitteil.  aus  den  Grenzgebieten  der 
Med.  u.  Chirurgie  32,  327  (Naunyn) ;  Med. 
Klinik  16,  968  (Brandenburg)];  BZ  48 
[BKW  57,  1 183  (Blumenfeld)]. 

Wertheim,  Ernst,  Dr.  med.,  o.  Prof,  der 
Frauenheilkunde  a.  d.  Univ.  Wien; 
*    Graz   21.  IV.    1864;    f    Wien   15.  II. 

—  TR  16.  II.;  LZ  259;  MMW  67;  228; 
BZ  46  [WMW  70, 409  (Halban),  u.  545, — 
549  (Latzko);  Medizin.  Blatter  42,  52  bis 
57  (Klein);  Monatsschr.  fiir  Geburtsh.  u. 
Gynakol.  51,  271—277  (Weibel);  WKW 

33,  183  (Kermauner)] ;  BZ  47  [Centralbl. 
fur  Gynakol.  44,  I,  281 — 286  (Weibel); 
Archiv  fiir  Gynakol.  113,  V— XVI  (Wei- 
bel)] BZ  48  [Wiener  Klinische  Rundschau 

34,  52  (Klein)];  AA. 
Westerahagen,  Thilo  v.,  General  d.  Infan- 

terie  a.  D.,  Exzellenz,  Chef  der  preufli- 
schen  Landgendarmerie ;  *  Stendal  26.  III. 
1853 ;  t  Koln  a.  Rh.  2.  XII.  —  WI 7  1841 , 

8  1791. 
*  Willmann,  Otto,  Dr.  phil.,  Hofrat,  em. 
o.  Prof,  der  Philosophic  u.  Padagogik 
a.d.deutschen  Univ.  Prag;  *  Lissa  (Posen) 
24.  IV.  1839;  f  Leitmeritzi.  B.  1.  VII. — 
W.:  Geschichte  des  Idealismus  (3  Bde., 
1  I9°7)»  Didaktik  als  Bildungslehre 
(4I909);  Philosophische  Propadeutik 
(2  Bde.,  4i9i3);  Herausgeber  von  Her- 
barts  pad  agog.  Schriften  (3  1913).  — 
TR  12.  VII.;  LE  22,  1468;  Sch;  LZ  579; 
WI7  1862  (W);  KL  17  (W);  BZ  47  [Die 
Bergstadt  9,  165  (Eckardt) ;  Deutsches 
Philologenblatt  1920,  473  (Seidenberger) ; 
Die    Volksschule     1920,     386;     Literar. 


Totenliste  1920:  Wilsdorf — Zeyer 


765 


Handw.  56,  407  (Seidenberger) ;  Die  Hei- 
matschule  1920,  50 — 53  (Clemenz);  Die 
Volksschule  1920  419 — 422  (Fritzsch)]; 
DBJ  616/621   (Kahl)  (L). 

Wilsdorf,  Viktor  v..  General  der  Infanterie 
u.  sachsischer  Kriegsminister  a.  D.,  Ex- 
zellenz;  •  GroBhartmannsdorf  18. 1. 1857 ; 
f  Dresden  24.  III.  —  Sch;  GK;  ERL; 
WI7  1863.  8  1791. 

Wohlrabe,  Wilhelm,  Dr.  phil.,  em.  Gym- 
nasialrektor,  padagogischer  Schrif  tsteller ; 

*  Altenbeichlingen  13.  III.  185 1;  f  Jena 
29.  XII.  —  W.:  Die  Lehrer  im  Spiegel 
der  Literatur  (1898  f.,  8  1905);  Deutsches 
Land  und  Volk  in  Lied,  Spruch  und  dichte- 
rischer  Schilderung  (15  Bde.,  1909). — 
TR  29.  XII.;  Sch;  LE  23,  638;  LZ  1921, 
62;  KL  17  (W). 

Wolff,  Friedrich,  Dr.  ing.  e.  h.,  Geh.  Kom- 
merzienrat,  Seniorchef  der  Parfumerie- 
u.  Toilet teseifenfabrik  F.  Wolff  &  Sohn 
in  Karlsruhe,  Ehrenbiirger  von  Karls- 
ruhe; *  Karlsruhe  15.  II.  1833;  f  Karls- 
ruhe 17.  VI.  —  IZ  4018  (P);  AA. 

Wolgast,  Heinrich,  Lehrer,  padagogischer 
Schrif  tsteller;  *  Jersbeck  26.  X.  i860; 
t  Hamburg  29.  VIII.  —  W.:  Das  Elend 
unserer  Jugendliteratur  (6i9ii);  Vom 
Kinderbuch  (1905).  —  Sch;  LZ  702;  LE 
21,  124. 

Woermann,  Eduard,  Reeder,  Seniorchef 
der  Firma  C.  Woermann  in  Hamburg; 

*  Neumiihlen  a.  Elbe  14.  VIII.  1863; 
t  Hamburg  26.  V.  —  Sch;  GK;  SozMH 
568;  JSTG  22  (1921),  85—87;  IZ  4015 
(P);  BZ  46  [Hansa  57,  479]- 

*  Woy rsch,  Remus  v . ,  Generalf eldmarschall, 
Exzellenz,  Mitglied  des  ehemal.  preuB. 
Herrenhauses ;  *  Pilsnitz  i.  Schles.  4.  II. 
1847;  t  Pilsnitz  6.  VIII.  —  E  1886; 
WI7  1892,  8  1791;  Sch;  ERL;  IZ  4025 
(P);  B.  Clemenz:  Gfeldm.  v.  W.  u.  seine 
Schlesier  (19 19);  Schles.  Lebensbilder  I, 
185  (M.  Laubert);  DBJ  621/626  (Strutz) 

(L). 

*  Wundt,  Wilhelm,  Dr.  phil.,  med.  et  jur., 
Wirkl.  Geh.  Rat,  Exzellenz,  em.  o.  Prof, 
der  Philosophic  u.  Psychologie  a.  d.  Univ. 
Leipzig,  Mitglied  der  GdW  Leipzig,  Rit- 
ter  des  Ordens  Pour  le  mSrite,  Ehren- 
biirger    von     Leipzig     u.     Mannheim; 

*  Neckerau  (Baden)  16.  VIII.  1832; 
f  GroBbothen  31.  VIII.  —  W.:  System 
der  Philosophic  ('1907);  Grundrifl  der 
Psychologie  (1896);  Volkerpsychologie 
(10  Bde.,  1900  ff.);  Menschen-  und  Tier- 
seele  (6  1911);  Grundziige  der  psycholog. 
Psychologie  (3  Bde, 6  1908) ;  Logik  (3  Bde., 
8  1906/08);  Ethik  3  Bde.,4  1912).  —  Sch; 
LZ702;LE23,  124;  KL  17  (W);  E2141 


(P);  WI'  1896  (W),  8  1791;  KW  34,  I. 
35  f.  (Avenarius  u.  Fischer);  SozMH 
1094  f .  (Mennicke) ;  ELK  53,  $7,  Sp.  7i9f . ; 
PM  66,  235  f.;  Neue  Bahnen  36,  3,  S.  82 
bis  88  (Hecker);  IZ  4028  (P);  BZZ  12 
[Deutsche  Zeitung  6.  IX.;  NZZ  5.  IX., 
7.  IX.;  Tag  7.  IX.;  SchwM  5.  u.  6.  IX.; 
FZ  10  IX.;  DAZ  5.  IX.;  BT  12.  IX.; 
Konigsb.  Hartungsche  Ztg.  6.  IX.]; 
BZZ  13  [LNN  31.  X.];  BZ  47  [Neue 
Bahnen  31,  311  (Fortunatus) ;  Glaube  u. 
Deutschtum  1, 24, 1 — 12  (Maurenbrecher) ; 
Philos.  Jahrb.  der  Gorresges.  33, 417—420 
(Schreiber);  PreuBische  Jahrbucher  182, 
no — 113  (Grau),  Zeitschr.  fur  Kinder- 
forschung  25,  393  (Schlag);  Neues  Sachs. 
Kirchenblatt  649  (Loesche);  DMW  46, 
1 147  (Ziehen);  Blatter  fur  Fortbildung 
des  Lehrers  u.  der  Lehrerin  13,  654 — 660 
(Conrad);  Leipziger  Lehrerzeitung  27, 
Wiss.  Beil.65 — 69  (HeuBner) ;  Konservat. 
Monatsschr.  78, 1 — -6  (Conrad)  ;Psychische 
Studien  505 — 510  (Giinther);  Der  Tur- 
mer,  Okt.  1920,  31 — 34  (Kubsch)]; 
BZ  48  [Stimmen  der  Zeit  100,  412 — 424 
(Frobes);  MMW  68,  521  (Weygandt) ; 
Zeitschr.  fur  Theol.  u.  Kirche,  NF  2,  213 
bis  238  (Thieme) ;  Zeitschr.  fur  die  ges. 
Neurol,  u.  Psychiatrie  61,  351 — 362 
(Kraepelin)];  BZ  49  [Die  deutsche  Schule 
1 92 1,  289 — 295  (Hylla);  Zeitschr.  fin- 
Missions  wiss.  11,  202 — 212  (Kusters)]; 
W.  W.,  Eine  Wurdigung,  herausg.  von 
A.  Hoffmann  (2  Bde.,  a  1924);  E.Saupe: 
W.W.s  padagog.-schulpol.  Anschauungen 
(*  1926) ;  Eleonore  Wundt:  W.  W.s  Werk 
(1927)  (W);  W.  Nef :  Die  Philosophic  W. 
W.s  (1923);  St.  Hall:  W.  W.  (deutsch 
(1914) ;  F.  Krueger:  W.  W.  als  deutscher 
Denker  (1922);  P.  Petersen:  W.W.  u. 
seine  Zeit  (1925);  DBJ  626/636  (El. 
Wundt)  (L). 

Wurm,  Emanuel,  Cheiniker,  Schriftsteller, 
Mitglied  der  Nationalversammlung  (Un- 
abh.  Soz.);  *  Breslau  16.  IX.  1857; 
f  Berlin  3.  V.  —  W.:  Lebenshaltung  des 
deutschen  Arbeiters  (1892);  Natur- 
erkenntnis  (8  1902).  —  TR  5.  V.;  Sch; 
GK;  WI7  1896,  8  1 791;  SozMH  464,  688 
u.  io86f.;KL  17  (W);  BZ  46  [Die  neue 
Zeit  38,  II,  145 — 146] 

Ysenburg  u.  Budingen,  Wolfgang  Fiirst  zu, 
Hauptmann  a.  D.  a  la  suite  der  Armee, 
erbl.  Mitglied  der  ehemal.  hessischen 
I.  Kammer;  *  Budingen.  30.  III.  1877; 
f  GoBweinstein  29.  VII.  —  ERL. 

Zeyer,  Karl  v.,  Dr.  jur.t  wurttembergischer 
Finanzminister  a.  D.,  Exzellenz.  *  1839; 
f  Stuttgart  1.  I.  —  SchwM  2.  I.;  Sch; 
GK. 


766 


Tot  enlist  e  1920:  Zschokke — Zuntz 


Zschokke,  Hermann,  Dr.  theol.,  Dompropst 
des  Metropolitankapitels  zu  Wien,  Titu- 
larbischof  von  Caesarea,  Weihbisehof  von 
Wien,  Geh.  Rat,  Kanzler  der  theol.  Fa- 
kultat  der  Universitat  Wien,  Sektions- 
chef;  *  Bohmisch-Leipa  16.  VI.  1838; 
t  Wien  23.X.  —  TR  27.  X.;  LZ  879;  WI 
7  1923;  AA. 

*  Zuntz,  Nathan,  Dr.  h.  c,  Geh.  Reg.-Rat, 
Professor  der  Tierphysiologie  an  der 
Landwirtschaf tlichen  Hochschule  Berlin ; 
*  Bonn  7.  X.   1847;     t  Charlottenburg 


23.  III.  —  W.:  Lehrbuch  der  Physio- 
logic des  Menschen  (8  1913).  —  MNN 
27.  III.;  TR  23.  III.;  MMW  67,  416  und 
438;  Sch;  LZ  277;  SozMH  478;  WI 7 
i294f  (W);  PBL  1910  (W);  IZ4006  (P); 
BZ  46  [Med.  Klinik  16,  487  (Seuffert) ; 
WKW  33,  344  (Durig);  BKW  57,  433 
(Loewy) ;  DMW  46, 439] ;  BZ  47  [Biochem. 
Zeitschr.  105,  I];  N  5,  40,  S.  617—620 
(Caspari)  [Zu  Z.s  70.  Geburtstag];  Pflii- 
gers  Archiv  194,  1 — 19  (Loewy);  DBJ 
636/639  (Loewy)  (L). 


Berichtigungen  zum  Band  1914^16 


S.  200,  Zeile  13  v.  u.  1894  statt  1897  u^d 
1893  statt  1894. 

S.  201,  Zeile  13  v.  u.  Louise  v.  Francois 
statt  Ida  Fleischl. 

S.  277,  2.  Spalte.  Zeile  10/1 1 :  f  Berlin- 
Wilmersdorf  19.  III.,  statt  19.  VII. 

S.  310,  2.  Spalte  zu  streichen  der  Artikel 
Schniitgen,  vgl.  dafiir  Totenliste  19 18 
(oben  S.  703). 

S.  325,  2.  Spalte  im  Artikel  Ehrlich,  Paul, 
ist  Zeile  6  zu  lesen:  Strehlen  statt 
Strahlau  (vgl.  S.  126  desselben  Ban  des). 

S.  329,  2.  Spalte  zu  streichen  der  Artikel 
Helbing,  Albert.  Vgl.  dafiir  Totenliste 
1 914  S.  287,   1.  Spalte. 


S.  368    ist   zwischen   Riihl   und   Ruhstrat 
einzuordnen : 

Rudorff,  Ernst,  Dr.  phil.  h.c,  Professor, 
Komponist  und  Klavierpadagoge,  Mit- 
glied  der  Akademie  der  Kiinste,  1867  bis 
1 9 10  Lehrer  und  Mitglied  der  Direktiou 
der  Kgl.  Hochschule  fur  Musik,  Griinder 
und  (1890 — 1893)  Vors.  der  Musikal. 
Ges.  in  Berlin,  Griinder  des  Heimat- 
schutzes;  *  Berlin  18.  I.  1840;  f  GroC- 
lichterfelde  31.  XII.  19 16.  —  BT  20.  III. 
Wolff);  LpZ  3.  1.;  LZ  57;  BB1  16  (Nr.  4) 
u.  396  (Nr.  92);  HPSt  1918;  KW  30.  II., 
S.  185  f.;  ZB  42  [Die  Denkmalpflege  19, 
24] ;  ZB  43  [Schwab.  Heimatbuch  VI,  34] ; 
WIM417];  ZB  44  [Heimatschutz  fur 
Brandenburg  IX.  154]. 


Namen^Verzeichnis 


Baare,  Fritz  (E.  v.  Mutius) 

^•Bachem,  Julius  (K.  Hoeber) 

Back,   Otto  (H.  v.  d.  Goltz) 

Ballin,  Albert  (P.  Stubmann) 

^^.  Bassermann,  Ernst  (Hans  Goldschmidt) 

Bayer,  Adolf  v.   (W.  Schlenk) 

Beck,  Ludwig  (O.  Johannsen) 

Beck,  Theodor  (F.  Meisel) 

Beck-Rzikowsky,  Friedrich  v.  (Moritz 
v.  Auffenberg-Komarow  f)    

Behring,  Emil  v.   (H.  Dold) 

Below,  Fritz  v.   (E.  Zipfel)    

Bettinger,  Franz  v.   (A.  Knecht)   .... 

Bezzel,  Hermann   (J.  Rupprecht)  .... 

Binding,  Karl  (E.  Beling) 

•Bissing,  Moritz  v.   (P.  Oflwald) 

^^-'Bottinger,   Heinrich  v.    (C.  Duisberg) 

Bousset,  Wilhelm  (H.  Gunkel) 

Brent ano,  Franz  (K.  Stumpf) 

Bruch,  Max   (F.  Blume) 

Bubendey,  Job.  Friedrich  (O.  Hoch)  . 

Buz,  Heinrich  v.  (P.  v.  Lossow) 

Cantor,  Moritz  (K.  Bopp)   

Cohen,  Hermann  (W.  Kinkel) 

Crusius,  Otto  (R.  Pfeiffer) 

Dehmel,  Richard  (H.  Spiero)   

Delbriick,  Max  (F.  Hayduck) 

Deussen,   Paul  (O.  StrauB) 

Dierauer,  Johannes  (A.  Stern)    

Dolivo-Dobrowolsky,  Michael  (J.  Birn- 
holz) 

Dyckerhoff,  Rudolf  (E.  Probst) 

Eichhorn,  Hermann  v.  (G.  Strutz)  . . . 

Eisner,  Kurt  (J.  v.  GraBmann  f) 

Fischer,  Emil  (B.  Helferich) 

Fischer,  Hermann  (W.  Pfleiderer)  . . . 

Flex,  Walter  (W.  Millack) 

Fournier.  August  (A.  Pribram) 

Freeh,  Fritz  (S.  v.  Bubnoff) 

Frey,  Adolf  (E.  Ermatinger) 

Friedjung,  Heinrich  (H.  v.  Srbik) 

Friedrich,  Johann  (J.  Schnitzer) 

Fritzen,  Adolf  (L.  Pdeger) 

Froriep,  August  (M.  Heidenhain) 

Canghofer,  Ludwig  (F.  v.  d.  Leyen) . . 

Oillhausen,  Gisbert  (W.  Berdrow)  . . . 


Seite  Seite 

3       Grober,  Adolf  (K.  Bachem) 388 

207       Grove,  Otto  v.  (P.  v.  Lk>ssow) 392 

8       Haeckel,  Ernst  (R.  Hertwig) 397 

210       Haeseler,  Gottlieb  v.   (H.  Mafl) 412 

13  N^Iahn,  Diederich  (P.  Botticher)    250 

215       Hauck,  Albert  (K.  Mirbt) 253 

218  Hering,  Ewald  (E.  Th.  v.  Brucke)  ...  258 

18       Hertling,  Georg  v.  (K.  Bachem) 416 

Hocheder,  Karl  (Th.  Fischer) 86 

490    v  Jakobi,  Hugo  (A.  Elbers) 90 

2 1  Xfohann  Albrecht  von  Mecklenburg  (Th. 

22 1           Seitz)   547 

27  Jiingst,  Karl   (Th.  Geilenkirchen)  ....  263 

31  Kapp  v.  Giiltstein,  Otto  v.  (H.  Igen) .  550 

495       Kawerau,  Gustav  (M.  Schian) 266 

35        Keller,  Albert  v.   (P.F.Schmidt) 551 

500  Klinger,  Max  (H.  Rosenhagen) 555 

501  Koerber,  Ernst  v.   (R.  Sieghart) 426 

54.       Korner,  Emil  (M.  Reymann) 567 

qos^-SCrauel,  Richard  (W.  Michael) 273 

350       Krocher,   Jordan  v.   (N.  v.  Gerlach)  .  .  277 

225       Lange,  Friedrich  (R.  Craemer) 94 

509       Launhardt,  Wilhelm  (W.  Hoyer) 279 

230       Legien,  Karl  (Th.  Leipart) 570 

23>.      Ivehmbruck,  Wilhelm  (A.  Kuhn)    435 

5i3^NLindau,  Paul  (H.  Knudsen) 437 

355       Lurmann,  Fritz  (H.  Dickmann) 442 

360       Macco,  Heinrich 576 

520       Matthias,  Adolf  (J.  Norrenberg)    ....  99 

Mehring,  Franz  (O.  Joelson) 446 

367  Mehrtens,  Georg  (K.  Beyer)   103 

61       Meyer,  Kuno  (L.  Miihlhausen) 453 

244  Meyer  (aus  Speyer) ,  Wilh.  (E-  Schroder)  106 

368  Mohr,  Otto  (W.  Gehler) 282 

378  Neumann,  Karl  (R.  Laqueur) no 

522  Niemann,  Albert  (W.  Golther) 114 

63       Oechsli,  Wilhelm   (A.  Stern) 456 

527 y^  Olde,  Hans  (H.  Vollmer) 117 

69       Peters,  Karl  (H.  Schnee) 285 

532       Petri,  Emil  (A.  Goetz) 298 

535       Pfeffer,  Wilhelm  (H.  Fitting) 578 

74       Philip povich  v.   Philippsberg,    Eugen 

38c\          (F.  Somary) 119 

8i\Puttkamer,  Jesko  v.  (Th.  v.  Seitz)  ...  120 

545       Raps,  August  (A.  Rotth) 582 

83       Richthofen,  Manfred  v.  (H.  Dahlmann)  307 


768 


Namen  -  Verzeichnis 


Seite 

Riehn,  Wilhelm  (L.  Klein) 587 

Romberg,  Friedrich  (K.  Wille) 458 

Rosegger,  Peter  (M.  Enzinger) 309 

Rothpletz,  August  (W.  Salomon)  ....  317 

Schaper,  Fritz  (H.  Vollmer)    461 

•v^chmoller,  Gustav  (O.  Hintze)    124 

Schnutgen,  Alexander  (K.  Schaefer)   .  319 

Schonleber,  Gustav  (J .  Beringer)  ....  1 34 

Schroder,  Richard  (K.  Beyerle) 138 

\Schwerin-Lowitz,  Hans  v.  (E.  v.  Schwe- 

rhi) 322 

Seidl,  Emanuel  v.  (H.  Schmitz) 465 

Seuffert,  hothar  v.   (O.  Fischer) 589  ^ 

Siemens,  Wilhelm  v.  (A.  Rotth) 467 

Simmel,  Georg  (J.  Cohn) 326 

\  Sim  son,   Paul  (K.  J.  Kaufmann) 147 

Sohm,  Rudolf  (H.  Fehr) 150 

Stadler,  Toni  (P.Schmidt)    156 


Seite 

Steinhausen,  Heinrich  (H.  Spiero)  ...  160 

Triibner,  Wilhelm  (H.  Rosenhagen) .  .  162 

Veith,  Rudolf  (W.  Laudahn) 169 

Vofl,  Richard  (F.  v.  der  Ley  en) 334 

Wagner,  Adolf  (H.Schumacher)    173 

Weber,  Max  (H.  Schumacher) 593 

Wedekind,  Frank  (A.  Kutscher) 336 

Wedel,  Karl  v.   (K.  Stahlin) 475 

Wellhausen,  Julius  (E.  Sellin) 341 

Werner,  Alfred  (P.  Pfeiffer) 484 

Willmann,  Otto  (Wr.  Kahl) 616 

Wilms,  Max  (E.  Enderlein) 344 

Woyrsch,   Remus  v.   (G.  Strutz) 621 

Wundt,  Wilhelm  (E.  Wundt) 626 

Zeppelin,  Ferdinand  v.  (E.  Gossow)  .  193 

Ziegler,  Theobald  (0.  Liermann)   ....  346 

Ziese,  Karl  (P.  Krainer) 202 

Zimtz,  Nathan  (A.  Loewy) 636 


Autoren^Verzeichnis 


Seite 
Auffenberg-Komarow,  Moritz  v.  f  (F.  v. 

Beck-Rzikowsky) 490 

Bachem,  Karl  (A.  Grober) 388 

—  (H.  Hertling) 416 

Beling,  Erast  (K.  Binding) 495 

Berdrow,  Wilhelm   (G.  Gillhausen)  ...  83 

Beringer,  Joseph   (G.  Schonleber)  ....  134 

Beyer,  Kurt  (G.  Mehrtens)   103 

Beyerle,   Konrad   (R.  Schroder) 138 

Birnholz,     James     (M.  Dolivo-Dobro- 

wolsky) 367 

Blume,  Friedrich  (M.  Bruch) 505 

Bopp,   Karl  (M.  Cantor) 509 

Botticher,  Paul  (D.  Hahn)   250 

Briicke,  Ernst  Theodor  v.  (E.  Hering)  258 

Bubnoff,  Serge  v.   (F.  Freeh) 69 

Cohn,  Jonas  (G.  Simmel) 326 

Craemer,  Rudolf  (F.  Lange) 94 

Dahlmann,    Hermann    (M.    v.    Richt- 

hofen) 307 

Dickinann,  Herbert  (F.  Liirmann)  .  .  .  442 

Dold,  Hermann   (E.  v.  Behring) 21 

Duisberg,  Karl  (H.  v.  Bottinger)  ....  500 

Elbers,  Auguste  (H.  Jakobi) 90 

Enderlein,  Eugen   (M.  Wilms) 344 

Enzinger,  Moritz  (P.  Rosegger) 309 

Ermatinger,  Emil  (A.  Frey)    532 

Fehr,   Hans  (R.  Sohm) 150 

Fischer,  Otto  (L.  v.  Seuffert) 589 

Fischer,  Theodor   (K.  Hocheder) 86 

Fitting,   Hans  (W.  Pfeffer) 578 

Gehler,  Willy  (O.  Mohr) 282 

Geilenkirchen,  Theodor   (K.  Jiingst)..  263 

Gerlach,  Nikolaus  v.   (J.  v.  Krocher)  .  277 

Goetz,  Adolf  (E.  Petri) 298 

Goldschmidt,  Hans  (E.  Bassermann)  13 

Golther,  Wolfgang  (A.Niemann)  ....  114 

Goltz,  Hans  v.  d.   (O.  Back) 8 

Gossow,   Erich   (F.  v.  Zeppelin) 193 

Graflmann,   Joseph  v.   f  (K.  Eisner) .  .  368 

Gunkel,  Hermann   (W.  Bousset) 501 

Hayduck,   Friedrich   (M.  Delbriick) .  .  .  355 

Heidenhain,  Max   (A.  Froriep) 81 

Helferich,   Burckhardt   (E.  Fischer)  .  .  378 

Hertwig,   Richard   (E.  Haeckel) 397 

Hintze,  Otto  (G.  Schmoller) 124 


Seite 

Hoch,  Otto  (J.  Bubendey) 350 

Hoeber.  Karl   (J.  Bachem) 207 

Hoyer,  Wilh.   (W.  Launhardt) 279 

Igen,   Hans   (0.  v.  Kapp  v.  Giiltstein)   550 

Joelson,  Olga  (F.  Mehring) 446 

Johannsen,  Otto  (L.  Beck)   218 

Kahl,  Wilhelm   (O.  Willmann) 616 

Kaufmann,  Karl  J.   (P.  Simson) 147 

Kinkel,  Walter  (H.  Cohen)   230 

Klein,   Ludwig  (W.  Riehn) 587 

Knecht,  August  (F.  v.  Bettinger) 27 

Knudsen,  Hans  (P.  Lindau) 437 

Krainer,   Paul  (K.  Ziese) 202 

Kuhn,  Alfred  (W.  Lehinbruck) 435 

Kutscher,  Artur  (F.  Wedekind) 336 

Laqueur,   Richard   (K.  J.  Neumann) .  .    no 

Laudahn,  Wilhelm  (R.  Veith) 169 

Leipart,  Theodor  (K.  Legien) 570 

Leyen,  Friedrich  v.  d.  (L.  Ganghofer) .  .    545 

—  (R.  Vofl) 334 

Liermann,  Otto  (Th.  Ziegler)    346 

Loewy,  Adolf  (N.  Zuntz) 6$6 

Lossow,   Paul  v.   (H.  Buz) 225 

—  (O.  Grove) 392 

Mafi,  Heinrich  (G.  v.  Haeseler) 412 

Meisel,  Ferdinand   (Th.  Beck) 18 

Michael,  Wolfgang  (R.  Krauel) 273 

Millack,  Walter  (W.  Flex) 63 

Mirbt,   Karl   (A.  Hauck) 253 

Miihlhausen,   Ludwig  (K.  Meyer)  ....   453 

Mutius,  Erhardt  v.   (F.  Baare) 3 

Norrenberg,  J.   (A.  Matthias)    99 

OBwald,  Paul   (M.  v.  Bissing)   35 

Pfeiffer,   Paul   (A.  Werner) 484 

Pfeiffer,   Rudolf  (0.  Crusius) 237 

Pfleger,  Lucian  (A.  Fritzen)    386 

Prleiderer,  Wilh.   (H.  Fischer) 522 

Pribram,   Alfred   (A.  Fournier) 527 

Probst,  Emil  (R.  Dyckerhoff) 61 

Reymann,  Martin   (B.  E.  Korner) ....    567 
Rosenhagen,  Hans  (M.  Klinger) 555 

—  (W.  Triibner) 162 

Rotth,   August  (A.  Raps) 582 

—  (W.  v.  Siemens) 467 

Rupprecht,  Johannes  (H.  Bezzel) . ...      31 
Salomon,  Wilhelm  (A.  Rothpletz)   ...    317 


770 


Autoren  -  Verzcichnis 


Seite 

Schaefer,  Karl  (A.  Sclinutgen) 319 

Schian,  Martin  (G.  Kawerau) 266 

Schlenck,  Wilhelm  (A.  v.  Bayer) 215 

Schmidt,  Paul  F.   (A.  v.  Keller) 551 

—  (T.  Stadler) 156 

Schmitz,  Hermann  (E.  v.  Seidl) 465 

Schnee,  Heinrich  (K.  Peters) 285 

Schnitzer,  Joseph  (J.  Friedrich) 74 

Schroder,  Edward  (W.  Meyer) 106 

Schumacher,  Hermann  (A.  Wagner)  .    173 

—  (M.  Weber)   593 

Schwerin,   Ernst   v.    (H.  v.  Schwerin- 

Lowitz) 322 

Seitz,  Theodor  v.  (Johann  Albrecht  v. 
Mecklenburg) 547 

—  (J.  v.  Puttkamer) 1 20 

Sellin,  Ernst  (J.  Wellhausen)    341 

Sieghardt,   Rudolf  (E.  v.  Koerber)  .  .  .   426 


Sornary,  Felix  (E.    v.    Philippowieh 

Philippsberg) 

Spiero,  Heinrich  (R.  JDehmel) 

—  (H.  Steinhausen) 

Srbik,  Heinrich  v.  (H.  Friedjung) . 

Stahlin,  Karl  (K.  v.  Wedel) 

Stern,  Alfred  (J .  Dierauer)    

—  (W.  Oechsli) 

Straufl,  Otto  (P.  Deussen) 

Strutz,   Georg  (H.  v.  Eichhorn)    .  . 

—  (R.  v.  Woyrsch)    

Stubmann,   Peter  (A.  Ballin) 

Stumpf,  Carl  (F.  Brentano)     

Volimer,  Hans  (H.  Olde) 

—  (F.  Schaper) 

Wille,  Konstantin  (F.  Romberg)  . 
Wundt,  Eleonore  (W.  Wundt)  ... 
Zipfcl,  Ernst  (F.  v.  Below)